Das Biest in dir... [Shio & Nimue]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Ian

      Immer noch schauten mich meine Mitschüler an als würde ich von einem anderen Planteten kommen. Gut es war auch gerade einmal Tag 2 meiner Schulzeit, doch irgendwie sollte es langsam gut sein. Ich mein ich will hier einfach nur meine Ruhe haben und lernen und kein Aufsehen erregen.
      Wenig später kam Annalena in den Raum und mein Blick kreuzte sich mit ihrem. Ob sie gestern gut nach Hause gekommen war und ob sie Ärger bekommen hatte? Ich nickte ihr leicht zu und wandte mich wieder ab von ihr. Schließlich wollte ich nicht das irgendwelche Gerüchte entstehen.

      Mathe... Mathe war so langweilig für mich, da ich vieles einfach schon wusste, doch die zwei Stunden gingen für mich nicht um. Immer wieder ging mein Blick auf die Uhr im Klassenzimmer. Ich dachte auch zwischen durch an den Brief, der in meinem Spind war, doch bisher kam ich immer noch nicht auf eine Lösung. Ich spielte mit dem Stift in meiner Hand und versuchte den Unterricht irgendwie zu folgen.
      Ich war heilfroh wo endlich diese Glocke klingelte. Schnell packte ich meine Sachen in die Tasche und verließ den Raum.
      Ob ich Annalena aus dem Weg gehen wollte, möglich. Ich weiß nicht, seitdem wir gestern diese Tour durch Forks gemacht haben, fühlt sich ihre Gegenwart irgendwie anders an, als vorher.
      Ich machte mich also auf um die Pause in der Sonne zu verbringen und dort mein Essen zu vertilgen.
      Der Start in den Tag lief ja alles andere als super. Erst der halbstarke Idiot, der dachte er wäre der Beste und dann dieser Brief.. und Annalena.. Mist. Mir brummte plötzlich der Kopf. Tief durchatmen, redete ich mir ein. Ruhig bleiben und diese Sachen nicht zu sehr annehmen.
      Stress war mein Endgegner, genau wie unangenehme Dinge, die ich nicht vermeiden konnte. Ich fasste mich wieder, trank einen Schluck von meinem Wasser und aß brav weiter.
      In der Ferne konnte ich sie wieder ausmachen, ich hoffte inständig das sie mich nicht suchte. Ich blieb ganz cool und lässig hier sitzen und lies mir nichts anmerken.
    • Annalena

      Nach meinem kleinen Ausbruch schien Logan wieder halbwegs besänftigt, zumindest so lange, bis Tessa auftauchte. Kaum stand sie in der Tür, veränderte sich seine ganze Haltung plötzlich war da dieses weiche Lächeln, das ich an meinem Cousin nur kannte, wenn sie in der Nähe war. Ich konnte gar nicht anders, als schmunzelnd die Augen zu rollen, als sie sich kurz zur Begrüßung küssten, bevor er in Richtung seines Unterrichts verschwand. Tessa drehte sich sofort zu mir um, schob sich die blonde Strähne aus dem Gesicht und grinste wissend. "Na, wieder aus dem Bett gepurzelt? Oder wer hat dir heute Morgen den Kaffee versalzen?" fragte sie beiläufig. Der Flur roch nach Reinigungsmittel und Kreidestaub, und irgendwo weiter hinten lachte jemand übertrieben laut. Alles wirkte so normal, dass ich fast vergessen hätte, wie aufgewühlt ich noch vor einer Stunde gewesen war. "Lake. Dann der Zimmerboden und zuletzt dein Möchtegern-Romeo. In dieser Reihenfolge.“ Die Blondine nickte gespielt ruhig. "Oha, ein Hauptgewinn im Mieser-Morgen-Bingo. Glückwunsch." Ich verdrehte nur die Augen, packte meine Unterlagen zusammen und folgte ihr aus dem Raum.
      Auf dem Weg zu meinen Platz fiel mein Blick flüchtig durch den Raum und blieb an Ian hängen. Er saß ein Stück weiter hinten, neben dem Fenster, das blasses Licht auf seine Schultern warf. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke... kurz, fast ungewollt.... Etwas in seiner Miene veränderte sich, kaum merklich, bevor er sich abrupt abwandte. Ich blieb kurz stehen, spürte, wie sich meine Brust eng zusammenzog. Also doch- Distanz. Vielleicht war das genau das, was Logan gemeint hatte. Und vielleicht sollte ich froh sein, dass Ian den Anfang machte. Die Mathe-Stunde danach war reine Routine. Zahlen, Formeln, endloses Gerede. Ich schrieb mechanisch mit, ohne wirklich etwas aufzunehmen. Mein Kopf war längst woanders.

      Erst die Pausenglocke holte mich wieder ins Jetzt. Ich ließ den Stift fallen, als hätte er mich verbrannt, und folgte Tessa hinaus auf den Hof. Die Sonne schien schwach, aber angenehm, und wir setzten uns auf die niedrige Mauer vor der Aula. Während sie ihr Pausenbrot auspackte, sortierte ich ein paar Unterlagen für die Schülerkonferenz, als stellvertretende Schülersprecherin musste ich schließlich mithelfen, den Überblick zu behalten. "Wir sollten für nächste Woche noch den Ablauf der für den Spendenlauf festlegen." meinte sie zwischen zwei Bissen. Ich nickte nur halb, zwang mich, bei der Sache zu bleiben. Jetzt bloß kein Ablenkungen und keine blöden Tagträume. Doch kaum wanderte mein Blick über den Hof, blieb er wieder an Ian hängen.
      Allein, halb im Schatten, als würde er sich absichtlich von allem fernhalten. Ich sah schnell weg, noch bevor sich unsere Blicke wieder treffen konnten. Ein leises Seufzen entwich mir. "Also gut." murmelte ich mehr zu mir selbst. "Zeit, sich auf mein Leben zu konzentrieren. Wer nicht will, der hat schon." Ein kalter Stich zog sich durch meine Brust, der mir lächerlich vor kam. "Was hast du gesagt?" fragte Tessa und hob den Kopf. "Nichts Wichtiges. Nur Lake-Nachwirkungen." Sie grinste. "Aha Lake oder doch jemand anderes?" Ich verdrehte die Augen. "Sehr witzig." In dem Moment tauchte Logan auf, mit seinem typischen Grinsen, das man gleichzeitig hauen und mögen wollte.
      "Na, meine zwei Lieblings-Schulheldinnen." begrüßte er uns und ließ sich neben Tessa nieder. "Du meinst wohl, deine zwei Arbeitstiere." konterte ich trocken.
      "Hey, jemand muss ja den kreativen Part übernehmen." gab er unschuldig zurück. "Kreativ? Du meinst das Chaos, das du Redaktion nennst?" warf Tessa ein, worauf er sie spielerisch kniff. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Für einen Moment fühlte sich alles so leicht an ...vertraut, wie früher, bevor alles in mir durcheinandergeraten war. Aber das ließ ich mir nicht anmerken. Ich schlug mein Notizbuch auf und sah zu den beiden. "So. Wer schreibt eigentlich das Protokoll fürs nächste Meeting? Ich hoffe, auf Freieillige - ...Logan?!" Er stöhnte gespielt auf, Tessa lachte und für ein paar Minuten war die Welt wieder ganz normal. Oder zumindest so normal, wie sie für mich je sein würde.

