spellbound. (earinor & akira)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Fühlte er sich in den dürren Armen wirklich geborgen? Gab es einen Grund, das zu tun? Oder bildete er sich nur ein, dass Rain sich wirklich um ihn sorgte? Immer und immer wieder stellte er sich die gleichen Fragen und immer wieder wusste er nicht, wie er diese beantworten sollte. Wäre er enttäuscht, wenn man von ihm abließ, wenn seine Tränen versiegten und er nichts besonderes mehr war? Vermutlich war das Lamm nicht anders als ein habgieriges Schaf, aber das wollte der geschundene Wolf sich nicht einreden - geschweige denn würde er es glauben, sollte jemand versuchen, ihn davon zu überzeugen. Was war Rain für ihn? Lediglich eine Stütze, die ihm dabei half, nicht einzuknicken oder doch mehr als das? Man sagte, dass die Kälte der Tundra sich in den Herzen der Wölfen festsetzte, es kristallisierte und irgendwann zersplittern ließ - dass sie Monster waren, deren Existenz keine Berechtigung mehr besaß, dass man diese Welt von ihnen und ihren Ideologien befreien wollte und dass man alles dafür tun würde, um sie dazu wieder in das Loch zurück zu verbannen, aus dem sie erst gekrochen waren - die Wahrheit war jedoch, dass auch sie nicht mehr waren als Menschen die versuchten, sich ihrem Land anzupassen und erst überleben mussten, damit sie die eiskalte Luft kosten durften.

      War Nayantai jemals mehr gewesen als jemand, der sein Leben in diesem Krieg lassen sollte? Es fühlte sich nicht so an, als sollte er auch außerhalb der vielen Kämpfe und Konflikte existieren, als wäre in ihm ein riesiger Tumult, der ihn zu zerreißen drohte, selbst dann, wenn er sich in einem stillen Raum aufhielt, von dem aus er nichts hören konnte, außer das Echo seines elendigen Schluchzens, das die Wände zurück an seine Ohren trugen und die wenigen Worte, die Rain ihm zu verstehen geben wollte. Sollte er sein Herz auch in die kleine Hand des Schafes legen, das versuchte, ihn vor der Welt zu verstecken, damit er sie nicht mehr ansehen musste - damit er nicht weiterhin von bösen Blicken zerfressen wurde, die er sich einbildete? Sich wieder aufzurichten und zu glauben, dass er sein Leben weiterleben konnte wie zuvor wäre nicht nur schmerzhaft, sondern unmöglich. "Mhm", brachte er nur über die Lippen und schlang die Arme schlussendlich auch um das Lamm, als wolle er ihm sagen, dass er ihn ebenfalls beschützen wollte, aber ihm die Worte dazu fehlten. "Rain ... ich ... ich ...", was waren Sätze noch gleich?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain wollte den Wolf gar nicht mehr los lassen, als konnte die Welt ihn tatsächlich erneut verletzen, wenn er es tat und das wollte Rain nicht. Früher oder später mussten sie wohl wieder voneinander ablassen, aber noch nicht jetzt, jetzt wo der Wolf seine Arme ebenfalls um das Lamm geschlungen hatte und sie sich einfach gegenseitig festhielten, wie zwei ertrinkende auf hoher See an einem Stück Holz. Rain ließ seinen Kopf sinken, ließ das Gewicht einfach auf Nayantais Kopf liegen, der noch immer an ihn gedrückt war. Der geträumte Ort im Süden war ein Flecken grüner Wiese, an der Rain sich und Nayantai hin wünschte, an dem er den Wolf wissen wollte, weit weg von diesem Krieg und Rains grausamen König, an dem er in diesem Moment Verrat beging. Machte er das aus Trotz? Rain hatte immer entweder getan was man ihm gesagt hatte und was man ihn gelehrt hatte, oder er war vor der Verantwortung geflohen. Nun lud er sich einen ganzen Berg Verantwortung auf, Verantwortung für den Wolf, dem er so vieles schon versprochen hatte und das, obwohl er doch besser auch vor ihm davon gelaufen wäre, ihn irgendwo weggesperrt und vergessen hätte. Seltsamerweise bereute er es aber nicht, es eben nicht getan zu haben.

      "Du musst nichts sagen...", murmelte Rain und war nicht sicher, wie lange sie nun schon so da saßen, wie lange sie sich schon im Arm hielten und einander stützten. Rain wollte diese Ruhe eigentlich gar nicht stören, dachte, wenn sie nun einfach so einschlafen würden, dann wäre es auch gut. Rain strich weiter ganz in der Umarmung verloren durch die dunklen Haare, wollte den Wolf weiterhin beruhigen und ihm helfen, heraus zu weinen, was ihn so plagte. Und morgen, morgen war es vielleicht wirklich gut, wenn der Wolf seine Füße endlich mal wieder in den Schnee stecken konnte, um ein Stück Freiheit zu kosten, die bald gänzlich die Seine sein sollte, auch wenn das Lamm ihn nicht gerne los ließ. Hier bleiben konnte er jedoch auch nicht.
    • Die Welt innerhalb der Steinmauern war heil, beinahe schon beständig - Nayantai wollte nicht hier sein, wollte die kalte Luft auf seiner wunden Haut spüren und sie genießen, sie einatmen und wieder aushusten, sollte er eine Nase zu viel nehmen. Dort draußen war er den Kräften der Natur ausgeliefert, war nicht mehr als ein Blatt im Wind, das dorthin geweht wurde, wohin der Sturm ihn tragen wollte - doch hier bewegte er sich nie weit, hatte bestimmte Destinationen, wie diesen Raum, sein eigenes Zimmer oder die Arme des Lammes, das sich aufopfernd um ihn kümmerte. Geborgen war ein Wort, das er nicht verwenden wollte, aber was tat er dann? Fühlte er sich in seiner Haut wohl, oder bildete er sich all das nur ein, weil er nicht wollte, dass Rain sich um ihn sorgte? Wollte er hier sein, oder war er nur hier, weil er glaubte, dass er das Wetter dort draußen nicht überleben würde? Im Gegensatz zum verlorenen Weg, zum verlorenen Krieg vor diesen Türen hatte er hier so viel mehr, hatte alles, nachdem er verlangen könnte - und doch wollte er nicht hier sein, wollte nicht in den Armen eines Schafes weinen, dem er sein Herz ohnehin schon ausgeschüttet hatte. Es zwar zu spät um etwas zu bereuen, das wusste er. Nayantai wusste, dass diese Welt es nicht gut mit ihm meinte und doch hatte er noch nicht ganz aufgegeben, sondern klammerte sich an alles, das er haben konnte, das ihm helfen wollte, die Hoffnung nicht zu verlieren, die es ohnehin schon nicht mehr gab.

