My Girlfriend is a Boy [Nao & Dark.Wing]

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    • Noel lächelte Jayden die ganze Zeit während er sprach sanft an. „Das sieht ihm ähnlich.“ lachte er leise auf, als der Student ihm erzählte, dass Theo ihn eingeladen hatte. Theo lud gefühlt jeden Menschen den er neu kennen lernte ins Rodeo ein und obwohl Noel das wusste, konnte er nichts gegen den leichten Beigeschmack machen der sich verdächtig nach Eifersucht anfühlte. Das überraschte ihm. Er war nie ein eifersüchtiger Mensch gewesen und vielleicht würde er es auch gar nicht als Eifersucht betiteln…am liebsten hätte er den Mut Jayden einfach zu fragen ob sie nicht zusammen am Donnertag ins Rodeo wollten, aber nach dem Gespräch am Morgen ließ er das lieber bleiben.

      Glücklicherweise war Jayden auf sein Versuch ein neues Gesprächsthema einzuleiten wunderbar eingegangen.
      Bei der Beschreibung seiner Wohnung musste der Franzose leise lachen. Er hatte schon einiges gehört, von Gruft bis ‚seine Wohnung gibt mir irgendwie Friedhofsvibes‘, war beinah alles dabei gewesen und das obwohl er echt nicht oft Besuch bekam, aber als Museum wurde seine Wohnung noch nie betitelt. „Ich schätze auch. Ich hatte als Teenie schon ein Fabel für makabere Dinge, ich glaube das ist mit dem Alter einfach nur schlimmer geworden.“ lachte er leise auf. „Aber ich weiß nicht…dein Zimmer sieht aus wie du…man denkt du bist wie jeder andere Typ der studiert und gerne feiern geht und je länger man sich mit dir unterhält, desto interessanter wirst du. Ich hab das Gefühl, je länger ich mich hier umschaute desto mehr interessante Dinge entdecke ich.“ gab er seine Gedanken preis. „Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass du Gitarre spielst oder so gut Zeichen kannst…aber ich glaube ich beschäftige mich an sich recht wenig mit meinen Mitmenschen.“ murmelte er schulterzuckend bevor er Jayden ein wenig irritiert anschaute als dieser plötzlich aufstand.

      „Wasser wäre super, aber nur wenn es keine Umstände macht.“ lächelte er dankend. Er konnte die Nervosität des anderen beinah anfassen, so extrem nahm er diese war. Machte er Jay nervös? Wahrscheinlich, dabei machte er das nicht mal mit Absicht. Ihm wurde mal gesagt, dass sein Verhalten Leute schnell nervös machen konnte, alleine durch seine schon fast negative und angepisste Ausstrahlung gab er den meisten Menschen wohl zu verstehen, dass er keine Interesse an einer Interaktion hatte, aber das er auch Jayden damit nervös machte, hatte er nicht vorgehabt. Das jetzt aber anzusprechen schien ihm dann jedoch doch zu gewagt.
    • Konnte er mal mit den Komplimenten aufhören? Was war aus dem Kerl geworden, der ihm an Halloween vermutlich am liebsten sein Getränk ins Gesicht geleert hätte? Klar hatte Jay an dem Abend versucht, Noel für sich zu gewinnen, aber das hatte wohl irgendwie etwas zu gut funktioniert. Oder… gerade richtig. Unbeabsichtigt. Vielleicht sollte er sich endlich damit abfinden, dass ihn niemand dazu zwang, Zeit mit Noel zu verbringen und das komplett seine eigene Entscheidung war.

      Jay hielt inne und lehnte sich kurz an seinen Kleiderschrank. Er sah Noel eine Weile an. "Deine Wohnung sieht kein Stück aus wie du", sagte er dann. "Du siehst auch nicht aus, wie du dich verhältst. Zumindest dachte ich das bis vor zehn Minuten aber du versteckst anscheinend nur, dass du eigentlich ganz nett sein kannst" Und das war ein wenig gefährlich. Jay wurde das Gefühl nicht los, dass Noel garnicht log, wenn er sagte, dass er sich wenig für seine Mitmenschen interessierte, und dass er tatsächlich so etwas wie eine Ausnahme darstellte. Was ihm definitiv mehr schmeichelte, als es sollte.
      Noel lächelte momentan vermutlich mehr, als er es ihm restlichen Jahr insgesamt getan hatte, und dabei tat Jay absolut nichts besonderes. Im Gegenteil, er verhielt sich entweder wie ein Arschloch oder wie ein nervöses Wrack, was ihm eigentlich garnicht ähnlich sah, aber Noel und er hatten wohl beide eine kleine Persönlichkeitsstörung. Es wäre nur schön, wenn Jay in seiner Gegenwart nicht komplett vergessen würde, wie man sich wie ein normaler Mensch verhielt. Es war ungewohnt, sich so in der Nähe eines anderen Mannes zu fühlen. Nein, es war generell ungewohnt, sich so zu fühlen. Bei keiner Frau der Welt hatte er sich jemals so dämlich angestellt. Es war furchtbar anstrengend, sich andauernd um hundert Sachen gleichzeitig Sorgen zu machen. Am liebsten würde er sein Gehirn einfach völlig ausschalten. Was… wohl genau das war, was er an Halloween getan hatte. Mit ausreichend Alkohol.

      "An Wasser mangelt es uns tatsächlich nie", erwiderte er schließlich und stützte sich wieder auf, um aus dem Zimmer zu gehen. Hinter sich lehnte er die Türe etwas an, dann nahm er ein Glas aus einem Schrank im Wohnzimmer und ging ins Bad. Eine eigene Küche war etwas, wovon er derzeit nur träumen konnte.
      Jay war ein wenig überrascht, als er fast in Cyrus reinrannte, der die Tür nicht abgeschlossen hatte. Glücklicherweise hatte er noch Kleidung an, denn es sah aus, als wollte er duschen. "Äh… Wasser", sagte Jay und quetschte sich vorbei zum Waschbecken. Auf so engem Raum zu leben erlaubte es einem wirklich nicht, Schamgefühle oder etwas dergleichen zu haben. "Und, ist Mona irgendwann fertig oder zieht sie bei uns ein?", murmelte Jay während er das Glas auffüllte.
      "Sie zieht sich an", antwortete Cyrus. "Aber, hey, woher kennst du den Typen, der sie abholt?"
      Urgh.
      "Tu ich nicht. Er stand unten vor dem Tor", wiederholte Jay, den Blick starr auf den Wasserhahn gerichtet. Im Augenwinkel konnte er im Spiegel sehen, wie Cyrus langsam nickte.
      "Du hättest auch anrufen können, bevor du einen Fremden von der Straße auf den Campus lässt", sagte er dann.
      Jay drehte sich um. "Cy. Du hast ihn doch gestern Abend auch in der Bar gesehen. Als er Mona abholen wollte? Keine Ahnung, wieviel du getrunken hast, aber ich konnte mich noch daran erinnern"
      Cyrus kniff die Augen zusammen. Klasse, er konnte sich wirklich nicht erinnern. Und Jay hatte gedacht, dass es daran gelegen hatte, dass er noch nicht ganz wach war. Und verkatert. Offenbar war es eine Kombination aus beidem inklusive Filmriss. "Okay, äh… egal. Unsympathischer Typ. Ich fänds besser, wenn er nicht mehr hier rein kommt"
      Jays Ausdruck blieb unverändert. "Du musst nicht eifersüchtig sein, er ist schwul", sagte er monoton.
      Cyrus Augen leuchteten auf. "Was? Echt? Woher weißt du das?"
      "Hat… er mir gesagt. Vorhin" Dieses Gespräch musste enden. Bitte.
      "Hm… Schön, jetzt wo du's sagst. Er hat rosa Haare"
      Damit fiel Jays neutraler Gesichtsausdruck doch wie ein Kartenhaus in sich zusammen. "Du verarschst mich, oder?"
      Cyrus blinzelte. Er meinte es tatsächlich ernst. Okay, es hatte keinen Sinn, jetzt darüber zu reden. Jay stieß ein wenig frustriert Luft aus und ging aus dem Badezimmer. Er wusste, dass sein bester Freund solche Dinge nicht negativ meinte, er war einfach bescheuert. Das konnte man nicht leugnen. Vor allem wenn man ihn fast 24 Stunden am Tag um sich hatte.
      Jay kam zurück zu Noel und schloss die Tür erneut hinter sich, bevor er ihm das Glas in die Hand drückte und sich wieder auf seinen Sessel fallen ließ. Er bemühte sich, seine Anspannung wieder loszuwerden, aber Cyrus hatte gerade einen Nerv getroffen. Er hatte nur nachgefragt, weil er jetzt schon wieder seine Eifersuchtsprobleme entwickelte, aber das hieß nicht, dass er mit der Antwort zufrieden war. Cyrus konnte verdammt neugierig werden, wenn ihn mal etwas interessierte. Glücklicherweise war das selten der Fall.
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    • Noel nickte zustimmend. So wie Jayden an dem Schrank lehnte fiel ihm ein weiteres mal auf, wie attraktiv der junge Student eigentlich war. In ihm kam der Wunsch hoch den jüngeren zu einem Fotoshooting zu überreden. Jayden schön in Szene gesetzt irgendwo zu fotografieren und sich dann stundenlang in der Nachbearbeitung der Bildern zu verlieren…

      „Das stimmt wohl. Meine Wohnung spiegelt wohl eher meine Arbeit und meine Kunst wieder als mein Aussehen.“ als Jayden ihm dann mit seinem nächsten Satz schon fast eine Art Kompliment machte - auf jeden fall wirkte es so auf Noel - wurde sein Lächeln nur noch eine Spur breiter und vielleicht - aber nur ganz vielleicht - wurde er ein ganz klein wenig verlegen.
      Auf Grund seiner sonst so distanzierten Art bekam er nicht oft Komplimente, vor allem was seinen Charakter anging - zu seiner Arbeit dann wohl schon eher - auch wenn sich das meistens in Grenzen hielt. Das lag nicht daran, dass er schlecht arbeitete, meistens hörte er dann über drei Ecken wie großartig andere seine Arbeit fanden, was ihn den ein oder anderen Job schon ermöglich hatte, sondern an seiner allgemeinen Art und das die meistens Leute nicht wussten wie man ihn einschätzen sollte. Er konnte allgemein einfach nicht sonderlich gut mit Menschen und war am liebsten alleine oder mit einer Person zusammen, mit der es sich nicht so anfühlte als wäre er mit einer Person zusammen. Das Gefühl alleine zu sein, ohne einsam zu sein war etwas, was für die meisten ziemlich paradox klang, für Noel aber total Sinn machte. In einem Raum voller Menschen konnte man sich schrecklich einsam fühlen, dieses Gefühl war unangenehm, zerfraß einen schon fast innerlich und saugte einem die Energie förmlich aus. Und dann gab es Menschen bei denen fühlte man sich einfach wohl. Man brauchte keine Energie um mit dieser Person zu interagieren und selbst wenn man keine Lust hatte zu reden fühlte es sich einfach angenehm an bei dieser Person zu sein. Man konnte alleine in seinen Gedanken sein, jeder machte sein Ding und trotzdem fühlte man sich nicht einsam.

