The last Chapter [yeet & Dark.Wing]

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    • The last Chapter [yeet & Dark.Wing]

      Vorstellung

      @yeet


      Die Morgenluft schlug ihm kalt und feucht entgegen als er das Foyer des Apartmentkomplexes verließ. Für Mitte Herbst war es erschreckend kühl an diesem Morgen.

      „Mister Greyard, Sir. Mister Greyard.“ Bei dem leichten indischen Akzent blieb er stehen, seufzte leise auf und drehte sich dann mit einem sympathischen Lächeln zu dem jungen Inder vor ihm um. Das Hemd war ihm ein wenig zu groß, nicht merklich, aber wenn man es wusste, sah man es auch und er wusste es. „Guten Morgen Sunil.“ Begrüßte er den jungen Mann vor sich freundlich. „Guten Morgen Mister Greyard, Sir. Hätten Sie erwähnt, dass Sie raus wollen, hätte ich Henry für Sie kontaktiert.“ Er winkte mit einer fließenden, eingeübten Handbewegung ab. „Mach dir nicht so viele Gedanken Sunil.“ Meinte er lächelnd und legte dem jungen Mann seine Hand auf die Schulter. „Rechen nicht vor vier mit meiner Rückkehr, falls Henry fragt, ich würde mich persönlich bei ihm melden, wenn ich ihn heute brauche.“ Der Inder schaute ihn mit großen, braunen Augen an und nickte dann. Er erinnerte ihn an ein Rehkitz im Scheinwerferlicht. Mit seiner jugendlichen, freundlichen und kompetenten Art war der Inder die perfekte Person für den Empfang eines solchen Foyers, auch wenn dieser trotz der langen Monate, die er nun schon hier arbeitet, immer noch Probleme mit der etwas gehobenen Sprache hatte. „Du solltest mehr auf dein Äußeres achten Sunil.“ Es schwang kein Spott in seiner Stimme, nur reine Besorgnis. Er hatte das Gefühl verantwortlich für den jungen Inder zu sein. „Wir wollen Mister Bogham doch keine Möglichkeit geben seine schlechte Laune an dir auszulassen.“ Seine Hand rutschte sanft von er Schulter des Mannes und richtete mit der anderen Hand dessen Krawatte. Sunil nickte leicht. Die Hände, die eben noch die rote Krawatte gerichtet hatten, zogen nun den Hemdkragen zurecht, bevor er die Schultern der Anzugweste mit einer fließenden Handbewegung entstaubte. „Viel besser. Lass dich nicht ärgern Sunil, ich bin bald zurück.“ Mit einem letzten warmen Lächeln drehte er sich um und setzte seinen Weg fort. „Vielen Dank Mister Greyard, Sir.“ Sobald er sich sicher war, dass der Inder ihn nicht mehr sah, verschwand das Lächeln und machte einer harten Miene platz.

      Das Gefühl des sanften Stoffes unter seinen Fingern brannte sich in sein Gehirn. Warme Haut unter zwei Lagen Stoff. Er nahm sich vor dieses Gefühl, sobald er im warmen saß zu notieren, so wie er es immer tat, mit allem. Das Gefühl des kalten Windes durch seine Haare, die kleinen Steine die sich durch die dicke Sohle seiner Schuhe bohrte. Die Orang-brauen Blätter an den Bäumen. All diese Eindrücke wurden von ihm gesammelt, aufgeschrieben, um dann in seinen Büchern charakterisiert zu werden.

      Der Weg war nicht weit, er lief ihn gerne zu Fuß, es war für ihn ein Grund sein Apartment zu verlassen, auch wenn er dies allgemein nicht wirklich gerne tat.

      Die Straße runter, raus aus dem kleinen Luxusviertel der Stadt. Am Ende der Straße links in die Fußgängerzone und dann nur noch ein kleines Stück, bevor er vor dem Café stand. Es sah von innen genau so gemütlich aus wie man es von außen vermuten würde. Holzparkett, der sich über den gesamten Boden erstreckte. Die Theke, die nur wenige Schritte hinter der Tür war. Der Geruch von altem Leder und Holzreiniger wurde galant von dem schokoladigen Geruch der Kaffeebohnen und des Gebäcks übertrumpft. Er ließ seien Blick kurz durch den kleinen Laden schweifen. Es gab nur eine Etage, nur wenige Sitzmöglichkeiten und obwohl das kleine Café so gut wie leer war, stand auf einem der Tische ein kleines, metallenes Schildchen mit dicken schwarzen Blockbuchstaben. Das Schild stand dort immer. Immer, egal an welchem Tag, egal zu welcher Stunde. Immer auf dem letzten Tisch auf der rechten Seite, dort wo die lange Sitzcouch eine knick machte und zu einer bequemen Sitzecke wurde. Der einzige Platz im ganzen Café mit einem Stromanschluss. Sein Platz.

      Er ließ sich entspannt auf das Polster sinken und seufzte leise auf.
    • Das kleine Café, mitten in der Stadt, lag im Erdgeschoss eines rotbraunem Backstein-Hauses, die hohen Fenster mit Holzrahmen, ein kräftig und warmer Braunton, ließen normalerweise viel Licht hinein, aber an so einem trüben Herbstmorgen war das natürlich nicht der Fall. Das Innere war gemütlich, einladend, die hohe Decke sorgte für ein offenes Gefühl, aber die zusammen gemischten Vintage-Möbel brachten die gelassene, ruhige Atmosphäre. Im vorderen Bereich gab es mehrere Sitzgruppen: kleine Tischchen mit Holzstühlen, aber auch gepolsterte Sessel oder kleinere Sofas mit niedrigen Beistelltischen, die dazu einluden, eine Weile mit Freunden zu verweilen. Und einen guten Kaffee zu genießen. Eine lange, mit Samtstoff gepolsterte Sitzbank war im hinteren Bereich des Cafés platziert, parallel dazu die Theke: massiv aus Holz und hoch gebaut. In Richtung des Eingangs waren die Auslagen für das frische Gebäck platziert, Buttercroissants, Zimtschnecken, Schokoladen Brownies, Cookies, Haselnusskuchen, Käsekuchen, aber das Angebot wechselte regelmäßig. Entlang der Rundung der Theke stand dann die Kasse. An der Backsteinwand dahinter hängen die Tafeln, auf denen das Menü geschrieben stand. Auf der Arbeitsfläche darunter das wohl Wichtigste: Die Siebträgermaschinen, Kaffeemühlen, frische Bohnen, die Tassen, Untersetzer, Teller, To-Go-Becher und alles andere, was ein Barista so braucht. Dekoriert ist das Café mit aufeinander abgestimmten hängenden Leuchten, aber auch Stehlampen oder kleinere Tischlämpchen, die für ein wohliges Ambiente sorgen. Auf den Tischen stehen Kerzenhalter oder kleine Vasen mit getrockneten Blumen.

      So weit, so gut. Marlin übernahm normalerweise gerne die Vormittagsschicht. Aber durch das trübe, graue Wetter und dem wenigen Schlaf, den er gestern bekam, fühlte er sich einfach nur müde, das äußerte sich bei ihm immer als einen gelangweilten Gesichtsausdruck, deshalb hatte er Mühe, eine freundliche Miene zu ziehen. So wie sonst auch trug er ein T-Shirt mit dem Logo des Cafés, darüber eine dunkelbraune Schürze. Seine Haare so stramm wie möglich in einen Dutt zurückgebunden. Morgens kamen hauptsächlich die Kunden, die sich auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee holten. Manchmal konnte es etwas stressig werden, aber er hatte den Rhythmus heraus: Die Bestellung aufnehmen, eventuell ein bisschen Smalltalk, bei den Stammkunden für ein bisschen Trinkgeld sowieso, während er die Bohnen mahlt, die feinen Abmessungen und soweiter bereits gekonnte Handgriffe waren.
      Gerade bediente er, für diesen Moment zumindest letzten Kunden, er stülpte den Deckel auf den To-Go-Becher, da schaute er auf und bemerkte einen ganz besonderen Kunden. Ein etwas komischer Typ, wie Marlin empfand. Während er an der Theke vorbei zu seinem Stammplatz lief, begrüßte er ihn mit einem gelassenen: „Guten Morgen.” Bevor er der Kundin dann ihren Becher gab und ihr einen schönen Tag wünschte.