      Der Nachmittag brachte das übliche Schülerratstreffen - kurz, laut, chaotisch. Logan führte das Ganze wie immer halb charmant, halb diktatorisch, während Tessa und ich versuchten, Struktur in seine spontanen Ideen zu bringen. Budget, Schulball, Clubthemen .... alles in unter einer Stunde. Als wir endlich fertig waren, atmete ich erleichtert auf. "Ich schwöre, noch ein Tagesordnungspunkt und ich beantrage offiziell Überstundenvergütung." Logan grinste nur. "Träum weiter, Ann." Draußen hatte leichter Regen eingesetzt. Tessa spannte ihren Schirm auf, und wir gingen nebeneinander über den Hof. Der Geruch von nasser Erde hing in der Luft- Petrichor, typisch Forks. "Wieder ein ganz normaler Tag." sagte sie leise. "Wenn man’s genau nimmt, fast zu normal." erwiderte ich und zog mir die Kapuze über. Wir verabschiedeten uns am Parkplatz. Ich sah ihr nach, wie sie Richtung Stadtzentrum ging, bevor ich selbst den schmalen Pfad durch den Park nahm. Der Regen prasselte gleichmäßig auf meine Schultern, und irgendwo zwischen diesem gleichförmigen Geräusch und dem Duft von nasser Rinde wurde mir klar: Ich konnte nicht ewig zwischen Verdrängen und Neugier balancieren. Aber fürs Erste würde es reichen. Wer nicht will, der hat schon.
    • Ian

      Ich mied sie wirklich. Den ganzen Tag über mied ich Annalena so gut ich eben konnte. Auch sie würdigte mir keinen einzigen Blick. Okay, das hätte ich jetzt nicht gedacht, da ich sie ja gentlemanlike fast nach Hause begleitet habe. Gut mit einem kleinen Bonus der mir Forks etwas näher brachte.
      Irgendwie verunsicherte es mich doch ein wenig das sie mich ebenfalls ignorierte. Nach der Schule ging ich zum Fußballtraining.
      Als neuer "Angreifer" ersetzte ich einen Schüler, der für die Position nicht ganz so gut war und eher ein Mittelfeldspieler ist.
      Natürlich war ich einigen vernichtenden Blicken ausgesetzt, doch der Trainer hatte das Sagen und nicht ich. Langsam frage ich mich wo mich meine Mutter hingesteckt hat. Waren hier alle Fremden so argwöhnisch? Das werde ich wohl noch herausfinden.
      Das Training verlief gut und ich konnte dem Trainer zeigen was ihn mir steckte. Ein paar Jungs waren trotzdem angetan von mir und lobten meine Leistung.
      Am Ende das Trainings pfiff der Trainer uns alle zusammen. "So ihr wisst nächste Woche ist das erste Spiel der Season, nach der Sommerpause, also legt euch ins Zeug. Ihr habt jetzt einen sehr guten Mitspieler. Heißt ihn herzlich willkommen und nimmt ihn in eure Gruppe auf. Und jetzt Abmarsch in die Dusche!"
      Und wie ich aufgenommen wurde... Sobald wir in die Umkleide gegangen sind, haben sich die Jungs die mich vorhin so angeschaut haben gleich an die Spinde gedrückt. Der eine drückte seinen Arm ganz schön doll an meinen Hals. Irgendwie kamen mir seinen Gesichtszüge bekannt vor. Na klar.. Wie ein Geistesblitz kam es. Er ist der Bruder von dem Typen der mich heute morgen schon in die Mangel genommen hat. Großartig noch so ein Möchtegern Schläger. "Na fehlen dir die Worte?" Einer schlug mir direkt in die Magengrube, das ich kurz zusammenzuckte. Doch ich blieb standhaft. Sie konnten froh sein das ich ihnen nicht meine volle Kraft zeige. Dann blieb nichts mehr von ihnen über. Also hielt ich ihren Schlägen stand. Sie lachten mich aus. Die anderen haben sich schon aus den Staub gemacht. Sicherlich wollten sie sich nicht noch einmischen und selbst Prügel einstecken. "Hier hast du dein Willkommensgeschenk." Er gab mir noch einen Tritt und ich sackte zusammen. Lachend gingen sie von mir weg. Ich versuchte auf die Beine zu kommen und nahm nur meine Sachen aus dem Spind und wackelte mit schmerzverzerrten Gesicht nach Draußen. Es fing noch an zu regnen. "Mist.." Jetzt musste ich den kürzesten Weg nach Hause finden, ohne nochmal diesen Deppen über den Weg zu laufen.
      Ich folgte einen schmalen Pfad und brach zwischendurch doch immer wieder zusammen und stöhnte laut vor Schmerzen auf.
    • Annalena

      Ich hatte den Pfad fast zur Hälfte hinter mir, als sich etwas in der Ferne bewegte. Eine Gestalt, kaum erkennbar im Regen, zwischen den Bäumen am Wegrand.
      Mein Herz setzte für einen Moment aus. Reflexartig spannte ich die Schultern an, tastete nach meinem Schlüsselbund in der Jackentasche, ein lächerlicher Versuch, mich bewaffnet zu fühlen. Forks war sicher. Meistens. Trotzdem hatte ich in letzter Zeit gelernt, dass das Gefühl trügerisch sein konnte. Der Regen prasselte lauter, verschluckte jedes Geräusch. Ich blieb stehen, das Adrenalin schoss mir in die Finger. Erst als die Gestalt ins Licht einer Laterne trat, erkannte ich ihn. Ian.
      Ich blinzelte, überrascht. Seine Kapuze hing schief, das T-Shirt darunter war durchnässt, und sein Gang wirkte seltsam unsicher – fast, als würde jeder Schritt ihn Überwindung kosten. Alle Alarmbereitschaft wich einer ganz anderen Art von Unruhe. Ich wollte eigentlich einfach weitergehen. Wirklich. Ich hatte genug Warnungen gehört, genug eigene Vorsätze aufgestellt. Abstand halten. Keine dummen Gedanken. Kein Mitgefühl. Und doch hatte ich mich längst entschieden. Ich bewegte mich wie von selbst auf ihn zu. "Ian?" Meine Stimme klang leiser, als ich wollte. Das Licht fiel auf seine Wange
      ... ein dunkler Schatten, der verdächtig nach einem Bluterguss aussah.
      Vor Schreck sog ich scharf die Luft ein. "Was ist passiert? Du siehst aus, als wärst du unter eine Abrissbirne geraten." Ich stemmte die Hand in die Hüfte. "Also schön, dann rate ich: Du hast das Fußballtraining ein bisschen zu ernst genommen?" Mein Versuch, die Stimmung aufzulockern, verpuffte im Regen. Doch für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, ein schiefes, gequältes Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. Verdammt! Ein flüchtiger Anblick, Grund genug einen dummen Fehler zu begehen. "Komm, du erfrierst da gleich." sagte ich und hielt ihm den Schirm hin. "Und bevor du protestierst - ja, ich weiß, du brauchst wahrscheinlich keine Hilfe von einen Mädchen. Aber ich bin gerade in Spendierlaune, also halt still." Ich rückte näher, sodass der Schirm wenigstens halb über ihn reichte. Der Abstand zwischen uns war plötzlich viel kleiner, als mir lieb war. Ich konnte den Regen auf seiner Haut riechen, gemischt mit etwas Metallischem, das eindeutig kein Parfüm war. "....Du solltest das kühlen." murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. "Sonst sieht das morgen schlimmer aus." Ich merkte, wie sich mein Magen verkrampfte – zwischen Sorge, Ärger und dieser dummen, schwer zu erklärenden Schwäche, die ich in seiner Nähe immer bekam. Ich konnte die Stimmen von Logan und Lake bereits im Chor fragen hören: "Warum lässt du ihn nicht einfach stehen, Ann?" ... - Weil ich es einfach nicht über mein Herz bringen konnte. Deshalb.
      Wir gingen schweigend nebeneinander her. Der Regen trommelte gleichmäßig auf den Schirm, und das leise Rascheln seiner Schritte neben meinen klang fast beruhigend. Fast. Erst als wir an der Straßenecke ankamen, wo sich unsere Wege gestern Abend getrennt hatten, blieb ich stehen. Ich stand da, den Schirm fest in der Hand, das Herz seltsam schwer. Vorsicht, hatte Logan gesagt. Aber was, wenn das, was mir wirklich gefährlich werden konnte, gar nichts mit Ian zu tun hatte ...sondern mit mir selbst? "Ähm... Schaffst du's allein nach Hause?" Fragte ich vorsichtig, doch ehe ich mich überwunden hatte die Worte auszusprechen, hatte ich schon Angst vor der Antwort.
    • Ian

