Ungeplante Verbindung (Yumi & Étoile)

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    • Ungeplante Verbindung (Yumi & Étoile)

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      Jay runzelte die Stirn, während er in seinem Wagen Richtung Pariser Konzernzentrale saß. „Wer fängt denn erst um 9 Uhr mit dem Arbeiten an? Und wieso entscheidet das überhaupt jemand für mich?“ Er schaute auf die große silberne Uhr an seinem Handgelenk. Eine Schweizer Armbanduhr, mehr wert als mancher Kleinwagen auf den Straßen von Paris und zugleich Ausdruck seines Werdeganges: zielstrebig, fleißig und eisern verfolgte der US-Koreaner seine Ziele. Das war wohl auch der Grund, warum man ihn für dieses Himmelfahrtskommando in Europa ausgesucht hatte.

      Er erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, wie man ihm die „frohe Botschaft“ verkündet hatte, dass er nunmehr in Paris arbeiten könne. Doch um welchen Preis? Er hatte es bereits an diesem verregneten Tag im New Yorker Konferenzraum befürchtet: eine Scheißaufgabe. Auf Managerdeutsch „Konzernergebnisbereinigung“. Im Klartext: Kürzung der Ausgaben, Entlassung von unnötigem Personal und mehr Umsatz. Eine Aufgabe, auf die sich Jay die letzten Wochen bis zu seinem Flug nach Paris vorbereitet hatte. Er kannte die Zahlen, die Organigramme und die Statistiken der europäischen Zentrale. Er wusste, welche Abteilungen rote Zahlen schrieben, welche Projekte längst hätten eingestellt werden müssen und wo sich Einsparpotenzial verbarg. Aber Zahlen hatten keine Gesichter. Heute würde er die Leute dahinter kennenlernen. Vielleicht war genau das der unangenehme Teil.

      Er fuhr mit seinem Wagen in die Tiefgarage des Hochhauses, das beinahe einen ganzen Stadtblock einzunehmen schien und vollständig dem Modekonzern gehörte. Nachdem er seinen Wagen geparkt hatte, nahm er den Weg zum Aufzug und fuhr in das Foyer. Raus aus dem Grau des Berufsverkehrs und der Dunkelheit des Parkhauses hinein in ein lichtdurchflutetes und buntes Foyer. Überall auf den Bildschirmen sah man bereits die neue Kollektion für den Herbst. Models, Stoffe, Kampagnen und riesige Logos wechselten sich in schneller Folge ab.
      „Beige, also?“, murmelte Jay und zuckte mit den Schultern. Von der Farbe Beige hielt er ungefähr genauso viel wie von Kimchi aus dem Supermarkt.
      Er ließ den Raum kurz auf sich wirken. Alles war größer, heller und geschäftiger, als er es von den Unterlagen und den Videokonferenzen kannte. Mitarbeiter eilten durch das Foyer, manche mit Kaffeebechern in der Hand, andere bereits in Gespräche vertieft. Einige warfen ihm einen kurzen Blick zu, ehe sie ihren Weg fortsetzten. Jay konnte nicht sagen, ob sie ihn bereits erkannt hatten oder ob er lediglich wie irgendein weiterer Manager aussah, der zu spät zu einem Meeting kam. Er richtete seine Krawatte und strich mit einer Hand kurz über das Sakko. Die letzten Monate in New York hatten ihm mehr als einmal gezeigt, wie schnell sich ein Unternehmen gegen jemanden stellte, der unangenehme Entscheidungen treffen musste. Er würde sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war nicht hier, um beliebt zu sein. Er orientierte sich und entdeckte schließlich den Empfangsschalter. Sein eigentliches Ziel.

      Während sich seine Augen noch an das grelle Licht im Foyer gewöhnten, schritt er auf den Schalter zu und begrüßte die Dame am Empfang auf Französisch. Kurz stellte er sich vor und die Dame erstarrte für einen Augenblick. Dann nickte sie hektisch und überreichte ihm rasch den Ausweis. Anschließend senkte sie demonstrativ den Kopf. Jay nahm den Ausweis entgegen und musterte sie einen Moment. Interessant. Entweder hatte man ihn hier bereits angekündigt oder sein Ruf war ihm schneller nach Paris gefolgt, als ihm lieb war. Er nickte stumm, befestigte den Ausweis mit dem integrierten Chip an seinem Hosenbund und ging Richtung Aufzüge. Es waren mehrere gläserne Kapseln, die gerade die Wand hochflogen und immer wieder neue Mitarbeiter zu ihren Büros brachten. Jay blieb kurz stehen und betrachtete die Konstruktion. In New York war alles etwas nüchterner, funktionaler. Hier hatte selbst der Weg zum Arbeitsplatz offenbar eine Inszenierung nötig.

      Er setzte sich wieder in Bewegung und hielt auf die Zugangsschranken zu, hinter denen die eigentlichen Büroetagen begannen. Einige Mitarbeiter standen dort bereits Schlange und hielten ihre Karten an die Lesegeräte. Jay zog seinen Ausweis vom Hosenbund und wollte ihn gerade an das Lesegerät halten, als plötzlich jemand an ihm vorbeischoss. Eine Person rannte durch die gerade geöffnete Schranke, offenbar ohne die Verzögerung eines Kartenlesers abwarten zu wollen. Im Vorbeilaufen wurde Jay unsanft an der Schulter angerempelt. „Hey—!“ Mehr brachte er im ersten Moment nicht hervor.

      Die Person war bereits einige Meter entfernt und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit durch die Eingangshalle, die Jay beinahe sprachlos zurückließ. Er konnte kaum mehr erkennen als längere, blonde Haare, die bei der Bewegung nach hinten schwangen, und die flüchtige Silhouette eines adrett gekleideten Mannes. Jay blieb einen Augenblick stehen und sah ihm nach.
      „Na wunderbar“, murmelte er schließlich und strich sich über die Schulter. Sein erster Tag in Paris hatte offensichtlich bereits begonnen.
    • Collin konnte es nicht fassen, dass er ausgerechnet heute verschlafen hatte. Heute – wo doch der CCO aus New York seinen ersten Arbeitstag am Pariser Standort hatte.
      In seiner gesamten Berufslaufbahn ist er noch keinen einzigen Tag zu spät gekommen – geschweige denn hatte er jemals verschlafen.
      So etwas Unzuverlässiges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert.
      Nur zu gerne würde er sich einreden, dass es gar nicht seine Schuld, sondern die seines Smartphones gewesen war. Warum musste es auch mitten in der Nacht ein Update machen und sich danach dazu entscheiden, einfach auszugehen?!

