The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Heiß würde Isaac das nicht nennen, viel eher, als würde er einen Cyborg imitieren. Auf der einen Seite eine echte Robohand, auf der anderen Seite eine armselige Imitation mit den Ringen. Wie eine Krankheit, erst die linke Hand, dann auch noch die rechte. Er verzog das Gesicht.
      Aber Kai war gleich begeistert davon und so gab Isaac es noch eine Chance. Er steckte die Ringe ein bisschen um, auf den Ringfinger, Mittelfinger, während Kai weiter rumkramte. Er zog ein paar Ohrringe hervor und hielt sie Isaac hin. Die hatte er früher lange getragen, simple, silberne Kreuze, die gut zu seinem Style gepasst hatten. Hatte er jetzt überhaupt noch einen Style? Er wusste es nicht.
      "Gehen die noch durch?", fragte Kai. Isaac fasste sich ans Ohrläppchen.
      "Keine Ahnung. Ist lange her."
      "Wenn ja, dann bist du gesetzlich dazu verpflichtet, welche zu tragen. Und wenn die nicht mehr durchgehen, dann müssen wir das sofort ändern!"
      Das brachte Isaac doch zum Schmunzeln.
      "Gesetzlich? Wow. Hat sich viel verändert, seit ich weg war."
      Dennoch nahm er sie pflichtbewusst an sich und ging in sein sauberes Badezimmer. Die Löcher waren noch da, aber die Nadeln durch zu bekommen, stellte sich dann doch als kleine Friemelarbeit heraus. Er fluchte ein bisschen, dann hatte er es geschafft und wischte sich ein bisschen Blut weg. Prüfend betrachtete er sich im Spiegel.
      Mit dem Ohrring sah er seinem früheren Ich gar nicht mal so unähnlich. Seine Wangen waren von der Konserven-Diät noch ein wenig eingesunken und er hatte ausgeprägte Augenringe von seinem verkehrten Schlafrhythmus, aber sonst... wenn er mal nicht so einen Buckel machen würde, wenn er den Kopf ein wenig heben würde, sich nicht so klein machen würde... Kinn hoch Strafford, Sie sind hier in der Army und nicht in der Gebetsrunde!, stellte er sich seinen Sergeant vor und nahm augenblicklich Haltung an. Ja... da war schon was, ein Rest von ihm, der noch übrig geblieben war. Der in dem ganzen Unrat nicht gänzlich verschwunden war. Hatte er nicht noch...
      Er ging wieder nach draußen, in sein Schlafzimmer und öffnete seinen jetzt sehr aufgeräumten Kleiderschrank. Er fand, was er gesucht hatte: Eine blaue Cargohose in Tarn-Muster und ein schwarzes Tanktop. Sie waren gewaschen, Isaac war gewaschen, Isaac hatte auch Deo benutzt. Er zog sich um, ein Luxus, den er sich in drei Monaten nicht gegönnt hatte.
      Dann kam er zurück, dem Isaac vor der Army näher als dem währenddessen, aber es war zumindest ein Anfang. Wäre die Hand nicht gewesen, hätte er sich sogar wohl gefühlt.
      Ein bisschen nervös präsentierte er sich Kai. Immerhin war der andere Mann derjenige mit dem Modestil.
      "Das hab ich früher gern getragen. Wie ist das, mit der Hand?"
    • Während Isaac verschwand, um sich mit seinen Ohrringen zu beschäftigen, buddelte Kai weiter in der Kiste herum. Das war eindeutig eine dieser Kisten, die man zuletzt packte - der ganze Kleinkram, der sonst nirgendwo rein passte war einfach hier gelandet. Er sortierte alles ein bisschen nach den Kategorien, die er erkennen konnte.
      Als er Isaacs schwere Schritte hinter sich hörte, war er praktisch fertig damit, die Kiste ganz auszupacken und besagten Kleinkram auf dem Boden zu verteilen.
      "Das hab ich früher gern getragen. Wie ist das, mit der Hand?" fragte Isaac und Kai drehte sich mitsamt dem Kissen unter seinem Hintern um.
      "Heilige Scheiße", rutschte es Kai direkt raus, bevor sich irgendein Filter zwischen sein Hirn und seine Lippen schalten konnte.
      Isaac stand da, zu seiner vollen Größe aufgerichtet, halb in Uniform, in einem engen Tanktop. Kai blinzelte einmal, zweimal. Er musste sich aktiv dazu bewegen, den Mund wieder zuzuklappen. Wie konnte ein Mann so verdammt attraktiv sein?
      Kai fächelte sich theatralisch ein bisschen Luft zu.
      "Vergiss deine Hand," meinte er. "Wenn du so rumläufst, dann haben die Leute genug andere Sachen, die sie anstarren können."
      Er sprang auf und ging rüber zu Isaac. Wieder piekte er Isaac mit einem Finger gegen den Bauch - ein einziges Waschbrett. Und die Arme erst! Klar, Kai hatte Isaac praktisch nackt gesehen, aber in dem Moment hatte er andere Sorgen im Kopf gehabt. Und jetzt waren da nur noch so Sachen wie "Heilige Scheiße ist das heiß!" und "Kann er Melonen in seiner Ellenbeuge zerquetschen?" und diverse Songs, die Kai aus diversen Thirst Traps aus dem Internet kannte.
      Um sich selbst wieder ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zu bringen, griff Kai vorsichtig nach Isaacs Prothese. Er ergriff den Mann allerdings an der Stelle, an der sein Arm noch aus Fleisch und Blut war. Er hob sie so weit, dass Isaac sehen konnte, was er da machte.
      "Das ist nichts, wofür du dich schämen musst, das weißt du, oder?" fragte er und deutete auf Isaacs Hand. "Die sieht schon von ganz allein cool aus. Aber wenn sie dich stört, dann könnten wir nach Handschuhen suchen? Coole Lederhandschuhe. Oder..." er betrachtete Isaac in seiner halben Uniform - und biss sich kurz auf die Zunge, weil er echt gut aussah, verdammt! "...alte Handschuhe von deinen Einsätzen? Würde zu den Hosen passen?"
      Warum standen Kais Ohren in Flammen?


    • Kai machte eine Show daraus, Isaacs Outfit zu bewundern, und irgendwie fühlte er sich davon geschmeichelt. Es war nicht so, dass Isaac sich nicht bewusst wäre, dass es ein gutes Outfit war - früher war er gerne so aus dem Haus gegangen. Aber früher war einfach früher gewesen und jetzt... fühlte es sich falsch an. Als verdiene er nicht, das Outfit wieder zu tragen.
      Die Hand war einfach nicht richtig.
      "Vergiss deine Hand", sagte Kai und tat so, als wäre ihm furchtbar heiß. Ein bisschen zuckten davon Isaacs Mundwinkel. "Wenn du so rumläufst, dann haben die Leute genug andere Sachen, die sie anstarren können."
