[2er RPG] The Curse of Time {TobiMcCloud & Codren}

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    • Anstatt Reneras Aufforderung nachzukommen und endlich das Weite zu suchen, oder alternativ auch sich vor dem Chaos zu schützen, das mittlerweile um sie herum entbrandet war, geschah etwas gänzlich merkwürdiges mit Aradan. Renera war sich sicher, nein, sogar vollkommen überzeugt davon, dass der Mann in dem Augenblick, in dem sie hereingekommen war, dem Tode nahe ausgesehen hatte, lasche Glieder, bleiches Gesicht und fahrige Bewegungen, der einzige Grund, weshalb sie sich überhaupt mit einer solchen Sorge auf ihn gestürzt hatte. Aber jetzt, kaum als sie soweit von ihm abließ, um ihn richtig in Augenschein zu nehmen - und von ihm in Augenschein genommen zu werden - geschah etwas mit ihm, das sie nicht recht deuten konnte. Vielleicht war es ihre Wiedervereinigung, vielleicht war es neue Hoffnung darauf, diesem Wahnsinn endlich zu entkommen, aber Aradan blühte regelrecht auf. Die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt, seine herabhängenden Schultern hatten sich gestrafft und jetzt konnte Renera seine Präsenz nur noch als leuchtend beschreiben. Verwirrt, ein wenig unsicher, aber voll von unverbrauchter Liebe, die sich in den letzten Wochen seiner Bewusstlosigkeit angestaut hatte, starrte sie in die selbstbewussten, hellen Augen zurück, als Aradan ihre Hand drückte.
      "Und ich bleibe an deiner Seite. Für immer."
      Wenngleich ihr eigener Eid nicht ganz so voller Macht und Energie zu stecken schien, wie es Aradans tat, schien es ihm doch die nötige Kraft zu geben für was auch immer er geplant haben mochte. Unwillens ließ sie zu, dass er die andere Richtung anstrebte, der Weg in Richtung des brausenden Gefechts. Renera war hier deutlich fehl am Platz, auch Aradan war eigentlich nicht dazu geschaffen, in seinem Zustand hier etwas auszurichten, aber sie wehrte sich nicht. Sie wusste, dass er sie jetzt am meisten brauchte.

      Gemeinsam traten sie an den Rand des Massakers, das sich vor ihnen erhob, dann wandte Renera sich ihrem Freund halb zu. Ein Prickeln fuhr über die Handfläche, wo sie mit Aradans Hand in Berührung kam und von dort schien es nach oben zu wandern, zu ihrem Unterarm, ihrem Ellbogen, zu ihrer Schulter und von dort zu ihrer Brust. Es war kein unangenehmes Prickeln, sondern viel eher ein Gefühl, als würde etwas samtig weiches über ihre Haut streichen, einer Feder gleich, nur ohne zu kitzeln. Es schien ihre Muskeln zu erfüllen dort, wo es entlang kam und während Renera voller Verblüffung und Faszination zusah, wie sich abgehackte, kleine Schriftzeichen über ihre Haut verteilten, dachte sie doch mit einer überraschenden Klarheit an Aradans gesprochene Worte. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Sie konnte ihn quasi hören, seine Stimme hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, nahe ihrem Ohr wie es schien, nachdem sie sich mit deutlicher Klarheit an seine Worte erinnern konnte. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Es war wie ein Mantra, das sie erfüllte, eigentlich sonst lose, alleinstehende Worte, die jetzt aber einen völlig neuen Sinn zugeschrieben bekamen, eine Macht, die Renera niemals in Worte hätte fassen können. Es war nicht mehr als ein Gefühl und doch war es, als würde sie von diesem Gefühl gelenkt, als schreibe es ihr die Richtung vor. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl. Auch wenn Renera nicht lesen konnte, war sie doch völlig davon überzeugt, dass diese Sätze jetzt auf ihrem Körper standen, dass die Worte selbst durch ihre Venen zu fließen schienen und dort das Blut ersetzten. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
      Ja. Sie würde alle schützen, die Schutz bedarfen. Sie würde das Wohl der anderen über ihr eigenes stellen. Sie wusste, dass sie dazu befähigt war, dass sie die Macht dazu besaß.
      Sie sah wieder zu Aradan auf und als sich ihre Blicke trafen, als er ihr bekräftigend zunickte, strömte ein kühler Schauer durch ihren Körper, der ihn von sämtlichen Unreinheiten zu säubern schien. Er machte sie frisch, er machte sie leicht und am wichtigsten machte er sie unverwundbar. Renera wusste zwar nicht, woher dieser Gedanke kommen mochte, aber es war die beste Beschreibung für das, was jetzt durch ihre Venen floss.

      Sie wandte sich wieder dem Kampfgeschehen zu, dem ohrenbetäubenden Klirren von Waffen, dem Scheppern von Rüstungen, die aneinanderstießen, dem Gebrüll von Feind und Freund, Angreifer und Verteidiger, Verletztem und Unverletztem. Ein Teil von ihr sträubte sich dagegen, ein verwunderter Teil, der in dem Lärm eine Gefahr sah, eine Gefahr für Renera und ihre Umgebung. Dieser Teil wurde unterdrückt von Aradans Worten: Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
      Sie verließ den Schutz des kleinen Platzes, auf den sie sich zurückgezogen hatten, und mit jedem Schritt pulsierte das Mantra durch ihre Muskeln. Sie zog ihre Schwerter heraus, eine ganz natürliche Bewegung, sie würde sich nicht der Schlacht anschließen, aber sie würde sie lenken. Ihre Klingen waren dazu gemacht zu führen und nicht zu töten, zu leiten und nicht zu vernichten, zu schützen und nicht zu zerstören. Schütze alle die danach rufen. Schütze alle noch vor deinem Wohl.
      Sie verfiel in einen Laufschritt und dann hatte sie eine unsichtbare Grenze zwischen Zivilisation und Kampf überschritten, dann hatte sie die letzten Ausflüchte der Verteidigungslinie überquert und befand sich mitten im Getümmel, eine einzige unter vielen; aber schließlich war sie nicht alleine, Aradan war mit ihr, wenn auch nicht körperlich. Er steckte in jeder Faser ihres Körpers, als sie sich nach vorne warf und die Klinge emporriss, ein Aufwärtsschlag gegen eine herabsausende Waffe, die das eigentliche Ziel getötet hätte. Die Waffe traf auf Reneras Schwert, aber es gab keinen Widerstand, keine Gegenwehr gegen das, was mit Renera dort kämpfte. Der Kämpfer verlor seine Waffe und bevor er sich nach der nächsten umsehen konnte, war Renera bereits weiter, immerzu dem Ruf der Notbedürftigen nach, niemals den Verlockungen des Kampfes erlegen. Sie unterschied nicht zwischen Freund und Feind, wieso sollte sie auch? Sie war hier um zu schützen, wer des Schutzes bedarf und sie war nicht gekommen, um Leben zu nehmen. Das Mantra durchfloss sie und nach den Worten ihres Freundes richtete sie sich.

      Anthea und Lucius brachten sich mehr schlecht denn recht in Sicherheit, wesentlich uneleganter, als sie hätten tun können, nachdem das Chaos Ausmaße angenommen hatte, die Anthea nicht mehr zu bändigen wusste. Das war allein dem General zuzuschreiben, das wusste sie, aber dennoch gab es für den Moment nichts, was sie hätte ausrichten können. Nichts, womit sie den glühenden Stern in schimmernder Rüstung vom Himmel hätte holen können. Sie war fast machtlos und als sie daher hinter eine Verteidigungslinie brachen, die sie vom Rest des Geschehens abschirmte, kochte sie vor Wut.
      Lucius sah an ihrer Seite reichlich lediert aus. Der Mann hatte einige Wunden davongetragen, keuchte und war schweißgebadet, seine Haare klebten in Strähnen auf seiner Stirn. Er hatte unlängst seine eigenen Waffen gegen gefundene eingetauscht und trug im Moment ein blutverschmiertes Kurzschwert, das schon einige Kerben davongetragen hatte. Seine Hände und Kleider waren blutverschmiert und selbst an seinem Mundwinkel klebten vereinzelte Blutspritzer. Anthea glaubte, ihn noch nie so dermaßen attraktiv gesehen zu haben.
      Kaum kamen sie in der Sicherheit von Aradans Leuten an, entfesselte dieser schon einen weiteren Magiespruch, einen derart mächtigen, dass selbst Anthea sich von dem Anblick ihres höchst reizenden Begleiters losriss und beobachtete, wie der Mann eigenständig gewaltige Lichtkegel aus seinen Handflächen schleuderte. Sie hätte diese Erscheinung später nicht erklären können, doch in diesem Moment war sie sich sicher, dass es ein dermaßen machtvoller Zauber war, dass es sie fröstelte. Ein erster, machtvoller Zauber in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten und er kam gerade von dem Mann, den sie früher immer verachtet hatte. Für einen winzigen, kleinen Augenblick verspürte sie so etwas wie Ehrfurcht, bevor sie das Gefühl weit in die hinterste Ecke ihres Verstandes packte.

      Aber irgendetwas schien schief zu gehen. Entweder der Mann hatte schlecht gezielt oder es lag an etwas anderem, aber kaum, als er seine Macht entfesselt hatte, sprangen die Lichtkegel plötzlich durch die Luft, als hätten sie sich seiner Kontrolle entrissen. Anthea duckte sich instinktiv, kurz bevor sich ein kräftiger und höchst geschmeidiger Körper auf sie warf und mit nach unten zog. Sie brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es sich um Lucius handelte, tat es aber trotzdem. Der Mann schlang die Arme um sie, als wäre sie das wichtigste Gut, das es zu retten galt, und obwohl es im Hintergrund krachte und splitterte, als würde die Welt selbst aus den Angeln fallen, fühlte Anthea sich doch zutiefst berührt. Sie blinzelte gegen den Staub an und erforschte das von Blut gezierte Gesicht ihres Begleiters, der seine Worte mit seinem hübschen, charmanten Lächeln untermalte. Dieses Lächeln hatte sie schon immer gemocht, es war Lucius' höchst eigenes Lächeln, mit dem er die Welt eroberte. In diesem Moment schien es aber nur ihr zu gelten.
      "Wir lassen sie leiden, Luce!"
      Kaum ausgesprochen wurde ihr erst die Merkwürdigkeit dieser Situation bewusst und da fiel ihr etwas in Lucius' Augen auf, ein Schatten, der durch seinen Blick kroch und der sonst nicht da war, der neu war, der definitiv nicht zu der Situation und nicht zu den Worten passte. Im Hintergrund krachte es erneut, ein Erdbeben, als etwas zu brüche ging, was den Boden erschütterte. Schutt und Fragmente sausten durch die Luft, teilweise ganze Gesteinsbrocken. Anthea wurde sich langsam gewahr, dass sie sich hier in einer gänzlich unvorteilhaften Situation befanden, dass dieses Chaos nicht durch sie hervorgerufen und nicht durch sie zu kontrollieren war. Sie wollte es Lucius sagen, aber irgendetwas hinderte sie daran. Irgendetwas in seinen Augen schien Einzug zu finden, das ihr ganz und gar nicht gefiel.
      "Wir lassen sie leiden, Luce! Hörst du mich?"
      Anstatt einer Antwort umfasste er ihr Gesicht mit seinen blutgetränkten Händen und in einer Bewegung, die ihr so vertraut hätte vorkommen sollen, aber die doch gänzlich neu war, näherte sich sein Gesicht ihrem. Ihr Herzschlag setzte aus, als sie begriff. Die Welt blieb für einen Moment stehen, als sie die Bewegung erkannte. Ihr Atem blieb in ihrer Brust stecken. Ihr Lippen schienen zu kitzeln, panisch gegenüber dem, was bevorstand und gleichzeitig in Ekstase darüber, dass es endlich geschah, dass es endlich soweit war. Ihre Finger waren ganz taub, ihr Körper rückte in unendliche Ferne. Einzig und allein ihre Lippen blieben übrig, ihre Lippen und Lucius' wundervolles, vertrautes Gesicht, das ihrem immer näher kam.
      Und dann war dieses Etwas wieder da, dieses Ding, das ihr schon zuvor nicht gefallen hatte und das jetzt gänzlich Lucius' Augen vereinnahmte. Es war der Schatten, der sich darüber legte, der seine Pupillen schrumpfen und seinen Blick ins Unsichtbare abgleiten ließ, der seinen Gesichtszügen die Spannung und seinen Muskeln die Kraft nahm, der dafür sorgte, dass seine Finger von ihren Wangen rutschten und sein Kopf mit einem Mal schwer auf ihren herab sank. Es war der Schatten, der ihren ersten Kuss zu ihrem letzten hätte machen sollen und ihr sogar diesen letzten zeitgleich nahm. Sie hatte bekommen, was sie seit so langer Zeit begehrt hatte und dann hatte sie es doch nicht erhalten.
      Die Welt drehte sich weiter, aber Anthea blieb liegen, noch immer von Lucius begraben, der sie von dem größten Teil des Staubes schützte. Ihr Gehirn war nicht so schnell wie ihr Verstand, sie schloss die Arme um ihn und versuchte, ihn zum Aufwachen zu bewegen.
      "Luce! Luce?!"
      Ihre Finger strichen über etwas festes, nasses an seinem Rücken und als sie die Hände anhob, um sie zu sehen, klebte Blut daran. Nicht ihr eigenes. Nicht das von Lucius' Feinden. Nicht das von seinen Verbündeten. Nicht das von General Peamut und auch nicht das von Aradan. Sein eigenes.
      Ihr Gehirn begriff und während es das tat, packte sie das vollständige Grauen. Sie rief seinen Namen, zwei Mal noch, mehrmals, mit steigender Intensität. Dann packte sie seinen Kopf und weil sie von der Tragweite der Situation gänzlich auf sämtliche Rationalität verzichtete, drückte sie doch ihre Lippen auf seine, schmeckte Blut, das vielleicht seines und vielleicht das jemand anderes war und kostete, was sie all die Monate über begehrt hatte, was sie hätte bekommen können und was sie niemals getan hatte. Seine Lippen waren weich, unendlich weich und unendlich zart, ein Gefühl, das zu gut war für diese Welt. Sie spürte Lucius darin, seine sonst so lässige, elegante Art, seinen Charme, seine Lockerheit, seine Unbeschwertheit. Seine Leichtigkeit. Sein Genie. Sie spürte all das und noch viel mehr in diesem einen ersten und gleichzeitig nicht ersten Kuss, der kein richtiger Kuss war, nachdem er ihn nicht erwiderte. Sein Kiefer war schlaff und als sie sich wieder von ihm löste, fiel sein Kopf einfach wieder nach unten, so als wäre er unterdessen eingeschlafen.
      Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit, ein tiefer Kummer einer Qual gleich, der sich in ihren Eingeweiden einnistete und sich durch ihren Körper verbreitete. Das Herz schien ihr in der Brust zu zerspringen, die aufkommende Trauer so groß und allesergreifend, dass sie glaubte, nie wieder einen Finger rühren zu können, dass sie hier an Ort und Stelle verenden würde, gestorben allein von dem Schmerz in ihrer Brust, der so schnell so groß war, dass sie vor Wehmut aufschrie, dass sich in ihre Qual auch noch Zorn hinzumischte, Zorn über alles was schief gelaufen war, über diesen Tag, über diese Leute, über jeden, der ein Schwert in der Hand trug. Es steigerte sich zur wahrhaftigen Raserei, ein Gefühl, das sie vollständig übermannte und dem sie nichts auszusetzen hatte, so wie sie jetzt unter der Leiche ihres Geliebten, ihres Freundes, ihres Mannes gefangen war, der sein Leben dafür gegeben hatte, dass sie ihres nicht verlor. Sie hatte Lucius geliebt und man hatte es ihr nicht vergönnt, das Schicksal hatte sie damit aufgezogen, ihr etwas zu geben, das sie ihres nennen konnte, nur um es ihr im entscheidenden Moment wieder wegzunehmen. Hass war in ihrem Inneren, alles verbrennender Hass und tiefste Rage über das ganze Universum. Sie wollte Rache für das, was man ihr genommen hatte. Sie wollte das Leid, das Lucius widerfahren war, über die ganze restliche Welt bringen.

