The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      Steve

      Die letzten zwei Wochen waren die mit Abstand schlimmsten in Steves Leben gewesen. Es war schon stressig genug gewesen, sich um die Neuankömmlinge auf der Arbeit zu kümmern - Mitarbeiter anlegen, Infomaterial vorbereiten, all die kleinen Fleißarbeiten abhaken, auf die wohl sonst niemand Lust hatte - aber es half kein Stück, dass er anschließend nach Hause kam und sich dort mit der seltsamen Stimmung zwischen Thomas und ihm auseinandersetzen musste. Vor allem, weil Thomas offensichtlich versuchte, Steves höflichen Abstand mit mehr Nähe zu kompensieren. Zumindest hatte Steve das Gefühl, dass dies der Fall war. Vielleicht bildete er sich aber auch nur ein, dass Thomas in letzter Zeit viel öfter in seiner Nähe war, als sonst.
      Eigentlich hatte er nie ein Problem mit der ganzen Nähe gehabt. Es war nur ungünstig, dass er jetzt immer wieder das Verlangen hatte, Thomas zu küssen, oder ihn für eine Umarmung an sich zu ziehen. Es war vollkommen egal, wie oft er sich in den letzten Tagen selbst versichert hatte, dass Thomas nie eine Option für ihn gewesen war - sein Kopf war längst darauf eingestellt, alles nur noch mit einem 'aber' zu versehen. Aber was, wenn Thomas plötzlich doch eine Option war? Aber was, wenn da wirklich mehr zwischen ihnen war, als sie immer gedacht hatten?
      Thomas war unglaublich niedlich. Steve hatte immer schon gerne zugehört, wenn er von irgendeinem Fall auf seiner Arbeit erzählte, aber ihm war jetzt erst aufgefallen, wie begeistert Thomas dabei aussah und wie seltsam attraktiv ihn das machte. War es normal, seinen besten Freund anzustarren, wenn er in ein Spiel versunken war und vollkommen relaxed auf dem Sofa saß? Steve war immer schon furchtbar schlecht darin gewesen, zu flirten, aber er hatte immer öfter das Bedürfnis, doch irgendetwas zu sagen, wenn er mit Thomas sprach.

      Der einzige Vorteil dieser seltsamen Spannung war, dass Steve sich fast schon auf Weihnachten mit seiner Familie freute. Es war immer schon ein ziemliches Chaos gewesen - durch seinen ziemlich multikulturellen Stammbaum war Weihnachten irgendwie zu einer kuriosen Verschmelzung aus mehreren Traditionen und Bräuchen mutiert - aber jetzt gerade kam ihm das alles wie die perfekte Ablenkung vor. Lieber hörte er sich zum tausendsten Mal die Story seines Opas an, wie er sein Lieblingshuhn im Wald gefunden hatte, als hier zu sitzen und zu versuchen, seine Freundschaft mit Thomas nicht unwiderruflich zu ruinieren. Und wo er gerade beim Thema war-
      "Hey", rief Steve durch die Wohnung, als er die Wohnungstür hörte. Er selbst stand in der Küche und schob es vor sich her, zu kochen. Eigentlich war er zu demotiviert, um irgendwas zu machen und suchte nur nach einem Vorwand, um was zu Essen zu bestellen, oder essen zu gehen, oder so. Obwohl Essen gehen wahrscheinlich ein Schritt zu weit wäre. Das würde sich einfach zu sehr nach einem Date anfühlen. Außer, man fand eine ungezwungene Location.
      "Darf ich ehrlich sein?", fing Steve an, während er sich aus der Tür der Küche hinauslehnte, um Thomas sehen zu können. Gott, er sah fertig aus. Am liebsten würde er ihn in eine Decke wickeln und mit einem Tee aufs Sofa setzen. "Ich hab keine Lust zu kochen. Wollen wir was bestellen? Oder mal schauen, was es so auf dem Weihnachtsmarkt gibt? Es gibt einen kleinen nicht weit von hier, falls du Lust hast." Das wäre zumindest ungezwungen genug, um nicht als Date durchzugehen und ging schneller, als sich was zu bestellen. "Ich kann dir auch einfach was mitbringen, falls du erst mal sitzen willst, oder so", bot Steve abschließend an. Thomas sah zumindest so aus, als ob er eine Pause gut gebrauchen könnte.
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      Thomas

      Bei der Frage, ob er ehrlich sein durfte, rutschte Thomas beinahe das Herz in die Hose, nur damit Steve dann von Essen sprach. Nachdem er selbst andauernd an den Zwischenfall denken musste, erwartete er ständig, dass Steve etwas dazu sagte.
      Er quetschte sich durch die Tür und stellte die Einkaufstaschen ab, seufzte und überlegte. „Äh, nein. Wieso nicht, gehen wir hin“, sagte er. Er war schon so viel gelaufen heute, dass dieser Spaziergang ihn auch nicht umbringen würde. Außerdem hatte er Hunger und das würde schneller gehen, als etwas zu bestellen. Er blieb also angezogen und wartete auf Steve, damit sie losgehen konnten.
      „Was hast du heute so gemacht?“, fragte er, als sie nebeneinander liefen. Er war selbst schon ziemlich früh losgegangen, weil er gehofft hatte, dadurch nicht zu sehr in die Menschenmassen zu geraten, aber alles in allem hatte so lange gedauert, dass es dann auch egal gewesen war.
      „Schenkt ihr euch in der Familie etwas?“ Das Leben wäre so viel einfacher, wenn Thomas nicht jedes Jahr für 6 Leute Geschenke kaufen müsste.

