Anstatt Reneras Aufforderung nachzukommen und endlich das Weite zu suchen, oder alternativ auch sich vor dem Chaos zu schützen, das mittlerweile um sie herum entbrandet war, geschah etwas gänzlich merkwürdiges mit Aradan. Renera war sich sicher, nein, sogar vollkommen überzeugt davon, dass der Mann in dem Augenblick, in dem sie hereingekommen war, dem Tode nahe ausgesehen hatte, lasche Glieder, bleiches Gesicht und fahrige Bewegungen, der einzige Grund, weshalb sie sich überhaupt mit einer solchen Sorge auf ihn gestürzt hatte. Aber jetzt, kaum als sie soweit von ihm abließ, um ihn richtig in Augenschein zu nehmen - und von ihm in Augenschein genommen zu werden - geschah etwas mit ihm, das sie nicht recht deuten konnte. Vielleicht war es ihre Wiedervereinigung, vielleicht war es neue Hoffnung darauf, diesem Wahnsinn endlich zu entkommen, aber Aradan blühte regelrecht auf. Die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt, seine herabhängenden Schultern hatten sich gestrafft und jetzt konnte Renera seine Präsenz nur noch als leuchtend beschreiben. Verwirrt, ein wenig unsicher, aber voll von unverbrauchter Liebe, die sich in den letzten Wochen seiner Bewusstlosigkeit angestaut hatte, starrte sie in die selbstbewussten, hellen Augen zurück, als Aradan ihre Hand drückte.
"Und ich bleibe an deiner Seite. Für immer."
Wenngleich ihr eigener Eid nicht ganz so voller Macht und Energie zu stecken schien, wie es Aradans tat, schien es ihm doch die nötige Kraft zu geben für was auch immer er geplant haben mochte. Unwillens ließ sie zu, dass er die andere Richtung anstrebte, der Weg in Richtung des brausenden Gefechts. Renera war hier deutlich fehl am Platz, auch Aradan war eigentlich nicht dazu geschaffen, in seinem Zustand hier etwas auszurichten, aber sie wehrte sich nicht. Sie wusste, dass er sie jetzt am meisten brauchte.
Gemeinsam traten sie an den Rand des Massakers, das sich vor ihnen erhob, dann wandte Renera sich ihrem Freund halb zu. Ein Prickeln fuhr über die Handfläche, wo sie mit Aradans Hand in Berührung kam und von dort schien es nach oben zu wandern, zu ihrem Unterarm, ihrem Ellbogen, zu ihrer Schulter und von dort zu ihrer Brust. Es war kein unangenehmes Prickeln, sondern viel eher ein Gefühl, als würde etwas samtig weiches über ihre Haut streichen, einer Feder gleich, nur ohne zu kitzeln. Es schien ihre Muskeln zu erfüllen dort, wo es entlang kam und während Renera voller Verblüffung und Faszination zusah, wie sich abgehackte, kleine Schriftzeichen über ihre Haut verteilten, dachte sie doch mit einer überraschenden Klarheit an Aradans gesprochene Worte. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Sie konnte ihn quasi hören, seine Stimme hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, nahe ihrem Ohr wie es schien, nachdem sie sich mit deutlicher Klarheit an seine Worte erinnern konnte. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Es war wie ein Mantra, das sie erfüllte, eigentlich sonst lose, alleinstehende Worte, die jetzt aber einen völlig neuen Sinn zugeschrieben bekamen, eine Macht, die Renera niemals in Worte hätte fassen können. Es war nicht mehr als ein Gefühl und doch war es, als würde sie von diesem Gefühl gelenkt, als schreibe es ihr die Richtung vor. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Auch wenn Renera nicht lesen konnte, war sie doch völlig davon überzeugt, dass diese Sätze jetzt auf ihrem Körper standen, dass die Worte selbst durch ihre Venen zu fließen schienen und dort das Blut ersetzten. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
Ja. Sie würde alle schützen, die Schutz bedarfen. Sie würde das Wohl der anderen über ihr eigenes stellen. Sie wusste, dass sie dazu befähigt war, dass sie die Macht dazu besaß.
Sie sah wieder zu Aradan auf und als sich ihre Blicke trafen, als er ihr bekräftigend zunickte, strömte ein kühler Schauer durch ihren Körper, der ihn von sämtlichen Unreinheiten zu säubern schien. Er machte sie frisch, er machte sie leicht und am wichtigsten machte er sie unverwundbar. Renera wusste zwar nicht, woher dieser Gedanke kommen mochte, aber es war die beste Beschreibung für das, was jetzt durch ihre Venen floss.