      Was für Mistkerle.. Ich konnte es einfach immer noch nicht glauben, das ich so sehr verachtet werde.
      Eines Tages werden diese Kerle es zu spüren bekommen. Doch jetzt musste ich zusehen das ich nach Hause komme.
      Ich versuchte mich aufzurappeln doch es klappte nicht so ganz. Immer wieder knickte ich weg. Ich hielt es nicht mehr aus und blieb stehen. In der Ferne vernahm ich eine Stimme und blickte auf. Doch die Gestalt war durch den Regen und meinen Schmerzen komplett verschwommen. Ich versuchte meine Blick klar werden zu lassen und konnte erkennen das Annalena vor mir hockte und ihren Schirm ein Stück über mich zog. Sie redete mit mir, doch es kam mir alles so vor als würde ich Watte in den Ohren haben.
      Ich versuchte mich zu sammeln, schüttelte meinen Kopf sachte. "Ich bin beim Kaugummikauen gestolpert." Jetzt entwich mir doch ein leichtes Lächeln.
      Warum ich ihr nicht Wahrheit sagte lag einfach daran das ich sie nicht unnötig mit meinen Problemen belasten wollte. Und ihr Blick sprach eindeutig Bände. Er war voller Sorge.. Auch wenn wir uns den ganzen Tag aus dem Weg gegangen sind.
      Ihre Nähe verunsicherte mich nun ein wenig. Ich wusste nicht woran es lag.. Doch irgendwas hatte sie an sich und ich war zu neugierig um das herauszufinden. Sie schien ebenfalls auf dem Heimweg gewesen zu sein und ich war froh das sie mich gefunden hat. Ob es Zufall oder Schicksal war?
      Langsam rappelte ich mich wieder hoch und folgte Annalena. Wir hielten an dem Punkt an wo sie gestern Abend in die Dunkelheit verschwand.
      "Mir wäre es schon lieber du würdest mich mit nach Hause begleiten, da ich nicht weiß wie weit ich es noch schaffen werde, ohne erneut vor Schmerzen zusammen zuklappen."
      Ich sah es ihr an wie sie zögerte. Doch aufdrängen wollte ich mich nicht. "Wenn es dir keine Umstände macht.."
    • Annalena

      Ich hätte ihn einfach stehen lassen sollen. Das sagte zumindest der vernünftige Teil in mir, der leise, aber eindringlich an Logans Worte erinnerte: Vorsicht, Ann. Doch der Anblick, wie Ian sich mühsam auf den Beinen hielt, blass und klatschnass, ließ diesen Teil in mir verstummen. Ich konnte einfach nicht gehen. Also blieb ich. Hielt den Schirm über uns beide, während der Regen in dichten Fäden an uns vorbeizog, und nickte schließlich, als er darum bat, ihn nach Hause zu begleiten. "Schon gut. Dann zeig mir mal wo dein Haus ist." murmelte ich, bemüht, es kühler klingen zu lassen, als ich es meinte.
      Wir gingen langsam, Schritt für Schritt. Seine Bewegungen waren stockend, jeder Atemzug schien ihn Überwindung zu kosten. Ich hielt unauffällig den Arm etwas näher an ihn, bereit, ihn zu stützen, wenn er erneut das Gleichgewicht verlor.
      In meinem Kopf ratterte es. Ich konnte mir denken, was passiert war. Forks war klein, zu klein, um Neuem mit Offenheit zu begegnen. Menschen wie Ian, die irirgendwie "etwas anders" wirkten, hatten es hier nie leicht. Aber dass es so weit gehen würde… das hätte ich nicht gedacht. Ich kannte die Sprüche, die Blicke ...aber Gewalt? Das war eine andere Grenze. Eine, die selbst Forks selten überschritt.

      Sein Haus lag etwas abseits, am Rand der alten Straße, halb verdeckt von dichten Bäumen. Als wir die Veranda erreichten, fiel mein Blick auf die Umzugskartons im Flur. Stapelweise, unsortiert, als hätte jemand einfach mitten im Auspacken aufgehört. Für einen Moment musste ich an das Zimmer in Lakes Villa denken, das ich nie richtig bezogen hatte noch immer fremd, noch immer wie ein Provisorium. Seltsam, dass mich sein Chaos daran erinnerte. "Du solltest dich langsam setzen." sagte ich leise. Ich stellte den Schirm ab, zog meine Jacke aus und kniete mich vor ihn. Das Licht der kleinen Stehlampe war warm, aber schwach, warf Schatten über seine Gesichtszüge. Erst da sah ich das Ausmaß der Verletzungen richtig die Schrammen an den Händen, der blaue Fleck, der sich über seine Wange zog, das leicht aufgerissene Hemd. Ich atmete durch. Konzentrier dich, Ann. Helfen. Nur helfen.
      Ich suchte nach einem sauberen Tuch, fand eines auf einem der Kartons, befeuchtete es mit Wasser und wischte vorsichtig über eine Schramme an seinem Arm. Als er kaum merklich zuckte, hielten meine Finger kurz inne. "Tut mir leid." flüsterte ich. Vielleicht war ich zu aufdringlich doch jetzt hatten wir den Punkt lang überschritten dass ich einfach gehen konnte. Unsere Hände berührten sich, nur für einen Moment, aber es war, als würde die Luft zwischen uns dicker werden. Ich zwang mich, den Blick wieder auf seine Verletzungen zu richten. Doch in meinem Inneren regte sich etwas - dieses leise, unwillkommene Ziehen, das ich schon den ganzen Tag verdrängt hatte.
      Ich konnte spüren, wie er mich beobachtete, während ich mich um seine Wunden kümmerte. Und ich wollte nicht wissen, was in seinen Gedanken vorging, weil meine eigenen schon unruhig genug waren. Ich räusperte mich schließlich, stellte die Flasche zur Seite und sah ihn direkt an. "Willst du mir jetzt sagen, was wirklich passiert ist?" Ein kurzer Moment Stille. Nur das Ticken der Wanduhr und der Regen draußen, der leise gegen die Scheibe klopfte. "Ich hab dir die Wunde versorgt, also erspar mir bitte das Kaugummi-Märchen. Du musst niemanden schützen, schon gar nicht die, die das getan haben." Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. In Wahrheit zitterten mir die Finger. Nicht nur vor Wut, sondern auch, weil ich spürte, dass dieser Moment mehr bedeutete, als ich zugeben wollte. Er sah mich an - und für einen Augenblick war alles still. Kein Regen, kein Schmerz, kein Forks. Nur dieses leise, gefährliche Gefühl, dass ich gerade dabei war, mich in etwas zu verstricken, aus dem es kein einfaches Zurück geben würde. Und trotzdem blieb ich.
    • Ian