      Aber gut – er hatte keine Zeit, sich darüber zu ärgern. Er musste sicherstellen, dass alles für die kleine Willkommensfeier bereitstand. Catering, Getränke, der bestellte Blumenstrauß und das kleine Willkommensgeschenk in Form der teuersten Pralinen, die es in Paris zu kaufen gab.
      Natürlich war der junge Manager für die gesamte Planung verantwortlich gewesen und hatte sich dabei auch nur ungern helfen lassen. Wenn man wollte, dass etwas funktionierte, dann machte man es am besten selbst.

      Als er schnellen Schrittes – fast schon rennend – in der Eingangshalle ankam, blieben ihm nur noch wenige Minuten, um pünktlich zu seinem Arbeitsplatz zu kommen.
      Seine Schritte wurden immer schneller und spätestens jetzt begann er zu rennen. Ohne wirklich auf seine Umgebung zu achten, rannte er auf die Zugangsschranken zu, die ihn von der achten Etage – seiner Etage – trennten, und schob sich an einem ihm unbekannten Gesicht vorbei, welches seiner Meinung nach auch einfach viel zu lange brauchte.

      Natürlich kam es - wie es in einer solchen Situation auch kommen musste - und Collin rempelte den Fremden unsanft an der Schulter an. Doch für eine Entschuldigung blieb ihm nun wirklich keine Zeit.
      Stattdessen entwich dem Blonden ein abweisendes: „Pfff!“ – als wäre es nicht seine Schuld, sondern die des anderen gewesen, weil dieser einfach zu lange gebraucht hatte.

      Ohne dem Fremden eines weiteren Blickes zu würdigen, setzte er seinen Weg fort und schaffte es gerade noch so in einen der Aufzüge, ehe sich die Türen schlossen.
      Als er schließlich auf der achten Etage ankam, fand er seinen Weg zu seinem Arbeitsplatz. Doch Zeit, um groß seine E-Mails zu checken oder überhaupt erst einmal anzukommen, blieb ihm nicht.
      Nachdem er sich angemeldet hatte, war er auch schon wieder auf dem Weg in die zwölfte Etage – die Konferenzetage –, wo die kleine Willkommensfeier in einem der großen Konferenzräume mit direktem Blick auf Paris gleich beginnen würde.

      Diesmal benutzte er das Treppenhaus, um unnötige Wartezeiten zu vermeiden. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass das Catering und die Getränke bereits aufgebaut und die Blumen ebenfalls schon eingetroffen waren.
      Aber… er runzelte die Stirn. Wer war nur auf die Idee gekommen, eine solch hässliche Vase zu verwenden?!
      Ein tiefes Seufzen entwich seinen Lippen und er rieb sich für einen Moment die Schläfen, als in diesem Moment auch schon der Niederlassungsleiter des Pariser Standorts – Mr. Durand – auf ihn zukam.
      „Ah, Collin! Da sind Sie ja. Ich hatte schon Angst, Sie würden sich verspäten.“, scherzte der Mann, der sich in seinen Fünfzigern zu befinden schien.

      Collin lächelte, ein gequältes Lächeln. „Natürlich nicht, Sir.“, antwortete er mit seiner höflichen, professionellen Stimme, während sich immer mehr Mitarbeiter nach und nach auf der Etage versammelten.
      „Sie haben die Pralinen für Herrn Kang, die ich Ihnen auf den Tisch gestellt habe?“
      Der Mann nickte. „Aber natürlich.“ und holte die fein gravierte Schachtel mit den Pralinen hervor, die er – zumindest Collins Meinung nach – viel zu schief hielt.

      Die Augenbraue des Blonden zuckte leicht. Das versprach, ein langer Tag zu werden.
    • Jay sah dem blonden Mann noch einen Moment hinterher, ehe er schließlich den Kopf schüttelte. Ein leises, ungläubiges Lachen entwich ihm. „Charmant.“ Mehr Sarkasmus als Ehrlichkeit lagen in seinen Worten. Er wandte sich wieder der Zugangsschranke zu, hielt seinen Ausweis an das Lesegerät und trat durch die sich öffnende Schranke. Wenig später stand er in einer der gläsernen Aufzugskabinen, die ihn aus dem geschäftigen Foyer nach oben bringen sollten. Während der Aufzug langsam an Höhe gewann, ließ Jay den Blick über Paris schweifen. Durch die Glasfassade des Gebäudes konnte er die Stadt trotz des grauen Wetters erstaunlich weit überblicken. Paris. Eine Stadt, die er bereits aus einem Studiensemester gut kannte und die nun für unbestimmte Zeit sein Zuhause werden sollte. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Unbestimmte Zeit.

      Allein der Gedanke daran missfiel ihm. Er war es gewohnt, seine nächsten Schritte zu kennen. Karriere, Wohnort, Termine, Ziele – alles hatte einen Plan. Und nun hatte man ihn nach Paris geschickt, um einen Konzernbereich zu sanieren, der seine besten Jahre offenbar bereits hinter sich hatte. Der Aufzug hielt. Jay trat hinaus und fand sich in einem großzügigen Empfangsbereich wieder. Anders als im Foyer unten war es hier deutlich ruhiger. Dunkles Holz, Glasflächen und dezente Beleuchtung vermittelten den Eindruck, dass dieser Bereich ausschließlich für die Führungsebene und wichtige Geschäftstermine gedacht war. Hinter den gläsernen Wänden lagen die Konferenzräume und Besprechungszimmer der oberen Büroetagen.

      „Monsieur Kang?“ Jay wandte sich um. Ein Mann in einem makellosen Anzug kam auf ihn zu. Er war vermutlich Ende vierzig und strahlte jene routinierte Souveränität aus, die Jay von Menschen kannte, die seit Jahren in den oberen Etagen eines internationalen Konzerns arbeiteten. „Willkommen bei AUREL Paris“, sagte der Mann und streckte ihm die Hand entgegen. „Mein Name ist Laurent Morel. Ich bin der zuständige Chief-Personaler für den europäischen Geschäftsbereich von AUREL.“ Jay ergriff die ausgestreckte Hand. "Freut mich." Jay setzte noch kurz ein Lächeln auf, ehe Laurent auf der Stelle sich drehte.
      „Wenn Sie mir bitte folgen würden. Die Kollegen haben bereits alles für Ihre Begrüßung vorbereitet.“
      „Natürlich.“

