Rent a Boyfriend?! [Nao.nline & Concorde]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Rent a Boyfriend?! [Nao.nline & Concorde]

      Vorstellung

      @Nao.nline

      Der Asphalt glänzte vom letzten Sommerregen, als Nick aus der U-Bahn-Station trat. Die Luft war warm und feucht, durchzogen vom Duft gebratener Nudeln, Parfum und Strom. In den Gassen flackerten Neonlichter – mal grell, mal gedämpft – wie das Atemmuster einer Stadt, die nie ganz schlief. Er zog den Kragen seiner Jacke höher, fuhr sich mit einer beiläufigen Bewegung durchs blonde Haar. Er kannte sich im Tokyoter Ausgehviertel Shimo-Kitazawa gut aus und brauchte schon längst nicht mehr sein handy für die Wege zu seinen Geheimspots. Noch zwei Blöcke und dann links in den unscheinbaren Laden. Die Ramenbar war kein Zufall. Er hatte sie bewusst ausgesucht. Nicht zu laut, nicht zu überlaufen – ein Ort mit gedämpftem Licht, leiser Musik, genug Ecken zum Versinken. Keine Date-Atmosphäre im klassischen Sinn, aber ideal, um das Eis zu brechen. Besonders bei jemandem wie Ryota. Nick erinnerte sich an sein Rent-A-Heart-Profil, auch wenn dieses für seine Kunden klassischerweise nur sehr kurz war: Schwarz-weiß Foto. Zurückhaltendes Lächeln. Schlichtes, aber stilvolles Auftreten. Keine großen Posen. Ehrlicher Eindruck. Sein Instinkt – über Jahre in dieser App-Realität geschärft – hatte ihm gesagt: Introvertiert. Sensibel. Einer, der die Stille nicht fürchtet. Nachdenklich.

      Darum kein Izakaya. Kein Szene-Café. Ramen. Warm. Simpel. Ehrlich. Nick hatte in den letzten Monaten viele Treffen gehabt – mit Frauen, mit Männern, mit all den Nuancen dazwischen. Manche nett. Manche belanglos. Manche überraschend intensiv. Es war Routine geworden. Nicht kalt – aber kontrolliert. Er wusste, wann er welche Fragen stellte, wie er Gespräche aufbaute, wo er lachte, wann er schwieg. Eine Kunstform fast – emotionale Präsenz gegen Bezahlung. Und doch... Manchmal – nur manchmal – blieben ihm einzelne Begegnungen länger im Kopf als gewollt. Nicht, weil sie besonders gewesen wären. Sondern weil sie echt gewirkt hatten. Wie ein Ton, der nachhallte, wenn alles andere längst verstummt war. Ein Vibrieren in der Tasche. Naomi. "Hey, alles gut? Ich dachte... vielleicht könnten wir diese Woche mal wieder essen gehen. Ich vermisse das."
      Er blieb stehen und las es zweimal. Dann scrollte er gedankenverloren durch die letzten Tage in seinem Kopf. Mit wem hatte er die letzten Tage gegessen?
      Sushi mit Koji. Abendessen mit einem Stammkunden. Café mit zwei Touristinnen. Pizza mit einem koreanischen Geschäftsmann. Nun Abendessen mit Ryota.

      Und mit Naomi? Seit Monaten nichts. Kein gemeinsames Sushi, kein spontanes Udon-Date nach dem Unterricht. Nicht mal Ramen – und die mochte sie eigentlich am meisten. Kurz spürte er einen Krampf in seinem Magen. Betrog er sie? Nein, er blieb immer treu und er brauchte das Geld. Und das Geld hierbei war sehr gut. Bedeutend besser als bei seinem ehemaligen Job als Fitnesstrainer in einer Tokyoter Studiokette. Doch Naomi? Sie fiel hinten über. Nicht weil er sie mied. Sondern weil sie ihm nichts mehr abverlangte. Keine Nähe. Keine Fragen. Nur... Vertrautheit. Blindes Vertrauen. Und das war nicht dasselbe wie Verbindung. Er schob das Handy zurück in die Tasche. Keine Antwort – noch nicht. Was waren sie eigentlich noch – er und Naomi? Partner? Schatten einer Routine? Oder einfach zwei Menschen, die sich zu lange nicht mehr ehrlich angesehen hatten?
      Der Eingang zur Ramenbar kam in Sicht. Schlicht. Roter Vorhang. Gedämpftes Licht hinter beschlagenem Glas. Nick trat vor die Tür, atmete tief durch. Es war nur ein Treffen wie viele zuvor. Ein weiteres Gespräch. Ein weiterer Moment, den man später sauber ablegen konnte. Aber irgendetwas an diesem Abend fühlte sich... nicht ganz wie immer an.
      Vielleicht wegen Ryota. Vielleicht, weil Naomi plötzlich wieder auftauchte – im denkbar ungünstigsten Moment. Oder weil die Maske, die er sonst so selbstverständlich trug, heute ein wenig schwerer wog. Er richtete sich auf. Ein letzter Blick ins Scheibenbild.

      Wie er es gewohnt war, würde er vor dem Laden warten. Er wollte seinen Kunden nicht die Blöße geben, ihn in einem unbekannten Restaurant suchen zu müssen. Er öffnete seine geschlossene Jacke bereits. Richtete nochmals sein Haar und setzte ein zufriedenes Lächeln auf. Seine Gedanken an Naomi hatten hier keinen Platz. Er müsste jetzt funktionieren und Ryota hatte das verdient - er hatte schließlich dafür bezahlt. Erneut - beinahe etwas unsicher zückte Nick das Handy. Er schob die Nachricht von Naomi weg und sah nochmals auf das Profil von Ryota, versuchte sich ein Bild zu machen, was dieser heute wohl trug, damit er ihn schneller auf dem Bürgersteig identifizieren kann. Vielleicht ein schönes Hemd? Sicherlich fein gebügelt und eine schlichte, schwarz Hose? Er sah an sich hinunter. Er hatte sich ein authentisches, modernes aber lässiges Outfit zusammengesucht: schwarze Jacke darunter ein olivgrüne Sweatjacke, ein schwarzes Schlichtes Shirt, dunkelgraue, schmale Chinohose und weiße, saubere Sneaker. Er wollte bei all dem er blieben.
    • Zwischen weißen Fliesen, sterilen Werkzeugen und einem vernarbten Herzmuskel waren Ryota und seine Sektionsassistentin die einzigen Lebenszeichen im Obduktionssaal. Es war alles andere als ein zufriedenstellender Tagesabschluss, wenn in letzter Sekunde ein Jugendlicher mit einem Herzstillstand untersucht werden sollte. Unentdeckte erbliche Herzmuskelerkrankung. Das würde die Familie nicht freuen.
      Ryota legte das Herz vorsichtig wieder an seinen ursprünglichen Platz und kümmerte sich mit seiner Assistentin um die letzten Nähte zur Schließung des Körpers, dann tat er etwas, das ihm sonst nie in den Sinn gekommen wäre. "Würdest du den Bericht für mich übernehmen?", fragte er höflich.
      Die junge Frau ihm gegenüber stoppte in ihrer Arbeit und hob schockiert den Blick. Etwas übertrieben vielleicht. Hätte er nicht fragen sollen? "Wieso? Hast du was vor?", fragte sie neugierig.
      Das war nicht weiter überraschend, weil er gerne Überstunden machte, aber Ryota hatte nicht wirklich eine andere Wahl, als heute früher zu gehen. Seine Assistentin, Mai Suzuki, war eine der wenigen, die in dieser Pathologie arbeiteten, und hatte sich dadurch, aber auch durch ihr ähnliches Alter, irgendwie an Ryota gehängt. Sie war für seinen Geschmack fast etwas zu gesprächig, was sich im Laufe ihrer gemeinsamen Arbeit allerdings eingependelt hatte. Durch die wenige Ansprache, die Ryota in seinem Büro ansonsten hatte, kam er mit einer so offenen Person plötzlich nicht mehr gut zurecht, aber er hatte sie definitiv nicht absichtlich davon abhalten wollen, sich mit ihm anzufreunden.