      Ich war echt überrascht das sie mich doch nach Hause begleitet. Nach gestern war ich mir da nicht mehr so sicher..
      Ich zeigte ihr den Weg zu meinem derzeitigen Wohnhaus und ätzte bei jedem Schritt. Mir tat echt alles weh, doch ich durfte den Schmerz nicht gewinnen lassen.
      Ich kramte an der Tür meinen Schlüssel aus meiner Tasche und schloss auf. Ich bat Annalena hinein und lies mich auf ihre Bitte hin auf meinem Sofa vorsichtig fallen. Ich folgte ihr mit meinem Blick und auch als sie sich um meine Verletzung am Arm kümmerte. Ihre sanfte Berührung lies mich nicht kalt. Innerlich spürte ich es wieder, dieses Gefühl. Doch ich konnte es nicht zuordnen, aber es war schön.
      Ihre plötzliche Frage brachte mich wieder ins hier und jetzt zurück.
      Ich biss mir auf die Unterlippe und sah sie erneuert an. Ihre blauen Augen schauten tief in mein Innerstes. In mir stieg der Hunger.. Der Hunger nach mehr. Meine braunen Augen verdunkelten sich für einem Moment. Ich musste dieses Gefühl verdrängen. Mein Blick ging auf die versorgte Wunde. Ich zog sanft meinem Arm weg und setzte mich bequemer auf das Sofa.
      Blickkontakt versuchte ich zu vermeiden, da ich mich sonst nicht beherrschen konnte. Ihre Anwesenheit, ihr Geruch, ihre Schönheit.. Das war alles zu viel für mich.
      Ich brauchte etwas mehr Abstand, also stand ich vorsichtig auf und ging in die angrenzende Küche und holte uns etwas zu trinken. Ich reichte ihr eine Flasche mit Limo. "Hier du musst sicher durstig sein."
      Ich trank einen Schluck und kramte anschließend in der Kommode nach Schmerzmitteln. Gott sei dank hat mir meine Mutter vieles mitgegeben. Ich zog einen Blister heraus und drückte mir eine Tablette heraus und schluckte sie mit etwas Limo herunter.
      "Du willst wissen was passiert ist? Nun ich habe ein Willkommensgeschenk bekommen.." Ich stieß mich langsam von der Kommode ab und lief behutsam hin und her.
      "Eure Schule mag Neuankömmlinge wirklich nicht.. Heute morgen wurde ich schon angemacht, weil ich nun Teil der Fußballmannschaft bin und ja.." Ich zögerte weiter zu erzählen, da ich ihr besorgtes Gesicht sehe. Ich schluckte und sah wieder weg.
      "Das Training lief sehr gut.. In der Umkleide ist es eben eskaliert.. Der Bruder von dem Typ von heute Morgen hat mich mit seinen Handlangern überrascht und wir hatten eine sehr nette Unterhaltung.. Nur nicht zu meinen Gunsten. Da ich auch noch seinen Platz im Team eingenommen habe.."
      Wie lächerlich es doch war.. Diese Schwächlinge hatten überhaupt keine Ahnung wie viel Kraft ich eigentlich habe. Ich hätte sie zermahlt wie eine Fliege. Meine Selbstbeherrschung sei dank. Mediation hat mir echt viel geholfen.
      Ich nahm einen Schluck von meiner Limo. "Vielleicht hat ihnen einfach meine Nase nicht gepasst, oder sie sehen eine Bedrohung in mir. Ich könnte ihnen ja alle Mädels wegnehmen oder so.." Bei dem letzten Satz musste selbst ich schmunzeln.
      Die Schmerzmittel zeigten langsam ihre Wirkung. "Ich danke dir das du mich nach Hause gebracht hast und mich versorgt hast. Ich möchte dich trotzdem nicht aufhalten.. " Auch wenn ich dich gerne länger hier haben möchte. So dachte ich.. doch ich sprach es nicht laut aus. Doch mein Blick der ihren traf, sprach Bände.
    • Annalena

      Sein Blick traf mich, und es fühlte sich an, als würde etwas in mir sofort wach werden
      ... nicht laut, nicht dramatisch, eher wie ein leises Flackern, das erstickt werden sollte. Für einen winzigen Augenblick war alles um uns herum unwichtig. Der Regen, das Tippen der Uhr, sogar der Schmerz, der in ihm steckte. Nur dieses tiefe, haselnussbraun seiner Augen, das mich ansah, als könnte es alles in mir lesen.
      Als er auf einmal wegschielte, verließ mich ein Teil des inneren Fokus wieder, aber ich konnte es nicht leugnen, ich spürte dass der Augenblick mehr mit mir machte, als ich zugeben wollte. Neugier mischte sich mit einem ganz eigenen, unwillkürlichen Ziehen in der Brust. Ian war anders das hatte Logan gesagt, und Lake würde es hundertmal schlimmer formulieren. Die Warnungen hallten nach: Abstand halten. Kein Ärger. Nicht in deiner Situation. Und doch stand ich hier, allein mit dem Wissen, dass er verletzt war, und mit dem Gefühl, dass ich nicht einfach weggehen konnte.

      Als er mir die Limo reichte, nahm ich seufzend, die Flasche entgegen. Der Glasrand war eiskalt. Auf den Getränk zeichneten sich bereits kleine Tröpfchen ab. Unsere Finger berührten sich nur kurz... seine Hand war warm, erschien mir unter den kalten Glas fast hitzig. Der Moment, in dem unsere Haut die kühle Oberfläche streifte, war so unscheinbar und doch schien die Kälte der Flasche die Wärme unserer Berührung nur zu verstärken. Für einen Herzschlag war mein Kopf leer, und das Ziehen wurde lauter, ...unvernünftiger.
      Ich sagte mir, ich müsse rational bleiben. Versuchte es zumindest. Logan hatte Recht. Lake würde ausrasten, wenn er wüsste, dass ich mich mit jemandem einließ, der Ärger nach Forks brachte. Und Lake war zur Zeit nicht nur streng er war laut, schnell im Urteil und unerbittlich in Konsequenzen. Ich konnte mir vorstellen, wie seine Stimme klang. Vorwürfe, Warnungen, vielleicht sogar Beschränkungen, die mir noch weniger Luft ließen. Trotzdem spürte ich etwas anderes... eine merkwürdige Verantwortung, kein heldenhaftes Bedürfnis, sondern ein stilles Unvermögen, jemanden in Not alleine zu lassen.
      Ich drehte innerlich meine Runden und fing an, Pro und Contra abzuwägen fast automatisch, wie vor einer dieser Entscheidungen, von denen man weiß, dass sie Konsequenzen haben.
      Contra: Ärger mit Lake. Noch mehr Gerede in Forks. Missverständnisse.
      Pro: Er ist verletzt. Es regnet in Strömen. Und… ich wollte eigentlich gar nicht gehen.
      Meine Gedanken überlagerten sich, bis plötzlich... völlig unpassend eine Melodie in meinem Kopf erklang die allmählich alles überschallte. Should I stay or should I go… Ich musste beinahe lachen. Typisch. Mein Gehirn suchte sich den Soundtrack zu meinem Dilemma selbst aus. Sehr hilfreich, Ann.
      Ich atmete tief durch, hob den Blick. Ian sah müde aus, blass, aber da war auch etwas in seinem Gesicht, das mich nicht losließ.
      "Ich bleib noch ein bisschen." hörte ich mich sagen, ehe ich wirklich darüber nachdenken konnte. Ich suchte hastig nach einer Begründung, nach etwas, das nach Pflicht und nicht nach Gefühl klang. "Nur, falls noch etwas nachwirkt oder das Schmerzmittel Problem macht… du könntest Kreislaufprobleme bekommen. Außerdem…" Ich ließ den Blick zu den Kartons im Flur schweifen. "Ich bin ziemlich gut im Auspacken. Zumindest, wenn es nicht meine eigenen Sachen sind. ... Es sei denn du möchtest lieber auf den Fuße umdrehen und wieder weg ziehen. Dann helfe ich beim einpacken." Ich stellte meine Tasche ab, krempelte die Ärmel hoch und suchte etwas, das nach Aufgabe aussah. Eine zerknitterte Decke, einen Karton, den man sortieren konnte, irgendetwas. Doch während ich mich bewegte, blieb dieses leise Pochen in mir. Dieses Wissen, dass ich gerade bewusst gegen meine Vernunft handelte. Und trotzdem fühlte es sich... zumindest für den Moment richtig an. Ich blieb, weil ich nicht anders konnte. Und weil ein Teil von mir, dieser neugierige, widerspenstige Teil, wissen wollte, was hinter dem Geheimnis dieses Jungen steckte ... auch wenn mir genau bewusst war, wie teuer diese Neugier einmal werden konnte.
    • Ian

      Das sie hierbleiben wollte überraschte mich schon wieder. Doch ich habe ihr Zögern gemerkt. Das sie mir beim Auspacken helfen wollte brachte mich ein wenig zum nachdenken. Doch ich lies sie. "Nein ich wollte schon gerne hier bleiben. Bis zum Schulabschluss war es geplant. Was danach kommt weiß ich noch nicht." Ich konnte nicht so lange im Voraus planen, denn ich wusste nicht wie ich mich in der Zeit entwickle. Ich war eingeschränkt.. Konnte meine Zukunft nur sporadisch planen.. Ich wünschte mir so oft das ich nie geboren wurde.. Mit diesem doofen Gen was in mir steckt. Wenn ich nur wüsste wer mein Vater ist.. Ich würde ihn die Schuld daran geben, das ich so bin wie ich bin. Doch meine Mutter schweigt darüber. Sie hat weder ein Foto noch sonst Informationen über ihn. Zu mindestens möchte sie kein Wort darüber verlieren.. Doch eines Tages werde ich schon dahinter kommen, aber jetzt habe ich keine Zeit darüber nachzudenken. Ich beobachte sie wie sie einen Karton hochheben wollte. "Oh warte der ist verdammt schwer." Schnellen Schrittes nahm ich ihr den Karton ab, der eine dicke Staubschicht hatte. Ich stelle ihn auf den Wohnzimmertisch. "Da sind meine ganzen Bücher drinnen, die ich vor Jahren gelesen habe. Die sollen hier in das Bücherregal. Wenn du möchtest kannst du das gerne übernehmen."
      Ich strich über den Karton und die Staubschicht wurde weggewischt. Der Grund warum der Karton schon so aussah, liegt daran das ich den vor langer Zeit gepackt habe. Ich kam einfach nicht mehr dazu zu Lesen. Daher verschwanden die Bücher alle samt in den Karton.
      Ich schnappte mir ebenfalls einen Karton und ging damit in mein Schlafzimmer. In dem Karton waren noch ein paar Poster und Bilder, die ich gerne noch aufhängen wollte. Also begann ich die Bilder und Poster nach und nach auf dem Bett zu verteilen und zu überlegen was ich wo hin hängen wollte.
    • Annalena

