Ashes of Grace [Stardust&Tristale]

    • Ashes of Grace [Stardust&Tristale]

      Ashes of Grace
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      Genre: Dark Fantasy, Adventure, Romance, Drama
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      In einer Welt, die unter dem Gewicht ihres eigenen Untergangs ächzt, hat die Dunkelheit das Licht verdrängt, und eine namenlose Seuche kriecht durch die letzten Reste der Zivilisation wie ein Fluch, der nicht vergeht. Die Erde ist verwundet, die Städte sind zu stummen Mahnmalen des Verfalls geworden, und die wenigen Überlebenden klammern sich an brüchige Hoffnung oder an fanatischen Glauben. Aus den Trümmern der alten Ordnung sind die Orden hervorgegangen, mächtige, religiös durchdrungene Institutionen, die die Seuche nicht als Feind, sondern als göttliche Prüfung verehren. Für sie ist die Krankheit ein Werkzeug der Läuterung, ein himmlisches Feuer, das die Welt von ihrer Schuld reinigt. Ihre Tempel ragen wie schwarze Dornen aus dem Boden, ihre Predigten durchdringen die Stille mit eisiger Gewissheit. Ihre Tempel wachsen aus dem Boden wie verfluchte Gebilde, und ihre Predigten legen sich wie kalter Nebel über alles, was noch lebt.
      Doch nicht alle glauben an diese Heilslehre. Für viele sind die Orden nichts als Tyrannen in heiligen Gewändern – fanatische Herrscher, die das Leid der Menschheit instrumentalisieren, um ihre Macht zu festigen. Sie kontrollieren mit Angst, versprechen Erlösung durch Gehorsam und opfern Wahrheit auf dem Altar ihrer Dogmen.
      Inmitten dieser zerrissenen Welt gibt es Wesen, selten und geheimnisvoll, deren Blut eine außergewöhnliche Gabe trägt. Sie besitzen die Kraft, die Seuche zu heilen – jedoch nur, solange sie den Körper nicht schon vollständig verzehrt hat. Doch das Blut birgt mehr als nur Heilung: Durch ein uraltes Ritual, dessen Ursprung in vergessenen Zeiten liegt, kann es einem Körper übernatürliche Stärke verleihen – Kraft, Geschwindigkeit, Widerstand – fast wie ein Echo jener Götter, die die Welt längst verlassen haben. Diese Gabe macht die Blutträger zu Lichtträgern für die einen, zu begehrten Waffen für die anderen.

      Die Orden nennen sie 'Auserwählte' und versehen sie mit mystischen Zeichen, Brandmale, Runen. Symbole, die sie an eine düstere Prophezeiung binden. Durch ihre Gabe werden die Blutträger für manche zu Lichtträgern, Trägern der letzten Hoffnung, während andere in ihnen nichts sehen als das lebendige Zeichen des kommenden Untergangs. Doch nicht alle fügen sich ihrem Schicksal. Einige werden gerettet, versteckt oder begleitet von jenen, die sich dem Einfluss der Orden widersetzen, Rebellen, Heiler, Suchende, die noch an eine andere Zukunft glauben.
      Gemeinsam begeben sie sich auf eine gefährliche Reise durch das verseuchte Land, durch verfallene Städte, giftige Wälder und endlose Ebenen, in denen die Krankheit lauert wie ein lebendiger Schatten. Für viele ist das Ziel die letzte Stadt, ein Ort, von dem man sagt, dass dort noch Priester und Heiler leben, dass dort Bücher existieren, die das Wissen enthalten, um aus dem heilenden Blut ein echtes Gegenmittel zu schaffen. Die Stadt ist ein Mythos, ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit, ein Versprechen, das vielleicht nie eingelöst wird und doch der einzige Hoffnungsschimmer, der den meisten Überlebenden bleibt.
      Die Welt ist zerrissen zwischen Glauben und Verzweiflung. Während die Orden die Seuche als göttliche Gnade preisen, kämpfen andere für eine Zukunft ohne Dunkelheit.

      @Stardust_Rose
    • Verfall hatte einen eigenen Geruch, nicht aufdringlich, aber allgegenwärtig. Eine Mischung aus rostendem Metall, altem Rauch, vermischt mit dem säuerlichen Stich von altem Blut und dem modrigen Hauch zerfallener Erinnerungen, der sich wie ein Schleier über alles legte. Er kroch in die Kleidung, setzte sich in die Haut, und selbst der Atem schien ihn nicht mehr loszuwerden. Es war der Geruch einer Welt, die sich selbst aufgegeben hatte.
      Die Mauern waren zersprungen, die Türme eingefallen, und doch ragten die Tempel der Orden noch immer wie schwarze Dornen in den Himmel. In der Ferne waren sie zu erkennen, kaum mehr als ein Schatten gegen das graue Licht, aber unverkennbar in seiner Form: kantig, drohend, wie ein Mahnmal aus einer Zeit, die nie vergehen wollte.
      Er war weit entfernt, für ihren Geschmack dennoch zu nah. Aber es war die einzige Stadt in der Nähe gewesen, die sie noch erreichen konnte. Die anderen waren gefallen, verseucht oder von den Orden vollständig übernommen. Und irgendwo musste sie sicher schlafen. Ihre Vorräte waren fast aufgebraucht, das Wasser schmeckte nach Metall, und die letzte Heilung hatte ihr mehr Kraft genommen, als sie zugeben wollte. Sie war bereits vor einigen Tagen angekommen, hatte sich in einem verlassenen Speicher eingerichtet und versucht, sich unsichtbar zu halten. Eigentlich wollte sie längst weiterziehen, so schnell wie möglich, doch ihr Körper verlangte nach Ruhe, dennoch musste sie heute weiterziehen. Sie brauchte nur noch Proviant und dann endlich diesem Ort den Rücken kehren, bevor man sie erkannte. Bevor man ihr Blut wieder zu etwas machen wollte, das sie nie sein wollte.
      Der Markt breitete sich vor Arya aus wie ein Flickenteppich aus Farben und improvisierten Ständen. Stoffplanen in verblichenen Tönen flatterten leicht im Wind, manche geflickt, manche nur notdürftig über Holzgestelle geworfen. Zwischen den Gassen lagen Körbe voller Wurzeln, getrockneter Kräuter und schrumpeliger Äpfel, daneben Fässer mit eingelegtem Gemüse, das in der Kälte leicht säuerlich roch. Die Luft war ein Durcheinander aus Düften: Rauch von kleinen Feuerstellen, an denen Händler ihre Hände wärmten, der schwere, salzige Geruch von getrocknetem Fisch, süßliche Noten von überreifen Früchten.
      Arya bewegte sich langsam durch die schmalen Wege, vorbei an Ständen, an denen Stoffe in erdigen Farben hingen, und an anderen, an denen Messer, Schalen und alte Werkzeuge auslagen. Die Leute machten ihr Platz, ohne sie wirklich anzusehen. Nicht aus Höflichkeit, eher aus Gewohnheit. Jeder war mit seinem eigenen Überleben beschäftigt. Während sie ging, glitt ihr Blick über die Menge. Ein paar Kinder spielten mit einem Stück Seil, ein Hund schnüffelte an einem umgestürzten Korb, und ein alter Mann sortierte geduldig Bohnen in kleine Häufchen. An einem Stand mit frisch gebackenem Fladenbrot blieb sie stehen, wählte zwei Laibe aus und tauschte ein paar Münzen dafür. Weiter vorn kaufte sie eine kleine Tüte getrockneter Früchte und schließlich ein Bündel dünn geschnittenes, gepökeltes Fleisch, das nach Rauch und Salz roch. Sie verstaute alles in ihrer Tasche, bevor sie weiterging.
      Der wetterfeste Stoff ihres dunklen, schweren Mantels der auf ihren Schultern lag versteckte ihre schmale Gestalt. Darunter trägt sie eine eng anliegende, schwarze Hose, die sich wie eine zweite Haut an ihre Beine schmiegt und ihr volle Beweglichkeit lässt, ob beim Sprinten, Klettern oder lautlosen Schleichen. Die Stiefel reichen bis knapp unter die Knie, waren stabil und leicht und versteckten Fächern für kleine Klingen. Ihr Oberkörper ist von einem leichten, aber widerstandsfähigen Korsett geschützt, das zugleich stützt und nicht einengt und ist mit feinen Nähten durchzogen. Darunter trägt sie eine enge, dunkle Tunika mit kurzen, geschlitzten Ärmeln, die den Zugriff auf ihre Dolche erleichtern. Einen davon hatte sie am linken Oberschenkel befestigt, einer am Rücken unter dem Bogen, einer steckte in ihrem rechten Stiefel und ein weiterer liegt griffbereit am Gürtel. Der Gürtel selbst ist schmal und funktional, mit kleinen Taschen für Proviant, Feuerstein, getrocknete Kräuter und ein zusammengerolltes Tuch, das als Verband oder Maske dienen konnte. Dazu trägt sie eine schmale Umhängetasche aus weichem Leder, die eng am Körper anliegt und beim Rennen nicht pendelt. Darin bewahrt sie Verbände, ein kleines Werkzeugset, getrocknete Kräuter und natürlich Proviant. An ihren Händen sitzen fingerlose Lederhandschuhe die fast bis zum Ellbogen reichen und schmiegen sich angenehm an ihre Haut. Die offenen Fingerkuppen geben ihr genug Gefühl, um die Bogensehne präzise zu greifen, während die leichten Verstärkungen am Handrücken für ein bisschen zusätzlichen Schutz sorgen. Auf dem Rücken trägt sie ihren Bogen und einen Köcher. Aryas Kleidung ist auf Beweglichkeit und Schnelligkeit ausgelegt. Durch ihre Körpergröße ist sie oft im Nachteil im direkten Kampf, also trägt sie nur das, was sie nicht bremst. Nachdem sie auf dem Markt alles besorgt hatte, was sie brauchte, ließ sie die Stadt hinter sich.