      Als Jay dann schon fast ein wenig hektisch aus dem Zimmer stürmte, atmete Noel einmal tief durch. Er musste ganz dringend wieder Herr über seine Gefühlswelt werden oder mit jemanden darüber reden. Er nahm sich vor Flo später anzurufen - was er sowieso vorgehabt hatte - und von den Ereignissen der letzten Wochen zu erzählen. Eigentlich war seine Schwester nicht unbedingt seine erste Wahl wenn es um Gefühle ging, sie hatte damit wohl genau so viele Probleme wie er - wenn auch andere - aber die Person die ihm womöglich am besten helfen konnte, wollte er nicht anrufen. Es würde sich für ihn seltsam anfühlen gerade ihn um Hilfe zu bitten.

      Als Jay wieder ins Zimmer kam wirkte er zerstreut. Schon fast angespannt.So als ob er gerade einer unangenehmen Situation entkommen war. „Ist alles okay?“ fragte der Franzose demnach mit seinem prüfenden Blick der einem schon fast unter die Haut ging, bevor er das Glas anhob und es zu seinen Lippen führte.
    • Jay drückte sich mit einem Fuß leicht vom Boden weg und ließ den Drehsessel in einem unruhigen Energieausgleich leicht von links nach rechts drehen. Immer und immer wieder. Er sah Noel eine ganze Weile an, bevor er antwortete. "Oh, ja. Mir ist nur gerade klargeworden, wieso du so einen schlechten Eindruck von mir hattest" Er zögerte, bevor er sich zu erklären versuchte. "Ich hätte zwar nicht gesagt, dass alle Studenten gleich sind und nur studieren, um nicht arbeiten zu müssen und feiern zu können und sich vor der realen Welt zu verstecken. Aber es gibt ja genug von denen, um es zu einem Stereotyp zu machen. Und meine Freunde sind genau das. Genau dieser Stereotyp"

      Ihm war bisher nicht wirklich klargewesen, dass ihn das doch oftmals ein bisschen enttäuschte. Er hatte sich diese Freundesgruppe zwar selbst ausgesucht und nicht zuletzt, weil er gerne eine sorgenlose Zeit mit anderen verbrachte, ob in einer Bar, in einem Club, auf einem Boot oder sonst irgendwo. Er war überall dabei. Aber er zählte nicht zu den Leuten, die es sich leisten konnten, schlechte Noten zu schreiben oder sich ein Jahr länger Zeit zu lassen. Jedes Jahr, das er als Bartender und in dieser Uni verbrachte, war ein Jahr ohne Vollzeit-Gehalt. Ein Jahr ohne Abschluss. Ein Jahr, in dem er sich weder zeitlich noch finanziell richtig um seine Familie kümmern konnte. Es war schön, dass Cyrus Eltern ihm sein Leben finanzieren konnten, bis er es selbst konnte, wie es bei einigen Studenten der Fall war. Aber sie hingen eben nicht aus den selben Gründen im Studium hinterher. Und das schien nicht das einzige zu sein, dass seine Freunde nicht verstehen wollten. Manche Leute machten sich das Leben wirklich mit Ignoranz leichter. Jay war in vielen Themen nicht anders, aber vielleicht sollte er sich wirklich irgendwann mal Gedanken machen, wieviel Wert die Meinung von Menschen war, die keine Ahnung von irgendetwas hatten.

      Jay seufzte. Zumindest von Cyrus wusste er, dass er das alles nicht böse meinte. Gut, er war auch ein bisschen resistent was Kommunikation anging, weitaus mehr als Jay, aber wenn er sich wirklich mal bemühen würde, mit ihm zu reden, dann würde Cy ihn definitiv verstehen. Ob es nun um seine Familie ging oder diese… Noel Sache. Aber wem machte er etwas vor? Er würde ja selbst lieber die Ignoranz wählen, wenn er könnte.
      "Vergiss es. Ich bin auch nicht besser, dein erster Eindruck war wahrscheinlich ziemlich spot-on", fügte er hinzu. "Das einzige, das mich von denen abhebt, sind Dinge, die ich nicht kontrollieren kann" Er schmunzelte. Das war so armselig, dass es schon wieder witzig war.
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    • Noel hörte ihm aufmerksam zu. Wenn man nicht genau hinsah, hatte sich in seinem Gesicht nicht viel verändert, in seinen Augen lag jedoch ein gewisser Funken Mitgefühl, der von dem kühlen Blau fast grundsätzlich verschluckt wurde. „Ich denke nicht, das mein erster Eindruck von dir Spot-on war. Wenn es so gewesen wäre, hätte ich mich gestern oder heute morgen nicht so viel mit dir unterhalten. Jay du bist wirklich ein wahnsinnig interessanter Charakter. Unfassbar vielschichtig, wenn man sich die Mühe machte durch den selbst aufgebauten Schleier zu schauen den du versuchst aufrecht zu erhalten. Ich konnte in der Bar und auf der Halloweenfeier seine Freunde einwenig beobachten…auch wenn das gar nicht nötig gewesen wäre, alleine die Locations waren Aussagekräftig genug. Oder die Tatsache, dass du eigentlich einen Beruf lernst der dir nicht die hundertprozentige Erfüllung gibt die du eigentlich wert wärst.“ der Franzose schaute seinen gegenüber mit dem selben durchdringenden Blick an wie schon am Morgen. Die blauen Augen fraßen sich ohne Widerstand zu haben direkt in Jays Seele und schienen dort alle Geheimnisse lesen zu können die der Student jemals gehabt hatte oder noch haben wird.

      „Ich glaube der einzige Punkt an dem ich festhalte ist, dass ich immer noch der Meinung bin, dass du gar nicht so viel Selbstbewusstsein hast wie du vorgibst. Und ich verstehe es, wenn ich ehrlich bin immer noch nicht. Von dem was ich so über dich mitbekommen habe bist du echt ein toller Mensch, vielleicht würde es dir mal gut tun Zeit außerhalb deiner Freundesgruppe zu verbringen um das selbst zu erkennen. Stell dich nicht immer in den Schatten von anderen, das brauchst du nicht.“ sprach er seine Gedanken laut aus.

      Noel war beim sprechen irgendwann aufgestanden und zu Jayden hinüber gegangen. Mit einer leicht ruckartigen Bewegung stoppte er den Drehstuhl in seiner Bewegung in dem er seine Hände auf die Armlehnen legte und sich ein kleines Stückchen zu dem Studenten nach vorne lehnte. „Du hast wirklich wahnsinnig schöne Augen.“ hauchte er leise und lächelte Jayden sanft an. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, dass seine Stimme grade einige Oktaven tiefer geworden war.
    • Jay wusste sich überhaupt nicht zu helfen. Er starrte Noel bloß an, während er ein Kompliment nach dem anderen herunter ratterte, als hätte man ihn mit einer anderen Person ausgetauscht. Es war irritierend, auf eine gute Art. Bisher hatte ihm noch niemand gesagt, dass er lieber etwas lernen sollte, das ihn erfüllte. Oder dass sein Auftreten etwas war, das er wie eine Mauer aufgebaut hatte. Vielleicht hatte Noel recht, er hatte nicht so viel Selbstbewusstsein, wie er vorgab zu haben, aber es hatte bisher immer ausgereicht. Erst in den letzten Tagen schwankte es so sehr, dass er sich selbst nicht mehr ganz sicher war, was mit ihm los war. Was ihm momentan bewusst wurde, war nicht unbedingt eine Kleinigkeit, aber doch auch nicht groß oder wichtig genug, um ihn dermaßen umzuhauen, oder? Auch wenn er versucht hatte, nicht zu viel darüber nachzudenken, hatte er in letzter Zeit schlecht geschlafen, sich überhaupt nicht konzentrieren können und eine Art Paranoia entwickelt, dass irgendjemand ihn durchschauen könnte. War das wirklich noch mit der Person zu vereinbaren, von der er dachte, dass er sie war?

      "Ich stell mich nicht…", begann er dennoch zu demonstrieren, wurde aber gegen Ende so leise, dass er den Rest des Satzes verschluckte, während er Noel mit den Augen folgte, bis er über ihm stand. Der kleine Ruck, als sein Sessel mitten in der Drehbewegung stoppte, ließ Jays Herz einen Schlag aussetzen, auch wenn er sich nicht ganz sicher war, ob wirklich der Sessel daran Schuld trug. Plötzlich stillzustehen war ungefähr so überfordernd, wie Noels Gesicht so nah vor seinem eigenen zu haben.
      Genau genommen war das mittlerweile nichts Neues mehr, erst gestern Abend waren sie einander an den Lippen gehangen, und trotzdem unterschied sich der Moment deutlich. Jays Herz klopfte in rasender Geschwindigkeit, aber nicht weil er gerade mit seinem Gegenüber ins Bett springen wollte. Er war sich garnicht sicher, was er wollte. Sein Körper war auf dem Sessel festgefroren.

