Vorstellung
@Nao.nline
Der Asphalt glänzte vom letzten Sommerregen, als Nick aus der U-Bahn-Station trat. Die Luft war warm und feucht, durchzogen vom Duft gebratener Nudeln, Parfum und Strom. In den Gassen flackerten Neonlichter – mal grell, mal gedämpft – wie das Atemmuster einer Stadt, die nie ganz schlief. Er zog den Kragen seiner Jacke höher, fuhr sich mit einer beiläufigen Bewegung durchs blonde Haar. Er kannte sich im Tokyoter Ausgehviertel Shimo-Kitazawa gut aus und brauchte schon längst nicht mehr sein handy für die Wege zu seinen Geheimspots. Noch zwei Blöcke und dann links in den unscheinbaren Laden. Die Ramenbar war kein Zufall. Er hatte sie bewusst ausgesucht. Nicht zu laut, nicht zu überlaufen – ein Ort mit gedämpftem Licht, leiser Musik, genug Ecken zum Versinken. Keine Date-Atmosphäre im klassischen Sinn, aber ideal, um das Eis zu brechen. Besonders bei jemandem wie Ryota. Nick erinnerte sich an sein Rent-A-Heart-Profil, auch wenn dieses für seine Kunden klassischerweise nur sehr kurz war: Schwarz-weiß Foto. Zurückhaltendes Lächeln. Schlichtes, aber stilvolles Auftreten. Keine großen Posen. Ehrlicher Eindruck. Sein Instinkt – über Jahre in dieser App-Realität geschärft – hatte ihm gesagt: Introvertiert. Sensibel. Einer, der die Stille nicht fürchtet. Nachdenklich.
Darum kein Izakaya. Kein Szene-Café. Ramen. Warm. Simpel. Ehrlich. Nick hatte in den letzten Monaten viele Treffen gehabt – mit Frauen, mit Männern, mit all den Nuancen dazwischen. Manche nett. Manche belanglos. Manche überraschend intensiv. Es war Routine geworden. Nicht kalt – aber kontrolliert. Er wusste, wann er welche Fragen stellte, wie er Gespräche aufbaute, wo er lachte, wann er schwieg. Eine Kunstform fast – emotionale Präsenz gegen Bezahlung. Und doch... Manchmal – nur manchmal – blieben ihm einzelne Begegnungen länger im Kopf als gewollt. Nicht, weil sie besonders gewesen wären. Sondern weil sie echt gewirkt hatten. Wie ein Ton, der nachhallte, wenn alles andere längst verstummt war. Ein Vibrieren in der Tasche. Naomi. "Hey, alles gut? Ich dachte... vielleicht könnten wir diese Woche mal wieder essen gehen. Ich vermisse das."
Er blieb stehen und las es zweimal. Dann scrollte er gedankenverloren durch die letzten Tage in seinem Kopf. Mit wem hatte er die letzten Tage gegessen?
Sushi mit Koji. Abendessen mit einem Stammkunden. Café mit zwei Touristinnen. Pizza mit einem koreanischen Geschäftsmann. Nun Abendessen mit Ryota.
Und mit Naomi? Seit Monaten nichts. Kein gemeinsames Sushi, kein spontanes Udon-Date nach dem Unterricht. Nicht mal Ramen – und die mochte sie eigentlich am meisten. Kurz spürte er einen Krampf in seinem Magen. Betrog er sie? Nein, er blieb immer treu und er brauchte das Geld. Und das Geld hierbei war sehr gut. Bedeutend besser als bei seinem ehemaligen Job als Fitnesstrainer in einer Tokyoter Studiokette. Doch Naomi? Sie fiel hinten über. Nicht weil er sie mied. Sondern weil sie ihm nichts mehr abverlangte. Keine Nähe. Keine Fragen. Nur... Vertrautheit. Blindes Vertrauen. Und das war nicht dasselbe wie Verbindung. Er schob das Handy zurück in die Tasche. Keine Antwort – noch nicht. Was waren sie eigentlich noch – er und Naomi? Partner? Schatten einer Routine? Oder einfach zwei Menschen, die sich zu lange nicht mehr ehrlich angesehen hatten?