      Seit drei Tagen war sie nun unterwegs. Der Weg war lang, uneben und stellenweise kaum mehr als ein Trampelpfad, der sich durch Wälder und über verlassene Felder schlängelte. Die Stille war angenehm, aber sie spürte, wie die Müdigkeit sich in ihren Knochen festsetzte, der mit jedem weiteren Kilometer wuchs. Hin und wieder sah sie in der Ferne Verlorene, die langsam über die Felder taumelten oder reglos am Rand eines alten Wegsteins stand, und hielt immer genug Abstand um einen Kampf zu umgehen.
      Die Stadt, die sie jetzt ansteuerte, war nur eine Zwischenstation, ein Ort an dem sie sich kurz ausruhen, Wasser auffüllen und vielleicht ein Dach für die Nacht finden konnte. Ihr eigentliches Ziel lag weiter im Norden: Vareth. Man hatte ihr erzählt, dass dort noch andere Lichtträger sein sollten. Menschen wie sie, die sich versteckten, aber nicht aufgegeben hatten. Außerdem sollte es dort bessere Unterkünfte geben, sichere Häuser, vielleicht sogar jemanden, der ihr ein Pferd verkaufen konnte. Der Gedanke daran war verlockend. Ein Pferd würde den restlichen Weg erheblich erleichtern. Ihre Beine fühlten sich an, als würden sie jeden Moment nachgeben, und die Erschöpfung kroch ihr wie kalter Nebel unter die Haut. Sie zog den Riemen ihrer Tasche fester, atmete tief durch und setzte ihren Weg fort. Wenn sie am späten Nachmittag ankommen wollte, durfte sie keine Zeit verlieren. Die Sonne stand bereits höher, als ihr lieb war, und sie beeilte sich, die letzten Stunden des Weges hinter sich zu bringen. Ihre Schritte wurden schneller, zielgerichteter, während der Pfad sich vor ihr durch das Unterholz zog. Jede Minute, die sie sparte, brachte sie näher an ein Dach, eine Mahlzeit und ein Stück Sicherheit, so brüchig es auch sein mochte.
      Arya brauchte eine kurze Pause. Ihre Beine brannten, und der Druck in ihrem Rücken erinnerte sie daran, wie lange sie schon unterwegs war. Sie setzte sich auf einen großen, flachen Stein am Wegesrand, zog die Wasserflasche aus ihrer Umhängetasche und nahm einen tiefen Schluck. Das Wasser war lauwarm, aber es tat gut. Nur fünf Minuten, dachte sie sich. Fünf Minuten, dann musste sie weiter. Sie wollte nicht noch eine Nacht draußen verbringen, nicht mit der Kälte, nicht mit den Verlorenen, die manchmal lautlos aus dem Nichts auftauchen konnten.
      Gerade als sie die Flasche zurück in ihre Tasche schob, hörte sie ein Rascheln und sofort spannte sich ihr Körper an. Ein Verlorener? Sie fuhr herum, stand in einem Atemzug auf und wich ein paar Schritte zurück, weg von den Büschen, aus denen das Geräusch gekommen war. Ihr Herz schlug schneller, ihre Finger zuckten instinktiv nach einem Dolch.
      Es raschelte erneut und dann hüpfte ein kleiner Hase aus dem Gebüsch. Arya erschrak, doch im selben Moment musste sie über sich selbst lachen. Ein Hase. Nur ein Hase. Das kleine Tier hockte einen Moment lang reglos da, die Nase zuckend, als würde es überlegen, ob sie eine Gefahr war.
      Sie wusste, was sie als Nächstes tun musste, und es tat ihr leid. Aber sie brauchte die Kraft. Langsam griff sie nach ihrem Bogen, zog einen Pfeil aus dem Köcher, legte ihn ein, spannte die Sehne – und schoss.

