Wire Walker [Asuna & Codren]

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    • Ja, richtig - der Apothekar hatte ja von den neuen Raten gesprochen, die Georgia dann ausgerechnet hatte. Bisher hatte er ja nur einen Deal damit gemacht und außerdem ging er wohl nicht jede Woche dreimal raus. So gesehen kam er finanziell dann doch eher auf der unteren Schiene heraus.
      Was die Wohnung wiederum vollkommen erklären würde. Nur nicht, weshalb er sie so schmutzig werden ließ, aber das war sowieso nichts, was Georgia etwas angegangen hätte. Sie wollte sich bei ihm nur für die Rettung revanchieren und ihm nicht etwa auftragen, wie er zu leben hatte.
      Als es um die Sache mit dem Geld ging, hatte Georgia sich keinerlei Gedanken darum gemacht, ob der Mann wirklich kooperieren würde, oder es ihr einfach vorenthalten könnte. Schließlich stand sie in seiner Schuld, das war mehr als deutlich. Aber als er es dann herausholte und abzählte, staunte sie trotzdem nicht schlecht.
      "Die Hälfte?"
      Ihre Erwartungen waren nicht gerade hoch angesetzt worden - vielleicht sowas wie 10 % oder 20, irgendwas, was man sich von den Actionfilmen im Fernsehen vorstellen konnte. Aber die Hälfte war geradezu großzügig.
      Trotzdem nahm sie das Geld entgegen. Nicht zuletzt, weil die Maske sie mit aller Gleichgültigkeit betrachtete, als wäre es ihr gar nicht so wichtig.
      "Danke. Das ist... ich habe mir das irgendwie schwerer vorgestellt."
      Dabei wusste sie nicht, ob sie den Deal meinte oder den Versuch, den Apothekar von ihrem Anteil zu überzeugen. Wie auch immer hatte sie jetzt satte 175 $ in der Hand.
      Von 0 auf 175 und das binnen eines Tages. Georgia kam sich mit einem Mal unheimlich reich vor. Was sie damit alles anstellen könnte!
      ... Und was sie alles nicht anstellen könnte. Letzten Endes löste Geld schließlich nicht ihre Probleme.
      Trotzdem steckte sie es ein. Und fühlte sich damit gleich viel besser.

      Am nächsten Tag stand Georgia fast schon mit frischer Energie auf. Sie verschwand im Bad, bevor der Apothekar es besetzen konnte, und platzierte dort die Packung Haarfarbe auf dem Waschbecken, die er ihr den Tag zuvor mitgebracht hatte. Die ganze Nacht hatte sie schon darüber nachgedacht, was sie mit ihrem leicht verdienten Geld anfangen wollte, und heute hatte sie schließlich die Entscheidung getroffen: Sie wollte einkaufen gehen. Und wenn sie das tat, brauchte sie eine Haarfarbe, die nicht auf drei Meilen Entfernung schrie, dass Georgia Yates hier war.
      Also betrachtete sie das Mitbringsel des Apothekars und machte sich schließlich an die Arbeit. Immerhin würde das kaum mehr Aufwand benötigen, als die 175 $ zu verdienen, was schon irgendwie ein Witz an sich war.
      Noch an diesem Tag hatte sie ihr helles Blond gegen ein generisches, dunkles Braun eingetauscht, das dafür ihrer blassen Haut schmeichelte. Georgia war mit dem Endprodukt sogar ganz zufrieden, als sie es - und damit auch ihren Plan - dem Apothekar präsentierte.
      "Ich möchte shoppen gehen und mir Kleidung besorgen. Und vielleicht Kontaktlinsen. Bringt das was? So macht man das doch in Filmen, oder?"
    • „Die Hälfte?“
      „Ja, sicher? Du warst ein entscheidender Faktor“, befand der Apothekar leichtfertig, immerhin sollte Georgia ja nicht merken, dass sie geködert wurde. Geld war für jemanden, der für eine gewisse Zeit gar keine Mittel gehabt hatte, Gold wert. Er ahnte bereits, dass sie mit ihrem Verdienst irgendetwas anstellen würde und er vertraute einfach darauf, dass sie es nicht nutzte, um irgendwelche hanebüchenen Unternehmungen zu veranstalten.
      „Danke. Das ist… ich habe mir das irgendwie schwerer vorgestellt“, gestand sie, nachdem sie das Geld genommen und es auch noch einmal durchgezählt hatte. Selbstverständlich war es in ihren Augen leicht. Sie hatte sich nicht eigenmächtig ein Rezept besorgen müssen. Musste nicht mit den Zutaten feilschen und abwägen, welche Verhältnisse stimmen. Außerdem hatte sie zwar Bedenken, was passieren mochte, wenn man mal nicht mit dem Deal einverstanden war, es erlebt hatte sie es dennoch nicht.
      „Du fragst dich im Supermarkt doch auch nicht, wie sich der Preis der Waren exakt zusammensetzt, oder? Ist das gleiche hier. Sieht einfacher aus, wenn man das ganze Prozedere dahinter nicht sieht“, meinte er daraufhin und schnappte sich seinen kalten Burger vom Tisch, um ihn in der Küche ungesehen zu essen.

      Dank seines leichten Schlafes bekam der Apothekar mit, wie Georgia wach wurde und sich vom Sofa rollte. Er ließ sie machen und rollte sich selbst auf die Seite, um die wenige Zeit ohne Maske noch genießen zu können. Er hörte, wie sie das Wasser im Bad aufdrehte. Als sie nach geraumer Zeit aus dem Bad zurückkehrte, hatte er es geschafft, sich eine schwarze Jogginghose und ein simples, cremefarbenes Shirt überzuwerfen. Sein Gesicht war wieder unter der Maske verschwunden, kaum kam Georgia zurück in das Wohn/-Schlafzimmer.
      Der Apothekar musterte die junge Frau. Sie hatte allen Ernstes seinen Rat angenommen und die Farbe benutzt. Sehr zu seiner Zufriedenheit war das Braun, welches er unter all den Nuancen willkürlich gegriffen hatte, für die Tarnung richtig gut gewählt worden. Es stand ihr auch recht gut, aber das änderte nichts daran, dass er Blond einfach lieber mochte. Die Haarfarbe änderte nur leider auch nicht den Charakter einer Person, von daher konnte es ihm auch einfach egal sein.
      Georgia kam auf ihn zu, ein Handtuch noch auf ihren Schultern, um die nassen Spitzen von ihrem Oberteil abzuhalten. In ihrem Blick lagen ein Entschluss und eine gewisse Erwartungshaltung. Da käme wohl oder übel eine Forderung auf ihn zu und er seufzte gedanklich bereits.
      „Was gibt’s?“, fragte er zuvor und schwang seine Beine aus dem Bett, um zu ihr aufzusehen. Sie hatte mit ihrem Färben echt einen guten Job geleistet. Verdammt gleichmäßig…
      „Ich möchte shoppen gehen und mir Kleidung besorgen.“
      „Hah?“
      „Und vielleicht Kontaktlinsen. Bringst das was?“
      „Linsen?“
      „So macht das doch in Filmen, oder?“, fügte sie noch hinzu und der Groschen bei ihm fiel.
      „Kannst du bitte nicht die Realität mit Filmen durcheinanderwerfen?“, fragte er mit einem leicht genervten Unterton. Dafür war es einfach noch viel zu früh. „Keine Ahnung, mach was du willst. Aber man muss dir schon echt nah kommen, um deine Augenfarbe zuordnen zu können. In der Regel WILLST du erst gar nicht, dass man dir so nahe kommt.“
      Er fuhr sich durch sein zerzaustes Haar. Shoppingtour bedeutete Öffentlichkeit und Abwesenheit von ihm. Mit der Maske konnte er sich da nicht zeigen und ablegen, nur damit sie Sachen kaufen konnte, wollte er auch nicht. Da war es sinnvoller, sein eigenes Lager aufzustocken. Oder ihre Abwesenheit für den nächsten Schuss zu nutzen.
      „Pass auf. Wenn du unbedingt einkaufen gehen willst, bitte. Ich halte dich nicht auf. Aber du musst dann ohne mich gehen.“ Er sah sie so aufmerksam er es zu dieser Uhrzeit konnte an und versuchte zu eruieren, ob sie das absichtlich tat oder nicht. „Ich übernehm keine Garantie, wenn die dich schnappen, klar? Das ist dann dein Problem. Denk dran, wer dich aus der Scheiße gezogen hat, also komm nicht auf die Idee, meinen Wohnort zu verraten.“ Was jetzt kam hasste er womöglich am meisten. „Wenn du wieder kommst, klingelst du bei Shaw. Ich lass dich dann wieder rein.“
    • Mit dem Punkt hatte der Apothekar recht: Es brachte gar nichts, die Augenfarbe zu ändern, da Georgia in der Regel den Leuten gar nicht erst nah genug kommen wollte. Allerdings hätte sie sich für den Vorschlag etwas mehr Begeisterung erwartet. Schließlich hatte sie keinerlei Erfahrung in dieser ganzen Drogenszene und kam trotzdem auf solche Ideen. Gute Ideen, wie sie wohl meinen wollte.
      Er versuchte sie noch darüber zu belehren, dass sie auf sich allein gestellt wäre und ihn nicht verpetzen sollte, was alles keine großen Neuigkeiten waren. Stattdessen konzentrierte Georgia sich darauf, dass sie wahrhaftig einkaufen gehen würde.
      Alleine.
      Aber nicht allein gelassen.
      Es war schon erstaunlich, wie wenige Tage sie schon mit dem Apothekar verbrachte und wie selbstverständlich es doch geworden war, dass er sie zu jeder Kleinigkeit begleitete. Nun, das würde sich jetzt ändern. Georgia würde sich Kleidung besorgen und der Apothekar würde nicht die Rolle ihres Aufpassers, sondern ihres Unterschlupfes übernehmen. Das fühlte sich besser an, so konnte sie es sich vorstellen. Es wäre ja kaum auszumalen gewesen, was passiert wäre, wenn er darauf bestanden hätte, mitzukommen. So gern hatte sie ihn dann ganz eindeutig auch nicht dabei.
      "Schon klar. Ich baue keine Scheiße und wenn ich doch erwischt werde, kenne ich dich nicht."
      Zumindest kannte sie jetzt seinen Namen: Shaw. Diese Information prägte sie sich so fest ein, wie es nur irgendwie ging. Shaw. Vielleicht konnte sie herausfinden, was für eine Identität er mit seiner Maske ständig zu verschleiern versuchte.
      Danach war eigentlich alles geregelt. Georgia hatte ihr Geld und zog dazu denselben Kapuzenpulli wie zum Vortag an, der zwar leicht nach Kloake stank, aber groß genug war, um ihr Gesicht zu verschleiern. Das würde jetzt noch wichtiger als schon zuvor werden. Mit hämmerndem Herzen ging sie dann vor die Tür.