      Zögerlich löste er sich für den Moment von Rain, der nicht mehr als sanfte Berührungen für ihn übrig hatte und nahm die Hand, an der er vermutlich Spuren hinterlassen hatte, als er einfach so zugedrückt hatte. "A-Aber ... h-habe ich d-dir ... wehgetan?", wollte der verweinte Wolf wissen, der sich nicht aufrichtete oder gar hinter seinen Haaren hervorspähte. Noch immer saßen sie auf Rains Bett und noch immer war es so, dass er sich nicht wirklich rühren wollte - dass er sich nicht mehr in sein Zimmer zurückbewegen wollte, auch, wenn es die bessere Variante wäre. Loslassen wollte er nicht mehr, dafür war er zu aufgebracht, zu versessen darauf, nicht unterzugehen, sondern sich zu beruhigen und die Tränen aus seinem Gesicht zu verbannen - schniefend wischte er sich mit dem eigenen Arm über die Augen, wollte gar nicht aussprechen, was ihm noch auf der Zunge lag - sein Kopf brummte. "Rain ... ich ... ich bin müde", gestand Nayantai und wandte den ohnehin abwesenden Blick zur Seite. "K-Kann ... kann ich ... h-hier bleiben?" Würde Rain sich sein Bett nicht erneut teilen wollen, so würde er zu seinem Zimmer zurück schlurfen, sich im Bett verstecken und hoffen, er würde nicht wieder von Gedanken geplagt werden, oder gar von irgendwelchen Gehirngespinsten. Seine freie Hand suchte nach der Zweiten des Schafes und hielt diese schließlich auch in seiner eigenen, während die Tränen langsam nachließen. "W-Wenn ... wenn du das ... n-nicht w-willst dann ... k-kann ich g-gehen."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain ließ sofort locker, als der Wolf sich in seiner Umarmung bewegte und sich schließlich von ihm löste. Er blickte auf seine Hand die der Wolf in seine genommen hatte, auf der nachhallend zu spüren war, wie der Wolf sie gepackt hatte. Tatsächlich waren immer noch rote Spuren zu sehen, mehr aber auch nicht und morgen würde bestimmt gar nichts mehr davon zu sehen, oder zu spüren sein. Trotzdem blickte der junge Adelige etwas länger auf die Stelle als er gemusst hätte, er war selbst etwas überrascht und vielleicht sogar ein wenig fasziniert von etwas, das er sonst nicht erlebte, weil ihn immer schon jeder mit Samthandschuhen angefasst hatte, oder relativ schnell verjagt wurde. "Mach dir keine Sorgen!", meinte er schließlich, lächelte den Wolf an, oder versuchte zumindest an den vielen Haaren vorbei zu sehen. Warum er seine Haare ständig wieder aufmachte, nur damit sie ihm überall im Gesicht herum hingen, verstand Rain nicht ganz, er brauchte sein Gesicht doch nicht zu verstecken.

      Noch mehr wich der Wolf Rains Blick aus, stotterte immer noch ein wenig vor sich hin und wollte wohl auch diese Nacht nicht allein verbringen. Der Wolf hatte nun schon so viele Nächte hier verbracht, dass es auf einmal mehr oder weniger auch nicht mehr ankam und wären da nicht Rains Bediensteten die sich um ihn sorgten und diverse Regeln die es verbieten würden, dann hätte Rain sich ohnehin keine Gedanken darüber gemacht. Er hatte den Wolf gerne hier bei sich, wusste ihn gerne neben sich, so wie noch vor ein paar Tagen, als er sich zwischen der realen Welt und einem dunkeln Abyss befunden hatte, aus dem der Wolf ihn irgendwie gezerrt hatte, ohne es zu wissen. Rain nickte also und drückte die beiden großen Hände, die die seinen festhielten. "Natürlich kannst du hier bleiben. Ich sagte doch, dass du hingehen kannst, wohin du möchtest.", lächelte Rain, auch wenn sie Beide wussten, dass er das vorhin nicht so gemeint hatte. Natürlich sollte der Wolf nicht in Rains Bett schlafen und doch war es ihm egal.
    • Nayantai konnte also hierbleiben - konnte sich seine Seele weiterhin aus dem Leibe weinen und darauf hoffen, dass morgen auch noch ein neuer Tag war, der ihm endlich das gab, wonach er sich so sehr gesehnt hatte: Nach Freiheit, die man ihm nicht schenken wollte, weil er ein Wolf war und kein zierliches Lamm, das es verdient hatte, zu leben, zu existieren - zu atmen. Luft strömte in seine Lunge, die Tränen verschwanden und zurückblieb sein grollender, donnernden Kopf der nicht mehr wollte und ihm vermittelte, dass er es übertrieben hatte - dass er sich hinlegen sollte und nicht weiter daran denken musste, dass er eigentlich viel zu viel verloren und auch vergessen hatte - für heute war es genug. "Mhm", entgegnete er dem Schaf, biss sich auf die bebende Unterlippe und wollte sich hinter dem Vorhang aus Haaren verstecken, der ihn selbst nicht sehen lassen wollte, wo er gerade war - er wusste es, fühlte sich so verloren in der Welt der Schafe und doch konnte er nicht mehr tun als in ihr zu überleben. Schafe - waren sie seine Feinde? Oder war jeder sein Feind, der nicht sein Freund war? Ein jeder von ihnen war ein Mensch, dennoch verhielten sich nicht alle von ihnen wie einer.

