spellbound. (earinor & akira)

    • "Wann bin ich das nicht?", lachte er heiser. Sein Vater hatte ihn noch nie von Dingen abhalten können - wie würde ein kleines, armes Schaf solche Dinge bewerkstelligen? Alle Knochen würde Rain sich bei dem Versuch brechen, Nayantai von irgendetwas abzuhalten, das der Wolf unbedingt wollte. Sie beide waren so verschieden, waren einander vermutlich ungefähr so ähnlich, wie ein wahres Schaf und ein wahrhaftiger Wolf einander sein konnten und doch versuchten sie, irgendwie, an ein und demselben Strich zu ziehen, der sich ihnen beiden bereits um den Hals gelegt hatte, der nicht mehr locker lassen würde und der für sie auch nur bedeutete, dass sie - zumindest im hier und jetzt - nur mehr dem Tod in die Augen blicken konnten. Stattdessen schmiegten sie sich aneinander und hofften darauf, dass ihnen mehr zuteil werden würde, als nur das, was sie einander geben konnten - Nayantai hoffte, dass Rain einfach aufhören würde, sich dagegen zu wehren, dass er aufhören würde, sich einzureden, dass alles hinter diesen beengenden Mauern so war, wie Gift für seinen schwachen Körper. Der Wolf wollte nun einmal nicht mehr, als ihn davonzustehlen, ihn mitzunehmen und verschwendete nicht einen Gedanken daran, ihn jemals wieder zurück zu bringen.

      "Das ist gut", antwortete er dem Lamm, das er weiterhin in seinen Armen behielt. Rain gehörte ihm, niemandem sonst - nicht, dass er Besitzansprüche erheben wollte, oder dass es sich gar schickte, es zu tun, doch ihn loszulassen fühlte sich nicht richtig an. Hier herumzusitzen, dem Knistern des Feuers und seinem eigenen Herzen, das schneller schlug als es sollte, zuzuhören, während er versuchte, sich einen Reim aus seinen Gedanken zu bilden, fühlte sich erstaunlicherweise entspannend an. Waren denn alle Tage, die er hier verbringen sollte, nur dadurch zu bestimmen, wie er sich fühlte oder sich fühlen wollte? "Egal, was ich will?", harkte er nach und leckte sich über die eigenen Lippen - er hatte nicht vor, über ein armes, schwaches und nach Luft prustendes Lamm herzufallen und es für immer als das seine zu deklarieren, hatte nicht vor, ihn in den Dreck zu ziehen, in dem er lag. Nein, Nayantai blieb dort sitzen wo er war, schmiegte seinen Kopf an den Hals Rains und verblieb dort, wollte sich nicht rühren, weil das Lamm noch immer so angenehm kühl war. "Willst du denn, dass ich dich halte?", entkam es seinem Mund, als glaubte er sich selbst, wenn er sich einredete, dass er ihn losließ, sobald das Lamm 'Nein' sagte - würde er das überhaupt akzeptieren? Hielt er ihn denn nicht gerne?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain hätte sich an den Wolf geschmiegt, wenn er die Kraft dazu aufgebracht hätte. Er war auf einmal schon wieder so müde, wollte sich einfach nur ausruhen. Er hatte nichts gegen das Fell auf dem er saß, in der Nähe des Kamins, aber er wäre lieber in seinem Zimmer gewesen, das irgendwie sicherer wirkte und in das normalerweise keiner hinein stürmte. Ob es nun sein Bett war, der große Sessel, oder doch der Boden vor seinem eigenen Kamin, das war Rain egal, aber er wollte hier weg und sich ausruhen, an der Seite des Wolfes. "Du... trägst mich doch ständig irgendwo hin. Kannst du mich in mein Zimmer bringen...? Ich glaube nicht, dass ich es gerade alleine schaffe...", fragte das Lamm den großen, starken Wolf, der gefallen daran zu haben schien, Rain irgendwo hin zu schleppen. Vielleicht konnte er ihn tatsächlich über die Berge tragen...

      "Ich will nicht Lebewohl sagen... aber wir haben Zeit, über all das nachzudenken, Zeit die du nutzen solltest, um wieder zu Kräften zu kommen. Vor Allem, wenn du nicht nur dein eigenes Gewicht schleppen musst... Ich wäre gerne bei dir, aber... nein vergiss es, ich möchte darüber nicht streiten, ich will einfach nur deine Nähe genießen, solange du hier bist. Niemand geht irgendwohin, solange es in Fhaergus nicht taut... und dich von mir zu stoßen, funktioniert scheinbar nicht, weil du bei mir sein willst und ich in Wahrheit auch bei dir... Du hast mich schon wieder gerettet... ich weiß nicht, ob ich mich ohne dich beruhigt hätte, ob ich noch hier sitzen könnte... Danke." Rain lächelte und konnte nur hoffen, dass Nayantai das Meiste von dem was er gesagt hatte, auch verstanden hatte. Er war zu müde um nach den Worten in der Sprache der Wölfe zu suchen, er wollte tatsächlich über gar nichts nachdenken und höchstens ins Feuer starren und den Flammen beim Tanzen zusehen, während Nayantai seine Arme um ihn legte.
    • "Dein Wunsch sei mir Befehl", sprach der Wolf, den es nicht mehr zu kümmern schien, an was er sonst dachte, bevor er sich etwas von dem Lamm löste, damit er sich selbst auf seine Knie setzen konnte, seine Hände unter die Kniebeugen schieben konnte und Rain mit einem Ruck hoch nahm. Ohne großartig darauf achten zu müssen, was genau er tat, stand er selbst erst etwas zögerlich auf - seine Wunden schmerzten und sein Körper versuchte vermutlich noch immer zu verarbeiten, dass er ihn vorhin noch dazu getrieben hatte, mehr zu tun, als sonst eigentlich. Seine Beine waren zwar nicht so spindeldürr wie die des Lammes, das wusste er - so konnte er sich immerhin auf ihnen halten, so wie das Lamm - aber es hatte nicht unrecht. In der bestmöglichen Verfassung war auch der Wolf nicht mehr, hatte kaum eine andere Wahl gehabt, als dass er sich einfach selbst verrotten lassen hatte und nun waren es die Konsequenzen, mit denen er zu kämpfen hatte. Müde Beine waren es, die sie beide aus dem Raum davontrugen - hätte er mehr Kraft, dann hätte er sich Rain wie ein erlegtes Tier über die Schulter werfen können und müsste ihn nicht auf diese Art und Weise tragen, auch, wenn es irgendwo schöner war. "Mh, wir haben beide später dafür Zeit ... und es ist alles in Ordnung. Ruh dich aus, atme tief durch."

