Haunted [Winter & Alea]

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    • Während er jede Schublade der Kommode durchsuchte, machte sich auch Violet an die Arbeit und warf einen Blick in das Nachtkästchen und suchte nicht nur auf, sondern auch unter dem Bett. Sie war also recht beschäftigt, als er gerade die letzte Schublade aufzog und dann plötzlich ein übergroßen Schlüpfer der alten Dame in seinen Händen hielt. Peinlich berührt stopfte er das Teil hektisch wieder dort hinein, wo er es herhatte und beschloss, dass nicht in diesem Fach zu finden war.
      Danach ging er an den Schrank und zwischen den vielen Stapeln an Bettwäsche, fand er nur große Stücke Seife, die wohl ihren Duft an den Stoff abgeben sollten, was mehr oder minder auch so passierte. Manche der Stücke dufteten wirklich sehr gut, doch groß etwas anfangen konnte er damit eh nichts, also blieben die Seifenstücke zwischen den Laken.
      Als nächste öffnete er die Schranktüre mit den Kleidern und Mänteln und wie es sich für einen gründlichen Agenten gehörte, steckte er in jede Tasche auch seine Hand hinein. Zutage kamen Bonbons, ein paar Münzen, gebrauchte Taschentücher (Igitt!) und ein alter großer Schlüssel. Dieser war interessant und wurde daher auch mitgenommen, als Violet nach ihm rief.
      Die junge Frau kroch gerade wieder unter dem Bett hervor und man konnte an Felix’ Blick erkennen, dass sie mit Staub bedeckt war. Mit spitzen Fingern fischte er eine besonders große Flusenmaus von ihrer Schulter und warf dann einen Blick in den Karton.
      "So ein edles Stück hätte ich nicht im Besitz der alten Dame er watet." kommentierte er die hölzerne Spieluhr, die noch mehr Überraschungen zutage brachte. In einem Geheimfach wurde das Medaillon versteckt, was nun in den Händen von Violet lag.
      "Nichts?" war der Weißhaarige überrascht und als auch er den Goldschmuck in den Händen hielt und es genauer betrachtet, konnte auch keine Aura oder ähnliches erkennen. Das Einzige, was ihm auffiel, war der Verschluss und so öffnete er das Medaillon und ein Foto von der jungen und glücklichen Miss Wadsworth und ihrem verstorbenen Ehemann wurde sichtbar.
      "Ich sehe auch keine Aura, also ist das wohl nicht unsere gesuchte Quelle. Sonst würde der Geist auch im Schlafzimmer spuken und nicht unten in Küche und Wohnzimmer." stellte er fest und legte die Kette wieder in die Spieluhr. "Es scheint keine Erben zu geben, daher würde ich sagen, wir spenden die Wertsachen an ein Waisenhaus." schlug er dann so gleich vor. Natürlich behielt Felix nichts, was anderen gehörte, egal wie wertvoll es war. In seinen Augen war es am besten bei der bedürftigen Bevölkerung aufgehoben.
      "Ich habe dafür aber den hier gefunden." zeigte er Violet nun den großen Metallschlüssel, der nicht so aussah, als würde er in irgendeine Türe des Hauses passen. "Es gibt einen Keller, vielleicht ist er für dort unten." überlegte Felix laut und reichte den Schlüssel kurz der Agentin, falls sie etwas erfühlen konnte, doch er sah nicht und so ging er auch davon aus, dass sie nichts spüren würde.
      "Lass uns die Urne besser betrachten. Vielleicht ist das sogar die Quelle." meinte er dann weiter und nahm den Schlüssel wieder an sich, sobald Violet ihre Expertise dazu ihm mitgeteilt hatte. In den Keller zugehen hätte er sogar interessant gefunden, doch das hatte jedoch gar nichts mit ihrem jetzigen Geist zu tun. Außerdem war die Zeit natürlich weiter fortgeschritten und die Sonne war auch schon untergegangen. Ab jetzt werden Geister immer eher auftauchen, vor allem um Mitternacht, doch es reicht auch, dass es Nacht war und es kein Sonnenlicht mehr gab.
      Besonders starke und gefährliche Geister tauchen natürlich auch bei Tageslicht auf, doch mit denen sollte man sich nicht anlegen. Auch erst kürzlich Verstorbene konnte man bei Tag sehen bzw. wahrnehmen, wenn man denn eine Gabe besaß.
      Mit der Spieluhr unterm Arm kehrte Felix wieder in die Küche zurück, das wollte er zumindest und als er dann wieder bei der Treppe stand, sah er Violet fragen an. Er überließ er ihr, wob sie erneut seine Hilfe beanspruchen wollte.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • "So ein edles Stück hätte ich nicht im Besitz der alten Dame erwartet", äußerte Felix nachdem er Violet etwas Staub von der Schulter gewischt hatte. Die Geste verwirrte die Agentin, obwohl sie es nur wirklich ungern zugab. Bei Felix Damerau wusste man nie, woran man war...und dabei hatte sie vor wenigen Stunden das erste Mal mit ihm gesprochen.
      "Vermutlich auch ein Erbstück", steuerte Violet bei. "Wenn Sie das Medaillon ihrer verstorbenen Mutter darin aufbewahrte, muss es für sie von großer Bedeutung gewesen sein."
      Violet sah zu wie Felix das Medaillon mit ernster Miene betrachtete und glaubte einen Hauch von Enttäuschung in seinen Augen zu erkennen, dass es nicht gesuchte Quelle war. Sang- und klanglos verschwand die kostbare Goldkette wieder in der Spieluhr. Was Damerau dann sagte, verwunderte Violet wirklich. Er wollte die Wertsachen der alten Mrs. Wadsworth einem Waisenhaus spenden?
      Für einen Agenten, den ständig eine gewisse Aura der Gleichgültigkeit umgab, versteckte er offensichtlich ein großes Herz für die weniger Privilegierten. Ein Moralkodex bezahlte leider keine Rechnungen, keine Schulden noch das Essen auf dem Tisch. Violet schob das schlechte Gewissen beiseite. Die Entscheidung war längst gefallen, die Gegenstände an ihren Onkel zu übergeben. Er würde bestimmt stolz auf sie sein. Damerau zeigte sie ihre Gedanken nicht sondern lächelte und nickte zustimmend.
      "Natürlich. Ich kann mich darum kümmern, wenn du möchtest", bot sie hoffnungsvoll an. Wenn Felix die Fundstücke selbst ablieferte, konnte sie sich den Gewinn abschminken.
      Der Kellerschlüssel weckte ebenfalls ihr Interesse, denn wer konnte schon sagen, was eine alten Frau alles in ihrem Keller versteckte. Zwischen Kartons, Kisten und alten Erinnerungsstücken ließ sich sicherlich etwas finden, womit sich auf dem Schwarzmarkt ein stolzes Sümmchen verdienen ließ. Wie sie an den Kellerschlüssel kam, darüber würde sie sich später den Kopf zerbrechen und wenn sie länger in diesem Haus blieben, würden sie ohnehin bald mit der Entrümplung anfangen. Eigentlich musste sie nur warten.
      Violet stand auf und folgte Damerau zurück in den Flur.
      An der Treppe sah er sie abwartend an und die Brünette schob skeptisch ihre Brille höher auf die Nase. Es sah fast ein wenig danach aus, als wollte Felix ihr seinen Arm anbieten und ihr die Treppe herunterhelfen. Wieder spürte sie dieses befremdliche, warme Kribbeln im Nacken und das hatte rein gar nichts mit der Präsenz im Haus zutun.
      "Geht schon...", nuschelte Violet und schob sich an Felix vorbei obwohl sie ein leichtes Unbehagen verspürte, sobald sie die Stufen betrat.
      Dieses Mal war sie darauf vorbereitet und schaffte es ohne Zwischenfall die Treppe herunter.
      Sie würde Damerau ins Wohnzimmer, wo die Urne auf dem Kaminsims stand. Bereits bei ihrem ersten Rundgang durch das Erdgeschoss, hatte sie in diesem Raum einen kalten Hauch gespürt. Die Kälte war nicht alles gewesen, da war noch mehr. Das Echo von bedingungsloser Zuneigung und Zufriedenheit lag in der Luft. Die Empfindungen waren nicht komplex genug um von einem Menschen zu stammen. Doch als Violet die Urne mit den Fingerspitzen berührte, versteifte sich ihr Körper. Jetzt war da wieder diese schwere Einsamkeit und Trauer. Der Verlust des pelziges Freunde wog so schwer, dass Violet sich eine Träne aus dem Augenwinkel blinzelte.
