Die Rosen der Finsternis [Shio & Tristale]
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Alice fröstelte leicht, als sie die Tür der Bar hinter sich zuzog. Die Musik dröhnte noch dumpf durch die Wände und ein letzter Lacher hallte über den Gehweg, dann fiel die Nacht wieder in ihre ruhige Stille zurück. Sie war zierlich, fast schmal gebaut, und wirkte in der Dunkelheit noch kleiner, eingehüllt in ihrem langen, dünnen Mantel. Tagsüber war es angenehm warm, aber jetzt um zwei Uhr Nachts kroch die Kälte in jede Falte des Stoffes. Und sie wollte einfach nur nach Hause und, ganz ehrlich, weiterlesen.
Das Buch lag schon in ihrer Hand, noch bevor sie die Straße richtig betreten hatte. Ihre Finger glitten fast automatisch über den Einband, als hätte sie den ganzen Abend darauf gewartet. Genau an der spannendsten Stelle hatte sie aufhören müssen, genau da, wo der Vampir dem Mädchen zuflüsterte, dass nichts in ihrer Welt so war, wie sie glaubte. Allein der Gedanke daran ließ Alice unruhig mit den Lippen spielen. Endlich konnte sie weiterlesen. Während sie ging, klappte sie das Buch auf, suchte die letzte Zeile und tauchte sofort wieder ein. Ihre Schritte wurden automatisch, fast schlafwandlerisch. Ihre Stirn legte sich leicht in Falten, wenn sie über eine Stelle stolperte, die sie besonders fesselte, und manchmal hob sie unbewusst eine Augenbraue, als würde sie mit der Geschichte diskutieren und während sie wieder in ihrem Roman versank, bemerkte kaum, was sich um sie herum abspielte.
Erst als ein leises Geräusch hinter ihr die Stille durchschnitt, hielt sie inne. Sie hob den Kopf und drehte sich um. Die Straße war leer, nur das fahle Mondlicht spiegelte sich auf dem feuchten Asphalt. Nichts und niemand war zu sehen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit, weshalb sie das Buch zuklappte und drückte es an ihre Brust. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, kroch ihr den Nacken hinauf wie kalter Rauch und unbewusst wurden auch ihre Schritte schneller. Ihre Wohnung war eigentlich nur noch ein paar Minuten entfernt. Dann wieder ein Geräusch, als würden ihr Schritte folgen. Alice fuhr herum, aber wieder nichts, nur die Stille. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie presste das Buch enger an sich, als könnte es sie schützen, und beschleunigte erneut. Ihre Schritte klangen jetzt hastig, fast fluchtartig, und sie spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Noch eine Ecke. Dann war sie fast da.
Sie warf einen letzten Blick über die Schulter und prallte im nächsten Moment gegen einen harten Körper. Das Buch rutschte ihr aus den Händen und klatschte auf den Boden.
Alice Atem stockte. Ihre Augen weiteten sich, als sie in ein Paar dunkelrote Augen blickte. Für einen Moment war alles still. Sie wich instinktiv zurück, stolperte leicht, die Hände tasteten suchend in die Luft, doch der Fremde war schneller. Viel schneller. Eine kalte Hand schloss sich um ihr Handgelenk. "Hey-" setzte sie an, doch er zog sie schon in die schmale Seitengasse. Die Dunkelheit verschluckte sie beide, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.
"Was-" begann sie, aber seine eiskalte Hand legte sich über ihren Mund. Ihre Augen flackerten, ihre Finger krallten sich in seinen Ärmel, während ihr Rücken gegen die Wand gedrückt wurde. Sein Gesicht war nah, viel zu nah, und doch erkannte sie kaum mehr als diese unnatürlich roten Augen.
Ihr Atem ging flach, ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch. Sie wollte schreien, aber sein Blick hielt sie wie in einem Bann. Dann hörte sie es. Ein Rascheln, dann Schritte und ein Schatten, der am Eingang der Gasse vorbeihuschte, so schnell, dass sie nur eine verschwommene Bewegung wahrnahm. Die Luft veränderte sich schlagartig. Sie wurde schwerer, kälter, als würde ein unsichtbarer Frost durch die Nacht kriechen. Alice verstand es nicht. Gar nichts davon. Aber sie spürte, dass etwas draußen vorbeiging, das noch viel gefährlicher war als er. Der Schatten blieb einen Moment stehen und die Kälte wurde so intensiv, dass Alice glaubte, ihre Lunge würde gefrieren. Dann war er weg. Einfach verschwunden, genauso wie die kalte Hand an ihrem Mund und damit auch der Fremde. Nur die kalte Luft blieb zurück, die sich langsam wieder erwärmte.
Alice stand allein in der Gasse, ihr Herz schlug bis zum Hals, und ihre Knie fühlten sich an wie Wasser. Sie sank kurz an die Wand, atmete tief durch und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.
Dieser Abend ließ sie einfach nicht los. Immer wieder schlich er sich in ihre Gedanken, wie ein Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Und egal wie sehr sie versuchte, sich an Details zu erinnern, es blieb alles verschwommen. Selbst als dieser Fremde ihr so nah gewesen war, blieb ihr Kopf leer. Keine klaren Konturen, keine Stimme, kein Gesicht. Nur diese Augen. Diese dunkelroten Augen.