      Nach zehn Minuten befand sich Arya wieder auf ihrem Weg. Kurz nachdem sie den ersten Hasen erlegt hatte, war ein zweiter aus dem Gebüsch gehüpft, und auch er hatte ihr Pfeil getroffen. Es tat ihr um jedes Tier leid, das sie schoss, aber sie brauchte ihr Fleisch zum Überleben. Nun baumelten zwei Hasen an einem Seil an ihrer Tasche, wippten leblos hin und her, während sie weiterging. Ungefähr zwei Stunden noch, dann sollte sie die Kleinstadt erreichen. Doch ihr restlicher Weg sollte nicht ruhig enden. An einer Wegskreuzung bemerkte sie zwei Männer, die zunächst nur am Rand standen, dann aber langsam hinter ihr herliefen. Erst ein paar Schritte Abstand, dann immer näher. Arya tat so, als hätte sie sie nicht bemerkt, doch ihre Hand glitt unauffällig in Richtung eines Dolches. "He, Mädchen", rief einer schließlich, seine Stimme war rau und unangenehm laut in der Stille. "Du hast da was Hübsches an deiner Tasche hängen." Der andere lachte kehlig. "Zwei Hasen, hm? Ganz schön viel für so ne Kleine. Gib sie uns, dann lassen wir dich weiterlaufen."
      Arya blieb stehen, drehte sich halb zu ihnen um. Die Männer wirkten ungepflegt, mit schmutzigen Mänteln und gierigen Blicken. Einer hatte eine Axt am Gürtel, der andere ein Messer, das er demonstrativ sichtbar hielt.
      "Ich hab sie selbst gejagt", sagte Arya ruhig. "Und ich behalte sie."
      Der Mann mit der Axt trat einen Schritt näher. "Ach komm schon. Du willst doch nicht, dass wir uns die Mühe machen müssen, sie dir abzunehmen."
      Der andere grinste breit und zeigte seine gelben Zähne. "Wär doch schade, wenn du dich verletzt."
      Arya spürte, wie sich die Anspannung in ihr sammelte. Sie war müde, erschöpft und hungrig, aber nicht dumm. Und schon gar nicht bereit, sich von zwei Straßenräubern ausnehmen zu lassen.
      Sie stellte einen Fuß leicht zurück, bereit, auszuweichen oder zu ziehen, je nachdem, was als Nächstes passieren würde.
      "Letzte Chance", sagte der Mann mit der Axt. "Gib uns die Hasen.". Sie wusste, dass dieser Moment entscheiden würde, wie der Rest ihres Tages verlief.
      Die beiden Männer kamen schneller auf sie zu, als Arya erwartet hatte. Sie wich einen Schritt zurück, bereit, den ersten Angriff auszuweichen, doch sie war erschöpft, und das merkten sie.
      "Na los", knurrte der Mann mit der Axt, "sei vernünftig."
      Arya antwortete nicht. Stattdessen glitt ihre Hand zum Dolch an ihrem Oberschenkel, doch der zweite Mann war schneller, als sein ungepflegtes Äußeres vermuten ließ. Er warf sich seitlich auf sie, packte ihren Arm und riss ihn nach unten. Arya stolperte, fing sich fast wieder, doch der andere nutzte den Moment und schlug mit dem Griff seiner Axt gegen ihre Schulter. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Arm und der Dolch glitt ihr aus der Hand. Sie versuchte, sich loszureißen, trat nach dem Mann, der sie festhielt, traf ihn am Schienbein, aber er ließ nicht los. Stattdessen packte er sie fester, zog sie nach hinten, während der zweite Mann ihr den Weg abschnitt.
      "Zappelt ganz schön", lachte er, "aber das bringt dir nichts."
      Arya duckte sich, wollte unter seinem Arm hindurchgleiten, doch der Griff an ihrem Mantel riss sie zurück. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel hart auf die Knie. Der Mann mit der Axt trat sofort näher und drückte die Klinge gegen ihre Seite, nicht tief, aber drohend genug, dass sie erstarrte.
      "So ist's besser", zischte er. "Jetzt gib schön her, was du hast."
      Der andere griff nach den Hasen, die an ihrer Tasche hingen, und riss sie grob ab. Arya wollte aufspringen, doch der Druck der Axt verstärkte sich warnend.
      "Bleib unten", sagte der Mann. "Sonst wird’s unangenehm."
      Aryas Atem ging schnell. Wut brannte in ihr, aber sie wusste, dass sie in diesem Zustand keinen zweiten Fehler machen durfte. Sie konnte froh sein, dass sie sich mit den Hasen zufriedengaben und einfach weiterzogen und nichts weiteres geschehen würde.

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    • Nirgendwo war es möglich, der Gegenwart des Verfalls vollkommen zu entgehen. Nicht einmal in den Tempelanlagen des Ordens. Die Mauern konnten Schutz bieten und auch Wärme, doch nicht den Gestank abhalten. Seit jeher nannten die Priester diese Krankheit den Willen der Götter, um diejenigen zu Strafen, welche gesündigt hatten. Es überstieg das Verständnis einfacher Wesen und es war die Pflicht jedes einzelnen rechtschaffend zu leben. Lehren wie diese waren es, die den Glauben ausmachten und die Lehren schützten die Anhänger des Ordens. Somit gab es keinen Grund für Zweifel. In jungen Jahren, als noch viele Fragen Alistair in den Sinn kamen, begegnete man ihm stets offen. Es schien seltsam, dass es noch viele gab, die dem Orden fernblieben. Sahen sie denn nicht, dass man ihnen helfen wollte. Alles voran, die Auserwählten flohen. Etwas das unverständlich blieb, da diese sogar in den inneren Tempelanlagen lebten, wo der Zugang nur den ranghöchsten Rittern und den Priestern gestattet war. Was nur bewog jemanden zu fliehen, wo doch solcher Schutz geboten wurde. Es waren Fragen wie diese, welche selbst nach Jahren im Dienste des Ordens geblieben waren. Der Raum von Alistair enthielt lediglich die notwendigsten Dinge. Einen kleinen Tisch mitsamt zwei Stühlen gefertigt aus dem Holz eines dunkelbraunen Baumes. Ein Schrank ursprünglich groß genug für die Dinge seiner Mutter und den eigenen. Nun jedoch bestückt mit Kleidung und Ausrüstung des Mannes. Lediglich blaues Kleid war verblieben, welches von der damaligen Anwesenheit der Frau zeugte. Die meisten Dinge waren an andere gegangen, die es benötigten. Doch dieses eine Kleid, welches ihr Lieblingsstück gewesen war, konnte der Schwarzhaarige unmöglich weggeben. Scherze hatte es zuerst gegeben, ob Alistair vorhatte, es selbst zu tragen. Zeit verstrich und doch hörten Sticheleien wie diese nicht auf und wie jeder Mensch fand auch die Geduld des Mannes schließlich sein Ende. Zwei andere Ritter bekamen die Wut und Trauer über den Verlust zu spüren, der mit dem Kleid verbunden war. Ohne seine gewohnte Selbstbeherrschung fehlte auch Empathie. Eine Schlägerei entstand, bei denen es zu einigen Knochenbrüchen bei seinen Kameraden kam und diese dann verletzt am Boden lagen. Eine Bestrafung war nicht erfolgt, weil Alistair keine Reue verspürte, Doch schließlich zeigte Edgar, der Priester, der damals seine Mutter Katherine und ihn aufgenommen hatte, Verständnis.
      Die kalte Nachtluft drang durch das kleine Fenster in den von Kerzenlicht erhellten Raum. Der Ritter selbst, war in einfache Stoffkleidung gewandet und saß auf dem Bett. Es war zu einem Ritual geworden, seine beiden Waffen zu pflegen. So nahm er sich regelmäßig Zeit, um die Klingen zu reinigen und zu schärfen. Den Abschluss dabei machte das Auftragen eines Öls, um Rost abzuhalten. Während der Tätigkeit schweiften die Gedanken des Mannes zum Vortag. Er hatte eine Auserwählte gefunden und zum Orden geführt. Die Frau hatte ängstlich gewirkt, gar panisch. Warum scheute man sich so sehr gegen Sicherheit. Es war ihm ein Rätsel. Er hatte keine Zweifel, das Richtige getan zu haben, doch der Ausdruck im Gesicht der Auserwählten lies ihn nicht los. Selbst die Priester hatte versichert, dass die Frau nun in Sicherheit wäre und es ihr an nichts fehlen würde. Ein Umstand der die Reaktion der Auserwählten nur so viel seltsamer machte. Leicht schüttelte der Schwarzhaarige seinen Kopf, um die Gedanken abzuschütteln. “Es geht ihr gut.” sagte er, um sich selbst zu beruhigen. Behutsam war die Waffe auf den Tisch abgelegt worden. Noch einige Momente sah Alistair aus dem Fenster. Die Nacht hatte trotz all ihrer Schrecken und Gefahren etwas Beruhigendes an sich. Das Kerzenlicht wurde gelöscht und der Ritter legte sich in sein Bett, um nur wenige Zeit später in seinen gewohnt traumlosen Schlaf zu versinken.

