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Jay runzelte die Stirn, während er in seinem Wagen Richtung Pariser Konzernzentrale saß. „Wer fängt denn erst um 9 Uhr mit dem Arbeiten an? Und wieso entscheidet das überhaupt jemand für mich?“ Er schaute auf die große silberne Uhr an seinem Handgelenk. Eine Schweizer Armbanduhr, mehr wert als mancher Kleinwagen auf den Straßen von Paris und zugleich Ausdruck seines Werdeganges: zielstrebig, fleißig und eisern verfolgte der US-Koreaner seine Ziele. Das war wohl auch der Grund, warum man ihn für dieses Himmelfahrtskommando in Europa ausgesucht hatte.
Er erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, wie man ihm die „frohe Botschaft“ verkündet hatte, dass er nunmehr in Paris arbeiten könne. Doch um welchen Preis? Er hatte es bereits an diesem verregneten Tag im New Yorker Konferenzraum befürchtet: eine Scheißaufgabe. Auf Managerdeutsch „Konzernergebnisbereinigung“. Im Klartext: Kürzung der Ausgaben, Entlassung von unnötigem Personal und mehr Umsatz. Eine Aufgabe, auf die sich Jay die letzten Wochen bis zu seinem Flug nach Paris vorbereitet hatte. Er kannte die Zahlen, die Organigramme und die Statistiken der europäischen Zentrale. Er wusste, welche Abteilungen rote Zahlen schrieben, welche Projekte längst hätten eingestellt werden müssen und wo sich Einsparpotenzial verbarg. Aber Zahlen hatten keine Gesichter. Heute würde er die Leute dahinter kennenlernen. Vielleicht war genau das der unangenehme Teil.
Er fuhr mit seinem Wagen in die Tiefgarage des Hochhauses, das beinahe einen ganzen Stadtblock einzunehmen schien und vollständig dem Modekonzern gehörte. Nachdem er seinen Wagen geparkt hatte, nahm er den Weg zum Aufzug und fuhr in das Foyer. Raus aus dem Grau des Berufsverkehrs und der Dunkelheit des Parkhauses hinein in ein lichtdurchflutetes und buntes Foyer. Überall auf den Bildschirmen sah man bereits die neue Kollektion für den Herbst. Models, Stoffe, Kampagnen und riesige Logos wechselten sich in schneller Folge ab.
„Beige, also?“, murmelte Jay und zuckte mit den Schultern. Von der Farbe Beige hielt er ungefähr genauso viel wie von Kimchi aus dem Supermarkt.
Er ließ den Raum kurz auf sich wirken. Alles war größer, heller und geschäftiger, als er es von den Unterlagen und den Videokonferenzen kannte. Mitarbeiter eilten durch das Foyer, manche mit Kaffeebechern in der Hand, andere bereits in Gespräche vertieft. Einige warfen ihm einen kurzen Blick zu, ehe sie ihren Weg fortsetzten. Jay konnte nicht sagen, ob sie ihn bereits erkannt hatten oder ob er lediglich wie irgendein weiterer Manager aussah, der zu spät zu einem Meeting kam. Er richtete seine Krawatte und strich mit einer Hand kurz über das Sakko. Die letzten Monate in New York hatten ihm mehr als einmal gezeigt, wie schnell sich ein Unternehmen gegen jemanden stellte, der unangenehme Entscheidungen treffen musste. Er würde sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war nicht hier, um beliebt zu sein. Er orientierte sich und entdeckte schließlich den Empfangsschalter. Sein eigentliches Ziel.