      "Ja", antwortete e knapp. Es gab trotzdem Dinge, die er seiner Kollegin nicht anvertrauen würde. "Ich wollte vor einer halben Stunde gehen, du würdest mir also wirklich einen Gefallen tun. Nächstes Mal kannst du früher gehen und ich mache den Rest", bot er an.
      Mai grinste. "Okay", stimmte sie gespielt uninteressiert zu. Sie sahen sich, wenn es hoch kam, drei Mal die Woche, und Obduktionen kamen selten Abends vor, aber ein besseres Angebot hatte Ryota nicht. "Oder du erzählst mir, wohin du gehst, und wir belassen es dabei? Ich hatte sowieso nichts mehr vor, als mir die letzten Folgen von Love is Blind anzusehen"
      Ryota runzelte kurz die Stirn und kämpfte sichtlich mit sich selbst, bevor er sich daran erinnerte, dass er sich zum Ziel gesetzt hatte, offener zu werden. Er merkte, wie er über die letzten Jahre immer unfähiger in sozialen Situationen geworden war. Seine Ausbildung hatte ihn zwischen Laboren und Leichenhallen pendeln lassen bis es zur Routine geworden war und er garnicht mehr wusste, was er sonst tun sollte. Nach Tokyo zu ziehen war der erste Schritt in ein neues Leben gewesen und er sollte wohl nicht wieder in alte Muster fallen, wenn er gerade dabei war, sie aufzubrechen. Langsam, aber doch.

      "Date", sagte er. Das war kein Satz. "Ich hab ein Date"
      Mai sah etwas verwirrt aus, aber vermutlich weniger über die Tatsache des Date sondern eher über Ryotas seltsame Art, davon zu erzählen. Fast, als hätte er Angst davor und würde lieber mit dem Toten auf dem Tisch tauschen. "Oh, wie schön! In der Garderobe ist ein Spiegel, falls du noch üben musst, den puren Horror aus deinem Gesicht zu wischen", meinte sie lächelnd.
      Ryota seufzte, als wäre er aufgeflogen, und schloss mit dem Gespräch ab. Wie sollte er mit diesem Fremden später nur vernünftig reden, wenn sogar seine Kollegin ihn seltsam fand? Oder, zumindest war Ryota sich relativ sicher, dass sie das tat. Er hatte nur noch nicht herausgefunden, wieso sie weiterhin so freundlich und persönlich mit ihm umging. Quasi vom ersten Tag an hatte sie darauf bestanden, beim Vornamen genannt und geduzt zu werden und nun, nach wenigen Wochen, sprach sie mit ihm, als wären sie jahrelang befreundet, während Ryota immernoch das Gefühl hatte, sich auf Eierschalen zu bewegen. Ob das Date heute wirklich etwas an seiner Situation ändern würde? Wenn es bei einem einzigen Mal blieb, sicher nicht.

      Das Ganze war für ihn wie ein Selbstversuch. Ein Weg zu Besserung. Er wusste nicht, wie andere Menschen in seinem Feld den Beruf mit ihrem Privatleben vereinbarten, aber er musste es herausfinden, bevor er zu einem völligen Freak wurde. Er hatte in der Schule immer einen Freundeskreis gehabt, so klein er auch gewesen war, aber selbst im Medizinstudium hatte er sich mit Leuten verabredet und Sachen unternommen. Es war bloß immer weniger geworden, bis es gänzlich geendet hatte. Ganz zu schweigen von… Dates.
      Er verabschiedete sich, zog sich blitzschnell um und beeilte sich nachhause. Er hatte noch zwanzig Minuten, um zu duschen und sich fertig zu machen, wobei er glücklicherweise schon alles zwei Tage im Voraus durchgeplant hatte. Die Obduktion war ihm dazwischen gekommen, aber das machte nichts, er würde trotzdem pünktlich sein. Auch, wenn es ihn wahrscheinlich ein paar Lebensjahre kostete, so gestresst wie er war, bis er endlich im Taxi saß und das Date immer näher rückte.
      Er zupfte an seinem weißen Hemd, das er gestern Abend gebügelt hatte, und fuhr sich zehn Mal durch die gestylten Haare, wofür er sich seit sicherlich fünf Jahren nicht mehr solche Mühe gegeben hatte. Alles saß, alles war durchdacht, alles ließ endlich wieder etwas Sicherheit und Ruhe in seinem Inneren einkehren, weil er nicht unvorbereitet in so eine Situation gehen würde. Alles, worauf er sich blind verlassen musste, waren die tief begrabenen Social Skills, die er zurückholen musste. Und sein Gegenüber… würde hoffentlich nicht ganz unbeholfen sein, nachdem er fürs Reden bezahlt wurde. Zumindest hatte er bereits einen netten Ort für ihr Treffen ausgesucht, mit dem Ryota sich gut anfreunden konnte.

      Er scrollte ein letztes Mal durch Nicks Profil, das nur so von Eigenwerbung troff, und schmunzelte. Das Selbstbewusstsein hätte er gerne. Und trotzdem… war es genau das, was ihn zu dem Rechtsswipe bewegt hatte. Er hatte schon immer was für diesen Typus übrig gehabt.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Nick hatte sich gegen die Wand gelehnt, die Hände locker in den Taschen, den Blick auf den Eingang gerichtet. Er war fünf Minuten zu früh da gewesen – nicht weil er nervös war, sondern weil er es sich zur Angewohnheit gemacht hatte. Kontrolle durch Präsenz, nannte er das. Je eher er einen Ort spürte, desto sicherer war er in der Rolle, die er darin spielte. Und er musste diese Rolle so sicher spielen wie ein Schauspieler - schließlich wurde er genau dafür bezahlt.

      Als sich ein Taxi langsam näherte und dann exakt vor der kleinen Ramenbar anhielt, stieß sich Nick von der Wand ab und ging Richtung des Taxis. Die Tür öffnete sich und er erblickte Ryota. Er erkannte ihn sofort – das weiße Hemd, ordentlich, gebügelt, das Haar fast zu perfekt. Das Bild war vertraut, aber es war nicht das Profilfoto, das jetzt auf ihn zukam. Es war echter. Unsicherer. Berührbarer. Und irgendwie realistischer ... lebensechter. „Ryota?“ Ein leichtes Lächeln spielte um Nicks Lippen, ruhig, offen, einladend.
      „Schön, dich zu sehen. Ich hoffe, du hast’s gut hergeschafft?“ fragte er, während er ihm leicht zur Seite wich, um ihm Platz zu machen und gemeinsam mit ihm in Richtung Eingang zu gehen. Er deutete auf das rot leuchtende Schild über der Tür. „Ich hoffe, es ist okay für dich – nicht zu trubelig, nicht zu still. Ich dachte, es könnte ein guter Ort sein, um einfach... ein bisschen anzukommen.“ Er hielt die Tür auf, ließ Ryota eintreten, und folgte ihm mit einer Bewegung, die beiläufig wirkte, aber alles im Blick behielt – Position, Stimmung, Haltung des Gegenübers. Sie bekamen einen Tisch an der Seite, halb abgeschirmt durch eine niedrige Wand aus dunklem Holz. Perfekt.