      Andrew

      In den letzten zwei Wochen hatte Andrew sich wieder lebendig gefühlt. Ezra machte ihn ja wirklich wunschlos glücklich, aber es gab ein kleines Loch in seinem Herzen, das nur Büroluft und Verbrechen füllen konnten. Von Verbrechen hatte es zwar bisher weniger zu hören gegeben, aber es war wohl irgendwie klar, dass man sie nicht sofort zu irgendwelchen Einsätzen schicken würde. Andrew genoss die Normalität auch. Nach der Arbeit fuhr er entweder zurück in seine Wohnung oder zu Ezra und sie sahen sich jeden Tag. Andrew hoffte bloß, dass Ezra dieser Job genauso gefiel, wenn er auch bisher ein wenig… langweilig gewesen war, um es harsch auszudrücken. Der Papierkram musste erledigt werden, schon klar, aber sonst hatte er sowas gerne Thomas untergeschoben und dem neuen Assistenten wollte er nicht seine Arbeit aufhalsen, der sah bereits überfordert genug aus. Aber derzeit waren sie selbst hier irgendwie die Assistentin. Aber es war nicht so, als hatte Andrew viel anderes zu tun. Es wollte zwar unbedingt, dass die Außeneinsätze anfingen, aber gleichzeitig hatte er die leichte Angst, dass man sie sofort auf Nadia ansetzen würde. Derzeit sah es zumindest noch nicht danach aus.
      Das hatte er zumindest gedacht, bis Ezra einer Mission zugeteilt wurde. Der erste Schock war gigantisch gewesen, da Andrew nicht mit ihm kommen sollte, aber dann hieß es, dass es bloß um eine Sicherheitskontrolle in Oslo ging und nur eine Übernachtung eingeplant war. Bei der Mission sollte Ezra einen langjährigen Mitarbeiter begleiten, der alleine geflogen wäre, um sich langsam einzuleben. Warum Andrew nicht mit durfte, konnte er nicht ganz nachvollziehen. Und er wüsste auch zu gerne, mit wem er reisen würde. Zu zweit? Das war doch ihr Ding. Der kleine Eifersuchtsschub war kaum aufzuhalten.
      Darum klebte Andrew auch bereits den ganzen Tag an Ezra, als würde sein Leben davon abhängen. Obwohl das keine gefährliche Mission werden würde, machte er sich mehr Sorgen, als er gedacht hätte, als sie die Jobs angenommen hatten. Und außerdem war bald Weihnachten und dann würden sie sich auch nicht sehen… Andrew musste eigentlich seinen Ezra-Tank auffüllen und genau dann musste er das Land verlassen. Bis dahin würde er ihn definitiv nicht mehr loslassen.
      Und dann klingelte sein Handy, und er musste doch allen Ernstes einen seiner Arme von seinem Freund lösen und sich auf der Couch ein wenig aufrappeln, um das Handy zu finden und den Anruf nach langem Zögern anzunehmen. Es war Amy… Andrew seufzte kurz. Seine Freude hielt sich wirklich in Grenzen.
      „Amy“, sagte er monoton zur Begrüßung.
      „Hallo Andrew! Wie geht‘s dir? Hast du schon gepackt? Ich rufe nur an, um dich zu fragen, ob du vielleicht über— LASS DEINE SCHWESTER IN RUHE, SAMUEL! Ob- ob du vielleicht über Silvester bleiben möchtest? Georgie und ich würden uns sooo freuen!“
      Das Kindergeschrei im Hintergrund löste beinahe in der Sekunde eine Migräne bei Andrew aus. „Sorry, Amy, aber ich bin über Silvester bei meinem Freund, wir-„
      „Bei wem?“
      Oh fuck. Er war offensichtlich zu müde, um zweimal darüber nachzudenken, was er sagte. „Bei meinem Freund. Ich kann über Silvester nicht bleiben, tut mir leid“ Bitte, bitte, bitte…
      „Oh, und mit wem feiert er denn Weihnachten, Andy? Willst du ihn nicht mitbringen? Das wäre doch schön! Wir haben genug Platz im Haus, falls seind Familie auch-„
      „Oh, äh, nein, er feiert nicht mit seiner Familie“, sagte Andrew schnell.
      „Oh Gott, ist er alleine?! Lässt du ihn alleine?! Bring ihn doch mit, Andy. Wir würden ihn auch sooo gerne kennenlernen. SAMUEL!“
      „Er ist nicht alleine, er-„ Andrew sah Ezra einen Moment an. Er würde doch bestimmt mit Ada und Liz feiern, oder? „Er… ist bei einer Freundin“, sagte er langsam, weil er sich doch unsicher war. Kurz machte er sich selbst Sorgen, dass er Ezra alleine ließ.
      „Ist er da? Frag ihn doch! Lad ihn ein! Er kann ja absagen, wenn er möchte, aber bestimmt feiert er lieber mit dir als irgendeiner Freundin, oder?“
      Irgendeine Freundin, die Ezra schon sein ganzes Leben lang kannte und wohl als Familie zählte. Aber er hatte ja erwähnt, dass er gerne zusammen feiern würde… Aber in Liverpool?
      „…Okay. Ezra, willst du mit mir in Liverpool Weihnachten feiern?“, fragte er den Blonden mit starrem Blick. Er wusste nicht, welche Antwort darauf weniger schlimm wäre. „Warte kurz, Amy“, sagte er dann und stellte sich im Anruf auf Stumm. Das bedarf wohl mehr Konversation, als einer Ja-Nein-Frage. Er sah Ezra wieder an. „Du musst nicht mitkommen, die Frau hat vier Kinder und es ist das reinste Chaos und du hast sicher mehr Ruhe bei Ada und Liz“, gab er sofort die Entwarnung. Auch wenn seine Gegenwart das alles bestimmt erträglicher machen würde… „Und Liz will sicher, dass du da bist“, fügte er hinzu, um ihm klarzumachen, dass er es definitiv verstand, wenn er nicht mitkommen wollte.
      „Andy? Andy. Andrew!“ Sein Name drang aus dem Lautsprecher und zwang ihn, wieder ranzugehen.
      „Ja?“, fragte er und versuchte nicht allzu genervt zu klingen.
      „Kennst du die Freundin denn?“
      „Ja. Ich kenne sie. Sie ist praktisch seine Familie, also will er bestimmt mit ihr feiern“, antwortete er und war absolut nicht vorbereitet auf Amys neuen Einfall.
      „Wenn das so ist, dann soll sie doch mitkommen! Wir haben drei Gästezimmer, Andrew, du weißt doch wie groß Georgies Haus ist“ Ja, er wusste, was für ein riesiges Haus Amys Ehemann geerbt hatte. Das war das Glück ihres Lebens gewesen, bei dem Haufen Kindern.
      „Sie hat eine Tochter, Amy-„
      „Das ist ja toll! Die Kinder können sich miteinander beschäftigen, während ihr mir erzählt, was in London so los ist“
      Andrew wusste nichts mehr zu sagen. „Warte kurz, Amy“, wiederholte er sich und wandte sich wieder Ezra zu. „Du sollst Ada und Liz… mitnehmen, wenn… sie das wollen“, erklärte er und presste die Lippen aufeinander, als ihm die Worte ausgingen. Ada würde vermutlich lieber sterben als Weihnachten mit Andrew zu verbringen.
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      Steve

      Irgendwie war Steve übermäßig erleichtert, dass er sich das Kochen sparen konnte. Die letzten Tage hatten ihm komplett die Energie entzogen und sich jetzt noch an den Herd zu stellen wäre wahrscheinlich sein Todesurteil gewesen. Auch, wenn es ihm eigentlich generell nichts ausmachte, den Kochlöffel zu schwingen. Kochen war außerdem ziemlich anstrengend geworden, seit Thomas dabei an ihm klebte. Man konnte am Herd schlecht Abstand halten.
      Er schmiss sich in Schuhe und Mantel und folgte Thomas aus der Wohnung heraus. Es war in den letzten Tagen kälter geworden. Vielleicht würde es an Weihnachten schneien. "Oh, ich hab ein paar administrative Sachen für unsere neuen Kollegen gemacht. Und dann bin ich eine halbe Stunde früher abgehauen in der Hoffnung, dass es nicht auffällt." Er machte eine kurze, wegwerfende Handbewegung um anzudeuten, dass ihm sämtliche Konsequenzen relativ egal sein würden. Die zweite Frage war da deutlich netter. "Jepp. Irgendwas gibt es immer. Ich hab meinen Eltern einen Gutschein für einen Date-Abend geholt. Ich hoffe, dass das irgendwie passt und sie mir jetzt nicht an Weihnachten offenbaren, dass sie sich eigentlich die ganze Zeit gegenseitig auf die Nerven gehen", scherzte er. Er hatte im Büro die letzten Tage immer mal wieder online geschaut, was er holen könnte und war ziemlich erleichtert gewesen, dass ihm am Ende überhaupt etwas eingefallen war.
      Was viel schwerer war, war die Frage, ob er Thomas etwas holen sollte. Die letzten Jahre hatte er immer irgendeine Kleinigkeit für seine Freunde organisiert, aber jetzt war alles...anders. Wäre es zu aufdringlich, wenn er ihm etwas holen würde? Und was?
      "Bist du mit deinen Geschenken durch? Du hast ja etwas mehr auf der Liste, als ich." Steve hatte schon Probleme, etwas für seine Eltern zu finden. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend es sein musste, dann noch zusätzlich Geschwister abzuarbeiten.
      Mittlerweile war der kleine Weihnachtsmarkt schon in Sichtweite. Es war relativ viel los. Offenbar waren sie nicht die einzigen, die heute nicht kochen wollten. So kurz vor Weihnachten schienen sowieso alle in Stimmung für Glühwein und kleine Stände mit Deko zu sein. Steve lenkte Thomas durch die Menschenmenge. "Schon eine Idee, was du essen willst?"