      Ich hatte nicht erwartet, dass er einfach zustimmen würde. Eigentlich hatte ich gehofft, er würde mich höflich rausschmeißen das hätte die Entscheidung für mich getroffen. Stattdessen stand ich jetzt hier, in einem halbleeren Wohnzimmer, zwischen Kartons, Staub und diesem merkwürdigen Gefühlschaos, das sich langsam aber sicher in mir festsetzte.
      Bis zum Schulabschluss also... Das hatten wir gemeinsam. Ich musste ebenfalls bis dahin hierbleiben und danach? Danach wollte ich es meiner Mum gleichtun und Forks hinter mir lassen. Weit weg, irgendwohin, wo der Regen nicht wie eine zweite Haut an einem klebt. Aber das war noch ferne Zukunftsmusik.
      Ich seufzte leise, strich mir die feuchten Haare aus dem Gesicht und beugte mich über einen der Kartons. Der Staub darauf brannte in der Nase, und für einen Moment war ich einfach froh, etwas zu tun zu haben. Kaum hatte ich die Hände an den Kanten, stand Ian schon neben mir. "Ähm… danke? Aber wenn der wirklich so schwer ist, bist du dir sicher, dass du den- ... oh, okay." Dann nahm er ihn einfach. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hob nur leicht die Augenbrauen. Wer war ich schon, mir ein Urteil zu erlauben? Es waren immerhin seine Sachen. Protest brachte uns ohnehin nicht weiter. "In Ordnung." murmelte ich und sah ihm kurz nach. "Ah! Moment! Du hast mir noch gar nicht gesagt, nach welchen Kriterien ich die Bücher einordnen soll. Nach Genre? Farbe? Autor? Oder alphabetisch?" Zu spät. Er war schon im nächsten Raum verschwunden. Wahrscheinlich hatte Ian gar kein System -aber mich wurmte das. Wenn ich hier schon einen Finger rührte, dann wenigstens mit Struktur. Ich öffnete den Karton. Alte Buchrücken, bei Einigen sogar teilweise vergilbte Seiten, ein vertrauter Geruch nach Papier und ein bisschen Staub. Es fühlte sich fast heimisch an, vertrauter, als es sollte. Ich begann, sie leise summend zu sortieren ein ruhiges, harmloses Ritual, während aus dem Schlafzimmer gedämpft das Rascheln von Karton und Papier zu hören war. Aber als ich den Regen draußen hörte, das dumpfe Ticken der Uhr, und den Geruch von Staub und Zitronenlimo in der Luft spürte, wusste ich längst, dass ich nicht gehen würde. Nicht jetzt. Ich hob ein Buch hoch, stellte es ins Regal und rief Richtung Schlafzimmer "Ich hoffe, du hast wenigstens gute Musik dazu .... sonst fang ich hier an zu singen!" Meine Stimme klang locker. Viel zu locker für das Chaos in meinem Kopf. Doch vielleicht war genau das der Trick: So tun, als wäre alles ganz normal. Auch wenn nichts an diesem Moment wirklich normal war.
    • Ian

      "Du kannst dir aussuchen wie du die Bücher einsortierst", rief ich aus dem Schlafzimmer heraus.
      Mir war es egal wie die Bücher am Ende geordnet waren, ich hatte da keinen besonderen Wünsche.
      Ich versuchte die Bilder und Poster an zu ordnen, damit es stimmig war. Doch es gelang mir nicht wirklich. Ich hatte ständig irgendwelche Gedanken im Kopf.. und alle drehten sich um sie.
      Ich biss mir auf die Unterlippe. Wieso verspürte sie so eine Macht auf mich? Ihr Geruch, ihre Art und Weise und ihr Dasein brachten mich beinahe immer mehr um den Verstand. Was ist das bloß nur? Ihre zarte Stimme rief mich wieder in das hier und jetzt zurück. "Ähm klar. Such dir was aus. Der Vormieter hat hier irgendwo einen Plattenspieler stehen mit ein paar Platten."
      Ich durfte ihr nicht zu nahe kommen. Keines Wegs.. Doch sie zog mich an. Ich bemühte mich mich zu konzentrieren und hang ein paar Bilder und Poster auf. Am Ende war ich doch zufrieden. Leise Musik strömte aus dem Wohnzimmer in mein Schlafzimmer. Ich lehnte mich an den Türrahmen und hörte sie leise vor sich hin summen. Ich schloss die Augen und stellte mir vor wie sie in einem schönen Kleid, wie eine Elfe durch den Wald lief und zu tanzen anfing. Ich beobachte sie von Nahem und ihr Lächeln brannte sich tiefer in mein Herz. Ich wollte sie festhalten und mit ihr zusammen tanzen und lachen. Ein lautes Klingeln riss mich jedoch aus diesen Tagtraum.
      Ich zog mein Handy aus der Tasche. Anruf von einer unbekannten Nummer. "Hallo?" Ich hörte nur ein leises Atmen und dann legte derjenige wieder auf. ´Muss sich wohl verwählt haben´, so dachte ich. Doch wenige Sekunden später öffnete sich eine Nachricht und dort war ein Bild von mir zu sehen, wo ich zusammengeschlagen in der Umkleide lag. Ich laß die Worte die darunter standen: ´Das war erst der Anfang´ und mir gefror das Blut in den Adern. "Annalena?" Ich wollte sie ungern stören, doch ich wusste nicht weiter. Ich hetzte mit weit aufgerissen Augen zu ihr und hielt ihr das Handy vor das Gesicht. Ich begann zu zittern. Vor Angst und vor Wut. "Ir-irgendjemand hat es auf mich abgesehen.." Ich war wie erstarrt.
    • Annalena

      Ich hatte gerade ein paar der Bücher sortiert, nach Genre, weil das die einzige Ordnung war, die sich für mich nicht wie ein intellektueller Verrat anfühlte. "Ein Plattenspieler?" Verwundert blickte ich von den Büchern auf und sah mich nach besagten Gerät um. Dann sah ich es, samt dazugehörige Platten. "Wow...Retro." Alt ja, aber durchaus funktionsfähig. Vorsichtig drehte ich die Musik etwas lauter und schritt zu den Büchern zurück. Diese Wohnung hatte etwas Heimeliges, Warmes. Ganz anders wie mein Zimmer bei Lake. ...Vielleicht lag der Unterschied einzig allein an ... den Bewohnern. Noch vor ein paar Minuten hing eine leise, angenehme Spannung in der Luft zwischen uns. Ein Flirren, das ich wegsortieren wollte wie ein zu frühes Kapitel in einem Buch aber es kam immer wieder zurück.

