Alex' Worte beruhigten mich, als er mir versicherte, dass die Blumen nicht zu kitschig waren. Die leichte Nervosität, die ich deswegen verspürt hatte, löste sich langsam aus meiner Brust. Und eigentlich waren die Blumen hier auch dringend nötig. Sie waren das Einzige, das heil und unberührt wirkte und überhaupt irgendeine Wärme ausstrahlte. Es war traurig und gleichzeitig schön. Traurig, dass ein paar Blumen bereits einen so großen Unterschied in diesem Haus machten, doch schön, dass sie genau den Effekt erzielten, den ich mir insgeheim erhofft hatte.
Ich nahm einige Schritte nach vorne und sah ihm dabei zu, wie er sich von mir abwandte, um eine Vase zu holen. Für einen Moment war ich tatsächlich überrascht, dass er überhaupt eine gefunden hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich irgendwo in diesem Haus eine Vase befand, doch zumindest ersparte es ihm den Kauf einer neuen.
Verlegen musste ich meinen Blick von ihm abwenden, als Alex wieder einmal einfach... Alex war. Offene, direkte und ungefilterte Worte, ohne dass sich auch nur ein Hauch von Peinlichkeit oder Scham darin befand. Es war beneidenswert, wie mühelos er aussprechen konnte, was er dachte oder fühlte. Als müsste er nicht erst hundert verschiedene Möglichkeiten in seinem Kopf durchgehen, bevor er sich entschied, ob er etwas sagen durfte oder nicht. Ich kam in dieser Hinsicht nicht an Alex heran. Vermutlich würde ich das auch nie. Doch vielleicht war das in Ordnung. Das machte ihn schließlich zu Alex. Ich konnte nicht einfach aussprechen, was ich dachte oder fühlte. Oft wusste ich selbst nicht einmal genau, was in mir vorging, geschweige denn, dass ich es in passende Worte fassen konnte. Also behielt ich vieles lieber für mich. Seine aufrichtigen und warmen Worte ließen mich dennoch peinlich berührt eine Haarsträhne aus meinem Gesicht streichen. Meine Finger verschränkten sich vor mir, während ich mich nicht dazu überwinden konnte, ihm direkt in die Augen zu sehen.
Stattdessen nutzte ich die Gelegenheit, einen Blick auf die restliche Raumaufteilung zu erhaschen. Da viele Häuser ähnlich gebaut waren, konnte ich mir zumindest ungefähr vorstellen, wie der Rest aussah. Ob ich damit richtig lag oder nicht, spielte jedoch keine große Rolle.
Als Alex sich plötzlich bei mir für die Sitzsituation entschuldigte, hob ich sofort abwehrend die Hände. „Mach dir keine Sorgen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Es war schließlich vorhersehbar gewesen, dass so etwas passieren konnte. Nach allem, was geschehen war, war es nicht verwunderlich, dass sein Haus nicht darauf vorbereitet war, offiziell Gäste zu empfangen. Ich konnte kaum erwarten, dass hier plötzlich alles ordentlich und gemütlich eingerichtet war, nur weil ich vorbeikam. Auf seine Einladung hin, mit ihm zu essen, schielte ich zur Backtüte. „Hab schon, aber gerne“, log ich, aus welchem Grund auch immer. Womöglich wollte ich einfach nicht, dass er sich Sorgen machte, weil ich bisher noch nichts gegessen hatte. Dabei hatte mein Magen sich inzwischen längst bemerkbar gemacht. Ich näherte mich der Küchentheke und ließ meinen Blick kurz über das Essen wandern. „Das ist echt toll von den Polizisten. Damit habe ich nicht gerechnet.“ Und das stimmte auch. Als Alex mir davon geschrieben hatte, war ich wirklich überrascht gewesen. Nach allem, was er durchgemacht hatte, hatte ich gehofft, dass die Menschen um ihn herum ihn unterstützen würden. Doch zu sehen, dass sie tatsächlich so viel für ihn taten, beruhigte mich mehr, als ich erwartet hatte. Es gab also Menschen, die ihm helfen wollten. Menschen, die nicht einfach wegsahen.