      "Danke", flüsterte er hilflos und so leise, dass seine Stimme fernblieb. Irgendwas stimmte hier gewaltig nicht. Er war doch für gewöhnlich in Noels Position. Viel schlimmer war aber, dass er auf einmal vollkommen nachvollziehen konnte, wieso das funktionierte, was Noel gerade tat. Und dabei war es ein total ausgeleierter Spruch, jemandem zu sagen, dass er schöne Augen hatte.
      Jay gab sich einen Ruck und versuchte sich wieder zu fassen, um Noel nicht nur tatenlos in die Augen zu starren. Er schluckte, erlangte seinen Verstand zurück und legte ihm eine Hand an die Wange, die anschließend in seinen Nacken glitt, in dem Versuch, Noel ein Stück weiter zu sich runter zu ziehen, als er plötzlich das Klacken seiner Türklinke vernahm und den anderen stattdessen mehr oder weniger von sich stieß. Er drehte den Sessel ruckartig Richtung Tür und hatte keine Zeit, seine Position zu korrigieren, wodurch er bloß völlig schockiert halb in seinem Sessel lag, als Cyrus im Türrahmen stand. Sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen. Keine Chance, dass die anderen im Raum es nicht klopfen hörten.

      "Ähm…" Cyrus hatte einen verständlicherweise verwirrten Blick drauf, der kurz an Jayden hängen blieb, bevor er zu Noel wanderte. "Mona ist fertig", sagte er letztlich und deutete über seine eigene Schulter.
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    • „Gerne.“ flüsterte er leise zurück. Die Spannung knisterte zwischen ihnen, sprühte förmlich Funken, hinterließ ein aufregendes Kribbeln welches von Noels Fingerspitzen seine Arme hoch wanderte. Er fühlte sich wie ein Teenager. Als ob er mit seinem ersten Schwarm hinter der Turnhalle seiner Schule stand, drauf gefasst jeden Moment von irgendwem erwischt zu werden. Sein Blick rutschte kurz einige Zentimeter tiefer auf Jaydens Lippen, bevor er ihn wieder in die Augen sah. Er hatte wirklich schöne Augen. Wie Bernstein der in der Sonne leuchtete. Sie waren so anders als seine eigenen. Warm und voller Gefühle. Er hatte das Gefühl sich in den endlosen Farben verlieren zu können. Seine Augen war die ein warmer Herbsttag. Wenn die Blätter braun und orange und gelb wurden und die Sonnenstrahlen sich zwischen die Lücken schummelten. Zu der Überraschung der meistens liebte Noel den Herbst. Viele hielten ihn wohl, auf Grund seiner distanzierten Art eher für einen Wintermensch, aber er liebt es, wie sich die Welt plötzlich orange färbte und es kühler wurde und jetzt, so wie er da stand und sich in dem Gold der fremden Augen verlor, wusste er genau warum er den Herbst du gerne hatte. Konnte so voller Gefühl sein, so voller Schönheit und Wärme, stand aber irgendwie immer im Schatten des Sommers und des Winters. Der Herbst war weder so warm wie die vergangene Jahreszeit, man konnte nicht an den Stand und fürs Eis essen war es schon fast wieder zu kalt, aber eben auch nicht so kalt wie die kommende. Herbst hatte keinen Schnee und keine Feiertage. Er war wie ein Lückenfüller der die schönen Sommertage ablöste und vor den feierlichen Wintertagen stand. Als ob man jemanden bauchte der zwischen ihnen stand, damit beide in ihrer vollen Pracht strahlen konnten.

      Die fremde Hand die sich erst auf seine Wange und dann in seinen Nacken schob zog ihn nicht aus seiner Starre raus. Ganz im Gegenteil, er hatte das Gefühl mit jeder Sekunde die verstrich nur noch mehr in den Augen wahrnehmen zu können. Die kleinen, helleren Sprenkel die sich um die Iris zogen. Der dunkler werdenden Kreis nach außen. Der sanfte Orangeton der langsam in ein helles Braun überging und wenn die Sonne günstig fiel, so wie jetzt, wie flüssiges Gold aussah. Gott, er könnte ewig in diese Augen schauen und würde sicher nach Stunden immer noch neue Details finden die ihn fesselten.

      Noel kam der stummen Bitte der fremden Hand nur zu gerne nach, ließ sich sanft ein Stückchen näher ziehen, machte sich innerlich schon auf das Zusammentreffen ihrer Lippen bereit, als er hektisch und rabiat nach hintern gestoßen wurde. Er hatte das leise Klicken gar nicht wahrgenommen, dem nach überfordert war er mit der Situation. Gerade so konnte sich der Franzose an dem Bettrahmen fangen um nicht wie ein Sack Reis auf den Boden zu plumpsen, obwohl das wohl die angenehmere Möglichkeit gewesen wäre. Das Holz drückte sich schon fast schmerzhaft in seinen Rücken, Noel ließ sich jedoch nichts anmerken. Sein Herz pochte schnell und hart gegen seinen Brustkorb. Das Bild hinter der Turnhalle kam ihm wieder in den Kopf, so hätten sie sicher auch reagiert wenn sie zwei Teenager gewesen währen. Total ertappt und verunsichert.

      Bei Cyrus Worten nickte der Franzose nur leicht. Genau Mona…sie hatte er völlig vergessen oder eher verdrängt, so wie er verdrängt hatte, dass sie ja nicht alleine in der Wohnung waren.
    • Jayden starrte Cyrus nur stumm an, bis dieser ihnen wieder den Rücken zudrehte und die Tür peinlicherweise wieder anlehnte, aber nicht schloss. Jay hatte das Gefühl, erst wieder lernen zu müssen, wie man atmete. Er hievte sich in seinem Sessel wieder ein Stück hoch und schloss kurz die Augen. Sein Brustkorb würde gleich explodieren. Nach ein paar seltsamen Schweigesekunden fand er endlich die Kraft, aufzustehen und sich zu räuspern. Er sah Noel kurz an, ging aber immer weiter von ihm weg in Richtung Tür.
      „Sorry, ist alles okay?“, fragte er leise, und in zunehmendem Sicherheitsabstand. „Ich wollte dich nicht durch den Raum katapultieren“, murmelte er und warf einen Blick durch den Türspalt, wo Cyrus und Mona bereits am anderen Ende des Raums bei der Wohnungstüre zu sehen waren. Nein, er hatte Noel wirklich nicht von sich stoßen wollen, das war ein Reflex gewesen, der sich nach Überlebensinstinkt angefühlt hatte. Wenn sie beide noch irgendeinen Beweis gebraucht hatten, dass Jay nicht in der Lage war, entspannt mit der Sache umzugehen, dann war er das gewesen.

      Er fuhr sich durch die Haare und streckte sich im Zuge dessen leicht und er merkte schon in der Bewegung, dass es ihm nach dem Schock deutlich an Kraft mangelte. Genau deshalb hatte er Noel nicht hierher bringen wollen. Nicht nur, weil es irgendwann auffällig werden würde, sondern auch, weil Jay keinerlei Selbstkontrolle mehr hatte. Er kannte das alles nicht von sich selbst. So gestresst und paranoid zu sein. Das war neu, also hatte er keine Ahnung, was er impulsiv alles tun würde. Noel in seinem Zimmer küssen wie ein verknallter Teenager, während andere Leute anwesend waren? Oder ihn an eine hölzerne Bettkante stoßen, offenbar im Versuch ihm den Rücken zu brechen? Dass beides innerhalb von zwei Sekunden passieren konnte machte Jay selbst ein wenig Angst.

      Noels Worte kamen ihm in den Sinn. Dass er sich selbst kennenlernen sollte, abseits von seinen Freunden. Es war nur nicht ganz so leicht, aus diesem College-Organismus auszubrechen, solange man studierte. Vielleicht war das alles eine furchtbare Idee. Vielleicht sollte er lieber ganz vermeiden, in Situationen zu geraten, die ihm irgendeine Seite an sich aufzeigten, die er absolut nicht kontrollieren konnte. Nächstes Mal warf er Noel noch unabsichtlich vor einen Bus, weil er dachte, dass jemand seinen Namen gesagt hatte.

      „Tut mir echt leid“, murmelte er nochmal, immer noch ein wenig verstört von seiner Reaktion und von der Gesamtsituation zugleich. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte. Die nächsten Tage würde er erstmal darüber nachdenken müssen, ob er Noel überhaupt noch etwas zu sagen hatte.
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    • Noel hatte sich langsam wieder aufgerichtet. Der Schmerz von seinem Aufprall war zwar präsent aber nicht schlimm, in wenigen Minuten hatte sich das sicher sch wieder erledigt. „Alles gut, halb so wild.“ lächelte er den Studenten sanft an. Er verstand warum Jayden so reagiert hatte, hätte Jay ihn nicht so plötzlich von sich gestoßen wäre er wohl selbst irgendwie geflüchtet. Noel war zwar offen schwul aber nicht so offen, dass jeder ihn dabei sehen musste wie er irgendeinen Mann küsste. Vor allem kam ihm Cyrus, auf den ersten Blick, nicht so vor als würde er dieses kleine Geheimnis lange für sich behalten können. Unis waren ähnlich wie Schulen aufgebaut auch wenn die Lernenden älteren waren, trotzdem würde sich sicher innerhalb von wenigen Wochen diverse Gerüchte gebildet haben und die brauchte der Franzose nun wirklich nicht.

      Als sich Jay wieder bei ihm entschuldigte schenkte er ihm ein warmes Lächeln. „Mach dir nicht so viele Gedanken, ist ja nichts passiert.“ außer das sein Rücken eine sehr intensive Begegnung mit Jays Bettpfosten hatte. „Meinem Physio darf ja nicht langweilig werden.“ lachte er leise um die Stimmung wieder ein wenig zu lockern. War das die richtige Herangehensweisen? Noel war sich da nicht ganz sicher. Er konnte verstehen, dass sich der Jüngere damit irgendwie schwer tat. Mit einem nüchternen Gefühl erinnerte sich der Franzose an sein eigenes Outing zurück. Es war der absolute Horror gewesen, das wünschte er echt niemanden.

