Shared Spaces - [Nao.Dark.Kii]

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    • Shared Spaces - [Nao.Dark.Kii]

      Shared Spaces - Charaktere
      @Kiimesca
      @Nao.nline
      @Dark.wing


      Die letzten sechs Wochen waren stressig und nervenaufreibend gewesen. Nik ist ständig zwischen dem kleinen Mitarbeiterraum in der Werkstatt und der Wohnung eines Freundes hinunter her gependelt und im Grunde wusste er am Morgen nie so wirklich wo er am Abend schlafen würde. Da er jedoch einzig und allein selbst für sein Schicksal verantwortlich war, konnte er leider keinem die Schuld geben. Immerhin hatte seine - nun - Ex-Freundin im angeboten in der gemeinsamen Wohnung zu bleiben bis er was neues finden würde, Nik hatte jedoch abgelehnt. Nicht das er ihr in irgendeiner Form sauer war, er hatte alle Punkte verstehen und nachvollziehen können die Roxana zu der Trennung getrieben hatten und in vielen sogar zugestimmt.
      Ja er war in den letzten Monaten viel zu selten zuhause gewesen und ja er hatte sich auch rapide von ihr distanziert und er wusste, dass sein Verhalten über kurz oder lang zur Trennung führen würde und es war ihm zu dem Zeitpunkt mehr als egal gewesen. Es war nicht mal so, dass er sich währenddessen mit anderen getroffen hatte, obwohl das wahrscheinlich für Roxana noch am einfachsten zu verstehen gewesen wäre, immerhin wäre das eine Sache gewesen die man mit guter Kommunikation aus der Welt hätte schaffen können. Denn so hatten sie es sonst getan - geredet. So hatte ihre Beziehung die letzten vier Jahre wunderbar funktioniert. Wenn einer von ihnen ein Problem hatte, wurde darüber geredet und dann löste sich die Problematik meistens wie von selbst. Aber Nik wollte nicht redet, er wollte sich unter die dreckigen Motoren von Autos legen, lautstark alte Rockklassiker hören und die Bilder verdrängen die sich nun wieder seit einigen Monaten in seinen Kopf geschlichen hatten und ihm schlaflose Nächte bescherten. Es war also eigentlich vorherbestimmt, dass Rox sich irgendwann immer öfters mit der jungen Frau traf und Nik hatte nie ein Problem damit gehabt. Er hatte sich während ihrer Beziehung auch mit einigen getroffen, alles offen kommuniziert und es war nie ein Problem oder gar ein Streitthema gewesen. Rox hatte ihm sogar leid getan, als sie ihm beichtete, dass sie Gefühle für die junge Frau entwickelt hatte, obwohl sie das hätten vermeiden wollen, mit Tränen in den Augen und zittriger Stimme. Sie hatte sich tausend mal bei ihm entschuldigt, ihm gesagt, dass das so nicht geplant war und dass sie das nicht wollte und Nik, er konnte es irgendwo nachvollziehen. Sie hatten die letzten Monate eigentlich nur an einander vorbei gelebt, hatten sich meistens Tage lang nicht gesehen und wenn sie sich gesehen hatten, hatte er kein Wort geredet. Rox hatte ihm mit roten Augen versprochen sich von der Frau zu trennen und er hatte einfach nur lächelnd den Kopf geschüttelt. Er kannte Lianna, sie war eine wunderschöne junge Dame und er, da war er sich fast sicher, hätte sich bestimmt auch in sie verliebt wenn er genug Zeit mit ihr verbracht hätte.
      Sie hatten sich am selben Abend noch getrennt, hatten den Abend jedoch zusammen verbracht. Nik hatte Roxanas Lieblingsfilm angemacht und gewarteten bis sie auf der Couch eingeschlafen war. Dann hatte er die wenigen Dinge die er besaß und brauchen könnte zusammen geräumt, in sein Auto gepackt und war zur Werkstatt gefahren. Das alte Feldbett im Mitarbeiterraum war zwar nicht sonderlich bequem, aber in der gemeinsamen Wohnung hätte er sich sicher Auge zugemacht. So verstrichen die Wochen. Rox hatte ihm immer wieder angeboten zurück in die Wohnung zu kommen und er hatte immer wieder abgelehnt. Vor einigen Wochen hatten sie noch die letzten Formalien geklärt, er hatte sich aus dem Mietvertrag streichen lassen und Roxana hatte ihm seinen Anteil von den gemeinsam gekauften Möbeln und Geräten überwiesen. Allgemein verlief alles unfassbar unkompliziert, es gab kein Streit, kein Anfauchen, keine Schuldzuschiebung, sie hatten genau so offen und ehrlich kommuniziert wie es noch in ihrer Beziehung der Fall war. Am Ende hatten sie sich umarmt, Nik hatte ihr alles gute gewünscht und er war gegangen.
      Die einzigen Leute die daraus ein Thema machten, waren Niks Arbeitskollege, die sich seit der Trennung unentwegt das Maul darüber zerrissen. Warum er ihr denn so ohne weiteres die Wohnung überlassen hatte und das sie da sicher schon mit ihrem neuen Typen drin wohnte und obwohl er wusste, das Lianna wahrscheinlich in die Wohnung eingezogen war, nervten ihm die Behauptungen seiner Arbeitskollegen. Aber wie erklärte man zwei Typen die noch nie etwas von offenen oder gar polyamoren Beziehungen gehört hatten, das man gerade aus einer kam und mit allem vollkommen im reinen war? Er hatte einfach aufgehört sich diese Frage zu stellen und ließ die dummen Sprüche einfach über sich ergehen.

      Glücklicherweise hatte sich das Thema mittlerweile, sechs Wochen nach der Trennung langsam aber sicher erledigt und so stand Nik, an sein Auto gelehnt vor dem Wohnblock in den er nun einziehen würde. Er wartete auf besagte Arbeitskollegen die ihm ihre Hilfe schon fast aufgezwungen hatten. Der Grieche hatte an sich nicht sonderlich viele Klamotten und er hatte die paar Kisten sicher auch ohne Probleme selbst tragen können, der einzige Grund warum er die Hilfe irgendwann angenommen hatte, war der Fakt das Conner einen kleinen Transporter besaß und es so dann doch einfacher war. Neben den paar wenigen Umzugskartons hatte Nik sich vor wenigen Tagen ein neues Bett gekauft und einige günstige Möbel. Er war zwar an sich eher pragmatisch veranlagt und brauchte es nicht viel, aber nach den Wochen Pendlei freute er sich auf eigene vier Wände die ein wenig mehr nach Zuhause wirkten. Artur und Conner waren wie immer zu spät. Mit heruntergelassenes Fenstern und viel zu lauter Musik bretterte der schwarze Transporter die Straße entlang und machte dann eine halbe Vollbremsung vor dem Chevrolet. Darüber konnte man echt nur den Kopf schütteln.

      Schnell war der Wagen geöffnet, die Ware entsichert und Nik hatte sich schon den ersten Karton geschnappt um ihn ins zweite Stockwerk des Mehrfamilienhauses zu schleppen. Einige Stufen hinter ihm grölten die Stimmen der anderen beiden Männer durch die Flure und ließen ihm die Augen verdrehen. Hätte Nik sich in dem Moment vielleichtein wenig mehr um seine Umgebung gekümmert und ein ticken weniger um seine Arbeitskollegen wäre ihm sicher der jungen Mann aufgefallen der gerade aus einen der Türen kam und in den er, vollgepackt wie er nun mal war, rücksichtslos hinein lief.
    • Ethan hatte sich den Tag des Einzugs extra frei gehalten. Wer ließ einen Fremden denn auch ohne Aufsicht einfach einziehen? Am Ende käme er mit einem leeren Transporter und fuhr mit einem vollen davon. Wobei Ethan gar nicht so misstrauisch war. Nein. Viel mehr wollte er ihren neuen Mitbewohner feierlich empfangen, weshalb sich bereits ein köstlicher Duft den Weg aus der Küche bahnte, um den Nachbarn wie so oft das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen.
      Wie von Ash gewünscht, hatte er Nikita von seinem Tonstudio erzählt und dabei - vollkommen sachlich - die Musik und den Gesang erwähnt. Niemals würde er auch vor anderen davon schwärmen, wie wundervoll Ash's Stimme in seinen Ohren klang. Anschließend ein paar einfache Regeln erklärt und ein paar Fragen gestellt. Ungewöhnliche Fragen. Keine privaten Fragen, ob mit viel Besuch für ihn zu rechnen wäre, sondern ob er irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten hätte. Da blühte eben wieder der Koch in ihm auf, der es jedem Recht machen wollte. Tabu war die Küche zwar nicht, aber Ethan betonte, dass er sich eigentlich um nichts kümmern müsste. Und wenn doch, dann sollte er bitte vorsichtig mit den Utensilien umgehen. Wie den Pfannen zum Beispiel, die Ethan manchmal wie einen Schatz zu behandeln schien. Immerhin war bestimmt mindestens 80% der Küche sein Eigentum und kein gemeinschaftliches.
      Mit Sam gab es da nie Probleme. Vermutlich vermisste sie es sogar so von ihm bekocht zu werden. So oder so, wünschte er ihr in ihrer Beziehung und dem nächsten Schritt alles Gute. Mit ihrer Homosexualität hatte Ethan nie ein Problem. Er nahm es auf, als wäre es das normalste der Welt. Auch damals bei Ash hatte er vollkommen gelassen reagiert und stand weiterhin zu ihm. Wenn er Streitereien nicht aus dem Weg gehen würde, hätte er sich bestimmt auch für ihn geprügelt, wenn jemand etwas gegen seine Vorlieben sagte. Komisch gefühlt hatte er sich auch nie. Warum sollte es irgendetwas zwischen ihnen ändern? Aber möglicherweise besitzt Ethan so etwas wie Schamgefühl auch einfach überhaupt nicht. Die Thematik brachte ihn nicht in Verlegenheit - er trug nur nie wirklich etwas dazu bei, weil er da einfach nicht drin steckte. Das Kochen stand bei ihm auf Nummer 1. Abgesehen von Ash und seiner Familie natürlich, die zwar einen höheren Stellenwert hatten, aber gemessen an Zeit, die er darin investierte, konnte nichts das Zubereiten von Speisen schlagen. Ein Wunder, dass er überhaupt noch ein zweites Hobby hatte. Wobei er kaum nur wegen des Fotografierens loszog. Meistens war es eher so, dass er immer irgendeine Kamera dabei hatte, wenn er denn mal unterwegs war.