      Ohne weiteres fing er an, die Bestellung des komischen Kunden zuzubereiten. Komisch eigentlich nur, weil er der einzige Grund war, weshalb sie ein “reserviert” Schild besaßen. Naja, so unnormal war er auch nicht, er schien immer an seinem Laptop zu arbeiten und eigentlich war es Marlin auch ziemlich egal. Aber irgendwie war er ihm trotzdem aufgefallen. Wie zuvor füllte er den Siebträger mit dem Kaffeepulver, drückte dieses Fest und spannte ihn in die Maschine ein, stellte eine Tasse darunter und ließ den Espresso extrahieren. Die kräftige, warme Farbe des Kaffees hat Marlin schon immer gefallen, obwohl er selber keinen trank. Oder nur selten Lust auf einen hatte. Dann nahm er die Packung Hafermilch, Barista-Edition, aus dem Kühlschrank und begann das kleine Milchkännchen zu füllen, um diese dann für den Cappuccino aufzuschäumen. Im letzten Schritt goss er das Motiv einer Tulpe in die Tasse, das klappte nicht immer so schön, aber heute war es mal wieder ganz gut.
      Marlin setzte die Tasse auf eine Untertasse, legte ein Löffelchen dazu und brachte sie dann zu ihm. Er platzierte die Tasse auf seinen Tisch, mit einem Lächeln: „Hier ist dein Cappuccino.” Ein Siezen gab es bei Marlin nicht. Und dann machte er sich auch schon wieder auf den Weg hinter die Theke. Er bemerkte den Tee, den er sich heute Morgen gemacht hatte, der vergessen und mittlerweile schon kalt da stand. Marlin begann, seinen Arbeitsplatz wieder ein bisschen aufzuräumen und wischte Kaffeepulverreste weg, während er auf den nächsten Kunden wartete. Neben ein paar Klappergeräuschen und Zischen beim Säubern der Düsen, lief angenehm leise Musik.

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    • Lucian brauchte kurz einen Moment um sich an die Wärmen in dem Laden zu gewöhnen. Draußen war es schleimig deutlich kühler. Sein Mantel hatte er neben sich auf das Sofa gelegt, der Stuhl ihm gegenüber blieb frei. Nach einigen Momenten richtete er sich ein wenig auf, nur um dann aus der alten Ledertasche welche zu seinen Füßen lag, sein Laptop und ein kleines Notizbuch rauszunehmen und es auf den Tisch zu stellen.

      Er nahm die Atmosphäre in sich auf. Sog sie schon fast gierig ein, als ob er sie zum überleben brauchen würde. Er versuchte alle Eindrücke die sich ihm boten aufzunehmen. Angefangen bei dem angenehmen Geruch von frisch gebrühtem Kaffee, weiter über die feine Note von Gebäck, das sanfte Gedudel der Musik im Hintergrund, das Zischen der Kaffeemaschine, das Klappern von Geschirr aufeinander. All diese Eindrücke brauchte er wie die Luft zum atmen.

      Sein Blick folgte dem Barista hinter der Theke, wie er - wahrscheinlich - seinen Cappuccino machte. Lucian wusste nicht, wer dem jungen Mann gesagt hatte, dass er immer einen Cappuccino beim schreiben trank, aber er brauchte diesen mittlerweile nicht mal mehr an dem Tresen bestellen. Er ging einfach in das café, setzte sich an seinen Tisch und dann kam irgendwann, einige Minuten später, sein Kaffee. Er tippte auf die junge Frau, die ihm vorher immer den Cappuccino gemacht hatte und der er mal erzählt hatte, dass er seinen Cappuccino am liebten hier trank.

      Er öffnete eine neue Datei auf seinem Rechner, schaute dann wieder zu dem jungen Mann an der Kaffeemaschine und fing blind an zu tippen, den Blick dabei schier auf den jungen Mann gerichtet.

      Er mochte das Geräusch seiner Tastatur. Ein stetig gleich bleibendes, dumpfes Klicken. Keine sich verändernde Variable. Egal welche Taste er runterdrückte, sie gab grundsätzlich das gleiche dumpfe Geräusch von sich. Lucian mochte Dinge, die sich nicht veränderten. Genau so wie sich seine Kaffeebestellung auch nicht veränderte. Immer der gleiche Kaffee, in dem gleichen Café, auf dem gleichen Platz.

      Er versuchte sich das Gefühl von seinen Händen auf Sunils Hemd wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wie sich die Haut unter dem Stoff angefühlt hatte. Wie sich der Stoff an sich angefühlt hatte. Jede Falte auf dem reinen Weiß des Stoffes. Wie die großen, braunen Augen ihn so interessiert bei seinem Tun beobachtete hatten.

      Lucian wollte gerade anfangen zu tippen da nahm er ein andere Geräusch war und wurde prompt aus seinem Sog gerissen als Marlin ihm seinen Kaffee hinstellte. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass der Barista seinen Platz verlassen hatte, obwohl er ihn angeschaut hatte, das passierte ihm öfters. Manchmal vergaß er seine komplette Umgebung einfach. Der Cappuccino sah gut aus, so wie er immer gut aussah und wie er wahrscheinlich auch immer gut aussehen würde. Eine festbleibende Variabel.

      „Ich danke dir.“ Lucian schenkte Marlin ein sanftes Lächeln. Es war die selbe Art Lächeln, die er auch Sunil schon geschenkt hatte und so wie noch vor einpaar Minuten, würde es ebenfalls verschwinden wenn der junge Mann seinen Tisch wieder verließ.
    • Marlin schüttete seinen nun schon eiskalten Tee den Abfluss hinunter, warf den Teebeutel in den Müll unter der Theke und hatte sogar noch genug Zeit, ausgiebig zu gähnen, bevor die nächsten Kunden das Café betraten.
      Der restliche Morgen blieb angenehm voll und Marlin war dauerhaft beschäftigt. Den Laden allein zu schmeißen und zwischendurch Zeit zu finden, auch mal die Tische abzuräumen und drüber zu wischen, war schon anstrengend, aber so mochte er es eigentlich am liebsten. Er konnte sein Gehirn fast schon abschalten und funktionierte wie programmiert, bei Getränken machte er kaum Fehler, die Handgriffe zum Perfekten Espresso und gleichzeitig den Arbeitsplatz einigermaßen Sauber und Ordentlich zu halten spornte ihn irgendwie an, als könnte er bald einen neuen Highscore erreichen.
      Als dann pünktlich zur nächsten Schicht, seine Kollegin, die andere Barista, mit den leuchtend orangenen Haaren durch die Tür lief, die mittlerweile sogar eine gute Freundin von Marlin war, verwandelte sich Marlins konzentrierter und eher ernster Blick in ein riesiges Lächeln. Er begrüßte Franziska hinter der Theke mit einer Umarmung, die sie gern erwiderte. „Wie ich mich freue, dich zu sehen.” Heute trug sie wieder eine lässige, weiße Bluse, Schlaghose und Boots. Franziska war ein paar Jahre jünger als er, arbeitete aber schon länger hier. „Und alles gut soweit?” Fragte sie mit einem Lächeln. „Alles top.” Meinte Marlin nur, während er sich an die Theke lehnte und die Arme verschränkte. Er freute sich auf seinen restlichen freien Tag. Wie immer hatte er viel zu tun und dankbar, dass es ihm möglich war, nur einen Teilzeitjob zu arbeiten. Der Laden war ganz gut voll, aber gerade keine Kunden, die sie brauchten. „Gut, dann bin ich gleich wieder da.” Meinte sie, verschwand dann durch die Tür mit Schrift Personal.