Der Eingang zur Ramenbar kam in Sicht. Schlicht. Roter Vorhang. Gedämpftes Licht hinter beschlagenem Glas. Nick trat vor die Tür, atmete tief durch. Es war nur ein Treffen wie viele zuvor. Ein weiteres Gespräch. Ein weiterer Moment, den man später sauber ablegen konnte. Aber irgendetwas an diesem Abend fühlte sich... nicht ganz wie immer an.
Vielleicht wegen Ryota. Vielleicht, weil Naomi plötzlich wieder auftauchte – im denkbar ungünstigsten Moment. Oder weil die Maske, die er sonst so selbstverständlich trug, heute ein wenig schwerer wog. Er richtete sich auf. Ein letzter Blick ins Scheibenbild.
Wie er es gewohnt war, würde er vor dem Laden warten. Er wollte seinen Kunden nicht die Blöße geben, ihn in einem unbekannten Restaurant suchen zu müssen. Er öffnete seine geschlossene Jacke bereits. Richtete nochmals sein Haar und setzte ein zufriedenes Lächeln auf. Seine Gedanken an Naomi hatten hier keinen Platz. Er müsste jetzt funktionieren und Ryota hatte das verdient - er hatte schließlich dafür bezahlt. Erneut - beinahe etwas unsicher zückte Nick das Handy. Er schob die Nachricht von Naomi weg und sah nochmals auf das Profil von Ryota, versuchte sich ein Bild zu machen, was dieser heute wohl trug, damit er ihn schneller auf dem Bürgersteig identifizieren kann. Vielleicht ein schönes Hemd? Sicherlich fein gebügelt und eine schlichte, schwarz Hose? Er sah an sich hinunter. Er hatte sich ein authentisches, modernes aber lässiges Outfit zusammengesucht: schwarze Jacke darunter ein olivgrüne Sweatjacke, ein schwarzes Schlichtes Shirt, dunkelgraue, schmale Chinohose und weiße, saubere Sneaker. Er wollte bei all dem er blieben.
@Nao.nline
Der Asphalt glänzte vom letzten Sommerregen, als Nick aus der U-Bahn-Station trat. Die Luft war warm und feucht, durchzogen vom Duft gebratener Nudeln, Parfum und Strom. In den Gassen flackerten Neonlichter – mal grell, mal gedämpft – wie das Atemmuster einer Stadt, die nie ganz schlief. Er zog den Kragen seiner Jacke höher, fuhr sich mit einer beiläufigen Bewegung durchs blonde Haar. Er kannte sich im Tokyoter Ausgehviertel Shimo-Kitazawa gut aus und brauchte schon längst nicht mehr sein handy für die Wege zu seinen Geheimspots. Noch zwei Blöcke und dann links in den unscheinbaren Laden. Die Ramenbar war kein Zufall. Er hatte sie bewusst ausgesucht. Nicht zu laut, nicht zu überlaufen – ein Ort mit gedämpftem Licht, leiser Musik, genug Ecken zum Versinken. Keine Date-Atmosphäre im klassischen Sinn, aber ideal, um das Eis zu brechen. Besonders bei jemandem wie Ryota. Nick erinnerte sich an sein Rent-A-Heart-Profil, auch wenn dieses für seine Kunden klassischerweise nur sehr kurz war: Schwarz-weiß Foto. Zurückhaltendes Lächeln. Schlichtes, aber stilvolles Auftreten. Keine großen Posen. Ehrlicher Eindruck. Sein Instinkt – über Jahre in dieser App-Realität geschärft – hatte ihm gesagt: Introvertiert. Sensibel. Einer, der die Stille nicht fürchtet. Nachdenklich.