      Ihr neuer Mitbewohner, Nik, war Grieche, also hatte Ethan sich die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen, ob man so jemandem dann auch etwas griechisches zu Essen anbieten sollte oder nicht. War das unangemessen? Er wollte nur ungern wieder in irgendein Fettnäpfchen treten, wie damals bei seiner Schwester.
      Deshalb bot er einfach verschiedene Häppchen an. Bei so einem Umzug eignete sich doch Fingerfood, um zwischendurch zu naschen, am besten. Etwas, das man sowohl warm, als auch kalt genießen konnte. Man könnte es auch wunderbar noch später essen oder am nächsten Tag mit zur Arbeit nehmen. Es war jedenfalls reichlich da, sodass auch Nikita's Helfer gut versorgt sein würden. Ebenso kalte Getränke - Ethan versuchte sich neben dem Kochen auch am Zubereiten von Limonaden und widmete sich in letzter Zeit auch öfter der süßen Küche.

      Bei Nik hatte er jedenfalls ein gutes Gefühl gehabt. Beste Freunde müssten sie ja nicht werden, aber als Mitbewohner machte er einen guten Eindruck. Außerdem konnte es nicht schaden jemanden mit handwerklichem Geschick an Bord zu haben. Ethan konnte zwar einer Ikea-Anleitung folgen, aber das wars im Grunde auch fast schon.
      Mit einem coolen Auto könnte der Koch allerdings auch nicht beeindrucken. Er fuhr einen Roller, da dieser einfach günstiger und praktischer war. Wenn sie doch mal etwas mehr Ladefläche brauchten, konnten sie das Auto von Ash's Bruder oder Ethan's Vater nutzen. Allerdings brachte der Lieferant seines Arbeitgebers täglich auch eine Portion für seinen privaten Haushalt mit, die er mühelos auf dem Roller transportieren konnte.

      Zufrieden betrachtete er die hübsch angerichteten Teller, die sich auf der Kücheninsel erstreckten. Auch wenn es 'nur' ein privates Essen war, ließ er dem nie weniger Liebe fürs Detail zukommen, als auf seiner Arbeit. Zwischen den herzhaften Speisen wie Bifteki und diversen anderen Häppchen mit und vor allem ohne Fleisch, gab es auch Schälchen mit Gemüse, Obst und Früchten.
      Pünktlich wie es schien, als er draußen ungewöhnliche Geräusche wahrnahm. Natürlich gab es hier und da auch Idioten auf der Straße und das bedeutete auch nicht, dass es Nik war. Dennoch lenkte es seine Aufmerksamkeit nach draußen, wo er den Impala ihres neuen Mitbewohners sah. Es schien, als hätte er bereits ein paar Helfer, sodass sich Ethan nun ruhigen Gewissens um den Abwasch kümmern konnte. Er mochte es nicht diese Arbeit aufzuschieben und war es von seiner Arbeit gewohnt, wo man die Sachen oft direkt wieder brauchte. Seine Schürze behielt er deswegen noch so lange an.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco
    • Irgendwann musste Ash vermutlich wieder eine Grenze ziehen, wenn es darum ging, die Wochenenden woanders zu verbringen. Er hatte kaum mehr Zeit, neben Uni und Arbeit ins Tanzstudio zu gehen oder sich mal wieder um eigene Songs zu kümmern, aber er konnte auch irgendwie nicht Nein sagen, wenn seine Mum ihn zum Essen einlud und anschließend lockte, doch gleich über Nacht zu bleiben. Seine Eltern waren ein wenig einsam, so viel war klar. Seit Haileys Unfalls vor zwei Jahren waren sie ziemlich liebesbedürftig, was ja irgendwie völlig verständlich war, aber Ash hatte selbst mit der Sache zu kämpfen und es wäre wirklich schön, wenn er mal etwas Zeit haben durfte, das Ganze zu verarbeiten, anstatt Therapeut für seine Eltern zu spielen. Zumindest Neil verstand das sehr gut und wechselte sich somit hin und wieder mit ihm ab, Zeit in ihrem Elternhaus zu verbringen, aber, so unmöglich es auch erschien, er hatte eigentlich noch weniger Zeit dafür als Ash selbst, denn er steckte mitten in der Facharztausbildung.

      Dass er vor zwei Wochen nicht hier gewesen war, als Ethan sich mit den etwaigen zukünftigen Mitbewohnern auseinander gesetzt hatte, war eigentlich absolut zu viel des Guten gewesen. Er hatte sich schrecklich aufgeregt, aber seine Eltern hatten sonst niemanden gehabt, der sie zum Flughafen bringen und wieder abholen konnte, nachdem sie ihr blödes Wochenende in Amsterdam verbracht hatten. Auch wenn es gut war, dass sie wieder Dinge unternahmen. Aber einen schlechteren Zeitpunkt hätten sie sich nicht aussuchen können. Ash musste hoffen, dass Ethan sich klar ausgedrückt hatte und es später keine Probleme geben würde, wenn ihr Mitbewohner sich über Lärm aufregte, oder sowas. Die Sorge war auch irgendwie berechtigt wenn er darüber nachdachte, dass er selbst jetzt mehr über dessen Unverträglichkeiten als über seine Persönlichkeit wusste. Und wie hieß er noch gleich? Nikita? Er war auch noch Mechaniker, das schrie nicht unbedingt nach einem Charakter, der Ashs neuer bester Freund werden konnte. Auch wenn ausgerechnet er sich mit den Stereotypen vielleicht ein wenig im Zaum halten sollte.

      In jedem Fall hatte Ash unbedingt beim Einzug vor Ort sein wollen, darum hatte er frei bekommen, was angesichts der Tatsache, dass Ethan sein Boss war, wirklich keine Herausforderung gewesen war. Zumindest hatte er so auch ein wenig Zeit, sich an ein paar Hausübungen zu setzen, zumindest bis der Typ hier war. Und eins musste man ihm lassen: Er war durchaus pünktlich. Und blind. Ash hatte ihm bloß die Tür öffnen wollen, als er bereits Stimmen im Flur hatte hören können, und er wurde sofort niedergerannt.
      "Ack- Hey. Hallo?!", stieß er überrascht aus, als er einen Karton halb im Gesicht kleben hatte. Er drückte sein Gegenüber an besagtem Karton ein Stück von sich weg. Und dann bekam er endlich den Menschen zu sehen, mit dem er sich zukünftig ein Wohnzimmer teilen musste. Ja, er war skeptisch gewesen, immerhin war Sam die perfekte Mitbewohnerin gewesen. Aber die Skepsis schwand gerade ein wenig, als sich vor ihm eine Art Herkules offenbarte. Verdammt, wen hatte Ethan sich da geangelt? Wie zur Hölle sollte Ash sich zuhause noch entspannen können, wenn er mit einem Magazin-Model zusammenlebte?
      "Hallo…", sagte er nochmal in einem deutlich weicheren Tonfall. "Nikita, oder?", fragte er. Eine Sekunde später merkte er, dass er ihm völlig den Weg absperrte und der Mann einen schweren Karton in den Armen hielt. Er machte hastig einen großen Schritt zur Seite. "Sorry. Äh, dein Zimmer ist dort drüben", sagte er schnell und zeigte in die Richtung. Währenddessen versuchte er gleich auch darauf klarzukommen, womit er gerade überrumpelt worden war. Er hätte bei den Interviews definitiv anwesend sein sollen. Dann hätte er Ethan direkt gefragt, ob er gerne mit einem gigantischen Glas Bananensplit zusammenleben würde und ob er sich dann noch auf irgendetwas anderes konzentrieren könnte. Oder mit einem sprechenden Wok; wer wusste schon, worauf er stand. Vielleicht hätte das Wort 'Mechaniker' aus anderen Gründen Ashs Alarmglocken läuten sollen, aber er hatte weder mit Tattoo Sleeves, noch mit einem Manbun rechnen können.
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    • Nik händelte die Situation so cool wie möglich, setzte ein charmantes Grinsen auf und wechselte den Karton so, dass er ihn auf einen Arm ein wenig balancieren konnte. „Nik reicht völlig.“ meinte er mit genau der richtig Menge an Sympathie um höflich zu wirken aber nicht zu dick aufzutragen. „Und du bist…der Musiker? Du warst das letzte mal nicht da oder? Ethan hatte da was erwähnt.“ er reichte Ash kurz die Hand bevor er den Karton wieder richtig festhielt. Der Händedruck war fest, warm, aber nicht erdrückend. Genau mit der richtigen Menge an Druck um auch wirklich als Händedruck durchzugehen. Allein bei der kurzen Berührung merkte man, dass Nik viel mit seinen Händen arbeitete. Die Haut war an einigen Stellen rauer als an anderen.
      Der Grieche folge der eher vagen Wegbeschreibung, zum Glück wusste er schon welches Zimmer er ab heute bewohnen würde. Vor der Zimmertür drehte er sich jedoch nochmal zu dem Jüngeren um. „Falls dir gleich zwei Verrückte entgegen kommen…ja ich weiß und die gehören leider zu mir.“ zwinkerte er ihm zu und verschwand dann im inneren des Raumes.

      Das Zimmer war recht kahl. Einige, wenige Möbel hatte seine Vermieterin in dem Raum gelassen, das war ihm aber schon bewusst, immerhin war das so kommuniziert. Etwas schwerfällig stellte er den Karton auf dem Boden ab. Er wusste nicht mehr so genau, was er wo reingeworfen hatte, aber die Kiste war echt sau schwer. Kurz schaute er sich in wem wenig mobilierten Raum um. Hier konnte er es sich auf jeden fall bequem machen, besser als in der Werkstatt und bei seinem Kumpel war es alle Male. Aus dem Flur hörte er die Stimmen seiner Arbeitskollegen und prompt nahm er es sich vor, sich bei seinen zukünftigen Mitbewohnern für das Verhalten der beiden zu entschuldigen.

      Das erste was er war nahm, war ein sanfter Geruch. Stimmt ja, Ethan hatte erwähnt, dass er kochte. Daran könnte er sich auf jeden Fall gewöhnen. „Ey Nik! Wo sollen wir deinen scheiß hinstellen?“ das war Artur, gleichzeitig so direkt und ungehobelt konnte nur er sein. Er seufzte leise auf, atmete einmal tief kurz und ging dann wieder aus seinem zukünftigen Zimmer. Ihm kamen die beiden schon entgegen, es machte also keinen Sinn ihnen nochmal zu sagen, wo sein Zimmer sein würde und außerdem waren alle anderen Türen geschlossen. Nachdem er das schon mal erledigt hatte, konnte er seinen Weg in die Küche fortsetzen. Es reichte in einen Mitbewohner reinzulaufen, das brauchte er bei dem anderen nicht wiederholen.
      Der Geruch hatte definitiv nicht gelogen. Die Auswahl an Häppchen die sich auf der Küchenzeile erstreckten sahen mehr als vielversprechend aus. Bevor er jedoch dem Impuls seines Magens, der schon freudig aufknurrte, nachging lächelte er Ethan freundlich an. „Hey. Das hättest du aber echt nicht machen müssen.“ lachte er leise auf und hielt ihm, wie bei Ash auch schon, die Hand hin.