Solche Augen kannte sie nur aus ihren Romanen, aus erfundenen Welten, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Die Kälte, die von ihm ausgegangen war... diese unmenschliche Schnelligkeit... alles daran erinnerte an die Fabelwesen, über die sie so gern las. Sie musste sich etwas eingebildet haben. Natürlich. Es konnte nicht echt gewesen sein. Vielleicht ein Traum, einer von denen, die sich viel zu real anfühlen.
Daran wollte sie sich festhalten, wirklich, aber dann sah sie wieder die kleine Schramme an der unteren Ecke ihres Buches. Die Schramme, die erst seit diesem Abend da war. Weil es ihr aus der Hand gefallen war.
Mit einem leisen, genervten Seufzen schob sie den Gedanken weg und wandte sich dem kleinen Spiegel im Aufenthaltsraum zu.
Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, richtete sich ein Stück auf und prüfte ihr Outfit. Sie trug ein schwarzes, ärmelloses Top, das durch die zarten Mesh‑Einsätze an den Seiten und am Dekolleté einen modernen, leicht verspielten Look bekam. Der Stoff lag angenehm an, ohne einzuengen, und die transparenten Partien gaben dem Ganzen etwas Leichtes. Dazu hatte sie eine schlichte, gut sitzende Jeans an, bequem genug für eine lange Schicht, aber trotzdem so, dass sie sich darin wohl und selbstbewusst fühlte.
Ihre Haare, normalerweise fielen sie immer in langen, weichen Wellen bis zur Mitte ihres Rückens, hatte sie heute zu einem lockeren, hohen Zopf gebunden. Ein paar kurze, lockige Strähnen hatten sich bereits gelöst und rahmten ihr Gesicht auf eine unaufgeregte, fast charmant zerzauste Art ein. Sie zupfte eine davon zur Seite, als würde sie versuchen, sie zu bändigen, obwohl sie genau wusste, dass sie spätestens in einer Stunde wieder herausfallen würde. Sie band sich die kurze, schwarze Schürze fest um die Hüften, zog den Knoten noch einmal nach und atmete tief durch.
Ihre Schicht würde gleich beginnen und irgendwo heute Abend würde das neue Teammitglied auftauchen.Sie wusste nur noch nicht, wann dieser Typ kommen würde. -
Lucien
Es war die Nacht, an dem der Mond seinen höchsten Punkt erreichte. Die Jagt war somit eröffnet und kein menschliches Wesen war in diesen Moment sicher. Lucien zog seine übliche Patrouille durch die Stadt Seattle um Vampiren Einhalt zu bieten, wenn sie sich nicht an die Regeln hielten. Die Nacht war kühler als üblicher Weise und der Vollmond schien in seiner kompletten Pracht über die Stadt. Er sprang von Dach zu Dach und hielt seine Augen offen. Ihm würde nicht einmal der kleinste Fehltritt entgehen. Seine Sinne waren scharf wie ein Rasiermesser und er fühlte sich stärker als eh und je.
Auf den Straßen war um die Uhrzeit kaum etwas los, doch dann fiel sein Blick auf eine junge Frau, die viel zu tief in das Buch versunken war. Sein Blick verfolgte sie und er näherte sich ihr, ohne das sie etwas davon mitbekam. Wenige Meter hinter ihr konnte er ein Wesen ausmachen, was mächtiger war als er selbst. Es näherte sich der jungen Frau immer mehr. Nicht doch.. Ihm war es strengstens verboten sich in die Angelegenheiten von höher gestellten Vampiren, einzumischen, aber das war ihm egal. Er hielt sich nicht an diese Regelungen. Er wusste das dieser Vampir der Frau nicht nur einen kleinen Tropfen Blut aussaugen würde. Sie wäre die Hauptspeise und das wollte der schwarzhaarige nicht zulassen. Lucien sprang vom Dach hinunter und stellte sich der Frau in den Weg. Ihr kleiner Körper prallte gegen seine harte Brust. Sie fühlte sich im Gegensatz zu ihm sehr warm an. Ohne etwas zu sagen, zog er sie in die Nebengasse und hielt sie verdeckt. Der Duft von ihrem Blut, machte selbst ihn ein wenig hungrig, aber er behielt seinen Durst im Griff. Seine Augen färbten sich dennoch blutrot. Er fixierte sie mit seinem Blick und lauschte den Schritten des anderen Vampires. Sein Körper drückte sich wie ein Schutzschild an sie, seine Hand lag ruhig auf ihrem Mund. Sie sollte kein Laut von sich geben, sich nicht bewegen oder sonst der gleichen tun, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Lucien konnte hören das der andere Vampir an ihnen vorbei zog und das war sein Zeichen ihm zu folgen. Ohne das die Frau ihm Fragen stellen konnte, verschwand er über die Dächer.
Der mächtige Vampir war für diese Nacht nicht wieder zurückgekehrt und die Frau schien sicher zu Hause angekommen zu sein. Morgen Abend würde er seinen neuen Job antreten, in einer Bar mitten in der Stadt. Er war dankbar für diesen nächtlichen Job, da er kein Sonnenanbeter war. Er liebte diese dunklen Nächte und genoss noch ein paar Minuten der Ruhe, auf der Kirchenspitze.
Seine Familie war zwar nicht sonderlich davon überzeugt, das er einen menschlichen Job annahm. Aber für ihn war es die Chance, die Menschen noch besser kennenzulernen. Vorher musste er sich noch stärken, doch das tat er nicht hier in seiner Heimatstadt.