      Ezra

      Ezra hatte gehofft, dass der Job einfacher sein würde, als er gedacht hatte. Dies schien bisher nicht der Fall zu sein. Insgesamt fühlte er sich einfach vollkommen überfordert - und das, obwohl die letzten zwei Wochen nur aus einer Einarbeitung bestanden hatten. Sie mussten Papiere ausfüllen, ihnen wurde gezeigt, wo und wie sie was recherchieren konnten, welche Einrichtungen es innerhalb der Organisation gab und welche Leute sie bei Rückfragen ansprechen konnten. Es war irgendwie viel auf einmal, vor allem, weil Ezra immer noch damit zurecht kommen musste, sich an geregelte Arbeitszeiten zu gewöhnen. Wenigstens war Andrew bei ihm. Bis er es nicht mehr war. Immerhin sollte Ezras erste Einarbeitungs-Mission ohne Andrew stattfinden.
      Er hatte keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Vielleicht war die Organisationsleitung davon ausgegangen, dass Andrew aufgrund seines ehemaligen Jobs mehr Erfahrung hatte, als Ezra und daher weniger Einarbeitung benötigte. Vielleicht wollte man Ezra testen, bevor man ihn auf irgendeine eigene Mission schickte - als ehemaliger Dieb konnte er es ihnen nicht verdenken - vielleicht würde Andrew irgendwann später auf eine andere Mission geschickt werden und es war vollkommen zufällig, wer zuerst gehen musste.
      Außer ihnen schienen noch drei andere Personen den Job angenommen zu haben. Ezra hatte zwischendurch den selbstbewussten Herrn mittleren Alters und das Mutter-Tochter Duo nochmal gesehen. Allerdings schienen sie für andere Positionen vorgesehen worden zu sein. Zumindest waren sie sich nicht so oft über den Weg gelaufen.
      Ohne Andrew hätte Ezra wahrscheinlich alles hingeworfen. Aber er wollte immer noch jede Sekunde mit ihm verbringen und wenn er dafür neben ihm sitzen und Papiere abarbeiten musste, dann war das wohl so. Zumal es ganz nett war, Andrew zumindest ab und an dazu bringen zu können, pünktlich Feierabend zu machen und mit ihm nach Hause zu kommen.
      Es war nett, die Abende mit ihm zu verbringen. So, wie jetzt.
      Ezra seufzte kurz, als Andrew sich zum telefonieren aufrappelte und ihn somit aus seiner eigenen, entspannten Sitzposition heraus schob. Er pausierte den Film, den sie sich für heute Abend ausgesucht hatten und versuchte, nicht dem Gespräch zu lauschen. Zumindest so lange, bis Andrew ihn direkt ansprach und damit erneut vollkommen überforderte. Ezras erster Impuls war es, einfach zuzustimmen. Natürlich würde er Weihnachten mit Andrew feiern wollen, egal, unter welchen Umständen. Leider ging ihm nur das selbe durch den Kopf, wie seinem Freund - Liz war es absolut gewöhnt, mit ihm zu feiern. Ada und er hatten eine Routine. Auch, wenn sie wahrscheinlich ziemlich unkonventionell feierten. Aber die beiden würden auch ein Weihnachten ohne ihn auskommen, oder? Oder würde ihm das ein zu schlechtes Gewissen machen? Offensichtlich eine Frage, die er ein bisschen vor sich herschieben konnte, als Andrews Cousine die beiden spontan auch noch einlud.
      "Äh..." Ezra zuckte ein wenig irritiert mit den Schultern. "Ich kann Ada mal fragen. Ich würde gerne mit dir feiern", antwortete er. Oh, Ada würde auf jeden Fall ablehnen. Das wusste er jetzt schon. Aber er könnte es mal vorschlagen. Vielleicht würden sie sich irgendwie einigen. Oder er würde unfair spielen und anmerken, wie nett es für Liz sein würde, mal mit anderen Kindern zu feiern.
      "Macht das deiner Cousine auch wirklich nichts aus?", schob er fragend nach. Immerhin waren drei zusätzliche Personen an Weihnachten ein unglaublicher Aufwand.
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      Andrew

      "Ich glaube eher, dass ihr gerade ein Traum in Erfüllung gegangen ist", murmelte Andrew. Amy war eine dieser Personen in seinem Leben, die immer ein unausgesprochenes Problem in seinem 'Einsiedler' Lebensstil gesehen hatten. Sie hatten nie über irgendwelche Beziehungen gesprochen, abgesehen von der jährlichen Frage nach einer Freundin, die sich irgendwann zu 'Freundin? oder Freund?' gewandelt hatte und von Andrew nie sonderlich beachtet worden war. Das war nun wohl auch eine Art Outing gewesen, die er selbst kaum mitbekommen hatte. Und Amy schien auch nicht wirklich überrascht, sondern bloß glücklich, dass er wohl nicht mehr Single war. Warum dachten nur alle, dass man Single nicht glücklich sein konnte? Andrew würde sein Leben mit Ezra zwar nie austauschen wollen, aber das… das war ja nicht der Punkt. Der Punkt war, dass sich alle mal um ihren eigenen Kram kümmern sollten.
      "Glaub mir, wenn jemand leidet, sind es wir. Du müsstest dich auf einen Fragensturm inmitten von Kinderschreien gefasst machen" Vielleicht übertrieb Andrew auch ein wenig. In den Augen einer Person die in einer Großfamilie aufgewachsen war, war der Tumult wahrscheinlich halb so schlimm. Ihn brachte es aber an den Rand des Wahnsinn.
      Er ging wieder ans Handy. "Er wird es sich überlegen, aber ich gebe dir rechtzeitig Bescheid. Silvester wird es trotzdem nicht, tut mir leid" Nie im Leben würde er über Silvester dort bleiben. Das war einfach zu lang. Die Nerven hatte er nicht.
      "Okay, kein Problem", kam es zurück, in einer hohen Stimme, die vermuten ließ, dass gleich noch etwas kam. Und tatsächlich seufzte Amy einmal in den Lautsprecher und meldete sich wieder zu Wort. "Ich würde ihn wirklich gerne kennenlernen, Andrew. Du bist doch auch… ein Teil der Familie, was auch immer davon übrig geblieben ist. Wie heißt er?"
      Andrew verstummte kurz, das hatte trauriger geklungen als er erwartet hatte. "…Ezra", sagte er.
      "Wenn es zu Weihnachten nicht passt, könnt ihr uns immer noch über Ostern besuchen"
      "Ich leite es weiter"
      "Okay. Schönen Abend noch. Bis nächste Woche!"
      "Bis dann, Amy" Er legte auf und sah einen Moment verwirrt seinen Bildschirm an. Er hatte selten ein schlechtes Gewissen. Aber jetzt gerade wurde ihm wieder bewusst, wie ätzend es sich anfühlte. Fuck, am Ende müsste er noch ein dreistündiges Videotelefonat mit Ezra anbieten, wenn er an Weihnachten hier blieb.
      Mit einem tiefen Seufzen schmiss er sein Handy zurück in die Ecke der Couch und legte seinen Arm wieder über Ezra. Eine Weile war er still und ließ dieses seltsame Gespräch sickern. Dann sagte er leise: "Sie meinte, wenn du an Weihnachten nicht kommen kannst, musst du es zu Ostern ausbaden" Er schmunzelte. Dann küsste er Ezra. Wer war er überhaupt, dass er ihn irgendjemandem vorenthalten wollte?