      Man riss sich nicht mehr um ihn, versuchte nicht, ein Stück von ihm zu ergattern, oder sich um seine Aufmerksamkeit zu streiten - Nayantai war hier weder ein Prinz, noch ein Sklave - er war Niemand, sollte gar nicht hier sein. Oftmals war es schwer, sich all das einzugestehen, aber der Wolf war sich dessen bewusst, dass er nicht den Rest seines Lebens damit verbringen konnte, sich einzureden, dass er jemand war, der er noch nie gewesen war, oder nie sein wollte - in den Augen des Fürsten war er vermutlich ein Häufchen Elend, in den Augen des Königs nicht mehr als ein Stück Dreck und doch glaubten die Wölfe, in ihm ihren Prinzen zu sehen, der ihnen dabei helfen würde, auch die nächste Schlacht zu überleben, die er verpasst hatte. "W-willst du das? ... D-Dass ich ... hier bin ... meine ich", fragte er zögerlich nach und hielt noch immer an den Händen fest, legte allerdings den kalten Handrücken des Lammes an seine Wange, als sehnte er sich nach der Berührung, als wollte er die Hände auf sich spüren. Rain tat ihm nichts, das war ihm fast schon klar, doch immer öfter beschlich ihn der Gedanke, dass er gar nicht hier sein sollte.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Der Wolf stellte Fragen die Rain nur schwerlich zu beantworten wusste, hauptsächlich, weil er ihm nicht das Gefühl geben wollte, er wolle sich ebenso etwas nehmen, das dem Wolf alleine gehören sollte. "J-ja...", antwortete er zögerlich, "Aber... aber nur wenn du das auch willst." Nichts läge ihm ferner als den Wolf an dieses Zimmer zu fesseln, oder gar sein eigenes Bett. Er mochte seine Nähe und war ihm in erster Linie vermutlich nur so nahe gekommen, weil der Wolf zuerst die Nähe zu Rain gesucht hatte. Der Wolf war erst vor zwei Wochen heir aufgetaucht und die Hälfte der Zeit hatte Rain mit Schlafen vergeudet und doch fühlte er sich wohl in Nayantais Nähe und wollte ihn am Liebsten gar nicht mehr da raus in die Welt schicken, die nicht nur Rain töten würde, wenn er sie betrat, sondern auch den Wolf. Nun war er es, der den Blick lieber abwenden wollte, aber es nicht tat, weil er den Wolf nicht beunruhigen wollte. Es war nur so, dass Rain so viele Gefühle überkamen seit der Wolf hier war, die alle in Konflikt miteinander standen, dass er schon gar nicht mehr wusste, was er denken sollte.

      Rain sah an dem Haarschopf vorbei, sah auf seine eigene Hand und Nayantais Wange und in das was er von den geröteten Augen noch sehen konnte. "Ich hoffe das eben... hat geholfen.", murmelte Rain, wollte nicht glauben, dass Nayantai all diesen Schmerz ertragen musste und nichts dafür erhielt. Er hoffte es ging ihm besser, er hoffte er konnte heute gut schlafen, so wie er es sich schon so lange wünschte. Niemand würde ihm zurück geben können, was er verloren hatte und was passiert ist, würde niemals verschwinden, aber vielleicht fand Nayantai einen besseren Weg, um damit umzugehen, statt so zu tun als ginge es ihm gut. "Du...du bist sehr stark, weißt du das? Ich glaube du fühlst dich nicht so, aber... du bist es.", murmelte er, lächelte und hoffte, dass Nayantai das auch sah.
    • Verschwommen sah er die dunkler werdenden Fetzen dieser Welt, die Umrisse, die Rain hatte - mit dem Verschwinden der Sonne, dem Einkehren der Nacht, wurde ihm noch mehr seiner Sicht gestohlen - seine Augen wären nutzlos, aber die Hand des Schafes spürte er auch jetzt noch, akzeptierte sie und wollte sie auf sich wissen, weil das Kribbeln, das Berührungen des Lammes auf seinem Körper hinterließen, ein angenehmes war, das sich wie wohlige Wärme in ihm ausbreitete. Rain war anders, konnte ihm nichts anhaben und wollte ihm anscheinend auch nichts antun - die Motivation, sich gegen die elenden Bestien des kalten Nordens aufzubauschen schien nicht gegeben, viel lieber beschäftigte er sich mit dem Wolf, der durch seine Tür gestapft war und seitdem in dem Inneren seines Hauses für Unruhe sorgte. Wäre er nicht hier, würde er wohl noch immer im Kerker festsitzen, auf einen Tag hoffen, an dem er sich endlich ohne Schmerzen bewegen konnte und die Ketten, die seine Hände aneinander banden, dazu nutzen konnte, um sich des Königs zu entledigen? Nayantai wusste es nicht, würde es aber auch nicht mehr erfahren - er war hier, an Rains Seite, soweit entfernt von dem Ort, an dem er nicht sein wollte. "Ich will ... ich will das", entgegnete er dem Lamm bestimmt, klar.

      Falsch fühlte sich diese Realität an - es war nicht die Seine und doch hatte er nichts dagegen, neben Rain her zu existierten, sich ihm zu ergeben und hierzubleiben, so lange er von dem Lamm gebraucht wurde. Wenn er einige Monate länger hierbleiben würde, so glaubte er, dann würde es doch nichts mehr ausmachen, ob er nun nach Thria ging oder das Schaf in den Süden entführte, der noch nicht von den Schafen und dem habgierigem König zerfressen worden war. "... Mh, ja. Hat es ... danke, Rain", antwortete er wahrheitsgemäß, fühlte sich so, als hätte er endlich das abgestoßen, das ihn so gestört hatte - das sich in ihm festgesetzt hatte und nun verschwunden war. Ein Wolf war er noch immer, gleich, wie er ein Prinz war - mit dem feinem Unterschied, dass er kein Problem damit hatte, wenn er kein Volk mehr haben sollte, das er regierte ... woran dachte er eigentlich? Die Wölfe waren ihm wichtig, genau so, wie es Rain war, dessen Hände er schließlich losließ. "Stark? ... Ich versuche nur, zu überleben ... ich glaube kaum ... dass ich stark bin." Nein, das war er nicht - aber das war ohnehin egal - er griff nach dem Arm Rains, zog ihn mit sich auf das Bett und nahm ihm wieder in die Arme, als er einigermaßen bequem lag. "Wieso glaubst du das überhaupt?"
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain war einerseits erleichtert, als die Worte des Wolfes an sein Ohr drangen und andererseits auch ein wenig besorgt darüber, ob er es wirklich ernst meinte, oder eher, ob er sich nicht selbst etwas vor machte. Aber Rain fühlte sich nicht in der Lage die Seifenblase des Wolfes zerplatzen zu lassen, würde es den Wolf und auch Rain selbst, nur wieder alleine zurück lassen. Vielleicht war er es ja auch, der sich etwas vormachte, der glaubte die Nähe des Wolfes zu wollen, obwohl er sich eigentlich nur nach irgendjemandem sehnte und der Wolf eigentliche die letzte Person sein sollte, der er sich öffnete und der er seine Hand ausstrecken sollte. Auch seine Seifenblase wollte er nicht zerplatzen, er genoss lieber die Zeit die der Wolf brauchte, um sich zu erholen und in der der kalte Winter von Fhaergus vorbei zog und machte sich keine Gedanken über etwas, das noch in der Zukunft lag.

