Bereits als sich der Apothekar von seinem Stuhl warf, um Hals über Kopf reißaus zu nehmen, durchzuckte Georgia ein einziger Gedanke: Man nahm vor einem Raubtier niemals reißaus, weil das den Jagdinstinkt des Tieres aktivierte. Wenn man mit einem Hai im Wasser schwamm, sollte man niemals versuchen, so schnell wie möglich wegzukommen, und wenn ein Löwe auf einen zuschlich, sollte man ihm niemals den Rücken zukehren. Sowas war Schulwissen und in der Theorie sehr einfach umzusetzen.
In der Praxis unterlag man vermutlich einer überwältigen Panik, so wie es für den Mann gerade der Fall zu sein schien, als ihm die Augen aus den Höhlen getreten waren, während die Bestie auf ihn zugeschlichen gekommen war. Georgia konnte ihm seine Reaktion nicht verübeln, aber die nächsten Sekunden kamen ihr doch so vor, als hätten sie sehr einfach verhindert werden können.
Der Mann stürzte vom Hocker und in Richtung Hauptschlafzimmer. Die Bestie wandte den Kopf und inmitten des Raschelns ihrer Fühler und den unzähligen Bewegungen ihrer pechschwarzen Auswüchse, fuhr eine Bewegung durch ihren ganzen Körper, als sie sich zu ihm umwandte. Erstaunlicherweise konnte Georgia aus ihrem Blickwinkel genau den Moment beobachten, als die Bestie wahrhaftig von einem pirschartigen Verhalten in die Jagd überwechselte. Ihr Schwanz machte dabei eine ruckartige Bewegung und hob vom Boden ab, außerdem erschien sie jetzt viel ausgerichteter. Ihre Muskeln spannten sich an, wie bereit zum Sprung.
"Nein!", schrie Georgia da, aber zu wem, das wusste sie nicht. Zum Apothekar, weil er so dumm gewesen war, sich so schnell wegbewegen zu müssen. Zur Bestie, damit sie anhalten würde.
Keiner der beiden schenkte ihr auch nur Beachtung und so hatte Georgia den besten Ausblick darauf, wie der Apothekar im Schlafzimmer verschwand und die Bestie ihm nachkroch. Ihr Schwanz bewegte sich dabei zur Seite und schrammte polternd über die Küchenzeile hinweg.
Georgia war gemischter Gefühle, denn einerseits wollte sie sicherlich ihre Zahl nicht erhöhen und an einem weiteren Opfer die Schuld tragen. Andererseits hatte sie nun ein leeres Farmhaus und war sicherlich nicht mehr auf den Apothekar angewiesen, um sich zurechtzufinden. Im Gegenteil; eigentlich wäre es sogar gut, ihn loszuwerden, nicht? Die Gefahr zu bannen, dass er ihren Aufenthaltsort irgendwo ausplaudern könnte?
Aber so skrupellos war Georgia nicht, bei weitem nicht. Sie mochte dem Mann nicht zwingend vertrauen, aber sie war zur Polizistin ausgebildet worden und würde alles daran setzen, ein Menschenleben zu beschützen. Sofern es auch in ihrer Macht stand und das war hier wohl eine fragliche Tatsache.
"Nein - komm zurück! Komm hierher! Weg da - komm zurück! Zurück!", kreischte sie den Rücken der Kreatur an und das alles, ohne dass ihr Gehör geschenkt wurde. Die Bestie interessierte sich nicht für Georgias Befehle, die man einem einem Hund erteilte. Sie interessierte sich auch nicht für Georgias Tonfall oder dafür, dass sie in deren Rücken einen solchen Radau veranstaltete. Ihre Aufmerksamkeit war voll und ganz auf ihre Beute gerichtet, die Georgia nun nicht mehr sehen konnte - der massige Leib versperrte ihr die Sicht. Georgia schrie daher weiter.
Ein Schuss unterbrach sie jäh in ihrem Aufstand. Es knallte durch das alte Haus, laut und eindringlich, und Georgia kam es so vor, als würde er den Boden erschüttern, dieser einzige Schuss. Dann folgte ein zweiter, ein dritter, ein vierter, eine ganze Reihe von Schüssen, ohne Pause nacheinander abgefeuert und Georgia kam in diesem starren Entsetzen, das sie jäh packte, nur ein einziger, völlig abstruser Gedanke: Das ist eine 9mm, so eine hatte ich auch. Inmitten all der Schüsse, inmitten all dem Lärm und dem lähmenden Horror, das sie bei dieser Situation gepackt hielt, dachte sie mit erstaunlicher Klarheit daran, dass sie das Kaliber kannte. Das verfluchte Kaliber. Das verfluchte Kaliber kam ihr bekannt vor.