      Thomas

      "Gott, das wäre bestimmt leichter, wenn meine Familie nicht so… eigenartig wäre. Ein Date Gutschein klingt nach ner guten Idee. Aber meine Mutter würde mich wahrscheinlich ansehen, als hätte ich ihr Sexspielzeug geschenkt. In ihrem Kopf bin ich fünf und darf außerdem nicht wissen, dass Eltern meistens tatsächlich ein Paar sind und nicht nur irgendwelche random Leute, die zusammen leben" Thomas seufzte. Seine Familie war schon immer etwas schwierig gewesen, nicht nur seine Eltern. Wie sollten aus solchen Leuten auch drei normale Kinder rauskommen? Und ja, er war da miteingeschlossen. Er hatte auch seine Schar an Problemen mitzuschleppen. Und dann feierte Oma auch noch jedes Jahr mit ihnen, seit Opa gestorben war. Es war… immer so seltsam, dass es kaum in Worte zu fassen war und man musste wohl dabei gewesen sein, um es zu verstehen. Zumindest konnte er seine anderen Großeltern nachvollziehen, die lieber bei seinem Onkel und dem anderen Teil der Familie mitfeierten. Nicht, dass die besonders normal waren. Aber zumindest waren sie atheistisch. Wohl einer der Gründe für die Trennung der Weihnachtsfeste.
      "Ich will ne fette Portion Ofenkartoffeln", murmelte er dann. Aber er war sich nicht einmal sicher, ob die seinen Tag noch retten konnten. Obwohl er gerade mit Steve über einen Weihnachtsmarkt spazierte, wurden die kleinen Schmetterlinge in seinem Bauch nach und nach von den 'Gott steh mir an Weihnachten bei'-Wespen aufgefressen.
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      Ezra

      Und so schnell konnte sich die komplette Planung ändern, mhm? Jetzt musste Ezra nur entscheiden, was er machen würde, wenn Ada nicht mitkommen würde. Würde er trotzdem mit Andrew gehen? Okay, durchatmen. Es bestand ja immer noch die Chance, dass Ada sich irgendwie erweichen lassen würde. Eine sehr, sehr kleine Chance, aber immerhin. Positiv bleiben.
      Auch, wenn er innerlich schon wusste, wie er sich entscheiden würde. Er war viel zu abhängig von Andrew, um eine Chance auszulassen, mit ihm zu feiern. Außerdem wollte er ihn nicht alleine leiden lassen, vor allem, wenn er nochmal betonte, wie anstrengend die Kinder seiner Cousine waren. Was irgendwie wieder zurück zu ihrer Kinderdiskussion führte, aber…langsam sollte er sich damit wohl abfinden.
      “Mhm, dann sollten wir sie wohl wirklich nicht warten lassen und an Weihnachten vorbeischauen. Vielleicht können wir sie dann an Ostern zu uns einladen.” Ezra musste bei seiner Antwort selbst kurz blinzeln. ‘zu uns’ war…eine seltsame Formulierung, immerhin wohnten sie nicht zusammen. Und sie hatten beide nicht die Mittel, um sechs Leute irgendwo unter zu bekommen. Ach, das würde sich schon irgendwie ergeben.
      “Naja, ich geh das ganze schon mal bei Ada ansprechen. Amy will ja sicher eine schnelle Antwort.” Er gab sich selbst einen Ruck, um aufzustehen, drückte Andrew einen Kuss auf die Lippen und verließ die Wohnung.
      Ada öffnete nach dem ersten Klopfen.
      “Oh. Ist Andrew wieder weg?”
      “Äh, nein, nur oben. Ich…wir haben nur einen kleinen Vorschlag für Weihnachten.” Vielleicht hätte er sich doch vorher überlegen sollen, wie genau er das Thema ansprechen sollte.
      “Ich dachte, wir feiern so zusammen, wie immer. Wollte er nicht zu seiner Cousine?” Ada zog eine Augenbraue in die Höhe. “Du hast mir einen kompletten Vortrag darüber gehalten, wie unfair das alles ist, falls du dich erinnerst.”
      “Ja. Was das angeht…seine Cousine hat angeboten, dass wir mitkommen könnten. Du, Liz und ich. Sie scheinen ein ziemlich großes Haus-”
      “Nope.” Ada verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in den Türrahmen. “Ich kann dir nicht vorschreiben, was du machst, aber Liz und ich bleiben genau hier.”
      Was okay sein sollte, aber irgendwie war Ezra nicht bereit, diesen vertrauten Teil seines Lebens aufzugeben. “Vielleicht wird es doch ganz nett”, versuchte er. “Andrews Cousine hat auch Kinder. Liz hat bestimmt mehr Spaß daran, mit ihnen zu spielen, als wieder einen Filmmarathon mitmachen zu müssen.”
      “ich glaube nicht, dass sie damit ein Problem hat.”
      “Bitte, Ada. Du weißt, wie wichtig mir das ist und ich will euch nicht einfach so alleine lassen. Nur das eine mal. Wenn es ein Desaster wird, können wir nächstes Jahr wieder ganz normal hier feiern.” Betteln hatte eigentlich nicht auf seiner Liste gestanden, aber wenn es einen Weg für Ezra gab, die wichtigsten Personen in seinem Leben irgendwie unter einen Hut zu bekommen, wollte er nichts unversucht lassen.
      Ada presste die Lippen aufeinander, während sie offensichtlich abwog, wie schlimm Weihnachten mit Andrew und seiner Cousine sein würde. “Ich denk drüber nach”, antwortete sie schließlich mit einem Seufzen. “Hoffentlich hast du Liz ein richtig gutes Weihnachtsgeschenk besorgt.”
      Ezra musste automatisch grinsen. “Danke. Du bist die Beste.” Er zog Ada in eine kurze Umarmung, die sie mit einem genervten Seufzen beantwortete. “Gib mir Liz’ Wunschliste und ich arbeite sie komplett ab.”
      Das entlockte Ada ein kleines Lachen. “Sicher. Lass mich vorher das Pony rausstreichen.”

      “Sie überlegt es sich”, erklärte Ezra, als er sich wieder neben Andrew auf das Sofa sinken ließ. “Ich hab aber ein relativ gutes Gefühl.” Er schmiegte sich wieder an seinen Freund und gab ihm einen Kuss auf die Schläfe. “Hast du irgendeine Idee, was man deiner Cousine als kleines Geschenk mitbringen könnte?” Bei vier Kindern tippte Ezra auf einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende, aber vielleicht gab es irgendwelche netteren Aufmerksamkeiten, auf die er gerade nicht kam, weil sich sein Kopf komplett leer anfühlte. Er würde Weihnachten mit Andrew verbringen. Irgendwie kam ihm das zu schön vor, um wahr zu sein.


      Steve

      Steve musste automatisch lachen, als Thomas erwähnte, wie prüde seine Eltern waren. Offensichtlich waren sie in der Hinsicht das komplette Gegenteil von seinen eigenen Eltern, die manchmal fast ein bisschen zu viel erzählten.
      "Naja, wenigstens fragen deine Eltern dich dann nicht alle paar Wochen nach deinem Beziehungsstatus. Manchmal hab ich das Gefühl, dass meine Mom doppelt so begeistert ist, wie ich, wenn ich jemanden date", erklärte er, während sie den Stand mit den Ofenkartoffeln ansteuerten. "Letztens hat sie mir geschrieben, dass der Kassierer in ihrem Standard-Supermarkt auch schwul ist und sie vorsichtshalber seine Nummer für mich organisiert hat. Du weißt gar nicht, wie oft ich schon davor stand, das Land zu verlassen und irgendwo neu anzufangen, wo mich niemand kennt." Es war natürlich absolut wundervoll, Eltern zu haben, die ihn so offen unterstützten, aber manchmal wünschte sich Steve einfach zumindest die Illusion von Privatsphäre. Zumal er manchmal das Gefühl hatte, dass es seiner Mom weniger darum ging, dass er in einer Beziehung war und mehr darum, dass er nicht alleine war. Sie hatte sich zumindest wirklich gefreut, als er ihr erzählt hatte, dass Thomas übergangsweise bei ihm wohnen würde. Was er ihm gegenüber besser nicht erwähnte, bevor das alles irgendwie falsch verstanden wurde.
      "Bleibst du über die Feiertage bei deinen Eltern, oder kommst du zwischendurch in die Wohnung zurück?", fragte er schließlich, während sie sich in die kleine Schlange am Stand einreihten. "Je nachdem würde ich anders einkaufen", schob er als kleine Erklärung hinterher. Seine Eltern wohnten so nah, dass er nach dem Feiern immer wieder zurück nach Hause fuhr. Meist mit genug Essensresten, um die nächste Woche mühelos durch zu kommen.
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      Andrew

