Arkham Horror: The Doom That Came to Arkham (Nightking&Maskenraich)

    • Samantha betrachtete die Zigarette, die der Mann ihr entgegenhielt, für einige Sekunden schweigend. Ihr Blick wanderte langsam von dem weißen Filter zu seinem Gesicht, wo er schließlich mit einer Mischung aus Skepsis und unterschwelliger Verärgerung hängen blieb. Für einen kurzen Moment schien sie tatsächlich darüber nachzudenken, ob sie auf sein Angebot eingehen sollte. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass ihre Hände noch immer hinter ihrem Rücken gefesselt waren.
      Sie hob die Augenbrauen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite.
      ''Wie aufmerksam von Ihnen.''
      Ihre Stimme klang ruhig, beinahe höflich, doch der unverkennbare Sarkasmus in ihren Worten ließ sich kaum überhören. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre gefesselten Handgelenke, bevor sie wieder den Mann ansah.
      ''Sie fesseln mir die Hände auf den Rücken, durchsuchen meine persönlichen Sachen ohne meine Zustimmung und bieten mir anschließend eine Zigarette an. Sagen Sie, ist das hier eine besondere Form der Gastfreundschaft, oder gehört das zu Ihrem üblichen Umgang mit Menschen, die Ihnen ein paar Fragen beantworten sollen?''


      Ein schwaches, spöttisches Lächeln huschte über ihre Lippen, verschwand jedoch beinahe ebenso schnell wieder. Samantha wusste, dass es vermutlich nicht besonders klug wäre, den Mann unnötig zu provozieren. Andererseits hatte sie wenig Lust, sich von ihm einschüchtern zu lassen. Sie hatte bereits genug Zeit damit verbracht, seine Fragen zu beantworten, ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, weshalb sie überhaupt in dieser Situation festgehalten wurde.
      Sie verlagerte ihr Gewicht auf dem Stuhl und versuchte unauffällig, ihre Schultern zu entspannen. Die Position ihrer Arme war alles andere als angenehm, und die Fesseln erinnerten sie bei jeder Bewegung daran, wie wenig Kontrolle sie momentan über ihre eigene Situation hatte. Dennoch bemühte sie sich, sich diese Unannehmlichkeit nicht anmerken zu lassen.
      ''Obwohl …'', fügte sie nach einem kurzen Moment hinzu und betrachtete die Zigarette erneut, ''wenn Sie mir die Hände wieder freigeben würden, könnte ich Ihr großzügiges Angebot vielleicht sogar annehmen.''