      Rain freute sich, dass es dem Wolf geholfen hat, über das zu sprechen, was passiert war, auch wenn er sich heute nur einem Teil davon gestellt hatte. Er würde ihm weiterhin helfen, wenn er das wollte und er wollte sich auch schlau darüber machen, was er an Nayantais Seite entdeckt hatte, nur für den Fall, dass es wichtig war. Was er nicht machen wollte, war das ganze vor dem Wolf auszubreiten und ihn unnötig zu beunruhigen. Dass er sich die Stelle selbst nicht ansehen wollte, hatte vermutlich einen schwerwiegenden Grund, für den Nayantai noch nicht bereit war. Rain ließ sich von Nayantai auf die Matratze ziehen, zögerte ein wenig, aber schmiegte sich schließlich an ihn, nachdem er seine Arme schon um ihn gelegt hatte. "Weil... gerade weil du das alles überlebt hast. Ich glaube nicht viele hätten das, ich weiß ich hätte das nicht, aber ich bin kein gutes Beispiel, trotzdem, du lebst noch. Dem solltest du nicht so wenig Bedeutung und Anerkennung schenken." Rain drückte sich noch einmal ein wenig von Nayantai, um ihn ansehen zu können. "Ich kenne niemanden, von dem ich glaube er hätte das überlebt. Du bist stärker als du glaubst."
    • Wieder war er in einem fremden Bett - wieder schmiegte er sich an ein Schaf, an ein Lamm, das nach ihm verlangte - aber nicht auf die Art, wie es ein Schaf tat. Rain wollte Nayantai nahe sein, auf seine eigene Art und Weise, wollten ihn um sich wissen und sich wohl nicht länger alleine in diesem viel zu groß geratenem Bett hin und her wenden, bis der Schlaf sich endlich in seinem schwachen Körper festsetzte und ihn mit sich riss, irgendwo nach unten, tief in den Abgrund, der so vieles verschluckt hatte. Nayantai wollte sich dieser tiefen Schwärze nicht einfach hingeben und wenn er schon das Lamm in seinen Armen hatte, dann würde er auch dieses nicht einfach gehen lassen. Sie beide könnten nicht unterschiedlicher sein und doch klebten sie aneinander, als gäbe es in ihrem Leben niemanden, der sich sonst um sie kümmern würde. Vielleicht entsprach das auch der Wahrheit, vielleicht waren sie beide allein und auf sich selbst gestellt, hatten nicht die Möglichkeit, sich in die Arme derjenigen zu legen, denen sie sich normalerweise anvertrauten - war das Lamm auch einsam, hatte Niemanden, dem es sich hingeben konnte, wenn sein Körper nach Nähe verlangte?

      Die Sterne waren dort draußen, an den Horizont gekritzelt, legten sich mitsamt einer dunklen Schicht aus Wolken über den Himmel - Nayantai konnte sie von hier aus nicht sehen, sondern nur Rain, den er an seiner Seite wusste, der sich in seinen Armen befand und nirgendwo hingehen würde, auch, wenn das hieß, dass sie beide hier bleiben würden, bis die Sonne sie allerspätestens aus ihren Träumen rupfte. Noch immer wollte er nicht von Rain ablassen, glaubte, er würde wieder versinken, sobald er es tat und doch konnte er sich nicht helfen, wusste auch gar nicht, wie er überlebt hätte, wäre er alleine mit seinen Gedanken - vielleicht hätte er sich irgendwo hingesetzt und auf einen schmerzvollen Tod gewartet, der früher oder später eingetreten wäre. "Ich glaube ... nicht, dass ich ... noch länger ... überlebt hätte", gestand Nayantai. Nein, verrückt wäre er geworden, wäre es nicht Rains Vater gewesen, der ihn hinfort aus dem Königreich und durch den kalten Winter geschleppt, hatte, hierher, bevor der sture Mann sich wieder auf den Rückweg machte, ohne mit den Schultern zu zucken. "Mh, ich sollte dir glauben ... ich bin zu müde." Der Wolf zwang sich ein schwaches Lächeln auf, bevor er sich selbst überwand und Rain auf die Stirn küsste. Wenn schon, denn schon.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain lag gern in den warmen Armen des Wolfes, ließ sich gerne von ihm fest halten und schlang seinerseits seine Arme gerne um ihn, um den Gefallen zu erwidern. Er war es zwar nicht gewohnt jemanden in seinem Bett zu wissen und wusste höchstens, dass es für ihn auf vielen verschiedenen Ebenen nicht angemessen war, aber er glaubte trotzdem, dass er besser schlafen würde, wenn der Wolf bei ihm war und ihn umarmte. Was es genau war, das ihm dabei half sich wohler in seiner Haut zu fühlen, das wusste er nicht, vielleicht hatte der Wolf recht gehabt und Rain hatte auch Sara, die sich um ihn kümmerte und doch war es anders. Natürlich könnte er, wenn er es denn wirklich gewollt hätte, auch in ihren Armen liegen, wäre es doch nicht viel verkehrter als wenn er einen Wolf umarmte und doch, hatte er gar nicht das Bedürfnis danach und auch nicht nach einer Ehefrau, die er sich eigentlich schon längst hätte suchen sollen. Langsam fragte er sich, ob mit ihm irgendetwas nicht stimmte, oder ob der Wolf ihn tatsächlich verzaubert hatte.