Sie wandte sich wieder dem Kampfgeschehen zu, dem ohrenbetäubenden Klirren von Waffen, dem Scheppern von Rüstungen, die aneinanderstießen, dem Gebrüll von Feind und Freund, Angreifer und Verteidiger, Verletztem und Unverletztem. Ein Teil von ihr sträubte sich dagegen, ein verwunderter Teil, der in dem Lärm eine Gefahr sah, eine Gefahr für Renera und ihre Umgebung. Dieser Teil wurde unterdrückt von Aradans Worten: Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
Sie verließ den Schutz des kleinen Platzes, auf den sie sich zurückgezogen hatten, und mit jedem Schritt pulsierte das Mantra durch ihre Muskeln. Sie zog ihre Schwerter heraus, eine ganz natürliche Bewegung, sie würde sich nicht der Schlacht anschließen, aber sie würde sie lenken. Ihre Klingen waren dazu gemacht zu führen und nicht zu töten, zu leiten und nicht zu vernichten, zu schützen und nicht zu zerstören. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
Sie verfiel in einen Laufschritt und dann hatte sie eine unsichtbare Grenze zwischen Zivilisation und Kampf überschritten, dann hatte sie die letzten Ausflüchte der Verteidigungslinie überquert und befand sich mitten im Getümmel, eine einzige unter vielen; aber schließlich war sie nicht alleine, Aradan war mit ihr, wenn auch nicht körperlich. Er steckte in jeder Faser ihres Körpers, als sie sich nach vorne warf und die Klinge emporriss, ein Aufwärtsschlag gegen eine herabsausende Waffe, die das eigentliche Ziel getötet hätte. Die Waffe traf auf Reneras Schwert, aber es gab keinen Widerstand, keine Gegenwehr gegen das, was mit Renera dort kämpfte. Der Kämpfer verlor seine Waffe und bevor er sich nach der nächsten umsehen konnte, war Renera bereits weiter, immerzu dem Ruf der Notbedürftigen nach, niemals den Verlockungen des Kampfes erlegen. Sie unterschied nicht zwischen Freund und Feind, wieso sollte sie auch? Sie war hier um zu schützen, wer des Schutzes bedarf und sie war nicht gekommen, um Leben zu nehmen. Das Mantra durchfloss sie und nach den Worten ihres Freundes richtete sie sich.
Anthea und Lucius brachten sich mehr schlecht denn recht in Sicherheit, wesentlich uneleganter, als sie hätten tun können, nachdem das Chaos Ausmaße angenommen hatte, die Anthea nicht mehr zu bändigen wusste. Das war allein dem General zuzuschreiben, das wusste sie, aber dennoch gab es für den Moment nichts, was sie hätte ausrichten können. Nichts, womit sie den glühenden Stern in schimmernder Rüstung vom Himmel hätte holen können. Sie war fast machtlos und als sie daher hinter eine Verteidigungslinie brachen, die sie vom Rest des Geschehens abschirmte, kochte sie vor Wut.
Lucius sah an ihrer Seite reichlich lediert aus. Der Mann hatte einige Wunden davongetragen, keuchte und war schweißgebadet, seine Haare klebten in Strähnen auf seiner Stirn. Er hatte unlängst seine eigenen Waffen gegen gefundene eingetauscht und trug im Moment ein blutverschmiertes Kurzschwert, das schon einige Kerben davongetragen hatte. Seine Hände und Kleider waren blutverschmiert und selbst an seinem Mundwinkel klebten vereinzelte Blutspritzer. Anthea glaubte, ihn noch nie so dermaßen attraktiv gesehen zu haben.
Kaum kamen sie in der Sicherheit von Aradans Leuten an, entfesselte dieser schon einen weiteren Magiespruch, einen derart mächtigen, dass selbst Anthea sich von dem Anblick ihres höchst reizenden Begleiters losriss und beobachtete, wie der Mann eigenständig gewaltige Lichtkegel aus seinen Handflächen schleuderte. Sie hätte diese Erscheinung später nicht erklären können, doch in diesem Moment war sie sich sicher, dass es ein dermaßen machtvoller Zauber war, dass es sie fröstelte. Ein erster, machtvoller Zauber in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten und er kam gerade von dem Mann, den sie früher immer verachtet hatte. Für einen winzigen, kleinen Augenblick verspürte sie so etwas wie Ehrfurcht, bevor sie das Gefühl weit in die hinterste Ecke ihres Verstandes packte.
Aber irgendetwas schien schief zu gehen. Entweder der Mann hatte schlecht gezielt oder es lag an etwas anderem, aber kaum, als er seine Macht entfesselt hatte, sprangen die Lichtkegel plötzlich durch die Luft, als hätten sie sich seiner Kontrolle entrissen. Anthea duckte sich instinktiv, kurz bevor sich ein kräftiger und höchst geschmeidiger Körper auf sie warf und mit nach unten zog. Sie brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es sich um Lucius handelte, tat es aber trotzdem. Der Mann schlang die Arme um sie, als wäre sie das wichtigste Gut, das es zu retten galt, und obwohl es im Hintergrund krachte und splitterte, als würde die Welt selbst aus den Angeln fallen, fühlte Anthea sich doch zutiefst berührt. Sie blinzelte gegen den Staub an und erforschte das von Blut gezierte Gesicht ihres Begleiters, der seine Worte mit seinem hübschen, charmanten Lächeln untermalte. Dieses Lächeln hatte sie schon immer gemocht, es war Lucius' höchst eigenes Lächeln, mit dem er die Welt eroberte. In diesem Moment schien es aber nur ihr zu gelten.
"Wir lassen sie leiden, Luce!"
Kaum ausgesprochen wurde ihr erst die Merkwürdigkeit dieser Situation bewusst und da fiel ihr etwas in Lucius' Augen auf, ein Schatten, der durch seinen Blick kroch und der sonst nicht da war, der neu war, der definitiv nicht zu der Situation und nicht zu den Worten passte. Im Hintergrund krachte es erneut, ein Erdbeben, als etwas zu brüche ging, was den Boden erschütterte. Schutt und Fragmente sausten durch die Luft, teilweise ganze Gesteinsbrocken. Anthea wurde sich langsam gewahr, dass sie sich hier in einer gänzlich unvorteilhaften Situation befanden, dass dieses Chaos nicht durch sie hervorgerufen und nicht durch sie zu kontrollieren war. Sie wollte es Lucius sagen, aber irgendetwas hinderte sie daran. Irgendetwas in seinen Augen schien Einzug zu finden, das ihr ganz und gar nicht gefiel.
"Wir lassen sie leiden, Luce! Hörst du mich?"
