spellbound. (earinor & akira)

    • Khojin schaute auf Rain herab, als wäre sie gerade dabei, eine Assel zu begutachten, die es sich unter einem Stein gemütlich gemacht hatte - zu dumm nur, dass sie eben jenen gerade anhob. “Was von ihnen übrig ist, ja.”, gestand sie Rain starr. Alsbald kämpfte Rikiya sich mit Müh und Not aus seiner liegenden Position, saß auf und verzog das Gesicht erneut, ehe er wankelmütig aufstand - er hielt sich am erstbesten Stück, das er halten konnte, fest, was wiederum die Unterlage war, auf die man ihn zuvor gebettet hatte. “Mhm. Hier, ich hab dir ein Souvenir mitgebracht!”, verkündete sie, da grub sie auch schon einen blutbeschmierten Fetzen aus dem Inneren ihrer Bekleidung. Wusch man ihn womöglich ein wenig ab, dann war klar, dass es sich dabei um einen Bruchteil eines Stoffstücks handelte, womöglich eines langen Mantels oder einer missbräuchlich verwendeten Fahne. An ihr hing ein einzelner Orden, den Ersten und Besten den Khojin sich im Getümmel des Gefechts von dem General schnappen konnte. Was brachten einem die Blechdinger überhaupt? Sie sahen langweilig aus, aber vielleicht fand Rain eine besser Verbindung dafür als sie es konnte.

      Rikiya begutachtete das Stück Vergangenheit nicht, ganz im Gegenteil, er wandte seine Augen ab. Die Gefahr schien dementsprechend vorerst gebannt, was wiederum verlauten ließ, dass es Zeit war, durchzuatmen. “Ich gehe nach drüben.”, teilte er Rain und Khojin mit, aber der Heiler, der eigentlich noch ein anderes Wort mit ihm sprechen wollte, schien auch keinen Fuß in die Tür zu bringen, die hier draußen mehr fehlten, als warmes Wasser. Mei grummelte, als sie Rikiya ihre Hilfe aufzwang, weil er beinahe umfiel. “Kommt nach, wenn ihr wollt.”, schlug sie den beiden Kriegsphilosophen vor. “Ansonsten wird das anstrengend.”, gestand Mei, offensichtlich weniger erfreut über das Los, das sie sich selbst soeben aufgezwängt hatte. Rikiya war ein Sturkopf, gleich, wie seine Kinder - nichts und Niemand schien ihn gerade von seiner Unternehmung abzuhalten und wenn er sich den Weg durch den Schnee krallen musste, dann war das eben so.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rikiya kämpfte sich schon wieder auf die Beine. "Du solltest dich ausruhen.", protestierte Rain, wurde aber von Khojin abgelenkt, als diese ihm ein blutiges Stück Stoff in die Hand drückte. "Ah... danke?", erwiderte er, auch wenn er nicht sicher war, ob er das Ding überhaupt haben wollte. Es schien ein Orden daran zu hängen mit dem er auch nicht wirklich etwas anfangen konnte, außer zu bestätigen, dass sie den General wohl erwischt haben mussten, wenn das hier seiner war. So sehr Rain sich auch freute, dass sie die Schlacht gewonnen hatten, er war nicht gerade erfreut darüber, dass im Gegenzug andere Menschen sterben mussten, oder dass Rikiya verletzt war. Nicht, dass seine Landleute besser mit dem Krieg umgingen, sein Vater hatte auch allerlei Dinge mit nach Hause gebracht und teils haben sie auch Menschen nach Myriad gebracht wie es schien. "Bist du verletzt?", wollte er schließlich von Khojin wissen. Es war unmöglich zu erkennen ob all das Blut wirklich nicht auch teils ihr eigenes war.