      Marlin schaute einen Moment durchs Café, schaute sich die Leute an, die mit Freunden da waren, die ein Buch lasen, auf ihr Smartphone starrten und die am Laptop arbeiteten, also ihren ganz besonderen Kunden… Er fragte sich, warum er genau dieses Café besuchte. Oder ob er auch in anderen arbeitete. Obwohl er schon sehr häufig hier war, fast jeden Tag… Hoziers Jackie And Wilson fing an, leise, über die Lautsprecher im Café zu spielen. Um nicht ganz tatenlos herumzustehen, schnappte sich Marlin noch mal einen Lappen, um den Arbeitsplatz für seine Kollegin sauber zu hinterlassen.
      Franziska kam nun wieder zurück, mit Schürze und zusammengebundenen Haaren. Marlin begab sich schon mal ein bisschen weiter nach hinten, Richtung Personalraum, um ihr den Arbeitsplatz zu überlassen, als sie fragte: „Und? Was machst du jetzt noch?” Und grinste ihn an. „Ach.” Er lehnt, ganz gelassen, an die Theke. „Naja, ich muss noch an ein paar Bildern arbeiten, die Abgabetermine kommen schließlich immer näher.” Er scheint ganz unbekümmert. „Ein Kollege aus dem Filmbereich möchte mich als Schauspieler für irgendwas.” Daraufhin dreht sich Franziska zu ihm um, mit großen Augen. „Echt!? Wofür? Also worum gehts?” Aber Marlin hebt die Schultern. „Gar keine Ahnung. Ich geh heute Abend zu seinem Treffen. Dann finde ich hoffentlich mehr heraus. Ich hoffe, es wird nicht komisch.” Sie zieht die Augenbrauen zusammen. „Wieso komisch? Was meinst du?” Marlins Gesichtsausdruck muss ihr genügen, denn er sagt nur: „Erzähle ich dir ein andermal… Da kommt ein Kunde.” Er zeigt in die Richtung der Tür. Sie schaut ein bisschen sauer: „Ok, kannst du mir wenigstens noch ein paar Kartons Milch nach vorne holen?”

      Marlin kommt nach ein paar Minuten wieder nach vorne, umgezogen und mit einer Menge Milch im Arm, die er seiner Kollegin netterweise noch hinstellt. „Super, dann schöne Schicht wünsch ich dir.” „Warte, Marlin! Weißt du, wann Esther heute kommt?” Aber der zuckt nur wieder mit den Schultern, während er Richtung ausgang läuft und ihr dann zu winkt und lächelt.

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    • Lucian wurde durch das Gespräch der beiden Barista ein wenig abgelenkt, fand seinen Tunnel jedoch recht schnell wieder und so bekam er auch nicht mit als sich die Eingangstür des Cafés ein weiteres mal öffnete und eine Frau - ungefähr in seinem Alter - mit schwarzen Haaren in den kleinen Laden kam. Sie hatte eine Art Bluetooth-Headset am rechten Ohr befestigt, bei jedem anderen Menschen hätte das Ding vielleicht ein wenig lächerlich ausgesehen, aber irgendwie schrie ihre ganze Erscheinung nach ‚Business Woman‘ und seltsamerweise passte das kleine Gerät perfekt zu dem dunklen Hosenanzug und dem weißen Hemd. Es schien sie wohl auch kein bisschen zu stören, dass die Gäste des Cafés ihren Teil des Gespräches mitbekamen als sie mit einem scharf klingenden „Fugami?“ das Gespräch annahm. Nach dem sie sich - ganz öffentlich - mit ihrem Nachnamen gemeldet hatte, kamen eine Abfolge von ähnlich klingen zustimmenden Geräusche von ihm, bei denen sie es anscheinend nicht für nötig erachtete den Mund zu öffnen. „Ich stoppte Sie direkt einmal hier, entweder ich habe am Freitag ein komplett ausgearbeitetes Angebot auf meinem Schreibtisch liegen oder Sie können sich ihre ach so tolle Idee sonst wo hin schieben…es ist mir egal wie Sie das sehen, so sehe ich das!…schönen Tag.“ mit einer kurzen Bewegung gegen das Gerät in ihrem Ohr legte sie den Anruf auf und seufzte leicht genervt auf.

      Mit einem halb gespielten, halb echten Lächeln wand sich die junge Frau zu der Barista hinter der Theke. „Hey. Caramel Latte, doppelt Espresso, Doppelt Caramel, Mandelmilch ohne Sahne.“ bestellte sie wie auswendig gelernt, als anscheinend auch schon der nächste Anrufer was von ihr wollte. „Ja?…Ich arbeite dran!…Fragen Sie mich Ende der Woche nochmal Robert…ja ich bin gleich bei ihm…ich bin dabei!“ Yuno Fugami warf der jungen Frau ihr gegenüber ein entschuldigendes Lächeln zu, bevor sie ihr Portmonee aus ihrer fast überdimensional großen Handtasche rauskramte und ihre Bankkarte zwischen Zeige- und Mittelfinger hielt, als ob sie sagen wollten würde ‚ich bezahle mit Karte‘.
    • Franziska war Marlin nicht böse, dass er einfach ging, schließlich war seine Schicht vorbei. Aber er konnte wirklich manchmal etwas frech sein… Vertraut an ihrem Arbeitsplatz, machte sie sich daran, die Milchkartons wegzuräumen und checkte nochmal, dass alles andere, was sie so brauchte, noch ausreichte oder ob sie irgendwas bald nachfüllen musste.
      Dass ihr Special Guest sie heute mal wieder beehrte, den sie in Gesprächen unter Kollegen auch gerne den Autor nannte, so vermutete sie jedenfalls, hatte sie natürlich sofort gesehen. Und dass die, wie Franziska empfand, schöne Kollegin des Autors durch die Tür kam, war auch nicht ungewöhnlich. „Hey”, ihr sprang sofort ein Lächeln auf die Lippen, sie war erfreut, dass sie, obwohl sie so beschäftigt und ein bisschen gestresst schien, sich die Zeit nahm, ihre Bestellung an der Kasse zu unternehmen. Franziska arbeitete nun schon so lange hier, fast drei Jahre, in denen sie die Bestellungen vieler Stammgäste auswendig kannte. Sie tippte auf dem Display der Kasse herum, schob ihr dann das EC-Gerät entgegen, während sie ihr den zu zahlenden Betrag nannte. Kurz darauf machte sie sich dann an die Arbeit, ihr das Getränk zuzubereiten: mahlte die Bohnen für einen doppelten Espresso, bereitete die Mandelmilch vor und zauberte dann mit dem Karamell das gewünschte Getränk. Mit einem Lächeln reichte sie ihr den Karamell-Latte: „Lass es dir schmecken.”

      *

      Es war schon ein Jahr her, dass Marlin anfing hier zu studieren, immer noch überkam ihn ein ganz bestimmtes Gefühl, wenn er an dem Hauptgebäude der Universität vorbei ging, wenn er es ansah: Das imponierende, historische Gebäude, Gründung 1809, mit dem hohen, schwarzen Metallzaun mit dem messingfarbenen Details, der große, gepflasterte Campus, die Statue des Namensgebers der Hochschule, die große, hölzerne Eingangstür, die hohen Säulen, die Verzierungen überall. Und dieses Bedürfnis, der Wunsch, das Verlangen danach gut genug zu sein, um auch hier studieren zu können. Und heute ging er ganz gelassen zur Fakultät für angewandten Kunst, betrat das Gebäude ganz selbstverständlich, aus dem gerade eine kleine Gruppe Student*innen kamen, mit ihren bunten Haaren und auffälliger Kleidung. Die meisten seiner Kommilitonen waren jünger als er, manche fingen ihr Studium sogar direkt nach ihrer Schulzeit an. Marlin fand das irgendwie komisch. Er fand sich komisch. Weil er nicht früher diesen Weg einschlagen konnte? Aber das Gefühl von Minderwertigkeit war eins, das er meisterte zu unterdrücken.

