spellbound. (earinor & akira)

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    • "Ich lache nicht über dich", brummte der Wolf als etwas unwillige Antwort. Es war nicht seine Intention gewesen, Rain in irgendeiner Art und Weise zu kränken, geschweige denn war er davon überzeugt, dass er sich all das Lachen erlauben konnte. Natürlich, das kranke, einsame Schaf belustigte den wunden, gebrochenen Wolf - aber war da nicht mehr, als dieser dünne Faden aus Selbstsucht und Selbstgefälligkeit, der Gedanke, dass sie sich aneinander hochziehen konnten? "Zumindest hatte ich das nicht vor", nuschelte Nayantai anschließend, ließ seine eigenen Worte in seiner Kehle ersticken, bevor er sie überhaupt selbst gehört hatte. Was tat er hier nur? Er ließ sich von einem Lamm verhätscheln, von jemandem, der es nicht besser wusste, der glaubte, dass er vermutlich schon immer so freundlich gewesen sein musste. Nayantai spürte das Blut, das ihm aus jeder Wunde triefen sollte, obwohl es anders war, als das warme Wasser, das ihn so sehr verblendete - jede einzelne von ihnen war entstanden, weil der Wolf es nicht geschafft hatte, sich gegen die Schafe zu wehren, sich zu verteidigen und all das kulminierte schließlich in dieser Situation. Mehr als ein Gefangener würde er nie sein - vor allem nicht, so lange er sich in diesem Gemäuer aufhielt.

      "Na gut, von mir aus", dabei war er gar nicht auf Kekse aus, aber irgendwie motivierte ihn es - als wäre es eine Belohnung, die er nicht wollte, aber von der er nicht behaupten konnte, dass er sie ablehnen würde, befand sie sich erst vor seinen Augen. Vielleicht hatten die beiden auch gar nicht so unrecht - vielleicht war Rain ein ausgewachsenes Schaf und Nayantai nicht mehr als ein Welpe, der versuchte, sich durch die fremde Welt zu pirschen, in der er sich befand, und dabei immer wieder auf die Nase fiel. "Nein, ich glaube ... ich glaube sie können zumindest jetzt noch so bleiben." Störten sie in denn? Nein, eigentlich ... waren sie im Moment sogar brauchbar, damit er sich hinter ihnen verstecken konnte, obwohl Rain ihm das nicht erlauben wollte. Sie sollten einander ansehen, sich nicht mehr vor dieser Welt und ihren Ängsten verstecken. Sein Blick fiel auf die vielen, nassen Haare die man ihm über die Schulter gelegt hatte, die Rain gekämmt und geflochten hatte - mochte das Lamm sie denn so gerne, dass er sich damit beschäftigte? "So, wie unsere Kleidung", entgegnete er Rain - ja, die hatten sie doch auch einfach am Boden verstreut und ... keine Frische mitgenommen. Würde das stören? Vermutlich mussten sie sich einfach wieder in die nassen Gewänder zwängen. "Hm?", fragte er, als man ihm beim Namen nannte - es war ungewohnt, nicht nur, dass jemand anderes seinen Namen von sich gab, sondern auch, überhaupt bei diesem genannt zu werden. "Helfen? Ich ... um. Wenn du möchtest?" Wozu? Was wollte Rain tun?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • "Mach dir keine Sorgen!", lächelte Rain und schüttelte leicht den Kopf, "Ich habe es nicht als Beleidigung aufgefasst... glaube ich zumindest. Wenn du es amüsant findest, wenn ein Lamm sich traut einen Wolf zu küssen, dann hast du vermutlich recht damit." Es war komisch diese Worte auszusprechen... seltsamer zumindest als den Wolf tatsächlich zu küssen, dabei waren es nur Worte. Vielleicht lag es daran, dass die Worte das Geschehene wirklicher machten, als die Tat selbst, obwohl das auch nur wenig Sinn machte. "Weißt du... auch wenn du sagst, du würdest mich in den Süden bringen, oder hier bleiben... ich weiß, dass der Schnee in ein paar Wochen schmilzt und dann werde ich dich gehen lassen und du wirst nicht lange zögern. Ich hoffe du glaubst mir, dass ich dich nicht belüge, damit du dich ruhig verhältst, ich meine es ernst... Jedenfalls glaube ich, dass wir uns nicht so viele Gedanken darüber zu machen brauchen, was richtig und was falsch ist. Solange wir diskret bleiben, wird dir nichts passieren und das ist das Einzige das für mich im Moment zählt. Alles andere spielt keine Rolle, wenn du erst einmal fort bist und wir uns ohnehin nie wieder sehen werden. Und sag jetzt nicht, dass du mich besuchen kommst." Bei dem letzten Satz schmunzelte Rain, hatte aber vermutlich noch nicht sagen können, worauf er eigentlich hinaus wollte. "Was ich sagen will... sei einfach du selbst und ich bin ich."

      Rain freute sich darüber, dass er etwas gefunden hatte, mit dem er den Wolf locken konnte, ob es mehr gab, das ihn dazu brachte mehr auf sich selbst zu achten? Eine Stunde draußen verbringen, dafür, dass er sich um seinen Körper kümmerte und sich auf die Reise vorbereitete? Nein... wenn es ihm erst einmal besser ging, dann würde der Wolf das von sich aus machen, sollte er auch. Rain behielt aber im Hinterkopf, dass der Wolf so zu motivieren war. "Dann lassen wir sie so!", kommentierte Rain fröhlich zu den Haaren, die er so außergewöhnlich und hübsch fand. Vermutlich würden sie es auch bleiben, wenn sie ein wenig kürzer waren, Hauptsache wie wurden nicht zu kurz. Nayantais Rücken bedeckten sie jetzt nicht mehr und der Wolf zögerte ein wenig, stimmte aber zu Rain vorerst machen zu lassen, was auch immer er vor hatte. Rain griff nach dem Tuch, das er vorhin eigentlich dazu nutzen wollte, es Nayantai irgendwann auf die Stirn zu legen, damit ihm nicht mehr so warm war, jetzt sollte es aber wohl seinen eigentlichen Zweck erfüllen. Nayantai hatte sich zwar schon mehrmals gewaschen, aber seinen Rücken schrubben konnte er wohl nicht, ohne vielleicht wieder einige der Wunden aufzureißen und als Sara ihm geholfen hatte, da war alles noch recht frisch gewesen. Jetzt klebte immer noch getrocknetes Blut an seinem Rücken, das längst nicht mehr Teil seines Körpers war und wenn man das erst alles beseitigt hatte, dann sah es bestimmt nicht mehr so schlimm aus. Außerdem konnte sich seine Haut dann bestimmt auch besser erholen. "Nicht erschrecken.", warnte Rain vor, bevor er den kalten und feuchten Lappen vorsichtig auf Nayantais Rücken drückte und nicht ganz sicher war, ob es ihm so kalt überhaupt recht war. "Zu kalt...?", fragte er und lugte über Nayantais Schulter, wenn auch immer noch mit Abstand, konnte aber aus dieser Position nicht einmal sein Profil richtig sehen.
    • Keine Sorgen ... hatte der Wolf überhaupt Sorgen? Vielleicht waren es die immer wiederkehrenden Gedanken darüber, dass er nicht mehr war, als eine Puppe, mit der man spielen wollte, nur für den Moment, bis es nichts mehr interessantes an ihr gab - aber war es das? Wer er das? Wollte er sich weiterhin als eine Puppe abstempeln lassen, die die meiste Zeit damit verbrachte, irgendwo in einem Eck zu hocken, von der Wahrheit verschont zu bleiben und dafür genug Staub anzusammeln? "Rain, du bist ... zu schnell", stieß der Wolf aus, der dem gesagten Schwall an wirren Worten kaum folgen konnte, auch, wenn er sein Bestes versuchen würde, war es unmöglich. Rain schien gerne zu reden, viel zu viel, als hätte er wieder vergessen, dass Nayantai dieser konfusen Sprache noch nie mächtig gewesen war, sondern, dass das Lamm glaubte, auch ein Schaf vor sich zu haben, das wusste, wovon geredet wurde. "Du bist du, das weiß ich. Aber ..." Nayantai konnte wohl kaum er selbst sein, wenn er nicht mehr wusste, wer er eigentlich war - oder wer er überhaupt sein sollte. War er mehr als das, was die Schafe von ihm behaupteten? Mehr als eine unzuverlässige Bestie, die man in Ketten legen sollte, in einen Kerker sperren durfte? "Ich bin tot", gab der Wolf zurück, der sich an der Schulter kratzte und einen Seufzer ausstieß. Er war tot - war irgendwann zwischen Thria und dem Schloss gestorben, in das man ihn verschleppt hatte.