      Morel setzte sich in Bewegung und Jay folgte ihm durch den Empfangsbereich. Während sie gingen, konnte Jay durch die Glaswände immer wieder einen Blick in einzelne Besprechungsräume werfen. Überall standen bereits Unterlagen bereit, Bildschirme zeigten Präsentationen und Mitarbeiter waren damit beschäftigt, zu arbeiten oder letzte Vorbereitungen zu treffen?
      „Ich nehme an, Sie hatten Gelegenheit, sich bereits mit den wichtigsten Kennzahlen vertraut zu machen?“, fragte Morel beiläufig.
      „Mit den wichtigsten? Ja.“ Jay schob die Hände in die Hosentaschen, ehe er fort fuhr: „Mit allen? Nein.“
      Morel nickte langsam: „Das wird sich sicher ändern.“
      „Davon gehe ich aus.“

      Sie erreichten einen separaten Aufzug. Morel hielt seine Zugangskarte an das Lesegerät und die Türen öffneten sich.
      „Die zwölfte Etage“, erklärte er. „Dort befinden sich unsere größeren Konferenzräume. Der Niederlassungsleiter und einige weitere Kollegen erwarten Sie bereits.“ Jay nickte und betrat den Aufzug. Morel folgte ihm. Die Fahrt dauerte nicht lange. Als sich die Türen wieder öffneten, drang ihm bereits gedämpftes Stimmengewirr entgegen. Dazu das Klirren von Gläsern und leise Musik. Jay hob eine Augenbraue. „Das klingt nicht gerade nach einem gewöhnlichen Montagmorgen.“ Morel lachte: "Ein Champagner am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen."

      Die Türen zum Konferenzbereich öffneten sich. Jay trat hindurch und blieb für einen kurzen Moment stehen. Der Raum war deutlich größer, als er erwartet hatte. Durch die hohen Fenster fiel das graue Pariser Morgenlicht und gab den Blick über die Dächer der Stadt frei. Ein Buffet war aufgebaut worden, daneben standen Getränke und mehrere Schalen mit kleinen Speisen. Auf einem Tisch befand sich ein großer Blumenstrauß. Offenbar hatte sich jemand Mühe gegeben.

      Eine Gruppe von Mitarbeitern stand bereits im Raum verteilt. Gespräche verstummten teilweise, als Jay eintrat. Einige Gesichter wandten sich ihm zu. Andere versuchten offensichtlich, nicht allzu auffällig zu starren. Morel trat einen Schritt zur Seite.
      „Monsieur Kang, darf ich Ihnen Monsieur Durand vorstellen. Unser Niederlassungsleiter für Paris.“ Jay richtete seinen Blick auf den Mann, der ihm entgegentrat. „Monsieur Kang“, begrüßte Durand ihn mit einem freundlichen Lächeln und ausgestreckter Hand. „Willkommen in Paris. Es freut mich sehr, Sie endlich persönlich begrüßen zu dürfen.“ Jay ergriff seine Hand. „Vielen Dank. Das Vergnügen liegt ganz auf meiner Seite, Monsieur Durand.“ Jays Blick wanderte kurz über die versammelten Mitarbeiter. „Ich hoffe, ich habe Sie nicht von der Arbeit abgehalten.“ Ein paar der Anwesenden lachten leise. Durand schmunzelte: „Nur heute ausnahmsweise.“

      Jay ließ seinen Blick weiter durch den Raum schweifen. Dabei fiel ihm ein junger blonder Mann ins Auge. Für einen kurzen Moment blieb sein Blick an ihm hängen. Die längeren blonden Haare. Die adrette Erscheinung. Jay zog leicht die Augenbrauen zusammen.
      Er brauchte einen Moment, um ihn einzuordnen. Das war doch—„Pfff!“
      Die Erinnerung an die Eingangshalle kehrte zurück. Jay sah den Blonden noch einmal an und konnte sich ein kaum merkliches Schmunzeln nicht verkneifen. Natürlich. Ausgerechnet.
    • Collin hob seinen Blick, als schließlich der Moment kam, auf den alle gewartet hatten. Die Gespräche um ihn herum verstummten für einen kurzen Augenblick, als sich die Aufmerksamkeit der anwesenden Mitarbeiter auf den CCO richteten, der endlich auf der Willkommensfeier eingetroffen war.
      Er setzte ein freundlich-professionelles Lächeln auf, doch als sich ihre Blicke trafen… fror ihm buchstäblich das Lächeln auf den Lippen ein. Das war doch... nein, das konnte nicht sein, oder?
      Er musterte den jungen CCO genauer und dann traf es ihn wie ein Blitz. Das ist der Fremde, den er vorhin bei der Zugangsschranke versehentlich angerempelt hatte, weil dieser zu langsam gewesen ist und er selbst es ziemlich eilig gehabt hatte.

      ER ist der CCO von AUREL? Oh, fuck…

      Aber vielleicht... vielleicht erkannte er ihn ja nicht wieder? Immerhin ist er vorhin so schnell an ihm vorbeigerannt, dass er vermutlich sein Gesicht gar nicht richtig gesehen hatte. Zumindest war es das, worauf der junge Junior Marketing-Manager nur hoffen konnte.
      Noch nie wollte er so schnell von einer Veranstaltung wieder weg wie in diesem Moment. Das alles war ihm mehr als nur unangenehm... aber gut.
      Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als zu lächeln und in ein paar Minuten unauffällig seinen Weg zu seinem Schreibtisch anzutreten. Immerhin musste eine Weihnachtsfeier geplant werden. Und bis dahin? Würde er sich einfach im Hintergrund halten.

      Aber dann...

      „Gerne möchten wir Ihnen noch etwas zur Begrüßung an unserem Standort überreichen.“, fuhr Durand fort und überreichte dem CCO die teure Pralinenschachtel. „Wir hoffen doch, Sie mögen Schokolade?“, fragte er mit einem amüsierten Lächeln und deutete dann auf den riesigen Blumenstrauß. „Die Blumen sind natürlich auch für Sie. Ich werde sie später in Ihr Büro bringen lassen, darum müssen Sie sich selbstverständlich nicht kümmern. Ich hoffe, Ihnen gefallen die kleinen Aufmerksamkeiten? Unser Collin hat das alles heute für Ihre Ankunft organisiert. Er ist unser Junior Marketing-Manager bei AUREL Paris.“, erklärte er und deutete dem Blonden an, näher zu treten.

