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Wie lange er schon hier unten war, wusste Cael nicht mehr. Tage? Wochen? Monate? Vielleicht sogar Jahre. Zeit hatte hier unten jede Bedeutung verloren. Es gab keine Uhr, keinen Kalender und kein Tageslicht, an dem er sich orientieren konnte. Nur den immer gleichen, feuchten Geruch der alten Ruine, das entfernte Dröhnen der U-Bahn tief unter der Erde und das gelegentliche Flüstern der Kobolde. Und die Sonne. Die Sonne war das Einzige, was ihn noch daran erinnerte, dass es überhaupt eine Welt außerhalb dieser Mauern gab.
Cael saß mit dem Rücken an dem alten Obelisken, den Blick gesenkt. Die schwere Silberkette führte von einer Öse im Stein um seinen Hals und verhinderte jede Flucht. Tagsüber war es vor allem das Gewicht, das ihm zu schaffen machte. Seine menschliche Kraft reichte nicht aus, die dicken Glieder zu zerreißen oder die Verankerung aus dem massiven Stein zu lösen. Nachts war es weitaus schlimmer. Dann wurde das Silber zu Feuer. Es brannte sich in seine Haut, sobald die vampirische Seite erwachte. Jeder Versuch, sich zu bewegen, ließ die Kette heißer werden, bis es sich anfühlte, als würde flüssige Lava seinen Hals hinabfließen. Es war die Art von Schmerz, an die man sich nicht gewöhnte.
Cael hatte es versucht. Immer wieder. Er hatte geschrien. Geflucht. Getreten. Die Kette gepackt, bis seine Hände verbrannt waren. Nichts hatte funktioniert.
Also saß er hier. Gefangen zwischen Tag und Nacht. „Hey, Dämmerung.“ Cael hob langsam den Kopf. Ein Kobold stand einige Meter entfernt zwischen zwei alten Säulen. Klein, dürr und mit einem viel zu breiten Grinsen seiner Reißzähne im Gesicht. In seinen Händen hielt er einen kleinen Gegenstand, den Cael nicht erkennen konnte. „Schau mal.“ Der Kobold hob ihn hoch. Caels Augen verengten sich:„Was?“
Der Kobold begann zu lachen. „Du.“ Er deutete auf Cael. „Du bist lustig.“ Caels Kiefer spannte sich an: „Verschwinde.“ Der Kobold grinste nur noch breiter. „Immer so freundlich.“ Er machte eine übertriebene Verbeugung. „Vielleicht soll ich dir Gesellschaft leisten?“ Cael antwortete nicht. Der Kobold begann, auf der Stelle herumzutanzen.„Dämmerung sitzt. Dämmerung wartet. Dämmerung bleibt.“ Noch ein Lachen. Etwas in Cael riss.
„Ich sagte, VERSCHWINDE!“ Seine Stimme hallte durch die Ruine. Für einen Moment war es still. Dann kicherte der Kobold. Er stand weit genug entfernt. Weit außerhalb von Caels Reichweite. Natürlich. „Böse Dämmerung.“ Der Kobold zeigte ihm die Zunge. Dann huschte er davon. Cael starrte ihm nach. Seine Finger hatten sich so fest um die Silberkette geschlossen, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Feiges kleines Ungeziefer. Wenn ich frei bin ...“ Er brach ab. Sein Blick wanderte durch den Raum. Die Ruine war heute ungewöhnlich still. Oder vielleicht war sie es auch nicht. Cael hatte irgendwann gelernt, die Geräusche der Kobolde auseinanderzuhalten. Ihre Schritte. Ihr Gemurmel. Das Quietschen ihrer kleinen Wagen. Das Knarren ihrer improvisierten Türen. Doch jetzt... Da war etwas anders.
Ein Kobold huschte zwischen den Säulen hindurch. Dann ein zweiter. Ein dritter blieb kurz stehen, flüsterte etwas zu seinem Artgenossen und verschwand wieder. Cael richtete sich etwas auf. Seine Augen folgten den Bewegungen. „Was ist los?“ Keine Antwort. Stattdessen hörte er Stimmen. Zunächst in der menschlichen Sprache.
„...sicher?“
„Ja.“
„Aber das kann nicht sein.“
„Hast du es selbst gesehen?“
Dann wechselten die Stimmen ins Koboldische. Schnelle, gutturale Laute, die Cael inzwischen gut genug verstand, um einzelne Worte herauszufiltern. Mensch. Tunnel. Gefahr. Eindringling. Seine Stirn legte sich in Falten. Ein weiterer Kobold rannte vorbei.