      Rikiya war inzwischen dabei zu gehen. "Du solltest dich ausruhen!", widersprach Rain, aber er würde wohl nicht auf ihn hören. Mei half ihrem König mit einem laut vernehmbaren Grummeln, das ihn auch nicht dazu bewegte von seinem Plan abzulassen. Sie sagte ihnen sie sollten einfach mitkommen und Rain seufzte leise, ehe er zu Khojin aufsah. Auch einige der anderen folgten dem Geschehen und Rain vernahm ein bisschen Getuschel, das wohl der Tatsache galt, dass auch Khojin sich jetzt scheinbar genug an Rain gewöhnt hatte, um ihm ein Geschenk zu bringen. "Wir müssen immer noch alle hier weg bringen, nicht wahr? Jetzt wo sie wissen wo sie suchen müssen." Das Lager war bestimmt nicht vom einen auf den anderen Tag abgebrochen und doch hatte Rain es scheinbar eilig. "Ich... es tut mir Leid, dass ich mich so eingemischt habe..." Rain neigte hastig seinen Kopf, dann drehte er sich um, um den Mantel zu holen den er schon den ganzen Tag mit sich herumschleppte und nun auch Rikiya hinterher trug.
    • Um sich auszuruhen, dafür war es jetzt auch wieder zu spät. Rikiya wollte von Niemandem hören, was er zu tun und zu lassen hatte, selbst dann nicht, wenn er derjenige war, der im Unrecht war. Wie lange stand er das noch durch? Sein Körper würde sich irgendwann in Fetzen auflösen, so wie er es jetzt eigentlich tun wollte, ganz anders, als sein Geist sein wollte, so schien es immerhin. Wahrscheinlich reagierte er über und es gab nichts, wovon er sich wirklich fürchten musste - er würde leben, eine halbe Ewigkeit lang und danach noch länger, ganz anders als diejenigen, die sein Blut und seinen Namen teilten. Sie alle zu überdauern schien unwahrscheinlich, noch merkwürdiger war es deswegen wohl, dass er sich gerade uneins war, ob er seinen Körper weiter auf die Folter spannen konnte, wenn jeder Atemzug ein dumpfes Klopfen seines Herzes nachahmte. "Ausruhen kann ich mich dann, wenn ich tot bin.", entgegnete er sowohl Rain als auch Mei, die Letztere verzog das Gesicht mit Argwohn und glaubte nicht, dass sie auch nur irgendetwas damit bewirken würde, wenn sie Rikiya sein unverantwortungsvolles Verhalten aufzeigte. Dieser Mann, dieser König, war noch immer Niemand den sie retten konnte. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich nie.

      "Ich?", fragte Khojin mit heiterem Lachen nach. Rain war schon komisch, nicht wahr? Immer wieder schien er um Dinge besorgt, die gar nicht wichtig waren und wenn es nicht darum ging, dann viel eher darum, dass Khojin glaubte, er vermisste Nayantai und wusste nicht, wo und wie er sich an jemanden klammern konnte, der ihm das Gefühl gab, gesehen und gehört zu werden. Trotz alledem. "Keine Ahnung, ist auch jetzt nicht wichtig. Du flickst das nachher schon.", schlug sie ihm als gleich vor - Khojin fühlte sich nicht so, als ob sie großartig irgendetwas brauchte, außer vielleicht einem eiskalten Bad, gefolgt von kochend heißem Wasser, damit auch das Schafsblut von unter ihren Fingernägeln, das durch die alten Handschuhe gesickert war, verschwand. "Hört einer von euch beiden Rain überhaupt zu?", keifte Mei. Rikiya schüttelte den Kopf. "Ich höre ihn klar und deutlich, aber ich glaube nicht, dass ich unbedingt eine große Hilfe bin, wenn ich nicht einmal alleine herumhinken kann." Irgendwer müsste ihn wohl als Letztes oder als Erstes an den neuen Ort schleppen, aber darüber schien Rikiya weniger besorgt, nicht, als wäre es ihm egal, sondern als hätte er es verlernt, wie man sich beeilte. "Wieso tut dir das leid? Ohne dich wären wir schon längst einen Kopf kürzer.", gab der König noch zu, bevor er mitsamt Mei in sein Zelt stolperte, wo er sich endlich auf seinem Bett niederließ und wieder hinlegte. All das hier abzubauen war irrsinnig, verrückt und aufwendig. Nicht, dass sie ihre nomadische Ader verloren hatten, nein, viel eher hatten sie nicht einmal daran gedacht, dieses verdammte Lager auch nur ein paar Stücke weiter zu verlegen.