      "Aber zuerst sieht man immer die Hand. Das weiß ich."
      Man konnte gar nicht anders, auch wenn Isaac eines Tages wieder mit dem Training anfangen würde. Und dann dachte man sich: Oh, was ist da denn passiert? Und wenn man dann sah, dass Isaac noch recht jung war, dachte man vielleicht, es wäre ein Geburtsfehler. Und wenn man dann erfuhr, dass er Veteran war...
      Isaac fühlte sich unwohl. Am liebsten hätte er sich gleich wieder einen Pulli übergeworfen.
      Kai hinderte ihn aber an der Flucht, indem er zu ihm ging. Er ergriff seine Hand an der Stelle, an der Fleisch in Prothese überging und hielt sie zwischen ihnen hoch.
      "Das ist nichts, wofür du dich schämen musst, das weißt du, oder?"
      Isaac sagte nichts, er wollte Kai nämlich nicht anlügen. Und über die Wahrheit wollte er nicht sprechen.
      "Die sieht schon von ganz allein cool aus. Aber wenn sie dich stört, dann könnten wir nach Handschuhen suchen?"
      "Handschuhe. Im Sommer?"
      "Coole Lederhandschuhe. Oder..."
      Kai sah an ihm runter und wieder hoch. Wurde sein Gesicht da gerade ein bisschen dunkler? Isaac kniff die Augen zusammen.
      "... alte Handschuhe von deinen Einsätzen? Würde zu den Hosen passen?"
      "Sieht das nicht komisch aus? Als hätte ich... Pause im Dienst oder sowas? Ich bin es nicht mehr, ich sollte auch nicht so tun."
      Er sah wieder auf seine Hand und zog sie aus Kais Griff, um beide seiner Hände in die Hosentaschen zu stopfen. Das fühlte sich schon besser an, auch wenn er sich damit wieder kleinzumachen versuchte. Vielleicht hätte er doch lieber einen Pulli nehmen sollen.
      "Geht das auch so? Irgendwie?"
    • Kai seufzte theatralisch.
      "Mensch Isaac! Camo-print hat kein militärisches Copyright. Es gibt genug Leute, die damit rumrennen. Gleiches gilt Cargohosen mit tactical Schnitt. Ich hab selbst welche, die von SWAT Teams getragen werden. War ich je in einer SWAT Einheit? Nope! Und selbst wenn Leute denken, dass du immer noch Soldat bist: das kann dir doch egal sein. Menschen haben 'ne Menge Gedanken. Die meisten davon sind so wie deine: auf sich selbst bezogen. Glaub mir, wenn du rumrennst, dann werden die Gedanken eher lauten 'Oh man, starre ich den gerade an?!' und 'warum kann ich nicht so gut aussehen?!'."
      Kai gab sich hier wirklich größte Mühe, Isaac ein bisschen Selbstvertrauen zu schenken. Für wen genau er das tat, wusste er nicht. Isaac konnte es sicherlich gebrauchen, aber wenn das dazu führte, dass der Mann öfter so rumlief... das war eindeutig ein eigennütziges Unterfangen.
      "Aber ja. Ja, das geht so," beantwortete er dann die eigentliche Frage. "Die Hosen kriegen wir bestimmt auch in einem passenden Schwarz zu deinem Tanktop, den Ringen und deinem Ohrringen. Dann siehst du aus wie ein Rockstar oder Goth, falls dir das lieber ist als der Militärlook. Ganz aufgeben tust du den aber nicht, weil..."
      Kai wedelte mit seinen Händen vor Isaac um. Er hatte keine Worte für dieses Meisterwerk von einem Mann.
      "Bin mir ziemlich sicher, dass es illegal ist, mir persönlich so eine Aussicht zu wegzunehmen. Wenn dir das nicht reicht kann ich bestimmt noch ein paar andere Meinungen einholen."


    • Isaacs Bauch kribbelte bei den ganzen Komplimenten, mit denen Kai um sich warf. Konnte es wirklich sein, dass seine Hand nicht so viel ausmachte? Irgendwie wollte er das nicht so recht glauben, aber vertrauen wollte er Kai trotzdem. Er hatte ihm bisher so viel geholfen, er würde ihm doch kaum jetzt etwas vorlügen.
      "Schwarz können wir versuchen. Das geht, denke ich. Und deine Aussicht ist trotzdem da."
      Ihm wurde warm und Isaac lächelte leicht. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob Kai die Komplimente ernst meinte, ohne den Gedanken weiter zu verfolgen. Dafür fehlte ihm der Mut; er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand auf diese Weise über ihn nachdenken konnte. Nicht mit dem Gestank, den er sonst mit sich trug.
      Sie gingen zurück zu den Kisten, an denen sie zuvor noch gesessen hatten. Isaacs neues Outfit mochte zwar noch nicht für draußen geeignet sein, aber es gab ihm einen neuen Energiestoß - auch wenn der nicht lange hielt. Sie hatten schon so viel ausgeräumt und ausgepackt, dass Isaac den ganzen restlichen Tag schlafen müsste, um seine Energie halbwegs wieder zurück zu bekommen. Dafür lichtete sich der Boden aber umso mehr und als sie es unter Kais Kommando schafften, auch die letzte Kiste zu leeren und wegzuwerfen, stand Isaac ganz plötzlich in einer aufgeräumten, eingerichteten, durchlüfteten Wohnung. Sie war nicht wiederzuerkennen: In dem vormals kahlen Wohnzimmer stand jetzt ein dekoriertes Bücherregal, auf dem Fenster wurden Cocktailschirmchen und Schildkröte von einem Vorhang umrahmt, in der ordentlichen Küche warteten jetzt Toaster und Mikrowelle auf ihren Einsatz, das Bett im Schlafzimmer war bezogen, der Schrank eingeräumt, an der Wand hingen alte Poster und auf einem Tischchen neben der Tür lag die Baseball Ausrüstung. Isaac fühlte sich, als hätte er einen zweiten Umzug unternommen, ohne das Haus gewechselt zu haben. Staunend stand er zwischen Küche und Wohnzimmer und kratzte sich am Kopf.
      "Hier wohne ich? Hätte das etwa die ganze Zeit schon so aussehen können?"
      Es war zwar nichtmal ansatzweise mit Kais kreativer Wohnung zu vergleichen, aber es hatte etwas persönliches entwickelt, etwas, womit Isaac sich identifizieren konnte. Auch wenn das Gefühl nur flüchtig war, denn er hatte keine Ahnung, was es überhaupt war, das ihn identifizierte. Vor einem Jahr war es noch die Army gewesen, heute war es... eben. Keine Ahnung. Aber es war ein Anfang.
