[2er RPG] The Curse of Time {TobiMcCloud & Codren}

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    • Anthea verharrte atemlos an Ort und Stelle, den Blick unentwegt auf Lucius gerichtet. Sie hätte nicht vielen erlaubt ihr so nahe zu kommen, aber bei Luce war das etwas anderes. Es war seine suggestive Art, die sie manchmal fesselte, die Tatsache, dass seine Finger zu ihrem Schlüsselbein zogen und nicht an andere, auffälligere Körperstellen. Es fröstelte ihr leicht bei dem Hintergrundgedanken, den sie dabei austauschten: Sie übergab ihm die Kontrolle, sie ließ ihm den Willen, die schwächste Stelle an ihrem Körper auszunutzen. Und er tat es nicht. Das Vertrauen beruhte auf Gegenseitigkeit.
      "Daran habe ich keine Zweifel", flüsterte sie schließlich zurück, kaum lauter als Lucius selbst, während sie sich ihm entgegen lehnte. Für ihn wäre sie so weit gegangen, wie er nur wollte - nur für ihn. Sie hätte viel für Lucius getan, dessen er sich wahrscheinlich gar nicht mal bewusst war.
      Bevor die Situation allerdings noch eskalieren würde, unterbrach ein Ruf ihre Zusammenkunft, dicht gefolgt von dem Besitzer der Stimme, der in seiner protzigen Uniform um die Ecke auftauchte. Ein Stich der Enttäuschung durchfuhr Anthea, während sie beide voneinander Abstand nahmen. Dabei war sie der Überzeugung gewesen, dass sie einen Moment alleine hatten.
      Lucius hatte ein genauso loses Mundwerk wie sie selbst, anders wären sie wohl nie so sehr aneinander geraten. Sie amüsierte sich prächtig, während der Mann sich mit der Wache anlegte, zumindest so lange, bis der Soldat zu weit ging. Da zog sie die Stirn in Falten und schnalzte missmutig mit der Zunge, während sie die Beleidigung über sich ergehen ließ. Sie als vorlautes Miststück zu bezeichnen war eine Sache, aber Lucius zu schlagen? Das ging dann doch zu weit, auch wenn er sich schnell wieder davon erholt hatte.
      "Was ist eigentlich dein Problem?! Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, wie man mit Frauen redet?!"
      Sie tauschte einen Blick mit Lucius aus, der noch immer am Boden saß und keine Anstalten machte, so schnell wieder aufzustehen. Wie schon zuvor konnten sie auch ohne Worte kommunizieren, rein durch die Kraft ihres Blickes dieses Mal. Anthea grinste, dann zwinkerte sie ihm zu.

      Es gab verschiedene Ausgänge aus dieser Lage, wobei nicht alle mit dem Tod enden mussten. Natürlich könnte Anthea sich auch ergeben, sich in den Kerker werfen lassen und von dort aus wieder ausbrechen, aber dieses Mal ging es ihr ums Prinzip, dass sie selbst entschied, wann sie in den Kerker wanderte, und nicht irgendein dahergelaufener Soldat.
      Dann gab es natürlich auch noch die Möglichkeit zur Flucht, wenn auch zu einer spektakulären. Es war nicht immer verkehrt den Kampfort zu verlassen, besonders wenn man in der Unterzahl war und noch dazu eigentlich gar keine Lust auf eine Prügelei hatte - oder wenn es in diesem Fall so herrlich viele Ablenkungsmöglichkeiten gäbe. Die Häuser um sie herum waren alle morsch und schlecht bebaut und auf den Straßen lag teilweise der Müll von den Bettlern und Obdachlosen. Anthea war sich ihrer Fähigkeiten so sicher, dass sie keine Zweifel daran hatte, noch binnen 10 Minuten alle drei Männer abgeschüttelt zu haben.
      Aber in diesem speziellen Fall wollte sie nicht abhauen. Ein bisschen - vielleicht auch viel? - um Lucius zu beeindrucken und ihm zu beweisen, dass sie es durchaus noch drauf hatte, aber ein bisschen auch, weil der Soldat ihn niedergeschlagen hatte. Sie hatte kein Problem damit beleidigt zu werden, aber wenn es jemand wagte Lucius' hübsches Gesicht zu verunstalten, würde sie ihn nicht nur mit einem blauen Fleck davonkommen lassen.
      Also zog sie ihr Messer hervor und die drei Soldaten wandten sich ihr zu.

      Anthea hatte - wie beinahe alle ihrer Halbschwestern - eine Ausbildung in Melora erhalten. Sie war nicht so weit gegangen wie bei ihrer ältesten Schwester - sie hatte sie seit 12 Jahren schon nicht mehr gesehen und hoffte ein bisschen darauf, dass sie verreckt war - aber es war doch eine angemessene Grundausbildung gewesen. Die Ausbildung hatte ihr den Zugang zur Königsstadt verschafft und als sie einmal drin gewesen war und sich mit ihren Fähigkeiten durch anfängliche Konflikte geschlagen hatte, hatte sie sie in eine etwas andere Richtung ausgefeilt. Schließlich hatte sie gelernt, die Waffe gegen Kreaturen zu erheben, aber Menschen waren eigentlich nicht viel anders als Kreaturen. In den meisten Fällen lediglich kleiner, dünner und hässlicher.
      Als der vorderste Soldat auch bei ihr versuchte, den Knauf seines Schwertes in ihr Gesicht zu rammen, begleitet von höhnischen Bemerkungen darüber, dass man sie in die Männerzelle verfrachten wolle, duckte Anthea sich unter seiner Hand hindurch. Er reagierte beinahe genauso schnell - es wäre auch lachhaft gewesen, wenn es in dieser Stadt schlechte Soldaten gäbe - aber er rechnete mit einem Stich in seine Seite. Als er sich also in die andere Richtung wegdrehte, um ihrem Messer zu entgehen, dachte er nicht daran, dass sie die Klinge stattdessen in seine Achsel jagen würde.
      Er schrie auf und schlug nach ihr. Sie ließ das Messer stecken, schlitterte stattdessen noch näher heran und riss ihm das Kurzschwert vom Gürtel. Als seine Waffe auf sie niederfuhr, parierte sie die Klinge von unten herab ab, schwang sie herum und entwaffnete ihn.
      Die anderen beiden Soldaten waren schnell zur Stelle, um ihrem verwundetem Kollegen zu helfen. Anthea wich vor ihnen zurück, als sie zu zweit auf sie zukamen, und hielt nach einer Lücke Ausschau, so wie Wilk ihr einst beigebracht hatte. Sie fand keine. Als beide schließlich nach ihr griffen, musste sie stattdessen in eine Nebenstraße flüchten.
      Dort fand sie aber gleich ihre Rettung in einem stinkenden Müllhaufen, der sich am Straßenrand aufhäufte. Sie grinste und sprang nach oben. Chaos und Verwirrung, das waren Antheas Markenzeichen und kein langweiliger, eintöniger Schwertkampf auf offener Straße.
      Der Haufen kollabierte unter ihr und fiel den Soldaten entgegen, die um die Ecke bogen. Sie fluchten und sprangen zurück, während Anthea die Balance hielt und sich von einem morschen Holzgestell abstieß, das unter ihrem Gewicht zusammenbrach. Sie segelte durch die Luft und war hinter den Soldaten, als diese vor dem fallenden Müllberg zurückwichen. Den einen erwischte sie in der Lücke seiner Hüftplatte, der andere war schneller und schlug mit seiner Waffe nach ihr. Allerdings wurde er da von dem fallenden Müll ergriffen und geriet ins Straucheln, sodass seine Waffe sie um Meilen verfehlte. Sie selbst hatte keine Probleme mit dem rollenden Müll, sie erkannte die Ordnung im Chaos und wusste sie zu nutzen. Leichtfüßig sprang sie über den verdreckten Boden, bediente sich an dem Arsenal des auf die Knie gesunkenen Soldaten - sie erwischte ein Seil, wie lustig - und überwältigte ihn damit selbst. Als er auf dem Boden lag, die Hände verbunden und das Schwert im Müll versunken, richtete sie sich schließlich auf und blickte auf ihr Chaos hinab.
      "Hübsch."
      Dann sah sie auf die Soldaten. Alle drei waren noch am Leben, aber nicht mehr sehr kampffähig, geschweige denn willig.
      "Tut mir leid Jungs, aber ich habe keine Lust auf einen Steckbrief. Ihr hättet wissen müssen, dass man die vorlaute Thea nicht einfach so in den Kerker verfrachten wollen sollte, hmm?"
      Dem einen schlitzte sie die Kehle auf, den anderen köpfte sie und dem dritten stieß sie das Kurzschwert in seinen Bauch. Dann ließ sie die Waffe fallen, holte sich ihr Messer zurück und kam bei Lucius zum Stehen.
      "Beim nächsten Mal bist du wieder dran. ... Du hast da noch was."
      Sie wischte ihm mit dem Daumen Blut von der Wange, eine beinahe fürsorgliche Geste, wenn sie nicht selbst mit Blut bespritzt wäre, ein Messer in der Hand hielt und sie sich beide in einer dunklen, stinkenden Gasse befanden. Die Atmosphäre passte nicht ganz dazu.

      Trotzdem lächelte sie ihn an und rückte ihre Kleidung zurecht.
      "Behalt ein Auge auf Berek für mich. Aber halt dich demnächst aus meinen Angelegenheiten raus, du alter Stalker."
    • Lucius verblieb auf dem dreckigen Boden und betrachtete das Spektakel als wäre es ein Theaterstück. Dass die Soldaten bald schon ihren Tod fanden, war schon aus dem kleinen Zwinkern Thea's zu entnehmen. Eines, welches er vergötterte, denn hieß es nicht nur dass sie einander noch immer blind verstanden, sondern dass in Anthea immerzu ein kleiner Schalter umlegte, der sie richtig aufdrehen lies, egal um was es dabei ging.
      Lange dauerte es nicht, da fand der Dolch auch schon den Platz in des Soldatens Achsel. Lucius klatschte amüsiert. Gefolgt von einem Lachen als Anthea an ihm vorbei flitzte und die Soldaten hinter ihr her wetzten wie alte Hausfrauen die ihren Mann durch die Straße jagten. Brüllend und schnaubend vor Wut. In Anthea sah er immer wieder eine Künstlerin die statt einer Leinwand die Stadt und den Dolch statt Pinsel führen konnte wie keine Zweite.
      Da nun das Schauspiel hinter ihm ablief, stand er doch auf und klopfte sich den Dreck von seiner Kleidung, was keinen großen Effekt hatte, da er wohl in eine Pfütze gefallen war. Doch ein bisschen nasse Kleidung würde niemals seine Stimmung trüben, wenn er stattdessen Anthea beim Malen beobachten konnte.
      Als sie gen Ende jedem Einzelnen das Leben nahm, bekam Lucius eine Gänsehaut. Der Wahnsinn in ihm kam kurz hoch. Einer der vielen Gründe weswegen er es vorzog keine schneidenden Waffen mehr zu nutzen. Zu leicht verlor er die Kontrolle über sich, was nie vorteilhaft während eines wichtigen Auftrags war.

      Erst als Anthea auf ihn zu kam, lies er seinen Blick von den ausblutenden Wachen zu ihr wandern, was ihm wieder sein amüsiertes Grinsen auf die Lippen zauberte.
      "Aber aber. Ich sehe dir doch so gerne dabei zu"
      Auch er konnte nicht davon ab lassen ihr etwas Blut von ihrer Schulter zu streichen, was beinahe albern war, immerhin hatte sie nicht grade wenig fremdes Blut an sich. Aber als Ausrede, sie einfach nur wieder zu berühren zu wollen, es aber nicht zu sagen, würde es wohl durch gehen.
      Erst Anthea's letzter Satz lies den Spaß in seinem Grinsen zu einem kalten, beinahe besorgten, deutlich gespielterem Grinsen wandeln ehe er sich mit einem flinken Schritt hinter Anthea beförderte. Daraufhin ging er leicht in die Knie um mit scharf anziehender Luft durch seiner Nase, beim wieder aufstehen den wundervollen Geruch von Anthea samt frischem Blut in sich aufzusaugen. Gefolgt von seinen Händen sie sich an ihrem Bauch schlossen. Eine Umarmung die schon viel zu lange nicht mehr stattgefunden hatte.
      Im Anschluss leckte Lucius Anthea über ihre Wange und flüsterte leise die Worte
      "Das werde ich... sei vorsichtig"
      Letzteres schien ihn dann doch etwas Überwindung gekostet zu haben, ehe sich seine Umarmung löste und er vollkommen lautlos in der dunklen Gasse verschwand noch bevor sich Anthea umdrehen konnte.

      Am nächsten Tag, früh am Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen die kalten Steinmauern des Südtors bedeckten, beehrte Berek langsamen Schrittes, stehts die Gegend sondierend, Anthea mit seinem Auftauchen. Es war beinahe schon zu ruhig für seinen Geschmack aber das hatten die meisten Tage in der Früh so an sich.
      "Morgen..."
      Grummelte er, noch von einem schlecht bezahlten kleinen Job kurz zuvor verstimmt.
      Mit verschränkten Armen sah er auf das Tor hinunter und versuchte sich ein Bild über die Lage zu machen.
      "Also? Was erwartet uns? Oder eher, was vermutest du? Ist diese Anzahl der Wachen normal für ein solches Tor oder muss man generell auf schlecht geplante Aktionen in dieser Stadt gefasst sein?"