      Nayantai konnte sich in der Wildnis zurechtfinden, aber dieses Gemäuer war ihm noch immer gänzlich vertraut - er mochte seinen Weg selbst hierher gefunden haben, aber auch nur, weil er jedwede Tür aufgerissen hatte, die er nicht kannte und weil er mehr Durchhaltevermögen besessen hatte, weil er sich entschuldigen wollte. So trug er sie beide, zurück in die hoffentlich richtige Richtung - und schwieg den ganzen Weg lang. Nach reden war ihm nicht zumute und das Rauschen seiner unaufhaltsamen Gedanken konnte ihm gestohlen bleiben - er wollte weder das eine, noch das andere haben und wollte lieber den Augenblick genießen, den er den ihren nennen könnte. Unbemerkt fing er wohl an, etwas zu summen - ein altes Kinderlied -, als er nach dem Zimmer des Fürsten Ausschau hielt, dessen müden Körper er in seinen ausgelaugten Armen trug. Wohin noch gleich? Ach ja, dorthin - und noch immer fühlte es sich eher so an, als würde er mit seinen Geschwister Verstecken spielen, als dass er er sich hier, in einer fremden Welt, befand. Kaum kam er an der - vermeidlich - richtigen Tür an, öffnete er sie mit seinem Ellbogen, erlaubte sich, einzutreten und summte fröhlich weiter, bevor er Rain auf seinem Bett absetzte und dann zurückging, um die Tür zu schließen. "Bist du müde?", fragte er, trat wieder näher an das Lamm heran. Beinahe schon aus Gewohnheit legte er die Hand an Rains Kopf. "Willst du ... andere Kleidung ... anziehen?"
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    • Vermutlich wäre Rain ohne den Wolf gar nicht in diese Lage gekommen, dass er keuchend am Boden saß, aber daran dachte er nicht. Es war im auch egal, aber sich alleine aus dieser Situation zu ziehen, war noch nie einfach gewesen und das hier war das erste Mal gewesen, seit seine Mutter nicht mehr lebte. Das letzte Mal, als es passiert ist, das war vor fünf oder sechs Jahren gewesen, eben weil er die besagte Treppe aufgeregt nach oben gelaufen war nur, um oben dann keuchend zusammen zu brechen, sich gegen das Treppengeländer zu lehnen und zu hoffen, dass er irgendwann wieder atmen konnte. Seitdem bestieg er die Treppe mit Vorsicht, gemütlich und langsam und auch sonst rannte er nirgendwo hin. Vielleicht konnte er sich ja ab jetzt überall hin tragen lassen, immerhin war es ganz angenehm. Er legte seine schweren Arme um den Wolf und bettete seinen Kopf auf dessen Schulter. Er konnte die Augen nicht schließen, weil ihm bei dem Gewackel sonst übel wurde, aber das machte nichts.

      Der Wolf fand seinen Weg alleine und schweigend, auch Rain sagte auf dem Weg nichts, stattdessen aber begann der Wolf zu summen und Rain lauschte. Erst als er in seinem Zimmer wieder auf seinem Bett saß, unterbrach der Wolf die Stille zuerst. Er wollte tatsächlich etwas bequemes anziehen, bevor er wieder in einem der Hemden einschlief, also nickte er, ohne daran zu denken, dass der Wolf wohl nicht wusste, wonach er ausschau halten musste. Rains müde Finger öffneten bereits die restlichen Knöpfe an seinem Hemd, damit er es schnell ausziehen wollte, er fühlte sich darin im Moment immer noch nicht wohl, auch wenn der Wolf die obersten Knöpfe vorhin bereits geöffnet hatte. "Du musst aber nicht mit mir hier bleiben, es ist noch früh. Oder du kannst einfach etwas lesen... ich will mich nur kurz hinlegen.", meinte Rain mit einem schwachen Lächeln. Er wollte den Wolf nicht seines Abends berauben und ihn schon wieder ins Bett zerren. "Was war das für ein Lied vorhin?"
    • Nayantai glaubte selbst nicht, dass er sonderlich müde war – auch, wenn sein Körper ein ganz anderes Lied darüber singen konnte, dass er sich ebenfalls hinlegen sollte, dass er sich nicht dazu zwingen musste, großartig wachzubleiben und dass er keinerlei Verpflichtungen hatte, denen er entgegen kommen musste. Das Einzige, das er tat, war das, was er für richtig hielt – und das, was richtig war, war, sich um Rain zu kümmern, wenigstens für den Moment. All das, was danach käme, war irrelevant, auch, wenn er nichts lieber täte als seinen geschundenen Körper ebenfalls in das weiche Bett sinken zu lassen, sich das Hemd vom Leibe zu reißen und so weiterzumachen, wie bisher. Wollte er das? Verweichlichen, sich einem Lamm immer wieder erneut annähern und sich dabei einreden, er war nicht mehr als ein Objekt für ihn, nicht mehr als – konnte er denn damit leben? Und warum redete er sich erneut so viel Unsinn ein? Glaubte er denn, dass es rechtens war? Hatte Rain nicht recht? Er musste aufhören, daran zu denken, schüttelte den Kopf und seufzte. Derartige Gedanken waren nicht von Relevanz.

      Mit einem Nicken wandte er sich zum Schrank des Lammes ab, den er öffnete und dann begann, nach etwas zu suchen, dass der Definition von „nicht beengend“ entsprach – vorausgesetzt, Schafe besaßen solche Dinge. Wenn er gänzlich ehrlich war, dann versuchte er nur zu erfühlen, was von den vielen Stoffen und Gewändern Rains sich anfühlte, als wäre es bequemer als die lausigen Hemden, die sie tagein und tagaus trugen. Kaum hatte er etwas gefunden, das eben jener Definition entsprach, zupfte Nayantai es aus dem Rest der Kleidung heraus, schloss die Schranktür und brachte es zu Rain. „Ich kann mich gerne zu dir legen, wenn es dir dadurch besser geht … dann kann ich vielleicht … nachdenken … oder lesen?“, gab er dem Lamm als Antwort. Es würde ihn nicht stören, wenn er neben ihm lag, würde ihn nicht stören, wenn er selbst nicht einschlief – er konnte sehr wohl hierbleiben, Rain Wärme spenden – er musste sich nicht von ihm distanzieren. Stillschweigend ließ er sich neben Rain sinken, legte ihm die Kleidung auf den Schoß. „Ein Lied? Meinst du das, was ich gesummt habe?“, wollte der Wolf wissen, der wiederum nach dem Holzplättchen an dem Talisman griff, den er noch immer trug. Auch, wenn es nicht seiner war – Angewohnheiten wurde man schlicht und ergreifend nicht leicht los. „Etwas … aus meiner Kindheit.“
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    • Rain sah dem Wolf zu, sah zu wie er den Schrank studierte und alles anzufassen schien, was er da drin fand. Rain lächelte, fragte sich, was die Wölfe noch für Kleidung haben, neben dem, was Sara bestimmt nicht einwandfrei zusammen geflickt hatte. Alles was Rain über die Kleidung der Wölfe wusste, war lediglich, dass sie keine metallenen Rüstungen trugen, so wie die Schafe. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass es nicht unbedingt von Nachteil war, die Wölfe sind flink und beweglich, dafür waren die Schafe geschützter und Pfeile mussten erst die richtige Stelle treffen, damit sie auch Schaden anrichteten. Rain mochte die Geschichten, die sein Vater ihm erzählte, auch wenn der Krieg nichts war, was Rain unterstützen wollte. Es ging wohl eher darum, dass er gerne etwas Neues hörte und darum, dass er vor Allem gerne Zeit mit seinem Vater verbracht hatte und zwar so, dass dem Fürsten dabei nicht langweilig wurde. Die Wölfe waren vielleicht deshalb so faszinierend für Rain, vielleicht hatte er sich dem Wolf auch deshalb so furchtlos angenähert.