Das Gute an ihm war, das er sich auch von tierischem Blut ernährte und nur ganz selten menschliches Blut kostet.
Daher führte sein Weg immer in die angrenzenden Wälder, weit weg von der Zivilisation.
Sobald die Sonne aufging, verschwand er von der Bildfläche und zog sich zurück in das Haus um sich auszuruhen. Vampire schlafen bekanntlich ja nicht, aber Lucien ruhte dennoch auf seinem Bett und schloss die Augen für eine Weile.
Der Abend rückte in großen Schritten immer näher und er machte sich bereit dafür. Draußen wurde es dunkel und das war das Zeichen, das er auf die Jagt gehen konnte, ohne entdeckt zu werden. Nachdem er gestärkt wieder nach Hause gekommen ist, zog er sich für die Schicht in der Bar um. Er schlüpfte ganz klassisch in eine schwarze Stoffhose und in ein schwarzes Hemd. Nichts aufregendes, aber es war genau sein Stil. So unauffällig wie nur möglich zu sein.
Die Adresse, wurde ihm per Nachricht zugeschickt und er machte sich auf dem Weg dorthin. Er zog an den Menschen vorbei, die ihm entgegen kamen und niemand von ihnen bemerkte, das er anders war. Vor der Bar stand ein groß gebauter Mann, der anscheinend der Securitytyp war. Er mustere Lucien, doch bevor er etwas zu ihm sagen konnte, trat ein Mann aus der Bar und tauschte ein paar Worte mit dem Typen. Sein Blick ging dann zu ihm und er streckte ihm freudig die Hand entgegen. "Du musst der neue Barkeeper sein?" Lucien nickte nur und reichte ihm ebenfalls seine Hand. Der Mann bat ihm zu folgen und plötzlich schlug ihm die Wärme, der Bar mitten ins Gesicht. Die noch ruhige Welt dort Draußen, wurde durch laut Musik unterbrochen. Sein Blick wanderte durch die Bar. Es waren viele Menschen hier, einige von ihnen waren in Gespräche verwickelte, andere tranken sich die Probleme weg, ein paar tanzten zur Musik auf dem Parkett. Es war eine vollkommene Reizüberflutung für ihn, aber genau das hatte er nicht anders erwartet. Gut das er sich die letzten Wochen darauf vorbereitet hat. Sonst würde die Sache hier nicht gut enden.
Der Mann führte ihm zu dem Schmuckstück, die große Bar mit einer Theke die einmal komplett herum ging und mitten drinnen stand nun Lucien. Ihm wurde alles erklärt und für den ersten Abend blieb der Mann noch an der Seite von ihm. Falls Fragen aufkamen oder er sich unsicher fühlte. "Ach und bevor ich es vergesse. Wir haben hier ein paar Kellner/innen, die tragen alle schwarze Schürzen, also nicht zu übersehen. Die wirst du nach und nach kennenlernen." Lucien nickte ihm zu und machte sich sogleich an die Arbeit, denn die ersten Bestellungen kamen schon auf ihn zu.
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Im Aufenthaltsraum war es halbdunkel, und der Bass aus dem Hauptraum vibrierte durch die Wände. Man hörte sofort, dass der Laden schon voll war. Alice hatte ihre Tasche längst im Spind verstaut, die Jacke weggehängt, aber ein paar Minuten gehörten noch ihr.
Die Obstschale stand wie immer mitten auf dem Tisch und war prall gefüllt. Alice griff ohne hinzusehen hinein, zog einen roten Apfel heraus und drehte ihn kurz zwischen den Fingern, als würde sie überlegen, ob sie wirklich Zeit dafür hatte. Dann zuckte sie mit den Schultern, biss hinein und verzog leicht das Gesicht, weil der Saft ihr fast über die Hand lief und wischte sich im selben Moment mit dem Handrücken die Lippen ab. Mit dem Apfel in der einen Hand schlug sie mit der anderen ihr Buch, und somit die letzten Seiten des Kapitels, auf. Sie ließ sich in den Stuhl sinken, schlug ein Bein über das andere und lehnte sich zurück und gönnte sich noch die wenigen Minuten, die ihr blieben.
Zumindest bis der Bass stärker wurde, als würde die Bar ihr sagen wollen: Los, komm schon, die Nacht wartet nicht und deine Arbeit noch weniger. Alice blätterte die letzte Seite um, biss den letzten Rest des Apfels ab und nickte zufrieden, dass sie das Kapitel noch geschafft hatte. Dann klappte sie das Buch zu, stand auf und warf den Apfelrest mit einem lockeren Schwung in den Mülleimer. Ihr Buch wanderte zurück in den Spind, den sie mit einem kleinen Klacken zuschloss. Während sie zur Tür ging, band sie sich die Schürze noch einmal fester und strich sich eine Locke aus dem Gesicht, die natürlich sofort wieder zurück fiel. Dann legte sie die Hand auf die Klinke, öffnete die Tür einen Spalt und sofort schlug ihr die volle Atmosphäre entgegen.