      Der Stadtteil, in dem der Apothekar wohnte, war nicht unbedingt für seine Einkaufsstraßen berühmt. Georgia war zu sehr damit beschäftigt, brav den Kopf tief zu halten und niemandem ins Gesicht zu sehen, zeitgleich aber auch nicht auszusehen, als wäre sie eine gesuchte Terroristin - ha, ha - um sich mit der Frage zu beschäftigen, wo sie eigentlich einkaufen wollte. Sie hatte gedacht, dass sie hier die gängigen Marken finden würde, die es überall gab, aber dafür gab es hier viel zu wenig Geschäfte. Georgia musste sich in einem no-name Laden umsehen und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Gar nichts, eigentlich. Aber Busfahren war ausgeschlossen und sie wollte auch nicht allzu weit von der Wohnung weg, um auch wieder zurückzufinden. Shaw. Sie musste sich das unbedingt merken.
      Sie kaufte sich die nächstbeste Hose, die ihr passte, und das nächstbeste Shirt, das nicht allzu furchtbar aussah. Dazu kam ein großer schwarzer Kapuzenpulli, den sie anstelle des jetzigen anziehen können würde, eine Jacke und dann natürlich Unterwäsche. Viel Unterwäsche. Genug um wieder täglich wechseln zu können.
      Alles in allem bezahlte sie knapp über die Hälfte und stand damit noch mit 80 $ wieder vor der Tür. Einer knappen Eingebung folgend, ging sie die Straße weiter entlang, bis sie zu einem kleinen, vernachlässigten Elektronikgeschäft kam. Der Kerl hinter der Theke hatte ganz sicher genauso viel Lust dort zu sein wie Georgia und doch bemühte sie sich mit klopfendem Herzen, seine Aufmerksamkeit nicht allzu sehr zu erregen. Sie holte sich ein altes Nokia-Modell vom Ständer und überwand sich dann dazu, ihn nach einer Sim-Karte zu fragen. Dabei musste sie den Kopf gesenkt halten und den Tresen anstarren, damit er ihr nicht ins Gesicht blickte. Die Situation war so lächerlich und gleichzeitig so gefährlich, dass es ihr den Kopf verdrehte. Auf der anderen Seite konnte sie immer die Bestie holen, wenn es brenzlig wurde, aber das wollte sie eigentlich vermeiden. Die Bestie war weg und dabei wollte sie es erstmal auch belassen.
      Sie bekam Handy und eine aufladbare Karte mit 10 $ für insgesamt 30, also hatte sie noch gut 50 zur Verfügung. Das Handy steckte sie ein, wohlwissend, es wie einen Schatz vor dem Apothekar hüten zu müssen. Sie wollte nicht noch einmal dafür geschlagen werden ihre Mutter zu kontaktieren und doch musste sie es tun, sie musste einfach. Aber damit musste sie auch warten, bis es sicher für sie war. So steckte sie es tief in ihre Taschen.
      Danach war Georgia unschlüssig, was sie tun sollte. Sie war an unverhoffte Freiheit gelangt, nicht mehr aufgehalten durch die gewaltige Bestie und dann auch nicht mehr aufgehalten durch den Apothekar, aber so toll fühlte es sich trotzdem nicht an. Sie hatte Angst davor, mit Menschen zu reden, auch wenn sie dabei den Boden anstarrte, und wenn auch nur einer sie trotzdem erkannte, war es sowieso aus. Von daher war der Shopping-Trip realistischerweise schon alles, was sie tun konnte. Ein paar Kleider kaufen und dann wieder abziehen. Das war nicht die Art von Freiheit, die sie sich erhofft hatte.
      Letzten Endes konnte sie aber nichts dagegen tun. Sie trat wieder den Rückweg an und dabei musste sie sich auch noch an dieselben Straßen halten, um sich zurechtzufinden. An der Tür beäugte sie für einen Moment das vergilbte Klingelschild Shaw und versuchte, Informationen daraus zu gewinnen. Aber genauso gut hätte sie einen Stein fragen können, wer der Apothekar unter seiner Maske war. So klingelte sie und war einen Moment später erleichtert, dass er ihr auch öffnete.

      "Ist gut?"
      Sie hielt den schwarzen Pulli hoch, damit der Mann ihn sehen konnte. Natürlich würde sie ihm nicht alles zeigen, was sie gekauft hatte, aber den speziellen Pulli schon.
      "Ich dachte mir, der ist vielleicht besser, weil er so dunkel ist. ... Das ist doch gut, oder? Ist das unauffällig genug?"
    • Ohne Widerworte ließ der Apothekar Georgia abziehen. Sollte sie ruhig einen Eindruck davon bekommen, wie es war, allein durch die Gegend zu ziehen. Vielleicht realisierte sie ja dann, dass seine Gesellschaft besser war, als sich ständig Gedanken zu machen, ob jemand sie erkannte oder nicht.
      Außerdem hatte er dadurch Zeit, seine Vorräte aufzustocken. In den Apotheken, in denen er seinen Stoff in Einzelteilen sammelte, kannten ihn nur als normalen Zivilisten, weshalb er dort ohne seine Maske vorstellig werden musste. Deshalb wartete er gut eine halbe Stunde, nachdem Georgia gegangen war, um sich selbst fertig zu machen und ohne die Maske wie ein ganz normaler Bürger seine Wohnung zu verlassen.
      Es war die reinste Wohltat, wieder einmal ohne das Ding unterwegs zu sein. Er liebte seine Masken – immerhin hatte er sie allesamt selbst gebaut – aber sie waren nicht dafür gedacht, ständig mit ihnen umher zu laufen. Rote Stellen waren auf seinen Wangenknochen und Nasenbein erschienen, weshalb er sich neben den Bestandteilen seiner Drogen auch eine Wund- und Heilsalbe mitkaufte. Immerhin hatte er das Geld ja.
      Sein Ausflug kostete ihn noch einmal ungefähr eine dreiviertel Stunde Zeit. Er war nicht die große Tour gegangen. Zu groß war die Sorge, dass Georgia sich früher dazu entscheiden sollte, wieder bei ihm zu klingeln. Er musste da sein, wenn sie wiederkam und ihm mit großen Augen gestand, wie viel besser es mit ihm war.
      Also nutzte er seine Zeit, verräumte seinen Kram und schaffte halbwegs Ordnung in der viel zu kleinen Wohnung. Sollte sich sein Plan auszahlen und Georgia bei ihm bleiben (und ihre Kräfte unter Kontrolle haben), dann könnte er sogar über eine größere Wohnung nachdenken. Oder vielleicht sogar einen Van, mit dem man Touren konnte. Georgia hatte bestimmt einen Führerschein. Die würde den Wagen schon fahren können.
      Am Ende war er zu nervös gewesen, um sich selbst einen weiteren Schuss zu setzen. Wenn sie mittendrin kam, während er gerade völlig abspacete, dann wäre das kein sonderlich guter Eindruck. Ganz davon zu schweigen, dass er die Klingel vielleicht nicht einmal hören konnte. Also wartete er ab, die Maske griffbereit neben sich am Tisch. Vor ihm hatte er seine Feingrammwaage aufgebaut und wog die einzelnen Pulver ab, die er später mischen, lösen, trocknen und in Form pressen würde. So einfach war das mit dem Magipramin.