      Rain lächelte, als der Wolf ihm etwas zum Anziehen brachte und schob sein Hemd endlich von den Schultern. Schnell schlüpfte er in das Oberteil, das Nayantai ihm gebracht hatte, das weitaus weicher war und das wichtigste: "Keine Knöpfe...", schmunzelte Rain in Nayantais Richtung, als sein Kopf wieder zum Vorschein kam. Er vermutete, dass Nayantai das sehr schätzen musste. Anschließend nickte er. "Mhm... dein Buch ist sowieso hier.", lächelte Rain, er wollte die Gesellschaft des Wolfes eigentlich nicht missen, aber nur weil er bei ihm blieb, hieß das nicht, dass er schlafen musste. Erneut nickte Rain, als Nayantai nach dem Wort fragte. "Ein Lied, ja..." Rain versuchte ein paar Töne nach zu summen, die er sich gemerkt hatte, damit er sicher gehen konnte, dass sie nicht von zwei verschiedenen Dingen sprachen. "Hat deine Mutter dir das vorgesungen...?", fragte Rain, während er aufstand und auch aus seiner Hose schlüpfte. Wenn der Wolf bei ihm im Bett geschlafen hatte, dann war ihm immer so warm, dass er einfach auf etwas anderes als seiner Unterwäsche verzichtete. Dann schlug er die Decke zurück, kroch in sein Bett, bis auf die andere Seite und ließ Nayantai genügend Platz übrig, wenn er den denn wollte.
    • Seine Heimat war so weit von Fhaergus entfernt und doch war es nicht ausschließlich Thria, nach dem sich der Wolf sehnte – es war die Freiheit, den Abstand, den er zu diesem Ort gewinnen konnte und es war die Annahme, dass er nicht frei sein konnte, so lange er sich weiterhin einsperren ließ und einfach nur hoffte, man würde Gnade über ihn walten lassen, würde sich darum bemühen, ihn bei Laune zu halten, nur, damit man ihm im Endeffekt eröffnen konnte, dass man ihn lediglich pflegte, weil man sich dazu verpflichtet fühlte, weil man nicht mehr wusste, was richtig und was falsch war und dass er es war, der sich irgendwann auch den Schafen beugen musste, wenn er in ihrer Welt weiterleben wollte. Nayantai war sich dessen bewusst, dass Rain recht hatte – dessen bewusst, dass es unwichtig war, wo genau er sein wollte, so lange sich ihre Völker nicht verstanden – es würde heißen, dass die schwarze Magie der Wölfe es sein musste, die sich durch Mark und Bein des jungen Fürsten gefressen hatte und ihm zu nichts mehr als einer willigen Marionette werden ließ. Verschwendete meine Gedanken jedoch nur an Hypothesen, dann glaubte man, verrückt zu werden.

      „Keine Knöpfe … das wäre schön“, brummte der Wolf, der dem Lamm dabei zusah, wie es sich das frische Gewand überstülpte und schlussendlich wirklich so aussah, als wäre das Oberteil bequem. Vermutlich redete er sich das nur ein, aber in diesem Hemd zu schlafen kam dem Wolf nicht nochmals in den Sinn, weswegen er anfing, auch die Knöpfe an seinem Hemd zu lösen. Wölfe kleideten sich nicht so, hatten keine prunkvollen Treffen, bei denen sie sich von ihrer besten Seite zeigen mussten, hatten keine Veranstaltungen, die voraussetzten, dass sie sich in solch unangenehme Gewänder zwängten – Wölfe lebten ungezügelt, daran gab es nichts zu rütteln. „Mhm“, mit einem Mal drückte er sich wieder hoch, obwohl er sich gerade erst hingelegt hatte, schnappte sich das Buch, das er vorhin eben hierhergeschleppt hatte und ließ sich – als wäre das der einzige Grund gewesen, überhaupt aufzustehen, wieder neben Rain auf das Bett nieder. Sein Hemd streifte er ab, ließ es unachtsam am Boden vor dem Bett liegen. „Ja, fast immer“, murmelte er und legte sich schließlich zu Rain ins Bett, bevor er sein Buch nahm und eben dieses aufschlug. „Wenn du möchtest dann …“, fing er an, deutete auf seine Brust. „Kannst du deinen Kopf wieder auf mich legen.“
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    • Rain war müde, er hasste es, wieso war er ständig müde, selbst wenn er gar nicht viel getan hatte? Gut, sein Körper hatte sich gerade anstrengen müssen, aber sonst war er den restlichen Tag hauptsächlich herum gesessen und trotzdem fühlte er sich, als wäre er den ganzen Tag auf den Beinen gewesen. Bei der Ankunft des Wolfes, hatte dieser Rain ein wenig davon abgelenkt, aber jetzt, wo er einfach neben ihm im Bett liegen konnte, warum sollte er da überhaupt noch aufstehen? Rain hielt sich die Hand vor den Mund, als er gähnen musste, sah dem Wolf zu, wie er sein Buch holte und ließ schließlich seinen Kopf auf den Polster fallen, als der Wolf sich wieder hingesetzt hatte. Unbedingt schlafen wollte er gar nicht, aber liegen war angenehm und er zog die Decke bis zu seinem Kinn. Rain war sich ziemlich sicher, dass Nayantai unter der Decke oft viel zu warm wurde, weswegen er ihn auch damit verschonte, während er sich selbst einwickelte.

