Wenn die Nacht erwacht (Codren & Étoile)

    • Wenn die Nacht erwacht (Codren & Étoile)

      Hier geht's zur Vorstellung: Vorstellung

      __________________________________________________________________________________________________________

      Wie lange er schon hier unten war, wusste Cael nicht mehr. Tage? Wochen? Monate? Vielleicht sogar Jahre. Zeit hatte hier unten jede Bedeutung verloren. Es gab keine Uhr, keinen Kalender und kein Tageslicht, an dem er sich orientieren konnte. Nur den immer gleichen, feuchten Geruch der alten Ruine, das entfernte Dröhnen der U-Bahn tief unter der Erde und das gelegentliche Flüstern der Kobolde. Und die Sonne. Die Sonne war das Einzige, was ihn noch daran erinnerte, dass es überhaupt eine Welt außerhalb dieser Mauern gab.

      Cael saß mit dem Rücken an dem alten Obelisken, den Blick gesenkt. Die schwere Silberkette führte von einer Öse im Stein um seinen Hals und verhinderte jede Flucht. Tagsüber war es vor allem das Gewicht, das ihm zu schaffen machte. Seine menschliche Kraft reichte nicht aus, die dicken Glieder zu zerreißen oder die Verankerung aus dem massiven Stein zu lösen. Nachts war es weitaus schlimmer. Dann wurde das Silber zu Feuer. Es brannte sich in seine Haut, sobald die vampirische Seite erwachte. Jeder Versuch, sich zu bewegen, ließ die Kette heißer werden, bis es sich anfühlte, als würde flüssige Lava seinen Hals hinabfließen. Es war die Art von Schmerz, an die man sich nicht gewöhnte.
      Cael hatte es versucht. Immer wieder. Er hatte geschrien. Geflucht. Getreten. Die Kette gepackt, bis seine Hände verbrannt waren. Nichts hatte funktioniert.

      Also saß er hier. Gefangen zwischen Tag und Nacht. „Hey, Dämmerung.“ Cael hob langsam den Kopf. Ein Kobold stand einige Meter entfernt zwischen zwei alten Säulen. Klein, dürr und mit einem viel zu breiten Grinsen seiner Reißzähne im Gesicht. In seinen Händen hielt er einen kleinen Gegenstand, den Cael nicht erkennen konnte. „Schau mal.“ Der Kobold hob ihn hoch. Caels Augen verengten sich:„Was?“

      Der Kobold begann zu lachen. „Du.“ Er deutete auf Cael. „Du bist lustig.“ Caels Kiefer spannte sich an: „Verschwinde.“ Der Kobold grinste nur noch breiter. „Immer so freundlich.“ Er machte eine übertriebene Verbeugung. „Vielleicht soll ich dir Gesellschaft leisten?“ Cael antwortete nicht. Der Kobold begann, auf der Stelle herumzutanzen.„Dämmerung sitzt. Dämmerung wartet. Dämmerung bleibt.“ Noch ein Lachen. Etwas in Cael riss.

      „Ich sagte, VERSCHWINDE!“ Seine Stimme hallte durch die Ruine. Für einen Moment war es still. Dann kicherte der Kobold. Er stand weit genug entfernt. Weit außerhalb von Caels Reichweite. Natürlich. „Böse Dämmerung.“ Der Kobold zeigte ihm die Zunge. Dann huschte er davon. Cael starrte ihm nach. Seine Finger hatten sich so fest um die Silberkette geschlossen, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Feiges kleines Ungeziefer. Wenn ich frei bin ...“ Er brach ab. Sein Blick wanderte durch den Raum. Die Ruine war heute ungewöhnlich still. Oder vielleicht war sie es auch nicht. Cael hatte irgendwann gelernt, die Geräusche der Kobolde auseinanderzuhalten. Ihre Schritte. Ihr Gemurmel. Das Quietschen ihrer kleinen Wagen. Das Knarren ihrer improvisierten Türen. Doch jetzt... Da war etwas anders.

      Ein Kobold huschte zwischen den Säulen hindurch. Dann ein zweiter. Ein dritter blieb kurz stehen, flüsterte etwas zu seinem Artgenossen und verschwand wieder. Cael richtete sich etwas auf. Seine Augen folgten den Bewegungen. „Was ist los?“ Keine Antwort. Stattdessen hörte er Stimmen. Zunächst in der menschlichen Sprache.

      „...sicher?“
      „Ja.“
      „Aber das kann nicht sein.“
      „Hast du es selbst gesehen?“

      Dann wechselten die Stimmen ins Koboldische. Schnelle, gutturale Laute, die Cael inzwischen gut genug verstand, um einzelne Worte herauszufiltern. Mensch. Tunnel. Gefahr. Eindringling. Seine Stirn legte sich in Falten. Ein weiterer Kobold rannte vorbei.

      „Schneller!“
      „Sie kommen!“
      „Nein, nein, nein...“
      „Klappe! Nicht hier!“

      Wieder Koboldisch. Schneller. Flüchtiger. Nervöser. Cael blickte sich um. Die Kobolde, die ihn sonst absichtlich provozierten oder sich über ihn lustig machten, schienen plötzlich selbst Angst zu haben. Das gefiel ihm nicht. Überhaupt nicht. Er zog vorsichtig an der Kette. Das Metall klirrte über den Steinboden. Nichts. „Was habt ihr vor?“ Wieder keine Antwort. Eine kleine Gruppe Kobolde verschwand durch einen der Seitengänge. Einer von ihnen warf Cael noch einen kurzen Blick zu. Nicht spöttisch. Nicht hämisch. Ängstlich. Dann war auch er verschwunden. Cael blieb zurück.

      Allein mit dem Obelisken. Allein mit der Kette. Und mit einem Gefühl, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Unsicherheit. Er hob den Blick zur Decke. Dort, wo vor langer Zeit ein Teil des Gewölbes eingebrochen war, fiel ein schmaler Streifen Tageslicht in die Ruine. Staub tanzte darin. Der Rest des Raumes lag in dämmrigem Halbdunkel.
      Dämmerung. Cael musste beinahe über den Gedanken lachen. Natürlich. Das war schließlich der Name, den die Kobolde ihm gegeben hatten. Cael. Dämmerung. Er wusste nicht einmal mehr, ob das wirklich sein Name war. Vielleicht hatte er früher anders geheißen. Vielleicht hatte er überhaupt einmal ein Zuhause gehabt. Vielleicht Menschen, die auf ihn gewartet hatten. Vielleicht... Er schloss kurz die Augen.

      Nein. Keine Erinnerungen. Nur Leere. Und Wut. Die Wut war wenigstens zuverlässig. Er öffnete die Augen wieder. Die Unruhe unter den Kobolden nahm weiter zu. Schritte.
      Flüstern. Ein hastiges „Still!“ Dann wieder Worte auf Koboldisch. Cael verstand nicht alles. Aber genug. Etwas war passiert. Etwas, das selbst die Kobolde nervös machte. Er lehnte den Kopf gegen den kalten Stein des Obelisken und lauschte. Was zum Teufel ging hier vor?
    • An einem Tag wie diesem wollte Vin eigentlich nur im Bett bleiben. Es sich bequem machen, einen Film anschauen, Instant Nudeln essen. Zusehen, wie draußen vor den Fenstern die Welt unterging, ohne selbst daran beteiligt zu sein.
      Zu schade, dass er Geld verdienen musste, um sich diese Instant Nudeln leisten zu können. Und den Fernseher. Und die Wohnung gleich mit dazu, wenn er schon dabei war.
      Geld war immer schon so eine Sache gewesen. Vin konnte nämlich nicht behaupten, jemals zu viel davon gehabt zu haben; jedenfalls nicht genug, um vor dem Einkaufen nicht nochmal kurz zu checken, ob sein Bankkonto auch ausreichend gefüllt war. Man wusste ja nie.
      Deswegen ging er auch gerade die Stufen zur U-Bahn Station hinab, anstatt Zuhause in besagtem Bett zu bleiben. Es wäre ja auch zu schön gewesen um wahr zu sein.

      Er schniefte und trat in den Tunnel ein. Es herrschte Feierabendbetrieb, was bedeutete, dass hier alles überfüllt war und jeder an jeden anderen drängelte. Vin musste sich von der Masse tragen lassen, bis er die Absperrung überwunden hatte und zu seinem Gleis abbog. Hier war nicht weniger los und er suchte sich einen Platz abseits des größten Andrangs, um etwas Ruhe zu bekommen. Ein Blick auf die Anzeige zeigte ihm zwei Minuten an, bis seine Bahn kam. Dann zehn Minuten nachhause, weitere zehn Minuten weiter nachhause und er konnte sich ins Bett retten. 30 Minuten, maximal, bis all das hier überstanden wäre. Vielleicht ein kurzer Abstecher in den Laden nebenan für die besagten Instant Nudeln. Wobei, hatte er genug Geld? Er würde nachsehen müssen.
      Seine Nase fing an zu bluten.
      “Shit.”
      Vin war darauf vorbereitet. Es geschah an manchen Tagen mehrmals, zu anderer Zeit geschah wochenlang gar nichts und Vin dachte, dass er irgendwie auf wundersame Weise geheilt war. War er nicht. Es kam immer wieder, deswegen hatte er irgendwann den Kampf aufgegeben und sich einfach angewöhnt, ein Taschentuch zu viel einzupacken. Das drückte er sich jetzt unwirsch gegen die Nase.
      Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Tunnelwand. Oder noch eher wurde sein Blick wie magisch angezogen von einem dunklen, braunen Fleck, der dort direkt über dem Gleis klebte. Vin runzelte die Stirn.
      Da war ein Fleck, ganz toll. Da war auch ein Fleck zwanzig Zentimeter neben seinen Füßen auf dem Boden, was auch bräunlich und definitiv stinkend war. Der interessierte ihn doch auch nicht.
      Irritiert sah er weg. Die Anzeige gab an, dass der Zug gleich einfahren würde. Aus den Tunneln konnte man schon die Gleise quietschen hören.
      Er sah wieder hin. Der Fleck war noch da.
      Eine Ader in seiner Stirn begann zu pochen.
      Vin zog das Taschentuch weg und betrachtete es. Viel Blut war es nicht, aber es tropfte noch gemächlich nach. Er presste es wieder gegen die Nase. Sah zurück auf den Fleck.
      Was ist das? Und wieso konnte er nicht davon wegsehen, gepackt von einer eigentümlichen Faszination? Es war ein Fleck wie jeder andere auch, dunkel und braun und widerlich. Blut wahrscheinlich. Sogar ziemlich sicher.
      Er starrte noch immer darauf, als die U-Bahn einfuhr und ihm die Sicht versperrte. Die Türen öffneten sich und die Passagiere strömten in gewaltigen Mengen hinaus und dann hinein. Vin wollte eigentlich auch einsteigen - maximal 30 Minuten bis nachhause - aber er rührte sich nicht. Stattdessen starrte er auf die Stelle, wo er wusste, dass der Fleck dahinter lag.
      Was ist das?
      Die Türen schlossen sich. Die U-Bahn fuhr wieder an und anstatt sich darüber zu ärgern, auf die nächste warten zu müssen, war Vin erleichtert, dass sie aus seinem Blickfeld verschwand. Dass er den Fleck wieder sehen konnte.
      Der immernoch da war.
      Vin sah sich um. Er hatte schon gelernt, dass ihn manchmal diese Obsession packte, die ihn nicht mehr loslassen wollte, bis er sich darum gekümmert hatte. Normalerweise geschah das nur mit Zeichnungen und nicht mit Flecken an den Wänden von U-Bahn-Tunneln, aber tja, man veränderte sich nunmal im Leben. In jedem Fall wusste er, dass er in dieser Nacht nicht schlafen würde, wenn er sich jetzt nicht diesen Fleck ansah. Und zurückfahren wollte er ganz bestimmt nicht, wenn er schonmal Zuhause angekommen war.

      Die Station war jetzt wesentlich leerer als vorhin. Einige Leute waren noch da, aber Vin hatte sich abseits an des Ende der Platform gestellt, sodass ihm niemand Beachtung schenkte. Er sah zurück. Dann fasste er seinen Mut, trat an den Rand der Platform und ließ sich vorsichtig auf das Gleis hinab. Niemand hielt ihn auf, niemand rief ihm nach, niemand sprach ihn an. Er orientierte sich an den Schatten, die das diffuse U-Bahn-Licht ihm ließen und ging auf die andere Seite zu dem Fleck.
      Es war Blut, ganz sicher sogar. Es war Blut und jetzt, wo Vin direkt davor stand, spürte er einen unwiderstehlichen Drang, es anzufassen. Er hatte bereits die Hand danach ausgestreckt, bevor er sich wieder besinnen konnte.
      Das ist getrocknetes Blut auf der Wand eines U-Bahn-Tunnels. Das werde ich nicht anfassen!
      Dennoch benötigte es ihn einige Überwindung, die Hand wieder zurückzuziehen. Er drehte sich weg. So, jetzt hatte er diesen dämlichen Fleck gesehen, jetzt konnte er nachhause gehen. Problem gelöst. Wann fuhr die nächste Bahn?
      Sein Blick fiel in die Schwärze des U-Bahn-Tunnels, wo die Gleise verschwanden, und blieb dann dort hängen. Blieb dann dort auf einem Punkt hängen, als könne Vin in der Finsternis etwas sehen. Konnte er nicht, dennoch fühlte es sich plötzlich genauso intensiv an mit dem Blutfleck gerade eben. Als würde er… einen weiteren Blutfleck erspüren.
      Vin schnaubte. Das ist doch dämlich. Er würde jetzt wieder vom Gleis gehen, auf die Plattform klettern und sich Zuhause gründlich waschen, damit er nicht den ganzen U-Bahn-Schmutz ins Bett trug. Und dann würde er bitte diesen einen Fleck von tausenden vergessen, der aus einem unerfindlichen Grund seine Aufmerksamkeit erhascht hatte. So ein Blödsinn.
      Stattdessen ging er auf die Finsternis zu.
      Shit.
      Als er sich bewusst wurde, wohin ihn seine Füße trugen, war er bereits zur Hälfte mit der Dunkelheit verschmolzen. Schnell fummelte er sein Handy hervor und schaltete die Taschenlampe ein, nur um genau das zu sehen, was er befürchtet hatte: Ein weiterer Blutfleck. Und es war, als habe er ihn selbst in der Dunkelheit noch ausmachen können.

      Langsam wurde Vin mulmig zumute. Er hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und das lag nicht daran, dass er in der Dunkelheit auf dem Gleis stand und jederzeit der Zug einfahren könnte, dessen Scheinwerfer ihn in Tageslicht tauchen würden. Es lag einzig und allein an dem Blutfleck, der jetzt kurz vor ihm lag.
      Und da waren noch mehr, tiefer im Tunnel drinnen. Vin wusste es, ohne darüber nachzudenken, ohne seine Taschenlampe zu gebrauchen. Er konnte es einfach… spüren.
      Mit schlagendem Herzen setzte er sich wieder in Bewegung, weiter an den Gleisen entlang. Irgendwo mussten diese Flecken ja mal enden und dann würde er endlich erlöst sein.
      Schließlich blieb er vor einer Tür stehen. Sie führte vermutlich in irgendeinen Arbeiterbereich oder in weitere Tunnel, in denen Leitungen verliefen. Vin wusste jedenfalls, dass das Blut auch hier klebte, bevor er es gesehen hatte. Jemand war hier durchgegangen.
      Sein Nasenbluten verstärkte sich. Es durchweichte das Taschentuch und lief ihm über die Hand. Vin fluchte und kramte ein zweites heraus, dann versuchte er seine Hand einigermaßen sauberzumachen. Brachte nichts. Auf der anderen Seite klebte hier schon Blut an der Türklinke, da würde seins auch keinen Unterschied mehr machen.
      Er fasste an die Türklinke und drückte runter. Abgeschlossen.
      Natürlich.
      Entnervt rüttelte er daran. Jetzt war er schon soweit gegangen sich womöglich die Blöße vor all den Leuten zu geben, indem er hier aufs Gleis stieg, und dann entdeckte er nicht viel mehr als eine abgeschlossene Tür. Hätte er doch mal lieber den Zug nachhause genommen anstatt hier in der Dunkelheit herumzustolpern.
      Geh schon auf du verdammtes Teil.
      Irgendetwas knarzte in der Tür. Es hörte sich an als würde Rost abgeschliffen werden, dann machte es plötzlich Klick. Vin zögerte, dann drückte er die Tür auf.
      Sie war jetzt offen.
      Er blinzelte, dann sah er die Türklinke an. Seine Hand hatte einen leichten Händedruck darauf hinterlassen.
      Komisch.
      Erst dann fiel sein Blick ins Innere.
      Ein schmaler Gang führte hier entlang, dumpf und feucht. Alte, bröckelnde Wände umrahmten das finstere Innere, das von Vins Handy bis zur nächsten Ecke erleuchtet wurde. Dann bog der Gang ab.
      Vin setzte sich in Bewegung, gepackt von seiner Neugier. Er bog um die Ecke und folgte dem weiteren hauptsächlichen Verlauf. Links und rechts zweigten hin und wieder engere Gänge weg, dazwischen ein paar rostige und alte Türen, aber Vin blieb auf dem Hauptweg. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der hier der richtige war. Und schließlich endete er tatsächlich in einem größeren Raum.