    • "Und deine Aussicht ist trotzdem da."
      Kai versuchte, sich den Standort des nächstbesten Feuerlöschers in Gedanken zu rufen, so heiß waren seine Ohren. Er konnte sich nicht erinnern, wo das Ding war. In der nähe der Treppe, oder?
      Isaac wandte sich dankenderweise wieder seinen Umzugskisten zu und sie machten sich daran, den Rest auszupacken und zu platzieren. Kai ging vorsichtig vor und ließ Isaac immer nur an einer arbeiten. Erst, wenn die leer war, und Isaac von allein die nächste angehen wollte, machten sie weiter.
      Und dann waren sie fertig. Einfach so. Naja, fast.
      "Hier wohne ich? Hätte das etwa die ganze Zeit schon so aussehen können?"
      "So oder anders. Man kann viel mit den Wohnungen hier machen," kommentierte Kai.
      Bevor Isaac den kleinen Allzweckwerkzeugkoffer weggepackt hatte, hatte sich Kai den Hammer und einen Nagel daraus stibitzt. Die präsentierte er jetzt Isaac, der sie ein bisschen überrascht entgegen nahm. Vielleicht war er aber auch immer noch am Staunen über den Zustand seiner Wohnung, schwer zu sagen.
      "Eine Sache fehlt noch," meinte er.
      Er hob das Bild, das er für Isaac gemalt hatte vom Sofatisch.
      "Wohin damit? Ich würd ja sagen da drüben, neben das Bücherregal."

      Nachdem sie das Bild aufgehängt hatten, bestellten sie sich etwas zu essen - und breiteten sich damit in Isaacs Wohnzimmer aus, anstatt drüben bei Kai.
      "Okay," meinte Kai, sobald sie alles ordentlich verteilt hatten. "Wir sind fertig mit allem und ich hab noch eine ganze Woche Urlaub. Morgen machen wir einen faulen Tag - das haben wir uns verdient - und übermorgen gehen wir irgendwo hin. Wir haben jetzt genug drinnen gehockt. Mir egal, was wir machen, aber wir machen was. Ich hab Hummeln im Hintern. Irgendwelche Ideen?"


    • "Eine Sache fehlt noch."
      Isaac sah zu Kai, der noch einen Hammer und Nagel in der Hand hatte. Erst war er verwirrt, dann hob Kai das Bild des Hauses auf und er verstand. Das wichtigste von allem fehlte noch.
      "Wohin damit? Ich würd ja sagen da drüben, neben das Bücherregal."
      Kai hielt es so, wie er es sich vorstellte, und Isaac genehmigte es. Er schlug den Nagel in die Wand und eine Minute später hing das Bild.
      Es war perfekt. Jetzt war es wirklich seine Wohnung. Isaac betrachtete das Bild, dann ging er zum Fensterbrett und öffnete das Cocktailschirmchen. Kai beobachtete ihn, deswegen fühlte er sich verpflichtet, endlich zu erklären:
      "Wenn es zu ist, ist es ein schlechter Tag. Wenn es offen ist, ein guter. Heute ist ein guter Tag, hab ich jetzt beschlossen."
      Etwas scheu zeigte er auf das Gemälde und das Schirmchen dort.
      "So wie da."

      Später saßen sie mit Pizza im Wohnzimmer und aßen von sauberen, gewaschenen Tellern. Isaac benutzte Besteck, einfach nur, weil er es konnte, und erfreute sich an dieser neu erlangten Freiheit. Das Fenster war auf und eine sanfte Brise brachte den Geruch von draußen herein. Wirklich perfekt.
      "Okay. Wir sind fertig mit allem und ich hab noch eine ganze Woche Urlaub", sagte Kai. "Morgen machen wir einen faulen Tag - das haben wir uns verdient", Isaac nickte zustimmend, "und übermorgen gehen wir irgendwo hin. Wir haben jetzt genug drinnen gehockt. Mir egal, was wir machen, aber wir machen was. Ich hab Hummeln im Hintern. Irgendwelche Ideen?"
      Irgendwo hingehen. Isaac hatte keine Ahnung, was sie tun sollten, und war sowieso viel zu müde, um schon so weit zu denken. Aber es schien ihm wie eine Belohnung für den gewaltigen Berg, den sie erklommen hatten, und so zog er sein Handy heraus und ging auf Maps. Er kannte sich noch lange nicht gut genug in der Umgebung aus, um sich ohne zurechtzufinden.
      "Uhm... Wir können immer ins RB, schätze ich. Oder in die Bücherei und in den Park. Oder..."
      Er scrollte ein bisschen herum.
      "Oh, da ist ein Schwimmbad. ... Nein, schlechte Idee, vergiss das wieder. Kino - schau mal, was gerade für Filme laufen. Und was ist", er kniff die Augen zusammen, "... Aurora? Ist das ein Nachtclub? Kennst du den?"
    • "Wir können immer ins RB, schätze ich."
      "Ich hab Urlaub, Isaac. Da geh ich doch nicht auf die Arbeit."
      "Oder in die Bücherei und in den Park."
      "Ich setz' es auf die Liste, aber das haben wir schonmal gemacht, also weiter denken."
      "Oh, da ist ein Schwimmbad. Nein, schlechte Idee, vergiss das wieder."
      "Okay."
      Kai biss herzhaft in ein Stück Pizza, dass er ganz brav und traditionell mit den Händen futterte. Die Tatsache, dass Isaac das Schwimmbad überhaupt vorgeschlagen hatte...
      "Kino - schau mal, was gerade für Filme laufen."
      "Meine Finger sind fettig, Moment."
      Kai schnappte sich ein Stück Küchenrolle und wischte sich die Finger so gut ab, wie er konnte. Am Ende händelte er sein Smartphone dann aber doch mit der Eleganz eines Affen, um es nicht völlig zu verdrecken. Leider war wohl gerade keine gute Saison für Filme. Zumindest lief nichts, das spontan interessant aussah.
      "Und was ist... Aurora? Ist das ein Nachtclub? Kennst du den?"
      Kai machte große Augen.
      "Du willst ins Aurora?"
      Nein, Kai, Isaac hat das nur vorgeschlagen, er weiß ja nicht mal, was das ist.
      "Is'n Nachtclub, jap. Ein ziemlich guter sogar - wenn du in einer bestimmten Szene unterwegs bist. Das ist nicht einfach so ein 'ich geh da mal hin' Club. Das ist eher ein 'mich interessiert das eh schon und das macht genau das Gleiche' Club. Ziemlich artsy, die haben Musik Themenabende, hosten Poetryslams, sowas eben. Ich war schon ein paarmal da, ist ziemlich cool."
