Die kalifornische Abendsonne legte sich wie flüssiges Gold über die Hügel von Marin County, während die Schatten im Tal von Neu-Rom länger wurden. Für die meisten Bewohner der verborgenen Halbgötter-Metropole war dies die friedlichste Zeit des Tages – die Stunde, in der die Legionäre der zwölften Legion ihre schweren Rüstungen ablegten und die Studenten der Universität in die Cafés rund um das Forum strömten. Für Kassandra Sofia Constantinou war es vor allem der Moment, in dem die Buchstaben auf ihren Pergamenten endgültig beschlossen, ein Eigenleben zu führen.
Sie saß an einem der steinernen Tische im Außenbereich der großen Bibliothek, die Ellbogen auf die kühle Oberfläche gestützt, und starrte auf ein dickes, in Leder gebundenes Lehrbuch über marine Ökologie. Ihre dunkelbraunen, dicken Haare, die von Natur aus jede Bürste in Sekundenschnelle bezwangen, waren wie gewohnt zu einem sturen, festen Zopf geflochten, der ihr über die Schulter hing. Ihre Haut besaß noch immer den tiefen, mediterranen Oliventon ihrer athenischen Heimat, doch ihre Augen – dieses unruhige, stürmische Dunkelblau der Ägäis kurz vor einem Taifun – spiegelten pure Frustration wider.
Kassandras Gehirn war, wie bei fast allen Halbgöttern, fest auf Altgriechisch programmiert. Die lateinischen Fachbegriffe der römischen Gelehrten und die englischen Anmerkungen am Rand des Textes verschwammen vor ihren Augen zu einem chaotischen Mosaik. Ihr ADHS, das sie früher als Zappelphilipp-Symptom abgetan hatte, ließ ihre Finger unablässig im Takt eines stummen Rhythmus auf die Tischkante trommeln. Wo diese Ruhelosigkeit sie im Kampf in eine Waffe mit hyperfokussierter Reaktionsschnelligkeit verwandelte, war sie hier, inmitten von Theorien über die Migrationsmuster antiker Seemonster, eine tägliche Zerreißprobe.
Sie atmete tief ein und spürte die beruhigende Präsenz des Kleinen Tiber, der nur wenige hundert Meter entfernt durch das Tal floss. Seit sie vor vier Jahren den Hügel des Camp Half-Blood überquert und später den Weg an die Westküste gefunden hatte, war viel passiert. Sie war nicht mehr das verängstigte, vierzehnjährige Mädchen, das von einer Empusa gejagt wurde und instinktiv nach der Macht ihres Vaters griff. Poseidon. Der Name des Meeresgottes haftete an ihr wie der Geruch von Salz und Ozean, doch Kassandra hatte längst gelernt, distanziert und pragmatisch mit diesem Erbe umzugehen. Ihr Vater zahlte keine Alimente, und er schickte keine Geburtstagskarten. Alles, was sie in Neu-Rom erreicht hatte, hatte sie sich selbst und ihren wenigen treuen Freunden verdankt.
Ihren einstigen, unbändigen Zorn, der bei ihrer Anerkennung fast den Hang eines Berges gespalten hätte, hatte sie in eine eiserne Disziplin kanalisiert. Der Start im strengen, militärisch durchorganisierten Camp Jupiter war für eine Tochter des griechischen Meeresgottes alles andere als leicht gewesen. Die Römer misstrauten dem Chaos des Ozeans, und sie misstrauten den Griechen. Doch Kassandra hatte sich nicht gebeugt. Sie hatte den Regeln Respekt gezollt, ihre Pflichten erfüllt und eine ruhige, fast stoische Aura entwickelt, die ihr schließlich das Vertrauen der Prätoren und Legionäre einbrachte.
Wenn sie heute durch die Straßen von Neu-Rom ging, schlug ihr keine Feindseligkeit mehr entgegen. Halbgötter und Fabelwesen spürten die natürliche Autorität, die sie umgab – eine ehrfurchtgebietende Aura des Meeres, die Respekt verlangte, ohne dass sich jemals jemand vor ihr verbeugen musste. Man grüßte sie mit einem ernsten, anerkennenden Nicken. Sie war eine feste Größe im Lager geworden, eine Brücke zwischen zwei Welten.