      Eine alte U-Bahn-Station, wie es der erste Anblick vermittelte. Säulen, die hoch aufragten und eine bröckelnde Decke zu halten versuchten. Tageslicht strömte von oben herein und vermittelte die Perspektive, dass sie irgendwo direkt unter der Oberfläche waren. Vin hatte nur keine Ahnung wo genau.
      Er blieb stehen und seine Schritte, die in dem weiten Raum geklungen hatten, verhallten. Eine gespenstische Stille herrschte in dem Raum, eine dicke Atmosphäre, ganz als wäre Vin unter lauter unsichtbaren Leuten, die alle den Atem anhielten. Er fühlte sich beobachtet und wandte den Kopf, aber wohin er mit seinem Handy auch schien, er konnte nichts als die alte Station ausmachen. Alles war leer und verlassen.
      Plötzlich scharrte in der Entfernung eine Kette. Vin wirbelte herum und leuchtete mit dem Handy, aber er sah nichts als Säulen. Ging es dort hinten weiter? Was hatte das Geräusch verursacht?
      “... Hallo?”
      Seine Stimme hallte unangenehm laut. Er zuckte zusammen und blickte sich um, aber nirgends regte sich etwas. In einiger Entfernung huschte eine fette Ratte über dem Boden und verschwand genauso schnell aus seinem Lichtkegel wie sie gekommen war. Vins Herz schlug ihm bis zum Hals.
      “Ist hier jemand?”
    • „Hallo.“
      Das Wort schallte dumpf durch die verlassenen Hallen der Ruine und verlor sich irgendwo zwischen den hohen Säulen und den dunklen Seitengängen. Oder bildete Cael sich das nur ein? Für einen Moment regte er sich nicht, doch sein ganzer Körper spannte sich unwillkürlich an. Selbst nach all der Zeit war ein menschliches Wort etwas, das seine Aufmerksamkeit augenblicklich auf sich zog. Es klang anders als das ständige Gekicher und Gezische der Kobolde, anders als ihre gutturalen Laute, die längst zu einem Teil der Geräuschkulisse dieser verfluchten Ruine geworden waren. Ein Mensch. Cael legte den Kopf noch etwas weiter zur Seite und presste sein Ohr gegen den kalten Stein des Obelisken. Er lauschte angestrengt. Da war etwas. Vielleicht Schritte, vielleicht nur das Echo irgendeines Kobolds, das durch die alten Gänge getragen wurde. Sein Mund öffnete sich wie von selbst, doch kein Laut kam über seine Lippen. Was war mit ihm los? Er starrte in die Dunkelheit, als könnte er den Fremden allein mit seinem Blick erkennen, und spürte dabei etwas, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Hoffnung. Der Gedanke daran ließ ihn beinahe erschrocken zusammenzucken. Er durfte nicht hoffen. Hoffnung hatte ihm hier unten noch niemandem gebracht.

      Noch bevor er einen zweiten Versuch unternehmen konnte, drang plötzlich eine gehässige Stimme aus einer der dunklen Ecken. „Du! Mensch, hier! Du hast hier nichts zu suchen. Verlass uns sofort! Ansonsten wir dir zeigen, wer hier Sagen hat!“ Cael legte die Stirn in Falten. Da war sie wieder. Diese Stimme. Und damit war auch die letzte Unsicherheit verschwunden: Er hatte sich den Menschen nicht eingebildet. Irgendjemand war tatsächlich hier. Ein leises, beinahe spöttisches Lachen entwich Cael. „Ihr Feiglinge“, raunte er. Er kannte die Kobolde inzwischen gut genug, um ihre Worte richtig einzuordnen. Sie waren laut, wenn sie sich sicher fühlten, großspurig, wenn sie in der Überzahl waren, und sie drohten gern mit Dingen, die sie sich niemals trauen würden. Aber Angst zeigten sie selten. Und gerade hörte Cael genau diese Angst in ihren Stimmen.

      Sein Blick wanderte durch die Ruine. Jetzt, da er darauf achtete, konnte er sie erkennen: kleine Bewegungen in den Schatten, einen Kopf, der hinter einer brüchigen Mauer verschwand, kleine Gestalten, die hastig durch schmale Öffnungen huschten und in den oberen Bereichen der Ruine verschwanden. Die Kobolde zogen sich zurück. Sie versteckten sich. Tatsächlich hatte jemand sie aufgeschreckt.

      Caels Mundwinkel hob sich. Vielleicht war das seine Chance. Ein Mensch. Jemand, der nicht hier unten geboren war, jemand, der nicht zu den Kobolden gehörte und nicht an diesen verdammten Obelisken gekettet war. Vielleicht konnte dieser Fremde ihm helfen. Vielleicht konnte er ihn befreien. Der Gedanke war kaum entstanden und schon klammerte Cael sich daran. Er hob den Kopf vom kalten Stein und richtete sich so weit auf, wie es die Kette zuließ. „Hierher!“ Seine Stimme hallte durch die Ruine. Danach lauschte er angestrengt, doch nichts geschah. Cael biss sich langsam auf die Unterlippe. Vielleicht war der Fremde zu weit entfernt. Vielleicht hatte er ihn nicht gehört. Oder vielleicht hatte er Angst bekommen und war bereits wieder verschwunden. Der Gedanke daran ließ die Hoffnung in seiner Brust wieder kleiner werden.

      Wie lange war er schon hier? Er wusste es nicht. Tage und Nächte waren ineinander verschwommen. Die Erinnerungen an sein früheres Leben waren irgendwann genauso undeutlich geworden wie die Zeit selbst. Er wusste nicht mehr, wer er gewesen war, und nicht einmal, ob Cael überhaupt sein richtiger Name war. Nur die Schmerzen waren geblieben: tagsüber die Schwäche, nachts das Silber und dazwischen die Kobolde. Immer die Kobolde. Cael ließ sich langsam wieder am Obelisken hinabsinken. Der Stein fühlte sich kalt an seinem Rücken an. „Es hat doch alles keinen Sinn.“ Ein leises, bitteres Lachen folgte, während sein Blick auf den staubigen Boden vor seinen Füßen fiel. Zwischen alten Steinen und Geröll lagen verrottete Stofffetzen und Knochen, deren Ursprung er längst nicht mehr hinterfragte. Dies war sein Gefängnis, und manchmal fühlte es sich an, als wäre es gleichzeitig seine ganze Welt geworden.

      Doch dann durchbrachen erneut Geräusche die Stille. Schritte, schnell und hastig, dazu wieder die Stimmen der Kobolde. „Du Mensch! Du es noch bitter bereuen! Wir dich noch einmal warnen!“ Caels Kopf fuhr hoch und Zorn verdrängte die Verzweiflung. „Glaub ihnen kein Wort!“, donnerte seine Stimme durch die Halle. „Komm her und hilf mir! Dann halte ich dir diese kleinen Ratten vom Hals!“ Für einen Moment herrschte Stille, dann hörte Cael aufgeregtes Winseln. „Mensch darf Dämmerung nicht finden!“ – „Wir ihn müssen in Irre führen!“ Caels Augen verengten sich. „Stille!“, zischte eine andere Stimme. „Dämmerung uns hören kann!“ Natürlich konnte er sie hören. Die Kobolde schienen durch die Wände zu kriechen. Überall bewegte sich etwas. Schritte huschten über Stein, kleine Körper verschwanden in Ritzen und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Doch dann hörte Cael etwas anderes. Schritte, die nicht zu den Kobolden gehörten. Größer. Schwerer. Und sie kamen näher.

      Cael richtete sich auf und fixierte die Dunkelheit, aus der das Geräusch kam. Für einen kurzen Moment glaubte er tatsächlich, dort könnte der Fremde auftauchen. Der Mensch. Seine Erlösung. Doch aus dem Schatten trat lediglich ein Kobold. Cael konnte die Enttäuschung kaum unterdrücken. Der kleine Kerl blieb einige Schritte entfernt stehen, natürlich weit genug, dass Cael ihn nicht erreichen konnte. „Du! Dämmerung! Still sein!“ Cael starrte ihn an und lachte schließlich leise. „Zwing mich doch dazu.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich wieder gegen den Obelisken. „Na los. Bring mich zum Schweigen.“ Der Kobold trat einen Schritt näher. Cael beobachtete jede seiner Bewegungen. Noch einen Schritt. Dann blieb er stehen, immer noch außerhalb seiner Reichweite. Natürlich. Cael hatte mittlerweile gelernt, wie diese kleinen Kreaturen dachten. Sie waren feige, aber nicht dumm. Der Kobold hob eine Hand, als wollte er Cael einschüchtern, doch dann bemerkte Cael etwas. Die Augen des Kobolds wanderten immer wieder zur Dunkelheit hinter ihm. Nicht zu Cael. Dorthin. Er wollte ihn ablenken.
      „Ah.“ Cael neigte den Kopf und ein spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Du willst mich überlisten.“ Der Kobold blinzelte. „Böse Dämmerung!“ Cael gluckste leise. Seine Finger strichen über die Kette an seinem Hals. „Für jeden von euch, den ich erledigen kann, ist eine Plage weniger in dieser Welt, Kobold.“ Der Kobold zitterte. Dieses Mal lachte er nicht. Cael bemerkte es sofort. Etwas stimmte hier nicht. Die Kobolde hatten Angst vor ihm, das war nichts Neues, aber diese Angst war anders. Sie hatten Angst vor etwas, das sich außerhalb ihrer kleinen unterirdischen Welt befand. Cael schwieg einen Moment und entschied sich dann, den Kobold weiter mit Worten festzuhalten. Nicht körperlich, denn dafür stand er natürlich viel zu weit entfernt. Aber vielleicht konnte er dafür sorgen, dass dieser kleine Kerl beschäftigt blieb. Und vielleicht würde der Fremde währenddessen näherkommen.

      „Dann erzähl mir wenigstens, was hier los ist.“ Der Kobold schüttelte heftig den Kopf. „Dich nichts angehen.“ Caels Augen verengten sich. „Ihr habt Angst.“ – „Nein!“ – „Doch.“ – „Wir keine Angst!“ – „Natürlich nicht.“ Cael lächelte dünn. „Deshalb versteckt ihr euch auch alle in euren Löchern.“ Der Kobold fauchte ihn an. „Du unser Haustier! Keiner uns dich wegnehmen!“ Caels Gesicht erstarrte. Für einen Moment sagte er nichts. Dann entwich ihm ein tiefes, genervtes Raunen. „Haustier.“ Das Wort schmeckte bitter. Er hob langsam den Blick und sah den Kobold direkt an. „Ihr sperrt mich hier ein, hängt mir eine Silberkette um den Hals und nennt mich euer Haustier?“ Seine Stimme war plötzlich leiser und gefährlicher geworden. „Ihr habt wirklich keine Ahnung, was ihr da festhaltet.“

      Der Kobold wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Cael bemerkte es sofort. Und irgendwo tief in ihm regte sich wieder diese kleine, hartnäckige Hoffnung. Der Mensch war noch da. Er musste noch da sein. Cael wusste nicht, wer er war, warum er gekommen war oder ob er tatsächlich helfen konnte. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, dass sich etwas in seinem Gefängnis verändert hatte. Etwas war in Bewegung geraten. Und wenn die Kobolde solche Angst davor hatten, dass dieser Mensch ihn fand, dann wollte Cael verdammt noch einmal herausfinden, warum.
    • Die Antwort kam aus der Finsternis zu seiner Linken.
      „Du! Mensch, hier! Du hast hier nichts zu suchen. Verlass uns sofort! Ansonsten wir dir zeigen, wer hier Sagen hat!“
      Vin fuhr sofort herum und schwenkte seinen Lichtkegel. Er konnte flüchtig eine Bewegung in der Dunkelheit ausmachen, die aber in dem Moment verschwand, als das Licht auf sie traf. Sein Herz machte einen unangenehmen Satz.
      Wir? Die Stimme hatte sich angehört wie ein... ziemlich gehässiges Kind. Waren hier Jugendliche unterwegs? Aber Jugendliche, die in einem abgeschotteten Bereich neben der U-Bahn in der Dunkelheit hockten? Das passte irgendwie nicht, fand Vin, und auch nicht die nasale Sprechweise des... wer auch immer. Insgesamt passte die ganze Situation nicht. Warum war er auch so fixiert auf die Blutflecken gewesen? Was war nur los mit ihm?
      Er sollte wieder gehen. Endlich die Bahn nachhause nehmen und diese ganze Gruselgeschichte vergessen. Sich seine Nudeln gönnen, denn das hatte er sich sicherlich verdient. Den Fernseher anschmeißen. Ins warme Bett verkriechen.
      Er drehte auf dem Absatz um.
      „Hierher!“
      Diese Stimme kam von der anderen Richtung. Sie war lauter, gehörte definitiv einem ausgewachsenen Mann und war mit einem Unterton belegt, der Vin innehalten ließ. Er schwenkte den Lichtkegel, sah Bewegung blitzartig verschwinden und starrte dann angestrengt in die Dunkelheit. Die Station war definitiv größer als er gedacht hatte.
      "Hallo? Wer ist da?"
      Keine Antwort. Dafür rollte irgendwo Kies über den Boden und an einer anderen Stelle knackte es. Die alten Gemäuer einer alten Station, schätzte Vin.
      Er zögerte. Fasste sich an die Nase und überprüfte sein Bluten, aber mittlerweile hatte es wieder aufgehört. Starrte wieder angestrengt in die Dunkelheit.
      Dann setzte er sich doch wieder in Bewegung, diesmal in Richtung der Stimme. Wenn er überfallen wurde dann... nun, dann hatte er sich das selbst eingebrockt. Ganz eindeutig.
      Diesmal achtete er darauf, leiser zu gehen. Nach dem Moment der Stille kamen ihm seine Schritte noch viel lauter vor und er beschien den Boden, um nicht auf sämtliche Steine zu treten und zum lauten Knirschen zu bringen. Ratten flitzten vor seinem Licht davon und er verzog angewidert das Gesicht, ging aber weiter. Er wollte wissen, wer da gerufen hatte. Er wollte außerdem wissen... keine Ahnung. Ob bei ihm noch alle Tassen im Schrank waren. Das wollte er aber schon sein Leben lang wissen.
      Er schien die Säulen entlang und bog dann um eine Kurve. Gerade wollte er den nächsten Schritt machen, als er von vorne Stimmen hören konnte. Sie hallten zu ihm herüber.
      „Dich nichts angehen.“
      Vin blieb stehen. Er fühlte sich nicht angesprochen, aber die Stimme war wieder so nasal und nerventötend wie zuvor, dafür anders. Jemand anderes von diesen Wir, auf die er immernoch keine Antwort erhalten hatte.
      Er zögerte kurz, dann schaltete er sein Licht aus. Die Dunkelheit war ihm im Moment lieber als diesen ganzen Wir zu zeigen, wo er sich herumtrieb. Die Stimmen vor ihm schienen ihn jedenfalls noch nicht bemerkt zu haben.
      „Ihr habt Angst.“
      Da war wieder die andere Stimme, die des Mannes. Sie klang kratzig, als wäre sie etwas heiser. Es war unmöglich ihren Besitzer einzuschätzen, was über Erwachsener hinausging.
      „Nein!“
      „Doch.“
      „Wir keine Angst!“
      „Natürlich nicht. [b]Deshalb versteckt ihr euch auch alle in euren Löchern.“[/b]
      Vin runzelte die Stirn. Dieser Mann wusste definitiv, was hier los war. Und es klang fast so, als wäre er selbst nicht Teil davon. Vielleicht würde dieser hier ihm eine Antwort geben.
      „Du unser Haustier! Keiner uns dich wegnehmen!“
      Haustier? Das klang...
      Unter anderen Umständen hätte sich das für Vin wie perverser Sexclub angehört, aber nicht in einer verlassenen U-Bahn-Station und auch nicht mit einer Stimme, die sich nach einem Kind anhörte. Und mit der Heiserkeit der anderen Stimme. Hier ging definitiv etwas nicht mit rechten Dingen zu.
      Er beschloss, sich vorsichtig vorzuwagen. Seine Augen hatten sich noch nicht vollständig an die Dunkelheit gewöhnt, aber das bröckelnde Tageslicht von oben half ihm zumindest, einen vorsichtigen Schritt vor den nächsten zu setzen. Langsam kam er den Stimmen näher, sie wurden lauter. Sie mussten jetzt fast direkt vor ihm liegen.
      „Ihr sperrt mich hier ein, hängt mir eine Silberkette um den Hals und nennt mich euer Haustier?“, sagte der Mann gerade und etwas in seiner Stimme änderte sich. Vin blieb wieder stehen.
      „Ihr habt wirklich keine Ahnung, was ihr da festhaltet.“
      Vin hätte die Worte beinahe nicht verstanden, so leise wurden sie gesprochen, aber den Tonfall verstand er allemal. Er zog ihm durch den Rücken und bescherte ihm eine instinktive Gänsehaut. Die Haare auf seinem Nacken stellten sich auf.
      Plötzlich bekam er es mit der Angst zu tun. Ganz abgesehen davon, dass ihn womöglich gleich jemand erstechen oder erschießen könnte, bildeten seine Augen ihm ein, Gestalten in der Dunkelheit zu sehen, wie sie miteinander verschmolzen, wie sie wuchsen und auf ihn zukamen. Richtige Angst bekam er, ausgelöst von der plötzlich so bedrohlichen Stimme. Er nestelte an seinem Handy herum und bekam das Licht wieder angeschaltet. Der Kegel erfasste zwei Gestalten vor ihm.
      Die eine war klein und schien sich Hundeohren aufgesetzt zu haben. Sie ging Vin gerade mal zur Hüfte, wenn überhaupt. Sie stand mit dem Rücken zu ihm.
      Die andere war ein Mann, der auf dem Boden saß. Sein Hals war von einem mittelalterlich wirkenden Eisenring umschlossen, der hinter ihm an einem Obelisken festgemacht war. Er war schmutzig, seine Kleidung war an einigen Stellen zerrissen und seine Haare waren verfilzt. Auf Vin machte er im ersten Augenblick den Eindruck eines Obdachlosen.
      Aber Obdachlose waren gewöhnlich nicht an einen Obelisken gekettet wie so ein Hund. Haustier, schoss es Vin unmittelbar durch den Kopf und er starrte mit offenem Mund. Das konnte ja wohl nur ein schlechter Scherz sein.
      Getroffen von dem Licht wirbelte der kleine Mann zu ihm herum und der andere blinzelte mehrmals, offensichtlich nicht an die Helligkeit gewöhnt. Vin fühlte sich plötzlich wie auf dem Präsentierteller.
      "Äh... Was ist hier los?"
    • Das Licht der Taschenlampe traf den Kobold mit einer solchen Plötzlichkeit, dass dieser erschrocken zusammenzuckte. Für einen Wimpernschlag wich das höhnische Grinsen aus seinem Gesicht, bevor sich seine schmalen Lippen zu einem wütenden Fauchen verzogen. Cael hingegen blinzelte mehrmals gegen die Helligkeit an und brauchte einen Moment, um die Gestalt hinter dem kleinen Eindringling überhaupt richtig wahrzunehmen. Ein Mensch. Tatsächlich ein Mensch. Kein weiterer Kobold, der sich einen Spaß daraus machte, ihn mit falschen Versprechungen zu quälen, keine Einbildung seines längst überstrapazierten Verstandes. Da stand jemand aus der Welt über ihnen, mit einem leuchtenden Gerät in der Hand und einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Verwirrung und blankem Entsetzen lag. Cael hätte beinahe gelacht. Der Anblick war geradezu erbärmlich. Und doch spürte er, wie sich etwas in ihm regte, das er längst für tot gehalten hatte. Hoffnung, verdammt noch mal. Diesmal war sie nicht nur ein flüchtiger Gedanke, sondern stand leibhaftig wenige Schritte vor ihm.