Anstatt einer Antwort umfasste er ihr Gesicht mit seinen blutgetränkten Händen und in einer Bewegung, die ihr so vertraut hätte vorkommen sollen, aber die doch gänzlich neu war, näherte sich sein Gesicht ihrem. Ihr Herzschlag setzte aus, als sie begriff. Die Welt blieb für einen Moment stehen, als sie die Bewegung erkannte. Ihr Atem blieb in ihrer Brust stecken. Ihr Lippen schienen zu kitzeln, panisch gegenüber dem, was bevorstand und gleichzeitig in Ekstase darüber, dass es endlich geschah, dass es endlich soweit war. Ihre Finger waren ganz taub, ihr Körper rückte in unendliche Ferne. Einzig und allein ihre Lippen blieben übrig, ihre Lippen und Lucius' wundervolles, vertrautes Gesicht, das ihrem immer näher kam.
Und dann war dieses Etwas wieder da, dieses Ding, das ihr schon zuvor nicht gefallen hatte und das jetzt gänzlich Lucius' Augen vereinnahmte. Es war der Schatten, der sich darüber legte, der seine Pupillen schrumpfen und seinen Blick ins Unsichtbare abgleiten ließ, der seinen Gesichtszügen die Spannung und seinen Muskeln die Kraft nahm, der dafür sorgte, dass seine Finger von ihren Wangen rutschten und sein Kopf mit einem Mal schwer auf ihren herab sank. Es war der Schatten, der ihren ersten Kuss zu ihrem letzten hätte machen sollen und ihr sogar diesen letzten zeitgleich nahm. Sie hatte bekommen, was sie seit so langer Zeit begehrt hatte und dann hatte sie es doch nicht erhalten.
Die Welt drehte sich weiter, aber Anthea blieb liegen, noch immer von Lucius begraben, der sie von dem größten Teil des Staubes schützte. Ihr Gehirn war nicht so schnell wie ihr Verstand, sie schloss die Arme um ihn und versuchte, ihn zum Aufwachen zu bewegen.
"Luce! Luce?!"
Ihre Finger strichen über etwas festes, nasses an seinem Rücken und als sie die Hände anhob, um sie zu sehen, klebte Blut daran. Nicht ihr eigenes. Nicht das von Lucius' Feinden. Nicht das von seinen Verbündeten. Nicht das von General Peamut und auch nicht das von Aradan. Sein eigenes.
Ihr Gehirn begriff und während es das tat, packte sie das vollständige Grauen. Sie rief seinen Namen, zwei Mal noch, mehrmals, mit steigender Intensität. Dann packte sie seinen Kopf und weil sie von der Tragweite der Situation gänzlich auf sämtliche Rationalität verzichtete, drückte sie doch ihre Lippen auf seine, schmeckte Blut, das vielleicht seines und vielleicht das jemand anderes war und kostete, was sie all die Monate über begehrt hatte, was sie hätte bekommen können und was sie niemals getan hatte. Seine Lippen waren weich, unendlich weich und unendlich zart, ein Gefühl, das zu gut war für diese Welt. Sie spürte Lucius darin, seine sonst so lässige, elegante Art, seinen Charme, seine Lockerheit, seine Unbeschwertheit. Seine Leichtigkeit. Sein Genie. Sie spürte all das und noch viel mehr in diesem einen ersten und gleichzeitig nicht ersten Kuss, der kein richtiger Kuss war, nachdem er ihn nicht erwiderte. Sein Kiefer war schlaff und als sie sich wieder von ihm löste, fiel sein Kopf einfach wieder nach unten, so als wäre er unterdessen eingeschlafen.
Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit, ein tiefer Kummer einer Qual gleich, der sich in ihren Eingeweiden einnistete und sich durch ihren Körper verbreitete. Das Herz schien ihr in der Brust zu zerspringen, die aufkommende Trauer so groß und allesergreifend, dass sie glaubte, nie wieder einen Finger rühren zu können, dass sie hier an Ort und Stelle verenden würde, gestorben allein von dem Schmerz in ihrer Brust, der so schnell so groß war, dass sie vor Wehmut aufschrie, dass sich in ihre Qual auch noch Zorn hinzumischte, Zorn über alles was schief gelaufen war, über diesen Tag, über diese Leute, über jeden, der ein Schwert in der Hand trug. Es steigerte sich zur wahrhaftigen Raserei, ein Gefühl, das sie vollständig übermannte und dem sie nichts auszusetzen hatte, so wie sie jetzt unter der Leiche ihres Geliebten, ihres Freundes, ihres Mannes gefangen war, der sein Leben dafür gegeben hatte, dass sie ihres nicht verlor. Sie hatte Lucius geliebt und man hatte es ihr nicht vergönnt, das Schicksal hatte sie damit aufgezogen, ihr etwas zu geben, das sie ihres nennen konnte, nur um es ihr im entscheidenden Moment wieder wegzunehmen. Hass war in ihrem Inneren, alles verbrennender Hass und tiefste Rage über das ganze Universum. Sie wollte Rache für das, was man ihr genommen hatte. Sie wollte das Leid, das Lucius widerfahren war, über die ganze restliche Welt bringen.
Sie stieß seine Leiche von sich, jetzt besudelt von seinem eigenen Blut, von dem Lebenssaft, den er für sie gegeben hatte, und dann stand sie auf. Für einen Moment noch brodelte der allesverzehrende Hass in ihr, dann kehrte mit einem Schlag plötzlich Ruhe ein. Der Zorn wurde ersetzt von Fassung, der Kummer ersetzt von einer eisigen Kühle. Etwas legte sich mit der Leichtigkeit einer Feder auf ihre Knochen und Anthea wehrte sich nicht dagegen. Sie empfing es mit der Gänze ihres Körpers.