      Es klingelte schließlich und der Apothekar sprang auf die Füße. Noch während er Georgia die Tür öffnete, setzte er seine Maske wieder auf und pilgerte zurück zum Tisch, wo er gerade dabei war, das weiße Pulver in die Tablettenförmchen zu gießen.
      „Ist gut?“, war das Erste, was sie ihn fragte und er sah sich genötigt, von seiner Tätigkeit aufzuschauen.
      „Das is‘ n Pulli.“ Ein schwarzer, langweiliger Pulli. Weit geschnitten, nicht mal figurbetont und aus etwas dickerem Stoff. Darüber würde sie keine Jacke tragen müssen.
      Auf seinen Kommentar hin verzog sie das Gesicht. „Ich dachte mir, der ist vielleicht besser, weil er so dunkel ist.“ Sie wartete auf Zustimmung, bekam aber keine, sondern lediglich Schweigen. „… Das ist doch gut, oder? Ist das unauffällig genug?“
      „Da kommt mir ja glatt die Idee, du willst nochmal mit mir auf Ausflug gehen. Aber ja, ist unauffällig genug“, stimmte er ihr zu und sah sie erwartungsvoll an, damit sie ihm zeigte, was sie noch alles gekauft hatte. Allerdings tat sie nichts dergleichen. „War das alles? Komm schon, du bist doch wohl nicht nur wegen eines Pullis da rausgegangen. Keine neue Hose? Schuhe? Irgendwas? Zieh’s mal an, dann kann ich dir sagen, ob‘s gut ausschaut.“
    • Die Reaktion des Apothekars war glatt... überwältigend. Vermutlich machte die ewig gleiche Maske das nur noch schlimmer, aber Georgia war mittlerweile der festen Überzeugung, dass der Mann selbst unter der Maske sie genau so betrachtete und nicht anders. Stoisch, gelangweilt, emotionslos. Wahrscheinlich trug er die Maske nur, um keine Flecken auf sein tolles, unbewegtes Gesicht zu bekommen. Zutrauen würde sie es ihm.
      "Da kommt mir ja glatt die Idee, du willst nochmal mit mir auf Ausflug gehen."
      Sie senkte den Pulli, damit er das prächtigste Augenrollen genießen konnte, das sie auf Lager hatte.
      "Klar. Das ist auch das einzige, woran ich denke, und nicht etwa, dass ganz Amerika mich als Terroristin fahndet. Sehr gut aufgepasst."
      Das brachte ihn nun endlich zu einer halbwegs klareren Antwort.
      "Aber ja, ist unauffällig genug."
      "Geht doch."
      Sie warf sich den Pulli über die Schulter und ging dann zum Sofa, das gleichzeitig ihr Bett war und ihr gleichzeitig auch noch wie ihre eigene kleine Ecke in dieser vollen Wohnung schien. Es war ja nicht so, dass sie Schränke besessen hätte, um das Zeug reinzuhängen. Jetzt musste sie die Tüte einfach in eine Ecke legen.
      "War das alles?"
      Sie drehte sich zu dem Mann um. Er saß vor seinem kleinen Couch-Tisch und schien sich mit seinem Zeug ausgebreitet zu haben. Vor ihm lagen vergessene Pillen, die er ignorierte, nachdem er Georgia ansah.
      "Komm schon, du bist doch wohl nicht nur wegen eines Pullis da rausgegangen. Keine neue Hose? Schuhe? Irgendwas? Zieh’s mal an, dann kann ich dir sagen, ob's gut ausschaut."
      "Oh, ha-ha. Ganz bestimmt nicht. Ich hab dich nur nach deiner Meinung gefragt, weil du dich mit so Sachen auskennst. Wie man unentdeckt bleibt und sowas. Der Rest geht dich ja wohl nichts an."
      Sie setzte sich und beäugte dann die Aufstellung auf seinem Tisch.
      "Stellst du so deine Pillen her? Einfach per Hand? Das sieht mühsam aus."
    • Georgia stolzierte regelrecht zurück zur Couch, allerdings nicht ohne den eindringlichen Blick des Apothekars in ihrem Rücken. Er war sich nicht schlüssig, ob er eine überaus verängstigte und skeptische Georgia lieber hatte als eine sarkastische und bissige Variation von ihr. Beides erwies sich als gleichermaßen anstrengend. Trotzdem beharrte er auf seine Nachfrage nach mehr. Das konnte sie einem Blinden aufbinden, dass sie mit ihrem Geld nur diesen jämmerlichen Pulli gekauft hatte.
      „Oh, ha-ha.“ Ja, er mochte die sarkastische Georgia weniger gern. „Ganz bestimmt nicht. Ich hab dich nur nach deiner Meinung gefragt, weil du dich mit so Sachen auskennst. Wie man unentdeckt bleibt und sowas. Der Rest geht nicht ja wohl nichts an.“
      Er blinzelte. „Nicht? Wer bringt denn die Sachen in den Waschsalon? Du oder ich? Wäre doch scheiße, wenn ich irgendwas von deinen neuen Sachen gleich falsch wasche, oder?“ Er hätte natürlich verlangen können, in die Tüte zu sehen, die sie neben die Couch stellte. Die eindeutig mehr fasste als nur den Pulli. Also hatte sie vermutlich Unterwäsche gekauft, und darauf spielte er an. War ja auch nur logisch. Immerhin war sie praktisch mit nichts gekommen.
      Er bekam dafür nur einen scharfen Blick, der ihm deutlich machte, dass sie auf seine Fragen nicht weiter eingehen würde. Nun gut. Dann eben nicht.
      „Stellst du so deine Pillen her?“, fragte sie dann und sah auf den Tisch vor ihm. „Einfach per Hand? Das sieht mühsam aus.“
      Zugegeben, für jemanden, der davon keine Ahnung hatte, sah das wirklich aus wie Sisyphos Arbeit. Alles war voll mit Förmchen, sein Mischbecher stand da noch rum, die Waage daneben, Schälchen und Löffel komplettierten das Bild.
      „Jap. Wenn man genug Zeit hat und die Muße, dann ist das das Günstigste, was du machen kannst. Keine Maschinenkosten, keine Platzansprüche, keine Löhne, nichts.“ Er hatte sie die Form einst aus Silikon gegossen und seitdem benutzt. Er müsste sie zuletzt in den Ofen stellen, damit die Feuchtigkeit aus den Pillen verdampfte und sie festigte. „Sehen zwar nicht so schön aus wie die der Pharmazie, erfüllen aber ihren Zweck.“
      Der Apothekar friemelte eine fertige Tablette aus seinem Vorrat und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger vor Georgia. „Schon spannend, wie man auf die Idee kam, dass diese Mischung euch so beeinflusst. Muss ja schon try and error gewesen sein oder Zufall, dass man das geschnallt hat.“ Er sah das Mädchen an der Tablette vorbei an. „Magst eine? Also nicht für jetzt aber für den Fall, dass du es mal gebrauchen kannst. Wir packen sie in eine kleine Tüte und dann kannst du sie bei dir tragen. Immerhin weißt du ja nie, wann du es gebrauchen kannst, oder? Sollte dir was passieren, wäre Kontrolle über deine Fähigkeiten sicherlich nicht schlecht.“
      Ohne auf eine Antwort zu warten kramte er ein winziges Plastiktütchen hervor und steckte die Pille rein. Dann schob er das Tütchen über den Tisch bis zur Kante, überließ es aber Georgia, ob sie sie nehmen würde oder nicht.
      „Dann erzähl mal. Wie war es draußen so? Hast dich arg verfolgt gefühlt oder hielt es sich in Grenzen?“, erkundigte er sich anschließend im Plauderton, während er weiter seine Form befüllte.
    • Der Apothekar hielt eine der Tabletten zwischen seinen Fingern hoch. Sie sah eigentlich ganz unscheinbar aus, weiß und länglich, wie ein Großteil der Tabletten auf dem Markt waren. Man hätte sie von gewöhnlichen nicht unterscheiden können und wenn Georgia nicht bereits gewusst hätte, dass der Apothekar einen ganzen Kundenstamm hatte, die von diesen Tabletten abhängig waren, hätte sie vermutlich an ihrer Wirkung zweifeln können. Aber dadurch, dass sie genau davon wusste, kam ihr diese unscheinbare Tablette nur noch mächtiger vor.
      „Schon spannend, wie man auf die Idee kam, dass diese Mischung euch so beeinflusst", sagte der Apothekar und Georgia sah wieder zu ihm auf. "Muss ja schon try and error gewesen sein oder Zufall, dass man das geschnallt hat.“
      Trial and error? Georiga bekam noch eine Gänsehaut, bevor sie sich überhaupt über die Bedeutung dieser Aussage bewusst geworden war. Ja, wie war man darauf gekommen? Das wollte sie lieber gar nicht so genau wissen.
      „Magst eine?"
      Sie schnitt eine unwillige Grimasse, weshalb er gleich fortfuhr.
      "Also nicht für jetzt aber für den Fall, dass du es mal gebrauchen kannst. Wir packen sie in eine kleine Tüte und dann kannst du sie bei dir tragen. Immerhin weißt du ja nie, wann du es gebrauchen kannst, oder? Sollte dir was passieren, wäre Kontrolle über deine Fähigkeiten sicherlich nicht schlecht.“
      "Die Bestie ist weg und ich werde sie auch nicht mehr holen. Ich brauch deine Tabletten nicht."
      Georgia wäre doch nicht dumm genug, sich auf sein Zeug einzulassen. Und dann was, abhängig davon zu werden? Sicher nicht.
      Trotzdem holte er eines seiner kleinen Tütchen hervor, steckte die Pille rein und schob es dann zu ihr hinüber. Sie griff nicht danach, er nahm es aber auch nicht wieder zurück. Sie widmete der Tablette nicht einmal mehr einen zweiten Blick.
      Erstaunlicherweise hielten sie einigermaßen verträglichen Smalltalk ab, während der Apothekar weiter sein Pulver mischte. Es war noch lange nicht freundschaftlich, aber immerhin brachten sie es zustande, sich nicht allzu sehr gegenseitig aufzuregen. Zum Abendessen gab es Pizza - nicht zur Feier des Tages, sondern aus Mangel an Alternativen - und wie hätte es da anders sein können, als dass der Mann darauf bestand, dass Georgia ihr eigenes Zeug bezahlte. Es mochte zwar fair scheinen, aber mehr als die 30 $ hatte sie schon gar nicht mehr übrig. Und hinterher sogar nur noch die Hälfte davon. Georgia fand es also doch unfair und ließ ihn das auch wissen. Sein Gegenargument war, dass sie sich auch gerne eine eigene Wohnung suchen könne.
      In dieser Nacht wartete Georgia sehr lange ab, bis sie sich sicher war, nichts mehr aus dem Schlafzimmer zu hören zu bekommen, bevor sie ihr Handy herauszog, das Ladekabel in die nächste Steckdose packte und es unter der Decke versteckt in den Händen hielt. Das Display leuchtete auf und Georgia bekam fast einen Herzinfarkt, als es einen Ton von sich gab. Da steckte sie es unter ein Kissen und wartete ab, ob sie von drüben etwas zu hören bekommen würde.
      Der Apothekar schlief noch immer und so brachte sie es fertig, das Handy auf lautlos zu stellen, bevor sie sich damit wieder unter die Decke verkriechen konnte. Und nach vielen Minuten, in denen sie die leere SMS-Box anstarrte, deren Empfänger sie schon eingetragen hatte, begann sie endlich zu schreiben.

      - Hi Mom, ich bin's, Georgia. Ich habe ein neues Handy, bitte ruf mich nicht an. Ich kann nicht abheben, aber ich kann schreiben. Hab dich lieb

      Es dauerte fünf Minuten und dann leuchtete das Display doch mit einem Anruf auf. M O M stand dort in fetten Buchstaben. Georgia spürte einen Stich Irritation, als sie sie schnell wegdrückte. Sie hatte es doch extra geschrieben?
      Einen Moment später kam dann aber doch die Antwort nach.

      - Wie geht's dir???? Wo bist du????

      Und als Georgia ihr diesmal antworten konnte, ungestört und ohne sich um irgendwas Gedanken zu machen, tat sie das unter Tränen. Dafür vergrub sie sich so tief unter ihrer Decke, dass man weder das Handy, noch Georgias Weinen hören konnte. Zumindest regte sich der Apothekar nicht.

      Natürlich war Georiga nicht dumm genug, ihrer Mutter tatsächlich zu erzählen, wo sie war, aber sie schrieben hin und her, über unverfängliche Dinge, über die man sie nicht orten können würde. Natürlich fragte ihre Mutter häufiger nach Informationen, die offensichtlich gewesen wären, aber Georgia durchschaute sie alle. Stundenlang schrieben sie hin und her, bis Georgia irgendwann eine andere SMS bekam:
      Guthaben verbraucht.
      Sie starrte auf den Text, während ihr ein kalter Schauer durch den Rücken rann. Guthaben verbraucht? Das konnte doch nicht sein - so viel hatte sie doch nicht geschrieben! Aber als sie den nächsten Text senden wollte, ging er nicht mehr raus.
      Das war es dann also wieder. 10 $ in wenigen Stunden verbraten. Georgia spürte nur die Angst in sich sitzen, als sie wieder alleine unter der Decke war, der Text ihrer Mutter unbeantwortet. Das war es also wieder, nur ein kurzes Vergnügen. Und sie hatte ihrer Mom nicht einmal alles sagen können, was sie ihr sagen wollte.
      Da schaltete sie wohl oder übel ihr Handy wieder aus, steckte das Kabel aus und ließ beides wieder in ihrer Hosentasche verschwinden. Soviel dazu. Ein zweites Mal weinte sie in dieser Nacht nicht, aber eben nur, weil sie schon einmal Tränen herausgelassen hatte. Irgendwann schlief sie endlich ein.