      Doch dann änderte sich etwas. Ich hörte meinen Namen aus Ians Mund. Sein Tonfall schnitt wie kalter Wind durchs Zimmer. Kein verlegenes, charmant unsicheres 'Ann?' nein. Das hier war brüchig. Falsch. Erschreckend. Ich drehte mich um und mein Herz stockte. Ian stand da, bleich wie Papier, die Augen erschrocken geweitet, das Handy zitternd in seiner Hand. Nicht nur ein bisschen richtig, sichtbar, schmerzhaft. "Hey… was-" Ich kam nicht einmal dazu, den Satz zu Ende zu bringen. Er hielt mir das Handy hin. Das Bild auf den Display hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Ian - Ein Körper, der eher aussah, als hätte er aufgegeben als bewusstlos zu sein. Und darunter diese Worte... Mir zog es den Magen zusammen. Der Raum wurde enger, die Luft dünner, und die Musik im Hintergrund wirkte plötzlich so verdammt fehl am Platz. Seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Ich hob langsam die Hand, berührte erst sein Handgelenk, dann schloss ich meine Finger um seine, einfach damit er etwas zum Festhalten hatte. Zum Atmen. Zum Nicht-Zerbrechen. "Okay... okay, Ian." sagte ich ruhig, obwohl in mir alles raste. "Wir atmen jetzt. Erstmal nur atmen. Und dann setzen wir uns... auf's die Couch." Ich setzte mich neben ihn. Nah, aber nicht bedrängend. Die Art Nähe, die sagt: Ich bin hier. Du musst das nicht allein ertragen. Dann sah ich mir das Bild erneut an. Langsamer. Bewusster. Und in meiner Brust breitete sich eine Wut aus, die ich selten kannte. Tief, dunkel, absolut. Forks war klein, ja. Manchmal bitter, ja. Giftig... von Zeit zu Zeit, ebenfalls. Aber das hier… das überstieg jede Grenze. "Ian." begann ich leise, ernst. Meine Hand glitt auf seine Schulter, bewusst genug das er sie spürte aber sanft genug um ihn nicht noch mehr zu erschrecken. "Du bist nicht allein. Egal, was das ist... du musst das nicht allein durchstehen." Er schluckte sichtbar, und dieses kleine, verletzliche Zittern in seinem Atem traf mich mehr, als es sollte.

      Schlagartig war ich wieder stellvertretende Schülersprecherin. Und Mitdchülerin. Beides gleichzeitig. Beides auf eine Weise, die keine Diskussion zuließ. "Wir machen Folgendes." Ich hob den Finger,der berühmte Plan-Finger. "Erstens: Wir sichern alles. Nachricht, Nummer, Screenshot. Damit verschwindet nichts. Zweitens: Ich schreibe heute noch unseren Schulsozialarbeiter. Oder ruf ihn morgen früh als Erstes an. Und ja, ich kann unglaublich nerven, wenn ich will." Ein Hauch Humor schlich sich in meine Stimme. Es war umbewusst, immerhin konnte ich alles ertragen wenn ich Scherze riss. Ich konnte alles ertragen und auch alles von mir fern halten. Das hatte in meiner Familie schon immer wunderbar funktioniert. "Drittens: Wir finden raus, wer Zugang zur Umkleide und deiner Nummer hatte. Niemand bedroht dich, ohne dass ich als inoffizielle Nervensäge Nummer Eins unangenehm werde." Ich beugte mich minimal näher, suchte seinen Blick. "Und Viertens." fuhr ich leiser fort und verschränkte erneut unsere Finger ... diesmal bewusst. "Du sagst mir, wie es dir geht. Ob du überfodert oder wütend bist. Oder beides gleichzeitig. Ganz gleich. Ich bleib hier." Ein paar Sekunden lang war es ganz still. Nur seine Atmung. Nur meine. Und dieses fragile Band zwischen uns. Ich ließ seine Hand nicht los. Ich lächelte. Warm. Zart. Nicht albern. Einfach tröstlich, für.... ihn. "Also...Deal?"
    • Ian

      Keine Ahnung wieso dieses Bild und diese Nachricht so vieles in ihm auslöste. Immer noch stand er wie erstarrt vor ihr. Er hörte wie sie redete und wie sie ihre Hand mit seiner verschlang. Er lies sich wie in Trance zum Sofa führen und setzte sich hin. Atmen? Ja atmen sollte er so langsam wieder. Vorsichtig fing er damit an und schloss seine Augen dabei. Nur nicht durch drehen. Nicht die Fassung verlieren. Stark bleiben. Diese Worte gingen ihn immer wieder durch den Kopf. Denn wenn er hier und jetzt seine Fassung verliert, dann würde es das Ende bedeuten für alle.
      Sein Herz schlug langsam wieder im normalen Takt und er kam allmählich wieder zu sich. Sein Atem wurde ruhiger und er öffnete vorsichtig die Augen. Sein Kopf ging zu Annalena und er sah sie an. Dann begann er seinen Kopf langsam zu schütteln. "N..Nein..", kam bruchartig aus seinem Mund. "Lass das." Nun drehte er sich vollständig zu ihr um. Er atmete tief ein und aus, versuchte die richtigen Worte zu finden. Dann drückte er ihre Hände kurz etwas mehr, eher er den Druck wieder sanfter werden lies.
      "Ich weiß das sehr zu schätzen, aber ich denke das es keine gute Idee ist. Sie mal wie krass diese Person drauf ist. Was denkst du würde dann passieren, wenn das Ganze die Runde macht? Ich will keine Aufmerksamkeit. Ich möchte einfach nur meinen Schulabschluss und ein normaler Teenager sein." Ian sah Annalena vorsichtig an. "Ich weiß es sehr zu schätzen das du mir helfen möchtest, aber ich weiß nicht ob das der richtige Weg ist. Zu Mal ich nicht weiß wozu derjenige noch fähig ist." Und das wusste er auch nicht. Selbst wenn man denjenigen ermittelt und von der Schule wirft, so würde er immer noch in Forks frei herum laufen und Ian immer wieder auflauern. Vielleicht wäre es doch eine gute Idee die Person für immer verschwinden zu lassen? Diese düsteren Gedanken verdrängt er jedoch schnell, denn wie er schon gesagt hatte, wollte er um jeden Preis vermeiden im Mittelpunkt zu stehen.
      "Danke das du dich so um mich sorgst. Ich.. Nun ja bin wohl etwas überfordert mit so einer Situation. Doch ich möchte nicht das du deine Zeit hier bei mir vergeudest. Zu Mal du sicher auch bald nach Hause musst und ich möchte nicht das du Ärger wegen mir bekommst. Ich komme schon klar." Er versuchte zu lächeln, doch ein bitterer Nachgeschmack lag auf seiner Zunge. Er wollte nicht das sie geht, aber er musste auch seine Wut kontrollieren und abbauen.
    • Annalena