      Sein Magen fühlte sich verdreht an, verheddert, als hätte Nayantai es nicht mitbekommen, dass Rain ihm nichts schlechtes wollte, sondern als ob er sich noch immer einbilden würde, dass er sich nach nichts mehr sehnte, als nach der Nähe des hungrigen Wolfes, den er weiter an irgendwelchem Fleisch nähren wollte, dass seinen Vorlieben nicht entsprach - aber was sollte Rain auch tun? Nayantai würde ihn nicht fressen wollen, oder gar seine Hand an ihn legen, wenn er keinen Grund dazu besaß. Mehr, als er selbst zu sein, musste nicht - und doch wusste er nicht, ob er das schaffte. Die Wärme des stetig kalt werdenden Wassers war es, die überschwappte, die ihn noch immer irgendwo in ihren Klauen hielt und die geschlossenen Augen, die er immer wieder öffnete, nur um für sich selbst festzustellen, dass er nicht in tropfendem Blut saß, waren es, die ihm oft etwas zeigten, das ihn verwirrte, das ihm die Sinne raubte und alles einnahm, das der Wolf je sein eigen hätte nennen können. Gehörte sein Körper auch noch ihm? War er überhaupt noch er, oder war er lediglich die leere Hülle eines Mannes, der einst gewesen war? Ein kalter Schauer durchzuckte seinen Rücken - und schuld daran war nicht mehr als ein einfaches Tuch, mit dem Rain vorhatte, ihn zu waschen - zumindest fühlte es sich für den Wolf so an. "Nein", gab er knapp zurück - er fühlte sich so, als holte man ihn zurück in die Realität, aus der er entglitten war. "Es ist ... angenehm."
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    • "Es... tut mir Leid, ich weiß...", murmelte Rain entschuldigend, er hatte schon wieder viel zu viel und viel zu schnell gesprochen, als dass der Wort auch nur ein Wort von dem was er sagte hätte verstehen können. "Es ist nicht so wichtig..." Rain wusste ja selbst nicht genau, was er gesagt hatte und worauf er hinaus wollte. Er wollte sich nur nicht ständig Sorgen darüber machen, ob das was sie hier taten falsch war, er wollte sich nicht dafür schämen und sich nicht fragen, ob er verrückt war. Vielleicht hatte die Einsamkeit ihn verrückt werden lassen, sodass er sich auf einen Mann und noch dazu einen Wolf auf diese Weise einließ. Nicht nur wer der Wolf war, oder eben nicht war spielte dabei eine Rolle, sondern auch was Rain tat. Er war gerade dabei den Wolf vor sich zu frisieren und zu waschen, das waren keine Dinge die ein Fürst tun sollte und ebenso wenig sollte der Wolf es vermutlich mit sich machen lassen. Trotzdem wollte Rain es gerne, wollte dem Wolf helfen, wieder zu sich zu finden und auch wenn es vermutlich nicht viel nütze ihm die Haare zu frisieren und das getrocknete Blut von der Haut zu waschen, so fühlte er sich vielleicht doch auch ein wenig wohler in seiner Haut. Rain hatte Angst, dass er durch sein Tun nur mehr Zweifel in dem Wolf aufkommen ließ, der sich behandeln ließ wie einen Hund, aber deswegen bestand Rain auch auf das Versprechen vorhin, an das er sich selbst erinnerte und sich sagte, dass der Wolf es ihm sagen würde, wenn er etwas nicht tun sollte.

      "Nayantai...", murmelte Rain hinter dem großen Wolf, hielt kurz inne in seiner Bewegung, stoppte dabei die wenigen Stellen ausfindig zu machen, die nicht verletzt, oder schon geheilt waren und sanft zu entfernen, was es an Verschmutzung dort gab. Es schien auf einmal nicht wichtig, vielleicht sogar falsch, ihn damit zu belästigen, auch wenn er das kalte Tuch als angenehm bezeichnet hatte. Rains eigener Magen zog sich zusammen, als Nayantai diese traurigen Worte aussprach, als würde es ihn auf irgendeiner Weise betreffen. Es traf ihn auf sonderbare Weise, auch wenn er den Wolf nicht kannte und gar nicht wusste, wer er früher einmal war, aber vielleicht war genau das der Schlüssel. "Nayantai du...du lebst. Du..." Rain suchte Worte in der Sprache der Wölfe, fand, dass diese besser zu dem Wolf durchdringen konnten, aber es war schwer alles zusammen zu klauben, dass er kannte, um halbwegs das ausdrücken zu können, was er sagen wollte. "Du bist vielleicht nicht der Nayantai, der aus Thria... nach Adrestia gekommen ist.", sagte Rain sanft und langsam, er bemühte sich den Satz zu formen, bevor er ihn aussprach, damit er nicht so stockend heraus kam. "Vielleicht ist dieser Nayantai tot, aber... du lebst und kannst ein besseres du werden. Ein neuer Nayantai... für dein Volk... und... der Wolf der du jetzt bist... den finde ich auch nicht schlecht." Rain nahm seine Hand nun gänzlich von Nayantais Rücken, fragte sich ob er sich grämte, weil er ein Schaf an sich heran ließ, obwohl sein früheres Ich vielleicht genau so gewesen war, wie die Geschichten die Schafe glauben machen sollten, aber war es dann so schlimm, wenn ein Teil von Nayantai in diesem Kerker gestorben war? "Es... sollte dich nicht ärgern, wenn du freundlich zu einem Lamm bist... das heißt nur, dass du tatsächlich noch lebst... gütig bist. Der Krieg ist schrecklich, aber... vielleicht findet der neue Nayantai einen... einen Weg zum Frieden, ohne, dass eine Seite erst sterben muss..."
    • "Es ist in Ordnung." Sollten sie sich nicht Zeit lassen, nichts überstürzen? Rain dachte vermutlich oft genug nicht daran, dass Nayantai es war, der sich mit der fremden Sprache - die er noch nie hatte lernen wollen - nicht leicht tat, aber er war nicht der Einzige. Zu oft hatten sie einander schon dabei erwischt, wie sie zu viel und zu schnell in einer Sprache von sich gaben - weil sie einsam waren, weil sie sich nach jemandem sehnten, der mehr kannte, als die Sprache eines blutenden Herzens, der nicht aus der Asche von verbrannten Worten lesen musste. Sie beide waren verrückt, das wusste er - sie hatten aber auch keinen Grund dazu, es nicht zu sein. "Bist du dir sicher? Du ... du kannst es mir gern sagen", aber war es nicht er, der sich selbst verunsicherte? Was sollte das hier auch großartig werden? Nayantai glaubte nicht, dass Rain über mehr geredet hatte, als er es sonst auch tat - nur, dass er es ihn dieses Mal vielleicht gar nicht hören lassen wollte. Sein Magen zog sich wieder zusammen, der Wolf zog eine Grimasse, die das Lamm unmöglich sehen konnte und er fragte sich, wohin das alles führen sollte - zurück an den Anfang? Dort, wo nichts war?

