[2er RPG] The Curse of Time {TobiMcCloud & Codren}

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    • Ganz so nutzlos schien Aradan mit seinen Fähigkeiten doch nicht zu sein, was er Renera kurz darauf präsentieren wollte. Tatsächlich war es ein äußerst beachtliches Kunststück, das er ihr da vorführte und das sie gleich auf unheimliche Ideen brachte. Wie nützlich es doch wäre, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und kommunizieren zu können, ohne dabei reden zu müssen! Sicherlich konnte man das sinnvoll einsetzen, auch wenn es fraglich war, ob auch Kreaturen darauf reinfallen würden. Wahrscheinlich würden es vorerst nur Menschen sein.
      Aber um die Details abzuklären, würden sie wohl allein sein müssen. Aradan hatte recht damit, dass sie Reshli nicht alles verraten sollten, zumindest nicht, ehe sie ein besseres Bild davon hatten, wie gefährlich er wirklich war. Und außerdem schienen es auch keine einfachen Kunststücke zu sein, wie Renera verblüfft feststellen musste. Aradan blutete aus den Augen, was nicht sehr gesund wirkte. Aber auf der anderen Seite war er auch schon zwei Mal gestorben, sicherlich hatte er alles unter Kontrolle.
      Sie warf einen Blick zurück auf Reshli, der unbeweglich in die Ferne starrte, und räusperte sich dann.
      "Also, äh, wir sollten wohl einen Magier finden, wenn du nichts dagegen einzuwenden hast, Aradan. Kannst du zaubern, Reshli?"
      "Hä? Was?"
      "Ob du zaubern kannst."
      "Ne. Kein bisschen. Naja, ich hab's nie probiert, aber es hat mir auch nie jemand gezeigt."
      "Und kennst du einen Magier?"
      Reshli warf ihr einen Blick hinter zusammengekniffenen Augen zu.
      "... Was?"
      "Ob du einen Magier kennst."
      "Hast du nicht zugehört, wer mich beauftragt hat, Frau?"
      Renera zog die Stirn in Falten.
      "Nenn mich nicht Frau."
      "Du bist aber eine."
      "Aber nenn mich nicht so, außer du möchtest zu Fuß mitlaufen."
      Er brummte etwas unverständliches und Renera schüttelte den Kopf.
      "Kennst du nun einen oder nicht?"
      "Nicht direkt, aber der Vermittler hat Kontakt."
      "Der Vermittler?"
      "Der für alle ausländischen Angelegenheiten sitzt in Tharynar. Wofür braucht ihr denn einen Magier? Der Lichtgesegnete ist doch einer."
      "Wir brauchen auch keinen Magier, sondern einen Zauberspruch oder ähnliches. Für das Zwielicht."
      Reshli brummte.
      "Ich bring euch zum Vermittler, dann könnt ihr ihn selbst fragen."
      Renera sah zu Aradan.
    • Aradan hörte der kurzen Unterhaltung zu, wusste aber nach wie vor nicht wie er das Verhalten von Reshli einschätzen sollte. Einerseits war er kooperativ, doch irgendetwas wirkte ständig auf ihn als wäre alles ein Versuch die Gruppe zu manipulieren. Ein Spion sollte eigentlich geschult darin sein Torturen zu überstehen, sie sogar auszunutzen um den Folternden in die Irre zu führen. Aber nun war einfach nicht die Zeit um wieder ins Grübeln zu verfallen. Alles was er nun vorerst auf das Gespräch der Beiden ergänzen konnte war ein bedachtes
      "Wir werden sehen..."
      Wobei die Worte klar an Reshli gerichtet waren.
      "Kommt. Der Wald liegt hinter uns. Wir können einen Zahn zulegen."
      Die Gruppe war direkt einverstanden als hätten sie auf diesen Satz gewartet. Wenn hier ein Monster lauern würde, müsste man schon ziemlich Blind sein um es nicht direkt zu sehen. Selbst die nächste hügelige Erhöhung war in einiger Ferne. Bis ein Läufer diese Distanz zurück gelegt hätte, wäre es möglich gewesen sich noch mal zum verschnaufen auf den Boden zu setzen.
      Also nahm Valterri ein robustes Seil und Band es an die befestigten Zügel des Esels um wie ein zweites Zugtier nachzuhelfen. So legte die Gruppe noch mal gute 50% an Geschwindigkeit zu, was dazu führte dass sie am späten Nachmittag schon die andere Seite der Ebene erreicht hatten. Ab diesem Zeitpunkt kamen die ein oder anderen Schulter hohen Sträucher mit vereinzelt stehenden Bäumen vor.
      Das einzige was Aradan etwas überraschte war, dass die Straße deutlich befestigter wirkte als auf seiner Karte zu sehen war. Dieser Weg war eher als kleiner Trampelpfad gekennzeichnet, dabei bot sie nach wie vor Platz für den ganzen Karren und sogar ganzen Handelskaravanen.
      Um sicher zu gehen die Karte richtig zu lesen, hielt er diese Renera rüber, die im Sitzen deutlich besseren Überblick darauf haben würde.
      "Sag mal. Sollte dieser Weg nicht deutlich kleiner sein? Und ein dichter Wald ist hier ebenso nicht mehr zu sehen."
      Doch das erübrigte sich beinahe als sie um die nächste schärfere Ecke liefen.
      Es war beinahe magisch wie sich doch tatsächlich wie aus dem Nichts ein ganzes Dorf zu erkennen gab. Es war nicht so groß wie es Melora war, doch allem Anschein nach war es beinahe brand neu errichtet.
      Aus der Ferne konnte man sogar das Hämmern der Zimmermänner hören und wie geschäftiges Treiben Hand in Hand zu arbeiten schien. War das vielleicht sogar nur ein Außenposten?
      Mit eben diesem fragenden Blick sah er Renera an.
    • Nach einer eher unbefriedigenden Auseinandersetzung mit Reshli, zog die Gruppe schließlich schweigend weiter. Valterri übernahm teilweise die Last des Wagenziehens, was eine beeindruckende Aufopferung darstellte, wenn man bedachte, was für einen Weg sie noch vor sich hatten. Seine Aufmachung entlockte Khil sogar ein interessiertes "Hm", bevor ihr Blick verschwamm und in die Unerkenntnis eines unbekannten Ortes gezogen wurde, der ihr Gehirn darstellte. Sie faltete die Hände sittsam in ihrem Schoß und verlor sich dann in ihren Gedankengängen, die sicherlich etwas mit Valterri, Nordmännern und Zugtieren zu tun hatten.
      Renera würde sie dabei nicht stören. Sie wandte sich Aradan zu, der noch immer neben dem Wagen herlief, und verwickelte ihn in belanglose Gespräche, zu denen auch Valterri hin und wieder etwas beitrug.

      Am späten Nachmittag erreichten sie eine feste Straße, von der nur zwei der Truppe überrascht waren. Aradan und Renera wandten sich gegenseitig zu und letztere nahm die Karte entgegen, die sie mit kritischem Blick betrachtete.
      "Du hast recht. Wie alt ist diese Karte? Wir werden eine neue brauchen, wenn wir nicht auf Überraschungen stoßen wollen. Oh, das wird teuer."
      Sie gab sie ihm zurück und schüttelte erstaunt den Kopf.
      "Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in meinem eigenen Heimatland nicht zurechtfinden würde. Da hatten wir ja auf der Herfahrt fast schon Glück, nicht wahr, Khil?"
      "Hm."
      Renera rollte mit den Augen, sie hatte ganz vergessen, dass Khil noch immer in ihren Gedanken versunken war.
      Sie folgten der Straße, die kurz darauf schon zu einem Dorf abzweigte. Die Palisaden waren hoch und stabil, das Tor hatte Eisenbeschläge und es gab sogar einen Wachturm, der gleichzeitig als Glockenturm fundierte und gut über die Palisaden hinaus ragte. Das Dorf hatte, so wie Melora, auch einen Waldabschnitt im Rücken, in dem die Holzfäller zu sehen waren, die sich durch ihn hindurch arbeiteten. Der Geruch von gehacktem Holz und Sägespänen wehte zu ihnen hinüber und brachte Kindheitserinnerungen an ein geschäftiges Melora mit sich.
      Reneras Miene hellte sich augenblicklich auf und auch Aradan schien von dem Geruch ergriffen zu werden.
      "Ich glaube, wir sind in Neu-Melora angekommen."