      Mit seinen Affenfingern rief er ein paar Fotos auf, die er und Freunde gemacht hatten, als sie da gewesen waren. Der ganze Club wirkte wie ein psychedelischer Trip mit all den Neonfarben, die unter dem Schwarzlicht erst so richtig zur Geltung kamen. Die Wände, die Decke, der Boden, alles war gezielt mit den im Dunkeln leuchtenden Farben bemalt worden, als hätte eine ganze Herde and Leuten sich mit Graffiti ausgetobt. In dem Selfie, das Kai Isaac zeigte, war auch er mit Schwarzlichtfarbe bemalt und ein paar Haarperlen leuchteten in seiner Mähne. Ein swipe und das nächste Bild zeigte Kai in einem einhändigen Handstand auf der Tanzfläche - Julie hatte das Bild gemacht. An Kais Handgelenken reihten sich dutzende von Armbändern, um seinen Hals ein kleiner Juwelierladen. Das nächste Foto zeigte ihn breit lächelnd, die Finger zu einem Herzchen geformt. In diesem Bild war die Bar gut zu sehen, die eine gute Auswahl bot.
      "Wir können gern gehen, wenn du Bock hast."
      Kai suchte sich die Website des Clubs raus und ging das Programm durch.
      "Die ganze ist normaler Partyabend," meinte er nach ein bisschen scrollen. "Wir können also gehen, ohne dass du einen kompletten Kulturschock bekommst. Uh! Und nächste Woche ist Karaoke!"
      Da würde Kai definitiv hingehen! Vielleicht konnte er Isaac ja mitschleifen? Das wär ja mal was.


    • "Du willst ins Aurora?", fragte Kai auf dieselbe Art, wie Isaac über das Schwimmbad nachdachte. Isaac sah auf; war da etwas verkehrt daran?
      "Is'n Nachtclub, jap. Ein ziemlich guter sogar - wenn du in einer bestimmten Szene unterwegs bist."
      "Und was ist das für eine?" Isaac war schon lange nicht mehr irgendwo feiern gewesen. Dienst und so.
      "Das ist nicht einfach so ein 'ich geh da mal hin' Club. Das ist eher ein 'mich interessiert das eh schon und das macht genau das Gleiche' Club."
      Isaac kratzte sich am Kinn. Darunter konnte er sich nichts vorstellen.
      "Erklär mir das lieber mal wie einem Idioten."
      "Ziemlich artsy, die haben Musik Themenabende, hosten Poetryslams, sowas eben. Ich war schon ein paarmal da, ist ziemlich cool."
      "Hört sich gut an."
      Isaac war sich zwar noch nicht sicher, ob er mit der Menschenmenge wirklich klarkommen würde - immerhin würde er dann wirklich schwitzen und man würde ihm auch nahe genug kommen, um es zu riechen, und außerdem seine Hand, Gott ja, man würde ja seine Hand sehen, außer es war zu dunkel dafür - aber Nachtclubs waren durchaus normale Aktivitäten für normale Menschen. Außerdem konnte er sich vorstellen, dass das mit Kai lustig werden könnte und das bestätigte sich auch noch, als Kai ihm die Bilder zeigte. Lauter Momentaufnahmen, in denen Kai einfach er selbst war. Das letzte Bild gefiel Isaac ganz besonders: Kai mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Er konnte ihn schon fast lachen hören und musste unweigerlich schmunzeln.
      "Wir können gern gehen, wenn du Bock hast."
      "Machen die übermorgen denn irgendwas besonderes?"
      Kai sah nach. "Normaler Partyabend. Wir können also gehen, ohne dass du einen kompletten Kulturschock bekommst."
      Isaac schnaubte.
      "Darauf müssen wir wohl achten, was."
      "Uh! Und nächste Woche ist Karaoke!"
      "Gott nein, bloß nicht. Da kannst du gerne alleine hingehen, ich kann nicht singen. Wirklich nicht."
      Bei Kai konnte er sich das vorstellen. Kai würde sich nicht vom schlechten Singen aufhalten lassen.
      Er spießte mit der Gabel das letzte Stück Pizza auf und stellte den Teller zurück auf den sehr leeren und sauberen Couchtisch. Toll. Dann sagte er:
      "Ja, wieso nicht Aurora. Laute Geräusche machen mir nichts - und ich habe immerhin ein Outfit. Irgendwie."
      Er würde das vielleicht noch ein wenig anpassen müssen. Ob er ein paar Ketten anziehen sollte? Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr wollte er es. Ein ganz normales Leben führen - Spaß haben, so wie früher. Ohne über etwas anderes nachzudenken.
      Parfüm sollte er sich besorgen, ja. Oh, das war sogar eine gute Idee. Parfüm um seinen Geruch zu übertönen. Jetzt war er ganz begeistert davon.
      "Doch, das machen wir. Aber morgen will ich schlafen, den ganzen Tag bitte. Sonst schlaf ich dir im Club ein."
    • "Dann ab ins Aurora," bestätigte Kai.
      Für einen Augenblick überlegte er, Julie einzuladen - Isaac kannte sie immerhin, und je mehr Leute, desto besser, wenn es nach Kai ging - entschied sich aber dagegen. Es war zwar alles gut gelaufen bisher, aber Isaac war noch immer nicht in einem guten Headspace. Besser als vorher, aber nicht so gut, wie es sein könnte. Kai wollte ihn nicht gleich überrumpeln. Zumal er keine Ahnung hatte, wie Isaac in einem Nachtclub so drauf war. Kein Grund, über die Stränge zu schlagen.
      "Dir ist hoffentlich klar, dass ich dich auf die Tanzfläche ziehen werde. Keine Wenns und Abers."
      Er streckte Isaac frech die Zunge raus.

      Zwei Tage später stand Kai in nichts weiter als seinen Boxerbriefs vor dem Spiegel, der normalerweise in seinem Schlafzimmer stand und fragte sich, was er anziehen sollte. Er hatte den Spiegel in sein Wohnzimmer gezerrt, wo er jetzt an der Wand neben seinen Staffellein lehnte. Und sein Wohnzimmer... das hatte er spontan in seinen Kleiderschrank verwandelt. Seine Klamotten lagen überall verteilt, null System.
      Kai warf zwei Shirts über seine Schultern und seufzte schwer. Das war doch sonst nicht so schwer?! Normalerweise schnappte er sich wahllos ein Shirt oder ein Paar Hosen und baute darauf auf, aber heute war irgendwie alles falsch. Er konnte sich einfach nicht entscheiden! Er hasste es, wenn ihn seine Inspiration verließ!