Bar.jpgDie Bar war in warmes, bernsteinfarbenes Licht getaucht, das von den tiefhängenden Pendelleuchten über dem langen Tresen ausging. Dazwischen schimmerten kühle, blaue Akzente, die sich in den Flaschenreihen hinter der Bar brachen und dem Raum dieses vibrierende, moderne Leuchten gaben. Über ihr zogen sich schwarze, offene Rohre entlang, die dem Ganzen einen industriellen Touch verliehen. Der Laden war voll: Menschen an den Tischen, an der Bar, überall Stimmen, Lachen, Gläserklirren. Und kaum hatte sie einen Fuß hineingesetzt, hoben schon die ersten Stammgäste die Hand.
"Alice! Endlich!", rief einer von ihnen und winkte sie heran. Sofort erhellte sich ihr Gesicht als sie ihre Stammkunden erkannte und ging zu ihrem Tisch. John war wie immer der Erste, der auffiel. Anfang vierzig, groß, breitschultrig, mit einer schwarzen Lederweste über einem ausgewaschenen T‑Shirt, das seine tätowierten Arme freilegte. Der Bart war dicht und dunkel, das Haar etwas länger und nach hinten gestrichen, und auf den ersten Blick hätte man ihn eher vor einer Motorradwerkstatt als an einem Tisch voller Cocktails erwartet. Doch sobald er grinste, wirkte er plötzlich wie der netteste Typ im ganzen Laden. Nick dagegen war das komplette Gegenteil. Schlank, etwas jünger, mit zerzausten, dunkelblonden Haaren, die aussahen, als hätte er sie im Laufen gestylt. Seine runden Brillengläser spiegelten das warme Licht der Bar, und sein Gesicht hatte diese natürliche, fast kindliche Freundlichkeit, die ihn sofort sympathisch machte. "John! Nick! Es hätte mich schon gewundert, euch mal nicht hier zu sehen", neckte sie und tippte John im Vorbeigehen freundschaftlich gegen den Arm. "Wir dehydrieren!", beschwerte sich Nick gespielt dramatisch. "Ach was, wirklich? Das geht absolut gar nicht." sagte sie grinsend "Maple Bourbon Smash und Caipi, richtig?".
"Du weißt es", sagte John und zwinkerte. "Ich weiß alles", antwortete sie mit einem übertrieben geheimnisvollen Blick, der die kleine Runde zum Lachen brachte. "Ich bin gleich wieder da.".
Bevor sie zur Bar ging, schnappte sie sich ihr Tablett vom Regal, prüfte kurz und ob die Kellnerkasse besetzt war. Eine Locke fiel ihr prompt ins Gesicht und pustete sie weg, schüttelte leicht den Kopf und grinste über sich selbst. Ehrlich gestanden freute sie sich auf den Abend und alle gut gelaunten Menschen, denen sie hier immer wieder begegnete. Dann drehte sie sich zur Bar, bereit, Taylor anzufahren, weil er garantiert wieder die Limetten vergessen hatte. "Hey Tay-" Der Satz blieb ihr im Hals stecken. Denn hinter der Bar stand nicht Taylor, sondern jemand, den sie noch nie gesehen hatte. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, dann glättete sie sich wieder, als sie merkte, dass sie ihn anstarrte.
Sie brauchte einen Herzschlag länger, als sie zugeben würde, um sich wieder zu fangen. Doch dann setzte sie ihr freundlichstes, offenes Lächeln auf, trat an die Bar und hob ihr Tablett leicht an, eine Mischung aus Begrüßung und 'Ich arbeite hier, keine Sorge'.
"Hi", begann sie, "Ich bin Alice. Und du bist... offensichtlich nicht Taylor. Du musst wohl der Neue sein.". -
Lucien
Der Typ, der ihn vorhin begrüßt hatte, stellte sich ihm als Tylor vor. Lucien nickte nur knapp und verschaffte sich anschließend einen kleinen Überblick über die Bar. Die Auswahl an Alkohol, Bier, Säften und anderen Getränken war riesig. Hinter ihm türmten sich die Gläser als eine Pyramide auf. Bei Tylor sahs jeder Handgriff zu hundert Prozent. Lucien beobachtete ihn ganz genau, jede Bewegung die er machte, prägte er sich ein. Er nahm ein Messer in die Hand und fing an Limetten und anderes Obst für die Getränke zu schneiden. Jeder Schnitt musste perfekt sein. Niemand mochte krumm geschnittenes Obst in seinem Cocktail. Da der schwarzhaarige ein kleiner Perfektionist war, sollte dies kein Problem darstellen. Taylor sah ihm immer wieder über die Schulter und lächelte ihn immer wieder zu.
Sein Blick schweifte durch die Bar und es waren schon sehr viele Menschen hier, ein leckeres Festmahl für einen Vampir. Leckeres Blut soweit das Auge reichte. Er hatte sich vollkommen im Griff, seine Beherrschung war faszinierend. Seine Augen blieben goldbraun und verfärbten sich nicht blutrot. Seine Atmung blieb konstant und ruhig. Sein Fokus lag ganz alleine auf der Arbeit hier.