      "Hm?", entgegnete er dem Lamm. Was dachte Rain auch? Man hatte eine rostige Klinge genommen, sie in seinen Bauch gerammt und nach unten gezogen, tiefer, bis sie nicht nur Haut durchschnitt, sondern auch Fleisch und irgendwann Knochen. Zerrissen hatte man seine Organe - so fühlte es sich zumindest an - und zerbrochen hatte man seine Gebeine, bevor man all das, was noch übrig gewesen war, wieder in seine leere, gepeinigte Hülle gestopft hatte, es zunähte und seinen - noch immer blutenden Körper - auf ein weiches Bett legte, damit man sich an ihm vergreifen konnte, damit man ihm zeigen konnte, dass er keinen Wert besaß. "Tue ich das?", harkte er nach, sein Blick verzog sich und der Wolf legte sich eine Hand auf die Brust. Augenscheinlich atmete er noch, fühlte sich so, als hätte er schlimmere Tage hinter sich gebracht - und doch wollte er sich selbst nicht sehen. Worte, die er aus dem Mund eines Lammes nicht erwartet hatte, fielen - er schüttelte den Kopf, murrte. "Rain", feixte der Wolf schon fast, als hätte das Lamm es übertrieben, als hätte Rain erneut ein unangenehmes Thema angeschnitten - obwohl er es gewesen war, der zuerst davon gesprochen hatte.

      "Ich bin nicht ich. Ich habe kein Volk. Ich habe nicht einmal mich selbst"
      , stieß er durch zusammengebissene Zähne aus. War es richtig so, dass er sich selbst verloren hatte? Sollte er den überhaupt derjenige sein, der er nicht mehr war? Ob es nicht besser wäre, hätte man die rostige Klinge in die Nähe seiner Kehle gezogen, als über seinen Bauch? "Es ärgert mich nicht! Ich bin doch sowieso schon tot, was soll an mir noch sterben? Wenn ich noch leben würde, wenn ich noch ich wäre, dann wäre ich gar nicht hier!" Genau das hätte er vermutlich nicht sagen sollen - vielleicht hätte er sich am Riemen reißen sollen, aber stattdessen stand er auf, verließ die Wanne und trocknete sich eher beiläufig mit einem Tuch ab, nach dem er griff, bevor er sich wieder in seine nasse Kleidung zwängte. "Wenn ich wüsste, wie ich irgendetwas richtig mache, dann würde ich es auch tun! Aber ich weiß nichts!" War er wirklich wütend? Oder realisierte er nur, dass er sich selbst nichts eingestehen konnte? "Ich ... ich sollte dich einfach in Ruhe lassen."
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    • Nein, es gab nichts das Rain noch einmal wiederholen wollte, hatte er sich ohnehin nur um Kopf und Kragen geredet, ohne ein gewisses Ziel. Den Kern hatte er Nayantai deutlich gemacht und der Kern von Rains Aussage war es nun, der den Wolf nur noch mehr aufregte. Rain hätte vermutlich lieber seinen Mund gehalten und hätte nicht von Dingen sprechen sollen, von denen er nichts wusste. Auch wenn Rain nicht unbedingt im Reinen mit sich selbst war, so hatte er sich nie so verloren wie der Wolf. Er war immer schon anders gewesen, auch unzufrieden, wollte jemand sein, der er nicht sein konnte, aber wenn er sich jemanden vorstellte, der war, was er sich wünschte, dann doch eher seinen Vater und nicht ein früheres Selbst, zu dem es kein Zurück mehr gab. Aufmuntern wollte er dem Wolf, indem er Dinge faselte, die in seinen Ohren nichts weiter waren als leere Worte und Lügen und die Tatsache, dass ein Lamm ihn zu trösten versuchte, setzte dem ganzen vermutlich noch die Krone auf.

      Rain ließ seine Hände ins Wasser sinken, als Nayantai förmlich aufsprang, aus der Wanne stieg und sich kurz abtrocknete, nur um in die kalte und feuchte Kleidung von vorhin zurück zu schlüpfen. Rain wusste nicht was er sagen sollte, er wollte sich entschuldigen, aber auch das fühlte sich falsch an. Er war mit schuld daran, dass der Wolf sich noch immer eingepfercht fühlte, dass er sich immer noch nicht wie mehr als ein Gefangener sah und Rain konnte nichts daran ändern. Er konnte ihm noch so oft versprechen ihn gehen zu lassen, aber er tat es nicht in diesem Moment, jetzt gerade war der Wolf nicht mehr als sein Gefangener, sein Spielzeug und er würde auch nie mehr als das sein. Wie hatte Rain auch annehmen können, dass Nayantai sich wohl bei ihm fühlte? Bei einem Fremden, der weder seine Sprache, oder Kultur kannte, noch ihn selbst, den Wolf den es nicht mehr gab, aber der Nayantai wieder werden wollte. Was musste er erst tun um das zu schaffen, Rain töten? Vielleicht, aber jedenfalls sollte Rain aufhören Nayantais Lage auszunutzen, seine Schwäche... der Wolf hatte vermutlich recht mit dem was er sagte und Rain hatte noch betont, dass er ehrlich sein sollte. Aber nicht der Wolf war es, der Rain in Ruhe lassen sollte, nein, Rain sollte aufhören zu versuchen einem Wolf zu helfen, der sich eigentlich lieber selbst die Kehle durchschnitt, als sich von einem Lamm helfen zu lassen. Was sollte Rain also noch groß dazu sagen, was es nicht nur noch schlimmer machte? Er konnte nicht wieder von etwas sprechen, von dem er nichts wusste und er konnte sich nicht erneut um den Wolf kümmern. "Hm...", war das einzige was er von sich gab, ein bestätigendes Geräusch, ein Nicken und ein Blick den er abwandte und das nicht, weil Nayantai gerade eben noch nackt vor ihm gestanden hatte.
    • Er ließ sich zu viel gefallen, ließ sich behandeln, als wäre er ein kleines Kind - wieso? Rain war nicht mehr, als jemand, der nicht ewig in seinem Leben weilen würde - er war vergänglich, würde mit all diesen Erinnerungen hier verschwimmen und die beiden würden sich nie wieder über den Weg laufen, kaum hatte der Wolf dieses Gemäuer verlassen und die Freiheit spüren dürfen. Töricht war es, zu glauben, er war hier willkommen, war nicht mehr als ein Spielzeug für ein Schaf oder gar ein Lamm - er war es nicht wert, das sollte er sich eingestehen, so sehr es auch schmerzen mochte. "Gut, mach was du willst", brummte er. Nayantai bahnte sich seinen Weg zur Tür, riss sie auf und schloss sie hinter sich - vielleicht mit etwas mehr Wucht, als er sie gebraucht hatte. Wieso glaubte er auch daran, dass er für Rain etwas empfand? Nicht mehr als ein Scherbenhaufen war er - und doch war es unmöglich sich mit fremden Scherben wieder zusammenzusetzen, zu hoffen, sie passten in die Löcher, die entstanden waren, weil er sich verloren hatte - weil er so viel verloren hatte. Sein Herz raste und sein Körper fühlte sich noch immer ungewohnt warm an, brennend heiß, im Gegensatz zu seiner durchnässten Kleidung, die dem entgegenwirkte - aber sie war auch nur nass, weil er temporär frei gewesen war - frei von seinen Ketten, von seinen Sorgen.