      Sie stieß seine Leiche von sich, jetzt besudelt von seinem eigenen Blut, von dem Lebenssaft, den er für sie gegeben hatte, und dann stand sie auf. Für einen Moment noch brodelte der allesverzehrende Hass in ihr, dann kehrte mit einem Schlag plötzlich Ruhe ein. Der Zorn wurde ersetzt von Fassung, der Kummer ersetzt von einer eisigen Kühle. Etwas legte sich mit der Leichtigkeit einer Feder auf ihre Knochen und Anthea wehrte sich nicht dagegen. Sie empfing es mit der Gänze ihres Körpers.
      Die Welt hielt ein weiteres Mal den Atem an. Das Krachen der Gebäude rückte in den Hintergrund, ebenso wie der Lärm des Kampfes. Für einen winzigen Augenblick schien alles auf etwas bestimmtes zu warten und als dieses bestimmte Etwas kam, brach das Chaos in einer explosionsartigen Welle aus.
      Die Soldaten in Antheas unmittelbarer Nähe drehten sich plötzlich wie vom Schlag getroffen um und rannten mit einem Mal, als wären sie vom Leibhaftigen persönlich verfolgt. Die Männer dahinter wandten sich in ihre Richtung und als das Chaos sie den Bruchteil einer Sekunde später traf, rannten ein paar um ihr Leben, aber ein paar wandten sich auch einander zu, erhoben die Waffen gegen ihren Nachbarn und schrien, als hätte sie das Grauen gepackt. In den Reihen dahinter brach das Chaos in ähnlicher Form aus und dahinter und auch dahinter. Selbst der General ließ plötzlich seine Waffe fallen und starrte dann darauf, als begreife er nicht ganz, was dort vor ihm im Dreck lag. Seine umgebenden Kumpanen brachen in schrilles Geschrei aus, manch einer lief um sein Leben, ein anderer sank zu Boden. Einer rammte sich die Waffe durch den Schlitz seiner Rüstung. Ein dritter schlug sich mit der Faust gegen den Kopf.

      Anthea setzte sich in Bewegung und mit ihr zog das Chaos. Keiner blieb davon verschont, keiner konnte sich dem widersetzen, was in Wellen von ihr auszustrahlen schien, mächtig und groß und unbarmherzig. Das Chaos zog in jedermanns Köpfe ein und betätigte dort Hebel, die nicht zu betätigen gewesen wären. Es war allmächtig und es war Antheas Natur, es war das, was in ihr schlummerte, ihr höchstpersönliches Selbst. Es wandelte mit jedem Schritt, den sie unternahm.
      Der Tumult löste sich zunehmends in Chaos aus. Kämpfende flüchteten davon, andere warfen sich mit einer solchen Inbrunst aufeinander, als müssten sie der Welt beweisen, dass sie in der Lage waren, ihren Gegner niederzuringen. Wieder andere beendeten ihr eigenes Leben, schnell und wirkungsvoll oder langsam und nervenzerreißend. Viele fielen zu Boden als wären sie getroffen worden - und überall erhob sich ein Wehklagen, das die Herzen zerreißen konnte. Die Meute hatte den Verstand verloren und Anthea allein hatte die Macht darüber.

      Sie war nicht sehr weit gekommen, hatte gerade mal den Rand der Auseinandersetzung erreicht, als sich doch noch eine Gestalt von dem Rest der Menge abhob, ein einziger Überlebender, der sich von einem kämpfenden Paar trennte und dann mit eiserner Entschlossenheit auf den Ursprung des Chaos zustrebte, die Schwerter erhoben, die Miene voll von Willenskraft, die dem Rest der Überlebenden gänzlich zu fehlen schien. Es war Renera, die sich als einzige dem Chaos zu widersetzen schien. Es war ihr Mantra, das die unsichtbaren Wellen der Wirrnis an sich abprallen ließ wie an einer Mauer. Renera, die hier war zu schützen und das Wohl der anderen über ihr eigenes zu stellen - und die die unmittelbare Gefahr der Anwesenden jetzt in der einzig anderen stehenden Frau sah. In ihrer Halbschwester.
      Keine der beiden Frauen schien auch nur ansatzweise darüber gewahr zu sein, dass es ihr eigenes Blut war, auf das sie zuhielten, Renera in einem offensiven Ansturm, Anthea in einem langsamen, aber festen Schritt nach vorne. Die ältere der beiden hatte ihre Waffen dicht an ihre Arme gedrückt und beide Arme erhoben, Vogelhaltung, die Miene starr und ernst, der Blick zielgerichtet auf die einzige Bedrohung, die sie hier wahrnehmen konnte. Die jüngere ging aufrecht, das Gesicht kühl und unbeteiligt, die Hände waffenlos. Dann blieb sie allerdings stehen und hob ein herrenloses Schwert als Waffe auf, eine Geste, die merkwürdig fremd schien, so als sollte sie eigentlich nicht dazu genötigt sein. Aber sie tat es, denn das Chaos drang nicht zu der anderen hindurch. Und dann stieß Renera sich vom Boden ab, ein kraftvoller Sprung durch die Luft, der Vogelsprung zur Vogelhaltung, die Waffen zu beiden Seiten ihres Körpers, der Blick auf ihr Ziel gerichtet, die Absicht der Gefahrentilgung. Die Klingen blitzten durch die Luft und fuhren nach vorne, beide gleichzeitig, während Anthea lediglich ihr einzelnes Schwert anhob. Das Waffenpaar fuhr auf die einzelne Klinge ein und die Schneiden krachten aufeinander.
      Die Luft explodierte. Es kam einem Blitz gleich, der aus dem Nichts zu kommen schien und ins Nichts wieder verschwand, nur dass es mit einem Mal gleißend hell wurde und flackerte. Für einen Augenblick konnte man gar nichts erkennen und dann gab es tatsächlich einen Knall, als das Licht verschwand und Renera im nächsten Augenblick durch die Luft segelte. Sie kam drei Meter weiter hinten auf dem Boden auf, abgebremst von herumliegenden Leichen, und als sie zum liegen kam, rührte sie sich nicht mehr. Dünne Rauchfaden stiegen von ihr auf, von ihrem Körper, der zwar noch mit den fremdartigen Schriftzeichen übersät war, die jetzt aber so aussahen, als wären sie verbrannt, so dunkel und zerrissen und eingebrannt, wie sie wirkten. Die Rauchfahnen stiegen in den Himmel und wenn man ihren Körper nicht gesehen hätte, hätte man davon ausgehen können, dass sie Feuer gefangen hatte.
      Anthea war lediglich ein Stück zurückgeschlagen worden und als sie sich jetzt aufrichtete, schien sie keinerlei Leid erfahren zu haben. Sie wandte ihren Kopf in ihre Umgebung und aus ihren Augen sprühte der Ursprung des Chaos allein, die Macht hinter der alles ergreifenden, totalen Unordnung. Sie selbst hatte sich zum Chaos entwickelt.

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    • Aradan stand von Stolz erfüllt neben der Person, ohne die sein Leben keinen Sinn mehr machte und betrachtete das sich zuspitzenden Chaos. Die sich entfaltende Hölle vor ihm war ein Trauerspiel, all die Menschen die in diesem Kampf geliebte verloren oder sich ihrer Existenz bedroht fühlten, schürten in ihm den Tatendrang. Doch vorerst wandte er seinen ruhenden Blick auf Renera, die mit einer beispiellosen Macht und Entschlossenheit vorwärts preschte, nachdem er den Zauber auf sie übertrug, mit welchem er einst auch Elraya bestärkte. Eine tiefe Anerkennung und Bewunderung durchströmte sein Wesen, während er die erstaunliche Reaktion auf seinen Zauber bei ihr beobachtete.
      Aradan war sich vollkommen bewusst, welche immense Macht nun in Renera ruhte, nachdem er ihr einen Teil seiner eigenen Kraft übertragen hatte. Er wusste, dass sein Zauber nur dann seine volle Wirkung entfalten konnte, wenn man ihm wahrhaftig vertraute. Und nun, da er die unglaubliche Entfaltung von Reneras Kräften sah, erkannte er die tiefe Verbundenheit und Liebe, die sie für ihn empfand. Es war diese aufrichtige Liebe, die es Renera ermöglichte, seinen Zauber so meisterhaft zu nutzen.
      Ein breites Lächeln der Zufriedenheit und des Stolzes zeigte sich auf Aradans Gesicht, als er sah, wie Renera mit beeindruckender Leichtigkeit und Führung in die Schlacht einging. Er war überzeugt davon, dass sie die notwendige Stärke und Weisheit besaß, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Sein Blick blieb gebannt auf ihr, während er sich bewusst wurde, dass ihr Erfolg und ihre Sicherheit eng mit ihrer bedingungslosen Liebe zu ihm verbunden waren.
      In diesem Moment fühlte Aradan tief in seinem Inneren eine grenzenlose Dankbarkeit für Renera und die außergewöhnliche Verbindung zwischen ihnen. Mit jedem weiteren Schritt, den sie inmitten des tobenden Gefechts machte, sandte er stille Glückwünsche und seine ganze Unterstützung zu ihr, überzeugt davon, dass sie gemeinsam jedes Hindernis überwinden konnten.

      Während Aradan voller Stolz und Vertrauen Renera beobachtete, bemerkte er plötzlich eine verstörende Veränderung in der Atmosphäre um ihn herum. Eine düstere und bedrohliche Macht begann sich zu sammeln, als ob sie aus den tiefsten Schatten emporstieg. Schnell richteten sich seine Augen auf Anthea, die von einer überwältigenden Trauer verzehrt zu werden schien.
      Zu schnell entwickelten sich die Ereignisse, nachdem Aradan seine Lichtmagie eingesetzt hatte, um den General zu besiegen, welcher Anthea und ihr Geleit verfolgte. Zu seinem Bedauern bemerkte Aradan schnell unbeabsichtigte Folgen seines rettenden Angriffs, als er sah wie der General noch stand, stellvertretend aber der Gefährte Anthea's auf dem Boden verblieb und keinerlei Lebensenergie versprühte, wie es eigentlich jedes Lebewesen tat.
      In ihrer Verzweiflung und Wut über den Verlust begann sich Anthea zu verändern, ihre Seele verschmolz mit der unheilvollen Energie des Chaos. Einer Energie die Aradan nur zu gut kannte und eine viel zu lange Zeit in ihm selbst hauste. Erst jetzt bemerkte er davon befreit worden zu sein und nach einem kurzen Blick in sein Inneres, fand er die Seele seines Untermieters nicht mehr wieder. Sofort ahnte Aradan schreckliches.