      Der Kobold schien das ähnlich zu sehen, allerdings keineswegs mit derselben Begeisterung. Seine gelblichen Augen huschten zwischen Vin und Cael hin und her, während er die kleinen Hände zu Fäusten ballte. „Du! Was du hier machen?“, quiekte er und machte einen Satz auf den Menschen zu. Für einen Moment sah es aus, als wollte er sich direkt auf ihn stürzen. Seine Haltung verriet, dass er den Eindringling am liebsten sofort aus der Ruine gejagt hätte – notfalls mit Zähnen und Klauen. Schließlich durfte kein Mensch diesen Ort entdecken, und schon gar keiner, der bis zu ihrem Gefangenen vorgedrungen war. Doch gerade als der Kobold zum Angriff ansetzte, erklang aus den Schatten ein scharfes Zischen. „Nicht! Dummkopf! Du ihn nicht anfassen!“ Eine zweite Stimme mischte sich ein, diesmal aus einer anderen Richtung. „Mensch nicht wissen, was hier ist. Mensch wieder gehen!“ Der kleine Angreifer hielt tatsächlich inne. Seine Schultern zuckten vor unterdrückter Wut, während er sich unsicher umsah. Offenbar war ihm nicht entgangen, dass er gerade selbst beinahe einen Fehler begangen hatte. Cael verfolgte das Schauspiel mit wachsendem Interesse. Es war selten, dass einer dieser kleinen Mistkerle auf andere hörte, wenn er erst einmal beschlossen hatte, jemanden einzuschüchtern.

      „Was ist hier los?“, wiederholte Cael schließlich die Frage des Menschen, wobei sich ein schiefes Lächeln auf seine Lippen legte. Seine Stimme klang rau, als hätte er sie seit Tagen nicht benutzt, und tatsächlich lag darin mehr Spott, als die Situation eigentlich rechtfertigte. „Das ist eine verdammt gute Frage. Wenn du die Antwort herausfindest, sag mir Bescheid. Ich sitze schon eine Weile hier und bekomme nur ausgesprochen schlechte Gesellschaft.“ Er warf dem Kobold einen vielsagenden Blick zu, der prompt die Zähne fletschte. Cael ließ sich davon nicht beeindrucken. Stattdessen musterte er den Fremden genauer. Er wirkte nicht wie jemand, der freiwillig in eine verlassene Ruine unter einer U-Bahn-Station hinabgestiegen war, um sich mit Kobolden anzulegen. Eher wie jemand, der gerade überlegte, ob er träumte oder ob er sich besser schleunigst in Sicherheit bringen sollte. Cael konnte es ihm kaum verdenken. Wäre er an Vins Stelle, hätte er vermutlich ebenfalls an seinem Verstand gezweifelt. Andererseits war der Mensch bis hierher gekommen. Das allein musste doch etwas bedeuten.

      „Nicht zuhören!“, kreischte plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit. „Dämmerung lügt! Dämmerung böse!“ Eine andere fiel sofort ein. „Du ihn nicht helfen! Du Kette nicht lösen! Er uns alle töten!“ Caels Lächeln gefror für einen kurzen Moment. Dann schnaubte er verächtlich und ließ den Kopf gegen den Obelisken sinken. Natürlich. Kaum tauchte eine mögliche Gelegenheit auf, mussten die Kobolde versuchen, sie ihm wieder zunichtezumachen. „Hört nicht auf diese kleinen Lügner“, sagte er, diesmal deutlich ernster, und richtete den Blick wieder auf Vin. „Sie erzählen dir alles, was nötig ist, damit du dich umdrehst und verschwindest. Das ist ihre Spezialität. Neben dem Verstecken und dem feigen Herumschleichen.“ Er zog probeweise an der Kette, die daraufhin mit einem metallischen Klirren über den Stein schabte. „Wie du siehst, bin ich im Augenblick nicht unbedingt in der Position, irgendjemandem etwas anzutun. Also, wenn du mir einen Gefallen tun willst, könntest du vielleicht erst einmal herausfinden, wie man dieses verdammte Ding loswird.“

      Der Kobold gab ein wütendes Knurren von sich und wich schließlich einen Schritt zurück. Seine Augen funkelten im Licht der Taschenlampe, doch der Mut, den er eben noch zur Schau gestellt hatte, schien ihm abhandengekommen zu sein. „Nein! Mensch gehen! Dämmerung frei, Dämmerung uns bestrafen! Er böse Dinge machen! Er Blut nehmen! Knochen brechen!“ Die Stimmen aus den dunklen Gängen wurden lauter und überschlugen sich beinahe. „Er lügt!“, rief eine. „Er uns jagen!“, kreischte eine andere. „Wir ihn gefangen, weil er Monster!“ Cael schloss für einen Moment die Augen. Die Worte waren nicht neu. Er hatte sie oft genug gehört, in unzähligen Variationen, begleitet von Gelächter, Drohungen und dem Brennen des Silbers. Dennoch hinterließen sie einen bitteren Nachgeschmack. Monster. Vielleicht war er eines. Vielleicht auch nicht. Er wusste es nicht mehr. Er wusste nur, dass er hier nicht bleiben wollte. Und dass er diesen verfluchten Kobolden irgendwann alles heimzahlen würde, was sie ihm angetan hatten.

      Als Cael die Augen wieder öffnete, lag in seinem Blick ein gefährlicher Glanz. „Siehst du? Jetzt wird es interessant. Eben war ich noch ihr Haustier, und jetzt bin ich plötzlich ein blutrünstiges Monster.“ Ein leises, freudloses Lachen entwich ihm. „Entscheide selbst, wem du glauben möchtest.“ Er ließ den Blick kurz über die Kette an seinem Hals gleiten, ehe er Vin wieder ansah. „Aber falls du vorhast, wieder nach Hause zu gehen, solltest du wissen, dass du den Weg hierher nicht zufällig gefunden hast. Diese Ruine ist gut versteckt. Und die Kobolde werden nicht besonders begeistert sein, wenn du jemandem davon erzählst.“ Er machte eine kurze Pause, während irgendwo hinter den Säulen hastige Schritte erklangen. „Ich würde an deiner Stelle also sehr genau überlegen, ob ich ihnen wirklich den Rücken zukehren möchte.“ Seine Worte waren bewusst ruhig gesprochen, doch unter der Oberfläche lag eine Dringlichkeit, die selbst Cael nicht ganz verbergen konnte. Er wusste nicht, wer dieser Mensch war oder was ihn hierhergeführt hatte. Aber er war da. Und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit bestand die Möglichkeit, dass sich die Tür seines Gefängnisses tatsächlich öffnen könnte.
    • Der kleine Kerl machte einen so plötzlichen Sprung auf Vin zu, dass er zurückzuckte. Er sah wirklich merkwürdig aus; seine Augen waren geschlitzt und gelblich und seine Haut schien ganz ledrig. Was ging hier vor? Andernorts hätte Vin ihn dem Zirkus zugeordnet, aber das hier war definitiv kein Platz für irgendeine Art von Entertainment.
      „Du! Was du hier machen?“
      Für einen kurzen Moment sah er so aus, als wolle er Vin beißen, doch dann fauchte eine ähnliche Stimme aus der Dunkelheit:
      „Nicht! Dummkopf! Du ihn nicht anfassen! Mensch nicht wissen, was hier ist. Mensch wieder gehen!“
      "Wer...?"
      Vin wandte den Kopf, aber er wollte das Licht nicht von den beiden Typen vor ihm nehmen und so konnte er in der Dunkelheit nichts erkennen. Da waren definitiv mehr Leute versteckt. Vor ihm versteckt? Das war doch lächerlich.
      Dann sprach der angekettete Mann.
      „Was hier los ist? Das ist eine verdammt gute Frage. Wenn du die Antwort herausfindest, sag mir Bescheid. Ich sitze schon eine Weile hier und bekomme nur ausgesprochen schlechte Gesellschaft.“
      Er saß schon eine Weile hier? Sollte das dann stimmen mit dem... Haustier? Vin schluckte. Wo war er da nur hineingeraten?
      „Nicht zuhören!“ Wieder eine Stimme aus der Dunkelheit, woanders. „Dämmerung lügt! Dämmerung böse!“
      Dämmerung?
      „Du ihm nicht helfen! Du Kette nicht lösen! Er uns alle töten!“, geiferte jemand anderes.
      Vin fühlte sich eingeengt. Ihm gefiel die ganze Sache hier nicht, ganz und gar nicht. Er machte einen Schritt zurück, überlegte, ob er wegrennen sollte. Den Weg zum Ausgang fand er bestimmt noch und so wie es aussah würde ihn niemand aufhalten.
      „Hör nicht auf diese kleinen Lügner.“
      Wieder der angekettete Mann. Vin sah ihn an.
      „Sie erzählen dir alles, was nötig ist, damit du dich umdrehst und verschwindest." Als ob er seine Gedanken erraten hätte. "Das ist ihre Spezialität. Neben dem Verstecken und dem feigen Herumschleichen. Wie du siehst, bin ich im Augenblick nicht unbedingt in der Position, irgendjemandem etwas anzutun. Also, wenn du mir einen Gefallen tun willst, könntest du vielleicht erst einmal herausfinden, wie man dieses verdammte Ding loswird.“
      Vin starrte ihn an. Er wollte im Moment eigentlich niemandem einen Gefallen tun. Er war einem verdammten Blutfleck gefolgt, dann hatte er eine Tür aufgemacht und eine alte Station gefunden, was zu einem anderen Zeitpunkt sicher eine coole Sache gewesen wäre. Aber jetzt waren hier Leute und irgendwas gruseliges ging vor sich und Vin fühlte sich überhaupt nicht in der Lage, irgendwas zu tun. Er war doch nur irgendein Typ auf dem Heimweg! Wie war er denn in so eine Paralleldimension gerutscht?
      „Nein!" Wieder der kleine Kerl. "Mensch gehen! Dämmerung frei, Dämmerung uns bestrafen! Er böse Dinge machen! Er Blut nehmen! Knochen brechen! Wir ihn gefangen, weil er Monster!“
      "Was?" Sollte das ein Scherz sein? Knochen brechen? Monster?
      „Siehst du? Jetzt wird es interessant." Wieder der angekettete Mann. "Eben war ich noch ihr Haustier, und jetzt bin ich plötzlich ein blutrünstiges Monster. Entscheide selbst, wem du glauben möchtest. Aber falls du vorhast, wieder nach Hause zu gehen, solltest du wissen, dass du den Weg hierher nicht zufällig gefunden hast. Diese Ruine ist gut versteckt. Und die Kobolde werden nicht besonders begeistert sein, wenn du jemandem davon erzählst. Ich würde an deiner Stelle also sehr genau überlegen, ob ich ihnen wirklich den Rücken zukehren möchte.“
      "Kobolde?"
      Jetzt machte es Sinn, dass der kleine Kerl so komisch aussah. Ein Kobold! Und in der Finsternis mussten noch mehr von ihnen sein. Existierten sie wirklich? Vin hätte es niemals geglaubt.
      "Du bist ein Kobold?"
      "Gehen!", kreischte der Kleine so aufgebracht, als ob er sich gleich doch noch auf Vin stürzen würde. Vin wich wieder einen Schritt zurück, dann überlegte er sich anders. Er machte einen unsicheren Schritt vorwärts.
      Der Kobold wich vor ihm zurück als wäre jetzt er derjenige mit den scharfen Zähnen. Aha. Definitiv eine große Klappe, aber nichts dahinter. Vin machte noch einen Schritt und diesmal sah der Kobold unsicher aus, als er zurück tänzelte.
      "Mensch gehen! Nachhause gehen! Nichts gesehen hier, gar nichts!"
      In der Dunkelheit glaubte er das Schaben von Stein zu hören. Bis vor einem Moment war Vin sich noch sicher gewesen, den Ausgang zu erreichen, würde er es darauf anlegen, aber jetzt trafen ihn mit einem Schlag die Zweifel. Kobolde hielten sich doch in Gruppen auf, nicht? Und wenn eine solche Gruppe genau in diesem Moment hinter ihm anschlich, um ihn den Weg zurück zu versperren?
      Getroffen von Panik wirbelte er doch herum und schwenkte sein Handy. Diesmal sah er ganz eindeutig kleine Körper, die vor dem Licht davonpreschten und verschwunden waren, bevor er sie hätte identifizieren können. Es waren aber ganz sicher mehr als drei. Viel mehr.
      Er wich zurück, erinnerte sich an die beiden anderen und schwenkte doch wieder herum. Der Kobold war so nahe an den Mann zurückgewichen, dass er gerade noch außerhalb seiner Kette lag. Er starrte hasserfüllt zu Vin auf.
      "Gehen! Jetzt sofort!"
      Hinter ihm konnte Vin es kriechen und knirschen hören. Aus irgendeinem Grund tat sich vor seinem inneren Auge das Bild eines Rattenschwarms auf. Er drehte sich wieder um und wich weiter zurück.
      Jetzt war er fast auf Höhe mit dem angeketteten Mann. Irgendwie fühlte er sich hier sicherer, als könne die Präsenz des Mannes ausreichen, die Kobolde zurückzuhalten. Konnte sie ganz sicher nicht, aber Vin war nicht unbedingt klar im Kopf, um darüber nachzudenken.
      Er sah den Mann an. "Bist du ein Mörder oder so?"
      Das letzte was er gebrauchen konnte war, von einem Obdachlosen Straftätigen abgestochen zu werden. Das wäre ein hässliches Ende für sein junges Leben.
      Diesmal erklangen Schritte aus der Finsternis, ganz viele kleine, leichte Schritte. Seine Nähe zu dem Mann schien die Kobolde aufgescheucht zu haben und als er jetzt sein Licht schwenkte, konnte er in der fernen Dunkelheit Gesichter ausmachen. Mit hasserfüllten Augen stierten sie ihn an. Es waren wirklich viele.
      Vin bekam es mit der Angst zu tun. Er wandte sich dem Mann zu.
      "Versprich mir, dass du mir keine Knochen brichst, wenn ich dich befreie. Und äh... kein Blut nimmst. Versprich es."
      "Nein!", kreischten die Kobolde und plötzlich waren es noch mehr. Sie schienen als Masse vorzudringen, mutiger in der Menge als alleine. Hektisch wich Vin bis zu dem Mann zurück und packte seine Kette. Er hielt ihn nicht davon ab.
      Vin hatte mit einem normalen Schlüsselloch gerechnet, aber das gab es nicht einmal. Der eiserne Ring war solide und mit schweren Gliedern mit dem Obelisken verbunden, der kunstvoll verziert war. Vin zerrte an der einen und dann an der anderen Halterung, ohne Erfolg zu verzeichnen.
      Die Kobolde rückten näher.
      "Ich habe keine Ahnung, wie das aufgeht", sagte er und in seiner Stimme lag tiefe Angst. Er schwenkte das Licht noch einmal und sah die Kobolde weiter nach vorne dringen. Die vordersten wurden bereits schneller wie zum Angriff. Vin wandte sich wieder dem Obelisken zu.
      "Ist da irgendwo ein Knopf?"
      Er sah auf die eine und dann die andere Seite, aber kein Anzeichen von einem Knopf. Kein Anzeichen von irgendwas.
      Seine Nase fing wieder an zu bluten. Heute war es besonders schlimm. Vin wischte es mit dem Handrücken fort, aber es tropfte gleich nach. Ein Tropfen landete auf dem Boden, auf der Kette, auf der Schulter des Mannes.
      "Tut mir leid. Shit. Ich weiß nicht -"
      Er hatte die Hand wieder auf den Obelisken gelegt, um ihn womöglich umzustoßen oder irgendwie zu neigen. Stattdessen floss das Blut auf seiner Handfläche ab, als würde es in den Stein hineingezogen. Binnen einer Sekunde war es auf dem Stein und bewegte sich dort, als hätten die Ritzen der Verzierungen eine eigene Anziehungskraft.
      Vin zuckte zurück und starrte mit geweiteten Augen. Sein Blut floss gezielt in die Aussparungen und ließ sie prominent hervorstechen. Als ob jemand mit Farbe malen würde.
      Es war längst nicht genug, um alle Symbole auszufüllen. Hinter ihm schrien die Kobolde aufgebracht. Jetzt war kaum mehr etwas zwischen ihnen bis auf den angeketteten Mann.
      Vin dachte nicht weiter darüber nach, wischte sich mit einer hastigen Geste das Blut von der Nase und drückte die Hand auf den Obelisken. Die Zeichen füllten sich.
      Und dann brach die Kette auf.
    • Mit Anspannung in jeder Faser seines Körpers verfolgte Cael die aufgeheizte Unterhaltung zwischen dem Menschen und dem Kobold, der sich im schwachen Licht der brüchigen Ruine vor ihm aufgebaut hatte. Das Dämmerblut kannte ihre Taktiken nur zu gut. Wie immer versuchten die kleinen hinterhältigen Kreaturen, den Fremden mit List und Tücke in die Irre zu führen, ihn einzuschüchtern und schließlich zur Flucht zu bewegen. Während sie ihn mit Warnungen und Drohungen überschütteten, rückten sie allmählich näher. Es raschelte und zischte an den Rändern des Lichtkegels, auf dem steinernen Boden, in den verfallenen Gängen und hinter den mächtigen Säulen, die die Reste der Ruine trugen. Immer wieder huschten kleine Gestalten durch die Dunkelheit, nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden. Wie Ratten, die sich aus ihren Löchern wagten, sobald sie glaubten, ihre Beute ausreichend eingeschüchtert zu haben.