Doch dann veränderte sich plötzlich die Luft im Raum. Da war wieder dieser unvergleichliche Duft, der ihm die Sinne raubte. Sofort blickte er in die grünen Augen der jungen Frau vor ihm. Ihr Lächeln zog sich über ihr ganzes Gesicht und Lucien schluckte kurz. Ihre Stimme klang wunderschön und blieb wie eine kleine Melodie in seinem Kopf hängen. Er räusperte sich und fing sich wieder, wandte seinen Blick aber nicht von ihr ab. "Nein, ich bin Lucien", seine Stimme klang rauer als beabsichtig. "Freut mich, Alice.." Sein Blick wurde intensiver, aber er versuchte entspannt zu bleiben. Taylor kam auf uns zu und schlang seinen Arm um ihn. "Ahhh ihr habt also schon Bekanntschaft geschlossen. Dieser Typ hier ist unser neuer Barkeeper und wird uns unter die Arme greifen. Bitte sei lieb zu ihm Alice." Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und das entlocke Lucien ein kleines Schmunzeln. Er löste seinen Arm wieder von ihm und machte sich wieder an seine Arbeit. Der schwarzhaarige stützte seine Arme auf dem Tresen ab und musterte sie. "Also was darf es sein?"
Die Bestellung wurde durchgegeben und er machte sich sofort ans Werk. Für den Maple Bourbon Smash, schnappte er sich den Shaker, nahm ein paar Minzblätter und zerdrückte diese. Anschließend fügte er noch Bourbon, Ahornsirup, Zitronensaft und Bitter hinzu. Dann füllte er den Shaker noch mit Eis, schloss den Deckel und fing an ihn kräftig zu schütteln. In einem Glas, schaufelte er ein wenig Crushed Ice hinein und goss die fertige Mixtur hinein. Er garnierte das Getränk noch mit einer Zitronenscheibe und einem frischen Minzblatt und stellte das Glas auf das Tablett. Nun machte er sich an den Caipi. In einem weiteren Glas, füllte er die bereits vorbereiteten Limettenstückchen hinein, fügte den brauen Rohrzucker hinzu und zerstieß die Limetten, damit der Saft heraustritt. Dann nahm er wieder eine Schaufel voll Eis und füllte es in das Glas. Er drehte sich um und griff dann nach dem Cachaça um das Glas zu füllen. Ein kleines schwarzes Trinkröhrchen, ein Blatt Minze und eine Limettenscheibe am Rand des Glases, vervollständigen das Gesamtbild. Das zweite Glas landete auch auf dem Tablett. "Hier bitte schön." Lucien sah zufrieden mit seiner ersten Bestellung aus und er hoffte den Gästen schmeckten sie auch. Er räumte seinen Arbeitsplatz auf, denn es gab nichts schlimmeres, als am Ende im Chaos zu versinken. Er räumte alles wieder an seinem Platz und wischte mit einem Lappen die Arbeitsplatte ab. Neben Alice gab es auch noch andere Kellner-/innen, die sich ihm nach und nach vorstellten. Er prägte sich ihre Namen sofort ein. David, Phil, Sophie und Fiona. Alle samt unterschiedliche Charaktere. Doch sie hielten den Laden am Laufen und hatten alle ein Lächeln auf den Lippen und behielten den Überblick. Trotz das die Bar fast aus allen Nähten platzte. Lucien polierte gerade die Gläser die zurück gekommen sind und führte weiterhin die Bestellungen aus. Immer wieder erwischte er sich dabei, wie er Alice mit seinem Blick verfolgte. Seit jenen Abend ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und nun wusste er auch noch wie sie hieß.. das machte die ganze Situation nicht besser. In der Bar suchte er auch nach möglichen Gefahren, doch bisher konnte er keinen anderen Vampir ausmachen, der sich unter die Menschen geschlichen hat. Sie schien zu mindestens hier drinnen sicher zu sein. Erleichterung machte sich in seinem Inneren breit, denn somit musste er sie nicht die ganze Zeit im Auge behalten. Das war gut so.. Oder?
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Es hatte einen Moment gedauert, bis sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. Sie hatte gewusst, dass irgendwann ein neuer Barkeeper aufkreuzen würde, aber niemand hatte ihr gesagt, dass er schon zu ihrem Schichtbeginn da sein würde. Und erst recht nicht, dass er so aussehen würde.
Dieser Mann, der sich ihr im nächsten Moment als Lucien vorstellte, hatte eine Ausstrahlung, die nicht so recht in den chaotischen Rhythmus der Bar passen wollte. Er wirkte, als würde er eher aus einer stilleren, dunkleren Ecke der Stadt stammen, wie jemand, der mit einer einzigen Bewegung Ruhe in einen Raum bringen konnte. Nicht unbedingt auffällig und laut, aber mit einer Präsenz, die man sofort bemerkte, selbst wenn man nicht hinsah. Und zu ihrem eigenen Ärger erinnerte er sie tatsächlich ein wenig an den Protagonisten aus dem Buch, das sie vor ihrem aktuellen Roman gelesen hatte. Nicht eins zu eins, aber genug, dass ihr Herz einen winzigen, völlig unnötigen Hüpfer machte. In dem Buch ging es klassisch um den uralten Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Romantik und Fantasy‑Drama.Und obwohl Lucien weder glitzerte noch mit einem Rudel im Nacken auftauchte, hatte er genau diese ruhige, intensive Ausstrahlung, die sie an die Figur erinnerte... auch wenn das eigentlich totaler Quatsch war.
Als Taylor seinen Arm um Lucien legte, löste das den Moment zum Glück auf. Sie lachte über Taylors Grimasse und schüttelte den Kopf "Und das aus deinem Mund, du solltest dich lieber mal selbst an deine Worte halten", gab sie neckend an Taylor zurück. Doch als Lucien sich wieder zu ihr drehte und sich mit den Unterarmen auf den Tresen stützte, spürte sie, wie ihre Kehle kurz trocken wurde.