      Seine Finger schlossen sich fester um meine, und erst da merkte ich, dass wir uns immer noch an der Hand hielten. Nicht flüchtig. Nicht zufällig. Richtig ineinander verschlungen, als hätten unsere Hände beschlossen, sich gegenseitig nicht loszulassen, egal was unsere Köpfe davon hielten. Ich sah hinunter. Ians Knöchel waren leicht angespannt. Mein Daumen, strich unbewusst über seine Haut, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
      Als er den Druck wieder lockerte, seufzte ich leise. Nicht genervt. Nicht enttäuscht. Eher… akzeptierend. Ich konnte seine Befürchtungen verstehen. "Fein." sagte ich schließlich und hob den Blick zu ihm. Meine Stimme war ruhig, aber nicht gleichgültig. "Dann beobachten wir erst einmal." Ich machte eine kleine Pause, atmete ein, weil der nächste Teil mir wichtiger war als jeder Plan oder jegliche Vernuft es hätte sein können. "Aber schwör mir etwas." Ich drückte seine Hände sanft, nur ein kleines bisschen. "Wenn noch etwas passiert. Oder wenn du merkst, dass dir das alles über den Kopf wächst. Oder du einfach… jemanden zum Reden brauchst...." Mein Mund verzog sich zu einem schiefen, weichen Lächeln. "Dann sprichst du mit mir, okay? Du musst das echt nicht allein ausstehen." Ich wusste nicht, ob er antwortete. Ich brauchte es auch nicht sofort. Manche Dinge mussten einfach gesagt werden, damit sie im Raum bleiben konnten. Als Ian schließlich meinte, ich müsse nicht hierbleiben, dass ich ruhig gehen könne, sah ich wieder auf unsere Hände.
      Seine Worte schoben mich höflich Richtung Tür. Doch... Seine Hand tat das genaue Gegenteil. Sie lag noch immer in meiner. Warm. Ruhig. Mit sanften Gewicht, viel zu echt um aus meinen Tagträumen entsprungen zu sein. Nein, dieser Augenblick zwischen uns war echt. Etwas in mir, ein viel zu ehrlicher und viel zu unvernünftiger Teil, war sich ganz sicher. Ich wollte einfach nicht gehen ... ich wollte nicht das dieser Moment endete. Noch nicht jetzt. Ich hob den Kopf, musterte ihn ihnnige Sekunden lang, dann atmete ich hörbar aus. "Ja.", begann ich trocken "Ich wunder mich ehrlich gesagt auch schon, dass Lake oder meine Familie nicht längst das FBI nach mir suchen lassen oder ein SWAT-Team das Haus stürmt." Es war nur ein winziger Funke Humor, genau an der Grenze dessen, was gerade noch ging. Ich konnte halt nicht anders. So schön wie ich diesen Moment fand, ich brauchte den humanistischen Stupser um diesen Kontrast zwischen inneren Wunsch und Vernunft auszuhalten. "Aber...", fügte ich hinzu und zuckte leicht mit den Schultern, "...vielleicht hast du schon gemerkt, dass ich gerne sehr spät nach Hause komme." Ich zögerte. Sollte ich wirklich weiter ehrlich sein? Doch... schlussendlich sagte ich es trotzdem. "Und… ehrlich gesagt… mag ich… gar nicht… gehen."
      Während die Worte meine Lippen verließen, trat ich unbewusst einige Zentimeter näher. Kaum merklich. Aber genug, dass mir plötzlich auffiel, wie nah wir uns waren. Wie vertraut sich das anfühlte. Viel zu vertraut.
      Seit wann bist du so, Annalena? Ich erkannte mich kaum wieder. Normalerweise war ich vorsichtig. Abwägend. So wie diese Stadt. Doch jetzt sahs ich hier, hielt die Hand eines Jungen, den ich erst seit ein paar Tagen kannte. Einem mysteriösen, verletzten Jungen mit dunklen Gedanken und einem Leben, das gefährlich nah an meines herangerückt war. Das war riskant. Unvernünftig. Vielleicht sogar dumm. Und trotzdem löste ich meine Hand nicht. "Ich weiß, dass das hier… kompliziert ist." sagte ich leiser. "Wohlmöglich sogar keine besonders schlaue Idee." Mein Blick glitt kurz zu unseren Händen dann wieder zu ihm. "Aber gerade jetzt fühlt es sich falsch an, einfach so zu verschwinden." Ich schluckte. Nicht aus Angst. Sondern weil mir klar wurde, wie sehr mir das hier bereits etwas bedeutete. "Also bleibe ich noch ein bisschen länger." Zum ersten Mal seit dem Bild, seit der Nachricht, seit der Kälte, die in den Raum eingebrochen war, fühlte es sich wieder ein kleines Stück wärmer an. "Wir könnten einfach weiter hier so sitzen.... Oh und ich sollte auf jeden Fall noch die Limo trinken die du mir gegeben hast... Ansonsten ... wenn es in einen Kopf nicht gerade zu laut ist könnten wir noch weiter reden über Belangloses oder über gar nichts... Ich kann erstaunlich gut daneben sitzen und so tun, als wäre alles normal." Das war wahrscheinlich die Untertreibung des Jahres. Bei meinen ganzen Tagträumen und der Geheimnistuerei meiner Familie war ich eine wahre Expertin dafür geworden. Ich lehnte mich minimal zurück, so dass meine Schulter an der Couch ruhte, immer noch nah genug, dass ein kleiner Abstand reichte, um Ian weiter wahrnehmen zu können.
    • Ian

      Bei ihrem Satz mit dem SWAT-Team musste ich lachen. "Das meinst du doch nicht ernst oder?" Ich prustete drauf los, bis mich die Realität wieder einholte. "Was wenn das wirklich passiert? Dann muss ich dich verstecken und beschützen." Ich wusste das sie die Stimmung etwas auflockern wollte. Ich blickte zu ihr. "Verstehe.. du scheinst vor nichts zurück zu schrecken." Bei dem Gedanken daran das sie Abends alleine in dieser Stadt umher läuft, lies ein flaues Gefühl in meinem Magen aufkommen. Zumal hier irgendwelche Schläger unterwegs sind.. Und sie ist hübsch.. Ich schluckte, da ich sie viel länger anschaute, als ich sollte. Das sie hierbleiben wollte war auf einer Seite eine große Erleichterung, denn wenn ich ehrlich bin wollte ich gar nicht das sie geht. Nicht sofort versteht sich.
      Ihre Nähe tat mir gut und ich wollte diese dünne Band nicht zerstören, in dem ich sie rauswerfe. Sie ist mein Ruhepuls. Wenn sie gegangen wäre, dann weiß ich schon was ich gemacht hätte.. Und das musste nicht sein. Ich wollte Forks nicht in die Schlagzeilen bringen. Wenn plötzlich zerflatterte Leichenteile im Wald gefunden werden. Nein ich wollte Annalenas Kleinstadt nicht ruinieren. Sie scheint sich hier wohl zu fühlen und ich hoffe das es mir eines Tages auch so geht.
      "Annalena?" Ich sah sie eindringlich an und drückte ihre Hand noch fester. Dann zog ich meine Mundwinkel zu einem Lächeln. "Danke. Danke das du mich nicht alleine lässt." Ich lies ihre Hand immer noch nicht los und lehnte mich auch an die Couch an. "Wenn es dir nichts ausmacht möchte ich nicht reden, ich würde gerne etwas auf Netflix gucken."
      Ich nahm die Fernbedienung und machte eine Serie drauf. Mir war nicht nach reden, aber vollkommene Stille war auch nicht gut für meinen Kopf. Ich versuchte die negativen Gedanken zu verdrängen und das hier und jetzt zu genießen. Diesen Moment mit ihr festhalten,
    • Annalena

      Ich schmunzelte, noch bevor ich überhaupt antwortete, weil dieses kurze, echte Lachen von ihm mir mehr Erleichterung verschaffte, als ich zugeben wollte.
      "So, so..." sagte ich schließlich und zog eine Augenbraue hoch, halb ernst, halb gespielt empört. "Verstecken und beschützen. Nun… die FBI-Leute würden das vermutlich eher Kidnapping nennen." Die Ausgangslage reichte auf jeden Fall für einen Kleinstadt-Krimi. Der Ton meiner Stimme war locker, aber nicht albern. "Und ganz ehrlich..." fügte ich hinzu, "...dass zumindest die örtliche Polizei irgendwann an deiner Tür klopft, wäre jetzt nicht sooo unwahrscheinlich." Ich zögerte einen Moment. "Weißt du Ian, mein überfürsorglicher Patenonkel ist nämlich Forks Bürgermeister." Tja... jetzt war die Katze wohl aus den Sack. Während ich mir jedoch Gedanken machte was das nun mit den Bild machte, welches er von mir hatte, merkte ich, wie lange er mich ansah. Zu lange. Genau lang genug, dass er selbst es bemerkte. Im allerletzten Moment, bevor er den Blick abwandte, hob ich leicht den Kopf und kreuzte seinen Blick. Ich mochte es irgendwie seine Aufmerksamkeit zu haben und begann sanft zu lächeln.
      Als er meine Hand fester drückte, schlossen sich meine Finger ein kleines Stück enger um seine. "Guuut, dann Netflix." sagte ich. "Aber unter einer Bedingung." Ich neigte den Kopf leicht zur Tür. "Nichts mit FBI, SWAT-Teams oder Polizei." Ich musste dabei zwar schmunzeln aber ich wollte dennoch Nichts verschreien. "Ich finde, wir sollten unser Schicksal heute Abend nicht aktiv herausfordern." Nach einer halben Folge rückte ich ein Stück näher, ganz natürlich, als hätte ich das schon hundertmal getan. Unsere Schultern berührten sich jetzt, leicht, fast beiläufig. Fast. Nach ein paar Minuten ließ ich mich ein wenig mehr in die Couch sinken. Mein Arm lag nun näher an seinem, meine Hand noch immer in seiner. An sich weder verwerflich noch unkompliziert. Doch fühlte es sich überraschend bedeutsam an.
    • Ian