      Eigentlich hätte er den beiden jungen Männern gerne noch ein wenig Ruhe gegönnt, das sahen seine beiden Helfer aber anscheinen anders. Die haben den Geruch nämlich auf direkt mitbekommen und waren nicht mal hab so anständig wie Nik. „Mensch Niki, hättest du gesagt, dass es Häppchen gibt, hätte ich mir eine Dose mitgenommen.“ lachte Conner auf und bekam prompt einen vernichtenden Blick des Griechen. „Wir sind hier zu Gast also benehmt euch.“ zischte er bevor er Ash und Ethan einen entschuldigenden Blick zu warf. Man konnte sich ungefähr vorstellen wie es wohl in der Werkstatt zu ging und Nik war das Verhalten der beiden mehr als unangenehm. Genau aus diesem Grund wollte er den Umzug am liebsten alleine machen. Das hätte zwar länger gedauert wäre aber nur hab so demütigenden gewesen.
    • Die Freunde ihres neuen Mitbewohners waren alles andere als unauffällig. Das ganze Haus bekäme auf diese Weise mit, dass hier jemand neues einzog. Verheimlichen könnte man es ihnen sowieso nicht, denn der ältere Herr im Erdgeschoss wusste alles über jeden hier. Alles, was man aus dem Fenster sehend wissen konnte. Zum Beispiel, wer regelmäßige Arbeitszeiten hatte und wann zuhause war. Zumindest war er ein angenehmer Nachbar mit denen sie bisher noch keine Probleme hatten. Mit niemandem. Das blieb hoffentlich auch so.

      Ethan trocknete gerade das Geschirr, als er zu Nik sah. "Ach, das mach ich gern." Lächelnd nahm er die Hand des anderen und drückte diese sanft, ehe er das Geschirrtuch aufhängte und seine Schürze auszog. Für ihn war das Kochen so, als würde ein Künstler eine Leinwand bemalen. So würde er es wohl am ehesten beschreiben.
      Als seine Helfer hereinkamen, richtete er seinen Blick auf die beiden. Auf seinen Lippen war der Hauch eines Lächelns zu sehen - ein Standartausdruck, den Nik noch kennenlernen würde. Er wirkte immer freundlich und hellwach. Conner's Kommentar verärgerte ihn in keiner Weise. Eigentlich war es viel mehr ein Kompliment.
      Als wäre dies nichts neues für ihn, holte er zwei Pappschachteln hervor, in denen man wunderbar etwas zu essen transportieren konnte. Genug hatte er ja ohnehin zubereitet. "Genau genommen wohnst du jetzt hier", meinte Ethan zu Nik und schmunzelte ein wenig. Wirklich nur ein wenig, dennoch wirkte es nicht erzwungen. Überschwängliche Emotionen würde man bei Ethan eben nicht zu Gesicht bekommen. "Bedient euch ruhig."

      Als Ash ebenfalls in die Küche kam, fiel Ethan's Blick auf diesen. "Oh, Ash. Ich hab ein neues Rezept ausprobiert, probier mal", meinte er und hielt ihm ein frittiertes Bällchen auf einem Zahnstocher hin. Natürlich war es ohne Fleisch, aber sie hielten deutlich besser zusammen und hatten alle ihre perfekte, kugelige Form behalten. Außerdem schmeckten sie auch besser. Wobei diese Version mit einer merkbaren Prise Chili versehen war. Vielleicht würde Ash sogar auffallen, dass er dafür im Grunde die Zutaten einer Chili sin Carne benutzt hat. Das Original würde es natürlich nicht ersetzen, aber in der Form konnte man sie super transportieren und gut kalt essen. Das er sie hauptsächlich für ihn gemacht hatte, würde er jedoch nicht gestehen.
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      - Eugene Ionesco

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    • Ash sah Nik einen Moment lang hinterher, als er wie eingefroren im Flur stand. Sein Blick rutschte ab. Das war der Moment, in dem er realisierte, dass er in den nächsten Tagen eine gigantische Menge Selbstkontrolle brauchen würde. Er blinzelte ein paar Mal bevor er kurz in sein eigenes Zimmer ging, um seinen uralten Laptop zuzuklappen, bevor er zu viel Strom verbrauchte, oder explodierte, denn die nächste Stunde würde er auf jeden Fall nicht mehr benutzt werden. Dann stieß er zu den anderen in die Küche. Diese Umzugshelfer, oder Freunde, oder was auch immer, entsprachen schon ein wenig mehr dem Bild, das Ash vor seinem geistigen Auge gehabt hatte, als Ethan ihm Niks Beschreibung geschickt hatte. Sie hatten wohl nochmal Glück gehabt.
      Als Ethan anmerkte, dass Nik nun hier wohnen würde, wurde dies auch Ash nochmal etwas bewusster. Er hätte der Aussage, dass die drei Gäste waren, so völlig zugestimmt. Aber er hatte ja recht. Im Prinzip konnte Nik machen, was er wollte, solange er es mit ihnen absprach. Und wenn er diese Typen wieder einladen wollte, dann würde Ash die Hand heben und ein Veto einlegen. Das Gröhlen würde ihnen am Ende noch Beschwerden von den Nachbarn einbringen. Ash hatte nicht ohne Grund seine Wände gedämmt.
      „Ah“, machte Ash, als er sah, dass ihm zum dreiundvierzigsten Mal diese Woche etwas zum probieren entgegen gehalten wurde, und setzte sich an einen der Barhocker auf der anderen Seite der Kücheninsel. Er lehnte sich über die Granitplatte, öffnete den Mund und zog seinem Freund das… was war das?… von dem Zahnstocher. Wenn er jedes Mal seine Hände benutzen würde, wenn Ethan ihm etwas zu Essen anbot, würden sie ihm irgendwann abfallen.
      Er kaute auf dem frittierten Ding herum und sah Ethan nachdenklich an, bis der Geschmack der Gewürze sich in seinem Mund entfaltete und er die Augen ein wenig aufriss. „Oh! Chili?“, fragte er mit halbvollem Mund. Das war ja mal genial. „Mach das öfter“, sagte er sofort und hing ein stöhnendes Geräusch ans Ende seines Satzes. Mit Essen konnte man ihn ziemlich leicht ködern, vermutlich hielt ihr Freundschaft deshalb schon so lange. Na schön, es gab auch… noch andere Gründe. Aber die Kochkünste waren doch ein ziemlicher Bonus.
      Ash ließ sich doch noch dazu verleiten, selbst zu essen anstatt gefüttert zu werden und schnappte sich gleich zwei weitere Zahnstocher mit Chilibällchen, damit ihm die auch keiner wegaß. Und dann schwenkte seine Aufmerksamkeit langsam aber sicher wieder zu ihrem neuen Mitbewohner. Über den Ash wirklich rein garnichts wusste. Nur sein Alter, dass er Grieche war, dass er offenbar auf Tattoos stand und dass er nicht genug Geld hatte, um sich eine eigene Wohnung zu leisten, obwohl er einen Vollzeitjob hatte und auf die dreißig zuging. Ash schmunzelte in sich hinein, während er ihn musterte. Er brauchte später mal einen näheren Blick auf diese Tattoos, die würden schon irgendetwas über ihn verraten.
      „Hey, was für Musik hörst du?“, fragte er. Die wichtigste aller Fragen. Die Frage, die Niks ganze Zukunft vermiesen könnte. „Falls ihr noch Hilfe beim Tragen braucht, können wir übrigens auch helfen“, bot er sofort auch Ethan an. Aber sie hatten ja beide nichts mehr vor, außer den Neuen zu beglotzen und Ash sollte vielleicht erstmal nicht mit ihm alleine sein, bevor er anfing, sich seltsam zu verhalten.
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    • Ouh das war gefährlich. Erst wie sich Ash leicht über die Granitplatte beugte und Ethan schon fast aus der Hand aß und dann das Stöhnen, das dafür sorgte das sich Niks Nackenhaare aufstellten. Er hatte in den letzten Wochen definitiv zu wenig Sex gehabt um solche Geräusche von einem anderen Typen zu hören, vor allem wenn besagter Typ auch noch recht attraktiv war und das war Ash auf jeden fall. Sein Blick hing wachsam an den beiden jungen Männern. Er hatte diese Art von Blick aus der Army mitgebracht und war ihm seitdem nicht mehr los geworden, wahrscheinlich würde er das auch nicht mehr. Genau so wie er seine Alarmbereitschaft nicht mehr los werden würde, sobald irgendwo in seiner Umgebung ein Geräusch ertönte, das nur im entferntesten an einen Alarmton erinnerte war er sofort im Bereitschaftsmodus.

      Nik warf seinen Arbeitskollegen einen schnellen Blick zu, die beiden waren mehr als nur mit sich selbst und der Auswahl an Essen beschäftigt, also konnte er sich in Ruhe mit seinen neuen Mitbewohnern unterhalten ohne Babysitter spielen zu müssen. „Musik?“ wiederholte er die Frage. „Ich bevorzuge classic Rock und Oldies.“ antwortete er mit einem leichten Lächeln auf die Frage. „Aber ich bin immer offen für neue Genres und Bands, also wenn du eine gute Empfehlung hast.“ hing er grinsend dran. Er würde wohl bei seiner Rockmusik bleiben, aber vielleicht hatte der jüngere ja wirklich das ein oder andere gute Lied, was vielleicht einen Platz auf seine Playlist fand. Obwohl, Nik bevorzugte - vor allem wenn es um sein Auto ging - Kassetten, weil sein Oldtimer erstens weder ein CD-Laufwerk besaß und schon gar kein Bluetooth und zweitens, weil es schlicht und ergreifend mehr Style hatte. Als er dann auch noch seine Hilfe beim entladen anbot, wurde Niks Lächeln noch eine kleine Spur breiter. Je schneller sie mit dem entladen durch waren, desto schneller konnte er die beiden Chaoten raus werfen. Er würde sich morgen noch genug von dem Schwachsinn geben müssen, das brauchte er dann nicht auch noch in der Zeit, in der er nicht dafür bezahlt wurde. „Hilfe wäre super. Je schneller wir durch sind, desto schneller kann ich mich ans aufbauen setzten.“ Lächelte er. Auch wenn er im Grunde nur ein Bett und ein weiteres Regal hatte was noch aufgebaut werden musste, das wollte er lieber nicht zu weit nach hinten schieben. Immerhin wollte er heute Abend nicht unbedingt auf dem Boden schlafen.
    • Für Ethan war es das normalste der Welt, dass Ash ihm aus der Hand aß. Dabei dachte er sich - natürlich - rein gar nichts. Lediglich das genussvolle Geräusch, das er an sein Lob hing, entlockte dem Koch ein heiteres Lächeln. Er war immer froh, wenn seine Gerichte anderen schmeckten. Vor allem, wenn er ein Gericht dieser Person gewidmet hatte. Für Nik würde er sicher auch mal die ein oder andere Spezialität auf ihn zuschneidern.