      Er erkannte die Gefahr, die nun von Anthea ausging, als ihr Wesen allmählich zu dem einer Halbgöttin des Chaos transformierte. Zugegeben war ihr dieses Bild beinahe schon vorher maßgeschneidert gewesen, doch mit der nötigen Macht war es auch für Aradan nicht auszumalen was sie in dieser Welt losbrechen könnte.
      Dunkle Kräfte manifestierten sich um sie herum, während sie sich zu erheben schien, ihr komplettes Wesen hatte sich gewandelt als sie ihre neu erworbenen Kräfte auf alle los lies, die sich in ihrer Nähe befanden.

      Trotz des Schreckens, des Mitgefühls und der TRauer, die Aradan erfüllten, blieb er ruhig und gefasst. Er wusste, dass nur er in der Lage war, dieses Chaos zu bändigen, so, wie er es schon einige Male zuvor tat, als das Chaos auch in ihm wütete. Er musste Anthea vor dieser Macht schützen und all jene um sie herum, bevor es sie noch komplett verschlang. Seine Gedanken wandten sich dabei schnell zu Renera, die immer noch unbeirrt in der Schlacht kämpfte, und er hoffte inständig, dass sie stark genug sein würde um dieser Bedrohung standzuhalten. Sie war Anthea viel näher als ihm lieb war, auch wenn sie von seiner Magie begleitet wurde, fürchtete er um die Kraft, welche Anthea nun inne lag. Noch nie zuvor hatte Aradan mit einem solchen Szenario zu tun gehabt, also wusste er auch nicht, wie er bestenfalls darauf reagieren sollte.
      Nun aus Entschlossenheit reagierend, hob Aradan seine Hand empor und konzenrtierte seine Kräfte auf den Punkt genau über seiner Handfläche. Er kanalisierte das reine Licht und entfachte eine gleißende Lichtkugel in seiner Hand, welche er mit einem kraftvollem Wurf auf Anthea zu schleuderte, auf dass das Licht die Dunkelheit in ihr vertreiben würde.

      Es war ein hoffnungsloser Akt. Die Lichtkugel zerriss lange bevor sie Anthea erreichte. Die Dunkelheit zerfetzte das Licht beinahe als hätte er versucht mit einer Kerze die unergründliche Tiefe des Meeres zu erleuchten und vor Kälte zu befreien. In diesem Moment kam Aradan nicht umher auch nur den Ansatz zu verstehen wie sich Anthea fühlen musste. Eine Träne wanderte über seine Wange als er sich vorstellte den gleichen Verlust durchleben zu müssen. Er musste Anthea einfach aus dieser Trauer befreien. Er war bereit bis zum Äußersten zu gehen, um sie von der zerstörerischen Macht des Chaos zu befreien und sie wieder in ihr wahres Selbst zurückzuführen.

      Wer weiß. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät.
      So hoffte Aradan zumindest, als er in einem hellen Licht aufging und kaum einen Augenblick später im selben Licht genau vor dem Leichnam Lucius wieder auftauchte. Er legte in diesem Wimpernschlag gute 50 Meter zurück und hockte sich an sein Ziel hinunter. Seine Hand auf die Wunde legend schloss er seine Augen und ließ ein helles Licht zwischen Hand und Wunde durch sickern, welches Aradan sichtlich viel Kraft kostete. Er verfiel nach nur 3 Sekunden in heftiges Schwitzen und knurrendem Kraftakt über, gefolgt von seiner zweiten Hand, welche sich auf seine Andere legte. Das Licht wurde intensiver und hätte womöglich Nahestehenden das Augenlicht genommen, wenn diese direkt hinein geblickt hätten.
      Das Knurren folgte ein Aufschrei und kompletter Verausgabung Aradan's Kräfte, doch was sich in diesem Moment regte, kam einem Wunder gleich. Die Finger Lucius begannen doch tatsächlich sich zu bewegen. Der Schatten unter seinen Augen lichtete sich und die Blässe verflog wenn auch nur für einen Hauch. Ja sogar sein starrer Blick lockerte sich für gute 5 Sekunden.

      ...doch dann sackte Aradan zusammen. Seine Kräfte waren aufgebraucht. Kaum noch genug Kraft aufbringend, sich auf seine eigene Knie zu halten, fing er an zu schwanken und atmete schwer, als käme ihm gleich die Lunge aus dem Hals. Der Schweiß lief ihm nur so von seinem Gewicht hinunter und tropfte an jeder Kante hinab.
      In diesem Moment stieg der Zorn in ihm auf. Er verfluchte sich nicht stark genug gewesen zu sein den Schmerz von Anthea nehmen zu können. Von sich selbst maßlos enttäuscht, sackte er in sich hockend, seine Hände vor sich haltend als seien sie Schuld an allem.
      Erst als er bemerkte wie sich sein Zauber urplötzlich von Renera gelöst hatte, blickte er auf und suchte den Blick zu ihr, welchen er schnell fand und sah wie seine Sigillen sich von ihrer Haut lösten.
      Was hatte er nur getan?! Er hatte sich so sehr auf die Rettung eines Fremden konzentriert, dass er den Schutz seiner geliebten vernachlässigte. Sie war ganz klar in höchster Lebensgefahr und er selbst hatte sich so viel seiner Kraft berauben lassen.
      Nein.
      Das konnte Aradan nicht zulassen.
      Er sprang sofort über seinen Schatten der Güte, blickte wieder auf den Leichnam hinab und verzog seinen Blick ins Finstere als er seine Hand erneut auflegte. Dieses Mal gab er keine Energie. Dieses mal nahm er sie. Sein Versuch Lucius zu retten schlug fehl, warum also nicht die Macht zurück fordern die noch in ihm lag? Warum nicht den letzten Rest seines Körpers stehlen? Warum nicht alle Macht nehmen die vor ihm lag?
      Der Zog den Aradan ausübte hörte selbst da nicht auf als Lucius Körper nur noch ausgetrocknete Haut und Knochen darbot als wäre er schon seit Monaten verstorben. Grotesk, doch wieder mächtig genug sich Anthea entgegen zu stellen, richtete sich Aradan auf und atmete tief durch.

      Einen Wimpernschlag später stand er exakt vor Renera, welche noch Rauch der verbrannten Sigillen von sich gab. Ein kurzer vergebender Blick erreichte sie als Aradan sich umdrehte, der mächtigsten Gefahr entgegenblickend die sich zur Zeit in der Stadt befand.
      "Anthea Elquin. Zügle deinen Zorn auf der Stelle! Ich habe in deine Seele geschaut. Ich weiß wie du dich fühlst. Ich darf deinen Zorn aber nicht auf unschuldige nieder hageln lassen. Bitte lass dich nicht von Chaos kontrollieren."
      Seine Worte stießen auf taube Ohren. Anthea schritt weiter voran, was Aradan beinahe schon ahnte. Chaos hatte es an sich seine Wirte Blind zu machen, also fühlte er sich für folgende Tat gezwungen.
      "Tut mir Leid Anthea. Mir bleibt nichts anderes übrig.."
      Für seine nächste Magie lief Aradan an seinem anderen Auge eine Träne hinunter. Nichts wollte er mehr vermeiden, doch wusste er wie man Chaos vertrieb.
      Er hob seinen Arm und richtete seine Hand Anthea entgegen. Ein sanftes, beruhigendes Licht erstrahlte in der Kontur seiner Hand und erzeugte in Anthea eine Erinnerung mit Lucius. Er zeigte ihr einen Tag an dem Beide knappe 24 Stunden zusammen waren, ungeachtet der Verpflichtungen hatten sie sich an jenem Tag während einer Mission außerhalb der Stadt getroffen. Es war der Tag an welchem sie sich beide ineinander verliebten und sich ohne Worte aneinander versprachen, komme was wolle.
      Aradan wusste wie sehr Chaos durch solche Gedanken geschwächt wurde, also musste er Anthea diese Gedanken einfach erneut durchleben lassen.

      Und es wirkte.
      Von enormen Mitgefühl Aradan's begleitet, ließ er sofort magisch leuchtende Lichterketten aus seiner Hand hervor stoßen, welche Anthea an ihrem Hals, ihrer Taille und ihren Handgelenken packte und straff zu Boden riss. In diesem Moment schloss Aradan seine Augen und zerrte ihre Seele ins Zwielicht. An jenen Ort den Elraya zuvor schon besuchen durfte.
      Auf einer ebenen Wiese voller frieden und sanfter Sommerluft empfing Aradan Anthea, nun befreit von Chaos. Unmittelbar hinter ihm stand Lucius mit seinem verheißungsvollem Grinsen.
      "Hey."
      Daraufhin trat er vor Aradan und hob sein Kinn mit überlegenem Lächeln an während er seine Hände an seine Hüfte stemmte.
      "Ich habs immer gewusst. Du stehst auf mich."
    • Anthea Elquin, die Wirtin des Chaos, der Ursprung der Verwirrung und der Unruhe, schritt unbeirrt weiter durch ein Meer aus Leichen hindurch. Die Schreie um sie herum verklungen mit der Zeit mehr und mehr, so wie die von ihr betroffenen vor ihr flohen oder schließlich doch verendeten. Aber sie waren noch da und Anthea labte sich an ihnen, nahm sich von ihrem Unglück die Essenz ihrer Macht zurück, speiste sie wieder in das Chaos, das sie verbreitete und labte sich wieder daran. Es war ein ewiger Kreislauf, kein unsterblicher, aber ein gesunder Kreislauf, ein Hin und Her, bis es schließlich keine Empfänger mehr für das Chaos geben würde. Aber immerhin waren sie in einer Stadt, einer großen noch dazu, und Anthea müsste nur wenige Schritte zu Fuß gehen, um die nächsten Opfer ihres Willens zu finden. Und dann die nächsten und die nächsten, bis irgendwann das ganze Viertel, die ganze Stadt und eines Tages das ganze Land ihr zum Opfer gefallen wäre. Die Götter allein mochten ahnen, wie weit sie gewillt wäre zu gehen.

      Aber dann tauchte Aradan nur wenige Meter vor ihr auf, zwischen ihr und ihrer soeben besiegten Widersacherin und Anthea richtete ihren Blick auf ihn. Ihre Augen waren noch immer ihre eigenen, aber selbst jemand, der Anthea noch nie zuvor gesehen hätte, hätte erkennen können, dass etwas unmenschliches in ihnen lag, was nicht unbedingt dorthin gehört hätte. Was nicht unbedingt etwas gutes war. Sie betrachtete Aradan mit diesem Blick und das Unmenschliche schien zu funkeln.
      Die Wellen des Chaos verstärkten sich. Sie verstärkten sich sogar so sehr, dass die Geräuschkulisse noch weiter zuzunehmen schien, als sie sich weiter ausbreiteten und noch mehr Reaktionen hervorriefen. Aber so, wie auch Aradans Licht Anthea nicht hatte erreichen können, schienen ihre Wellen an ihm abzuprallen, ohne einen sichtbaren Effekt zu hinterlassen. Anthea reagierte darauf kaum, wenn überhaupt mit einem Zucken ihrer Augenbrauen, aber das Etwas in ihrem Blick bewegte sich. Es reagierte oder vielleicht versuchte es auch mit Aradan zu kommunizieren, ohne Erfolg.
      Der Meloraner hob die Hand an und Anthea reagierte, indem sie das Schwert mit anhob. Wenn ihre neue Macht schon nicht kraftvoll genug war, um ihn in die Knie zu zwingen, sollte es eben das Schwert tun. Sie hob die Klinge gegen ihn, kam ihm näher und dann - Anthea blinzelte und als sie die Augen wieder öffnete, war es Tag. Die Sonne schien nicht, Wolken verhangen den Himmel und es sah nach Regen aus. Die Luft war verpestet, es stank nach Abfall, Kanalisation und Ruß und von irgendwo weither drang der Lärm von Arbeitern auf einer Baustelle. Ihr Blick fokussierte sich und dann sah sie dort einen Jahre jüngeren Lucius, der lässig auf einem Stapel Kisten saß. Sie wusste genau, wo sie sich befand und wann, denn Monate später würde dieser Ort in Flammen stehen und Anthea würde mit Lucius auf einer gehetzten Verfolgungsjagd durch die Kanalisation fliehen, aber das spielte jetzt auch gar keine Rolle. Wichtig war, dass Lucius hier war und dass er diesen Blick auf sie richtete, diesen schelmischen, frechen Blick, mit dem er sie immer herauszufordern schien. An diesem Tag hatte sich Anthea in diesen Blick verliebt und all die Male später, wenn er sie so angesehen hatte, hatte sie sich erneut verliebt. Jetzt wusste sie es. Es hatte wohl den Tod dieses geliebten Mannes gebraucht, damit sie es endlich begriffen hatte.
      Vollkommen in der Erinnerung versunken, die von Aradan auskam, leistete sie keinen Widerstand gegen seinen Zauber. Sie wehrte sich auch nicht, als sich ein enormer Druck auf ihren Körper legte, so als würde sie gleich entzwei gerissen und sie das Gefühl überkam, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggerissen. Sie wehrte sich nicht, als die Szenerie sich vor ihr veränderte und anstatt des wolkenverhangenen Tages sie jetzt an einer sonnenbeschienenen Wiese stand. Fast erinnerte sie der Anblick an ein beinahe vergessenes Zuhause, an Erathis, einem Ort an weiten Feldern und Wiesen, an dem man den Vögeln beibrachte, Nachrichten zu übermitteln und Botschafter für ankommendes Unheil zu sein. Es hätte sie stark daran erinnert, wenn nicht Lucius aufgetaucht wär.