      Durch den Flur, die Treppe hoch und vorbei an den vielen Kursräumen und Werkstätten, kam er endlich in einen großen Raum, der durch hohe Fenster lichtdurchflutet war. Manche arbeiteten an den großen Tischen, die im Raum standen, manche, so wie Marlin selbst, arbeiteten an sehr großen Werken, die sie an die Wände gehangen haben. Er ging auf die hintere Ecke zu, an der sein Bild hing. Und er seufzte. Er war sich tatsächlich nicht ganz sicher, ob er sich mit der Größe und dem Motiv nicht etwas übernommen hatte, aber er hatte bereits angefangen, also musste er es auch fertigstellen. Währenddessen schaute ein junger Mann auf, der an einem Tisch ganz in der Nähe saß, all seine Materialien um sich herum ausgebreitet hatte und in seinem Sketchbook zu zeichnen schien. Er war einer der „etwas älteren” Studenten und Marlin verstand sich ganz gut mit ihm. „Da hast du dir aber was Großes vorgenommen.” Meinte er und lächelte, weil Marlin ihn ganz belustigt anschaute. Der schnappte sich dann erstmal einen Stuhl und setzte sich an den Tisch zu seinem Kollegen, wandte seinem Bild den Rücken zu, welches bisher nur eine grobe Vorskizze war, die er mit blauer Ölkreide gemalt hatte, aber irgendwann mal ein Selbstportrait werden sollte. Marlin hatte noch nie ein Selbstportrait gemalt und bereute es seit ungefähr einer Woche.
      Marlin platzierte seine Tasche neben sich und schlüpfte aus seiner Jacke. Während er das belegte Baguette aß, welches er sich auf dem Weg hierher besorgt hatte, tauschte er sich mit dem Kollegen über aktuelle Ereignisse, Events der Uni und Studentenpartys aus, aber auch über ihre Arbeiten für verschiedene Kurse und in welche Richtung diese gehen sollten.

      Natürlich musste er auch irgendwann an seinem Porträt weiterarbeiten. Marlin stellte seine Materialien bereit, grübelte über seine Vorgehensweise, betrachtete skeptisch sein Referenzfoto und begann irgendwann auch Farbe auf die Leinwand zu bringen, mit einem großen Pinsel legte er grobe farbige Flächen an, versuchte bereits helle und dunkle Bereiche zu differenzieren und kam nach ein paar Stunden zu folgendem Ergebnis: „Ok, keinen Bock mehr.” Das brachte den Kollegen zum Lachen. Und nachdem Marlin seine Pinsel gründlich ausgewaschen hatte, packten sie ihre Sachen und gingen gemeinsam in die Stadt, um etwas Warmes zu essen. Es war bereits dunkel geworden. Und noch kälter. Da war es umso gemütlicher, in dem kleinen Restaurant zu sitzen, auch wenn es voll war, auch ein bisschen laut. Aber Marlin genoss den Moment. Irgendwie schaffte Marlin es den restlichen Abend rum zu kriegen, bis er zu dem Treffen des Kollegen vom Filmbereich musste. Es fand bei ihm zuhause statt und war nur noch ein paar Straßen entfernt.

      Als Marlin viel zu spät endlich zuhause in seinem Bett landete, fragte er sich, ob es sich wirklich lohnen würde, sich noch umzuziehen, oder ob er einfach die Augen zu machen sollte, um wenigstens etwas Schlaf zu bekommen, bevor er wieder aufstehen musste… und ob es sich wirklich gelohnt hatte, zu dem Treffen zu gehen. Es lief ganz anders, als er befürchtet hatte. Zum Glück. Aber er war sich trotzdem nicht sicher. Auch wenn er gern so etwas hörte, wie: …Würdest perfekt in die Rolle passen, besonders mit deinem Aussehen und deiner Aura. Oder was auch immer er sagte. Marlin mochte Komplimente und wenn andere ihn wissen lassen, wie er auf andere wirkte, wie seine Ausstrahlung war. Das Konzept für den Kurzfilm, welches vorgestellt wurde, war schon ganz spannend. Aber die Thematik… Alkoholismus, das war nichts für Marlin. Mit seiner letzten Energie schaffte er es aufzustehen, um sich fürs Bett fertig zu machen…

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    • „Also, Lucian-Schatz, wie schaut es bei dir aus? Robert wartet sehnsüchtig auf das nächste Kapitel.“ fing Yuno sofort an, als sie sich auf den freien Stuhl Lucian gegenüber fallen ließ. „Ich arbeite dran.“ brummte Lucian schlecht gelaunt auf. Jetzt konnte er sich seine Ruhe definitiv abschminken. Vielleicht würde seine Verlegerin ja wieder abhauen oder ihn immerhin in Ruhe lassen wenn er so demonstrativ wie möglich einfach weiter schrieb. Das würde sie aber nicht tun, immerhin kannte er die Japanerin dafür mittlerweile gut genug. Sie würde ihn erst in Ruhe lassen wenn sie eine zufrieden stellende Antwort hatte. „Was hießt ‚Du arbeitest dran‘? Zwei Woche? Vier Wochen? zwei Monate? Lucian ich brauche ein Datum! ich will ja gar nicht das ganze Buch nur…mindesten eins/zwei Kapitel damit ich Robert was auf den Schreibtisch legen kann.“ bat sie. Es war nicht so, dass Lucian die nächsten Kapitel nicht hatte, er war fast fertig mit dem Buch aber eben nur fast. „Ich hab sie noch nicht überarbeitet.“ warf der Autor ein. „Dann schick mir doch die Rohfassung!“ jetzt klang sie aufgebracht. Lucian hatte schon mal überlegt Yuno einen Achtsamkeitskurs zu schenken, das würde ihr sicher mit ihrer gestressten Stimmung helfen, dafür würde er sich aber sicherlich eine Backpfeife von ihr einfangen. „Ich schicke keine Rohfassungen, dass müsstest du mittlerweile eigentlich wissen Yuno.“ seine Blick schweifte zurück zu seinem Laptopbildschirm, als ob er seiner Gesprächsparterin sagen wollte ‚das Gespräch ist nun beendet‘. „Ich verstehe sowieso nicht warum du immer alles selbst nochmal überarbeiten willst, ich lektoriere doch sowieso.“ Diese Diskussion hatten sie bei all seinen Büchern und so langsam wurde er müde. „Weil das halt so ist.“ gab er seinen geistreichen Konter. „Weil das halt so ist.“ äffte sie den Autor nach. „Ich finde das nicht fair, immerhin darf ich mir was von Robert anhören und nicht du.“ Die Idee mit dem Achtsamkeitskurs kam ihm wieder in den Sinn, das würde sicher ein gutes Weihnachtsgeschenk machen. „Ich schick dir Ende der Woche die nächsten Kapitel, du lektorierst aber erst bevor Robert irgendwas bekommt.“ das Strahlen auf Yunos Gesicht hätte fast der Sonne Konkurrenz machen können. War es schon immer so einfach Frauen glücklich zu machen? Nein, sonst wäre er sicher nicht seit drei Jahren geschieden.

      „Du bist ein Schatz. Ich freu mich drauf.“ Jetzt schien sie wieder deutlich entspannter, da war immer noch ein wenig Restanspannung in ihrer Körperhaltung, diese würde sich aber spätestens wenn er ihr das komplette Manuskript schicken würde auch verabschieden. Yuno schien so zufrieden mit der Antwort, dass sie ihn mit dem Thema erstmal in ruhe ließ, dafür quatschte sie Lucian jedoch mit allerlei anderen Themen zu. Irgendwelchem Gossip den er regelmäßig von ihr bekam, irgendwelche Autoren die wohl nach und nach floppen und nun zu den Millionen von Mittellosen Künstlern gehören, sie hatte sich mit seiner Frau zum essen getroffen - das überhörte er gekonnt, so wie immer. Nebenbei tippte er auf seiner Tastatur rum, Yuno hatte noch nie ein Problem gehabt gegen Wände zu reden, vor allem nicht wenn besagte Wände wie Menschen aussahen und hin und wieder mal zustimmend nickten oder ein undefiniertes Geräusch von sich gaben.