Sie nannte die Bestellung und beobachtete wie er sich an die Arbeit machte. Seine Hände bewegten sich sicher, präzise, fast schon elegant. Der Maple Bourbon Smash sah aus, als hätte er ihn schon hundertmal gemixt. "Machst du das schon länger? Als Barkeeper arbeiten meine ich.", fragte sie ihn dann, während sie dabei zusah, wie er den Caipi genauso ohne weiteres mixte.
Als er die Bestellung ihrer Stammgäste auf dem Tablett abstellte, lächelte sie "Danke.".
Der Abend nahm schnell Fahrt auf. Kaum hatte sie die ersten Drinks verteilt, rief schon der nächste Tisch nach ihr. Ihre Stammgäste begrüßten sie wie immer mit einem breiten Grinsen, ein paar lockeren Sprüchen und der Art von Vertrautheit, die sich über viele Abende aufgebaut hatte. Alice lachte, scherzte zurück, hörte sich kurze Geschichten an, nahm Bestellungen auf und bewegte sich wie selbstverständlich durch die Menge. Zwischendurch brachte sie Taylor und Lucien immer wieder leere Gläser zurück. Taylor kommentierte jedes Mal irgendetwas, mal über die Gäste, mal über die Musik, mal über die Tatsache, dass er 'heute schon wieder viel zu viel arbeitet'. Und jedes Mal, wenn sie an die Bar zurückkam, riskierte sie einen kurzen Blick Richtung Lucien. Wenn sie auf neue Cocktails wartete, nutzte sie die Sekunden, um an ihrem Wasser zu nippen. Zwischendurch verschwand sie wieder in der Menge, lachte mit ihren Stammgästen, half einer Gruppe Touristen bei der Auswahl der Drinks, brachte Shots an den Tisch von John und Nick, die wie immer lautstark diskutierten, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie immer wieder zur Bar zurücksah.
Der Laden war voll, laut und lebendig und je später der Abend wurde, desto öfter ertappte sie sich dabei, wie sie sich fragte, warum ausgerechnet er ihr so auffiel. Vielleicht weil er sie so sehr an Rhysand erinnerte, an den Protagonisten des Buches. Ja, das musste es sein.
Irgendwann gönnte Alice sich ihre kurze Pause genau in dem Moment, in dem der größte Ansturm einmal durch war. Ihre Schultern taten weh, ihre Füße brannten ein bisschen, aber das war normal. Sie schob das Tablett beiseite, atmete tief durch und setzte sich auf den Barhocker am Rand der Theke, genau dort, wo sie niemand im Weg war, aber nah genug, um sofort aufspringen zu können. Sie nahm einen Schluck von ihrem Wasser, spürte die Kühle im Hals, und bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte sie schon den ersten Satz ausgesprochen.
"Du wirkst, als hättest du den Laden schon länger im Griff als ein paar Stunden", ihre Stimme klang dabei weich und angenehm, mit diesem ruhigen, schönen Ton, den sie manchmal hatte, wenn sie nicht mehr im Stress war. Nichts Übertriebenes, einfach ein natürlicher, leicht lieblicher Klang, der sich gut durch das Bargeräusch mischte. Alice stützte die Arme auf der Theke ab und lehnte sich leicht vor. "Ich mein... die meisten Neuen sind am Anfang total überfordert. Du wirkst nicht so.".
Ein paar Sekunden vergingen, während sie ihm zusah, wie er seiner Arbeit nachkam. Sie spielte mit dem Rand ihres Wasserglases, drehte es zwischen den Fingern.
"Wo hast du das eigentlich gelernt? Also... mixen. Du wirkst nicht wie jemand, der das nur nebenbei macht.", fragte sie dann neugierig. Es war angenehm, mal kurz nicht durch die Menge zu rennen. -
Lucien
Auf ihre Frage ob er schon länger als Barkeeper arbeitet, konnte er nicht gleich beantworten, denn die Bestellungen trudelten nach und nach immer wieder ein. Er schenkte ihr einen entschuldigenden Blick und machte sich sogleich an die nächsten Getränke. Es war hart hinter her zu kommen, aber dennoch machte es ihm Spaß diese Arbeit nachzugehen. Immer wieder blickte er kurz zu Alice um sie im Augen zu behalten. Er ging dabei sehr sorgfältig vor, ohne das sie das Gefühl hatte beobachtet zu werden. Die Musik in der Bar wurde lauter, immer mehr Gäste strömten hinein und Lucien bemühte sich den Überblick zu behalten. Von jeder Seite der Theke wurden Bestellungen aufgegeben und er war dankbar das Taylor heute Abend an seiner Seite war, denn sonst wäre das ganze ein wenig stressig geworden. Sein Lächeln auf seinem Gesicht verschwand keine Sekunde lang und er mixte immer weiter die Getränke. Taylor sah ab und zu zu ihm motivierte ihn durchzuhalten.