Die Welt hielt ein weiteres Mal den Atem an. Das Krachen der Gebäude rückte in den Hintergrund, ebenso wie der Lärm des Kampfes. Für einen winzigen Augenblick schien alles auf etwas bestimmtes zu warten und als dieses bestimmte Etwas kam, brach das Chaos in einer explosionsartigen Welle aus.
Die Soldaten in Antheas unmittelbarer Nähe drehten sich plötzlich wie vom Schlag getroffen um und rannten mit einem Mal, als wären sie vom Leibhaftigen persönlich verfolgt. Die Männer dahinter wandten sich in ihre Richtung und als das Chaos sie den Bruchteil einer Sekunde später traf, rannten ein paar um ihr Leben, aber ein paar wandten sich auch einander zu, erhoben die Waffen gegen ihren Nachbarn und schrien, als hätte sie das Grauen gepackt. In den Reihen dahinter brach das Chaos in ähnlicher Form aus und dahinter und auch dahinter. Selbst der General ließ plötzlich seine Waffe fallen und starrte dann darauf, als begreife er nicht ganz, was dort vor ihm im Dreck lag. Seine umgebenden Kumpanen brachen in schrilles Geschrei aus, manch einer lief um sein Leben, ein anderer sank zu Boden. Einer rammte sich die Waffe durch den Schlitz seiner Rüstung. Ein dritter schlug sich mit der Faust gegen den Kopf.
Anthea setzte sich in Bewegung und mit ihr zog das Chaos. Keiner blieb davon verschont, keiner konnte sich dem widersetzen, was in Wellen von ihr auszustrahlen schien, mächtig und groß und unbarmherzig. Das Chaos zog in jedermanns Köpfe ein und betätigte dort Hebel, die nicht zu betätigen gewesen wären. Es war allmächtig und es war Antheas Natur, es war das, was in ihr schlummerte, ihr höchstpersönliches Selbst. Es wandelte mit jedem Schritt, den sie unternahm.
Der Tumult löste sich zunehmends in Chaos aus. Kämpfende flüchteten davon, andere warfen sich mit einer solchen Inbrunst aufeinander, als müssten sie der Welt beweisen, dass sie in der Lage waren, ihren Gegner niederzuringen. Wieder andere beendeten ihr eigenes Leben, schnell und wirkungsvoll oder langsam und nervenzerreißend. Viele fielen zu Boden als wären sie getroffen worden - und überall erhob sich ein Wehklagen, das die Herzen zerreißen konnte. Die Meute hatte den Verstand verloren und Anthea allein hatte die Macht darüber.
Sie war nicht sehr weit gekommen, hatte gerade mal den Rand der Auseinandersetzung erreicht, als sich doch noch eine Gestalt von dem Rest der Menge abhob, ein einziger Überlebender, der sich von einem kämpfenden Paar trennte und dann mit eiserner Entschlossenheit auf den Ursprung des Chaos zustrebte, die Schwerter erhoben, die Miene voll von Willenskraft, die dem Rest der Überlebenden gänzlich zu fehlen schien. Es war Renera, die sich als einzige dem Chaos zu widersetzen schien. Es war ihr Mantra, das die unsichtbaren Wellen der Wirrnis an sich abprallen ließ wie an einer Mauer. Renera, die hier war zu schützen und das Wohl der anderen über ihr eigenes zu stellen - und die die unmittelbare Gefahr der Anwesenden jetzt in der einzig anderen stehenden Frau sah. In ihrer Halbschwester.
Keine der beiden Frauen schien auch nur ansatzweise darüber gewahr zu sein, dass es ihr eigenes Blut war, auf das sie zuhielten, Renera in einem offensiven Ansturm, Anthea in einem langsamen, aber festen Schritt nach vorne. Die ältere der beiden hatte ihre Waffen dicht an ihre Arme gedrückt und beide Arme erhoben, Vogelhaltung, die Miene starr und ernst, der Blick zielgerichtet auf die einzige Bedrohung, die sie hier wahrnehmen konnte. Die jüngere ging aufrecht, das Gesicht kühl und unbeteiligt, die Hände waffenlos. Dann blieb sie allerdings stehen und hob ein herrenloses Schwert als Waffe auf, eine Geste, die merkwürdig fremd schien, so als sollte sie eigentlich nicht dazu genötigt sein. Aber sie tat es, denn das Chaos drang nicht zu der anderen hindurch. Und dann stieß Renera sich vom Boden ab, ein kraftvoller Sprung durch die Luft, der Vogelsprung zur Vogelhaltung, die Waffen zu beiden Seiten ihres Körpers, der Blick auf ihr Ziel gerichtet, die Absicht der Gefahrentilgung. Die Klingen blitzten durch die Luft und fuhren nach vorne, beide gleichzeitig, während Anthea lediglich ihr einzelnes Schwert anhob. Das Waffenpaar fuhr auf die einzelne Klinge ein und die Schneiden krachten aufeinander.
Die Luft explodierte. Es kam einem Blitz gleich, der aus dem Nichts zu kommen schien und ins Nichts wieder verschwand, nur dass es mit einem Mal gleißend hell wurde und flackerte. Für einen Augenblick konnte man gar nichts erkennen und dann gab es tatsächlich einen Knall, als das Licht verschwand und Renera im nächsten Augenblick durch die Luft segelte. Sie kam drei Meter weiter hinten auf dem Boden auf, abgebremst von herumliegenden Leichen, und als sie zum liegen kam, rührte sie sich nicht mehr. Dünne Rauchfaden stiegen von ihr auf, von ihrem Körper, der zwar noch mit den fremdartigen Schriftzeichen übersät war, die jetzt aber so aussahen, als wären sie verbrannt, so dunkel und zerrissen und eingebrannt, wie sie wirkten. Die Rauchfahnen stiegen in den Himmel und wenn man ihren Körper nicht gesehen hätte, hätte man davon ausgehen können, dass sie Feuer gefangen hatte.