    • Isaac stand vor dem Spiegel und befand sich zum ersten Mal seit langem als... gut. Als normal. Als ein Typ, der gleich in den Club gehen würde und als niemand, der sich vor dem Regen versteckte. Isaac konnte sogar behaupten, dass er sich in diesem Moment mochte. Er hatte sich von der Cargohose abgewandt - das Tanktop verunsicherte ihn doch zu sehr - und stattdessen eine graue Hose angezogen, gepaart mit einem schwarzen Hemd. An seiner Hand steckten seine Ringe, seine Hand selbst steckte in der Hosentasche. An seinen Ohren trug er die Kreuze, um seinen Hals trug er eine einfache Silberkette. Am Vormittag war er einkaufen gewesen und war nun eingehüllt in den dezenten, holzigen Duft eines Parfüms, eine Billigmarke, denn für mehr hatte er nicht das Geld. Aber auch das zeigte schon seine Wirkung. Um die Augen hatte er Kajal aufgetragen - vorsichtig. Sehr, sehr vorsichtig. Die ganze Angelegenheit war noch ziemlich ungewohnt und außerdem hatte er mit der rechten Hand deutliche Schwierigkeiten gehabt. Ob man ihm das ansehen konnte? Nervös drehte er sich auf die andere Seite und starrte sich weiter an. Das war komisch, wirklich wirklich komisch. Er sah echt... naja, gut aus. Irgendwie.
      Aber Kai würde das beurteilen müssen. Nicht, dass Isaac sich extra für ihn fertig gemacht hätte - glaubte er zumindest - aber Kai war ja wohl derjenige mit dem Modebewusstsein. Er würde ihm sagen müssen, ob es gut war, und wenn nicht, dann würde Isaac sich umziehen gehen. Ganz einfach.
      Er packte Handy, Portemonnaie und Schlüssel ein, dann warf er sich seine Jacke über die Schulter. Auf dem Weg zu Kai hatte er das Gefühl, von überall her beobachtet zu werden und stellte sicher, dass seine Hand tief in seiner Tasche steckte. Er nahm sich fest vor, den Abend nur mit der Rechten zu überstehen. Das konnte ja wohl nicht so schwierig sein.
      Bei Kai klopfte er an die Tür und wartete. Nervös trat er von einem Bein aufs andere. Neben Kai würde er sowieso wie ein Trottel aussehen, der Mann hatte sicher ein sensationelles Outfit parat. Da war es ja schon langweilig, mit was Isaac hier aufkreuzte.
    • Als es klopfte, war Kai noch keinen Schritt weiter. Während er eine nicht kleine Auswahl an Optionen auf seinem Boden anstarrte war er dazu übergegangen, sich ein paar Perlen in die Haare zu flechten.
      "Ugh," begrüßte er Isaac, falls man das überhaupt so nennen konnte.
      Kai öffnete lediglich die Tür - die Finger noch in den Haaren, um die Perlen nicht zu verlieren - und wandte sich gleich wieder um, um sich seinem Problem zu widmen.
      "Beweine mich, Isaac! Meine gesamte Kreativität hat mich im Stich gelassen!" lamentierte er theatralisch.
      Das Ausmaß seiner Folter war ja kaum zu übersehen.
      Mit einem Seufzen wandte sich Kai davon ab, sobald er den kleinen Strang Perlen in seinen Haaren gesichert hatte, und sah Isaac zum ersten Mal richtig an in der Hoffnung, von seinen Klamotten inspiriert zu werden.
      Heilige.
      Scheiße.
      Kai stieß ein verletztes Murren aus.
      "Mann, du siehst voll gut aus! Und das ohne großen Aufwand! Ma-ha-n! Das ist gemein!"
      Er bewarf Isaac mit einem seiner Couchkissen als Strafe.
      "Weite Hose oder Skinny Jeans?" fragte Kai, aber nicht direkt an Isaac, sondern einfach nur in den Raum hinein, während er die Kandidaten auf seinem Couchtisch musterte. "T-Shirt oder kein T-Shirt, das ist hier die Frage. Haut zeigen oder nicht? Ugh! Wie kann ich so viele Klamotten haben und trotzdem nichts zum Anziehen?!"


    • Kai war - noch gar nicht angezogen. Isaac war überrascht von dem Chaos, das er erblickte, als er hinter Kai hereinkam. Er war fest davon ausgegangen, dass Kai ihn mit seinem Outfit flashen würde, aber wie es schien, hatte der Mann eine größere Blockade als Isaac selbst. Nur die Perlen in seinem Haar, die bildeten einen Ansatz.
      "Beweine mich, Isaac! Meine gesamte Kreativität hat mich im Stich gelassen!"
      "Ich glaube nicht, dass das geht. Rein physikalisch schon nicht. Vielleicht ist dir einfach nur... die Muse abhanden gekommen?"
      Kai seufzte gequält, drehte sich um, sah Isaac und fiel gleich noch weiter in sich zusammen.
      "Mann, du siehst voll gut aus! Und das ohne großen Aufwand!"
      Isaac zog eine Augenbraue nach oben und sah an sich hinab.
      "Das war... naja, eigentlich wirklich kein großer Aufwand. Soll ich mir mehr Mühe geben?"
      "Ma-ha-n! Das ist gemein!"
      Isaac nahm das als ein Nein, weil kurz darauf ein Kissen geflogen kam. Er fing es mit der Linken auf und warf es auf die Couch zurück.
      "Sorry. Vielleicht kann ich dir helfen?"
      "Weite Hose oder Skinny Jeans?"
      Isaac sah sich in dem Gewirr aus Klamotten herum, die das Wohnzimmer dominierten, und auch Kai setzte seine Suche fort. Isaac hob ein paar Sachen hoch und bestaunte das Farbengewirr, als auch die ausgefallenen Schnitte. Er könnte sich Kai in all den Sachen vorstellen, was ihnen definitiv nicht weiterhalf. Wenn er aber so darüber nachdachte, konnte Kai mit seinem Grinsen sowieso alles tragen und gut aussehen.
      "Ich weiß nicht so recht."
      "T-Shirt oder kein T-Shirt, das ist hier die Frage", grübelte Kai laut weiter. "Haut zeigen oder nicht? Ugh! Wie kann ich so viele Klamotten haben und trotzdem nichts zum Anziehen?!"
      Isaac schnaubte.
      "Wir finden schon was. Wenn du mich fragst, kannst du alles tragen."
      Er legte seine Jacke auf der Couchlehne ab und betrachtete ein paar exotische Hosen. Prüfend sah er Kai an, um sie sich an ihm vorzustellen; sein Blick glitt über lange Beine und eine schmale Hüfte, über glatte Haut und dunkle Haare. Für einen Moment wurde er in den Bann gezogen von dem geschmeidigen Spiel von Muskeln, wenn Kai sich bewegte, bevor er sich wieder daran erinnerte, weshalb er eigentlich geschaut hatte. Er schluckte und riss sich zusammen. Nicht an sowas denken.
      "Bunt ist gut, das passt zu dir. Wie wär's mit sowas?"