Einige Zeit später ebbte der Ansturm ein wenig ab und sie konnten ein wenig durchatmen. Taylor klopfte ihm auf die Schulter. "Gut gemacht. Für deine erste Schicht stellst du dich gar nicht so schlecht an." Lucien nickte ihm zu und polierte weiter seine Gläser. Als er gerade das Glas in seinen Händen kontrollieren wollte, sah er sie dadurch. Er nahm das Glas ein Stück weit hinunter und blickte in ihre grünen Augen. Taylor stellte ihr ein Glas Wasser hin und wandte sich wieder von ihr ab. Sie wirkte ein klein wenig erschöpft durch den ganzen Stress. Aber ihr Blick wie sie ihn musterte ließ ihn kurz schlucken. Ihre Stimme drang durch ihn durch und er stellte das Glas im Regal ab, eh er sich zu ihr umdrehte. "Fokus und Konzentration. Das ist alles was man dafür braucht." Er schenkte sich ebenfalls ein Glas Wasser ein, trank davon aber nicht, nippte nur kurz daran, bevor er sich auch wieder ein Stück weit über die Theke lehnte. Sein Blick ruhte sanft auf ihr. "Du bist ganz schön neugierig oder?" Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen. Ein wenig richtete er sich wieder auf und blickte sie weiter an. "Ich habe mir das Ganze selbst beigebracht durch Beobachtung, Bücher und diverse Videos. Und es macht mir erstaunlicher Weise wirklich Spaß, auch wenn es heute schon etwas stressig war." Seine Finger glitten über die saubere Oberfläche. "Was mir wirklich gut an diesem Job gefällt ist, das man hinter der Bar viele verschiedene Menschen kennen lernt, ohne das man sich selbst öffnen muss." Die Lichter der Bar spiegelten sich in ihre grünen Augen wider. Die Musik wurde wieder etwas lauter und irgendwo in der Nähe zerbrach ein Glas. Taylor fluchte vor sich hin, doch Lucien schenkte ihm keine Beachtung. Er hielt Alice Blick standhaft, wurde aber durch einen Gast, der an die Theke trat, kurz unterbrochen. Er bestelle zwei Drinks und Lucien machte sich erneut an die Arbeit. Während er die Zutaten nach und nach in den Shaker tat, bemerkte er im Augenwinkel das ihm Alice immer noch beobachtete. Innerlich machte es ihn nervös, doch äußerlich ließ er sich nichts anmerken. "Du solltest vorsichtig sein", flüsterte Taylor plötzlich grinsend, als er an ihm vorbei ging. Lucien hob seinen Blick. "Womit?" Taylor blickte unauffällig in ihre Richtung. "Dieser Blick. Nicht das du dich am Ende noch darin verlierst." Er boxte ihm spielerisch gegen den Arm. Lucien verdrehte die Augen, doch das kleine Lächeln auf seinen Lippen konnte er nicht verbergen. Er bereitete die Getränke zu und überreichte sie ihm den Gast, bevor er sich wieder zu Alice drehte. "Und was ist mit dir? Wie lange arbeitest du schon hier?"
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"Fokus und Konzentration?", wiederholte sie und ihre Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. "Das allein macht noch keinen guten Barkeeper. Da gehört schon ein bisschen mehr dazu.". Sie nahm einen weiteren Schluck Wasser, drehte das Glas zwischen den Fingern und beobachtete, wie er sich ein Stück über die Theke zu ihr lehnte. Ihr Lächeln wurde automatisch weicher, fast schon ein bisschen schelmisch. "Erwischt.", gab sie zu. Sie war wirklich schrecklich neugierig und es brachte nichts, das zu leugnen.
Als Lucien erzählte, dass er sich alles selbst beigebracht hatte, hob sie überrascht die Augenbrauen. Anerkennend nickte sie und lehnte sich etwas zurück, stützte einen Ellbogen locker auf der Lehne des Barhockers ab und hörte ihm aufmerksam zu. Und als er erwähnte, wie sehr er es mochte, all die verschiedenen Menschen kennenzulernen, veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Ihr Blick wurde wärmer, fast vertraut, als hätte er genau den Punkt getroffen, der sie selbst an diesem Job hielt. Gerade als sie ansetzen wollte zu antworten, trat ein Gast an die Theke und bestellte zwei Cocktails. Alice schloss kurz den Mund, lächelte höflich und wartete. Sie nahm einen kleinen Schluck Wasser, ließ das Glas dann wieder sinken und beobachtete, wie Lucien die Bestellung entgegennahm und sofort in einen konzentrierten Rhythmus verfiel.
"Genau das lieb ich auch", begann sie wieder und ihre Augen wurden dabei ein Stück heller, während Lucien weiter die Cocktails mixte. Ihre Hände gestikulierten leicht, als könnten sie ihre Worte unterstreichen. "Hier laufen so viele unterschiedliche Leute rein und je länger man hier arbeitet, desto mehr Geschichten sammelt man ein. Manche sind lustig, manche verrückt, manche..." Sie zuckte mit den Schultern, ein kleines, wissendes Lächeln. "...gehen einem näher, als man will.". Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, während sie weiterredete. "Und auf unsere Stammgäste freu ich mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Das ist fast wie..." sie suchte kurz nach dem Wort, ihre Stirn legte sich in eine kleine Falte. "...wie eine kleine, chaotische Familie.". Dann verzog sie das Gesicht leicht. "Gut, klar, es gibt auch Idioten. Aber die gibt's überall.'.