Während sich seine Augen noch an das grelle Licht im Foyer gewöhnten, schritt er auf den Schalter zu und begrüßte die Dame am Empfang auf Französisch. Kurz stellte er sich vor und die Dame erstarrte für einen Augenblick. Dann nickte sie hektisch und überreichte ihm rasch den Ausweis. Anschließend senkte sie demonstrativ den Kopf. Jay nahm den Ausweis entgegen und musterte sie einen Moment. Interessant. Entweder hatte man ihn hier bereits angekündigt oder sein Ruf war ihm schneller nach Paris gefolgt, als ihm lieb war. Er nickte stumm, befestigte den Ausweis mit dem integrierten Chip an seinem Hosenbund und ging Richtung Aufzüge. Es waren mehrere gläserne Kapseln, die gerade die Wand hochflogen und immer wieder neue Mitarbeiter zu ihren Büros brachten. Jay blieb kurz stehen und betrachtete die Konstruktion. In New York war alles etwas nüchterner, funktionaler. Hier hatte selbst der Weg zum Arbeitsplatz offenbar eine Inszenierung nötig.
Er setzte sich wieder in Bewegung und hielt auf die Zugangsschranken zu, hinter denen die eigentlichen Büroetagen begannen. Einige Mitarbeiter standen dort bereits Schlange und hielten ihre Karten an die Lesegeräte. Jay zog seinen Ausweis vom Hosenbund und wollte ihn gerade an das Lesegerät halten, als plötzlich jemand an ihm vorbeischoss. Eine Person rannte durch die gerade geöffnete Schranke, offenbar ohne die Verzögerung eines Kartenlesers abwarten zu wollen. Im Vorbeilaufen wurde Jay unsanft an der Schulter angerempelt. „Hey—!“ Mehr brachte er im ersten Moment nicht hervor.
Die Person war bereits einige Meter entfernt und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit durch die Eingangshalle, die Jay beinahe sprachlos zurückließ. Er konnte kaum mehr erkennen als längere, blonde Haare, die bei der Bewegung nach hinten schwangen, und die flüchtige Silhouette eines adrett gekleideten Mannes. Jay blieb einen Augenblick stehen und sah ihm nach.
„Na wunderbar“, murmelte er schließlich und strich sich über die Schulter. Sein erster Tag in Paris hatte offensichtlich bereits begonnen.
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Jay runzelte die Stirn, während er in seinem Wagen Richtung Pariser Konzernzentrale saß. „Wer fängt denn erst um 9 Uhr mit dem Arbeiten an? Und wieso entscheidet das überhaupt jemand für mich?“ Er schaute auf die große silberne Uhr an seinem Handgelenk. Eine Schweizer Armbanduhr, mehr wert als mancher Kleinwagen auf den Straßen von Paris und zugleich Ausdruck seines Werdeganges: zielstrebig, fleißig und eisern verfolgte der US-Koreaner seine Ziele. Das war wohl auch der Grund, warum man ihn für dieses Himmelfahrtskommando in Europa ausgesucht hatte.
Er erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, wie man ihm die „frohe Botschaft“ verkündet hatte, dass er nunmehr in Paris arbeiten könne. Doch um welchen Preis? Er hatte es bereits an diesem verregneten Tag im New Yorker Konferenzraum befürchtet: eine Scheißaufgabe. Auf Managerdeutsch „Konzernergebnisbereinigung“. Im Klartext: Kürzung der Ausgaben, Entlassung von unnötigem Personal und mehr Umsatz. Eine Aufgabe, auf die sich Jay die letzten Wochen bis zu seinem Flug nach Paris vorbereitet hatte. Er kannte die Zahlen, die Organigramme und die Statistiken der europäischen Zentrale. Er wusste, welche Abteilungen rote Zahlen schrieben, welche Projekte längst hätten eingestellt werden müssen und wo sich Einsparpotenzial verbarg. Aber Zahlen hatten keine Gesichter. Heute würde er die Leute dahinter kennenlernen. Vielleicht war genau das der unangenehme Teil.