      Für Cael war diese Ruine ein Gefängnis, ein Ort, an dem die Zeit ihre Bedeutung verloren hatte und Hoffnung zu einem grausamen Scherz geworden war. Er wusste nicht einmal mehr genau, wie lange er bereits an diesen verdammten Obelisken gekettet war. Er wusste nur, dass er alles dafür gegeben hätte, endlich wieder selbst über seine Schritte bestimmen zu können. Und nun stand da plötzlich dieser Mensch, ein Fremder, der sich offenbar nur auf dem Heimweg befunden hatte und durch irgendeinen unglücklichen Zufall in die verborgene Welt geraten war. Cael hatte zunächst kaum mehr als eine weitere Gelegenheit gesehen, sich die Zeit mit etwas Spott zu vertreiben. Was sollte dieser Kerl schon ausrichten? Er war weder bewaffnet noch wirkte er sonderlich mutig. Tatsächlich sah er aus, als wäre er mit der gesamten Situation bereits heillos überfordert.

      Als Vin sich umwandte und mit seinem Handy in die Dunkelheit leuchtete, konnte Cael die zahlreichen Gestalten erkennen, die sich darin bewegten. Er musste nicht einmal zählen, um zu wissen, dass es zu viele waren. Die Kobolde waren mutig, solange sie sich in der Überzahl befanden, und genau das machte sie gefährlich. Besonders dann, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlten oder glaubten, jemand könnte ihre sorgsam gehüteten Geheimnisse nach draußen tragen. Und dieser Mensch hatte ihre Zuflucht gefunden. Cael unterdrückte einen Fluch. Wenn Vin jetzt umkehrte, würden die Kobolde ihn vielleicht gehen lassen. Vielleicht aber auch nicht. Es hing davon ab, wie groß ihre Angst vor einer Entdeckung war und wie weit sie bereit waren zu gehen, um ihre Existenz geheim zu halten. Cael wusste nur zu gut, dass sie dabei keine Skrupel kannten.

      Als Vin schließlich in seiner Nähe stehen blieb, kaum mehr als einen Schritt von ihm entfernt, musste Cael sich beherrschen, um nicht erleichtert aufzuatmen. Der Mensch schien seine Nähe instinktiv zu suchen, als könne er ihn vor den Kobolden schützen. Eine geradezu absurde Vorstellung, wenn man bedachte, dass Cael sich nicht einmal weit genug vom Obelisken entfernen konnte, um einem Angriff auszuweichen. Dennoch schwieg er. Wenn der Mensch in seiner Nähe bleiben wollte, würde er ihm diese Illusion nicht nehmen. Dann kam die Frage, ob er ein Mörder sei, und Cael hätte beinahe gelacht. Die Absurdität der Situation war kaum zu überbieten. Da stand ein Fremder, der gerade von einer Horde Kobolde bedroht wurde, und machte sich Sorgen, ausgerechnet der angekettete Mann könnte ihm etwas antun. Ein Mörder? Vielleicht. Kommt darauf an, wen du fragst. Der Gedanke war ihm so deutlich durch den Kopf geschossen, dass er einen Moment lang versucht war, ihn laut auszusprechen. Doch er ließ es bleiben und beobachtete stattdessen, wie Vin sich immer wieder nach den näher rückenden Gestalten umsah.

      Als der Mensch schließlich seine Bedingungen stellte – keine gebrochenen Knochen, kein Blut –, wusste Cael nicht, ob er lachen oder den Kopf schütteln sollte. Der Kerl verhandelte tatsächlich mit ihm, als wäre er ein wildes Tier, das man nur mit den richtigen Versprechungen davon abhalten konnte, sich auf den nächsten Menschen zu stürzen. Dabei war es nicht einmal völlig abwegig, dass Vin Angst vor ihm hatte. Cael konnte nicht behaupten, in den vergangenen Monaten viele Gelegenheiten gehabt zu haben, seine friedliche Seite unter Beweis zu stellen. Und selbst wenn er es gewollt hätte, hätte er dem Menschen kaum glaubhaft versichern können, dass er vollkommen harmlos war.

      Harmlos. Das Wort ließ ihn innerlich bitter auflachen. Die Kobolde hatten ihn schließlich nicht ohne Grund so lange gefangen gehalten. Sie wussten, dass er ihnen gefährlich werden konnte, wenn sie ihm jemals die Gelegenheit dazu gaben. Cael senkte den Blick. Er hätte dem Menschen gerne versprochen, dass ihm nichts geschehen würde. Doch er war nicht dumm genug, leichtfertig Versprechen abzugeben, solange er nicht einmal wusste, ob der Mensch ihm tatsächlich helfen konnte. Und trotzdem ließ ihn etwas an Vin zögern. Vielleicht war es die offensichtliche Angst, die ihn trotz allem nicht sofort zur Flucht trieb. Vielleicht war es schlicht die Tatsache, dass er sich überhaupt die Mühe machte, nach einer Möglichkeit zu suchen, die Fesseln zu lösen. Oder Cael war nach all der Zeit einfach verzweifelt genug, um sich an jeden noch so kleinen Hoffnungsschimmer zu klammern.

      Sein Blick glitt zurück zum Obelisken, als Vin begann, die Kette zu untersuchen. Er beobachtete, wie der Mensch an den schweren Gliedern zerrte, die Halterungen überprüfte und schließlich die Oberfläche des Steins nach irgendeinem Mechanismus absuchte. Cael hätte ihm sagen können, dass er sich das sparen sollte. Er hatte es selbst oft genug versucht – mit bloßen Händen, mit aller Kraft und einer Wut, die ihn zeitweise beinahe den Verstand gekostet hatte. Er hatte an den Ketten gerissen, den Obelisken verflucht und jede noch so kleine Unebenheit nach einer Schwachstelle abgesucht. Nichts hatte geholfen. Die Kette waren nicht einfach nur aus Silber. Etwas hielt sie an Ort und Stelle, etwas, das Cael weder verstand noch zu überwinden vermochte. Es war, als wäre der Obelisk selbst ein Teil des Gefängnisses, als gehörten die Fesseln ebenso zu ihm wie die seltsamen Zeichen, die sich über seine Oberfläche zogen. Und nun stand dieser Mensch davor und suchte nach einem Knopf.
      Cael musste unwillkürlich schmunzeln. Wenn es nur so einfach wäre. Das Schmunzeln verschwand, als Vin sich über die Nase wischte. Cael fragte sich kurz, ob es mit der Angst oder der Anstrengung zusammenhing, doch bevor er sich weiter damit beschäftigen konnte, fiel ein Tropfen auf den Stein. Zunächst hätte er sich nichts dabei gedacht, wenn das Blut nicht begonnen hätte, sich zu bewegen. Es floss nicht einfach hinab, sondern zog gezielt in die feinen Rillen der Verzierungen, als würde etwas es anziehen. Cael erstarrte. Für einen Moment glaubte er, sich das Ganze einzubilden. Doch das Blut verschwand nicht, sondern bahnte sich seinen Weg durch die kunstvoll gearbeiteten Zeichen und ließ sie nach und nach hervortreten.

      Ein kalter Schauer lief Cael über den Rücken. Er hatte diesen Obelisken oft genug gesehen, um seine Verzierungen zu kennen, und doch wirkten die Vertiefungen nun anders, beinahe lebendig. Hinter Vin brach aufgeregtes Kreischen aus. Die Kobolde hatten ebenfalls bemerkt, was geschah. Ihre Stimmen überschlugen sich, und für einen kurzen Moment klang ihre Empörung beinahe wie Panik. Cael riss den Blick vom Obelisken los und sah zu ihnen hinüber. Die kleinen Gestalten drängten noch immer näher, doch ihre Bewegungen hatten etwas von ihrer vorherigen Entschlossenheit verloren. Einige wichen zurück, während andere sich gegenseitig zu etwas anzustacheln schienen. Was auch immer hier geschah, es gefiel ihnen nicht. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit verspürte Cael so etwas wie Genugtuung.

      Dann drückte Vin seine blutige Handfläche auf den Stein. Cael hielt unwillkürlich den Atem an, als sich die Zeichen mit Blut füllten und ein Muster über die Oberfläche des Obelisken zog, das er nicht verstand. Ein tiefes Knacken hallte durch die Ruine, der Stein schien zu beben, und für einen winzigen Augenblick glaubte Cael, eine Vibration durch seine Fesseln zu spüren. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wagte kaum, sich zu bewegen. Zu oft hatte er sich bereits vorgestellt, dass die Ketten nachgaben, nur um kurz darauf wieder feststellen zu müssen, dass er noch immer gefangen war. Doch diesmal war etwas anders. Ein scharfes Krachen zerriss die Stille. Die Kette um seinen Hals sprang auf.

      Cael starrte auf die losen Kettenglieder, die schlaff gegen den Obelisken schlugen. Für einen Moment schien die Welt um ihn herum stillzustehen. Die Schreie der Kobolde, das Rascheln ihrer Schritte und selbst das Geräusch von Vins Atem drangen nur noch wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Er war frei. Der Gedanke wollte sich nicht in seinem Kopf festsetzen. Zu unwirklich war das Geräusch der zerbrochenen Kette, zu lange hatte er auf genau diesen Augenblick gewartet. Seine Finger zitterten, als er vorsichtig einen Schritt nach vorn machte. Seine Beine fühlten sich steif an, als hätten sie vergessen, wie man ihn trug. Er schwankte kurz, fing sich jedoch wieder und blickte ungläubig auf die nutzlosen Ketten.

      Dann hob er den Kopf. Die Kobolde waren verstummt, zumindest für einen Moment. Ihre kleinen Gesichter zeichneten sich im schwachen Licht ab, und in ihren gelblichen Augen lag etwas, das Cael nur zu gut kannte: Angst. Ein Lächeln legte sich langsam auf sein Gesicht. Es war kein freundliches Lächeln, sondern ein dunkles, beinahe ungläubiges Grinsen, getragen von einer Erleichterung, die er kaum in Worte hätte fassen können.

      „Na, sieh einer an“, murmelte er heiser. Seine Stimme klang rau, als müsste er sich erst wieder daran gewöhnen, sie zu benutzen. „Und ich dachte schon, ich müsste hier Wurzeln schlagen.“ Er wandte sich Vin zu. Zum ersten Mal, seit der Mensch die Ruine betreten hatte, konnte Cael ihn ansehen, ohne dass die Ketten zwischen ihnen ihn daran erinnerten, wie hilflos er gewesen war. Sein Blick wanderte über das blasse Gesicht des Fremden, blieb kurz an dessen blutiger Nase hängen und schließlich an seiner Hand liegen. Unzählige Fragen drängten sich ihm auf. Woher kam dieses Blut? Warum hatte es den Obelisken aktiviert? Was war Vin, wenn er mit einer einzigen Berührung etwas bewirken konnte, woran Cael so lange gescheitert war? Doch keine dieser Fragen war in diesem Moment so wichtig wie die Tatsache, dass er frei war.