      Rain sah auf, als der Wolf ihm anbot sich auf seine Brust zu legen und blickte dann au das Buch. "Ich hoffe es wird dir nicht zu dunkel hier drin..." Es war zwar noch nicht spät, aber die Sonne verschwand im Winter schnell hinter den Bergen und Rain kannte das Dilemma beim lesen. Deswegen hatte er auch eine kleine Öllampe neben dem Bett, die der Wolf benutzen konnte, wobei er sich gerade gar nicht sicher war, ob der Wolf sowas denn kannte. Vielleicht war es falsch zu denken, dass Wölfe nur Fackeln hatten, um Licht zu haben, aber Rain wusste nun mal kaum etwas über die Wölfe. Er deutete also auf die Lampe. "Soll ich sie für dich anmachen? Zum lesen?", fragte Rain also, der sich aber bereits an Nayantai heran schob und der Einladung nachkam, seinen Kopf auf Nayantais Brust zu legen. Von hier aus konnte er sogar selbst ins Buch sehen, obwohl ihm die fremden Zeichen überhaupt nichts sagten. Ob der Wolf ihm vorlesen konnte...? Rain würde zwar nichts verstehen, aber er hörte der Stimme des Wolfes gerne zu, jedoch... nein, das war albern, Rain war doch kein Kind mehr.
    • So viele Dinge gab es, die dem Wolf nicht geheuer waren – viel zu viele davon stachen ihm auch ins Auge, wenn er sie nicht wirklich betrachtete, doch all das schien gar nicht erst so schlimm zu sein, wenn er sich sein vermeidliches Leid mit einem Lamm teilte, dass sich ihm nicht aufzwang, das nichts von ihm verlangte. All die Dinge, die Nayantai hier getan hatte, tat er aus freien Stücken – auch, wenn manche davon nicht immer nur seine Idee waren. Dennoch fühlte es sich anders, beinahe schon besser, an, wenn er Zeit mit Rain verbringen konnte und sich beinahe alles erlauben durfte. Auch, wenn das Lamm nicht mehr als das sein sollte, fühlte es sich nicht wirklich anders an, als würde er Zeit mit einem Wolf verbringen – als wäre Rain eben das, auch, wenn er wusste, dass er sich all das nur einredete. Sich hier hinzulegen grenze an Blasphemie, gleich, wie es nicht sein sollte, dass er sich dem Lamm überhaupt annäherte – die Stricke waren ohnehin schon gerissen, die Mauern gefallen und alles, was zurückblieb, war er selbst, der sich nicht einigen konnte, was er tun sollte und sich dennoch wohl fühlte, wenn er hier lag.

      „Nein, es ist alles in Ordnung“, seufzte der Wolf, der zwar – eben aufgrund des schwindenden Sonnenlichts – bald nicht mehr viel sehen würde, aber er wollte sowieso nicht ewig in die Nacht hinein lesen und sich den Kopf über einen vermutlich totes Schaf im Wolfspelz zerbrechen. Enebish war auch nur ein Produkt seiner Erziehung, aber wirklich brauchbare Dinge schrieb er über sich selbst nicht – Nayantai hatte keine Ahnung, wer er war, nur, dass er einen falschen Namen hatte, den ihm ein Wolf angedreht hatte, der wohl der Meinung gewesen war, dass er es brauchte – dass er ein kränkliches Schaf war, das von den Geistern und Göttern versteckt und verschont werden musste. War er dann ohnehin nicht wie Rain? Aber was machte so ein Schaf auch irgendwo in Thria? „Mm-mh, bleib einfach liegen“; antwortete Nayantai, legte den Arm um das Lamm und hielt das Buch in der freien Hand, um es zumindest einigermaßen lesen zu können. Wo war er noch gleich gewesen? „Weißt du, manchmal verwirrst du mich etwas, aber ich glaube, das soll so sein.“ Oder? War Liebe es nicht, die einem den Kopf verdrehen, den Verstand rauben und die Sicht verblenden sollte? Nayantai lachte, wenn auch nur kurz - ja, vielleicht ... vielleicht dachte er zu voreilig.
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    • Ging Rain ihm zu sehr auf die Nerven? War er zu aufdringlich? Wenn man es rückwirkend betrachtete, dann war er derjenige gewesen, der am Anfang nicht von der Seite des Wolfes weichen wollte, der mit ihm sprach und ihn ausfragte, weil er neugierig war und der Wolf hatte wohl einfach mitgespielt. Aber vermutlich machte es sich zu viele Gedanken und nickte einfach, während er es sich bequem machte. Wenn er dem Wolf auf die Nerven gehen würde, dann würde er bestimmt etwas sagen, oder Rain einfach wieder irgendwo beißen, damit er Ruhe gab, oder sich wehrte... Rain war nicht ganz sicher was von beidem angebracht war. Manchmal schien der Wolf zu wollen, dass Rain etwas stärker wurde, dass er widersprach, sich wehrte, oder zumindest einmal zeigte, dass er versuchen konnte stark zu sein. Wieso tat er das? Weil er ihn wirklich mitnehmen wollte, oder vielleicht nur, weil er ihm helfen wollte? Rain hielt sich selbst für schwach und nutzlos, vielleicht war das gerade der größte Fehler, vielleicht sollte er etwas mehr an sich glauben.

      "Soll... so sein?", fragte Rain, obwohl er eigentlich nichts sagen wollte, damit der Wolf in Ruhe lesen konnte. Er glaubte nicht, dass er jetzt einschlafen konnte, also sah er sich die Seiten des Buches an, die seltsame Schrift, die ganz anders aussah, als die der Schafe, oder alles was Rain heute selbst studiert hatte, damit er etwas über die Schnitte an Nayantais Seite heraus finden konnte. Er hätte auch gerne die Schrift der Wölfe gelernt, aber dazu sollte er vermutlich zuerst die Sprache einigermaßen beherrschen. Das Buch, das ihm absolut nichts sagte, langweilte ihn also ein wenig und er wollte die Augen nicht zu machen, weswegen er sich mit dem Rücken zu Nayantai drehte, damit er ein wenig aus dem Fenster sehen konnte, vor dem immer noch Schneeflocken vom Himmel rieselten. Den Arm des Wolfes behielt er schön um sich, während er eine Hand unter seinen Polster schob und den Flocken draußen ein wenig zu sah. Er musste erneut daran denken, wie glücklich der Wolf da draußen gewesen war und er dachte auch an die kleinen Schneemänner, die nun vor dem Anwesen standen. Rain musste bei dem Gedanken lächeln.
    • Jede Seite würde ihm irgendetwas anderes sagen, wollte von ihm gelesen werden - aber sie war genau so leicht zu entziffern, wie es die Schrift der Schafe sein musste. Enebish mochte zwar der Sprache mächtig gewesen sein, aber die Schrift ließ zu wünschen übrig - aber sie war auch etwas, das Nayantai nicht störte. Es war auch gut möglich, dass Rain kein weiteres Buch besaß, das er hätte lesen können - es war nicht unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet nach einem Stück Heimat in einer fremden Welt suchte, während sein Herz langsam anfing, nach dem zu suchen, das der Wolf eigentlich wollte. Dennoch, Enebish konnte ihm nicht weiterhelfen, genau so wenig wie es Rain tun konnte - das war etwas, das er selbst bewerkstelligen musste, auch, wenn die Zeilen sich zumindest auf wirre Art und Weise lesen ließen - auch, wenn sie Nayantai wohl auch nur zeigen wollten, dass er nicht der Einzige war, der sich in einer ganz anderen Welt wiederzufinden schien, den Schmerz tief in seinem Inneren verkraften musste, damit er mit sich ins Reine kam - Nayantai war, auch, wenn er es nicht bereuen wollte, nicht sicher, ob er hierbleiben wollte, ob er sich weiterhin einreden sollte, dass er Rain einfach verschleppen konnte. Der Wolf schweifte schon wieder ab, sollte sich lieber auf die Zeilen vor sich konzentrieren und versuchte zu entziffern, was es war, das ein Schaf in der Welt der Wölfe plagte.