      Als er nun wieder vernünftig stand, ließ er seinen Rücken einmal laut aufknacken, sein Physio wird definitiv Spaß mit ihm haben und Noel wird ihn verfluchen und anfauchen so wie er es immer bei ihren Terminen tat, weil der Therapeut ihm immer unfassbar weh tat und es sichtlich genoss. „Ich werde dann mal Mona mitnehmen, damit ihr dieses Chaos Beseitigung könnt.“ grinste er seinen gegenüber leicht an. „Wenn du irgendwas brauchst, sei es auch nur einen guten Kaffe, melde dich gerne.“ erinnerte er Jayden nochmal an ihre Abmachung. „Und stress dich nicht zu sehr.“

      Nun war es an Noel die Zimmertür wieder vollständig zu öffnen, was er jedoch sofort wieder bereute als er in Monas Gesicht blickte, Ihr war abzulesen, dass sie viel zu Gene noch länger geblieben wäre und er nun die Inkubation des bösen für sie darstellte.
    • Jay war noch nie der Typ gewesen, der sich wegen irgendetwas geprügelt hätte. Er hatte nie jemanden körperlich verletzt, zumindest nicht absichtlich, denn das schlechte Gewissen hielt er sowieso nicht aus. Dass er Noel einen Termin mit seinem Physiotherapeuten aufgehalst hatte, war nicht unbedingt etwas, worüber er gerade lachen konnte, also zwang er sich nur ein kleines Lächeln auf. Zumindest schien er es ihm nicht allzu übel zu nehmen. Auch wenn Jay sich sicher war, dass eine schlechte Reaktion seinerseits ziemlich gerechtfertigt gewesen wäre. Noel hatte an Halloween deutlich gemacht, dass er keine Lust hatte, sich mit jemandem herumzuschlagen, der mit seiner Sexualität nicht zurecht kam. Und anhand der letzten fünf Minuten konnte Jay durchaus nachvollziehen, wieso er so etwas sagen würde. Dafür reagierte er Jays Meinung nach gerade unnatürlich respektvoll.

      Er machte einen Schritt zur Seite und ließ Noel zur Tür. "Okay", antwortete er nur, unsicher was er sonst sagen sollte. Er sollte sich nicht stressen? Wie denn? Das war alles die reinste Hölle für ihn.
      Als sie beide sein Zimmer verließen, wurde Jay außerdem schlagartig bewusst, dass das Bild eben in Cyrus Augen nicht ganz normal ausgesehen haben konnte. Irgendwie hatte er sich ziemlich in die Scheiße geritten.

      Cyrus küsste Mona noch einmal so leidenschaftlich, als wäre es das letzte Mal, das er sie sehen konnte, und entließ sie dann in Noels Obhut. "Ruf mich an", sagte er mit einem Grinsen im Gesicht, dass in Jay gerade doch irgendwie einen Drang zur Gewalt weckte. Es war unglaublich seltsam, diese Szene mitanzusehen, während Noel noch im selben Raum mit ihm stand.
      Als die Tür ins Schloss fiel, drehte Cyrus sich zu Jayden herum und das Grinsen verschwand von Sekunde zu Sekunde weiter. Jay fühlte ein Kribbeln in den Beinen, das ihn verleitete, einfach wegzurennen. Aber die Wohnung war nicht wirklich groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen. Cyrus hatte etwas zu sagen, das war auf seinem Gesicht abzulesen wie aus einem Buch. Er öffnete den Mund, Jay bekam fast einen Herzinfarkt, aber er schloss ihn wieder. Hah. Vielleicht kam es ihm gerade echt zu gute, dass Cyrus grundsätzlich nicht gern über irgendetwas redete, das nicht in einem Lachanfall enden konnte.

      "Hast du heute noch was vor?", fragte der Rothaarige ihn, was sichtlich nicht sein erster Gedanke gewesen war.
      "Aufräumen? Und dann fahr ich nachhause zu meinen Eltern", erklärte er und schluckte seine Nervosität herunter.
      "Ah…", machte Cy und sah sich wohl zum ersten Mal seit gestern Abend bewusst im Wohnzimmer um. "Gute Idee. Ich helfe dir"
      Wie großzügig. Als wäre irgendetwas von dem Kram, der herumlag, von Jay. Aber das war er gewohnt, also würde er dazu nichts mehr sagen. Stattdessen begann er, die Klamotten auf dem Sofa einzusammeln und nach und nach in den Wäschekorb zu werfen, während Jay die Schuhe sortierte und den Sofatisch wieder frei räumte, sodass er nicht mehr bloß ein Berg aus Müll war.
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    • Noel beobachtete wie sich Cyrus und Mona von einander verabschieden, warf Jayden einen kurzen Blick zu, der wenn man ihn richtig lesen konnte wohl einiges aussagte. Mona kicherte bei den Worten leise auf und der Franzose hatte das unweigerliche Bedürfnis dem Studenten eine reinzuhauen. Seine beste Freundin wirkte glücklich, fast schon losgelöst von all den Probleme die das Leben mit sich brachte, dieser Eindruck hielt jedoch nur solange wie sie noch in der Studentenbude waren. Sobald die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss fiel brach das Gewitter über Noel ein. „Sag mal spinnst du?! Hast du nichts besseres zu tun als Babysitter zu spielen?“ zickte sie ihn direkt lautstark an. Noel wusste das Mona das nicht so meinte, das sie ihm eigentlich dankbar dafür war für sie da zu sein und ihre Launen vertrug, aber gerade in diesem Moment nervte ihn dieses Gezicke total. „Du kannst hier gerne stehen bleiben und zusehen wie du nachhause kommst. Ich erinnere dich nochmal dran, dass du mich gestern stehen gelassen hast.“ brummte er zurück. „Nachdem ich den kompletten Tag gearbeitet habe, also halt mal die Luft an.“ er hatte gerade echt kein Nerv für so eine scheiße. Noel wusste, dass das eine schlechte Idee gewesen war und er wusste auch das Mona irgendwie nachhause gekommen wäre. Im Grunde hatte er nur eine Ausrede gebracht noch ein wenig mehr Zeit mit Jayden verbringen zu können, er war heute Morgen einfach noch nicht bereit dazu gewesen alleine zu sein.

      Die Worte hatten wohl jeden weiteren Protest von Mona im Keim erstickt, denn nun ging die einfach schweigend neben ihm her. Kurz vor dem Auto flüsterte sie ein leises „Es tut mir leid, das war nicht fair von mir.“ was Noel nur mit einem Nicken quittierte und ihr dann leicht lächelnd die Beifahrertür aufhielt. Es war ein anderes Lächeln, als das welches Jayden in den letzten Stunden des öfteren zu Gesicht bekommen hatte. Es strahlte deutlich weniger Gefühl aus, schien Mona jedoch zu reichen. Wahrscheinlich kannte sie Noels anderes Lächeln gar nicht.

      Nachdem sie losgefahren waren schien die Sache auch schon wieder vergessen zu sein. Mona fing nämlich an in voller Bandbreite von ihrem Abend zu erzählen und Noel…der ließ das einfach schweigend über sich ergehen. Einige der Informationen hätte er echt nicht gebraucht.

      Die Fahrt war zu Noels Glück schnell vorbei und nach nicht einmal einer halben Stunde saß er alleine in seinem Wohnzimmer auf der Couch. Halb liegend, halb sitzend hatte er sein Handy neben sich auf der Armlehne abgelehnt und wartete drauf, dass der Freizeichenton aufhörte. „Salute Salute mon petit frère“ begrüßte ihn die Stimme seiner Schwester so aufgeweckt wie immer. „Hallo Flo.“ die beiden Geschwister waren wie Tag und Nacht, konnten sich jedoch blind vertrauen.

      Die beiden führten eine ganze Zeitlang Small Talk, hielten den jeweils andere auf dem laufenden was in den letzten Tagen so passiert war bis sie sich nichts mehr zu erklären hatten und sich eine ganze Weile anschwiegen, jedoch nicht auflegten. „Noel was ist los? Irgendwas ist doch.“ durchbrach sie die Stille mit besorgter Stimme. Noel seufzte leise. War ja klar, dass sie merkte, dass etwas los war. Er schwieg noch einige Sekunden bevor er anfing zu erzählen. Er erzählte nicht alles. Nicht jedes Details aber grob was in den letzten Wochen zwischen ihm und Jayden passiert war. Als er fertig war, war es an Flo leise zu seufzen. „Ouh man.“ murmelte sie. „Da hast du dir ja was ordentliches angelacht.“ lachte sie leise. Flo hatte es nicht so mit der Liebe, deswegen hatte er sie auch nicht sofort angerufen, aber es tat gut darüber zu reden.
    • Jayden sollte wohl dankbar sein, dass Cyrus sich weder erneut zu Noel äußerte, noch zu was auch immer er beinahe gesehen hatte, als er in sein Zimmer geplatzt war. Aber er hatte einfach das ungute Gefühl, dass es früher oder später noch einmal zur Sprache kommen würde. Was genau, wusste er auch nicht. Er hatte keine Ahnung, was Cy sich so in seinem Kopf zusammenbraute, aber es konnte nichts vorteilhaftes sein. Auch wenn er wohl nie darauf kommen würde, dass Jay mit Noel geschlafen hatte. Er war ja selbst 24 Jahre nicht drauf gekommen, dass er nicht hetero war. Trotzdem musste es ein wenig fragwürdig ausgesehen haben, als Cyrus die Tür geöffnet hatte. Und eins wusste Jay, das konnte er an dem Schweigen während des Aufräumens festmachen: Cyrus dachte, dass er etwas vor ihm verheimlichte. Nein, er wusste es. Und das passierte nicht gerade oft. Kein Wunder, dass er ihn nicht darauf ansprechen wollte, aber es war irgendwie unangenehm, das Ganze so stehen zu lassen.

      Das spukte ihm auch noch im Kopf herum, als er längst bei seinen Geschwistern zuhause auf der Couch saß. Es war eines dieser Wochenenden, an denen seine Eltern es nicht hinbekommen hatten, ihre Schichten nicht überschneiden zu lassen. Was bedeutete, dass entweder er oder Olivia auf die zwei kleineren aufpassen mussten, mal einen Nachmittag lang oder einen Abend, manchmal musste er auch Nachts bleiben, das variierte. Anders als Jay war seine Schwester Liv schon ausgezogen, während sie noch in der Berufsschule war. Wie genau sie sich bei dem Lehrlingsgehalt ihre Miete und ihr Leben leisten hatte können, wusste keiner so richtig, aber diese Familie bestand aus Überlebenskünstlern, wenn es um Geldprobleme ging. Mittlerweile hatten sie ihren Meister als Uhrmacherin und verdiente ganz gut, definitiv besser als Jay zu diesem Zeitpunkt. Jay und Liv wechselten sich meistens damit ab, auf ihre Geschwister aufzupassen, aber machmal kam sie ganz ungefragt vorbei, wenn eigentlich gerade Jay an der Reihe war, und bestellte für alle etwas zu essen. Jedes Mal, wenn sie das tat, wurde Jay noch ein Stückchen ungeduldiger, was seinen Abschluss anging. Irgendwann konnte seine 20-Jährige kleine Schwester hoffentlich aufhören, ihn zum Essen einzuladen.