Er fuhr mit seinem Wagen in die Tiefgarage des Hochhauses, das beinahe einen ganzen Stadtblock einzunehmen schien und vollständig dem Modekonzern gehörte. Nachdem er seinen Wagen geparkt hatte, nahm er den Weg zum Aufzug und fuhr in das Foyer. Raus aus dem Grau des Berufsverkehrs und der Dunkelheit des Parkhauses hinein in ein lichtdurchflutetes und buntes Foyer. Überall auf den Bildschirmen sah man bereits die neue Kollektion für den Herbst. Models, Stoffe, Kampagnen und riesige Logos wechselten sich in schneller Folge ab.
„Beige, also?“, murmelte Jay und zuckte mit den Schultern. Von der Farbe Beige hielt er ungefähr genauso viel wie von Kimchi aus dem Supermarkt.
Er ließ den Raum kurz auf sich wirken. Alles war größer, heller und geschäftiger, als er es von den Unterlagen und den Videokonferenzen kannte. Mitarbeiter eilten durch das Foyer, manche mit Kaffeebechern in der Hand, andere bereits in Gespräche vertieft. Einige warfen ihm einen kurzen Blick zu, ehe sie ihren Weg fortsetzten. Jay konnte nicht sagen, ob sie ihn bereits erkannt hatten oder ob er lediglich wie irgendein weiterer Manager aussah, der zu spät zu einem Meeting kam. Er richtete seine Krawatte und strich mit einer Hand kurz über das Sakko. Die letzten Monate in New York hatten ihm mehr als einmal gezeigt, wie schnell sich ein Unternehmen gegen jemanden stellte, der unangenehme Entscheidungen treffen musste. Er würde sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war nicht hier, um beliebt zu sein. Er orientierte sich und entdeckte schließlich den Empfangsschalter. Sein eigentliches Ziel.
Während sich seine Augen noch an das grelle Licht im Foyer gewöhnten, schritt er auf den Schalter zu und begrüßte die Dame am Empfang auf Französisch. Kurz stellte er sich vor und die Dame erstarrte für einen Augenblick. Dann nickte sie hektisch und überreichte ihm rasch den Ausweis. Anschließend senkte sie demonstrativ den Kopf. Jay nahm den Ausweis entgegen und musterte sie einen Moment. Interessant. Entweder hatte man ihn hier bereits angekündigt oder sein Ruf war ihm schneller nach Paris gefolgt, als ihm lieb war. Er nickte stumm, befestigte den Ausweis mit dem integrierten Chip an seinem Hosenbund und ging Richtung Aufzüge. Es waren mehrere gläserne Kapseln, die gerade die Wand hochflogen und immer wieder neue Mitarbeiter zu ihren Büros brachten. Jay blieb kurz stehen und betrachtete die Konstruktion. In New York war alles etwas nüchterner, funktionaler. Hier hatte selbst der Weg zum Arbeitsplatz offenbar eine Inszenierung nötig.
Er setzte sich wieder in Bewegung und hielt auf die Zugangsschranken zu, hinter denen die eigentlichen Büroetagen begannen. Einige Mitarbeiter standen dort bereits Schlange und hielten ihre Karten an die Lesegeräte. Jay zog seinen Ausweis vom Hosenbund und wollte ihn gerade an das Lesegerät halten, als plötzlich jemand an ihm vorbeischoss. Eine Person rannte durch die gerade geöffnete Schranke, offenbar ohne die Verzögerung eines Kartenlesers abwarten zu wollen. Im Vorbeilaufen wurde Jay unsanft an der Schulter angerempelt. „Hey—!“ Mehr brachte er im ersten Moment nicht hervor.
Die Person war bereits einige Meter entfernt und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit durch die Eingangshalle, die Jay beinahe sprachlos zurückließ. Er konnte kaum mehr erkennen als längere, blonde Haare, die bei der Bewegung nach hinten schwangen, und die flüchtige Silhouette eines adrett gekleideten Mannes. Jay blieb einen Augenblick stehen und sah ihm nach.
„Na wunderbar“, murmelte er schließlich und strich sich über die Schulter. Sein erster Tag in Paris hatte offensichtlich bereits begonnen.