      Neu-Melora hieß in Wahrheit Lytien und war von einer Handelsgilde gegründet worden, welche den Ort zum abbauen der natürlichen Ressourcen nutzen wollten. So gab es nur das nötigste zur Unterstützung einer Lebensgemeinschaft und der Rest war fast ausschließlich auf die Holzverarbeitung ausgelegt.
      So erklärte es zumindest die Wache am Tor, welche die Truppe mit skeptischem Blick betrachtete und sich erst zu einer Erklärung abgerungen hatte, nachdem die Gruppe sämtliche Versuche unternommen hatten zu beweisen, dass sie weder Räuber, noch Mörder, noch Deserteure waren. Reshli war mit seinem finsteren Blick dabei keine Hilfe, aber zumindest blieb er still. Der Wache schlossen sich zwei weitere Männer an, als sie zu verhandeln begannen, und dann wurde ihn endlich - unter dem kritischen Blick des Wachturms - das Tor geöffnet.
      Neu-Melora - Renera würde den richtigen Namen nicht akzeptieren - hatte nur etwa 100 Einwohner und war entsprechend klein. Es gab bei dieser Größe auch keinen richtigen Markt, aber dafür zog sich die Straße bis in das Tor und zu dem Wald hin weiter. Die Palisaden waren in Richtung des Waldes erweitert worden und die Holzfäller befanden sich so in Sicherheit, während sie gleichzeitig dafür sorgten, dass der Bereich für mehr Häuser geebnet wurde.
      Die Wache führte sie in Richtung des Aufseher-Hauses - das Dorf war wohl noch zu klein für einen eigenen Bürgermeister - wo man darüber entscheiden würde, ob sie die Nacht in der Sicherheit des Dorfes oder vor den Toren verbringen würden. Renera entdeckte auf dem Weg etwas, das sie mit einem Schlag begeisterte.
      "Uh, Aradan, sieh mal!"
      Auf der anderen Straßenseite, neben einem überdachten Holzlager, war eine kleine Kuhle ausgehoben worden, in der etwa eine Handvoll Kinder jeder Altersgruppe zusammen trainierten. Ihre Übungsschwerter waren etwas klein gehalten, schienen allerdings solide verarbeitet zu sein. Die Kinder kämpften in Paaren gegeneinander und daneben stand eine hochgewachsene, streng wirkende Frau, die die Kämpfe mit vollster Aufmerksamkeit beobachtete. Ihr schien nicht die kleinste Bewegung zu entgehen, denn sie donnerte Befehle in unregelmäßigen Abständen heraus und dann zuckte immer eins der Kinder zusammen und antwortete ihr etwas. Ihre Stimmen gingen allerdings unter den Geräuschen des alltäglichen Geschäfts unter, die sich aus den Hammerschlägen der Zimmerer, dem Hacken der Holzfäller, dem Schnaufen der Arbeiter und dem Knarzen der Wagen zusammensetzte.
      Renera sah zu den Kindern hinüber, bis sie an ihnen vorbei waren.
      "Wenn wir bleiben dürfen, werde ich ihnen ein bisschen zusehen."
      Das war etwas, das ihr schon immer gefallen hatte: Unterrichten. Zu sehen, wie die Lehrlinge sich Bewegungen antrainierten und dabei versuchten, ihre Anordnungen gleich umzusetzen, war eine befriedigende Arbeit. Der Fortschritt, den sie dabei machten, war fast schon direkt zu sehen, wofür Khil der lebende Beweis war. Man konnte gleich erkennen, ob der Schüler etwas taugen würde oder nicht.
      Und außerdem frohlockte sie die Erinnerung an simplere Tage, als es nichts wichtigeres gab, als Wilks Anerkennung zu erhalten.
    • Der Frage Renera's, wie alt die Karte sei, konnte Aradan nur mit zuckenden Schultern beantworten. Er selbst hatte sie einem seriös wirkenden Händler abgekauft als die Truppe die erste Stadt erreicht hatte. Allem Anschein nach war die Karte wohl also doch nicht auf dem aller neusten Stand, wie der Händler es beim teuren verkauf behauptet hatte. Ganz klar würde er sich diesen Händler noch mal zur Brust nehmen wenn er ihn je wieder sehen würde.

      Renera's erstaunen über das Dorf konnte Aradan dann aber vollkommen nachvollziehen. Es hatte ihn doch tatsächlich erwischt. Er fühlte sich als wäre er wieder ein kleiner Junge. Der leichte Wind trug dann auch noch den Geruch von frisch gehacktem Holz zur Truppe. Eine Gänsehaut durchfuhr den wieder jünglichen Aradan. Eine ganz neue Art der Energie schien ihn zu durchfluten. Wo die eigentlichen Ruinen von Melora eher Schmerz und Trübsal auf kommen lies, lies dieser Moment all das gute auferleben dass sich in den Erinnerungen vergraben hatte. Er kam nicht umher Renera anzusehen und zu lächeln bis er die Diskussionen am Tor vernahm. Jarku und sein Bruder Kiliak waren bereits dabei zu fragen ob sie innerhalb der Palisaden übernachten durften, doch wurden sie selbstverständlich vorerst mit Argwohn betrachtet.
      Erst als sich Daikata dazu gesellte um seiner stattlichen Redekunst Gewicht zu verleihen, waren die Angelegenheiten schnell geklärt und es wurde der Truppe Einlass gewährt.
      Bis jedoch entschieden wurde ob sie nach ein paar Stunden wieder weiter ziehen müssen oder ob sie die Nacht hier bleiben durften, musste noch besprochen werden.

      Egal wie sich entschieden wurde, Aradan war glücklich. Jeder noch so kleinste Eindruck beflügelte ihn. Hart arbeitende Männer an der einen Ecke, beschäftigte Frauen an der anderen. Oder, wie Renera aufmerksam machte, trainierende Kinder. Ab diesen Moment wollte Aradan nicht mehr weiter laufen. Er lies die Truppe an den freien Platz weiter ziehen, an welchen die Wachen verwiesen hatten.
      Für einen Moment stand Aradan nur so da und sah den Kindern zu. Es war beinahe so als könnte er sich selbst mit all jenen Kindern aus seiner Zeit auf diesem Platz sehen. Ohne es zu bemerkten lief ihm eine Träne die Wange hinunter. Für diesen Augenblick wirkte die Welt wieder Sorgenfrei und simpel.
      Als er diese dann aber bemerkte, wischte er sie sich schnell weg und schloss sich wieder der Truppe an, wo Renera auch schon ihren Wunsch äußerte. Aradan grinste und hätte sie am liebsten an die Hand genommen um Renera mit sich zu ziehen, doch nickte er nur mit dem Kopf in Richtung der Kinder.
      "Warum warten. Die werden uns schon nicht raus werfen. Lass deine Waffen einfach hier"
      Aradan machte es ihr vor. Er legte sein Schwert und seinen Bogen ab und übergab diese der schon die Hände hin haltenden Chie. Für Renera stand dann auch schon im selben Moment Ruka mit erwartenden Händen dort.
      Aradan selbst legte sich noch seinen gelehrten Mantel ab und ging gelassen voran.
      Tatsächlich waren die beäugelnden Wachen deutlich gelassener als Aradan seine Waffen und den möglicherweise verbergenden Mantel ebenso ablegte.