      "Es ... du bist hier, in Fhaergus. Du sollst hier sein. Ich sollte in Thria sein ... und vielleicht ... soll es so sein, dass du mich verwirrst", gab er dem Lamm zurück, das noch von unten herauf auf sein Buch zu starren schien, bevor er es sich wieder abwandte und die Einladung, sich an den Wolf zu schmiegen, wohl doch abgelehnt hatte. Dort draußen fiel der Schnee, als wolle er sie beide zu sich locken, ihnen beiden sagen, dass sie sich hier drinnen einpferchten; Nayantai könnte gehen, würde dort draußen früher oder später sterben, aber für Rain gab es wohl nicht mehr, als die Welt innerhalb der Mauern und ein schmerzerfüllter Blick, der sich nach Freiheit zu sehnen schien. "Weißt du, vielleicht soll es aber auch so sein, dass du nach draußen gehst", warf er ein und drückte Rain leicht, lächelte selbst, auch, wenn er ungesehen war. Was machten sie beide nur, wenn Rain nicht schlafen wollte, sondern lieber die Welt dort draußen beobachtete? Ihn erneut aufregen, das wollte er nicht - das wäre vermutlich auch keine gute Idee. "An was denkst du? Den Schnee?", harkte er nach und ließ das Buch auf seiner Brust ruhen, als er seinen Blick dem Lamm und dem Fenster zu wandte, auf das es zu starren schien. Dicke Flocken, immer mehr von ihnen, die gen Boden rieselten. "Soll ... ich dir mehr Schnee bringen?"
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    • Hatte der Wolf etwa eingesehen, dass es Orte gab, an denen sie beide sein sollten, die aber weit voneinander entfernt lagen? Fhaergus und Thria schienen eigentlich nicht so unähnlich, auch wenn es in Fhaergus durchaus auch Zeiten ohne Schnee gab, zumindest im Tal. Trotzdem war es kälter als im Rest des Landes und die Menschen lebten in kleineren Gruppen, statt ihn riesigen Städten wie sie die anderen Fürstentümer beherbergten. Vielleicht konnte Nayantai ja auch hier glücklich werden, wenn er nach draußen konnte, über die Mauern hinaus zu den Bergen, wo der eisige Wind wehte und unerbittlich zuschlug, wenn ein schwaches Schaf sich zu viel traute. Jetzt fing er selbst schon davon an, dass er den Wolf lieber hier behalten wollte, obwohl es falsch war und er schüttelte den Gedanken wieder ab. Erfolgreicher wohl, als Nayantai, der nicht aufzugeben schien und Rain die Welt dort draußen zeigen wollte. Es war nicht so, als wolle Rain sie nicht sehen, aber er hatte Angst... wie sollte es auch anders sein? Dass er dort draußen sterben würde, wurde ihm schon immer gesagt, es war eine Tatsache für ihn, keine Vermutung und er hatte bisher höchstens mit dem Gedanken gespielt, es darauf ankommen zu lassen, damit er einmal draußen sein konnte, auch wenn er dort starb.

      Rain schüttelte leicht den Kopf und streckte seine Hand hinter sich, suchte damit nach dem freien Arm des Wolfes, damit er diesen über sich ziehen konnte wie eine Decke und sie sich gemeinsam den Schnee ansehen konnten. "Nein, ich habe an dich gedacht...", lächelte er und sah den Flocken weiter beim Fallen zu und wie sie manchmal von einem Windstoß in eine andere Richtung gewirbelt wurden. "...daran wie viel Spaß du draußen hattest. Es hat Spaß gemacht dir zuzusehen." Rain wollte, dass sie beide glücklich waren, solange der Wolf hier war. Es gab für ihn auch keinen Grund es nicht zu sein, er würde ihn gehen lassen, er war nicht mehr eingesperrt, er musste nur noch ein wenig ausharren. Rain kicherte leicht, als der Wolf ihm noch mehr Schnee anbot, aber verneinte auch das sanft. "Nein. Ich sehe dem Schnee nur gerne zu... er ist ein Teil von Fhaergus... weißt du was?", Rain hatte eine Idee, etwas das er noch nie getan hatte und das er vermutlich nicht tun sollte, aber vielleicht war es zumindest ein Kompromiss. "Wenn du bei mir liegst und mich fest hältst, wenn du auch unter meine Decke kommst, dann ist mir bestimmt warm genug, um das Fenster zu öffnen. Wir könnten da liegen und die kalte Luft genießen, während wir dem Wetter draußen zu sehen.", schlug er vor und drehte seinen Kopf nach hinten, um einen Blick auf Nayantai zu erhaschen.
    • Sein Herz, seine Knochen, sein Fleisch - alles davon sollte bereits zu Eis erstarrt sein, wenn es sich nicht gerade auf dem Boden verteilte. Nayantai war nicht mehr in einem Stück, war zerrissen und zerfetzt worden, hatte seine Organe irgendwo auf Marmor fein säuberlich aus seinem Körper geklaubt, während eine Peitsche ihre Spuren in seine Haut fraß und ihm immer wieder sagte, dass er doch noch atmen konnte, dass er keine Lungen brauchte, sondern nur das Durchhaltevermögen, sich nicht zu übergeben, kein Blut hochzuwürgen, nicht zu realisieren, dass er derjenige war, der starb. Wenn man von ihm abließ, seine Einzelteile zurück in eine kalte, nasse Zelle warf und er sich nicht mehr rühren konnte, wenn Blut und Schweiß und Tränen von seinem Körper tropften, dann wusste er, dass er noch atmen konnte, dass er nicht das Privileg haben sollte, neben Rain zu liegen, ihn mit seinen dreckigen Händen zu berühren, ihm Wärme oder gar Schutz zu spenden - und doch tat er es, weil man es zu gut mit ihm meinte, weil man sich nicht entscheiden konnte, wie viel wert ein ausgenommener, ausgehöhlter Wolf noch besaß, der am liebsten nur mehr sein eigenes Blut hochwürgen wollte, der nach der beißenden Kälte suchte, der schreien wollte und wissen wollte, wie viele Pfeile es waren, die in seinem Körper stecken musste, bis er umfiel und sich nie wieder rührte.