Alice liebte es, den Geschichten der Gäste zu lauschen. Den lustigen, den schrägen, den traurigen. Manchmal erzählten sie von ihren Jobs, manchmal von ihren Erfolgen, manchmal von Dingen, die ihnen das Herz gebrochen hatten. Und obwohl die Arbeit sie oft völlig auslaugte und sie auf dem Heimweg nur noch von einem heißen Bad, einer Massage und einem weichen Bett träumte, machte es ihr trotzdem Spaß. Wirklich Spaß. Und während sie vor sich hin redete, kam Taylor vorbei, vermutlich kontrollierte er Lucien's Arbeit und sagte im nächsten Moment etwas zu ihm, aber sie verstand kein Wort. Vermutlich handelte es sich bloß um die Arbeit.
Als Lucien sich wieder zu ihr drehte und fragte, wie lange sie schon hier arbeitete, hob sie leicht die Augenbrauen. Für einen Moment wirkte sie, als müsste sie überlegen. "Dreieinhalb Jahre", sagte sie schließlich, und ihre Stimme bekam diesen ruhigen, vertrauten Klang, den sie manchmal hatte, wenn sie über etwas sprach, das ihr wirklich etwas bedeutete. "Ich hab damals nur für ein paar Wochen aushelfen wollen.", ein kleines, amüsiertes Lachen entwich ihr, während sie den Kopf leicht schüttelte. "Tja... aus den paar Wochen wurden dann irgendwie Monate. Und dann... na ja. Jetzt bin ich immer noch hier." Sie zuckte locker mit den Schultern, aber ihr Lächeln verriet mehr als ihre Worte. "Es hat sich einfach richtig angefühlt. Die Leute, die Abende, die Geschichten... das alles hat mich irgendwie behalten.". Ihre Finger trommelten leise gegen das Glas. "Und ehrlich Ich würd's nicht missen wollen.".
"Was hast du denn davor gemacht, bevor du bei uns reingestolpert bist?", fragte sie dann. -
Lucien
Jedes einzelne Wort, welches über ihre Lippen ging, prägte er sich ganz genau ein. Er hörte ihr weiterhin aufmerksam zu und ließ sie ausreden. Man sah ihr an wie viel ihr dieser Job hier bedeutete. Bei ihrem Vergleich mit der chaotischen Familie musste Lucien schmunzeln. "Ja das trifft es ziemlich gut." Er stützte seine Unterarme locker auf die Theke. "Eine Familie die man sich nicht ausgesucht hat, die aber trotzdem ständig wieder auftaucht." Und ja es gab wohl auch Menschen, die man nur ungern sehen wollte. Inständig hoffte er das Alice bisher keine allzu schlimmen Erfahrungen mit solchen Gästen auszuweisen hatte. Der Job war für eine Frau immerhin ein wenig schwerer, zu mal sie nicht gerade schlecht aussah. Diesen Gedanken verscheuchte er ganz schnell wieder aus seinem Kopf. Er will hier nur professionell seine Arbeit erledigen und weiterhin von den Menschen lernen. Zeit für Ablenkungen waren nicht gestattet, auch wenn sie es ihm nicht leicht machte. Schon an dem Abend als sie gegen seine steinharte Brust lief, hatte sich etwas in ihm geregt. Vielleicht war es einfach nur Neugier oder es steckte doch etwas ganz anderes dahinter. Die Zeit wird es zeigen, aber bisher schien die junge Frau ihn noch nicht erkannt zu haben. Und auch er war perfekt darin sich nichts anmerken zu lassen.
Jahrelanges Training, Disziplin und Beherrschung spielten dabei eine große Rolle.
Sein Blick schweifte kurz durch die Bar. Gespräche, Gelächter, das Klirren der Gläser und die Musik vermischten sich zu einem Hintergrundrauschen, welches er kaum wahrnahm. Seine ganze Aufmerksamkeit lag nur auf dem weiblichen Geschöpf vor ihm.
Sie erzählte davon wie lange sie schon hier war und Lucien musste leicht auflachen. "Das klingt ja fast wie eine Falle. Erst arbeitet man ein paar Schichten, kennt die Geschichten der Leute und lernt die Stammgäste kennen und mit einem fingerschnipsen sind dreieinhalb Jahre vergangen." Sein Lächeln wurde nun breiter und erreichte seine Augen. "Ich sollte aufpassen das mir das nicht auch passiert und ich später auch hier sitze und das jemanden genau so erzähle." In seiner Stimme schwang ein wenig Ironie mit. Er nippte wieder an seinem Wasserglas, die Eiswürfel waren bereits geschmolzen und ein Tropfen lief am Glas hinunter und tropfte auf die Theke.
Bei ihrer nächsten Frage verschwand sein Lächeln schlagartig. Er stellte das Glas zurück, richtete sich auf, löste seinen Blick von ihr und versuchte irgendwie beschäftigt zu wirken. Er konnte ihren Blick deutlich auf sich spüren. Ihm blieb also keine andere Wahl und ihr irgendeine Halbwahrheit aufzutischen. "Mein Leben ist anders verlaufen als erhofft. Ich hatte es nicht einfach, sagen wir es mal so. Ich habe mich versucht über Wasser zu halten, das hier ist mein erster richtiger Job." Das er vor seiner Verwandlung eigentlich vor hatte bei der Polizei zu arbeiten, verschwieg er. Sie durfte es nie erfahren, wer er wirklich war. Er wusch die Gläser, die wieder zurück gekommen sind auf und versuchte somit die Gedanken seines damaligen Lebens zu verdrängen. "Also nicht so spannend wie bei dir." Er zuckte mit den Schultern. "Ich hoffe du bist nicht allzu enttäuscht das ich dir nichts Spannendes zu erzählen habe."
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