      "Ich brauch Geld."
      Sie hatte dem Apothekar nicht einmal einen guten Morgen gewünscht, als er hereingekommen war, aber zu ihrer Verteidigung hatte er das auch nicht getan. Er hatte nur unter seiner Maske gebrummt.
      "Das von gestern ist mir schon wieder ausgegangen. - Und ich kann ja wohl kaum mit so wenig Klamotten überleben, oder?"
      Sie zeigte auf die Einkaufstasche neben sich. Sie hatte sich frische Unterwäsche davon angezogen - als ob sie ernsthaft den Apothekar ihre Unterwäsche zum Waschsalon bringen lassen würde; der Gedanke schüttelte sie noch immer - und außerdem ihr neues Shirt, trug aber noch die alte Hose. Da waren die Taschen größer, worauf sie gestern nicht geachtet hatte, sodass sie ihr Handy noch dort verstecken konnte. Sie würde sich sowas wie eine Herrenhose zulegen müssen und außerdem brauchte sie ja noch andere Schuhe. Vielleicht mal einen Rucksack, wo sie ihre Sachen aufbewahren konnte.
      Aber am meisten Guthaben für ihr Handy.
    • Während sich der Apothekar und Georgia in unverfänglichen Smalltalk verloren, hing ihm ein Satz von ihr hinterher.
      Die Bestie ist weg und ich werde sie auch nicht mehr holen.
      Damit hatte sie beiläufig zugegeben, dass sie ihr ach so schönes Druckmittel ihm gegenüber endlich aufgegeben hatte. Ob es daran lag, dass sie wirklich zu viel Angst vor dem Vieh hatte und dass sie es nicht kontrollieren konnte, oder einfach, weil sie dachte, sie bräuchte es nicht, war einerlei. Wichtig dabei war, dass sie das Argument einfach fallen ließ. Sie hielt es nicht mehr für nötig, es bei ihm anzubringen und das war ein Schritt näher in seine Falle hinein.
      Er ließ das Tütchen prominent auf dem Tisch liegen, wogegen er alles andere sorgsam wieder wegpackte und unter seinem Bett verschwinden ließ. Die Form packte er in den Ofen – dort würde sie ganz langsam über Nacht austrocknen. Vielleicht würde Georgia ja doch nach der Tüte greifen und sie einstecken. Nur für den Fall. Eine einzige Tablette reichte nicht, um ihm auch nur ein einziges Haar zu krümmen. So paranoid war er dann auch nicht.
      An diesem Abend legte er sich in sein Bett wie immer. Es stand kein Ausflug an, sondern einfach nur eine stinknormale, einfach Nacht. Es dauerte lange, bis er endlich weggedämmert war und ein freundliches Gedüdel weckte ihn kurz, aber nicht stark genug. Er schlief die Nacht durch, ohne wie ein Wahnsinniger aufzuschrecken oder von Alpträumen verfolgt zu werden.

      Am nächsten Morgen rollte er aus seinem Bett. Selten schlief der Apothekar so lange wie jetzt und das rächte sich mit Kopfschmerz. Er stöhnte, als er in das Badezimmer schlurfte und sich dort im Spiegel betrachtete. Er sah bleich aus, bis auf die üblichen, geröteten Stellen in seinem Gesicht. Noch immer zeichneten sich die Tränensäcke ab und allgemein wirkte er einfach nur fertig. So fertig, dass er sogar seine Maske vergessen hatte, aber dann war das eben so.
      Er kam ins Wohnzimmer, nachdem er sich halbwegs fertig gemacht hatte. Seine Haare waren immer noch ein Haufen Chaos, die Maske verdeckte sein Gesicht. Die Jogginghose war die gleiche wie gestern, doch das Shirt war neu, wenn auch mindestens genauso weit geschnitten. Einen Fuß setzte er in das Zimmer, da überfiel Georgia ihn direkt.
      „Ich brauche Geld.“
      Er gab ein unleidliches Geräusch von sich und stapfte weiter. Eines der Fenster wurde von ihm aufgerissen, um den Mief der Nacht loszuwerden.
      „Das von gestern ist mir schon wieder ausgegangen. – Und ich kann ja wohl kaum mit so wenig Klamotten überleben, oder?“
      „Kannst Shirts von mir haben“, erwiderte er lapidar. Sein Gehirn kam erst langsam auf Touren, die Kopfschmerzen pulsierten unangenehm deutlich in seinem Kopf. Entzugserscheinungen? „Dann arbeite dafür. Kommt drauf an, wann mich ein Kunde kontaktiert.“
      Er konnte ja mal einen Blick auf eines seiner Dealerhandys werfen. Er schlurfte zurück zu seinem Bett und zog die Kiste mit Handys hervor. Er klickte ein paar von ihnen durch, fand aber keine neuen Nachrichten. Es würde wohl noch zwei Tage oder so dauern ehe sich jemand wieder für neues Zeug meldete. Oder sie gingen direkt ins Mallard, sofern es wieder zugänglich war.
      Der Apothekar stöhnte, als sich ein Peak in seinem Kopf anbahnte, und ließ sich von der Hocke auf den Hosenboden fallen. Er massierte sich die Schläfen in der Hoffnung, dass es das bessern würde, aber es sah nicht unbedingt danach aus. „So ne Scheiße, man…“
      Nach einer Weile raffte er sich zusammen und stand auf, um die nicht vorhanden Neuigkeiten mit Georgia zu teilen. „Gibt noch keine Nachricht. Entweder wartest du oder du schaust nach, ob das Mallard noch überlaufen ist oder nicht. Sonst können wir auch da heute Abend mal vorbeischauen. Oft gibt’s da was zu tun.“
      Das war das Einzige, was er ihr bis jetzt und unter Kopfschmerzen anbieten konnte. Vielleicht ging sie ja noch mal auf Tour und dann konnte er sich mit sich selbst beschäftigen. So Kopfschmerzen hatte der Mann schon länger nicht mehr erlebt.
    • Georgia hatte nur ein Augenrollen für das schlechte Angebot übrig, ein Shirt des Apothekars anzuziehen. Darum ging es ja gar nicht. Sie konnte ja wohl kaum ständig seine Sachen tragen.
      Natürlich ging es ihr auch eigentlich nur um das Handy-Guthaben. Ihre Mutter war ihr momentan dann doch wichtiger als sich dumme Klamotten zu kaufen.
      „Dann arbeite dafür. Kommt drauf an, wann mich ein Kunde kontaktiert.“
      "Und wann ist das?"
      Georgia war ungeduldig. Bis zum gestrigen Tag hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht, ob sie mit dem Mann einen weiteren Deal unternehmen wollte, weil das irgendwie wirklich nicht zur Debatte stand, aber jetzt hatte sie eine erhebliche Schwelle überschritten, die sie zuvor davon abgehalten hätte. Sie brauchte nunmal das Geld und alleine würde sie es nicht bekommen. Und er würde es ihr auch nicht geben - mal ganz davon abgesehen, dass er selbst nicht viel hatte. Man sah es ja an der Wohnung.
      Sie bekam keine Antwort, sondern der Mann drehte einfach um und schlurfte wieder ins andere Zimmer hinüber. Seine Bewegungen waren heute etwas steif und außerdem hörte er sich an, als hätte er die letzte Nacht gefeiert und würde jetzt seinen Rausch auszuschlafen versuchen. Entsprechend hörte er sich richtig schlecht an und sah unter der Maske vermutlich auch so aus.
      Sie wartete mit all der Geduld, die sie aufbringen konnte, bis er wiederkam. Schlurfend, langsam. Müde.
      „Gibt noch keine Nachricht. Entweder wartest du oder du schaust nach, ob das Mallard noch überlaufen ist oder nicht. Sonst können wir auch da heute Abend mal vorbeischauen. Oft gibt’s da was zu tun.“
      Was zu tun? Meinte er Deals oder was anderes? Georgia hatte nie gefragt, ob er auch eine zweite Einnahmequelle hatte. Sie wusste gar nicht, ob sie das so genau wissen wollte.
      "Dann gehen wir ins Mallard. Heute Abend."
      Sie stand auf.
      "Ich geh mir Frühstück besorgen."
      Damit zog sie sich ihren schwarzen Pulli über und ließ den Apothekar in seiner Wohnung versauern. Natürlich ging sie zu allererst einmal ihr Handy aufladen, aber dann besorgte sie sich wirklich etwas zu essen, was die reinste Nervenprobe für sie war. Hinterher war sie dann aber wirklich pleite und wollte schon nichts anderes mehr, als sich mehr Geld zu besorgen. Auf welche Weise auch immer.
    • „Dann gehen wir ins Mallard. Heute Abend.“
      Der Apothekar starrte Georgia nieder, das sah sie durch die Maske allerdings nicht recht. Was war denn mit ihr auf einmal los? Kaum hatte sich ihr Arm halbwegs gefangen, sie schwebte nicht mehr in Lebensgefahr und abgefunden mit der Situation hatte sie sich auch, da kam urplötzlich der Drang, Geld zu haben.
      Der Apothekar war skeptisch.
      „Ich geh mir Frühstück besorgen“, verkündete sie dann beim Aufstehen und er ließ sie einfach ziehen.
      Für so einen Scheiß hatte er keine Zeit.

      Hätte er ein Fenster zur Straße gehabt, hätte er dort verfolgt, wie Georgia hinter den nächsten Gebäuden verschwand. So wartete er seine provisorischen 10 Minuten ab, ehe er sich mit seinem Equipment bewaffnete und ins Badezimmer setzte. Ohne Schlüssel kam die Kleine eh nicht rein. Und ganz ehrlich: sollte er wegdriften und sie käme zurück, war das eben ihr Problem. Auf den Wankelmut eines Freak-Weibs hatte er im Moment eh keinen Bock. Nicht, wenn er das Gefühl hatte, sein Kopf würde gleich explodieren.
      Routiniert wie immer löste er das Heroin in Salzwasser auf, gab es in die Spritze und machte den Arm frei. Mit einem Gürtel drückte er sich den Oberarm ab, nachdem er seine Armbeuge desinfiziert und seinen Platz neben dem Klo eingenommen hatte. Ganz leicht zitterten seine Finger, als er die Nadel in seine Vene stach und peu á peu die Droge in seinen Blutkreislauf schoss. Als er die Nadel entfernte, verpackte und im Müll entsorgte, löste er den Gürtel und ließ sich halb gegen das Porzellan der Schüssel fallen. Er schloss die Augen und wartete, dass die Wirkung einsetzte.
      Sie kam, und mit dem Gefühl des losgelöst seins lösten sich ebenfalls seine Kopfschmerzen wie durch Zauberhand auf. Er fühlte sich frei, er hatte keine Sorgen und keine Ängste. Keine Wut und keinen Hass. Einfach nur dasitzen und die Zeit dahinfließen lassen. Das war alles, was jetzt gerade zählte.