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    • Anthea stopfte sich gerade ein Stück Orange in den Mund, als Berek auftauchte.
      Nach dem, was Lucius ihr vergangene Nacht erzählt hatte - bzw. wie er sie gewarnt hatte - verspürte sie ein plötzliches, grundlegendes Misstrauen gegenüber diesem Mann, als ob er sie höchstpersönlich betrogen und hintergangen hätte. Sicher, sie wusste worauf sie sich eingelassen hatte, als Berek sich ihr präsentiert hatte - oder zumindest glaubte sie es - aber nachdem Luce das Risiko auf sich genommen hatte, sie persönlich vor ihm zu warnen, war sie sich ihrer ganzen Sache höchst unsicher. Am liebsten hätte sie sich ihre paar Informationen von ihm geholt, ihn bezahlt und dann wären sie getrennter Wege gegangen.
      Aber er hatte die Informationen noch nicht, deswegen waren sie schließlich hier, und Anthea hielt es auch nicht für klug, ihn zu vorschnell zu entlassen. In der jetzigen Konstellation konnte sie ihn gut im Auge behalten und außerdem hatte sie eine gewisse Macht über ihn, solange sie seine Auftraggeberin war.
      Also doch nicht getrennter Wege gehen. Zähne zusammenbeißen, zusammenarbeiten und darauf hoffen, dass Lucius mit was-auch-immer er im Hintergrund veranstaltete, früher oder später Erfolg hatte.
      Sie schob sich von der Kiste und stellte sich auf, den Blick auf Berek gerichtet, auf seine Gestalt. Irgendwie kam er ihr bedrohlicher vor als noch am Vortag - sicher auch eine Nebenwirkung ihrer jüngsten Erkenntnisse.
      "Morgen."
      Sie reichte ihm ungezwungen ein Stück ihrer Orange - sie war ziemlich stolz drauf, so lässig rüberzukommen - und bedeutete ihm dann, ihr zu folgen.
      "Die letzten Tage waren alle ruhig, deswegen glaube ich, dass heute nicht anders sein wird. Wir beobachten bis so, ungefähr, neun Uhr."
      Sie schlenderte mit ihm den Platz entlang und an der Statue vorbei. Ziellos strebte sie ein paar der Stände an, die noch leer standen.
      "Das Tor ist gut besetzt, nicht mehr oder weniger als sonst. Die Soldaten da oben", sie deutete die Mauer hoch, "sind nur ein Bruchteil von denen, die stationiert sind. In den Türmen sind jeweils ein weiteres Dutzend", sie zeigte mit ihrer Hand entsprechend, "und am Boden sind noch ein Dutzend. Alle zehn Minuten kommt aus jeweils einer Richtung eine Patrouille von sechs bis acht Mann vorbei und die Wachablösung findet um sechs Uhr statt. Die Waffenkaserne ist dort hinten", sie zeigte wieder, "und etwa eine Viertelstunde entfernt. Jegliche außerdienstliche Verstärkung braucht also mindestens mal eine Viertelstunde hierher."
      Sie schlenderten an den Ständen vorbei. Anthea war selbst müde, mehr als sonst sogar - der Kampf letzte Nacht hatte sie schon ein bisschen ermüdet - aber sie zwang sich aufmerksam zu sein, nicht wenig deswegen, weil Berek genau neben ihr ging. Sie musste aufpassen, damit sie sich nicht in seine Spielchen verzwicken ließ.
      "Um acht ist hier am Tor am meisten los, dann versuchen nämlich alle, die gestern schon nicht reingekommen sind, heute wieder reinzukommen. Du wirst den Ansturm vor den Toren sicherlich auch mal mitbekommen haben."
      Anthea hatte mal entfernt mitgekriegt, dass deshalb so wenig Leute wirklich hereingelassen wurden, weil die Stadt schlichtweg zu klein für einen solchen Andrang war. Sie konnten einfach nicht jeden hereinlassen. Es war beinahe schon ein Privileg, wenn man es doch schaffte.
      Sie blieb schließlich stehen, lehnte sich gegen einen Pfosten, verschränkte die Arme und ließ ihren Blick über die Gegend schweifen.
      "Um sechs Uhr, zur Wachablösung, gehen auch meine Männer auf Position. Ich habe ein paar bei den Kasernen, ein paar auf den Dächern, ein paar unter den Händlern. Wenn das Zeichen kommt, gebe ich den Startschuss und sie werden diesen Ort hier in Stücke reißen."
      Sie grinste ungewollt, auch wenn sie eigentlich ihre Lässigkeit behalten wollen hätte. Dann sah sie Berek direkt an, dessen Blick sie bis dahin ausgewichen war.
      "Frag mich nicht, warum es das Südtor sein soll. Das Nordtor macht viel mehr Sinn, in meinen Augen, oder wenigstens das Westtor. Frag mich auch nicht, warum ich gerade dann gebraucht werde, wenn der Ansturm am größten ist - als wollten sie, dass man sie nicht hereinlässt. Frag mich auch nicht, was sie schmuggeln werden, ich bin mir ja noch nicht einmal sicher, ob das überhaupt der Grund ist, weshalb wir hier sind."
      Sie tippte sich mit den Fingern auf den Oberarm.
      "Das wirst du herausfinden, deswegen bezahle ich dich. Also, wie willst du das anstellen?"
    • Berek ging neben Anthea her als sie ihn grob herum führte. Innerlich notierte er sich jeden Winkel, jede Möglichkeit der Wachen ihn mit einem Bogen unter Beschuss zu nehmen. Jede Ecke aus der Verstärkung kommen, oder aufgeschreckte Passanten nerven könnten.
      Und auch wenn er es nicht zugegeben hätte, musste er künftig besser aufpassen was die Tragweite dieser besagten Bezirke mit sich bringt. Diese Frau neben ihm sollte so viele Untergebene haben? Wahrlich eine wundervoll chaotische Stadt.

      Doch wurde Berek dann unsanft aus seinen Gedanken gerissen, auf eine Art die ihn augenblicklich zum Kochen brachte. Ein alter Opa mit klarem Buckel, Wanderstock, grauen Haaren und langer alter Kleidung, die eher einer über geworfenen dreckigen Decke glich, rempelte ihn an. Oder fiel mehr rannte Berek diesen fast um.
      Doch nach dem Aufprall stieß Berek diesen mit beiden Händen so stark von sich, als hätte die Pest versucht auf ihn zu springen, wodurch der alte Mann augenblicklich im Dreck landete und sich den Arm schützend über das Gesicht hielt.
      "Fass mich nicht an und steh mir gefälligst nicht im Weg!!"
      Keifte Berek ihn an, wollte am liebsten noch einen Tritt in die Magengrube versenken, doch hätte das nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
      Sich also arg zusammenreißend, lies er von diesem Vorfall ab und wandte sich wieder der kleinen Lagebesprechung zu, welche er mit einer vorgehaltenen Faust, nachdenkend beantwortete.
      "Wenn es so wild zu läuft wie ich denke, wird es ein Leichtes sein etwas unstimmiges zu erkennen. Deine Leute können von mir aus tun was sie wollen, doch solange wir unser Ziel noch nicht erspäht haben, sollen sie sich zurück halten. Eine Panik ist exakt was was Schmuggler brauchen um in der Menge unter zu tauchen."
      Kurz in seine Tasche greifend, zog er einen kleinen Stein hervor, welcher in eine ovale Form geschliffen wurde und hielt diesen Anthea hin.
      "Nimm ihn in die Hand. Wenn er wärmer wird, habe ich das Ziel gefunden."
    • Die kleine Aufstellung der einzelnen Posten wurde jäh unterbrochen, als Berek von jemandem angerempelt wurde, der so aussah, als könne er jeden Moment an Altersschwäche sterben. Anthea war schockiert über den rapiden Wutausbruch, dem Berek unterlag und der beinahe dafür gesorgt hätte, dass er den Mann auf offener Straße verprügelt hätte. Sie starrte ihren Begleiter wortlos an, ein bisschen entsetzt, ein bisschen auch verunsichert. Als er sich schließlich wieder abwandte und weitersprach, als wären sie niemals unterbrochen worden, erkannte sie mit erschreckender Klarheit, dass sie diesen Mann nicht wütend erleben wollte. Niemals.
      Entsprechend vorsichtig gab sie eine Antwort.
      "Eine Panik ist das, wofür ich bezahlt werde - nicht erst darauf zu warten. Ich werde meinen Job erledigen und du deinen, das ist so abgemacht."
      Sie nahm den Stein dennoch entgegen, grundsätzlich um Berek nicht noch mehr zu reizen und runzelte die Stirn. Sie stellte stark in frage, ob ein Stein wie dieser anfangen könnte warm zu werden - und das auch noch auf Kommando? - aber auch das schluckte sie herunter. Stattdessen nickte sie nur.
      "Sicher."
      Also war er auch noch verrückt. Das war natürlich nicht sehr angenehm.
      Je schneller Anthea sich von ihm getrennt hätte, desto besser.

      Sie gingen noch ein Stück weiter und hingen dann größtenteils herum, wartend, beobachtend. Um sechs Uhr erfolgte die Wachablösung ohne jegliche Probleme, um sechs Uhr dreißig kamen die ersten Händler um ihre Stände zu befüllen, um sieben Uhr erwachte die Stadt allmählich zum Leben. Um sieben Uhr fünfundvierzig gab es den ersten für sie unsichtbaren Radau hinter den Toren.

      Um acht Uhr dreißig kam das Zeichen.

      Anthea hätte in eintausend Jahren nicht sagen können, woher sie wusste, dass das ihr Zeichen war. Sie hätte es sogar übersehen können, wenn ihr Auge nicht darauf geschult war, sämtliche unregelmäßigen Quellen zu entdecken, um einen Profit daraus zu schlagen. Ja, sie hatte wirklich keine Ahnung, woher sie das Zeichen als solches erkannte, denn das Zeichen war eine Taube.
      Der Vogel erhob sich von der anderen Seite der Mauer aus darüber hinweg, in ruckelnden Bewegungen während er hastig flatterte und gleichzeitig um sein Gleichgewicht kämpfte. Als er sich einigermaßen stabilisiert und an Höhe gewonnen hatte, zog er einen Moment orientierungslos über der Mauer dahin und flog dann zielstrebig in die Stadt hinein, auf einen unbekannten Ort zu, an dem wohl mal sein Brutkasten gestanden hatte. Es dauerte keine halbe Sekunde, dann war der Vogel auch schon wieder weg.
      Anthea starrte ihm wortlos nach, selbst nachdem er schon verschwunden war, bevor sie realisierte, dass das das Zeichen war, ihr Stichwort. Sie wusste nicht, woher sie das wusste, aber sie war sich ihrer Sache sicher.
      Plötzlich wurde sie hellwach.
      "Das ist es! Es geht los!"
      Sie sprang von dem geparkten Wagen, auf dem sie gesessen hatte, herunter und stürmte in Richtung der Kasernen. Sie lief allerdings nur zum Rand des Platzes, legte beide Finger in den Mund und pfiff ein Mal und schrill.
      Nach ein paar Sekunden folgte ein Pfiff zur Antwort, dann noch einer. Die Soldaten zum Fuß der Mauer wurden bereits auf sie aufmerksam. Sie winkte ihnen zu, fröhlich in ihrem plötzlichen Adrenalinschub und stürmte dann wieder zurück zur Mitte des Platzes und auf die Statue zu.

      Draußen vor den Toren hielt Elraya sich an den Schluss der winzigen Truppe, die in dem Gedränge um den Erhalt des Platzes kämpfte, den sie sich ergattert hatten. Es war mit dem Wagen schon schwierig genug durchzukommen und dann hatten sie auch noch die Anweisung bekommen, strikt zusammenzubleiben - komme was wolle. Elraya hielt es für überflüssig und war zudem auch noch genervt von den letzten Tagen der Reise, aber sie wagte es nicht, ihre Deckung in irgendeiner Weise aufzugeben. Sie war jetzt Teil irgendeines Kultes, der sich an Weißhaar vergreifen wollte und solange sie nicht wusste, was sie mit ihm anstellen wollten, würde sie sich wohl auch nicht einmischen.
      Es war schon ein Wunder, was sie bereit war für einen Menschen zu tun. Sie würde sicherstellen, dass sie dafür entschädigt wurde.
      "Was bringt uns ein einzelner Vogel?", fragte sie ihren Nachbarmann flüsternd, wobei sie immer noch laut reden musste, um bei dem Lärm überhaupt verstanden zu werden.
      "Der hatte doch nicht einmal eine Nachricht dabei. Wie soll da irgendwer wissen, dass wir hier sind?"
      Der Mann zuckte mit den Schultern.
      "Vielleicht ist es ja ein besonderer Vogel, den man erkennen kann oder so. Was weiß ich."
      "Hm. Vielleicht."
      Sie wandte sich wieder nach vorne. Das Gedränge ging weiter.
      Etwa eine Minute nachdem der Vogel die Mauer überquert hatte, krachte es plötzlich und unmittelbar.
      Die Explosion war so laut und markerschütternd, dass sie die Erde unter ihren Füßen ergriff und für einen Moment durchschüttelte, als würde eine riesige, unsichtbare Hand den Boden bewegen. Die Mauer hielt eine mögliche Druckwelle ab, ganz zu schweigen von der Hitze, aber der Lärm drang dennoch ungefiltert zu ihnen durch. Kurz darauf stieg eine geballte, pechschwarze Rauchwolke in den Himmel auf.
      Die Soldaten auf der Mauer gerieten in Aufruhr. Sie brüllten sich gegenseitig Befehle zu, rannten auf der Mauer entlang und versuchten zweifellos auf den Boden zu gelangen, um was auch immer dort vorging in den Griff zu bekommen. Die Menge wurde unruhig, panisch sogar, und dann wurde das Tor verschlossen. Die Soldaten bedauerten es ihnen mitteilen zu müssen, dass für heute niemand mehr passieren könnte.
      "Hä?"
      Elraya versuchte nach vorne zu sehen, aber die Menschen versperrten ihr die Sicht.
      "Sollten wir nicht durchkommen?"
      Dieses Mal fühlte ihr Nachbar sich nicht angesprochen, also antwortete er auch nicht. Elraya versuchte weiter einen Blick nach vorne zu erhaschen.

      Hinter der Mauer hatte Anthea die riesige Statue in die Luft gesprengt.
      Natürlich hatte sie den Stein nicht direkt gesprengt, das wäre wohl kaum so laut und erschütternd und grandios gewesen; nein, sie hatte die Kanalisation darunter gesprengt. Der Informant, der sie über die Lage informiert hatte, hatte einen saftigen Bonus erhalten und sie hatte im Gegenzug einige Tage in einer stinkenden Kloake verbracht, um den Sprengstoff anzubringen. Sie hatte sich die Hilfe von Experten geholt, um auszurechnen, wo sie ihn genau anbringen musste, um das zu erreichen, was sie geplant hatte.
      Und es funktionierte.
      Die Kanalisation explodierte so stark, dass es den Boden aufriss und die Statue mit der Druckwelle ein Stück in die Höhe katapultierte. Von der plötzlichen Hitze wurden die kleineren Sprengstoffteile an der Statue selbst entzündet und noch während sie in der Luft war, explodierte es ein zweites Mal. Diese letzte Explosion riss die Statue auseinander.
      Es regnete Gesteinsbrocken und davon nicht wenig. Sie verteilten sich über die gesamte Fläche, ein tödlicher Regen dunkelgrauer Brocken, die auf dem geschundenen Boden aufkrachten und ihn noch mehr in Mitleidenschaft zogen. Ein dünner Nebel aus Rauch erhob sich um sie herum, nicht minder von der noch brennenden Kanalisation, dessen Feuer wie ein Tor zur Hölle aus dem Boden brach.
      Anthea war schon lange wieder weg, zurück in Sicherheit, wo sie von keinem fallenden Stein zerquetscht würde. Sie beobachtete die Lage, die Soldaten, die panischen Händler. Sie wartete auf den Moment, um ihr nächstes Zeichen zu geben.
      Die Tiere waren die ersten, die vollkommen durchdrehten und unkontrolliert über den Platz flüchteten. Hauptsächlich Esel mit wertvoller Fracht auf ihren Wägen sprinteten mit vollster Geschwindigkeit an ihnen vorbei auf der Suche nach Sicherheit, dicht gefolgt von Hühnern, Schweinen, Pferden. Ihre Besitzer kamen ihnen teilweise nach, teilweise flüchteten sie aber auch selbst. In dem aufkommenden Chaos wartete Anthea darauf, dass sich die ersten Soldaten einmischen würden. Sie hatte eine Viertelstunde Zeit, aber sie brauchte nicht mehr als fünf Minuten.
      Als die ersten kamen, gab sie ihr Zeichen.
      "JETZT! JETZTJETZTJETZT!"
      Es knallte erneut, aber dieses Mal waren es Stände, die in die Luft flogen. Jeder dritte Stand wurde zerfetzt, ein einziger Knall aus splitterndem Holz, als sie alle auseinanderbrachen. Dann folgten die Dächer der Häuser rundum, die in vielen einzelnen, haushohen Flammenwänden aufgingen.
      Erst, als auch die Dächer brannten, war erst das Kunstwerk ersichtlich, das Anthea geschaffen hatte: Eine glühende, zerstörte, Feuer speiende Mitte, die gesäumt war von zerbrochenen Statuenteilen, und dann ein brennender, riesiger Kreis außenrum. Das gesamte Tor war in einen Halbkreis aus unbezwingbarem Chaos getaucht.
      "Hah!"
      Anthea jubellierte, während sie sich in die Tasche griff und eine Maske hervor holte. Ein solches Maß an Zerstörung erforderte selbst von ihr eine gewisse Diskretion.
      Sie packte ihr Messer aus, warf einen Blick auf das ansteigende Chaos und stürzte sich dann mitten hinein, um den letzten Schritt zu vollziehen.