      Der Tür zu seinem Zimmer erging es nicht anders, doch die Suche nach einem Schlüssel, kaum befand er sich im Inneren, erschien vergebens zu sein - er handelte aus Impulsen, die er selbst nicht verstand, riss sich dafür aber die Kleidung beinahe schon vom Leib, nahm sich, was auch immer er brauchte aus der Kommode und - nachdem er die trockene Kleidung angelegt hatte - verkroch er sich in seinem Bett, zog seine Decke bis über den Kopf und blieb dort. Weder war er müde, noch war ihm nach weinen zumute; dafür wusste er allerdings, dass er nicht so reagieren hätte dürfen. Rain hatte recht gehabt, war er doch nicht mehr, als jemand, der sich selbst wieder aufbauen sollte, der jemand besseres werden konnte, als er gewesen war - und doch fühlte er sich, als hätte er alles Recht dazu gehabt, wütend zu werden, an sich selbst zu zweifeln und sich, im Augenblick, selbst zu umarmen, seine Nägel in seine eigene Haut zu schlagen und vermutlich blutige Abdrücke zu hinterlassen, wenn er sich wieder losließ. War er für Rain überhaupt mehr? Und selbst wenn, waren es nicht nur leere Worte, dass man ihn gehen lassen wollte? Hier würde er bleiben, bis er schließlich sein Ende fand - hoffentlich bald.
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    • Rain sah dem Wolf hinterher, wie er die Tür zuknallte und sich wohl in sein Zimmer begab, wenigstens lief er nicht nach draußen. Rain blieb noch einen Moment in dem kühler werdenden Wasser sitzen, ließ sich noch einmal durch den Kopf gehen, was er falsch gemacht haben konnte und kam schließlich zu dem Schluss, dass er kaum etwas richtig gemacht hatte. Er ließ sich zurück sinken, tauchte seinen Kopf unter Wasser und sah sich die Welt durch die wirbelnde Wasseroberfläche an. Sein Körper wollte dies nicht so recht erlauben, beschwerte sich nach nur wenigen Sekunden und doch wartete Rain noch einen Moment, bevor er wieder auftauchte und keuchend nach Luft schnappte. Was sollte er nur tun? Er konnte den Wolf nicht einsperren, aber gehen lassen konnte er ihn auch nicht. Sollte er im Winter versuchen über die eisigen Berge zu klettern, dann würde selbst ein Wolf daran zugrunde gehen, vor Allem, wenn er so dünn und schwach war wie Nayantai. Sollte er es einsehen und umkehren, dann würden Rains Männer ihn in dem kleinen Kessel der Fhaergus darstellte suchen und er würde sich nicht ewig verstecken können. Er wollte nur das Beste für ihn, aber warum eigentlich?

      Rain erhob sich seufzend, trocknete sich schnell ab, so wie er es gewohnt war und zwängte sich zurück in sein feuchtes Hemd, dass sich an seine Haut klebte. Er beeilte sich deshalb in sein eigenes Zimmer, wo er das Hemd wieder von sich riss, damit er sich etwas trockenes und warmes anziehen konnte. Dann ließ er sich erst einmal auf sein Bett fallen, ließ seine Gedanken kreisen. Was von dem was Nayantai bisher getan und gesagt hatte war die Wahrheit und was war eigentlich Rains eigene, wahrhaftige Realität? Warum hatte sein Vater den Wolf hierher gebracht und warum hatte Rain ihn so freundlich behandelt, obwohl es offensichtlich schlecht für sie beide war. Vielleicht war es das, vielleicht hatte er einen Wolf gebraucht der ihn anknurrte, damit er realisierte, was er eigentlich tun sollte. Vielleicht sollte er den Wolf wieder in sein Zimmer einsperren, vielleicht sollte er unfreundlich sein, so wie ein Schaf es sein sollte, nur damit Nayantai die Angst vor den Schafen wieder mit Wut ersetzen konnte, statt mit irgendetwas anderem. Es widerstrebte den Wölfen mit den Schafen zu verkehren und Rain sollte es ähnlich ergehen, konnte Nayantai überhaupt zu sich zurück finden, wenn er Rain nicht als Feind betrachtete? Er wusste es nicht, konnte es nicht wissen, nachdem er noch nie im Reinen mit sich war, er hatte sich noch nie selbst verloren, weil er sich selbst nie gefunden hatte. Aber es brachte wohl kaum viel hier in seinen eigenen Gedanken zu versinken, weswegen Rain sich wieder auf seine Beine stellte und sein Zimmer verließ. Er suchte sich eben eine andere Beschäftigung, widmete sich lieber wieder seiner Recherche, damit er seinen Geist und seinen Körper beschäftigen und auf etwas lenken konnte, das immer noch leichter ergründbar wirkte, als das, was in ihm selbst vorging.
    • Nayantai redete sich zu viel ein - die Wahrheit war, dass er vermutlich tot sein musste, dass er seine Eingeweide, seine Knochen, seine Persönlichkeit und all das, was ihn ausmachte, dort gelassen hatte, wo man ihn sterben lassen wollte. Warum? Vermutlich deshalb, weil es unmöglich war, sich in einem Stück zusammenzuhalten, unmöglich, all die Scherben aufzusammeln, bevor er hierher musste, damit wenigstens seine leere Hülle die Chance haben konnte, zu überleben - sich irgendwann, irgendwie wiederzufinden - aber was dann? Die Nägel, die sich in sein Fleisch gebohrt hatten, die mehr als nur ein paar rote Striemen an seinen Oberarmen hinterlassen hatten, nahm er von seinem Körper. Was hockte er hier auch, unter einer Decke, grämte sich, weil man ihm die Wahrheit an den Kopf geworfen war? Rain hatte nicht Unrecht, Nayantai musste nicht mehr derjenige sein, der er einmal gewesen war, sondern jemand, der er gerne sein wollte - sollte sich nicht verbiegen, verdrehen oder ähnliches, nur, weil man es ihm so eingetrichtert hatte - weil man ihn glauben ließ, dass er es sein musste. Wenn er tot war, dann bestand kein Grund mehr dazu - und zu sich selbst zurückzufinden, das schien unmöglich.

      Fühlte er sich glücklich in seiner Haut? Klebte noch immer das Blut von verlorenen Schlachten an dem Wolf? Wollte er winseln, schreien oder sich von seinem eigenen Leid überhaupt befreien? Oder war das hier doch etwas, das er einfach wegstecken könnte, herunterschlucken durfte? Sollte er vor Rain auf dem Boden kriechen und sich ihm wieder annähern, ihm sagen, er hätte das Lamm falsch verstanden? Oder eventuell gar nicht erst richtig verstehen wollen? Nayantai riss sich die Decke vom Leib, setzte sich auf, starrte aus dem Fenster - dort draußen gab es keine Antworten - weder für ihn, noch für Rain, noch sonst irgendwo. Sein Buch hatte er in Rains Zimmer liegen gelassen und die Wahrheit war, dass er sich bereits jetzt so fühlte, als sollte er sich eigentlich entschuldigen - obwohl die eigene Sturheit ihm davon abriet, ihn förmlich anschrie, dass er es nicht verdient hatte. Weiter hier herumliegen tat ihm nicht gut, das war Nayantai klar - vielleicht lag es auch daran, dass er sich schlussendlich seinen Platz auf dem Boden suchte, sich streckte und damit anfing, Liegestütze zu machen. Wenn er schon nichts zu tun hatte, dann würde er wenigstens nicht schlafen - und vermutlich auch das Bad, das er gerade noch genießen durfte, zunichte machen. Sich abzulenken war keine schlechte Idee - aber wovor wollte er sich genau ablenken?