      Hastig trat sie einen Schritt zurück und rieb sich über die Wangen.
      "Es ist die Urne. Ich bin mir sicher", murmelte sie und hielt nun einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Sie hatte das Bedürfnis die Urne in sofort in einen Behälter aus Silberglas zu verfrachten. Die Emotionen in diesem Haus waren an den kritischen Punkten einfach zu intensiv. "Was sollen wir tun? Sie aus dem Haus bringen? Versiegeln? Haben wir überhaupt eine Plombe hier, die groß genug für die Urne ist?"


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der junge Agent war weder enttäuscht oder sonst irgendwas, nur weil die gefundene Kette nicht die gesuchte Quelle ist. Er war sogar eher erleichtert, dass von dem Stück keine Gefahr ausging und man es so verkaufen konnte und den Erlös an einen wohltätigen Zweck spenden konnte. Er empfand es nur logisch, sich nicht an den Wertsachen der Verstorbenen zu bereichern, schließlich war er kein Dieb!
      Außerdem bezahlt die Agentur ihre Agenten doch sehr gut, schließlich setzen sie bei dem Job alle ihr Leben aufs Spiel. Da war es doch nur das Mindeste, dass man mit einem guten Gehalt belohnt wird.
      Als Violet dann anbot, dass sie die Sachen zum Waisenhaus bringen kann, sah Felix sie kurz länger an. Er unterstellte ihr nichts, doch er war sich damit auch nicht ganz sicher. "Das entscheiden wir dann, wenn wir hier mit dem Geist fertig sind." entgegnete er ihr daraufhin nur und ließ das fürs erste offen.
      Violet würde noch zu ihrem Bedauern feststellen, dass er im regen Kontakt mit diesem Waisenhaus stand und er es also sehr wohl bemerken würde, wenn die Spende nicht ankommt.
      Dieses Mal bewältigte Violet die Treppe ohne seine Hilfe, was Felix nur mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nahm. Ein Lob oder dergleichen konnte sie da nicht von ihm erwarten.
      Im Wohnzimmer angekommen betrachtete er zum ersten Mal die Urne und er konnte die Aura, die sie ausstrahlte, direkt erkennen. Auch Violet näherte sich der Urne und berührte diese, worauf sie sich sofort etwas versteifte, das konnte Felix an ihrer Körperhaltung erkennen.
      "Was hast du gespürt?" fragte er sie, als sie sogar etwas von der Urne zurückwich und sehr überzeugt von sich gab, dass es sich um die Quelle handeln musste.
      "Wenn wir die Urne einfach nur aus dem Haus bringen, wird der Geist an dem neuen Ort der Urne auftauchen. Wir haben aber ein Silbernetz da, darin könnten wir die Urne wickeln und somit sollte der Geist eigentlich verschwinden." erklärte Felix, welche Möglichkeiten sie hatten. "Was wir aber nicht wissen, ist die Quelle die Urne selbst oder der Inhalt?" fragte er sich, fand er das doch einen sehr spannenden Gedankengang. Was würde passieren, wenn sie die Asche vergraben oder das Gefäß zerbrechen? Würde der Geist dann auch verschwinden oder vielleicht sogar aggressiver werden?
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • „Traurigkeit“, antwortete Violet mit dünner Stimme. Es war nicht immer leicht, die Emotionen der Verstorbenen von der eigenen Gefühlswelt abzuspalten. „Verlust. Mrs. Wadsworth muss sich sehr einsam gefühlt haben, wenn sie die Urne betrachtet hat. Whiskers war ein Teil ihrer Kindheit, ein Begleiter und ein Freund. Die Trauer ist an dieser Stelle noch so stark, als wäre der Kater erst vor ein paar Monaten gestorben, nicht schon vor Jahrzehnten. Das Tier war Familie für sie.“
      Violet rümpfte unglücklich die Nase, als sich doch eine vereinzelte Träne aus ihrem Auge stahl. Der Hound hatte Recht. Sie fühlte zu viel. Hastig zog sie ein Taschentuch aus der dem Kragen ihrer Weste, die sie eigenhändig um geschneidert hatte. Das Kleidungsstück war ursprünglich für einen jungen Mann genäht worden, und verlieh Violet fast eine burschikose Note. Eilig tupfte sie die unerwünschte Träne von ihrer Wange.
      Bei Felix‘ Überlegungen schüttelte Violet den Kopf.
      „Ehrlich gesagt, fühle ich mich nicht wohl dabei, die Asche einfach irgendwo im Garten zu verbuddeln. Wir sollten Whiskers ordentlich bestatten. Mit seiner Urne. Das ist keine dumme Halskette, kein verblasstes Foto oder ähnlicher Krimskrams. Darin steckt ein Lebewesen, zumindest was davon übrig ist. Wir sollten damit respektvoller umgehen…“, widersprach Violet und ignorierte die Stimme ihres Onkels, der leise in ihrem Hinterkopf flüsterte.
      Du bist zu weich, Violet.
      Vermutlich würde Violet sogar ihr letztes Hemd verhökern, wenn sich damit die richtige Summe erzielen ließ, aber bei einer Urne mit einem toten Tier darin war dann doch Schluss.
      „Mrs. Wadsworth hätte sicherlich nicht dagegen, wenn wir ihn in dem Blumenbeet vor dem Fenster beerdigen, zwischen den Rosen und Vergissmeinnicht. Sollte es nicht reichen, das Silbernetz um die Urne samt Asche darin zu wickeln um die Quelle zu versiegeln? Die Strahlwirkung des Silbers sollte dafür doch genug sein?“
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Felix schielte zu seiner Kollegin, als diese ein Geräusch von sich gab, dass sich wie ein leises Schniefen anhörte, so wie wenn man weinte. Er atmete ein Mal tief durch, damit er keinen unangemessenen Kommentar von sich gab, bezüglich Frauen und ihrer Emotionen. Man hatte in der Agentur schon ein mal angemerkt, dass seine Aussagen manche Agentinnen als unangebracht empfanden und eine weitere Rüge wollte sich der Weißhaarige sich diesbezüglich nicht einhandeln, war schon die erste Ermahnung eine zu viel. Zum Glück haben das seine Eltern nicht mitbekommen oder schlimmer, sein Bruder Viktor. Dann hätte er sich bestimmt etwas anhören dürfen. Nein, nein, darauf konnte er gut und gerne verzichten, also presste er lieber seine Lippen zusammen und verkniff sich jeglichen Kommentar.
      Ruhig hörte er sich auch ihr Argument an, bezüglich der Urne und mit einem Schulterzucken gab er nach. Sie waren ja nicht hier, um zu experimentieren, was er auch lieber dem Forschen der Agentur überlasen sollte, sondern um einen Geist zu bannen.
      "Also gut, dann werden wir die Urne mit dem Silbernetz umwickeln und dann im Garten vergraben. Aber um ganz sich zu sein, dass das sie Quelle ist, müssen wir das Erscheinen von dem Geist abwarten. Erst wenn der da ist und verschwindet, sobald die Urne mit dem Silber versiegelte wird, können wir uns sicher sein, dass wir alles richtig gemacht haben. Ich möchte in keinem Haus leben, wo noch ein Geist spukt." warf Felix ein und ging dann an den Koffer mit all den anderen Hilfsmitteln und holte das feinmaschige Silbernetz hervor, dass er Violet hinhielt.
      "Die Aufgabe überlasse ich dir. Ich werde den Geist notfalls mit dem Degen in Schach halten, falls er aggressiv werden sollte." verteilte er auch schon die Aufgaben. Das Vergraben selber konnten sie dann am nächsten Tag machen, wären die Nachbarn bestimmt nicht allzu glücklich darüber, wenn mitten in der Nacht jemand im Garten gräbt, das würde auch irgendwie komisch wirken.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Skeptisch beäugte Violet das Silbernetz. Die glänzenden Ösen waren so eng miteinander verbunden, dass es geradezu durch ihre Finger floss. Das größte Silbervermögen in ganz Albhain war den Agenturen vorbehalten. Auf dem Schwarzmarkt wäre allein das Material ein kleines Vermögen wert. Gleichzeitig war Silber ein effektives Hilfsmittel gegen Geister und Erscheinungen aller Art und trieb somit den Preis bei besonders abergläubischer und schreckhafter Kundschaft in die Höhe. Mit großen Augen sah Violet zur Felix auf und erkannte zu ihrer Befürchtung, dass er diesen Vorschlag tatsächlich ernst meinte.