      Heute war einer dieser Tage. Sie hatte drei Pizzen bestellt und auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet, wobei Jay und sie Felix und Sadie erstmal eintrichtern mussten, ja kein Wort zu ihren Eltern zu verlieren. Die Regel, nur am Esstisch zu essen, war eines dieser Dinge, das wohl ein generationsübergreifendes Familientrauma ausgelöst hatte.
      Sie sahen gerade zum sechzigsten Mal Cars 4 zusammen an, als Liv Jay an der Schulter anstupste und ihn zwang, Sadie von sich herunter zu rollen, um ihr in die Küche zu folgen. Sie hatte zwei leere Gläser in den Händen, die sie dort mit Cola auffüllte und eines davon Jayden in die Hand drückte. "Exen, exen", feuerte Liv ihn grinsend an.
      "Sei leise", meinte Jayden etwas panisch und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Wenn sie etwas gelernt hatten, dann war es, dass man Kindern abends definitiv keinen einzigen Schluck Cola oder derartiges Trinken ließ, auch wenn man ein cooles älteres Geschwisterteil sein wollte, weil man am Ende nur selbst darunter litt. Darum versuchte Jayden sich das Getränk mehr oder weniger in den Hals zu leeren, auch wenn er dank der Kohlensäure immer wieder das Gesicht verzog.
      "Du bist angespannt, Jay. Was ist?", fragte Liv aus dem Nichts. Jay hielt das Glas noch immer in der Luft und konnte bloß ein fragendes Geräusch von sich geben. "Du glaubst, ich merk das nicht? Du hast Sadie ungefähr dreißig Mal die Tomatensauce aus dem Gesicht gewischt, bevor sie fertig mit dem Essen war" Sie schmunzelte und stellte das Glas hinter sich ab, bevor er ihr einen skeptischen Blick zuwarf. Manchmal hatte seine Schwester einen überaus seltsamen sechsten Sinn für Dinge, die Jay selbst nicht einmal auffielen. Aber er war heute tatsächlich unnatürlich paranoid gewesen, dass das Sofa dreckig wurde.
      "Es ist garnichts", sagte er, aber auch das schien sie zu durchschauen. Vielleicht hatte er sie eine Millisekunde zu lange angesehen, oder zu kurz. Jedenfalls sagte ihr Blick nur 'Verarsch mich nicht' und Jayden überlegte ernsthaft, ob er ihr erzählen sollte, was ihn belastete. Wobei ihre Dynamik nicht wirklich so aufgebaut war. Immerhin war er vier Jahre älter und eigentlich immer selbst derjenige, der sie gezwungen hatte, ihm irgendetwas zu erzählen. Aber Olivia war auch schrecklich darin, irgendetwas zu verstecken. Vielleicht lag auch das in der Familie.
      Aber Jayden wäre nicht die ganze Zeit so nervös, wenn er das Gefühl gehabt hätte, mit jemandem über sein Problem reden zu können. Er war sich eben nicht sicher, ob er das konnte. Olivia würde ihn nicht verurteilen, so viel wusste er, aber sie würde vermutlich noch mehr Mitleid entwickeln, als sie ohnehin schon mit ihm hatte, und das wäre furchtbar unangenehm. Jayden wollte nicht noch mehr das Gefühl haben, als großer Bruder zu versagen, als er es schon hatte.
      "Spuck. es. aus", sagte sie und nahm den letzten Schluck von ihrer Cola, bevor sie das Glas in die Spüle stellte. Jayden schwieg. Er dachte ernsthaft darüber nach. Wie verzweifelt konnte man nur sein? Olivia schien das jedenfalls ein wenig zu beunruhigen. Sie war es gewohnt, dass ihr Bruder alles bis zu seinem Tod leugnen wollte. Also verschränkte sie die Arme und sah ihn an. Lange. Zu lange.
      Jayden öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn wieder. Olivias Augen schienen sich vor Ungeduld mit jeder Sekunde mehr zu weiten. "Okay, es gibt da was", gab Jay nach. "Ich hab jemanden kennengelernt und es ist ein bisschen… kompliziert"
      "Inwiefern?"
      Jayden überlegte kurz. "Äh… Also, stell dir vor, du stehst plötzlich auf jemanden, der super, und ich meine unfassbar, hässlich ist. Nicht auf so eine 'sieht irgendwie gut aus, aber irgendwie auch nicht'-Art, sondern du weißt, dass der Kerl auf der Straße andauernd angestarrt wird. Aber seine Persönlichkeit ist toll und du bist total verknallt und alles ist super. Nur musst du damit klarkommen, dass man euch andauernd anstarrt. Würdest du trotzdem mit ihm ausgehen?"
      Olivia blinzelte ihn an. "…Was?", sagte sie endlich. "Ich meine- Ja? Nein? Keine Ahnung, bin ich blind? Oder ist er mein Typ aber mein Typ ist irgendwie fragwürdig? Ich- Jay, was zur Hölle? Zeig mir ein Foto von der Frau"
      "Das war nur eine Metapher", stellte Jayden klar, aber das machte es vermutlich nicht weniger verwirrend. Und dann sagte er etwas, das er vermutlich bereuen würde, weil er keine Ahnung hatte, wie er von dort wieder zurückrudern sollte. "Sie sieht leider verdammt gut aus, aber ich weiß, dass nicht jeder damit klarkommen würde, wenn ich sie daten würde. Ich meine, ich komm selbst nicht ganz damit klar, aber ich mag sie trotzdem"
      "Ich unterbreche dich kurz", sagte Olivia. "Dein Problem ist, dass irgendjemand anders ein Problem mit der Sache haben könnte? Ist das nicht völlig, also echt völlig egal? Du hast doch gerade gesagt, du magst sie"
      Jayden schwieg einen Moment und biss sich nachdenklich auf die Lippe. Sie hatte einen Punkt, aber er konnte ja nicht wissen, ob sie das noch immer sagen würde, wenn sie die Wahrheit wusste. Wobei… vermutlich würde sie das. Sie hatte sich noch nie wahnsinnig für die Meinungen anderer Leute interessiert. Irgendjemand im Universum hatte seinen Job falsch gemacht, als er entschieden hatte, wer von ihnen das ältere Geschwisterteil werden sollte. Olivia hatte ihr Leben schon mit 20 weitaus besser unter Kontrolle, als Jay Mitte 20. Und er selbst hatte in ihrem Alter gerade mal die Entscheidung getroffen, etwas zu studieren, das er garnicht wirklich machen wollte.
      Er nickte langsam. "Okay. Notiert. Ich muss trotzdem drüber nachdenken", sagte er, um das Thema damit zu beenden. Er konnte seine Schwester jetzt auch nicht über eine irgendeine fiktive Frau vollheulen.
      "Du bist hoffnungslos", sagte sie und zuckte mit den Schultern, bevor sie zurück ins Wohnzimmer ging. Zumindest damit hatte sie ins Schwarze getroffen.
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    • „Du solltest Yuma anrufen, er kann dir wahrscheinlich besser helfen an ich.“ meinte Flo nach eine kurzen Weile in der weder sie noch Noel ein Wort gesagt hatten. Der Jüngere hatte auf Flos letzte Worte nur genickt, was sie jedoch offensichtlich nicht gesehen hatte. „Wahrscheinlich.“ bestätigte er. Er würde Yuma jedoch definitiv nicht anrufen, obwohl er genau wusste, dass der Japaner ihm besser in solchen Angelegenheiten helfen konnte als seine Schwester. „Also wirst du ihn anrufen?“ das war eine Kontrollfrage, Flo wusste, dass ihr Bruder ihn nicht anrufen würde und Noel wusste das auch. „Ich denke drüber nach.“ das war auch eigentlich nur eine diplomatischere Art und Weise um ‚Nein‘ zu sagen. Seine Schwester schien zwar nicht besonders überzeugt davon zu sein, sie ließ es jedoch erstmals damit bleiben.

      Damit war dann auch das Thema ‚Jayden‘ abgehakt. Sie quatschen noch ein wenig. Flo erzählte von ihrer Arbeit, von der neuen jungen Dame die sie im Moment datete und von ihren Eltern, die sich freuen würden wenn Noel sie mal wieder besuchen würde. Er gab an den richtigen Stellend die richtigen Antworten und versprach sich bei ihren Eltern mal wieder zu melden. Nachdem sie sich dann dreimal von einander verabschiedet hatten und irgendwie immer wieder neue Themen fanden um doch nicht aufzulegen, war es irgendwann still in Noels Wohnung.

      Der Franzose atmete einmal tief durch, stand von seinem Sofa auf und nahm sich in der Küche ein Weinglas. Er hatte noch eine Flasche Chardonnay im Schrank, die er von einem seiner Kunden geschenkt bekommen hatte. Sobald es rauskam, dass Noel Franzose war, war es fast absehbar, dass er eine Flasche guten Wein als Dankeschön für seine Arbeit bekam. Er beschwerte sich nicht. Er trank gerne Wein, vor allem wenn es guter Wein war und da die meisten seiner Kunden nicht gerade wenig Geld hatten, waren alle Weinfalschen die er bis jetzt bekommen hatte von ausgesprochen guter Qualität. Er füllte sein Glas in der Küche auf und überlegte kurz ob er die Flasche mitnehmen sollte, ließ es dann aber bleiben.

      Noel war genau zehn Minuten weiter in seiner Serie gekommen als sein Handy klingelte. Er hatte gerade in die Tüte sauere Weingummis gegriffen als er das Gespräch annahm, im Hintergrund lief seine Serie noch weiter, die er jedoch - nachdem er sich die Süßigkeit in den Mund gesteckt hatte - pausierte.