      Der Mann war vollkommen unverletzt. Selbst in diesem Stadium ihres Verstandes, erinnerte sie sich doch noch deutlich an den Anblick ihrer eigenen blutverschmierten Finger und an Lucius' schlaffen Körper auf ihrem. Aber hier war er gesund, er war lebendig und auch jetzt verlor Anthea sämtliche Rationalität, während sie mit langsam groß werdenden Augen auf ihren Partner starrte.
      "Luce... Scheiße. Ich dachte du bist tot!"
      Und ohne eine weitere Sekunde zu verschwenden, warf sie sich auf ihn und schlang ihre Arme um einen kräftigen, geschmeidigen Oberkörper, griff nach einem ledernen, zerrupften Oberteil und schob die Hand in weiche, wilde Haare. Sie drückte sich an ihn, fühlte das, was sie schon häufiger hatte spüren dürfen, aber immer nur im Zusammenhang mit ihrer Arbeit, nie mit dem Vergnügen, niemals nur mit dem Zweck, Gefühle damit auszudrücken. Aber diesmal konnte sie es, dieses Mal umarmte sie ihn und ließ zu, dass die Umarmung ausschließlich von ihren Emotionen stammte.
      "Ich habe dich sterben gesehen... Du hast mich gerettet. Du hast mich gerettet!"
      Sie sah ruckartig auf, als wäre ihr mit den Worten erst etwas bewusst geworden, was sie die ganze Zeit zuvor schon nicht begriffen hatte.
      "Du hast die ganze Arbeit gemacht! Deswegen waren so wenige Soldaten da, auch wenn der ganze Platz voll gewesen ist! Du hast sie alle zu dir gelockt!"
      Und auch wenn ihr Tonfall sich anhörte, als wolle sie ihm dafür einen Vorwurf machen oder ihn dafür beschuldigen, ihr den Spaß genommen zu haben, packte sie ihn trotzdem beim Nacken und zog ihn zu einem weiteren Kuss hinunter. Ihre Lippen trafen aufeinander und als hätte die Welt ihren Frieden gefunden, seufzte Anthea. Ein erster Kuss, ein richtiger Kuss. Ein längst überfälliger Kuss. Sie wollte ihn nie wieder gehen lassen.
      Aber dann ertönte eine Stimme hinter ihr und was nie hätte sein sollen, fand ein jähes Ende.
      "Davon lässt du dich überrumpeln? Ernsthaft?"
      Anthea löste sich von Lucius, aber sie ließ ihn nicht los. Für einen Moment glaubte sie, dass es Aradan war, der schließlich immer noch dabei stand, aber als sie sich umdrehte, war es ein anderer. Es war ein Junge, oder zumindest sah er mit seiner kleinen Statur so aus. Seine Haare standen wild in alle Richtungen ab und in seiner Mimik lag etwas, was Anthea stoppen ließ.
      "Ah."
      Der Blick des Jungen wanderte weiter und wirkte so, als ob er direkt durch Lucius hindurchsehen würde. Auf Aradan.
      "Hallo, Kumpel. Lang nicht mehr gesehen, was?"
      Er grinste und sein Grinsen schien doppelt so weit und doppelt so lang.
      "Ich muss sagen, ich finde es ziemlich frech, uns einfach hierher zu holen. Dachtest du etwa, du könntest damit etwas verändern? Uns vielleicht aufhalten? Mich aufhalten? HAH!"
      Er lachte einmal und schallend.
      "Kinderspielchen! Wir sind hier erst am Anfang! Willst du es vielleicht noch einmal versuchen? Willst du es vielleicht hier versuchen? Ich werde nicht weggehen, ich werde nirgends hingehen, ohne meine Göttin! Versuch es also, versuch es ruhig!! Komm her, A-ra-dan!!"
      Der Junge verschwand und im nächsten Augenblick tauchte er direkt bei Aradan wieder auf, die Hand nach ihm ausgestreckt, die Finger auf dem offensichtlichen Weg dazu, ihn zu berühren.
    • Aradan's Plan schien zu funktionieren, er hatte es geschafft den Geist von Anthea ins Zwielicht zu bringen, auch wenn er schnell erfahren durfte, all die negativen Aspekte mit gebracht zu haben. Ein Untermieter der zuvor noch in seinem Kopf ständig für Unruhe sorgte, tauchte wieder auf und zog erneut seine provokante masche ab, die ständig darauf abzielte einen in den Wahnsinn zu treiben, doch diesen Gefallen wollte Aradan ihm nicht tun. Stattdessen lies er den jünglich aussehenden Chaoten seine Show abziehen und bereute dabei nur, Anthea nicht mehr intensiv genug in ihrerer Illusion halten zu können, was er mit einem kurzen mitleidsbekundendem Blick würdigte ehe Chaos sich dazwischen drängte um die Aufmerksamkeit zu erhaschen.

      "Bei all den Kriterien die dazu notwendig waren dich in ein geeignetes Gefäß zu befördern..."
      Entgegnete Aradan noch immer darüber überrascht wie so viele Zufälle überhaupt möglich waren. Doch erhob er seinen Blick anschließend und fixierte den jungen Mann mit einem intensiven Ausdruck. Unbeeindruckt über seine Präsenz und Nutzung einiger seiner Fähigkeiten, intensivierte Aradan seinen Einfluss im Zwielicht, was zur Folge hatte, dass Chaos deutlich größere Probleme haben sollte seinen Einfluss auszubreiten. Ebenso setzte sich Lucius wieder in Bewegung, welcher leise die wie einst in einer Gasse mit Anthea an sie heran schritt und verdorben mit seiner Zunge über ihren freien Rücken leckte. Dabei grinste er wie ein Raubtier das dessen Beute abschmeckte ehe er Anthea zu sich umdrehte. Statt es wie zuvor dabei zu belassen, um das Knistern aufrecht zu halten, näherte er sich seiner liebsten und formte mit seinen Lippen eben jene drei schönen Worte die immerzu unausgesprochen blieben.

      In der Hoffnung dass Anthea sich so schnell nicht mehr von Chaos ablenken lassen wird, machte Aradan seinem ehemaligen Plagegeist unmissverständlich klar
      "Du magst hier im Zwielicht sein, doch vergiss nicht, dass du nur durch ihren Geist hier erscheinen kannst. In dieser Welt bin Ich Gott, der über alle Aspekte dieser Realität herrscht. Du bist hier nur ein Eindringling. Ein Parasit."
      Mit diesen Worten erhob sich Aradans Stimme und füllte die luftige Atmosphäre der Zwielichtwiese.
      "Ich habe Anthea's Geist befreit um ihr Erinnerungen an Lucius zu schenken. Sie sind in dieser Stadt als Feinde aufeinander gestoßen, endeten aber in einer unausgesprochen tiefen Liebe. Ich weiß genau dass du solchen Zunder nur zu gerne nutzt. Doch ich sage dir... Das passiert nicht solange ich dich hier halte."

      Der herausfordernde Blick des jungen Mannes lies Aradan vollkommen kalt. Immer wieder lies er seine eigene Macht in der Dimension des Zwielichts schubweise erstrahlen, um dem Chaos seine Überlegenheit zu verdeutlichen.
      "Du magst dich stark fühlen, aber du bist nur eine Manifestation dessen was einst ein Chaosgott war. Du bist der Fackelträger der seine Macht weiter gibt. Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass deine Zeit vorbei ist. Es liegt an dir deinem Gefäß beizubringen was es heißt die Bürde zu tragen und zu einem Gott heran zu wachsen, der..." da beugte sich Aradan etwas vor und führte seine Hand an den Mund als dürfte kein Anderer die folgenden Worte hören "...sich nicht erneut so leicht von Menschen unterwerfen lässt"
      Daraufhin stand Aradan wieder aufrecht und breitete seine Arme leicht aus.
      "Lass dein Gefäß ihre schönen Momente und Wünsche durchleben, ehe du ihr die bittere Realität zeigst. Jeder Mensch sollte das Gefühl wahrer Erfüllung kennen bevor er in eine Welt des Chaos stürzen muss"







      In der normalen Welt fingen die Menschen wieder rapide ihren Verstand und sahen sich allesamt wohl gleichwertig verwirrt um. Alle die in Anthea's Reichweite gewesen sind, wussten sofort von wem die wahre Bedrohung aus ging. Lediglich ein Befehl entfernt warteten die Soldaten hoffend, dass General Peamut zur Gefangennahme der Frau ausrufen würde, welche derzeit noch in leuchtenden Ketten gefangen gehalten wurde, was unter den ganzen Umständen nicht mal mehr sonderlich erschien.

      Indes kam auch schon die Truppe von Aradan angerannt, von welcher ein jeder zu wissen schien was man in dieser Situation schleunigst tun musste. Zwar war es auch für diese neu, leuchtende Ketten zu sehen, die aus dem Boden heraus ragten und Anthea eisern fixierten, doch akzeptierten auch diese langsam aber sicher all den unnatürlichen Kram, der sich um Aradan herum ständig zeigte.
      Daikata war der Erste, der an Anthea heran trat um ihr eine ziemlich dicke Spritze in den Hals zu jagen, gefolgt von Valterri und Jarku, welche die dicke Kette heran trugen, die schon zuvor ihre Wirkung bei Aradan zeigten, wenn dieser mal wieder von Minerva heimgesucht wurde. Sie schlangen die Kette von Anthea's Knöchel hoch bis zu ihrem Hals ehe der wieder dazu gekommene Kiliak an dem abwesend wirkenden Aradan heran trat um ihm auf dessen Schulterblatt zu schlagen.

      Augenblicklich löste sich Aradan aus seiner Starre und fiel geschwächt auf die Knie.
      Lange blieb er jedoch nicht alleine, da sich nicht nur Kiliak zu ihm hinunter hockte, sondern auch die Zwillinge Ruka und Chie zu ihm eilten und ihm mehr um den Hals sprangen, statt sich sorgvoll zu kümmern.
      Schon viel zu lange war es her, dass sich diese Truppe wieder in ihrer vollen Zahl an einem Ort befand.
    • In der normalen Welt kehrte alles mit einem Schlag zur Normalität zurück. Es war so, als lüftete man einen dichten Schleier, der sich über die Umgebung gelegt hatte und die Bewohner in sich gefangen gehalten hatte, nur mit dem Unterschied, dass sich eigentlich nichts verändert hatte - nichts, bis auf Anthea, die wie festgefroren auf dem Fleck stand, der Körper starr, unbeweglich, die Augen so weit nach hinten gerollt, dass man nur noch das weiße sehen konnte. In ihrer Umgebung erstarben die Schreie, die Körper auf dem Boden gaben klägliche Schmerzenslaute von sich und Rufe erklangen. Keine Rufe des Wahnsinns, Rufe, die nach Ordnung verlangten: Befehle, Anweisungen, Kommandos. Das Militär wollte sich von dem soeben erlebten Schicksalsschlag erholen.
      Umso wichtiger war es, die wenigen Sekunden des eingetretenen Friedens zu nutzen. Die Truppe setzte sich sogleich als Gemeinschaft in Bewegung, kaum war klar, dass Aradan die ausgehende Gefahr von Anthea für den Moment außer Kraft gesetzt hatte. Daikata war der erste in seiner Geistesgegenwärtigkeit eines Arztes, der sich sofort auf Anthea konzentrierte. Mit Jarkus und Valterris Hilfe bekam er den Körper der Frau unter Kontrolle, während sie noch immer im Zwielicht festgehalten wurde. Um sie herum rasselte es in der harmonischen Geräuschkulisse eines aufstellenden Heeres.
      Kaum war Aradan zurück aus dem Zwielicht, löste sich die Starre von Antheas Körper und sie fiel so weit, wie es die dicken Ketten um ihren Körper es erlaubten. Sie schien aber nicht vollständig aus dem Zwielicht auszutreten, einen Umstand, der die anderen darin bekräftigte, sich schnell Aradan zu schnappen und den Ort zu verlassen. Valterri warf sich Reneras schlaffen Körper über die Schulter und dann flüchteten sie, flüchteten vor den unausweichlichen Konsequenzen, die auf sie warten würden, sollten sie dem Militär hier noch über den Weg laufen. Sie ließen Anthea zurück, aufdass sie hoffentlich ihre Strafe im Kerker erfahren würde.
      Von Berek und Khil war keine Spur mehr. Sie hatten es wohl geschafft vor Aradans Feuerschlag zu flüchten, aber fraglich blieb, ob sie unverletzt geblieben waren.
      Sie ließen den Platz hinter sich. Sie ließen auch das Viertel hinter sich, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, denn das Militär hatte den Bereich abgesperrt und der Haufen Fremde mit zwei Bewusstlosen in ihrer Mitte sah alles andere als normal aus. Schließlich beschaffte ihnen Elraya einen recht unorthodoxen Weg nach draußen, dem sie dann auch bis zu den Toren folgten. Erst dort stellte sich ihnen die Frage, ob sie das Risiko eingehen sollten, ganz nach draußen zu flüchten und damit womöglich nie wieder zurückzukommen, um ein Auge auf Anthea werfen zu können. Aber sie war jetzt das Problem der Stadt und das wäre vermutlich erstmal das beste.