      Er hielt eine weite Hose hoch, die in einem für ihn völlig wirren Farbverlauf gemustert war. Er hielt sie zuerst vor Kais Beine - der Mann hatte wirklich schöne Beine - dann etwas höher.
      "Die könnte zu den Perlen passen. Und dann... vielleicht etwas einfarbiges, als Oberteil? Damit deine Haare zur Geltung kommen. Du hast wirklich tolle Haare, die solltest du in Szene setzen."
    • Isaac half ihm dabei, sich durch seinen gesamten, in der Wohnung verteilten Kleiderschrank zu wühlen. Kai packte Kleidungsstücke, nur um sie sogleich zu verwerfen. Isaac half am Anfang auch nicht wirklich.
      "Wenn du mich fragst, kannst du alles tragen."
      "Das schränkt unsere Auswahl ja total ein," murrte Kai und zerknüllte ein Flanellhemd, um es in Richtung Schlafzimmer den Flur hinunter zu werfen.
      "Bunt ist gut, das passt zu dir. Wie wär's mit sowas?"
      Kai betrachtete, was Isaac da gefunden hatte. Der Mann hielt es ihm an die Hüften und Kai musste sagen, dass ihm gefiel, was er sah - die Hosen, nicht Isaac! Naja, Isaac auch, aber auf jeden Fall die Hosen mehr.
      "Hm....."
      Kai überlegte kurz, während er in die Hosen schlüpfte.
      "Vielleicht etwas einfarbiges, als Oberteil? Damit deine Haare zur Geltung kommen. Du hast wirklich tolle Haare, die solltest du in Szene setzen."
      Kai schmunzelte wegen dem Kompliment. Er gab sich nie besonders viel Mühe mit seinen Haaren und wusste, dass er oftmals eher aussah wie Kraut und Rüben. Meistens kam er damit durch, weil der Rest von ihm auch Chaos schrie, aber das hieß nicht, dass er sich nicht bewusst war, wie vernachlässigt seine Mähne war. So ein Kompliment landete also genau richtig.
      "Das hier?" fragte er und hielt eine Art Anzugweste in die Höhe, die allerdings aus einem bequemeren Stoff gemacht worden war.
      Sie war komplett schwarz und passte daher zu den oberen fünf Zentimetern seiner Hose. Er zog sie an und betrachtete sich im Spiegel. Ihm gefiel, was er sah und er machte instinktiv ein paar Posen.
      "Gekauft!" verkündete er schließlich. "Wer hätte gedacht, dass in dem Soldaten ein Mode-Guru steckt, hm?" scherzte Kai und schnappet sich noch ein schwarzes Flanellhemd, das er aber nicht überzog, sondern sich um die Hüften band, um das Outfit abzurunden.
      "Jetzt sehen wir beide heiß aus! Dankeschön!"
      Kai stellte sich neben Isaac auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange.







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    • Kai schlüpfte in die Hose und sah sich dann um. Genauso ungezielt wie Isaac wühlte er durch seine Kleiderhaufen, dann blieb er bei einer Art Weste hängen. Isaac zog die Augenbrauen hoch.
      "Das hier?", fragte Kai und hielt es vor sich. Isaac legte prüfend den Kopf schief.
      "Zieh's mal an."
      Kai gehorchte - und es war, als würde ein Puzzleteil die fehlende Lücke ausfüllen. Seine Lockenpracht fiel ihm, beschwert mit Perlen, in großen Wellen über die Schultern, stach vor dem dunklen Oberteil hervor, mündete in nackter Haut und wurde von den Farben der Hose aufgefangen. Isaac starrte, während Kai ein paar Posten schmiss, so wie er für die Bilder auch schon gepost hatte.
      Fuck.
      Kai war heiß.
      Jetzt konnte er es nicht mehr leugnen, so gern er es auch getan hätte.
      Kai war unfassbar attraktiv.
      "Gekauft!", sagte der Mann fröhlich, sein breites, typisches Grinsen im Gesicht. "Wer hätte gedacht, dass in dem Soldaten ein Mode-Guru steckt, hm?"
      Isaac lächelte mit, während er in die dunklen Augen blickte. Reiß dich zusammen.
      "Ich war nicht immer Soldat. Früher war ich auch öfter feiern."
      Er sah zu, wie Kai sich noch ein Hemd umband, dann war alles fertig. Sie standen zusammen vor dem Spiegel, ein ungleiches Paar, und doch irgendwie... passend.
      "Jetzt sehen wir beide heiß aus! Dankeschön!"
      Isaac musste zugegeben, dass das stimmte. Sie sahen wirklich heiß aus.
      Kai drehte sich zu ihm um und zu Isaacs Überraschung küsste er seine Wange. Isaac sah auf den strahlenden Mann hinab, dann lächelte er noch breiter. Von seiner Wange, wo er ihn geküsst hatte, spürte er ein warmes Kribbeln ausgehen.
      "Bitteschön. Immer gerne doch."
      Er schnappte sich seine Jacke wieder, dann ging er zur Tür und hielt sie Kai auf, aufgeregt für ihren Ausflug. Mittlerweile freute er sich schon darauf.

      Vor dem Aurora hatte sich schon eine Schlange gebildet, als sie ankamen, und sie reihten sich hinten ein. Aus dem Inneren drang der ferne Rhythmus der Musik und an der Seite standen ein paar Grüppchen beim Rauchen. Die Luft war erfüllt von dem aufgeregten Geplapper der Wartenden und den fernen Geräuschen der Straße. Für Isaac waren die Geräusche von einem Hauch Nostalgie begleitet und er konnte es schon kaum abwarten, nach drinnen zu kommen. Anscheinend staute es sich an der Garderobe.
      Vor ihnen stand eine Frauengruppe, die schon deutlich angetrunken war und sich lauthals unterhalten hatten, als sie beide angekommen waren, nur um bei ihrem Anblick zu verstummen. Seitdem hatten sie ihnen mehrmals Blicke zugeworfen und sehr auffällig unauffällig miteinander getuschelt. Isaac ignorierte größtenteils die zweideutigen Blicke, die zu ihm hochschossen, stellte aber sicher, dass seine Hand tief in seiner Tasche steckte. Kai schien mit der Aufmerksamkeit keine solche Probleme zu haben, wie er glaubte. Kai bekam mit seinem Look aber auch überall Aufmerksamkeit.
      "Hey, schicke Haare", sagte jetzt eine von ihnen, als sie sich zu ihnen umdrehte, eine Brünette mit einem blitzenden Lächeln. Sie strahlte Kai an und ließ ihren Blick ausschweifend über seine Haarpracht wandern. "Sind die echt? Kann ich sie mal anfassen? Die sehen weich aus."