      So ging der ganze Spaß noch einige Stunden weiter, bis sich die beiden von einander verabschiedetet, Lucian seine Sachen zusammen packte, der Barista hinter der Theke noch einen schönen Feierabend wünschte und den gleichen Weg zurück zu seinem Apartment nahm.
      Dieses Mal stand Sunil nicht am Empfang, er war sicher gerade irgendwo anders, das störte Lucian jedoch nicht, er hatte im Moment an echt keine Lust mehr auch zwischenmenschliche Interaktion. So wie immer befand sich in seinem Kühlschrank vorgekochtes Essen seiner Köche, was er sich nur noch warm machen musste. Es war echt vom Vorteil in einem der besten Apartmentkomplexe der Stadt zu wohnen.
    • Der nächste Morgen war hart. Allein das Aufstehen. Zum Glück war Marlins Weg zur Arbeit nicht weit, das hieß also, dass er jede Minute nutzte um so lang zu schlafen, wie möglich. Als er die Haustür hinter sich zu zog, wickelte er seinen Schal um sich und vergrub die Hände in die Taschen seines Mantels und machte sich auf den Weg. Es überraschte ihn, kurz vor der Ladentür, Esther, seine Arbeitgeberin, zu sehen. Die sah ihn aber mit einem scharfen Blick an. Marlin, allerdings, grinste nur munter und bot ein „Guten Morgen” an. Esther schloss die Tür auf und sie betraten gemeinsam den Laden, auf dem Weg nach hinten fragte sie: „Gut geschlafen?” Marlin drehte sich mit einem überraschten Blick zu ihr: „Du bist lustig.” Es war wohl mal wieder klar, dass er letzte Nacht zu wenig Schlaf bekam. „Es ist nicht gut, wenn die Kunden dich so sehen”, erklärte Esther und zeigte in Richtung ihres Gesichts, um klar zu machen, was genau sie meinte. Das mag etwas kalt und unfreundlich wirken, aber über die Jahre lernte er Esthers Art kennen und zu schätzen. „Ich geb’ mein Bestes”, antwortete er, bevor er durch die Tür ging und seinen Mantel an der Garderobe aufhing und sich seine Schürze schnappte. Als er wieder nach vorne kam, waren die Lichter bereits eingeschaltet und Esther überprüfte den Bestand, erst hier vorne an der Theke, dann ging sie nach hinten.

      Bevor Marlin seinen Arbeitsplatz vorbereitete, schaltete er die Musik ein, er hatte heute Lust auf R&B und Soul, irgendwas richtig Gutes um seine Laune zu verbessern. Also schob er Sängerinnen wie Etta James, Sade und Dusty Springfield in die Warteschlange. Und machte sich dann daran, sich eine heiße Schokolade zu machen. Die er, anders wie gestern mit dem Tee, sofort trank.

      Während Marlin sich auf die ersten Kunden vorbereitete, indem er seinen Arbeitsplatz noch einmal gründlich aufräumte und säuberte, seinen ganzen Kram bereit legte und Esther einen Cappuccino zubereitete, konnte er sich nicht zurückhalten kurz zu pausierien um die Musik ein bisschen lauter zu stellen, während Smooth Operator von Sade anfing zu spielen und er zur Musik wippte. Gerade kam Ester mit einem ernsten Blick wieder nach vorn, da drückte Marlin ihr einfach die Tasse Cappuccino in die Hand und drehte sich wieder zu seinem Arbeitsplatz, gerade als der Instrumental-Part anfing. Esther ließ Marlin einfach machen und verschwand erstmal wieder in ihrem Büro.

      Ein paar Minuten später, während der kleinen Pause zwischen den Songs, fiel Marlin auf, dass vor der Tür die Kollegen von der Bäckerei mit ihrem kleinen Auto standen, um die frischen Backwaren zu liefern. Marlin öffnete ihnen die Tür und freute sich, dass der hübsche Mann mit den dunklen Locken heute wieder dabei war. Nachdem sie alle Kisten rein brachten, bekamen die beiden natürlich einen Kaffee. There Is a Light That Never Goes Out von den Smiths fängt an zu spielen und während Marlin den Espresso extrahieren ließ, überlegte er mal wieder, weshalb er ihn nicht einfach mal nach einem Treffen fragte. Als er den To-Go-Becher mit einem Lächeln überreichte und den Ehering an dem Finger seines Gegenübers sah, erinnerte er sich wieder, was der Grund war. Als die beiden Kollegen der Bäckerei das Café wieder verließen, stützte Marlin die Ellbogen auf der Theke ab und schaute hinterher.

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    • Der nächste Morgen begann wie jeder andere. Lucian stand auf, packte seine Tasche, frühstückte das Essen welches ihm vorbereitet worden war und machte sich dann auch schon wieder auf dem Weg. Nur dieses Mal hatte er neben seinem Laptop und seinem Notizbuch auch ein Buch in seiner Tasche. Er hatte sich extra ein wenig früher auf den Weg gemacht um zu beobachten wie der morgendliche Trubel in einem Café aussah. Immerhin konnte er unmöglich das Tagesgeschehen seines Buch-Barista vernünftige zu Papier bringen, wenn er nicht jede mögliche Uhrzeit gesehen hatte. So war der Autor einfach, selbst wenn es nicht alles in die Endfassung schaffe, hatte er dieses Wissen und konnte es irgendwann benutzten. So machte er sich also auf dem Weg, sowie er es an jeden anderen Tag auch machte. Nur nahm er dieses mal als ersten sein Notizbuch aus seiner Tasche und versuchte - nach dem er den Laden betreten hatte und sich auf seinen Üblichen Platz gesetzt hatte - den jungen Barista so unauffällig wie möglich bei seiner Arbeit zu beobachten. Nebenbei machte er sich allerlei Notizen. Beschrieb jede Bewegung, nahm die Musik die lief mit seinen Worten auseinander, zerteilte jeden Arbeitsschritt ins minimale. Wahrscheinlich war er nur halb so unauffällig wie er gerne wäre, aber dann war das nunmal so. Zu gerne würde er den jungen Mann hinter der Theke fragen für was man die ganzen Gerätschaften brachten, wie man einen guten Kaffee machte, wie man diese schönen Muster mit der Milch hinbekam und wie so ein typischer Tagesablauf in seinem Beruf aussah. Aus Jahrelanger Erfahrung wusste er jedoch, dass es meistens seltsam rüberkam wenn man fremde Menschen sowas fragte, also ließ er es fürs erste bleiben. Irgendwann kam sicher noch die Möglichkeit. Selbstverständlich war das Internet all umfassend, aber er nahm seine Erfahrungen gerne aus erster Hand.
    • Während Come Around And Love Me von Jalen Ngonda langsam zu Ende ging und Marlin seine Tasse heißen Kakao langsam leerte, kam er während der ganzen Fantasien in seinem Kopf langsam zu der Erkenntnis, dass der eine Bäcker dem Schauspieler O. T. Fagbenle ziemlich ähnlich sah. Naja, da konnte man wohl nichts machen.

      Draußen war es noch dunkel. Und sehr kalt. Kurz fragte er sich, weshalb sich Leute wirklich so früh morgens bereits auf den Weg machten, sich einen Kaffee zu besorgen. Aber das war nunmal sein Job, nicht sehr gut bezahlt, aber für sein Studenten-Dasein reichte es, irgendwie. Die wahrscheinlich schlauste Idee, die Marlin jemals hatte, war, sich ein finanziellen Puffer anzusparen, bevor er seinen vorherigen Job kündigte. Dass er dort allerdings immer Willkommen war, war ganz angenehm zu wissen. Obwohl er auch nicht als Versager zurückkehren wollte. Kurz bevor die ersten Kundinnen das Café betraten, erinnerte er sich noch daran, neue Papiertüten für das Gebäck rauszulegen. Mit The Rest Of Me von Michael Kiwanuka fing die Ruhe vor dem Sturm an. Marlin ließ sich nicht stressen und kam mit der der Anzahl an Kunden am frühen Morgen gut klar. Gut Ding will Weile haben. Ein guter Kaffee brauchte nunmal seine Zeit. Die Maschine und Marlin waren schon eingespielt. Wenn hier jemand ungeduldig wurde, war es nicht seine Schuld. Das Anklopfen des Kaffeepulvers, Einspannen in die Maschine und Aufschäumen der Milch war ja schon fast ein Rhythmus in sich selbst. Zwischendurch ein Gebäck einzutüten oder nochmal aufzubacken war eine angenehme Abwechslung.