      "In Ordnung. Dann sollten wir uns wohl langsam auf die Lauer legen...", antwortete Violet. Was blieb ihr auch Anderes übrig.
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      Allmählich fielen Violet die Augen zu. Die Glocken zur Sperrstunde hatten vor Ewigkeiten geläutet. Bereits seit einigen Stunden verharrten Felix und sie hinter dem kleinen Sofa im Wohnzimmer und behielten den Kaminsims im Auge. Sie hatten das verlebte Möbelstück etwas zurecht gerückt, um dahinter in Stellung gehen. Wenn es nach Violet gegangen wäre, hätten sie die Urne ohne weitere Verzögerung in das Netz gewickelt, aber Damerau bestand auf einem unwiderlegbaren Beweis. Dafür hieß es weiter warten. Die Geisterstunde näherte sich mit jedem Ticken des Sekundenzeigers ein wenig mehr. Die kleine Uhr auf dem Kaminsims schlug gerade 3 Uhr, da bereitete sich eine leichte Kälte über den alten Teppichboden aus. Neben Felix versteifte sich Violet und umklammerte das Netz ein wenig fester.
      "Fühlst du das?", fragte sie und meinte damit nicht nur die Kälte, die langsam über den Boden kroch.
      Als das mulmige Gefühl in ihrer Magengrube weiter zu nahm, spähte sie vorsichtig über die Rückenlehne des Sofas, konnte aber beim besten Willen nichts erkennen. Mit angehaltenem Atem tauchte sie wieder dem Sofa ab und sah Felix an. In ihrem Augenwinkel begann eines der Indikatorlichter auf dem Sekretär neben dem Fenster zu flackern.
      "Kannst du sie sehen? Was macht sie?", flüsterte sie etwas leise, wobei sich der Atem vor ihrem Mund in flüchtigen, weißen Wölkchen zeigte.
      Ungesehen von Violet schritt der verblichene Geist von Mrs. Wadsworth in das dunkle, nur von kleinen Indikatorlichtern erhellte Zimmer. Sie trug dieselbe, klassische Kittelschürzte, die wohl jeder Großmutter in ihrem Kleiderschrank besaß. Dazu plüschige Pantoffeln und Lockenwickler in ihren dünnen Haaren. Vor dem Kaminsims stoppte die alte Dame. Ihre Konturen waren für einen Schemen sehr deutlich zu erkennen, wenn sie sich am Rand auch manchmal ein wenig verloren wenn das Abbild der Katzenliebhaberin sich bewegte. Leere, dunkle Augen schienen die Urne zu fixieren und wäre ein Hörnender unter ihnen gewesen, hätte er ein schweres Seufzen vernommen.
      Violet war neben Felix ein wenig blasser geworden und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Sie fühlte alles. Ihre Hände zitterten während sie das Netz umfasst hielt und auf das Zeichen von Damerau wartete, sich aus ihrer Deckung zu lösen und das Netz über die Urne zu werfen.

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    • Der Geist schien sich viel Zeit zu lassen, denn obwohl es schon weit nach 1 Uhr, in der Früh war, passiert noch rein gar nichts, außer dass die beiden Agenten immer müder und müder wurden, was gefährlich war. Für diesen Fall hatte Felix immer ein Päckchen Kaffee-Schoko-Bohnen dabei, von denen er auch Violet ein paar abgab. Man musste sich zwar an den leicht bitteren Geschmack etwas gewöhnen, aber dafür hielt einen das Koffein doch gut wach.
      Hinter dem Sofa kauernd, erschienen endlich die ersten Anzeichen für einen Geist. Es wurde schlagartig merklich kühler im Wohnzimmer, dass man sogar seinen Atem für einen kurzen Moment sehen konnte. Die Indikatorlichter flackerten auf, und wen man genauer hinsah, konnte man deutlich erkennen, dass es bei der Treppe mit allem angefangen hatte.
      Der nächste eindeutige Hinweis auf die Anwesenheit eines Geistes war die Maladigkeit, die nun beide Agenten deutlich spüren konnten, ein Gefühl von Mutlosigkeit und Trägheit, wobei sie darauf vorbereitet sind und wussten, dass dieses Gefühl sie nicht übermannen durfte. Die Schokolade half dabei ein kleines bisschen.
      "Fühlst du das?" vernahm er die leise Frage von Violet, worauf er nur stumm nickte. Er spähte dann hinter der Sofalehne hervor und sah dann den Geist der verstorbenen Mrs. Wadsworth. Ihr Erscheinung glich der, wie sie aus dem Leben gerissen wurde; noch in Pantoffeln und gar mit Lockenwicklern im Haar. "Ja, sie ist da und sie schaut zum Kaminsims, dort, wo die Urne steht." flüsterte er ihr zurück. "Ich werde sie ablenken und du musst das Netz über die Urne werfen, denn ich erwarte, dass sie diese beschützen wird, wenn sich einer von uns ihr nähern wird." teilte er ihr seine Vermutung mit. "Bleib in Deckung und komme erst hervor, wenn sie vollkommen auf mich fixiert ist." wies er ihr im Flüsterton an und erhob sich dann.
      Sobald der Geist Felix erblickte, zögerte der Agent keinen Augeblick und zog direkt seinen Degen. Noch blieb der Schemen an Ort und Stelle und doch anhand seiner Bewegungen konnte man erkennen, dass er immer unruhiger wurde, je mehr sich Felix zwischen ihn und die Urne schob. Und dann stürzte sich Mrs. Wadsworths Geist nach vorne und griff den Weißhaarigen an. Dabei gab sie einen grellen Schrei von sich, der so deutlich war, dass auch er und Violet ihn hören können und dieser tat in den Ohren doch sehr weh. Die Gestalt des Geistes war jetzt auch deutlich für seine Kollegin sichtbar und Felix selber musste seine Brille aufsetzen, weil sonst das Leuchten, das von dem Geist ausging, ihn fast blendete.
      Je stärker oder auch aktiver ein Geist ist, desto erkennbarer ist dieser, für alle, die an sich im Alter sind, um noch in der Lage zu sein, Geister wahrzunehmen. Die ausgeprägten Gaben dienen vor allem dafür, schwache Spuren zu erkennen, so wie der Todesschein, der manchmal für Sehende auch nur schwaches Leuchten ist, oder der leise Nachhall der Stimmen der Verstorbenen, die für Hörende nur ein Wispern sein können.
      Der Geist, der sich aber gerade auf Felix stürzte, war deutlich sichtbar und die Gefühle, die von ihm gerade ausgingen, waren vor allem Wut, Zorn und eine fast unerträgliche Trauer. Das Ektoplasma des Schemens zischte auf, als dieser mit der Silberklinge in Berührung kam, worauf die Gestalt zurückwich. Das zuvor noch eher ruhige und leere Gesicht von Mrs. Wadsworth war nun eine hässliche Fratze und immer wieder versuchte sie an Damerau vorbeizukommen, um zu der Urne zu gelangen. Doch der Agent ließ das nicht zu. Mit schnellen und geschmeidigen Bewegungen seines Degens, hielt Felix den Geist in Schach und drängte ihn gar so gar ein bisschen zurück. Violet selber hatte er im Rücken und konnte nicht sehen, was sie tat. Er hoffte nur, dass sie langsam aktiv wurde, solange der Geist sich auf ihn konzentrierte.
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      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Bevor Violet protestieren konnte, hatte Felix sich erhoben. Es war erstaunlich, dass er sich die Maladigkeit nicht anmerken ließ. Sein Rücken war kerzengerade, der Blick entschlossen auf den Geist der armen Mrs. Wadsworth gerichtet. Violet indes fühlte sich wie ausgebrannt, als entzöge ihr die Geistererscheinung allen Lebensmut. Die Maladigkeit war für eine Fühlende mit einem ausgeprägten Talent wie Violet sehr gefährlich. Die betroffene Person musste einen starken Willen besitzen, um sich gegen dieses erdrückende Gefühl zu wehren.