    • Kai wippte im Takt der Musik, die aus dem Club schwappte. Jetzt, wo seine kurze Klamottenkrise vorbei war, hatte er auch wieder Spaß an diesem Tag. Die Tatsache, dass er seine Wohnung auch noch wieder aufräumen musste, ignorierte er geflissentlich. Das war ein Problem für Zukunfts-Kai. Bei der Gelegenheit könnte er eigentlich auch gleich mal ausmisten...
      "Hey, schicke Haare."
      "Danke!"
      Kai strahlte die Frau an, die ihn angesprochen hatte. Ihm war nicht entgangen, wie sie und ihre Freundinnen ihn und Isaac - hauptsächlich Isaac - angesehen hatten. Und es war ihm unmöglich gewesen, ihre Pläne zu überhören. Normalerweise war Kai ja nicht so, aber heute war er nicht wirklich in der Stimmung für einen betrunkenen One Night Stand. Er hatte ja noch nicht einmal einen Drink in der Hand!
      "Sind die echt? Kann ich sie mal anfassen? Die sehen weich aus."
      Kai lachte.
      "Fragst du oft Fremde, ob du ihre Haare antatschen darfst?" meinte er scherzend, lehnte sich aber zu ihr, damit sie genau das tun konnte.
      Sie schob ihre Hand tief in seine Mähne und brummte zufrieden. Scheinbar waren seine Haare genau das, was sie erwartet hatte.
      "Deine sind auch cool," meinte Kai, als er sich wieder aufrichtete. "Ich bin immer ein bisschen neidisch, wenn ich solche Flechtarbeit sehe. Wie lange hast du dafür sitzen müssen?"
      Die Frau wandte sich bei dem Kompliment halb um und schwang ihre langen, komplett geflochtenen Haare hin und her. Die Box Braids waren perfekt gemacht worden.
      "Acht volle Stunden."
      "Heilige! Respekt an deine Kopfhaut und die Finger deiner Stylistin."
      Die Frau trat beiseite und deutete auf eine ihrer Freundinnen.
      "Sag ihr das direkt," meinte sie.
      Kai verbeugte sich ein bisschen.
      "Wahres Talent!"
      Die Freundin kicherte, berührt von dem Kompliment.
      "Kai," stellte sich Kai vor. "Und der Riese hier ist Isaac."


    • "Ich bin Rachel", stellte die Brünette sich vor und ging dann reihum. Jede der Frauen hatte ein bewunderndes Lächeln, mit dem sie die beiden Männer betrachtete, sobald sie genannt wurde. Die Schlange ging ein Stück vorwärts und sie machten alle einen Schritt.
      "Seid ihr alleine hier? Ihr könnt euch uns anschließen, wir feiern Caitlins Abschluss."
      Die angesprochene Blondine wippte freudig auf ihren Fußballen.
      "Jaa. Ich hab' Wirtschaftspsychologie studiert und gestern die Ergebnisse bekommen. Ich bin durch."
      "Glückwunsch", sagte Isaac, der das Gefühl hatte, irgendetwas sagen zu müssen, um nicht wie ein Idiot zu wirken. Er war irgendwie schüchtern geworden, als Rachel Kai angesprochen hatte, und glaubte, dass er sich nicht gerade gut anstellte. Mann, sollte er Small Talk üben? Bei Kai war das alles so leicht gewesen.
      Dennoch schossen fünf Blicke zu ihm hoch und Isaac konnte beobachten, wie Caitlin nach und nach rosige Backen entwickelte. Sie hörte auf zu wippen und griff nach einer Haarsträhne.
      "Danke, Isaac."
      Zwei andere tauschten Blicke aus und es wurde wieder gekichert. Isaac versuchte sich an Kai zu halten, irgendwie wurde ihm das alles unangenehm. Er hätte gerne überprüft, ob er wieder zu stinken angefangen hatte.
      Sie kamen zur Garderobe durch und gaben ihre Sachen ab. Die Gruppe wartete auf sie, aber Isaac wartete auf Kai. Begleitung hin oder her, er wollte immernoch Kai dabei haben, bevor er reinging.
    • Die drei Damen schienen ziemlich cool zu sein. Kai würde sich definitiv an sie ranhängen - solange Isaac das denn auch mitmachte.
      Er gab seine Umhängetasche ganz brav an der Garderobe ab. Ohne sein Skizzenbuch fühlte sich aber auf einmal ganz nackt. Zwar hatte er immer noch seinen Notfall Kugelschreiber in der Hosentasche, aber so ganz ohne Papier war das doch ein bisschen seltsam.
      Sobald Kai durch die Garderobe war, hakte er sich bei Isaac unter und folgte Rachel und ihren Freundinnen in den eigentlichen Club. Dort erwartete sie das, was Kai vom Aurora kannte: einen Haufen artsy junger Menschen, gute Musik und das Versprechen eines richtig guten Abends.
      Kai zog Isaac mit zur Bar.
      "Cocktail, kein Bier!" rief er ihm zu und deutete auf die Karte, die unter dem Tresen eingeglast worden war. "Ich lad dich ein!"
      Kurz dachte Kai darüber nach, sich einen Blue Hawai'i zu bestellen, einfach nur so aus Spaß. Aber er entschied sich dagegen und bestellte sich stattdessen einen Hurricane. Ihm war nach Früchten.
      Während er auf seinen Cocktail wartete, beobachtete er Isaac. Der Mann hatte zwar vorgeschlagen, hier her zu kommen, aber jetzt schien er irgendwie angespannt. Kai ergriff Isaacs Hand.
      "Hey. Entspann dich. Die Ladies sind nett und mindestens eine steht auf dich. Bei dem schlechten Licht kann niemand sehen, was du schon den ganzen Abend zu verstecken versuchst. Lass mal los!"
      Er schwang seine Hüfte seitlich gegen Isaacs.
      "Und glaub bloß nicht, dass ich dich nicht mit auf die Tanzfläche zerre!"
      Rachel und ihre Freundinnen stolperten zu ihnen an die Bar und bestellten sich alle einen Drink bei den beiden Barkeepern.
      "Und was führt euch her?" fragte sie.
      "Wir haben die letzten paar Tage deep clean gemacht und jetzt zwinge ich Isaac hier dazu, mal ein bisschen loszulassen," erklärte Kai unbeschwert.
      "Nice!" erwiderte Rachel. "Geht ihr nicht oft feiern?"
      "Ich hin und wieder schon, aber Isaac war schon eine Weile nicht mehr Gassi. Ich glaub, er hat ein bisschen vergessen wie."
      Kai richtete den letzten Satz spezifisch an Caitlin und nickte dann ganz leicht in Isaacs Richtung. Der Mann musste mal ein bisschen geschmeidiger werden und vielleicht war das hier genau das, was er dafür brauchte.
      Der Barkeeper stellte ihre Drinks auf den Tresen.