      Natürlich… ganz zum Thema, sich im Hintergrund zu halten. Das Universum wollte sich heute scheinbar einen grausamen Scherz mit ihm erlauben. Erst das verspätete aufwachen und dann das...
      Nichtsdestotrotz trat er näher und trug erneut sein freundlich-professionelles Lächeln auf den Lippen. "Willkommen in Paris, Monsieur Kang. Ich hoffe Sie hatten eine angenehme Anreise?",fragte er und hielt dem CCO zur Begrüßung seine Hand entgegen.

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    • Jay nahm die Pralinenschachtel entgegen und betrachtete sie für einen kurzen Moment. Die fein gravierte Verpackung war zweifellos hochwertig, vermutlich sogar übertrieben hochwertig für eine bloße Begrüßung. „Ich mag Schokolade“, erwiderte er schließlich mit einem leichten Schmunzeln. „Und ich vermute, bei dieser hier wäre es beinahe eine Beleidigung, etwas anderes zu behaupten.“

      Sein Blick wanderte zu dem großen Blumenstrauß, den Durand erwähnt hatte. „Und die Blumen sind ebenfalls eine nette Geste. Vielen Dank. Sie können sie gerne in mein Büro bringen lassen.“ Jay nickte Durand kurz zu. Er war solche Aufmerksamkeiten aus New York gewohnt, auch wenn sie dort meist etwas nüchterner ausfielen. Dennoch wusste er zu schätzen, dass man sich die Mühe gemacht hatte. Zumindest zeigte es, dass die Pariser Dépendance verstanden hatte, dass sein erster Tag nicht völlig lieblos beginnen sollte.

      Dann fiel sein Blick auf den blonden Mann. Collin. Junior Marketing-Manager. Jay musterte ihn einen Moment länger, als es für eine gewöhnliche Vorstellung notwendig gewesen wäre. Die längeren blonden Haare, das gepflegte Äußere, die adrette Kleidung. Dazu dieses Gesicht. Er kannte ihn. Oder besser gesagt: Er glaubte, ihn zu kennen. Die Zugangsschranke. Der hastige Schatten, der an ihm vorbeigeschossen war. Die Schulter, gegen die der andere gerannt war. Und dieser ausgesprochen charmante Laut, mit dem der Fremde anschließend offenbar seine eigene Unhöflichkeit kommentiert hatte.

      Jay hätte ihn im Foyer kaum wiedererkannt. Dafür war alles zu schnell gegangen. Jetzt allerdings, aus der Nähe, fügte sich das Bild zusammen. Das Universum hatte offenbar einen eigenartigen Sinn für Humor. „Junior Marketing-Manager“, wiederholte Jay gedanklich und ließ seinen Blick noch einmal kurz über den Blonden gleiten. Dann trat Collin auf ihn zu.

      „Willkommen in Paris, Monsieur Kang. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise?“, Jay sah auf die ihm entgegengestreckte Hand. Für einen Sekundenbruchteil zögerte er. Nicht sichtbar. Zumindest hoffte er das. Dann griff er nach Collins Hand. Und plötzlich war da etwas. Es war kein Gedanke, keine bewusste Entscheidung und schon gar nichts, das Jay hätte rational erklären können. Eine eigenartige Spannung schoss durch seinen Körper, kaum dass sich ihre Hände berührten. Etwas Instinktives, Unmittelbares, das sich irgendwo zwischen Nerv und Atemzug festsetzte.

      Sein Alpha reagierte. Sofort. Jay hielt Collins Hand noch immer, während sich sein Blick unwillkürlich auf dessen Gesicht richtete. Für den Bruchteil einer Sekunde war alles andere im Raum bedeutungslos geworden. Die Gespräche, das leise Klirren der Gläser, Durand, die versammelten Mitarbeiter. Nur dieser Mann. Diese Nähe. Diese verdammte Anziehung. Jays Finger schlossen sich unbewusst ein wenig fester um Collins Hand, bevor er den Druck sofort wieder lockerte.

      Nein. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Das war absurd. Er kannte diesen Mann nicht. Es gab keinen verdammten Grund für diese Reaktion. Jay hatte seine Alpha-Instinkte sein ganzes Leben lang unter Kontrolle gehabt. Er hatte gelernt, sie zu beherrschen, sie von geschäftlichen Entscheidungen und seinem Alltag fernzuhalten. Und jetzt genügte ein Händedruck? Sein Blick blieb noch einen Moment auf Collin liegen, während er sich innerlich zur Ordnung rief. Einatmen. Ausatmen. Keine Reaktion zeigen. Sein Gesicht blieb professionell, beinahe ungerührt. Nur wer ihn sehr genau kannte, hätte vielleicht bemerkt, dass sein Blick für einen kurzen Augenblick ungewöhnlich intensiv geworden war.

      Schließlich ließ Jay Collins Hand los. „Die Anreise war angenehm“, antwortete er ruhig. „Vielen Dank.“ Eine winzige Pause. „Paris scheint allerdings bereits dafür zu sorgen, dass es interessant wird.“ Sein Blick wanderte für einen kurzen Moment zu Durand und dann wieder zurück zu Collin.
      „Und offenbar habe ich bereits einige Mitarbeiter kennengelernt.“ Ein kaum merkliches Schmunzeln lag auf seinen Lippen. Er wusste nicht, was gerade mit ihm geschehen war. Aber eines wusste er sehr genau: Diesen Mann sollte er besser im Auge behalten.
    • Als seine Hand schließlich von dem CCO ergriffen wurde, durchfuhr ihn ein seltsames Gefühl. Die Berührung war kaum länger als ein paar Sekunden, doch für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als würde eine angenehme Wärme von dessen Handfläche durch seine Finger bis in seinen ganzen Körper wandern. Gleichzeitig lief ihm ein merkwürdiger Schauer über den Rücken.
      Nicht unangenehm – ganz im Gegenteil. Für einen kurzen Moment fühlte sich die Berührung beinahe vertraut an, obwohl sie sich überhaupt nicht kannten.

      Irritiert blinzelte Collin und schob das seltsame Gefühl sofort auf seine eigene Nervosität. Immerhin stand er gerade dem CCO seines Unternehmens gegenüber. Natürlich war er angespannt. Erst recht, nachdem er ihn in der Eingangshalle an der Zugangsschranke so unverschämt angerempelt hatte.
      Trotzdem... warum schlug sein Herz plötzlich so verdammt schnell? Das ergab doch gar keinen Sinn... oder?
      Als sich ihre Hände wieder lösten, runzelte er irritiert die Stirn. Was war das denn gewesen? Im Gegensatz zu dem CCO sah man Collin leider die Irritation deutlich ins Gesicht geschrieben.