      Was Rain wollte, das sollte er auch tun - Nayantai hielt ihn nicht auf, ließ locker und rückte wiederum ein Stück näher an das Schaf heran, das nach draußen sah, das mehr als nur die aufkommende Dunkelheit sehen wollte, sondern vielleicht gar zu spüren vermochte. "An mich?", er schien verwundert. Es war nicht schlimm, wenn Rain an ihn dachte - Rain hasste ihn nicht, sondern gehörte ihm, sie gehörten einander und er schien sich wohl auch alle Mühe zu machen, den Scherbenhaufen zu seiner Seite wieder zusammensetzen zu wollen, obwohl er selbst auseinander fiel. "Ich habe den Schnee schon ewig nicht mehr gesehen ... oder berührt", gestand er, hatte die Nacht vergessen, in der man ihn hergeschleppt hatte - irgendwann war er einfach von einer weißen Decke umgeben gewesen, er fror, ihm ging es miserabel und doch war all das mittlerweile nur mehr die Vergangenheit. "Also auch ... ein Teil von dir." Rain gehörte nach Fhaergus, also gehörte Fhaergus zu Rain - so, wie es der Schnee des Landes tat, das dem Wolf noch nicht geheuer war. Konnte er denn hier bleiben? Oder rief das Eismeer schon wieder nach ihm? Nayantai schloss seine Arme fester um das Lamm und lächelte. "Du willst das Fenster aufmachen? Wolltest du nicht eben noch schlafen?", neckte der Wolf, der wusste, dass sie wohl kaum die ganze Nacht mit offenem Fenster verbringen konnten, so schön es auch wäre - Rain würde es nicht gut tun. "Nur zu."
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    • Nayantai hatte recht, der Schnee war auch ein Teil von Rain und umso mehr ärgerte es ihn, dass er nicht da nach draußen konnte, dass er sein eigenes Land gar nicht betreten konnte. Während sein Vater den großen Bergen des Landes glich, jedem Sturm trotzte und über alle im Tal wachte, war Rain tatsächlich eher wie der Schnee selbst. Eine zerbrechliche Flocke, die in der falschen Umgebung verging, vom leichtesten Windstoß verweht wurde und nur so lang lebte, wie das Wetter es erlaubte. Er hatte wohl das Falsche von Fhaergus für sich angenommen und während der Schnee vor seinem Fenster bleiben musste, damit er nicht schmolz, musste Rain auf der anderen Seite verweilen, damit er ebenso nicht verging. Der Wolf wiederum brauchte genau das Gegenteil, er musste da nach draußen, weg von der Wärme dieses Zimmers, raus in den Schnee, um sich dort auszutoben. Es war eigentlich nicht das erste Mal im Schnee gewesen, immerhin war er mit Rains Vater über die kalten Berge gestapft... kaum bekleidet. Es war kaum zu glauben, dass er das geschafft hatte und es bewies, dass die Wölfe tatsächlich anders sein mussten, als die Schafe.

      "Ich wollte mich ausruhen... nicht unbedingt schlafen.", erwiderte Rain lächelnd und schüttelte anschließend den Kopf. "Kannst... du es aufmachen? Ich will dich nicht auf scheuchen, aber...ich habe gerade nicht wirklich viel an und, ich will nicht noch mehr riskieren, als ohnehin schon..." Er war bereits unvernünftig, indem er das Fenster überhaupt öffnen wollte und sich dieses Mal auch nicht daneben an der Wand verstecken wollte, sondern die kalte Luft zumindest auf seinem Gesicht spüren wollte. Er war unvernünftig, weil der Wolf hier war, der ihn zu Dingen bewegen wollte, die Rain sich nie getraut hatte, das stand ohne Zweifel. Andere würden das alles bestimmt auf einen Fluch schieben, vielleicht war es auch so, aber Rain war sich sicher, er würde nicht sterben, wenn sie das Fenster eine Weile offen ließen.
    • Sie beide gehörten wohl nicht ewig in dieses Gefängnis, sollten ihre Flügel entfalten, auch, wenn sie erst recht keine hatten -und doch sperrten sie sich einigermaßen freiwillig ein, weil all das zu ihrem eigenen Schutz dienen sollte. Nayantai wusste, dass er nur hier war und all das durchlebte, weil es Rain so wollte – nicht aber, weil es die Schafe kümmerte, wie es einem Wolf erging – für sie wäre er nicht mehr als ein Parasit, der sich ein ohnehin krankes und schwaches Lamm als Wirt ausgesucht hatte und nun vermutlich alles daran setzen würde, es möglichst schnell in sein Grab zu bringen. Vermutlich wäre das auch das Motiv der Person gewesen, die er nicht mehr war, wenn sie nur daran gedacht hatte, zu überleben – nur waren eben jene Gedanken mittlerweile nichtig, kümmerte es ihn doch nicht mehr, wie viel Luft es war, die er in seine Lungen aufnahm oder gar wie viele Schmerzen es waren, die sein tauber Körper verspürte.

      „Mh, aber du könntest auch schlafen“, warf er ein, obwohl er selbst wusste, dass es nichts brachte, wenn er einen schlafenden Körper auf sich wusste, sich nicht rühren konnte und lediglich dem Mond dabei zusehen konnte, wie er schließlich hinter den Bergen hervorkam und versuchte, die finstere Winternacht doch noch in etwas Licht zu hüllen. „Ich? Ja.“ Nayantai löste sich von Rain, legte das Buch auf den Nachttisch, damit er es nicht wieder verlor, und schritt dann um das Bett herum, an das Fenster heran. Einen prüfenden Blick warf er zu Rain, grinste. „Bleib ruhig liegen“, gab der Wolf noch von sich, bevor er für sich selbst bestätigt hatte, dass das Lamm zugedeckt war und nicht sofort erfrieren würde, wenn es den ersten Windstoß von draußen wahrnahm. „Achtung“, sagte der Wolf lediglich, als er das Fenster öffnete und die ersten Schneeflocken zum Fenster herein tänzelten. Ohne großartig herumzuwarten, oder gar die Chance zu bekommen, das kalte Wetter zu genießen, machte Nayantai wiederum einen Bogen um das Bett, legte sich wieder auf die andere Seite hinein und schmiegte sich an Rain. „Wie war das – ich soll unter die Decke kommen?“, fragte er lachend und legte seine Arme wiederum um das Lamm, so gut er konnte.
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    • Rain sah Nayantai dabei zu, wie er sich zum Fenster begab und zog die Decke enger um sich. Er zog die Decke bis über seine Nase, weil er wusste, dass die kalte Luft seiner Lunge noch nie gut getan hatte, aber so lange er eingepackt war, solange war alles in Ordnung. Kalt war ihm bereits jetzt schon ein wenig, aber so war es meistens, zumindest solange Nayantai ihn nicht im Arm hielt. Die Wärme die der Wolf ausstrahlte, reichte locker für sie beide, das würde auch jetzt so sein. Rain nickte als Nayantai noch einmal zu ihm sah, lugte über den Rand der Decke und bereitete sich auf einen kalten Schwall Luft vor. Dieser strömte ihm entgegen, sobald Nayantai das Fenster öffnete, aber es störte ihn nicht, zumindest noch nicht. Nayantai kam zu Rain zurück, legte sich zu ihm und die Wärme der der Wolf ausstrahlte, genügte Rain vorerst.