      Hätte er das tun sollen? Vermutlich war es keine gute Idee gewesen, sich wie versessen darauf zu konzentrieren - seine Arme fühlten sich ab irgendeinem Punkt an wie Pudding, sein Körper wollte die Position nicht länger einhalten und sein Rücken - aber allem vor seine Seite - zog und brannte. Da war kein Blut, auch, wenn die Nachmittagssonne nicht mehr dermaßen viel Licht spendete - es ging ihm, zumindest körperlich, noch immer gut. Müde Hände griffen nach etwas - einem Hemd - mit dem er sich den Schweiß vom Körper wischte. Was jetzt? Wie spät war es überhaupt? Machte es denn eigentlich noch Sinn, hier zu sein? Nayantai murrte, setzte sich wiederum hin und starrte zur Tür - vielleicht eine Weile zu lang - weil seine Beine ihn ohnehin in eben jene Richtung trugen. Und dann? Nun, wo würde er Rain überhaupt finden?
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    • Mit nassen Haaren durch das Anwesen zu wandern war noch nie eine gute Idee gewesen, egal wie fest Rain sie abgerubbelt hatte. Trotzdem tat er es, weil sein Zimmer ihn deprimierte und auch keines der Bücher das beinhaltete, was ihn interessierte und dazu dienen sollte ihn abzulenken. Er hatte keine Ahnung was er mit Nayantai tun sollte, ob er ihm helfen sollte, oder überhaupt konnte und ob nicht der Versuch alles nur noch schlimmer machte. Er nahm sich also vor, sich von ihm fern zu halten und am Besten zu vergessen, was zwischen ihnen passiert war. Rain hätte vermutlich nie zulassen sollen, dass der Wolf ihm so nahe kam, hätte vielleicht weiter mit ihm reden können, aber das mit Abstand, so wie er es am Anfang getan hatte und wie es auch richtig gewesen wäre. Vielleicht sollte er überhaupt damit aufhören, vor seiner Verantwortung weg zu laufen und den Wolf so behandeln, wie man es eigentlich von ihm erwartete. Vielleicht sollte er die Idee ihn gehen zu lassen aufgeben, weil es ihn nur selbst in Schwierigkeiten brachte und womöglich auch ganz Fhaergus. Vielleicht sollte er tun, was er erfunden hatte, vielleicht sollte er sich nach Informationen von dem Wolf umhören und diese nutzen, um den König bei Laune zu halten, wenn er den Wolf schon nicht töten konnte, aber das... das konnte er nicht. Er war weich, naiv, ein Kind, kein Fürst.

      Als Rain endlich in der großen Bibliothek angekommen war, dröhnte sein Kopf, weil er eben nicht aufgehört hatte zu denken. Fast schon hastig zog er hier und da ein paar Bücher aus den Regalen und brachte sie alle zu dem großen Kamin, der immer noch zu klein war, um den ganzen Raum zu beheizen. Er scannte die Einbände in den großen, schweren Holzregalen nach ein paar weiteren Titeln, bis er sich schließlich eine ganze Burg aus Büchern vor den Kamin hätte bauen können. Vor dem Kamin lag ein großes, schweres Bärenfell, auf dem Rain sich niederließ, die Beine überkreuzte und sich noch eine Decke schnappte, die er um seine Schultern legte. Er wollte sich endlich mit etwa anderem beschäftigen können und tat dies auch, als er die Bücher nach einer Erklärung für die seltsamen Zeichen an Nayantais Körper durchsuchte. Seine Gedanken blieben dem Wolf nicht gänzlich fern, aber er las einfach eine Passage, wenn seine Gedanken an Orte wanderten, die er nicht besuchen wollte, auch wenn sie nichts mit seiner Recherche zu tun hatte. Bald schon lag Rain auf dem Fell, nahe am Feuer, das ihn wärmte. Er drehte sich von einer Seite auf die andere, oder hielt das Buch über sein Gesicht. Buch um Buch wurde entweder auf einen neuen Stapel, oder einfach nur in Reichweite weg gelegt, damit Rain sich ein neues Schnappen konnte. Er hatte keine Ahnung wie viel Zeit er so verbrachte, aber langsam wurde er ein wenig müde und ruhte seine Augen etwas aus. Erst starrte er eine Weile lang in das Feuer neben sich, ein Buch noch offen auf seiner Brust und irgendwann schloss er seine Augen ganz, nur für ein paar Minuten.
    • Wo suchte man nach dem, das vermutlich nicht gefunden werden wollte? Nicht in seinem Zimmer, nicht im Badezimmer und auch nicht dort, wo der Flügel stand, dem er selbst vermutlich keine schönen Töne entlocken konnte. Nayantai fühlte sich einsam, vielleicht sogar etwas verloren und überfordert - viele der Türen, die sich neben ihm aufbauten, glichen einander, waren nichts besonderes und blieben ungeöffnet - aber das Verlangen, oder gar der Ruf danach, Rain zu finden, wuchs in ihm, so wie es Unkraut tat - war es erst gekeimt, so kam es immer wieder, wuchs unaufhörlich und würde, egal was man tat, in nichts resultieren. Was sollte er sonst auch tun? Zurück in sein Zimmer gehen und darauf warten, dass die Welt neue Farben und Formen annahm, darauf, dass er die Nacht alleine in seinem Bett verbringen sollte, sobald sie über ihn hereinbrach? Der Wolf wollte nicht albern sein, obwohl er sich so fühlte, seinen eigenen Schritten lauschte und darauf achtete, nicht gehört zu werden - aber von wem? Sich selbst? Bedienstete schlichen nicht um ihn herum, oder suchten gar die Nähe eines kranken Wolfes, der sich seine verdrehten Gefühle eingestand.

      Müde Beine brachten ihn zu viel zu vielen Türen, trugen ihn an mehr als genug Räumen vorbei, deren Inhalt er weder kannte, noch wirklich ergründen wollte und führten ihn - schlussendlich - aus dem Miasma seiner eigenen Einbildung, seiner verdrehten Träume und vermutlich auch dieser Welt, wenn er behaupten wollen würde, dass die vielen Orte, die er sah, nicht noch mehr Fragen aufwarfen, als er sie nicht ohnehin schon hatte. Durfte er sich hier überhaupt so umsehen? Nun, es sollte doch in Ordnung sein, wenn er nach Rain suchte, nicht? Eine der Türen, die er aufstieß, offenbarte ihm nicht mehr, als so viele Bücher - zu viele, die zumindest noch in Regalen verstaut und nicht aufgetürmt, am Boden lagen - sollte er einfach hierbleiben? Der Wolf machte ein paar Schritte in den Raum, schloss die Tür hinter sich und spähte durch ihn, suchte nach Rain, oder nach einer anderen Beschäftigung - und fand ersteres, dort vorne, beim brennenden Kamin, am Boden, mit ein paar Büchern. Nayantai seufzte, schlich leise auf ihn zu und hockte sich neben ihn - er schlief, zumindest augenscheinlich, einfach so auf dem Boden, auf Fell, mit nicht mehr als einer einfachen Decke. "Rain ... das kann nicht bequem sein", murmelte der Wolf.
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    • Rain hatte nicht vor gehabt einzuschlafen, aber es war irgendwie passiert. Vielleicht war es die Nachwirkung des warmen Wasser, oder sein allgemeiner Zustand, der ihn träge und müde machte, mehr noch, als er den Grund verloren hatte, warum er die letzten Tage überhaupt aufgestanden war. So sollte er zwar nicht denken, aber es war die Wahrheit, die letzten Monate hatte Rain nur in seinem Zimmer verbracht, hatte gelesen, um die Zeit irgendwie rum zu bekommen und gearbeitet, wenn es etwas zu tun gab, aber eigentlich wäre er am Liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben, hatte eigentlich nur noch auf sein Ende gewartet. Stattdessen kam sein Vater nach Hause und im Schlepptau hatte er diesen Wolf... Rain hatte einen Grund aufzustehen, zu Essen und Zeit mit etwas anderem als damit zu verbringen, dass er langsam aber sicher starb. Er hatte einen Grund, warum er nicht einfach aufgeben konnte und er glaubte, wäre er krank geworden, ohne dass Nayantai hier gewesen wäre, dann hätte er einfach aufgegeben und sich der Dunkelheit hingegeben. Nayantai aber brauchte ihn, zumindest um nicht erneut eingesperrt, oder gar getötet zu werden. Vielleicht war Nayantai auch nie mehr als das gewesen, einfach nur ein verletztes Tier, das sich zu Rains Haustüre geschleppt hatte und ihm eine Aufgabe gab... Er wusste, dass er sich dafür schämen sollte so sehr über sein Leben zu jammern, wenn es so viele, inklusive dem Wolf gab, die es so viel schlechter hatten als er und trotzdem war es was er fühlte... Fühlte Rain noch mehr, das er nicht fühlen sollte, oder war das bereits alles, was an Nayantai dran war?