      Bevor Collin irgendetwas antworten konnte, ergriff Durand erneut das Wort: „Unser Collin wird Ihnen natürlich auch immer gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen und Ihnen in all Ihren Belangen assistieren, Monsieur Kang. Habe ich recht, Collin?“
      Collin blinzelte, dann blinzelte er erneut. Hatte er sich gerade verhört? Er soll Monsieur Kang assistieren? Am liebsten wollte er protestieren. Weder arbeitete er im Sekretariat, noch war er von irgendwem die Assistenz. Ganz zu schweigen davon, dass er genug eigene Arbeit auf dem Schreibtisch hatte.
      Doch er wusste auch, dass ihm keine andere Wahl blieb. Immerhin handelte es sich hier um den CCO und wenn sein Niederlassungsleiter sagte, er würde ihm assistieren... dann konnte er wohl auch nicht viel dagegen tun.
      „Natürlich.“, antwortete er mit einem Lächeln, das nicht seine Augen erreichte.

      Und dann kam es, wie es natürlich kommen musste... Ein junger Mann mit rosa gefärbten Haaren trat herein. Unter seinem Arm trug er ein Skateboard und auf der Nase trug er eine Sonnenbrille. Ein weites T-Shirt, kurze Hosen und Sportschuhe.
      Wenn der Wachschutz des Konzerns es nicht besser wüsste, hätte man den jungen Mann wohl im hohen Bogen aus dem Gebäude geworfen oder gar nicht erst hereingelassen.
      Dieser grinste nur, als er von einer Mitarbeiterin angesprochen wurde, was er hier zu suchen hatte. Er zuckte mit den Schultern, während er sich die Sonnenbrille in seine Haare schob und seinen Blick über die anwesenden Mitarbeiter und seinen Adoptivvater schweifen ließ.
      „Ich habe gehört, hier gibt es Catering. Und ich habe Hunger.“

      Dann blieb sein Blick an Jay hängen und natürlich wusste diese Dumpfbacke nicht, um wen es sich hier handelte. Sein Grinsen wurde nur breiter, als er seine Augen langsam über dessen Gesicht und Körper wandern ließ.
      Er konnte es nicht abstreiten: Der Neue, der da stand... war attraktiv wie sonst was. Der definierte Körper und dazu noch dieses Gesicht...

      Ungeniert trat er näher und schob sich dabei an Collin und seinem Adoptivvater vorbei.
      „Hey, mein Name ist Sora! Und wer bist du? Ich hab dich hier noch nie gesehen. Bist du neu?“, fragte er und setzte, um allem noch die Krone aufzusetzen, auch noch ein Zwinkern hinterher. „Wenn du willst, können wir heute zusammen Mittagessen gehen und ich führ dich ein wenig herum.“

      Collins Augen weiteten sich vor Entsetzen und ihm fiel beinahe die Kinnlade herunter. Er wusste, dass Sora nicht die hellste Kerze war, aber das... übertraf alles, was er sich in den letzten Jahren geleistet hatte. Der Blonde sah so aus, als wäre er nur wenige Sekunden davon entfernt Sora zu erdrosseln.
    • Jay hatte gerade angesetzt, auf Durands Ankündigung zu reagieren, dass Collin ihm künftig mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte, als sich die Aufmerksamkeit im Raum plötzlich auf einen Neuankömmling verlagerte. Ein junger Mann mit auffällig rosa Haaren, Skateboard und einer Kleidung, die in einem konservativen Vorstandsbüro vermutlich für einige hochgezogene Augenbrauen gesorgt hätte, spazierte herein, als gehöre ihm das Gebäude. Jay hob amüsiert eine Augenbraue. Wenigstens einer schien sich von der Anwesenheit eines CCO nicht sonderlich beeindrucken zu lassen.
      Sein Blick glitt kurz zu Collin, dessen Gesichtsausdruck eine ganz andere Geschichte erzählte. Der Blonde schien sich mit bemerkenswerter Mühe davon abzuhalten, etwas zu sagen, das ihm vermutlich unmittelbar danach leidtun würde. Jay beschloss, vorerst nicht nachzufragen. Er hatte den Eindruck, dass ihm die Antwort früher oder später ohnehin von selbst begegnen würde.

      Dann stand der Neuankömmling auch schon vor ihm und musterte ihn mit einer Unverblümtheit, die Jay aus seiner Zeit als Model durchaus kannte. Damals hatte er gelernt, zwischen einem professionellen Blick und offenem Interesse zu unterscheiden. Der Blick dieses jungen Mannes gehörte ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie.

      Jay ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil. Als Sora sich vorstellte und ihn prompt zum Mittagessen einlud, breitete sich ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen aus „Jae-min Kang. Aber Jay reicht völlig.“ Er reichte Sora die Hand und musterte ihn dabei mit unverhohlener Neugier. Die rosa Haare, das Skateboard und die lässige Art waren jedenfalls eine willkommene Abwechslung zu den sorgfältig zurechtgelegten Begrüßungsfloskeln, mit denen man ihn seit seiner Ankunft bedacht hatte. „Und ja, ich bin neu. Zumindest hier in Paris.“ Sein Lächeln wurde ein wenig breiter. „Ich wusste allerdings nicht, dass die persönliche Führung durch die Stadt bereits zum Begrüßungspaket gehört.“

      Für einen Moment erwog Jay tatsächlich, das Angebot anzunehmen. Sora war ohne Zweifel attraktiv, und seine unbekümmerte Art hatte etwas Erfrischendes. Jay war schließlich niemand, der sich grundsätzlich vor einer angenehmen Gesellschaft verschloss. Schon gar nicht, wenn sie ihm auf so unverblümte Weise angeboten wurde. Allerdings gab es da noch eine Kleinigkeit: seine Arbeit. Und die würde sich leider nicht von selbst erledigen. Jay warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. Der Tag hatte gerade erst begonnen, und vor ihm lagen Berge von Zahlen, Berichten und internen Unterlagen, die er zwar bereits kannte, aber nun mit dem tatsächlichen Geschehen am Pariser Standort abgleichen musste. Er wollte verstehen, wo das Unternehmen Geld verlor, welche Abteilungen ineffizient arbeiteten und welche Entscheidungen sich nicht länger aufschieben ließen. Dafür brauchte er Ruhe, Konzentration und vor allem Zeit. Ein Mittagessen würde sich da kaum unterbringen lassen.