      Reisen zu Fuß war oftmals beschwerlich und in einer verfallenen Welt barg es stets Gefahren. War es durch die Verlorenen, Banditen oder auch die Natur selbst, gezeichnet durch die Spuren des Verfalls. Somit war die Wahl des Gepäcks eine wichtige Entscheidung. Zu wenig konnte im Falle unvorhergesehener Komplikationen zu einer schnellen Knappheit an Nahrung führen. Hingegen war die Wahl von zu viel Proviant oder anderem Ballast verbunden mit mehr benötigter Kraft allein zum Tragen der Dinge. Es verlangsamte das Vorankommen beträchtlich und im schlimmsten Fall, war man am Ende seiner Kräfte. Ein Umstand der angreifbar machte und selbst die erfahrensten Kämpfer waren im erschöpften Zustand ein leichtes Ziel für Verlorene und auch allem anderen, was die grausame Realität der Wildnis bewohnte. Als Kompromiss für sich selbst hatte Alistair entschieden, für Reisen Proviant für einen zusätzlichen Tag mitzunehmen. Ein Vorgehen, was bereits seit Jahren bestand hatte und sich seit jeher bewährte. Es war lediglich ein wenig mehr Ballast und im Falle der Notwendigkeit lies es sich rationieren. Zwei Tage nur blieb der Ritter innerhalb der Mauern seines Ordens. Wie viele Auserwählte wohl noch in Gefahr waren. Es war seine Pflicht, erneut auf die Suche zu gehen und sie in die sichere Zuflucht des Tempels zu bringen. Nachdem sein Gepäck in dem Lederrucksack mit nur einem Tragegurt verstaut war, schulterte der Mann diesen. Am Ausgang des Tempels wurde er bereits von Edgar erwartet. “Alistair wie ich sehe, brennt dein Eifer nach wie vor, die Auserwählten in unsere Zuflucht zu führen. Ich will dir danken, dass du dein Leben riskierst, um dieser edlen Sache zu dienen.” sagte der Priester und legte seine Hand auf die Schulter des Schwarzhaarigen. Mit einem Lächeln auf den Lippen fuhr Edgar fort “Katherine wäre stolz, darüber zu sehen, was für ein Mann aus ihr geworden ist. Ich wünsche dir eine gute Reise und bete für deine Sicherheit und deinen Erfolg. Mögen die Götter über dich wachen.” Die Erwähnung seiner Mutter war seit ihrem Tod begleitet von Schmerz, aber dennoch waren die Worte des Priesters ein Quell der Kraft. “Ich danke euch Edgar. Doch handle ich nicht, um Ruhm zu erlangen. Ich will jene schützen, die es selbst nicht können. Die Auserwählten sind dabei eine Gruppe, welche umso mehr in Gefahr schweben. Daher bin ich froh darüber, helfen zu können, damit sie hier in Frieden und Sicherheit leben können, fernab der Gefahren.” sprach Alistair. Ein Nicken gab ihm der Priester als Antwort und er trat aus dem Tempel. Mit dem Blick über die Schulter sagte er “Mögen die Götter auch über dich wachen. Auf das wir uns bei meiner Rückkehr wiedersehen.” Ohne auf eine Reaktion zu warten, setzte der Ritter seinen Weg fort. Es bedurfte keiner weiteren Worte.

      Der folgende Tag sollte wie auch der zuvor dem Vorankommen dienen. Die nächste Stadt war noch einen weiteren Tagesmarsch entfernt. Der Weg entlang der Straße führte an einem Wald vorbei. Ein Anblick, welcher jedes Mal aufs Neue die Frage aufwarf, wie es vorher ausgesehen hatte, bevor der Verfall es ereilte. Die Rinde der Bäume hatte sich gräulich verfärbt, sodass es wirkte, als sei jegliches Leben aus ihnen gewichen. Es war kein ungewöhnlicher Anblick und so war es nichts, was die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich regte. Etwas anderes jedoch tat dies hingegen. Aus der Ferne hatte es ein Haufen von Stoff gewirkt. Als er näher kam, wurde es offensichtlich, dass es sich um die Leiche einer Frau handelte. Alistair ging auf die Knie und sah sich die Wunden des Opfers an. Es waren zahlreiche. Doch es waren Schnitte und Einschläge. Es war offensichtlich das Werk einer Waffe. Ein Verlorener hätte die Frau mit seinen Zähnen oder Klauen angegriffen. Doch dafür waren die Wunden zu sauber zugefügt. Es lies sich nur erahnen, welches Leid sie erdulden musste, bis ihr Ende das Opfer ereilte. Der Schwarzhaarige prüfte die Taschen der Leiche, um seine Vermutung zu überprüfen. “Elendes Pack von Banditen.” fluchte er. Viele Unschuldige fanden ihr Ende durch die Hand solcher Männer. Ein schändliches Verbrechen, für das es keine Entschuldigung gab. Morde wie diese waren es, die aus Menschen Bestien machten. Gründe jemanden zu töten, gab es viele. Doch nicht alle davon waren gleichzeitig auch von böswilliger Natur. Die Taten einer Person zeigten letztlich, wer sie in ihrem Inneren war. Hier gab es nichts, was getan werden konnte. So erhob sich der Mann und zog weiter seines Weges.

      Nach Ankunft in der nächsten Stadt betrat Alistair die Taverne. Oftmals fand sich dort allerhand Gesindel. Doch eben diese waren es, welche den Wirten Informationen brachten. Einen Platz auf einem Hocker an der Theke gefunden, folgte ein Handzeichen. Der Wirt ein muskulöser Mann mit wilden unordentlichen Haar, schob einen Krug Met zu dem Schwarzhaarigen. Zuerst nahm er einen Schluck und beugte sich leicht vor. “Ihr wisst sicher viel aus der Gegend. Wo würdet ihr suchen, wenn ihr Auserwählte finden wolltet?” fragte der Ritter. Ein kehliges Lachen erklang, ehe der Wirt erwiderte “Muss mir entfallen sein. Eine Reaktion wie diese, war zu erwarten. Er legte einige Münzen und schob sie zu dem Mann herüber. “Vielleicht hilft dies beim Erinnern.” sprach Alistair. Eine buschige Augenbraue des Älteren hob sich an. Gleichsam trat der Anflug eines Lächelns in sein Gesicht. Ein einzelnes Wort entrang seinen Lippen “Vareth” Ohne weitere Worte leerte der Schwarzhaarige den Krug in mehreren Zügen. Dann schließlich verlies er die Taverne, um Proviant aufzustocken und dann seine Reise zu dem neuen Ziel zu beginnen.