      Der Lärm schwoll auch vor den Toren an, eine ansteckende Panik unter den Leuten, die sich nun nicht entscheiden konnten, ob sie in die Stadt oder doch vielleicht lieber weg wollten. Die meisten entschieden sich allerdings für ersteres und so stieg das Gedränge eher noch an.
      Elraya konnte einen Blick auf die Wachen erhaschen, die die Meute unter Kontrolle zu bringen versuchten, während sie selbst herausfinden wollten, was hinter den Toren vor sich ging. Sie brüllten und drängten und zogen schließlich ihre Waffen.
      Es war nicht lange nachdem sie die ersten Leute mit ihrer Autorität bedroht hatten, als das Tor plötzlich ein merkwürdig dunkles Knacken von sich gab, als würde das Holz splittern. Bei dem Lärm, den Rauchschwaden am Himmel und dem Gedränge fiel es kaum jemandem auf, aber Elraya bemerkte es. Und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte.
      Der Andrang ging unbeirrt weiter, etwa eine weitere Minute lang, ehe das Tor plötzlich nach innen hin aufsprang, als hätte es eine unsichtbare Druckwelle getroffen. Die Soldaten, denen nun der Schutz im Rücken fehlte, stolperten unter der Wucht der Menge zurück und wurden mit Rufen nach Verstärkung begraben, als die ganze Meute auf einmal hineindrang.

      Das Chaos war perfekt, als die Tore geöffnet wurden.
      Wenn es bisher noch Kontrolle über die Panik auf dem Platz gegeben hätte, war sie spätestens dann völlig zunichte gemacht, als der Ansturm ungehindert durch die Lücke drang, eine einzige Masse aus Leuten, die sich sofort in sämtliche Richtungen ergoss, nur weg vom Tor und hinein in die Stadt. Sie drängten das bereits existierende Chaos weiter zurück bis kaum mehr Platz war, um sich seiner Panik gänzlich zu ergeben: Flammenwände um sie herum und ein steinender, unebener Boden, aus dem es brannte. Es gab nur wenige Wege, die tatsächlich in Sicherheit führten und überall war das Gedränge so groß, dass es keinen Überblick mehr gab.

      Anthea lachte. Sie wandt sich durch die Menge, während sie Soldaten herauspflügte, um ihnen unbedacht ihr Messer in den Hals zu rammen. Sie wusste nicht wo Berek war - sie wusste ja noch nicht einmal, wo sie selbst war; alles war voll und laut und so unglaublich dicht, dass sie selbst hin und her gestoßen wurde - aber sie liebte es. Das war ihr Werk, ihre Kunst, ihr Talent, ihre Fähigkeit. Sie allein war dazu imstande, ein solches Chaos innerhalb von fünf Minuten zustande zu bringen und es aufrecht zu erhalten, es jedem Soldat zu vereiteln, auch nur ein bisschen Ordnung in das Chaos zu bringen. Sie würden Stunden brauchen, um den Platz einigermaßen leer und zudem sauber zu bekommen. Sie würden Tage brauchen, bis sie den aufgebrochenen Boden geflickt hätten. Und das alles nur wegen Anthea. Sie war die Herrin des Chaos und sie lachte, weil sie es liebte.
    • Was für ein enormes Spektakel. Dachte sich die Spinne aus Shegar als Anthea, seiner Anweisung trotzend, ihr eigenes Ding durch zog, welches darin endete, dass teile des Bodens in sich zusammen gefallen waren, eine Menge Trümmer den freien weg auf dem Platz erschwerten und, zu seinem Vorteil, jede Menge Feuer brannte. Obendrein sorgte die enorme Panik aller Leute, dass Berek seine Fähigkeiten frei nutzen konnte, ohne dabei auffällig zu wirken. So fiel es ihm äußerst leicht das Chaos auszunutzen, indem er sich einfach selbst zum Feuerteufel wandelte und in die Flammen hinein sprang. Solange die Feuer eng genug beieinander lagen, konnte er sich darin vollkommen frei bewegen als wäre er das Feuer selbst.
      So huschte er in Sekunden immer wieder um das Schlachtfeld um nach auffälligen Menschen ausschau zu halten.
      Vorerst fiel ihm keine einzige Person auf, doch dann strömten all jene die vor dem Tor standen hinein, was schon für ein ungeschultes Auge alles andere als unauffällig war.
      Arme Familien, Händler, Bettler, Gesandte, simple Wanderer und Vagabunden. Allesamt nichts im Vergleich zu dem auffällig geschützten Wagen der langsam hinein rollte. An der Spitze drei verhüllte Kuttenträger auf Pferden. Das musste einfach das Ziel sein. Sogar hinter dem kleinen Wagen waren berittene Kuttenträger. Was könnte nur in diesem Wagen sein, dass so einen Schutz bedurfte?
      Aber vorerst war das egal. Berek nutze seine Fähigkeit um den Stein, welchen er Anthea gab, zu erwärmen. Im Trubel dieses Chaos vielleicht auch etwas zu sehr erwärmte.

      Anschließend huschte er wieder durch die Flammen um einen besseren Blick in das Innere des Wagens zu bekommen, doch war immer etwas im Weg um einen klaren Blick zu gewähren. So flitzte er geschwind auf dem Platz umher um Anthea ausfindig zu machen. Als er sie fröhlich mordend fand, sprang er aus den Flammen hinaus und formte sich wieder zu seiner menschlichen Gestalt und blieb vor ihr stehen.
      "Da vorn. Zu viele Leute in Kutten die auf Pferden reiten. Die drei Berittenen vorne, tragen ganz offensichtlich eine leichte Rüstung darunter. Sie transportieren etwas und wollen dabei harmlos wirken. Klingt ganz nach dem Grad ein Geheimnissen das du zu suchen scheinst. Was genau im inneren des Wagens ist, weiß ich nicht. Aber ich glaube die Silhouette einer Person erkannt zu haben. Ihr einziger Weg wäre der dort hinten."
      Er zeigte in eine Gasse die nicht von Trümmern und Feuer versperrt war.
      "Sie ist als Einzige breit genug um den Wagen durch zu bekommen."
    • Das Gemetzel dauerte lange und es gab keine Aussicht darauf, dass es sich jemals legen würde. Die Feuer blühten auf den Dächern auf und der unebene - und teilweise selbst brennende - Boden vergrößerte die Massenpanik stets, wenn die Soldaten sie eigentlich in den Griff bekommen wollten.
      Es war die reinste Perfektion.
      Anthea hatte sich ein paar von den armen Ordnungshütern geschnappt und sie massakriert, einfach um den Boden mit ein paar Leichen zu säumen. Sie war gerade bei ihrem nächsten Opfer, das ihrem Angriff entging und stattdessen mit seinem Schwert einen panischen Händler köpfte - wie unglaublich perfekt! - als der Stein in ihrer Hand plötzlich warm wurde. Sogar mehr als das.
      "Au! Fuck!"
      Sie ließ das glühende Ding ihn los, im gleichen Augenblick als das Schwert sie beinahe doch getroffen hätte, und sprang rückwärts in die Menge hinein, um sich innerhalb von Sekunden von dem Soldaten zu entfernen. Keine halbe Sekunde später stand auch schon Berek vor ihr, wie ein verdammter Geist, der sich in ihrer Welt soeben manifestiert hatte.

      "Ah! Verdammt, du hast mich erschreckt!"
      Sie fuchtelte energisch mit ihrem Dolch, bevor sie ihn beiseite steckte und sich auf Berek konzentrierte. Ihre Befürchtungen darüber, was der Mann versuchen könnte anzustellen, hatten sich in dem Chaos wieder ein bisschen gelegt; soweit sogar, dass sie ihm Glauben schenken konnte.
      "Ein Wagen. Wie groß? Ein gewöhnlicher Handelswagen? Ein Reisewagen? Transporter?"
      Sie ging gedanklich bereits die Möglichkeiten durch, die ein solcher Wagen in der Stadt hatte. Er konnte nicht in alle Gassen abbiegen, nicht solange er seine Fracht nicht gefährden und womöglich stecken bleiben wollte. Also vermutlich eher Straßen.
      "Du hast recht - da hindurch und dann auf die Straße hinaus. Nicht die Hauptstraße, vermutlich, aber die parallele. Los, bevor er uns verschwindet!"
      Sie wandte sich mit einiger Trauer von dem Chaos ab, das zu wunderschön war um zurückgelassen zu werden und lief dann mit Berek auf die Gasse zu. Auch hier tummelte es sich bereits, aber die Soldaten waren schon dabei, einen Durchgang zu schaffen, um den Platz zu räumen.
      Sie stellten sich an den Rand des Geschehens und beobachteten das Heranrollen des Wagens.

      Die Tiere scheuten bereits vor den aufragenden Flammen und der Kutschführer hatte alle Mühe, sie zu bezähmen und weiterzuzwingen, als Elraya eine Bewegung aus dem Augenwinkel vernahm. Für eine kurze, fürchterlich erschreckende Sekunde war sie der Überzeugung, Bereks aufragende Gestalt zu sehen: Die stämmigen Schultern, das erhobene Haupt, den leicht gesenkten Kopf. Für einen grauenhaften Moment dachte sie, sie hätte ihn am Rand dieses Trubels gesehen.
      Aber das war unmöglich. Berek war vertrieben worden, er hatte wie ein räudiger, kranker Straßenköter den Schwanz eingezogen und sich dann aus dem Bild begeben müssen, um nicht noch vom Gesetz erwischt zu werden. Der Herzog hatte seine Stadt wiederbekommen und Berek war verschwunden, in irgendein Loch, aus dem Teufel wie er kletterten.
      Umso überraschter - und panischer - war sie, als sie den Kopf wandte und erkannte, dass ihre Augen sie nicht getäuscht hatten.
      Er war da. Er stand tatsächlich am Rand des Chaos' und beobachtete - und sein Blick war direkt auf den Wagen gerichtet. Auf ihren Wagen, hinter dem Elraya ging und sich schnell duckte, bevor sie die Kapuze tief ins Gesicht zog.
      "Scheiße!"
      Er hatte sie nicht gesehen, oder? Nein, das hatte er nicht. Er wusste ja gar nicht, ob sie noch lebte - und dabei sollte es auch bleiben.
      Sie verließ ihren Posten und eilte nach vorne, um die Aufmerksamkeit des Kutschführers zu erhaschen. Der Mann blickte zu ihr hinab und verzog das Gesicht, weil sie sich nicht an die Vorschriften hielt.
      "Wir müssen woanders hin! Wir können nicht zum Übergabeort gehen!"
      Sie wusste nicht einmal, wo der sein sollte, aber ihre Vermutung, dass einer existierte, war korrekt.
      "Stell dich wieder hinten hin, wir sind gleich durch."

      "Wir können nicht, wir werden beobachtet!"
      "Sicher wird uns irgendjemand beobachten - hier sind auch noch hundert andere Leute, die beobachtet werden. Wir werden nicht vom Plan abweichen."
      "Wir müssen! Oder jedenfalls sicherstellen, dass uns niemand folgt?!"
      Der Mann zögerte. Er schien ihren Punkt zu verstehen, auch wenn es ihm sichtlich missfiel, vom Plan abzuweichen. Schließlich grummelte er.
      "Also gut. Du bleibst ein Stück zurück und siehst zu, dass uns niemand beobachtet."
      "Was?!"
      "Du hast mich verstanden, oder nicht? Los, bleib zurück und gib uns Rückendeckung."
      Elraya fluchte, dann befolgte sie die Anweisung - auch wenn sie nicht musste, sie war schließlich kein richtiger Teil der Gruppe - und entfernte sich vom Wagen. Dann huschte sie an den Rand des Platzes, von wo aus sie sowohl Bereks Stelle, als auch den Wagen beobachten konnte und wartete mit ungemeiner Nervosität darauf, dass sie sich so schnell wie möglich von ihrem früheren Arbeitgeber entfernen könnte.
    • Erleichtert darüber, dass Anthea nicht dem Wahnsinn verfallen war und auf seine Informationen hörte, folgte er ihr zur besagten Gasse, während all die Leute nach wie vor umher rannten und sich an den kleinen möglichen Fluchtpunkten geradezu über den Haufen rannten.
      "Was willst du tun? Du hast keine Ahnung was sich in dem Wagen wertvolles befindet. Greif ihn einfach an und du könntest etwas wertvolles zerstören. Anhalten werden die sicher auch nicht wenn du die drum bittest."
      Kurz bevor die Beiden dann an ihrem Ziel angekommen waren, sah Berek nochmal zur anrückenden Kutten Mannschaft rüber. Wie konnte diese Truppe ernsthaft meinen mit diesem Look nicht aufzufallen? Das schrie ja schon nach Aufmerksamkeit. Oder waren solche Leute in dieser Stadt tatsächlich unauffällig?
      Aber dafür war nun keine Zeit. Es galt die Schwachstellen ausfindig zu machen, die einen Stopp erzwingen würde ohne die Fracht zu beschädigen.
      Zwar wirkte ihm seine erste Idee etwas radikal, doch was gab es in diesem Tumult noch groß zu verlieren?
      "Hmpf... Bleib hinter mir. Wenn sie nahe genug ran gekommen sind, werde ich dafür sorgen, dass sie weder einen Schritt nach vorn, noch zurück kommen können. Sorg du nur dafür dass die Fracht ihren Besitzer wechselt."