Unfähig sich zu rühren, starrte sie nur, als der mächtige Leib der Kreatur zum Sprung ansetzte und dann jäh erschüttert wurde. Zwar konnte sie es nicht sehen, aber von den vielen Schüssen, die abgegeben wurden, mussten alle tief im Leib der Bestie einschlagen. Sie musste von dem rapiden Feuer völlig zerlöchert werden, und doch dauerte es noch einen, zwei, drei Schüsse weiter, bis sie vollständig auf den Boden zusammenbrach. Der kräftige Leib verlor mit einem Mal alle seine Spannung und wie eine Handpuppe fiel sie in sich zusammen, fiel auf Beine, die unter ihr wegknickten, fiel auf Krallen, die sich ihr vermutlich in den eigenen Leib bohrten. Der Horror ihrer ganzen Erscheinung, ihres ganzen Wesens, kollabierte mit ihm selbst, all das Leid, der Schmerz, das Grauen der letzten Tage mit einem Schlag nicht mehr lebendig. Sie fiel in sich zusammen und ein letzter Schuss folgte.
Dann klickte es noch mehrere Male, aber Georgia konnte es bei dem leichten Klingeln in ihren Ohren weniger hören, alsdass sie es sehen konnte. Hinter der Bestie ragte der Apothekar auf, totenblass im Gesicht, die Finger um die Pistole verkrampft, die Augen groß und weit und glubschig. Georgia konnte sehen, dass er den Auslöser noch mehrere Male betätigte, aber nichts passierte, das Magazin war leer.
Dann kehrte Stille ein. Die Bestie blutete dunkelrotes Blut, das sich in Strömen auf den Fußboden ergoss. In dem ganzen Schock war Georgia doch der Überzeugung, dass sich jeden Augenblick die gewaltige Brust heben und das Geschöpft einfach wieder aufspringen könnte, als wäre ihr nie etwas angetan worden. Doch sie blieb reglos am Boden und in dieser Reglosigkeit lag fast mehr Gefahr, als wenn sie doch aufgesprungen wäre.
Hinter ihr fiel die Pistole mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, dann tat der Apothekar es ihr gleich nach. Taumelnd, als wäre er betrunken, stürzte er gegen den Schrank und wankte. Seine Knie unter ihm zitterten so stark, dass sie ihm gleich wegzubrechen drohten.
Zuerst glaubte Georgia, die Bestie hätte ihn doch noch erwischt, aber dafür war er zu lebendig und zu wenig mit Blut besudelt. Ein paar Spritzer hatte er abgekriegt, aber es war nicht sein eigenes Blut. Nein, sein Zittern rührte woanders her.
"Du hast das Wichsvieh nicht unter Kontrolle!"
Es war, als würde Georgia mit einem Schlag aus ihrer Lähmung gerissen. Nun gab es keine Bestie mehr, die sie verteidigen konnte und es gab auch keinen Bluff mehr, der sie vor irgendetwas bewahrt hätte. Der Mann hatte ihr Geheimnis selbstständig aufgedeckt und jetzt konnte ihn nichts davon abhalten, mit Georgia einfach zu tun, was er wollte. Was sollte sie ihm schon entgegen setzen, etwa eine tote Bestie - oder eine lebendige, die sie nicht kontrollieren konnte? Nein, Georgia hatte nichts mehr. Sie war ihm jetzt gänzlich schutzlos ausgeliefert.
Das erweckte ihren Körper schlussendlich wieder zum Leben und ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie auf dem Absatz kehrt und stürzte zur Tür. Sie hatte sie nicht geschlossen, zu groß war der Aufruhr gewesen, deswegen hielt sie auch nichts weiter auf, als sie sich nach draußen warf, das Gleichgewicht verlor, beinahe gestürzt wäre, sich doch noch fing. Hinter sich hörte sie eine zornige, grauenvolle Stimme aufheulen.
„GEORGIA!“
Und sie rannte, was das Zeug hielt. Sie rannte, als wäre der Teufel höchstpersönlich von ihr besessen und als ginge es um ihr Leben. Georgia preschte voran und ihr einziger Gedanke, der sie dabei begleitete, war, dass sie jetzt keine Bestie mehr hatte, die sie auffliegen lassen könnte. Sie könnte sich einfach irgendwo absetzen, allein aber sicher. Weg von dem Apothekar, weg von dem Mann, der jetzt alles gegen sie in der Hand hatte. Er könnte den Polizisten verraten, dass sie hier gewesen wäre, aber dann? Wenn sie kamen, wäre Georgia schon über alle Berge. Dafür rannte sie, denn es ging im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben.
Die letzten Tage hatten einen Anker in ihrem Gehirn hinterlassen, der sie jetzt daran hinderte, direkt auf den leeren Highway zuzulaufen. Georgias Instinkte waren ausgeprägt genug, dass sie auf die unbestellten Felder zuhielt und darüber lief, so schnell sie nur konnte, den rettenden Wald am Horizont im Blick, die Schutz bietenden Bäume. Georgia rannte wie wild und ihr Atem stach in ihrer Lunge, ihre Beine waren schon nach ein paar Metern von den vergangenen Tagen bleischwer, ihr Körper schien träge und je schneller sie versuchte zu sein, desto langsamer schien sie zu werden. Ihr Arm schmerzte und pochte. Sie hatte sich keine Schuhe nach der Dusche angezogen und die harte, trockene Erde schnitten ihr die Fußsohlen auf.