      „Hat Flo gepetzt?“ kein ‚Hey wie gehts dir?‘, kein ‚lange nichts mehr gehört.‘, kein ‚freut mich das du anrufst‘. Noel kam einfach direkt zum Punkt. Immerhin kannten sie sich zu lange für solche Höflichkeitsfloskeln. Die Person am anderen Ende des Hörers lachte auf. „Ja, Flo hat gepetzt.“ gestand eine Männerstimme. Es war angenehm ihr zu zuhören. Sie hatte genau den richtigen Klang , genau die richtige Härte um männlich zu klingen, war jedoch weich genug um sich in den Worten zu verlieren. Die perfekte Lesestimme um in die fiktive Welt abtauchen zu können und für immer dort verweilen zu wollen. Sie hatten viel zu lange nicht mehr miteinander gesprochen, stelle Noel fest. „Magst du mir von ihm erzählen?“ Das war ein Angebot. Yuma würde ihn nicht dazu drängen. Wenn Noel nicht wollen würde, würde der Japaner das so hinnehmen. Noel nickte jedoch leicht. „Ja…ich glaube schon.“ Dann schwieg er, nahm ein Schluck von seinem Wein und steckte sich ein weiteres Weingummi in den Mund. Eigentlich müsste man ihn für diese Kombination Köpfen.

      „Er heißt Jayden…“ fing er dann nach einigen Sekunden des Schweigens an. „Wir haben uns vor knapp ein einhalb Wochen auf einer Halloweenparty kennen gelernt, auf die mich Mona mitgeschleppt hatte. Er war saumäßig betrunken und hat sich irgendwann zu mir in den Garten gesetzt und ist mir auf die Nerven gegangen. Ich hab ihm mehr als deutlich gemacht, dass ich keine Interesse an ihm habe aber er…er hat sich davon nicht beirren lassen. Hat am laufenden Band mit mir geflirtet und…naja wir sind…du weist schon…“ zum Ende hin glichen seine Worte nur noch einem schnellen Murmeln, hektisch nahm er noch ein großen Schluck Wein. „Ihr seid im Bett geladen.“ Fügte Yuma eins und eins zusammen. „Ja. Sind wir.“ bestätigte Noel leise. „Am nächsten Morgen durfte ich mir anhören, dass das ja nur ein Unfall war und das er ja nicht schwul wäre und dass ich mir ja nichts drauf einbilden sollte. Die klassischen Sprüche eben.“ dieses Mal war es an Yuma zu nickten. Ja die kannte er auch. „Dann haben wir uns eine Woche lang nicht gesehen, bis gestern. Mona war wieder zu irgendeiner Party eingeladen und ich wollte sie abholen, weil…keine Ahnung, weil ich wohl an einer ganz brutalen Form von irgendwas leide, anders kann ich mir das nicht erklären. Auf jeden Fall war Jayden auch da…ich meine offensichtlich war er da. Mona ist in seinen besten Freund verknallt. Also er war da, ich war da und wir kamen ins Gespräch, haben einfach ein bisschen gequatscht wären ich darauf gewartet habe, dass Mona mit ihren Typen fertig wurde. Irgendwann kam sie und meinte sie würde mit Cyrus - also Jays besten Freund - mit gehen. Das Problem war nur, dass Cyrus und Jay zusammen wohnen und ich ihm Monas Gestöhne nicht antun wollte, also habe ich Jay angeboten bei mir zu schlafen.“ ratterte Noel im Schnelldurchlauf die Ereignisse des gestrigen Abends runter. „Wir sind also zu mir, ich hab ihm das Sofa fertig gemacht und dann bin ich in mein Schlafzimmer, er kam irgendwann zu mir, wir haben ein bisschen geredet und dann rumgemacht, irgendwann sind wir eingeschlafen und gut war. Also im Grunde ist nichts passiert.“ Zum Ende hin wurde Noel immer schneller, versuchte das Geschehen runter zu spielen, also wäre wirklich nichts passiert. Hektisch exte er den Rest deines Weines.

      „Okay.“ durchbrach Yumas Stimme die kurze Stille. „Und du magst ihn.“ schlussfolgerte er aus Noels Erzählung. „Ja…irgendwie schon.“ bestätigte der Franzose. „Er ist toll und charmante und wenn man ihn näher kennt unfassbar interessant. Vielschichtig und gar nicht so wie man im ersten Moment denkt. Er benimmt sich so wie jeder x-beliebige Student, aber sobald man sich wirklich mit ihm beschäftigt, und damit meine ich wirklich mit ihm beschäftigt, erkennt man was für ein Mensch er eigentlich ist. Was da eigentlich hinter den Mauern vor geht. Wofür er schwärmt und was seine Passionen sind. Was er liebt und wofür er lebt und…Gott Yuma, du verstehst das nicht. Dieser Typ ist der Wahnsinn. Er ist witzig und toll und…ich fühle mich in seiner Gegenwart einfach wohl, weist du? Es ist nicht so, dass ich Energie bräuchte um mit ihm zu interagieren. Es ist einfach angenehm mit ihm, sowie…“ Noel stockte kurz, ihm war garnicht aufgefallen, dass sich langsam einzelne Tränen von seinem Wimpern lösten. In den Worten lagen all die Gefühle die er seit tagen ersucht hatte zu verdrängen, all die Gefühle die ihn seit der Halloweennacht gequält hatten, mit denen er sich jedoch einfach nicht beschäftigen wollte. „…Sowie das damals mit uns…“ gestand er leise.

      Yuma seufzte am anderen Ende des Hörer leise auf. „Noel du weist, dass es nicht deine Schuld war oder? Es war nicht deine Schuld, dass das zwischen uns irgendwann nicht mehr funktioniert hat.“ meinte er in einem ersten Ton. „Wir haben uns beide gegenseitig vernachlässigt und ja, das ist schieße gelaufen aber es ist kein Grund der Liebe komplett abzuschwören. Ich habe mir genau so wenig Zeit für dich genommen wie umgekehrt. Ich war genau so in meiner Arbeit vertieft gewesen wie du und ich habe auch gedacht, dass du eh immer da bist. Wir haben uns beide irgendwann keine Mühe mehr gegeben, dass das zwischen uns funktioniert. Das heißt aber nicht, dass das mit diesem Jayden genau so sein muss. Er klingt nach einem tollen Kerl und du hast einen tollen Kerl verdient.“ Wäre Yuma bei ihm, hätte er Noel wahrscheinlich jetzt in den Arm genommen, ihm beruhigend über den Rücken gestreichelt und gesagt, dass das alles gar nicht so schwierige war, wie Noel sich das einbildete.

      „Ich arbeite zu viel um…“ - „Das ist Quatsch Noel!“ wurde er sofort unterbrochen. „Das ist eine billige Ausrede um es nicht zu versuchen! Du magst diesen Typen und du magst seine Nähe, du bist einfach nur feige! Du bist feige, weil du Angst hast ihn zu verletzten. Mal ehrlich, wenn du sagen würdest, du möchtest selbst nicht verletzt werden, würde ich das fast noch verstehen, aber du willst ihn nicht verletzten und wenn ich ganz ehrlich bin, ist das schon Grund genug um der ganzen Sache eine Chance zu geben. Mal ehrlich, du bist die letzte Person, der ich zutrauen würde, dass sie Rücksicht auf andere nimmt. Du bist stumpf und ehrlich und wenn dir Leute auf die Nerven gehen sagst du ihnen das kalt und rücksichtslos ins Gesicht. Aber bei einem Studenten mit dem du zweimal im Bett gelandet bist, ist es dir plötzlich wichtig ihn nicht zu verletzten?! Das sagt doch schon alles aus.“ Yumas Stimme war beim sprechen lauter geworden. Er brüllte nicht, aber die Härte ließ selbst Noel zusammenzucken.

      „…Er ist kommenden Donnerstag im Rodeo…“ murmelte er leise, als ob er Hoffnung hatte so den Japaner ein wenig zu beruhigen. „Gut, dann gehst du da hin.“ entschied er prompt für Noel. „Und ich komme mit. Ich buche mir ein Hotelzimmer und stelle sicher dass du das durchziehst.“

      Scheiße! So hatte Noel sich das nicht vorgestellt! Was sollte Jayden denn denken wenn er plötzlich mit einem andern Typen im Rodeo auftauchte? Das der andere Typ sein Ex-Freund war, machte die Situation nur noch schlimmer, aber viel dagegen sagen, konnte der Franzose ohnehin nicht. Wenn Yuma einmal etwas beschloss, war das entschiedene Sache. „okay.“ meinte er daher nur leise. „Du brachst dir aber kein Hotel nehmen, du kannst bei mir auf der Couch schlafen.“ bot er immer noch leise an. „Und dir und deinem Lover beim vögeln zu hören?“ lachte der Japaner, nun wieder deutlich besser gelaunt auf. „Keine Chance.“ damit war das wohl beschlossene Sache. Yuma würde Donnerstag so gegen Mittag bei Noel antanzen und am Abend würden sie beide zusammen ins Rodeo gehen.
    • Noch nie war Jay so dankbar für seinen besten Freund gewesen, wie in den letzten Tagen. Er hatte ihn kein einziges Mal mehr auf Noel angesprochen, seit dieser am Sonntag mit Mona ihre Wohnung verlassen hatte, und die Stimmung zwischen ihnen war wie immer. Abgesehen davon, dass sie sich sowieso relativ selten gesehen hatten, weil sie beide auf ihren Zimmern festsaßen um ihre Projekte fertigzustellen, für die sie nicht mehr viel Zeit hatten. Das kam Jayden nur zugute, so hatte er etwas weniger Zeit, über Noel nachzudenken, oder darüber, dass er seiner Schwester erzählt hatte, ihn zu mögen. Das war ihm eigentlich bloß rausgerutscht. Sie kannten sich doch kaum; sich zwei Mal zu treffen zählte noch nichtmal richtig als Bekanntschaft. Trotzdem ging er Jay kaum mehr aus dem Kopf und wenn er nicht zu konzentriert auf seine Arbeit war, dann dachte er nur darüber nach, ob sie sich im Rodeo sehen würden. Was auch immer Jay dann tun würde, denn er war sich immer noch nicht sicher, wie er mit der Sache umgehen sollte. Auch wenn er sich nicht mehr wirklich fragen musste, was er fühlte. Seit dem Beinahe-Kuss in seinem Zimmer war ihm klar, dass das alles nicht bloß ein oder zwei blöde Zufälle waren. Auch wenn es ihm bisher nicht aufgefallen war, war er eindeutig nicht hetero. Nicht ganz, jedenfalls.