      Berek's Plan bestand darin zu warten bis alle nahe genug ran gekommen wären, so dass er die Stützpfeiler eines Hauses mit viel Energie hinaus gebrannt hätte. Wenn er es richtig angegangen wäre, hätte das Haus so fallen müssen, dass es eine Fluch nach hinten, zurück auf den Platz, komplett verhindert hätte. Das fortschreiten war hingegen ein leichtes. Er hätte sich einfach wieder in seine Flammenform gewandelt. Solange keiner am Leben bleiben würde, wäre es ihm recht gewesen, dass er es offen zeigt. Anthea wäre verschont geblieben, immerhin musste immer einer Leben um das Gerücht zu verbreiten Berek wäre ein Gott gleicher Mensch.

      Doch kam es tatsächlich zu einer kleinen Wendung. Etwas, womit Berek nicht gerechnet hatte. Auf halber Strecke rannte eine Person von hinten nach Vorne um dem Führer des Wagens etwas in offensichtlicher Achtsamkeit zu unterbreiten. Erst schienen die Beiden nicht einer Meinung zu sein, was Berek und auch Anthea in die Karten gespielt hätte, doch dann schien es doch so.
      "Haben die etwa Wind von deinem Plan bekommen? Die Person da scheint auf jeden Fall ziemlich nervös zu sein. Wir sollten versuchen die Typen noch etwas weiter...."
      Da stockte Berek. Rote Haare. Sah er da grade tatsächlich rote Haare? Und der ständig panische Blick während des Gesprächs mit dem Kutschführer zu ihm rüber. Das war keine Panik bezüglich Anthea. Das war eine Panik bezüglich ihm selbst.
      "...... Elraya......."
      Flüsterte Berek wie ein brodelnder Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.
      Seine Mine verfinsterte sich. Der noch eben so wichtige Plan rückte immer weiter in die Ferne. Wut übernahm seinen Kopf, was dazu führte dass seine Kleidung an mehreren Stellen grüne Flammen warf.
      Als die verdächtige Person sich dann wieder aus dem Staub machen wollte, rannte Berek sofort los und hinterlies auf dem Boden brennende Fußabdrücke.
      "ELRAYA !!!!"
      Brüllte er der Truppe entgegen und stürmte immer schneller auf diese zu. Die Fracht war ihm nun vollkommen egal. Alle die ihm sich nun in den Weg stellen würden, sollten erfahren wie es sich anfühlt bei lebendigen Leib zu verbrennen. Sogar seinen Mantel, welcher ihm wichtig war, warf er von sich um mehr Bewegungsfreiheit bei dem bevorstehenden Massaker zu haben.

      In vollster Rage gelang es Berek grade noch so, in aller letzter Sekunde, abzubremsen. Er nutzte jeden Muskel in seinem Körper um sich selbst aus seinem Sprint hinaus zu reißen und nach unten fallen zu lassen, sonst wäre er in einer so schnell gezogenen Klinge hinein gelaufen, wie er es schon seit einer Ewigkeit nicht mehr hat kommen sehen.
      Berek rollte sich seitlich weg, nachdem er auf dem Boden gerutscht zum halten kam um sich anschließend wieder aufzurichten. Knurrend blickte er den Mann an, der beinahe für sein plötzliches Ableben gesorgt hatte.
      Er erblickte nur einen Typen in einer edlen Kutte. Der wohl edelsten, verglichen mit den anderen. Der, der eine Rüstung darunter zu tragen schien. Doch auch Berek hatte nicht gesehen dass dieser Typ ein solch feines Schwert bei sich trug.

      "Verschwinde oder du wirst zertreten wie einst in Shegar"
      Meinte der Anführer der Truppe bedrohlich und voller ernst, ehe er seine Kapuze ab zog und auf die Reaktion wartete.
      Berek erkannte den Kerl nicht, also konnte er wohl kaum wichtig sein. Außerdem ging es nun darum Rache zu üben, also lies er sich auch sicher nicht von einem Unbekannten aufhalten. Augenblicklich versetzte sich Berek in seine stichflammenden Form und wetzte mit nun welliger Stimme brüllend auf den Mann zu, welcher nur unbeeindruckt in seine Tasche griff um eine Hand voll Kieselsteine hervor zu holen und sie auf Berek zu werfen.
      Was auch immer das für Steine waren, bewirkten sie eine augenblickliche Auslöschung Berek's Feuerkraft. Er war sofort wieder in seiner Menschlichen Form, kaum dass die Steine ihn berührt hatten, was zur Folge hatte, dass der unbekannte Mann mit seiner Klinge einen Gegenangriff ausführte.
      Berek, welcher zuerst verwundert drein blickte, lies sich nicht lange beirren ehe er die anfliegende Schneide des Feindes abwehren würde. Ob Feuer oder nicht, Berek hatte auch so einiges mit seiner Klinge drauf, welche er promt zückte. Oder... zücken wollte. Wo war sein Schwert? Der Griff ins Leere überrasche Berek mehr als seine verlorene Feuerform. Doch noch sehr viel schockierender war dann doch der Schmerz. Die Klinge des Unbekannten verpasste Berek eine klaffende Wunde von der Schulter hinunter bis zum Becken.
      Nur dank Berek's Instinktes gelang es ihm sich so abzudrehen, dass er diesen Treffer wohl überleben würde, falls er rechtzeitig einen Arzt aufsuchen würde.
      "Erbärmlich."
      Sprach der Unbekannte verachtend während er Berek dabei beobachtete wie er sich seine Wunde, die viel zu groß für zwei Hände war, versuchte zu bedecken.
      "Los Männer. Es geht weiter!"
      Forderte er anschließend ehe er sich wieder seine Kapuze über warf und auf sein Pferd aufstieg.
    • Anthea warf Berek einen scharfen Blick zu, bei dem sie sich nicht zurückhalten konnte, ihre Gedanken auszusprechen.
      "Das ist mein Auftrag, nicht deiner. Wenn du irgendwann mal das Zielobjekt deiner Auftraggeber gefunden hast, kannst du es ja gerne zerstören und dich einmischen, aber ich für meinen Teil bin eher an einer Bezahlung interessiert. Misch dich also nicht ein, sonst erhältst du deinen Teil der Vereinbarung nicht, so einfach ist das."
      Sie nahm sich noch immer vor Berek in Acht, das würde sich so schnell wohl auch nicht ändern, aber das bedeutete nicht, dass er einfach so machen konnte, wonach ihm gerade der Sinn stand. Das war noch immer ihr Chaos und sie würde bestimmen, wo die Grenze gezogen wurde.
      Sie befolgte allerdings seiner Anweisung, allein schon, um mit - was auch immer Berek geplant hatte - nicht in Verbindung gebracht zu werden. Sie bezweifelte zwar, dass irgendjemand in diesem Chaos etwas von ihnen beiden mitbekam, aber Augen gab es überall und zu manchen Augen gehörten sehr redelustige Mäuler.
      Also hielt sie sich zurück und beobachtete, wie Berek sich erst dem Wagen näherte, und dann einem unmittelbaren Stimmungsumschwung zu unterliegen schien. Sie verstand zwar nicht genau, was er brüllte, aber sie sah sehr deutlich, dass er auf einmal losrannte.

      Bereks Stimme war nicht laut, aber sie stach doch in Elrayas Ohren, als würde er direkt neben ihr stehen. Sie spürte ihr Herz in die Hose sacken, von einer plötzlichen, allesergreifenden Panik durchsetzt, die ihr das Blut in den Adern gefror.
      "SCHEISSE!"
      Plötzlich froh um das viele Chaos, stürzte sie sich mit vollstem Tempo hinein, wandt sich zwischen Soldaten und Händlern und Reisenden hindurch und stolperte über den Boden. Ein Blick zurück gab ihr nicht die geringste Auskunft darüber, wo Berek stecken mochte, aber das besserte die Lage nicht. Er konnte direkt hinter ihr sein, sicherlich, und dann wäre sie geliefert. Das war richtig, richtig scheiße.

      Bereks Ansturm wurde jäh von einem der Truppe abgewürgt, der sich ihm schon beinahe heldenhaft in den Weg stellte. Anthea beobachtete verblüfft und teilweise neugierig, wie Berek in Flammen aufgegangen war, die nun allerdings erloschen. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch zwischen den beiden Männern, den Anthea nicht verstehen konnte, dessen Ausgang sie allerdings mehr als gut sehen konnte. Es war eine Sache, wenn Berek sich auf einen Kampf einließ, der zu hoch für ihn war und bei dem er verreckte, es war eine ganz andere Sache, wenn er Kontakt zu der Gruppe aufgenommen hatte und Anthea womöglich sagen konnte, wer sie waren oder wohin sie wollten. Dementsprechend wartete sie nicht lange, ehe sie an seine Seite rannte, kurz nachdem der Trupp schon gemächlich weiterzog.
      "Lass mich mal - ah, fuck. Das sieht übel aus. Komm mit, ich kenn' da wen. Komm!"
      Sie zog ihn in eine viel kleinere Gasse, die zwar auch überfüllt war, aber in der schneller geräumt wurde, und leitete ihn durch das Netz aus Gassen in der Stadt. Der Blutverlust machte Berek deutlich schwächer, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen zu wollen schien und Anthea verlor kein Wort darüber. Auf halbem Weg bot sie ihm ihren Körper als Stütze an.
      Sie erreichten besagtes Geschäft - der Eingang dazu lag in einer stinkenden Hintergasse - und wurden sofort von zwei Helfern in Empfang genommen. Der Oberarzt, der hier das sagen hatte, war eigentlich distrikt-neutral, aber inoffiziell war er durchaus parteiisch und bevorzugte unter anderem Antheas eigenen Distrikt.
      Er ließ Berek auf eine Liege legen, bevor er sich seiner Wunde annahm.
      "Hast du gesehen, wer es war? Oder was sie dabei hatten? Oder wohin sie wollten?", drängte Anthea, kaum als Berek verarztet wurde. Sie musste es jetzt wissen, damit sie den Wagen nicht verlieren würde.
      Zumindest war es schonmal gut zu wissen, dass überhaupt ein Wagen existierte.
    • Räudig auf dem Boden knieend und seine klaffende Wunde haltend, regte es Berek nur noch mehr auf, dass Jemand es gewagt hatte ihn in seiner Wut so auszubremsen. Mehr noch, ihn so spielend auszubremsen. Am liebsten wäre er sofort wieder aufgestanden und hätte dem hochnäsigen Kern gezeigt dass man sich nicht mit ihm anlegen sollte. Beim nächsten aufeinander treffen, schwor sich Berek vorbereitet zu sein. Nun lies er sich aber von Anthea weg bringen, was seine Laune und seinen Stolz nur noch mehr anknackste. Damit waren es schon zwei Personen die ihn in seinem Leben solche Wunden zugefügt hatten.
      Sich nach einer gefühlten Ewigkeit nun aber auf einer Liege wieder findend, kümmerte man sich um seine Wunde und verabreichte ihm ein ziemlich gut anschlagendes Schmerzmittel, was sein Gemüt zugleich auch etwas zügelte und sogar etwas benebelte.
      Trotzdem konnte man in seiner Stimme hören, wie vollkommen egal ihm die Mission war.
      "Wen interessiert wo die hin wollen. Ein Kerl mit solchen Fähigkeiten bewacht den Wagen. Der Wert muss..."
      Vor plötzlichen Schmerzen, sich arg zusammen reißend, stoppte er seinen Satz bis das desinfizieren seiner Wunde abgeschlossen war. Erst dann atmete er wieder tief durch und fuhr fort
      "...Der wert in der Karre muss hoch sein. Sogar eine verfluchte Schlange aus Shegar, eine totgeweihte, sobald ich sie in die Finger kriege, war unter denen. Mach mit dem Wagen was du willst. Danach bezahle ich dich mir die Frau mit den roten Haaren zu schnappen. Mach mit ihr was du willst, solange sie lebend bei mir ankommt... Und nun beeil dich."
      Anschließend wirkte es beinahe schon so, als wäre er dabei einzuschlafen, oder er wollte einfach nur einem anhaltenden Gespräch ausweichen.