      Ungeachtet dessen ob Renera ihm direkt folgte, stand er mit wenigen Metern Abstand hinter der befehlenden Frau und betrachtete das Training mit verschränkten Armen und friedlichem Lächeln. Erst als er bemerkte wie Renera neben ihm auftauchte, sprach er ruhig
      "Neu Melora."
      Dann legte sich ein beinahe frech entschlossenes lächeln auf sein Gesicht.
      "Eines Tages. Lass es uns gründen."
      Dabei hielt er Renera seine Faust entgegen
    • Anstatt weiterzugehen, um den Aufseher von ihrer Bleibe zu überzeugen, entschloss Aradan sich kurzerhand bei den Kindern zu bleiben, was Renera selbst nicht ablehnen konnte. Sie hätte keine Sekunde darüber nachgedacht die Gruppe alleine zu lassen, aber was sollten sie denn schon befürchten? Renera war jetzt nicht mehr in der Gesellschaft einer einzigen anderen Person, auf die sie ständig ein Auge werfen musste, sondern war gleich von einem Dutzend umgeben. Sie konnte sich die Freiheit erlauben, auch mal einen Alleingang zu unternehmen.
      Sie übergab Ruka strahlend ihre Waffen, sprang vom Wagen und schloss zu Aradan auf, ehe er die kleine Kuhle erreicht hatte.
      Khil sah ihr nach.
      Sie stellten sich beide hinter der Lehrerin auf und nahmen beide dieselbe Haltung ein, als ob es abgesprochen wäre. Nur Aradans Unterhaltung sorgte dafür, dass sie nicht wie der Schatten des jeweils anderen wirkten. Renera wandte sich ihm zu und musste schmunzeln.
      "Du willst ein Dorf gründen?"
      Sie zog skeptisch eine Augenbraue hoch, schlug dann aber ein.
      "Wieso eigentlich nicht. Aber lass es uns besser machen. Neu-Melora mit neuen Verbesserungen. Den Teil mit der Vernichtung fand ich zum Beispiel nicht sehr prickelnd."
      Sie grinste fröhlich und wandte sich wieder den Kindern zu. Neu-Melora, der Gedanke fing an sie mehr zu begeistern, je weiter sie darüber nachdachte. Sie könnten eine Gemeinschaft gründen, die genauso darauf ausgelegt war Kreaturen zu vernichten wie Melora es gewesen war, aber dieses Mal würden sie nichts falsch machen. Kein diebischer General, der sie ihrer Schmiedekunst berauben will und auch keine Monsterhorde, die kräftig genug war ihre Pallisaden zu stürmen. Renera könnte Wilks Erbe aufrecht erhalten, sie könnte genau das tun, was die Frau vor ihr gerade tat und worin sie immer am meisten Erfolg gehabt hatte. Sie könnte sich niederlassen, an einem festen Ort mit einem eigenen Bett und vielleicht sogar einem eigenen Zimmer. Ihre erste Amtshandlung als Bürgermeisterin würde wahrscheinlich sein, dass alle Wohnhäuser so groß waren, dass mindestens zwei Familien darin leben konnten. Das wäre doch ein guter Ansatz, oder nicht?
      Ihr Blick wanderte an den Schülern entlang zu einem kleinen Jungen von vielleicht 8 Jahren, der gegen ein größeres Mädchen kämpfte. Sie hatten beide keine Wasserhaltung und auch keine Felshaltung, sondern verfielen in die standardmäßigen Kampf- und Verteidigungshaltungen, die auch in der Armee gelehrt wurden. Die Lehrerin musste wohl aus der Armee stammen - das war allerdings kaum erstaunlich, wenn man bedachte, dass Lytien von einer Handelsgilde gegründet worden war und die womöglich erstmal einen Lehrer anheuern mussten. Tatsächlich fiel Renera nach dieser Beobachtung auf, dass die Lehrerin sich wie ein Offizier benahm, dem die Rekruten zugeteilt worden war. Sie stand aufrecht mit unbewegter Miene, brüllte ihre Befehle in drei oder weniger Worten heraus und die Schüler, die angesprochen waren, antworteten stets mit einem ebenso lauten "Jawohl!", ehe sie sich darum bemühten ihrer Anweisung folge zu leisten. Es schien ein Training zu sein, das im Grundsatz auf Disziplin und erst danach auf Kampfkunst beruhte. Das war zwar keine unübliche Lehre und die Nachteile waren deutlich übersichtlich, aber Renera hatte es immer als äußerst ärgerlich empfunden, dass die eigene Moral davon abhing, ob der Vorgesetzte noch lebte oder nicht. Wenn das Banner in der Schlacht fiel, drohte meist die Panik auszubrechen, auch wenn man noch in der Überzahl war. Auf der anderen Seite war es die beste Möglichkeit, um in zuverlässiger Formation zu kämpfen.
      "Ich glaube, Wilk hat es besser gemacht als diese Frau. Sie ist so sehr auf die Lehren der Armee fixiert. Obwohl ich wahrscheinlich immer von meinem Lehrer behaupten würde, dass er der bessere sei."
      Sie wandte sich Aradan halb zu.
      "In Neu-Melora bestehe ich darauf, dass ich den Unterricht übernehme. Du kannst ja... hm... als Schmied arbeiten. Oh -", sie wandte sich ihm ganz zu, "Wie geht es deinen Eltern? Hast du zu ihnen Kontakt? ... Leben sie noch?"
    • "Irgendwann mal, ja."
      führte Aradan an. Nach den ergänzenden Worten von Renera lachte er dann doch etwas auf
      "Natürlich machen wir es besser. Unsere Reise wird uns noch zu so manchen Weggabelungen führen aber ich bin mir sicher dass wir das schaffen. Mit dem Kryss haben wir vermutlich jetzt schon mehr Wert auf der Karre als dieses Dorf in einem Jahr verdienen kann also... Wer weiß. Ganz unmöglich wird es sicher nicht.

      Er konnte sich schon so gut vorstellen wie ein Dorf genau an der Stelle errichtet wird wo einst Melora stand. Mit Mauern aus massivem Stein aus den Bergen, verstärkt durch Eisen und einem glücklichen Volk dass sich nicht nur gegen Monstern, sondern auch gegen Menschen zur wehr setzen kann. Er sponn seine Gedanken so weit, dass er schon vor sich sehen konnte wie das Dorf frei von jedem Einfluss der Machthaber des Landes war. Ein durch und durch eigenständiges Dorf.
      Natürlich wusste Aradan wie utopisch diese Vorstellung war, doch in diesem Moment erlaubte er sich zu träumen.
      "Hm? Wilk? Oh ja. Er war eigen aber wenigstens steckte in ihm etwas Menschlichkeit.."
      Als Renera von den Lehrmethoden der Armee sprach, nickte er nachvollziehend
      "Hm. Ich habe bisher nur in Büchern gelesen wie in der Armee üblicherweise verfahren wird. So habe ich es mir jedoch nicht vorgestellt. Das sind doch nur Kinder. Eine kleine Pause oder eine physische Lehre wären doch um einiges besser als ihnen alles nur Verbal entgegen zu brüllen. Aber ja. Ich werde ganz klar darauf bestehen dass du diesen Part übernehmen wirst. Du hast Khil beigebracht sich zu verteidigen. Einem Bücherwurm."
      er lächelte amüsiert
      "Wer einem Wurm beibringen kann ein Schwert zu führen, kann Kindern beibringen Berge zu versetzen."

      Zur Frage seiner Eltern atmete er ein mal tief durch und stemmte eine Hand an seiner Hüfte.
      "Ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht. Diese Stadt ist für mich ein Loch ohne Boden. Ich kenne die Gassen, doch habe ich als Kind nie einen Weg gefunden auch nur in ihre Nähe zu kommen. Als würden die Bürger und der Adel in zwei vollkommen abgetrennten Welten leben. Komm den gewissen Räumlichkeiten auch nur zu nahe und sie haben per Gesetz das Recht dich in Ketten zu werfen. Aber ich habe ihnen Nachrichten zukommen lassen, anhand von Spenden für den Hofschmied. Alles was sie umsonst bekommen, wird ohne wenn und aber akzeptiert. Es wird zwar geprüft aber naja.. Solange es kein Gift ist und den Horizont der Wachen übersteigt, kommt dort alles durch. Es bleibt natürlich nur die Frage ob sie meine Botschaften auch verstanden haben. Die Erste, bevor ich zur See ging, war ein kleines Stück Eisenerz auf welchem ich ein Schiff eingeritzt habe. Das Gleiche tat ich als ich vor wenigen Monaten wieder kam. Ich habe dem Hofschmied eine Kiste geben lassen in welcher mehrere Eisenbarren waren. Auf der Unterseite der Truhe habe ich das Selbe Schiff geschnitzt, welches ich zuvor auf das Erz geritzt hatte. Wie ich meine Mutter in Erinnerung habe, wird sie diese Botschaft verstehen. Zumindest hoffe ich das."

      Ein Blick über die Schulter brachte die Information dass wohl der Verantwortliche dieses Dorfs grade auf dem Weg zur Truppe war. Er hatte noch zwei Wachen im Schlepptau, welche beide mit gezogenen Schwertern hinter diesem her liefen.
      "Sieh mal Renera. Gezogene Schwerter. Früher hätte mich so etwas beunruhigt aber ob du es glaubst oder nicht. Diese Reaktion hat Valterri schon auf so manche gehabt.
      Also dann. Zeit zu verhandeln."
      So schloss sich Aradan wieder der Truppe an und erwartete den Verantwortlichen ruhig und weiterhin unbewaffnet.
    • Tatsächlich war die Vorstellung eines eigenen Dorfes gar nicht mal so unmöglich, nachdem Aradan das Kryss ansprach. Würde er also tatsächlich in Betracht ziehen, dieses Vermögen einzutauschen, um sich mit Renera ein eigenes Melora aufzubauen? Damit sie beide endlich zu einem Frieden kamen, der ihnen bisher verwehrt gewesen war? Schließlich schien auch Aradan sich nicht im Osten niedergelassen zu haben, genauso wenig wie Renera in Ashkenia oder auf dem Weg dorthin. Zumindest konnte Aradan von sich behaupten, dass er eine richtige Heimat gehabt hatte, während Renera von einem zum nächsten Ort gewechselt war. Sie hatte nur drei Jahre in Melora gelebt, drei wertvolle Jahre zweifellos, aber das war wohl kaum genug, um es als ihre Herkunft zu betrachten. Da war ihr die Armee vertrauter. Aber desto berauschender war die Vorstellung davon, sich endlich irgendwo fest niederzulassen.
      Aber nicht jetzt. Nicht während ihrer unabgeschlossenen Studien, nicht während der Gefahr, die die Kreaturen noch immer auf die Umgebung ausübten und nicht, solange Khil nicht ausgebildet war. ... Nicht, solange sie sich vor Kopfgeldjägern fürchten musste.
      Sie plauderten über Lehrmethoden und schließlich auch über Aradans Eltern. Renera war sich nie darüber bewusst gewesen, wie gut sie es hatte, dass sie ihrer Mutter Briefe verfassen lassen konnte und diese jemanden dafür bezahlen lassen konnte, dass er sie ihr vorlas. Nie hätte sie sich vorgestellt, wie es wohl sein musste, in ständiger Unsicherheit darüber zu leben, wie es ihrer Mutter gehen mochte - aber genau das war es, was Aradan durchgemacht hatte. Er musste sich hilflos gegenüber dieser Einschränkung gefühlt haben mit keiner Aussicht auf eine Besserung. Noch nicht einmal jetzt wusste er, ob seine Eltern überhaupt noch lebten.
      Sie versicherte ihm, dass es den beiden am Königshof bestimmt gut ging, aber etwas anderes konnte sie dazu nicht sagen. Vielleicht könnten sie einen Besuch am Hof ja arrangieren. Jemand wie Khil konnte sich womöglich als Gelehrte ausgeben und Aradan als ihren Assistenten mitnehmen - aber das waren Gedanken, mit denen sie sich später befassen konnte. Vorerst sollten sie regeln, wo sie die Nacht verbringen würden.

