Ein schwarzer Haarschopf bahnte sich seinen Weg durch die Menschenmenge auf dem gepflasterten Gehweg. Auch wenn sie sich selbstsicher durch die Anzugträger navigierte und wirkte als würde sie genau in diese Welt gehören - ihre Finger umklammerten zitternd ihre glimmende Zigarette. Chicago war ihre Heimat und doch fühlte sich Maddie nach ihrer Rückkehr fremd. Als sollte sie nicht hier sein. Als gehöre sie nicht mehr hierher. Aber sie hatte es sich selbst versprochen. Jetzt wo sie ihre Zulassung als Anwältin hatte, ist es Zeit ihre Vergangenheit zu konfrontieren. Und damit auch die Person, die für den Tod ihres Vaters verantwortlich ist.
Ihre schmale Figur hielt plötzlich vor einem gläsernen Hochhaus an, weswegen einige sich beschwerende Personen einen spontanen Bogen um sie herum gehen mussten. Die anklagenden Aussagen bekam sie aber nicht mit. Maddies dunkelbraune Augen waren fixiert auf die Doppeltür vor sich, welche sich einladend öffnete. Ihre Hand umklammerte den Griff ihres Aktenkoffers fester und sie zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette, bevor sie diese auf den Boden fallen ließ und mit ihren schwarzen Pumps austrat. Dann betrat sie die Höhle des Löwens.
Die Lobby des Hochhauses sah aus wie bei jedem anderen Unternehmen. Schlicht und elegant, mit einer Theke an der sie freundlich eine Empfangsdame begrüßte. Maddie lief mit erfolgssicheren Schritten auf die Frau zu. Jetzt war es Zeit all ihre Ängste und Sorgen hinter sich zu lassen. Sie hatte sich ewig auf diesen Tag vorbereitet und sie konnte nicht noch eine weitere Nacht wach liegen, sich vorstellend wie sie den Boss der Mafia konfrontieren würde. Natürlich war es kein allgemein bekanntes Wissen, dass sich ausgerechnet hinter diesem Unternehmen die Mafia versteckte, aber mit viel Recherche und Zeugenbefragungen kam Maddie endlich dahinter. Dazu hatte sie noch einige Dokumente ihres Vaters gehabt. Ihr Vater.. Der für den sie das hier überhaupt machte. Er war ursprünglich Bodyguard des Bosses der Mafia und bei dieser Arbeit ist er auch umgekommen. Das ganze wurde nicht mal polizeilich untersucht. Dafür war sie nun hier. Über 15 Jahre später würde sie nun mit der Mafia abrechnen und Gerechtigkeit für ihren Vater bekommen.
"Ihr Name, bitte?", fragte die Empfangsdame, welche Maddie gegenüber stand. "Ah Entschuldigung, Madeline Darrow", antwortete sie schnell, denn nach dem strengen Blick der Sekretärin hatte sie dies nun schon zum zweiten Mal gefragt. "Ich habe einen Termin mit dem Chef um 10:15 Uhr", ergänzte sie direkt und richtete die Ärmel ihres schwarzen Sakkos. "Sie können hiermit direkt mit dem Aufzug in den obersten Stock fahren Frau Darrow", erklärte die Empfangsdame und übergab Maddie eine Plastikkarte mit der Aufschrift "Gast". Die Schwarzhaarige nickte knapp, bevor sie auf den besagten Aufzug zusteuerte. Während sie durch die aufgehenden Türen in den Fahrstuhl trat, biss sie sich kurz unsicher auf die Unterlippe. Sie stand ihrer eigenen, sich im Metall spiegelnden Figur gegenüber. Du schaffst das, du hast garkeine andere Wahl, sprach sie in Gedanken mit sich selbst und hielt dabei die Plastikkarte an ein Terminal im Aufzug. Mit jeder aufsteigenden Stockwerk Nummer stieg die bereits bestehende Aufregung und Nervosität in ihr. Sie spürte wie ihre Handflächen feucht wurden. Sofort steckte sie die Plastikkarte weg, wischte sich dann ihre freie Hand an ihrer schwarzen Anzugshose ab und richtete sich die weiße, in die Hose gesteckte Bluse. Kurz schloss Maddie die Augen und atmete laut aus, dann erklang schon ein leises Ping, was ihr signalisierte, dass sie ganz oben angekommen war. Nur noch wenige Meter trennten sie von ihrer endlich wahr werdenden Gerechtigkeit.
Die metallene Aufzugtür ging zur Seite auf und ließ der Schwarzhaarigen direkt den Eintritt in ein riesiges Büro mit einer vollen Fensterfront. Unbeirrt trat sie in den weitläufigen Raum, doch blieb sie nach wenigen Schritten abrupt stehen. Konnte das sein? Die schwarzen Haare, diese grauen Augen.. Fast schon panisch wanderten ihr Blick über die Person, die an einem Bürotisch ihr gegenüber saß. Es war schon so lange her und doch war sie sich sicher, um wen es sich hier handelte. "Michelle?", kam ihr überrumpelt über die Lippen, während sich ihre Augenbrauen unter dem schwarzen Pony irritiert zusammenzogen. Ihr Kopf legte sich fragend schief und ihre schwarzen, langen Haare fielen ihr über die Schulter nach vorne. Maddie war wie eingefroren, denn das letzte was sie erwartet hatte, war ihren Kindheitsfreund von damals ausgerechnet hier anzutreffen.
☀︎ Live by the sun
Love by the moon ☽︎