      Im Zwielicht tobte Chaos. Er tobte und schrie und warf Aradan entgegen, was auch immer er an seiner Macht zur Verfügung stellen konnte, aber der Gott des Zwielichts befand sich in seinem Element und das schien sich gegen Chaos verschworen zu haben. Keiner seiner Angriffe schienen auch nur die kleinste Wirkung zu zeigen und im Gegenzug stand Aradan ihm felsenfest gegenüber. Es war frustrierend.
      "Ich - Anthea ist näher an einem Chaosgott dran, als du es jemals sein wirst! Du wirst mir gar nichts sagen! Du bist nicht mehr als ein Schatten deiner selbst! Dein Vorgänger hatte etwas drauf, aber du?! Es ist ein Wunder, dass sich überhaupt jemand mit dir abgeben will! Du bist der Schmutz, den man sich von der Sohle kratzen will, Aradan! Du wirst niemals etwas erreichen, nicht ohne mich an deiner Seite! Aber Anthea - ich werde ihr die Welt zeigen! Sie wird die zeigen, was ein richtiger Chaosgott kann!"
      Und damit verschwand er, er und der letzte Rest, der von Antheas Seele im Zwielicht übrig geblieben war.
    • Nach dem äußerst unüblichen Weg, durch Elraya's Führung, an den Toren angekommen, stieg in dem ein oder anderem Blick der Truppe ein Zweifel auf. Sollten sie nun wirklich flüchten und eine solch schlummernde Macht, wie sie in Anthea schlummerte, zurück lassen... oder sollten sie das Risiko in Kauf nehmen?
      Die schnell anrückenden Schwerter drängte die Truppe dann aber doch in eine Richtung die nicht unbedingt die erste Wahl gewesen wäre.
      So floh die Gruppe in Richtung des geschlossenen dicken Tor's, welches ein großes Loch aufwies, groß genug um einen Mann wie Valteri hindurch zu lassen, nachdem Aradan schnell einem Großteil der Pflanzen in der Umgebung ihrer Energie beraubte, um eben jenes Loch in die dicken Tore zu reißen.

      Alles geschah unglaublich schnell. Keiner hatte in dieser Zeit wirklich die Gelegenheit einen Gedanken zu ordnen. Erst als die Verfolger der Torwache aufgaben und sich die Truppe auf einem Hügel wiederfanden auf welchem die Hörner der Stadtwache noch zu hören waren und das eilige Treiben auf den Mauern wirkte wie eine Ameisenfarm, beruhigten sich alle ein wenig und atmeten vorerst durch.

      Aradan selbst sog sofort die nötige Energie aus der Umgebung um sofort wieder zu kräften zu kommen, ein Vorteil den alle anderen nicht hatten. Leicht verstimmt sah Killiak auf als Aradan wieder so fit wirkte um die Umgebung zu sondieren und zugleich einen Plan zu äußern, welcher darin mündete die belebte Gegend zu meiden, entgegen der wohl bald folgenden Gegenmaßnahme der Königsstadt zu umgehen.
      Das Ziel war ein braches Land in dessen Richtung Aradan zeigte. Es wies weder Wasser noch Gras auf. Ja sogar der ein oder andere Läufer schien dort umher zu irren. Doch entgegen Killiaks Erwartung, stimmten alle anwesenden zu oder schwiegen, was dazu führte, dass sich alle in Bewegung setzten.

      Der Weg dorthin zog sich über steinigen Boden und unangenehm hohen Brocken. Die ein oder andere Schlachtung eines Läufers begegnete die Truppe ebenfalls, bis sie endlich auf einer übersichtlichen Ebene das Lager aufschlugen.


      Mit Valteri und Daikata in der ersten Wache, fühlten sich alle so sicher, wie man sich in dieser Gegend fühlen konnte. Aradan bewachte hingegen immerzu die einzige Person für die er in den Tod springen würde. In dessen Zelt kniete er neben Renera und wechselte immerzu ihren nassen Lappen, welcher auf ihrer Stirn lag und behandelte jede noch so nach verbrannter Haut aussehende Stelle augenblicklich mit einer Salbe, die er von Daikata bekam.
      Immer mal wieder versuchte Aradan Renera mit seiner Kraft zu heilen indem er seine Hand flach vor ihr hielt und sich konzentrierte, doch tat sich einfach nichts. Aradan konnte in dieser Umgebung nicht mal mehr genug Kraft ziehen um für ihn banal wirkende Verletzungen zu heilen.
      In der ersten Stunde noch leicht davon gekränkt, wuchs in ihm der Keim der Scham immer weiter. Hatte er Renera tatsächlich experimentell einen Zauber auferlegt von dem er bisher nur gelesen hatte? Bei Elraya hatte es gewirkt, so viel stand fest, doch war ihm bei Elraya auch die mögliche Nebenwirkung deutlich gleichgültiger als bei Renera.
    • Die Flucht aus der Königsstadt gelang und auch das darauffolgende Entkommen war von Glück gesegnet. Keine Armee setzte ihnen nach, keine Reiter, die ihre Namen brüllten und verlangten, dass sie sich in die Obhut Ihrer Majestät begaben, keine Spurensucher, die den Kerben ihres Wagens folgten und des nachts ihr Lagerfeuer am Horizont entzündeten, als sei es eine Warnung dessen, dass die Gruppe zwar allein sein mochte, aber niemals vollständig allein war. Nein, niemand kam ihnen nach. Vielleicht waren alle überfordert mit einer Kraft, die keine Hände benötigte, um in Köpfe einzudringen.
      Sie vermieden Straßen und Ortschaften aus offensichtlichen Gründen, ein Umstand, der sie damit aber unmittelbar ins Territorium der Kreaturen beförderte. Anstatt von Soldaten und Schwertern lauerten ihnen Läufer und Kreischer auf, keine sehr angenehme Begleitung, aber auch keine, gegen die sich jemand beschwert hätte. Nur Renera war nicht da, um den Kampf gegen die Kreaturen mit ihrer Expertise anzuleiten. Sie lag dort, wo Wochen zuvor Aradan noch gelegen hatte, unbewegt, so wie auch Aradan unbewegt gewesen war, nur mit dem Unterschied, dass sie sich nicht ins Zwielicht zurückgezogen hatte. Sie war schlichtweg nicht bei Bewusstsein und nicht einmal Daikatas Fachkenntnis konnten bei einem Fall helfen, der das Menschliche überstieg.
      Die Landschaft wandelte sich von blühendem Dickicht und saftigen Weiden zu blattlosen Sträuchern, fadem Gestrüpp und kargen Gräsern. Je weiter sie ins Niemandsland vordrangen, das so offensichtlich von Kreaturen beherrscht wurde, dass nicht einmal die höchsten Mauern eine Stadt hier gehalten hätte, desto mehr nahm die Vegetation ihrer Umgebung ab. Es glich einem Trauerspiel, wie sehr die Pflanzen darunter zu leiden schienen, dass kein Mensch zwischen ihnen wandelte, sondern ein Wesen, das Blut und Angst hinterließ, wo auch immer es hinging. Die karge Landschaft war wohl gleichzusetzen mit dem Gemüt, das sich auch in der Gruppe breitmachte.
      Sie fanden einen Ort, an dem sie die Nacht über zu bleiben versuchten, und weil sie mit ihrem Feuer nichts anzulocken schienen, keinen Kreischer und auch keinen Puppenspieler, blieben sie auch die zweite Nacht. Und die dritte Nacht. Sie blieben und waren froh um den Proviant, der sie hier noch ein paar Tage, wenn nicht Wochen, durchfüttern könnte.
      Renera wachte nicht auf. Sie war leblos, ein unbewohnter Körper, der seinen Geist in der Stadt zurückgelassen zu haben schien und wenn man nicht alle paar Stunden überprüft hätte, ob noch ein winziger, kaum vorhandener Atem aus ihrer Nase kam, hätte man sie von dem Anblick allein als tot erklären können. Ihre Haut war fahl, ihre Wangenknochen eingefallen, die Sigillen auf ihrem Körper verschwanden nicht. Sie sahen nicht mehr ganz so verbrannt aus, nicht mehr ganz so gerötet, nicht mehr ganz so sehr als seien sie in die Haut eingeritzt, aber sie waren noch immer da wie ein sehr hartnäckiger Überrest aus einer Zeit, in der Renera noch geatmet, gesprochen und ihre Schwerter geführt hatte. Sie sahen aus wie aufgemalt, aber es war klar, dass sie das nicht waren.
      Ratlosigkeit breitete sich unter der Gruppe aus. Sie waren wieder vereint, vollständig dieses Mal, aber sie hatten sich die Möglichkeit versperrt, zurück in die Hauptstadt zu gehen - oder irgendwohin, eigentlich. Sie sollten das Land verlassen, nur dass sie dann nicht mehr die Möglichkeit hatten zu erforschen, weshalb sie hergekommen waren. Einmal raus kamen sie nicht wieder herein, so war die neue Realität. Dann doch lieber in einem Hinterteil des Landes verstecken und darauf warten, dass ein Wunder geschah.

      Das Wunder kam nicht, aber dafür eine andere Veränderung. Aradan fiel es als erstes auf, wie ein Richtungswechsel im Wind, der plötzlich ein ganz anderes Gefühl mit sich brachte als der vorherige. Keinem anderen fiel es auf, weil der Wind eigentlich kein Wind als solcher war, aber am fünften Tag deutete Elraya während ihrer Wache nach vorne. Es war kurz nach dem Abendessen, noch hell genug, um die Ebene zu beobachten, aber sie wollten hier kein Risiko eingehen und deswegen waren schon Wachen aufgestellt worden. Elraya nahm ihre Aufgaben nie besonders ernst, aber an diesem Tag tat sie es.
      "Hey! Was'n da?"
      Ihr Ruf sollte kaum ein Warnruf sein, es weckte aber doch die Aufmerksamkeit der anderen. Die meisten versammelten sich, um in die angedeutete Richtung zu blicken.
      Zwei Läufer und eine Spinnenmutter hatten sich dort unten versammelt, als ob sie sich zu einem geheimen Treffen verabredet hätten, nur, dass sie alle drei in dieselbe Richtung gingen. Normalerweise waren mehrere Kreaturen auf einem Haufen nicht besonders spannend, immerhin hatte die Gruppe schon recht früh erörtert, dass die Wesen sich nicht gegenseitig zerfleischten, aber diese drei gingen mit einer Zielstrebigkeit, als hätte ihnen jemand genauestens erörtert, wo sie hinzugehen hätten. Und sie waren nicht die einzigen: In der Ferne flog ein Kreischer vorbei, in dieselbe Richtung, und auch ein Puppenspieler schlurfte mit langsamen Bewegungen immerzu geradeaus. Elraya glotzte dieses merkwürdige Schauspiel an, während um sie herum der Wind auffrischte.
      "Wo wollen die denn hin? Nachhause oder was?
      "
      Aber es fiel keinem von ihnen auf, dass mit dem Wind auch ein Strom purer Energie mitkam, eine Welle aus reiner, ungefilterter Energie, die durch die Lüfte waberte. Es fiel keinem auf - keinem bis auf den einzigen, der für diese Energie empfänglich war.
    • Inmitten des trostlosen und düsteren Landes schien das Leben selbst zu erlahmen. Ein trügerisches Grau überzog den Himmel, als ob selbst die Sonne sich entschieden hätte, diesen Ort zu meiden. Hier, wo einst vielleicht eine blühende Landschaft existierte, herrschte nun eine stille Verwüstung, die in jeder staubigen Brise und jedem flackernden Schatten widerhallte.
      Die Erde unter ihren Füßen war aufgebrochen und rissig, als hätte sie vor langer Zeit aufgehört, die warmen Umarmungen der Sonnenstrahlen zu empfangen. Alles Leben schien aus diesem Boden gewichen zu sein, als ob die Dunkelheit selbst es verschlungen hätte. Verkrüppelte Baumstümpfe ragten aus dem Boden hervor wie knochige Finger, die verzweifelt nach dem Himmel griffen, aber niemals dort ankamen. Kein Blatt, keine Blüte, nur das stille Echo einer einst blühenden Landschaft.
      Die Luft war erfüllt von einem seltsamen Geruch, einer Mischung aus Moder und Verfall. Selbst der Wind schien seine Stimme hier zu verlieren, nur ein schwaches Flüstern, das wie ein Schatten vergangener Zeiten über die Landschaft huschte. Die Stille war erdrückend, und die Leere des Ortes wirkte wie ein stummer Vorwurf an diejenigen, die es wagten, diesen verlorenen Ort zu betreten.

      Aradan konnte den Druck auf seiner Brust fühlen, als ob das Land selbst seine Schuld auf ihm abladen würde. Seine Augen, einst voller Entschlossenheit und Mut, waren nun getrübt von Trauer und Zweifel. Er fühlte die Last seiner Verantwortung für die Verletzungen seiner Gefährten, insbesondere für Renera. Ihr friedlicher Schlaf im Koma war ein stummer Vorwurf an ihn, eine Erinnerung daran, dass seine Kräfte nicht nur Gutes hervorbringen konnten.

      Das Lager, das sie errichtet hatten, schien inmitten der Ödnis wie ein trauriger Zufluchtsort. Die Zelte standen reglos da, ihre Stoffe hingen schwer an den Stangen, als hätten sie längst den Glauben an Bewegung aufgegeben. In der Mitte befand sich eine flache Vertiefung im Boden, die einmal das Lagerfeuer beherbergen sollte. Doch blieb es nur eine leere Mulde, die wie ein schwarzes Auge in der trostlosen Landschaft wirkte, da keiner das Risiko eingehen wollte, im tausch für Wärme die Gefahr aller zu vergrößern.
      Aradans Blick schweifte über das Lager, über die müden Gesichter und die schlaffen Körper seiner Mitstreiter. Ein Gefühl der Hilflosigkeit erfüllte ihn, während er sich fragte, wie er sie aus dieser Dunkelheit führen könnte.