      Die zufälligen Phasen, in denen mal kein neuer Kunde in das Café spazierte, waren genug für Marlin, um sich über Wasser zu halten, während er non-stop arbeitete. Seine Playlist spielte währenddessen immer weiter. Und obwohl er seinen besonderen Kunden hineinkommen sah, dauerte es einen kurzen Moment, bis er die Zeit hatte, seinen Cappuccino zuzubereiten, er nahm sich aber die Zeit ein Milchschaum-Design zu gießen. Während eines kleinen Moments der Klarheit, als er die Tasse an den Tisch des Autors brachte, bemerkte er, dass er die Musik gar nicht leiser gestellt hatte. Zu laut war sie wiederum auch nicht, aber er konnte sich schon vorstellen, was seine Chefin ihm später zu sagen hatte. Obwohl er verwundert war, dass sie sich nicht bereits für eine Ansage blicken ließ. Das brachte ihn wiederum zum Grinsen. Und bevor er sich auf den Weg hinter die Theke machte, brachte er noch ein: „Lass ihn dir schmecken.” hervor.

      Als er bemerkte, wie viel Kaffeepulver und anderen Müll er schon auf dem Boden hinter der Theke hat fallen lassen und gerade You Know I’m No Good von Amy Winehouse begann, realisierte Marlin erst wieviel Zeit schon vergangen war.

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    • Lucien sollte dringend mal was an seinem Tagesablauf ändern, das hatte ihm jedenfalls seine Therapeutin geraten, er würde es jedoch nicht tun. Er war ein Gewohnheitsmensch, hatte grundsätzlich die selben Routinen und hatte auch keine Muse was daran zu ändern. Selbst seine regelmäßigen Therapeutentermine ließ er grundsätzlich am selben Tag und zur selben Uhrzeit setzten. Es war nicht so, dass er nicht auch an anderen Tagen und zu einer anderen Uhrzeit Zeit dafür gehabt hätte, aber es gehörte einfach zu seiner Routine. Die Frau mittleren Alters hatte in der Vergangenheit mal versucht seine Termine zu verschieben, er war dann jedoch einfach nicht gekommen. Lucian wusste, dass sie ihn für zu stolz hielt, weil er auf seine Termine bestand und das er ein Problem mit Kontrolle und Routinen hatte, aber meistens versuchte er diesen Themen aus dem Weg zu gehen. Wenn man es genau nahm war er nur wegen seiner Ex-Frau zur Therapie gegangen und mittlerweile nahm er die Termine auch nur noch war, weil es sich nach den monatelangen Gesprächssitzungen seltsam anfühlen würde, wenn sie irgendwann nicht mehr da wären und wenn er ehrlich zu sich selbst wahr, genoss er es ein wenig sich mit der Frau zu unterhalten.

      „Lucian, bitte erzählen Sie mir wie Ihre Woche war.“ Der Raum war in einem hellgelb gestrichen, es soll eine angeblich beruhigende Wirkung auf die menschliche Psyche haben, das hatte er jedenfalls mal gelesen. „Meine Woche?“ Er überlegte kurz. „Unspektakulär würde ich sagen.“ Die Frau ihm gegenüber nickte verstehend. Der Kugelschreiber in ihrer Hand klickte auf, er kannte dieses Geräusch schon. Es war keines dieser hellen Klick-Geräusche wie es Kugelschreiber sonst hatten. Es war deutlich dumpfer. Der Mechanismus verhakte sich des öfteren mal und machte dann ein schnappendes Geräusch wenn die Feder griff. Das Klicken hatte sich in sein Gehirn gebrannt, nicht weil es so unfassbar beruhigend war, oder weil er es mit einer schönen Zeit verband. Er hatte sich dieses Klicken gemerkt um es zu einem charakteristischen Merkmal einer seiner Buchfiguren zu machen. Seit dem war dieser Kugelschreiber nicht bloß ein Kugelschreiber, sondern ein essenzieller Teil seiner Realität. Erst das dumpfe Klicken, dann das schnappende Geräusch als die Feder griff, dann das Kratzen über das Papier. Jedes Geräusch hatte eine Geschichte. Jeder Augenblick konnte charakterisiert werden, zu einem Teil einer geschriebenen Realität, jedes noch so kleine Detail würde die Geschichte mehr und mehr zum leben erwecken.

      „Lucian.“ Die Stimme seiner Therapeutin holte ihn zurück in das hier und jetzt. „Wo waren Sie gerade Lucian?“ erkundigte sie sich bei ihm mit sanfter Stimme. ‚Bei ihrem Kugelschreiben‘ wäre wohl die schlechteste Antwort die er geben könnte, auch wenn sie stimmte. Seine Therapeutin warf ihm jedoch viel zu häufig vor, viel zu sehr in seiner selbstgebastelten Realität zu leben, viel zu sehr in seinen Büchern zu leben - was nicht grundsätzlich falsch war.
      „Tut mir leid, ich war kurz…wo anders.“ sein Blick glitt auf den Kugelschreiber, dann wieder zu der Frau ihm gegenüber. Sie nickte, schrieb was auf und seufzte dann. „Sie scheinen heute nicht wirklich bei der Sache zu sein. Ich würde vorschlagen, wir probieren es nächste Woche nochmal, immerhin ist unsere Stunde auch schon fast vorbei.“ Sie klappte ihr Notizbuch zu, Lucian fragte sich immer, ob er der einzige Patient war der ein ganzes Buch besaß, oder ob das einfach nur ihr Ding war. „Genießen Sie den Tag Lucian, machen Sie noch was schönes, erleben Sie mal was neues. Neue Dinge können aufregend sein.“ konnten sie bestimmt, aber Lucian mochte keine aufregenden Dinge, er mochte seinen geregelten Tagesablauf. Eben aus diesem Grund machte er sich nach seinem Termin auf dem kürzesten Weg hin zu seinem Café.

      Selbes Café, selber Tisch , selbe Bestellung, Routinen gaben ihm das Gefühl von Kontrolle und er mochte Kontrolle. Als der Barista ihm seinen Cappuccino hinstellte nickte er dankend und begann mit der Arbeit. Er beobachtete Marlin von seinem Platz aus, versuchte seine Charaktereigenschaften von der Distanz einzufangen und in seinem Notizbuch nieder zu schreiben.
    • Es brachte nichts. Marlin atmete einmal tief ein und wieder aus und begann dann das Chaos auf dem Boden aufzufegen. Dem wartenden Kunden schenkte er ein charmantes Lächeln und meinte nur: „Ich bin gleich bei dir.” Als nächstes schnappte er sich ein frisches Tuch und wischte nochmal über die Arbeitsfläche - andersherum wäre das sicher schlauer gewesen, aber Marlin war das egal. Nach einem kurzen Blick über seinen Arbeitsplatz bemerkte er, dass die To-Go-Becher langsam knapp wurden. Daher schnappte er sich eine neue Packung aus einem der Schränke und füllte die Becher wieder auf. Also trat er als nächstes wieder an die Kasse heran: „Und was gibt’s heute für dich?” Fragte er dann, während er auf dem Display die Bestellung eintippte. Wieso genau war Esther es so wichtig, ein so modernes Kassensystem zu besitzen? Und warum war dieses kleine Café schon morgens so beliebt? „Und soll das mit Hafermilch sein?” Das war überhaupt nicht der Grund, weshalb er hier anfing: Eigentlich wollte er nur etwas Einfaches für nebenbei.
      Gerade reichte er den Drink eines Kunden über die Theke: „Lass es dir schmecken und schönen Tag noch”, und beobachtete wie die Gruppe das Café verlies. Und er beobachtete die Eingangstür. Gerade kam niemand herein. Marlin verschränkte die Arme und lehnte sich an die Theke. Müdigkeit überkam ihn.