      Es war paradox, dass gerade der schrille Schrei des Geistes wie ein Weckruf in ihren Ohren klingelte. Violet presste die Hände auf die Ohren, doch es half nicht. Obwohl sie die Gabe des Hörens nicht besaß, war die Intensität so stark, dass sie glaubte ihre Trommelfelle würden jeden Moment platzen. Mit bedeckten Ohren und zusammengekniffenen Augen spähte Violet über die Couch und die freigesetzte Energie ließ sie deutlich die aufgebrachte, alte Dame erkennen. Von der liebenswerten Mrs. Wadsworth, die auf den Fotos in die Kamera lächelte, war nichts mehr zu sehen. Violet war sich nun absolut sicher, dass es sich bei der Urne – oder der Asche – um die gesuchte Quelle handelte.
      Felix drängte sich zwischen Geist und der Urne und das schien den Geist noch mehr zu reizen.
      Sie konnte nicht anders, als zu bewundern, wie er geschickt und elegant die Angriffe mit seinem Degen abwehrte. Ein blinder hätte erkennen können, dass Felix ein Künstler mit der Klinge war. Kein Schritt war überflüssig, keine Bewegung unsicher und seine Augen immer stehts auf sein Ziel gerichtet. Zumindest Letzteres nahm Violet an, da sie durch die Brille seine Augen nicht mehr sehen konnte.
      Obwohl sich Violet konzentrierte, fiel es ihr schwer sich aufzuraffen.
      Die Maladigkeit griff erneut um sich, daran änderte dieses Mal auch das Gekreische des zornigen Geistes nichts. Dennoch schleppte sich die Agentin hinter der Couch hervor. Erst krabbelnd, dann stemmte sie sich in die Hocke und sammelte all ihren Willen zusammen um sich auf die Urne beim Kamin zu stürzten.
      Das Silbernetz schimmerte in der Präsenz des Übernatürlichen und noch einmal kreischte Mrs. Wadsworth auf, die wohl die Absicht erkannte oder spürte. Niemand war sich sicher, was Geister ihrer Art wirklich spürten außer Erinnerungen und einem letzten Restbild. Im Augenwinkel sah Violet wie sich der Geist mit verzerrter Fratze und aller Kraft auf Felix stürzte...oder eher versuchte an das Mädchen zukommen.
      Kurz dachte Violet darüber nach, ob sie ihm helfen sollte, den Angriff abzuwehren. Doch dadurch wäre ein Teil ihrer Rolle aufgeflogen, er konnte nicht wissen, dass sie über ihre Fechtkünste log. Das würde ihn misstrauisch machen und außerdem, war sie sich ziemlich sicher, dass der Agent ihre Hilfe weder wollte noch wirklich benötigte.
      Violet stolperte zum Kamin und versuchte das Spektakel in ihrem Rücken zu ignorieren, während sie das Netz um die Urne wickelte.
      Jetzt blieb ihr nur noch zuhoffen, dass die Stille hinter ihr bedeutete, dass der Geist und nicht Felix besiegt war. Es war schwer zusagen, selbst als Fühlende. Eine Weile blieb immer ein Echo zurück. Ein Nachhall, der mal weniger und mal mehr intensiv war.
      "Felix! Ich hab sie!", rief sie und legte eine gute Portion Erleichterung hinein. Als häte sie an dem Gelingen gezweifelt...Sorgfältig verknotete sie das Netz, doch ihr Partner ließ mit einer Antwort auf sich warten. "Felix?"
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    • "Was dauert das nur so lange?!" fragte sich Felix, während er den Schemen von Mrs. Wadsworth unermüdlich mit seinem Degen attackierte. Fast schon tänzelnd wich er den Angriffen des Geistes aus, tauchte unter einem Hieb des Armes herunter, oder drehte sich gekonnt zu Seite, als der Geist ihn packen wollte. Haarscharf entkam er den Attacken und schaffte es, nicht von dem Ektoplasma berührt zu werden. Dennoch hinterließ der Kampf Spuren und hier und da spritze ein Tropfen des Geisterblutes auf seine Jacke und brannte sich hinein. Doch das musste Felix ignorieren. Eine Jacke konnte man sich neu kaufen, aber nicht sein Leben.
      Der junge Agent war so auf den Kampf konzentriert, dass er schon fast vergessen hatte, dass sich ja Violet um die Quelle kümmern wollte und so hieb er plötzlich ins Leere und kam dabei beinahe ins Straucheln. Aber eben nur beinahe und schnell fing sich Felix wieder und steckte zufrieden seinen Degen weg, ehe er seine Jacke schnell auszog und beiseite legte, ehe er seine Arme untersuchte. Doch der dicke Stoff hatte das Ektoplasma daran hindern können, sich bis zu seinem Hemd durchzufressen. Erleichtert atmete der Weißhaarige auf und drehte sich dann zu seiner Kollegin um, als diese nach ihm rief. Hörte er da etwas Sorge aus ihrer Stimme heraus? Mit leisen Schritten, gedämpft durch den dicken Teppich im Wohnzimmer, ging er auf sie zu und legte seine Hand auf ihre Schulter.
      "Gut gemacht. Aber lass uns die Urne bitte erst morgen vergraben. Ich denke, dass uns kein Geist mehr hier heimsuchen wird." sprach er ein Lob aus und kehrte zum Küchentisch zurück, um den Rest seines kalten Tees zu trinken. "Da dieses Haus ja für uns ist, können wir auch gleich hier nächtigen. Ich kann gerne auf dem Sofa schlafen." bot er an, damit Violet das Schlafzimmer beziehen konnte. Er hatte kein Problem, in einem Raum zu nächtigen, in dem noch vor ein paar Minuten ein Geist war. Aber ob seine Kollegin dafür bereit ist, in dem Bett einer kürzlich Verstorbenen zu übernachten? Er selber hatte in dem Sinne auch keine Skrupel und unehrlich zu sein, war er jetzt auch viel zu müde. Über alles andere konnten sie am nächsten Morgen sprechen.
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      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • "Gut gemacht." Violet schnappte nach Luft, als sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter verirrte. Sie hatte Felix' Stimme zwar erkannt, aber trotzdem kam die Berührung so unvermittelt, dass sie zusammenzuckte. Erschrocken legte sie sich die Hand übers Herz, sah aber ganz allgemein mehr erleichtert als verschreckt aus. Er wollte die Urne erst morgen aus dem Haus schaffen? Na gut.
      "Okay, kein Problem", antwortete Violet, überprüfte ein letztes Mal, dass der Knoten auch richtig fest saß und stellte die verschnürte Urne auf dem Boden neben dem Kamin ab. Dabei fiel ihr Blick auf die Jacke, die Felix wohl ganz in Eile einfach auf den Boden geworfen hatte. Sie zog grübelnd die Augenbrauen zusammen und da entdeckte sie die eingeätzten Löcher in dem dicken Stoff. Oh!
      Violet richtete sich wieder auf und ließ den Blick prüfend über Felix wandern, doch das weiße Hemd sah zum Glück völlig unversehrt aus. Der Agent mochte arrogant und schroff daherkommen, aber erleichtert war sie trotzdem. Natürlich nur, weil es ganz furchtbar aussehen würde, wenn ihr Partner schon nach der ersten Nacht im gemeinsamen Dienst im Krankenbett landete. Dafür sah Damerau erschöpft aus. Kein Wunder, sie hatten bis spät in die Nacht gewartet und er hatte es ganz allein mit dem Schemen aufgenommen.
      "Hm. Dein Mantel ist wohl hinüber", sie sah noch einmal zu den löchrigen Ärmeln seines Mantels, die noch leicht dampften und zischten. Violet schob das noch wenig qualmende Kleidungsstück etwas mit dem Fuß zurück. Sie folgte Felix zurück in die Küche.
      "Ähm, nimm du ruhig das Bett. Ich glaube nicht, dass ich dem Bett schlafen kann. Das ist mir zu schräg."
      Um die neue Einrichtung konnten sie sich eh erst in den kommenden Tagen kümmern. Sie wusste, dass man ihnen nach Bestehen dieser Prüfung die nötigen Mittel zu Verfügung stellen würde, damit sie ihrer Aufgabe auch ordnungsgemäß nachkommen konnten.
      "Ich kann auch auf dem Boden schlafen. Ist halb so schlimm. Ich brauch' nicht viel."
      Fahrig strich sich Violet die Haare aus dem Gesicht und schob sich ihre Brille zurück.
      Ehrlich gesagt, war sie total fertig, obwohl Felix den schwierigeren Part übernommen hatte.