      Der Aufseher war ein junger Mann - vielleicht Mitte 20 - mit sonnengebräunter Haut und einer dünnen Statur. Er hatte einen lässigen Gang drauf, als er auf sie zugeschlendert kam, aber seine Miene machte einen gegensätzlichen Eindruck. Er hatte eingefallene Wangen und ein spitz zulaufendes Kinn, seine Haare wirkten zerzaust und die Bartstoppeln verliehen ihm ein verruchtes Aussehen. Allerdings waren seine Augen hellwach und aufmerksam; Sie schienen alles in ihrer Umgebung in sich aufzusaugen, als könnten sie sich nicht davon satt sehen. Sie richteten sich auf Aradan, der sich vor ihm aufbaute, und schlängelten sich methodisch an seinem Körper herab, ehe sie zu Renera übergingen und dort dasselbe taten. Gleichzeitig schien sein Körper vollkommen entspannt, als er zum Stehen kam, das Gewicht auf ein Bein verlegte und sich leicht zur Seite neigte. Wäre dieser Blick nicht gewesen, in der eine tief verankerte Übung lag, die Jahre an Erfahrungen ihm auferlegt hatten, hätte man ihn für einen gewöhnlichen Holzfäller halten können. Die Arbeiterhose und das aufgeknöpfte Hemd ließen auch eher auf letzteres schließen.
      "Ihr seid auf der Durchreise?"
      Seine Stimme war samtig weich und hörte sich etwas desinteressiert an.
      "Wie viele seid ihr? Sind das alle?"
      Er blickte in die Runde und zählte, während er auf eine Antwort wartete.
      "Ich lass' hier niemanden umsonst übernachten. Häuser hab' ich dafür eh nicht, wenn ihr bleiben wollt, werdet ihr im Stall schlafen müssen. Jede Nacht kostet euch vier Stunden Arbeit, ihr könnt euch entscheiden zwischen Holz hacken, Unkraut jäten, Tiere verpflegen, Bretter leimen, Palisaden putzen, Straße kehren oder Latrinen säubern. Wenn ihr hier was kaufen wollt, müsst ihr tauschen, wir nehmen kein Gold."
      Er leierte seine Forderungen hinunter, bis ihn schließlich einer der Wachen mit einem Räuspern an etwas erinnern wollte.
      "Achja und eure Waffen werden bei den Wachen abgegeben. Hier drinnen braucht ihr keine, die Palisaden sind stark genug um Läufer abzuhalten."
      Daraufhin brummte Renera missmutig, sagte allerdings nichts. Meloras Palisaden waren auch stark genug gewesen um Läufer abzuhalten, zumindest bis ein Dutzend von ihnen hineingelaufen waren. Zumindest konnten sie wohl in Lytien bleiben.
    • Wie schnell doch die Stimmung kippen konnte. Kaum hatte der Aufseher seinen Mund geöffnet, wurde alles kompliziert. Aradan rieb sich beinahe etwas genervt die Stirn als er die Worte eines sich wichtig machenden Schnösels anhören musste. Allem voran hob er seinen Kopf an als hätte er sich vergewissern wollen sich nicht gerade verhört zu haben, als die Forderung folgte alle Waffen zu übergeben. Das sorgte nämlich in der Tat für ein gewaltiges Problem. Aber hoffte Aradan trotz allem dass mit diesem Mann eventuell eine Einigung gefunden werden könnte.
      "Ja wir sind auf der Durchreise und kommen von weit her."
      Um dies direkt zu beweisen, hielt Aradan dem Aufseher die alte Karte entgegen
      "Viele Jahre ist es her dass wir zuletzt in diesen Landen waren. Wir sind zum größten Teil gelehrte, die das Wissen der Welt verbreiten, an all jene die es erfahren wollen. König Tharyn ist derzeit unser nächster Auftraggeber. Er lud uns ein um über den fernen Osten zu berichten. Wie ihr sicher an unserer Tracht seht, kommen wir von weit her. Eben jenem Osten. Liurasch, um genau zu sein. Nach unserer Ankunft in diesem Land haben wir uns direkt einige Leibwächter gesucht und bezahlt um uns sicheres Geleit zu gewähren."
      Aradan wies mit seiner Hand auf alle in der Gruppe hin die keine für dieses Land exotische Kleidung trugen, darunter auch Renera, Khil und Valterri. Am meisten hoffte er aber darauf diesem abgehobenen Blick des Aufsehers richtig zu deuten. So zückte Aradan ein kleines geschmiedetes flaches Gefäß aus seiner Gürteltasche und hielt es dem Aufseher entgegen. Dann flüsterte er
      "Ihr wollt mir gar nicht glauben wie schwer es ist fähige Leute zu finden. Hiervon habe ich schon so einige Schlücke gebraucht. Nehmt nur."
      Dann sprach er wieder in normaler Lautstärke während er seinen Geldbeutel hervor zückte
      "Nun ich bin mir sicher dass hier jede Hand gebraucht wird. Doch finden wir sicher eine Ausnahme für diese beiden angeheuerten Weiber. Die eine ist für meinen persönlichen Schutz zugeteilt. Die andere verfasst meine Texte. Ich bin mir sicher König Tharyn wird euch ebenso entlohnen wenn er von mir erfährt wie ihr meinen Wünschen nach gekommen seid. Selbstverständlich werden die anderen meiner Truppe diesem Dorf aushelfen so gut sie können. Wir brauchen nicht einmal eine Unterkunft. Wir haben ein eigenes Lager dabei. Wir brauchen nur den Schutz eurer Palisaden. Haben wir einen Deal?"
      Aradan hatte während seiner Ansprache einen fürstlichen Goldbetrag in der Hand. Genug um ein weiteres Haus errichten zu lassen.
    • Der Aufseher richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Aradan und nahm das Fläschchen entgegen. Er begutachtete es, warf Aradan einen Blick zu, roch daran und trank schließlich. Dann hörte er sich in aller Seelenruhe an, was der andere zu ihm zu sagen hatte und und starrte schließlich auf das Gold in seiner Hand hinab. Dann gab er ein Grunzen von sich.
      "Deal."
      Er griff mit schwieligen, langen Fingern nach dem Gold und übergab Aradan im gleichen Zug wieder sein Fläschchen. Als Aradan es wieder entgegennehmen wollte, beugte er sich zu ihm vor.
      "Für Gelehrte habt ihr aber ganz schön wenig Bücher dabei. Und ein königliches Siegel kannst du mir bestimmt auch nicht vorweisen, oder?"
      Sein Mundwinkel zuckte, während er Aradans Miene erforschte. Sie verharrten vielleicht drei, wenn nicht vier Sekunden beieinander, aber es wirkte doch wie eine Ewigkeit, ehe er sich wieder aufrichtete und Aradan sein Fläschchen übergab. Eine der Goldmünzen tanzte wie beiläufig über seine Fingerspitzen.
      "Nun denn, Gelehrte, ich freue mich, euch höchstpersönlich in Lytien willkommen zu heißen", säuselte er und machte eine kreisende Handbewegung, um seinem Sarkasmus mehr Ausdruck zu verleihen. "Genießt euren Aufenthalt und sollten Wünsche aufkommen, dann verkneift sie euch. Bei den Stallungen ist Platz und beim Holzplatz ist auch eine Fläche frei und bei den Palisaden im Süden grundsätzlich auch. Sicher ist das für einen so hohen Besuch ausreichend, oder etwa nicht?"
      Er fixierte Aradan für einen Moment, dann drehte er sich in seiner lässigen Haltung um und schlenderte in Richtung der Holzfäller davon, die beiden Wachen dicht hinter ihm.
      Die Gruppe setzte sich langsam wieder in Bewegung und Renera schnaubte, als er weg war.
      "Dem hättest du kein Gold geben dürfen, Aradan. Zum Schluss wird er noch mehr von dir haben wollen."
    • Daikata sah dem ganzen Schauspiel zu und rollte das ein oder andere Mal mit den Augen. Dieser Aufseher war Korrupt, was der Truppe klar in die Hände spielte, doch wie er seinen Status spüren lies, war schon wirklich widerwärtig. Glücklicherweise sprang dieser Typ auf das Verhandlungsgeschick von Aradan an und verließ auch recht schnell das Geschehen.
      Aradan atmete durch, wissend nun eine ruhige Nacht für seine Gruppe ausgehandelt zu haben, gefolgt von Renera die ihm einen weisen Rat gab, was Aradan zu einem durchtriebenen lächeln brachte.
      "Genau dieser Meinung bin ich auch."
      So hielt er Renera eine der Goldmünzen entgegen welche er auch dem Aufseher zur Bezahlung gab.
      "Beiß drauf.. Vorsichtig"
      Es zeigte sich dass es keinesfalls echte Goldstücke waren. Es waren nur kupferne Kopien die mit täuschend echter Farbe überzogen waren. Einem machthungrigen Geier wie der Aufseher einer war, würde so etwas kaum auffallen.
      "Der Kerl hat sich auf einen Tanz mit uns eingelassen. Er weiß dass wir nicht zum König gehen, auch wenn sein Hinweis auf die Bücher etwas lächerlich war. Mit dem Siegel hat er uns aber durchschaut, ging aber auf die Münzen ein. In diesem Spiel haben wir also gewonnen. Selbst wenn er es merkt, haben wir ihn der Korruption überführt. Genug um für diese eine Nacht Ruhe zu haben. Keiner wird es merken und selbst wenn er es bemerkt, hat er nichts zu befürchten, solange er uns morgen wieder los ist."
      Dann brachte Jarku zum Gespräch hinzu
      "Und selbst wenn. Habt ihr mal die Schützen angesehen? Junge Burschen. Kaum alt genug die Wärme einer Frau gespürt zu haben. 16 an den Türmen und grade mal 10 patrouillierende Soldaten. Im Schutz der Nacht wären diese Leute ein Kinderspiel. Ich würde beinahe soweit gehen zu sagen, dass sie auch jetzt keine große Gefahr aus machen. Die Palisaden selbst sind derzeit unser größter Bonus"
      Aradan nickte. Er sah die Angelegenheit genau so, doch wollte er es nicht so deutlich machen. Ihm war es lieber die Ruhe zu bewahren um der Truppe endlich etwas Entspannung zu bieten.
      "Gut. Wie dem auch sei. Schlagt das Lager auf. Wir haben derzeit die Erlaubnis. Wir dürfen über Nacht bleiben und es gab kein Verbot uns im Dorf zu bewegen. Nutzt diese Gelegenheit."
      Jarku nickte und brachte die Nachricht weiter an alle anderen. Daikata ging danach zu Khil und lies sich ihre Hände zeigen
      "Geht es dir soweit gut? Brennen deine Hände?"