      Das machte die Geschichte aber nicht klarer. Sie hatten sich auf etwas lockeres geeinigt, Jay hatte sogar mehrmals darauf bestanden, obwohl er selbst von sich wusste, dass er diesem Versprechen kaum standhalten konnte. Je öfter sie sich sahen, desto unwahrscheinlicher wurde es. Es war zwar durchaus möglich, Noel einfach wieder aus seinem Leben zu verbannen, aber er wollte es ganz einfach nicht. Er wollte ihn wiedersehen und er wollte noch einmal erleben was auch immer zur Hölle er vor ein paar Tagen in seinem Zimmer erlebt hatte, nur vielleicht ohne unterbrochen zu werden.
      So irritierend der Moment auch gewesen war… da er völlig ungewohnt war. Aber das hielt Jay nicht auf, mehr davon zu wollen. Nur, was dann? Wenn er akzeptierte, dass er doch mal mit Noel ausgehen wollte, ganz klassisch, dann brach er nicht nur ihre Abmachung sondern er würde sich Olivias Worte tatsächlich zu Herzen nehmen müssen. Aber es war nicht leicht, einfach auszublenden, was andere denken könnten. Und vor allem, was manche definitiv denken würden.
      Obwohl er natürlich… auch einfach keinem davon erzählen könnte. Fürs erste. Er wusste ja auch garnicht, ob das mit Noel funktionieren konnte, immerhin hatte er unglaubliche Stimmungsschwankungen und wer wusste schon, ob er das nächste Mal immernoch so warm lächeln würde und heiß auf ein Kaffee-Date war, oder ob wieder ein Dämon von ihm Besitz ergriff. Aber das sollte Jay sich vielleicht auch über sich selbst fragen. Er war sich noch nie so unsicher gewesen, was er wollte. Nicht, seit er sich für Architektur entschieden hatte.

      Das Rodeo war zumindest einer dieser Orte, an denen er nicht fürchten musste, irgendjemanden aus seinem Freundeskreis zu treffen. Zu wenig Party, zu viel gute Musik. Er war schon öfter alleine hergekommen, allerdings doch recht selten wieder alleine nachhause gegangen. Im Laufe des Abends traf er meistens irgendjemanden.
      Heute hielt er sich allerdings absichtlich von den Menschengruppierungen fern. Er stand mit einem Bier in der Hand alleine in einer Ecke der Bar und hörte den Bands und Sängerinnen zu, während er ein Auge auf den Eingang hatte. Er fühlte sich unglaublich bescheuert, wie er nur darauf wartete, dass Noel doch noch kam. Am Ende würde er hier bloß stundenlang stehen und dann depressiv alleine nachhause gehen. Aber sein Körper wollte sich einfach nicht von dem Fleck wegbewegen. Er hatte noch nicht einmal Theo begrüßt, obwohl dieser ihn irgendwie eingeladen hatte. Gut, wenn er Noel in den nächsten dreißig Minuten nicht sah, würde er sich einen Ruck geben und den Abend wie ein normaler Mensch genießen. Irgendwer würde ihm schon Gesellschaft leisten wollen, wenn er nicht mehr wie ein Psychopath in der Ecke stand.
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    • „Noel jetzt mach doch mal hin!“ brummte der Japaner sicher schon zum fünften Mal in der letzten halben Stunde. Eigentlich wollten sie schon längst los gegangen sein aber Noel konnte sich aufs verrecken nicht für ein Outfit entscheiden und dann saßen seine Haare einfach nicht und irgendwie passte heute gar nichts. Nicht das ihm sein Äußeres normalerweise so wichtig war, er hatte schließlich kein Problem damit mit Kunstblut überschüttet eine Studentenparty zu stürmen, aber das hier war was anderes! Seit Ende letzter Woche ging ihm Jayden einfach nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte sich wohl noch nie so sehr gefreut aus zu gehen und gleichzeitig hatte er echt Schiss.
      „Vielleicht war das doch eine ganz schlechte Idee…“ murmelte der Franzose als er aus dem Badezimmer kam. Die Haare in einem verwuschelten Out-of-Bed-Look, der gefährlich nach an den Haarstil erinnerte den seine Haare auch Sonntagmorgen hatten, als er mit Jayden gefrühstückt hatte. Der Rosaton hatte sich in den letzten Tagen nur noch mehr ausgewaschen und erinnerte nun noch ganz schwach an die Farbe die, die Strähnen eins hatten. „Sag schon…ich seh lächerlich aus.“ Noel wusste nicht, wann er das letzte mal so verunsichert gegenüber seinem äußeren Erscheinungsbild war, aber von der sonst leicht eingebildeten Art war gerade nicht viel zu sehen.
      „Du siehst heiß aus.“ grinste der Japaner seinen gegenüber an, warf ihm seinen Mantel zu und schnappte sich die Haustürschlüssel. „Jetzt komm, wenn wir so weiter machen schließt das Rodeo gleich.“ Noel verdrehte die Augen, sie hätten sicher noch genug Zeit gehabt…

      Der Weg zu der Bar war schnell zurück gelegt. Schon von außen konnte man die Musik hören, sie klar gut, wer auch immer dort spielte. Noel wäre am liebten wieder umgedreht. Was wäre wenn er und Jay ins Gespräch kamen? Was würde er sagen? Wie sollte er reagieren? Abermals fragte Noel sich, seit wann es ihm so wichtig war, was sein gegenüber von ihm dachte? Das war ihm bei den letzten bei Interaktionen mit Jayden auch egal gewesen. Was hatte sich denn jetzt bitte verändert? Okay er wusste genau was sich verändert hatte, dieser Beinah-Kuss hatte seine Gefühlswelt einwenig auf den Kopf gestellt, der Kuss und Yumas Worte…

      Noel hatte das Gefühl das alle ihn anstarrten als Yuma ihm die Tür aufhielt und er ins warme Innere der Bar trat. Es fühlt sich nicht an wie einer dieser Filmeinstellungen, wenn der gut aussehende Hauptcharaktere einen Raum betrat und alle Blicke auf ihn gerichtet waren, es war eher als hätte er in seiner damaligen Schulkantine ein Glas fallen gelassen und alle würde ihn anstarren, weil er eben der Idiot war, der das Glas kaputt gemacht hatte. In Wirklichkeit starrte ihn jedoch keiner an, auf jeden Fall keiner so offensichtlich, dass er es mitbekommen würde. Yumas Hand auf seiner Schulter schien ihn ein wenig zu beruhigen, auf jeden fall entspannten sich seine Schultern ein wenig. „Mach dir nicht so viele Gedanken, du siehst wirklich heiß aus.“ hauchte Yuma ihm leise ins Ohr. Das tat er wirklich. Die Stoffhose saß perfekt auf seiner Hüfte und schloss nach unten mit den Boots ab. Der Pullover war genau an den richtigen Stellen eng und locker um sowohl elegant auszusehen ohne jedoch ihn zu sehr von der breiten Masse in der Bar abzuheben. Trotz der schwummrigen Lichtverhältnisse hatte man den Eindruck, seine Augen würden hinter den Mauern aus kalten Eis strahlen. Je mehr die Worte in seinen Verstand dringen, desto klarer schien er sich dessen Bedeutung zu sein und desto mehr glaubte er dran. Er sah wirklich gut aus und er sollte so langsam auch anfangen sich dem Wissen nach zu benehmen. Wenn man kein Selbstbewusstsein sein hatte, konnte man das beste Outfit überhaupt anhaben und es wirkte trotzdem falsch an einem wirken.

      Noel folge dem Japaner zu einem freien Tisch, dort zogen sie ihre Jacken aus und hingen sie locker über die Stuhllehnen. Die Band die gerade gespielt hatte, verabschiedete sich und die nächsten Newcomer wurden angekündigt.
    • Jay hatte fast aufgegeben. Und jetzt wünschte er sich, dass er es getan hätte. Als Noel reinkam, war er sich sicher, zukünftig einen Herzschrittmacher zu brauchen, und schlimmer wurde es, als er sah, dass der Typ, der ihm die Tür aufgehalten hatte, nicht nur zufällig dort gestanden hatte. Er hatte seinen Arm um Noel gelegt und flüsterte ihm irgendetwas ins Ohr. Von einem aussetzenden Schlag ging sein Herz plötzlich in völlige Totenstille über. Irgendetwas stimmte da doch nicht, oder? Wenn Noel wusste, dass er heute auch hier war, wieso würde er dann mit einem Date kommen?!

      Eine kleine Panikwelle breitete sich in Jay aus, die ihn dazu verleitete, sich schnell auf einen nahegelegenen Sessel zu setzen, um ein wenig hinter der Menschenmasse unterzugehen. Er brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. Er fühlte sich unglaublich dumm. Vermutlich hatte Noel einfach vergessen, dass er auch hier war. Wer wusste schon, mit vielen Menschen er gleichzeitig ausging?? Sie hatten sich auf etwas Lockeres geeinigt und es war nur fair, sich an die Abmachung zu halten. Wieso war Jay sich eigentlich so sicher gewesen, dass Noel vielleicht doch mehr von ihm wollte, als Gelegenheitssex?
      Er rutschte tiefer in seinen Sessel. Die Kraft wich ihm völlig aus dem Körper. Er hatte keinen Grund, so enttäuscht zu sein, und trotzdem war er es. Warum hatte er sich auf den Schwachsinn nur eingelassen? Am liebsten würde er mit dem Kopf durch die nächste Wand laufen. Aber vermutlich sollte er dankbar für dieses Gefühl sein. Er würde die Sache beenden, sobald er konnte. Ganz offensichtlich war er nicht für sowas geeignet. Wenn er dafür noch einen Beweis gebraucht hatte, dann war er das. Und auch wenn er irgendwie vorgehabt hatte, die lockere Sache ein kleines bisschen fester zu schrauben, würde Noel ihm da wohl kaum zustimmen, und er wollte ihn auch definitiv nicht überreden, seine anderen Beziehungen loszuwerden. Urgh, eine kleine Vorwarnung wäre aber nett gewesen. Obwohl Jay ja auch nicht deklariert hatte, mit niemand anderem mehr zu schlafen. Ehrlicherweise hatte er darüber garnicht nachgedacht… Es war wohl normal, dass Noel davon ausgegangen war, dass er damit einverstanden wäre. Was er ja auch sein sollte, aber es tat trotzdem erschreckend weh. So viel dazu, dass zwei Treffen kaum eine Bekanntschaft ausmachten.