      Als Rain seinen eigenen Namen vernahm schreckte er auf, aus dem Schlaf, der ohnehin nicht sonderlich tief gewesen war. Er erschreckte sich tatsächlich, als er Nayantai neben sich sah, was ihm ein Husten entlockte, während er sich aufsetzte und dabei fast einen der Stapel Bücher umgeworfen hatte. Das Buch, das noch offen auf seiner Brust gelegen hatte, kullerte nach unten und Rain klappte es hastig zu, als er es bemerkt hatte. Was er hier gesucht hatte, war nicht für die Augen des Wolfes bestimmt. "Was... was machst du hier?", fragte Rain verwirrt. Wollte der Wolf nicht vorhin noch nichts mit ihm zu tun haben? Und wie spät war es überhaupt? Spielte es eine Rolle?
    • Hier hatte er nichts verloren, war in diesem Haus nicht willkommen und war eigentlich nur ein räudiges, wildes Tier, dem die Welt dort draußen gehörte, aber nichts in ihrem Inneren. Nayantai hatte keine Aufgabe, der er sich widmen musste und er hatte auch sonst nichts, das ihm gehörte - er hatte nur Rain, an den er sich klammern konnte, wie ein Brett im offenen Meer, in der Hoffnung, es würde ihm dabei helfen, über Wasser zu bleiben, zu überleben. Seine Augen lagen auf der Figur vor sich, die so schmal und fragil war, die nicht mehr brauchte, als ein paar Handgriffe, um vermutlich mehr als die Hälfte seiner Knochen zu brechen - und dann, was? Dann wäre er wieder alleine auf dieser Welt, in die er gar nicht erst gehört hatte. Gäbe es dann überhaupt noch einen Grund, hier zu sein? Würde man ihn überhaupt gehen lassen? Nein, vermutlich würde er Rain in die Dunkelheit nachfolgen, hackte man ihm erst den Kopf ab, oder entriss man ihm tatsächlich jeden einzelnen Knochen und jedes Organ - und doch war es, zumindest im Moment, nicht mehr als ein Herz, das in seiner Brust pochte, das schlug und ihm sagte, dass er noch nicht gänzlich tot war, sondern vielleicht eine zweite Chance verdient hatte.

      Nayantai erschreckte sich ein wenig, als die wenigen Worte es schafften, das Lamm aus dem Schlaf zu reißen und sich hastig aufzusetzen, das Buch auf seiner Brust zu schließen und ihn anzustarren, als entsprang er einem Fiebertraum. "Was ... ich hier mache?", wiederholte er unsicher. Ja, was machte er hier? Weder sollte er hier sein, noch sollte er nach Rain suchen wollen und doch hatte er beides getan - aber wieso? Einfach, weil er der Meinung gewesen war, dass er es alleine nicht aushielt, weil Rain irgendwo ein Teil von ihm gewesen war, den er gar nicht anerkennen wollte. "Ich ... ich ... es tut mir leid", sprach der Wolf, der seinen Blick von dem Lamm abwandte, das er vermutlich mit seinen Worten gekränkt hatte, die nicht schärfer als ein Buttermesser gewesen waren, aber dennoch genug Schaden angerichtet hatten. "Ich wollte mich entschuldigen ... und ..." Ich bin einsam und mir geht es miserabel, war vermutlich nichts, das er anhängen sollte.
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    • Rain musterte den Wolf der vor ihm saß, fühlte sich noch nicht gänzlich wach und war nicht sicher, was das hier nun schon wieder bedeutete. Er verstand gar nichts von dem was in den letzten Tagen passiert war, aber er hatte eigentlich eingesehen, dass der Wolf recht mit dem gehabt hatte, was er gesagt hatte und wenn das nicht, dann hatte er Rain zumindest darauf gestoßen, dass es ihm nicht gut tat, sich mit einem Lamm anzufreunden, weil er dann erst recht nicht mehr der sein konnte, der er einmal war und das wollte er ja scheinbar. Rain selbst war nicht besser als der König, wenn er den fragilen Zustand des Wolfes ausnutzte, er hatte es schon getan und wollte es nicht wieder tun. Anfangs hatte ihm sein Kopf noch gesagt, dass der Wolf es bereuen würde, hatte es abgewunken und dem Wolf versprochen, dass er nur tun würde, was Nayantai auch wollte, aber wusste er denn überhaupt was das war? Vielleicht hätte Rain stur bleiben sollen, vielleicht sollte er es zumindest jetzt sein.

      "Schon gut...", murmelte Rain und schüttelte den Kopf. "Du hast nichts falsch gemacht..." Das stimmte, der Wolf hatte Rain lediglich gesagt, wie er sich fühlte, dass er nicht wusste was richtig und was falsch war, dass er nicht mehr er selbst war und dass er nicht hier wäre, wenn er noch der alte wäre. Vermutlich hätte der Wolf längst versucht sich seinen Weg hier raus und durch den Schnee zu kämpfen, anstatt seinen Kopf auf die Schulter eines Lammes zu betten. Wie sollte er wieder stark werden, wenn er seine Schwäche vor einem Lamm ausbreitete und egoistisch handelte, indem er es umarmte und küsste, statt sein Volk zu ehren und ihm die Kehle aufzuschlitzen. Auch Rain war beteiligt an dem Mord an vielen Wölfen, auch wenn er selbst nie eine Waffe in der Hand gehabt hatte. Sollten sie das weiter ignorieren? Der Wolf sollte das Schaf in Ruhe lassen, ja, aber viel mehr sollte das Schaf wohl den Wolf endlich zufrieden lassen, anstatt ihn abzulenken und verweichlichen zu lassen. Rain war es im Moment lieber, Nayantai hasste ihn...
    • Gab es denn überhaupt eine Wahrheit für ihn? Nayantai besaß so wenig, das er sein eigen nennen konnte, besaß keine Wahrheit, die er kannte - die Dinge, die Wahrheit, die es gegeben hatte, hatte er einfach heruntergeschluckt und vergessen, wollte sie nicht länger hören und sich lieber anderen, einfacheren Dingen widmen. Er wusste, dass es eigentlich töricht war, sich über Nichtigkeiten zu echauffieren und zu hoffen, dass der Weltuntergang nicht bevorstand, sondern dass sie einfach temporär stehengeblieben war, damit er aufholen konnte - aber war das die Wahrheit? Oder suchte er doch lieber nach anderen Dingen, die besser in sein eigenes Weltbild passten, als dass er versuchen wollte, wirklich wieder jemand zu werden, der er noch nie gewesen war? War es nicht gut, dass er jemanden wie Rain hatte, der seine Hand nach ihm ausstreckte, der ihm vermittelte, dass es in Ordnung war, verrückt zu sein, sich selbst aus seiner eigenen Schale zu pellen und zu hoffen, dass man so akzeptiert wurde, wie man nun einmal war? Ach, was machte er sich auch vor?