      Bereits nach kurzer Zeit entlang des Weges kamen zwei Verlorene in das Sichtfeld des Ritters. Weiter dem direkten Pfad zu folgen, blieb keine Option, da eine Konfrontation so unausweichlich war. Somit fiel seine Wahl stattdessen auf ein Dickicht. Die Büsche und jungen Bäume boten ausreichend Schutz, um nicht entdeckt zu werden. Zwar verlangsamte es das Vorankommen, doch schien dies besser als einen Kampf zu wagen, der vermeidbar war. Es war keine Angst, die seine Entscheidung beeinflusst hatte, sondern Erfahrung. Verlorene auch wenn ihr Verfall noch frisch war, stellten ernstzunehmende Gegner dar. Ein unaufmerksamer Moment oder eine Fehleinschätzung reichten aus um das eigene Schicksal zu besiegeln. Einige Zeit schritt der Mann weiter, bis Stimmen seine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aus dem Schutz der Bäume herausgetreten war die Situation offensichtlich. Zwei Banditen die eine einzelne Frau angriffen. Der Ritter hatte bereits vieles gesehen, doch blieb es ihm immer ein Rätsel, wie man so tief sinken konnte. Sein Rucksack landete auf dem Boden und schnellen Schrittes ging er auf die Banditen zu. Die Frau war auf ihren Knien und die Axt eines Mannes war gefährlich nah an ihrem Körper. Die Situation erforderte sofortiges Handeln. Das fahle Licht der Sonne traf auf die Klinge des Bastardschwerts, welches gezogen wurde. Mit beidhändiger Führung lies Alistair die Klinge hinabfahren auf den Arm des Banditen, mit der die Axt gehalten wurde. Ein schmerzerfüllter Schrei entfuhr dem Banditen. Er taumelte zurück. Das Blut lief aus der klaffenden Wunde. “Ihr habt eine Chance zu fliehen oder bleibt und sterbt.” sagte der Schwarzhaarige in einem festen und drohenden Tonfall. Die Wut des verletzten Banditen erfüllte dessen Augen, doch ebenso Angst. Der andere Bandit regte sich zuerst und machte Anstalten zu gehen. Sein Kamerad schien es ihm gleich zu tun. Alistair richtete seinen Blick auf die Frau und fragte “Seid ihr Verwundet?” Schnelle Schritte hinter ihm erklangen. Instinktiv fuhr der Mann herum und schwang sein Schwert in einem seitlichen Hieb. Die Kehle eines der Banditen war von der Klinge aufgeschlitzt. Mit der Hand an seinem Hals brach er zusammen. Die Augen des Schwarzhaarigen fixierten den anderen Banditen. Dieser war dem Hieb mit nur einem leichten Schnitt entgangen. Die Wut in seinem Blick wich der Angst vor dem drohenden Tod. Ein Stolpern rückwärts lies ihn zu Boden fallen. Flehen um Gnade als letzte Hoffnung, doch war es für diese zu spät. Ohne zu zögern schritt Alistair auf den Banditen zu und rammte ihm seine Waffe in die Brust. Das Lebenslicht in den Seelenspiegeln des Mannes erlosch. Das Bastardschwert wurde zu seinem vertrauten Platz am Gürtel geführt. Als er sich nun wieder der Frau zuwandte, schritt der Mann zu ihr. Er bot seine Hand an, um ihr beim Aufstehen zu helfen. “Es ist gefährlich, alleine zu reisen, vor allem für eine Frau. Diesmal hattet ihr Glück.” sprach er. Dann seufzte Alistair und sagte in etwas weniger hartem Tonfall “Ich werde euch bis zur nächsten Stadt begleiten. Dort solltet ihr sicherer sein als hier in der Wildnis.”
      Love is something entirely without any logic but an important part of human nature. The wish that the one you care for is happy. Something someone willingly take sacrifices for to ensure it even if it results in their own pain.
    • Die Situation war alles andere als gut. Arya kniete im Staub, die Hände erhoben und spürte, wie ihr Herz unangenehm hart gegen die Rippen schlug. Sie hoffte, dass den Männern die zwei Hasen reichen würden. Denn es war nicht das erste Mal, dass sie so wehrlos vor jemandem stand. Damals war es nur ein einzelner Mann gewesen, dafür gieriger, und ihm hatte ein Hase nicht gereicht. Er hatte sie gewollt. Es war passiert, als sie erst wenige Tage aus dem Orden geflüchtet war, noch erschöpft, überfordert, viel zu jung und ohne Plan. Er war der erste gewesen, den sie töten musste. Wochenlang hatte sie nachts wachgelegen und das Bild seines Gesichts vor Augen, den Moment, in dem er aufgehört hatte zu atmen. Sie hatte gelernt, damit zu leben, aber vergessen hatte sie es nie.
      Der Mann drehte die Hasen prüfend in seiner Hand, der andere stand dicht vor ihr, die Axt noch immer bedrohlich nah an ihrem Körper, und musterte sie mit einem Blick, der ihre Haut kribbeln ließ.
      "Vielleicht hat sie noch mehr", hörte sie den mit ihrer Beute murmeln, und Arya sah, wie seine Finger sich um den Griff seines Messers schlossen.
      Der Axtträger schnaubte. "Wer allein unterwegs ist, hat immer was dabei."
      Arya schluckte. Ihre Knie schmerzten, ihr Arm pochte, und die Müdigkeit der letzten Tage hing schwer in ihren Gliedern. Aber sie konnte sich jetzt keinen Fehler erlauben, sie musste sich irgendwie Zeit verschaffen, damit sie flüchten konnte.
      Der Mann vor ihr beugte sich ein Stück herunter, sein Atem roch nach altem Bier und etwas Säuerlichem. "Na los", sagte er leise, "zeig uns, was du versteckst.".
      Arya hob den Blick und ihre Hände zitterten leicht. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte, beide im offenen Kampf zu besiegen. Aber sie wusste auch, dass Männer wenn sie glaubten schon gewonnen zu haben, unvorsichtig wurden. Und genau darauf musste sie warten.
      Der Axtträger trat näher. "Mach die Tasche auf.".