      "Das war wirklich beeindruckend", sagte Violet leise. "Und das sag ich jetzt nicht, um mich einzuschmeicheln."

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    • Felix bemerkte das leichte Zucken von der Brünetten, hatte sie sich wohl etwas erschreckt. Er ging aber nicht drauf ein, war der Tag heute schon lange genug gewesen. Die Urne wurde noch mal überprüft, dass das Silbernetz auch sicher saß, da sie bestimmt nicht vom Geist von Mrs. Wadsworth geweckt werden wollten, da das eher ungut für sie ausgehen würde.
      "Berufsrisiko. Ist nicht der Erste." zuckte der Weißhaarige mit den Schultern, als Violet seinen Mantel ansprach, der vom Ektoplasma Löcher bekommen hatte. Da hatte er schon größere Löcher gehabt. Was die mal in den Agenturen erfinden sollten, ist Schutzkleidung für die Agenten. Das wäre mal etwas.
      "Wirklich? Du willst neben der Urne schlafen?" zog Felix verwundert die Augenbrauen hoch. Das hätte er nun wirklich nicht erwartet. Aber was würde das für einen Eindruck machen, wenn er das Bett nutzte und die junge Frau auf dem Boden schlief? Das wollte er auch nicht. "Wir haben uns noch nicht alle Zimmer angeschaut. Vielleicht finden wir ja noch ein Gästezimmer." schlug er dann vor und lief dann zu der Treppe. Die erste Stufe erklommen, sah er zu Violet zurück, als sie im doch tatsächlich ein Kompliment machte. "Eh, danke. Aber das war nur ein Schemen. Das solltest du auch drauf haben." meinte er dazu und erinnerte sich an einen Kampf mit einem Poltergeist zurück. Das war schlimm gewesen, denn zwei Agenten waren diesem sogar zum Opfer gefallen und verstarben an der Geistersieche. Felix schüttelte leicht den Kopf, um diese Erinnerung aus seinen Gedanken zu verscheuchen und erklomm dann die Treppe.
      Im ersten Stock ging er zielstrebig auf die beiden verbleibenden Zimmertüren zu, die sie vorher nicht geöffnet haben. Hinter der ersten befand sich eine Art Wandschrank, in dem sich Regenschirme, Mäntel und andere Dinge befanden. Das zweite Zimmer war tatsächlich ein Gästezimmer mit einem Bett. "Ich denke, hier drinnen hat schon länger niemand mehr genächtigt." sprach er Violet an und trat für sie auf die Seite. "Damit muss niemand auf dem Boden schlafen. Also, gute Nacht." wünschte er der Brünetten und wollte auch direkt das Schlafzimmer der Verstorbenen aufsuchen.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


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    • Manchmal wusste Violet einfach nicht, ob Damerau sich einen Scherz erlaubte oder es tatsächlich ernst meinte. Die Überraschung auf seinem Gesicht war schwer zu deuten. Felix ganz allgemein betrachtet, war ein schwer zu lesender Mensch. Er trug seine Gefühle nicht ständig zu Schau und wenn er es tat, hatte Violet bisher wenig gesehen, dass den jungen Mann sympathisch machte. Aber wenn Violet eines wirklich verstand, dann den Drang sich beweise zu wollen. Damerau hatte seinen Bruder, seine Familie. Sie hatte ihren Onkel.
      „Natürlich will ich nicht direkt neben der Urne schlafen…“, murmelte sie.
      Erstens strahlte die Urne trotz des Silbernetzes immer noch eine für Violet fühlbare Schwermut aus, die sie auf gar keinen Fall in ihren Träumen wollte und zweitens konnte sie das Ding sowieso nicht mehr entwenden und zu Geld machen. Sie wollten die Urne zusammen vergraben. Das Verschwinden würde Damerau definitiv auffallen. Ein Binder würde es merken.
      Die Enttäuschung darüber bisher mit leeren Händen dazustehen, verpuffte als Felix weitersprach.
      „Wenn ich das draufhätte, würde ich dich dann nach Trainingsstunden fragen?“
      Sie hatte es drauf, nur musste das niemand wissen.
      Violet folgte Felix die Treppen hinauf und fühlte sich tatsächlich erleichtert, als sie das Gästezimmer fanden. Es war verstaubt aber gemütlich und weit genug weg vom Hauptschlafzimmer. Einen kleinen Schreibtisch und Regale würde sie locker noch in den Raum bekommen. In der Dachschräge waren Fenster eingelassen und ließen das Mondlicht rein. Tagsüber hätte sie genug Licht.
      Felix wollte sich schon abwenden, da griff Violet nach seinem Ärmel. Vorsichtig hielt sie ihn am Stoff seines Ärmels fest. Eine zurückhaltende Geste, als einfach seinen ganzen Arm zu greifen. Sie zupfte leicht an dem Stoff, damit er sich noch einmal zu ihr umdrehte. Sie sah ihn durch die großen, runden Brillengläser an. Violet zauberte ein schüchternes Lächeln aus dem Hut.
      „Dank nochmal“, murmelte sie. „Dass du mich nicht gleich wieder weggeschickt hast.“
      So schnell wie sie nach ihm gegriffen hatte, ließ sie auch schon wieder los.
      Violet sah verlegen nach unten.
      „Guten Nacht.“
      Erst als Damerau die Tür hinter sich schloss, hob Violet ganz unbeobachtet den Kopf wieder und lächelte breit.
      Wenn sie ihre Arbeit gut machte, würde ihr Onkel bald sehr stolz auf sie sein und Felix Damerau würde der Schlüssel dazu werden. Mit ihm als Partner würden sich einige Türen für sie öffnen.

      _________________________________________________

      [Am nächsten Morgen]

      Violet stand in der Küche und summte leise.
      Die braunen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Dutt aufgetürmt, die Brille war ihr etwas die Nase heruntergerutscht und sie war barfuß. Sie pustete sich eine verirrte Strähne mit wenig Erfolg aus dem Gesicht, weil sie an der Brille hängen blieb. Vor ihr brutzelten die Eier in der Pfanne. Der Bote, der die Ausrüstung gebracht hatte, war so umsichtig gewesen, ein paar Vorräte mitzubringen. Violet zupfte an dem Stoffgürtel ihres Morgenmantels, den sie über ihren Pyjama geworfen hatte und nahm den Teekessel vom Herd, als er leise zu pfeifen begann.
      Das Haus fühlte sich an diesem Morgen schon ganz anders an als gestern. Ruhiger. Wärmer.
      Auf dem Platz, den sie für Felix mit gedeckt hatte, lag neben dem Teller bereits der vollständige Bericht der gestrigen Nacht. Dafür hatte sie zwar sehr wenig Schlaf bekommen, aber konnte sich damit vielleicht ein paar Pluspunkt bei Felix erkaufen. Apropos Damerau...Hätte Violet nicht ganz genau hingehört, hätte sie fast nicht bemerkt, dass er die Küche betreten hatten. Er bewegte sich fast lautlos und elegant, dass war ihr bei seinem Kampf schon aufgefallen. Summend drehte sie sich um und legte all ihr Können darin möglichst erschrocken auszusehen, als hätte sie ihn bis jetzt noch gar nicht bemerkt.
      Violet legte sich die Hand aufs Herz und atmete tief durch.
      "Meine Güte hast du mich erschreckt", lachte sie atemlos und schob sich die Brille zurpück auf die Nase. "Musst du dich so anschleichen? Guten Morgen, erstmal. Frühstück? Ich habe den Bericht von gestern Nacht vorbereitet, falls du drüber schauen möchtest bevor ich ihn abgebe. Papierkram erledigt, wie versprochen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als Violet ihm an seinem Ärmel festhielt, blieb Felix stehen und sah sie verwundert an. "Hoffentlich bekommt sie jetzt nicht doch noch Angst." dachte er sie nur und warf der Brünetten einen fragenden und auch skeptischen Blick zu. Ihr Dank, dass er sie nicht gleich wieder fortgeschickt hatte, weil das bei ihm schon hin und wieder mal vorkam, überrumpelte den Weißhaarigen kurz. Aber eben nur kurz und so fing dich der Agent gleich wieder und räusperte sich nur, ehe er etwas darauf erwiderte. "Es gibt noch keinen Grund dafür, also mach weiterhin gute Arbeit, dann wird das auch in Zukunft nicht geschehen. Also, gute Nacht." meinte er nur dazu und ging dann in das Schlafzimmer.