      "Nein, ist es nicht", gab er kopfschüttelnd zurück und griff nach Rains Schultern - obwohl er seine Hände anfangs bei sich behalten wollte. "Ich ... du ... du hast recht", gab er dem Lamm zu verstehen. "Es ist gut, dass ich tot bin", was faselte er da eigentlich? Vielleicht war es nicht schlecht, dass er in seinem eigenen Mitleid versank, dass er den Verstand verloren hatte und doch noch hier gelandet war. "Wenn ich es nicht wäre, dann ... dann würde ich nicht gerne hier sein. Mit dir." Wäre der alte Nayantai derjenige, der sich in der Gefangenschaft der Schafe wiederfand - noch dazu in der eines Lammes - dann würde er vermutlich wie wild um sich schlagen, sich nicht helfen lassen und wie ein wildes, verängstigtes Tier zu Grunde gehen und nie wieder den Schnee berührt haben. "Es ist einfacher, nicht ich zu sein - ich muss mich an keine dummen Regeln halten, ich muss mich nicht dazu zwingen, etwas zu tun, das ich nicht tun will", sagte er, während er wieder zu Rain sah. "Und außerdem bin ich gerne in deiner Nähe. Ohne dich zu sein ist furchtbar."
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    • Rain zuckte zusammen als die Hände des Wolfes auf seinen Schultern landeten, er starrte ihn an, als wäre er tatsächlich nicht mehr als ein verängstigtes Lamm. Was redete der Wolf da? Rain wusste nicht mehr, was nun stimmte und was nicht, wusste nicht, was der Wolf wollte und brauchte, hatte er doch eben in wenigen Stunden eine komplette Kehrtwendung gemacht. War ihm einfach nur wieder bewusst geworden, wie einsam er war und dass er irgendjemanden brauchte? Konnte er nicht noch einige Wochen aushalten, alleine, einige Monate, bis er zurück zu seinem Volk stieß, bei dem er bestimmt jemanden fand, dem er sich wirklich anvertrauen wollte? Die immer wiederkehrende Frage, ob Nayantai sich einfach nur an ihn klammerte, weil er der erste war, der seit langer Zeit nett zu ihm war, stellte sich immer wieder, egal wie oft Nayantai ihm versichert hatte, dass er sich keine Sorgen machen brauchte und egal, wie oft er sich selbst gesagt hat, dass der Wolf vermutlich nicht mehr als eine Abwechslung für Rain selbst war und dass es ihm aber egal war. War es ihm egal? War der Wolf ihm in Wahrheit egal? Und was war mit den Gefühlen des Wolfes für Rain? Er hatte es doch eben gesagt, wenn er noch sein altes Ich wäre, dann wäre er nicht gerne mit Rain hier. Wer wollte Nayantai wirklich sein?

      "Nein.. ich...", Rain wand sich aus dem Griff um seine Schultern, rutschte ein Stück zurück und wandte den Blick ab. "Ich habe von Dingen gefaselt, von denen ich keine Ahnung habe.", entschuldigte er sich, war hin und her gerissen. Was sollte er tun? Er mochte die Nähe des Wolfes, ja, aber war es nicht doch besser für sie beide, wenn sie Abstand voneinander hielten? Der Wolf würde nicht vergehen, wenn er Rain nicht wieder sah, vermutlich fiel es ihm einfacher sich selbst zu finden und schließlich von hier zu verschwinden. Der Traum vom Süden durfte niemals mehr werden als das, durfte nicht einmal aussehen wie eine tatsächliche Möglichkeit. Es sollte ihnen niemals schwer fallen, sich voneinander zu verabschieden, denn es würde sowieso passieren. Rain tat dem Wolf vermutlich nicht gut und umgekehrt war es dasselbe, wie würde Rain sich erst fühlen, wenn er sich noch mehr auf den Wolf einließ, nur damit er am Ende wieder alleine in diesem dunklen Gemäuer saß und ihm niemand mehr Schnee brachte. Was war es nun? Rain konnte sich nicht einmal entscheiden, warum er sich besser von dem Wolf fern halten sollte. Wollte er es für den Wolf, oder sich selbst? Und machte es überhaupt einen Unterschied, ob er ihn jetzt zurück stieß, nachdem er ihn schon viel zu nahe kommen gelassen hatte, oder erst in einigen Wochen? Was war überhaupt mit alledem, was er dem Wolf vorhin gesagt hatte, das hatte er doch auch ernst gemeint? "I-i-ich... weiß nicht was..." Wieso machte der Wolf es ihm so schwer ihn fortzuschicken, indem er Dinge sagte, die klangen als wären sie alles, das Rain hören wollte, ohne es gewusst zu haben. Die ihm bewusst machen wollten, dass der Wolf ihn brauchte und die um Rains Willen verlangten, dass er nachgab, weil er auch jemanden brauchte. "I-ich... will aber... dass du... lebst."
    • Der Traum vom Süden - wieso nutzte er ihn nicht als Antrieb, als Ambition, sich mit Rain davonzustehlen? Nie wieder sollte er zurückkommen und nie mehr sollte er sich darüber grämen müssen, noch mehr verloren zu haben, als er es ohnehin schon tat. Sie beide hatten einander gesagt, dass sie sich gehörten - dass sie nichts bereuten und doch war es die Verzweiflung, die an ihnen zog, die Realität, die ihnen sagte, sie passten nicht in die Welt des Anderen. War es denn wahr? Nayantai konnte sich nicht auf ewig vorgaukeln, dass er Rain hasste, dass er seine Finger nicht an ihm haben wollte - oder, dass Rain die Wurzel allen Übels war. Nein, so funktionierte das nicht. Angst hatten sie voreinander von vornherein nicht gehabt, wieso also versuchten sie so sehr, etwas zu finden, dass sie dazu bewegte, einander hassen zu lernen? Nayantai wollte nicht mehr als die Nähe eines anderen Menschen, nicht mehr als Rains Nähe, sonst nichts - er wollte Niemanden, der ihm seine Fehler aufzählte, oder seinen Körper weiter zerriss - er wollte die Liebe und Zuneigung eines anderen Scherbenhaufens, an den er bereits sein Herz verschenkt hatte, ohne wirklich zu wissen, was Liebe wirklich zu sein vermochte, war sie ihm doch noch nie zuteil geworden, zumindest nicht in solchem Ausmaß. Liebe schien nicht für die Ewigkeit, sondern war nichts anderes als ein Stern, dessen Leben endete, bevor sein Licht erlosch - wollte er das?

      "Ah ... tut mir leid", meinte der Wolf, der seine Hände wieder zu sich nahm, sich auf die eigene Brust drückte und zur Seite sah. Seine Hände sollte er bei sich behalten, das Lamm hatte Recht - er war nicht mehr, als ein dreckiges Tier, dessen Existenz es nicht wert war, im selben Licht zu baden, als es ein Schaf tat. Verkriechen sollte er sich wieder, in irgendein dunkles Eck, die Finger bei sich behalten und ... und aufhören, sich solche Dinge einzureden, die der Wahrheit nicht entsprachen. "Jeder von uns macht Fehler - ich hätte nicht so reagieren sollen. Du hattest Recht, Rain", entgegnete er ihm, starrte allerdings lieber auf das Bärenfell zu ihren Füßen, als in die blauen Augen, in denen er sich noch nie gerne verloren hatte. Diese Situation war nur entstanden, weil sie beide nicht wussten, wo ihnen der Kopf stand - weil sie beide keine Ahnung davon hatten, wie diese Welt eigentlich funktionierte, oder wie sie miteinander umgehen sollte. "Du willst nicht, dass ich lebe", gab er ihm als Antwort, schüttelte den Kopf. "Das will keiner. Ich bin glücklich, auch, wenn ich nie wieder ich sein kann." Nayantai war tot, sein Wille zu leben existierte allerdings - und er selbst war es, der seine Hände wieder ausstreckte und Rain näher kam, der seinen Zeigefinger gegen das Brustbein des Blonden drückte. "Ich ... mag deine Nähe noch immer. Ich mag es, wenn du mich berührst. Ich mag es, dich zu küssen ... und wäre ich noch ich, dann würde ich dich vermutlich nicht mögen. Und das ... will ich nicht."
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    • Rain wollte den Wolf doch ansehen, wollte sehen ob er es ernst meinte, was er da sagte, aber nur weil der Wolf es ihm Moment glaubte, musste es noch lange nicht der Wahrheit entsprechen. Vielleicht war der Wolf vorhin zum ersten Mal seit er hier war ehrlich gewesen und nun redete er ihnen beiden wieder eine Lüge ein, weil eine Lüge manchmal einfacher war, als die Wahrheit. Er wollte nicht alleine sein, so viel stand fest, aber wollte er wirklich Rains Nähe? Der junge, blonde Fürst spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, während er den Worten des Wolfes lauschte und seinen Finger an sich spürte, nun wieder mit etwas Stoff dazwischen. Er fühlte wie sein Magen sich zusammen zog, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete und ihm übel wurde, so als würde er etwas verlieren, oder als würde er von innen zerrissen werden. Er hatte Angst davor, dass der Wolf nicht die Wahrheit sagte und er hatte ebenso Angst davor, dass er es doch tat, weil es nur bedeuten würde, dass Rain ihn noch enger in sein Herz schloss, nur damit er es am Ende aus ihm heraus riss und mit in seine Heimat nahm. Er hatte Angst, dass sich noch mehr entwickelte, als es das in der kurzen Zeit schon getan hatte und dass es ihn töten würde - endgültig.