      Nur wenig später, grade als Anthea durch eine der vielen Gassen wetzte, wurde sie von einem Moment zum Anderen mit einem festen Griff am Handgelenk angehalten und in eine kleine Niesche gezogen, an welcher eine Leiter bis auf das Dach führte.
      "Ah ta ta ta, immer langsam."
      Meinte die stoppende Person, welche sich als Lucius heraus stellte. Wie immer grinste er als würde grade alles wie geplant laufen.
      "Die haben eine andere Route eingeschlagen. Wenn du mich fragst, lassen die den Wagen bald schon stehen und gehen in den Untergrund. Alle Zeichen sprechen dafür."
      Dann klopfte er Anthea zwei mal leicht mit Berek's Schwertgriff gegen ihre Stirn
      "Aber das hast du sicher schon gewusst hm? Meine Leute haben noch die Augen auf diese seltsame Truppe gerichtet und wie ich dich kenne, ist es mit deinen nicht anders. Aber vielleicht interessiert es dich zu hören, dass mir mein Vögelchen die Fracht gezwitschert hat."
      Wie es Lucius immer bei Anthea tat, wenn sie unbeobachtet waren, sog er ihren Anblick von oben bis unten mit seinen Augen auf.
    • Anthea musste es sich nicht zweimal sagen lassen. Sie musste den Wagen unter jeden Umständen finden, allein schon, um herauszufinden, wer dieser Kerl war, der Berek so einfach überwältigt hatte. Das Zusammentreffen hatte um ein weiteres Mal bewiesen, wie wenig sie ihn unterschätzen durfte und wie gefährlich er wirklich war.
      Sie verließ ihn, bevor das Gefährt noch verschwunden sein würde, und eilte die Straßen zurück, die sie bereits gekommen war. Auf halbem Weg wurde sie allerdings so abrupt aus dem Verkehr gezogen, dass sie einen überraschten Laut von sich gab und nach ihrem Dolch angelte. Zu langsam, schoss es ihr durch den Kopf, als sie in die Dunkelheit gezogen wurde und für einen Moment die Orientierung verlor. Zu langsam.
      Erst Lucius' Stimme brachte sie von ihrer anfänglichen Panik ab und als sie seine schemenhafte Gestalt erkannte, riss sie sich abrupt von ihm los und überspielte ihren Schrecken mit Boshaftigkeit.
      "Luce! Lass das, ich hasse das!"
      Ihre Stimmung wurde aber auch gleichzeitig von ihm wieder besänftigt und sie strich sich über ihre Klamotten. Schließlich schaffte sie es sogar, sich trotz ihrer Nähe mehr auf seine Worte zu konzentrieren.
      "In den Untergrund. Macht Sinn, sie wären schön dumm, einfach oben zu bleiben."
      Als er ihr mit dem Griff eines Schwertes gegen die Stirn tippte, machte sie große Augen.
      "Luce, bei den königlichen Eiern, hast du etwa Bereks Schwert gestohlen?!"
      Für einen Moment war sie so fassungslos von dieser Tatsache, dass sie sich Lucius mit Haut und Haaren hingegeben hätte, wenn er nur ein Zeichen dazu gegeben hätte. Seine Risikobereitschaft war ganz exzeptionell und mit dieser Tat hatte er sich ein weiteres Mal übertroffen.
      "Bring das zurück! -Oder nein, bring das auf gar keinen Fall zurück, lass es irgendwo in der Gasse liegen, bei allen Kreaturen!"
      Sie schüttelte ungläubig den Kopf, fassungslos über seinen Gewinn und über sich selbst.
      Schließlich konnte sie wieder einigermaßen klare Gedanken fassen.
      "Du weißt, was in dem Wagen ist?"
      Und er würde sich ein Spiel daraus erlauben, ihr das zu verraten. Oder zu verheimlichen.
      Innerlich stöhnte sie schon.
      "Sag es mir, komm schon. Ich glaube, Berek hat einen der Leute gekannt, eine rothaarige Frau. Vielleicht wird er auch dahinter her sein, sobald er herausfindet, was drin ist, und das werde ich nicht aufhalten können. Komm schon, Luce!"
    • Lucius liebte es, wenn er es schaffte Anthea für einen Moment aus der Fassung zu bringen. Es gelang ihm nicht oft und meist nur wenn sie unter Zeitdruck war. Für diese Wildkatze nur eine von wenigen Schwächen die er bisher finden konnte. Daher sog er solche Momente auch in vollen Zügen auf und wartete ab bis sie sich beruhigt hatte, was leider viel zu schnell ging.
      Aber es war schon amüsant dass ihr der kleine Raub an Berek so zu gefallen schien.
      Erst als sie ihm beinahe befahl das Schwert zurück zu bringen, grinste er und zerkratzte den edlen Knauf an einer rauen und kantigen Felswand.
      "Was denn nun? Zurück bringen?"
      Da schürfte Lucius das Schwert überspitzt schnell an der Wand auf und ab.
      "Oder nicht zurück bringen?"
      Nach diesem Satz zog er es an sich wie ein Kind, welches seine Süßigkeiten vor Fremde schützte.
      Das Selbe wiederholte er dann weitere zwei Male ehe er es vorerst in ein altes Tuch wickelte und an seinem Hosenbund schnürte.
      "Ich denke ich werd es noch ne Weile behalten. Wird ihn sicher noch etwas ärgern. Aber ist doch schon ein lustiger Zufall oder? Ich wollte nur sehen wie schnell ich ihn zur Weißglut treiben kann. Als er dabei auf nichts mehr zu achten schien, empfand ich es als lustig. Dass er dann auch noch auf einen erfahrenen Widersacher stößt, hätte doch keiner ahnen können. Herrlich oder?"
      Lucius konnte nicht anders als kurz darüber zu lachen wie schnell das Karma bei Berek eingeschlagen hatte. Wohl aber auch mehr als verdient, wie er fand.
      Doch das darauf folgende Spiel, konnte Lucius einfach nicht gewinnen. Er hatte sich fest vorgenommen mit Anthea zu spielen. Vielleicht sogar das bisschen Zeit was sie nun hatten zu nutzen, doch kaum fragte sein wildes Kätzchen so eindringlich nach der angekündigten Information, lies er einen Arm hängen und stützte den anderen an seine Hüfte. Eine übliche Pose dafür dass er sich ihr geschlagen gab.
      "Okay okay. Komm mit."

      Sich zur Leiter umdrehend, stieg er hinauf, davon ausgehend dass Anthea ihm sicher folgen würde.
      Es war ein verschlagenes Haus, in welchem ganz klar keine wohlhabenden Menschen wohnten. Zumindest sagte das Dach einiges darüber aus. Es hatte ein kleines, hüfthohes Lehm Gemäuer rund herum und ein paar sehr alte Wäsche Stangen, von denen nur noch eine mit einer alten Leine gespannt war. Hier und dort lagen alte Flaschen, unidentifizierbarer Müll und ein paar alte Kleidungsstücke herum, welche schon so vom Wetter in Mitleidenschaft gezogen wurden, dass man schon näher hinschauen musste was es war.
      Oben angekommen, bot er Anthea seine Hand an, um ihr die letzten Sprossen zu erleichtern, was natürlich nicht notwendig war, doch hatte er so wenigstens einen Vorwand ihre Hand nehmen zu können.
      Als nun beide auf dem Dach waren, lies Lucius nur langsam ihre Hand wieder frei und gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen ihm bis zu einer Mauer zu folgen, die einen direkten Blick auf eine Gasse bot. Dort setzte er sich hin und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Mauer und sah Anthea an.
      "In knappen 5 Minuten sollten die hier her kommen. Vielleicht kannst du dann auch einen kleinen Blick erhaschen. Der ganze Aufwand hier ist schon was ganz besonderes. Ich kann dir nämlich sagen, dass sie einen sonderbaren Kerl in noch seltsameren Handschellen transportieren. Ein Kerl mit Schnee weißen Haaren und allem Anschein nach Handfesseln die seine Hände komplett umhüllen. Ich selbst konnte es nur aus leichter Entfernung sehen aber eins meiner Vögelchen meinte, die Fesseln wären aus Stein."
      Kurz darüber nachdenkend was die besagte Rothaarige damit zu tun haben könnte, sprach er mehr vor sich her
      "Also ist er wegen dieser Rothaarigen so in Rage geraten hm?"
      Wenn Lucius ins Grübeln geriet, änderte sich sein ganzes Wesen. Sein verspieltes Grinsen verschwand und machte für einen ernst blickenden Strategen Platz, der ihm schon sehr oft in seinen Aufträgen geholfen hatte und dafür gesorgt hat, dass er so schnell für Aufsehen in seinem Distrikt sorgte und wohl auch so schnell im Rang gestiegen war.
      "Das macht keinen Sinn. Diese komischen Kuttenleute sind doch öfter hier in der Stadt unterwegs und sorgen nie für aufsehen. Nicht mal in den Machtspielen mischen sie mit. Wie kann einer der erst seit kurzem hier aufgetaucht ist, so nen Stress mit einer von denen haben? Sogar dieser Oberknilch stellte sich Berek entgegen um die Frau zu schützen. Was aber noch viel beunruhigender ist, ist der Fakt dass der dessen Chef genau zu wissen schien wie man diese eigenartigen Fähigkeiten der Spinne aushebeln kann."
      Kurz ins Schweigen verfallend, sah er wieder zu Anthea auf und zuckte wieder lächelnd mit den Schultern
      "Tja, ich denke da bleibt uns nur eins. Wir finden diesen Rotschopf und bringen sie zum singen. Bei der Panik die sie zur Flucht getrieben hat, weiß die ganz sicher so einiges. Was denkst du?"
    • Lucius bewegte sich tatsächlich gefährlich nahe an der Grenze des riskanten, so wie er mit Bereks Schwert hantierte. Wenn es eine Sache gab, die Anthea in der letzten Stunde begriffen und womöglich zeitgleich auch verinnerlicht hatte, dann war es, dass mit Berek nicht zu spaßen war. Und ganz sicher sollte man ihn nicht provozieren, wenn er in wortwörtlichen Flammen aufgehen konnte.
      "Lass das!", fauchte sie daher ungehalten, als Lucius mit dem Schwert über den Stein kratzte. Das würde Berek ganz sicher nicht gefallen, blieb nur zu hoffen, dass er niemals herausfinden würde, woher die neuen Schrammen stammten.
      Lucius erbarmte sich schließlich ihrer und steckte das Schwert weg, bevor er endlich ihrem Drang nachgab. Es war schon amüsant zu sehen, was für einen Effekt Anthea manchmal auf ihn haben konnte; anders würde sie sich kaum die Blöße geben, ihn so offen anzubetteln. Lucius war sowieso der einzige, bei dem sie sich sowas gestattete.
      Er bedeutete ihr gleich ihm zu folgen und Anthea fügte sich widerstandslos. Sie verließen die kleine Nische, in die sie sich gedrängt hatten, und kletterten dann auf das Dach empor, von wo aus sie einen guten Überblick über die Straße hatten. Anthea warf Lucius einen ärgerlichen Blick zu, während er ihr den letzten Absatz hochhalf. Natürlich hatte er damit gerechnet, dass sie ihn nach seiner Auskunft fragen würde, natürlich hatte er sich genau so positioniert, um sie auch an der richtigen Stelle abzufangen, natürlich hatte er sie von vornherein beobachtet, sich ihren Weg gemerkt und dann geschlussfolgert, dass sie denselben Weg zurück nehmen würde, bevor er diese Stelle ausgesucht hatte. Auch wenn sie dachte die Oberhand zu haben, hatte sie sie doch nur selten. Lucius war ihr in solchen Sachen einfach immer einen Schritt voraus.
      Sie ging zur Mauer, stellte sich neben ihm auf, lehnte sich darauf und blickte auf die Straßen hinab. Eine höhere Anzahl Soldaten marschierte im Laufschritt Richtung Süden, was wohl kaum verwunderlich war. Ansonsten war alles wie immer.
      "Fesseln aus Stein?"
      Anfänglich hätte sie auf Sklavenhandel getippt, aber solche Fesseln kamen ihr dann etwas zu exzentrisch vor. Ganz abgesehen davon, dass wegen einem einzelnen Sklaven wohl kaum ein solcher Aufwand gemacht werden würde - außer es handle sich um den König persönlich. Aber soweit Anthea wusste, besaß kein Mitglied der Königsfamilie schneeweiße Haare.
      Sie sah auf Lucius hinab, dessen Miene einen ernsten Ausdruck angenommen hatte. Mit diesem Ausdruck fand sie immer, dass man sein Gehirn rattern sehen konnte. Es war beinahe schon niedlich anzusehen.
      "Vielleicht war er ja mal einer von ihnen? Das würde wohl auch erklären, wie er den Wagen so schnell gefunden hatte. Und weshalb er die Leute kannte."
      Es war zwar schwierig vorzustellen, dass Berek mal Teil einer ganzen Gruppe gewesen war, aber unmöglich war es nicht. Ganz zu schweigen davon, dass sowieso niemand begriff, wie er sich ein solches Netzwerk in Shegar ersponnen haben konnte.
      Anthea sah wieder auf die Straße, um bloß nicht den Wagen zu verpassen. Sie stand nahe genug an Lucius, dass ihr Bein seine Schulter streifte.
      "Die rothaarige zum Singen bringen? Okay. Ist vielleicht nicht schlecht. Aber wir werden sie erreichen müssen, bevor Berek sie findet; nach dem, was ich heute gesehen habe, weiß ich nicht, was er mit ihr anstellen will."
      Sie blickte die Straße hinab.
      "Das machst aber du, ich steh nicht so auf Folter."
      Eigentlich stand sie auf nichts, was in geschlossenen Räumen ohne viel Ablenkungsmöglichkeiten stattfand. Ihre Kindheit hatte sie solche Räume das Hassen gelehrt und später hatte sie herausgefunden, dass es viel eingänglichere Methoden gab um Kontrolle zu schaffen, als jemanden an einen Stuhl zu binden und zu häuten, bis er in Todesqualen alles beichtete, was man hören wollte. O ja, es gab definitiv weitaus eingänglichere Methoden.
      "Oh!"
      Sie lehnte sich plötzlich über die Mauer, als sie die kleine Karawane erkannte, die sich vom Ende der Straße aus näherte.
      "Da ist er, Luce!"
      Der Wagen kam heran, umgeben von charakteristischen Kuttenträgern, und Anthea beugte sich noch weiter nach vorne, um einen Blick auf das Innenleben erhaschen zu können. Ihr geschultes Auge suchte nach Lücken in der Wagenkonstruktur, durch die sie hinein blicken konnte und tatsächlich gab es mehrere Stellen, die nicht ganz abgedichtet waren und besonders von ihrem Standpunkt aus wenig Sichtschutz boten. Sie kniff die Augen zusammen und starrte so lange hinein, bis der Wagen weiterzog und sie bald nichts mehr sehen konnte.
      "Du hast recht, das ist ein Kerl mit weißen Haaren und Handschellen. Und dafür soll ich ein ganzes Tor aufsprengen, für einen Menschenhandel? Vielleicht ist er ein König?"
      Sie beobachtete den Zug, bis er vollständig wieder verschwunden war. Sie hätte versuchen können ihn zu verfolgen, aber das würden schon ihre Männer erledigen - und Lucius'.
      "Du besorgst die rothaarige, Luce. Und hör dich auch mal um, ob irgendjemand so einen weißhaarigen Kerl kennt. Auch noch einen in Fesseln."
      Sie stieß sich von der Mauer ab und hielt ihm die Hand hin, um ihm beim aufstehen zu helfen. Als er stand, lagen ihre Hände einen Moment länger ineinander als nötig war.
      "Ich muss erst meine Bezahlung abholen gehen, dann bin ich bei dir. Sag mir dann, was du bis dahin rausgefunden hast."
    • "Ich soll der Folterknecht sein?"
      Fragte Lucius doch mit leichter Überraschung in seiner Stimme und Ausdruck als er zu Anthea hoch sah.
      "Schon vergessen dass ich meine Waffen aus gutem Grund nieder gelegt habe? Wenn du mich das machen lässt, wird sie das vermutlich nicht überstehen. Wir kennen ihren Wert noch gar nicht. Ich würde also eher sagen, dass wir das einen Experten ausführen lassen. Ich denke da an ..."
      Lucius zuckte leicht zur Seite als hätte ihn ein Blitz getroffen als Anthea's Bein seine Schulter berührte. Für einen Augenblick vergaß er vollkommen auf welchem Planeten er grade war und fuhr das Bein mit seinem Blick prägend ab. Doch dann fiel ihm wieder ein was er sagen wollte. Er hoffte lediglich, dass er grade nicht zu lange geträumt hat.
      "... Barkas. Der schuldet mir noch ne ganze Menge und ist vor Jahren schon ausgetreten. Er lebt im nördlichen Teil. Versteckt. Nur nicht sonderlich gut möchte ich meinen. Er versucht geheim zu halten dass er eine Tochter bekommen hat. Ein paar Monate alt. Falls er mir also keinen Gefallen tun will, haben wir noch einen Plan B."
      Da meldete Anthea schon die aufmarschierende Kuttenbande, die Lucius keine weitere Beachtung schenkte. Es war nur ein kleines Geschenk an Anthea ihr diese Informationen zu teilen und zeitgleich zu beweisen dass er nicht gelogen hatte.

      Kurz darauf lies er sich auf helfen, was erneut in einen längeren Kontakt der Hände endete. Lucius musste aufpassen. Das war schon das zweite Mal, dass er inmitten des Gesprächs so weggetreten war. Am Ende würde sie ihn noch als Schwachsinnigen abstempeln.
      Als sich sich die Hände dann also eher widerwillig trennten, dachte auch er etwas über die Fracht nach.
      "Hm. Die weißen Haare sind schon etwas besonderes. Ich schätze da werden wir schon das ein oder andere herausfinden."
      Grinsend stemmte sich Lucius daraufhin seine Fäuste an die Hüfte, als wäre diese Aufgabe ein leichtes. Nur um schnell wieder von schlechten Nachrichten auf den Boden geholt zu werden. Natürlich wollte er nicht dass Anthea wieder ging aber sie hatte wohl recht damit keine Zeit zu verlieren.
      "Ist gut. Ich werde mal meine Vögelchen ausschwärmen lassen. Wir treffen uns dann heute Abend sobald die Sonne unter geht."