      „Ich komm nicht oft hierher, aber wenn, dann weiß ich wieder, warum ich’s öfter tun sollte. Die machen eine wahnsinnig gute vegane Brühe. Aber kein Druck – ich bin nicht religiös unterwegs, was Essen angeht“, fügte er mit einem kleinen Grinsen hinzu, als sie Platz nahmen. "Aber ich kann dir alles von der Karte nur wärmstens empfehlen. Alle Nudeln sind selbstgemacht." Ein paar Sekunden ließ er verstreichen, ehe er weiter sprach – nicht aus Unsicherheit, sondern weil er spürte, dass Ryota den Raum brauchte. „Langer Tag?“, fragte er dann. Die Tonlage war beiläufig, aber der Blick suchte den anderen. Offen, ohne zu bohren. „Du wirkst ein bisschen… durch den Wind. Aber auf die gute Art. So als hättest du dir sehr viel Mühe bei deinem Job gegeben.“ Er stützte die Arme locker auf dem Tisch ab, der Körper ein wenig nach vorn geneigt, ohne sich aufzudrängen. Es war kein Spiel, sondern ein Angebot: Du musst hier nicht jemand sein, der du nicht bist.
      „Wenn du magst, bestell ich erstmal was Warmes für uns. Vielleicht eine Kanne Tee? Oder brauchst du einen Moment?“
      Ein kurzer Blick zur Karte, ein kleines, echtes Lächeln, das vielleicht sogar ein bisschen Neugier verriet. Heute war kein Job wie jeder andere.

      Und trotzdem war es doch genau das – ein erstes Treffen, wie viele davor. Und doch… nicht ganz. Nick ließ den Blick kurz über Ryotas Gesicht wandern, dann zu seinen Händen, zum feinen Stoff des Hemds. Alles an ihm war bedacht. Gewählt. Fast… kontrolliert. Nicht im Sinne von eiskalt oder distanziert – eher wie jemand, der sich daran gewöhnt hatte, nicht aufzufallen. Oder nicht zu viel zu zeigen. Was tust du im Alltag, Ryota?
      Was für Menschen begegnen dir? Und wer hat dich dazu gebracht, so vorsichtig zu werden?
      Vielleicht war Ryota kein einfacher Typ. Vielleicht war er einer dieser Menschen, bei denen man erst dann etwas fand, wenn man lange genug hinschaute. Und das war gut. Er mochte Menschen, die Geheimnisse in sich trugen. Nicht die lauten, sondern die leisen – die, die sich nicht im ersten Satz erklärten. Ryota schien so einer zu sein. Und Nick? Nick hatte nie behauptet, dass er nicht neugierig war.
    • Ryotas Herz flatterte ein wenig, als er aus dem Taxi stieg und der Mann, den er treffen wollte, direkt vor ihm stand. Er erschrak schon beinahe etwas, weil er damit gerechnet hatte, noch einen Moment für sich zu haben, solange er Ausschau hielt. "Oh", stieß er aus und strich sich das Hemd glatt, nachdem er ausgestiegen war.
      Innerhalb der ersten paar Sekunden prasselten bereits die Worte auf ihn ein. Er bekam garkeine Zeit, sich über die Begrüßung Gedanken zu machen, also neigte er nur den Kopf kurz und war sofort inmitten eines Gesprächs gefangen. "Ja, hallo, alles okay, ich bin ja mit dem Taxi gefahren. Die Bar sieht nett aus, sehr angenehm", versuchte er nach und nach zu antworten. Nach drei Sätzen war er bereits ein wenig erschöpft. So viel hatte er in der letzten Woche kaum gesprochen.
      Er bedankte sich erneut etwas überfordert mit einem Kopfnicken, als Nick ihm die Türe aufhielt, und atmete kurz durch, während er sich im Restaurant umsah und zu ihrem Tisch ging. Es war wirklich angenehm. Nicht zu laut oder eng, aber auch nicht zu leise, damit keine seltsame Stille entstand, von der Ryota prinzipiell heimgesucht wurde, auch wenn er heute das Gefühl hatte, Nick würde keinen Raum für Stille machen. Wobei er selbst gegen Stille nur etwas hatte, wenn der Rest der Partie sie nicht aushalten konnte und diese Sorge sollte er bei einem erkauften Date wohl nicht haben. Über die Sache mit dem Geld versuchte er allerdings so wenig wie möglich nachzudenken. Das hier war ein Experiment. Selbstfindung. Wie Therapie. Es war nicht armselig, dass er sich eine Begleitung kaufte.

      Dank des Lichts und der Abschirmung war ihr Platz im Restaurant gemütlich und man fühlte sich nicht allzu beobachtet, was Ryota wieder ein wenig beruhigte. Nur sein Gegenüber schien ein drittes Auge zu haben, weil er nun anfing, Gedanken zu lesen.
      Ryota wollte gerade antworten, als sein Mund einfach nur offen stehen blieb und er garnicht wusste, wie er darauf jetzt reagieren sollte. Aber es gab eine Regel, die er sich selbst aufgestellt hatte, und das war: Nicht über den Job reden. Wenn das hier funktionieren sollte, musste er lernen, andere Gesprächsthemen von sich aus zu finden. Außerdem würde wohl sogar Nick nicht wissen, wie er darauf reagieren sollte, dass Ryota eben noch das Herz eines Kindes in der Hand gehalten hatte, und das nicht weil er ihm das Leben gerettet hat.
      "Oh, ja, es war viel zu tun. Ich hab nicht damit gerechnet, so spät wegzukommen", antwortete er also und umging damit gut, was genau er zu tun gehabt hatte. Er warf einen schnellen Blick auf die Karte, um Nick nicht warten zu lassen. Hatte er eben irgendetwas von 'vegan' gesagt? War er vegan? Oder nur eine Präferenz? So oder so… "Tee klingt gut. Ich nehme dann das selbe wie du", beschloss er. Ein guter Mittelweg.
      Er räusperte sich, bevor er sich endlich aufraffen konnte, selbst eine Frage zu stellen. Ein bisschen Kontrolle über das Gespräch zu haben würde ihn sicher entspannen. "Hast du… lange gewartet? Ich hab mich vielleicht ein bisschen zu sehr darauf verlassen, dass der Verkehr fließt", meinte er. Nicht, dass er viel früher hätte wegfahren können. Vielleicht sollten sie das nächste Treffen, wenn es eines gab, noch später ansetzen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Nick lächelte sanft und nickte. Er spürte, dass er Ryota überfahren hatte. Sein gegenüber war wohl wirklich eher der 'klinische Typ', der es ruhiger brauchte. Und so schwieg er für einen Moment, bestellte für die beiden Genmaicha – gerösteten Reis-Grüntee. Den kannte er gut. Er ist unaufdringlich, wohltuend und war lange Zeit ein beliebter Tee in traditionellen japanischen Haushalten. Heutzutage trinken alle Matcha oder Jasmin, doch Nick mochte die alten japanischen Sorten, da sie viele seiner Klienten entweder kannten und schätzen oder überrascht von der Auswahl waren. Zügig - jedoch ohne große Hektik brachte die Bedienung, die die Bestellung entgegen genommen hatte, die Teekanne inklusive zweier Trinkschalen aus Ton mit und stellte sie gut positioniert vor den beiden ab. Der Schwede schenkte langsam den Tee ein. Erst Ryota, dann sich selbst. Er achtete darauf, nicht zu hastig zu wirken, nicht zu geschäftig. Die Bewegung war ruhig, beinahe zeremoniell – und vor allem: absichtlich entschleunigt. Nicht jeder fühlte sich wohl in Gesprächen, die zu schnell liefen. Und Ryota war keiner, den man hetzen sollte. „Der hat so einen leicht nussigen Unterton. Ich mag’s, wenn ein Getränk mehr kann als nur warm sein.“ Ein flüchtiges Lächeln, dann griff er selbst zur Tasse, hielt sie mit beiden Händen. Er nutzte den Moment nicht, um weiter zu sprechen – sondern ließ die Stille stehen. Nicht unangenehm. Nicht fordernd. Nur… da. Ein stilles Einverständnis zwischen zwei Menschen, die gerade erst anfangen, sich zu tasten.