      Aradan hingegen nutze die erteilte Erlaubnis und schritt wieder voran zum Trainingsplatz, wo die Kinder nach wie vor einen strikt verbalen Unterricht bekamen. Er konnte es einfach nicht ertragen ohne zumindest ein mal gefragt zu haben und nun, da er die Erlaubnis hatte sich im Dorf bewegen zu dürfen, sprach er die Ausbilderin an, als er knapp hinter ihr war
      "Du kommst aus der Armee oder? Findest du nicht dass Kinder anders unterrichtet werden sollten als Soldaten?"
    • Die Gruppe konnte weiterziehen, um sich einen geeigneten Lagerplatz zu suchen. Sie hatten sich den Schutz beim Aufseher erfolgreich erschlichen, deswegen herrschte aber noch lang keine besonders gehobene Stimmung. In Melora wäre man Fremden gegenüber wohl auch misstrauisch gewesen, aber sie wären ihnen niemals so herablassend begegnet. Zum Glück war das aber auch nicht Melora und es war auch nicht Neu-Melora.
      Aus Ermangelung einer konkreten Aufgabe und außerdem, weil es wohl nicht schaden konnte den Schein aufrecht zu erhalten, folgte Renera Aradan kurzerhand und spielte die Leibwächterin. Das war ziemlich einfach, sie musste nur einen festen Schritt haben, den Kopf aufrecht halten und ihre Hand auf ihre Waffe legen, dann wirkte sie gleich so, als würde sie ständig die ganze Umgebung im Auge behalten. Es freute sie, dass ihr Körper sich noch an diese Zeit der Armee erinnern konnte.
      Khil wollte ihr nachgehen, aber dann wurde sie von Daikata aufgehalten. Sie setzte sich doch wieder auf die Wagenbank, streckte ihm brav ihre Hände hin und ließ es zu, dass er einen Blick drauf warf.
      "Es sticht noch ein bisschen, aber nicht sehr viel. Wird es wieder verheilen?"
      Sie hörte sich seine Antwort an, schien aber nicht gerade bei der Sache zu sein. Ihr Blick wanderte wieder zu Renera und Aradan in der Ferne, die sich wieder zu den Kindern gesellt hatten.
      "Findest du nicht auch, dass Renera und Aradan wie zwei Magneten sind?", fragte sie missmutig und zog dabei die Stirn in Falten. Dann sah sie wieder zu Daikata hinab.
      "Sag mal, hat Aradan eine Frau?"

      Die Lehrerin drehte sich zu den beiden um und blickte skeptisch drein. Sie musterte erst Aradan und dann Renera ein bisschen so, wie es der Aufseher bereits getan hatte, und schürzte dann die Lippen.
      "Ich wüsste nicht, was sowas Fremde angehen sollte. Aber nein, ich finde nicht, dass die Kinder anders ausgebildet werden sollten. Die Lehren des Militärs beziehen sich auf sorgfältige Studien, die über Generationen weitergegeben wurden. Ich sehe keinen Grund darin diese Studien abzuändern."
      Sie wandte sich demonstrativ wieder von ihnen ab und hatte gleich etwas zu bemängeln. Der 8-jährige Junge hatte nicht auf seine Seite geachtet und so hatte ihm das Mädchen einen erfolgreichen Seitenhieb verpasst. Davon würde er sicherlich einen blauen Fleck davontragen.
    • Daikata zog in der selben Sekunde als Khil von einem Stechen sprach, eine Salbe hervor, welche in großen Ahorn Blättern gewickelt war.
      "Ein Stehen hm? Das werden wir direkt unterbinden. Und ja. Deine Hände werden schnell verheilen. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht erwartet dass du jetzt schon von einem Stechen sprechen wirst. Ein Stechen ist eine natürliche Reaktion, gefolgt von einem juckendem Gefühl. Versuch es so gut es geht zu vermeiden diese juckende Stelle zu kratzen. Stell dir einfach vor dass diese juckende Stelle deine Haut ist, die gerade in diesem Moment eine neue Haut bildet."
      Was dann aber für eine Frage folgte, lies Daikata in seiner Tätigkeit ruhen. Er blickte in Richtung der beiden und versuchte seine Schlüsse zu ziehen, welche der von Khil nicht wirklich entgegen wirkten.
      "Zwei Magneten hm? Gar kein schlechter Gedanke. Es wirkt tatsächlich so. Seit sie voneinander getrennt wurden, ist viel Zeit vergangen. Jetzt sehen sie sich nach all den Jahren wieder und verknüpfen eine Zeit die wir uns vermutlich nicht einmal vorstellen können. Meine prägendste Zeit war als mein erstes Kind auf die Welt kam. Davor wurde ich darauf gedrillt dem Hof zu entsprechen. Sogar meine Frau wurde mir zugeteilt, welche ich glücklicherweise lieben lernte. Nun stell dir die Beiden vor. Sie kennen sich seit sie Kinder waren, verliebten sich und wurden auf grauenvoller Weise voneinander getrennt. Ich würde beinahe soweit gehen zu behaupten dass sie sich noch ziemlich im Zaum halten. Aradan ist ein Eisklotz und Renera scheint Menschen nicht besonders zu mögen. Wären diese beiden Faktoren nicht, dürften wir vermutlich bald mit froher Kunde rechnen."
      Daikata lachte spaßend als er Khil die neue Salbe auf die Hände auftrug.
      "Eine Frau?"
      Khil's Frage war tatsächlich ungewohnt. Diese Truppe hatte sich schon so sehr daran gewöhnt wie Aradan tickte, dass es beinahe seltsam war sich ihn in einer Beziehung mit einer Frau vorzustellen.
      "Lass mich überlegen. Ich glaube die letzte Frau die sich versuchte ihm anzunähern, wurde direkt und kalt abgewiesen. Wenn ich darüber nachdenke, hat er jede Frau abgewiesen. Unter uns ging schon das Gerücht um dass Aradan keinem Geschlecht oder einem Trieb verfallen war. Doch seit wir von Renera und seiner Vergangenheit hörten, glaubten wir dass er diese Zeit nie überwunden hat... Was diesen Magnetismus wohl ziemlich beschreiben würde. Mit anderen Worten. Nein. Er hat keine Frau und keine Geliebte."