      Am nächsten Morgen war Damerau schon früh wach. Seine innere Uhr weckte ihn schon immer zwischen sechs und sieben Uhr in der Früh und heute war keine Ausnahme. Also holte er sein Gepäck, dass man ihm noch am Vortag mit den anderen Hilfsmitteln mitgebracht hatte und zog ich um. In einem frischen Hemd und gekämmten Haaren fühlte er sich auch gleich viel wohler. Das alles dauerte natürlich nicht sehr lange, also beschloss Felix, sich noch weiter im Haus umzuschauen, denn sie hatten das Gebäude noch nicht fertig erkundet, da sie ja recht schnell auf die Quelle gestoßen waren. So entdeckte er den Zugang zur Dachkammer des Hauses. Man erkannte den Zugang nur an dem Ring, der in der Decke steckte, um die Treppe herunterzuziehen. Es sah auch so aus, als hätte man diesen Zugang schon länger nicht mehr genutzt, da der Ring sogar mit Wandfarbe überstrichen wurde. Also mussten sie nicht nur einen Keller entrümpeln, sondern auch einen Speicher oder ein Dachgeschoss. Das würde bestimmt einige Tage in Anspruch nehmen. Der junge Agent machte sich dazu auch schon einen Plan, und schrieb auf, wie er am besten vorgehen wollte, als er Geräusche von untern hörte. Mit dem Degen an seiner Taille, ging er nach unten in die Küche und entdeckte dort Violet, die anscheinend das Frühstück vorbereitete.
      "Morgen." kam es eher knapp über seine Lippen und trat direkt an den Küchentisch heran, um sich den Bericht zu nehmen und auch direkt durchzulesen. "Ich schleiche nicht. Ein Geist wäre um einiges leiser. Du solltest daher einfach aufmerksamer sein." erwiderte er nur las sich die Seiten aufmerksam durch. Dabei konnte die Brünette sehen, wie er ab und zu seine Stirn in Falten legte oder seine Lippen kurz schürzte. "Der Bericht ist ganz ordentlich." gab er dann von sich, als er das Dokument wieder auf dem Tisch ablegte und sah dann zu Violet. "Also gut, Frühstück und danach wird die Urne begraben." nickte er und setzte sich schon mal an den gerichteten Platz. "Das Haus hat übrigens auch noch einen Dachboden. Das bedeutet, es kommt einiges an Arbeit auf uns zu, um hier alles zu entrümpeln." ließ er Violet wissen und beobachtete sie dabei, wie sie das Essen servierte. Felix gab es nicht zu, aber hatte jetzt wirklich einen großen Hunger und freute sich insgeheim auf das Frühstück. Rührei mit Speck war eben immer etwas Feines. "Muss ich mich darauf einstellen, dass ich dich immer in diesem Aufzug morgens vorfinden werde?" fragte er dann, da sich seine Kollegin anscheinend noch nicht umgezogen hatte. Bei seinen Eltern könnte er nicht im Traum daran denken, so vor ihnen aufzutreten.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
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    • Violet zuckte mit den Schultern.
      "Es ist 7 Uhr, Damerau. Welcher Geist würde uns um die Uhrzeit überfallen? Außerdem haben wir gestern das ganze Haus mit allen möglichen Vorkehrungen ausgestattet. Irgendwas davon hätte längst Alarm geschlagen", murmelte sie und zeigte sich über den Tadel peinlich berührt. Jedenfalls gab sich Violet große Mühe möglichst betreten auszusehen und zupfte zur Krönung ihrer Darbietung am zerknitterten Kragen ihres Morgenmantels.
      Der Bericht sieht g a n z o r d e n t l i c h aus. Ein hohes Lob aus dem Mund von Damerau und Violet zwang sich zu einem strahlenden, hoffnungsvollen Lächeln, als hätte sie jede Silbe geradezu aufgesaugt. Obwohl, ein kleines Bisschen war sie dann doch erfreut über die unerwartete Anerkennung. Scheinbar beflügelt durch das unverhoffte Lob am Morgen, tippte sich Violet mit dem Zeigefinger zu einem scherzhaften Salut an die Stirn. "Alles klar, Boss."
      Mit den Tellern voller Rührei und Speck gesellte sie sich zu Felix, dessen Miene zwar unverändert steif blieb, aber Violet bildete sich ein, dass dort ein ganz dezentes Funkeln in seinen Augen lag. Einem guten Frühstück hatte noch nie jemand lange widerstehen können. Bevor sie sich setzen konnte, bemerkte sie, wie Damerau sie musterte. Ah, ihrer morgentlicher Aufzug traf offensichtlich nicht seine hohen Ansprüche. Aber...es war nun mal früh am Morgen.
      "Was?"
      Da bekam sie auch schon die Bestätigung.
      "Es ist eben bequem", verteidigte sich Violet, schob ihre Brille überflüssigerweise zurecht und setzte sich Damerau gegenüber.
      Sie nippte an ihrem Tee, während sie Damerau eine Tasse hinschob.
      "Oder sind Schlafanzüge unter deinen Ansprüchen? Schläft der große Damerau etwa doch gleich in Hemd und Krawatte?", gluckste sie in einem Anflug von Übermut. "Solltest es mal ausprobieren", sagte sie und deutete mit einem Blick auf ihren Pyjama. "Man fühlt sich gleich weniger...steif."
      Was machte sie da?
      "T'schuldige..." murmelte sie da. "Muss der Schlafmangel sein. Ich rede dummes Zeug."
      Irritiert richtete sie den Blick auf ihre Frühstück.
      "Also...womit willst du anfangen? Dachboden oder Keller?", fragte sie schließlich, steckte sich eine Gabel mit Rührei in den Mund und zog ihr Notizbuch heran. "Ist es in Ordnung, wenn ich mich nach der Beisetzung der Urne auf den Weg mache, um den Bericht abzugeben? Ich beeil mich, damit wir mit dem Aufräumen anfangen können. Ich könnte bei der Gelegenheit auch gleich noch ein Besorgungen erledigen, wenn...du noch irgendetwas brauchst."
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Man weiß ja nie." zuckte Felix auf die Gegenfrage nur mit seinen Schultern. Seiner Meinung nach musste man immer bereit sein und mit allem rechnen. Man konnte ja auch von den Lebenden angegriffen werden. Als Violet ihn dann Boss nannte, wanderte seine rechte Augenbraue verwundert und auch skeptisch nach oben und sein Blick zeigte deutlich, dass ihm das nicht wirklich gefiel. "Nenn mich bitte nicht so." sprach er auch direkt aus. Er hatte ja nichts dagegen, dass sie ihn hier vielleicht als eine Art Anführer anerkannte, doch für seinen Geschmack wurde das mit der Betitelung mit "Boss" dann doch eher ins Lächerliche gezogen. Nicht, dass Felix denkt, die Brünette wolle sich über ihn lustig machen, aber so dachte einfach darüber.
      "Ich habe nichts gegen bequeme Kleidung. Die ist gerade für uns sehr wichtig, damit wir unbeeinträchtigt mit dem Degen kämpfen können." entgegnete er ihr ruhig und nahm sich seine Tasse mit Tee, ehe er davon einen Schluck nahm. "Und wenn du es wissen willst, ich schlafe manchmal auch nackt." Bei dieser Aussage blieb Dameraus Gesicht immer noch ganz ernst, so als würde er über das Wetter oder dergleichen sprechen und nahm dann ruhig einen weiteren Schluck aus seiner Tasse. Man konnte nicht sagen, ob das jetzt von ihm ein With war, oder es einfach die Wahrheit ist. Nur in seinen Augen konnte man wieder kurz ein schelmisches Glitzern sehen.
      "Dann hättest du ausschlafen sollen, aber Einsicht ist der erste Schritt zu Besserung." meinte er weiter. So tadelte er Violet eher subtil und widmete sich dann seinem Rührei mit Speck. "Lecker. Wirklich gut!" dachte er sich und man konnte durchaus erahnen, dass ihm das Essen schmeckte, so wie entspannt er beim Kauen aussah. Ob die Köchin dafür noch ein Lob bekommen würde, stand aber auf einem anderen Papier.