Mit einem leisen Seufzen klappte Kassandra das Lehrbuch zu. Es hatte keinen Sinn. Das Wasser rief sie, wie es das immer tat, wenn der Druck in ihrem Kopf zu groß wurde. Sie packte ihre verstreuten Notizen, die mit krakeligen griechischen Randnotizen übersät waren, und steckte sie in ihre Tasche. Während sie aufstand, glitt ihr Blick über eine kleine Wasserfontäne, die das Zentrum des Bibliotheksgartens zierte. Ein paar winzige Süßwasserfische schwammen darin im Kreis. Als Kassandra sich dem Becken näherte, verstummte das leise Plätschern in ihrer Wahrnehmung, ersetzt durch die vertrauten, flüsternden Stimmen der aquatischen Telepathie. *„Die Strömung ist kühl heute, Tochter des Salzherrn“*, schien ein kleiner Goldfisch ihr zuzuwerfen. Kassandra sandte ihm einen beruhigenden, gedanklichen Gruß zurück – eine kleine Geste, die sie unter den Wassertieren Neu-Roms zu einer geschätzten Ansprechpartnerin machte.
Sie ließ eine Hand nah an der Wasseroberfläche vorbeigleiten. Ohne den Fluss des Brunnens wirklich zu stören, gehorchte das Element ihrer sanften Manipulation. Ein dünner, präziser Schwall Wasser erhob sich wie eine gläserne Schlange aus dem Becken, wirbelte kurz um ihre Fingerkuppen und netzte ihre Haut, ohne sie jedoch nass zurückzulassen. Als Tochter des Poseidon besaß sie nicht die zerstörerische Kraft, Stürme zu entfesseln, aber diese subtilen Kniffe – das Kühlen ihrer Haut, das Nutzen der Feuchtigkeit als Energiequelle oder das Gefrieren einer Pfütze im richtigen Moment – waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
Kassandra schulterte ihre Tasche und trat hinaus auf die via praetoria, die Hauptstraße Neu-Roms. Der Duft von frischem Gebäck aus den Bäckereien vermischte sich mit dem Geruch von Jasmin, der über den Mauern der Villen blühte. Sie war auf dem Weg zum Forum, um den Kopf frei zu bekommen, den Blick starr nach vorne gerichtet, während ihr Geist noch immer versuchte, die lateinischen Vokabeln der Vorlesung zu ordnen. Ihr Hyperfokus war ganz auf ihre eigenen Gedanken gerichtet, auf die Barriere der Sprache, die sie so oft ausbremste.
Genau in diesem Moment der Unachtsamkeit geschah es.
Aus dem angrenzenden Institut für antike Diplomatie stürmte eine andere Studentin, die Arme vollgepackt mit schweren Aktenordnern und bunten Notizblättern. Es war ein klassischer, unaufhaltsamer Zusammenstoß zweier völlig unterschiedlicher Welten.
Kassandra, die sich in ihrer Bewegung nicht mehr bremsen konnte, prallte frontal mit der jungen Frau zusammen. Der Aufprall war heftig genug, um die Aktenordner der Fremden in die Luft zu wirbeln. Wie bunte Herbstblätter segneten Dutzende von beschriebenen Seiten, Skizzen und diplomatischen Berichten den makellosen Marmorboden der Straße.
Kassandra taumelte einen Schritt zurück, ihre Hand wanderte instinktiv an die Stelle, an der im Training ihr Schwert saß, während ihr Blick nach unten schnellte. Zu ihren Füßen saß die Tochter der Aphrodite inmitten des selbstverursachten Papierchaos. Selbst in diesem Moment des Missgeschicks umgab die andere Studentin diese typische, entwaffnende Ausstrahlung ihrer göttlichen Mutter – eine Eleganz, die eigentlich gar nicht in den staubigen Alltag einer Universität passte. Doch als die junge Frau den Kopf hob und ihre Augen Kassandras stürmischen Blick trafen, blitzte darin kein Erschrecken auf, sondern ein scharfer, wacher und absolut herausfordernder Verstand. Die Luft zwischen ihnen schien für den Bruchteil einer Sekunde regelrecht zu knistern, während das verstreute Papier langsam auf dem warmen Stein zur Ruhe kam.