      Rain blickte in das lächelnde Gesicht, das ihn eben noch auf die Stirn geküsst hat. Der Wolf musste nicht so zärtlich zu ihm sein, musste sich nicht mehr zu etwas gezwungen fühlen, weil er sonst ausgepeitscht wurde, Rain war nicht sicher, ob ihm das auch wirklich bewusst war. Der junge Adelige lächelte und streckte eine Hand aus um Nayantais wilde Mähne zu bändigen und die Haare auf dem Bett abzulegen, so dass sie ihm zumindest nicht mehr ins Gesicht hingen. Dann nahm er seine Hand wieder zu sich zurück, legte sie unter seine Wange und sah den Wolf an, dessen Gesicht nun endlich wieder zum Vorschein kam. "Ich hoffe, du kannst heute gut schlafen...", murmelte Rain, der selbst nicht sicher war, ob er jetzt sofort einschlafen konnte, aber es machte ihm auch nichts aus, einfach neben Nayantai zu liegen, bis er müde genug war.
    • Durfte er es sich überhaupt erlauben, die Nähe eines Lammes zu suchen, es sein Lamm zu nennen und sich ihm auf diese Art und Weise zu öffnen? Sollte er das tun? Oder tat er es einfach nur, weil er es wirklich wollte und die Realisation, er würde an seinen eigenen Gedanken ersticken, viel zu präsent war und er sich auf andere Gedanken bringen wollte? Was auch immer es war, dachte sich der Wolf, für heute war es egal - lieber wusste er Rain in seinen Armen, war sich dessen bewusst, dass er in einer beinahe heilen Welt vor sich hin siechte und darauf wartete, dass der Frühling ihn holen würde, damit er wieder dorthin konnte, wohin er gehörte: Nach Thria, irgendwo in das ewige Eis, das Zeuge von so viel Schmerz und Leid geworden war, dass es unmöglich war, auch nur eine der grausamen Taten abzustreiten, die man gegen die Wölfe verübte. Gab es überhaupt noch andere Wölfe in Adrestia, die das Glück hatten, dem König nicht zum Opfer gefallen zu sein? Wurden sie so behandelt wie er? Nayantai zweifelte daran, glaubte nicht, dass man seinem Volk etwas Gutes wollte, oder sich gar die Mühe machte, ihnen mehr als Verachtung zu schenken.

      Neben Rain zu liegen war, zumindest auf dieser Ebene, einigermaßen angenehm - er nahm ihm seine Albträume nicht, aber es war besser, als sich alleine in einem großen Bett zu drehen und zu wenden, nicht schlafen zu können und aufzuwachen, weil man in eine dunkle Grube fiel und das Herz für eine Sekunde auszusetzen versuchte. Auch, wenn er durch die Dunkelheit ohnehin nicht viel gesehen hatte, spürte er die Hände in den Haaren, die sie beiseite nahmen, damit er sich nicht weiter hinter ihnen verstecken konnte, so, wie er es fast schon viel zu gerne tat. Nayantai wollte Rain oftmals nicht ansehen. "Ich bezweifle, dass das ein Problem sein wird", sprach der Wolf und drückte sich wiederum an das Lamm, dessen Nähe er nicht missen wollte - ob er ihn nach Thria mitnehmen konnte? Unwahrscheinlich, aber ein Versuch war es wert, wenn er schon nicht in den Süden kam ... "Bist du überhaupt müde?", murmelte der Wolf, der bereits seine Augen geschlossen hatte.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain schloss die Augen nach einer Weile, versuchte zu ergründen, ob er denn müde war. Er war ein wenig erschöpft, aber das schien nicht unbedingt zu helfen, damit er einschlief. "Nicht wirklich. Aber das macht nichts.", murmelte er. Rain hatte es bequem und warm, wenn Nayantai nicht hier gewesen wäre, dann hätte er vielleicht am Kamin gelesen, aber es war auch in Ordnung einfach eine Weile lang nur die Augen zu schließen, ohne tatsächlich zu schlafen. Irgendwann würde er schon ins Land der Träume finden und bis dahin hörte er dem Wolf einfach beim atmen zu. Er versuchte sich nicht zu viel zu bewegen, damit er den Wolf nicht aus seiner Ruhe riss und er hoffte, dass aus dem leichten Druck auf seiner Brust nicht mehr wurde. Er wusste, dass er kein angenehmer Bettgenosse sein konnte, nicht wenn er selbst oft genug von seinem Husten geweckt wurde. Vielleicht war es dann sogar besser, wenn er wach blieb.

      Die kräftigen Arme die um Rain herum lagen, ließen seinen ganzen Körper wärmer werden, selbst dort, wo Nayantai ihn gar nicht berührte und obwohl Rain sich mühe gab, sich nicht zu sehr an ihn zu kleben, nachdem dem Wolf ohnehin immer zu warm wurde. Rain hatte das Gefühl, eine Decke brauchte er so gar nicht unbedingt, das feuer im Kamin hatte den Raum bereits wieder aufgewärmt und Nayantai erledigte den Rest, war besser als eine Decke. Thria... ob es in den Zelten der Wölfe immer kalt war? Konnte man in einem Zelt überhaupt ein Feuer anzünden? Flog es nicht davon, wenn ein Sturm aufzog? Rain hatte so viele Fragen, was das Leben in Thria betraf, dabei wusste er ja nicht einmal, wie genau sich das Leben in Fhaergus abspielte... Rain konnte vielleicht nicht nach draußen, aber trotzdem war Nayantai so etwas wie seine Fahrkarte dorthin, auch wenn er erst einmal seine Sprache besser lernen musste, damit er seinen Geschichten vernünftig lauschen konnte.
    • Die Welt drehte sich nicht nur um einen selbst, sondern eigentlich auch um so viele andere Dinge, die man viel zu gerne missachtete - um Schafe, um Wölfe, um alle von ihnen. Dass man sich selbst, von Zeit zu Zeit, so fühlte, als stünde man im Mittelpunkt von alledem war weder etwas sonderbares, noch sonderlich neu. Unglättbare Wogen dieser Welt waren es, die sie alle - früher oder später - auf eine Reise schickten, von der sie nicht wiederkehren durften, weil es ihr Schicksal war. Womöglich war es sein Schicksal gewesen, seinen Weg hierher zu finden, oder aber, das hier war nur ein unglücklicher Zufall und eigentlich waren die Intentionen seiner Götter ganz andere gewesen - vermutlich bestraften sie ihn, wollten ihn bluten sehen und waren sich sicher, dass ihr Schützling verwelken würde, wie eine Blume es ohne Wasser tat - wie ein überreifer Apfel, dessen Ast sein Gewicht nicht mehr trug, zerfressen und verfault fiel er zu Boden, platzte vermutlich. Nayantai wusste, dass er es nicht länger wert war, als Kronprinz der Wölfe angesehen zu werden, während er sich an ein kleines Schaf klammerte, sich vor ihm versteckt hatte - er wusste, dass all das, was er hier tat, nicht richtig war.