      "Ich würde gerne mit dem Keller beginnen. Und wenn du in die Stadt gehst, kannst du dich gleich danach erkunden, wer uns einen Container oder ähnliches zur Verfügung stellen kann, worin wir die unbrauchbaren Dinge aus dem Keller und Speicher werfen können. Die Agentur wird das bezahlen, vielleicht bekommt man dann eher etwas." trug er somit Violet schon indirekt auf. Alles andere, was funktionsfähig war und noch zu Geld machen könnte, kann man dann spenden oder so. Felix hat einfach kein Interesse daran, sich persönlich zu bereichern, was höchstwahrscheinlich daran liegt, dass er selber noch nie in finanziellen Schwierigkeiten war und zudem doch recht sozial agierte.
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    • Ok, 'Boss' strich Violet fürs Erste aus ihrem Vokabular gegenüber Damerau. Respekt ein wenig ins Lächerliche zu ziehen, wenn auch aus purem Spaß und nicht aus Böswilligkeit, brachte ihr keine Pluspunkte bei Felix ein. Violet gab sich größte Mühe peinlich berührt auszusehen, als schämte sie sich für den Versuch weniger verschüchtert zu wirken, und nickte nur.
      "Und wenn du es wissen willst, ich schlafe manchmal auch nackt."
      Violet verschluckte sich prompt an ihrem Kaffee. Ruckartig schlug sie die Hand vor den Mund. Sie würde sich nicht derart blamieren und den ganzen Kaffee wieder ausspucken. Hustend und mit leuchtend roten Wangen klopfte sich Violet auf die Brust. Hatte Felix, der Felix Damerau, gerade einen Scherz gemacht? Jeden Anderen hätte Violet sogar verdächtig zu flirten. Aber Damerau? Einen flüchtigen Blick wagte sie über den Tisch. Bei Felix' unbewegter Miene verwarf sie die Vermutung eines Flirtversuches. Er sah genauso steif aus wie vor wenigen Minuten. Tatsächlich warf er einen üblichen Tadel hinterher und alles war wieder beim Alten.
      Sie zückte pflichtbewusst das kleine Notizbuch und schrieb sich die Bestellung des Containers auf. "ist so gut wieder erledigt."
      Nach dem Frühstück schlüpfte Violet in ihre gewohnte Kleidung, steckte sich die Brosche mit dem Emblem der Agentur ans Hemd. Kurz warf sie einen Blick in den Spiegel. Sie wusste nicht, wie die anderen jungen Frauen in der Agentur mit ihren Kleidern und Röcken überhaupt einen Einsatz überstanden. Fürchterlich. Violet hakte grinsend die Daumen in ihre Hosenträger, bevor sie sich daran erinnerte, dass sie möglich professionell und auch ein wenig berührt aussehen sollte, wenn sie mit der Urne in den Garten kam. Damerau war schon einmal vorgegangen um das kleine Grab im Rosenbeet auszuheben. Das hatte ihr genug Gelegenheit gegeben mit geschickten Fingern ein paar Kleinigkeiten in ihre Tasche wandern zu lassen. Weniger wertvoll aussehende Ringe, eine kleine Brosche, einen verzierten Klappspiegel und andere Kleinigkeiten. Sicherlich konnte ihr Onkel damit schon ein wenig anfangen. Gegenstände, vor allem hübsch und wertig, aus seinem Spukhaus waren immer sehr begehrt. Sie würde ihm auf dem Rückweg einen Besucht abstatten.
      Wenige Minuten später kam Violet mit der Urne in den Vorgarten.
      Das Unbehagen auf ihrem Gesicht war dieses Mal nicht gespielt. Trotz des Silbernetzes schlug ihr eine unfassbare Schwermütigkeit entgegen. Sie ließ Violet nicht erstarren, aber es war ziemlich unangenehm.
      "Felix? Bist du soweit?"
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    • Felix war Violet einen verwunderten Blick zu, als sie so hustete und sich wohl an ihrem Getränk verschluckt hatte. Diesen Blick konnte man als ein "Alles okay?" oder "Ist was?" interpretieren, doch der Weißhaarige gab kein Wort von sich und aß einfach weiter. Zufrieden nickte er dann, als seine Kollegin meinte, sie würde die ihr gestellten Aufgaben direkt erledigen. Wenigstens gehörte Violet zu den fleißigen Leuten, das hatte er zumindest über sie schon mitbekommen, was Felix sehr begrüßte. Faulenzer und Nichtsnutze wollte er nicht um sich haben. Sie würden ihn nur an seiner Arbeit behindern.
      Nach dem gemeinsamen Frühstück musste sich die Brünette zuerst ein mal umziehen. Diese Zeit nutzte der Weißhaarige, um schon mal ein Loch für die Urne auszuheben. Er zog zunächst sein Jackett aus und rollte die Ärmel seines weißen Hemdes hoch, ehe er im Garten nach einer Schaufel oder so suchte. Er fand dann einen Spaten, in der kleinen Gartenlaube, die sich noch auf dem Grundstück befand und fing an zu graben. Zwischen den beiden Rosensträuchern war noch genug Platz, wobei ihm das egal war, wo sie die Urne verbuddelten, doch hielt Violet das für eine gute Idee. Menschen die letzte Ehre erweisen, verstand er ja noch, aber Tieren? Er selber besaß nie Haustiere, daher konnte er sich diese Bindung nicht wirklich vorstellen.
      Als Violet dann aus dem Haus kam, war das Loch fast schon tief genug. Noch ein bis zwei Spatenstiche fehlten, dann wäre Felix damit zufrieden. Auch bei so etwas banalen machte er keine halben Sachen und blieb professionell. Die Arbeit hatte ein bisschen den Schweiß auf seine Stirn getrieben und er hatte sich auch die Haare zusammen gebunden, da sie immer wieder störend ins Gesicht fielen.
      "Gleich." entgegnete er Violet und beförderte noch zweimal Erde, auf einen kleinen Haufen. "Ich hoffe, du willst nicht noch eine Grabrede oder dergleichen halten." fragte er seine Kollegin ernst, da er ihr das irgendwie zutrauen könnte. Erwartungsvoll sah er dann die Brünette an und wischte sich mit seinem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er wollte das alles so schnell wie möglich hinter sich bringen, damit die weiteren Aufräumarbeiten in Angriff genommen werden konnten.
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    • "Nein." Violet schüttelte den Kopf.
      Eine Grabrede hatte sie nicht parat und bei Felix Blick hätte sie spätestens in diesem Moment darauf verzichtet. Ihm war anzusehen, dass er die provisorische Beisetzung als unnötig empfand. Violet mochte eine Diebin und Mitglied der Schwarzmarktgilden sein, aber sie war nicht herzlos. Dass gerade sie, die mit gestohlenen Gegenständen aus Spukhäusern die zwielichtigen Geschäfte ihres Onkels unterstützte, von Anstand sprach, war schon etwas ironisch.
      Mit der Urne trat sie neben Damerau, der sich den Schweiß von der Stirn wischte. Die Sympathie mochte sich in Grenzen halten, aber Violet war nicht blind. Sie wusste, warum er den jungen Agentinnen den Kopf verdrehte. Felix sah gut aus. Mit den verirrten Strähnen im Gesicht, die sich aus dem Zopf in seinem Nacken gelöst hatte und den hoch gekrempelten Ärmeln, sah er gar nicht mehr so streng aus. Die Arbeit hatte sogar eine fast gesunde Farbe in sein blasses Gesicht gezaubert.
      Sie ging langsam auf die Knie herunter und ließ die Urne behutsam in das kleine Grab zwischen den Rosen nieder. Mit den Händen schob sie die erste Erdschicht darüber bis das Silbernetz kaum noch zu sehen war. Violet hoffte, dass die alte Frau nun Ruhe fand. Sie war ein guter Mensch gewesen und hatte sich den Frieden verdient. Davon war Violet überzeugt, denn sie hatte an der alten Dame nichts Bösartiges gespürt. Der Geist hatte nur sein Heim verteidigt.
      Violet stand auf, klopfte sich die Hände flüchtig ab. Ein bisschen Dreck unter den Nägeln störte sie nicht. Als Felix die kleine Grube komplett zugeschüttet hatte, brach Violet eine kleine Rose aus einem der Büsche ab und legte sie auf den kleinen Hügel.
      "Das war's", sagte sie zufrieden und warf sich ihre Tasche über die Schulter. Die Akten klemmte sie sich unter den Arm. "Ich mach mich auf den Weg und beeil mich, damit ich dir mit dem Keller helfen kann."