      Als Ryota schließlich fragte, ob er lange gewartet hatte, hob Nick kurz die Brauen – nicht überrascht, eher erfreut, dass Ryota sich einbrachte. „Nicht wirklich. Ich bin meistens ein bisschen zu früh. Alte Gewohnheit. Ich mag es, wenn ich den Raum vor dem Treffen schon... ein bisschen einatmen kann.“ Sein Blick glitt kurz durch das Restaurant. Die Dämpfung der Stimmen, das Klirren von Schüsseln in der Küche, das warme Licht über dem Tisch – alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. "Und falls du das Gefühl hattest, ich wäre zu schnell gestartet – sag ruhig Bescheid.“ Ein schmaler, ehrlicher Blick. Er konnte Menschen gut lesen und spürte Ryotas Beklemmung - vielleicht lag es nicht direkt an Nicks offener Art sondern nur generell an dem Treffen. Dennoch wollte er seinem Gegenüber - wie jedem seiner Kunden - ein gutes Gefühl geben. Dafür hatten sie ja bezahlt und danach wurde er auch bewertet und empfohlen.

      „Ich hab manchmal den Reflex, die Gesprächslücke zu füllen, bevor sie unangenehm werden könnte. Dabei… hast du vermutlich gar nichts dagegen, wenn es mal still ist, hm?“ Ein leises Grinsen folgte, halb entschuldigend, halb neckend. Er wollte keine Entschuldigung sein. Nur eine Einladung. Nick lehnte sich leicht zurück, ließ Ryota Raum, aber blieb ihm zugewandt. Sein Blick glitt in die Karte, um etwas zu essen für die beiden auszusuchen. Skeptisch blickte er über den Rand und musterte Ryota. Was er wohl gerne isst? Nick kannte vieles von der Karte, hatte auch Favoriten, doch es ging hier mehr um Ryota als um ihn. Und würde er gefallen - wäre vielleicht noch eine Buchung drinnen. Ein lästiger Gedanke und dennoch wichtig, denn das Geld brauchte Nick und das Leben in Tokyo war für einen Studenten nicht gerade günstig. Als die Bedienung wiederkam, um die Bestellungen entgegen zu nehmen, bestellte er Shōyu Ramen mit Ajitama, einem marinierten Onsen-Ei. Hoffentlich war Ryota nicht Veganer? Doch er hatte auf seine Aussage mit der veganen Brühe nicht reagiert und so, verließ er sich auf seinen Instinkt: ein klassisches, nicht zu schwer im Magen liegendes Gericht mit etwas Schweinefleisch, das sanft gedünstet wurde. „Ich hab dir die Shōyu bestellt. Nicht zu aufdringlich, aber... ehrlich. Und das Ei ist ein Muss. Vertraust du mir?“ Mit einem kleinen Lächeln natürlich. Sanft, souverän – ganz Nick.
    • Ryota lächelte etwas nervös. Er fühlte sich ertappt. Dass er nicht oft in Situationen wie diese kam, war wohl schmerzlich offensichtlich, und das schon nach fünf Minuten. Dabei hatte er sich im Vorhinein so einen Druck gemacht, einen guten ersten Eindruck zu machen. Ob das hier nun ein Fake Date war oder nicht, spielte kaum eine Rolle, wenn es darum ging, allgemein kaum Date-Erfahrung zu haben. Und selbst bei Nick wollte Ryota gut ankommen, um sein Gesamtziel schneller zu erreichen. Scheinbar war es etwas optimistisch gedacht gewesen, dass er sich beim ersten Treffen nicht wie ein völliger Idiot gab.
      „Stille macht mir tatsächlich nichts aus“, antwortete er also ehrlich. Je langsamer sie das hier angingen, desto mehr Zeit hatte er auch, um sich einzugewöhnen. Stille war gut, Stille gab Zeit nachzudenken und sich auf die Sache einzulassen. Mit schnellem Wortaustausch konnte Ryota derzeit wenig anfangen, es stresste ihn bloß. Genau das war es, worin er jedoch besser werden wollte. Sofort ins kalte Wasser zu springen war vielleicht nur nicht immer der richtige Weg.
      „Ich… hab auch wenig Menschenkontakt in meinem Job, der aber fast mein gesamtes Leben einnimmt. Ich bin Stille gewöhnt“, sagte er und lächelte. So viel konnte er ja noch sagen, ohne das Gespräch in eine seltsame Richtung zu lenken. Er warf erneut einen Blick in die Karte, als Nick ebenso nachlas, was er bestellen sollte, und atmete etwas durch. Die Gerichte klangen alle wirklich gut, Ryota hatte allerdings seit Stunden nichts gegessen und würde sich wahrscheinlich auch mit einer trockenen Scheibe Brot zufrieden geben. Trotzdem… Shōyu Ramen klangen hervorragend.
      Ryota zögerte vor jedem Satz, den er begann, egal wie motiviert er war, sich einzubringen. „In ähm… meiner Heimatregion hatte ich ab und zu… Curry Ramen“, erzählte er. „In meiner Schulzeit gab es eine Ramenbar in der Nähe, die uns das gemacht hat, wenn wir spezifisch danach gefragt haben, weil es nicht auf der Karte stand. Meistens mit dieser typisch dicken Kanawaza Currysauce statt Suppe. Aber Shōyu war mir immer etwas lieber. Ich hab das in Tokyo bisher auch noch auf keiner Karte gefunden, aber irgendwo muss es das sicher geben“ Er sprach sehr ruhig, ein wenig in seiner eigenen Erinnerung verloren, soweit das möglich war, wenn er sich so furchtbar bewusst war, dass er sich mit einem quasi Fremden unterhielt. Aber so war ihm spontan etwas eingefallen, über das er gut reden konnte, so langweilig es auch war. Besser als sein Job eignete es sich allemal.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Nick lächelte – und dieses Mal war es kein charmantes Verkaufsgrinsen, sondern ehrlich. Ruhig. Weich. „Das glaube ich dir, Ryota. Du wirkst sehr nachdenklich.“ Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte sacken, bevor er weitersprach. „Aber das ist positiv. Ich rede meist zu viel – wie du sicherlich schon gemerkt hast.“ Ein leises, entschuldigendes Lachen begleitete die Aussage. Kein selbstverliebter Kommentar, sondern eher ein Eingeständnis. Ein offener Moment. Dann legte er beide Hände um die dampfende Teetasse, hob sie langsam an und nahm einen Schluck des Genmaicha. Der nussige, warme Geschmack entspannte seine Mimik für einen Moment – fast so, als hätte sich die Welt in diesem kleinen Schluck beruhigt. Die Tasse klackte sanft auf dem Holz der Tischplatte, doch seine Augen blieben bei Ryota. Nicht fordernd, nicht durchdringend. Aber präsent. Und passenderweise war es Ryota, der in diesem Moment etwas von sich preisgab – nicht viel, aber genug, dass Nick innerlich kurz innehielt. Wenig Menschenkontakt im Job. Er neigte leicht den Kopf zur Seite, als würde er ein besonders spannendes Bild studieren. „Hmm… nun mache ich mir zwangsläufig Gedanken, als was du arbeitest“, murmelte er nachdenklich und schenkte ihm dabei ein sanftes Lächeln. „Aber – falls es dich beruhigt – die meisten Japaner, die ich treffe, haben auch wenig Kontakt in ihren Jobs mit Menschen. Und viele von ihnen wählen deshalb genau solche Treffen. Nicht, weil sie es nicht könnten... sondern weil es im Alltag keinen Platz hat.“