      Neben ihrem special Kunden saß ein älterer Herr vorne im Café und las seine Zeitung, an einem anderen Platz eine jüngere Frau, die auf ihr Smartphone sah. Marlin versuchte gar nicht, das Gähnen zu unterdrücken, aber er hielt sich die Hand vor den Mund. Er checkte kurz seine Uhr, dachte an Franziska und schaute dann mal wieder in die Richtung des Autors, oder wie auch immer, Marlin hatte sich noch keinen Spitznamen für ihn ausgedacht. Woran er jedoch dachte, war, dass er nicht so aussah, als würde er Science Fiction, oder so etwas in der Richtung schreiben. Aber er war ganz sicher Autor?

      Als nächstes fing A Sunday Kind Of Love von Etta James an.

      Im nächsten Moment kam Esther aus dem Hinterraum heraus, schaute kurz durch das Café und ging dann ein paar Schritte auf Marlin zu, und meinte dann: „Warum stehst du hier so faul herum?”
      Marlin sah sie kurz mit großen Augen an und musste sich ein Lachen verkneifen, er gestikulierte an die leere Kasse. Und hatte sonst nichts zu sagen. „Du weißt, es gibt immer was zu tun, also beweg deinen Hintern.” Gab sie nur wieder. Das alles hatte irgendwie etwas von: Mutter hat ihren faulen Sohn beim Nichtstun erwischt. Marlin schnappte sich eine Tasse und begann so zu tun, als würde er sie polieren. „Achja, da fällt mir ein, ich wollte mal fragen… Was machst du mit deinem Mann zu Weihnachten? Weil… du weißt schon, ich dachte-” Lang ließ Esther Marlin nicht sprechen, allein durch ihren Gesichtsausdruck bemerkte er, dass das gerade nicht der richtige Zeitpunkt war, das anzusprechen. Gerade holte er Luft um etwas anderes zu sagen, da teilte Esther ihm mit: „Ich muss ein paar Besorgungen machen. Kriegst du das hin die Stellung zu halten?” Fragte sie dann mit einem ernsten Blick. Marlin entgegnete ihr mit einem gelangweilten Blick: „Das sagst du so, als wärst du nicht sowieso die meiste Zeit gar nicht da.” Ein mahnender Blick lies Marlin die Klappe halten. Seine Chefin holte sich ihre Jacke und Tasche aus dem Hinterraum und meinte beim herausgehen nur: „Mach die Musik leiser.”

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    • Lucian bekam das Gespräch - oder wohl eher die Diskussion - zwischen der Cafébesitzerin und Malin kaum mit, er saß zu weit weg um die meisten Worte einzufangen, was er jedoch einfangen konnte waren Gesichtsausdrücke, Mimik, Gestik, Bewegung, all diese Kleinigkeiten die einen Charakter lebendig wirken ließen sog er wie ein Ertrunkener in sich auf. Genau davon lebte er, von diesen Kleinigkeiten. Von der Liebe zum Detail. Von kleinen Dampfwolken die aus einer Tasse emporstiegen, ein minimaler Sprung in einer Glasscheibe, ein einzelnes Licht einer Lichterkette, welches anders leuchtete als er Rest. Diese minimalen Details brachten seine Bücher zum leben. Brachten Spannung in sein Leben, machten etwas natürliches daraus. Die meisten dieser Details schafften es nie ins fertige Endprodukt, was jedoch nicht hieß, dass sie nicht da waren. Das Geräusch von Tippen auf Glas bildete er sich so laut ein, dass er das Gefühl hatte, die junge Dame mit dem Smartphone in der Hand würde direkt neben ihm sitzen, das blättern von Papier, welcher weg. Er lebte nicht mit dieser Welt sondern für sie. Er lebte für die winzigsten Augenblicke, die die meisten Menschen gar nicht im Stande waren wahrzunehmen und genau das war sein Geheimnis als Autor…und trotzdem saß er hier vor einem Buch, welches er schon längst beenden sollte und kam einfach nicht weiter. Er blieb auf der Strecke und das war einer der schlimmsten Gefühle die es seiner Meinung nach gab. Als ob er langsam sterben würde, sich auflösen würde und plötzlich existierte er nicht mehr. Plötzlich existierten seine Worte nicht mehr und alles war vorbei. Sein Blick glitt wieder zu Marlin, welcher nach der Diskussion alleine hinter der Theke stand.
    • Marlin nahm erneut einen tiefen Atemzug, während er seiner Chefin hinterher sah. Noch immer kam kein neuer Kunde herein. Er drehte sich um und öffnete einen der Schränke, hinter dem sich das “Sound System” versteckte… Also ein Tablet, auf dem sich sowohl Marlin als auch Franziska auf Spotify einloggten, um ihre Musik über die Lautsprecher im Café abzuspielen. Widerwillig stellte er die Musik etwas leiser, wurde dann aber abgelenkt und schaute seine Playlist durch und setzte ein paar Songs, auf die er gerade Lust hatte in die Warteschlange: Zuerst Too Sweet von Hozier, dessen grungige Gitarre er mochte und die dunkle Atmosphäre. Und den Text, den er sofort mitsang, während er noch ein paar andere, moderne Songs hinzufügte: „You keep telling me to live right, go to bed before the daylight…” Morning Theft von Cardioid, Over Those Hills von Hayley Williams, Know You Now von Amy Whinehouse, Don’t Let Him Say Goodbye von Jacoténe und zuletzt Feet Don’t Fail Me Now von Joy Crookes. Marlin lenkte sich auch von dem Gefühl von Ablehnung ab, nachdem er Esther auf etwas ansprechen wollte, über das er sich schon länger Gedanken machte.

      Er schaute endlich wieder auf, immer noch war nichts los, aber er schloss die Schranktür und platzierte sich an seinen Arbeitsplatz. Strich sich das Haar hinters Ohr und fing an, ein paar Sachen zu richten, ordentlich aufzustellen oder wieder an den richtigen Ort zu stellen. Kurz bevor Marlin wieder langweilig wurde, erschienen endlich wieder ein paar Kunden, sodass er wieder beschäftigt war mit dem Abwiegen, Klopfen, Aufbrühen, Zischen der Maschine, Aufwärmen und Eintüten von Gebäck, mit Lächeln.


      Genauso unbemerkt, wie die Zeit verging, stand auf einmal Franziska neben ihm: „Hey.” Marlin, der direkt zusammengezuckt war und sie mit aufgerissenen Augen ansah, brachte die andere Barista sofort zum Lachen, sie hatte ihn ganz unabsichtlich erschreckt. Auch der Kunde, dem Marlin als nächstes einen Becher reichte, hatte ein breites Lächeln auf dem Gesicht. „Erschreck mich doch nicht so.” Meinte er dann zu Franziska und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, begann dann aber auch zu lächeln. „Und, wie geht’s dir heute?” Daraufhin seufzte Marlin nur. Franziska verschränkte die Arme und schaute ihren Kollegen an. „Geht’s dir nicht gut. Was ist los?” Der spielte die Situation aber lieber runter: „Ne, alles gut. Ich glaube da kommt mal wieder ein Migräne auf mich zu.” Viel hatte sie dazu nicht zu sagen. Weshalb sie erstmal ihren Mantel und Tasche in den Hinterraum brachte und ihre Schürze bindend wieder nach vorne kam. „Und was ist mit der Musik los? Wie kommt’s dass du heute mal keine 30 Jahre alten Songs spielst?” Während Marlin gerade ein Milchschaum-Blatt-Design goss, schenkte er ihr erstmal nur einen kurzen Blick mit gerunzelter Stirn, bevor er die Tasse an den Tisch eines Kunden brachte. Mit „Warum mobbst du mich immer so?” und einem Grinsen kam er wieder hinter die Theke und betrachtete seine Kollegin, während sie den Arbeitsplatz an sich nahm. Sie streckte ihm nur die Zunge entgegen. „Und bei dir auch alles ok?” Fragte Marlin dann und stützte sich gegen die Theke. Er hörte Franziska zu während sie von ihrem Tag, bevorstehenden Klausuren und ihren Plänen fürs Wochenende erzählte.