      "Irgendjemand muss die Luft unter der Decke schließlich aufwärmen.", lächelte Rain in die Decke und sah zum Fenster, das nun die vielen kleinen Schneeflocken einließ. Sie fielen zu Boden und schmolzen dort, das Feuer im Kamin flackerte etwas mehr als sonst. Rain wurde gerne von Nayantai festgehalten und ihm war nicht kalt, während die eisige Luft an seiner Stirn trotzdem angenehm war. Rain musste daran denken, dass jeder andere in diesem Haus vermutlich Angst bekam, wären die Arme des Wolfes so um sie geschlossen, nur Rain genoss es und fühlte sich wohl. Wieso, das konnte er nicht sagen, er hätte nicht einmal etwas dagegen gehabt, wenn der Wolf ihn noch fester an sich gedrückt hätte. Sein Körper kribbelte erneut überall da, wo Nayantai ihn berührte und ließ alles nur noch wärmer werden. Er war ganz froh, dass er gerade mit dem Rücken zu Nayantai lag und dieser das Lächeln auf seinen Lippen nicht sehen konnte, das nicht mehr verschwinden wollte. Rain kam sich vor wie ein Kind. "Nayantai?", fragte er schließlich, blickte weiter aus dem Fenster, solange es noch hell genug war, um etwas zu sehen. "Wie kalt wird es in einem Zelt in Thria?"
    • Warm war Nayantai schon viel zu lange nicht mehr gewesen – er mochte zwar die Wärme seiner Umgebung spüren, aber das war es auch – es war nicht das, was der Wolf eigentlich fühlen wollte und es war auch noch lange nicht das, was er spüren sollte. Sein Körper sehnte sich nach Aufmerksamkeit der falschen Person, suchte die Nähe zu dem Lamm, das er von sich stoßen sollte und doch wusste er, dass er schon längst nicht mehr in der Lage dazu war. War es sein Schicksal, der Schoßhund eines Schafes zu sein? Oder sollte er sich doch lieber gegen die Ketten wehren, die er sich gerade freiwillig anlegte, damit man ihm Zuneigung schenkte? Stattdessen schloss er auch noch die Arme um Rain – um die Person, die ihn besaß – und hoffte vermutlich darauf, dass dieser Moment nie enden würde – dass er die Kälte, die auf sie zukam, noch die ganze Nacht in sich aufnehmen konnte, dass er die eisige Luft nicht mehr missen musste und doch wusste er, dass er das nicht tun konnte, wenn er Rain auch noch am nächsten morgen lebendig in seinen müden Armen wissen wollte.

      „Wo du Recht hast …“, murmelte der Wolf, der sich schließlich zu Rain unter die Decke legte, auch, wenn er die Wärme gar nicht spüren wollte, die ihn plagte – er drückte sich an Rain, der selbst beinahe schon eiskalt war und genoss es, trotz der Fetzen Kleidung zwischen ihnen, die keinen direkten Körperkontakt erlaubten. „Du bist … eiskalt“, sprach der Wolf, als wüsste Rain nicht selbst, dass seine Knochen vermutlich aus Eis war und das wenige Fleisch an seinem Körper nicht warmhielt. Seine Augen wanderten über den fragilen Körper hinweg, an den er sich dennoch klammerte und nach draußen – zu den schneeweißen Punkten dieser Landschaft, die hinter der Mauer lagen und die der Wolf nur kurz erspähen konnte, während die tänzelnden Schneeflocken ihm die Sicht versperren wollten und ihn beinahe schon dazu aufforderten, sich nicht nach der Freiheit zu sehnen. „Ja, Rain?“, erwiderte er, wandte seinen Blick ab, der wiederum an dem Körper des Lammes haften blieb, der nun doch etwas gesprächiger schien. „Ist dir kalt?“, wollte er wissen, würde vermutlich etwas missmutig aufspringen und die Kälte wiederum aussperren, die sie beide nicht aus ihrem Inneren verbannen konnten. „Hm … dort, wo mein Vater ist … ist es … nur etwas kälter als … hier. Am … Meer … überlebt kein … Schaf“, erklärte er wahrheitsgemäß. Wenn er die Träume vom Meeresrauschen aufgeben musste, dann war das auch egal – so lange er in Thria war. Frei war. Lebte. Aber tat er das?
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    • "Eiskalt...? Mh... ist vielleicht ganz gut so. Sonst würdest du es neben mir vermutlich nicht aushalten...", erwiderte Rain lächelnd. Er musste zugeben, dass das der einzige, positive Aspekt an seiner generell niedrigen Körpertemperatur war. "Das war immer schon so... im Sommer ist es in Fhaergus nicht wirklich kalt... ich friere trotzdem. Deswegen glaube ich auch nicht, dass ich Thria überleben könnte, oder den Winter in Fhaergus, es sei denn, du hältst mich ununterbrochen warm. Aber so wie es jetzt ist, ist es ganz angenehm..." Rain legte seine kalten Finger auf die Arme die ihn festhielten, um auch diese ein wenig aufzuwärmen, während es unter der Decke allgemein schon ein wenig wärmer wurde. Seine Zähen waren vermutlich noch kälter, als seine Finger, aber damit konnte er leben und er glaubte nicht, dass ihn das hier krank machen konnte, dafür fror er zu wenig und die Luft unter der Decke war auch warm genug für ihn, um sie bedenkenlos zu atmen.