      Das Ash nach Nik's Musikgeschmack fragte, war typisch. Die Frage wäre schon beim Interview gefallen, wäre er dabei gewesen. Was Ethan's Musikgeschmack anging.. Nunja. Er fand Musik weder gut noch schlecht. Es war ganz angenehm, wenn sie im Hintergrund beispielsweise im Restaurant lief. Solange es nichts aggressives wie Metal oder mancher Rap war. Er würde auch in einem völlig ruhigen Raum arbeiten können. Vielleicht war ihm die Geräuschkulisse beim Kochen schon Musik genug.
      Sein Blick hing an den beiden Gästen, denen das Essen ebenfalls zu schmecken schien. Das war wie der Anblick von Kunstkritikern, denen man zusah, wie sie sein Kunstwerk betrachteten. Für Ethan war Kochen jedenfalls Kunst. Daran hatte man auch keinen Zweifel, wenn man seine Anrichten sah.

      Als Ash die Hilfe der beiden anbot, krempelte Ethan bereits seine Ärmel hoch. Selbst wenn er mit der typischen Floskel 'nicht nötig' geantwortet hätte, hätte Ethan mit angepackt. So offenbarte er vorerst seine vollkommen gegensätzlichen Arme zu Nik, die nicht nur total nackt waren, sondern auch recht blass. Viel Zeit in der Sonne verbrachte Ethan nun mal nicht, denn der Sommer neigte sich dem Ende, wo die meisten Menschen deutlich mehr Farbe abbekommen hatten.
      "Okay." Für ihn wäre es okay, würden die anderen ihre Pause noch ein wenig ausdehnen. Ethan jedenfalls machte sich schon einmal auf den Weg nach unten. Viel falsch machen konnte er auch gar nicht, denn alles war schließlich für ein Zimmer vorgesehen. Den Kram fürs Badezimmer könnte er dann auch von dort aus ausräumen. Also ging er frisch ans Werk und schnappte sich die erste Kiste. Dafür, dass er eigentlich nie bewusst Sport machte, machte er eine ziemlich gute Figur. Kräftig war er auch, was daran lag, das mancher Topf oder andere Gerätschaften deutlich schwerer waren, als man dachte. Ganz zu schweigen von den großen Säcken an Zutaten, wie Reis, Kartoffeln, Nudeln und co.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco
    • Rock und Oldies. Das war kein Problem. Damit ließ sich durchaus leben. Auch wenn Ash sich bei manchen Produktionen am liebsten selbst den Kopf einschlagen würde, wenn es um ältere Musik ging. Aber gut, die Technik entwickelte sich glücklicherweise ja weiter. Das bedeutete nicht, dass die Musik früher schlechter gewesen war. „Hm, wir haben ja viel Zeit für den Austausch“, erwiderte er, vielleicht ein Stück zu flirtiv, und stützte den Kopf in eine Hand. Zum Glück lenkte Ethan ihn gleich wieder ab. Richtig. Kartons.
      „Wir sind zu fünft, das sollte sich schnell machen lassen“, stellte er fast und sprang auf. Ethan war ziemlich flink und Ash beeilte sich erstmal, um ihn einzuholen. Zu Nik oder seinen Freunden hatte er sich noch keine großartige Reaktion anmerken lassen und Ash brannte ein wenig darauf, ihn auf beides anzusprechen. Er erwartete zwar nicht, dass Ethan seine Gedanken nachvollziehen konnte, immerhin war er in der Hinsicht schon immer etwas eigen gewesen, wenn er das so sagen durfte. Aber er war immernoch sein bester Freund. Sich jeden einzelnen von Ashs Gedanken anzuhören war quasi sein Job. Er sah kurz über die Schulter, als er das Treppenhaus hinunter lief und schnappte sich unten ebenfalls einen Karton, bevor er leise zu reden begann, in der Hoffnung dass ihn sonst niemand hören würde.
      „Du hast mir nicht gesagt, dass er aussieht wie Jason Momoa aus einem Paralleluniversum“ Er zog eine Augenbraue hoch und sah Ethan fragend an. „Fandest du das nicht irgendwie… erwähnenswert?“ Zumindest wäre es das erste, das Ash über Nik erzählt hätte. Und was war heute bloß los? Natürlich war Ash es gewohnt, Ethan in jeder möglichen Situation zu sehen, aber es war ein wenig unfair, wenn er sich die Ärmel hochschob und auf einmal aussah, als er wäre verdammt gut darin, einen auf diese hochheilige Granitplatte zu heben und-
      Nein. Damit hatte er vor langem abgeschlossen. Ash war bloß in einem seltsamen Zustand seit Nik ihn beinahe umgerannt hatte. Und seine letzte Beziehung war nun auch schon eine halbe Ewigkeit her. Immer, wenn er gerade niemanden datete, kamen diese verdammten Gefühle hoch, die er seit fast einem Jahrzehnt zu unterdrücken versuchte. Irgendwann musste er einfach einsehen, dass es unfassbar armselig war, so lange nicht über jemanden hinwegzukommen. Aber ändern tat das ja auch nichts. Glücklicherweise wusste er mittlerweile ganz genau, wie er das alles schnell runterschlucken konnte. Egal, wie lange er sich damit herumschlagen würde, er würde Ethan definitiv nichts merken lassen. Nicht, nachdem er es so lange geschafft hatte, diese Freundschaft aufrecht zu erhalten, egal wie sehr er sich manchmal gewünscht hatte, dass es mehr war, als das. Es würde Ash umbringen, Ethan nicht mehr in seinem Leben zu haben. Ja, mittlerweile war er sich da sicher. Von jemandem verlassen zu werden war ein vernichtendes Gefühl. Er hatte genug davon.
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    • Ihm gefiel der flirtende Ton mit dem Ash sprach, er war so voller Erwartungen und gleichzeitig so leer an allem was einem Druck machen könnte. Eine Art stummes Kompliment und Nik fragte sich unweigerlich ob dieser Ton einfach nur ein essentieller Part von Ashs Persönlichkeit war oder ob er wirklich mit ihm flirtete.

      Kurz schaute er seinen neuen Mitbewohnern hinterher bevor er sich zurück an seinen ungeliebten Anhang wand. „Hab ihr‘s? Mal ehrlich so wie ihr isst, frag ich mich wie Frauen euch toll finden können…“ brummte er leise auf. „Meistens kommt es gar nicht zum Essen.“ lachte Conner auf und schlug mit Artur ein, der den Spruch anscheinend auch unfassbar witzig fand, so wie dieser plötzlich los prustete. Nik schüttelte nur den Kopf. Arbeiten war deutlich einfacher mit den beiden, obwohl er sich in der Werkstatt auch ihre Heldengeschichten von wilden Wochenenden anhören durfte. Da lag er aber meistens unter irgendeinem Auto und es reichte wenn er alle Viertelstunde mal zustimmend aufbrummte.

      „Ihr seid widerlich.“ stellte er fest, was die anderen beiden nur noch mehr zum lachen brachten. „Jetzt bewegt euch, ich will fertigwerden.“ das hier war gerade echt eine Probe für seine Nerven, vor allen nach den eh schon stressigen vergangen sechs Wochen. Unweigerlich merke er den plötzlichen Schmerz der sich in seinem linken Bein breit machte, oder besser gesagt dort wo sein linkes Bein irgendwann mal war. Die Ärzte hatten es damals Phantomschmerz genannt. Er hatte sie damals ausgelacht, wie kann man in einem Körperteil was nicht mehr da war so entsetzliche Schmerzen haben? Irgendwann hatte er es verstanden. Wenn man es genau betrachtet war es irgendeine psychosomatische Reaktion auf Grund einer Art Umstrukturierung im Gehirn…so in der Art hatten die Ärzte es ihm auf jeden Fall damals erklärt. Nik wusste nur, dass immer wenn er zu lange zu viel Stress hatte diese Schmerzen zurück kamen, wie eine Art Warnsignal seines Körpers, dass er wieder ein wenig mehr Ruhe brauchte. Sie würden das hier noch schnell hinter sich bringen, dann würde sich der Grieche an die Arbeit machen mindestens sein Bett aufzubauen und dann würde er - endlich - heiß und ausgibt duschen. Das war auch so eine Sache die in den letzten Wochen entsetzlich auf der Strecke geblieben ist. In der Werkstatt gab es meistens nur kaltes Wasser und Isaac Logan, der Freund bei dem er gelegentlich untergekommen war, hatte immer so lange geduscht, das für ihm meistens nur noch lauwarmes Wasser überging geblieben war. An sich hatte Nik auch kein Problem damit kalt zu duschen, aber vor allem in Kombination mit den Stress und der immer schmerzhaft werdenden Verspannung zwischen seinen Schulterblättern wäre eine heiße Dusche wie ein Wellnessurlaub.

      Nachdem er die beiden Männer noch Mals gescheucht hatte dauerten es nicht mal eine halbe Stunde, da war der Transporter auch schon leer. Sein Zimmer stand nun voll mit den wenigen Kisten die er besaß und einigen, noch in Pappverpackung eingepackte Bauteile die irgendwann mal den Rest seiner Inneneinrichtung darstellen sollten. Danach ging alles ganz schnell, Connor und Artur packten sich, frech und ungehobelt wie sie nunmal waren, ihre Teller mit dem von Ethan zubereiteten Essen voll, verabschiedeten sich von Nik und den anderen und waren dann genau so laut wie sie gekommen waren auch wieder verschwunden.

      Als die Tür hinter den beiden Mechatronikern ins Schloss fiel seufzte Nik leise auf. Wurde langsam aber auch Zeit.
      „Es tut mir echt leid, die beiden sind unmöglich. Ich hatte ihnen extra gesagt sie sollen sich nicht wie zwei Idioten benehmen.“ entschuldigte sich der Grieche bei Ash und Ethan. Ihm war das Verhalten mehr als nur unangenehm, selbst jetzt noch sah man ihm an wie peinlich berührt er eigentlich war.
    • Ethan wäre schon beinahe wieder nach oben gestürmt, hätte er nicht die leise Stimme seines besten Freundes vernommen. Also hielt er inne und sah zu ihm. Jason Momoa aus einem Paralleluniversum? "Hm.. Nein, ich fand das nicht wichtig...", meinte der Dunkelhaarige zu seiner Verteidigung. Natürlich war ihm schon klar, dass man Nik als attraktiv bezeichnen könnte. Äußerlichkeiten interessierten den jungen Koch allerdings nicht. Höchstens in Form von Körperpflege.