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    • Rikiya war uneinsichtig, das hatte er wohl an seine Kinder weitergegeben und Khojin nahm all dies auf die leichte Schulter, als wäre dieser Kampf gerade etwas Gutes gewesen. Sieg hin oder her, niemand schien den Krieg allzu ernst zu nehmen, aber vielleicht war es Rain der verrückt war und sich zu sehr sorgte und dennoch, auch wenn die Armeen Adrestias oft unabhängig voneinander agierten hieß das nicht, dass sie keine Informationen austauschten. Dieser Ort war nicht sicher, auch wenn er glaubte eine ganze Siedlung zu verlegen würde ebenfalls genug Staub aufwirbeln, oder Schnee in diesem Fall. Er blickte zu Khojin auf die nur die Schultern über ihr eigenes Wohlbefinden zuckte. "Du solltest sichergehen bevor sich etwas entzündet. Dein Bruder hat deswegen ein Auge verloren.", ermahnte er sie vielleicht etwas zu schroff, als wäre er ihr Vater und nicht Rikiya, der mehr damit beschäftigt war aus dem Zelt zu seinem eigenen zu flüchten.

      Mei war die Einzige die wieder für ihn Partei ergriff. "Ich denke ein Befehl zu evakuieren muss vom König kommen und nicht von mir.", erwiderte Rain ihm. Er hatte kein Recht das Kommando hier an sich zu reißen und noch weniger Recht hatte er Rikiya zu sagen was er zu tun hatte, aber hierzubleiben war keine Option. "Adrestia ist gespalten, aber das heißt nicht, dass niemand sonst diesen Ort kennt. Wenn sie erfahren, dass Myriads Armee geschlagen wurde, dann werden mehr kommen um sich den Ruhm zu sichern. Wir können diesen Ort nicht verteidigen ohne Mauern, oder Fels, oder sonst irgendetwas Nützliches." Rikiya schien nicht zuhören zu wollen, er hatte damit zu tun sich zu seinem Bett zu schleppen, aber Khojin war ihnen gefolgt und vielleicht hörte sie Rain ja zu. "Ich war niemals in der Position Befehle zu geben, du hast hier das sagen." Hierarchien waren nicht so die Stärke der Thrianer und doch gab es sie. Rain konnte sich nicht prügeln damit ihm jemand zuhörte, er konnte nur solange auf seine Meinung bestehen bis man ihm zuhörte. "Ich weiß ihr vertragt euch nicht gerade mit euren Verwandten im Süden, aber ihre Anführerin konnte mich aus irgendeinem Grund leiden. Wir sollten in ihre Richtung flüchten. Wenn wir den Kampf in ihr Gebiet verschleppen werden sie sich früher oder später einmischen müssen und eventuell kann ich ihr noch mehr anbieten. Wissen über Wezette und die Wälder dort, die Siedlungen..." Das wollte er eigentlich nicht unbedingt, er hatte nichts gegen Wezette einzuwenden und ihr Fürst war Rains Freund, aber wenn ihnen nichts anderes übrig blieb musste es eben sein. "Vielleicht, also..." Rain stoppte sich selbst. Vielleicht sprach er besser erst einmal nicht weiter. Er wandte sich aber an Khojin. "Gab es viele Verluste? Wie viele Kämpfer und Pferde sind übrig? Vielleicht können wir noch ein paar Waffen vom Schlachtfeld sammeln bevor es zu gefährlich wird."
    • Khojin meinte, Rain erinnerte sie ein wenig an eine kleine Ziege - laut und nervtötend, gleichzeitig hatte er wohl auch nicht Unrecht. Ihren Bruder kannte sie ohnehin zu gut und das von dem Schaf geschilderte Verhalten hörte sich nicht uneins zu dem an, das sie von ihm kannte. Nur die Tatsache, dass Nayantai einfältig und dumm war, störte sie gerade mehr, als alles andere. Sie kniff Rain in die Seite, ohne bestimmten Grund. “Mhm. Je mehr du mir von ihm erzählst, desto mehr kommt er mir vor wie ein hirnverbrannter Idiot.”, gestand sie Rain, als ob sie das nicht ohnehin schon wissen konnte. Oft fragte Khojin sich ohnehin, welche der Versionen ihres Bruders sie kannte und welche es war, die Rain attraktiv genug fand um sich gleich an diesen Tölpel zu binden. Verstehen würde Khojin es wohl nie, nicht heute und definitiv nicht morgen. Übermorgen schien noch immer ein schlechter Tag dafür zu sein, oder irrte sie sich? Zugegeben, womöglich - wahrscheinlich machte sie sich gerade Sorgen um Dinge, die eigentlich auch gar nicht relevant waren, oder der Rede wert. Sich gedanklich also nur wegen ihres Bruders daran zu stören, dass sie von Rain ermahnt wurde, machte nichts besser. Rein gar nichts. Jedwede Wunde, die sie haben könnte, wäre ihr vermutlich schon aufgefallen.