      Rain schüttelte leicht den Kopf und ließ die mit Federn gefüllte Decke ein wenig rascheln, über der noch ein Pelz lag, damit dem Fürsten auch sicher warm genug war. "Mir ist nicht kalt.", versicherte er dem Wolf und lauschte dann seiner Erklärung. Er fragte sich tatsächlich immer und immer wieder, ob er denn bei den Wölfen überhaupt eine Chance hatte, obwohl es eigentlich keine Rolle spielen sollte. "Ihr habt keine Häuser, so wie wir... ein Zelt ist aus Stoff, richtig? Wird es da drin nicht sehr kalt...? Kann man darin überhaupt ein Feuer an machen? Was ist mit dem Wind?", fragte er weiter, drei Fragen waren vielleicht zu viel des Guten, aber er war auf einmal sehr neugierig. Er fragte sich, wie es wohl wäre, wenn er statt in seinem Anwesen, mit Nayantai in einer Siedlung der Wölfe wäre. Hätten sie überhaupt ein Bett? Vermutlich nicht... das klang unbequem.
    • "Ich glaube eher, dass die Wärme des Feuers mich umbringen würde", bemerkte er und warf dem verräterischem, orangenem Flackern in seinem Augenwinkel einen sauren Blick zu. Neben Rain zu liegen, sich von ihm beinahe schon verhätscheln zu lassen, war auf viel zu viele Arten schön und surreal, das wusste der Wolf zu gut. Wäre das Lamm kein Lamm, sondern ein Schaf, so glaubte er nicht, dass sie derartige Zweisamkeit teilen würden, geschweige denn war er davon überzeugt, dass sie sich einander auf so einer Ebene begegnen würden. "Ah. Im Sommer ist Thria auch nicht ... so, aber es wird nie ... heiß", dafür trocknete das Gras zu ihren Füßen schneller, der Schnee zog sich an das Meer und die Ecken des Landes zurück und die Wahrheit war, dass Nayantai wusste, dass das kein Leben für ein krankes Lamm war und dennoch wollte er den Traum nicht an ihnen vorbeiziehen lassen. "Ich kann dich natürlich warm halten, so lange du willst", gestand er lachend, wusste, dass es unmöglich wäre für sie beide zu sorgen, während er das Lamm in seinen Armen hielt, aber auch das Wetter dort draußen würde Rain - vielleicht gerade in der Kleidung der Wölfe - nicht dahinraffen, vorausgesetzt, er verbrachte die Nächte nicht allein unter klarem Sternenzelt, aber selbst das konnte einen gesunden Wolf töten, wenn dieser es darauf anlegte.

      "Du bist ... angenehm und ... bequem", gab er von sich, kuschelte sich etwas mehr an das Lamm - dem Objekt seiner Begierde - heran. War es nicht aussichtslos? Dort, hinter dem offenen Fenster, war die ferne Welt, die Rain noch nie betreten durfte und dann kam er, ein Wilder, nur, um den jungen Fürsten entführen zu wollen, ihm diesen fremden Ort vor seiner Nase zeigen zu wollen und der alles daran festmachte, dass er nicht alleine gehen konnte. "Mhm, gut", das bedeutete zumindest, dass Rain auch die Kälte nicht viel anhaben konnte, wenn es ein Wolf war, der sich um ihm kümmerte und sein Bestes gab um ihn warm zu halten. Angenehm, beinahe schon bequem war es hier - es war still, die Flocken und der kalte Wind waren alles, das sie hierher begleitet hatte und Nayantai konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Sie sind ... aus Stoff ... ja. Hm ... Nein, mh ... du redest ... zu schnell", brummte der Wolf etwas niedergeschlagen, wollte aber nicht sofort aufgeben und versuchte dennoch zu verstehen, was Rain eigentlich von ihm wollte. Ach, was war diese Sprache denn auch so schwer? "Das ... das Zelt hat kein wirkliches Dach ... es ist schwer zu erklären, aber du kannst ein Feuer im Inneren anzünden. Der Wind weht über dem Zelt hinweg und kommt eher selten hinein ... außerdem würde ich sowieso mit dir schlafen, auf einem Berg von Fellen", denn etwas besseres als das hatte kein Schaf. Ein Bett wie dieses durch die Gegend zu schleppen war fatal.
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    • "Das...tut mir Leid...", murmelte Rain, der wusste, dass es für den Wolf hier nicht bequem war, nicht gemütlich und er konnte sich auch nicht heimisch fühlen. Rain konnte nicht in einem kalten Zimmer schlafen, zumindest am Morgen, wenn er sich aus der Decke schälte, brauchte er etwas Wärme und er glaubte auch, es würde ihn viel zu sehr anstrengen, wenn sein Körper noch härter daran arbeiten musste, warm zu bleiben. Jetzt war es angenehm, aber sobald der Wolf ihn nicht mehr im Arm hielt, würde sich das ganz schnell ändern und er wollte ihn auch nicht dazu zwingen, hier zu bleiben. "Weißt du... du musst nicht hier schlafen. Du kannst in deinem Zimmer das Feuer ausmachen und das Fenster auf, dann ist es vielleicht angenehmer für dich.", schlug Rain vor, hoffte aber eigentlich, dass der Wolf hier bei ihm blieb. "Hm... oder du musst nackt herum laufen und ich dick angezogen, dann kommen wir vielleicht au einen Nenner, obwohl..." Rains Gedanken schweiften schon wieder ab, er dachte an Dinge, an die er gar nicht denken sollte und wusste gar nicht, woher sie kamen. Er hätte viel lieber Nayantais warme Haut an seiner eigenen gespürt, ragte sich, ob es dadurch nicht sogar noch wärmer wurde, aber eigentlich sollte er über so etwas gar nicht nachdenken, also schwieg er, als hätte er gar nichts weiter sagen wollen. "Im Sommer blüht alles in Fhaergus... das halbe Jahr eigentlich. Der Sommer ähnelt mehr dem Frühling in anderen Fürstentümern, zumindest hat man mir das so erzählt...", erzählte Rain stattdessen, wusste aber nicht, ob der Wolf ihm auch folgen konnte.

      Rains Wangen wurden ein wenig rot, als der Wolf ihn als bequem bezeichnete und vergrub sein Gesicht noch ein wenig mehr in seiner Decke. "Das... das freut mich!", erwiderte er etwas peinlich berührt, anschließend entschuldigte er sich für sein erneutes Geplapper, dem der Wolf nur schwer folgen konnte. Dennoch bekam Rain eine Antwort, versuchte seinerseits zu verstehen, was Nayantai sagte, das klappte eigentlich ganz gut. "Das klingt... bequem... ein Berg aus Fellen... wie groß ist eigentlich so ein Zelt? Wie viele Leute passen da hinein? Müssten wir... teilen?", fragte er weiter, vermutlich wollte er viel zu viel wissen und erfragte diese Dinge schon fast, als müsse er sich bald tatsächlich darauf einstellen, ohne dabei daran zu denken, dass der Wolf all das gerade vermisste und vielleicht gar nicht darüber sprechen wollte. "Ich... tut mir Leid, ich stelle zu viele Fragen. Wir können auch über etwas anderes sprechen, wenn es dir lieber ist.."