      Aradan wandte sich flüsternd zu Renera als die Ausbilderin wie erwartet reagierte.
      "Nicht besonders offen für Vorschläge die Gute hm? Wer hätte das gedacht"
      Er erlaubte sich ein paar Schritte näher zu kommen um die Kinder besser begutachten zu können. Anschließend wandte er sich wieder der strikten Ausbilderin zu.
      "Was es mich angeht? Nichts. Da haben sie natürlich Recht. Das ist aber nur eine magere Begründung dafür keinerlei Spielraum für neue Eindrücke zu lassen. Wurde Ihnen der Auftrag gegeben Kinder so Strikt zu lehren oder haben sie Angst vor neuen Dingen?"
      Sein Ziel war es die Ausbilderin etwas zu reizen und vom Training abzulenken als er dann auf Renera verwies.
      "Statt diesen 8-Jährigen zu tadeln.. wie wäre es den Kindern zu zeigen was sie gegen eine schlichte Soldatin der Armee zu sagen haben? Ein unbewaffneter Kampf. Wer den dritten Schlag landet, hat gewonnen. Siegen sie, verbeuge ich mich und gebe noch eine wertvolle Belohnung obendrauf. Verlieren sie gegen diese Frau, verlange ich lediglich dass sie in der Nacht eine gesellige Runde mit unserer Truppe verbringen. Haben wir eine Abmachung?"
      Aradan sah zwischen den beiden Frauen hin und her ehe er platz machte. Dabei kam er an Renera vorbei, welcher er seine Hand auf die Schulter legte und leise sprach
      "Zeit für das nächste Training. Überwinde deinen Geist und beweise dieser Frau dass der Geist Melora's noch lebt."
    • Khils Miene veränderte sich zu einem undeutbaren Ausdruck, ehe sie wieder zu Aradan und Renera hinübersah.
      "Hm."
      Sie beobachtete die beiden so lange, bis Daikata seine Behandlung beendete und sie die Zügel ergriff.
      "Danke, Daikata."
      Dann trieb sie den Esel an und als sie an ihm vorbeizog, sackten ihre Schultern herab und ihr Blick verlor sich im Nichts.

      Die Lehrerin reagierte auf Aradans Provokation genau so, wie er es vermutlich haben wollte. Sie wandte sich wieder zu ihm um, diesmal deutlich fester und mit einem Blick, in dem der Hass aufflammte. Sie versteifte sich am ganzen Körper, während sie Aradan versuchte mit der Autorität einer Lehrerin niederzustarren, die an ihm völlig abprallte. Dann sah sie auch kurz zu Renera hinüber.
      "Soldatin? Wo ist die Uniform?"
      "Ehemalige Soldatin."
      "Hrmpf. Unter welchem Banner?"
      "Zuletzt Herzog Vihris."
      "Welche Einheit?"
      "Leibgarde."
      Die Frau schnaubte erneut, aber ihr Blick verharrte eine Sekunde zu lang auf Renera, ehe er wieder zu Aradan zurückwanderte. Renera hatte wohl trotz allem ihr Interesse geweckt.
      "Ich stimme zu. Wir machen ein Duell nach alter Sitte. Du kennst die Regeln, Soldatin?"
      "Natürlich. Nur Schläge gegen den Oberkörper, nicht aus dem Ring weichen, eine Hand oben bedeutet "ich gebe auf"."
      Sie warf Aradan, der sie in diese Situation gebracht hatte, einen ärgerlichen Blick zu und ließ ihre Schwerter zurück, als sie zu der anderen in die Kuhle stieg. Die andere schickte bereits die Kinder an die Seite, um ein wenig Platz zu machen. Die Kinder bildeten einen Halbkreis in einer Ecke, der die Begrenzung ihres Feldes darstellen würde.
      Renera warf einen letzten Blick auf Aradan, dann hob sie die Fäuste an und verfiel in die Wasserhaltung. Die Frau stellte sich grimmig vor ihr auf und erklärte das Duell für begonnen.
      Sie war durch und durch eine Soldatin. Renera erkannte es an den sorgfältig gewählten Schritten, mit denen sie sich Renera langsam näherte und die Art, wie sie ihre Brust herausreckte, um größer zu erscheinen. Sie erkannte es auch an der Anspannung, die den ganzen Körper der Frau beherrschte, während Renera in ihrer leichtfüßigen Wasserhaltung auf der Stelle tänzelte und ihr Gewicht zum Rhythmus dazu verlagerte. Die Frau wirkte wie ein Raubtier, das sich an eine Beute heranpirschte und Renera wirkte wie der Spatz, der sie noch nicht bemerkt hatte.
      Aber sie wich dem ersten Schlag dennoch aus. Die Schläge der Lehrerin waren hart und sorgfältig ausgeführt und hätte Renera nicht den Vorteil der Wasserhaltung ausgenutzt und sich zur Seite gebogen, bevor sie ihr Gewicht mit einem Ausfallschritt verlagerte, hätte der erste Treffer schon gesessen. Die Frau zögerte nicht und sie schien auch nicht über ihre Bewegungen nachzudenken. Das war der Vorteil der Soldatenausbildung, man vertraute der Verbindung zwischen dem Wissen im Gehirn und der Ausführung der Muskeln, die dazu führte, dass man zu jeder Zeit eine geeignete Angriffsabfolge ausführen konnte, ohne sich dabei Sorgen machen zu müssen, ob die Seite ungeschützt war.
      Renera hatte diese Ausbildung auch genossen - und sie hatte die Ausbildung aus Melora genossen und verfeinert. Sie verband die Vorteile beider Lehren und eliminierte gleichzeitig die Instinktlosigkeit des Soldaten und die Kurzsicht des melorischen Kämpfers. Sie beobachtete, ließ sich von dem Kampfstil ihres Gegenübers leiten und schlug mit einer Präzision zu, die dazu ausgelegt war, Schwachstellen in Rüstungen zu penetrieren.
      Sie gewann nach fünf Minuten. Die beiden Frauen trennten sich keuchend voneinander und richteten ihre Kleidung. Die Lehrerin hatte nur einen Schlag getroffen, wirkte aber dennoch irgendwie zufrieden, und Renera ließ ihre zitternden Hände hinter ihrem Rücken verschwinden. Besonders zum Ende hin war es schwierig gewesen, noch einen klaren Gedanken zu fassen, wodurch sie auch einen Schlag hatte einbüßen müssen, aber es war längst nicht so schlimm gewesen wie mit Reshli im Wald. Dafür war ja aber auch niemand verletzt worden.
      "Ein gutes Duell", verkündete die Frau, wobei ihre Miene immer noch starr war. Anscheinend sah sie einfach generell streng aus, egal in welcher Stimmung sie sich gerade befand.
      "Ich hätte mich wohl auch als Leibgarde einschreiben müssen."
      "Lieber nicht", erwiderte Renera, lächelte leicht und rang sich nach kurzem Zögern einen Salut ab. Die Frau musterte sie, dann erwiderte sie den Salut und im Gegensatz zu ihr wirkte der von Renera schäbig und stümperhaft. Sie lächelte trotzdem und stopfte sich die Hände in die Hosentaschen.
      "Ich werde heute Nacht kommen. Bis dahin würde ich es wert schätzen, wenn ihr das Training nicht weiter aufhaltet. Wenn ihr wollt, könnt ihr zusehen."
    • Aradan sah dem erfolgreich provozierten Kampf zu und studierte jede noch so kleinste Bewegung beider Kämpfer. Renera hatte ganz klar noch jede Lehre aus Melora mit genommen und ebenso hatte sie diese verfeinert, was ihr auch am Ende klar den Sieg einfuhr, so wie den Respekt der Ausbilderin.
      Er war zufrieden über beide Ergebnisse und bot Renera gen Ende direkt eine Stütze, falls sie diese annehmen würde. Natürlich nahm Renera diese nicht an, vor allem verständlich nach diesem Kampf.
      So stand Aradan nur felsenfest da und nickte der Ausbilderin entgegen.
      "Wir werden das Training ganz sicher nicht mehr stören. Ein Platz wir euch bei Einbruch der Nacht sicher sein. Ihr werdet keine Waffen brauchen, es sei denn ihr fühlt euch damit sicher."