„Schneller!“
„Sie kommen!“
„Nein, nein, nein...“
„Klappe! Nicht hier!“
Wieder Koboldisch. Schneller. Flüchtiger. Nervöser. Cael blickte sich um. Die Kobolde, die ihn sonst absichtlich provozierten oder sich über ihn lustig machten, schienen plötzlich selbst Angst zu haben. Das gefiel ihm nicht. Überhaupt nicht. Er zog vorsichtig an der Kette. Das Metall klirrte über den Steinboden. Nichts. „Was habt ihr vor?“ Wieder keine Antwort. Eine kleine Gruppe Kobolde verschwand durch einen der Seitengänge. Einer von ihnen warf Cael noch einen kurzen Blick zu. Nicht spöttisch. Nicht hämisch. Ängstlich. Dann war auch er verschwunden. Cael blieb zurück.
Allein mit dem Obelisken. Allein mit der Kette. Und mit einem Gefühl, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Unsicherheit. Er hob den Blick zur Decke. Dort, wo vor langer Zeit ein Teil des Gewölbes eingebrochen war, fiel ein schmaler Streifen Tageslicht in die Ruine. Staub tanzte darin. Der Rest des Raumes lag in dämmrigem Halbdunkel.
Dämmerung. Cael musste beinahe über den Gedanken lachen. Natürlich. Das war schließlich der Name, den die Kobolde ihm gegeben hatten. Cael. Dämmerung. Er wusste nicht einmal mehr, ob das wirklich sein Name war. Vielleicht hatte er früher anders geheißen. Vielleicht hatte er überhaupt einmal ein Zuhause gehabt. Vielleicht Menschen, die auf ihn gewartet hatten. Vielleicht... Er schloss kurz die Augen.
Nein. Keine Erinnerungen. Nur Leere. Und Wut. Die Wut war wenigstens zuverlässig. Er öffnete die Augen wieder. Die Unruhe unter den Kobolden nahm weiter zu. Schritte.
Flüstern. Ein hastiges „Still!“ Dann wieder Worte auf Koboldisch. Cael verstand nicht alles. Aber genug. Etwas war passiert. Etwas, das selbst die Kobolde nervös machte. Er lehnte den Kopf gegen den kalten Stein des Obelisken und lauschte. Was zum Teufel ging hier vor?
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Wie lange er schon hier unten war, wusste Cael nicht mehr. Tage? Wochen? Monate? Vielleicht sogar Jahre. Zeit hatte hier unten jede Bedeutung verloren. Es gab keine Uhr, keinen Kalender und kein Tageslicht, an dem er sich orientieren konnte. Nur den immer gleichen, feuchten Geruch der alten Ruine, das entfernte Dröhnen der U-Bahn tief unter der Erde und das gelegentliche Flüstern der Kobolde. Und die Sonne. Die Sonne war das Einzige, was ihn noch daran erinnerte, dass es überhaupt eine Welt außerhalb dieser Mauern gab.
Cael saß mit dem Rücken an dem alten Obelisken, den Blick gesenkt. Die schwere Silberkette führte von einer Öse im Stein um seinen Hals und verhinderte jede Flucht. Tagsüber war es vor allem das Gewicht, das ihm zu schaffen machte. Seine menschliche Kraft reichte nicht aus, die dicken Glieder zu zerreißen oder die Verankerung aus dem massiven Stein zu lösen. Nachts war es weitaus schlimmer. Dann wurde das Silber zu Feuer. Es brannte sich in seine Haut, sobald die vampirische Seite erwachte. Jeder Versuch, sich zu bewegen, ließ die Kette heißer werden, bis es sich anfühlte, als würde flüssige Lava seinen Hals hinabfließen. Es war die Art von Schmerz, an die man sich nicht gewöhnte.
Cael hatte es versucht. Immer wieder. Er hatte geschrien. Geflucht. Getreten. Die Kette gepackt, bis seine Hände verbrannt waren. Nichts hatte funktioniert.
Also saß er hier. Gefangen zwischen Tag und Nacht. „Hey, Dämmerung.“ Cael hob langsam den Kopf. Ein Kobold stand einige Meter entfernt zwischen zwei alten Säulen. Klein, dürr und mit einem viel zu breiten Grinsen seiner Reißzähne im Gesicht. In seinen Händen hielt er einen kleinen Gegenstand, den Cael nicht erkennen konnte. „Schau mal.“ Der Kobold hob ihn hoch. Caels Augen verengten sich:„Was?“
Der Kobold begann zu lachen. „Du.“ Er deutete auf Cael. „Du bist lustig.“ Caels Kiefer spannte sich an: „Verschwinde.“ Der Kobold grinste nur noch breiter. „Immer so freundlich.“ Er machte eine übertriebene Verbeugung. „Vielleicht soll ich dir Gesellschaft leisten?“ Cael antwortete nicht. Der Kobold begann, auf der Stelle herumzutanzen.„Dämmerung sitzt. Dämmerung wartet. Dämmerung bleibt.“ Noch ein Lachen. Etwas in Cael riss.