      Dann war plötzlich ein Rascheln aus Richtung des Waldes zu hören und wurde lauter, als würde etwas näher kommen. Ein flüchtiger Blick in Richtung des Raschelns verriet ihr, was da auf sie zukam, als eine große Gestalt aus dem Schatten der Bäume trat. Ein weiterer Mann bewegte sich zielstrebig in ihre Richtung. Zu schnell, als dass Arya hätte reagieren können. Seine Tasche fiel zu Boden, das Schwert glitt in einer einzigen, fließenden Bewegung aus der Scheide. Wenn er zu den Beiden gehörte, dann war das jetzt wohl ihr Ende.
      Ohne irgendwelche Anstalten holte er aus und der Schlag traf den Axtträger, bevor dieser überhaupt verstand, was geschah. Blut spritzte, der Mann schrie und taumelte zurück. Arya zuckte zusammen, ihr Herz raste, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Alles ging zu schnell. Mit großen Augen starrte sie auf den abgetrennten Arm, der mit einem dumpfen Ton direkt neben der Axt im Dreck gelandet war, die der Bandit noch vor wenigen Sekunden in der Hand gehalten hatte. Als der Schwarzhaarige sprach, fuhr Arya zusammen, als hätte jemand sie aus einem Traum gerissen. Seine Worte schnitten durch die Luft wie die Klinge, die er gerade geführt hatte. Erst jetzt merkte Arya, dass sie den Atem angehalten hatte. Ihr Herz raste, und ihre Hände zitterten noch immer leicht, obwohl sie sie noch immer erhoben hielt. Sie starrte auf den abgetrennten Arm im Dreck, dann auf den Mann, der ihn verursacht hatte. Alles in ihr schrie nach Bewegung, weglaufen, kämpfen, irgendetwas, doch ihre Beine fühlten sich an, als gehörten sie nicht zu ihr. Als er sich zu ihr umdrehte und fragte: 'Seid ihr verwundet?', zuckte sie kaum merklich und unwillkürlich zurück. Völlig überfordert starrte sie ihn nur an, ohne ein Wort über ihre Lippen zu bringen.
      Dann sah sie aus dem Augenwinkel, wie einer der Banditen hinter dem Schwarzhaarigen auf ihn zustürzte. Sie wollte ihn warnen, doch der Laut blieb ihr im Hals stecken. Er hatte sich bereits herumgeworfen, sein Schwert in einem weiten, fließenden Hieb geführt. Die Klinge traf den Banditen an der Kehle, und Arya sah, wie der Mann mit aufgerissenen Augen zu Boden sank, die Hände vergeblich gegen das ausströmende Blut gepresst. Seine Worte verwandelten sich in ein grässliches Gurgeln, bis nichts mehr von ihm zu hören war.
      Ihr Magen krampfte sich zusammen. Nicht aus Ekel, dafür hatte sie zu viel gesehen, sondern aus der schieren Geschwindigkeit, mit der alles geschah. Sie war noch immer auf den Knien, unfähig, sich zu rühren, während der letzte Bandit zurückwich, stolperte und fiel. Sein Flehen war kaum mehr als ein heiseres Wimmern. Der Fremde reagierte, bevor Arya überhaupt begriff, dass der andere Mann noch lebte. Der Fremde ging auf den wimmernden Mann zu und stieß, ohne zu zögern, sein Schwert in seine Brust.
      Erst jetzt ließ sie ihre Hände langsam sinken. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, was gerade geschehen war und dass dieser Mann ihr soeben das Leben gerettet hatte. Ihr Blick blieb an dem Mann hängen, der gerade zwei Leben beendet hatte, als wäre es nichts weiter als eine Notwendigkeit. Arya beobachtete, wie der Schwarzhaarige sein Schwert wegsteckte und sich zu ihr umdrehte. Als er auf sie zuschritt und die Hand ausstreckte, spannte sich ihr Körper unwillkürlich an. Sie wich nicht zurück, aber sie rührte sich auch nicht. Hatte er sie gerettet, weil er zu den wenigen gehörte, die noch halfen oder wollte er nur selbst von dem profitieren, was sie bei sich trug?

      Statt seine Hand anzunehmen, setzte sie die Füße fester in den Boden und drückte sich selbst hoch. Ihre Beine fühlten sich noch etwas wacklig an, doch sie zwang sie zur Ruhe. Mit schnellen, knappen Bewegungen klopfte sie den Staub von ihrer Hose, als wolle sie die letzten Minuten einfach abschütteln.
      Erst dann hob sie den Blick zu ihm. "Danke", sagte sie leise. Auch wenn er ihr vermutlich gerade das Leben gerettet und sie in diesem Moment wehrlos gewirkt hatte, lag eine spürbare Distanz in ihrer Stimme, eine Grenze, die sie bewusst zog und nicht bereit war zu überschreiten.
      Seine Bemerkung über allein reisende Frauen ließ sie kurz die Lippen zusammenpressen, doch sie antwortete nicht darauf. Stattdessen wandte sie sich ab und ging zu dem Banditen, der am nächsten lag. Neben seinem Körper lagen die beiden Hasen, die er ihr abgenommen hatte. Arya kniete sich hin, hob sie auf und prüfte sie kurz.
      Mit den Hasen in der Hand richtete sie sich wieder auf und drehte sich halb zu ihm zurück.
      "Ich komme zurecht", sagte sie ruhig. "'Aber... bis zur Stadt ist in Ordnung.". Sie zog das Seil zurecht, das bereits um die Hasen geschlungen war, und befestigte es mit schnellen, geübten Bewegungen wieder am Riemen ihrer Tasche. Erst als die Knoten fest saßen, trat sie ein paar Schritte vom Blutgeruch weg. "Lasst uns gehen", sagte sie, ohne ihn direkt anzusehen. "Ich will nicht länger hier bleiben."
      Sie setzte sich in Bewegung, den Abstand zwischen ihnen bewusst gewahrt, wer wusste schon was er wirklich wollte.

      Arya setzte ihren eigentlichen Weg fort, ohne ein weiteres Wort zu verlieren oder auf eine Antwort zu warten. Der Kieselsteinweg knirschte unter ihren Stiefeln, ein gleichmäßiger Rhythmus, der sie mehr beruhigte als die Stille. Der Wald öffnete sich hier ein wenig, ließ mehr Licht durch die Baumkronen fallen. Nach einigen Schritten verlangsamte sie unmerklich das Tempo. Nicht genug, um es auffällig wirken zu lassen, nur so weit, dass er auf ihrer Höhe aufschließen konnte, mit einem Abstand, der groß genug blieb, um sich nicht bedrängt zu fühlen. Sie wollte ihn sehen können und nicht im Rücken haben. Als er schließlich neben ihr ging, ein paar Schritte Abstand zwischen ihnen, ertönte ihre helle Stimme, "Ihr wart... schnell.". Ihr Blick blieb auf den Weg gerichtet, doch aus dem Augenwinkel beobachtete sie jede seiner Bewegungen. "Die meisten hätten gezögert.".
    • Eine Situation wie diese, welche ein abruptes Handeln verlangte, war bedauerlicherweise keine Seltenheit. Zu viele Menschen wählten ein Leben als Bandit. Gesetzlose welche durch Gewalt sich an jenen Dingen bereicherten, die anderen gehörten oder aber auch den Opfern Leid antaten, was noch verachtenswerter war als der Raub selbst. Dabei war es immer das gleiche. Mit zahlenmäßiger Überlegenheit und Waffen wurden einzelne Reisende oder kleine Gruppen gewählt. Die bevorzugten Ziele dabei waren Frauen, Ältere und Kinder. Die Schwäche anderer auszunutzen war niederträchtig, womit es in den Augen des Ritters gerechtfertigt war, wenn Menschen die sich für einen solchen Lebensweg entschieden, beim Eingreifen starben. Immerhin schützte es Menschen, die dazu selbst zumeist nicht in der Lage waren. Daher war sein Handeln beim Anblick der zwei Männer, wie sie die Frau überfielen, ein Grund um erst zu agieren und dann Fragen zu stellen. Sofern das Stellen solcher überhaupt notwendig wäre.