      Er brauchte nicht sagen wo sie sich treffen würden. Immer wenn ein unausgesprochener Ort erwähnt wurde, war es zur Sicherheit beider. Das zweite Stockwerk einer Familie die dort längst nicht mehr lebte und welches sich Anthea und Lucius seit langer Zeit teilten wenn sie einfach ihre Ruhe wollten.
      Bevor dann noch ein erneuter Abschied groß in die Länge gezogen werden würde, schritt Lucius auf Anthea zu, blieb nur ganz knapp vor ihr stehen und lies seine Hände über ihre Arme bis hin zu ihren Handgelenken gleiten und starrte ihr dabei unentwegt auf ihre Lippen. Er kam diesen dabei immer näher, doch dann riss er sich weg und sprang vom Dach hinunter auf einen Holzbalken, welcher auf der ersten Etage über einem Fenster hinaus ragte. Von dort aus war der Fall dann nicht mehr hoch, was ihm nach dem letzten Sprung dann promt in der Masse verschwinden ließ.

      Später am Abend, noch etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, hatte Lucius endlich die Spur der Rothaarigen aufgenommen. Sie war gut darin sich zu verstecken und sie war enorm flink. Es war an manchen Momenten sogar für ihn schwer ihr Schatten zu bleiben. Diese Chance würde er sich aber sicher nicht durch die Finger gehen lassen. Seine Vögelchen hatten den halben Tag gebraucht um sie aufzuspüren.
      Auf einem Dach im Nordwesten gelang es Lucius dann endlich der Rothaarigen aufzulauern. Sie schien kurz zu rasten und etwas essen zu wollen, da trat Lucius aus den Schatten, gab seinen Vögelchen ein kleines Zeichen dass sie sich bereit halten sollen und konfrontierte sie mit seinem üblich verschlagenem Grinsen.
      "Schönen guten Abend die Dame. Das ist kein sonderlich schöner Ort um eine Mahlzeit einzunehmen. Gestatten, Lucius ist der Name. Ich glaube wir haben einen gemeinsamen Feind. Mir ist zu Ohren gekommen dass du Probleme mit Berek hast, kann das sein?"
    • Anthea beobachtete die letzten Überreste des Wagens, dann wandte sie sich ab und blickte nach unten, als Lucius verstummte. Er starrte an ihr empor und kurz, bevor sich ihre Blicke getroffen hätten - Anthea war sich ziemlich sicher, dass man es in der Luft knistern gespürt hätte, wenn sie es getan hätten - wandte er den Blick ab und sprach weiter. Ein leichter Stich der Enttäuschung entfuhr sie, allerdings längst nicht stark genug, um nicht sofort wieder begraben zu werden.
      "Barkas?"
      Der Name sagte ihr nichts. Aber das war auch das gute ihrer beider Übereinkunft, Lucius hatte Kontakte die sie nicht kannte, und Anthea hatte Kontakte die Lucius nicht kannte. Sie ergänzten sich in manchen Sachen wirklich perfekt.
      Lucius kam vor ihr zum Stehen und in dem kurzen Moment ihres Abschieds, starrten sie für einen Moment nur. Es lag ein verwegener Ausdruck in Lucius' Augen, während sein Blick auf Antheas Gesicht lag, die den Kopf leicht schräg legte. Seine Haare waren unordentlich, aber das Chaos passte zu seinem Gesicht. In seinen Augen lag ein lebhaftes Glitzern, als würde er sich zu jeder Zeit über alles um ihn herum amüsieren.
      Für einen kurzen Moment vergaß Anthea, weshalb sie hier waren, weshalb sie überhaupt auf das Dach geklettert waren. Sie war sich schon fast sicher, dass das der Moment sein würde, in dem sie die unsichtbare Grenze zwischen ihnen überschreiten und beweisen würden, dass die Grenze rein fiktiv war, dass es nichts weiter brauchte als einen winzigen Schritt darüber zu unternehmen, um sie verblassen zu lassen, als sich Lucius abrupt von ihr löste. Der Zauber war wieder aufgelöst, der Abstand wieder hergestellt und die Grenze so stark und prägnant wie immer zwischen ihnen. Anthea räusperte sich knapp und sah dann zu, wie Lucius seine halsbrecherische Flucht ansetzte.
      "Spinner."
      Sie verzichtete auf den Nervenkitzel eines riskanten Abgangs und nahm die Leiter, bevor sie sich wieder unter die Leute mischte. Der Mann war schon längst verschwunden, als sie unten angekommen war.

      Sie musste lange auf Ilyos warten. Der Treffpunkt war das Hinterzimmer eines Bordells, das gut besucht wurde und entsprechend voll war. Anthea hatte weder Interesse an dem Etablissement - wenn sie sich Krankheiten einfangen wollte, würde sie das Wasser der Kanalisation trinken - noch an dem Chaos, das dort vorherrschte, als sei es Teil des Hauses. Die Gäste waren viel zu betrunken und viel zu unberechenbar, um eine ordentliche Unordnung zu schaffen und dabei auch noch die Überhand zu behalten, sodass Anthea so gut wie gar nicht daran interessiert war, Bordelle in ihre Pläne mit einzubeziehen. Außerdem vermisste sie bei allen Männern, die es dort gab, eine gewisse Würze, die sie nicht so einfach beschreiben konnte.

      Sie hatte die Zeit genutzt und sich ein bisschen umgehört, etwas getrunken, ein paar der Gäste geärgert und sich schließlich mit einer kleinen Gruppe zusammengetan, um eine zu rauchen, als Ilyos endlich auftauchte. Als er sie bemerkte, bedeutete er ihr zu folgen und führte sie in das verabredete Hinterzimmer.
      "Sorry. Hat länger gedauert. Setz' dich, Thea."
      "Macht nichts."
      Sie folgte seiner Aufforderung und setzte sich. Ilyos hatte einen Joint im Mundwinkel hängen, den er aber kaum nutzte. Das Ende glühte sanft.
      Er lehnte sich gegen die Wand und betrachtete Anthea für einen Moment, bevor er die Arme verschränkte.
      "Einauge lässt seine Komplimente ausrichten, das war gute Arbeit am Tor. Sie sind noch immer damit beschäftigt, die Löcher in der Straße zu flicken. Das Tor ist geschlossen und unsere Informanten sagen, dass sie Soldaten aus anderen Ecken der Stadt abgezogen haben, um Ordnung im Südviertel zu schaffen. Man sollte zwar nicht dort hingehen, aber manche andere Orte sind dafür wieder frei. Einauge verhandelt gerade darum, den Moment auszunutzen und ein paar Aufseher zu platzieren. Wir könnten die Kontrolle über so manche Kasernen übernehmen, ohne dass die Soldaten davon mitbekommen. Oder deren Vorgesetzte."
      Antheas Augen blitzten auf, nicht etwa wegen des Kompliments, dass sie sich wohl zu Herzen nehmen sollte - es kam nicht häufig vor, dass Einauge mit jemandem von ihrem Rang Kontakt aufnahm - aber weil ihre Mission ein so voller Erfolg gewesen war. Wer weiß, womöglich wurde der Name Anthea Elquin an diesem Tag etwas bekannter.
      "Wir haben zwar auch die Aufmerksamkeit des Königshauses erregt, aber das war ja wohl vorherzusehen. Jedenfalls sind alle sehr zufrieden mit deiner Arbeit."
      "Das will ich wohl auch hoffen."
      Er nickte.
      "Eine Frage habe ich aber noch, dann sind wir hier fertig. Dein Gold werde ich am üblichen Ort hinterlegen."
      "Okay. Und die wäre?"
      "Hast du jemanden entdeckt?"
      Anthea blinzelte. Sie brauchte einen Moment, um die Frage überhaupt zu verstehen, bevor sie sich darüber wundern konnte, was sie bedeuten sollte. Ob sie jemanden entdeckt hatte? Etwa den weißhaarigen? Die Karawane? Den Kuttenträger? Berek? ... Die rothaarige? Ilyos redete von dem Wagen, oder? Sie war sich ziemlich sicher, dass er von dem Wagen reden musste.
      "Nein, ich habe niemanden -"
      Plötzlich schaltete es in ihrem Gehirn, im selben Augenblick, als sie die Worte schon ausgesprochen hatte. Eine kurze Welle der Panik durchflutete sie als sie begriff, dass die Frage nicht mit Ja oder Nein hätte beantwortet werden sollen. Sie hatte lediglich den Auftrag bekommen, ein Chaos am Südtor zu schaffen, sobald sie das Zeichen erhielt, und nicht mehr. Sie wusste, dass es sich um Personen handelte, weil sie eins und eins zusammengezählt und Berek dazugeholt hatte, aber das war nicht in ihrem Aufgabenbereich beinhaltet. Ilyos hatte von ihr hören wollen, dass sie sich darüber wunderte, wen sie hätte entdecken sollen.
      Ihre Augen weiteten sich minimal. Ein Anfängerfehler und sie war direkt darauf reingefallen!
      "Ich meine, was verstehst du denn auch unter entdecken? Da waren hunderte Leute auf dem Platz, Soldaten eingeschlossen, wen hätte ich denn entdecken sollen und wie hätte ich es vermeiden sollen?"
      Ilyos griff jetzt zu seinem Joint, zog einmal daran und zog ihn dann zwischen seinen Fingern aus seinem Mund. Als er ausatmete, kam der feine Rauch durch seine Nasenlöcher.
      "Hätte ja sein können, dass dir etwas aufgefallen ist. In dem ganzen Chaos."
      Noch eine Fangfrage? Anthea war sich plötzlich unsicher. In ihrem Zweifel entschied sie sich, einfach gar nichts zu sagen, nachdem Ilyos ihr auch keine weitere Frage gestellt hatte.
      Der Mann musterte sie für einen Moment, dann steckte er den Joint zurück zwischen die Lippen und stieß sich von der Wand ab.
      "Das wär's. Ich melde mich bei dir, wenn ich wieder etwas habe."
      Er wandte sich der Tür zu und Anthea stand mit einem dumpfen Gefühl im Bauch auf.
      "Dein Geld liegt am üblichen Ort bereit."
      Dann öffnete er die Tür und verschwand.