Alex begann anschließend beinahe enthusiastisch von seinen Plänen zu erzählen und zeigte mir seine Ideen, wie er sein neu gewonnenes Zuhause gestalten wollte. Seine Begeisterung war kaum zu übersehen, und während ich ihm zuhörte, konnte ich nicht anders, als mich für ihn zu freuen. Nach all den Jahren konnte er endlich selbst entscheiden. Welche Möbel er wollte. Wie die Räume aussehen sollten. Welche Farben ihm gefielen. Wo etwas stehen sollte. Es waren vermutlich Kleinigkeiten für andere Menschen. Selbstverständlichkeiten. Doch für Alex bedeuteten sie etwas völlig anderes. Er konnte die alten Spuren langsam überdecken und aus diesem Haus etwas Neues machen. Etwas Eigenes. Einen Ort, an dem er nicht ständig aufpassen musste. An dem er sich hinsetzen, schlafen oder einfach nur atmen konnte, ohne Angst davor zu haben, was als Nächstes passieren würde.
Ich hörte ihm aufmerksam zu und sah mir seine vielen Ideen an. Er schien bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben, was er verändern wollte. Es würde viel Arbeit werden, daran bestand kein Zweifel, doch Alex wirkte nicht so, als würde ihn das abschrecken. Im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, dass er endlich etwas gefunden hatte, auf das er sich freuen konnte.
Fast wie ein Kind, das etwas Besonderes entdeckt hatte und es kaum erwarten konnte, anderen davon zu erzählen.
Oder wie jemand, der gerade eine legendäre Pokémon-Karte gefunden hatte.
Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen.
„Das hört sich gut an“, mischte ich mich schließlich ein, auch um nicht die ganze Zeit nur still daneben zu stehen.
Ich wusste nicht wirklich, was ich sonst sagen sollte. Ich freute mich schlichtweg für ihn. Es war schön, ihn so zu sehen. Nicht vollkommen entspannt, dafür kannte ich ihn vermutlich noch nicht lange genug, aber... lebendiger. Seine Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, und in seinen Augen lag etwas, das ich gestern noch nicht gesehen hatte. Hoffnung. „Aber es wäre natürlich besser, wenn du das erst in Angriff nimmst, wenn du wirklich“, sagte ich und betonte das letzte Wort besonders, „wieder gesund bist. Komplett.“ Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen schielte ich zu ihm hinüber. Es freute mich natürlich, dass er bereits so viele Ideen hatte und motiviert war, sie umzusetzen. Doch es würde niemandem etwas bringen, wenn er sich jetzt übernahm. Wenn er sich so sehr in seine Euphorie hineinsteigerte, dass er vergaß, wie schlecht es ihm gestern noch gegangen war. Mein Blick glitt unwillkürlich zu seinen Verletzungen. Allein der Gedanke daran, dass er wieder in diesem Zustand vor mir sitzen könnte, ließ ein unangenehmes Gefühl in meiner Brust entstehen. Gestern hatte ich kaum gewusst, was ich tun sollte. Ich hatte mich hilflos gefühlt, obwohl ich ihm so gerne geholfen hätte. Und auch jetzt, wo er deutlich besser aussah und endlich ein wenig Hoffnung in seinem Gesicht lag, wollte ich nicht zusehen, wie er seinen Körper erneut an seine Grenzen brachte. Vielleicht war ich deshalb etwas strenger, als ich es normalerweise gewesen wäre.
„Du kannst das alles planen und dich darauf freuen“, fügte ich etwas sanfter hinzu. „Aber du musst mir versprechen, dass du nicht versuchst, alles an einem Tag zu erledigen.“ Ich sah ihn nun direkt an.
„Du hast genug durchgemacht. Dein Körper braucht Zeit.“ Für einen kurzen Moment wurde mir bewusst, wie selbstverständlich mir diese Worte über die Lippen gekommen waren. Als würde ich mir tatsächlich erlauben, mir Sorgen um ihn zu machen. Als hätte ich ein Recht dazu. Und vielleicht hatte ich das mittlerweile auch ein wenig. Der Gedanke ließ mein Herz kurz stolpern. Ich wandte meinen Blick wieder ab und tat so, als wäre die Raumaufteilung plötzlich unglaublich interessant.
„Außerdem“, murmelte ich etwas leiser, „kann ich dir ja vielleicht beim ein oder anderen helfen.“ Ich wusste nicht, weshalb allein dieser Satz plötzlich Wärme in meine Wangen steigen ließ. Es war schließlich nur Hilfe. Nichts Besonderes. Ich wollte lediglich nicht, dass er alles alleine machen musste. Zumindest redete ich mir das ein. Denn tief in mir wusste ich, dass da mittlerweile mehr war als bloßes Mitleid oder ein schlechtes Gewissen. Ich mochte es, hier zu sein. Bei ihm. Auch wenn ich mich in diesem fremden Haus unsicher fühlte und noch nicht wusste, wohin ich mit meinen Händen oder meinem Blick sollte. Es war anders als zu Hause. Hier war die Stille nicht erdrückend. Hier hatte ich nicht das Gefühl, unsichtbar zu sein.