      Mit seiner Tasche umgehängt und seiner Jacke in der Hand kommt er nochmal zu Franziska an die Theke: „Kannst du mir so ein Peperoni-Gebäck aufbacken? Zum hier essen.” Sie schaut ihn verwundert an. „Klar. Was verleiht uns die Ehre einen so besonderen Gast wie dich hier zu haben?”, „Ich muss noch ein Skizzenbuch fertigstellen. Kann etwas dauern. Und ich hab Hunger.”
      Mit dem Gebäck auf einem kleinen Teller setzt sich Marlin ganz nach vorne in das Café, auf eine Couch direkt neben dem Fenster. Bevor er sein Skizzenbuch und ein paar Stifte aus seiner Tasche holt, schaut er erstmal auf sein Smartphone, beißt in seine erste Mahlzeit. Um warm zu werden zeichnet er erstmal, was er sehen kann. Seine Umgebung und die Menschen, die um ihn herum sitzen.

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    • Blei auf Papier, als würde es über die rauche Oberfläche getrieben werden. Striche gleichzeitig präzise und trotzdem so unbedacht, das man meinen könnte, der Künstler würde selbst kaum wissen, was er mit seiner Kunst aussagen wolle. Im Hintergrund eine Gitarre, ein Klavier und alles was dazwischen noch ihren Platz hatte. Der Geruch von frischem Kaffee und süßem Gebäck, vereint zu einer Symphonie die einen Wiedererkennungswert hatte wie kein zweites…

      Lucians Laptop gab diesen charakteristischen Ton, welchen er immer hörte, wenn er eine gesamte Textteile löschte. Dieser Ton hatte sich fast in seinen Verstand eingebrannt. Er hasste ihn und würde ihn wohl so schnell auch nicht mehr vergessen, ob er ihn jemals vergessen würde? Wahrscheinlich nicht, dafür hatte er ihn in letzter Zeit zu oft gehört. Vielleicht sollte er seine Autorenkarriere an den Nagel hängen. Er hatte genug Bücher verkauft um trotzdem gut Leben zu können auch wenn er nicht mehr schrieb, allein durch die Abfindungen der zukünftigen Verfilmungen sollte er genug Geld verdienen um nie wieder in einem ‚normalen‘ Beruf arbeiten zu müssen. Aber konnte er sowas? Konnte er einfach nie wieder schreiben? Vermutlich nicht. Er musste ja gar nicht ‚nie wieder‘ schreiben, er schrieb weiter, aber er müsste es ja nicht veröffentlichen. Lucian könnte einfach still und heimlich schrieben ohne den Druck, dass andere Leute von ihm was großes verlangten. Er wusste noch wie sich das anfühlte. Einfach schrieben, des Schreibens Willen, nicht weil andere es von ihm erwarteten. Das war lange her. Sein Frau - Ex-Frau - hatte ihn immer dabei unterstützt. Am Anfang war sie seine Muse gewesen, die Quelle seiner Inspiration, bis sie ihm nicht mehr ausgereicht hatte, bis das schreiben zu seinem einzigen Lebensinhalt wurde, bis er sich von ihr abgewandt hatte. Nun war sie weg. Vielleicht war sie besser ohne ihn dran. Vielleicht war sie glücklicher ohne ihn - das war sie mit Sicherheit. Er war ein schrecklicher Ehemann. Schrecklich egoistisch - das meinte jedenfalls seine Ex-Schwägerin als seine Frau und er sich getrennt hatten. Seitdem ließ sie sich keine Gelegentlich entgegen Lucian unter die Nase zu reiben wie glücklich ihre Schwester ohne ihn war, als ob er das nicht selbst wusste.

      Sein Blick glitt zu Marlin, welcher nun nicht mehr hinter dem Tresen saß, sondern an dem kleinen Tisch direkt neben dem Fenster. Er hätte auch gerne wieder so viel Kreativität wie der junge Mann. Vielleicht verlor man diese im Alter, vielleicht war es aber auch nur seine eigene Schuld, dass er nicht mehr im Stande war irgendwas vernünftiges zu Papier zu bringen.
    • Franziska lässt noch ein paar Songs aus Marlins Playlist spielen, während sie ihre ersten Kunden für heute mit einem Lächeln bedient. Als sie dann ein paar Momente zwischendurch Zeit hat, ändert sie die Musik. Ohne Rücksicht auf die Stimmung der Kund*innen oder Marlin, schickt sie ihre eigene Playlist in die Warteschlange. Als nach einer kurzen Pause nach dem letzten Song endlich ihre Playlist mit Sexy To Someone von Clairo beginnt und Franziska lächeln muss, einerseits weil sie gerade total obsessed mit diesem Song ist und andererseits weil sie schon seit Ewigkeiten den Spotify Account von Marlin benutzt und das einfach lustig findet.

      Wie auf Knopfdruck schaut Marlin auf und zu Franziska hinter die Theke, als sich die Musik ändert. Aus der Konzentration gerissen betrachtet er die Zeichnung, an der er gearbeitet hatte, als hätte er sie gar nicht selbst gemacht. Bevor er sich daran macht, die restlichen Seiten zu füllen, isst er erstmal sein Stück Gebäck auf und schaut aus dem Fenster. Es ist grau und bewölkt.
      Um der Aufgabe gerecht zu werden, füllt er die nächste Doppelseite mit Detailzeichnungen, achtet genau auf die Form, Schatten, Proportionen, zeichnet jede einzelne Falte, Kante, jede Unperfektheit irgendwelcher Objekte hier im Café. Als nächstes spielt Show Me How von Men I Trust. Marlin kann sich mit Franziskas Musikgeschmack abfinden. Ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigte, dass er mit “Kann etwas dauern” nicht gelogen hatte. So viel Zeit hatte er schon lange nicht mehr hier verbracht. Obwohl er manchmal das Gefühl hatte, diesen Ort tagelang nicht zu verlassen. Mit einem tiefen Atemzug blättert Marlin auf die nächste weiße Seite in seinem Skizzenbuch, bemerkt seine mit Graphit verschmierte Hand. Um durch die ganze Sache nicht komplett verrückt zu werden entscheidet er sich die weiteren Zeichnungen lockerer zu gestalten. Mit der Technik schafft er es durch freie, ungebundene Zeichnungen von der Frau, die zweimal ihre Sitzposition ändert und dem Pärchen, dass in der Schlange steht, sich kurz in den Armen liegt und sich ansehen und dann bei Franziska ihre Bestellung aufgeben, Zeichnungen auf mehrere Seiten zu bringen. Marlin wird kurz übermütig und versucht eine Person, die mit ihrem Hund am Fenster vorbeiläuft, zu zeichnen. Die paar Striche, die er fast blind aufs Papier gebracht hat, haben seiner Meinung nach gar nichts mehr mit Kunst zu tun. Er blättert wieder um. Dann zählt er die übrigen Seiten und starrt aufs weiße Blatt. Was als nächstes? Er lehnt sich zurück. Marlin blättert zurück, betrachtet, was er bisher geschafft hat, schaut sich die Gesichtsausdrücke der Zeichnungen an. Und schaut auf, um die Frau anzusehen, die wieder eine andere Sitzposition eingenommen hat und sich in die Richtung ihres Gegenübers lehnt. Irgendwas an den Eindrücken hier im Café und seiner aktuellen Stimmung bringt Marlin auf eine Idee. Der nächste Song aus Franziskas Playlist fängt an: You Don’t Know How To Drive von IDER und Marlin bemerkt ein paar Tropfen an der Scheibe. Der perfekte Zeitpunkt, um zurückzulehnen und zu tagträumen, zu beobachten wie die Tropfen immer mehr und größer werden. Jetzt ist es schon Mitte November und es gibt immer noch keinen Schnee. Dass das Duo von IDER mit der Zeile „I’m too busy thinking of fantasies in my head” gerade Marlins Zustand ganz genau beschreiben, kriegt er gar nicht mit.

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