      Georgia kam überraschend spät zurück. Für nur ein Frühstück hatte sie verdammt viel Zeit draußen totgeschlagen, und das auch noch am helllichten Tag. Der Apothekar, dessen High nicht mehr auf dem Peak war, öffnete ihr und sah sie verdrießlich an. „Hat ja ganz schön gedauert für nur ein Frühstück.“
      Er sah an ihr herunter; sie hatte nicht einmal eine Tüte dabei. Kein Krümel, kein Fleck, keine Tüte, nichts. Als wäre sie gar nicht weggewesen. Also hatte sie draußen was gegessen und ihm nicht mal was mitgebracht. Sehr freundlich von ihr. Dankbarkeit hatte bei Freaks immer ihre Grenzen. Das musste er sich einfach nur wieder in den Sinn rufen.
      „Wir gehen erst heute Abend los. So gegen 21 Uhr“, sagte er zu ihr, als er in die Küche ging und zusehen musste, was er sich aus seinem Kühlschrank jetzt zum Essen machen sollte. „Wenn da immer noch Scheiße abgeht, ziehen wir ab. Ich hab keine Lust, dass da noch immer die Cops rumschwirren nach deiner Glanzleistung und uns abfangen.“
    • Der Apothekar begrüßte sie mit einer grummelnden Bemerkung, die Georgia kommentarlos wegsteckte. Sie war schnell zu dem Laden gegangen, den sie gestern gefunden hatte, und dann hatte sie sich auch nur so ein Brötchen reingestopft. Dass ihm ihre längere Abwesenheit doch aufgefallen war zeigte ihr, dass sie das nächste Mal noch schneller sein musste. Sie konnte es sich nicht erlauben, dass er auch nur irgendetwas von ihrem Vorhaben herausfand. Wenn er sah, dass sie die ganze Zeit schon mit ihrer Mutter schrieb, würde er sie vermutlich umbringen.
      Georgia trat also nur ein und ging in die Küche durch. Der Apothekar schien jetzt wacher als vorher und er stand auch aufrechter. Seine Laune war aber immernoch so beschissen.
      "Wir gehen erst heute Abend los. So gegen 21 Uhr."
      "Okay."
      Sie setzte sich auf die Couch, während er seinen Kühlschrank durchforstete. Nicht, dass dort von vornherein viel gewesen wäre.
      „Wenn da immer noch Scheiße abgeht, ziehen wir ab. Ich hab keine Lust, dass da noch immer die Cops rumschwirren nach deiner Glanzleistung und uns abfangen.“
      "Nach meiner Glanzleistung?"
      Sie verschränkte die Arme, auch wenn sie wusste, dass sie vermutlich die erste war, der man die Schuld zuschieben konnte. Es war ja auch ihre Schuld gewesen, aber nur ein bisschen. Ein ganz kleines bisschen.
      "Die Bestie ist einfach gekommen. Ich kann das nicht kontrollieren, wie du ja weißt."
      Natürlich bekam sie gleich die Retourkutsche, dass er das damals nicht gewusst hatte und natürlich nicht das Mallard gewählt hätte, wenn er gewusst hätte, dass das Vieh auftauchen würde. Weil sie in dieser Diskussion sowieso nicht gewinnen konnte, hielt Georgia darauf den Mund. Das war besser, als ihn wieder so wütend zu erleben wie noch vor zwei Tagen. Ihre Wange tat zwar nicht mehr weh, aber spüren konnte sie es trotzdem noch.
      Sie ließ sich in die Polster sinken und schaltete den Fernseher an. Irgendwie fand sie, dass die Suchmeldungen sich besser ertragen ließen, jetzt, wo sie mit ihrer Mutter geschrieben hatte und nicht mehr das Gefühl hatte, so sehr allein zu sein. Alles würde schon wieder gut werden, das hatte auch sie ihr gesagt. Und Georgia schöpfte ihre Hoffnung daraus.