Anthea war lediglich ein Stück zurückgeschlagen worden und als sie sich jetzt aufrichtete, schien sie keinerlei Leid erfahren zu haben. Sie wandte ihren Kopf in ihre Umgebung und aus ihren Augen sprühte der Ursprung des Chaos allein, die Macht hinter der alles ergreifenden, totalen Unordnung. Sie selbst hatte sich zum Chaos entwickelt.
"Und ich bleibe an deiner Seite. Für immer."
Wenngleich ihr eigener Eid nicht ganz so voller Macht und Energie zu stecken schien, wie es Aradans tat, schien es ihm doch die nötige Kraft zu geben für was auch immer er geplant haben mochte. Unwillens ließ sie zu, dass er die andere Richtung anstrebte, der Weg in Richtung des brausenden Gefechts. Renera war hier deutlich fehl am Platz, auch Aradan war eigentlich nicht dazu geschaffen, in seinem Zustand hier etwas auszurichten, aber sie wehrte sich nicht. Sie wusste, dass er sie jetzt am meisten brauchte.
Gemeinsam traten sie an den Rand des Massakers, das sich vor ihnen erhob, dann wandte Renera sich ihrem Freund halb zu. Ein Prickeln fuhr über die Handfläche, wo sie mit Aradans Hand in Berührung kam und von dort schien es nach oben zu wandern, zu ihrem Unterarm, ihrem Ellbogen, zu ihrer Schulter und von dort zu ihrer Brust. Es war kein unangenehmes Prickeln, sondern viel eher ein Gefühl, als würde etwas samtig weiches über ihre Haut streichen, einer Feder gleich, nur ohne zu kitzeln. Es schien ihre Muskeln zu erfüllen dort, wo es entlang kam und während Renera voller Verblüffung und Faszination zusah, wie sich abgehackte, kleine Schriftzeichen über ihre Haut verteilten, dachte sie doch mit einer überraschenden Klarheit an Aradans gesprochene Worte. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Sie konnte ihn quasi hören, seine Stimme hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, nahe ihrem Ohr wie es schien, nachdem sie sich mit deutlicher Klarheit an seine Worte erinnern konnte. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Es war wie ein Mantra, das sie erfüllte, eigentlich sonst lose, alleinstehende Worte, die jetzt aber einen völlig neuen Sinn zugeschrieben bekamen, eine Macht, die Renera niemals in Worte hätte fassen können. Es war nicht mehr als ein Gefühl und doch war es, als würde sie von diesem Gefühl gelenkt, als schreibe es ihr die Richtung vor. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Auch wenn Renera nicht lesen konnte, war sie doch völlig davon überzeugt, dass diese Sätze jetzt auf ihrem Körper standen, dass die Worte selbst durch ihre Venen zu fließen schienen und dort das Blut ersetzten. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
Ja. Sie würde alle schützen, die Schutz bedarfen. Sie würde das Wohl der anderen über ihr eigenes stellen. Sie wusste, dass sie dazu befähigt war, dass sie die Macht dazu besaß.
Sie sah wieder zu Aradan auf und als sich ihre Blicke trafen, als er ihr bekräftigend zunickte, strömte ein kühler Schauer durch ihren Körper, der ihn von sämtlichen Unreinheiten zu säubern schien. Er machte sie frisch, er machte sie leicht und am wichtigsten machte er sie unverwundbar. Renera wusste zwar nicht, woher dieser Gedanke kommen mochte, aber es war die beste Beschreibung für das, was jetzt durch ihre Venen floss.
Sie wandte sich wieder dem Kampfgeschehen zu, dem ohrenbetäubenden Klirren von Waffen, dem Scheppern von Rüstungen, die aneinanderstießen, dem Gebrüll von Feind und Freund, Angreifer und Verteidiger, Verletztem und Unverletztem. Ein Teil von ihr sträubte sich dagegen, ein verwunderter Teil, der in dem Lärm eine Gefahr sah, eine Gefahr für Renera und ihre Umgebung. Dieser Teil wurde unterdrückt von Aradans Worten: Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
Sie verließ den Schutz des kleinen Platzes, auf den sie sich zurückgezogen hatten, und mit jedem Schritt pulsierte das Mantra durch ihre Muskeln. Sie zog ihre Schwerter heraus, eine ganz natürliche Bewegung, sie würde sich nicht der Schlacht anschließen, aber sie würde sie lenken. Ihre Klingen waren dazu gemacht zu führen und nicht zu töten, zu leiten und nicht zu vernichten, zu schützen und nicht zu zerstören. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
Sie verfiel in einen Laufschritt und dann hatte sie eine unsichtbare Grenze zwischen Zivilisation und Kampf überschritten, dann hatte sie die letzten Ausflüchte der Verteidigungslinie überquert und befand sich mitten im Getümmel, eine einzige unter vielen; aber schließlich war sie nicht alleine, Aradan war mit ihr, wenn auch nicht körperlich. Er steckte in jeder Faser ihres Körpers, als sie sich nach vorne warf und die Klinge emporriss, ein Aufwärtsschlag gegen eine herabsausende Waffe, die das eigentliche Ziel getötet hätte. Die Waffe traf auf Reneras Schwert, aber es gab keinen Widerstand, keine Gegenwehr gegen das, was mit Renera dort kämpfte. Der Kämpfer verlor seine Waffe und bevor er sich nach der nächsten umsehen konnte, war Renera bereits weiter, immerzu dem Ruf der Notbedürftigen nach, niemals den Verlockungen des Kampfes erlegen. Sie unterschied nicht zwischen Freund und Feind, wieso sollte sie auch? Sie war hier um zu schützen, wer des Schutzes bedarf und sie war nicht gekommen, um Leben zu nehmen. Das Mantra durchfloss sie und nach den Worten ihres Freundes richtete sie sich.