      Cael atmete tief durch. Die Luft schmeckte noch immer nach feuchtem Stein, Staub und den modrigen Überresten einer längst vergangenen Zeit. Trotzdem fühlte sie sich anders an als zuvor. Vielleicht war es nur die Erleichterung, endlich wieder selbst über seinen Körper bestimmen zu können. „Du hast mich tatsächlich befreit“, sagte er schließlich. Die Worte waren leiser, als er beabsichtigt hatte. Für einen Moment verlor sein Gesicht jeden spöttischen Ausdruck, und in seinen Augen lag eine Offenheit, die er selbst kaum von sich kannte. Er war Vin dankbar, verdammt dankbar sogar. Doch er wusste nicht, wie er das sagen sollte, ohne sich damit verletzlich zu machen. Also räusperte er sich und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Ich nehme an, das bedeutet, dass ich dir etwas schulde.“

      Doch das nervöse Wispern der Kobolde erinnerte ihn daran, dass die Sache noch lange nicht vorbei war. Cael wandte sich der Dunkelheit zu, krümmte langsam die Finger und richtete sich ein wenig auf. „Ihr solltet euch überlegen, ob ihr wirklich hierbleiben wollt“, sagte er ruhig. „Ich fürchte nämlich, meine Geduld ist nach all der Zeit ziemlich aufgebraucht.“

      Die Neugier war inzwischen stärker als seine Fassungslosigkeit. „Und du wirst mir hoffentlich erklären, wie du das gerade angestellt hast.“ Ein leises, ungläubiges Lachen entwich ihm, während er einen letzten Blick auf die zerbrochenen Ketten warf. „Aber vielleicht erst, nachdem wir hier raus sind.“
    • Vin hätte niemals gedacht, dass es funktioniert, wobei "es" ein ziemlich weitläufiger Begriff dafür war, was gerade geschehen war. Was war denn geschehen? Der Stein hatte irgendwie sein Blut aufgesogen und dann die Kette gelöst. Vin konnte sich das immernoch nicht erklären.
      Doch der Mann war jetzt befreit und er stand nach einem überraschten Blick auf die gesprungenen Ketten auf. Er war groß, doch anscheinend hatte er schon lange hier gesessen; seine Kleider schlotterten an seinem unterernährten Körper, seine Haut war schmutzig und sein Haar war verfilzt. Vin konnte unter dem Dreck Muster erkennen, was wohl ein Tattoo sein musste, doch im Moment hatte er wenig Aufmerksamkeit dafür übrig. Sein Blick hing an den dunklen Augen, die sich ihm zuwandten.
      Der Mann studierte ihn, so wie Vin ihn studierte. Er schien genauso überrascht darüber, was soeben geschehen war, wie Vin es war, doch im Gegensatz zu Vin zeigte er es nicht besonders. Lediglich ein „Du hast mich tatsächlich befreit“ kam heiser hervor, was angesichts der Lage verständlich war. Vin nickte nur schwach, unfähig, sich eine Antwort zu überlegen. Was antwortete man denn auf sowas schon?
      „Ich nehme an, das bedeutet, dass ich dir etwas schulde.“
      "Nicht der Rede wert", sagte Vin, warf dann aber doch einen unsicheren Blick auf die Kobolde. Sie waren für den Moment stehengeblieben, aber noch immer versperrten sie ihren Rückweg. Womöglich wäre es ganz gut, wenn der Mann ihm als Ausgleich wieder zurück zur U-Bahn half.
      Der Mann wandte sich wieder den Kobolden zu, scheins ohne jegliche Angst.
      „Ihr solltet euch überlegen, ob ihr wirklich hierbleiben wollt. Ich fürchte nämlich, meine Geduld ist nach all der Zeit ziemlich aufgebraucht.“
      Die Kobolde reagierten darauf mit empörten, zischenden Lauten, aber sie kamen nicht näher. Noch immer waren sie vor Angst gegenüber dem Mann wie erstarrt.
      Er sah wieder Vin an.
      „Und du wirst mir hoffentlich erklären, wie du das gerade angestellt hast. Aber vielleicht erst, nachdem wir hier raus sind.“
      "Ja." Vin warf den Kobolden auch einen Blick zu. "Das ist eine gute Idee. Das zweite, meine ich. Äh, wir werden dort entlang müssen."
      Er beleuchtete den Weg, den er hierher gekommen war, nur, dass dort sich jetzt die Kobolde tummelten. Der Mann hatte damit aber keinerlei Probleme. Er marschierte los, genau auf die Herde zu. Nach einem grauenhaften Moment, in dem Vin dachte, hier einfach zurückgelassen werden zu können, hastete er ihm erst nach und beleuchtete den Boden. Überraschenderweise machten die Kobolde keinen zweiten Versuch, ihnen zu nahe zu kommen. Sie wichen vor ihnen zurück und teilten sich wie ein Fischschwarm, nur um hinter ihnen wieder zusammenzufließen. Aufgebracht zischten sie sich gegenseitig zu, aber niemand wagte den ersten Schritt. Dabei hätten sie mit ihrer Anzahl die beiden Männer leicht aufhalten können.
      Vin war es nur recht. Er eilte dem Mann hinterher zwischen den Säulen hindurch und deutete dann auf den Gang, durch den er gekommen war. Hier übernahm er die Führung, um sich zu orientieren. Aus dieser Perspektive sah alles anders aus, aber das ferne Rumpeln und Quietschen der U-Bahn gab ihm die nötige Orientierung, um sich doch noch zurechtzufinden. Sie erreichten die Tür und Vin zog sie auf.
      Der schale Wind der U-Bahn traf sie in dem dunklen Tunnel und dazu das Geräusch der fahrenden Züge. Vin sah sich in beide Richtungen des Gleises um, überwältigt davon, wieder in dem Tunnel zu stehen. Es war, als hätte wäre er aus der Parallel-Dimension zurückgekehrt.
      Er sah zu dem Mann zurück und deutete in eine Richtung.
      "Da ist die Station. Lass uns da hingehen und dann..." Und dann was? Sollte er ihn zur Polizei bringen? Ins Krankenhaus vielleicht? Der Typ sah definitiv danach aus, als ob er Hilfe gebrauchen könnte. Vin hatte nur keine Ahnung, was man in einem solchen speziellen Fall tun konnte. Gefangen gehalten von Kobolden - wer würde ihnen das denn glauben? Niemand. Vin könnte sich mit dem Typen gleich mit einweisen lassen.
      Er entschied, dass das ein Problem für nachher war und ging los. Nachdem sein Handy das einzige Licht bot, zog der andere ihm nach.
      Sie erreichten die Platform, wo Vin an der Stelle hochkletterte, an der er vorhin - es schien eine Ewigkeit her zu sein - hinunter gegangen war. Oben drehte er sich um und half dem Mann nach oben.
      Die Leute starrten sie komisch an, aber das war auch zu erwarten gewesen. Aus Reflex sah Vin zur Anzeige hoch; zwei Minuten bis zur nächsten Bahn nachhause. Als wäre er niemals weggewesen.
      "Soll ich dich ins Krankenhaus bringen? Oder zur Polizei? Ich bin Vin, übrigens. Äh, ich bin... das klingt jetzt wirklich schräg, aber ich bin einem Fleck gefolgt. Und habe die Tür gefunden. Das war alles."
    • Die Freiheit kam so unvermittelt, dass Cael für einen Moment nicht wusste, was er mit ihr anfangen sollte. Noch eben hatte das Gewicht der Kette an seinem Hals gehangen, hatte ihn bei jeder Bewegung daran erinnert, dass dieser verfluchte Obelisk sein Gefängnis war. Nun lagen die zerbrochenen Glieder auf dem steinernen Boden, und nichts hielt ihn mehr zurück. Er starrte auf das Metall, als könnte es sich jeden Augenblick wieder zusammenfügen, ehe er langsam die Hand hob und über die wunde Stelle an seinem Hals strich. Der Schmerz war vertraut, beinahe beruhigend in seiner Verlässlichkeit. Dass er sich tatsächlich bewegen konnte, ohne von der Kette zurückgerissen zu werden, fühlte sich hingegen falsch an. Zu einfach. Zu unwirklich. Als der Fremde meinte, er schulde ihm nichts, warf Cael ihm einen kurzen Seitenblick zu. Ein merkwürdiger Mensch. Oder ein ausgesprochen dummer. Vielleicht auch beides.

      Die Kobolde wichen zurück, als Cael sich in Bewegung setzte. Ihre Furcht hätte ihm Genugtuung bereiten sollen, und ein Teil von ihm genoss es durchaus, sie nach all den Jahren endlich einmal selbst zurückweichen zu sehen. Dennoch kostete es ihn einiges an Kraft, sich aufrecht zu halten. Seine Beine fühlten sich steif an, als gehörten sie jemand anderem, und jeder Schritt erinnerte ihn daran, wie lange er an diesen Ort gebunden gewesen war. Er zwang sich, nicht langsamer zu werden. Den Kobolden wollte er keine Schwäche zeigen, ganz gleich, wie sehr sein Körper ihn im Stich zu lassen drohte. Erst als sie den dunklen Gang hinter sich ließen und das Geräusch der U-Bahn wieder deutlicher wurde, wagte er einen tieferen Atemzug. Der Lärm, der Geruch nach Metall, Staub und abgestandener Luft – all das hätte ihn eigentlich beruhigen müssen. Stattdessen löste es eine Flut von Fragen aus, die sich so heftig in seinen Kopf drängten, dass er für einige Schritte kaum noch wahrnahm, wohin er überhaupt ging.

      Wie war er hierhergekommen? Wer hatte ihn an diesen Obelisken gekettet, und aus welchem Grund? Die Kobolde hatten ihn ein Monster genannt, ein blutrünstiges Wesen, vor dem sie sich schützen mussten. War das tatsächlich die Wahrheit, oder war es nur eine weitere Lüge gewesen, mit der sie ihre Grausamkeit rechtfertigten? Er wusste, was sie ihm angetan hatten. Er erinnerte sich an das Brennen des Silbers, an Hunger, an Stimmen, die ihn aus dem Dunkeln verspotteten, und an die endlosen Stunden, in denen er sich gewünscht hatte, einfach zu verschwinden. Doch alles, was davor lag, war nichts als ein schwarzer Abgrund. Kein Gesicht, das er hätte zuordnen können. Kein Ort, an den er sich erinnerte. Nicht einmal ein Name, der sich wie sein eigener anfühlte. Wer war er, bevor sie ihn hierhergebracht hatten? Der Gedanke ließ ihn beinahe stolpern. Er fing sich, indem er die Hand kurz gegen die Wand presste, und setzte seinen Weg fort, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte gerade erst die Freiheit wiedererlangt. Er würde sich nicht von den eigenen Fragen überwältigen lassen, bevor er überhaupt wusste, was diese Freiheit wert war.

      Als sie schließlich die Station erreichten, blieb Cael für einen Moment stehen. Das Licht schien ihm greller, als es sein sollte, und die Bewegung der Menschen auf dem Bahnsteig wirkte beinahe unwirklich. Fremde Gesichter, hastige Schritte, Gespräche, das ferne Quietschen einer einfahrenden Bahn. Die Welt hatte sich keinen Deut verändert, während er in der Dunkelheit verrottet war. Niemand schien zu bemerken, dass er gerade aus einem unterirdischen Albtraum zurückgekehrt war. Ein paar Menschen warfen ihm und Vin neugierige Blicke zu, manche starrten unverhohlen auf seine verdreckte Kleidung und sein eingefallenes Gesicht, doch keiner von ihnen schien auch nur im Entferntesten zu ahnen, was sich unter ihren Füßen verbarg. Cael ließ den Blick skeptisch über den Bahnsteig wandern. Er traute dieser Normalität nicht. Zu lange hatte er in einer Welt gelebt, in der jede scheinbar harmlose Bewegung eine Falle sein konnte. Erst Vins Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Krankenhaus. Polizei. Zwei Möglichkeiten, die für einen gewöhnlichen Menschen vermutlich vernünftig klangen.

      Cael wandte den Kopf zu ihm und musterte ihn eingehend. Vin, hatte er gesagt. Der Name blieb vorerst in seinem Gedächtnis hängen, während er sich fragte, wie viel er diesem Fremden tatsächlich anvertrauen konnte. Immerhin hatte der Mann ihn befreit, ohne überhaupt zu wissen, wen oder was er da aus den Ketten löste. Das war entweder ein Zeichen bemerkenswerter Hilfsbereitschaft oder ein Beweis dafür, dass Vin die Gefahr, in die er sich begeben hatte, noch nicht ansatzweise verstand. Vielleicht würde sich das bald ändern. „Cael“, antwortete er schließlich, nachdem ihm bewusst geworden war, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hatte. Er hielt kurz inne, und sein Blick wanderte unwillkürlich zu den Menschen, die sich auf dem Bahnsteig bewegten. „Zumindest ist das der Name, den ich kenne. Ob er mir wirklich gehört, kann ich dir nicht sagen.“ Die Worte kamen ihm schwerer über die Lippen, als er erwartet hatte. Es war eine seltsame Sache, nicht einmal den eigenen Namen mit Gewissheit nennen zu können. Noch seltsamer war, dass er sich nicht daran erinnern konnte, jemals einen anderen gehabt zu haben. Er senkte den Blick für einen Moment und strich sich mit den Fingern durch das verfilzte Haar, ohne damit sonderlich viel auszurichten. „Ich kann mich an vieles nicht erinnern. Vor allem nicht daran, wie ich dort unten gelandet bin.“

      Als Vin erklärte, er sei lediglich einer Blutspur gefolgt und dadurch auf die verborgene Tür gestoßen, zog Cael die Augenbrauen zusammen. Blut. Das Wort löste etwas in ihm aus, einen kaum greifbaren Impuls, den er nicht sofort einordnen konnte. Er ließ sich jedoch nichts anmerken und konzentrierte sich stattdessen auf die Frage, die Vin ihm gestellt hatte. „Die Polizei wird mir nicht helfen können. Und ein Krankenhaus erst recht nicht.“ Seine Stimme klang härter, als er beabsichtigt hatte, doch er hatte weder die Geduld noch die Kraft, sich auf die Vorstellung einzulassen, irgendjemandem in einer Uniform erklären zu müssen, dass er jahrelang von Kobolden gefangen gehalten worden war. Was hätte er ihnen sagen sollen? Dass er nicht wusste, wer er war, wie lange er verschwunden gewesen war oder weshalb er sich an nichts vor seiner Gefangenschaft erinnern konnte? Dass irgendwo unter einer U-Bahn-Station Wesen hausten, die in den Augen eines jeden vernünftigen Menschen nur aus einem Märchen stammen konnten? Sie würden ihn für verrückt halten, ihn untersuchen, ihm Fragen stellen, auf die er keine Antworten hatte, und ihn womöglich wieder an einen Ort bringen, aus dem er nicht mehr herauskam. Nein. Er hatte genug davon, dass andere über sein Leben bestimmten. „Ich muss selbst herausfinden, was mit mir passiert ist. Und ich bezweifle, dass mir dabei jemand helfen kann, der nicht einmal glauben würde, was ich ihm erzähle.“

      Während er sprach, fiel sein Blick auf Vins Hand. Genauer gesagt auf die Stelle, an der sich das Blut befunden hatte, das den Obelisken offenbar dazu gebracht hatte, die Kette zu lösen. Zunächst war da nur eine dunkle Verfärbung, die sich kaum von Schmutz oder einem Schatten unterschied. Doch als Cael genauer hinsah, erkannte er die Linien, die sich unter der Haut abzeichneten, unregelmäßig und zugleich von einer unheimlichen Ordnung. Das Zeichen wirkte, als wäre es nicht einfach aufgemalt worden, sondern als hätte es sich in die Haut eingebrannt. Dunkel wie altes, längst geronnenes Blut. Cael verstummte mitten im Gedanken. Seine Augen verengten sich, und die Anspannung, die er bisher mit Mühe unter Kontrolle gehalten hatte, kehrte schlagartig zurück. Langsam richtete er sich etwas gerader auf, obwohl sein Körper gegen die Bewegung protestierte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und die feinen Härchen in seinem Nacken stellten sich auf.