      Unerwartet richtete sich Aradans Blick der einzigen Person zu, die in dieser trostlosen Gegend das Wort ergriffen hatte. Elraya.
      Da wo die gesamte Gruppe mit fragenden Blicken die Wesen beobachtete, sah Aradan einem so dichten Energiefluss hinterher, wie er es sogar in belebten Wäldern noch nie gesehen hatte. Dann stieß er zur Gruppe hinzu und versammelte diese mit einem leisen aber bestimmten Flüstern.
      "Das ist eigenartig..."
      Seine Augen suchten die Gesichter seiner Gefährten ab, während er den Blick auf die seltsamen Bewegungen der Kreaturen richtete.
      "... ich kann etwas sehen. Etwas, dass ich bisher wenn überhaupt nur in belebten Wäldern gesehen habe. Pure Lebensenergie, aus welche ich meine Kräfte ziehe. An toten Orten wie diesen hier, habe ich noch nie auch nur einen kleinen Glimmer erhaschen können. Und.. sie verläuft nicht sprießend in alle Richtungen... viel mehr ist sie stark gebündelt und zieht sie wie eine fliegende übergroße Schlange über das Land bis hinter den Hügeln dort hinten."
      Nach einer kurzen, Worte suchenden Pause, versuchte er fortzusetzen
      ".. ich weiß nicht was das zu bedeuten hat aber die Kreaturen scheinen diesem Energiefluss zu folgen. Sie bewegen sich alle in die Richtung aus der die Energie kommt. Wir müssen herausfinden, wohin dieser Pfad führt und was diese Widernatürlichen Fluss hierher gebracht hat."

      Ein Moment des Schweigens lag in der Luft, bevor er seine Worte fortsetzte.
      "Ich werde mir das alleine ansehen. Ich kann nicht zulassen, dass noch jemand verletzt wird. Dass Renera dort liegt, hätte niemals passieren dürfen. Ich will nicht dass so schnell noch wer dort liegt."
      Seine Augen waren indes schon bei Renera, die immer noch im Koma. Kurz darauf wieder innerhalb der Gruppe.
      "Versucht nicht, mich aufzuhalten. Ich werde vorsichtig sein. Behaltet ihr das Lager im Auge und seid bereit euch zu verteidigen, falls sich eines der Wesen hierher verirrt."

      Seine Worte waren gefasst, sein Entschluss fest.
      Doch waren seine Gedanken scheinbar schon so vernebelt, dass er nicht mit kommenden Gegenwind der Gruppe rechnete.
      So war es Jarku, der sich am Kinn kratzte, seine Sturn leicht runzelte und einen Schritt vor trat. Ein gezwungenes Lächeln spielte um seine Lippen, als er schließlich in seiner gewohnt spaßigen Art meinte
      "Na na na mein Freund"
      Seine Augen verrieten eine gewisse Sorge, die er unter seiner Fassade verbarg.
      "Du denkst doch nicht ernsthaft daran, diese kleine Erkundungstour ohne mich zu unternehmen. Das könnte dir so passen"
      Sein Blick wanderte zu Aradan, dann zu den anderen in der Gruppe.
      "Ich meine, ich bin vielleicht nicht so ein magischer Überflieger wie du, aber ich hab meine eigenen Tricks drauf. Schließlich bin ich es gewohnt im verborgenem zu bleiben und ich würde meinen, dass ich bisher auf unserer Reise immer die Pfärten lesen sollte, ist es nicht so? Wenn irgendjemand diesem Energiedings unbehelligt folgen kann, dann nur wir beide zusammen. Nicht alleine, sondern zusammen. Klar?"
      Anschließend zwinkerte er Aradan zu um seinen Standpunkt zu untermauern. Danach wandte er sich schmunzelnd Elraya zu.
      "Und du, mein kleines verdorrtes Rosenblättchen, ich glaube, du kannst doch auch ganz gut schleichen, ist es nicht so? Wie wäre es wenn du auch mitkommst? Ich hab immerhin keine Augen an meinem Hinterkopf."
      Was Jarku verschwieg war, dass er sich ganz einfach wohler mit Elraya fühlen würde. Er wusste um ihre Fähigkeiten langsam bescheid und so empfand er es als eine zusätzliche Sicherheit. Ihre Fähigkeiten waren so zumindest weit besser aufgehoben als still sitzend im Lager, aus welchem wohl ohnehin schon jeder einzelne am liebsten reißaus nehmen wollte.

      Schließlich landete der fragende Blick wieder bei Aradan.
      "Also? Was sagst du? Ein Trio unschlagbarer Helden auf einer epischen Entdeckungsreise?"
      Nicht nur hatte er Elrayas Zusage einfach angenommen, sondern wirkte er dabei noch sorglos. Seine Worte waren leicht, die nur durch die Ernsthaftigkeit in seinen Augen verrieten, dass er wirklich bereit war, Aradan zu begleiten und sicherzustellen, dass er nicht alleine in die Dunkelheit marschieren würde.
    • Die Truppe sah Aradan momentär kritisch an, angesichts der Entdeckung, die er hier zu machen schien. Es war etwas anderes und dennoch war es etwas bekanntes und vertrautes, etwas, womit man sich vorher nicht großartig beschäftigt hätte, das aber nun, in einem anderen Umfeld, deutlich an Wichtigkeit gewann. Das begriff auch der Rest der Mannschaft in dem Moment, als Aradan es erwähnte - nur Elraya blieb mit ihrem ratlosen Blick ein Stück zurück. Niemand machte sich großartig die Mühe, sie aufklären zu wollen, sie würde ja sowieso wieder abgehängt werden.
      Was sie aber begriff, war, dass sie sich dieses was-auch-immer ansehen würden. Und obwohl sie sich wohl nicht freiwillig gemeldet hätte, sich auf so ein Wagnis zu begeben, konnte sie Jarkus Stichelei ja wohl auf gar keinen Fall so auf sich sitzen lassen.
      "Wen nennst du hier verdorrtes Rosenblättchen, hä?! Du würdest mich doch nichtmal sehen, wenn ich dir die Scheiße unter der Nase wegklauen würde! Verdorrtes Rosenblättchen!"
      Das war keine Zustimmung und keine Ablehnung, aber wer die Sprache von Elraya verstanden hatte, der konnte an der Tatsache, dass sie ihre Arme verschränkte und böse dreinblickte, anstatt wegzustolzieren, erkennen, dass sie sich wohl anschließen würde.
      Also war es ausgemacht. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen, das Lager wurde für die Abwesenheit drei ihrer Mitglieder gesichert und dann machte sich das Trio hinaus auf den Pfad, den die Kreaturen zu beschreiten schienen.

      Aradan verblieb der einzige, der die silbrigen Schlieren in der Luft zu sehen vermochte, selbst dann, als sie sich weiter daran annäherten. Sie waren in dieser Senke, in der sie zu den Kreaturen hinab gegangen waren, beiden Dingen deutlich näher, aber sehr viel mehr konnten sie hier auch nicht erkennen. Also machten sie sich auf den sehr vorsichtigen Weg, dem unsichtbaren Pfad und damit auch den Biestern zu folgen.
      Es dauerte eine Stunde des vorsichtigen und bedachten Schleichens, bei dem alle drei versuchten, den Kreaturen so gut wie nur möglich aus dem Weg zu gehen, als es langsam mehr von ihnen wurden. Auch die Lebensenergie schien sich langsam zu verdichten und konzentrierter auf einen Punkt zuzulaufen. Bevor sie diesen Punkt aber sehen konnten, konnten sie es aber schon hören, ein weit entferntes Brummen und ganz besonders ein Trampeln, Stampfen, Schnaufen, Krähen, Kreischen, Kratzen, Knurren von Kreaturen, die sich hier in der Nähe befanden. Von ganz vielen Kreaturen sogar.
      Mit noch viel größerer Vorsichtig näherten sie sich dem Mittelpunkt, der diesen Lärm auszumachen schien, bis sie irgendwann über eine Erhöhung hinweg unten alles erblicken konnten.
      Der Mittelpunkt der Energien stellte ein Loch da, das mitten in der Luft hing und genauso wenig Bestand hatte, wie geisterhaft war. Es spross nicht aus dem Boden heraus und es hatte auch keinerlei sonstigen Verbindungen mit seiner Umgebung, außer, dass es in der Luft hing, ein Riss in der Realität, und dass verschiedene solcher Schlieren davon herausströmten. Sie zogen in alle Richtungen davon, unendliche Schlangen, die sich hinweg fädelten und irgendwann am Horizont dumpfer wurden, aber noch längst nicht aufhörten. Das Tor selbst versprühte ein silbriges, fast unheimliches Licht, so als wäre es nicht gemacht worden, in dieser Welt zu existieren.
      Das waren aber alles nur Dinge, die Aradans Augen allein vorbehalten waren. Die anderen beiden bekamen davon nichts mit - was sie allerdings sehr wohl sehen konnten, war die Unmenge an Kreaturen, die sich um dieses Loch sammelten.
      Es mussten hunderte, wenn nicht tausende von diesen Viechern sein, in allen Größen und Varianten, die sich in dieser Masse tummelten oder auch über den Himmel hinweg flogen. Nicht wenige von ihnen wanderten auch fort von dem ganzen Spektakel, allerdings ausschließlich an einem der Lebensenergie-Schlieren entlang, die aus dem Loch kamen. Andere, so wie die Kreaturen, die sie schon in der Nähe des Lagers gesehen hatten, kamen jetzt erst dazu. Der Rest tummelte sich dort, ein riesiger Haufen, ohne sich je gegenseitig zu zerfleischen.
      "Heilige Scheiße", flüsterte Elraya in Ehrfurcht, so vereinnahmt von dem Anblick, dass sie für einen Augenblick nicht nachdachte. Aber der allgemeine Lärmpegel, der bei so vielen Kreaturen zustande kam, überdeckte ihr menschliches Geräusch, das sie hier sicherlich den Tod kosten würde.
      Dann wurden alle noch Zeugen davon, wie sich eine neue Kreatur aus dem Loch schälte: Eine Spinnenmutter, die erst ein vorsichtiges Bein aus dem Nichts nach draußen steckte, es auf den Boden stellte, und dann nach und nach mit ihrem Körper nachruckte. Für Elraya und Jarku sah es aus, als würde die Kreatur aus dem Nichts erstehen, aber Aradan konnte ganz deutlich beobachten, wie sie aus dem Inneren des Lochs und damit auch des silbrigen Lichts herauskam.
    • Aradan konnte die überwältigende Präsenz dieses eigenartigen Knotens in der Ferne schon vor dem Blickkontakt spüren, die die Dunkelheit dieser toten Gegend durchzog. Ihm war, als würde die Realität selbst hier an ihren Rändern verschwimmen. Doch seine Augen waren auf das Loch gerichtet, während die anderen Beiden die unzähligen Kreaturen beobachteten.
      Die Lebensenergie strömte aus diesem rätselhaften Riss, wie ein lebendiges Band, das sich in alle Richtungen erstreckte.

      Jarku und Elraya, die die Schönheit und das Unheimliche dieses Anblicks nicht sehen konnten, spürten dennoch die Anspannung in der Luft, welche sie wohl aber mit der allgemeinen Gefahr der Wesen erklärten. Die Kreaturen schienen diesem Energiefluss aber nur so lange zu folgen, bis sie unter diesem Riss standen. Kamen sie an, verstreuten sie sich in einem dichten Kreis... als würden sie eine unbewusste Wache antreten. Dabei wirkten sie beinahe schon wieder natürlich, gingen aber nie über einen gewissen Abstand zum Riss hinaus.
      Aradans Gedanken wirbelten, während er darüber nachdachte, was dies alles bedeuten könnte. Nahe heran gehen, um den Riss zu untersuchen, käme dem Wahnsinn gleich. Selbst mit seinen Fähigkeiten, wäre er binnen Sekunden Geschichte. Ganz davon abgesehen hatte er an solchen verdorrten Orten ohnehin kaum eine Möglichkeit seine Macht zu nutzen. Einmal genutzt, konnte er keine Energie aus der Umgebung nutzen um diese aufrecht zu halten. Es würde einer Glühbirne gleich kommen, die kurz nach dem Anschalten durchgeknallt.

      Dann geschah etwas, was allen dreien die Augen weitete. Eine riesige Spinnenmutter schälte sich aus dem Riss. Aradan konnte deutlich sehen, wie sie aus dem Inneren hervor kam. Doch eine Sache beunruhigte ihn.
      "Das war doch..." flüsterte er vor sich hin, konnte es aber nicht zu 100% bestätigen. In all der pulsierenden Energie des Risses meinte er für einen Augenblick leider sehr vertraute Schreie gehört zu haben, die er den Geisterwesen im Zwielicht zuordnete. Ihn überkamen Erinnerungen von damals, als er noch damit rang sich nicht von den ständigen Attacken der Geisterwesen übermannen zu lassen.

      Jarku sah sofort fragend zwischen der Spinnenmutter und Aradan hin und her als dieser etwas zu erkennen schien. Als würde ihm selbst etwas entgehen.
      "Was ist denn? Siehst du was?"
      Aradan schüttelte den Kopf.
      "Nein. Ich habe etwas gehört. Etwas dass gar nicht in dieser Welt existieren dürfte."
      Jarku seufzte scherzhaft und zuckte mit den Schultern.
      "Ah. Achso. Muss wohl zwischen den ganzen anderen Dingen sein die nicht existieren dürften."