      Das war nicht der Plan gewesen. Was war aus dem Klammern geworden? Andrew blieb frustriert zurück als Ezra zu Ada ging. Außerdem hielt seine Hoffnung sich in Grenzen. Ada bei ihm zu Weihnachten? Sie würde vermutlich schon die Nase rümpfen, wenn er sich ihrem Fest anschließen würde aber zu erwarten, dass sie nach Liverpool zu Andrews entfernter Familie fliegen wollte… Naja. Ezra konnte es ja versuchen. Allerdings hatte er Angst, dass er bloß enttäuscht sein würde. Und außerdem befürchtete Andrew, dass es Ezra dazu bringen würde, hier zu bleiben.
      Umso überraschter war er, als Ezra tatsächlich halbwegs zufrieden zurück kam und meinte, Ada würde es sich überlegen. Andrew konnte sich einen perplexen Ausdruck nicht verkneifen. „Im Ernst?“, fragte er verblüfft. „Oh Gott, danach wird sie erst recht nichts mehr mit mir zu tun haben wollen“, murmelte er und kuschelte sich etwas tiefer in die Couch. Dann musste er überlegen. Ein Geschenk… Urgh, er hasste es, Geschenke zu machen. Es gab wahrscheinlich kaum etwas, worin er noch schlechter war. Er wusste auch immer noch nicht, was er Ezra schenken sollte und er hatte Panik, dass der Blonde irgendetwas für ihn hatte und es im schlimmsten Fall auch noch ein richtig gutes Geschenk war.
      „Ich glaube, irgendwas Neutrales wie eine Flasche Wein, Kekse oder so… wird schon passen. Zumindest hoffe ich das, mehr fällt mir auch nicht ein. Die Kinder kriegen von mir jedenfalls seit Jahren Kino-Gutscheine, seit sie alt genug sind, also falls du eine bessere Idee hast…“ Er lächelte schief. Wie sollte man sich auch für vier Kinder, die man kaum kannte, Geschenkideen überlegen? Die fanden es bestimmt seltsam genug, dass er nur einmal jährlich zu Besuch kam.
      „Was auch immer es wird, wir schenken es sowieso zusammen. Auf den Kärtchen wird stehen ‚von Ezra und Andrew‘. Das wird mir mein Leben so sehr erleichtern“ Er lachte. Eigentlich konnte er doch gleich Ezra die Sache mit dem Schenken überlassen… er war jedenfalls tausend Mal kreativer. Vielleicht konnte Andrew ihn ja auch noch unauffällig nach Tipps für sein eigenes Geschenk fragen.

      Thomas

      Thomas lächelte automatisch, als Steve meinte, dass seine Eltern sich so sehr für ihn freuten, wenn er jemanden datete. Es musste toll sein, eine so offene Beziehung zu seinen Eltern haben zu können. Thomas konnte sich kaum vorstellen, dass er über irgendetwas dergleichen mit seiner Familie reden konnte, denn es war schlimm genug gewesen, Leona vorzustellen. Aber die war ausgesprochen beliebt bei seiner Mutter gewesen, darum hatte der Druck irgendwann nachgelassen. Ihnen jemanden wie Steve vorzustellen… Oh Mann. Thomas würde erstmal zum Buddha konvertieren und seine Meditations Skills üben müssen, um das psychisch zu überleben. Und dann würde er noch ein ganz anderes Problem haben.
      „Naja, es könnte schlimmer kommen oder? Wenigstens supporten deine Eltern dich“, meinte er und lächelte. So ganz selbstverständlich war es ja wohl nicht, dass sie mit seiner Sexualität klarkamen. Irgendwie würde Thomas Steves Mutter wirklich gerne kennenlernen. Das wäre mal eine angenehme Abwechslung… Und sie mussten wahnsinns Menschen sein, bei dem Kind, das sie erzogen hatten.
      „Ich werde ein oder zwei Nächte bleiben, mal sehen wie lang ich es durchhalte. Aber dann komme ich zurück“, erwiderte er. „Du bleibst also nicht bei deinen Eltern?“
      Als sie endlich den Stand mit den Ofenkartoffeln erreichten, strömte Thomas der Geruch schon in die Nase und er merkte, wie seine Stimmung sich deutlich verbesserte. Essen hatte diese Wirkung auf ihn. Mit der Tüte in der Hand und in einem winzigen, unpraktischen Plastikspieß, um die Kartoffeln aufzuspießen, spazierten sie weiter durch das Gedrängel.
      „Mann, hier ist viel zu viel los“, sagte er und sah sich etwas verwirrt um, dann stockte der Strom plötzlich und sie standen. Wo waren sie hier denn reingeraten? Thomas blies zwischendurch seine Kartoffeln an, damit sie auskühlten, denn auch bei den Minusgraden hier draußen wollte er kein halb kochendes Essen im Mund haben. Währenddessen ließen sie sich einfach von der Menge treiben, dann standen sie wieder, dann trieben sie wieder. „Kommen wir hier je wieder raus?“, lachte er und wie aufs Stichwort wurden sie auf einmal ein Stück vorwärts geschubst und hatten wieder Platz. Seltsam. Thomas drehte sich herum und dann sah er einen Fotografen, der da stand und sie angrinste und irgendwas signalisierte, das Thomas nicht deuten konnte. Ratend machte er einen Blick nach oben und da erklärte die Lage sich. „Oh“, kam es ihm aus. Da hing ein Mistelzweig über ihnen und sie waren in eine Art Foto-Attraktion für Paare geraten.
      Die… logische Reaktion wäre nun wohl, sich kurz zu entschuldigen und dem nächsten Paar den Vortritt zu lassen. Aber Thomas Gehirn setzte bei dem Gedanken aus, Steve zu küssen. War es nicht gewissermaßen Pflicht, sich unter einem Mistelzweig zu küssen? Thomas hatte leider keine Ahnung, ob das auch für Freunde galt. Oder Mitbwohner, die miteinander geschlafen hatten. Er warf Steve einen überforderten Blick zu, dann sah er wieder zum Fotograf, der langsam gestresst wirkte, also wurde auch Thomas gestresst, weil sie ganz offensichtlich einige Leute in einer massiven Schlange aufhielten und er würde vermutlich einfach weinend zusammenbrechen, wenn ihn heute noch jemand anschrie, also tat er das Unvermeidbare. Er zog Steve an sich und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, dann stapfte er schnell aus dem Rampenlicht und zog den Dunkelhaarigen hinter sich her. Wie alles in nur wenigen Augenblicken so aus den Fugen geraten konnte… Hatte der Kerl jetzt eigentlich ein Foto gemacht? Wahrscheinlich eher nicht, nachdem er Steve für höchstens eine Millisekunde berührt hatte. Und selbst wenn war er gerade erfolgreich davor weggelaufen, das Foto überreicht zu kriegen. Vermutlich war es besser so, er brauchte keinen visuellen Beweis für den Kurzschluss seines Gehirn.
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      Ezra

      Es würde schon irgendwie funktionieren. Es musste funktionieren. Ada würde schon nachgeben und es würde eine wirklich schönen Weihnachtsfeier werden. Vielleicht würde er es selbst glauben, wenn er es sich nur verzweifelt genug selbst einredete. Leider half Andrews überraschter Gesichtsausdruck kein Stück. Obwohl es da eh nicht mehr drauf ankam. Ezra hatte seine Entscheidung schon längst getroffen. Andrew würde bei ihm immer an erster Stelle stehen. Es würde sich im Zweifelsfall seltsam anfühlen, nicht mit Ada und Liz zu feiern, aber Ezra wusste, dass er sich selbst mehr Vorwürfe machen würde, wenn er ohne Andrew feiern würde.
      Zum Glück brachte ihn die Sache mit dem Geschenk auf andere Gedanken. Als Andrew ansprach, dass sie sowieso etwas zusammen schenken würden, musste Ezra kurz lachen, dann stieß er ein dramatisches Seufzen aus. “Ich wusste doch, dass du mich nur datest, um meine Kreativität auszunutzen.” Obwohl er selbst spontan auch keine wirkliche Idee hatte, was man schenken könnte. Immerhin kannte er Andrews Familie nicht. Wenn er so genau darüber nachdachte, sollte er wahrscheinlich ein richtig gutes Geschenk vorschlagen, um wenigstens einen guten ersten Eindruck zu machen. Andrew stand seiner Cousine zwar offensichtlich nicht sonderlich nahe, aber trotzdem war sie seine Familie.
      “Vielleicht können wir Liz fragen, was bei ihren Mitschülern momentan so im Trend ist. Gibt es Pokémon Karten noch?” Liz selbst war mit ihren Wünschen immer ein bisschen chaotisch, aber vielleicht würde man ja wenigstens etwas ansatzweise Standardmäßiges aus ihr herausbekommen. Es musste doch irgendwas geben, womit man Kinder universell glücklich machen konnte.
      “Okay, erzähl mir was von deiner Cousine, ihrem Mann und den Kindern. Vielleicht fällt mir ja etwas ein. Ich weiß noch, dass sie Kindergärtnerin ist und vier Kinder hat.” Er wusste auch noch, dass er diese Info erhalten hatte, als sie in ihrem unangenehmen Gespräch über eigene Kinder gesteckt hatten, welches ihm nicht aus dem Kopf gehen wollte. Aber daran wollte er gerade nicht denken.