      Nick lehnte sich ein wenig zurück, ließ dabei aber nicht von Ryota ab. Er sah in ihm keinen verschlossenen Mann, sondern jemanden, der gelernt hatte, sich still zu halten, weil die Welt zu laut war. „Du hast etwas Analytisches an dir. Ernst, ja – aber nicht unnahbar. Ich könnte mir vorstellen, dass du Zahlen liebst. Oder Strukturen. Vielleicht... Controlling? Risikoanalyse? Oder irgendwas, das genau sein muss.“ Er zwinkerte leicht, als wolle er andeuten: Keine Sorge, ich rate nur. Keine Verhöre. „Und unter all dem sitzt jemand, der ziemlich viel denkt. Und wahrscheinlich mehr fühlt, als er sich erlaubt.“ Er meinte das nicht als Kompliment – und nicht als Analyse. Nur als Beobachtung. Denn es war genau das, was Nick reizte: Ryota spielte kein Spiel. Er war einfach. Und in seiner Zurückhaltung lag etwas, das Nick nur selten spürte: Echtheit.

      Gerade als Ryota anfing, etwas über seine Schulzeit zu erzählen, hob Nick leicht die Brauen. Da war er – dieser erste Riss in der Fassade. Ein kleiner Blick in das Davor. „Oh, wo kommst du denn her?“, fragte er, und seine Stimme war aufrichtig interessiert, nicht nur höflich. Als Ryota erwähnte, dass er Curry-Ramen mag, lachte Nick leise auf. „Gut, dann suche ich mal eine Ramenbar, wo es Curry-Ramen gibt. Herausforderung angenommen.“ Er zwinkerte kurz, ehe er zur Seite sah – die Bedienung war bereits im Anmarsch.
      Zwei große Schüsseln Shōyu-Ramen wurden abgestellt. Der Duft von Sojasauce, frisch gezogenen Nudeln, zartem Schweinefleisch und dem leicht süßlich-herben Aroma des marinierten Eis breitete sich aus. Nick atmete den Duft ein, wie jemand, der etwas Vertrautes wiedersah. „Die geben sich hier immer größte Mühe. Die Nudeln sind die besten in Shimo-Kitazawa“, sagte er leise, fast andächtig. Dann griff er zu den Stäbchen und begann mit einem ersten Bissen. Zufriedenheit legte sich über seine Miene, während er kaute – gelassen, ohne Eile.

      Doch die Stille hielt nicht lang – konnte sie nie bei ihm. „Ich komme übrigens aus Schweden. Genauer gesagt: Malmö“, begann er, nachdem er sich den Mund abgetupft hatte. „Ich weiß nicht, ob du das kennst. Den meisten hier ist es eher unbekannt.“ Ein kurzes, schwaches Lachen – das nicht gespielt war. „Aber ich mag es hier. Ich werde vermutlich bleiben. Auch wenn die japanische Kultur manchmal... herausfordernd ist. Jedenfalls für Leute wie mich.“ Er zuckte mit den Schultern, wechselte von den Stäbchen zum Löffel, um etwas von der Brühe zu probieren. „Zum Studieren ist es auf jeden Fall spitze. Und für Begegnungen wie diese... auch.“
      Er sagte nicht mehr. Er ließ es stehen – wie ein Bild, das man deuten konnte oder nicht. Nick wusste, dass Ryota Zeit brauchte. Also schuf er einen Rahmen, in dem Stille erlaubt war. Und Worte nicht erwartet, sondern nur willkommen waren.
    • „Oh, schon okay“, sagte er schnell, als Nick meinte, zu viel zu reden. Bei jedem anderen Menschen wäre das wohl absolut kein Problem, nur Ryota war zu unbeholfen, um so schnell zu reagieren. Er sprach einfach normalerweise deutlich zu wenig, das war das Problem.
      Ryota wurde sogar kurz etwas nervös, was er mit einem Lächeln zu überdecken versuchte, als Nick nach seinem Job fragte, und dann anfing zu raten. Oh Gott. Scheinbar hätte er garnichts dazu sagen sollen. Eine Antwort darauf konnte er nicht umgehen ohne unhöflich zu sein. Außerdem… leider war es bei ihm nicht ausschließlich ein zeitliches Problem, dass er so viel Zeit alleine verbrachte. Natürlich spielte es eine große Rolle, aber er war immerschon eher introvertiert veranlagt gewesen und ohne Freunde, die ihn aus dem Haus zerrten, wäre er wohl als Jugendlicher schon sozial verkümmert. Dass er sich nun selbst um Kontakte kümmerte, war auf allen Ebenen ein erstes Mal. Und das auch nicht, weil er nicht gerne alleine war… Doch es gab einen Unterschied, zwischen alleine sein und einsam sein. Man musste Menschen in seinem Leben haben, egal wie selten man sie sah. Seit seinem Umzug hatte er diese Tatsache völlig verdrängt und hier war er nun, keine Freunde, kein Partner, kaum Kollegen, mit denen er sprach. So konnte es einfach nicht weitergehen. Er brauchte… ein bisschen Nähe.
      Analytisch, ernst, unnahbar. Nick traf den Nagel auf den Kopf. Jedoch war Ryota mit diesen Teilen seiner Persönlichkeit so unzufrieden, dass sich jedes Wort eher wie ein Schlag anhörte. Wie sie Realisation, dass er nicht dafür gemacht war, Freunde zu haben. Geliebt zu werden. Diese Worte mal in einem positiven Kontext außerhalb seines Jobs zu hören, daran glaubte er nicht.
      Ich bin… Pathologe“, gab er auf. Schneller, als erwartet. Seine einzige Regel war gebrochen, weil sein Gegenüber neugieriger war als gedacht. „Also viel Laborarbeit, Diagnostizierung von… Gewebeproben und Zellanalysen. Du hast es ziemlich gut erraten“ Er lächelte leicht, es war ihm immernoch etwas unangenehm, weil er innerlich das Bild von dem Kind auf seinem Tisch heute Abend verdrängte. Das war nicht der Ort, um über so etwas zu sprechen. Die meisten seiner Obduktionen waren an jungen Menschen, deren Herz scheinbar grundlos und plötzlich stehengeblieben war, weil er sich darauf spezialisiert hatte. Es war kein fröhliches Thema, aber wenn man zuständig für die Klärung von Todesursachen war, war es das wohl nie.