Anthea und Lucius brachten sich mehr schlecht denn recht in Sicherheit, wesentlich uneleganter, als sie hätten tun können, nachdem das Chaos Ausmaße angenommen hatte, die Anthea nicht mehr zu bändigen wusste. Das war allein dem General zuzuschreiben, das wusste sie, aber dennoch gab es für den Moment nichts, was sie hätte ausrichten können. Nichts, womit sie den glühenden Stern in schimmernder Rüstung vom Himmel hätte holen können. Sie war fast machtlos und als sie daher hinter eine Verteidigungslinie brachen, die sie vom Rest des Geschehens abschirmte, kochte sie vor Wut.
Lucius sah an ihrer Seite reichlich lediert aus. Der Mann hatte einige Wunden davongetragen, keuchte und war schweißgebadet, seine Haare klebten in Strähnen auf seiner Stirn. Er hatte unlängst seine eigenen Waffen gegen gefundene eingetauscht und trug im Moment ein blutverschmiertes Kurzschwert, das schon einige Kerben davongetragen hatte. Seine Hände und Kleider waren blutverschmiert und selbst an seinem Mundwinkel klebten vereinzelte Blutspritzer. Anthea glaubte, ihn noch nie so dermaßen attraktiv gesehen zu haben.
Kaum kamen sie in der Sicherheit von Aradans Leuten an, entfesselte dieser schon einen weiteren Magiespruch, einen derart mächtigen, dass selbst Anthea sich von dem Anblick ihres höchst reizenden Begleiters losriss und beobachtete, wie der Mann eigenständig gewaltige Lichtkegel aus seinen Handflächen schleuderte. Sie hätte diese Erscheinung später nicht erklären können, doch in diesem Moment war sie sich sicher, dass es ein dermaßen machtvoller Zauber war, dass es sie fröstelte. Ein erster, machtvoller Zauber in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten und er kam gerade von dem Mann, den sie früher immer verachtet hatte. Für einen winzigen, kleinen Augenblick verspürte sie so etwas wie Ehrfurcht, bevor sie das Gefühl weit in die hinterste Ecke ihres Verstandes packte.
Aber irgendetwas schien schief zu gehen. Entweder der Mann hatte schlecht gezielt oder es lag an etwas anderem, aber kaum, als er seine Macht entfesselt hatte, sprangen die Lichtkegel plötzlich durch die Luft, als hätten sie sich seiner Kontrolle entrissen. Anthea duckte sich instinktiv, kurz bevor sich ein kräftiger und höchst geschmeidiger Körper auf sie warf und mit nach unten zog. Sie brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es sich um Lucius handelte, tat es aber trotzdem. Der Mann schlang die Arme um sie, als wäre sie das wichtigste Gut, das es zu retten galt, und obwohl es im Hintergrund krachte und splitterte, als würde die Welt selbst aus den Angeln fallen, fühlte Anthea sich doch zutiefst berührt. Sie blinzelte gegen den Staub an und erforschte das von Blut gezierte Gesicht ihres Begleiters, der seine Worte mit seinem hübschen, charmanten Lächeln untermalte. Dieses Lächeln hatte sie schon immer gemocht, es war Lucius' höchst eigenes Lächeln, mit dem er die Welt eroberte. In diesem Moment schien es aber nur ihr zu gelten.
"Wir lassen sie leiden, Luce!"
Kaum ausgesprochen wurde ihr erst die Merkwürdigkeit dieser Situation bewusst und da fiel ihr etwas in Lucius' Augen auf, ein Schatten, der durch seinen Blick kroch und der sonst nicht da war, der neu war, der definitiv nicht zu der Situation und nicht zu den Worten passte. Im Hintergrund krachte es erneut, ein Erdbeben, als etwas zu brüche ging, was den Boden erschütterte. Schutt und Fragmente sausten durch die Luft, teilweise ganze Gesteinsbrocken. Anthea wurde sich langsam gewahr, dass sie sich hier in einer gänzlich unvorteilhaften Situation befanden, dass dieses Chaos nicht durch sie hervorgerufen und nicht durch sie zu kontrollieren war. Sie wollte es Lucius sagen, aber irgendetwas hinderte sie daran. Irgendetwas in seinen Augen schien Einzug zu finden, das ihr ganz und gar nicht gefiel.
"Wir lassen sie leiden, Luce! Hörst du mich?"
Anstatt einer Antwort umfasste er ihr Gesicht mit seinen blutgetränkten Händen und in einer Bewegung, die ihr so vertraut hätte vorkommen sollen, aber die doch gänzlich neu war, näherte sich sein Gesicht ihrem. Ihr Herzschlag setzte aus, als sie begriff. Die Welt blieb für einen Moment stehen, als sie die Bewegung erkannte. Ihr Atem blieb in ihrer Brust stecken. Ihr Lippen schienen zu kitzeln, panisch gegenüber dem, was bevorstand und gleichzeitig in Ekstase darüber, dass es endlich geschah, dass es endlich soweit war. Ihre Finger waren ganz taub, ihr Körper rückte in unendliche Ferne. Einzig und allein ihre Lippen blieben übrig, ihre Lippen und Lucius' wundervolles, vertrautes Gesicht, das ihrem immer näher kam.