      Steve

      “Nope, meine Eltern wohnen in der Nähe, also komme ich abends zurück in die Wohnung. Mein ehemaliges Kinderzimmer ist mittlerweile eh ein Hobbyraum.” Mit einer Schlafcouch, falls doch mal jemand länger bleiben sollte, aber Steve bevorzugte sein eigenes Bett. Was wohl kein Kommentar war, den er laut aussprechen sollte, in Anbetracht dessen, dass Thomas momentan auf seiner Couch wohnte.
      Dieses Jahr war er irgendwie sogar doppelt so froh, dass er wieder nach Hause konnte. Wenn seine Eltern ihn die letzten Jahre über auf sein Liebesleben angesprochen hatten, war er entweder in einer Beziehung, oder ein glücklicher Single gewesen - jetzt würde die Frage ihn automatisch dazu verführen, wieder an Thomas zu denken und das wollte er vermeiden. Warum so lange über etwas nachdenken, was eh nie passieren würde? Auch, wenn es seltsam angenehm war, mit Thomas über den Weihnachtsmarkt zu laufen, selbst wenn dieser hoffnungslos überfüllt war und es momentan nur stockend weiter ging. Wenigstens mussten sie so nicht im Schnellschritt laufen, während sie aßen.
      “Vielleicht hängen wir über Weihnachten hier fest”, scherzte Steve, als Thomas den Stau kommentierte, bevor ihm komplett die Luft weg blieb.
      Kein Stau. Eine Schlange für eine Pärchenattraktion mit Mistelzweig und Fotografen.
      Ein rationaler Teil in Steve versuchte ihm zu erklären, dass das alles ein witziges Versehen war, dass sie einfach weitergehen konnten und den Vorfall auf die Liste mit Sachen, die sie vergessen würden, schieben könnten. Es war ein Versehen, nicht mehr. Leider war Steve für eine Sekunde dermaßen überfordert, dass er einfach erstarrte. Es kam ihm unmöglich vor, sich zu bewegen. Der panische Blick in Thomas’ Augen verriet ihm, dass er damit offensichtlich nicht alleine war. Die Starre wurde erst wieder gebrochen, als Thomas ihm einen Kuss auf die Wange gab und ihn anschließend mit sich zog. Oh fuck.
      Steve konnte die Schmetterlinge in seinem Bauch fühlen, während er hinter Thomas herstolperte. Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut. Konnten sie das alles einfach irgendwie ungeschehen machen? Es war sowieso schon kompliziert genug zwischen ihnen!
      “Ähm…sollen wir nach Hause? Eine Runde Minecraft, oder so?”, fragte er, immer noch überfordert, einfach nur bemüht darum, den Kuss nicht anzusprechen.
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      Thomas

      „Mhm, Minecraft klingt gut“, erwiderte Thomas etwas nervöser als beabsichtigt, aber er war noch nie wirklich begabt darin gewesen, irgendetwas zu verstecken. Eigentlich war es ein Wunder, dass Steve ihn nicht längst durchschaut hatte. Aber vielleicht hatte er das ja und ignorierte es nur freundlicherweise, damit Thomas nicht wie der größte Idiot dastand, wenn er ihn abwies… Und Thomas würde definitiv im Boden versinken müssen, wenn Steve ihn abwies, ohne dass er selbst verstand, was los war. Okay… er verstand es. Er war nur sehr verzweifelt dabei es zu verdrängen. Wenn zu einer so perfekten Freundschaft diese körperliche… Anziehung dazu kam, war es schwer, nicht zu verstehen, was mit ihm los war. Es wäre ein absoluter Traum, Steve jederzeit küssen zu können. Und gleichzeitig stundenlang mit ihm zu zocken, sein unglaubliches Essen zu essen und nie wieder das Sofa zu verlassen außer für ihre Jobs, währenddessen sie sowieso andauernd texteten… Wenn Thomas sich vorstellte, das mit einer Frau zu haben, würde er keine zwei Sekunden zögern, ihr seine Gefühle zu gestehen. Nachdem er sich selbst zehn Pep Talks im Spiegel gegeben hatte, natürlich.
      Aber Steve? Alles, was Thomas aufhielt, war die Angst, dass diese Veränderung irgendetwas zerstören würde. Was, wenn es doch zu seltsam wäre und er dann seinen besten Freund verlor? Betrunken hatte es zwischen ihnen vielleicht funktioniert, aber nüchtern?
      Aber so wie die letzten zwei Wochen konnte es irgendwie auch nicht weitergehen. Früher oder später würde Steve etwas sagen, wenn Thomas ihn weiter so belästigte. Dieser Kuss war eben die Kirsche auf der Torte gewesen. Lang würde es nicht mehr dauern, bis alles zusammenbrach. Doch Thomas konnte einfach nicht von dem Gedanken ablassen, wie… unfassbar perfekt Steve war und wie glücklich sich jeder schätzen konnte, der ihn für sich hatte. Thomas würde wahrscheinlich vor Neid durchdrehen, wenn er jemand anderen hätte. Konnte er an dem Punkt überhaupt noch zu einer normalen Freundschaft zurück?

      Zurück in der Wohnung war Thomas immernoch so nervös, dass er kaum ein Wort über die Lippen brachte. Schon garnicht konnte er erklären, was eben unter diesem Mistelzweig passiert war. Es war absolut dämlich. Minecraft würde ihn ganz bestimmt runterbringen… Bestimmt. Auch wenn er währenddessen neben Steve auf dem Sofa sitzen und sich zwingen musste, ihn nicht anzusehen oder dem Verlangen nachzugeben, immer näher an ihn heranzurücken. Gott, konnte man ihn nicht einer Gehirnwäsche unterziehen? Was war er, ein 15-Jähriger, der sich null unter Kontrolle hatte?