      Elraya kam an diesem Abend endlich zurück in die Freiheit.
      Es hatte sie Stunden gebraucht, sich vom Kult endlich zu verabschieden, ohne dabei Aufmerksamkeit zu erregen oder Aradan zu verlieren. Sie hatten den Weißhaarigen in den Untergrund geschaffen und da hatte sie die Gelegenheit ergriffen und war geflüchtet.
      Jetzt suchte sie nach einem Weg, den Rest der Truppe zu informieren, wo sie waren. Sie hatte bereits darüber nachgedacht einen Boten anzuheuern oder vielleicht eine Brieftaube zu schicken, aber irgendwie kam ihr das beides sehr riskant vor. Besonders nachdem sie wusste, dass Berek irgendwo in dieser Stadt herumtigerte wie eine ausgehungerte Kreatur, die nur darauf wartete, ihr das Fleisch von den Knochen zu reißen. Es schauderte sie, nur daran zu denken ihm in die Arme zu laufen. Es war schon knapp genug gewesen am Südtor.
      Also tat sie das, was sie immer tat und zog sich auf die Dächer zurück. Die Stadt selbst war enorm und viel unübersichtlicher als Shegar, aber die Dächer waren überall gleich und boten ihr einen guten Überblick. Außerdem war es lustig, dort entlang zu laufen, denn die meisten Häuser standen so dicht, dass sie beinahe übergangslos auf das nächste Dach springen konnte. Es war schon zu einfach um wahr zu sein.
      Als sie sich endlich eine Stelle ausgesucht hatte, wo sie sich gleichzeitig in den Schatten eines Dachvorsprungs setzen und die Straße überblicken konnte, zog sie den Fleischspieß hervor, den sie noch vor einer Stunde am Markt geklaut hatte, und biss kräftig ab. Sie hatte kaum runtergeschluckt, als ein Geräusch sie wie von der Tarantel gestochen herumfahren ließ.
      In der Dunkelheit der einbrechenden Nacht und des fahlen Mondlichts, kam eine Gestalt hinter dem Dachvorsprung hervor, weder darum bemüht seine Gestalt zu verstecken, noch leise zu sein. Elraya hatte schon ihre Dolche gezückt und war bereit dazu, ihn ohne Nachsicht auf Verluste anzufallen, so sehr angespannt waren ihre Nerven an diesem Tag. Seit sie Berek gesehen hatte, hatte sich alles geändert, plötzlich war eine Rettungsaktion zu einer mörderischen Flucht geworden und das würde sie sich durch niemanden wieder vermiesen lassen.
      Aber der Mann sprach zu ihr und allein die Tatsache, dass er Berek erwähnte, ließ sie noch einen Moment zögern. Sie kniff die Augen zusammen, auch wenn er das nicht sehen konnte.
      "Hä? Und wer sollst du sein? Wenn das hier irgendein dummer Trick sein soll, kannst du dir das gleich abschminken. Ich geh nicht zu Berek zurück, uh-uh. Das kannst du ihm ruhig ausrichten."
      Sie drehte ihren Dolch in der Hand und schlich ein paar Schritte seitwärts, stets ihre Aufmerksamkeit auf diesen Lucius haltend. Allein die Tatsache, dass sie beide auf dem Dach waren und Elraya sich ziemlich sicher war, dass sie diesem Mann entkommen könnte, wenn sie nur wollte, ließ sie noch bei ihm bleiben und reden. Sobald das ganze aber nur ein riesiges Ablenkungsmanöver sein sollte, damit Berek sich von hinten anschleichen und sie mit seinen gruseligen - und immernoch ein bisschen heißen - Feuerdolchen aufspießen konnte, war sie weg von hier. Sowas ließ sie sich nicht gefallen, nicht von Berek, nicht nachdem sie ihm so haarscharf entkommen war.
      "Was willst du?"
    • "Was ich will?"
      Lucius hob seinen Kopf und steckte seine Hände entspannt in die Hosentaschen. Er machte keinerlei Anstalten die gezogenen Dolche der Frau zu kontern und versuchte so viel Ruhe auszustrahlen wie möglich. Die Rothaarige wurde immerhin lebend gebraucht. Wenn sie jetzt zu einem Angriff über ging, bestand eine große Chance, dass einer der 8 Armbrustschützen seinen Bolzen singen lies und mit etwas Pech eine tödliche Wunde hinterlassen könnte.
      "Zunächst einmal bin ich eine Person mit Einfluss. Ich würde dir ja erklären wie das hier im Untergrund der Stadt so abläuft aber um es kurz zu fassen, kannste du dir einen leckeren Kuchen vorstellen. Teile ihn in 7 Stücke und du hast die Anzahl an Untergrundorganisationen, die hier die Ordnung wahren."
      Da zog er eine Hand wieder aus der Tasche und machte eine erklärende Geste
      "Mit anderen Worten habe ich diesen Berek schon ne Weile auf dem Schirm und habe gesehen dass ihr nicht sonderlich gut miteinander aus kommt. Er scheint dich zu suchen, hat jedoch genau so wenig Ahnung von dieser Stadt wie du. Er hat die falsche Person beauftragt dich ausfindig zu machen. Meine.... EINE Freundin -"
      Er schüttelte kurz den Kopf, selbst darüber verwundert wie sehr Anthea noch in seinem Kopf herum geisterte
      "- die genau so daran Interessiert ist was du weißt wie ich. Mir ist dieser Berek ein Dorn im Auge, welchen ich nur zu gerne wieder entfernen will. Du siehst also, wir sind auf einer Seite."
      Wieder die Hand weg steckend, blieb er einfach stehen und lies sich von Elraya umkreisen, doch legte er seinen Kopf dann seitlich an um sie wieder im Blick zu haben
      "Ich komm dir sogar noch ein wenig mehr entgegen. Der Plan sieht vor dich unter allen Umständen zum Mitkommen zu bringen. Alles was ich bisher sagte ist die Wahrheit, doch solltest du nicht mitkommen wollen, sehe ich mich gezwungen meinen Leuten ein Zeichen zu geben und... Nimm doch bitte die Dolche runter. Sie werden schießen wenn du mir zu nahe kommst. Wie gesagt. Ich bin ein Mann mit Einfluss. 3 Armbrustschützen richten ihre Waffen auf dich seit du angehalten hast. Dort."
      Er zeigte tatsächlich auf die drei kleinen Nischen, in welchen man nur bei ganz genauer Betrachtung die Männer erkennen konnte.
      "Du hast nun also die Wahl. Komm mit mir mit und erzähl mir alles über Berek und dieser eigenartigen Person die hier hin verfrachtet wurde, iss dich dabei schön satt und genieße einen schönen Selbstgebrannten, oder - was ich nicht empfehle - lass dich von mir überwältigen, lerne einen Folterer mit reichlich Erfahrung kennen und lebe fortan als Krüppel in dieser Stadt. Ist deine Entscheidung."
      Nun bereitete sich auch Lucius auf eine Konfrontation vor indem er sich Elraya zuwandte, leicht in die Hocke ging und eine Kampfhaltung einnahm die keinerlei Waffen benötigte. Sein Blick wandelte sich zu dem einer Raubkatze die nur auf ein kleines Zucken Elraya's Muskeln wartete. Ebenso seine Stimme wandelte sich deutlich darauf hoffend dass sie die falsche Antwort treffen würde.
      "Also? Was darfs sein?"
    • Elraya hätte vielleicht verstanden, was Lucius ihr vermitteln wollte, wenn er ihr länger Zeit gegeben hätte, über seine Worte nachzudenken, aber das tat er nicht. Stattdessen verstand Elraya nur, dass er etwas mit Berek zu tun hatte und außerdem noch eine Freundin und dass es einen Plan gab. Und dass er Bogenschützen hatte? Elraya blinzelte.
      "... Hä?"
      Sie konnte die verschiedenen Teile seiner Erzählung nicht wirklich zusammenfügen, was sie aber unmissverständlich begriff war, dass er nicht unvorbereitet gekommen war. Er rechnete mit Widerstand und Elraya wiederum war mehr als gewillt, ihm genau das zu geben.
      … Sobald sie herausgefunden hatte, was er mit Berek zu tun hatte.
      "Woher kennst du Berek?"
      Sie zog weiter ihren Kreis um Lucius, langsam und aufmerksam, auch wenn diese Taktik nur dem Zweck entsprach, sich selbst einen Fluchtweg zu sichern. Elraya hätte sich mit ihm angelegt, sicherlich, aber von drei - oder acht? - Bogenschützen durchbohrt zu werden, stand nicht auf ihrem Plan.
      Nach einigem Abwägen beschloss sie schließlich, dass es das Risiko nicht wert war, sich mit Lucius anzulegen und stattdessen bei Berek zu landen. Alles, was sie weiter von ihm wegbringen würde, war gut, also richtete sie sich zögernd etwas auf. Lucius war mittlerweile selbst in eine Kampfhaltung verfallen, die ihr so gar nicht behagte.
      "Na schön, lass uns reden. Geh vor, ich bin direkt hinterher."
      Sie steckte ihre Dolche aber nicht weg, sondern bedeutete ihm damit, sich in Bewegung zu setzen.

      Lucius führte sie entgegen ihrer Befürchtung in ein Lokal, das rege besucht wurde und gar nicht so abgelegen lag, wie sie geglaubt hätte. Er hielt an sein Versprechen und lud sie zu Essen und Trinken ein, wobei Elraya bei letzterem besonders zugriff. Sie schlang ihren Teller gefräßig hinab, bevor sie ihm endlich die Ehre zuteil werden ließ, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken.
      "Also, was willst du wissen?"
      Sie sah kurz durch den Raum, aber Berek würde wohl kaum einfach so aus dem Nichts auftauchen. Auf der anderen Seite sähe ihm das gar nicht so unähnlich.

      Anthea ging über die Straße und schlüpfte in die nächste Seitenstraße.
      Seit sie das Bordell verlassen hatte, fühlte sie sich merkwürdig beobachtet, aber nicht auf die gute Art - es war viel eher ein nervöses Prickeln im Nacken, wenn man das Gefühl hatte, dass die Augen, die auf einem lagen, nicht entdeckt werden wollten. Sie drehte sich mehrmals um, bis ihre eigene Paranoia sie verrückt machte und sie sich daran erinnerte, dass es niemanden gab, der Anthea Elquin einfach so überraschen konnte. Sie war die Herrin über die Lage, sie hatte die Kontrolle. Es waren ihre Straßen, bis zu einem gewissen Grad, und niemand anderes.
      Ilyos hatte sie nicht mehr getroffen. Das war auch weiter nicht bedenklich, denn der Mann hatte schließlich noch andere Leute abzuklappern und seiner Pflicht nachzugehen, aber es gab trotzdem einen bitteren Beigeschmack, den Anthea nicht so einfach benennen konnte. Sie mochte es nicht. Die Unsicherheit erinnerte sie an die ersten Wochen in der Großstadt, in der sie Fuß zu fassen versucht hatte. Sie war längst nicht mehr so hilflos wie damals.
      Ihr Zahlungsort war ein Brunnen in einem Innenhof ihres Distrikts, der sehr selten genutzt wurde. Der Innenhof war schon ein wenig heruntergekommen, ähnlich wie die Häuser außenrum und der größte Zweck des Brunnens war es, den Tieren eine Trinkstelle zu sein. Antheas Gold wurde stets in einer Truhe untergebracht, die mit der Seilwinde nach unten gelassen und in einer Nische versteckt war. Sie musste nur den richtigen Haken anbringen und das Seil ein wenig herumschwenken.
      Als sie den Innenhof allerdings erreichte, war sie sich erst bewusst, wie offen er lag. Es gab kein Dach über dem Brunnen und auch sonst gab es im Umfeld von fünf Metern nichts, was irgendwie Deckung geboten hätte.
      Normalerweise wäre ihr das egal gewesen, diesmal aber nicht. Sie ließ einen kritischen Blick über den Innenhof schweifen, bevor sie sich langsam in Bewegung setzte, ein Fuß nach dem anderen. Nichts geschah, als sie den Brunnen erreichte, nichts geschah als sie das Seil anbrachte, nichts geschah als sie den Haken herausfischte. Als sie den Haken herunterließ, die Truhe zu fassen bekam und sie vorsichtig nach oben zog, konnte sie allerdings plötzlich die Sehne einer Armbrust schnalzen hören.
      Der Bolzen bohrte sich unterhalb ihres Schulterblatts in ihr Fleisch, als sie das Seil losließ und gleichzeitig herumwirbelte. Der Schmerz kam pochend und plötzlich, eine Explosion aus glühenden Funken, die sich beinahe über ihren ganzen Rücken ergossen. Anthea zischte und stolperte zurück. Als der zweite Bolzen surrte, verfehlte er sie lediglich, weil sie selbst das Gleichgewicht verlor. Sie warf sich zu Boden und kroch hinter den Stein, gegenüberliegend aus der Richtung, aus der geschossen worden war. Dort kauerte sie sich in den Schutz der niedrigen Steinmauer und winselte von dem stechenden Schmerz. Dann verstummte sie und lauschte angestrengt nach den Geräuschen, die ertönen mochten. Nach den Geräuschen des Assassinen.
    • Dabei zusehend wie die Rothaarige Portionen verdrückte, die manch gestandene Männer nicht hinunter bekamen, musste Lucius doch das ein oder anderen Mal erstaunt nicken. Er selbst trank und aß jedoch nichts. Er wusste noch nicht wie dieses Treffen ausgehen würde, also wäre ein voller Magen ganz klar ein zu großes Risiko gewesen. Abgesehen davon wurde es langsam recht spät. Das Treffen mit Anthea stand bald an. Es wurde Zeit ein paar brauchbare Informationen aus dem Rotschopf hinaus zu bekommen.
      "Du hörst nicht besonders gut zu oder?"
      War das ein Trick? Sie stellte ihm Fragen die er allesamt schon auf dem Dach beantwortet hatte. Nun wollte sie erneut hören woher er Berek kannte und was er wissen will? Nun gut. Vorerst würde er dieses Spiel mitspielen.
      Nach einem kurzen Seufzen lehnte er sich ein wenig vor und tippte mit dem Finger passend zu seiner Erklärungen hin und wieder auf dem Tisch.
      "Berek. Den kenn ich nicht. Wie schon erwähnt weiß ich seit wann er in dieser Stadt ist und mir gefällt nicht was er hier treibt oder allem Anschein nach auf die Beine stellen will. Die Stadt hat ohne den schon genug zu tun. Und was ich wissen will habe ich dir ebenfalls gesagt. Alles über Berek was mir helfen wird ihn los zu werden und ich will alles über diesen weißhaarigen Mann wissen der so aufwändig in die Stadt geschmuggelt wurde. Hier wurden schon Würdenträger mit weniger Aufmerksamkeit hinein geschmuggelt aber für nen unbekannten Kerl wird gleich ein ganzes Tor samt Boden aufgesprengt."
      Sich nun wieder zurück lehnend, verschränkte er die Arme und sah wieder zum Fenster hinaus.
      Die Sonne war schon fast verschwunden. Das war der Moment in welchem er am Treffpunkt sein wollte. Seufzend stellte er fest, dass es also wohl keine andere Möglichkeit gab als die Rothaarige mitzunehmen.
      "Antworte mir gleich. Wir sind schon etwas spät dran. Komm mit. Nimm mit was du willst aber spute dich.."
      Gesagt getan. Er bezahlte den Wirt und huschte mit Elraya zwei Straßen weiter bis zum Haus dessen zweites Stockwerk komplett eingerichtet und dennoch ohne Familie stand.
      Über das Dach konnte man ganz leicht auf einen Balkon springen, dessen Tür zum Inneren der Wohnung nicht abgeschlossen war.
      Nun im Haus, wies Lucius dem Rotschopf einen Platz zu. Eine recht gemütliches, kaum genutztes Sofa.
      Er selbst blieb neben einem der Fenster stehen und lehnte sich gegen die Wand, sehnlichst auf Anthea wartend.
      "Also. Du kannst fortfahren oder warten bis unsere gemeinsame Freundin, die dich nicht an Berek übergeben will, auftaucht. Und hier."
      Er löste das eingehüllte Schwert von seinem Bund und warf es Elraya rüber.
      "War ziemlich einfach ihm das abzuknöpfen. Der Kerl hat ein Temperament dass ihn Blind werden lässt. Wie konnte das keiner in Shegar nutzen um ihm das Handwerk zu legen?"
    • Elraya hatte gerade genug Zeit ihr Essen zu vertilgen, ehe der Mann sie auch schon weiterscheuchte. Sie beschwerte sich nicht wirklich, er hatte sie eingeladen und jetzt wollte er woanders hingehen, aber es störte sie, dass er sich mit Berek einlassen wollte. Nach dem zerstörerischen Kampf mit Pria war sie sich sicher, dass das alles andere als eine gute Idee war.
      Also folgte sie ihm in eine verlassene Wohnung und machte es sich auf dem Sofa bequem, während er so wirkte, als wolle er das Fenster bewachen. Wenn er glaubte, sie dort drinnen überwältigen zu können, hatte er sich deutlich geirrt.
      "Okay. Du willst was von Berek wissen."
      Sie verstummte wieder, als er ihr eine Waffe überreichte. Es dauerte einige etliche Sekunden, bis sie es erkannte und das Grauen in ihr entfacht wurde. Sie ließ das Schwert zu Boden fallen, als hätte sie sich daran verbrannt.
      "Sein Schwert? Du hast sein Schwert geklaut?"
      Sie war sich für einen Moment nicht sicher, was sie von der ganzen Sache halten sollte, bis sie das Gesicht verzog.
      "Bist du dumm? Wieso denkst du wohl, hat niemand jemals sein Temperament ausgenutzt? Weil niemand lange genug gelebt hat, um auch davon erzählen zu können!"
      Sie kroch ein Stück vom Schwert weg wie von einer Schlange.
      "So dumm kann ja nichtmal ich sein! Ich würde mein Testament an deiner Stelle schreiben, meine Sachen vermachen und so. Da wirst du nicht lebend rauskommen."
      Sie warf ihm einen funkelnden Blick zu.
      "Mit Berek ist nicht zu spaßen, nichtmal im Spaß. Der kann… ganz gruselige Sachen machen. Das konnte Pria auch, irgendein Magiezeug, aber er ist viel schlauer als Pria und das macht ihn so gefährlich. Er hat immer irgendwas in der Hinterhand gegen dich, egal wie lange er dich schon kennt. Er findet einfach alles und dann benutzt er es auch. Und er findet auch alle Schwachstellen. Erst fängt er mit den Soldaten an und wenn er sich erstmal in deren Dienstplan eingenistet hat, dann fängt er an, sich Leute zu holen. Und wenn er die Leute hat, holt er sich bessere Leute. Und bessere. Und irgendwann wird er dann im Palast stehen und dem König persönlich auf den Schoß scheißen, ohne dass der was dagegen unternimmt. Das macht Berek."
      Sie machte eine Pause, um Lucius zu mustern.
      "Und der Weißhaarige ist ein Kerl aus Melora, der auch echt fieses Magiezeug drauf hat. Das ist 'ne lange Geschichte, aber diese Kultanhänger haben ihn geschnappt und jetzt wollen sie ihn für irgendwas benutzen. Ich weiß aber nicht was. Das wollte ich herausfinden und den anderen Bescheid geben."
      Sie stützte den Kopf auf den Händen auf.
      "Ich glaube, er hätte das Tor auch selbst aufsprengen können, aber die Fesseln verhindern das. Das ist jedenfalls der Kerl, wegen dem Berek aus Shegar geflogen ist."
      Sie grinste breit.
      "So ein Trottel. Hat echt richtig eine reingewürgt bekommen. Wenn ihr Berek aus der Stadt haben wollt, würd' ich wieder Aradan zur Hilfe holen."