Darum kein Izakaya. Kein Szene-Café. Ramen. Warm. Simpel. Ehrlich. Nick hatte in den letzten Monaten viele Treffen gehabt – mit Frauen, mit Männern, mit all den Nuancen dazwischen. Manche nett. Manche belanglos. Manche überraschend intensiv. Es war Routine geworden. Nicht kalt – aber kontrolliert. Er wusste, wann er welche Fragen stellte, wie er Gespräche aufbaute, wo er lachte, wann er schwieg. Eine Kunstform fast – emotionale Präsenz gegen Bezahlung. Und doch... Manchmal – nur manchmal – blieben ihm einzelne Begegnungen länger im Kopf als gewollt. Nicht, weil sie besonders gewesen wären. Sondern weil sie echt gewirkt hatten. Wie ein Ton, der nachhallte, wenn alles andere längst verstummt war. Ein Vibrieren in der Tasche. Naomi. "Hey, alles gut? Ich dachte... vielleicht könnten wir diese Woche mal wieder essen gehen. Ich vermisse das."
Er blieb stehen und las es zweimal. Dann scrollte er gedankenverloren durch die letzten Tage in seinem Kopf. Mit wem hatte er die letzten Tage gegessen?
Sushi mit Koji. Abendessen mit einem Stammkunden. Café mit zwei Touristinnen. Pizza mit einem koreanischen Geschäftsmann. Nun Abendessen mit Ryota.
Und mit Naomi? Seit Monaten nichts. Kein gemeinsames Sushi, kein spontanes Udon-Date nach dem Unterricht. Nicht mal Ramen – und die mochte sie eigentlich am meisten. Kurz spürte er einen Krampf in seinem Magen. Betrog er sie? Nein, er blieb immer treu und er brauchte das Geld. Und das Geld hierbei war sehr gut. Bedeutend besser als bei seinem ehemaligen Job als Fitnesstrainer in einer Tokyoter Studiokette. Doch Naomi? Sie fiel hinten über. Nicht weil er sie mied. Sondern weil sie ihm nichts mehr abverlangte. Keine Nähe. Keine Fragen. Nur... Vertrautheit. Blindes Vertrauen. Und das war nicht dasselbe wie Verbindung. Er schob das Handy zurück in die Tasche. Keine Antwort – noch nicht. Was waren sie eigentlich noch – er und Naomi? Partner? Schatten einer Routine? Oder einfach zwei Menschen, die sich zu lange nicht mehr ehrlich angesehen hatten?
Der Eingang zur Ramenbar kam in Sicht. Schlicht. Roter Vorhang. Gedämpftes Licht hinter beschlagenem Glas. Nick trat vor die Tür, atmete tief durch. Es war nur ein Treffen wie viele zuvor. Ein weiteres Gespräch. Ein weiterer Moment, den man später sauber ablegen konnte. Aber irgendetwas an diesem Abend fühlte sich... nicht ganz wie immer an.
Vielleicht wegen Ryota. Vielleicht, weil Naomi plötzlich wieder auftauchte – im denkbar ungünstigsten Moment. Oder weil die Maske, die er sonst so selbstverständlich trug, heute ein wenig schwerer wog. Er richtete sich auf. Ein letzter Blick ins Scheibenbild.
Wie er es gewohnt war, würde er vor dem Laden warten. Er wollte seinen Kunden nicht die Blöße geben, ihn in einem unbekannten Restaurant suchen zu müssen. Er öffnete seine geschlossene Jacke bereits. Richtete nochmals sein Haar und setzte ein zufriedenes Lächeln auf. Seine Gedanken an Naomi hatten hier keinen Platz. Er müsste jetzt funktionieren und Ryota hatte das verdient - er hatte schließlich dafür bezahlt. Erneut - beinahe etwas unsicher zückte Nick das Handy. Er schob die Nachricht von Naomi weg und sah nochmals auf das Profil von Ryota, versuchte sich ein Bild zu machen, was dieser heute wohl trug, damit er ihn schneller auf dem Bürgersteig identifizieren kann. Vielleicht ein schönes Hemd? Sicherlich fein gebügelt und eine schlichte, schwarz Hose? Er sah an sich hinunter. Er hatte sich ein authentisches, modernes aber lässiges Outfit zusammengesucht: schwarze Jacke darunter ein olivgrüne Sweatjacke, ein schwarzes Schlichtes Shirt, dunkelgraue, schmale Chinohose und weiße, saubere Sneaker. Er wollte bei all dem er blieben.