      Was dann auch die letzten Worte waren als er Renera langsam zurück zur Truppe führte, welche schon die meisten Zelte aufgebaut hatte, darunter auch das von Renera und das von Aradan.
      In diesem Moment wandte er sich aber noch Renera zu bevor es die ganze Truppe hören konnte.
      "Du hast dich wirklich gut geschlagen. Ich habe gesehen wie schwer dir jeder Schlag fiel. Auch wie du es vor der Frau verbergen wolltest. Aber keine Angst. Die künftigen Grüner von Neu Melora werden dieses Hindernis schon Bald aus dieser Welt verbannen. Ich gebe dir mein Wort."
      Vorsichtig legte Aradan seine Hände auf die von Renera und führte diese zusammen, nachdem nun alle vier Hände beieinander waren.
      "Du bist viel stärker als du glaubst Renera. Solange ich an deiner Seite bin, werde ich nicht zulassen dass du fällst."
    • Die Wege der drei trennten sich wieder und Renera folgte Aradan zurück zu ihrer eigenen Gruppe. Sie hatten sie fast erreicht, als Aradan sich zu Renera umdrehte.
      Seine Worte zauberten ihr das dritte Lächeln an diesem Abend ins Gesicht. Es war ein aufrichtiges Lächeln, für das sie sich fast schämen musste, weil sie es zuließ, dass sie dieses Lächeln einem Mann schenkte. Aber es fühlte sich richtig an - und schließlich war es doch Aradan, die einzige Ausnahme, die es auf der Welt nur geben konnte, oder etwa nicht? Sie hatte sich schon mit dem Gedanken angefreundet, mit ihm ein Dorf zu gründen, dann konnte sie sich auch mit dem Gedanken anfreunden, dass er keine Gefahr darstellte.
      Sie blickte auf seine Hände hinab und ergriff sie von sich aus. Im Vergleich zu Khil war seine Haut rau und widerspenstig und ihre eigenen Hände zitterten noch immer bis in die Spitzen, aber seine Finger boten ihr auch jetzt eine unnachgiebige Stütze, so wie am Vortag, als er ihr die Hand zum hochziehen gereicht hatte. Das waren Hände, nach denen sie in ihrer Not greifen konnte, wenn sie fiel - so wie er es bereits sagte.
      Sie sah wieder zu ihm auf und grinste.
      "Für Neu-Melora. Wir werden es besser machen."
      Dann zog sie ihre Hände in die Sicherheit ihrer Körpernähe zurück und ging neben Aradan her, als sie in das temporäre Lager eintraten.

      Khil beobachtete sie von dem Karren aus. Sie hatte den Esel versorgt und Abstand zu den anderen gehalten, damit sie nicht mit ihren Unterhaltungen ihre Gedanken zerstörten, und da hatte sie die beiden gesehen. Hand in Hand. Das breite Grinsen von Renera. Den Blick, den Aradan auf sie gerichtet hatte.
      Khils eigener Blick verlor sich im Nichts und für einen Moment drohte sie, in die Gänge ihrer Gedanken abzudriften, wo sie ein kompliziertes Labyrinth aus sich verändernden Wegen erwartete, aber dann schoss sie doch wieder davon empor. Sie konnte sich nachher mit diesen Gedanken beschäftigen, die darauf warteten, dass sie sich um sie kümmerte - aber eben erst dann, wenn sie wirklich alleine war. Wenn nichts und niemand sie stören könnte.
      Sie ließ das Zaumzeug los und kniete sich auf den Boden neben den Esel, der am Gras herumkaute. Sie beobachtete das Malmen seines Kiefers und die seelenlosen Augen, die nichts wahrzunehmen schienen. Nichtmal Khil.
      "Na, du dummes Tier? Willst du vielleicht mit mir Plätze tauschen? Ich glaube einen Karren zu ziehen ist keine so schlechte Beschäftigung. Dabei muss man bestimmt wenig nachdenken."
      Sie kraulte ihn zwischen den Ohren und entschied sich dann dazu, sich beim Wagen zu verstecken, bis sie ihre Gedanken soweit geordnet hatte, um wieder hervorkommen zu können.

      Die Lehrerin hielt ihr Versprechen. Sie stieß zu ihnen, als sie gerade gegessen hatten, und brachte eine Flasche mit, den sie gleich dem nächstbesten übergab.
      "In Lytien nennen wir das Honigwein. Ein Händler hat sich mal verhaspelt und dann hat jeder vergessen, wie es wirklich hieß."
      Sie überbrachte die Flasche mit einer feierlichen Stimme und wirkte tatsächlich entspannter als vorhin. Sie setzte sich neben Jarku, kreuzte die Beine sittsam übereinander und legte die Hände in den Schoß. Im Flackern des Feuers wirkte sie deutlich älter, aber tatsächlich war sie wohl irgendwo Anfang 40.

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    • Das Lager war flott aufgebaut. Dieses mal musste kein guter Untergrund für die Zelte gefunden werden. In diesem Dorf wurde schon die meiste Fläche gut geebnet, vermutlich um in Kürze neue Häuser zu bauen.
      Ein paar Dörfler halfen trotzdem noch mit kleinen Annehmlichkeiten aus wie Stühle und einer Fackel um das Lagerfeuer mühelos zu entfachen. Einige boten sogar getrocknetes Fleisch und Wein an. Letzteres wies die Truppe aber auf Rat von Daikata ab. Diese Sorte war ein typischer Wein für die unterste Schicht. Er hatte lediglich den Zweck einem schnell die Sinne zu benebeln, doch sagte keiner was für Kopfschmerzen dieser Wein am nächsten Morgen mit sich brachte.

      Im laufe des frühen Abends stieß dann doch tatsächlich die strenge Ausbilderin zur Truppe hinzu. Es war noch genug Platz nahe des Feuers da. Aradan stand sofort auf und bot ihr einen Platz an wie es der Anstand verlangte. Die Flasche, welche die Frau mit brachte, wurde ihr direkt von Kiliak abgenommen, welcher das Talent hatte ständig genervt zu wirken. Auch in diesem Fall bedankte er sich nicht und sah der Frau auch keinen Augenblick in die Augen als er direkt einen großen Schluck aus der Flasche nahm, kurz bevor ihm diese von Jarku aus der Hand gerissen wurde und einen Schlag auf den Hinterkopf bekam.
      "Sag mal gehts noch? Bedank dich gefälligst"
      Kiliak rieb sich den Hinterkopf und sog zischend die Luft zwischen seinen Zähnen hinein.
      "Jaja ist ja gut, danke für die Flasche. Gibts davon mehr?"
      Und zugleich folgte der nächste Schlag auf den Hinterkopf.
      "Was mein verzogener Bruder sagen will ist, dass ihm das Getränk gut schmeckt. Habt vielen Dank... Ehm verzeiht aber wie heißt ihr?"