      Andrew

      Etwas über Amy und ihre Familie erzählen… Als wüsste er selbst so viel über sie. Es war fast peinlich, aber er verbrachte nunmal nicht gerade viel Zeit mit ihr. „Am besten vermeiden wir bei Geschenken alles, das irgendwie an Hippies erinnern könnte. Meinte Tante hat sie und ihren Dad verlassen, als sie noch ein Kind war. Ich glaube, diesen Verlust kompensiert sie immernoch damit, immer möglichst viele Menschen um sich zu haben“, begann er. Er wollte an Weihnachten lieber keinen mentalen Zusammenbruch riskieren und er war sich relativ sicher, dass Amy das nie ganz verarbeitet hatte. Andrew hatte seine Eltern zumindest seine ganze Kindheit über bei sich gehabt und auch wenn Amy noch ihren Vater hatte, brachte ihr das kaum etwas, wenn er ebenso daran zerbrochen war, dass seine Frau ihn für eine Hippy Kommune verlassen und dafür sein Auto gestohlen hatte.
      „Die Kinder sind zwischen äh… 6 und 13, glaube ich. Amelias Mann heißt George, der tatsächlich von allen Vier der Vater ist und er hat nach Kind Zwei ein riesiges Haus mit sage und schreibe 7 Zimmern von seinen Großeltern geerbt. Zwei stehen quasi komplett leer, das heißt, wir können uns wenigstens einschließen und vor dem Chaos flüchten, wenn es zu viel wird. Oh, einen Jacuzzi haben sie auch auf der Veranda, nur zur Info“ Nicht, dass sie mit vermutlich 9 anderen Leuten im Haus einen Zeitpunkt finden würden, den zu genießen.
      „Amy ist Kindergärtnerin, George ist Versicherungsmakler, das bringt uns vielleicht noch was, Lebensversicherung oder so“ Der Sarkasmus im letzten Teil des Satzes kam irgendwie nicht ganz durch, weil Andrew realisierte, dass das vielleicht tatsächlich keine so schlechte Idee war.
      „Die Kinder sind meines Wissens nach direkt aus der Hölle teleportiert worden, vier Jungs übrigens. Zwei von denen spielen Fußball, aber Amy hat mittlerweile keine Bälle mehr im Haus, als Vorsichtsmaßnahme. Nur, falls du dir das als Geschenk überlegen würdest. Achja, das gilt auch für Elektronik, weil die älteren beiden es wahnsinnig witzig finden, Prank Nachrichten an ihre Kontakte zu verschicken, darum ist das Büro abgeschlossen und man sollte sein Handy immer im Auge behalten. Willst du sonst noch was wissen?“ Er schielte fragend zu Ezra. Vielleicht hätte er etwas weniger erzählen sollen. Andrew strich über seinen Arm, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und versuchte etwas aufzulockern. „Aber das wird alles halb so schlimm, solange du dabei bist“ Vielleicht verstand der Blonde nach Weihnachten auch seine Skepsis gegenüber eigenen Kindern.
      And when you die, the only kingdom you'll see
      Is two foot wide and six foot deep


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      Ezra

      Sollte er Andrew sagen, dass das irgendwie nach ganz normalen Kindern klang? Wahrscheinlich besser nicht. Nicht, dass er ihm noch mehr Feuer für die nächste Grundsatzdiskussion lieferte. Ezra zwang sich zu einem kleinen Lächeln, während er zuhörte, nickte und Fußbälle von seiner mentalen Geschenkeliste strich. Wenigstens schien Andrew optimistisch zu sein, dass Ezras Anwesenheit das alles etwas erträglicher machen würde, was ein wirklich liebevoller Gedanke war.
      "Ich denke, dass Streiche in dem Alter vollkommen normal sind, oder? Caleb und ich haben meiner Mom als Kinder mal als Streich einen Handbesen ans Bettende gelegt. Unten zu den Füßen, damit sie dran kommt, wenn sie sich hinlegt. Wir haben uns extra aus dem Bett geschlichen, um ihre Reaktion mit zu bekommen. Sie hat aufgeschrien, wir sind abgehauen und ich bin ne Treppe runter gefallen. Ich müsste noch- Warte." Ezra rollte seinen Ärmel zurück und verdrehte seinen linken Arm ein wenig, bevor er auf eine dünne, verblasste Narbe am Ellenbogen deutete. "Ich kann nicht mal behaupten, dass das der letzte Streich war, den wir gespielt haben. Cal musste dermaßen über meinen Sturz lachen, dass er gegen seine eigene Zimmertür gelaufen ist und einen Milchzahn verloren hat." Was fast noch besser gewesen war, als der Streich.
      "Also, keine Fußbälle, keine Handbesen, nichts, was irgendwen an Teile der Familie erinnert, die nicht da sind", griff er das Thema wieder auf, während er seinen Pullover wieder zurecht zog. "Man findet doch bestimmt irgendwas anderes Fußball-bezogenes für die Jungs." Klang zumindest machbar. Vielleicht irgendein Buch mit FunFacts zum Thema Fußball, oder sowas in der Art.
      "Und für deine Cousine und ihren Mann..." Ezra biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Okay, war würde man sich wünschen, wenn man vier Jungs zuhause hatte, die ihre Eltern so auf Trab hielten? Vielleicht war er mit dem Spa Wochenende gar nicht so weit weg von der Realität gewesen. Obwohl das voraussetzen würde, dass sie einen Babysitter hatten. Oder war der älteste Sohn mit dreizehn bereits alt genug, um auf seine Geschwister aufzupassen? Niamh und Caleb hatten Molly und Ezra in dem Alter auf jeden Fall ständig betreut, aber es kam Ezra äußerst gewagt vor, von seiner Familie auf andere zu schließen.
      "Gibt es irgendwas, was sie gerne hört, oder so? Irgendeine Show?", fragte er. Der vielleicht einzige Vorteil an ihrem neuen Job war zumindest, dass sie einen vollkommen angenehmen Spielraum bei ihren Finanzen hatten. Vor allem, wenn sie zusammenlegen würden. Das einzige, was gegen sie arbeitete, war die Zeit, zumal sein Geschenk für Andrew auch noch nicht ganz komplett war - und er nun weniger Zeit zu haben schien, als er ursprünglich eingerechnet hatte.


      Steve

      Sie sprachen auf dem Rückweg kaum ein Wort miteinander, was Steve erst auffiel, als sie schon wieder zuhause waren. Er hing viel zu sehr in seiner eigenen Panik fest, um überhaupt irgendetwas um sich herum so wirklich mit zu bekommen. Der Heimweg war so mechanisch gewesen, dass er nicht mal richtig wusste, wie genau sie es geschafft hatten, zwischendurch nicht versehentlich überfahren zu werden, weil sie eine Ampel übersehen hatten, oder so.
      Es war eine Sache, irgendwie versehentlich mit seinem besten Freund zu schlafen, wenn man betrunken war. Es war etwas vollkommen anderes, sich auf einem Weihnachtsmarkt zu küssen. Einen Kuss auf die Wange zu bekommen. Zählte das als Küssen? Vollkommen egal, es war insgesamt auf jeden Fall einfach zu viel für ihn. Was war das zwischen ihnen? Sich so nervös zu fühlen wirkte einfach nicht wie eine Reaktion, die er haben sollte! Warum musste das alles so unglaublich kompliziert sein?
      "Hey", meinte Steve schließlich, während er versuchte, irgendwie nicht zu Thomas zu schauen, der gefühlt wieder viel zu nah neben ihm auf dem Sofa saß. Steve bildete sich ein, die Wärme zu spüren, die von ihm aus ging und ihn irgendwie dazu verleiten wollte, ihn noch näher an sich zu ziehen. "Ähm, das gerade... ich..." Es wäre besser, es gar nicht erst anzusprechen. Sie würden so viel Drama vermeiden, wenn sie einfach so tun würden, als ob die etwas passiert wäre. Aber Steve wusste, dass er nicht normal mit Thomas in der selben Wohnung leben könnte, wenn dieses Thema ewig zwischen ihnen stand. Und es war nicht mal halb so schlimm wie die Sache mit dem One Night Stand und darüber waren sie schließlich auch hinweg gekommen, nicht? Zumindest mehr, oder weniger.
      "Wir...wir sollten sowas nicht mehr-" Gott, das klang, als ob sie sich fast täglich versehentlich küssen würden, oder so. Es war nur ein Kuss auf die Wange. Das sollte ihn nicht so aus der Bahn werfen. "Du bist mein bester Freund. Ich hab dich wirklich gern, aber..." Das klang fast noch schlimmer. "Sorry. Ich bin gerade vollkommen überfordert." Strike Nummer drei. Out. Er hätte das Thema wirklich einfach ruhen lassen sollen. Wie sollte man schon seinem besten Freund verklickern, dass man ihn am liebsten Küssen würde? Dass man plötzlich irgendwie mehr empfand, als pure Freundschaft? Vor allem, wenn besagter bester Freund gerade erst anfing, seine eigene Sexualität zu begreifen? Und wie sollte man im selben Zug erwähnen, dass einem dieser Umstand irgendwie furchtbare Angst machte? Angst, die Freundschaft zu ruinieren?
      "Ich...bekomme Panik, wenn du mir zu nah kommst und ich weiß, dass das vollkommen albern ist und- Das klingt so furchtbar falsch. Ich bin so schlecht darin, das zu erklären, sorry. Ich will nichts falsch machen und ich glaube, ich mache gerade irgendwie alles falsch. Gibt das irgendwie Sinn?"
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      Andrew