      Ihm war jedenfalls nicht danach, noch länger hier zu bleiben. Irgendwie musste er sich an den beiden vorbei schleichen…
      Er kippte den Rest seines Biers runter, stellte die Flasche auf den nächstgelegenen Tisch und schlängelte sich durch die Menschenmenge zum Ausgang.
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    • Noels Blick schweifte durch den Raum, er sah einige bekannte Gesichter aus seiner Schulzeit, irgendwo nahe der Bühne stand Theo in einem auffälligen dunkelroten Blazer, den man sicher noch vom Ende der Bar schimmern sehen würde, und rede mit irgendwem den er auch schon mal gesehen hatte. Vincent stand hinter der Bar, was kein Wunder war, denn ihm gehörte der Laden und dann blieb plötzlich kurz sein Atem stehen. Er hatte nur ganz kurz Jaydens Gesicht gesehen aber er war sich zu einhundert Prozent sicher, dass er es war und wo er gerade hin war. Shit das war doch alles so nicht geplant! Eigentlich wollte er sich erst ein wenig Mut antrinken, bevor er Yuma dann - selbstverständlich geplant - irgendwann alleine ließ und sich zu Jayden setzte. Wenn er jedoch nicht wollte, dass der komplette Abend samt Vorbereitung den Bach runter ging, musste er das mit dem Mut antrinken auf später verschieben.

      „Pass mal bitte auf die Jacken auf.“ meinte er schnell zu dem Japaner, welcher ihm etwas verdutzt hinterher schaute, bevor er schon fast etwas zu hektisch aufgestanden war und Jay folgte. Obwohl folgen wohl das falsche Wort war, er nahm schließlich nur eine ähnliche Route jedoch mit dem selben Ziel - die Eingangstür.

      Vielleicht hätte er sich auf dem Weg irgendeine cool klingende Begrüßung einfallen lassen, das Holz fiel hinter ihm ins Schloss. „Du willst schon gehen?“ fragte er hoffentlich so wenig außer Atmen wie möglich. Außerdem hoffte er, dass der jüngere seinen Herzschlag nicht hörte, das war doch alles zum kotzen! Seit wann war er denn bitte so drauf? „Ich dachte, ich könnte dir noch einen Drink ausgeben.“ einen besseren Spruch hätte er sich wohl definitiv nicht ausdenken können, er behauptete doch immer so kreativ zu sein! Naja damit musste er jetzt wohl arbeiten. Vielleicht haute Jayden ihm auch einfach eine rein, dann wäre egal was er als nächstes sagte, wahrscheinlich war das sogar einer der angenehmsten Möglichkeiten in diesem Moment.
    • Irritierend blieb Jay stehen, als Noel ihm auf einmal den Weg abschnitt. Er klang ein wenig verzweifelt. Jay runzelte die Stirn und sah über Noels Schulter hinweg, ob er den Japaner, mit dem er angekommen war, noch irgendwo sehen konnte, aber er war verschwunden. Seltsam.
      „Du hast also Zeit gefunden, herzukommen“, sagte er an Noel gerichtet und lächelte leicht, unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte. Es wirkte nicht so, als hätte Noel ihn vergessen oder kein Interesse daran, den Abend mit ihm zu verbringen, aber…

      „Ähm… das klingt wirklich verlockend, aber ich bin nicht so…“ Er sah sich erneut nach dem Japaner um. „… interessiert an einem Dreier. Ich glaub das ist noch über meiner Liga“ Er blinzelte Noel an. Er wollte nicht allzu ablehnend klingen, aber gleichzeitig versuchte er sich selbst durchzuringen, eine Art Schlussstrich zu ziehen. Er hatte schon genug Probleme damit, sich damit abzufinden, mit einem einzelnen Mann etwas anzufangen, aber zwei waren dann ein bisschen übertrieben und aus seiner Perspektive irgendwie nicht mehr vertretbar. Er konnte sich allerdings nichts anderes vorstellen, das Noel gerade von ihm wollte. Wieso wollte er ihm sonst etwas zu Trinken ausgeben, wenn er mit jemand anderem hier war? Das war zwar fast ein wenig erleichternd, nachdem er gedacht hatte, Noel hätte ihn vergessen, aber es war auch definitiv nicht, was er gewollt hatte.

      „Ich muss sowieso noch an meinem Projekt arbeiten, also… Wir sehen uns dann“ Vermutlich nicht. Bei dem Gedanken sank Jays Herz erneut. Es war ein Wunder, dass er diese Worte so neutral und glaubwürdig hatte aussprechen können.
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    • Jayden schein verunsichert. Verunsicherte er den Studenten? War es nicht irgendwie geplant, dass sie sich hier sehen würden? Klar, Noel hatte nicht konkret zugestimmt aber trotzdem. „Du hattest gesagt, du würdest heute hier sein…es klang so als würdest du dich freuen wenn wir uns hier treffen.“ nun war Noel auch verunsichert. Das anfängliche Hochgefühl von Yumas Kompliment eben war wieder so gut wie weg und er konnte sich innerlich nur Ohrfeigen. Da traf er zwei mal diesen jungen Mann und beim dritten mal wusste er nicht wie er sich benehmen sollte, das war wirklich zum heulen. So viel Unterschied zu den anderen beiden Malen gab es doch nicht, außer dass Noel genau wusste, dass er Jayden heute treffen würde.

      Als Jayden dann jedoch durchschimmern ließ warum er so verunsichert war und vor allem warum er anscheinend die Bar so schnell verlassen hatte stockte Noel kurz er atmen. „Wie kommst du…“ fing er an, bis es ihm dämmerte wie Jayden wohl auf die Idee mit dem Dreier kam. „Oh Gott…nein! Wie kommst du denn darauf?“ fragte er ein wenig geschockt und lachte dann etwas peinlich gerührt auf. Das zwischen ihm und Yuma war vorbei und auch wenn der Japaner unweigerlich attraktiv war - immerhin waren sie mal in einer Beziehung und das hätte schließlich nicht funktioniert wenn er Yuma nicht attraktiv gefunden hätte - Noel war definitiv nicht er Typ für Dreier. „Yuma und ich sind nur Freunde.“ beteuerte er. „Er ist nur mitgekommen, damit…“ der Franzose stockte kurz. Sollte er Jay die Wahrheit erzählen? Sollte er Jay wirklich erzählen warum Yuma heute Abend mit in die Bar gekommen war? Eigentlich konnte es ja nicht noch unangenehmer werden wenn er ehrlich zu sich selbst war. „Er wollte sicherstellen, dass ich auch wirklich reingehe und nicht kurz vor der Bar einen Rückzieher mache.“ murmelte er etwas leiser. „Das hier ist echt nicht so mein Ding, zu viele Menschen und so.“ winkte er schnell ab. Und trotzdem war er heute Abend hier, weil Jayden hier war und er ihn seit Sonntag nicht mehr aus seinem blöden Kopf bekam und weil er nicht wusste wann sie sich das nächste mal ungeplant über den Weg liefen.

      „Aber wenn du keine Zeit hast will ich dich nicht aufhalten, außer du hast noch kurz Zeit für einen Drink.“ fragte er sanft lächelnd. Er musste so langsam echt zu sehen das er sein Selbstvertrauen zurück zu bekommen, das konnte sich ja keiner mit anschauen! Er war hier, Jayden war - hoffentlich noch - hier und nach der anfänglichen Peinlichkeit könnte es eigentlich noch ein echt schöner Abend werden, geschweige denn Jay blieb. Wenn nicht würde er wahrscheinlich ein paar Shots kippen und irgendwann wieder alleine nachhause gehen…wenn er das nicht auch schon ohne die Shots tat.
    • Jay blieb der Mund offen stehen. Ah… Freunde also. Einerseits hätte er die Option vielleicht in Betracht ziehen sollen, andererseits hatte das eben wirklich alles andere als freundschaftlich ausgesehen. Er hatte wirklich keinen Grund, Noel zu glauben, aber… er wirkte enttäuscht, dass er gehen wollte. Und irgendwie reichte das Jay gerade völlig.
      Nur musste er kurz über diese peinliche Situation hinweg kommen. „Ah… okay. Tut mir leid, es hat irgendwie… danach ausgesehen, als wäre es mehr, als das“, versuchte er zu erklären und legte sich die Hand kurz verlegen in den Nacken. Er konnte nicht anders, als mit den Augen den Raum erneut nach dem Mann abzuscannen, der anscheinend Noels Freund war. Aber dann riss er sich zusammen.

      „Okay, also, ein Drink ist wohl kein Problem“, versuchte er etwas lockerer rüberzubringen und lächelte, bevor er sich den Weg an die Bar frei kämpfte und immer wieder über die Schulter sah, um sicherzugehen, dass Noel ihm folgte. Es war unmöglich, noch einen Platz zu ergattern, also konnten sie sich bloß anstellen, um Getränke zu bestellen und sich nachher einen freien Quadratmeter suchen, wo sie sich bestenfalls an der Wand anlehnen konnten. Das war hier aber wirklich nichts Neues, gute Musik lockte eben die Menschenmassen an. Somit sollte es ihn wohl nicht wundern, dass Noel etwas Motivation von Außen gebraucht hatte, um herzukommen.

      „Meintest du nicht, du bist öfter hier?“, fragte Jay an der Bar, in Noels Richtung gelehnt, damit er ihn bei der Lautstärke ihrer Umgebung auch hören konnte. „Wie hältst du das sonst aus? Die Massen hier sind sogar mir fast zu viel“, schmunzelte er. Es gab immernoch einen Unterschied zwischen riesigen Partys und winzigen Clubs oder Bars, in denen etwa dieselbe Anzahl an Menschen waren aber auf weitaus engerem Raum. Jay mochte es eigentlich, Luft zum Atmen zu haben. Aber er ertrug es auch so, wenn es sein musste. Nur wunderte es ihn jetzt doch ein wenig, dass Noel freiwillig an so einen Ort kam.
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