Und dann war dieses Etwas wieder da, dieses Ding, das ihr schon zuvor nicht gefallen hatte und das jetzt gänzlich Lucius' Augen vereinnahmte. Es war der Schatten, der sich darüber legte, der seine Pupillen schrumpfen und seinen Blick ins Unsichtbare abgleiten ließ, der seinen Gesichtszügen die Spannung und seinen Muskeln die Kraft nahm, der dafür sorgte, dass seine Finger von ihren Wangen rutschten und sein Kopf mit einem Mal schwer auf ihren herab sank. Es war der Schatten, der ihren ersten Kuss zu ihrem letzten hätte machen sollen und ihr sogar diesen letzten zeitgleich nahm. Sie hatte bekommen, was sie seit so langer Zeit begehrt hatte und dann hatte sie es doch nicht erhalten.
Die Welt drehte sich weiter, aber Anthea blieb liegen, noch immer von Lucius begraben, der sie von dem größten Teil des Staubes schützte. Ihr Gehirn war nicht so schnell wie ihr Verstand, sie schloss die Arme um ihn und versuchte, ihn zum Aufwachen zu bewegen.
"Luce! Luce?!"
Ihre Finger strichen über etwas festes, nasses an seinem Rücken und als sie die Hände anhob, um sie zu sehen, klebte Blut daran. Nicht ihr eigenes. Nicht das von Lucius' Feinden. Nicht das von seinen Verbündeten. Nicht das von General Peamut und auch nicht das von Aradan. Sein eigenes.
Ihr Gehirn begriff und während es das tat, packte sie das vollständige Grauen. Sie rief seinen Namen, zwei Mal noch, mehrmals, mit steigender Intensität. Dann packte sie seinen Kopf und weil sie von der Tragweite der Situation gänzlich auf sämtliche Rationalität verzichtete, drückte sie doch ihre Lippen auf seine, schmeckte Blut, das vielleicht seines und vielleicht das jemand anderes war und kostete, was sie all die Monate über begehrt hatte, was sie hätte bekommen können und was sie niemals getan hatte. Seine Lippen waren weich, unendlich weich und unendlich zart, ein Gefühl, das zu gut war für diese Welt. Sie spürte Lucius darin, seine sonst so lässige, elegante Art, seinen Charme, seine Lockerheit, seine Unbeschwertheit. Seine Leichtigkeit. Sein Genie. Sie spürte all das und noch viel mehr in diesem einen ersten und gleichzeitig nicht ersten Kuss, der kein richtiger Kuss war, nachdem er ihn nicht erwiderte. Sein Kiefer war schlaff und als sie sich wieder von ihm löste, fiel sein Kopf einfach wieder nach unten, so als wäre er unterdessen eingeschlafen.
Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit, ein tiefer Kummer einer Qual gleich, der sich in ihren Eingeweiden einnistete und sich durch ihren Körper verbreitete. Das Herz schien ihr in der Brust zu zerspringen, die aufkommende Trauer so groß und allesergreifend, dass sie glaubte, nie wieder einen Finger rühren zu können, dass sie hier an Ort und Stelle verenden würde, gestorben allein von dem Schmerz in ihrer Brust, der so schnell so groß war, dass sie vor Wehmut aufschrie, dass sich in ihre Qual auch noch Zorn hinzumischte, Zorn über alles was schief gelaufen war, über diesen Tag, über diese Leute, über jeden, der ein Schwert in der Hand trug. Es steigerte sich zur wahrhaftigen Raserei, ein Gefühl, das sie vollständig übermannte und dem sie nichts auszusetzen hatte, so wie sie jetzt unter der Leiche ihres Geliebten, ihres Freundes, ihres Mannes gefangen war, der sein Leben dafür gegeben hatte, dass sie ihres nicht verlor. Sie hatte Lucius geliebt und man hatte es ihr nicht vergönnt, das Schicksal hatte sie damit aufgezogen, ihr etwas zu geben, das sie ihres nennen konnte, nur um es ihr im entscheidenden Moment wieder wegzunehmen. Hass war in ihrem Inneren, alles verbrennender Hass und tiefste Rage über das ganze Universum. Sie wollte Rache für das, was man ihr genommen hatte. Sie wollte das Leid, das Lucius widerfahren war, über die ganze restliche Welt bringen.
Sie stieß seine Leiche von sich, jetzt besudelt von seinem eigenen Blut, von dem Lebenssaft, den er für sie gegeben hatte, und dann stand sie auf. Für einen Moment noch brodelte der allesverzehrende Hass in ihr, dann kehrte mit einem Schlag plötzlich Ruhe ein. Der Zorn wurde ersetzt von Fassung, der Kummer ersetzt von einer eisigen Kühle. Etwas legte sich mit der Leichtigkeit einer Feder auf ihre Knochen und Anthea wehrte sich nicht dagegen. Sie empfing es mit der Gänze ihres Körpers.
Die Welt hielt ein weiteres Mal den Atem an. Das Krachen der Gebäude rückte in den Hintergrund, ebenso wie der Lärm des Kampfes. Für einen winzigen Augenblick schien alles auf etwas bestimmtes zu warten und als dieses bestimmte Etwas kam, brach das Chaos in einer explosionsartigen Welle aus.