      Rikiya bewegte sich unterdessen kaum. Wäre er alleine, so hätte er es vielleicht in Erwägung gezogen seinem Frust kundzutun, nur blieb ihm eben noch im Hinterkopf hängen, dass er unlängst kein kleines Kind mehr war, dass sich über verschüttete Milch aufregen musste. Und damit hast du nicht Unrecht.”, greinte er dennoch, seine Stimme von dem ersten Kissen nachdem er griff gedämpft. Was würde er nur ohne Rain tun? Auf bessere Zeiten und intelligentere Wölfe hoffen? Einfältig waren sie allesamt und als Rain dann auch noch das verruchte Wort erhob, stieg Rikiya Galle vom Magen in den Hals - in den Süden? Dorthin? Wie verrückt war diese Idee denn überhaupt? “Du willst zu den Kannibalen gehen?”, bemerkte Khojin knapp, die sich einen Lappen und ein wenig Wasser aus der bereits erkalteten Teekanne geschnappt hatte, um die groben Rest trockenen Blutes von dich zu weisen. Du hast ihn doch gehört.”, grummelte Mei und Rikiya war auf einmal nicht mehr nach herumliegen zumute. Aufsetzen konnte er sich nicht dennoch nicht, sein Körper entsagte ihm weitere, derartige Anstrengungen. Was für ein Witz. “Vielleicht ist die Idee gar nicht so dumm.”, gab Rikiya zu, zum Entsetzen der beiden Wölfinnen, deren entsetzten Blicke mehr als tausend Worte sprachen. Gut, dass Rain Khojin in Schach hielt und sie auch noch mit Fragen bombadierte. “Ugh. Vermutlich, fünfzehn Pferde? Wir haben nur Verletzte, keine Toten.” Ein Wunder, wenn sie ehrlich waren. “Kämpfer … mh, so viele wie du willst? Wir wollten das Schlachtfeld nachher ohnehin anzünden.” Um die Körper loszuwerden. “Ein paar Waffen mitgehen lassen ist da weniger das Problem.”
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    • "Er hat mich beschützt. Es ist meine Schuld, wenn dann bin ich der Idiot.", verteidigte Rain seinen Liebsten. Es war aber auch nicht wichtig, wichtig war, dass sich alle erholen konnten, dass keiner starb und dass sie sich trotzdem in Sicherheit brachten. Rain wusste nicht wieso Khojin glaubte ihn zwicken zu müssen. Die Wölfe waren wie Kinder und Rain wunderte es auf einmal wenig, dass ihre Chancen so schlecht standen. Khojin kümmerte sich mehr darum ihren Bruder zu beleidigen und Rikiya flüchtete in sein Zelt, statt sich mit seinen Beratern zusammenzusetzen und zu überlegen, was ihre nächsten Schritte sein sollten. Der Kampf war gewonnen, aber den Krieg verloren sie immer noch und diese eine Schlacht sagte nicht viel über ihr Glück aus. Vielleicht hatte Rain zu wenig Erfahrung mit der thrianischen Kultur, vielleicht war eine Siedlung wie diese doch irgendwie zu verteidigen, aber das bezweifelte er und kam eine Armee erst einmal nahe genug an sie heran, dann wurde die Verteidigung nur unmöglich und an Angriff war sowieso nicht mehr zu denken. Besser sie flohen jetzt, statt dann wenn ihnen nichts anderes mehr übrig blieb.