      Hier, in einer Zwischenwelt aus verkorksten Träumen und der gleisenden Realität, die lediglich aus erlogenen Tatsachen und einer Schicht Glitzer bestehen zu schien, gab es nicht viel mehr, das der Wolf nicht ohnehin in der echten Welt hatte. "Gute Nacht, Rain ...", murmelte er fast schon wortlos, hatte sich damit abgefunden, dass seine Müdigkeit ihn übermannte und gleichzeitig war er sich sicher, dass es der einzige Ausweg war, den er hatte. Nayantai kannte diese Welt nicht, konnte sie nur durch die Kälte verstehen, die durch seine Knochen hallte und doch wollte er nichts davon, sehnte er sich nach einem Weg zurück in seine wahrhafte Heimat und nicht nach leeren Ausflüchten in seinen Träumen. Die pechschwarzen Klauen der Nacht legten sich um ihn, so fühlte es sich beinahe schon an, und zogen ihn mit sich, in eine andere Welt, von der er ausnahmsweise nicht träumen sollte - sein Körper wurde zurückgelassen, hatte sich um ein armes Schaf gelegt, das ihm wohl in einem Kampf keine Sekunde trotzen könnte, aber das hier war keine Schlacht - und wenn doch, dann hatte sie ein schlafender Wolf ohnehin verloren.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • "Gute Nacht...", lächelte Rain, der glaubte, dass seine Worte nicht einmal mehr bis zu dem Wolf drangen und dass er längst eingeschlafen war. Sein tiefer Atem drang an Rains Ohr, der Arm der auf ihm lag wurde schwerer und die Gesichtszüge des Wolfes, die durch das flackernde Feuer im Kamin erhellt wurden, wurden weicher. Er war eigentlich ganz niedlich wenn er schlief, sah gar nicht aus wie ein großer, böser Wolf und auch nicht wie ein verletzter Hund. Rain sollte sowas eigentlich gar nicht denken, aber dennoch tat er es und war damit zufrieden, dem Wolf ein wenig beim Schlafen zuzusehen, während er selbst darauf wartete, dass die Müdigkeit siegte und ihn in den Schlaf zerrte, der ihn vielleicht träumen ließ, von einem Leben im Süden, das eben nicht mehr war als das, ein Traum.

      Diese Nacht war Rain es, der nicht gut schlief, nicht weil er etwa Albträume hätte, die er nicht schon in und auswendig kannte, vom Tod und vom allein sein, sondern weil er immer wieder aufwachte, nachsah ob die Sonne sich am Himmel vor dem Fenster schon zeigte, nur um festzustellen, dass es noch immer dunkel war. Er wagte es nicht sich in den Armen des Wolfes zu bewegen, wie er es sonst tat, wenn er eine unruhige Nacht hatte. Er wollte nicht aufstehen und den Wolf wecken, während er rastlos hin und her wanderte und hoffte so müde zu werden, dass er gar nicht anders konnte, als zu schlafen. Also blieb er liegen, hörte dem Atmen des Wolfes zu, passte seine eigene Atmung unbewusst daran an und blickte an seinem Körper hinab, zumindest sah er das an, was er sehen konnte, ohne sich groß zu bewegen. Die Narben die von seiner Schulter und seinen Arm wanderten, zogen sich wie Flüsse über seine Haut und Rain beschäftigte sich damit, sich darüber Gedanken zu machen, woher sie stammen konnten, auch wenn seine Gedanken im Nachhinein vielleicht zu sehr in eine dunkle Richtung abgedriftet waren und er vermutlich zu viel über die Zeichen nachdachte, die in Nayantais Seite geritzt waren. Schließlich schlief er wieder ein, ohne es wirklich zu merken und brachte die Nacht auch irgendwie hinter sich.
    • In seinen Träumen gab es nichts - kein Meeresrauschen, kein Feuer, kein Blut - es roch nach trockenem Gras, nach einem Gewitter, das es so nie gegeben hatte und nach der kalten Luft, die den Frost bringen sollte, während die Dunkelheit den Wölfen das wenige Licht nahmen, das sie hatten. Hier, in diesem Feld, lag er und beobachtete das Wetter, das sich über seinem Kopf zusammenbraute, lauschte den schreienden Welpen, die wohl versuchten einen Baum zu erklimmen und hörte die wenigen Laute der Vögel, die über ihren Köpfen schwirrten und aufgebracht klangen. Ein Versuch, sich aufzusetzen, war gefruchtet, doch mehr als das wollte er auch gar nicht, ließ er sich zurück in das fahle Gras fallen und lauschte den Dingen, die ihn zwangsweise umgaben. Um ihn herum, glaubte er, hatte sich ohnehin schon ein Kreis gebildet, etwas, das ihn hier festhalten würde - es war Zeit, dass er losließ und die Vergangenheit hinter sich ließ - und es war Zeit, sich einzugestehen, dass diese Welt nicht die Seine war, sondern er ein Teil von ihr.

      Der Wolf blinzelte - einmal, zweimal. Die Sonne machte sich gerade die Mühe, hinter den Bergen hervorzukriechen und er - mitsamt seiner inneren Uhr - war zum ersten Mal seit langem darin bestärkt, dass er noch nicht aufgehört hatte, er selbst zu sein. Auf einer weichen Matratze zu schlafen war ungewohnt, gleich, wie das zusätzliche Gewicht in seinen Armen nichts alltägliches zu sein schien - Rain war noch immer hier, hatte sich an ihn gekuschelt und schlief, noch immer. Nayantai unterdrückte ein Gähnen und sah an sich herab, sah zu dem Lamm, das er nicht loslassen wollte, dem er über sein Haar strich - er selbst war noch etwas träge, wollte Rain noch nicht wecken, weil es nicht der richtige Zeitpunkt dafür schien, aber wenn er hier alleine war, dann konnte er nicht viel mehr tun, außer das Lamm, das auf ihm lag, zu mustern und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, daran zu denken, dass auch er nur menschlich war - und dass all die Dinge, die ihm passiert waren, nicht seine schuld waren. Wessen schuld waren sie dann? Die des Königs? Oder doch seine eigene?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Das kleine Lamm regte sich, als eine große Pranke über seinen Kopf stricht, aufwachen wollte es jedoch noch nicht, es drehte sich lediglich ein wenig mehr zur Seite und kuschelte sich an den Wolf, der es festhielt. Die Wärme seiner Umarmung schlich sich nur langsam in die traumlose Welt in der das Lamm sich gerade befand, während es langsam dabei war aufzuwachen. Die sanfte Berührung auf seinem Haupt war angenehm und auf einmal schien es gar nicht so schlecht, sich doch aus der Dunkelheit und in die reale Welt zu kämpfen, die selten etwas Schönes wie dies für das einsame Lamm bereit hielt. Das warme Gefühl auf seinem Rücken und seinen Beinen, die sich in die Richtung der Wärmequelle bewegten, konzentrierte sich immer gezielter nicht auf seinen ganzen Körper, sondern einzelne Stellen, bis sich die Kontur des Armes der um das kleine Lamm geschlungen war immer realer wurden und den Arm auch als eben solchen identifizierten, genau so wie die warmen Finger die durch sein Haar strichen, als solche erkennbar wurden. Das dumpfe, rytnmische Geräusch das er vernahm und ihn einlullte wurde leiser und gleichzeitig wurde klarer, dass es ein kräftiges Herz war, das unter der Brust schlug, an die das Lamm sich drückte. Der Geruch der ihm in die Nase stieg war noch immer ungewohnt, ließ das Lamm sich selbst in einem nassen Herbstwald stehen sehen, bevor auch diese Illusion von der Realität ersetzt wurde. Erst als alle Sinne des kleinen Lammes nach und nach in die echte Welt zurück gefunden hatten, öffnete es auch seine Augen, blinzelte ein paar Mal, denn es war offensichtlich hell geworden, auch wenn vor ihm noch eine große Wand, die Nayantai darstellte, lag und die Sicht auf das Fenster versperrte.