      Als das Essen kam, war Ryota kurz abgelenkt. Glücklicherweise kam bereits ein Themenwechsel auf ihn zu. Außerdem stieg ihm der herzhafte Geruch der Ramensuppe in die Nase und er konnte sich kaum zurückhalten, mit dem Essen zu beginnen. „Guten Appetit“, sagte er schnell und griff nach seinen Stäbchen, um sich einen ersten Bissen zu erlauben. Vielleicht hatte sein Hunger ihn zusätzlich nervös gemacht. „Aus Kanazawa“, erklärte er. „Das ist circa drei Stunden von hier mit dem Zug entfernt, in der Ishikawa Präfektur, also besuche ich meine Familie an Feiertagen“ Es war jedesmal ein Erlebnis, das er so kurz zu halten versuchte, wie möglich, aber doch konnte er seine Familie nicht einfach loslassen.
      Dort kommt das Kanazawa Curry her, deshalb vielleicht wahrscheinlich die geheimen Curry Ramen in einigen Lokalen“ Die hatte er schon seit einer Ewigkeit nicht gegessen und vermutlich würde es ihn erstmal emotional in seine Schulzeit zurückbefördern. Was nicht unbedingt schlecht war. Er hatte damals gute Freunde gehabt, mit denen alles leichter gewesen war.
      Die sind nicht schlecht, nur gewöhnungsbedürftig“, sagte er und lächelte. Eigentlich würde er sie schon gerne mal wieder essen.
      Ryota aß weiter, dann sah er überrascht auf. „Oh“, machte er. „Ich war nie außerhalb Japans, ich kenne also Malmö nicht, aber Schweden, doch. Du sprichst also viele Sprachen?“ Er hatte etwas derartiges vage aus Nicks Profil in Erinnerung, aber… Ryota war auf einmal interessiert. Seine Kindheit und Jugend hatte er grundsätzlich ohne große Urlaubsreisen verbracht, Geldmangel. Und dann hatte er sein Studium begonnen und sich kaum ein Auslandssemester oder so etwas zugetraut. Somit war er nie hier weg gekommen, was ihn prinzipiell nicht störte, denn man konnte nichts vermissen, das man nie hatte, nicht? Aber er hatte sich immer für andere Kulturen interessiert. Für das Essen, wenn man es genau nahm. Aber mehrere Sprachen zu sprechen, fand er beeindruckend. Sein Englisch war gut, das musste es sein, schließlich las er viele englische Fachartikel und hatte englische Kurse besucht, aber damit endete es auch schon. Nicks Japanisch war allerdings beeindruckend.
      Was findest du herausfordernd?“, fragte Ryota neugierig. Er konnte es sich wohl irgendwie denken, Japan war nicht das Diversitätsfreundlichste Land. Er kam jedoch auch nicht oft dazu, mit Nicht-Japanern zu sprechen und da er selbst die Kultur von Geburt an gewohnt war und es nicht anders kannte, wollte er die Chance nutzen und etwas neues lernen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Nicks einnehmendes oder doch überstürzendes Wesen hatte, Ryota bereits eine Antwort entlockt, die einige als Downer ansehen würden. Auch Nick entging das kurze Zögern, das Ändern von Ryotas Stimmlage bei dem Thema nicht. Und er konnte es ihm nicht verübeln, er hätte wohl ein dutzend trauriger Fälle aus seinem Beufsalltag, die jedoch allesmat nicht für diesen Ort, nicht für dieses Treffen und nicht für diese Stimmung geeignet waren. Nick quittierte es mit einem nachdenklichen "Hmmm" und einem Nicken. Kein Nicken, dass er das abhakte und Ryota komisch fände. Einfach ein Nicken, das akzeptierte, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war - wollte Nick ihn ja auch nicht so sehr aus der Reserve locken. Und dennoch hatte er mit seinen Überlegungen recht ... Pathologe wie passend und gleichzeitig überraschend.

      Während des Essen erzählte Ryota von seiner Heimat - Kanazawa in der Ishikawa Präfektur. Nick kannte sich in Japan, was Orte anging nicht so gut aus - doch er speicherte die Information und würde sich später dazu belesen. Es war Teil seines Berufs sich so auf weitere Treffen vorzubereiten. Immer einen Schritt voraus sein. Er lächelte dabei sanft während Ryota vom Kanazawa Curry sprach und war sich sicher, er würde in Tokyo noch einen Ort finden, an dem es diese Ramen authentisch gab und - wer weiß - vielleicht würde er für eines der nächsten Treffen Ryota damit überraschen. In diesem Moment erklärte sein Gegenüber, dass die Ramen jedoch gewöhnungsbedürftig seien. "Dann will ich sie erst recht probieren", grinste Nick herausfordernd, ehe er wieder auf seine Essstäbchen wechselte und ein paar Nudeln aß.