      Sie gingen erst am Abend los, wenn es draußen schon dunkel war - perfekt für Georgias schwarzen Pulli. Sie fühlte sich auch ein wenig sicherer dabei, dem Apothekar in die Dunkelheit zu folgen. Vielleicht war es auch die zweite Maske, die er ihr gegeben hatte, und die ihr etwas an Sicherheit verlieh.
      Seit dem Vorfall im Mallard war über eine Woche vergangen und wenngleich die Polizei die Gegend selbst mit dem Hubschrauber abgesucht hatte, waren sie doch nach ein paar Tagen zu der Überzeugung gelangt, dass Georgia mit ihrer Bestie weitergezogen war. Die Streifenwagen hatten ihre Belagerung aufgegeben und nur die Patrouillen fuhren ein bisschen häufiger als sonst. Sonst war es so wie immer und auch das Mallard hatte sich von dem Anblick des heran schleichenden Albtraums erholt. Zumal die Bestie niemals weit genug gekommen war um zu bestätigen, dass sie wirklich ins Mallard gewollt hatte.
      Als Georgia mit dem Apothekar auftauchte, war der Schuppen so stark besucht wie auch sonst. Es hatte sich seit dem letzten Mal eigentlich gar nichts verändert.
    • Selbstverständlich hatte sich der Apothekar im Vorfeld darüber informiert, ob und wie viele Cops um das Mallard herum noch patrouillierten. Er wäre nicht so dämlich und würde einfach so an dem Ort auftauchen, wo man ihn und Georgia allein schon wegen der verdächtigen Masken festnehmen würde. Folglich hatte er ein wenig recherchiert und schließlich befunden, dass sie einen Besuch wagen konnten.
      Dass sich das Mallard von dem Zwischenfall nicht wirklich beeinflussen ließ, sah man deutlich an der Zahl der Menschen, die den Laden förmlich füllten. Als hätte es diesen Zwischenfall nie gegeben, saßen Leute in der Bar am Tresen und tranken. Andere nahmen die Billardtische in Beschlag, wieder andere spielten Dart oder standen in Grüppchen an Stehtischen. Es war laut, diesig und viel zu warm. Also so, wie es immer war.
      Mit Georgia im Schlepptau zwängte sich der Apothekar durch die Menge an Leuten und versuchte, möglichst wenig von ihnen anzurempeln. Dass dabei niemand sein doch sehr angesäuertes Gesicht sehen konnte, war sicherlich von Vorteil für ihn. In seinem Schatten folgte Georgia, die mit ihrem Pulli in der nächstbesten Ecke vermutlich komplett verschwinden würde.
      Wie beim letzten Mal nahmen sie die Treppe, die ins Untergeschoss führte. Dort änderte sich auch abermals der Musikstil, die Beleuchtung und die Klientel. Hier unten befanden sich nicht mehr die normalen Kneipengäste, sondern diejenigen, die ein wenig mehr Privatsphäre oder Geschäftliches im Sinn hatten. Der Apothekar ließ seinen Blick einmal kurz schweifen und erkannte direkt ein paar bekannte Gesichter, die wegen ganz offensichtlicher Vorhaben hier waren. Hinten in einer der letzten Ecken saß ein älterer, weißer Mann um die Ende Vierzig mit Vollbart, der schon zwei sehr freizügige junge Frauen um sich geschart hatte. Ein paar Sitzplätze weiter saß eine Eskortdame, die man wegen ihrer hochwertigen, wenn auch freizügigen Kleidung erkennen konnte. Ihr Blick traf sich mit dem des Apothekars über die Tanzfläche hinweg und er nickte ihr kurz zu als Zeichen, dass er sie gesehen hatte.
      An anderen Tischen gingen Gespräche oder schon Verhandlungen vor sich. Die Gründe waren vielfältig. Zusammen mit Georgia nahm er sich einen Tisch an der Seite ohne direkte Nachbarn. Während sie sich noch umschaute und offensichtlich all die Leute angaffte, die nirgendwo sonst außer hierher gepasst hätten, zog der Apothekar seinen Mantel aus und griff nach der Karte.
      „Du willst Geld verdienen, ich zeig dir den Ort, wo. Der Rest liegt bei dir“, sagte er beiläufig, während er die Liste der Softdrinks überflog. Wenn er sich einen Schuss gesetzt hatte, verzichtete er auf Alkohol am selben Tag. „Überall hier an den Tischen sitzen Leute, die in der Regel irgendetwas wollen. Die Chance, dass du was findest, ist bei denen am höchsten, die allein sitzen. Ansonsten viel Glück."
      Er würdigte Georgia keines Blickes, sondern wartete darauf, dass sie aufstand und losging. Es half ihm nicht, ihr zu sagen, was welche Person hier suchte oder anbot. Dafür würde er ihre Interessen hinterfragen müssen und darauf hatte er gelinde gesagt keinen Bock. Dass er mit ihr hierhergekommen war glich bereits großer Kulanz, aber wenn er ihr das so auf die Nase band, würde sie wahrscheinlich wieder das bockige Kleinkind mimen.
      Nur bewegte sich Georgia nicht.
      Er seufzte und legte die Karte flach auf den Tisch. „Worauf wartest du? Ich dachte, du wärst so scharf auf Geld, dann steh auf und geh fragen. Das ist normal, wenn du noch keinen Ruf oder Namen hast. Aber als Tipp, weil ich ja weiß, dass du keinen Bock auf Sex hast: Geh nicht zu dem alten Kerl mit den zwei Weibern da hinten in der Ecke. Der ist widerlich.“
      Das war in seinen Augen Hilfe genug und er nahm seine Tätigkeit mit der Karte wieder auf.
    • Wie beim letzten Mal gingen sie die wenigen Stufen hinab ins Kellergeschoss. Beim letzten Mal war Georgia zu beschäftigt mit ihrem Argwohn und ihrer Angst gewesen, um irgendetwas wirklich ordentlich wahrzunehmen, aber jetzt ließ sie den Blick aufmerksamer durch den Raum schweifen. Die Menschen hier hatten alle eine Ausstrahlung, die dazu passte, sich in das Untergewölbe einer Kneipe zurückzuziehen. Sie waren zwar alle nicht so zurückgezogen und geheimnisvoll wie der Apothekar, aber sie passten doch auf ihre eigene Weise dort hinein. Georgia sah gerade zur rechten Zeit zu einem älteren Mann, der ein schleimiges Grinsen zu seinen beiden Begleitungen warf. Ja, das hier war wohl wirklich der richtige Ort für sowas. Innerlich schüttelte sie sich ein bisschen.
      Sie setzten sich an einen anderen Ort wie letztes Mal und der Apothekar zog gleich die Karte. Georgia blieb erst noch sitzen und starrte eine einsame, aufgetakelte Frau ein paar Tische weiter an.
      „Du willst Geld verdienen, ich zeig dir den Ort, wo. Der Rest liegt bei dir.“
      Sie sah wieder zum Apothekar. Er war bereits ins Menü vertieft und sprach mit einer Tonlage, als würden sie einen Plausch über das Wetter abhalten. Langsam konnte Georgia sich daran gewöhnen, dass sie in solchen Stimmlagen illegale Pläne schmiedeten.
      „Überall hier an den Tischen sitzen Leute, die in der Regel irgendetwas wollen. Die Chance, dass du was findest, ist bei denen am höchsten, die allein sitzen. Ansonsten viel Glück."
      Sie nickte. Ja, das war wohl einleuchtend. Das vertrug sich mit dem Bild, das sie bereits von diesem Laden...
      Moment, was? Viel Glück bei was? Sie starrte den Mann vor sich an, der weiter die Karte studierte. Viel Glück? Erwartete er von ihr, dass sie jetzt loszog und irgendwelche Deals abschloss? Das war ja wohl eher Einbildung. Sie waren ja hergekommen wegen... naja, wegen dem Mallard eben. Der Apothekar schloss die Deals, Georgia stand nur dabei und half mit etwas Nachdruck. Sie würde doch nicht... sie würde doch nicht... wie sollte sie das überhaupt tun!
      Einige Sekunden lang verstrichen, in denen Georgia unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. Dann seufzte der Apothekar schließlich und legte die Karte ab.
      „Worauf wartest du? Ich dachte, du wärst so scharf auf Geld, dann steh auf und geh fragen."
      Sie starrte ihn an, als würde er französisch mit ihr reden.
      "Ich soll... fragen?"
      "Das ist normal, wenn du noch keinen Ruf oder Namen hast. Aber als Tipp, weil ich ja weiß, dass du keinen Bock auf Sex hast: Geh nicht zu dem alten Kerl mit den zwei Weibern da hinten in der Ecke. Der ist widerlich.“
      Da musste sie ihm recht geben, aber das half ihr noch lange nicht weiter. Sie sollte fragen? Was, einfach hingehen und fragen, ob man irgendwelche Deals eingehen sollte?
      Fast schon erwartete sie, dass der Apothekar es endlich selbst tun würde, so wie er auch sonst immer alles geleitet und organisiert hatte, aber der Mann hatte die Karte wieder aufgenommen und schien sich jetzt darauf festgesessen zu haben, sie für den Rest des Abends zu lesen. Georgia konnte also entweder eine Stunde lang rumsitzen, oder sie stand auf und ging sich etwas Geld verdienen. Dabei wollte sie nicht darüber nachdenken, dass sich das so anfühlte, als würde sie sich prostituieren. Es ging ja schließlich nicht um solche Deals! ..... Oder?
      Also stand sie schließlich langsam auf. Ihr Blick ging noch einmal durch den Raum. Also nicht den alten Kerl, das war ihr nur recht. Vielleicht der junge, neben der Treppe? Oder die beiden Männer am Tisch? Letzten Endes fiel ihre vorsichtige Wahl dann doch auf die aufgetakelte, einsame Frau.
      Langsam, damit sie ihren eigenen Herzschlag beruhigen konnte und nicht völlig merkwürdig aussah, ging Georgia zu ihr hinüber. Die Frau hatte ein Kilo Schminke im Gesicht und einen sehr einladenden Ausschnitt. Die wartete sicher auf ihr Date, schätzte Georgia mal. Nur, dass sie jetzt noch alleine war.
      Das Herz rasend und der Hals so staubtrocken, wie es nur irgendwie möglich war, blieb Georgia vor dem Tisch stehen. Die Frau sah zu ihr auf, ein Ausdruck im Gesicht, der alles andere als einladend war. Sicher versuchte sie gerade herauszufinden, ob Georgia sie ausrauben wollte.
      Sie schluckte und öffnete den Mund zu sprechen, bevor ihr auffiel, dass sie noch immer stand. Zum Glück hatte man das hinter der Maske nicht gesehen. Da setzte sie sich kurzerhand zu der Frau an den Tisch.
      "Hi."
      Oh Gott war das schwer. Georgia hatte noch nie das Herz so stark in der Brust gehämmert und das einzig und allein davon, mit Leuten zu reden. Was tat sie hier überhaupt?
      "Hast... ähm... brauchst du... irgendwas?"
    • Die aufmerksamen Augen des Apothekars hefteten sich an Georgias Rücken, kaum war sie vom Tisch aufgestanden. Durch seine Maske sah es von Weitem noch immer so aus, als studiere er die Karte, sodass er ihr unverhohlen nachblicken konnte. Dann wollten wir mal sehen, welches Ziel sich Georgia ausgesucht hatte.
      Die Escortdame sah zu Georgia auf, als die sich steif an den Tisch stellte. Unter den zahlreichen Schichten Schminke verbarg sie ein weniger faltenfreies Gesicht und selbst wenn es bis zur Perfektion aufgelegt worden war, täuschte es nicht ewig über Makel hinweg. Ihr Gesichtsausdruck wechselte von nachdenklich zu fragend und schließlich sogar argwöhnisch. Was sich nicht wirklich besserte, als sich Georgia an ihren Tisch setzte.
      „Hi.“
      „….“ Das Schweigen wurde von der elektronischen Musik übertüncht.
      „Hast… ähm… brauchst du… irgendwas?“, fragte Georgia unbeholfen und die Frau ihr gegenüber blinzelte sie lediglich an.
      „Seit wann hat der Apothekar eine Handlangerin?“, erkundigte sich die Frau nach einer gefühlten Ewigkeit und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Dabei verschränkte sie die Arme unter der Brust, wodurch ihre Brüste beinahe ihren Halt verloren. „Üblicherweise kommt er selbst an, wenn er etwas möchte.“
      Sie deutete auf die Maske, die Georgia trug und zuckte die Achseln.
      „Also hat er dich nicht geschickt, ja?“ Sie warf einen flüchtigen Blick an Georgia vorbei zu dem Tisch, wo der Apothekar noch immer die Karte studierte. „Was soll das dann werden, Mädchen? Du stellst dich ziemlich ungeschickt an für jemanden, der vom Apothekar lernt. Aber immerhin bist du nicht direkt zu George gegangen.“
      Sie griff nach ihrem Drink und selbst diese einfache Bewegung war schon unfassbar aufreizend. Dass sie dabei konstant den Blickkontakt zu Georgia hielt, machte es nicht unbedingt besser. „Reicht dir nicht das Geld, das deine Zusammenarbeit mit ihm abwirft?“
      Das Zögern seitens Georgia sprach Bände. Die Frau seufzte und schüttelte resignierend den Kopf ehe sie ihren Drink wieder abstellte. „Okay, Kleine. Versuch dein Glück, aber einfach wird’s nicht. Ich glaube, du weißt, was ich professionell unternehme. Aber das Alter arbeitet gegen mich und irgendwann sollte ich mir wohl was anderes überlegen. Ich weiß nicht, woher du kommst, aber wenn du mit dem Apothekar zusammenarbeitest hast du womöglich gewisse… Kontakte.“
      Sie malte mit einem perfekt lackierten Fingernagel auf dem schäbigen Tisch herum. Wartete darauf, dass Georgia etwas dazu sagte, aber scheinbar verstand diese den Wink nicht ganz.
      „Ich will nicht mehr so viele verschiedene Kunden haben. Ich will wenige, aber dafür diejenigen mit den dicken Taschen. Kennst du zufällig jemanden, der dem entsprechen könnte? Wenn nicht, dann musst du dir wohl leider jemand anderes suchen.“
    • Unter dem Blick der Frau wurde Georgia unruhig. Sie rutschte ein wenig auf dem Stuhl herum, während die andere sie einfach nur ansah. So lang konnte man doch nicht für eine Frage brauchen, oder? Es war doch auch eine ganz einfache Frage, ob sie eben was brauchte oder nicht. Das war doch richtig so, nicht? So tat man das doch?
      Trotzdem brachte diese mehr als unangenehme Stille Georgia zum Schwitzen. Sie musste sich willentlich davon abhalten, zum Apothekar zurückzusehen, um von ihm eine Art von Reaktion zu bekommen.
      „Seit wann hat der Apothekar eine Handlangerin?“, fragte die Frau endlich. Georgia wusste gar nichts damit anzufangen; toll, dass sie ihr endlich geantwortet hatte, gar nicht toll, dass sie sie gleich durchschaut hatte. Dann war der Apothekar sonst alleine? Oder sollte die Frage auf etwas anderes abzielen?
      „Üblicherweise kommt er selbst an, wenn er etwas möchte.“
      Ah. Damit konnte Georgia was anfangen.
      "Ich bin nicht seine..."
      Naja, eigentlich ja schon, oder nicht?