      Als Kai den zweiten an Isaac weiterreichte, meinte er zu ihm: "Keine Sorge, wenn du keine Lust auf ihre Flirtereien hast, behaupte einfach, dass wir auf einem Date sind."
      Er hob seinen Drink in die Höhe, sobald die Mädels ihre hatten.
      "Auf Caitlin, die Wirtschaftspsychologin!" rief er.


    • Drinnen war es dunkler, aber nicht finster. Lauter Farben knallten überall hervor, nicht nur von den Lichtern, sondern auch von den Leuten hier, die sehr gut alle Kais Freunde hätten sein können. Isaac mochte es hier. Es erinnerte ihn an Kai, deswegen gefiel es ihm.
      Sie gingen zur Bar, gefolgt von den jetzt gackernden Frauen. Isaac hoffte auf auf sein geliebtes dunkles Bier, als Kai sagte:
      "Cocktail, kein Bier!"
      Isaac protestierte halbherzig und bekam dafür ein: "Ich lad dich ein!" zurück.
      "Bloß nicht", erwiderte er und legte die Hand über Kais, um ihn am Zahlen zu hindern. Soweit käme es ja noch, dass er von Kai eingeladen wurde. Das hier war immerhin sein Vorschlag gewesen. Zumindest zur Hälfte.
      Er bestellte sich einen Swimmingpool, dann lehnte er sich gegen den Tresen und ließ den Blick schweifen. Mit seiner Rechten fummelte er ein wenig an seinem Hemd herum, aufgeregt, als Kai seine Hand ergriff.
      "Hey."
      Isaac sah wieder zu ihm hinab; die Perlen in seinem Haar funkelten manchmal im Licht. Er starrte darauf.
      "Entspann dich."
      Isaac atmete unwillkürlich aus.
      "Die Ladies sind nett und mindestens eine steht auf dich. Bei dem schlechten Licht kann niemand sehen, was du schon den ganzen Abend zu verstecken versuchst. Lass mal los!"
      Isaac schmunzelte ein bisschen, besonders als Kai ihm einen Hüftschwung verpasste. Der Mann schien irgendwie genau zu wissen, was er sagen musste.
      "Und glaub bloß nicht, dass ich dich nicht mit auf die Tanzfläche zerre!"
      "Du hast mich schon vorgewarnt. Mach du dich lieber darauf gefasst, dich neben mir zum Affen zu machen."
      Wobei er glaubte, dass Kai das nicht im geringsten stören würde. Im Gegenteil, er konnte ihn schon fast lachen hören.
      Die Frauen holten zu ihnen auf und bestellten sich ihre eigenen Cocktails. Isaac war zufrieden damit, Kai das Reden übernehmen zu lassen, das konnte er immerhin gut. Sogar noch besser als Isaac, denn er umschiffte die ganze eigentliche Situation so elegant, dass es sich schon wie normal anhörte - als wäre Isaac einfach irgendwer. Er lächelte damit und entspannte sich noch weiter. Das war ja sogar ganz angenehm.
      Die Cocktails kamen und Kai bemühte sich um Isaacs Getränk, um ihm dabei zuzuflüstern:
      "Keine Sorge, wenn du keine Lust auf ihre Flirtereien hast, behaupte einfach, dass wir auf einem Date sind."
      Isaac schnaubte, weil, das war ja wohl irgendwie abwegig, aber dann war er sich doch nicht ganz so sicher. Er starrte Kai an, aber bevor er etwas erwidern konnte, hob der andere schon sein Getränk in die Höhe.
      "Auf Caitlin, die Wirtschaftspsychologin!"
      "Auf Caitlin!", echoten die anderen und gackerten. Es wurde getrunken und dann bestellte Rachel gleich eine Runde Shots für sie alle.
      "Oh doch!", rief sie, als Caitlin protestierte. "Das ist Tradition! Jungs, ihr seid eingeladen!"
      Caitlin sagte etwas, was in dem Lärmpegel unterging, was die Shots aber nicht aufhalten konnte. Es wurde ausgeteilt und Isaac kippte sich den Schluck hinunter. Es brannte im Abgang und sein ganzer Körper kribbelte davon, aber er behielt eine gleichgültige Miene. Die Frauen zogen alle Grimassen und tranken gleich von ihren Cocktails nach.
      Isaac konnte gar nicht mehr einschätzen, wie viel Alkohol er noch verkraftete. Er orientierte sich an Kai und trank dann, wenn der andere auch trank.
      "Also", rief Rachel über die Musik hinweg, "wer zuletzt auf der Tanzfläche ist, muss die nächste Runde bezahlen!"
    • Kai sagte nicht Nein zu einer Runde kostenloser Shots. Er nippte noch einmal an seinem Cocktail, bevor alle Position bezogen. Isaac kippte seinen runter, als sei es nichts. Die Mädels verzogen alle das Gesicht. Kai schüttelte sich als er spürte, wie sich der Alkohol in seinem Körper ausbreitete. Es fühlte sich an, als renne ein kleiner Mann durch seine Venen und schaltete dabei alle Lichter an. Was für ein Rausch!
      "Wer zuletzt auf der Tanzfläche ist, muss die nächste Runde bezahlen!"
      "Oop! Das lass ich mir nicht zweimal sagen."
      Kai stellte seinen Cocktail ab und rauschte Rachel hinterher, wobei er Isaac nicht losließ - sonst würde der sich nur wieder drücken und das durfte Kai unter gar keinen Umständen zulassen!
      Rachel stoppte irgendwo auf der Tanzfläche, wo Platz war, und fiel sofort in den Rhythmus der Musik. Kai erging es nicht anders. Der Beat war einfach ansteckend! Rachels Freundinnen kamen auch dazu, aber Kai hatte keine Ahnung, wer denn jetzt das Wettrennen verloren hatte. War ihm aber auch eigentlich ziemlich egal.
      Kai ließ sich treiben, ließ seine Gedanken alle aus seinem Kopf fließen wie Wasser aus einem Abfluss. Sein Kopf war schnell leer, obwohl er immer so voll war. Stattdessen zog die Musik ein, die Stimmung, seine Begleitungen. Er dachte über keine einzige Bewegung nach, er bewegte sich einfach. Die Musik führte ihn genauso wie Rachel, die seine Hände für einen Moment ergriff und sie zusammen tanzen ließ. Dann tanzte Kai wieder allein. Die Musik wechselte mit einer geschmeidigen Überleitung und so änderten sich auch Kais Bewegungen. Die Freiheit, die das bot, war unbeschreiblich.
      Er wollte sie teilen. Also streckte er die Hand nach Isaac aus und wirbelte ihn herum, brachte ihn dazu, sich ebenfalls im Rhythmus der Musik zu bewegen, half ihm, den Fluss zu finden, auf dem auch Kai herumtrieb.