„Ich sagte, VERSCHWINDE!“ Seine Stimme hallte durch die Ruine. Für einen Moment war es still. Dann kicherte der Kobold. Er stand weit genug entfernt. Weit außerhalb von Caels Reichweite. Natürlich. „Böse Dämmerung.“ Der Kobold zeigte ihm die Zunge. Dann huschte er davon. Cael starrte ihm nach. Seine Finger hatten sich so fest um die Silberkette geschlossen, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Feiges kleines Ungeziefer. Wenn ich frei bin ...“ Er brach ab. Sein Blick wanderte durch den Raum. Die Ruine war heute ungewöhnlich still. Oder vielleicht war sie es auch nicht. Cael hatte irgendwann gelernt, die Geräusche der Kobolde auseinanderzuhalten. Ihre Schritte. Ihr Gemurmel. Das Quietschen ihrer kleinen Wagen. Das Knarren ihrer improvisierten Türen. Doch jetzt... Da war etwas anders.
Ein Kobold huschte zwischen den Säulen hindurch. Dann ein zweiter. Ein dritter blieb kurz stehen, flüsterte etwas zu seinem Artgenossen und verschwand wieder. Cael richtete sich etwas auf. Seine Augen folgten den Bewegungen. „Was ist los?“ Keine Antwort. Stattdessen hörte er Stimmen. Zunächst in der menschlichen Sprache.
„...sicher?“
„Ja.“
„Aber das kann nicht sein.“
„Hast du es selbst gesehen?“
Dann wechselten die Stimmen ins Koboldische. Schnelle, gutturale Laute, die Cael inzwischen gut genug verstand, um einzelne Worte herauszufiltern. Mensch. Tunnel. Gefahr. Eindringling. Seine Stirn legte sich in Falten. Ein weiterer Kobold rannte vorbei.
„Schneller!“
„Sie kommen!“
„Nein, nein, nein...“
„Klappe! Nicht hier!“
Wieder Koboldisch. Schneller. Flüchtiger. Nervöser. Cael blickte sich um. Die Kobolde, die ihn sonst absichtlich provozierten oder sich über ihn lustig machten, schienen plötzlich selbst Angst zu haben. Das gefiel ihm nicht. Überhaupt nicht. Er zog vorsichtig an der Kette. Das Metall klirrte über den Steinboden. Nichts. „Was habt ihr vor?“ Wieder keine Antwort. Eine kleine Gruppe Kobolde verschwand durch einen der Seitengänge. Einer von ihnen warf Cael noch einen kurzen Blick zu. Nicht spöttisch. Nicht hämisch. Ängstlich. Dann war auch er verschwunden. Cael blieb zurück.
Allein mit dem Obelisken. Allein mit der Kette. Und mit einem Gefühl, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Unsicherheit. Er hob den Blick zur Decke. Dort, wo vor langer Zeit ein Teil des Gewölbes eingebrochen war, fiel ein schmaler Streifen Tageslicht in die Ruine. Staub tanzte darin. Der Rest des Raumes lag in dämmrigem Halbdunkel.
Dämmerung. Cael musste beinahe über den Gedanken lachen. Natürlich. Das war schließlich der Name, den die Kobolde ihm gegeben hatten. Cael. Dämmerung. Er wusste nicht einmal mehr, ob das wirklich sein Name war. Vielleicht hatte er früher anders geheißen. Vielleicht hatte er überhaupt einmal ein Zuhause gehabt. Vielleicht Menschen, die auf ihn gewartet hatten. Vielleicht... Er schloss kurz die Augen.
Nein. Keine Erinnerungen. Nur Leere. Und Wut. Die Wut war wenigstens zuverlässig. Er öffnete die Augen wieder. Die Unruhe unter den Kobolden nahm weiter zu. Schritte.
Flüstern. Ein hastiges „Still!“ Dann wieder Worte auf Koboldisch. Cael verstand nicht alles. Aber genug. Etwas war passiert. Etwas, das selbst die Kobolde nervös machte. Er lehnte den Kopf gegen den kalten Stein des Obelisken und lauschte. Was zum Teufel ging hier vor?