      Rain schüttelte den Kopf, wandte den Blick wieder ab und legte zitternd eine Hand auf Nayantais, dessen Finger ihn noch berührte. Er wollte die Hand von sich schieben, aber er konnte es nicht, sein Körper erlaubte es nicht. "Bitte... bitte sag so etwas nicht... wenn... wenn du es nicht... wirklich ernst meinst...", wisperte Rain mit zitternder Stimme, die kurz davor war zu brechen. Selbst wenn es wahr war... Rain konnte Nayantai nicht noch näher an sich heran lassen, als er es schon getan hatte, nicht wenn er ihn am Ende alleine ließ. Allein bei dem Gedanken daran, dem Wolf Lebewohl sagen zu müssen, fühlte Rain wie sein Herz entzwei brach, als wäre es ein letzter Schlag, der all die Risse die sich schon darin befanden zu sehr belastete und sein Herz einfach zerspringen ließ. Wieso fühlte er sich so, gegenüber einem Wolf, den er nicht kannte, mit dem er nicht einmal wirklich sprechen konnte. Es wäre einfacher, wenn der Wolf ihn jetzt hasste, als wenn er es später tat und es wäre auch einfacher, als würde er ihn niemals hassen, aber was sollte Rain tun? Er konnte ihn nicht für etwas bestrafen, dass er nicht getan hatte, er konnte ihn nicht bestrafen, weil der Wolf seine Nähe suchte... Er konnte nicht einmal aufstehen, ihn wegstoßen, oder ihm Worte entgegen werfen, die ihn verletzen würden.
    • Was war es, wenn nicht ein Wunschtraum den er inständig verfolgen wollte? Suchte er nach einer Ausrede, sein Leben wegzuwerfen? Suchte er nach mehr, als man ihm geben wollte, damit er sich in seiner eigenen Haut besser fühlen konnte? Kerben waren es, Furchen, die sich wie Flüsse über seinen Körper zogen - jede einzelne Narbe, jede einzelne Wunde die schmerzte, zog, sich dafür rächte, dass er seinen Körper benutzen wollte, um das Richtige zu tun, weil es kein Adrenalin mehr war, das ihn antrieb, sondern das Verlangen nach einer verlorenen Freiheit, das noch längst nicht so stark gewesen war, wie der Tod, gegen den er sich immer wieder so sehr gesträubt hatte. Nayantai suchte nach Ausreden, die ihm schlussendlich einen Ausweg eröffnen würden, damit er davonrennen konnte, so wie er es bis jetzt getan hatte - damit das klaffende Loch in seiner Brust, seinem Herzen, es war, das ihn von seinem Leid befreite. Konnte er Rain denn einfach vergessen? Oder wäre es, als hätte er einen unsinnigen Fiebertraum, aus dem er nicht erwachen konnte, während er nach Antworten für sein Dilemma suchte? Was auch immer es sein sollte - sein Herz schlug, sein Atem war flach und sein Verlangen danach, seinen Fehler wieder gut zu machen, schien stärker als alles andere zu sein.

      Hielt Rain seine Hand, weil er es wollte, oder weil er sich schlussendlich nicht dazu durchringen konnte, sich zu entscheiden, was genau er wollte? Wonach verlangte sein Herz auch? Nayantai wusste es nicht, konnte nur sich selbst fragen und drückte die Hand, die die seine hielt, als er seine Finger um sie legte. "Ich lüge nicht", gab er dem Lamm zu verstehen, sah auf und lächelte ihn an - schwach, ausgelaugt und aufgewühlt, aber es war ein Lächeln. "Ich will das ... ich will in deiner Nähe sein", murmelte er in der ihm fremden Sprache. Seine freie Hand streckte er auch aus, fuhr mit dem Handrücken über die weiche Wange des Fürsten, dessen glasige Augen Bände sprachen, auch, wenn kein einziges Wort fiel. Sie waren von Stille umgeben, durchbrochen durch das knisternde Feuer und ihre eigenen Worte, so zersplitterte sie wie Glas, das auch die beiden voneinander zu trennen schien - eine Mauer aus Glas, so fein und doch so stark. "Dich anzulügen, das könnte ich nicht", sprach er kopfschüttelnd, ließ die Hand herunterrutschen, auf die Schulter des Blonden. Dann nahm er sie zögerlich von ihm, sah ihn an, wusste nicht, was er tun sollte, bevor er noch einen Schritt - auf seinen Knien - näher kam, seinen Arm ausstreckte und ihn über Rains Schulter legte, ihn umarmte. "Ich will hier sein, bei dir - dann sind wir beide glücklich."
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    • Rain sah vorsichtig auf, nur für einen Moment um Nayantais Lächeln zu sehen, dass er irgendwie auf sein Gesicht bekommen hatte, ein Lächeln das davon zeugte, dass er ebenfalls nicht ohne Zweifel war und davon, dass er müde war, so wie sie es beide ständig zu sein schienen. Die warmen Finger des Wolfes legten sich um Rains kalte Hand, wie zuvor mochte er das Gefühl und gleichzeitig hatte er Angst. Er gab sich sogar Mühe in der Sprache der Schafe zu sprechen, die ihm eigentlich so fremd war, es fiel Rain so unsagbar schwer zu widersprechen, er wollte nicht, er wollte das hier hören und glauben, aber konnte er? "Was wenn... was wenn du dich selbst... belügst...?", fragte Rain, seine Stimme zitterte immer noch und er war nicht sicher, ob er überhaupt eine Antwort auf diese Frage hören wollte. Rains Körper lehnte sich wie von selbst gegen die Hand des Wolfes, die über seine Wange strich, die dafür sorgte, dass seine Brust sich seltsam anfühlte, die ihn tröstete, obwohl er das doch gar nicht wollte. Rain sah den Wolf an, hilfesuchend, als hätte er mehr Antworten als Rain.

      Die Hand des Wolfes rutschte auf seine Schulter, bevor sie sich ganz entfernte und ein dumpfes Gefühl in Rain hinterließ, das ihm sagte, er hätte etwas sagen sollen, er hätte sagen sollen, dass er Nayantais Nähe auch mochte, dann hätte er seine Hand nicht wieder von ihm genommen und... Die Umarmung kam überraschend und doch nahm Rain sie an. Wieder konnte er sich nicht von dem Wolf lösen, er konnte einfach nicht, weil er ihm etwas gab, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass er es brauchte. Er ließ seinen Kopf auf Nayantais Schulter fallen und seine Hände hoben sich ohne sein zutun, krallten sich an dem Hemd fest, das Nayantai trug. Waren sie denn beide glücklich? Fühlte Glück sich so an, wie Rain sich im Moment fühlte? Wenn sie glücklich wären, warum weinten sie beide so viel, warum stritten sie sich, oder sahen sich für mehrere Stunden nicht einmal in die Augen? Warum fürchteten sie sich, weil eine Tür zugesperrt wurde, oder ein Fenster geöffnet, warum fürchtete Rain sich wenn er umarmt wurde und konnte trotzdem nicht los lassen? "Ich... habe Angst...", gab er zu und jetzt wo Nayantai ihn nicht mehr sehen konnte, weinte er schon wieder. Das wie vielte Mal war es nun schon seit er Nayantai kannte? Er musste damit aufhören und stärker sein.