      Ryota erzählte ihm außerdem, dass er nie außerhalb Japans war, aber Schweden kennt. Im selben Atemzug fragte er nach den Sprachen des Schwedens, der erstmal seine Nudeln herunterschlucken musste, sich den Mund erneut abtupfte, um dann zu antworten. "Ich weiß nicht, ob vier viel ist. Das kommt immer auf den Betrachter an." Er ließ eine kurze Pause und rückte etwas näher an den Tisch. "Nun ich kann augenscheinlich Japanisch - ganz passabel, denke ich. Daneben spreche ich noch Schwedisch, Englisch und Dänisch. Malmö liegt direkt neben Kopenhagen und in der Stadt sind ständig dänische Pendler und Touristen.", gluckste er und nahm sich dann mit den Stäbchen etwas von dem geviertelten Onsen-Ei. Er aß es gekonnt und war froh, dass seine Fingerfertigkeiten für das Essen mit Stäbchen ausgereift genug waren - wollte er sich doch nie bei einem Date die Blöße geben, etwas von den Stäbchen fallen zu lassen. Deswegen aß er auch Zuhause nur noch mit Stäbchen - im Gegensatz zu Naomi.
      Seine Gedanken wollte abdriften. Er dachte an sein Handy in der Hosentasche, ehe ihn Ryotas Frage zurückholte. "Was ich herausfordernd finde? Einiges tatsächlich." Er legte die Stäbchen wieder zur Seite neben die Schale und sah nun Ryota aufmerksam an. "Ich finde zum Beispiel die Sprache zu lernen ist alleine herausfordernd und natürlich die vielen Höflichkeitsregeln. Die sind spannend, keine Frage, aber für mich sehr ungewöhnlich und da brauchte ich wirklich lange um rein zu kommen und" Er beugte sich leicht über den Tisch und senkte seine Stimme "Und ich kann sie zum Teil bis heute nicht richtig anwenden." Anschließend grinste er verlegen und lehnte sich wieder etwas zurück.
    • Ryota lächelte, diesmal aufrichtig belustigt. Er war niemand, der einen Ausländer kritisieren würde, weil er sich an die japanischen Höflichkeitsformen nicht gewöhnen konnte. Selbst würde er schließlich auch nicht gerne schief dafür angesehen werden, wenn er sich in einem anderen Land ‚seltsam‘ für die Einwohner verhielt. Dass die älteren Generationen da deutlich verurteilender sein konnte, wusste er. Das waren sie aber immer, wenn ihnen irgendetwas gegen den Strich ging, auch abseits von Höflichkeitsfloskeln und Verbeugungen.
      „Das fällt kaum auf“, sagte er und schöpfte ein bisschen Brühe mit dem Löffel ab. Er achtete ehrlicherweise auch nicht besonders darauf. Im Studium hatte es immer wieder Leute gegeben, die sich mit den gesellschaftlichen Regeln und Rollen nicht ausgekannt hatten und spätestens da hatte Ryota es abgelegt, darauf zu reagieren. Er hatte es zwar zu tief in sich selbst verankert, aber… den meisten jungen Menschen musste es einigermaßen gleichgültig sein, wie er mitbekommen hatte. Selbst versuchte er dennoch, sich anzupassen, auch wenn er ganz automatisch einige Dinge tat. „Du sprichst sehr gut Japanisch, mein Englisch ist deutlich weniger flüssig“, meinte er ehrlich. „Und mich stört es nicht, wenn man sich an die Höflichkeitsregeln nicht richtig hält. Ich kann damit besser umgehen, als mit jemandem, der mich verurteilen würde, weil ich nicke anstatt mich zu verbeugen“ Er schmunzelte. „Du müsstest mir nichtmal als erstes einschenken“, fügte er belustigt hinzu.
      Ryota hatte durchaus in Nicks Profil gesehen, dass er um einige Jahre jünger als er war. Aber Tatsache war, dass die meisten dieser Profile ein niedriges Alter angegeben hatten und Ryota sich letztlich darauf fokussiert hatte, ob die Person ihm von Bild und Beschreibung her ein gutes Gefühl gab. Es sollte jemand sein, der offen und freundlich wirkte. Ryotas Gegenteil sozusagen, damit die Gespräche laufen konnten und er nicht einfach seinem Double gegenüber saß, sich beianhe anschwieg oder unwohl fühlte und er unnötig dafür bezahlt hatte. Er wollte ja etwas mit diesem Date erreichen.
      Dass Nick jünger war, störte ihn somit nicht. Selbst wenn er fünfzig wäre, wäre es ebenso irrelevant, da diese Situation nicht echt war. Und nachdem Nick eben gemeint hatte, dass er sich manchmal nicht ganz an die Höflichkeitsregeln hielt, fand Ryota die Sache noch interessanter. Schließlich war er es mittlerweile doch gewohnt, von jüngeren auf bestimmte Art und Weise behandelt zu werden. Seine Kollegin Mai mal ganz ausgenommen, die störte sich wirklich nicht an Unhöflichkeit. Trotzdem… diese Offenheit gab ihm die Freiheit, weniger angespannt zu sein, er musste sich automatisch weniger Sorgen um seine sozialen Fertigkeiten machen.
      Er legte seine Stäbchen ab und probierte den Tee. Das Essen hatte ihn wirklich etwas entspannt. Und vielleicht auch die Tatsache, dass er hier wirklich nicht verurteilt und kritisiert werden würde.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • "Wirklich?", fragte Nick etwas verwundert und lächelte dann doch. Scheinbar meinte es Ryota ernst. Oft sagten Leute sowas als Floskel, doch bei ihm wirkte es aufrichtig, nett. "Danke dir, Ryota. Das freut mich." Währenddessen beobachtete der Schwede, wie der Japaner ruhig von der Brühe schöpfte. Sie schien ihm zu schmecken- auch wenn es keine Curry Ramen war. Kurz darauf erklärte er, dass sein Englisch deutlich weniger flüssig war, was Nick erneut lächeln ließ. Als Ryota dann noch erzählte, dass er sowieso nicht viel von den Höflichkeitsregeln hielt, atmete Nick leise auf. Er war zwar kein Tölpel, aber die vielen Regeln in Japan hatten ihre eigenen Regeln und die wiederum Regeln und davon wiederum Ausnahmen. Es war für ihn bis heute ein Minenfeld. Daher war er umso erleichterter als sein Gegenüber ihm diese Bürde abnahm. Er kratzte sich verlegen am Kopf, da er sich dennoch etwas ertappt fühlte, wenngleich der Schwarzhaarige es bestimmt nur nett mit ihm meinte. "Na ja ich würde jetzt nicht sagen, ich bin ein Profi was diese vielen Regeln angeht. Aber das mit dem Tee" Er nahm seine Tasse mit dem Tee und trank etwas daraus. "Das versteht sich von selbst, dass ich dir zuerst einschenke. Das gehört sich in Schweden genauso." Er lächelte charmant, nahm noch einen Schluck und stellte die Tasse wieder ab. Anschließend griff er nach dem Holzlöffel und nahm etwas von der Shoyu-Brühe.

      Wenn Nick sich recht erinnerte war Ryota älter als er, was ihm nichts ausmachte. Vor seinen Augen leuchtete eine grobe Erinnerung an dessen Profil auf. Er musste um die Anfang 30 sein. Das war in Nicks "Beuteschema", wenn man es so nennen wollte. Er suchte sich ja niemanden aus, sondern wurde gebucht. Zwischen Anfang 20 und Ende 50 hatte er bereits alle Kategorien durch und landete doch oft bei den etwas älteren Personen ab Mitte 30. Woran das lag? Das konnte Nick nicht einmal selbst genau sagen. Vielleicht hatten sie mehr Geld und es kam so zu mehr Treffen, weswegen dies sein Eindruck war oder er passte von seiner Art, seinem Aussehen und dem Auftreten eben besser zu den klassischerweise etwas ruhigeren, älteren Leuten. Doch dies war nichts worüber er sich hier den Kopf zerbrechen wollte. Er legte den Löffel beiseite und nahm die letzten Ramen aus der großen Keramikschüssel mit den Stäbchen.