      Als auch die anderen wieder mit anpackten, war der Transporter ruckzuck geleert. Die beiden Helfer bedienten sich noch an dem Buffet und verschwanden dann auch schon. Ob sie wohl öfter kommen würden? Die Frage erübrigte sich, als Nik sich bei ihnen für die beiden entschuldigte und sie als unmöglich betitelte. Freunde waren sie also demnach nicht? Oder sie waren die Art Freunde, die dauernd etwas negatives übereinander sagten. So etwas könnte Ethan nicht einmal wenn er wollte. Gab es an Ash überhaupt etwas negatives? Zumindest nicht in seinen Augen. Abgesehen von einer klitzekleinen Sache vielleicht. Wobei.. als negativ würde Ethan das eigentlich auch nicht bezeichnen. Aber genau so wie ihm auffiel, dass das Verhalten seiner Helfer ihm unangenehm war, war ihm nicht entgangen, wie Ash - kann man es Versuch nennen? - mit ihm geflirtet hatte. Daran musste er schon die ganze Zeit denken, nachdem Ash ihm vorgeworfen hatte, Nik's Aussehen nicht erwähnt zu haben.
      Ja, nur weil er selbst kaum irgendwelche Gefühlsregungen zeigte, war er nicht gleich blind für die von anderen.
      Vielleicht funktionierte ihre Freundschaft deshalb seit Ash's Outing noch genau wie vorher: Denn Ash hatte nie mit Ethan geflirtet. Verständlich. Im Grunde waren die beiden wie Brüder und in Neil würde sich Ash schließlich auch nicht verlieben. Sie waren eine Familie und ein Leben ohne Ash könnte er sich gar nicht vorstellen. Das müsste er allerdings, sobald Ash eine Beziehung führte, die nicht zu Bruch ging. Dann würde er zu diesem Mann ziehen, ihn möglicherweise heiraten, vielleicht Kinder adoptieren. Und Ethan würde ihn nur noch gelegentlich zu Gesicht bekommen. Der Gedanke, ihm nicht mehr jeden Tag mindestens einen guten Morgen oder eine gute Nacht zu wünschen, war irgendwie unangenehm. Aber so war die Realität: Ethan könnte nicht für immer an Ash's Seite sein. Sollte er als seltsamer Onkel bei ihm und seinem Partner wohnen? Eigenartiger Gedanke. Noch eigenartiger war, dass er in diesem Moment auf diesen Gedanken kam. Nur weil Ash Nik anziehend fand, würde das ja nicht zu deren Hochzeit führen. Aber es war schon etwas anderes, wenn Ash's Partner zu Besuch kamen oder wenn sie hier wohnten. Oder?

      "Ach.. halb so wild...", wusste Ethan nichts besseres darauf zu erwidern. Er wollte es nicht beschönigen, aber er wollte ihm auch kein noch schlechteres Gefühl machen. "Können wir dir noch bei etwas helfen? Mit nem Schraubendreher bin ich zwar nicht der geschickteste, aber manchmal kann man noch eine dritte Hand gebrauchen", bot er ihre Hilfe nun auch beim Aufbauen an. In dieser WG wurde Teamwork groß geschrieben. Es war nicht einfach nur ein Zusammenwohnen von Leuten, die alle für sich blieben. Mit Sam hatten sie eine wirklich tolle Zeit gehabt und hoffentlich würde sich das bei Nik nicht ändern. Bei anderen Bewerbern hatte er jedenfalls direkt ein eher ungutes Gefühl. Entweder waren sie ziemlich schnäubisch und hatten eine endlose Liste an Dingen, die sie nicht aßen, oder sie wirkten unheimlich auf Ethan. Einer hatte jedenfalls irgendwelche Andeutungen gemacht, dass er anbieten würde in 'Naturalien' zu bezahlen, um ihnen bei seinem Mietanteil etwas entgegen zu kommen. Klar wusste Ethan, was das bedeuten sollte, aber das war nicht nur etwas creepy, weil der Typ zudem auch noch so eigenartige Vibes versprühte, sondern auch nicht in Ethan's Interesse.

      Kaum hatte Ethan sein Hilfsangebot ausgesprochen, klopfte es energisch an der Tür. Eine Klingel hatten sie zwar auch, aber Vicky hatte die beiden Kerle runterkommen sehen und Ethan's Stimme direkt vor der Tür gehört, sodass sie stattdessen lieber klopfte. Also öffnete Ethan ihr die Tür und blickte seiner Schwester kurz in die Augen, die sich aber schon nach den anderen umsah. "O-M-G. Sag mir nicht, dass der Impala eurem neuen Mitbewohner gehört!", meinte sie und schob sich bereits an Ethan vorbei. Sie wusste natürlich, dass Nik heute einziehen würde. Ansonsten hatte Ethan ihr jedoch nicht viel über Nik erzählt.
      "Ah, Nik.. Das ist meine Schwester Vicky", stellte er sie vor und legte seine Hand auf den kurzen Wuschelkopf. Sie war noch ein gutes Stück kleiner als Ash. "Krass", meinte sie, als sie Nik begutachtete und die Arme vor ihrem Körper verschränkte. Den Cardigan, den sie heute trug, hatte sie eindeutig auch aus der Männerabteilung. Sie bevorzugte eben genau wie Ash eher lockere Kleidung.
      "Du wolltest doch mit Ash reden, oder? Dann würde ich in der Zeit Nik beim Aufbauen helfen", schlug Ethan vor und ließ seinen Blick einmal über alle schweifen. Doch Vicky sah ihren Bruder skeptisch an. "Am Ende kracht das Bett noch mitten in der Nacht zusammen...", gab sie trocken von sich. Man merkte sofort, dass die beiden wie Tag und Nacht waren. "Lass mich mal. Ich kann später noch mit Ash reden", winkte sie ab und spazierte nun auch völlig ungeniert los, um in Nik's Zimmer zu verschwinden. Sie stammten eindeutig nicht vom selben Planeten. Sie hatte auch viel mehr Interessen und Hobbies als Ethan. Sie begeisterte sich sowohl für das Handwerk, als auch Computerzeug von dem Ethan keine Ahnung hatte. Die Frage, ob sie nun also IT studiert oder doch lieber eine Ausbildung in einer Tischlerei oder einem anderen Handwerksberuf machte, war noch offen.
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      - Eugene Ionesco

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    • Natürlich fand er das nicht so wichtig. Ash gab die Konversation sofort wieder auf. Er würde sowieso niemals mit jemandem etwas anfangen, mit dem er zusammen lebte. Das war einfach viel zu kompliziert, seltsam und konnte nur schlecht enden. Trotzdem würde es erstmal eine kleine Herausforderung werden, nachdem Ash sich selten unter Kontrolle hatte, wenn er ehrlich war. Seine Zunge war meistens schneller als sein Gehirn. Er würde sich anstrengen müssen, nicht unabsichtlich mit Mr. Model zu flirten der Andeutungen zu machen, die er garnicht so wirklich ernst meinte. Er wusste noch nichtmal, ob Nik Single war, auch wenn das nicht wirklich viel zur Sache tat. Aber er würde sich sowieso noch an Ashs Art gewöhnen müssen; er war eben manchmal nicht ganz so umgänglich wie Ethan, sondern deutlich direkter. Mit dessen Schwester hatte er wohl mehr gemeinsam. Weshalb es ihn nicht weiter überraschte, als Vicky plötzlich vor der Tür stand und irgendetwas von ihm wollte. Genauso wie ihre Reaktion zu Nik. 'Krass'. Ja, das war doch ein normaler Gedankengang, oder?!
      Außerdem sah Nik erschreckend niedlich aus, wenn ihm etwas unangenehm war. Vielleicht sollten diese Idioten doch öfter vorbeikommen.

      "Huh? Mit mir?", fragte Ash atemlos, während er sich die Ärmel seines Pullovers hochkrempelte. Aber Vicky schien ihr Anliegen schon auf Später verschoben zu haben. Zumindest musste Ash so nichts mehr aufbauen, das Kisten schleppen war schon anstrengend genug gewesen. Er hatte das Gefühl zu schmelzen.
      "Okay. Viel Spaß", sagte er nur mit einem Abwinken bevor er sich mit einem Seufzen motivationsbefreit auf die Couch fallen ließ. Sitzen… Es war ja nicht so, als wäre er unsportlich, aber er versuchte immer automatisch seine Mitmenschen zu übertrumpfen, wenn es um Kraftakte ging. Er war noch nie gut darin gewesen, einzusehen, dass er durch die 10 bis 15 Zentimeter, die ihm an Höhe fehlten, auch deutlich weniger auf die Waage brachte. Ausdauersport half da auch nicht unbedingt, aber er konnte sich einfach nicht für Krafttraining begeistern. Und dann… hatte er nach 3 oder 4 Kisten über 2 Stockwerke eben auch mal kurz einen kleinen Herzinfarkt.
      Ash setzte sich auf und zog sich den Pullover über den Kopf, bevor er sich wieder tief in die Couch sinken ließ. Er zupfte ein paar Mal an seinem 3 Nummern zu großen Shirt, um Luft an seine Haut zu bringen, bis er sich wieder in der Lage fühlte, eine Konversation zu führen.

      "Weißt du, was sie will?", fragte er Ethan in Bezug auf Vickys unangekündigten Besuch. Zumindest war er bei Ash nicht angekündigt gewesen, aber Ethan schien Bescheid gewusst zu haben. Irgendwie war ihre Wohnung ja auch eine Art sozialer Treffpunkt geworden. Wenn Vicky nicht plötzlich aufkreuzte, war es Neil, der auf einmal in der Küche saß, um sich bekochen zu lassen. Auch Ashs Exfreunde hatten sich für seinen Geschmack immer ein wenig zu sehr über das gratis Essen gefreut, aber zumindest hatten die keinen Notfal-Schlüssel für das Apartment besessen.
      Manchmal konnte man glatt das Gefühl haben, dass tatsächlich alle nur wegen Ethan hier antanzten. Mal sehen, wieviele Leute Nik wieder anlocken würde, aber Sam hatte ihre Freundin auch gerne vorbeigebracht. Man musste Ethan nichtmal darum bitten, etwas zu kochen, weil er es sowieso andauernd tat. Ash fragte sich manchmal, was er tun würde, wenn er alleine leben würde. Alles selbst essen? Die Figur würde er wohl nicht lange behalten.

