
☽ Dream alive ☾
"Euch später einen schönen Feierabend!", flötete Clover fröhlich ihren Kollegen zu, während sie ihre kurze Schürze abnahm und diese auf dem Weg zum Hinterausgang des Cafés an dafür vorgesehene Kleiderhaken aufhing. Es war bereits 21:30 Uhr und sie hatte mit dem Chef abgesprochen eine halbe Stunde vor Schließung gehen zu dürfen, da sie am nächsten Morgen früher zur Universität los musste wie sonst. Trotz der heutigen Vorlesungen und der anstrengenden Schicht im Café, in dem sie wie viele andere Studenten einen Nebenjob ausübte, schritt der Rotschopf voller Energie auf die metallene Ausgangstür im Mitarbeiterbereich des Gebäudes zu. Schwungvoll zog sie diese auf und schritt in die sich bereits anbahnende Dunkelheit.
Erleichtert atmete die junge Frau aus als die kühle Nachtluft ihr die vereinzelten Haarsträhnen aus dem Gesicht wehte. Wie immer hatte sie die rotorangen Wellen in zwei Space Buns hochgesteckt, das war schon fast wie ein Markenzeichen für Clover. Das und ihr Tattoo von einem vierblättrigen Kleeblatt, das auf ihren Spitznamen anspielte. Sie fuhr sich unbewusst über die grüne Tinte an ihrem linken Handgelenk, bevor sie ihre kabellosen In-Ear Kopfhörer aus der dunklen Schultertasche zog. Mit etwas punkiger Musik kam ihr der Fußweg nach Hause nur halb so lang vor. Zu ihrem Glück war ihr Zuhause nah genug, um ohne Transportmittel zur Arbeit zu kommen. Vor allem fand sie den Heimweg einfach generell entspannend und beruhigend. Clover war offensichtlich eher ein Typ Mensch, der zu viel Energie für ihren zierlichen Körper hatte, als zu wenig. Dementsprechend nutzte sie jede Gelegenheit um sich, zum Beispiel durch einen Spaziergang, etwas zu erden. Speziell wenn dieser Spaziergang am Rand ihrer Kleinstadt entlang führte und sowohl einzelne, verlassene Seitengassen, sowie ein Ausblick über weitläufige Wiesen und Landwege, bot. Im Rhythmus der Musik, die ihr in die Ohren trällerte, machte sie sich auf besagten Heimweg. Am Anfang hatte sie sich hier ohne Navigation des Öfteren verlaufen - mittlerweile wusste sie aber durch welche Gassen und Wege sie eine Abkürzung nehmen konnte, um schneller Zuhause anzukommen.
Im Kopf sang sie jeden einzelnen Song mit und wippte dabei im Takt, während ihre braunen Augen immer wieder von dem gepflasterten Gehweg zum Nachthimmel aufsahen. Da die Wege hier am Stadtrand nur spärlich ausgeleuchtet waren, konnte man jedes neu auftauchende Leuchten in der Dämmerung erkennen. Das mochte Clover am aller meisten an ihren Spätschichten im Café. Mit jeder verstreichenden Minute verfärbte sich der Himmel stetig mehr von rosa zu blau bis hin zu einer tiefen Finsternis und mit dieser kamen all die glitzernden Sterne zum Vorschein. Ihr Blick fand wieder zu dem Weg vor ihr zurück, als sie die nächste Abkürzung durch eine unbeleuchtete Seitenstraße nahm. Normalerweise war der rote Haarschopf niemand, der sonderlich paranoid durch die Welt ging, doch seit sie losgegangen war aus dem Café verfolgte sie das Gefühl beobachtet zu werden. Sie fasste sich an ihren Kopfhörer und stellte die Musik leiser, ohne aber ihr Tempo zu reduzieren. Vielleicht - Nein, sogar wahrscheinlich bildete sie sich diese Empfindung nur ein. Sie versuchte den Gedanken abzuschütteln, genauso wie sie unbewusst versuchte ihren eventuellen Verfolger loszuwerden, indem sie wieder auf einen besser ausgeleuchteten Pfad wechseln wollte. Clover wusste, sie musste nur noch zwei Mal abbiegen, dann würde diese Paranoia bestimmt wieder nachlassen. Dennoch blickte sie einmal mehr hinter sich, wobei sie niemanden sehen konnte. Die junge Frau versuchte die aufkommende Panik abzuschütteln und atmete tief durch. Genau in dem Moment, in dem sie dachte, sie würde sich langsam beruhigen können, trat ihr eine männliche Gestalt in den Weg und schnitt ihr die Möglichkeit ab, auf die eigentliche Hauptstraße zurück zu kommen.
Schwarze, chaotische Locken wurden von einer Straßenlaterne von hinten beleuchtet. Das gedimmte Licht kam von der Straße, die direkt an die Seitengasse angrenzte, in welcher sich Clover nun konfrontiert sah. Ungläubig musterte sie den ein Kopf größeren, jungen Mann. In dem oversized Hoodie sah er breiter aus, als er eigentlich war. Das wusste sie, denn bei ihrem Gegenüber handelte es sich um ihren Ex. Genervt atmete sie aus und zog beide Kopfhörer aus dem Ohr, während sie versuchte an ihm vorbeizukommen. "Lass mich durch", beschwerte sich der zierliche Rotschopf und sah ihn aus schmalen Augen an. "Erst reden wir", knurrte die tiefe Stimme ihres Ex und blockte jeden Versuch von Clover ab, ihm auszuweichen und zurück auf die Straße zu kommen. Wie eine aufgebrachte Streunerkatze fauchte sie ihn an: "Nik es gibt nichts mehr zu reden, es ist aus." Mit ihrer schmächtigen Statur konnte sie bei ihm nichts aussetzen und das wusste sie auch. Dementsprechend zog sie stattdessen ihr Handy aus ihrer Jeanshose und hielt es demonstrativ in die Luft. "Lass mich in Ruhe, sonst ruf ich die Polizei", drohte sie ihm - doch im nächsten Moment landete das Smartphone mit der durchsichtigen Hülle gefüllt mit getrockneten Kleeblättern mit einem dumpfen Ton auf dem gepflasterten Stein am Boden.
Nik hatte sie wütend in die Richtung der kalten Gebäudewand hinter ihr gestoßen. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht blickte sie mit geweiteten Augen zu ihm auf. Sie spürte die alte Backsteinwand direkt hinter sich und berührte diese bereits mit ihren Schulterblättern. "Wer sagt, dass du bestimmst ob es aus ist?", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und drängte sich der Rothaarigen weiter auf. Abwehrend nahm sie die Hände hoch, versuchte den ein Kopf größeren Mann wegzustoßen. Natürlich war dies vergebens, denn ihr Gegenüber packte sie einfach an den schmalen Handgelenken und drückte sie gewaltvoll gegen die Wand. Panisch und unbeholfen versucht sie sich aus dem schmerzhaften Griff zu befreien, während sie giftig eine Beleidigung nach der anderen ausspie. Mit all ihrer Kraft wollte sie ihn von sich stoßen, doch bewegte sich der schwarze Lockenkopf keinen Millimeter. Viel mehr sah er amüsiert zu, wie sich Angst und Furcht in Clovers Gesicht zeichnete.
☀︎ Live by the sun
Love by the moon ☽︎