Sie saß an einem der steinernen Tische im Außenbereich der großen Bibliothek, die Ellbogen auf die kühle Oberfläche gestützt, und starrte auf ein dickes, in Leder gebundenes Lehrbuch über marine Ökologie. Ihre dunkelbraunen, dicken Haare, die von Natur aus jede Bürste in Sekundenschnelle bezwangen, waren wie gewohnt zu einem sturen, festen Zopf geflochten, der ihr über die Schulter hing. Ihre Haut besaß noch immer den tiefen, mediterranen Oliventon ihrer athenischen Heimat, doch ihre Augen – dieses unruhige, stürmische Dunkelblau der Ägäis kurz vor einem Taifun – spiegelten pure Frustration wider.
Kassandras Gehirn war, wie bei fast allen Halbgöttern, fest auf Altgriechisch programmiert. Die lateinischen Fachbegriffe der römischen Gelehrten und die englischen Anmerkungen am Rand des Textes verschwammen vor ihren Augen zu einem chaotischen Mosaik. Ihr ADHS, das sie früher als Zappelphilipp-Symptom abgetan hatte, ließ ihre Finger unablässig im Takt eines stummen Rhythmus auf die Tischkante trommeln. Wo diese Ruhelosigkeit sie im Kampf in eine Waffe mit hyperfokussierter Reaktionsschnelligkeit verwandelte, war sie hier, inmitten von Theorien über die Migrationsmuster antiker Seemonster, eine tägliche Zerreißprobe.
Sie atmete tief ein und spürte die beruhigende Präsenz des Kleinen Tiber, der nur wenige hundert Meter entfernt durch das Tal floss. Seit sie vor vier Jahren den Hügel des Camp Half-Blood überquert und später den Weg an die Westküste gefunden hatte, war viel passiert. Sie war nicht mehr das verängstigte, vierzehnjährige Mädchen, das von einer Empusa gejagt wurde und instinktiv nach der Macht ihres Vaters griff. Poseidon. Der Name des Meeresgottes haftete an ihr wie der Geruch von Salz und Ozean, doch Kassandra hatte längst gelernt, distanziert und pragmatisch mit diesem Erbe umzugehen. Ihr Vater zahlte keine Alimente, und er schickte keine Geburtstagskarten. Alles, was sie in Neu-Rom erreicht hatte, hatte sie sich selbst und ihren wenigen treuen Freunden verdankt.
Ihren einstigen, unbändigen Zorn, der bei ihrer Anerkennung fast den Hang eines Berges gespalten hätte, hatte sie in eine eiserne Disziplin kanalisiert. Der Start im strengen, militärisch durchorganisierten Camp Jupiter war für eine Tochter des griechischen Meeresgottes alles andere als leicht gewesen. Die Römer misstrauten dem Chaos des Ozeans, und sie misstrauten den Griechen. Doch Kassandra hatte sich nicht gebeugt. Sie hatte den Regeln Respekt gezollt, ihre Pflichten erfüllt und eine ruhige, fast stoische Aura entwickelt, die ihr schließlich das Vertrauen der Prätoren und Legionäre einbrachte.
Wenn sie heute durch die Straßen von Neu-Rom ging, schlug ihr keine Feindseligkeit mehr entgegen. Halbgötter und Fabelwesen spürten die natürliche Autorität, die sie umgab – eine ehrfurchtgebietende Aura des Meeres, die Respekt verlangte, ohne dass sich jemals jemand vor ihr verbeugen musste. Man grüßte sie mit einem ernsten, anerkennenden Nicken. Sie war eine feste Größe im Lager geworden, eine Brücke zwischen zwei Welten.