      Rain blickte zu Khojin auf, die wohl genauso wenig Begeisterung für Rains Vorschlag empfand wie die beiden anderen im Raum. "Sie haben Glück, dass ihr Gebiet an Wezette grenzt und nicht etwa an Alster und dass Adrestia ihr Auge gerade auf das Meer im Norden geworfen hat, aber irgendwann wird sie das auch nicht mehr beschützen.", erklärte Rain, auch wenn sie inzwischen wohl zusehen konnten, wie andere Stämme abgeschlachtet wurden, bis sie an der Reihe waren. War Mei nun immer noch auf Rains Seite, oder war das zu viel? Rikiya wies die Idee zumindest nicht völlig von der Hand. Fünfzehn Pferde? Das waren nicht gerade viele und das bedeutete, dass der Großteil zu Fuß flüchten musste, umso mehr mussten sie sich beeilen. Sie konnten sich wohl mehr Ressourcen auf Wezette besorgen, auch wenn das auf ihre Position schließen lassen würde. Andererseits würde wohl niemand Wezette zur Hilfe eilen, zumindest nicht allzu bald... Wie viele Kämpfer brauchte er wohl um... das doppelte mindestens und danach so viele wie möglich. "Woran denkst du?", wollte Mei von ihm wissen, "Nun sag schon." Rain seufzte und zuckte leicht mit den Schultern. "Ich habe nur über einen Weg nachgedacht, wie wir das Blatt in diesem Krieg wenden könnten..." Aber die Idee würde den Wölfen wohl nicht gefallen und außerdem konnte Rain auch nur ein paar Züge vorraus denken und sich nicht alles bis zum Ende durchdenken. Er konnte nicht versprechen, dass seine Idee am Ende zu einem Sieg führen würde und nur weil er einmal richtig gelegen hatte, hieß das noch lange nicht, dass er nicht einfach nur Glück gehabt hatte. "Wie auch immer, ich denke wirklich wir sollten die Siedlung abbrechen und verlegen. Überall ist es sicherer als hier. Vielleicht... Vielleicht kann Khojin mich zu dem Stamm im Süden bringen und ich rede mir ihrer Anführerin."
    • "Das hätte er doch sowieso - er liebt dich. Liebe macht blind, vor allem ihn.", erklärte Khojin gelassen. Sie kannte ihren Bruder, konnte ihn lesen wie ein offenes Buch, selbst dann, wenn er nicht hier war, anhand von Rains Worten, Ausreden und einfältigen Ideen alleine. Wenn es um Nayantai ging, so wollte Khojin behaupten, sie kannte ihn auswendig, besser als jede andere Person, jeder andere Wolf, der die eisige Luft dieser Landschaft atmete, die gefrorenen Hügel auf denen sie als Kinder herumturnten erblickte und die Gestrüppe, die sie im kindlichen Leichtsinn zerrissen hatten, heute noch als Opfer kindlicher Idiotien erkannte. Im Endeffekt fiel ihr ein, dass sie gar nichts über den Mann wusste, der das Gesicht ihres Bruders schleichend über sein eigenes stülpte, dem kein einziger Schabernack oder verschmitztes Lächeln mehr über die Lippen kam - Rain kannte ihn besser, als wäre es nie wichtig gewesen, dass sie zuerst an seiner Seite war, er ihr hinterher watschelte wie ein verlorenes Küken und auf sie hörte, als hätte sie schlichtweg den Respekt seinerseits verdient. Khojin musste sich eingestehen, dass das wahrscheinlich die Wahrheit war. Verrückt, wenn sich nichts verändern würde, oder?