      „Das klingt durchaus verlockend, Sora. Ich fürchte nur, dass ich heute bereits eine Verabredung habe.“ Er ließ eine kurze Pause entstehen, ehe er mit einem leicht verschwörerischen Lächeln hinzufügte: „Mit den Geschäftszahlen dieser Niederlassung. Und glauben Sie mir, die sind vermutlich deutlich weniger unterhaltsam als Ihre Gesellschaft.“ Sein Tonfall war locker, beinahe bedauernd. Er wollte die Einladung nicht einfach abweisen. Sora hatte ihm nichts getan, und Jay hatte durchaus vor, sich mit den Menschen an diesem Standort vertraut zu machen. Nur eben nicht auf Kosten seiner Arbeit.

      „Wie wäre es also, wenn wir das auf den späten Nachmittag verschieben? Sobald ich mich durch die ersten Zahlenberge gearbeitet habe, könnte ich vermutlich eine kleine Pause vertragen.“ Er legte den Kopf leicht schief und sah Sora mit einem charmanten Lächeln an. „Dann dürfen Sie mir gerne zeigen, was Paris jenseits von Konferenzräumen, Finanzberichten und überteuerten Geschäftsessen zu bieten hat.“

      Damit wandte er sich für einen kurzen Moment wieder Durand zu, ohne Sora dabei völlig aus den Augen zu verlieren. „Ich hoffe, das ist in Ordnung, Herr Durand. Ich würde gerne noch heute mit der Arbeit beginnen, solange die Eindrücke frisch sind.“ Es war weniger eine Frage als eine höflich formulierte Mitteilung. Jay war nicht nach Paris gekommen, um sich den Vormittag mit Willkommensfeiern zu vertreiben. Er wusste die Geste zu schätzen, doch er war jemand, der lieber Ergebnisse lieferte, als lange darüber zu sprechen, was er irgendwann zu erreichen gedachte.

      Sein Blick glitt schließlich erneut zu Collin, der noch immer neben seinem Niederlassungsleiter stand. Der Blonde schien von Soras Auftritt alles andere als begeistert zu sein. Jay fragte sich unwillkürlich, ob die beiden sich gut kannten oder ob Collin generell Schwierigkeiten mit Menschen hatte, die sich nicht an die üblichen Regeln hielten. Vielleicht würde sich das noch herausstellen.

      „Und keine Sorge“, fügte Jay mit einem letzten, amüsierten Blick in Soras Richtung hinzu. „Ich werde versuchen, bis dahin nicht völlig in den Zahlen zu versinken.“

      Er nahm die Pralinenschachtel wieder zur Hand, die er während des Gesprächs beinahe vergessen hatte, und stellte sie auf dem nächstgelegenen Tisch ab. Dann strich er sein Sakko glatt und bereitete sich innerlich darauf vor, sich durch die restlichen Höflichkeiten des Empfangs zu arbeiten. Der erste Eindruck der Pariser Niederlassung war jedenfalls alles andere als langweilig. Und das, dachte Jay, konnte sowohl ein gutes als auch ein ausgesprochen schlechtes Zeichen sein.
    • "Jay.", wiederholte Sora, ein Grinsen auf seinen Lippen. Er legte verspielt seinen Kopf schief - fast so wie eine Katze, die ihr neues Lieblingsspielzeug entdeckt hatte.
      "Gefällt mir. Mehr als Jae-min. Er rollt viel einfacher von der Zunge." - was das junge Model wohl damit meinte? Nun... wer wusste das schon?

      Aber dann zog sich ein leichter Schmollmund über seine Lippen, als seine Einladung zum gemeinsamen Mittagessen nicht angenommen wurde.
      "Zahlen... wie langweilig.", murmelte er seufzend, doch glitzerte sogleich etwas in seinen Augen auf, als ihm der Ältere stattdessen im Gegenzug den Nachmittag anbot. Das war ja fast noch besser.
      Der Schmollmund war sofort verschwunden und wurde durch ein charmantes Grinsen ersetzt. "Wie gut für dich, dass ich diesen Nachmittag noch nichts vorhabe.". er trat noch einen Schritt näher.
      "Ich hoffe doch du weißt, worauf du dich einlässt? Denn ich kann wirklich eine Menge essen."

      Collin war derweil alles aus dem Gesicht gefallen. Seine Augen waren weit aufgerissen und er starrte Sora fassungslos an, als hätte dieser vollkommen den Verstand verloren... nicht, das Sora jemals einen Verstand besessen hatte.
      Hatte... dieser Idiot immer noch nicht verstanden, wer da eigentlich gerade vor ihm stand? Obwohl Monsieur Kang es doch bereits so deutlich gemacht hatte?!
      Doch was den Blonden noch mehr schockierte, war nicht unbedingt das Verhalten von Sora... immerhin kannte er das schon von dem Jüngeren.
      Es war die Antwort von Jay selbst. Er hatte mit allem gerechnet... aber wirklich nicht damit, dass er sich auf ein Treffen mit Sora am Nachmittag einlassen würde.

      Auch Durand wirkte äußerst blass im Gesicht. Während sein Adoptivsohn noch immer dabei war den CCO anzugrinsen, schob er ihn hastig in die Richtung der Aufzüge, damit er nicht noch irgendeine Dummheit machen konnte.
      "H-hey, was soll das? Ich hab noch Hunger, Dad! Und außerdem habe ich ihm doch noch nicht mal meine Nummer gegeben!", protestierte dieser, doch wurde einfach weitergeschoben.
      "Sora, bitte geh!", flehte Durand und schob seinen Sohn in einen der Aufzüge.

      Doch Sora - der das Problem wirklich nicht verstand - konnte es sich nicht nehmen lassen, Jay über die Schulter seines Adoptivvaters hinweg noch einmal zu zuwinken.
      "Ich hol dich ab!", rief er ihm mit einer viel zu lauten Stimme zu, dafür, dass sie sich (eigentlich) in einem gehobenen Bürogebäude befanden.

      Kaum hatten sich die Türen des Aufzugs geschlossen, wand sich Durand sofort Jay zu und ging mit hastigen Schritten auf ihn zu.
      "Ich bitte vielmals um Verzeihung, Monsieur Kang!", entschuldigte er sich, fest im Glauben, dass das Angebot seinem Sohn gegenüber nur aus reiner Höflichkeit geschehen war.