      Sie ließ die Bemerkung bewusst im Raum stehen. Anschließend lehnte sie sich so weit zurück, wie es ihr mit den gefesselten Armen möglich war, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Unterlagen, die der Mann zuvor von seinem Partner erhalten hatte. Ihre Mitschrift des Interviews mit Thurston. Allein der Anblick der Notizen erinnerte sie daran, weshalb sie überhaupt hier war.
      Sie war ihrer Arbeit nachgegangen. Sie hatte Fragen gestellt, Informationen gesammelt und ein Interview geführt. Nichts davon war ungewöhnlich für eine Journalistin. Zumindest hatte sie das bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt.
      Ihr Blick kehrte zu dem Mann zurück.
      „Sie haben meine Mitschrift jetzt schon zum zweiten Mal in der Hand. Ich nehme an, Sie haben sie inzwischen gründlich genug gelesen, um festzustellen, dass ich Ihnen nichts vorenthalten habe.“
      Samantha hielt kurz inne und atmete langsam durch die Nase aus.
      „Ich habe mit Thurston gesprochen, mir seine Aussagen notiert und meine Arbeit erledigt. Wenn Ihnen etwas in meinen Aufzeichnungen verdächtig vorkommt, dann fragen Sie mich danach. Ich kann Ihnen erklären, was ich aufgeschrieben habe und in welchem Zusammenhang es gesagt wurde.“
      Ihre Stimme wurde etwas ernster. Der sarkastische Unterton verschwand allmählich und machte einer deutlich spürbaren Ungeduld Platz.
      „Aber ich werde nicht anfangen, irgendwelche Geschichten zu erfinden, nur weil Sie offenbar erwarten, dass hinter jeder meiner Antworten eine Lüge steckt.“
      Sie beobachtete das Gesicht des Mannes aufmerksam, versuchte, irgendeine Reaktion aus seiner ansonsten schwer zu durchschauenden Miene herauszulesen. Doch er gab wenig preis. Gerade das machte die Situation so unangenehm. Sie konnte nicht einschätzen, ob er tatsächlich einen konkreten Verdacht gegen sie hatte oder ob er lediglich versuchte, sie so lange unter Druck zu setzen, bis sie etwas sagte, das sich gegen sie verwenden ließ.
      Samantha war sich durchaus bewusst, dass sie vorsichtig sein musste. Ein falsches Wort, eine unbedachte Reaktion oder ein Moment der Unsicherheit könnten ausreichen, um die Situation noch weiter zu verschlimmern. Trotzdem wollte sie sich nicht einfach alles gefallen lassen.
      ''Und bevor Sie mich noch einmal fragen, ob ich etwas mit dieser Sache zu tun habe: Nein. Ich weiß nicht, was Sie vermuten, und ich weiß auch nicht, was Sie glauben, in meiner Tasche finden zu können. Aber ich kann Ihnen versichern, dass eine Zigarettenschachtel, mein Handy und meine Brieftasche Ihnen vermutlich nicht die Antworten liefern werden, nach denen Sie suchen.''
      Sie warf einen kurzen Blick auf die Zigarette, die sich noch immer zwischen den Fingern des Mannes befand, und schüttelte kaum merklich den Kopf.
      ''Obwohl ich zugeben muss, dass Ihre Art, Beweise zu sammeln, durchaus bemerkenswert ist.''
      Ein leises, humorloses Lachen entwich ihr, doch es erreichte ihre Augen nicht. Sie war nicht wirklich amüsiert. Vielmehr war es eine Reaktion auf die Absurdität der gesamten Situation. Sie saß gefesselt vor einem Mann, der ihre Sachen durchsuchte, ihre Notizen überprüfte und ihr gleichzeitig eine Zigarette anbot, als würden sie sich bei einer ganz gewöhnlichen Unterhaltung befinden.
      Draußen prasselte der Regen inzwischen heftiger gegen die Fensterscheiben. Ein entferntes Donnergrollen ließ Samantha für einen kurzen Augenblick den Kopf drehen. Sie beobachtete die dunklen Wolken, die sich am Himmel zusammenzogen, und bemerkte dabei, wie die ohnehin schon angespannte Atmosphäre im Raum zunehmend bedrückender wirkte.
      Irgendetwas stimmte nicht.
      Sie konnte nicht genau sagen, was es war, doch seit ihrer Ankunft hatte sie das Gefühl, dass mehr hinter den Ereignissen steckte, als man ihr erzählte. Die merkwürdigen Reaktionen, die ausweichenden Antworten und die Art, wie man sie behandelte, ließen sie zunehmend an der offiziellen Darstellung zweifeln. Vielleicht hing alles miteinander zusammen. Vielleicht auch nicht. Aber sie hatte gelernt, ihrem Instinkt zumindest dann Aufmerksamkeit zu schenken, wenn mehrere Dinge gleichzeitig keinen Sinn ergaben.
      Langsam wandte sie ihren Blick wieder dem Mann zu.
      ''Wissen Sie, was mich an der ganzen Sache am meisten stört?'', fragte sie schließlich, diesmal ohne jede Spur von Spott.
      Sie wartete nicht wirklich auf eine Antwort, sondern fuhr nach einer kurzen Pause fort.
      ''Nicht einmal, dass Sie mich festhalten. Wenn Sie einen vernünftigen Grund dafür haben, können wir darüber sprechen. Was mich stört, ist, dass Sie mich behandeln, als wüssten Sie bereits, dass ich etwas zu verbergen habe, obwohl Sie mir nicht einmal erklären, worum es eigentlich geht.''
      Sie richtete sich ein wenig auf. Ihre gefesselten Hände blieben hinter ihrem Rücken, während sie den Mann mit festem Blick ansah.
      ''Sie erwarten von mir, dass ich kooperiere, aber Sie selbst geben mir keinen einzigen vernünftigen Grund, Ihnen zu vertrauen.''
      Für einen Moment schwieg sie. Ihre Gesichtszüge blieben angespannt, doch ihre Stimme wurde wieder ruhiger.
      ''Ich bin bereit, Ihre Fragen zu beantworten. Ich bin bereit, Ihnen zu erklären, was ich weiß, und ich bin auch bereit, Ihnen bei Ihren Ermittlungen zu helfen, sofern ich das kann.''
      Sie ließ ihren Blick kurz zu den Unterlagen wandern, bevor sie ihn wieder ansah.
      ''Aber ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie mir nicht sagen, wonach Sie überhaupt suchen.''
      Samantha atmete langsam aus und lehnte sich wieder ein wenig zurück. Die Haltung war unbequem, ihre Geduld wurde zunehmend strapaziert, und sie hatte das ungute Gefühl, dass draußen ein Sturm aufzog, der weit mehr als nur schlechtes Wetter mit sich bringen könnte.
      Trotzdem hielt sie den Blick des Mannes stand.
      ''Also, wie soll es weitergehen? Wollen Sie mir jetzt endlich erklären, weshalb ich hier sitze und was Sie von mir wissen möchten? Oder soll ich weiterhin hierbleiben, während Sie meine Sachen durchsuchen und mir Angebote machen, die ich mit gefesselten Händen ohnehin nicht annehmen kann?''
      Sie hob leicht das Kinn. Ihre Miene war nun wieder vollkommen ernst.
      ''Denn wenn Sie tatsächlich glauben, dass ich etwas mit dem zu tun habe, was hier vor sich geht, dann sollten Sie mir wenigstens die Gelegenheit geben, mich dazu zu äußern.''
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