      Auch als Rain wach war, entschied er sich dazu, sich noch etwas schlafend zu stellen, sich nicht zu bewegen und das sanfte Streicheln zu genießen, das so angenehm war. Er schloss die Augen wieder, nachdem auch diese verifiziert hatten, dass es sich um den Wolf handelte, der bei ihm lag, der ihn festhielt und sanft streichelte, weil er wohl zuerst aufgewacht war. Erst nach einer für Rain unbestimmbaren Zeitspanne, überlegte er, ob es dem Wolf nicht langweilig wurde und ob nicht er nun derjenige war, der nicht aufstehen wollte, weil er das Lamm nicht wecken wollte, so wie das Lamm ebenfalls die ganze Nacht bei ihm gelegen hatte und ihn nicht aus dem Schlaf reißen wollte. Die Augen schlugen wieder auf und die blauen Iriden starrten erneut auf die breite Brust vor sich, die wie schon fast gewohnt, unbekleidet war. Langsam drehte er seinen Kopf nach oben zu dem Wolf, blinzelte sich noch immer den Schlaf aus den Augen und lächelte, als er sah, dass der Wolf eigentlich ganz ausgeruht aussah. "Guten Morgen.", flüsterte er beinahe schon, als würde hier noch jemand sein, den er nicht wecken wollte.
    • Rain war fragil - ein dünner Stock, der unter dem kleinsten Druck zerbersten konnte, dazu musste man sich nicht wirklich mühe geben, das wusste der Wolf, der auf ihn herabstarrte, der die zierliche, makellose Gestalt nicht mehr aus den Augen lassen wollte. Das blonde Haar war so ungewohnt weich, gleich wie es die Haut des Lammes war - die bleiche Haut, deren Besitzer blaue Augen hatte, fahles Haar und einen schmalen Körper, der nicht in das Bild eines Schafes und schon gar nicht in das eines Wolfes passte. Nayantai wusste, dass es nicht viel brauchte, um sich des noch schlafenden Körpers zu entledigen und doch fuhr er ihm lediglich sanft durch das Haar, lag dort und wandte hin und wieder seinen Blick ab, damit er andere Dinge im Auge behalten konnte, so wie die schwere Tür, die unverschlossen geblieben war. Ob es bequem war, auf ihm zu schlafen? So, wie der Fürst dort schlief, lag die Vermutung nicht fern, dass es er - trotz der fehlenden Muskeln - kein schlechtes Kissen war, dass er Wärme ausstrahlen zu schien, an der man sich gerne labte, während Rain selbst so etwas wie die Kälte war, nach der er suchte.

      Entspannend war sein Traum diese Nacht gewesen, hatte ihn nicht wieder an all die Dinge erinnert, die er nicht sehen oder hören wollte und wenn sich der Wolf eines eingestand, dann wusste er nicht, welche Träume er vorziehen sollte - oder ob er eine weitere Nacht dafür sorgen wollte, dass das Lamm in seinen Armen sich sein Bett mit einem halbtoten Wolf teilen musste, der einfach nur mehr darauf hoffte, dass seine restlichen Tage nicht zu schmerzvoll wären. Auch, wenn Rain nicht mit ihm redete, schien es fast schon beruhigend für Nayantai zu sein, ihn zu streicheln - er brauchte keine Erlaubnis um seine dreckigen Pratzen auf ihn zu legen, konnte tun und lassen, was er wollte - aber mehr als das brauchte er nicht. Was hatte er schon verdient? Pfeile in seinem Rücken? Ein verdorrtes Herz? Gift in seinem Blut? Narben, die seinen ganzen Körper zeichneten? Eine Antwort darauf kannte er nicht, gleich wenig wie er wusste, wieso er in den Armen des Königs gelandet war, wieso er sein Juwel gewesen war - ja, warum war es ausgerechnet er gewesen? Nayantai erschrak leicht, als sich etwas in seinen Armen bewegte, als ihm die blauen Augen entgegen starrten - Rain war wach und damit war er nicht mehr allein. "Guten Morgen ... habe ich dich geweckt?", fragte der Wolf heiser. Seine Hände konnte er dennoch nicht bei sich behalten - sollte er das überhaupt?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain war immer noch dabei aufzuwachen, seine Augen huschten über das Gesicht des Wolfes, müde und noch ohne Fokus. Seine Worte brauchten ebenfalls eine Weile bis sie bei Rain ankamen und er die passende Reaktion - ein Lächeln und ein Kopfschütteln - einleiten konnte. Die Sprache der Wölfe war fremd und unverständlich und doch war Rain sich sicher, dass er verstanden hatte, was der Wolf ihn eben gefragt hatte, als würden sie sich manchmal einfach verständigen können, ohne die Worte dafür zu kennen. Vielleicht merkte Rain auch nur nicht, dass sie aneinander vorbei redeten, aber das glaubte er nicht. "Nein...", antwortete er auf die Frage die ihm gestellt wurde und ließ seinen Kopf wieder sinken, um lieber in seinen Arm zu gähnen, als dem Wolf seine Fänge zu zeigen, die ganz offensichtlich gar nicht vorhanden waren. Noch einmal blinzelte er, sah den Wolf an, aber es war zu bequem, um nicht einfach wieder die Augen zu fallen zu lassen, was er schließlich auch tat.