      "Irgendwann?" Khojin konnte sich kein Lachen abverlangen, aber ein Prusten. Rain war einer der wenigen Personen, die sie als verwirrend empfand. Seine Thesen waren nicht unbedingt falsch, das wollte sie gar nicht behaupten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass all das hier und jetzt eintrat schien eher in einem Größenverhältnis zu stehen, dessen wirkliches Ausmaß sie nicht abschätzen wollte, so zumindest ihr eigener Gedanke. "Ich denke eher, dass sie die übriggebliebenen Schafe mit Haut und Haar fressen würden, damit ihnen das letzte Stück Essen nicht ausgeht." Sich mit den Kannibalen auf eine Seite zu werfen würde ohnehin für Missmut im Rest des Landes sorgen - keiner von ihnen war gewillt, Zeit mit denjenigen zu verbringen, die sie aus einer imaginären Thronfolge verbannt und aus ihrem Blutrecht enterbt hatten. Nur, weil ein Schaf genau das vorschlug, bedeutete es noch immer nicht, dass es für sie allesamt ein Zuckerschlecken wäre, sich einfach darauf einzulassen, zumal sie ohnehin ein zerrütteter Haufen ohne wirkliche Ahnung waren, was die richtige Kriegstreiberei belangte. Mei war die Argwohn in Rikiyas Stimme, die Skepsis in Khojins Blick gewohnt, aber dass sie beide die Augen aufrissen, als Rain ihnen Dinge vorschlug, die sich so anfühlten, als kämen sie aus dem hintersten Stübchen ihrer irrelevanten Träume, wirkte eher so als gäbe es keinerlei Ratschläge auf dieser Welt, um den dummen Jungen, nein, dem einfältigen Schaf, von seinem Vorhaben abzubringen, dass so irrsinnig schien, wie es wenige der Ideen waren, die heutzutage Rikiyas Gehör fanden. "Vielleicht kann Khojin das, wenn du sie nett fragst.", erwiderte die Kronprinzessin selbst. "Und wenn es für den alten Greis von König in Ordnung ist.", schlug sie unterdessen zugleich vor. Rikiya winkte ab. "Mich dagegen aufzuspielen würde nur von Inkompetenz zeugen. Lasst euch von mir nicht aufhalten ... die Siedlung müssen wir so oder so verlegen. Zumal ich auch wieder nicht so alt und senil bin, dass man mir alles sagen muss, Khojin." Aus seinem Bett aufkommen musste er dafür zwar noch irgendwie, aber das schien ungleich die größere Hürde als alles andere - sein Wort war Gesetz und seine Untertanen hielten sich wohl besser daran. "Gibt es noch irgendwelche Einwände." "Nein.", erwiderte Mei. "Du solltest dich aber dennoch Ausruhen. Dass wir die Siedlung verlegen kann ich ihnen auch noch immer unterbreiten."
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    • Khojin verstand nicht was sie sagte, aber es war auch nicht weiter wichtig. Rain hatte nicht auf Nayantai und dessen Instinkt gehört, er wollte noch etwas an diesem verdammten Bach bleiben und deshalb wurden sie gefunden und überrascht. Nicht, dass Nayantai ihm das jemals vorgeworfen hätte, aber das musste er auch nicht. Sie beide waren nicht mehr quit, Rain schuldete Nayantai so Vieles. Er hatte ihn in Fhaergus gerettet und dann vor den Soldaten beschützt und ganz nebenbei hatte er ihn durch Adrestia und halb Thria gezerrt. Rain war auf dieser Reise absolut keine Hilfe gewesen. Kein Stück. Und danach konnte er ganz offensichtlich auch nichts tun um Nayantai zu helfen. Wie kam er also darauf, dass er dem Rest seines Volkes helfen konnte? Wieso glaubte er alles besser zu wissen? Gleichzeitig aber konnte es ganz bestimmt keine Lösung sein hier zu bleiben. Dieser Ort war nicht mehr sicher und zumindest da musste ihm wohl jeder zustimmen. Die Frage war nur wie viel Zeit sie hatten und wie schnell man diese Siedlung überhaupt verlegen konnte.

      Rain blickte Khojin entgeistert an als sie ihn einfach auslachte. "Denkst du wirklich sie könnten sich gegen die Armee verteidigen die den Rest von euch beinahe ausgerottet hat?", wollte Rain von ihr wissen. Er hatte gedacht sie hätte ein wenig mehr Selbstbewusstsein und würde sich in Kampfkraft nicht so weit hinter ihre verhassten Verwandten stellen. "Wenn ihr echte Argumente dagegen habt, dann könnt ihr sie mir gerne mitteilen. Ich weiß, dass ich mit euren Gepflogenheiten und internen Streitereien nicht vertraut bin, aber ich weiß, dass eine Flucht gen Westen nicht nur meinetwegen nicht möglich ist. Der Norden ist eingenommen und im Osten liegt Adrestia, viele Optionen gibt es also nicht." Ihn auszulachen war kein Argument und er konnte auch nichts daraus lernen oder einsehen. "Bringst du mich also zu ihnen?", fragte er Khojin nun direkt. Rikiya schien auch keinen besseren Plan zu haben, aber Rain pflichtete Mei bei. "Sie hat recht, du solltest dich ausruhen und im Bett bleiben solange es geht."