      Er kannte dieses Gefühl. Nicht aus einer konkreten Erinnerung – dafür lag zu viel Dunkelheit zwischen ihm und seinem früheren Leben –, sondern aus einem tief sitzenden Instinkt, der älter zu sein schien als seine bewussten Gedanken. Das Zeichen war kein gewöhnlicher magischer Abdruck. Es trug die Spur einer uralten Macht in sich, einer Magie, die so tief in der Welt verwurzelt war, dass selbst die Zeit sie nicht hatte auslöschen können. Mächtig. Gefährlich. Und für seinesgleichen ein Grund, sich besser nicht in ihre Nähe zu begeben. Cael wusste nicht, woher dieses Wissen kam, und gerade das beunruhigte ihn beinahe mehr als das Zeichen selbst. Für einen Augenblick war es, als hätte sich hinter der Mauer seiner verlorenen Erinnerungen etwas bewegt – etwas Dunkles, das er besser nicht wecken sollte. Er sah Vin nun nicht mehr nur als den Fremden an, der ihn befreit hatte. Da war etwas an ihm, das Cael nicht verstand, etwas, das ihn mit der Magie des Obelisken verband. Vielleicht hatte Vin ihn nicht einfach zufällig gefunden. Vielleicht war auch die Befreiung kein Zufall gewesen.

      „Vin.“ Cael sprach den Namen diesmal langsamer aus, ohne den Blick von dem dunklen Mal zu lösen. Als er schließlich wieder in Vins Gesicht sah, war der Spott aus seinen Zügen verschwunden. „Was genau hast du da unten gemacht? Ich meine nicht, wie du die Kette gelöst hast. Ich will wissen, was mit deinem Blut passiert ist.“ Er zögerte, während sein Blick noch einmal zu dem Zeichen zurückglitt. Er hätte am liebsten Abstand genommen, doch er zwang sich, stehen zu bleiben. Flucht war keine Lösung, wenn er nicht einmal wusste, wovor er davonlaufen sollte. „Dieses Mal ist keine gewöhnliche Magie. Es ist alt. Sehr alt.“ Seine Stimme wurde leiser, beinahe widerwillig, als müsste er sich selbst davon überzeugen, dass er die Worte tatsächlich aussprach. „Und wenn ich recht habe, dann solltest du verdammt vorsichtig damit sein.“ Cael schwieg einen Moment. Die Fragen in seinem Kopf waren nicht weniger geworden; im Gegenteil, sie hatten sich vervielfacht. Wer hatte ihn gefangen gehalten? Warum hatte Vin ausgerechnet ihn gefunden? Und weshalb konnte ein Mensch mit einem einzigen Tropfen Blut eine Magie auslösen, vor der selbst Cael instinktiv zurückschreckte? Er hatte keine Antworten. Aber zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit gab es jemanden, der vielleicht zumindest einen Teil davon mit ihm herausfinden konnte. „Ich glaube, wir sollten reden. Und zwar irgendwo, wo uns nicht jeder zweite Mensch anstarrt.“
    • „Cael“, stellte der andere sich zunächst vor. Vin nickte, obwohl er so einen Namen noch nie gehört hatte. Hörte sich exotisch an.
      "Cael. Das ist ein ungewöhnlicher Name."
      „Zumindest ist das der Name, den ich kenne. Ob er mir wirklich gehört, kann ich dir nicht sagen.“
      "Oh." Etwas peinlich berührt über den vorherigen Kommentar kratzte er sich am Kinn. "Ist ja nicht so schlimm. Ist ein guter Name. Hört sich... hm... mysteriös an."
      Cael senkte den Blick und fuhr sich durch sein verfilztes Haar. „Ich kann mich an vieles nicht erinnern. Vor allem nicht daran, wie ich dort unten gelandet bin.“
      Nun, das beantwortet zumindest die nächste Frage, die Vin gleich gestellt hätte, nämlich wie Cael nur da runtergekommen war. Woher hätte er aber sein Gedächtnis verlieren sollen? Wie lange war er überhaupt dort unten gewesen?
      „Die Polizei wird mir nicht helfen können", sagte Cael gleich weiter. "Und ein Krankenhaus erst recht nicht. Ich muss selbst herausfinden, was mit mir passiert ist. Und ich bezweifle, dass mir dabei jemand helfen kann, der nicht einmal glauben würde, was ich ihm erzähle.“
      "Ja. Ja, wahrscheinlich, du hast recht."
      Vin hatte es sich schon selbst gedacht, aber was waren die Alternativen? Cael einfach hier stehenlassen und darauf vertrauen, dass er sich selbst helfen konnte? Hatte er überhaupt ein Zuhause? Wie lange war er denn nun dort unten gewesen?
      Vin sah zur Anzeige nach oben - noch eine Minute bis zum Zug. Im Angesicht der Ereignisse kam ihm sein Drängen nachhause zu kommen irgendwie kindisch vor, als hätte er keine größeren Probleme. Hatte er auch nicht, bis vor etwa zehn Minuten, als er die Existenz von Kobolden entdeckt hatte. Und von einem Mann, der von ihnen gefangen gehalten worden war.
      „Vin.“
      Diesen Mann sah Vin jetzt wieder an und bemerkte, dass er seine Aufmerksamkeit auf seine Hand gerichtet hatte. Vin sah auf das getrocknete Blut hinab, das an seinen Fingern und seinem Handrücken klebte; er ballte die Faust und ekelte sich vor sich selbst. Er würde sich Zuhause gründlich waschen müssen.
      „Was genau hast du da unten gemacht? Ich meine nicht, wie du die Kette gelöst hast. Ich will wissen, was mit deinem Blut passiert ist.“
      "Mit meinem Blut?"
      Vin wurde nervös. Er redete nicht gern darüber, immerhin hatte er sein ganzes Leben damit verbracht herausfinden zu wollen, was mit ihm falsch war. Er wollte nicht, dass auch noch ein Fremder diese Falschheit auffiel.
      "Das war doch der Obelisk. Der Obelisk hat... irgendwas gemacht."
      „Dieses Mal ist keine gewöhnliche Magie. Es ist alt. Sehr alt. Und wenn ich recht habe, dann solltest du verdammt vorsichtig damit sein.“
      Irgendwas an Caels Stimme jagte Vin einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Er sah sich seine Hand noch einmal an und das Zeichen, das die Muster dort bildeten. Ein ungewöhnliches Muttermal hatten die Ärzte es stets genannt, wobei keiner von Vins Eltern oder Verwandten etwas ähnliches hatte. Jedenfalls war es auch nichts ansteckendes, aber Magie? Alte Magie? Vin sah Cael wieder an.
      "Wovon redest du?"
      „Ich glaube, wir sollten reden. Und zwar irgendwo, wo uns nicht jeder zweite Mensch anstarrt.“
      Vin zögerte. Er sah wieder auf seine Hand, dann wieder auf die Anzeige. Zug fährt ein, in der Entfernung war schon das Rauschen zu hören. Die anderen Leute drängten sich erwartungsvoll an den Rand der Platform.
      Er sah wieder Cael an, Cael mit dem schmutzigen Gesicht und den dunklen Augen, die einen eindringlichen Ausdruck bekommen hatten. Die Stimme des Kobolds kam ihm in den Sinn, die etwas von Blut und Knochenbrechen plärrte, während sie Cael als gefährlich erklärte. Jetzt, im Licht der Station, wirkte er mit den schmutzigen Haaren und dem durchdringenden Blick umso verwegener. Niemand, dem Vin freiwillig nähergekommen wäre, wenn er ihn an einer dunklen Ecke in der Stadt gesehen hätte.
      Aber er schien etwas über Vin zu wissen oder zumindest über sein Blut und obwohl Vin die Hoffnung schon lange aufgegeben hatte, spürte er sie doch wieder aufkeimen. Vielleicht konnte er doch wieder normal werden. Niemals hätte Cael darauf kommen können, dass Vins Blut ihm so zusetzte und deswegen konnte er womöglich etwas bewerkstelligen. Vielleicht konnte er Vin heilen.
      Die Bahn fuhr ein. Vin wurde kurzzeitig von den Lichtern geblendet, dann gingen die Türen auf. Leute strömten heraus, andere drängten hinein. Vin fasste einen Entschluss.
      "Komm. Ich weiß einen Ort."
      Er ging auf die geöffneten Türen zu und warf Cael einen Blick zu.
      "Solange du trotzdem versprichst, mich nicht umzubringen."
      Dann lächelte er aber leicht als Zeichen guten Willens und ging hinein. Cael folgte dicht hinter ihm.

      Die Fahrt war zwar nur zehn Minuten, aber nachdem sie - und vor allem Cael - aus allen Richtungen angestarrt wurden und sich sogar niemand zu ihnen setzen wollte, kam es Vin so vor, als würden sie eine halbe Ewigkeit fahren. Unruhig blickte er aus dem Fenster und wippte mit dem Bein, nur um doch wieder zurückzuziehen und Cael anzuschauen, der mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht nach draußen blickte. Kurz war Vin davor, ihn danach zu fragen, wie lang er dort unten gewesen war, dann tat er es aber doch nicht. In der unangenehmen Stille der starrenden Reisenden wollte er nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sie ziehen.
      Sie stiegen an der Endstation aus und gingen die Treppe nach oben. Vin zog seine Jacke fester um sich, als ihn oben ein kühler Nieselregen traf. Feinstes englisches Wetter. Er sah Cael an, der keine Jacke hatte, und schlug ein schnelles Tempo an.
      "Ist nicht weit, nur ein paar Straßen."
      Sie eilten durch ein kühles London in ein ärmeres Viertel, wo die Häuser sichtlich heruntergekommen waren. Vin blieb vor einem Mehrparteienhaus stehen, das zu klein für die Anzahl an Parteien schien, und kramte seine Schlüssel heraus. Eine der Klingeln war mit einem abgewetzten "Vin Anderson"-Namensschild versehen.
      "Sorry, ist der einzige Ort, an dem wir wirklich ungestört sind. Ich versuche dich auch nicht umzubringen, versprochen."
      Er stieß die Tür auf, die in ihren Angeln hin und her wackelte und stieg die ewige Treppe nach oben.
      Zumindest hatte er zwei Zimmer, eines, das Küche und Wohnzimmer in einem war und sein Schlafzimmer. Das Wohnzimmer war mit einer braunen Couch schon völlig ausgefüllt, die Küche hatte zumindest vier Herdplatten. Nach den Standards des Viertels konnte Vin sich also als reich einschätzen. Die Wände waren mit Vins neuesten Tätowierungen gefüllt.
      Er streifte sich die Schuhe ab und drehte sich etwas schuldbewusst zu Cael um. Er wollte etwas sagen, da wurde ihm schlagartig bewusst, dass Cael sich mit großen Augen umsah. Er musste weiß Gott wie lange dort unten gehockt haben und jetzt brachte Vin ihn einfach in seine Wohnung hoch. Er sah völlig fehl am Platz aus.
      "Oh, äh, willst du dich vielleicht frisch machen? Ich kann dir ein Handtuch geben und zeigen, wie die Dusche funktioniert. Es dauert etwa so zwei Minuten bis das Wasser warm ist und dann ist es nach so fünf Minuten wieder kalt, aber wenn du schnell bist, kannst du dich aufwärmen. Willst du etwas, äh, trinken?"

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • Cael hatte Vins zögerliche Reaktion durchaus bemerkt. Die Art, wie der Mensch den Blick von seiner Hand abwandte, die Faust schloss und sich beinahe entschuldigend an ihn wandte, verriet ihm, dass das Thema unangenehm war. Er kannte diesen Ausdruck. Oder glaubte zumindest, ihn zu kennen. Vielleicht hatte er selbst einmal so auf Fragen reagiert, auf die er keine Antwort geben wollte. Doch seine eigenen Erinnerungen waren ein verschlossener Raum, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Reaktion des anderen vorerst hinzunehmen. „Der Obelisk hat also irgendetwas gemacht?“, wiederholte er mit einem skeptischen Unterton. „Das ist eine ausgesprochen genaue Beschreibung.“ Ein flüchtiges, schiefes Lächeln huschte über seine Lippen, verschwand jedoch rasch wieder. Er wollte Vin nicht bedrängen. Noch nicht. Aber er würde sich mit dieser Erklärung auch nicht zufriedengeben. Dafür war das Zeichen zu mächtig gewesen, dafür hatte die Kette zu bereitwillig nachgegeben. Es war kein Zufall gewesen. Dessen war er sich ziemlich sicher.

      Als Vin schließlich zustimmte und ihn bat, ihn nicht umzubringen, entwich Cael ein heiseres Lachen. Es klang ungewohnt in seiner eigenen Kehle, beinahe rostig, als hätte er verlernt, wie man lachte. „Ich werde mir Mühe geben.“ Er ließ einen kurzen Moment verstreichen, ehe er mit einem schmalen Grinsen ergänzte: „Aber ich kann dir nichts versprechen, wenn du mich weiterhin mit Fragen löcherst.“ Es war ein Scherz, zumindest sollte es einer sein. Dass Vin tatsächlich Grund haben könnte, sich vor ihm zu fürchten, wollte Cael vorerst nicht weiter vertiefen. Er wusste selbst nicht, was er war oder wozu er fähig sein konnte. Und solange er das nicht wusste, würde er sich hüten, dem Fremden unnötig Angst zu machen. Als die Türen der Bahn sich schlossen, suchte er sich einen Platz, von dem aus er den Wagen überblicken konnte. Die neugierigen Blicke der Fahrgäste ignorierte er weitgehend. Er war sich seiner Erscheinung durchaus bewusst: die schmutzige Haut, die verfilzten Haare, die zerschlissene Kleidung und der ausgemergelte Körper. Er musste aussehen, als wäre er gerade aus einem Grab gekrochen. Vielleicht war das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

      Während die Bahn durch die Tunnel ratterte, beobachtete Cael die vorbeiziehenden Lichter und die dunklen Scheiben, in denen sich sein eigenes Spiegelbild abzeichnete. London. Der Name sagte ihm nichts, und doch war da etwas Vertrautes an der Stadt, an den Geräuschen und dem gleichmäßigen Rumpeln der Züge. Er versuchte, sich an einen anderen Ort zu erinnern, an ein Zuhause oder wenigstens an ein Gesicht, das ihm etwas bedeutet hatte. Doch jedes Mal, wenn er nach einem Bild griff, zerfiel es zu nichts. Wie lange hatte er gefehlt? Wochen? Monate? Jahre? Die Kobolde hatten ihn nicht gerade mit Informationen versorgt. Vielleicht war er schon so lange dort unten gewesen, dass niemand mehr nach ihm suchte. Vielleicht hatte es ohnehin niemanden gegeben, der ihn vermisst hätte. Der Gedanke hinterließ einen unangenehmen Druck in seiner Brust, den er nicht näher betrachten wollte. Stattdessen ließ er den Blick wieder aus dem Fenster wandern und nahm wahr, wie Vin neben ihm unruhig mit dem Bein wippte. Der Mensch schien mindestens ebenso viele Fragen zu haben wie er selbst. Nur stellte er sie nicht. Cael wusste nicht, ob er das als Rücksicht oder Misstrauen deuten sollte.

      Als sie schließlich ausstiegen und die Station verließen, schlug ihnen der kühle Nieselregen entgegen. Cael blieb kurz auf der obersten Stufe stehen und hob das Gesicht in den feinen Regen. Die kleinen Tropfen auf seiner Haut waren eine beinahe absurde Erfahrung. Frische Luft. Regen. Der Geruch der Stadt. Dinge, die er vermutlich früher für selbstverständlich gehalten hatte. Er schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, ehe er Vin folgte. Der Weg durch das Viertel führte sie an heruntergekommenen Häuserfassaden, schmalen Straßen und vereinzelten Passanten vorbei. Cael sagte wenig. Er war damit beschäftigt, seine Umgebung aufzunehmen und sich zugleich daran zu gewöhnen, nicht mehr in jeder dunklen Ecke eine Gefahr vermuten zu müssen. Als sie schließlich vor dem Mehrparteienhaus anhielten, betrachtete er das abgewetzte Namensschild an der Klingel. Vin Anderson. Ein Name, der nun einen Ort hatte. Eine Adresse. Ein Zuhause. Cael fragte sich unwillkürlich, ob er selbst jemals so etwas besessen hatte.