      _________________________________________________________

      Die Angelegenheit in der Agentur war schnell erledigt. Rein, Akte abgeben, ein paar Fragen beantworten und wieder raus. Violet sah auf ihre Uhr und schlug dann den vertrauten Weg nach Hause ein. Zumindest bezeichnete sie die kleine Spedition ihres Onkels immer noch so. Über den Geschäftsräumen gab es eine kleine, aber mit allen Annehmlichkeiten ausgestattete Wohnung. Onkel Stan verbrachte dort nur selten Zeit, er besaß ein angemessenes Haus in einem nobleren Viertel der Stadt. Wie es sich für einen unbescholtenen Bürger mit einem gut laufenden Unternehmen gehörte.
      Dort angekommen, huschte Violet flink durch die Büroräume. Die Menschen, die ihr begegneten, grüßten sie lächelnd. Sie kannten die Nichte ihres Bosses und dass er jedem, der das Mädchen falsch anguckte oder gar anpackte, den Kopf von den Schultern riss. Der Hound genoss überall hohen Respekt und auf dem Schwarzmarkt erzittern die kleineren Untergrundschergen bei seinem Namen. Niemand würde es je wagen seiner Nichte ein Haar zu krümmen. Dabei war er nicht immer nett zu Violet, aber das war schon okay. Er wollte nur das Beste für sie, so war es immer gewesen. Er hatte sie stark gemacht, hatte sie gefördert und ihr alles beigebracht, was sie zum Überleben brauchte. Violet war es ihm schuldig.
      Ein letztes Mal zupfte sie ihren Kragen zurecht und klopfte schließlich an die Tür seines Büros.
      "Onkel Stan?", fragte sie noch bevor sie eintrat und sich in dem Raum umsah.
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    • Violet legte die Urne, versiegelt durch das Silbernetz in die Grube, die er ausgehoben hatte und nach dem sie zurückgetreten war, schüttet er das Loch wieder zu. Das ging alles schnell vonstatten und als damit fertig waren, meinte die Brünette auch schon, dass sich jetzt auf den Weg machen würde. "Gut, dann fange ich schon mal den Keller zu inspizieren." entgegnete er Violet und brachte zunächst den Spaten zurück in die kleine Gartenlaube. Dann kramte er den massiven Schlüssel aus seiner Hosentasche und begab sich zu der Kellertüre, die nicht nur aus massiven Holz bestand, sondern auch Eisenbeschläge hatte. Das ist gar nicht so unüblich, da manche Keller recht alt sind und man so einfach vorsichtshalber eine kleine Schutzbarriere durch das Eisen kreierte, da es immer mal sein konnte, dass ganz plötzlich ein Geist dort unten auftaucht. Doch am helllichten Tag machte sich das Felix keine großen Sorgen und so pflichtbewusst wie er ist, trug er auch jetzt seinen Degen bei sich. Die Türe knarrte und ging schwer auf, so als hätte man sie seit Jahren nicht mehr genutzt. Elektrisches Licht gab es hier nicht und so musste Damerau eine Petrollampe mitnehmen, damit er sicher die steinernen Stufen hinabsteigen konnte.


      Mit leichter Ungeduld erwartete Stanford seine Nichte, die er doch etwas früher erwartet hatte. Wenigstens eine Person, auf die er sich immer verlassen konnte, die immer was auftrieb, dass er gut zu Geld machen kann.
      "Her rein." ließ er Violet wissen, dass sie eintreten konnte. Sein Büro war recht groß, mit einem schweren Scheibtisch aus Mahagoni und einem gemütlichen Sessel, auf dem er auch jetzt saß. Auf dem Schreibtisch lagen ein paar Dokumente verstreut, das meiste Verträge oder gefälschte Zertifikate. Nicht jeder seiner Kunden kauft die Katze im Sack, also musste er auch hier clever vorgehen. Durch ein großes Fenster, gegenüber des Schreibtisches, fiel genug Tageslicht hinein, dass man alles gut sehen konnte. Vor dem Schreibtisch war ein Stuhl für Gäste, weniger gemütlich wie sein Sessel, aber dennoch gepolstert. Der Bücherschrank sollte nur vorgaukeln, dass Stanford sehr belesen, wobei der Mann nicht dumm ist, denn sonst wäre er nicht der Kopf des Schwarzmarktes. In einem Buch verbarg er sogar eine Pistole und in einem anderen waren alles wichtigen Kontakte vermerkt, die er besaß. Davon wusste natürlich niemand, selbst seine Nichte nicht. An der Wand zu seiner linken hing ein Stadtplan von Ablhain, das schon mit einigen Nadeln gespickt war, die verschiedenste Punkte markierte, erkennbar an der Farbe des Stecknadelkopfes. Und dahinter verbarg sich der Tresor von Stanford, für den man nicht nur eine Zahlenkombination braucht, sondern auch einen Schlüssel, den er immer bei sich trug.
      "Ah, Violet, Liebes. Sag mir, dass du gute Nachrichten für mich hast, denn die Dalton-Brüder haben ihren Auftrag verbockt und müssen gerade sogar untertauchen, weil die Polypen sie beinahe gefasst hätten. Ich bin nur von Idioten umgeben." begrüßte er seine Nichte hoffnungsvoll und seufzte dabei verärgert auf, wie er dieses Problem ansprechen musste. Die Brüder würde er gerne einfach nur Dumm und Dümmer nennen, doch sie sind einfach gute Einbrecher und man kann sie immer auch fürs Grobe engagierten. Dennoch bereitete ihm das Kopfzerbrechen und daher hielt er schon jetzt ein Glas mit Whisky on the Ice in seiner Hand.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


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    • Violet wurde von der tiefen Stimme ihres Onkels begrüßt. Sie musste ihm nicht ins Gesicht sehen umso wissen, dass der Mann nicht in guter Stimmung war. Die Erklärung bekam sie auch prompt geliefert, als sie sich in den Stuhl gegenüber Stanford setzte. Dennoch schenkte sie ihm strahlendes Lächeln. Standford hatte in letzter Zeit nur wenig Zeit für die Familie und insbesondere für Violet übriggehabt. Die verschärften Maßnahmen bezüglich Güter aus Spukhäusern und deren Verwahrung legten ihm reichlich Steine in den Weg. Der Hound hatte einen Namen zu verlieren und Violet ahnte bereits, dass ihr Onkel langsam unter Druck kam. Dass sich diese beiden Deppen von Dalton-Brüder ausgerechnet jetzt in Schwierigkeiten brachten, war denkbar ungünstig.
      „Ich denke schon, Onkel“, antwortete sie und während sie weitersprach, kramte sie ihre wertvollen Mitbringsel aus der Tasche. „Die Agentur hat sich endlich dazu herabgelassen, mich einem Partner zuzuteilen. Da wird es allerdings auch ein wenig problematisch. Diese Schnösel von der Agentur haben mich mit dem jüngsten Sohn der Dameraus zusammengesteckt. Felix Damerau. Der Kerl ist wachsamer als ein Luchs, aber…ich konnte ein paar Kleinigkeiten stibitzen, die er sicherlich nicht vermissen wird und wo das herkommt, gibt es noch mehr. Sie stammen aus unserem neuen Quartier, in dem wir gestern einen Geist gebannt haben. Das Zeug hier gehörte der verstorbenen Besitzerin - authentisches Spukhaus-Material. Sollte sich gut verkaufen lassen.“
      Ganz kurz streifte ihr Blick das Whisky-Glas. Wenn Stanford schon mitten am Tag zu Alkohol griff, hatte das schon gute Gründe. Violet mochte es nicht, wenn ihr Onkel übermäßig viel trank. Es machte ihn unberechenbar. Dazu kam das unerwünschte, schlechte Gewissen, dass sie über die arme, alte Frau so beiläufig sprach.
      „Damerau hält mich für unfähig“, fuhr sie fort und spürte dabei ein merkwürdiges, warmes Gefühl in ihrer Magengegend. Nun, es stimmte ja auch nicht ganz. Sie lächelte flüchtig bei dem Gedanken daran, dass sie Felix auch hier und da ein kleines Lob entlockt hatte. Dann besann sie sich und nahm die Brille ab, die sie gar nicht brauchte. „Ich denke, er kauft mir die Rolle der grauen Maus ab, aber ich muss vorsichtig bleiben. Felix Damerau ist intelligent, ehrgeizig und will unbedingt aus dem Schatten seines großen Bruders treten. Wenn das Glück ein wenig mitspielt, wird uns sein Name ein paar große Aufträge einbringen.“
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