      "Sie kann mich auch einfach mal anrufen", sagte Ash. "Sie hat meine Nummer ja nicht ohne Grund" Naja, wer wusste schon, was sie wollte. Es gab Dinge, die man lieber in Person besprach.
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    • Vickys Worte zauberten ihm ein breites Grinsen auf die Lippen. „Schuldig.“ lachte er leise. „Nik, freut mich sehr.“ stellte er sich genau so höflich bei der Jugendlichen vor, wie er es bei Ash und Ethan getan hatte. So eine Reaktion auf sein Baby war er gewohnt, sie zog fast überall die Blicke auf sich. Nik hegte und pflegte sie schließlich auch mit allem an Zeit und Geld was er hatte. Sie war sein ein und alles und er liebte sie wahrscheinlich mehr als er jemals einen Menschen geliebt hatte. Roxana - seine Ex-Freundin - war am Anfang ein wenig eifersüchtig gewesen, irgendwann hatte sie aber gelernt dass es Nik nur mit seinem Auto gab und das er dieses Auto als Ruhepol brauchte wie die Luft zum atmen. Irgendwann, wenn man Nik lange genug kannte, konnte man an seinen Verhaltensweisen seine Stimmung ablesen und egal wie schlecht es ihm ging nach einer ausgiebigen Fahrt mit seinem Impala war er meistens deutlich ruhiger und gelassener. Manchmal fuhr er Stunden lang ins nichts, die Musik laut aufgedreht um an nichts denken zu müssen. Nik war an sich ein ruhiger Charakter der vieles mit sich selbst ausmachte, zum Leidwesen seiner eigenen Psyche.

      Der Grieche lachte bei Vickys Konter ihrem Bruder gegenüber laut auf, bevor er jedoch mitbekamen was die Teenagerin gerade im Stande war zu tun. Er war zwar an sich ein echt offener Mensch, aber vor allem nach seiner Zeit in der Army war ihm seine Privatsphäre hoch und heilig. Kurz bevor Vicky sein Zimmer betreten konnte, hatte er ihr seine Hand auf die Schulter gelegt und schob die sanft aber bestimmt von er Tür weg, nur um diese dann selbst zu öffnen und ihr aufzuhalten. „Vicky, richtig? Ich hab kein Problem wenn du dich hier frei bewegst, aber Privatsphäre ist immer so ein Ding, okay?“ meinte er mit einem sanften Lächeln. „Und wenn mein Bett heute Nacht zusammen krachen sollte, werde ich dich persönlich dafür verantwortlich machen.“ zwinkerte er ihr frech zu und nahm somit die Hilfe dankend an.

      Nik konnte gut mit Kindern und Jugendlichen. Seine Tante hatte selbst zwei kleine Mädchen, für die er der größte Held überhaupt war und selbst Roxanas Cousine, die ungefähr in Vickys Alter war, fand ihn großartig. Er hatte einfach ein Händchen für andere Menschen, mit seiner ruhigen aber trotzdem offenen und extrovertierten Art.

      Aus einem er Kartons zog er ein Messer in einer Lederscheide. Man sah der Klinge die Jahre die es im Einsatz war definitiv an. Die Schneide war leicht gebogen und der Griff mit Leder ummantelt. Ein klassisches Kampf- und Einsatzmesser, welches er trotz seiner vergangen Dienstjahre immer noch gerne benutze, mittlerweile aber die meiste Zeit in einem Regal stand und dort verstaubte. Im Einsatz war das Messer einer seiner treusten Begleiter gewesen und hatte ihm aus der ein oder anderen Notlage mehr oder wenig gut rausgeholte. Genau mit dieser Klinge schlitzte er nun präzise die Verpackungen auf, nur um das Bowie-Messer danach wieder in der Scheide zu verpacken und es auf einen der Regale zu legen. „Ich persönlich würde lieber mit dem Bett anfangen, dann steht das wichtigste schonmal und die Matraze steht nicht mehr so blöd in dem Raum.“ das würde nur Sinn machen, die Matratze, welche später einmal auf das Bettgestell soll, stand zwar gerade hochkant an den Kleiderschrank gelehnt, nahm aber trotzdem recht viel Platz weg.
    • Und weg war sie. Ethan sah noch dabei zu, wie Nik sie ein wenig ausbremste und zuckte noch kurz mit den Schultern, ehe er Ash zur Couch folgte und sich neben ihm niederließ. Im Gegensatz zum Blonden war Ethan weder außer Atem, noch wirklich in Schweiß ausgebrochen. Bei der Hitze, der er tagtäglich ausgesetzt war und die ganzen schnellen Bewegungsabläufe, waren so ein paar Kartons ein Kinderspiel.
      "Nein." Ethan hatte keine Ahnung, was Vicky dieses Mal von Ash wollte. Manchmal redete sie mit ihm auch einfach über private Dinge, da er als geouteter Homosexueller für sie ein besserer Ansprechpartner war als Ethan, der vermutlich eher auf Rinderrouladen stand, als auf Menschen...
      "Vielleicht war das auch nur ein Vorwand...", meinte er nachdenklich und kramte sein Handy raus, um ihm den Chatverlauf zu zeigen. Vor einer Woche hatte sie gefragt, ob sie sich für einen Bewerber entscheiden konnten, der Sam's Zimmer übernehmen würde. Ethan antwortete lediglich mit 'Ja'. Dann fragte sie, wann er denn einziehen würde. Ethan schrieb 'am Samstag'. Und was er beruflich machte. 'Mechatroniker'. Anschließend meinte Vicky nur, dass sie sowieso noch mit Ash reden wollte, worauf Ethan 'Ok' schrieb. Es war also eine indirekte Ankündigung für ihren Besuch, wobei man bei Vicky zu 99% dann auch davon ausgehen konnte.

      Vicky drehte sich zu dem Größeren um und sah zu ihm auf, als er ihr etwas von Privatsphäre erzählte. Dann grinste sie wegen des anderen Kommentars. "Entspann dich. Sobald ich das Zimmer verlassen habe, werde ich nie wieder ungefragt reingehen. Aber momentan sind all deine schmutzigen Geheimnisse ja noch in Kisten, oder? Da gibts also nicht viel zu sehen", meinte sie entspannt und begleitete ihn hinein. Ihr Blick fiel nur kurz auf die Matratze und die noch eingepackten Möbel. Dann beobachtete sie, wie Nik mit einem dafür wohl etwas zu großem Messer die Verpackung vom Bett öffnete.
      Sie fackelte nicht lang und begann schon den Inhalt des Paketes zu sortieren, ebenso darauf bedacht, das Ding so schnell wie möglich hinzustellen. Zu zweit wär das in wenigen Minuten erledigt.
      "Nimmst du mich mal auf eine Spritztour mit?", fragte sie offen heraus, ohne ihn dabei anzusehen. Erst nach kurzer Denkpause sah sie zu ihm auf und zog eine Augenbraue hoch. "Keine Panik. Ich bagger dich nicht an, auch wenn du ziemlich heiß bist. Ich steh mehr auf Typen wie Ash, aber der ist schwul. Außerdem kannte er mich schon, als ich Windeln getragen habe", sagte sie, als wäre überhaupt nichts dabei. Das war dann auch wohl die größte Gemeinsamkeit mit Ethan. "Du hast doch kein Problem mit Schwulen, oder?", fragte sie nun, wobei ihre Stimme plötzlich einen schärferen Ton hatte. Ihr Bruder hatte doch hoffentlich keinen Deppen in die Wohnung geholt. Den würde sie ja gleich wieder rauswerfen. Was schade wär, denn eigentlich fand sie Nik bisher ziemlich cool. Zum Großteil natürlich auch wegen des Impalas.
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    • Ash lehnte sich zu Ethan hinüber und laß den Chat auf seinem Handy mit. "Ah… Sie wollte wahrscheinlich mehr über unseren neuen Mitbewohner erfahren als 1-Wort-Messages bieten können", neckte er seinen besten Freund. Es war seltsam, denn Ethan wirkte gleichzeitig wie der trockenste aber irgendwie auch sensibelste Mensch, den Ash sich vorstellen konnte. Obwohl er älter war, und größer… und Ash wortwörtlich sein Untergebener war, er hatte irgendwie einen Beschützerinstinkt für ihn entwickelt. Der war schon da, seit sie Kinder gewesen waren, auch wenn Ethan letztendlich wohl immer der war, der sich um Ash kümmerte. Zumindest bekochte er ihn und gab ihm Arbeit und es war langsam wirklich ein bisschen lächerlich, wie abhängig Ash von ihm war, aber… Er würde sich definitiv für ihn prügeln. Oder ein Dance Battle für ihn austragen, das würde vielleicht mehr bringen. Wenn er seine Hobbys jedenfalls irgendwie zu Ethans Vorteil nutzen konnte, wie der es mit dem Kochen tat, dann würde er das auch tun.
      Aber manchmal waren sie auch einfach nur ein sehr gutes Ventil, wenn er realisierte, dass es garnichts gab, mit dem er wirklich ausdrücken konnte, wieviel Ethan ihm bedeutete. Die ganzen Songs, die er über ihn geschrieben hatte, ruhten jedenfalls passwortverschlossen in einem Ordner auf seinem Laptop, der mit ihm ins Grab gehen würde.

      Manchmal fragte Ash sich, ob Viktoria sich irgendwann mal gedacht hatte, dass er mehr für ihren Bruder empfand als Freundschaft. Er würde sich ja nicht als sonderlich begabt bezeichnen, wenn es darum ging, seine Gefühle zu verstecken. Aber sie schnallte so etwas bestimmt deutlich schneller als Ethan. Der es entweder nur immer sehr höflich ausgeblendet und nicht angesprochen hatte oder zu Ashs Glück tatsächlich keinen blassen Schimmer hatte.
      "Oh, ich hab vor, Sam irgendwann mal zum Abendessen einzuladen, wenn Nik da ist. Deine Schwester ist nicht die einzige, die neugierig ist", kündigte er an. "Aber ich geb dir vorher Bescheid. Vielleicht am Wochenende, oder so. Außerdem glaube ich, dass sie allein für die Lasagne ab und zu herkommen wird, das wird nicht aufzuhalten sein" Aber Ash hatte da wirklich nichts dagegen. Er sah sie zwar sowieso beinahe jeden Tag in der Uni, aber er vermisste es schon ein bisschen, dass sie abends nicht mehr hier war, wenn er aus dem Restaurant zurück kam. Ash hatte sich regelmäßig halbtot in ihr Bett fallen lassen, um sich von ihr irgendwelche selbstgemachten Masken ins Gesicht schmieren zu lassen, und auch, wenn seine Haut ab und an beleidigt gewesen war, wollte er sogar das ein wenig zurückhaben. Ob Nik auch irgendein komisches Hobby hatte, dass er Ethan und ihm aufdrängen würde?
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    • Nik war ein wenig von der Offenheit des Mädchens überrumpelt, vor allem in welchem Tempo sie Informationen von sich geben konnte. Vielleicht lag das aber auch nur an der stressigen Zeit die jetzt hoffentlich vorbei war. „Klar können wir sich er mal machen, wenn dein Bruder damit kein Problem hat.“ meinte er lächelnd auf die Frage. Er hatte meistens keine Probleme damit Leute in seinem Auto mitzunehmen, solang sie nicht der Meinung waren selbst fahren zu wollen, ihm mitteilen zu müssen wie man sich im Straßenverkehr zu verhalten hatte oder, was noch am schlimmsten war, seinen Musikgeschmack zu kritisieren. In seinem Auto bestimmte er die Musik und auch nur wenn er seine Mitfahrer gut leiden konnte durften sie sich aus seiner Kassettenkiste bedienen. Sowas wie Spotify oder Bluetooth gab es in seinem Baby nicht und das war auch gut so. Seine Kassetten stellte er selbst zusammen und sie alle landeten - unsortiert und chaotisch - in einer kleinen Box die im Fußraum des Beifahrerplatzes stand.