Mit einem leisen Seufzen klappte Kassandra das Lehrbuch zu. Es hatte keinen Sinn. Das Wasser rief sie, wie es das immer tat, wenn der Druck in ihrem Kopf zu groß wurde. Sie packte ihre verstreuten Notizen, die mit krakeligen griechischen Randnotizen übersät waren, und steckte sie in ihre Tasche. Während sie aufstand, glitt ihr Blick über eine kleine Wasserfontäne, die das Zentrum des Bibliotheksgartens zierte. Ein paar winzige Süßwasserfische schwammen darin im Kreis. Als Kassandra sich dem Becken näherte, verstummte das leise Plätschern in ihrer Wahrnehmung, ersetzt durch die vertrauten, flüsternden Stimmen der aquatischen Telepathie. *„Die Strömung ist kühl heute, Tochter des Salzherrn“*, schien ein kleiner Goldfisch ihr zuzuwerfen. Kassandra sandte ihm einen beruhigenden, gedanklichen Gruß zurück – eine kleine Geste, die sie unter den Wassertieren Neu-Roms zu einer geschätzten Ansprechpartnerin machte.
Sie ließ eine Hand nah an der Wasseroberfläche vorbeigleiten. Ohne den Fluss des Brunnens wirklich zu stören, gehorchte das Element ihrer sanften Manipulation. Ein dünner, präziser Schwall Wasser erhob sich wie eine gläserne Schlange aus dem Becken, wirbelte kurz um ihre Fingerkuppen und netzte ihre Haut, ohne sie jedoch nass zurückzulassen. Als Tochter des Poseidon besaß sie nicht die zerstörerische Kraft, Stürme zu entfesseln, aber diese subtilen Kniffe – das Kühlen ihrer Haut, das Nutzen der Feuchtigkeit als Energiequelle oder das Gefrieren einer Pfütze im richtigen Moment – waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
Kassandra schulterte ihre Tasche und trat hinaus auf die via praetoria, die Hauptstraße Neu-Roms. Der Duft von frischem Gebäck aus den Bäckereien vermischte sich mit dem Geruch von Jasmin, der über den Mauern der Villen blühte. Sie war auf dem Weg zum Forum, um den Kopf frei zu bekommen, den Blick starr nach vorne gerichtet, während ihr Geist noch immer versuchte, die lateinischen Vokabeln der Vorlesung zu ordnen. Ihr Hyperfokus war ganz auf ihre eigenen Gedanken gerichtet, auf die Barriere der Sprache, die sie so oft ausbremste.
Genau in diesem Moment der Unachtsamkeit geschah es.
Aus dem angrenzenden Institut für antike Diplomatie stürmte eine andere Studentin, die Arme vollgepackt mit schweren Aktenordnern und bunten Notizblättern. Es war ein klassischer, unaufhaltsamer Zusammenstoß zweier völlig unterschiedlicher Welten.
Kassandra, die sich in ihrer Bewegung nicht mehr bremsen konnte, prallte frontal mit der jungen Frau zusammen. Der Aufprall war heftig genug, um die Aktenordner der Fremden in die Luft zu wirbeln. Wie bunte Herbstblätter segneten Dutzende von beschriebenen Seiten, Skizzen und diplomatischen Berichten den makellosen Marmorboden der Straße.
Kassandra taumelte einen Schritt zurück, ihre Hand wanderte instinktiv an die Stelle, an der im Training ihr Schwert saß, während ihr Blick nach unten schnellte. Zu ihren Füßen saß die Tochter der Aphrodite inmitten des selbstverursachten Papierchaos. Selbst in diesem Moment des Missgeschicks umgab die andere Studentin diese typische, entwaffnende Ausstrahlung ihrer göttlichen Mutter – eine Eleganz, die eigentlich gar nicht in den staubigen Alltag einer Universität passte. Doch als die junge Frau den Kopf hob und ihre Augen Kassandras stürmischen Blick trafen, blitzte darin kein Erschrecken auf, sondern ein scharfer, wacher und absolut herausfordernder Verstand. Die Luft zwischen ihnen schien für den Bruchteil einer Sekunde regelrecht zu knistern, während das verstreute Papier langsam auf dem warmen Stein zur Ruhe kam.