      Weiterhin im verborgenen, wandte sich Aradan dem geschehen ab um den Beiden eine kurze Erklärung darüber zu geben wie es im Zwielicht aussah bevor er gelernt hatte sich vor den gefährlichen Dingen zu schützen. Dass die Geister ihn immerzu heimsuchten um durch seinen Körper in die reale Welt zu kommen. Jarku erinnerte sich und verstand nun, dass Minerva wohl zu seiner Zeit kein Einzelfall war, sondern nur das einzige Wesen was die Kontrolle tatsächlich das ein oder andere Mal übernommen hatte. Der Gedanke, dass Aradan ständig gegen diese Dinger ankämpfen musste, trübte auch seine Stimmung etwas.
      Viel mehr stieg jedoch die Sorge, dass dieses Zwielicht und die Wesen, die das Land heimsuchten, etwas miteinander zu tun haben könnten und womöglich nur der Anfang einer viel größeren Katastrophe sind.

      Doch um all diesen Spekulationen auf den Grund zu gehen, entschlossen sich die Drei wieder zurück zum Lager zu gehen. Jarku und Elraya übernahmen es der ganzen Truppe alles zu berichten, während Aradan in das Zelt ging, in welchem Renera lag.
      Noch immer von ihrem Anblick betrübt, streichelte er ihr sanft über die Wange und zog ihre Decke ein Stückchen höher. Anschließend legte er sich neben ihr hin und nutze das bisschen seiner verbleibenden Macht um mit seinem Geist ins Zwielicht zu tauchen.

      Augenblicklich wurde ihm klar, dass er hier nicht lange bleiben konnte. An einem so toten Ort ins Zwielicht zu gehen, zerrte viel mehr an ihm als vermutet. Dennoch schätzte er seine Zeit auf etwa 2-3 Stunden ein. Genug um den selben Ort aufzusuchen, an welchem der Riss in der realen Welt war.
    • Dort, wo es an anderen Stellen grau und karg, verweist und verdorrt war, war es hier im Zwielicht dröhnend laut und brechend voll. Hier gab es viel weniger Zwielicht als Leben.
      All die Wesen, die Geister, die Gestalten, die Geschöpfe, die woanders einher strömten, um dem gewaltigen Licht zu folgen, das Aradans Seele im Zwielicht verströmte, waren hier bereits an einem Fleck versammelt - und er tauchte mitten unter ihnen auf. Sein Licht erhellte ihre Gestalten, dunkle, verzerrte Fratzen und ausgemergelte Körper, schwarze Höhlen oder weiße, aufgerissene Augen, denen die Augenlider zu fehlen schienen. Knochige Gestalten, so viel Mensch wie sie Skelette zu sein schienen oder was auch immer ihre Wesen darstellen mochten. Und sie alle schrien und kreischten und ächzten und lachten in einer einzigen, die Ohren betäubenden Kakofonie.
      Aradan verblieb etwa eine Sekunde, um zu handeln und etwas dagegen zu unternehmen, dass er in der Masse aller Zwielicht-Bewohner augenblicklich unterging, denn sein Licht strahlte hell und zog die Wesen sofort wie ein übergroßer Magnet zu sich. Womöglich hätte jemand wie Urudin ihn davor warnen können, dass er an einem Ort wie diesen nicht so unbedacht hinüber wechseln konnte, wie es woanders möglich war. Vielleicht hätte auch niemand die Wucht einschätzen können, mit der er hier im Meer des Zwielichts unterging.
      Aber Aradan wäre nicht so weit gekommen, wenn ihm ein derartiges Kunststück nicht gelingen würde. Er brachte die Kreaturen und den Lärm auf Abstand und dann, als er sich in mittelmäßige Sicherheit begeben hatte, tauchte er auf.
      Die Luft flimmerte und flackerte, wie jedes Mal, wenn Urudin sich bei ihm manifestierte. Es war ein Geheimnis, wo er sich sonst bewegte und wie er dabei immer auf Aradan stieß, immer zur rechten Zeit, fast augenblicklich, sobald der andere ihn rief. Aber es war auch immer dieselbe Leier, immer das Flackern und dann die ersten Formen, ganz dicht gefolgt von der brüchigen Stimme des Geistes, der sich Urudin taufte und der, wenn überhaupt, Gespräche mit sich selbst führte.
      "... war ein Fehler zu sein... wie es nur soweit... es ist nicht..."
      Sein Körper bildete sich in der Luft vor Aradan und wie auch schon beim letzten Mal schien er den Mann nicht wirklich zu registrieren; der Kopf, der sich erst nach und nach formte, war in eine andere Richtung ausgerichtet, die Augen halb geschlossen. Er sah anders aus als beim letzten Mal, älter irgendwie. Schattiger. Auch beim letzten Mal hatte er Schwierigkeiten gehabt, sich vollständig in der Luft zu materialisieren und auch jetzt flackerte seine Gestalt in einem unbeständigen, ungesunden Rhythmus.
      Er tauchte auf und dann, nach einer Ewigkeit, wandte er sich Aradan zu. Seine Augen blinzelten, sein Blick schien durch ihn hindurchzugehen.
      "Ah... Lichtgesegneter... hier? Sie ist auch hier. Nun, sie ist nicht, aber ein Teil von ihr... ist... hier...."
      Er machte eine Geste mit seiner halb durchsichtigen Hand, als würde er etwas hochheben und präsentieren. Er hob sie in die Luft, die Handfläche nach oben gerichtet und hielt sie dort für einen Moment, als würde das alles gesagte erklären, bevor er sie wieder herunternahm.
      "... Die Frau."
    • Schnell war sich Aradan bewusst, dass er sich nicht zu viel Zeit im Zwielicht lassen konnte. Mit so wenig Reserven wäre er früher wohl nicht hierher gegangen, doch zwang ihn die Situation und die Hoffnung auf Antworten dazu dieses Risiko einzugehen.
      Wie erwartet war dieser Ort gerade zu verpestet mit umher fliegenden Geistern, also blieb Aradan nichts anderes übrig als eine kleine Schutzkuppel zu wirken um sicheren Schrittes weiter zu kommen.

      Noch bevor er aber den Ort erreicht hatte, von welchem er zuvor mit Elraya und Jarku aus hinab auf die Versammlung der Wesen geschaut hatte, hielt ihn ein merkwürdig vertrautes Gefühl noch vor dem Aufstieg des Hügels an.
      Sich vorerst unsicher umsehend, beruhigte sich Aradan schnell wieder, als er diese flimmernd flackernde Luft vor sich erblickte. Das konnte nur eines bedeuten. Urudin.
      Es war schon eine lange Zeit her gewesen, dass sich beide im Zwielicht begegnet sind aber vielleicht könnten so auch schon viele Fragen beantwortet werden.

      "Urudin!", rief Aradan erleichtert aus, doch seine Freude wich rasch und machte Platz für schmerzliche Erinnerung, als er den Geist vor sich sah. Urudin schien sich wie immer sehr langsam zu manifestieren, seine Gestalt flackerte in einem ungesunden Rhythmus und sein Blick schien mal wieder eher durch ihn durch zu stechen, statt sein Gegenüber bewusst wahrzunehmen.
      Schnell folgte auch wieder der Schwall von nichtssagenden Worten samt herumwirbelnden Händen.. als würde das für eine bessere Erklärung sorgen.

      Aradan seufzte innerlich. Seine Geduld schwand.
      "Urudin. Du musst dich konzentrieren. Ich brauche klare Antworten. Wer ist "sie"? Was ist hier los? Warum ist dort drüben ein großes Loch das Wesen zu gebären scheint? Deine Worte sind absolut unverständlich und bringen mich kein Stück weiter."
      Doch reagierte Urudin weder auf das was Aradan sagte, noch ging er logisch darauf ein. Es folgten nur weitere undeutliche Worte, doch wenigstens schien in diesen hervor zu gehen, dass Urudin endlich wusste wer vor ihm stand, auch wenn das noch nicht viel hieß.
      Aradan knirschte frustriert mit den Zähnen. Wie um alles in der Welt könnte er etwas klares aus Urudin hinaus bekommen. Er hatte gehofft auf klare Hinweise und Hilfe von Urudin zu bekommen, doch dieser schien mehr mit sich selbst zu sprechen als mit ihm. Aradan versuchte seine Enttäuschung zu verbergen und Urudin zu ermutigen, sich zu sammeln und den Fokus auf die Manifestation zu lenken.

      "Urudin, ich bitte dich. Ich brauche deine Hilfe. Deine Informationen. Konzentriere dich und versuche mir zu erklären, was hier vor sich geht. Von welcher Frau redest du? Etwa von Minerva? Was hat es mit dieser Frau auf sich? Und wie hast du mich überhaupt hier gefunden?"
      Aradans Augen funkelten in der Dunkelheit des Zwielichts vor Erwartung, während er auf eine bessere Antwort hoffte.
    • Urudin legte den Kopf schief. Sein Körper neigte sich leicht mit, so als hätte die Bewegung ihm einen Schwung verpasst, der ihn schräg nach oben zog.
      "Die. Frau."
      Er blinzelte nicht. Vielleicht kam daher der Eindruck, dass ihm seine Augen manchmal hervorzuquellen schienen.
      "Sie ist nicht, aber ich erkenne Fasern... Strukturen... wie der Lichtgesegnete ohne Licht..."
      Seine Hand hob sich wieder, auch wenn sie jetzt ebenfalls schräg war. Dieses Mal materialisierte sich aber etwas in seiner Handfläche, so wie er sich auch selbst aus der Luft geformt hatte. Ein Faden, ein silbriger, fransig wirkender Faden schien sich aus dem Nichts der Luft herauszuschlängeln und kräuselte sich ein weniger oberhalb seiner Handfläche. Er war nicht lang, aber er schien auch nicht unbedingt zu Ende zu sein, als er dort in der Luft schwebte und ganz fein nur pulsierte.
      Urudin richtete seinen verwaschenen Blick darauf. Er neigte den Kopf wieder, aber dieses Mal schwebte sein Körper nicht mit.
      "Das Zwielicht ist nicht, aber seine Grenze ist dünn. So, so dünn... nur einen Schritt zu weit und es wird..."
      Er hob seinen Blick von dem Faden zu Aradan, auch wenn er keins von beidem wirklich realisierte. Dann wand sich der Faden ganz, ganz langsam in Aradans Richtung und begann, auf ihn zuzuschweben.
      Er musste ihn nicht berühren, um es zu hören. Es kam von ganz alleine, ein winziges, leises Geräusch, das sich von dem kreischenden Umfeld außerhalb der Schutzkuppel nicht abgehoben hätte, wenn es nicht eine eigenartige Präsenz gehabt hätte. Eine Allgegenwärtigkeit.
      Das Weinen einer Frau.
      Reneras Weinen.
      Ihre Stimme war verzerrt, als käme sie nicht von einem Ort, sondern als käme sie von ganz vielen und würde durch den Faden erst an einen Ort und eine Stelle gelenkt. Renera war nicht in dem Faden und der Faden war auch nicht in ihr; sie war ein Teil des Zwielichts und der Faden repräsentierte einiger dieser Teile zusammengepresst auf einen einzigen Fleck.
      Hätte man über ausreichendes Wissen über das Zwielicht verfügt, hätte man erkennen können, was für eine einzigartige Macht hinter der Merkwürdigkeit von Urudin steckte, die es ihm erlaubte, ein solches Kunststück zu vollführen, ohne überhaupt die richtigen geistigen und bewussten Kapazitäten dafür zu haben.
      Urudin schien es nicht einmal selbst zu wissen.
      Er starrte weiter auf Aradan und gleichzeitig ins Nichts und wandte dann den Kopf, als in der Ferne Tumult ausbrach. Das, was in der richtigen Welt als schwarzes, eigentümliches Loch auftauchte, war hier wie ein gewaltiger, turmhoher Riss, der sämtliche Kreaturen mit seiner eigenartigen Anziehungskraft zu sich beorderte. Und genau in diesem Moment durchschritt eines der Wesen - das nicht annähernd so aussah wie eine Kreatur und doch zu einer werden würde - diesen Riss.

      Er flammte in seiner gesamten Länge auf, ähnlich dem beständigen Leuchten, das Aradan an sich hatte. Für einen Moment wurde die Umgebung strahlend hell und irgendwie warm, als der Riss in dieses Licht eingetaucht wurde und ein Donnern von sich gab, als wären sie inmitten einer Gewitterwolke. Es dauerte nur einen ganz kurzen Augenblick, dann war es wieder vorbei und die trübe Umgebung kehrte zu ihrer Eigenartigkeit zurück.
      Auch Urudin wandte sich wieder Aradan zu, als wäre ein Mensch im Zwielicht weitaus interessanter als ein riesiger, unnatürlicher, Wesen verschluckender Riss.
      "Das Tor. Es nimmt keine Seelen, es nimmt nur Körper. Nur richtige Körper..."
      Er wirkte traurig, machte aber auch keine Anstalten, sich vollständig zu materialisieren. Beim letzten Mal hatte es schon Probleme gegeben, als er einen wirklichen Körper angenommen hatte.
      Dann war die Emotion aus seinem Gesicht wieder verschwunden und sein Körper begann, sich langsam in die andere Richtung zu neigen. "Die Frau kann nicht durch das Tor. Braucht einen Körper. Körper wird nicht hier drin sein, niemals..."
      Seine Haare wirbelten ihm wie in Zeitlupe um den Kopf herum, schwerelos.
      "Solange Körper nicht im Zwielicht ist, kann er... g e n u t z t w e r d e n."
      Der Faden wandt sich mit einem Mal, als hätte er verstanden, was Urudin soeben gesagt hatte. Reneras Stimme änderte sich aber nicht, sie weinte weiter, egal was vor sich ging.
      Urudin hob die Hand und der Faden verblasste langsam, löste sich auf in unendliche Kleinteile und war dann wieder verschwunden, Teil des Zwielichts selbst. Sein Blick aber, der Blick des Geistes, hatte sich mit einem Mal mit bis dahin unbekannter Intensität auf Aradan festgesetzt.
      "Ich kann ihn nutzen."
    • Was hatte Aradan erwartet.. Natürlich war das erste was Urudin von sich gab so kryptisch wie zuvor. Wenn dahinter ein tieferer Sinn steckte, musste erst noch eine Person geboren werden um es zu verstehen.
      Sarkastisch flüsterte er schon mit verschränkten Armen leise mit.
      "Die Frau.. Natürlich.."
      "Strukturen... Lichtgesegnet ohne..."
      Da unterbrach Aradan ihn, seine Hände an die Seiten stemmend und machte der ganzen Konfrontation klar zu verstehen was er davon hielt.
      "Ja Urudin. Wasser ohne Feuchtigkeit, Kälte ohne Eis, Wachstum ohne Veränderung, Musik ohne Töne, Stille ohne ruhe... Ich VERSTEHE dich nicht!"
      Dabei hielt Aradan schon die Arme aufgebend auseinander, nur um erneut komplett ignoriert zu werden. Hörend wie Urudin schon seine nächste wohl unerklärliche Aktion begann.