      Währenddessen konnte Collin kaum noch an sich halten - diese ganze Situation... nein, dieser gesamte Morgen - war einfach viel zu absurd.
      Seine Mundwinkel zuckten, als er versuchte ein Grinsen zu unterdrücken. Doch schaffte er dies nicht. Er drehte sich weg und ein leises, aber amüsiertes "Pfff...", entwich seinen Lippen.
    • Jay beobachtete mit einer Mischung aus Amüsement und professioneller Gelassenheit, wie Sora von einem Moment auf den anderen von enttäuschter Langeweile zu offenkundiger Begeisterung wechselte. Der junge Mann schien seine Zusage für den Nachmittag bereits als festes Versprechen zu betrachten. Dass Jay damit möglicherweise mehr in Aussicht gestellt hatte, als er ursprünglich beabsichtigt hatte, entging ihm dabei keineswegs. Allerdings sah er keinen Grund, seine Entscheidung jetzt wieder zurückzunehmen. Ein wenig Abwechslung würde ihm nach einem langen Arbeitstag vermutlich guttun, und Sora war zumindest unterhaltsam.

      Das charmante Lächeln auf seinen Lippen blieb bestehen, während er den Jüngeren betrachtete. Als dieser allerdings noch näher trat, hob Jay leicht eine Augenbraue. Er war durchaus mit direktem Interesse vertraut und hatte während seiner Zeit als Model gelernt, sich davon weder aus der Ruhe bringen noch zu vorschnellen Reaktionen verleiten zu lassen. Sora schien jedenfalls nicht zu den Menschen zu gehören, die ihre Absichten lange verbargen.

      Bevor Jay jedoch etwas erwidern konnte, schritt Durand ein und begann, seinen Adoptivsohn mit einer beinahe schon verzweifelten Entschlossenheit in Richtung Aufzug zu befördern. Jay musste sich ernsthaft zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen, als Sora sich protestierend dagegen wehrte. Spätestens bei dessen lautstarker Ankündigung, ihn am Nachmittag abzuholen, konnte er ein Schmunzeln nicht mehr unterdrücken.

      Dann wandte er sich wieder dem Niederlassungsleiter zu, der mit einer Miene auf ihn zukam, als hätte sich gerade eine mittelschwere Katastrophe ereignet. Jay hörte sich Durands Entschuldigung in aller Ruhe an. Er konnte durchaus nachvollziehen, weshalb dem älteren Mann die Situation unangenehm war. Immerhin hatte sein Sohn den neuen CCO des Unternehmens gerade behandelt, als wäre dieser ein zufälliger Bekannter aus einem Nachtclub und nicht der Mann, der künftig maßgeblich über die Zukunft der europäischen Niederlassung entscheiden würde. Andererseits hatte Jay schon wesentlich unangenehmere Begegnungen erlebt.

      „Herr Durand, Sie müssen sich nicht entschuldigen.“ Seine Stimme klang ruhig und verbindlich. Er richtete sein Sakko und schenkte dem Niederlassungsleiter ein professionelles Lächeln. „Ihr Sohn hat mir lediglich ein Mittagessen angeboten. Ich habe schon deutlich unangenehmere Begrüßungen erlebt.“

      Er ließ die Bemerkung einen Moment wirken, bevor er mit einem leichten Schmunzeln ergänzte: „Und ich muss zugeben, dass ich seine Direktheit durchaus erfrischend finde. Oftmals verbringt man manchmal mehr Zeit damit, höflich um den heißen Brei herumzureden, als tatsächlich etwas zu sagen.“ Damit war das Thema für Jay vorerst erledigt. Er hatte weder die Absicht, Durand wegen des Vorfalls in Verlegenheit zu bringen, noch wollte er den Eindruck erwecken, dass er sich von einer etwas ungewöhnlichen Begrüßung aus dem Konzept bringen ließ. Solange Sora am Nachmittag tatsächlich erschien und das geplante Treffen nicht zu einem weiteren organisatorischen Problem wurde, gab es für ihn keinen Anlass, sich weiter damit zu beschäftigen.

      Sein Blick fiel auf Collin, dessen unterdrücktes Lachen ihm keineswegs entgangen war. Für einen kurzen Moment begegneten sich ihre Blicke, und Jays Mundwinkel zuckten amüsiert. Offenbar war der Junior Marketing-Manager mit der Situation ähnlich wenig überfordert wie er selbst – oder er hatte schlicht einen besseren Sinn für Humor, als seine zunächst angespannte Miene vermuten ließ. „Ich nehme an, das gehört ebenfalls zum Pariser Begrüßungsprogramm?“, fragte Jay mit einem kaum merklichen Grinsen in Collins Richtung.
      Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder an Durand und griff nach der Pralinenschachtel, die noch immer auf dem Tisch stand.

      „Nun gut. Ich denke, wir haben genug Zeit mit den Höflichkeiten verbracht. Wenn Sie mir bitte zeigen könnten, wo ich mich für den Vormittag einrichten kann, würde ich gerne mit der Arbeit beginnen.“ Sein Tonfall war freundlich, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er nun zum eigentlichen Anlass seines Aufenthalts übergehen wollte. Er war nicht nach Paris gekommen, um sich den halben Tag mit Begrüßungen, Blumen und Familienanekdoten aufzuhalten. Die Zahlen warteten schließlich nicht darauf, dass er sich eingelebt hatte.

      Jay nahm die Pralinen mit, bevor er sich noch einmal kurz im Raum umsah. Die Mitarbeiter hatten sich inzwischen wieder ihren Gesprächen zugewandt, und die anfängliche Anspannung schien langsam nachzulassen. Gut so. Er wollte nicht, dass seine Anwesenheit dazu führte, dass jeder im Gebäude den Atem anhielt, sobald er einen Raum betrat. Respekt war wichtig, Angst hingegen selten produktiv. „Und vielleicht können wir bei Gelegenheit auch über die aktuelle Lage der europäischen Division sprechen. Ich habe mir die Unterlagen bereits angesehen, würde aber gerne wissen, wie Sie die Situation vor Ort einschätzen. Zahlen erzählen schließlich nicht immer die ganze Geschichte.“

      Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung und überließ es Durand, den Weg zu weisen. Der Empfang war beendet. Es wurde Zeit, sich einen Überblick über die tatsächlichen Verhältnisse zu verschaffen, die Verantwortlichen kennenzulernen und herauszufinden, wo genau der Konzern Geld verlor. Der Rest würde sich ergeben. Zumindest hoffte Jay, dass der restliche Arbeitstag etwas weniger turbulent ausfallen würde als seine ersten Minuten in der Pariser Zentrale.
    • Neu

      Später am Nachmittag...