      Bei dem Kompliment musste er leise auflachen. „Alles gut, du wärst mir eh zu jung.“ gab er kokett zurück. Bei den nächsten Worten der jungen Frau nickte er leicht. „Ash also?“ grinste er. „Ich kann’s auf jeden Fall nachvollziehen.“ lachte er leise auf. Das konnte er wirklich. Ash sah gut aus, war unweigerlich attraktiv und er mochte seine lockere und flirtende Art von der ersten Sekunden an. Das konnte auf jeden Fall noch interessant werden, vor allem jetzt mit der neu erworbenen Information.

      Bei Vickys scharfen Ton zog er kurz seine linke Augenbraue hoch, wo kam der denn so plötzlich her? Ihre Stimme schien das was Ethan an Emotionen zu fehlen schien, doppelt und dreifach ausgleichen zu wollen. „Nein, ich habe keine Probleme mit Schwulen oder generell…anderen Menschen.“ drückte er sich sehr wage aus. Vielleicht war die Wahl seiner Worte nicht unbedingt die Beste, er hätte sich wohl ein wenig besser ausdrücken können. Das ganze Thema war ihm zwar nicht unbedingt unangenehm, er versuchte sich jedoch so elegant wie möglich darum herum zu winden.

      Nik hatte in den letzten Jahren genau so was mit Frauen wie auch mit Männern gehabt, hielt sich jedoch immer noch recht bedeckt was das anging. Es war ihm nicht unangenehm, er schämte sich auch nicht für seine Gefühle oder Anziehung gegenüber des eigenen Geschlechts, er ging damit einfach nur einfach nicht besonders offen um. Es interessierte keinen außer ihn selbst was er hinter verschlossenen Türen tat.
      Während der Beziehung mit Roxana - und auch danach - hatte er sich mehr oder weniger regelmäßig mit einem jungen Mann getroffen, der zufälligerweise auch sein Tattoowierer war, und sie hatten viele Abende miteinander verbracht. Waren sogar - selten - mal ausgegangen aber es war nie so, dass sie sich in der Öffentlichkeit besonders intim verhalten hatten. Nik war generell nicht der Typ der viel Händchen hielt oder auf offener Straße rumknutschte. Das hatte er mit Rox auch nie gemacht und sie war eigentlich immer okay damit gewesen auch wenn er wusste, dass sie es gerne getan hätte.
    • Ethan war Sprüche wie diesen von Ash und Vicky gewohnt, aber er nahm sie noch nie übel. Schließlich konnte er sich ganz gut selbst reflektieren und ihm war durchaus bewusst, dass er - vor allem in Chats - ziemlich wortkarg war. Selbst wenn er mehr über Nik wüsste, hätte Vicky ihm dies mühselig aus der Nase ziehen müssen. Deshalb kam sie wohl wirklich lieber einfach selbst vorbei. Auch deswegen, weil sie Nägel mit Köpfen machte und die ihr wichtigste Frage gerade in Abwesenheit ihrer Brüder stellte. Ja, Ash war inzwischen auch wie ein Bruder für sie und sie hegte auch keinerlei romantische Gefühle für ihn, auch wenn sie vermutlich würde, wenn sie wüsste, dass eine Chance bestünde.
      Als Ash Sam's Neugierde ansprach, musste Ethan lächeln. So ein Lächeln - voller Glückseligkeit - konnten bei ihm nur wenige hervorrufen. "Gern. Aber sie muss auch Hannah mitbringen", antwortete Ethan, der sich sichtlich über den Besuch der beiden freuen würde. Er schaffte es immer wieder eine unglaublich gefühlvolle Seite zu zeigen, während er die meiste Zeit dann doch fast schon wie ein emotionsloser Roboter wirkte.
      Leider hatte er wirklich keinen blassen Schimmer, dass Ash Gefühle für ihn haben könnte. Wenn er sich anfangs, nach seinem Outing, etwas anders verhalten hatte, dann hielt Ethan es für seine Unsicherheit darüber, ob das für Ethan okay wäre. Aber er hatte ihm immer wieder gezeigt, dass er immer sein bester Freund bleiben würde, egal wie seine Sexualität aussähe.
      "Du versuchst jetzt aber nicht dich an Nik ranzumachen, weil er dir gefällt, oder?", fragte der Koch mit seinem immerzu unschuldigen Ethan-Blick, während er seinen Finger sanft in die Wange des anderen drückte und in dessen Augen sah. Ethan war genauso wenig schüchtern wie Vicky. Er war einfach nur... Ethan. Gefangen in seiner Seifenblase aus Kochrezepten. Natürlich hatte er auch mal über eine Beziehung nachgedacht. Aber wenn er sich die gescheiterten Beziehungen seines besten Freundes ansah und dessen gebrochenes Herz dabei, dann könnte er auf so etwas gut verzichten. Auch seine Eltern waren geschieden, seine Tante alleinerziehend. Da er selbst weder besonders romantisch, noch irgendwie lüstern war, konnte er sich auch nie so richtig in einer Beziehung vorstellen.
      Und wenn er sich doch mal volle Kanne verknallen würde? Bisher waren noch nie irgendwelche Gefühle in ihm explodiert. Deshalb wurde ihm auch nicht bewusst, dass sein Wunsch, Ash immer bei sich zu haben, vielleicht doch mehr als nur Freundschaft sein könnte. Aber er hatte auch keine verdammten Fantasien, die ihn in irgendeiner Weise verunreinigen würden. Nichts. Ein Keuschheitsgelübde könnte Ethan wohl ohne jeglichen Zweifel einhalten.


      Ob Ethan ein Problem damit hätte, wenn Vicky Zeit mit Nik allein verbrächte? Wohl kaum. Der war so tiefenentspannt wie kein anderer. Wobei das Mädchen schon seit Jahren einen Selbstverteidigungskurs besuchte. Anfangs, weil ihre Eltern es für nötig hielten. Nicht, dass ihr kleines, süßes Mädchen von einem Typen belästigt werden würde. Als sie jedoch darüber hinweg war, wie eine Puppe behandelt zu werden, machte es ihr sogar Spaß und sie machte es bis heute noch. "Ach nö", meinte sie deshalb.
      Das sie ihm zu jung wäre, nahm sie mal so hin. Für Vicky war Alter eigentlich nur eine Zahl, aber Nik war für sie eben auch mehr der Kumpeltyp, als ihr Traummann. Das Nik jedoch nachvollziehen können wollte, dass sie eher auf Ash stehen würde, erschien ihr doch eine interessante Info zu sein. Zumindest hatte er kein Problem mit Schwulen und das er 'andere Menschen' sagte, sorgte bei Vicky glücklicherweise auch nicht für Ärger. "Gut", stellte sie fest und fokussierte sich wieder voll auf das Zusammenbauen des Bettes. Sie war ziemlich geschickt und machte den Eindruck, als würde sie auf jeden Fall öfter mit Werkzeugen arbeiten.
      Das Thema war für sie also erledigt und sie bohrte auch nicht weiter nach. "Wie ist es so als Mechatroniker? Machst du das schon lange und macht es dir Spaß?", fragte sie nun neugierig, während sie ein paar Schrauben festzog.
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      - Eugene Ionesco
    • Heute war ein seltsamer Tag. Das kam manchmal vor. Es gab Tage, an denen es Ash schwer fiel, den Augenkontakt mit Ethan zu halten. Er sah weg, bevor das Risiko zu groß wurde, dass irgendwelche wenig platonischen Gedanken in ihm hochkamen. Auch wenn er sich das Lächeln gerne noch ein wenig länger angesehen hätte, weil es ihn kitschigerweise immer doppelt so glücklich machte, wie Ethan es vielleicht war.
      Er wandte den Blick möglichst natürlich ab und schielte Ethan bloß noch einmal an, als dieser sich seine Wange zum Eigentum machte. "So oberflächlich bin ich auch nicht", brummte er. Okay, doch, ein wenig schon. Aber wer ließ sich nicht manchmal verleiten? Das hieß nicht, dass er seinen Trieben auch nachgehen würde. Er konnte Nik bisher noch nicht einmal richtig einschätzen. Vielleicht war er ein richtiger Psychopath und sie erfuhren es erst in zwei Wochen! Immerhin hatte Ash hier kein Freifahrtticket wie bei einem One Night Stand, bei dem es am nächsten Morgen ziemlich irrelevant war, ob er mit Hobbyjäger oder einem Sternsänger geschlafen hatte, weil er es eben einfach nicht wusste. Und dabei durfte es in diesen Fällen absolut bleiben.
      Aber Nik würde er früher oder später kennenlernen, ob er wollte oder nicht. Man konnte nicht zusammenleben, ohne seine dunkelsten Geheimnisse – unabsichtlich – zu offenbaren. Man konnte nur hoffen, dass es keinem auffiel, aber, oh, Ash fiel alles auf. Er würde jeden von Niks Schritten analysieren, bis er genau wusste, was sein Deal war. Und genau deshalb konnte er auf keinen Fall mit ihm schlafen. Sogar in den meisten Beziehungen konnte man besser ignorieren, was man nicht wissen wollte, als bei seinen Mitbewohnern. Und selbst wenn er total nett war, perfekt sogar, dann konnte immernoch alles in die Brüche gehen, das hatte Ash auch zur Genüge erlebt. Irgendetwas passierte doch immer. Ewigkeit existierte wirklich nur in Freundschaften. Und was würde er dann tun? Mit seinem Ex zusammenleben? Wer zog dann aus? Denn es war bestimmt nicht Ash.
      Nein, damit fingen sie garnicht erst an. Das stand alles nicht zur Debatte.