      Anthea hörte nichts. Es fühlte sich schon an wie eine ganze Weile, während sie hinter dem Brunnen kauerte und so flach wie möglich atmete, um sämtliche Geräusche wahrzunehmen. Aber da kam nichts. Das einzige, was sie hörte, war das Blut, das in ihren Ohren rauschte.
      Der Bolzen steckte noch immer tief in ihr drin und der beißende Schmerz hörte nie auf, vergrößerte sich nur, wenn sie sich versehentlich bewegte. Ihr Rücken war schon feucht vom Blut und sie musste das Ding noch irgendwie herausbekommen.
      Sie konnte nicht lange bleiben, das war ihr klar. Entweder sie würde verbluten, oder der Assassine würde sich ihr leise genug nähern, um ihr den Kopf aufzuschlitzen. Beide Möglichkeiten waren nicht unbedingt begehrenswert.
      Sie war panisch, aber von ihrer Angst noch nicht gelähmt. Sie konnte noch klar genug denken und das war ihr wichtig. Ihre Gedanken waren sogar klar genug, um einen Fluchtplan auszutüfteln: Sie musste es bis zur Hauswand schaffen, denn dort standen Kisten und dort hatte sie Deckung. Sie musste es durch den Durchgang schaffen, denn von dort würde sie zur Straße und unter Menschen gelangen. Das war gerade ihre beste Aussicht.
      Und wohin dann? Fieberhaft überlegte sie. Was, wenn der Assassine nicht alleine war? Wenn es mehr gab? Wenn er vorhersehen könnte, wohin sie ging? Sie musste an einen Ort, an den er nicht denken könnte. Einen für sie untypischen Ort.
      Beinahe zum selben Moment fiel ihr ein, dass sie sich mit Lucius verabredet hatte, er würde an der üblichen Stelle warten. Konnte sie das riskieren?
      Aber was war die Alternative? Die Antwort fiel recht simpel aus.
      Sie neigte sich ein wenig zur Seite, keuchte dabei von dem Schmerz und duckte sich auf die Knie. Wenn sie schnell genug war, konnte sie es schaffen. Wenn sie den richtigen Moment erwischte, konnte sie durchkommen. Sie spannte die Muskeln an, dann stieß sie sich ab.
      Die Sehne schnallte und der Bolzen surrte, als er ihren Kopf verfehlte und haarscharf an ihrem Ohr vorbei sauste. Sie bezweifelte, dass der Schütze lange Zeit beim Nachladen brauchen würde und tatsächlich kam der nächste Bolzen viel schneller als normal. Der Assassine war professionell, er musste viel Geld gekostet haben. Vielleicht mehr, als im Brunnen gerade noch auf Anthea wartete. Vielleicht hatte ja der Inhalt dazu beigetragen.
      Sie erreichte die Kisten, als der nächste Bolzen ihre Hüfte traf und sie zu Boden stürzte. Ein Schock durchfuhr sie, als der nächste Schmerz sie zu lähmen drohte. Ihr Körper verweigerte sich plötzlich ihrem Befehl.
      Mit größter Mühe und Not rappelte sie sich auf und riss diesen zweiten Bolzen heraus, damit er sie nicht behindern würde. Ein erstickter Schmerzenslaut entfuhr ihr, als sie versuchte, ihren Schmerz zu dämmen und sich in Bewegung setzte. Sie war nicht schnell, der Blutverlust und die Qualen forderten schon ihren Tribut, aber Anthea musste auch nicht schnell sein, sie musste nur pünktlich sein.
      Ihr erstes Ablenkungsmanöver startete sie direkt hinter dem Durchgang, als sie die Leinen eines Wagens zur Hälfte durchtrennte und dem Tier einen Klaps verpasste. Es setzte sich in Bewegung, zog die Kutsche einseitig mit sich, geriet in aufsteigende Panik, versuchte sich von den herunterhängenden Zügeln zu befreien. Der aufkommende Tumult war groß genug, um den Durchgang unpassierbar zu machen.
      Die zweite Ablenkung war auf offener Straße, als Anthea absichtlich ein herumstehendes Fass entzündete. Die Explosion war groß und aufmerksamkeitserregend, aber in ihrem Wirbel war Anthea schon längst wieder verschwunden. Bei der dritten Ablenkung, verursachte sie lediglich einen Stau.
      Als sie endlich in die entsprechende Straße einbog, war sie bereits völlig außer Atem und konnte kaum mehr aufrecht gehen. Sie torkelte auf das Haus zu, beide Hände auf die Wunde ihrer Seite gepresst, die Sicht bereits von tanzenden Flecken eingeschränkt. Sie bemerkte erst in letzter Sekunde, wie sich eine Gestalt aus dem Schatten hinter ihr löste, sich auf sie warf, mit ihr zu Boden ging und sein Messer in ihre Brust zu rammen versuchte. Anthea stieß einen erstickten Schrei aus.
    • Lucius lauschte dieser doch recht überzogen klingenden Geschichte die so unglaubwürdig klang, dass sie vermutlich der Wahrheit entsprach. Doch musste er genervt mit den Augen rollen als schon wieder so ängstlich auf das Schwert reagiert wurde. Sogar Anthea reagierte so unüblich darauf. Klar war dieser Berek offensichtlich kein normaler Typ aber himmel ging es ihm auf die Nerven dass alle so eine unbändige Angst vor ihm zu haben schienen. Er blieb nach wie vor nur ein Mensch. Menschen machen Fehler. Temperamentvolle Menschen waren gefährlich aber auch Blind. Das wusste Lucius aus vergangenen Tagen am aller Besten.
      "Ist ja gut. Berek ist n ganz gefährlicher Hund, ist angekommen."
      All die Gerüchte die über Berek kursierten schienen zu stimmen aber das war noch zu einer Zeit als er Macht hatte. Etwas das in dieser Stadt nicht so schnell funktionieren würde. Es blieb also genug Zeit um sich einen Plan auszudenken, den auch Berek nicht gewachsen war.
      "Gut okay. Er trägt seinen Namen einer Spinne also nicht ohne Grund. Das ist in Ordnung."
      Er stieß sich von der Wand ab und ging ein wenig umher. Es schien als würde er nicht sehr viele Informationen über Berek erlangen können die er nicht ohnehin schon wusste. Was aber viel interessanter war und ihn auch sofort hellhörig werden lies, war die Erwähnung des Dorfes.
      "Melora?"
      Er hielt an und sah die Rothaarige an
      "Bist du dir sicher dass der Typ aus Melora ist?"
      Kurz wartete er eine Bestätigung ab, die ihm direkt mit einem kurzen Kopfnicken gegeben wurde. Sofort lächelte Lucius und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
      "Das ist interessant."
      Er gab Elraya keine Informationen zurück, doch wusste Lucius ganz genau, dass der Königsschmied und dessen Frau ebenfalls aus Melora kamen und sogar Anthea einen Teil ihres Lebens dort verbracht hatte. Selbstverständlich hatte er sich längst schon einiges an Wissen über dieses Dorf angeeignet. Wie lange es existierte, wie standhaft sie den Kreaturen ohne große Armee standhalten konnten und auch was für Waffenmeister aus diesem Dorf hervor gingen. Beinahe schon als wäre es eine Stadt der Mysterien. Und nun soll ein weißhaariger Kerl aus diesem Dorf hier hin entführt worden sein? Obendrein soll er ähnliche Fähigkeiten wie Berek besitzen?
      Lucius konnte sich das Grinsen nicht mehr zurück halten. Der Fall war klar. Er musste diese Kult Leute infiltrieren um den Kerl, den die Rothaarige Aradan nannte, für seine Zwecke zu entführen.

      Apropos. So langsam machte sich Lucius Sorgen. Es war unüblich für Anthea nicht pünktlich zu sein. Sie war das wandelnde Chaos aber sie war niemals unpünktlich wenn sie sich treffen wollten. Wenn überhaupt war sie öfter viel zu früh dran.
      Leicht von seiner Nervosität getrieben, ging er ohne groß Hoffnung zu haben ans Fenster und blickte auf die Straße vor sich. Keine Anthea. Ein alter Karren, welcher von einem Ochsen gezogen wurde, vermutlich ein Gewürzkarren. Etwas weiter zwei spielende Kinder die von ihrer Mutter getadelt wurden, da es schon zu spät dafür war. Und die ersten üblichen Trinker, die für diese Zeit schon deutlich zu viel intus hatten.
      Daraufhin stieß er sich wieder vom Fenster ab.
      "Verdammt wo bleibt sie nur?"
      Sprach er besorgt in den Raum hinein. Doch dann hörte er etwas. Etwas das ganz klar aus der Kehle von Anthea kommen musste. Ihre Stimme würde er überall erkennen, nur erschütterte es ihn bis ins Mark ihre Stimme in dieser Tonart zu hören. Das Gefühl des Fallens machte sich in ihm Breit als hätte sich eine Falltür unter ihm geöffnet.
      Schnell rannte er zu einem Fenster dass auf eine andere Straße gerichtet war und was er dort erblickte, knipste seinen Kopf komplett aus. Egal wer ihn sehen könnte, sei es ein feindlicher Distrikt, sein direkter Vorgesetzter oder der König selbst... wer Anthea verletzte und so zum schreien brachte, musste damit klar kommen das Tor zur Hölle geöffnet zu haben.
      Lucius sprang ohne nachzudenken aus den zweiten Stock hinaus, ignorierte dabei vollkommen dass das Fenster noch geschlossen war und zog sich dabei mehrere kleine Schnitte zu, landete unsanft in einem Haufen an Kisten, die unter seinem Gewicht zusammen brachen, ihn aber für keine Sekunde ausbremsten. Lucius setzte einen solchen Sprint an, dass er fast über seine eigenen Beine gestolpert wäre.
      Nach der halben Strecke fing er an Wuterfüllt zu brüllen, was die Aufmerksamkeit der Person, die auf Anthea lag, garantierte. Doch bevor dieser die Situation überhaupt einschätzen konnte, da er sehr mit Anthea beschäftigt war, trat Lucius diesem schon aus vollem Sprint heraus so heftig in dessen Gesicht, dass sich Lucius dabei selbst einen Zeh brach und daraufhin mehrfach über den Boden rollte bis er zum Halten kam.
      Keine Sekunde nach dem Halt richtete sich Lucius wieder auf und stürmte erneut auf den Assassinen zu, der selbst durch die Wucht des Trittes nicht mehr auf Anthea, sondern einen ganzen Meter hinter ihr lag. Lucius sprang in die Luft, den fremden Mann dabei anpeilend und packte dabei seine Knöchel um diese so nach hinten zu ziehen, dass er mit den Knien voraus auf dem Körper des Mannes fiel.
      Das daraufhin folgende, mehrfache knacken waren einige Rippen des wohl jetzt schon bald sterbenden Mannes, da dieser unmittelbar danach heftig Blut spuckte, wohl aus den Rippenstücken, die sich in die Organe hinein bohrten.
      Doch hielt das Lucius nicht auf seiner Wut freien Lauf zu lassen. Er schlug dem Mann so oft ins Gesicht, dass die Augen schob bald so zu geschwollen waren, dass der Mann wohl nie wieder etwas sehen würde FALLS er den Tag überlebt hätte.
      Um dem ganzen aber noch endgültig die Kirsche auf zu setzen, beugte sich Lucius an das zermatschte Gesicht hinunter
      "Niemand vergreift sich an Anthea!"
      Dann griff Lucius dem Mann mit beiden Händen in den Mund. Was nun folgte, lies ein Jeden der das Spektakel aufschnappte vor schock weg schauen, denn Lucius begann dem Mann den Mund gewaltsam zu öffnen. So sehr bis die Haut des Mundes langsam zu reißen begann. Er hörte nicht auf bis sich der ganze Kiefer ein Lucius Hand befand und seine komplette Kleidung und Haut mit dem Blut des Mannes bedeckt hatte.

      Erst danach blickte Lucius zu Anthea, hechtete an ihre Seite und betrachtete ihre Wunden ohne sie zu fragen was passiert war. Er verschwendete von nun an keine Sekunde mehr, hob sie sofort auf und versuchte so gut wie möglich den Blicken der Leute zu entfliehen indem er durch mehrere Gassen rannte um kein erkennbares Muster durch sickern zu lassen ehe er zurück in der zweiten Etage war, wo Elraya noch selig wartete.
      Dort angekommen legte Lucius seine Fracht vorsichtig auf den Esstisch ab und betrachtete behutsam ihre Wunden. Die wohl schwerste war die, in welcher noch ein Bolzen steckte und die zweite klaffte an ihrer Hüfte.
      Schnell rannte er in eine Kammer, die er stets für Notfälle mit allerlei Medizin versehen hatte. Reiner Alkohol zum desinfizieren, Holzstücke zum drauf beißen und unzählig viele Verbände, die er in seinem Leben wohl schon öfter gebraucht hatte als Nahrung.
      Mit den Nötigen Sachen zurück, beugte er sich über Anthea und legte ihr ein Stück Holz zwischen die Zähne.
      "Beis fest zu. Das wird nun weh tun."
      Dann griff er den Bolzen, nickte Anthea nochmal zu und riss diesen dann hinaus. Anders als bei Pfeilen, hatten diese Bolzen immerhin den Vorteil, dass sie lediglich spitz waren und nicht wie ein Pfeil größere Schäden anrichteten, hätte man sie auf der selben Methode raus gezogen. Dafür waren die Bolzen etwas dicker um sogar durch eine Rüstung durch zu kommen. In diesem Fall sorgten sie für eine stärkere Blutung, die wohl nur durch ausbrennen der Wunde in den Griff zu kriegen war.
      "Rotschopf! Los, zünd den Kamin an und erhitze diese verfluchte Klinge!"
      Währenddessen riss Lucius ohne zu fragen ein Stück von Anthea's Kleidung auf um besser an die Wunde zu kommen, welche er augenblicklich mit dem Alkohol säuberte. Das Gleiche tat er mit ihrer Hüfte. Den Stoff aufreißend, Alkohol drüber und bis das Schwert heiß genug war, jede Menge Verbände auf die Wunde pressend.
      Als das Schwert dann endlich heiß glühte, musste er Anthea nochmals sehr viele Schmerzen bereiten. Erst die obere stelle, dann die am Bein. Es zischte und roch schnell nach gebratenem Fleisch, doch wirkte es. Die Blutung stoppte und Lucius konnte ihre Wunden endlich mit dem Verband umwickeln.

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