      Während dieser Unterhaltung sah Aradan eher Renera an und dachte an das Gefühl als sie seine Hand genommen hatte. Es hatte ihm gefallen, dabei war es doch nur eine Hand. Warum also dachte er so lange darüber nach? In letzter Zeit erkannte er sich selbst kaum noch wieder. Doch etwas passte nicht.
      Dann fiel es ihm auf.
      "Ehm.. Wo steckt eigentlich Khil? Seitdem ihre Hände verletzt wurden, ist sie ungewohnt leise geworden und nun ist sie nicht mal bei dir?"
    • Die Frau nahm die Auseinandersetzung mit Jarkus jüngerem Bruder recht gelassen auf. Sie schenkte ihm nur einen kurzen Blick, dem man verzogenen Kindern zuwarf, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass man mit ihrem Verhalten nicht einverstanden war, aber ansonsten entschloss sie sich, ihn nicht zu beachten. Jarku blickte sie stattdessen offen entgegen.
      "Ihr könnt mich duzen - ich heiße Araja. Ich arbeite seit drei Jahren für die Handelsgilde Merkat, aber vor Lytien war ich in einer Ortschaft in Eraltrik. Das war ein recht idyllischer Ort mit einem kleinen Wasserfall, der aber furchtbar zu verteidigen war. Das ist noch schlimmer, wenn die Leute nicht schwimmen können."
      Sie winkte fast schon vergnügt ab und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Haare waren matt und stumpf, spiegelten ihr Alter besser wieder, als sie es mit ihrem Benehmen verdecken konnte und schienen nicht recht in dem Zopf bleiben zu wollen, den sie sich gebunden hatte. Wahrscheinlich hatte sie mal schöne Haare gehabt und mit einem jugendlichen Gesicht und keinen dürren Händen war sie womöglich auch mal hübsch gewesen.
      "Und wer seid ihr? Darek sagte mir, ihr seid Gelehrte, aber es hat sich angehört, als ob er sich über euch lustig machen wollte."
      Sie blickte in die Runde, vor allem zu Aradan.
      "Das hat er doch nicht, oder? Er ist ein kluger Mann mit einem Talent für Wirtschaft, aber menschlich hängt er ein bisschen nach. Da ist er quasi noch ein Teenager, er ist erst 23 der Junge, aber das darf er sich nicht zu Kopf steigen lassen, sonst ist Lytien bald auch weg. Die Dörfer halten sich heutzutage einfach nicht lange."
      Renera, die wie selbstverständlich neben Aradan saß und zur Beschäftigung eine ihrer Klingen polierte, fühlte sich gleich angesprochen. Ja, die Dörfer hielten tatsächlich nicht lange. Eigentlich war sie bisher noch keinem einzigen begegnet, dessen Bevölkerung über fünf Generationen hinausging. Es war wie ein Fluch, dass eines Tages eine Armee von Kreaturen kam und die Mauern jeder Ortschaft einrannte.
      Aradan wandte sich ihr zu und sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Allerdings ließ sein Kommentar sie aufschrecken.
      "Khil! Bei den Kreaturen, ich hab' Khil ganz vergessen!"
      Wie konnte ihr sowas denn passieren? Sie hatte die letzten zwei Jahre an Khils Seite verbracht und jetzt war ihr noch nicht einmal aufgefallen, dass sie beim Essen gefehlt hatte!
      Sie sprang auf und verließ die Runde in aller Eile. Sie musste von allen guten Geistern verlassen sein, wenn ihr soetwas passierte.
      "Khil?!"
      Sie warf einen Blick in ihr gemeinsames Zelt, ging durchs Lager, zurück zur Straße und schließlich auch zum Holzplatz, der in der Nähe lag. Erst auf ihrem Rückweg hörte sie ihre Stimme.
      "Hier."
      Sie blieb stehen, drehte sich nach dem Laut um und beobachtete dann ungläubig, wie Khil unter dem Wagen hervorkletterte. Sie richtete sich auf, klopfte sich den Dreck von den Knien und verschränkte die Hände vor sich. Das war eine Anstandshaltung, die sie im Palast immer eingenommen hatte, wenn sie mit Vorgesetzten reden musste.
      Renera starrte sie an.
      "Khil, was im Namen aller Kreaturen hast du da unten gemacht?"
      "Ameisen beobachtet, natürlich."
      Sie sprach es mit einer Selbstverständlichkeit aus, als ob sie Renera im nächsten Satz fragen wollte, warum sie da nicht selbst draufgekommen war und Renera zweifelte deshalb keinen Moment an dieser Aussage. Sie seufzte und kniff sich in den Nasenrücken.
      "Du kannst in einem fremden Dorf nicht einfach wegbleiben. Dir könnte sonst was passieren."
      "Ich denke nicht."
      "Du denkst nicht?"
      "Nein."
      Diese Aussage ließ sie dann doch wieder aufblicken und Khil studieren. Sie hatte den Rücken durchgestreckt und sah Renera mit aufmerksamen Blick an. Sie erinnerte sie in diesem Moment mehr an die Khil, die sie im Palast erst kennengelernt hatte, nicht an die Khil, die sie gefragt hatte, ob sie ihr das Kämpfen beibringen würde.
      Aber bevor sie ihre Verwunderung aussprechen konnte, wandte Khil sich schon ab.
      "Lass uns zurückgehen. Ich bin mir sicher es wird dich freuen zu hören, dass ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass Ameisen einen ebenso wichtigen Platz in der Ökologie besitzen wie Menschen."
      Sie wanderte zurück zum Feuer und Renera blieb nichts anderes übrig als ihr zu folgen, ehe sie sich wieder neben Aradan setzte und Khil - aus Ermangelung an anderen Plätzen - sich neben die Zwillinge setzte. Dann nahm sie schweigend das ihr angebotene Essen entgegen, warf Aradan einen langen und nachdenklichen Blick zu und aß schließlich.
    • Alle die Araja zugehört hatten nickten höflich und stellten sich der Reihe nach vor. Nur die 4 vermummten sprachen nach wie vor kein Wort und verzogen sich auch recht schnell in das große Zelt.
      Auf ihrer Frage hin nahm sich Aradan dann die Freiheit ein bisschen das Plaudern zu beginnen
      "Du musst dich wirklich nicht für den Aufseher entschuldigen. Man kann ihm ansehen dass er diese Rolle noch nicht lange inne hat. Er mag etwas hochnäsig gewesen sein aber das legt sich sicher mit der Zeit. Zumindest hat er uns hinein gelassen. Er hätte uns genau so gut wieder abweisen können. Aber ja. Wir sind tatsächlich Gelehrte. Nicht alle aber ich bin ganz sicher einer. Wir kommen aus dem fernen Osten, davor war ich eine Zeit lang im Norden bei den Nordmenschen. Ihr würdet nicht glauben was man in dieser Welt alles lernen kann wenn man über die Grenzen der Länder hinaus geht.
      Zur Zeit sind wir nur auf der Durchreise um das ein oder andere zu lernen. Man sagt im Westen soll es einige Ruinen mit Monster geben, die mit einem gut ausgebildeten Trupp besiegen könnte. Existiert diese Ruine noch? Derjenige der uns diese Informationen gab, hat uns eine Karte verkauft die nicht einmal dieses Dorf verzeichnet hat."
    • Araja wirkte aufrichtig interessiert, aber nicht auf die Art, bei der man denken könnte, dass sie die Gruppe mit ihrer Aufmerksamkeit in die Irre führen wollte. Sie schien an einem Plausch interessiert zu sein und noch mehr, als es dabei um andere Länder ging.
      "Achja wirklich? So weit kommt ihr her? Ich war noch nie auf einem Schiff, bin höchstens bis zur Küste gewandert. Damit fährt man doch rüber - oder gibt es etwa auch einen Landweg?"
      Araja zeigte das Interesse, das - so wie Renera nun erkannte - wahrscheinlich jeder hervorbrachte, wenn er mit der Gruppe in Kontakt trat. Wie konnte man bei so einer exotischen Ansammlung schließlich nicht von ihrer Herkunft begeistert sein? Sie war ja auch nicht besser gewesen, als sie sie vor zwei Tagen getroffen hatte und jetzt erkannte sie, dass Aradan wahrscheinlich schon Hundert Mal, wenn nicht sogar öfter, alle vorgestellt und dann von seinem Weg über den Norden hin zum Osten erzählt hatte. Das musste doch sicherlich unheimlich ermüdend sein, immer dieselben Fragen zu beantworten und immer dasselbe Interesse zu wecken. Das wäre so in etwa, als sei Melora weltbekannt und als müsste Renera zum hundertsten Mal erzählen, dass sie bei Wilk und dann bei Svenkov in die Lehre gegangen war. Anstrengend.
      "Eine Ruine im Westen?", fragte Araja gerade und blickte nachdenklich in den Himmel, als würden ihr dort unsichtbare Zeichen die Antwort liefern.
      "Es gibt hier überall Ruinen. Östlich von hier liegt die Ruine von Melora etwa einen Tagesmarsch entfernt", Renera zuckte bei diesen Worten zusammen, "und südlich die Ruine von Erathis." Renera wandte den Blick ab, starrte erst ins Feuer und beschäftigte sich dann wieder mit ihren Waffen.
      "Im Westen liegen etwa genauso viele Ruinen, aber ein bisschen weiter weg und die meisten sind schon fast im Erdboden verschwunden. Oh, aber vielleicht meint ihr den alten Wachposten Isgrid an der ehemaligen Grenze zu Shegar? Das Gebiet gehört eigentlich keinem der beiden Herzöge, weil es dort ein kleines Tal gibt und sich alle Kreaturen dort sammeln, als könnten sie die Senke nicht wieder hochklettern. Der alte Wachposten steht da mittendrin, schon seit Jahren unbewohnt. Aber wenn ihr Arbeit sucht, würde ich dort nicht hingehen, das Gebiet ist verloren. Ich könnte Darek fragen, ob er euch einen Spähauftrag gibt, wir haben nicht immer genügend Leute, um die Umgebung im Auge zu behalten."
    • Aradan nickte und probierte von dem ihm nun gereichten Honigwein.
      "Einen Landweg gibt es nicht. Es dauert Wochen mit einem Schiff und einem tüchtigen Kapitän. Du kannst dir also sicher denken dass es dort ziemlich anders ist als hier. Aber nehmt es mir nicht übel wenn ich nicht ins Detail gehe. Es ist nicht persönlich gemeint aber wir kennen uns nicht und wir haben einen langen Marsch hinter uns. Einigen von uns werden sicher bald schon die Augen zu fallen."
      Als Araja dann anfing über die Ruinen zu erzählen, wünschte sich Aradan dass er etwas genauer gewesen wäre, immerhin zählte Melora oder auch Erathis in seinen Augen nicht als Ruine. Irgendetwas in ihm behielt diese Dörfer nach wie vor so im Kopf als stünden sie noch. Ihm ging es viel mehr um eine eher weniger bekannte Ruine und es freute ihn zu hören dass Araja diese nicht erwähnt hatte.

      Die Gespräche über allerlei kleinen Dingen, etwa der Politik dieses Landes, die Geschichten welche das Land zuletzt groß bewegt hatte oder einfacher tratsch, führte die Nacht voran bis langsam schon keiner bis auf die Wachen an den Palisaden noch umher liefen. Auch von der Truppe waren die Meisten schon in ihren Zelten.
      "Gut die Nacht setzt ein. Ich denke es wird Zeit diese gesellige Runde zu beenden. Es hat mich gefreut Araja."
      Anschließend stand Aradan auf und streckte sich kräftig. Jedoch war das Zelt nicht sein Ziel. Viel mehr zog der kleine Trainingsplatz ihn erneut an. Es dürfte wohl keinen stören wenn er auf einem gut einsehbaren Feld inmitten des Dorfes und Reichweite von Schützen stand. Manchmal genoss er es einfach nur an einem ruhigen Ort zu sein und die Stille aufzusaugen.
      Für einen Moment dachte er sogar darüber nach einfach auf dem offenem Feld zu schlafen, doch setzte er sich vorerst auf den mit Kieselsteinen übersehten Boden und lies seine Gedanken an vergangenen Zeiten kreisen. Dieser Ort schaffte es einfach immer wieder an Melora zu erinnern.
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