      "... Ich meine, ich bin in eigener Sache hier. Ich mache das, nicht er."
      Aus der Miene der Frau ließ sich herauslesen, dass es sie entweder nicht interessierte, oder sie Georgia kein Wort glaubte. Vielleicht auch etwas anderes, das war schwierig zu erkennen unter dem ganzen Makeup.
      „Also hat er dich nicht geschickt, ja?“
      "Nein."
      Oder hätte sie besser Ja sagen sollen?
      „Was soll das dann werden, Mädchen?"
      Unter der Maske wurde Georgia heiß. Eigentlich war sie froh über den Schutz auf ihrem Gesicht, der genau das verdeckte, aber das machte die ganze Situation nicht besser. Sie fühlte sich unangenehm offen und entlarvt gegenüber dieser Frau, die ganz anscheinend viel mehr Erfahrung hatte als Georgia in dieser Sache. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, das hier durchziehen zu wollen?
      "Du stellst dich ziemlich ungeschickt an für jemanden, der vom Apothekar lernt. Aber immerhin bist du nicht direkt zu George gegangen.“
      "Ich lerne noch", war das beste, was sie zu ihrer Verteidigung anbringen konnte. Wow. Jetzt musste sie den Apothekar auch noch darstellen wie irgendeinen hohen Lehrer. Es ging hier doch nur um irgendwelche Deals, wie schwer konnte das denn sein!
      Die Frau vor ihr griff nach ihrem Drink. Bei der Bewegung waberte ihr freizügiger Oberkörper und Georgias Blick schnellte hinab. Dann starrte sie auch noch auf die langen, schlanken Finger, die sich einer nach dem anderen um das Glas schlossen.
      Jetzt war ihr wirklich heiß.
      „Reicht dir nicht das Geld, das deine Zusammenarbeit mit ihm abwirft?“
      "Huh?"
      Ertappt sah sie wieder nach oben, bevor ihr einfiel, dass die Maske ihren Blick sowieso verdeckte. Unter dem Tisch spielte sie mit ihren Fingern.
      "Nein - ich meine, doch, ich meine, das ist es nicht, worum es mir geht. Ich will nur... es geht um Selbstständigkeit."
      Das hatte sich in ihrem Kopf besser angehört, aber die Frau schien ihr trotzdem kein Wort zu glauben. Sie seufzte.
      „Okay, Kleine. Versuch dein Glück, aber einfach wird’s nicht. Ich glaube, du weißt, was ich professionell unternehme."
      Ein Blick auf ihr aufreizendes Dekolleté hätte wohl auch so eine recht deutliche Antwort geliefert.
      "Aber das Alter arbeitet gegen mich und irgendwann sollte ich mir wohl was anderes überlegen. Ich weiß nicht, woher du kommst, aber wenn du mit dem Apothekar zusammenarbeitest hast du womöglich gewisse… Kontakte.“
      Georgia nickte bekräftigend. Solche Kontakte hatte sie nicht, aber das ließ sich ja womöglich ändern. Woher auch immer solche Kontakte kommen sollten.
      „Ich will nicht mehr so viele verschiedene Kunden haben. Ich will wenige, aber dafür diejenigen mit den dicken Taschen. Kennst du zufällig jemanden, der dem entsprechen könnte? Wenn nicht, dann musst du dir wohl leider jemand anderes suchen.“
      Was war das denn für ein Deal? Georgia war ganz fest davon ausgegangen, dass es hier immer nur um Magipramin gehen würde - der Apothekar tat sonst doch nichts anderes. Aber jetzt sollte sie einen Kontakt besorgen, der... für solche Dienste gut bezahlte? Wo sollte sie denn sowas finden?
      ... Der Apothekar vielleicht? Aber der Gedanke war so absurd, dass Georgia ihn nicht weiter verfolgte. Bei dem Zustand seiner Wohnung entsprach er wohl nicht jemanden mit "dicken Taschen".
      Sonst hatte sie keine Ahnung. Aber wenn sie ihr Gesicht bewahren wollte, dann musste sie eben mitspielen. Vielleicht ein bisschen bluffen, bis sich das regeln würde.
      "Okay. Ja klar, ich besorg dir jemanden. Mach ich."
      Sie lächelte, bis ihr einfiel, dass die Frau es gar nicht sehen konnte. Das konnte ja noch was werden.
      Abrupt stand sie auf.
      "Ich werde ihn zu dir schicken."
      Und schneller, als sie angeschlichen gekommen war, flüchtete sie sich auch wieder in die Sicherheit des gemeinsamen Tisches zurück. Es war völlig absurd, so darüber nachzudenken, aber sie fühlte sich tatsächlich ein gutes Stück erleichtert, als sie sich wieder in die Obhut des Apothekars begab. Da hatte sie zumindest nicht das Gefühl, vollkommen fehl am Platz zu sein, und sie konnte sich endlich vor den Blicken der Frau verstecken.
      "Sie will einen Freier mit viel Geld."
      Erfolglos wartete Georgia auf eine Antwort. Der Apothekar gab sich gänzlich desinteressiert, was sie ihm ein wenig übel nahm. Immerhin war das ihr erster "Deal"!
      "Wo soll ich denn so jemanden auftreiben!"
      Sie warf unter der Maske einen Blick zu der Frau hinüber.
      "Ich dachte, du wärst hier bekannt für dein Magipramin, wollen nicht alle Leute damit dealen?"
    • Der Apothekar hatte sich so lange mit der Karte auseinandergesetzt bis er deren gesamten Inhalt im Schlaf beten konnte. Er war nicht hier, um sich was zu bestellen, sondern um die Lage einzuschätzen. Raids wie den im Mallard hinterließen meist Spuren und verscheuchten die besonders vorsichtigen Kunden. Genau das bemerkte er auch, denn einige seiner üblichen Kunden waren nicht mehr hier.
      Als Georgia zurückkam ließ er seinen Blick weiterhin schweifen, die Karte noch immer in der Hand.
      „Sie will einen Freier mit viel Geld.“
      Da reagierte er gar nicht drauf. Dass die Olle immer noch hier lungerte und nach Beute suchte, sprach eindeutig gegen ihre Kunst. Aber dass sie Georgia dazu antrieb, ihr einen Sugardaddy zu suchen, war schon irgendwie komisch.
      „Wo soll ich denn so jemanden auftreiben!“ Die Entrüstung in Georgias Stimme war greifbar und ein Schmunzeln schlich sich auf seine Lippen. Wenn auch ungesehen. Hätte sie sich den Junkie da hinten in der Ecke ausgesucht, der paranoid die ganze Zeit umher sah, dann hätte sie ein leichtes Spiel gehabt. Aber wie erwartet hatte sie eine harmlos wirkende Frau als Kundin gewählt. „Ich dachte, du wärst hier bekannt für dein Magipramin, wollen nicht alle Leute damit dealen?“
      Da krümmte er sich auf den Tisch und ließ die Karte fallen. Er lachte, leise, gedämpft und fast von der dröhnenden Musik geschluckt. Als er sich wieder aufrichtete, strich er sich über seine Maske und kontrollierte deren Sitz.
      „Was, denkst du, dass alle Leute hier Freak sind? Völliger Quatsch“, sagte er belustigt. „Klar bin ich bekannt für Magipramin, aber was hab ich denn vorher gemacht, hm? Ich war Laufbursche für alles.“
      Mit einem Zeig deutete er auf die Eskortdame hinüber. „Und wenn man’s Geld wirklich nötig hat, dann macht man manchmal eben auch das Gleiche wie die da. Wobei ihr’s als Weiber deutlich leichter habt.“
      „Aber er hatte echt Glück, wenn eine ihn mal rangelassen hat“, kam es von der Seite und der Apothekar zuckte zusammen. Katy war neben ihnen aufgetaucht, auf dem Tablett eine Cola, die sie ihm grinsend hinstellte. „Wer will schon einen schmächtigen Kerl, wenn man was Ordentliches für etwas mehr Geld haben kann?“
      Der Apothekar lehnte sich zurück und breitete die Arme über die Rückenlehne aus. Sein Blick war vorwurfsvoll auf die Kellnerin gerichtet. „Hey, halt mal schön die Beine still. Du konntest mich damals nicht anders bezahlen und ich hab genau gehört, dass du Spaß hattest.“
      Katy rollte theatralisch mit den Augen und wandte sich Georgia zu. „Das war vor fünf Jahren.“
      „Acht.“
      „Acht Jahren dann eben.“ Sie klang bei den Worten ein wenig wehmütig, aber das konnte auch täuschen. „Also, Liebes, kann ich dir auch was bringen?“
      „Die hat kein Geld und versucht grad, an welches zu kommen“, lachte er unterdrückt unter seiner Maske und zog das Glas näher zu sich.“
    • Zu Georgias größter Verblüffung krümmte der Apothekar sich. Was sollte das denn jetzt wieder werden? Hatte er sich verschluckt? Aber als er sich aufrichtete, glaubte sie ein leises Schnauben zu hören. Hatte er etwa gelacht? Sie ausgelacht?
      „Was, denkst du, dass alle Leute hier Freak sind?"
      "... Sind sie nicht?"
      "Völliger Quatsch. Klar bin ich bekannt für Magipramin, aber was hab ich denn vorher gemacht, hm?"
      Das sollte wohl eine rhethorische Frage sein. Denn selbst, wenn Georgia sie hätte beantworten wollen, hatte sie doch wirklich keine Idee, was er davor hätte machen sollen. In ihrer Vorstellung war der Apothekar schon als Dealer auf die Welt gekommen, alles andere schien ihr völlig abwegig.
      "Ich war Laufbursche für alles."
      "Alles? Wirklich... alles alles?"
      Das war fast genauso schwer vorstellbar. Der Apothekar schien nicht wie der Typ Mann, der sich von anderen vorschrieben ließ, was er zu tun hatte.
      Sein Fingerzeig lenkte ihren Blick zurück zu der Frau, die ihr Interesse an den beiden verloren hatte.
      „Und wenn man’s Geld wirklich nötig hat, dann macht man manchmal eben auch das Gleiche wie die da. Wobei ihr’s als Weiber deutlich leichter habt.“
      Georgia schnaubte.
      "Klar. Als ob du wirklich... warte, was?"
      Erst jetzt hatte es erst Klick gemacht, was der Mann überhaupt gesagt hatte. Warte, was?
      "Du hast -"
      „Aber er hatte echt Glück, wenn eine ihn mal rangelassen hat.“
      Beide sahen auf, als die Kellnerin wieder an ihrem Tisch erschienen, ein fröhliches Grinsen im Gesicht. Georgia war noch immer dabei, diese ungeheuerliche Neuigkeit zu verarbeiten. Der Apothekar hatte was gemacht?
      „Wer will schon einen schmächtigen Kerl, wenn man was Ordentliches für etwas mehr Geld haben kann?“
      "Ist das jetzt euer Ernst? Du hast was gemacht?"
      Der Apothekar ignorierte sie.
      „Hey, halt mal schön die Beine still. Du konntest mich damals nicht anders bezahlen und ich hab genau gehört, dass du Spaß hattest.“
      Bitte was?! Georgia gaffte die beiden mit offenem Mund an. Das war doch nicht wirklich passiert, oder?
      „Das war vor fünf Jahren.“
      "Acht."
      „Acht Jahren dann eben. Also, Liebes, kann ich dir auch was bringen?“
      "Ich..."
      „Die hat kein Geld und versucht grad, an welches zu kommen.“
      Unter der Maske lief Georgia rot an. Aber für die Kellnerin schien das nichts ungewöhnliches zu sein und sie schenkte ihr nur einen halbwegs mitleidigen Blick. Dann nahm sie doch tatsächlich dem Apothekar die Karte ab und zog wieder ab, um sich dem nächsten Tisch zu widmen. Georgia hatte die eine Sache noch gar nicht verarbeitet und jetzt kam schon gleich die nächste.
      "Wirklich? Du spendierst mir nichtmal was zu trinken?"
      Da hatte sie von der Kellnerin ja mehr Mitleid bekommen als von ihrem Gegenüber. Ihre Miene verfinsterte sich sogleich.
      Der Apothekar und Prostitution. Irgendwie erschien ihr das völlig surreal. Aber anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie dieser Mann zu dem einen oder anderen gekommen war, ärgerte sie sich dafür noch viel mehr über seine Unhöflichkeit. Klar, er hatte sie bei sich aufgenommen und ihr schon mehr Geld gesteckt, als er müsste, aber wirklich, er würde ihr nichtmal ein Wasser bestellen? Das regte sie auf.
      "Hast du eine Dosis dabei?"
      Der Apothekar wunderte sich weniger über ihre Frage, als er vielleicht sollte. Dafür stand sie kurz darauf auf.
      "Ich komme gleich wieder."
      Sie verließ den Tisch und ging quer durch den Raum auf die beiden Männer zu. Kurz vor ihrem Ziel überlegte sie es sich nochmal anders und ließ sich dafür gegenüber eines jungen Typen auf den Stuhl gleiten, der sie ansah, als sei sie ein Alien. Seine Pupillen zuckten und sie konnte feinen Schweiß auf seiner Stirn sehen.
      "50 $ auf die Hand und ich besorge dir so viel, wie du brauchst."
      Sie streckte fordernd die offene Hand aus.
      "Alternativ setze ich dich auf die Blacklist. Jede Dosis kostet den üblichen Preis.
    • Mittlerweile schüttelte sich der Apothekar, was ohne seine Mimik echt schwer zu deuten war. So konnte Georgia nicht sehen, dass er sich fast vor Lachen bepisste. Ihr Gesicht und die Bestürzung waren einfach zum Schießen. So einfach konnte man die Kleine also aus der Fassung bringen.
      „Wirklich? Du spendierst mir nicht mal was zu trinken?“
      Er gluckste. „Pfft, nö, was denkst du denn? Du hast einen Mund und wenn du ihn nicht zum Geld verdienen benutzt, dann eben zum Reden. Außerdem bist du doch ein großes Mädchen, oder nicht?“
      Großes Mädchen, ja klar… Hatte Schiss vor der eigenen Magie und war hier in dem Milieu völlig aufgeschmissen. Er hatte sie aufgelöst und weinend in einem Lagerhaus gefunden und dann noch dafür gesorgt, dass sie nicht an ihrer eigenen Dummheit draufging. Ein sehr großes Mädchen also.
      „Hast du eine Dosis dabei?“
      Er sah halbherzig zu ihr herüber, da hatte sie schon fordernd ihre Hand ausgestreckt. Ein weiterer Beweis dafür, wie kurzsichtig sie war. Immerhin fragte sie nicht, welche Droge er dabeihatte. Er könnte sie richtig gegen die Wand laufen lassen, wenn er es wollte. Also griff er sich kurzer Hand in seine Innentasche und zog eine Tüte mit weißem Pulver hervor. Die Tüte ließ er zwischen Zeigefinger und Daumen geklemmt in ihre ausgestreckte Hand fallen.
      „Ich komme gleich wieder.“
      „Davon geh ich aus.“
      Dann stand sie auf und ging. Er legte die Arme auf den Tisch und überkreuzte sie, um Georgia weiterhin zu beobachten. Sie steuerte auf den Tisch mit den zwei Männern zu, die sie eigentlich lieber meiden sollte. In DAS Metier wollte sie mit Sicherheit nicht geraten. Aber dann hielt sie kurz inne und wandte sich ab, was ihn dann doch überraschte. Vielleicht hatte sie ja doch eine Intuition dafür. Sie setzte sich ohne Umschweife an den Tisch eines jungen Kerls, den selbst er nicht kannte. Musste neu sein.