      Die zwei Männer hörten nicht einmal Alistairs Schritte. Unachtsamkeit für die Umgebung war oftmals einer der größten Fehler. Man wurde sich dadurch Feinden oder Gefahren erst bewusst, wenn es möglicherweise schon zu spät war. So war es auch in diesem Moment für die Banditen. Der erste Schlag auf den Arm des Anderen entschied im Grunde bereits den Ausgang des Kampfes. Leute wie diese waren es gewohnt, mit Brutalität und Drohung ihre Ziele zu erreichen. In einem Gefecht waren sie damit meist nichts anderes als Wilde. Es machte ihre Bewegungen und Angriffe offensichtlicher, unkontrollierter und ließ Schwächen in der Defensive. Unter normalen Umständen hätte der Bandit bereits eine verschwindend geringe Chance gehabt, doch ohne seinen Schwertarm war es vollkommen aussichtslos gegen jemanden, für den der Kampf eine Gewohnheit war.
      Das Starren der Frau war angesichts seines plötzlichen Einschreitens nachvollziehbar. Es war fraglich, wie viele Kämpfe sie überhaupt gesehen hatte in ihrem Leben. Daher war es kein Wunder, dass sie Alistair selbst wahrscheinlich als Bedrohung sah.
      Während er ihr Zeit geben wollte, um Worte zu finden, erklang das leise Geräusch von Schritten. Schnell und in seine Richtung. Somit war die Quelle dieser klar. Eine Reaktion darauf bedarf keiner Gedanken, sondern reiner Instinkte. Instinkte welche durch Jahre des Kampfes auf das Überleben geschärft waren. Der Schwarzhaarige empfand weder Mitleid noch Reue dafür, das Leben dieser Banditen zu beenden. Auch brauchte es keine Überwindung, seine Kling in die Brust des zweiten Mannes zu stoßen. Beide hatten die Chance gehabt, sich für den Weg der Vernunft zu entscheiden und zu fliehen. Stattdessen wählten sie den Versuch anzugreifen. Die zwei Männer waren nichts anderes als Bestien, getrieben von Gier und ohne Mitgefühl. Ihr Leben zu beenden war eine Tat, welche das Leben der Menschen schützen sollte, welche zukünftige Opfer hätten werden können, so wie es die Frau am Boden geworden wäre ohne sein Eingreifen.

      Die Reaktion der Blonden sich allein aufzurichten zeugte von einer Selbstständigkeit, aber ebenso von Vorsicht. Es gab keinen Grund, dies persönlich zu nehmen. Erfahrungen prägten jeden, den sie machten und wer konnte schon wissen, was sie in ihrem Leben durchgemacht hatte. Während die Frau zu einem der Banditen ging, um ihre Hasen zu holen, ging Alistair zu dem anderen und prüfte nach Münzen oder anderen brauchbaren Dingen. Es hatte keinen Sinn, solche Dinge zurückzulassen. Wenn würde nur der nächste es an sich nehmen. Ein Beutel mit wenigen Münzen und ein Messer nahm er an sich und richtete sich auf, um seinen Rucksack zu holen. Anschließend kehrte der Ritter zu ihr zurück. “Ich bezweifle nicht, dass ihr zurechtkommt. Doch ist es sicherer für euch, wenn ich euch begleite. Ich erwarte dafür keine Gegenleistung.” gab er knapp zurück. Ihre Einwilligung machte es einfacher. Gezwungen hätte Alistair sie ohnehin nicht. Mit einem Nicken bewegte er sich mit ihr, wahrte aber den Abstand, den sie zwischen ihnen aufbaute.

      Die ersten Minuten herrschten Schweigen. Nichts was ihm unangenehm war. Die Wachsamkeit der Blonden entging ihm nicht, aber der Schwarzhaarige sah dies als positiv. Es zeigte das sie aufmerksam blieb und nicht blind vertraute. Der Wald selbst war ein zweischneidiges Schwert. Er bot sowohl mehr Schutz, jedoch war es möglichen Feinden leichter sich zu verbergen. “Es gab keinen Grund für zögern. Ihr wart in direkter Gefahr und Zurückhaltung hätte dazu führen können, dass euch einer der Männer verletzt hätte.” sagte der Ritter. Dann sah er ein wenig in ihre Richtung. “Banditen wählen ihren Lebensweg. Sie rauben, vergewaltigen und morden ohne Reue. Sie sind nicht besser als Bestien die nur ihrer Gier und Trieben folgen. Also gibt es in meinen Augen keinen Grund zu zögern. Der Tod der beiden schützt euch und auch andere, die zukünftig Opfer hätten werden können. Ich habe schon zu viele gesehen, die von solchen zu Opfern solcher Männer wurden. Also habe ich kein Mitleid für jemanden, der diesem Weg folgt. Außerdem hatte ich den beiden die Wahl gelassen zu fliehen.” fuhr Alistair fort. Leises Rascheln erklang, doch ein Blick zeigte, dass es nur eine Maus war, die durch das einen Busch huschte. “Ihr könnt euch entspannen. Hätte ich euch ausrauben oder etwas anderes antun wollen, hätte ich das bereits getan. Mit dem Dolch und vielleicht ein paar versteckten Messern, hättet ihr keine Chance euch überhaupt zu wehren. Wenn ihr öfter reist, solltet ihr euch vielleicht eine Waffe mit größerer Reichweite zulegen. Mehr Abstand zum Gegner bietet mehr Kontrolle und ist sicherer. Ein Schwert oder Rapier ist für Frauen von eurer Statur meist die beste Wahl.” sagte er. Nachdem die Worte gesprochen waren, löste Alistair den Gurt, welcher sein Kurzschwert an seinem Rücken befestigte und hielt es der Blonden hin. Dann sprach er “Nehmt es bis wir an der Stadt angekommen sind. Ich kann euch vor den meisten Gefahren beschützen aber wenn mehrere Feinde oder Verlorene unseren Weg kreuzen, müsst ihr euch verteidigen können. Habt ihr gelernt, mit Schwertern umzugehen?”
      Love is something entirely without any logic but an important part of human nature. The wish that the one you care for is happy. Something someone willingly take sacrifices for to ensure it even if it results in their own pain.
    • Neu

      Arya hörte seine Stimme hinter sich, doch sie verlangsamte die Schritte nicht. Sie hatte nicht auf eine Antwort gewartet und sie brauchte auch keine.
      Keine Gegenleistung? Sie glaubte nicht daran. Niemand tat etwas ohne Grund. Vielleicht wollte er die Hasen, vielleicht ein paar Münzen, vielleicht etwas, das sie ihm niemals geben würde. Überlebende hatten immer Gründe und selten waren es einfache. Ihr Blick blieb nach vorn gerichtet, aber ihre Augen wanderten unauffällig immer wieder kurz zur Seite und beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Ihre Schultern wirkten entspannt, doch ihre Finger lagen leicht angespannt am Riemen ihrer Tasche, bereit nach ihrem Dolch zu greifen, sollte er sich anders bewegen, als er sollte.
      Ein leises, kaum sichtbares Stirnrunzeln erschien auf ihrem Gesicht, als ein Gedanke sie traf. Hatte er sie beobachtet? Er war einfach aus dem Wald getreten, zielstrebig, als hätte er genau gewusst, wo sie war. Vielleicht hatte er gesehen, wie die Männer sie vorher schon bedrängt hatten. Vielleicht hatte er die Situation eingeschätzt. Vielleicht war es Zufall gewesen. Oder... vielleicht hätte sie genauso gut die Diebin sein können, und er hätte trotzdem zugeschlagen, ohne zu wissen weshalb sie bedroht wurde. Der Gedanke ließ sie innerlich den Kopf schütteln, während ihre Miene nach außen hin ruhig blieb.
      Nun. Was auch immer es war, er hatte sie gerettet. Und das war eine Tatsache, die sie nicht wegdenken konnte.
      Ein leiser Atemzug entwich ihr, kaum hörbar, aber er löste die Spannung in ihrem Brustkorb ein wenig. Der Tod dieser Männer... früher hätte sie darüber nachgedacht. Heute nicht mehr. Die Welt war nicht freundlich genug für solche Grübeleien.