      Wir schauten nichts was mit Polizei oder sonst der Gleichen zu tun hatte. Ich merkte wie ich mich langsam entspannte und merkte wie sie näher an mich heranrutschte. Es fühlte sich so vertraut an. Mein Kopf fiel langsam in ihre Richtung und unsere Köpfe lagen jetzt leicht aneinander. Ihre Hand war immer noch in meiner und ich konnte nicht sagen warum ich das gerade so sehr genieße.
      Ich schloss meine Augen und lauschte ihrem Atem. Würde ich meinen Kopf jetzt noch ein wenig drehen würden sich unsere Nasenspitzen berühren. Mein Herz machte bei den Gedanken daran einen Satz. Wie sehr konnte einen eine schier fremde Person so vertraut sein?
      Ich bin gerade einmal ein paar Tage hier und schon sitze ich mit einem Mädchen auf meiner Couch in meinem Haus. Wie verrückt ist das bitte? Und sie scheint es nicht einmal zu stören.. Nein sie wollte sogar freiwillig hier bleiben, trotz den Ärger den sie bekommen könnte.
      Am liebsten würde ich mich kneifen, denn ich hatte Angst das es ein Traum ist und wenn ich jetzt die Augen wieder öffnete, wäre sie nicht mehr da und ich sitze alleine auf der Couch. Doch sie war immer noch da. Es war kein Traum. Ihre Hand in meiner war echt. Warm und weich, fühlte sie sich an. Ein vibrieren vom Tisch riss mich aus meinem Traum. "Tut mir leid das ich sicher meine Mum." Ich lies widerwillig ihre Hand los und ging zum Tisch. "Ja?"
      "Hey Ian ich wollte fragen ob alles in Ordnung ist." Ich sah zu Annalena rüber und lächelte. "Kann nicht klagen. Warum fragst du?"
      "Nun weil ich heute so ein komisches Gefühl hatte." Mein Herz schmerzte. Ich wollte meine Mutter nicht anlügen. Aber sie sollte sich keine Sorgen um mich machen. "Es ist wirklich alles gut. Versprochen." "Okay, dann glaube ich dir das. Wenn was ist melde dich bei mir." "Das mache ich und jetzt mach dir noch einen schönen Abend." Sie legte auf und ich legte das Handy auf den Tisch.
      "Tut mir leid ich hasse es sie anzulügen, aber wenn ich ihr von dem Video und von den Vorfall erzählt hätte, dann wäre sie hier her gereist und ich kann jetzt wirklich keine aufgebrachte Mutter ertragen."
      Ich sah Annalena entschuldigend an. "Ich glaube so langsam bekomme ich Hunger." Ich ging an den Kühlschrank und holte mir zwei Tupperdosen raus. "Glaub mir meine Mum denkt auch ich würde verhungern."
      Ich machte die Dosen in der Mikrowelle warm und richtete sie auf zwei Tellern an. Ich stelle Annalena einen Teller vor die Nase. "Es ist zwar kein 5 Sterne Menü, aber ich denke das reicht. Ich möchte dich schließlich nachher nicht hungrig nach Hause gehen lassen. Nicht das es am Ende noch heißt bei Ian Black gibt es nichts zu Essen im Haus." Ich musste selbst bei dieser Aussage grinsen. "Lass es dir schmecken."
      Ich begann das Essen zu essen und schaute nebenbei die Serie an.
    • Annalena

      Ich merkte erst, wie nah wir uns gekommen waren, als sein Kopf sich leicht an meinen lehnte.
      Es war wahnsinnig. Eigentlich sogar völlig gegen meine Natur. Und doch fühlte es sich… genau richtig an. Nicht forciert, nicht geplant eher so, als hätten unsere Körper stillschweigend beschlossen, dass Abstand gerade unnötig war.
      Ians Nähe war vertraut auf eine Weise, die mich selbst irritierte. Warm, still und sicher. So, als hätte sie immer dazugehört. Das machte es gerade so schön, einzigartig, genau richtig und unwirklich zu gleich. Unsere Hände waren noch immer ineinander verschlungen, und ich bewegte meine Finger ganz leicht, kaum merklich, als wollte ich prüfen, ob ich mir das alles nur einbildete oder ob es noch immer Wirklichkeit war. Ich ließ den Blick auf dem Bildschirm ruhen, obwohl ich kaum etwas davon wahrnahm. Stattdessen registrierte ich jede Nuance seiner Nähe. Sein Atem wurde zunehmend gleichmäßiger. Und irgendetwas in mir entspannte sich mit ihm.
      Als das Handy vibrierte, zuckte ich kaum sichtbar zusammen. Nicht aus Schreck eher aus dem instinktiven Wissen, dass dieser kleine, fragile Moment nun vorbei war. Fast so wie wenn ich jeden Morgens unerwartet aus den Bett fiel.
      Seine Hand löste sich von meiner, und obwohl ich verstand, warum, fühlte es sich an, als sehnte sich ein Teil von mir bereits nach der vergangen vertrauten Nähe. Ich richtete mich ein wenig auf, zog die Beine an und hörte nur halb hin. Nicht aus Desinteresse, sondern viel mehr aus Respekt. Als er wiederkam, sah ich zu ihm auf und schenkte ihm ein kleines, verständnisvolles Lächeln. "Das muss schön sein…", murmelte leise. "Deine Mum klingt fürsorglich. Auf eine liebevolle Weise, nicht auf die, die dich erdrückt." Das passte irgendwie zu ihn. Ich zuckte leicht mit den Schultern. "Und ehrlich? Ich hätte vermutlich genauso reagiert. Manchmal schützt man Menschen eben, indem man ihnen nicht alles erzählt. Trotzdem hoffe ich für dich, das du irgendwann ehrlich zu ihr sein kannst." Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen aber irgendwann - bevor es zu spät war.
      Während er sich in der Küche bewegte, beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel... wie er die Tupperdosen aus dem Kühlschrank holte, die Mikrowelle bediente. Es war nichts Besonderes. Und genau das machte es so schön. Gewöhnlich aber echt.
      Als er mir den Teller hinstellte, hob ich gespielt kritisch eine Augenbraue. "Also bitte!", sagte ich trocken. "Fünf-Sterne-Menüs erwarte ich frühestens beim dritten gemeinsamen Netflix-Abend." Ich kicherte etwas in mich hinein. Zumindest bis ich ein leichtes Zieh in meinen Herzen spürte, welches mich schlagartig erdete und wieder ernster werden ließ. "Aber da steckt ihre Mutterliebe drin. Die ist mehr wert als jede Sternebewertung." Ich lehnte mich wieder zurück, diesmal ein kleines Stück näher als zuvor, den Teller auf den Knien balancierend, den Blick abwechselnd auf das Essen und den Bildschirm gerichtet. Ganz beiläufig, fast unschuldig, beugte ich mich ein Stück zu ihm hinüber und klaute mir mit meiner Gabel etwas von seinem Teller. "Ohhh.", säuselte ich gemischt unschuldig und überrascht, ehe ich den Bissen probierte, "Das ist ja noch besser als meins." Ich kam nicht herum Ian wissentlich mit frechen Grinsen anzuschauen. "Guck nicht so verdattert. Das ist rein wissenschaftlich natürlich. Ein Vergleichsstudie. Immerhin bin ich Journalistin der Schülerzeitung." Ich sah aus dem Augenwinkel, wie er reagierte, und konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Es fühlte sich leicht an. Unbeschwert. So, als dürften wir für diesen Moment einfach zwei Teenager sein, die zu nah beieinandersitzen und darüber lachen, dass genau das passiert. "Du weißt schon...", fügte ich hinzu, nun wieder etwas gefasster, "das ist offiziell der Punkt, an dem ich anfange, dir Essen zu klauen. Das ist ein ernstzunehmendes Zeichen. Jetzt darfst du dich sehr gern geehrt fühlen und wenn nicht hast du leider Pech gehabt." Ich zog die Gabel langsam zurück auf meinen Teller, ließ sie dort liegen und lehnte mich wieder an diesmal ohne groß darüber nachzudenken. Unsere Schultern berührten sich erneut. Nicht aus Versehen. Nicht absichtlich genug, um es zu kommentieren. Genau richtig. Ich lachte noch einmal leise auf, dieses Mal ehrlicher... wärmer als zuvor. "Ich glaube, ich habe lange nicht mehr so gelacht, weil sich etwas einfach richtig angefühlt hat." Warum fiel es mir so leicht ehrlich zu ihn zu sein? Und warum fühlte es sich gleichzeigt so verdammt gefährlich an?