      Danach sah er zu Ryota. "Also", fing er an und legte die Stäbchen zur Seite, "wie lange lebst du jetzt schon in Tokyo? Du sagtest ja du kommst gebürtig aus Kanazawa." Nick griff nochmals zur Teetasse und nahm einen größeren Schluck, da er jetzt die richtige Temperatur hatte. Ein zufriedenes Seufzen. Dann stellte er die Tasse wieder ab, während sein aufmerksamer Blick für keine Sekunde Ryota aus den Augen ließ. Dabei lächelte er ihn gekonnt wie immer mit einer Mischung aus charmanten Grinsen und Sympathie an. Einstudiert aber dennoch ehrlich gemeint.
    • So direkt von jemandem angesehen zu werden, war gleichzeitig etwas einschüchternd und reizvoll. Nicks ganze Aufmerksamkeit schien auf Ryota zu liegen, was ihn nicht großartig überraschen dürfte, und doch… hatte er wohl vergessen, dass sich das auch gut anfühlen konnte. Dieses aufrichtige Interesse war vielleicht nur gespielt, aber es fühlte sich erschreckend echt an. Scheinbar hatte Ryota immer mit den falschen Leuten gesprochen, weil ihm diese Aufmerksamkeit grundsätzlich unangenehm gewesen war, egal in welchem Kontext. Jetzt gerade war er dagegen bloß verlegen.
      Er sah auf seine Tasse herunter und nahm einen Schluck, um kurzfristig Nicks Blick auszuweichen. "Vor ungefähr drei Monaten bin ich hergezogen", antwortete er als er den Tee wieder abstellte, seine Hände jedoch an der warmen Tasse verweilen ließ und ab und zu seinen Fingern dabei zusah, wie sie auf die Keramik tippten. "Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren", sagte er.
      Das war nicht unbedingt typisch für ihn, aber er hatte es satt gehabt, sich wie in einem Käfig zu fühlen. Kanazawa hatte ihn durch die Nähe zu seiner erwartungsvollen Familie und den zeitaufwendigen Job langsam aber sicher zu einem Einsiedler gemacht. Zum Ende seiner Facharztausbildung hatte er begonnen, regelmäßig laufen zu gehen, um ein wenig auszubrechen. Mal etwas das Leben zu fühlen, nicht immer nur den Tod. Es hatte ihm ein bisschen Seelenfrieden gebracht, aber definitiv nicht genug. Daher kam die Idee des Umzugs. Was er brauchte, war mehr Veränderung, oder zumindest dachte er das. Soweit hatte sich nur kaum etwas geändert, außer dass er hinterfragte, ob eine Großstadt wirklich das richtige für ihn gewesen war. Er hatte wohl zu sehr damit gerechnet, sich selbst ebenfalls zu verändern. Aber im Moment war er einfach etwas überfordert von dem Getümmel und all den Touristenattraktionen. Nur die Anonymität in Tokyo entspannte ihn etwas. Man fühlte sich weniger beobachtet, etwas irrelevanter. Das half. Alleine schon, um Neues auszuprobieren. In Kanazawa hätte er sich niemals zu einem Date wie diesem überwinden können.
      "Ich bin… noch nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war, aber ich versuche momentan, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen", erklärte er leise und lächelte. "Das muss lächerlich klingen, wenn es von einem 32-Jährigen Facharzt kommt, aber ich glaube, ich habe die Phase übersprungen, in der man sich selbst kennenlernt. Ich liebe meine Familie, aber wenn sie so nah sind, kann das nicht wirklich funktionieren, denke ich" Er schwieg einen Moment. "Vermisst du Schweden manchmal? Es ist sicher ganz anders, als hier"
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Nick ließ den Blick einen Moment auf Ryota ruhen, als dieser sprach. Nicht dieses kurze, flüchtige Anschauen, wie man es in einem Smalltalk tat – sondern richtig. Er hörte zu, und man konnte es sehen. Die Fingerspitzen, die noch locker die Essstäbchen hielten, ruhten plötzlich still, während seine Augen jedes kleine Zögern, jede Nuance von Ryotas Stimme aufnahmen. „Lächerlich klingt das nicht“, erwiderte er ruhig, als Ryota von seiner verspäteten Selbstfindung sprach. „Ganz ehrlich… es gibt Leute, die sind sechzig und haben diesen Schritt nie gemacht. Dass du es überhaupt versuchst, sagt eine Menge.“

      Er lehnte sich leicht nach vorne, nicht aufdringlich, aber so, dass seine Worte einen Tick persönlicher wirkten. „Und… so, wie du’s erzählst, klingt es nicht, als würdest du vor etwas davonlaufen. Eher, als würdest du etwas suchen. Das ist ein Unterschied.“
      Er nahm wieder einen Bissen Ramen, kaute langsam, als wolle er Ryota Zeit lassen, falls dieser darauf etwas sagen wollte – oder auch nicht. Dann legte er die Stäbchen kurz ab und griff zur Teetasse. „Und ja… ich vermisse Schweden manchmal.“
      Ein kleines, ehrliches Lächeln zuckte über seine Lippen. „Nicht das Wetter, das kannst du vergessen. Aber das Gefühl, zu wissen, wo alles hingehört. Die vertrauten Straßen, die gleiche Kaffeemaschine in meinem Stammcafé, die Gesichter, die ich schon mein ganzes Leben kannte.“ Er nahm einen Schluck, setzte die Tasse wieder ab. „Aber gleichzeitig… genau das war der Grund, warum ich gegangen bin. Wenn sich alles zu sehr nach Routine anfühlt, fängt man an, sich selbst zu verlieren. Man funktioniert, anstatt zu leben.“

      Kurz ließ er seinen Blick über Ryota gleiten, fast prüfend, aber ohne Härte.
      „Tokyo ist… überwältigend, klar. Aber es hat etwas, das ich liebe – diese Mischung aus völliger Anonymität und der Chance, jeden Tag jemand Neues zu sein. Niemand kennt deine Geschichte, und du kannst entscheiden, wie viel du davon preisgibst.“
      Ein sanftes, schelmisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Oder wie in deinem Fall… fast gar nichts. Noch.“ Er nahm dann etwas von Ramen, die fast aufgegessen waren. Nebenbei ließ Nick den Blick wenig auffällig durchs Lokal gleiten. Er wusste, wieso er es gewählt hatte - trotzt der Uhrzeit, um die viele Tokyoer essen gehen, war es hier verhältnismäßig leer und ruhig. Er schätzte den Ort für solche Gespräche und ein ruhiges Kennenlernen. Selbst die Arbeit der Bedienung und der offenen Küche nahm man kaum war - es wirkte fast als wäre alles Teil einer ruhigen Zen-Zeremonie.
    • Vermutlich hatte Nick recht. Ryota war sich zwar relativ sicher, dass er zu einem großen Teil vor seiner Familie weglief, auch wenn es nicht ganz gerechtfertigt war, aber er suchte wirklich etwas. Irgendeinen Sinn in seinem Leben vermutlich, auch wenn er selbst garnicht so tiefgründig darüber nachgedacht hatte. Er war sich nur sicher gewesen, dass er nicht so weitermachen konnte. Seit er in Tokyo lebte hatte sich noch nicht viel verändert, aber etwas befreiter fühlte er sich dennoch. Es war eben die Hoffnung da, dass sich etwas ändern konnte. Dass er nicht für immer nur seinen Job hatte, sonst nichts.
      Er hatte heute nicht gewusst, womit er rechnen sollte, aber so durchschaut zu werden, war es definitiv nicht gewesen. Vielleicht hätte er es aber erwarten sollen, immerhin wurde der Mann ihm gegenüber für seine Aufmerksamkeit bezahlt. Ryota versuchte diesen Gedanken so gut es ging zu unterdrücken und dennoch kam er alle paar Minuten auf und zwang eine leichte Röte in sein Gesicht. Es war nichts seltenes, dass sich hier Gesellschaft mietete, und doch fühlte es sich für Ryota sehr unnatürlich an, egal wie natürlich Nick es versuchte wirken zu lassen. Zum Glück war es kein überwältigendes Gefühl. Es war ständig da, aber es ließ noch Platz für ein aufrichtiges Gespräch.
      "Das beschreibt es sehr gut", murmelte Ryota. Funktionieren anstatt zu leben. Genau so fühlte es sich an. Und seltsamerweise schien das die Norm zu sein. Deshalb hatte Ryota wohl auch erst so spät gemerkt, dass der mangelnde Ausgleich ihm zu schaffen machte, selbst wenn es jetzt eine Überwindung war, sich ins soziale Leben zu begeben.
      Er lächelte leicht, als Nick die Anonymität und die Chancen ansprach, als hätten sie eben genau das gleiche gedacht. Und dann errötete er wieder. Er hielt sich nicht absichtlich zurück. Es passierte einfach. "Willst du etwas… bestimmtes wissen?", fragte er sanft, kurz unsicher, ob er dieses Risiko wirklich eingehen wollte, aber war es wirklich so schlimm, ehrlich zu sein? Er musste an einem gewissen Punkt lernen, seine Wände wieder abzubauen. Es war nichts dabei, Menschen an sich heran zu lassen. Das war… vielleicht unangenehm, aber sicherlich notwendig.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