      Er folgte Vin die Treppen hinauf und trat schließlich in die Wohnung. Für einen Moment blieb er im Eingangsbereich stehen, als müsse er sich erst vergewissern, dass er tatsächlich angekommen war. Sein Blick wanderte über die kleine Küche, die Couch und die Wände, an denen zahlreiche Tätowierungen beziehungsweise Entwürfe davon zu sehen waren. Es war nicht viel Platz, und die Einrichtung wirkte zusammengewürfelt, aber die Wohnung hatte etwas, das Cael seit einer Ewigkeit nicht mehr erlebt hatte: Sie war bewohnt. Hier lebte jemand. Hier gab es persönliche Gegenstände, vertraute Spuren eines Alltags, der sich um ganz gewöhnliche Dinge drehte. Er betrachtete die Bilder an den Wänden etwas länger, als er beabsichtigt hatte. Die Muster und Linien weckten ein flüchtiges Interesse, vielleicht auch eine Erinnerung an die Tätowierungen auf seinen eigenen Armen und seinem Hals. Doch bevor er dem Gedanken nachgehen konnte, riss Vins Stimme ihn aus seiner Betrachtung.

      Cael wandte sich zu ihm um und sah den etwas schuldbewussten Ausdruck in dessen Gesicht. Offenbar war Vin gerade erst bewusst geworden, wie merkwürdig es sein musste, einen völlig fremden, verdreckten und halb verhungerten Mann in die eigene Wohnung zu bringen. Cael konnte es ihm nicht verdenken. Er selbst hätte vermutlich ebenfalls Fragen gestellt, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären. Als Vin ihm schließlich eine Dusche anbot, hob Cael leicht die Augenbrauen. „Eine Dusche?“ Er sah an sich hinunter, als wäre ihm sein Zustand erst jetzt wieder richtig bewusst geworden. Dann entwich ihm ein leises Schnauben. „Ich nehme an, das ist dringend nötig.“ Seine Stimme hatte wieder etwas von dem trockenen Spott angenommen, der ihm offenbar leichter fiel als jede Form von Dankbarkeit. Trotzdem lag in seinem Blick etwas, das weniger abweisend war. „Ein Handtuch wäre tatsächlich hilfreich. Und Wasser. Einfaches Wasser reicht.“ Er zögerte kurz und sah Vin dann wieder an. „Danke, übrigens. Dafür, dass du mich hierhergebracht hast. Du hättest mich auch einfach an der Station stehen lassen können.“

      Er wusste nicht recht, wie er mit dieser unerwarteten Freundlichkeit umgehen sollte. Es war lange her, dass jemand etwas für ihn getan hatte, ohne unmittelbar eine Gegenleistung zu verlangen oder ihn dabei zu verspotten. Vielleicht war Vin tatsächlich nur ein hilfsbereiter Mensch. Vielleicht steckte hinter seiner Hilfsbereitschaft auch ein eigener Beweggrund. Cael wollte sich nicht zu früh festlegen. Er hatte gelernt, dass Vertrauen gefährlich sein konnte, und auch wenn er diesem Mann sein Leben verdankte, bedeutete das nicht, dass er ihm bereits alles anvertrauen musste. Sein Blick glitt noch einmal kurz zu Vins Hand, auf der sich das dunkle Mal abzeichnete. Die Fragen dazu brannten ihm auf der Zunge, doch er schluckte sie hinunter. Er war erschöpft, sein Körper schmerzte und sein Kopf war voller Erinnerungen, die keine waren, und Fragen, auf die er keine Antworten fand. Für den Augenblick musste das genügen. Er würde noch Gelegenheit haben, mehr über Vin und dessen merkwürdige Verbindung zu jener alten Magie herauszufinden.

      „Zeigst du mir einfach, wo ich hinmuss?“, fragte er schließlich und deutete mit einem knappen Nicken in Richtung des Badezimmers. Als Vin ihm das Handtuch gab und erklärte, wie die Dusche funktionierte, hörte Cael aufmerksam zu, auch wenn ihm die Hinweise auf die begrenzte Warmwasserversorgung ein amüsiertes Schmunzeln entlockten. „Fünf Minuten warmes Wasser. Welch ein Luxus.“ Er nahm das Handtuch entgegen und verschwand im kleinen Badezimmer. Dort angekommen, schloss er die Tür hinter sich und ließ den Blick zunächst durch den Raum wandern. Es war ein gewöhnliches Badezimmer, nichts Besonderes, und gerade deshalb kam es ihm beinahe fremd vor. Er legte das Handtuch beiseite und begann, sich aus den schmutzigen, abgetragenen Kleidern zu schälen. Der Stoff klebte stellenweise an seiner Haut, und als er das Hemd auszog, wurden die Spuren seiner Gefangenschaft deutlicher sichtbar: alte und frische Verletzungen, gereizte Haut und ein Körper, der viel zu lange nicht ausreichend versorgt worden war. Auch die Tätowierungen auf seinen Armen und am Oberkörper kamen nun zum Vorschein, wenn auch teilweise noch immer von Schmutz und getrocknetem Blut verdeckt.
      Als er schließlich die Dusche aufdrehte, wartete er tatsächlich einige Augenblicke, bis das Wasser warm wurde. Dann trat er darunter und schloss die Augen.

      Der erste Kontakt ließ ihn unwillkürlich die Schultern anspannen. Nicht, weil das Wasser schmerzte, sondern weil es sich so ungewohnt anfühlte. Warmes Wasser, das über seinen Körper lief, ohne dass jemand ihn verspottete, bedrohte oder ihm Schmerzen zufügte. Er blieb einfach stehen und ließ es über sein Gesicht, seine Haare und seinen Nacken laufen. Mit beiden Händen stützte er sich schließlich gegen die geflieste Wand und senkte den Kopf. Für einen langen Moment tat er nichts anderes, als zu atmen. Das Wasser spülte den Schmutz von seiner Haut, löste die verfilzten Strähnen und färbte sich unter seinen Füßen dunkel. Er nahm sich Zeit, so viel er eben brauchte, um sich gründlich zu waschen. Die fünf Minuten warmes Wasser waren ihm herzlich egal. Wenn es kalt wurde, würde er eben damit zurechtkommen. Nach all dem, was er hinter sich hatte, würde er sich von einer kalten Dusche ganz sicher nicht vertreiben lassen.

      Erst als er sich schließlich abtrocknete und das Handtuch um die Hüften schlang, fiel ihm auf, wie ungewohnt leicht sich sein Körper ohne den Schmutz und die verfilzten Haare anfühlte. Die Erschöpfung war dadurch allerdings nicht verschwunden. Im Gegenteil, nun, da er nicht mehr damit beschäftigt war, sich aufrecht zu halten und den Kobolden keine Schwäche zu zeigen, schien sie ihn umso heftiger einzuholen. Er betrachtete sich einen Moment im Spiegel. Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, war schmaler, als es vermutlich sein sollte. Die dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen, und sein Haar fiel ihm nass und wirr in die Stirn. Er erkannte sich selbst nicht. Vielleicht hatte er sich früher anders gesehen. Vielleicht hatte er einmal einen Namen gehabt, der sich wirklich nach ihm angefühlt hatte. Doch darauf gab es keine Antwort. Cael wandte sich vom Spiegel ab und machte sich mit dem Handtuch in seine Hüften wieder zu Vin zurück. Für den Moment wollte er nur etwas trinken, sich ausruhen und die Tatsache genießen, dass er endlich wieder eine Tür hinter sich schließen konnte, ohne dabei angekettet zu sein.
    • Cael verschwand im Badezimmer und Vin hörte einen Moment darauf das Wasser. Er blieb in seiner Küche zurück und sah nachdenklich auf die geschlossene Tür, während er dem Wasserstrahl lauschte. Cael hatte sich dafür bedankt, dass Vin ihn hergebracht und dass er ihn nicht an der Station stehengelassen hatte. Hätte Cael das von ihm erwartet, nach dem, was er in der verlassenen Station gesehen hatte? Hatte er sich schon so daran gewöhnt, einfach im Stich gelassen zu werden? Oder war Vin einfach nur übergeschnappt, einen Fremden in seine Wohnung zu lassen? Er wusste es nicht. Irgendwie hoffte er, dass es keins von beidem sein würde.
      Er löste sich mit einem Ruck aus seinen Gedanken und öffnete seinen Kühlschrank. Er hatte noch ein paar Bier drin, ein bisschen Wurst, abgelaufener Käse und den Rest einer Pizza von vor zwei Tagen. Im Schrank hatte er Nudeln, aber Pesto hatte er keines. Er warf einen weiteren Blick auf die Badezimmertür und schnappte sich seine Schlüssel. Der Laden war nebenan, er würde schnell rübergehen und etwas holen. Etwas für sie beide.
      Er eilte rüber und besorgte sich von den unglaublichen 15 £, die noch auf seinem Konto waren, zwei Instant Nudeln und nach kurzer Überlegung auch noch Eier und Speck und Cracker. Er war zurück, noch bevor die Dusche ausgegangen war, und setzte beides mit heißem Wasser auf. Dann machte er auch noch ein paar Eier und streute den Speck darüber.
      Als die Tür aufging, drehte er sich mit offenem Gesichtsausdruck um, der sofort erstarrte, als sein Blick an Cael herabfiel. Er trug das Handtuch um die Hüften und hatte sich von sämtlichem Schmutz befreit. Seine Haut war blass und saß zu straff über den sichtbaren Rippen, aber seine Schultern zeigten etwas von einer ehemaligen Stärke. Seine Haare waren dunkel, wenn auch noch etwas zerzaust, und sein Arm war voller Tattoos. Er war in Vins Alter und er war hübsch. Etwas abgemagert, aber hübsch.
      Vin wurde sich bewusst, was für Gedanken er hatte und er riss sich schnell daraus hervor. Hier stand ein halbnackter Mann in seiner Wohnung und es war nicht sein Freund. Das sollte er ganz schnell ändern.
      "Äh, willst du was zu anziehen? Tut mir leid, ich hab nicht darüber nachgedacht. Ich kann deine Kleider in die Waschmaschine werfen, die ist im Keller. Warte."
      Er ging hinüber ins Schlafzimmer und griff sich ein Shirt, das er kaum mehr trug, und eine Jogginghose. Er bot beides Cael an.
      "Hier. Ich hab auch was zu Essen gemacht."
      Während Cael sich anzog, brachte er alles zum Couchtisch und setzte sich. Ein wenig peinlich berührt bot er es Cael an.
      "Tut mir leid, ich war nicht wirklich auf Besuch ausgerichtet, kann man sagen. Iss so viel du willst, ich hab noch normale Nudeln da. Und ähm, erzähl mir; wie bist du zu den Kobolden gelangt? Was ist passiert?"
    • Neu

      Cael bemerkte durchaus, wie sein Gegenüber ihn musterte. Vins Blick wanderte über seinen Körper, blieb an den freigelegten Tätowierungen und vermutlich auch an den zahlreichen Spuren hängen, die seine Gefangenschaft hinterlassen hatte. Grundsätzlich hätte das Dämmerblut wohl wenig dagegen einzuwenden gehabt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht sogar Gefallen daran gefunden. Doch hier, in einer fremden Wohnung und in einem Zustand, der alles andere als vorzeigbar war, fühlte er sich mit der ungewohnten Musterung nicht unbedingt wohl. Innerlich biss er sich auf die Lippe, ließ sich nach außen hin jedoch nichts anmerken. Erst als die unangenehme Stille zwischen ihnen kaum mehr zu überhören war, schien Vin wieder zu sich zu kommen und bot ihm etwas zum Anziehen an.

      „Das wäre nett.“ Caels Antwort fiel etwas leiser aus, als er beabsichtigt hatte. Er beobachtete, wie Vin ins Schlafzimmer verschwand und kurz darauf mit einem Shirt und einer Jogginghose zurückkehrte. Dankend nahm er die Sachen entgegen und suchte sich eine etwas abgeschiedenere Ecke des kleinen Wohnzimmers, um sich anzuziehen. Die Kleidung war ihm zwar etwas zu weit, da Vin offensichtlich kräftiger gebaut war als er selbst, aber das störte ihn kaum. Ein lockeres Shirt und eine bequeme Hose waren in Anbetracht seiner letzten Jahre in diesem Verlies ohnehin ein gewaltiges Upgrade. Als er schließlich wieder zu Vin zurückkehrte, strich er das Shirt etwas zurecht und schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

      „Danke dir. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.“ Sein Blick fiel auf das Essen, das Vin auf dem Couchtisch bereitgestellt hatte. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihm der Geruch in die Nase stieg. Als Vin sich für die etwas improvisierte Bewirtung entschuldigte, verdrehte Cael leicht die Augen. „Nun entschuldige dich mal nicht. Ich müsste mich eher bei dir entschuldigen, dass ich dich überhaupt in dieses ganze Schlamassel hineingezogen habe.“ Er ließ sich auf das Sofa sinken und nahm die Schüssel entgegen. Der Duft der Nudeln mit Ei und Speck war verlockend, und für einen Moment schloss er beinahe genüsslich die Augen, bevor er den ersten Bissen probierte. „Und außerdem ist es nicht selbstverständlich, dass du einen völlig Fremden in deiner Wohnung aufnimmst und ihn auch noch mit Essen und Kleidung versorgst.“ Er warf Vin einen kurzen Seitenblick zu, ehe er sich wieder seinem Essen widmete. Es war eine merkwürdige Situation. Noch vor wenigen Stunden hatte er nicht einmal zu hoffen gewagt, jemals wieder eine solche Selbstverständlichkeit wie eine warme Mahlzeit erleben zu dürfen. Nun saß er auf dem Sofa eines Fremden, trug dessen Kleidung und bekam etwas zu essen angeboten. Vielleicht war die Welt da draußen doch nicht ganz so schlecht, wie er nach all der Zeit angenommen hatte.

      Zunächst versuchte Cael noch, sich beim Essen zusammenzureißen. Er wollte schließlich nicht wie ein ausgehungerter Straßenköter über die Schüssel herfallen. Doch die Jahre der Unterernährung hatten ihre Spuren hinterlassen, und sein Körper schien sich wenig dafür zu interessieren, was er sich vorgenommen hatte. Bissen um Bissen verschwanden die Nudeln, und ehe er sich versah, war die Schüssel beinahe leer. Er hatte kaum bemerkt, wie schnell er gegessen hatte. Erst als er kurz innehielt und auf den verbliebenen Rest blickte, fiel ihm etwas auf, das ihm einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte. Sein Hunger war nicht verschwunden. Im Gegenteil. Trotz der Mahlzeit, die er geradezu verschlungen hatte, nagte etwas in ihm weiter, ein Verlangen, das mit menschlicher Nahrung nicht zu stillen war.

      Cael senkte den Blick auf die Schüssel und kniff für einen Moment die Augen zusammen. Wie hatte er das vergessen können? Er war kein gewöhnlicher Mensch. Er war ein Dämmerblut. Ein Wesen zwischen zwei Welten, dessen menschliche Seite Nahrung zu sich nehmen konnte, dessen vampirische Natur jedoch nach etwas anderem verlangte. Nach Blut. Die Erinnerung daran kam nicht allmählich, sondern traf ihn mit einer beinahe brutalen Klarheit. In dem Verlies hatten die Kobolde ihn mit dem versorgt, was sie gerade entbehren konnten: abgestandenes, minderwertiges Blut von Ratten oder gelegentlich sogar von ihresgleichen, wenn eines der kleinen Wesen verendet war. Gerade genug, um ihn am Leben zu halten, aber niemals genug, um den Hunger wirklich zu stillen. Und nun war er frei. Frei, aber noch immer ausgehungert.

      Sein Blick wanderte unwillkürlich zu Vin. Der Mensch saß nur wenige Schritte entfernt, völlig ahnungslos und vermutlich in dem Glauben, seinem Gast mit einer warmen Mahlzeit etwas Gutes getan zu haben. Für einen kurzen Augenblick stellte sich Cael vor, wie einfach es wäre, diesen Hunger zu stillen. Vin wäre eine mehr als willkommene Quelle. Ein Gedanke, der ihm selbst unangenehm war. Er wandte den Blick rasch wieder ab und stellte die Schüssel auf dem Couchtisch ab. Er durfte sich nicht von seinen Instinkten leiten lassen. Schon gar nicht bei dem Menschen, der ihn gerade erst aus seinem Gefängnis befreit hatte. Doch mit jeder verstreichenden Minute wurde ihm bewusster, dass seine Selbstbeherrschung in seinem gegenwärtigen Zustand nicht unbedingt verlässlich war. Sein Körper war geschwächt, seine Reserven waren aufgebraucht, und die Nacht rückte näher.