      "Glücklicherweise hab ich etwas namens Selbstkontrolle", sagte er. An der mangelte es zwar hin und wieder, aber sie war gleichzeitig alles, das ihn jahrelang davon abgehalten hatte, Ethan aus dem Nichts zu küssen oder irgendwelche Gedanken auszusprechen, die besser unausgesprochen blieben. Also hatte seine Selbstkontrolle eigentlich eine Medaille verdient. "Irgendwann wird er sicher etwas tun, dass ihn unattraktiv macht", seufzte Ash. Ganz bestimmt, und dann war es nur noch eine Frage von Ashs nicht existierenden Ansprüchen, ob das half. Aber das konnte man ja beschleunigen.
      Er setzte sich ruckartig auf. "Wie lange kennst du Nik? Zusammengerechnet vielleicht 90 Minuten? Ich guck mal nach, worüber er mit Vicky redet", sagte er mit ernster Miene. Es konnte sein, ganz vielleicht, dass Ash ein wenig überfürsorglich war, seit seine Schwester gestorben war. Klar, Vicky konnte sich durchaus verteidigen, vor allem verbal, aber das hieß nicht, dass man sie absichtlich mit einem Fremden alleine lassen musste, der doppelt so groß war, wie sie.

      Er ging rüber zu Niks Zimmer und drückte die Tür ein Stück auf, wobei ihn sofort eine Welle der Melancholie erwischte, als er nicht die Einrichtung sah, die er gewohnt war. Als er sich wieder gefasst hatte, lehnte er sich an den Türstock und sah den beiden kurz beim Basteln zu. "Geht ja dahin", kommentierte er. "Und, hat sie dich schon ausgefragt?", fragte er dann in Niks Richtung. Hoffentlich, denn später würde Ash dann Vicky darüber ausfragen, worüber sie Nik ausgefragt hatte.
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    • „Erst seit knapp fünf Jahren.“ Beantwortet er die Frage während er sich ebenfalls dran machte das Bettgestell zusammenzusetzen. „Ich hab aber relativ schnell meinen Meister und meine Spezialisierungen gemacht…und ich schraube eigentlich auch schon mein ganzes Leben an Autos. Mein Vater hat es mir irgendwann beigebracht bis ich anfangen habe ihm die Sachen beizubringen.“ lachte er leise auf. Bei der Erinnerung als er seinem Vater das erste Mal beim Reifenwechseln geholfen hatte, überflutete ihn ein Gefühl von Melancholie.
      Nik hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, selbst in seiner Jugend verstanden sie sich gut, auch wenn sie sich währenddessen öfters mal gestritten hatten. Sie führten im allgemein zwar keine besonders liebevolle aber Beziehung aber sie hatten sich immer gut verstanden. Vielleicht eher wie ein Onkel und dessen Neffe als ein Vater und dessen Sohn. Vielleicht war das der Grund warum er immer so sehr um die Anerkennung seines Vaters gekämpft hatte. Nik hatte als Kind grundsätzlich nur Lob von seinem Vater bekommen, für Dinge die den älteren Mann ebenfalls interessiert hatten. So war es recht schnell klar gewesen, dass Nik eine Interesse für Autos aufbaute und vielleicht war das auch der Grund warum er später ebenfalls zur Army ging.

      Enos Kantos - was wie der Name einer griechischen Gottheit aus einem highfantasie Novels klang - war ein relativ undurchsichtiger Charakter gewesen. Er war durch und durch Soldat und handelte stets strukturiert. Als Vorgesetzter ließ er meistens nicht viel mit sich diskutieren und entweder machte man es so wie er es befahl oder man durfte sich später anhören, dass es so wie er es gemacht hätte, sowieso besser gewesen wäre. Genau das waren auch seine Leitsätze in der Erziehung. Er war hatte eine dominante Persönlichkeit gegen die Nikita als Kind kaum angekommen war und als Teenager hatte er mit viel Kontra versucht sich zu wehren. Mit achtzehn wollte Nik ihm dann - stur wie er manchmal sein konnte - beweisen, dass er alles mindestens genau so gut konnte wie sein Vater und war in seine Fußstapfen getreten. Enos hatte seitdem bei seinen Kammeraden über seinen Sohn geschwärmt. Das neue kameradschaftliche Verhältnis hatte ihre Vater-Sohn-Beziehung auf eine etwas verwirrende und verkorkste Art und Weise gestärkt wenn auch grundlegend verändert. Nik hatte aufgehört zu seinem Vater aufzusehen und betrachtete ihn seitdem eher von einem neutralen Standpunkt aus. Trotz allem war den beiden die gemeinsame Liebe für Autos und Kampfsport geblieben.

      Nik schwieg, hing einige Momente seinen Gedanken nach, schüttelte die schmerzhaften Erinnerungen jedoch schnell wieder ab. Gerade rechtzeitig als die Tür aufging und Ash seinen Kopf durch diese steckte. Bei der Frage warf er Vicky ein kurzes Lächeln zu. „Nein nein, keine Sorge. Auf jeden fall nichts was ich nicht selbst preisgegeben hätte.“ lachte er auf. Über seinen Beruf redete er gerne, schwärmte schon fast über die Autos die sich bereitwillig von ihm bearbeiten ließen. Er liebe es das Material unter seinen Fingern zu haben und es war jedesmal wie ein kleines Abenteuer die Motoren wieder zum schnurren zu bringen.
    • Ethan nickte nur kaum ersichtlich, als Ash von Selbstkontrolle sprach. Das war auch eigentlich nur einer von Ethan's Versuche ihn zu necken. Er war nicht wirklich ernsthaft besorgt darüber, dass da was laufen könnte. So schnell wollte Ethan nämlich keine neuen Bewerber für das Zimmer interviewen. Vor allem, wenn Vicky bald 18 wäre, würde sie es haben wollen und wäre stinksauer, wenn sie es nicht bekäme.
      "Hm...", machte der Koch leise und dachte darüber nach, was Nik denn für Ash unattraktiv machen könnte. Vielleicht popelte er... und aß sie dann!
      Weit kam er mit seinen Einfällen nicht, als Ash sich Sorgen wegen Vicky machte, die Ethan sich ganz und gar nicht machte. Sie waren doch ganz in der Nähe und würden mitbekommen, wenn Vicky sie rief. Mal davon abgesehen, dass er ihr zutraute sich zu verteidigen, wenn die beiden nicht in der Wohnung wären. Und wenn sie vielleicht sogar schon übereinander herfielen? Schließlich wusste er nicht, auf was für einen Typ Mann seine Schwester stand. Ihr gefiel ja sein Auto und galt das 'krass' an der Tür etwa auch Nik's Aussehen? Er würde sich doch nicht über die Schwester eines Mitbewohners hermachen. Das glaubte er nicht.
      Da Ash sich jedoch darum kümmerte, ging Ethan in die Küche - in der er mehr Zeit verbrachte, als in seinem Zimmer. Bei der Gelegenheit konnte er doch Vicky eine große Portion einpacken, die sie für sich und ihren Vater mitnehmen könnte, wenn sie ginge.

      Interessiert lauschte Vicky den Worten des jungen Mannes, die sie ein wenig faszinierten. Sie hatte eigentlich ein recht feines Gespür dafür, die Emotionen anderer zu erkennen. Nur bei ihrem Bruder schien das fast unmöglich zu sein. Das Ash und Ethan beste Freunde waren, war für sie vollkommen okay. Die beiden waren ein super Team. Aber was gefiel Ash eigentlich an Ethan, dass er sich mehr vorstellen könnte? Natürlich könnte es auch sein, dass Vicky das fehlinterpretierte, aber meistens lag sie richtig. Was Nik anging, hatte sie auch schon einige Eindrücke in der kurzen Zeit gewonnen. "Cool! Ich helf meinem Dad auch in der Werkstatt." Autos reparierten sie zwar nicht, aber andere Dinge wie Rasenmäher.
      Beim Klang von Ash's Stimme sah das Mädchen auf, wobei sie einen fast genau so unschuldigen Blick hatte wie Ethan. Wenn sie einen mit offenen, großen Augen ansahen, die einem ihre ganze Aufmerksam schenkten und neugierig darauf waren zu erfahren, was dem anderen auf dem Herzen lag. Bereit all ihren Kummer aufzusaugen und für sie zu bewahren, damit es ihnen besser ginge. Oder weil sie plötzlich unerwartet angesprochen wurden.
      Ob sie ihn schon ausgefragt hätte? Und ob! Als Nik nicht mehr zu ihr sah, hob sie grinsend ihren Daumen. Später würde sie ihm ganz klar davon erzählen, was ihre Eindrücke waren.

      Nachdem das Bettgestell aufgebaut war, streckte sich Vicky und sah sich noch einmal kurz um. "Schaffst du den Rest allein?", fragte sie, um ihre weitere Unterstützung anzubieten, falls diese gewünscht war. Ansonsten war das wichtigste ja schon mal fertig und er hätte es später bequem beim Schlafen. "Ansonsten schnapp ich mir jetzt Ash", meinte sie, ohne jegliche Art von Unterton, die irgendetwas andeuten würden. Weil es da auch überhaupt keine Zweideutigkeit für sie gab. Das war eine ganz sachliche Aussage, die sie wieder mehr wie Ethan wirken ließ.
      Also verabschiedete sie sich vorerst von Nik und verkroch sich, wie so oft, mit Ash in seinem Zimmer. Ihr Anliegen konnte auch noch etwas warten, denn sie wusste genau, dass Ash darauf brannte zu erfahren, was sie über Nik in Erfahrung bringen konnte. "Nik ist voll okay. Hab gefragt, ob er mich mal in seinem Impala mitnimmt. Damit er aber nicht auf falsche Gedanken kommt, hab ich gesagt, dass ich nicht versuche ihn anzubaggern und ich ohnehin mehr auf Typen wie dich stehe. Aber da du schwul bist", erzählte sie wortwörtlich und ohne Scham, während sie mit den Schultern zuckte. Obwohl sie Ash gerade zum ersten Mal sagte, dass er ihr Typ wäre und sie auch noch ungefragt etwas über ihn preisgegeben hatte. Das war wieder typisch Bowman. "Er meinte, dass es nachvollziehbar ist...", sagte sie mit einem etwas verschwörerischem Blick, der Ash auch irgendwie dazu ermahnen sollte, nicht deswegen überzuschnappen, aber auch vorsichtig zu sein. Ein Apell an seine Selbstkontrolle quasi. "Ein Problem damit hat er nicht. Auch nicht mit 'anderen Menschen'", fuhr sie fort. "Ich glaub, es ist nicht sein Ding über so etwas zu reden. Aber er macht auf mich einen sehr netten Eindruck", beendete sie ihren Bericht und sah Ash mit schiefgelegtem Kopf an, während sie im Schneidersitz auf seinem Bett saß. "Möglicherweise ist er ja auch schwul oder Bi, aber vielleicht nicht ganz so gechillt wie du und Ethan." Vielleicht fiel es ihm schwer offen darüber zu reden, weil jemand in seinem Umfeld nicht damit klar käme? So jedenfalls Detektiv Vicky's Vermutung.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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