      Dieses Mal konnte Aradan aber nicht umher gespannter zu sein. Die Aufmerksamkeit fiel auf Urudin's Hand und den dort seltsamen Faden zu beobachten, der auf eine Art magische Weise erschien, wie sie sich Aradan derzeit noch nicht erklären konnte. Er hatte etwas an sich wie er noch nie etwas im Zwielicht erschaffen hatte, dabei errichtete er schon eine ganze Kathedrale samt Inhalt von Erinnerungen und neuem Wissen dass es zu lernen galt.
      Diese Magie war jedoch etwas gänzlich anderes, von dem er noch nie etwas gelesen hatte.
      Doch als der Faden auf ihn zu kam, geschah etwas, dass Aradan hier am aller wenigsten erwartet hatte. Es war die Stimme einer Person, die dazu in der Lage war jede Faser in seinem Körper anzuspannen. Obendrein weinte diese Stimme. Augenblicklich legte sich ein Schatten auf Aradan's Rücken. Sein Blick verfinsterte sich.
      Als sei dieser Faden eine Bedrohung, schritt er zurück, doch als er sich sicher war, dass es Renera's Stimme war, machte er sich zu einem schnellen Griff bereit, welcher ins Leere ging, als der Faden verschwand und nichts als Urudin's überdrüssige Worte zurück lies, die Aradan nun nicht mehr genervt, sondern zornig flüsternd mit sprach.

      "Das Tor nimmt Körper? Keine Seelen?"
      In Aradans Augen wurde das Bild immer klarer. Seit Tagen wachte Renera nicht mehr auf und nun zeigte Urudin ihm einen unbekannten magischen Trick der ihre leidende Stimme offenbarte.
      "Interessant..."
      Flüsterte er mit finsterer Mine Urudin entgegen, welcher seine Sätze weiter formte als wäre Aradan nach wie vor nicht anwesend. Doch als sich sein Blick bei seinen letzten Worten nun endlich zu fokussieren schien, knallte Aradan die Sicherung durch. Der Kommentar Renera's Körper zu benutzen, rief all die Erinnerungen in ihm wach, wie Minerva ebenso versuchte mit Versprechungen und scheinheiligen Begründungen an die Kontrolle über den Körper zu kommen.

      Seine Mission komplett in den Hintergrund gerückt, teilte Aradan seine Kräfte nun nicht mehr ein. Er lies alles hinaus was noch in ihm war, was genug war um ein blendendes Licht über duzende Meter zu erzeugen. Dabei nahm er nicht nur im Zwielicht seine göttliche Gestalt samt weißer Kluft und abstehend welligen Haaren an, wie zuvor in der Königsstadt, sondern auch im Zelt in der realen Welt, was selbstverständlich alle im Lager sofort alarmierte. Es streute so viel Licht, dass sich alle im Lager fühlten, als zeigte ein riesen großer leuchtender Pfeil auf dessen Position. Nur durch den schnellen Wurf mehrerer Decken, Leinen und alles was sich sonst noch finden lies, konnte das Zelt in dem sich Aradan mit Renera befand, überworfen werden um kein Licht mehr nach außen zu streuen und mögliche Wesen auf dessen Position zu locken.

      Im Zwielicht stand nur ein zorniger lichtgesegneter Aradan vor Urudin, der in diesem Moment wohl eine größere Aufmerksamkeit auf sich zog als der Riss in der nahen Ferne.
      "Bist du es der Renera gefangen hält?! Hälst du sie im Zwielicht?!? SPRICH!!!"
      Bei seinem letzten Wort tauchte Aradan augenblicklich vor Urudin auf und lies seine Stimme unnatürlich laut durch jede Faser der rissigen Ebene schallen.

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    • Als Aradan in einem gewaltigen Kegel aus Licht explodierte, war es gerade so, als würde eine Schockwelle durch das ganze Zwielicht ziehen. Bäume erzitterten, die gar nicht getroffen worden waren, und Gestalten drehten sich um, die bisher dem Riss und nicht Aradan zugewandt waren. Eine Kraft drang durch das Zwielicht, die man von einem fernen Blickwinkel aus beinahe hätte beobachten können.
      Und Urudin, der inmitten dessen schwebte und den das gleißende Licht von Kopf bis Fuß erfasste, der starrte direkt hinein. Er riss die Augen weit auf und starrte, als sehne er sich danach, von dem Licht die Augen verbrannt zu bekommen. Es war hell und gleißend und die weiße, aufragende Gestalt, die daraus hervorkam, war von nicht weniger Macht gesegnet, dass es viel mehr als nur die Augen davon verbrannt wären.
      Aber Urudin sah nicht weg. Er starrte in den Kernpunkt des Lichts und nahm einen tiefen Atemzug, so als hätte er sich gerade erst daran erinnert, dass er als Geist auch Luft benötigte.
      Am Rand des Schildes, das Aradan aufgebaut hatte, drängten sich jetzt die Massen mit einer Kraft, die vorher noch nicht dagewesen war. Wenn sie sich bis dahin eher halbherzig auf den Riss zubewegt hatten, schoben sie jetzt mit all ihren Gewichten gegen das Schutzschild gleichzeitig, um zu der Quelle des Lichts zu gelangen. Ihre grauen Hände tasteten und drückten, schoben und kratzten über jede Stelle, die sie nur finden konnten. Ihre Geräusche waren ohrenbetäubend und um mindestens eine Oktave angeschwollen.
      Urudin richtete sich auf, was eher bedeutete, dass er sich wieder in eine vertikalere Position drehte. Aber etwas anderes veränderte sich an seiner Position auch, vielleicht, wie er ein bisschen den Rücken durchzustrecken schien oder wie sein Kopf sich etwas mehr hob. Eigentlich hätte es nicht auffallen müssen, aber nachdem er bis dahin sich nie darum geschert zu haben schien, wie sein Körper ausgerichtet war, war es jetzt umso auffälliger, dass er es tat.
      Sein Blick schweifte nicht mehr ab. Er sah nicht mehr durch Aradan hindurch. Er ruhte auf Aradans Augen und verließ ihn nicht.
      "Re-ne-ra", aus seinem Mund hörte es sich an wie ein Fremdwort, "ist nicht, so wie ich nicht bin. Das Zwielicht und ich sind eins. Das Zwielicht und Renera sind eins. Das Zwielicht und unendlich viele andere sind eins. Wir sind so wie das Zwielicht ist."
      Zum ersten Mal wirkten auch seine Worte halbwegs klar, nicht mehr das Gebrabbel das er sonst von sich gab - mit dem Unterschied, dass sie trotzdem nicht aussagekräftiger waren. Aber zum ersten Mal schien es, als wisse er gar nicht, was er sonst sagen sollte, als wäre eine Schranke dort, wo sich das eigentliche Wissen befand, das er Aradan in diesem Moment zu übermitteln versuchte.
      "Niemand hält sie. Es gibt nichts zu halten. Die Luft und sie ist eins, der Boden und sie ist eins. Das Zwielicht und sie ist eins."
      Er nahm einen weiteren Atemzug, ohne zu blinzeln. Die ganze Zeit hatte er schon nicht geblinzelt, als Geist wurden wohl die Augen nicht trocken.
      "Wenn sie bleibt, wird sie nicht mehr sein können. Sie wird auch das verlieren, was du gehört hast. Das Zwielicht und ihr Körper werden nicht mehr zueinander finden.
      Aber es braucht den Körper, um die Seele zu leiten. Ihr Körper und das Zwielicht sind nicht eins, er kann eine Brücke darstellen. Aber für diese Brücke braucht es den Körper. Die Realität."
    • Aradan bemerkte nach seinem zornigen Ausbruch schnell, wie unangebracht und unvorteilhaft sein Kontrollverlust war. Es war ihm sichtlich unangenehm sich dabei zu erwischen, so viel seiner letzten Kraft wegen einer Emotion verloren, und die eigentliche Mission gefährdet zu haben.
      So legte sich sein Zorn langsam während er sich auf Urudins kryptische Worte konzentrierte und nach wie vor weniger verstand als es ihm lieb war. Er zwang sich tief durchzuatmen, was das Licht, welches er ausstrahlte, wieder auf ein gesundes Maß reduzierte.
      Nach einem weiteren tiefen, beinahe meditativ Luftzug, gelang es Aradan auch wieder ruhiger zu sprechen.
      "Urudin. Ich verstehe, dass es hier im Zwielicht viel gibt, das ich nicht verstehe und noch einige Jahre brauche um deinen Worten folgen zu können. Aber ich bin gewillt mit dir zusammenzuarbeiten wenn ich Renera dadurch retten kann. Sie ist mir sehr wichtig und ich möchte wirklich verstehen, wie wir ihr helfen können."

      Nun wieder mehr den Fokus darauf legend, die Geister um sich herum zu vertreiben, nahm Aradan einen großen Schritt Abstand von Urudin und verschränkte seine Arme vor sich.
      "Fangen wir damit an, dass du mir versuchst zu erklären, wieso sie im Zwielicht gefangen ist. Ich habe die alten Runen von Rak'urkah genutzt um ihre Fähigkeiten im Kampf temporär zu steigern. Im Buch der alten Eldrisil gab es weitaus gefährlichere Runen Sprüche und keine einzige davon beschrieb Risiken die das Zwielicht oder Seelenwanderung zur folge haben. Auch der Körper der Rothaarigen hat die Runen akzeptiert ohne jegliche Folgen. Laut den Eldrisil gab es lediglich zwei Personen, welche diesem Zauber nicht überlebten und das auch nur weil er mehrfach am Tag über mehrere Wochen genutzt wurde."

      Mit seiner Erklärung ging Aradan viel eher für sich selbst die Ereignisse durch und hoffte auf einen Fehler zu stoßen den er rückgängig machen konnte, doch war er sich sicher, die Runen fehlerfrei angewandt zu haben.
      Es blieb also zu seinem Bedauern nichts anderes übrig als auf Urudin und dessen Hilfe zu vertrauen. Zumindest war sich Aradan sicher, dass Konfrontation und Zorn in diesem Fall nicht zur Hilfe beitragen würden.
    • Urudin blinzelte. Das musste eine gewillte Bewegung sein, denn bisher hatten sich seine Augen nie sonderlich anders bewegt, als die seichten Bewegungen seiner Pupillen. Es sah irgendwie fehl am Platz aus.
      "Rak'urkah."
      Er schien das Wort austesten zu wollen, ein Versuch, ob es von seinem Mund dieselbe Wirkung haben würde wie von Aradans.
      "Runen des Rak'urkah verlangen eine Bindung. Ein Tor."
      Sein Arm bewegte sich nach oben und nach hinten, so als würde er auf das Licht des Tores in der Ferne zeigen.
      "Sie öffnen alles gewesene und alles Sein. Sie binden, solange sie vollständig ist. Mit ihrer Auflösung löst sich auch die Verbindung."
      Die Haare um seinen Kopf fächerten auseinander, er begann, sich wieder langsam in eine Richtung zu neigen.
      "Sie sind geschlossen, aber die Bindung ist es nicht. Bestehen die Runen, aber reißt die Verbindung, ziehen zwei Seiten an dem selben Wirt, der beiden nichts mehr geben kann. Die Seite der Runen bekommt das Körperliche, die Seite der Bindung das Seelische, dann sind beide befriedigt."
      Er hob die Arme, die Handflächen nach oben gerichtet, eine Versinnbildlichung.
      "Der Ursprungszustand muss zurückgeführt werden. Eine Verbindung muss hergestellt werden und beide Seiten wieder zusammenführen. Dann können die Runen aufgelöst und die Bindung auf gewöhnliche Weise geschlossen werden."
      Er führte beide Hände zusammen und betrachtete dann Aradan, entweder, weil er auf eine Reaktion wartete, oder weil er wissen wollte, dass der andere verstanden hatte. Der Geist schien noch immer nicht gänzlich anwesend zu sein mit der Art und Weise, wie er noch immer flimmerte und schwirrte, auch wenn seine Worte womöglich verständlicher sein mochten. Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis er wieder dazu übergehen würde, sinnloses Geschwafel von sich zu geben.
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