Ich nahm einige Schritte nach vorne und sah ihm dabei zu, wie er sich von mir abwandte, um eine Vase zu holen. Für einen Moment war ich tatsächlich überrascht, dass er überhaupt eine gefunden hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich irgendwo in diesem Haus eine Vase befand, doch zumindest ersparte es ihm den Kauf einer neuen.
Verlegen musste ich meinen Blick von ihm abwenden, als Alex wieder einmal einfach... Alex war. Offene, direkte und ungefilterte Worte, ohne dass sich auch nur ein Hauch von Peinlichkeit oder Scham darin befand. Es war beneidenswert, wie mühelos er aussprechen konnte, was er dachte oder fühlte. Als müsste er nicht erst hundert verschiedene Möglichkeiten in seinem Kopf durchgehen, bevor er sich entschied, ob er etwas sagen durfte oder nicht. Ich kam in dieser Hinsicht nicht an Alex heran. Vermutlich würde ich das auch nie. Doch vielleicht war das in Ordnung. Das machte ihn schließlich zu Alex. Ich konnte nicht einfach aussprechen, was ich dachte oder fühlte. Oft wusste ich selbst nicht einmal genau, was in mir vorging, geschweige denn, dass ich es in passende Worte fassen konnte. Also behielt ich vieles lieber für mich. Seine aufrichtigen und warmen Worte ließen mich dennoch peinlich berührt eine Haarsträhne aus meinem Gesicht streichen. Meine Finger verschränkten sich vor mir, während ich mich nicht dazu überwinden konnte, ihm direkt in die Augen zu sehen.
Stattdessen nutzte ich die Gelegenheit, einen Blick auf die restliche Raumaufteilung zu erhaschen. Da viele Häuser ähnlich gebaut waren, konnte ich mir zumindest ungefähr vorstellen, wie der Rest aussah. Ob ich damit richtig lag oder nicht, spielte jedoch keine große Rolle.
Als Alex sich plötzlich bei mir für die Sitzsituation entschuldigte, hob ich sofort abwehrend die Hände. „Mach dir keine Sorgen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Es war schließlich vorhersehbar gewesen, dass so etwas passieren konnte. Nach allem, was geschehen war, war es nicht verwunderlich, dass sein Haus nicht darauf vorbereitet war, offiziell Gäste zu empfangen. Ich konnte kaum erwarten, dass hier plötzlich alles ordentlich und gemütlich eingerichtet war, nur weil ich vorbeikam. Auf seine Einladung hin, mit ihm zu essen, schielte ich zur Backtüte. „Hab schon, aber gerne“, log ich, aus welchem Grund auch immer. Womöglich wollte ich einfach nicht, dass er sich Sorgen machte, weil ich bisher noch nichts gegessen hatte. Dabei hatte mein Magen sich inzwischen längst bemerkbar gemacht. Ich näherte mich der Küchentheke und ließ meinen Blick kurz über das Essen wandern. „Das ist echt toll von den Polizisten. Damit habe ich nicht gerechnet.“ Und das stimmte auch. Als Alex mir davon geschrieben hatte, war ich wirklich überrascht gewesen. Nach allem, was er durchgemacht hatte, hatte ich gehofft, dass die Menschen um ihn herum ihn unterstützen würden. Doch zu sehen, dass sie tatsächlich so viel für ihn taten, beruhigte mich mehr, als ich erwartet hatte. Es gab also Menschen, die ihm helfen wollten. Menschen, die nicht einfach wegsahen.
Alex begann anschließend beinahe enthusiastisch von seinen Plänen zu erzählen und zeigte mir seine Ideen, wie er sein neu gewonnenes Zuhause gestalten wollte. Seine Begeisterung war kaum zu übersehen, und während ich ihm zuhörte, konnte ich nicht anders, als mich für ihn zu freuen. Nach all den Jahren konnte er endlich selbst entscheiden. Welche Möbel er wollte. Wie die Räume aussehen sollten. Welche Farben ihm gefielen. Wo etwas stehen sollte. Es waren vermutlich Kleinigkeiten für andere Menschen. Selbstverständlichkeiten. Doch für Alex bedeuteten sie etwas völlig anderes. Er konnte die alten Spuren langsam überdecken und aus diesem Haus etwas Neues machen. Etwas Eigenes. Einen Ort, an dem er nicht ständig aufpassen musste. An dem er sich hinsetzen, schlafen oder einfach nur atmen konnte, ohne Angst davor zu haben, was als Nächstes passieren würde.
