Genre: HL, Drama, Dark Romance, Fantasy
X hatte nie geglaubt, dass Erinnerungen vererbt werden konnten. Doch manchmal roch der Wind nach alten Geschichten, und der Name „Peter“ ließ Wendy Darling immer noch lächeln, als wäre er ein Versprechen. Oder eine Warnung. X hatte beides nie unterscheiden können.
Sie selbst war nicht wie ihre Großmutter. Sie hatte ihre Träume in Regeln gepresst, ihre Kindheit eingesperrt zwischen Stundenplänen und To-do-Listen. Sie wollte Ärztin werden, keine Heldin. Verantwortung, nicht Wunder.
Und dann kam er.
Er stand am Fenster, als hätte er nie aufgehört zu warten. Seine Augen sahen sie an, als suchten sie etwas, das nicht mehr da war – oder nie gewesen war. In seinen Blicken lag kein Erstaunen, sondern Wiedererkennen. Sehnsucht. Besitz.
Er hielt sie für Wendy.
Sie lachte nicht. Sie schloss das Fenster. Doch in der Nacht hörte sie das Glas wieder klirren.
Er kam nicht nur wegen ihr. Er kam, weil etwas ihn rief. Vielleicht der Schatten, den sie hinterließ, wenn sie die Tür zum Hörsaal schloss. Vielleicht das Echo eines Lachens, das nie ihr gehörte.
Sie wehrte sich.
Doch er war nicht mehr nur ein Junge, der fliegen konnte. Er war gewachsen – durch Blut, durch Verrat, durch all die Jahre, in denen er die Leichtigkeit verlor, um seine Heimat zu verteidigen. Sein Blick war tiefer geworden. Seine Hände härter. Und die Dunkelheit, die ihm folgte, roch nach Asche und Metall.
In der dritten Nacht nahm er sie mit.
Nicht mit Worten. Nicht mit Bitten. Sondern mit einer Berührung, die sich anfühlte wie ein Riss im Raum. Sie spürte, wie ihre Knochen sich weigerten, doch ihr Herz schon längst fiel. Der Wind schnitt durch sie hindurch, und dann war da nichts mehr – außer Kälte, Sterne und ein zweiter Schatten, der über ihre Schulter huschte. Flink, funkelnd, kaum sichtbar. Eine Lichtspur mit Zähnen.
Nimmerland war kein Paradies mehr.
Der Himmel war dunkler. Die Kinder waren verschwunden. Die Bäume flüsterten in Sprachen, die selbst Peter nicht mehr verstand. Und X? Sie stand inmitten von dem, was einst Magie war – und jetzt ein verzerrter Traum war, den niemand mehr aufwecken konnte.
Peter lächelte, wenn er sie ansah. Aber sein Lächeln war ein Schnitt.
Er glaubte, sie sei zurückgekehrt. Seine Wendy.
Und X begriff, dass sie keine Rolle in dieser Geschichte spielen wollte.
Doch das Spiel hatte längst begonnen.
Und irgendwo zwischen den Bäumen schwebte Tinker Bell – kleiner als Erinnerung, größer als Gefahr. Sie sagte nichts. Aber ihre Stille fraß sich in X’ Gedanken wie Efeu.
Denn Feen vergessen nicht.
Und Tinker Bell hatte lange gewartet.