      Cael richtete sich etwas auf und ließ den Blick durch den Raum wandern, auf der Suche nach einer Uhr. Vergeblich. Schließlich wandte er sich wieder an Vin. „Sag mal, wie spät ist es eigentlich? Wann geht die Sonne unter?“ Seine Stimme klang beiläufig, doch die Anspannung, die sich inzwischen in seinen Zügen abgezeichnet hatte, ließ sich kaum verbergen. Er warf einen Blick aus dem kleinen Fenster und versuchte, den Stand der Sonne einzuschätzen. Viel Zeit blieb ihm offenbar nicht mehr. Vielleicht zwanzig Minuten, möglicherweise etwas mehr oder weniger. Er fluchte innerlich. Ausgerechnet jetzt.


      Er musste hier weg. Nicht, weil er Vin nicht vertraute oder weil er dessen Gastfreundschaft nicht zu schätzen wusste, sondern gerade deshalb. Er wusste nicht, was mit ihm geschehen würde, wenn die Nacht hereinbrach und seine vampirische Seite die Oberhand gewann. Nach all der Zeit ohne ausreichend Blut konnte er nicht garantieren, dass er seine Instinkte unter Kontrolle behalten würde. Und er würde ganz sicher nicht zulassen, dass der Mensch, der ihm seine Freiheit geschenkt hatte, am Ende dafür bezahlen musste. Cael erhob sich langsam vom Sofa und warf noch einmal einen Blick zum Fenster. „Ich glaube, ich sollte langsam wieder gehen.“ Er bemühte sich um einen möglichst unbeschwerten Tonfall, doch seine Augen verrieten, dass ihn etwas beschäftigte. „Es wird bald dunkel.“
    • Neu

      Vin lächelte leicht und ersparte sich einen weiteren Kommentar. Ja, es war nicht selbstverständlich, dass er einen Fremden bei sich aufnahm und ihm seine Kleidung gab und für Vin war das eine mindestens so skurrile Situation wie für Cael selbst. Er ließ nicht jeden Obdachlosen bei sich antanzen und verpflegte ihn, weil er Mitleid mit ihm hatte. Wie sollte das denn funktionieren? Aber Cael hatte etwas an sich, von dem Vin sich nicht ganz abwenden konnte. Vermutlich hatte das etwas damit zu tun, wo und unter welchen Umständen er den Mann gefunden hatte, dass er ihn in seine Obhut aufgenommen hatte. Vielleicht war Vin auch einfach übergeschnappt, den Fremden bei sich duschen zu lassen.
      In jedem Fall war es geschehen und Vin versuchte, das beste daraus zu machen.
      Er setzte sich auf die Couch und nahm sich seine Schüssel. Sein Hunger war entsprechend der vergangenen Stunde in den Hintergrund gerückt und so beobachtete er verstohlen, wie Cael seine eigene Gabel nahm und sich über die Nudeln hermachte. Er versuchte es zwar zu verschleiern, aber Vin konnte trotzdem erkennen, wie ausgehungert er war. Er sah es an der Art, wie wenig Cael kaute, bevor er schluckte, und dass er den Tropfen nicht einmal bemerkte, der an seinem Mundwinkel hängen blieb. Was war nur bei den Kobolden passiert, dass sie ihn so ausgezehrt gefangen gehalten hatten? Wie lange war er da unten gewesen, bis Vin ihn gefunden hatte?
      Selbst etwas peinlich berührt von dem intimen Moment wandte Vin den Blick wieder ab, um Cael seine Privatsphäre zu gewähren. Er aß seine Nudeln nachdenklich und schnell, um den anderen nicht in Verlegenheit zu bringen. Heute schmeckten sie ihm nicht ganz so gut wie sonst.
      Als Cael seine Schüssel absetzte, überlegte Vin, die anderen Nudeln auch noch aufzusetzen. Es machte ihm nichts aus und Cael hatte ganz anscheinend noch Hunger. Um die Situation nicht unangenehm werden zu lassen, sagte er deswegen unauffällig:
      "Ich glaub, ich mach noch ein paar Nudeln. Ich bin noch nicht ganz satt."
      Cael sah ihn an und da zögerte Vin plötzlich wieder. Etwas lag in dem Blick des anderen Mannes, der ihm irgendwie unangenehm war; es fühlte sich an, als würde Cael nicht ihn anschauen, sondern etwas, das in ihm lag, als wäre sich Cael plötzlich bewusst geworden, dass Vin da war. Dass er wirklich da war. Die Härchen in Vins Nacken stellten sich unter dem Blick auf und er fühlte sich für einen Moment an die Station zurückerinnert, als er beobachtet worden war. Von dutzenden Augenpärchen beobachtet, die alle vermutlich nach seinem Blut dürsteten.
      "Uhm -"
      „Sag mal, wie spät ist es eigentlich? Wann geht die Sonne unter?“
      Vin blinzelte und kramte sein Handy hervor. Er zeigte Cael die Uhrzeit.
      "Ich habe keine Ahnung, wann die Sonne untergeht. So... in einer halben Stunde vielleicht? Wieso?"
      Cael antwortete nicht direkt. Er sah prüfend aus dem Fenster und in seinem Kiefer arbeiteten die Muskeln. Etwas beschäftigte ihn, aber Vin wagte nicht, ihn danach zu fragen. Er blieb still.
      „Ich glaube, ich sollte langsam wieder gehen. [b]Es wird bald dunkel“[/b], sagte Cael schließlich und stand langsam auf. Vin kam die Plötzlichkeit seiner Meinungsänderung komisch vor und er stellte seine Schüssel ab.
      "Ja also - du kannst auch bleiben, wenn du willst. Übernachten, meine ich. Ich kann dir die Couch herrichten. Versteh mich nicht falsch, das hier ist genauso komisch für mich wie für dich, aber nach heute..."
      Er fuhr sich über den Hinterkopf.
      "Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Es war... unnormal. Da waren Kobolde in der U-Bahn - Kobolde - und sie haben dich gefangen gehalten und mit dem Baselisk und..."
      Er holte Luft.
      "Wenn ich das irgendjemandem erzählen würde, würde er mich einweisen wollen. Es war abartig und ich würde gerne wissen - ich würde gerne darüber reden. Mit dir. Nicht jetzt", fügte er schnell hinzu, als er einen Schatten über Caels Gesicht wandern sah, "aber vielleicht, wenn du dich ein bisschen erholt hast? Und dann kannst du mir sagen, wie du da runtergekommen bist und überhaupt, was da passiert ist? Ich will dich nicht aufhalten", er hob eine Hand, "ich biete dir aber nur an, dass du auch hier schlafen kannst, auf der Couch. Du musst nicht gehen, das ist alles. Das meinte ich."
    • Neu

      Cael setzte für einen Moment ein kurzes Lächeln auf. Die Ehrlichkeit und Offenheit, mit der Vin ihm eine Übernachtungsmöglichkeit anbot, rührte ihn. Wirklich. Seit seiner Gefangenschaft in der unterirdischen Ruine war er kaum noch Empathie gewohnt. Er hatte beinahe vergessen, wie es sich anfühlte, wenn sich jemand für ihn interessierte, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Um sein Herz wurde es ihm in diesem Moment ein wenig wärmer. Wie ungewohnt und doch seltsam vertraut dieses Gefühl war, dachte das Dämmerblut, dessen Erinnerungen an die Zeit vor seiner Gefangenschaft nur noch aus vereinzelten, kaum greifbaren Bruchstücken bestanden. Doch für den Moment konnte er diesem angenehmen Gefühl nicht nachgeben. Stattdessen schüttelte er den Kopf und hob entschuldigend die Hände.

      „Das ist überaus zuvorkommend von dir! Wirklich. Und ich würde dein Angebot auch gerne annehmen.“ Cael wurde kurz ruhiger, ließ den Blick durch den Raum schweifen und rang nach den richtigen Worten. „Ich hätte ja auch gar keinen anderen Anlaufpunkt, zu dem ich gehen könnte. Aber ich …“

      Er verstummte. Seine innere Stimme mahnte ihn, vorsichtig zu sein. Er wusste so gut wie nichts über diesen Menschen. Nur, dass er ihn befreit hatte. Doch das allein war noch lange kein Grund, ihm blind zu vertrauen. Und so erinnerte er sich an etwas, das ihm vielleicht schon in seinem früheren Leben geholfen hatte: Vorsicht. Er strich sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und suchte nach einer Erklärung, die nicht zu viel verriet.

      „Was die Kobolde angeht …“ Cael hielt kurz inne und schien nach den passenden Worten zu suchen. „Ich fürchte, ich kann dir gar nicht so viel erzählen, wie du vielleicht hoffst. Ich weiß selbst nicht, wie ich überhaupt dort unten gelandet bin. Ich kann mich nicht daran erinnern, wer ich vorher war, wie lange ich dort gefangen gehalten wurde oder weshalb sie mich überhaupt eingesperrt haben.“ Ein flüchtiger Schatten huschte über sein Gesicht. „Diese kleinen Biester sind gefährlich. Lass dich von ihrer Größe nicht täuschen. Sie können ziemlich grausam sein und wissen genau, wie sie einem das Leben zur Hölle machen. Gleichzeitig sind sie … seltsam menschlich. Sie lachen, streiten, spotten und haben ihre eigenen kleinen Eigenheiten. Manchmal könnte man beinahe vergessen, was für gefährliche Wesen sie sind.“

      Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, doch sein Blick wanderte zum Fenster. Draußen wurde es zunehmend dunkler. Die letzten Reste des Tageslichts verschwanden zwischen den Häusern und erinnerten ihn daran, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Vielleicht war es auch besser, die Erzählung auf später zu verschieben. Er musste selbst erst einmal verstehen, was mit ihm geschehen war.

      „Aber ich erzähle dir gerne mehr davon. Versprochen. Vielleicht kann ich dir später auch ein paar deiner Fragen beantworten.“ Cael lächelte flüchtig, ehe er sich wieder dem eigentlichen Grund seines Zögerns zuwandte. „Aber ich brauche noch etwas Zeit an der frischen Luft für mich. Ich war so lange an diesen Obelisken gekettet. So lange in diesem Verlies eingesperrt und so lange von diesen Kobolden umgeben, dass ich jetzt erst einmal diese neue Freiheit genießen muss. Ich möchte einfach ein wenig unter dem Sternenhimmel spazieren gehen und dabei den frischen Wind durch meine Haare spüren. Den kalten Wind der Nacht auf meiner Haut merken.“

      Cael hielt kurz inne und sah den Menschen ernst an. Er wollte nicht, dass Vin seinen Wunsch falsch verstand oder gar glaubte, er würde sein Angebot ausschlagen. Nach einem kurzen Zögern fügte er deshalb hinzu: „Aber ich komme heute Abend wieder! Wenn ich den Kopf frei bekommen habe, nach alldem, was heute passiert ist. Und wenn dein Angebot dann noch steht, würde ich mich freuen, die Nacht hier verbringen zu dürfen.“
    • Neu

      Cael zögerte - viel. Er schien mit der Situation überfordert, was Vin ihm auch nicht verdenken konnte. War es egoistisch von ihm, den Mann dahalten zu wollen, damit er ihm erklärte, was genau vorgefallen war? Vielleicht. Vin fühlte sich bereits schlecht, ihn überhaupt darauf angesprochen zu haben.
      Aber er akzeptierte seine Abweisung. Wie konnte er sich auch vorstellen, wie es Cael gehen musste, nach einer so langen Zeit im Untergrund und jetzt in der Wohnung irgendeines Fremden. Vermutlich hatte er noch ein ehemaliges Zuhause, das er aufsuchen wollte, oder Leute, die er suchen wollte. Ein Leben, das er wiederfinden wollte. Vin würde ihn nicht daran hindern, genau das zu tun.
      Vielleicht war es auch nicht verkehrt, ein bisschen Zeit für sich. Damit er selbst darüber nachdenken konnte, was überhaupt passiert war.
      "Klar, natürlich. Ich verstehe schon."
      Er lächelte und fuhr sich einmal durch die Haare.
      "Sorry, das ganze ist einfach so... komisch. Ich will dir keinen Druck machen. Wir reden, wenn du bereit bist."
      Er stand auf und begleitete Cael die paar Schritte zur Tür. Er hatte zwar keine Jacke, aber so kalt war es um die Jahreszeit nicht, er würde es schon überleben. Vin sah zu, wie er in seine Schuhe schlüpfte. Besagte Schuhe hatten auch schonmal bessere Zeiten gesehen.
      "Uhm, du brauchst einfach nur zu klingeln, wenn du über Nacht hierbleiben willst, ich mach dir auf. Morgen früh muss ich zur Arbeit, aber - ich mein nur. Wenn ich da bin, mach ich dir auf, und wenn nicht, dann eben nicht."
      Unsicher lächelte er wieder und strich sich über den farbigen Teil seines Arm-Tattoos.
      "Pass auf dich auf."
      Damit ging Cael und Vin schloss die Tür hinter ihm. Er hörte die Schritte durch das Treppenhaus hallen, hörte die Tür unten kräftig knarzen und wieder zufallen und dann war es still. Zumindest so still, wie es in dieser Wohnung sein konnte.
      Vin wandte sich um und atmete aus. Er schaute auf die Schüsseln auf dem Couchtisch und dann auf die zurückgelassene Kleidung im Badezimmer. Niemand würde ihm je glauben, dass das heute geschehen war. Niemand.
      Er zog sein Handy aus der Tasche und begann zu tippen.
      - Es ist was komisches passiert
      Die Antwort würde eine Weile brauchen, deswegen packte er es wieder weg und machte sich an die Wäsche. Die Klamotten waren staubig und schmutzig und hatten dunkle Flecken, die gefährlich nach Blut aussahen, deswegen nahm Vin sie alleine und machte sich auf den Weg nach unten in den Waschkeller. Doch als er dort stand, beleuchtet von dem schwachen Deckenlicht und den Geruch des Kellers um ihn herum, traf ihn die selbe Nervosität wie in der verlassenen Station. Er warf einen Blick zurück in den finsteren Gang, der an seinem Ende vom Tageslicht der Treppe beleuchtet wurde und suchte automatisch nach Bewegungen im Schatten. Vin war kein ängstlicher Mensch, sicher nicht, aber die Begegnung mit den Kobolden war einfach surreal gewesen. Er spürte, wie seine Handflächen schwitzten.
      Er zog wieder sein Handy hervor und schrieb die nächste Nachricht.
      - Kannst du vorbeikommen?
      Diesmal musste er nicht warten. Die Häkchen wurden blau und dann kam die Antwort.
      - Was ist los?
      Vin zögerte. Er zögerte, weil er nicht wusste, wo genau er ansetzen sollte. Bei der Station? Bei dem Blut? Bei Cael? Oder den Kobolden? Wie gerne er jetzt Cael gefragt hätte, um genau das aufzuklären.
      Er zögerte zu lange, die nächste Nachricht kam schon an.
      - Babe?
      - Schwer zu erklären. Kannst du einfach kommen?

      Diesmal musste er einen Moment warten.
      - Ich muss arbeiten.
      Natürlich. Vin wusste ja, dass Jack abends arbeitete, aber trotzdem spürte er einen Stich Irritation. Konnte er nicht einmal kommen, wenn Vin ihn brauchte? Auf der anderen Seite, konnte er überhaupt ahnen, wie sehr Vin ihn gerade brauchte?
      Konnte er es ihm überhaupt erklären?
      Vin seufzte und wischte sich über das Gesicht, dann schrieb er:
      - Schon gut
      - Wie wär's mit morgen?
      - Muss arbeiten.

      Erfüllt mit einer gewissen Genugtuung steckte er das Handy wieder weg und ging nach oben. Er würde eben erst mit Cael darüber reden und dann würde er es irgendwie Jack zu erklären versuchen. Keine Ahnung, wie er das hinbekommen würde.
      Er räumte den Couchtisch auf, machte das Geschirr und fläzte sich ins Bett. Wenn Cael wieder kommen sollte, würde er wach sein, und ansonsten konnte der Mann auch sicher auf sich selbst aufpassen.