      Erst ihre zarte Stimme durchbrach die Stille zwischen ihnen. Auch wenn sie zuvor ganz andere Gedanken gehabt hatte, er hätte ihr nicht helfen müssen. Viele andere wären einfach weitergegangen, weil es nicht ihre Angelegenheit war. Oder sie hätten sie sterben lassen und die beiden Männer trotzdem getötet, nur um an das Fleisch zu kommen, das sie bei sich trug, an Wasser, Münzen, Waffen. Vielleicht auch in der Hoffnung auf Medizin oder anderes nützliches. Mittlerweile konnte man alles gebrauchen, was man finden konnte, und man durfte sich glücklich schätzen, wenn man unbeschadet an sein Ziel kam. Man überlebte einfach. Irgendwie. Aber mit der Antwort, die sie erhielt, hatte Arya nicht gerechnet. Ihr Kopf drehte sich ein Stück zu ihm, gerade so weit, dass sie sein Profil besser erkennen konnte. Zugegeben, sie konnte seine Sichtweise nachvollziehen. Aber wie viel davon sie ihm glauben konnte, konnte sie noch nicht einschätzen. Arya war schon vielen Menschen und anderen Wesen begegnet, und die wenigsten hatten sich um das Leben anderer geschert. Deshalb vertraute sie diesem Kerl nicht einfach blind.
      Als könnte er ihre Gedanken lesen, sprach er plötzlich davon, dass sie sich entspannen könne, dass er sie nicht ausrauben wolle, denn sonst hätte er das längst getan, ohne dass sie überhaupt die Chance gehabt hätte, sich zu wehren.
      Ein leises, unwillkürliches Schnauben entfuhr ihr. Ihr Blick schnellte sofort wieder nach vorn, ein wenig eingeschnappt, als hätte er gerade einen Nerv getroffen. Natürlich wusste sie, dass er recht hatte. Sie war nicht groß, nicht kräftig, und gegen einen Mann wie ihn hätte sie im direkten Kampf kaum eine Chance. Ihre Stärke lag in ihrer Schnelligkeit, nicht in roher Gewalt. Aber dass er sie so offen als schwach einschätzte, kratzte an ihrem Stolz und das mehr, als sie zugeben wollte. Arya versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch ihre Schultern spannten sich leicht an, und ihr Kiefer arbeitete einen Moment, bevor sie ihn wieder löste. Dann bemerkte sie eine Bewegung aus seiner Richtung. Etwas mit seiner Hand.
      Aryas Stirn legte sich sofort in feine Falten, und sie linste misstrauisch wieder zu ihm hinüber, ohne den Kopf ganz zu drehen. Als er den Gurt eines seiner Schwerter löste und danach griff, stockte ihr Schritt für den Bruchteil einer Sekunde. Ihre Schultern zogen sich unwillkürlich zusammen, und ihr Blick heftete sich an das Kurzschwert, das er ihr plötzlich entgegenhielt. Er... was?
      Langsam löste sie ihren Blick von der Klinge und sah ungläubig zu ihm hinauf, als hätte er ihr gerade etwas völlig Absurdes angeboten. Nur weil sie ihm gestattet hatte, ihr zu folgen, hieß das noch lange nicht, dass sie sich beleidigen lassen musste. Was glaubte er eigentlich, wie lange sie schon allein unterwegs war? Wie oft sie sich aus misslichen Lagen hatte retten müssen, gegen Menschen, gegen Verlorene, gegen alles, was die Welt ihr entgegenwarf? "Ich brauche keine Waffe von euch", sagte sie schließlich, und ihr Blick glitt wieder nach vorn, als wäre das Thema für sie erledigt. Ihre Stimme war ruhig, mit einem Hauch von verletztem Stolz, den sie nicht ganz verbergen konnte. "Ich habe gelernt, mich zu verteidigen. Wie hätte ich es sonst all die Jahre bis hierhin geschafft.". Ihre Schritte wurden wieder gleichmäßig.

      "Wenn wir uns beeilen, dann schaffen wir es noch vor Einbruch der Dunkelheit in die nächste Stadt". sagte sie schließlich und machte damit deutlich, dass sie das vorherige Thema damit abhaken wollte.
      Sie freute sich schon auf ein Bett, auch wenn es vermutlich nicht das gemütlichste war. Jedes harte, schiefe Gasthausbett war besser als der kalte Stein, den sie in den letzten Nächten als Matratze und Kopfkissen hatte herhalten müssen oder die feuchte Erde, die sich in ihre Kleidung fraß und sie morgens mit steifen Gliedern aufwachen ließ. Der Gedanke an ein Dach über dem Kopf, an eine Tür, die man hinter sich schließen konnte, ließ ihre Schritte unwillkürlich schneller werden. Arya schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, während der Weg unter ihren Stiefeln gleichmäßig knirschte und je weiter sie gingen, desto deutlicher spürte sie, wie der Wald hinter ihnen zurückwich. Die Bäume standen nun weit auseinander und die Landschaft öffnete sich zu beiden Seiten immer weiter. 'Es wird Zeit, dass ich aus diesen verfluchten Schatten rauskomme', dachte sie sich, 'Ich hab genug von knorrigen Wurzeln und Ästen, die einem ins Gesicht schlagen'.
      Zu ihrer Linken erstreckten sich Felder, die im Wind wogten, goldene Halme, die sich wie ein Meer bewegten. Zu ihrer Rechten verblasste der Wald zu einem lockeren Streifen aus vereinzelten Bäumen, die kaum noch Schatten warfen. Der Himmel über ihnen färbte sich langsam in warmes Orange, ein Zeichen dafür, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten, bevor die Dunkelheit hereinbrach. Der offene Weg gab ihr ein Gefühl von Freiheit, aber auch von Verletzlichkeit. Hier konnte man weit sehen, aber man wurde auch weit gesehen.
      Aber die Aussicht auf ein Bett, auf etwas Wärme, auf ein paar Stunden Schlaf ohne ständig aufzuschrecken, erhellte etwas ihre Stimmung. Sie freute sich auch schon auf eine richtige Mahlzeit. Die zwei Hasen, die sie erlegt hatte, waren ein kleiner Triumph gewesen, und allein der Gedanke daran, ihr Fleisch später über einer Feuerstelle brutzeln zu sehen, ließ ihren Magen wohlig knurren. Warmes, frisches Fleisch, etwas, das sie sich selbst erjagt hatte, ein seltener Luxus nach Tagen voller zäher Rationen. Es würde den Tag zumindest mit einem Funken Zufriedenheit enden lassen.

      "Was ist eigentlich euer Ziel? Was führt euch in die Stadt?" fragte sie irgendwann, ohne den Kopf zu drehen. Ihre Stimme klang ruhig und stellte die Frage so nebenbei, als würde sie einfach etwas klären, das man halt fragt, wenn man eine Weile denselben Weg läuft. "Reist ihr nur von Ort zu Ort oder habt ihr vor, irgendwo zu bleiben?" Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu, "Ich frag nicht, um euch auf die Pelle zu rücken", sagte sie mit einem leichten Zucken der Schulter "Ich will nur wissen, ob wir denselben Weg gehen oder ob ihr nach dem Tor wieder verschwindet.".