Ich hörte ihm aufmerksam zu und sah mir seine vielen Ideen an. Er schien bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben, was er verändern wollte. Es würde viel Arbeit werden, daran bestand kein Zweifel, doch Alex wirkte nicht so, als würde ihn das abschrecken. Im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, dass er endlich etwas gefunden hatte, auf das er sich freuen konnte.
Fast wie ein Kind, das etwas Besonderes entdeckt hatte und es kaum erwarten konnte, anderen davon zu erzählen.
Oder wie jemand, der gerade eine legendäre Pokémon-Karte gefunden hatte.
Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen.
„Das hört sich gut an“, mischte ich mich schließlich ein, auch um nicht die ganze Zeit nur still daneben zu stehen.
Ich wusste nicht wirklich, was ich sonst sagen sollte. Ich freute mich schlichtweg für ihn. Es war schön, ihn so zu sehen. Nicht vollkommen entspannt, dafür kannte ich ihn vermutlich noch nicht lange genug, aber... lebendiger. Seine Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, und in seinen Augen lag etwas, das ich gestern noch nicht gesehen hatte. Hoffnung. „Aber es wäre natürlich besser, wenn du das erst in Angriff nimmst, wenn du wirklich“, sagte ich und betonte das letzte Wort besonders, „wieder gesund bist. Komplett.“ Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen schielte ich zu ihm hinüber. Es freute mich natürlich, dass er bereits so viele Ideen hatte und motiviert war, sie umzusetzen. Doch es würde niemandem etwas bringen, wenn er sich jetzt übernahm. Wenn er sich so sehr in seine Euphorie hineinsteigerte, dass er vergaß, wie schlecht es ihm gestern noch gegangen war. Mein Blick glitt unwillkürlich zu seinen Verletzungen. Allein der Gedanke daran, dass er wieder in diesem Zustand vor mir sitzen könnte, ließ ein unangenehmes Gefühl in meiner Brust entstehen. Gestern hatte ich kaum gewusst, was ich tun sollte. Ich hatte mich hilflos gefühlt, obwohl ich ihm so gerne geholfen hätte. Und auch jetzt, wo er deutlich besser aussah und endlich ein wenig Hoffnung in seinem Gesicht lag, wollte ich nicht zusehen, wie er seinen Körper erneut an seine Grenzen brachte. Vielleicht war ich deshalb etwas strenger, als ich es normalerweise gewesen wäre.
„Du kannst das alles planen und dich darauf freuen“, fügte ich etwas sanfter hinzu. „Aber du musst mir versprechen, dass du nicht versuchst, alles an einem Tag zu erledigen.“ Ich sah ihn nun direkt an.
„Du hast genug durchgemacht. Dein Körper braucht Zeit.“ Für einen kurzen Moment wurde mir bewusst, wie selbstverständlich mir diese Worte über die Lippen gekommen waren. Als würde ich mir tatsächlich erlauben, mir Sorgen um ihn zu machen. Als hätte ich ein Recht dazu. Und vielleicht hatte ich das mittlerweile auch ein wenig. Der Gedanke ließ mein Herz kurz stolpern. Ich wandte meinen Blick wieder ab und tat so, als wäre die Raumaufteilung plötzlich unglaublich interessant.
„Außerdem“, murmelte ich etwas leiser, „kann ich dir ja vielleicht beim ein oder anderen helfen.“ Ich wusste nicht, weshalb allein dieser Satz plötzlich Wärme in meine Wangen steigen ließ. Es war schließlich nur Hilfe. Nichts Besonderes. Ich wollte lediglich nicht, dass er alles alleine machen musste. Zumindest redete ich mir das ein. Denn tief in mir wusste ich, dass da mittlerweile mehr war als bloßes Mitleid oder ein schlechtes Gewissen. Ich mochte es, hier zu sein. Bei ihm. Auch wenn ich mich in diesem fremden Haus unsicher fühlte und noch nicht wusste, wohin ich mit meinen Händen oder meinem Blick sollte. Es war anders als zu Hause. Hier war die Stille nicht erdrückend. Hier hatte ich nicht das Gefühl, unsichtbar zu sein.