      "Hast du... gut geschlafen...?", murmelte das Lamm gegen Nayantais Brust, von der es gar nicht mehr weg wollte, die so warm und bequem war. Er wusste, dass er nicht viel geschlafen hatte und auch wenn er normalerweise schnell aus dem Bett sprang, weil ihn das ewige Liegen störte, so war es heute anders. Er wollte noch ein wenig liegen bleiben, vor sich hin dösen und seinem Körper noch etwas Ruhe gönnen, sollte jedoch auch an den Wolf denken, der das vielleicht gar nicht wollte. Vielleicht rollte er sich besser zur Seite, ließ den Wolf seine Arme zu sich nehmen und aufstehen, während Rain sich zusammen rollte und noch ein wenig liegen blieb, aber... ohne den Wolf wollte er das eigentlich gar nicht. "Willst du... aufstehen...?", fragte er leise, so leise, dass er gar nicht sicher war, ob der Wlf ihn überhaupt hören konnte. Vielleicht wollte er auch ein Ja als Antwort einfach nicht riskieren...
    • Es war so anders, wenn er hier lag - anders, als es in einem Zelt in Thria war, in dem er sich lediglich in ein paar Stoffe hüllen konnte und die Unterlage, die sein Bett darstellte, variierte. Hier schien man eher wert darauf zu legen, dass der Schlaf eines jeden so bequem war, wie er nur sein konnte - wenn der Geist schon nicht rasten wollte, dann zwang man eben seinen Körper dazu, was gar nicht so falsch zu sein schien, aber auch einem Wolf wie ihm nicht viel brachte, außer vielleicht, dass er später sein eigenes Bett verschmähen könnte. "Dann bin ich beruhigt", antwortete er dem Lamm in seinen Armen - Rain, der nicht viel für die Welt übrig zu haben schien, zumindest heute. Was wohl in den Fürsten gefahren war? Zuerst wollte er nicht schlafen, war allerdings müde und jetzt, nachdem er wohl doch geschlafen hatte, schien er gar nicht mehr aufstehen zu wollen - alles in allem belustigte es Nayantai doch ein klein wenig, weswegen er sich dabei ertappte, wie er leise lachte. Würde sie jemand so sehen, wie sie hier lagen, dann mochte man fast glauben, sie kannten sich nicht erst seit zwei Wochen, sah man darüber hinweg, dass einer von ihnen ein Wolf war, und beide von ihnen Männer, dann würde man sich vermutlich noch so viel mehr auf diese Situation einbilden, als dort eigentlich war.

      "Mhm, das erste Mal seit langem ... du?", erwiderte er die Frage, strich seinem Lamm weiterhin über das blonde Haar und ließ seine dunklen Iriden auf ihm ruhen, als wäre die Tür mittlerweile nicht mehr interessant. Wenn er hier war, mit Rain, dann fühlte es sich so an, als würde der Rest der Welt egal sein - Nayantai sah auch keinen Sinn darin, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die erst der Sand der Zeit offenbaren würde, wenn er es für richtig hielt. Was seine Aufgabe war, das würde er früher oder später erfahren - und selbst dann, wenn es nicht mehr wäre, als sich um ein kränkliches Schaf zu kümmern, dann würde er es so hinnehmen - würde weiterhin von der Freiheit im Süden träumen, die sie beide herbeisehnten, auch, wenn er nicht glaubte, dass es mehr als eine Kurzschlussreaktion gewesen war. Beide von ihnen fühlten sich vermutlich wie Vögel in einem offenem Käfig, aus dem es kein Entkommen gab, weil ihnen die Flügel gebrochen wurden und auch kein Windstoß der Welt sie weitertragen konnte. "Aufstehen? Nein", hier zu liegen war angenehm. Nayantai hatte hier weder Rang noch Namen, dafür aber auch keine Verpflichtungen, kein Volk - keinen Pakt mit einem Gott, der ihn bis zum Sonnenuntergang über ein Feld jagen konnte. Alles, was er hatte, war Rain - brauchte er mehr als das?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • "Das... freut mich...", murmelte Rain, lächelte und ließ sich weiter durch sein blondes Haar streicheln. Die sanfte Berührung und die gleichmäßige Bewegung schienen ihn sogar noch müder zu machen. Er fühlte wie die Müdigkeit versuchte ihn doch zurück in den Schlaf zu zerren, aber das wollte er nicht, denn auch das hieße etwas der Nähe zu seinem Wolf einzubüßen, die er so sehr genoss. Wer wusste schon, wie lange Rain solch Zweisamkeit noch genießen konnte, wie lange es dauerte, bis sie doch jemand entdeckte, oder der Schnee geschmolzen war und Nayantai den Heimweg antrat. Vielleicht hatte der Wolf auch bald schon keine Lust mehr auf Rain, wenn er seine Wunden geleckt hatte und wieder stark auf seinen eigenen zwei Beinen stehen konnte. Rain wünschte sich das für ihn und trotzdem würde er ihn auch vermissen.

      Machte es Sinn den Wolf anzulügen? Ihm zu sagen, dass Rain gut geschlafen hatte, ausgeruht war? Vermutlich nicht. "Ich...mh... ich bin oft aufgewacht...", murmelte er und vergrub sein Gesicht in der Brust des Wolfes, wünschte sich für einen Moment die Sonne weg, die sich bereits ihren Weg in das Zimmer bahnte. "Aber das ist... ganz normal...nicht deine Schuld...", gab er schon vorsorglich von sich und das war nichts als die Wahrheit. Er fühlte sich wohl in den Armen des Wolfes, umso mehr ärgerte er sich, dass sein Körper ihm den Schlaf in dieser Nacht verweigert hatte. Er drehte seinen Kopf wieder auf die Seite, holte Luft und schmiegte seine Wange an die warme Brust unter sich. Ihm fiel auf, dass er bei all der Müdigkeit irgendwie ehrlicher zu sich war und sich nicht so viele Fragen stellte, die durchaus ihre Berechtigung hatten. Viel lieber wollte er sich einfach dem Moment gerade hingeben, den der Wolf auch noch nicht aufgeben wollte. Er wollte nicht aufstehen und das war eine gute Nachricht, eine Einladung für Rain einfach hier liegen zu bleiben, sich sowohl gegen das Wachsein, als auch gegen den Schlaf zu wehren und in einer angenehmen Zwischenwelt zu schweben, in der die Wärme und Zärtlichkeit des Wolfes alles war, was wichtig war. "Es ist bequem...", kam es ihm über die Lippen, als müsste er sich vor dem Wolf erklären, "... darf ich... hier liegen bleiben...noch für... für eine Weile...?"