      „50$ auf die Hand und ich besorge dir so viel, wie du brauchst.“
      Der Kerl starrte viel zu lange auf die Maske, die Georgias Gesicht verbarg. Träge fiel sein Blick dann auf die Tüte, die sie ihm buchstäblich vor die Augen hielt. Sehr, sehr lange musterte er den Inhalt.
      „Alternativ setze ich dich auf die Blacklist. Jede Dosis kostet den üblichen Preis.“
      Der Kerl streckte die Finger nach der Tüte aus, doch Georgia entzog sie ihm. Er zog eine Grimasse und wischte sich über die Stirn. „Was hast du da überhaupt?“
      Eine berechtigte Frage. Woher sollte er denn wissen, was sie da hatte? Solange kein Vertrauensverhältnis gebaut war, war das Kaufen von Drogen immer ein Glücksspiel.
      „Gehörst du zu Mavis oder so? Die haben nicht gesagt, dass hier Weiber am verticken sind. Und was für ne scheiß Blacklist?“
      Er begann mit seinen Fingern auf dem Tisch zu trommeln. Immer wieder sah er kurz auf die Tüte, nur um dann wieder den Raum zu sondieren, als warte er auf jemanden. Entweder war er wirklich drauf, oder entzügig oder einfach nur nervös. Oder sogar alles drei zusammen.
    • Mit dem Kerl hier ging es leichter als mit der Frau. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass Georgia wütend genug auf den Apothekar war, um einfach mit dem Kopf voran gegen die Wand zu laufen. Jetzt ließ er sie echt hungern? Das war ja wirklich unglaublich.
      Zwar war sie ganz allein dafür verantwortlich, ihr Geld verbraten zu haben, aber das tat ja nichts zur Sache. Es ging ums Prinzip.
      „Was hast du da überhaupt?“
      Georgia stutzte und betrachtete die Tüte. Ja, was hatte sie da überhaupt? Sie war davon ausgegangen, dass der Apothekar ihr Magipramin geben würde, aber bisher hatte sie das nur in Pillenform gesehen und er hatte ihr auch nicht gesagt, ob es sowas auch als Puder gab. Dann was anderes? Dealte er überhaupt mit anderen Sachen? Und was war das überhaupt? Georgia hatte natürlich schon den verpflichtenden Drogenunterricht hinter sich, den sie in ihrer Ausbildung absolvieren musste, aber das war schon wieder einen Moment her und außerdem war sie dort sowieso nie sonderlich gut gewesen. Das Pulver sah wie Kokain aus, aber es hätte auch sonst was sein können. Außerdem würde sie das sowieso nicht ordentlich bestimmen können, ohne es aufzumachen. Und Unerfahrenheit hin oder her, Georgia wusste doch sehr gut, dass es ein schlechtes Bild abgab, die Tüte nach dem Inhalt zu überprüfen. Sie machte schließlich das Angebot, sie musste doch wissen, was drin war.
      Der Apothekar konnte sie mal kreuzweise.
      Sie hielt sich davon ab, zu ihm zurückzuschauen, und präsentierte stattdessen die Tüte wieder.
      "Das ist genau das, was du brauchst."
      Wow. In ihrem Kopf hatte sich das besser angehört - wahrscheinlich wäre es auch besser rübergekommen, wäre Georgias Stimme nicht so unsicher und würde sie sich hier nicht ähnlich an den Tisch kauern wie der Junkie. Aber das nötige Selbstbewusstsein für so einen Deal hatte sie nunmal nicht, sie hatte bisher ja genau einen einzigen Deal mitverfolgt.
      Wenigstens konnte man ihre Unsicherheit nicht in ihrem Gesicht ablesen, als sie ihr Gegenüber verstohlen musterte.
      "... Wenn ich mir so deine riesigen Pupillen ansehe, oder wie du schwitzt, dann ist das hier die einzige Lösung."
      Sie wackelte ein bisschen mit dem Tütchen. Ihr Bluff ging insoweit auf, dass der Kerl sie zumindest nicht gleich auslachte, sondern wieder das Tütchen anstierte. Er schien einen wirklichen Scheißtag zu haben, das konnte man ihm auch ansehen, ohne dealen zu wollen.
      „Gehörst du zu Mavis oder so? Die haben nicht gesagt, dass hier Weiber am verticken sind. Und was für ne scheiß Blacklist?“
      "Ich gehöre zum Apothekar."
      Innerlich seufzte sie. Jetzt machte sie auch schon Werbung für ihn, was?
      "Das ist der einzige in der Stadt mit dem richtig guten Zeug. Was meinst du, woher er den Namen hat? Du gehst doch auch zur Apotheke, um dich hinterher besser zu fühlen."
      Sie wackelte nochmal mit dem Tütchen. Seine Augen verfolgten die Bewegung.
      "Deine einzige Chance. Der Apothekar bedient nur Stammkunden. Entweder du schlägst zu, oder du wirst nie wieder so ein Angebot bekommen, auch nicht, wenn dich dein toller Mavis im Stich lässt."
    • Der arme Kerl war in einem wirklich schlechten Zustand. Trotz seines offensichtlichen Misstrauens kam er nicht drum rum, die Tüte mit dem Pulver anzusehen als sei sie der heilige Gral. Ihm selbst war klar, dass er scheiße aussah. Der beschissene Nachteil, wenn man versuchte, zu lange ohne Stoff auszukommen. Als er Georgia aber nach Mavis fragte, kam eine andere eindeutige Antwort.
      „Ich gehöre zum Apothekar.“
      Darauf schnalzte der Mann missbilligend mit der Zunge und sah genervt weg.
      „Das ist der einzige in der Stadt mit dem richtig guten Zeug.“ Damit hatte sie seine Aufmerksamkeit wieder, allerdings sah man ihm deutlich an, dass er ihre Aussage für fraglich hielt. „Was meinst du, woher er den Namen hat? Du gehst doch auch zur Apotheke, um dich hinterher besser zu fühlen.“
      Er lachte schäbig und kurz auf. „Du warst selbst noch nie high, was?“ Andernfalls hätte sie nicht so einen beschissenen Vergleich gezogen. Dass der Apothekar hier einen gewissen Ruf hatte, war ihm zu Ohren gekommen. Allerdings bezog er seinen Stoff üblicherweise bei wem anders.
      „Deine einzige Chance. Der Apothekar bedient nur Stammkunden.“
      „Ach, deswegen hat er dich vorgeschickt? Fühlt er sich zu sehr, um selbst noch zu dealen?“ Der Tonfall wurde langsam aber sicher aggressiver. Er vergeudete hier nur seine Zeit.
      „Entweder du schlägst zu, oder du wirst nie wieder so ein Angebot bekommen, auch nicht, wenn dich dein toller Mavis im Stich lässt.“
      Da schwieg der Mann einen Moment. Er bedachte Georgia mit einem vielsagenden Blick. Einem wissenden, so als hätte sie gerade richtig Bockmist gebaut. Seine unruhigen, zappeligen Bewegungen hielten ein, als er die Maske eingehend musterte und dann wieder zur Tüte blickte.
      Schließlich stieß er einen angestrengten Seufzer aus und kramte in seiner Hosentasche. „Ach, scheiß drauf. Gib her.“
      Er förderte diverse geknickte und ekelige Dollarscheine zu Tage und tauschte sie gegen das Tütchen, das Georgia ihm aushändigte, aus. Dann stand er unvermittelt auf und stob in Richtung der Treppe davon. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

      Nachdenklich sah der Apothekar dem Mann hinterher. Der Kerl war neu hier und offensichtlich verdammt entzügig. War also doch gut, dass er Georgia eine Tüte mit Amphetamin gegeben hatte und nicht mit dem ganz harten Zeug angekommen war. Sie konnte ja nicht wissen, dass er in der Innentasche seines Mantels etliche vergleichbare Tütchen verbarg.
      Triumphierend kehrte Georgia an seinen Tisch zurück und ließ die Scheine vor sich auf die Platte fallen. Das war definitiv mehr als er für sein Zeug sonst verlangt hatte. Sie musste den armen Schlucker erschreckend gut unter Druck gesetzt haben.
      „Holy shit, ich bin beeindruck. Das ist sogar mehr Cash als ich sonst verlang“, meinte er lapidar und riss die Karte aus dem Halter, um sie ihr hinzuwerfen. „Dabei wusstest du nicht mal, was du da gerade vertickst.“
      Er kicherte leise in sich hinein.
      „Und, wie war’s? Hat’s Spaß gemacht? Was hat der arme Schlucker denn so von sich gegeben?“