      Sora lehnte sich an die Wand des Aufzugs. Ein verschmitztes Grinsen umspielte seine Lippen, während er sich selbst im Spiegel betrachtete und ein letztes Mal seine Frisur richtete.
      Mann, hatte er von seinem Vater vorhin noch einen Einlauf erhalten: „Das ist unser CCO! Du kannst nicht einfach so mit ihm sprechen, Sora!“ - doch dem jungen Model waren die Worte seines Vaters herzlich egal.
      Vermutlich gerade, weil er ein Model war. Und nicht nur das: Er war das Gesicht des europäischen Konzerns. Warum sollte man ihn rauswerfen, wenn er allein mit seinem Lächeln Dutzende Einnahmen einbrachte?

      „Schwachsinn.“, murmelte er unter seinem Atem und schüttelte leicht den Kopf.
      Was war schon verwerflich daran, wenn er einfach ein wenig Spaß haben wollte? Das tat schließlich niemandem weh, erst recht nicht, wenn man es nicht an die Öffentlichkeit brachte.
      Obwohl dies bei Sora wohl nicht das erste Mal gewesen wäre – so oft, wie er seine Partner wechselte. Niemand war eben interessant genug, dass Sora seine Aufmerksamkeit lange auf ihn richten wollte.
      Und außerdem... handelte es sich hier erstmal nur um ein gemeinsames Essen... da war doch nicht viel dabei, oder?

      Der Aufzug kam zum Stehen und Sora stieg aus. Seine Augen wanderten umher – soweit er gehört hatte, hatte Jay hier sein Büro. Natürlich war er das – immerhin saßen hier alle hohen Tiere. Da konnte der CCO aus Amerika auch nicht weit entfernt sein.
      Geschmeidig bewegte sich das junge Model durch die Gänge und blieb schließlich vor der Tür eines der Büros stehen.
      Und natürlich – wie könnte es auch anders sein – machte sich Sora gar nicht erst die Mühe zu klopfen. Er öffnete die Tür einen Spalt und streckte seinen Kopf hinein. Als er besagten CCO hinter dem Schreibtisch sitzen sah, wurde sein Grinsen noch ein wenig breiter.
      „Ding-dong, da bin ich.“, kündigte er sich an und trat ein, ohne dass er dazu aufgefordert worden war.

      „Hast du mich vermisst?“, fragte er und schritt auf den Schreibtisch zu, als würde ihm das Büro gehören. Um noch einen draufzusetzen, setzte er sich kurzerhand auf die Ecke des Schreibtisches und blickte mit halb geöffneten Augen auf den Alpha herab.
      „Ich bin schon hungrig... ich kann es kaum erwarten, bis es Dessert gibt, weißt du?“
    • Neu

      Jay hatte die letzten Stunden tatsächlich fast ausschließlich mit Zahlen verbracht. Vor ihm lagen mehrere geöffnete Berichte, daneben ein Notizblock, auf dem sich bereits eine Reihe knapper Anmerkungen und Rückfragen angesammelt hatte. Die finanzielle Lage der Pariser Niederlassung war nicht ganz so überraschend, wie er zunächst gehofft hatte, und doch gab es einige Positionen, die seine Aufmerksamkeit stärker beanspruchten. Gerade hatte er eine weitere Zahl auf seinem Bildschirm mit den Angaben aus einem anderen Bericht abgeglichen, als sich die Tür seines Büros öffnete.

      Er hob den Blick zunächst nur kurz, in der Erwartung, dass es einer seiner neuen Mitarbeiter oder Durand sein könnte. Als er jedoch das bekannte pinke Haar und das breite Grinsen erkannte, lehnte er sich ein wenig in seinem Stuhl zurück. Ein amüsiertes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Sora schien tatsächlich keinerlei Zweifel daran zu haben, dass er hier willkommen war. Weder die fehlende Einladung noch die Tatsache, dass Jay gerade arbeitete, schienen ihn im Geringsten zu stören.

      „Das ging schneller, als ich erwartet hatte.“ Seine Augen folgten dem Model, während dieses ohne Umschweife näher kam und sich schließlich auf der Ecke seines Schreibtisches niederließ. Jay ließ den Blick einen Moment auf ihm ruhen, ehe er leicht eine Augenbraue anhob. „Und ich dachte schon, ich müsste dich suchen lassen.“
      Er schloss den Bericht auf seinem Bildschirm allerdings noch nicht. Stattdessen legte er den Stift beiseite und verschränkte die Hände locker vor sich. Soras Frage nach dem Vermissen ließ ihn leise auflachen. „Wir kennen uns gerade einmal ein paar Stunden. Da wäre es wohl etwas voreilig, von Vermissen zu sprechen.“ Eine kurze Pause folgte, in der sein Blick noch einmal über das Gesicht des jungen Mannes wanderte. „Aber ich muss zugeben, dass du einen gewissen Unterhaltungswert hast. Das Büro war in den letzten Stunden jedenfalls deutlich ruhiger.“

      Bei der Bemerkung über das Dessert wurde sein Lächeln ein wenig breiter. Jay lehnte sich zurück und musterte Sora mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Belustigung und unverhohlener Neugier lag. Er verstand durchaus, worauf dieser hinauswollte. Ob es Absicht war, ihn ein wenig aus der Reserve zu locken, oder ob Sora grundsätzlich mit jedem so sprach, ließ sich nach der kurzen Bekanntschaft allerdings kaum beurteilen. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem.

      „Du scheinst dir ziemlich sicher zu sein, dass es heute Abend ein Dessert geben wird.“ Er ließ den Blick kurz auf Soras Lippen ruhen, ehe er ihm wieder in die Augen sah. „Dabei habe ich noch nicht einmal entschieden, wohin wir gehen. Und du hast offenbar schon ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie der Abend verlaufen soll.“

      Mit einer kleinen Bewegung deutete er auf die freie Fläche neben Sora. „Allerdings muss ich dich enttäuschen: Auf meinem Schreibtisch ist kein Platz für die Nachspeise reserviert.“ Der Tonfall blieb freundlich, beinahe spielerisch, doch die Aufforderung war unverkennbar. Jay war durchaus bereit, sich auf Soras Spiel einzulassen, aber er hatte nicht vor, seinen Arbeitsplatz kurzerhand zum privaten Treffpunkt erklären zu lassen.

      Er griff nach seinem Glas Wasser und nahm einen Schluck, bevor er es wieder abstellte. „Also, Sora. Bevor du mir noch verhungerst: Hast du einen konkreten Vorschlag, oder überlässt du die Restaurantwahl ebenfalls mir?“ Sein Lächeln verriet, dass er die Antwort vermutlich schon ahnte. „Und vielleicht solltest du mir vorher verraten, ob du tatsächlich nur hungrig bist oder ob ich mich auf einen ausgesprochen unterhaltsamen Abend einstellen muss.“