Die Soldaten in Antheas unmittelbarer Nähe drehten sich plötzlich wie vom Schlag getroffen um und rannten mit einem Mal, als wären sie vom Leibhaftigen persönlich verfolgt. Die Männer dahinter wandten sich in ihre Richtung und als das Chaos sie den Bruchteil einer Sekunde später traf, rannten ein paar um ihr Leben, aber ein paar wandten sich auch einander zu, erhoben die Waffen gegen ihren Nachbarn und schrien, als hätte sie das Grauen gepackt. In den Reihen dahinter brach das Chaos in ähnlicher Form aus und dahinter und auch dahinter. Selbst der General ließ plötzlich seine Waffe fallen und starrte dann darauf, als begreife er nicht ganz, was dort vor ihm im Dreck lag. Seine umgebenden Kumpanen brachen in schrilles Geschrei aus, manch einer lief um sein Leben, ein anderer sank zu Boden. Einer rammte sich die Waffe durch den Schlitz seiner Rüstung. Ein dritter schlug sich mit der Faust gegen den Kopf.
Anthea setzte sich in Bewegung und mit ihr zog das Chaos. Keiner blieb davon verschont, keiner konnte sich dem widersetzen, was in Wellen von ihr auszustrahlen schien, mächtig und groß und unbarmherzig. Das Chaos zog in jedermanns Köpfe ein und betätigte dort Hebel, die nicht zu betätigen gewesen wären. Es war allmächtig und es war Antheas Natur, es war das, was in ihr schlummerte, ihr höchstpersönliches Selbst. Es wandelte mit jedem Schritt, den sie unternahm.
Der Tumult löste sich zunehmends in Chaos aus. Kämpfende flüchteten davon, andere warfen sich mit einer solchen Inbrunst aufeinander, als müssten sie der Welt beweisen, dass sie in der Lage waren, ihren Gegner niederzuringen. Wieder andere beendeten ihr eigenes Leben, schnell und wirkungsvoll oder langsam und nervenzerreißend. Viele fielen zu Boden als wären sie getroffen worden - und überall erhob sich ein Wehklagen, das die Herzen zerreißen konnte. Die Meute hatte den Verstand verloren und Anthea allein hatte die Macht darüber.
Sie war nicht sehr weit gekommen, hatte gerade mal den Rand der Auseinandersetzung erreicht, als sich doch noch eine Gestalt von dem Rest der Menge abhob, ein einziger Überlebender, der sich von einem kämpfenden Paar trennte und dann mit eiserner Entschlossenheit auf den Ursprung des Chaos zustrebte, die Schwerter erhoben, die Miene voll von Willenskraft, die dem Rest der Überlebenden gänzlich zu fehlen schien. Es war Renera, die sich als einzige dem Chaos zu widersetzen schien. Es war ihr Mantra, das die unsichtbaren Wellen der Wirrnis an sich abprallen ließ wie an einer Mauer. Renera, die hier war zu schützen und das Wohl der anderen über ihr eigenes zu stellen - und die die unmittelbare Gefahr der Anwesenden jetzt in der einzig anderen stehenden Frau sah. In ihrer Halbschwester.
Keine der beiden Frauen schien auch nur ansatzweise darüber gewahr zu sein, dass es ihr eigenes Blut war, auf das sie zuhielten, Renera in einem offensiven Ansturm, Anthea in einem langsamen, aber festen Schritt nach vorne. Die ältere der beiden hatte ihre Waffen dicht an ihre Arme gedrückt und beide Arme erhoben, Vogelhaltung, die Miene starr und ernst, der Blick zielgerichtet auf die einzige Bedrohung, die sie hier wahrnehmen konnte. Die jüngere ging aufrecht, das Gesicht kühl und unbeteiligt, die Hände waffenlos. Dann blieb sie allerdings stehen und hob ein herrenloses Schwert als Waffe auf, eine Geste, die merkwürdig fremd schien, so als sollte sie eigentlich nicht dazu genötigt sein. Aber sie tat es, denn das Chaos drang nicht zu der anderen hindurch. Und dann stieß Renera sich vom Boden ab, ein kraftvoller Sprung durch die Luft, der Vogelsprung zur Vogelhaltung, die Waffen zu beiden Seiten ihres Körpers, der Blick auf ihr Ziel gerichtet, die Absicht der Gefahrentilgung. Die Klingen blitzten durch die Luft und fuhren nach vorne, beide gleichzeitig, während Anthea lediglich ihr einzelnes Schwert anhob. Das Waffenpaar fuhr auf die einzelne Klinge ein und die Schneiden krachten aufeinander.
Die Luft explodierte. Es kam einem Blitz gleich, der aus dem Nichts zu kommen schien und ins Nichts wieder verschwand, nur dass es mit einem Mal gleißend hell wurde und flackerte. Für einen Augenblick konnte man gar nichts erkennen und dann gab es tatsächlich einen Knall, als das Licht verschwand und Renera im nächsten Augenblick durch die Luft segelte. Sie kam drei Meter weiter hinten auf dem Boden auf, abgebremst von herumliegenden Leichen, und als sie zum liegen kam, rührte sie sich nicht mehr. Dünne Rauchfaden stiegen von ihr auf, von ihrem Körper, der zwar noch mit den fremdartigen Schriftzeichen übersät war, die jetzt aber so aussahen, als wären sie verbrannt, so dunkel und zerrissen und eingebrannt, wie sie wirkten. Die Rauchfahnen stiegen in den Himmel und wenn man ihren Körper nicht gesehen hätte, hätte man davon ausgehen können, dass sie Feuer gefangen hatte.
Anthea war lediglich ein Stück zurückgeschlagen worden und als sie sich jetzt aufrichtete, schien sie keinerlei Leid erfahren zu haben. Sie wandte ihren Kopf in ihre Umgebung und aus ihren Augen sprühte der Ursprung des Chaos allein, die Macht hinter der alles ergreifenden, totalen Unordnung. Sie selbst hatte sich zum Chaos entwickelt.

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