      "Fußballbezogen klingt gut. Trikots oder so, vielleicht", dachte Andrew laut nach. Ezra regte definitiv auch seine eigene Fantasie ein wenig an, auch wenn er es nicht wirklich als besonders notwendig empfand, ein supertolles Geschenk zu finden. Aber wenn es Ezra seinen Seelenfrieden gab, würden sie schon etwas finden. Da fiel Andrew auf einmal etwas ein, dass er aufgrund seines früheren Gehalts sofort wieder verworfen hätte, doch es könnte ihr Problem lösen und die Suche beenden.
      "Hey, wie wärs mit Tickets für ein Fußballspiel? Irgendwer muss doch in nächster Zeit spielen. Die Kids haben die Fußball-Liebe jedenfalls von ihrem Vater, also wären drei von sechs Leuten glücklich und die anderen würden sich bestimmt über Quality Time freuen"
      Andrew war fast stolz auf sich für diese Idee. Er hatte nie gedacht, dass Fußball jemals eins seiner Probleme lösen könnte. "Amelias Vater ist an Weihnachten meistens dabei, aber der ist mit einer Flasche Wein wahrscheinlich wirklich am glücklichsten" Zumindest würde er keine Freunde an einem Fußballspiel haben, soviel wusste Andrew. Der Mann war… leicht verbittert, nett ausgedrückt. Meistens blieb er aber auch nur zum Essen und lief dann quasi davon. Wie Andrew es ihm meistens gerne nachgemacht hätte.
      Dann musste er… ja bloß noch ein Geschenk für Ezra finden. Oh Mann…

      Thomas

      Oh Nein. Jetzt war es so weit. Der Zeitpunkt war gekommen, Thomas musste sterben.
      Mit starrem Blick und leicht offenem Mund fixierte er sich auf den Fernseher, als gäbe es nichts interessanteres auf der Welt, um irgendwie Steves Korb zu verarbeiten. Er war sich nicht sicher, ob die Tatsache, dass er es nichtmal über die Lippen brachte, es irgendwie besser machte. Okay, nein, es machte definitiv nichts besser. Gezwungenermaßen wandte Thomas sich kurz zu ihm, um ihn wissen zu lassen, dass er tatsächlich zuhörte und nicht nur gestört in den Fernseher glotzte. Der verzweifelte Blick seines Freunds war fast unmöglich anzusehen. Thomas würde auf der Stelle losheulen, einfach weil es so unmenschlich peinlich war, aber er hat noch ein Fünkchen Selbstkontrolle in sich.
      "Äh, ja, das macht Sinn. Tut mir leid, ich mache sowas nicht mehr" Er räusperte sich und wandte sich wieder zum Fernseher, wo seine Figur im Kreis gelaufen war, weil er den Daumen verkrampft am Joystick gehalten hatte. Dieser Satz war eben alles gewesen, das er noch in sich gehabt hatte. Der Kraftaufwand, nicht zu stottern und sich überhaupt an die menschliche Sprache zu erinnern, war immens gewesen. Und jetzt ließ die Kraft nach und der Schock kam zurück. Eine Art… was war das? Trauer? Irgendetwas überwältigte ihn gerade dermaßen, dass er noch ein Fünkchen Energie aufwenden musste, um sich erneut zu räuspern und mit abgewandtem Blick ein "Ich geh aufs Klo" herausbrachte, wie der starke Mann der er war. Er hatte ja leider kein Zimmer, in das er flüchten konnte. Er ließ den Controller am Tisch liegen und versuchte normal ins Bad zu gehen und Steve nicht merken zu lassen, dass er kurzzeitig keine Ahnung mehr hatte, wie man sich fortbewegte.
      Eigentlich hatte er sich davongestohlen, weil er sich sicher gewesen war, gleich zu weinen. Stattdessen starrte er sich selbst schockiert im Spiegel an. Er hatte mit diesem schrecklichen Abgang sogar seine Tränen verscheucht. Also konnte er nichts tun, als hier zu stehen und sich zu fragen, was seine Eltern falsch gemacht hatten, damit er so unfassbar seltsam geworden war. Sie hätten ihn zu den Pfadfindern zwingen sollen, als er zwölf war. Dann hätte er zumindest ein paar Social Skills gelernt. Nein, stattdessen war er in diesem seltsamen Kirchenklub gewesen, in dem die anderen Kinder ihm die paar Skills, die er gehabt hatte, entzogen hatten, wie Vampire. Wie Nerd-Vampire, die andere auf die dunkle Seite der Macht ziehen wollten. Die Seite, auf der man keine Freunde hatte und seinem zukünftigen schwulen besten Freund einen seltsam romantischen Kuss auf die Wange gab und sich dann dafür entschuldigte, während man seine Gefühle runterschluckte und hoffentlich für immer und ewig begraben konnte.
      Thomas atmete tief durch. Alles war in Ordnung, das wäre früher oder später sowieso passiert. Was hatte er denn erwartet? Es war die reinste Hölle, so zusammen zu existieren und sich nahezu in eine peinliche Situation nach der anderen hineinzuwerfen, als wäre man süchtig nach dem Gefühl absoluter Verzweiflung. Natürlich merkte Steve, wie eigenartig Thomas sich verhielt und natürlich war es ihm unangenehm. Nicht nur, weile sie Freunde waren oder zusammen wohnten, sondern vermutlich auch, weil er dachte, dass Thomas ihn als Versuchskaninchen benutzen wollte. Und er war sich da ja selbst garnicht so sicher. Vielleicht war es bloß ein komischer Ausraster und Thomas versuchte, mehr über sich herauszufinden, um Steve dann im Prozess nur zu verletzen. Quarter Life Crisis. Das wollte er nicht. Aus irgendeinem Grund konnte er dieses Gefühl bisher einfach nicht verdrängen, aber er musste es wohl weiter versuchen, wenn er nicht rausgeworfen werden wollte.
      Er kam zurück, setzte sich wieder neben Steve und nahm den Controller in die Hand, einfach um zu sehen, ob es funktionieren würde, das Thema fallen zu lassen. Aber er merkte sogleich, dass die Stimmung nicht wieder lockerer wurde. Einen Versuch war's wert. Er seufzte und zog ein Bein zu sich in einen halben Schneidersitz, dann drehte er sich zum Dunkelhaarigen.
      "Okay, wenn wir schon darüber reden müssen… Ich mag dich. Sehr. Hab ich schon immer, das hat sich nicht geändert, abgesehen von dieser… Kleinigkeit. Und die hat es dann irgendwie doch geändert und jetzt ist es nicht mehr so 100-prozentig freundschaftlich. Ich weiß, dass ich dir total auf die Pelle rücke, ich hab versucht, es nicht zu tun. Ich werd mich… zusammenreißen. Sorry, dass du damit leben musst. Das war absolut nicht geplant. Ich will das hier nicht kaputt machen, also mach dir keine Sorgen, ich komm dir nicht mehr zu nahe"
      Er spielte nervös mit den Fingern und suchte in Steves Blick irgendwie nach einem Anzeichen, dass sie das vergessen konnten.
      "Es tut mir echt… so leid, Steve. Du machst nichts falsch. Ich verspreche, dass ich darüber hinweg komme. Können wir… weiterspielen?" Gott, die Panik, dass das hier das Ende ihrer Freundschaft war, breitete sich so schnell in Thomas Brust aus, dass er kaum richtig atmen konnte.
      And when you die, the only kingdom you'll see
      Is two foot wide and six foot deep