Dann drang ein Schuss über das weite Feld hinweg und Georgia spürte die Erde hinter ihr aufspritzen. Als wäre es ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen, warf sie sich der Länge nach auf den Boden, so beherzigt, wie sie es in der Ausbildung gelernt hatten. Wahrlich, ihr Ausbilder wäre sicher stolz auf ihre rasche Reaktion gewesen, auf ihre Rücksichtslosigkeit dabei. Doch in der Ausbildung hatten sie niemals gelernt, wie sie sich mit einem verletzten Arm hinwerfen sollten und so schrie Georgia vor Schmerzen auf, als sie sich mit ihrem Arm abfing. Eine Höllenqual explodierte über die ganze Länge hinweg und sofort rollte sie sich auf die Seite, um den bandagierten Arm an ihren Leib zu pressen. Es tat weh, oh so, so weh, die Schmerzen waren so scharf und durchdringend, dass es nicht auszuhalten war. Wieder weinte sie und langsam wurde sie wohl ihrer endlosen Tränen überdrüssig.
Mit halbem Ohr wartete sie auf den zweiten Schuss, der vom Haus gekommen war, und der ihr sicherlich das Ende bereiten würde. Erst war es die Bestie gewesen, dann sie. Hier würde es zu Ende gehen, aber vielleicht würde es schnell sein. Vielleicht konnte der Apothekar gut zielen.
Es folgte aber kein weiterer Schuss, sondern nur seine zornige Stimme, die über das Feld hinweg brüllte. Georgia zuckte davon zusammen und rollte sich ein, drückte den schmerzenden Arm an ihren Bauch und weinte. In diesem Augenblick dachte sie mit kindlichem Leichtsinn, dass schon alles irgendwie vorbei gehen würde, wenn sie nur die Augen fest schloss und alles in Schwarz verschwinden ließ, dass die Welt sie nicht finden würde, wenn sie sie nicht sah. Dass sie irgendwie die Macht besaß, in demselben Spalt zu verschwinden, aus dem vor vier läpprigen Tagen die Bestie gekrochen war. Dass alles vorbei sein würde.
Aber der Schmerz in ihrem Arm fühlte sich zu real an und so konnte sie sich nicht einmal selbst dazu überreden, dass alles vorbei wäre. Sie war noch immer hier, sie war auf irgendeinem Feld und jetzt sollte sie zurück ins Haus kommen, wo dieser Mann sonst was mit ihr anstellen würde. Sie weinte und dann setzte sie sich auf.
Zurück dauerte länger als weg. Sie beeilte sich gerade so viel, damit er nicht ein zweites Mal auf sie schießen würde, aber nicht mehr. Ihr Arm brüllte vor Schmerzen, so wie am ersten Tag, und ihre Füße waren von dem kurzen Sprint bereits wund. Mit hängendem Kopf kam sie zurückgeschlichen und versuchte sich darauf zu wappnen, was auch immer folgen würde.
In der Praxis unterlag man vermutlich einer überwältigen Panik, so wie es für den Mann gerade der Fall zu sein schien, als ihm die Augen aus den Höhlen getreten waren, während die Bestie auf ihn zugeschlichen gekommen war. Georgia konnte ihm seine Reaktion nicht verübeln, aber die nächsten Sekunden kamen ihr doch so vor, als hätten sie sehr einfach verhindert werden können.
Der Mann stürzte vom Hocker und in Richtung Hauptschlafzimmer. Die Bestie wandte den Kopf und inmitten des Raschelns ihrer Fühler und den unzähligen Bewegungen ihrer pechschwarzen Auswüchse, fuhr eine Bewegung durch ihren ganzen Körper, als sie sich zu ihm umwandte. Erstaunlicherweise konnte Georgia aus ihrem Blickwinkel genau den Moment beobachten, als die Bestie wahrhaftig von einem pirschartigen Verhalten in die Jagd überwechselte. Ihr Schwanz machte dabei eine ruckartige Bewegung und hob vom Boden ab, außerdem erschien sie jetzt viel ausgerichteter. Ihre Muskeln spannten sich an, wie bereit zum Sprung.
"Nein!", schrie Georgia da, aber zu wem, das wusste sie nicht. Zum Apothekar, weil er so dumm gewesen war, sich so schnell wegbewegen zu müssen. Zur Bestie, damit sie anhalten würde.
Keiner der beiden schenkte ihr auch nur Beachtung und so hatte Georgia den besten Ausblick darauf, wie der Apothekar im Schlafzimmer verschwand und die Bestie ihm nachkroch. Ihr Schwanz bewegte sich dabei zur Seite und schrammte polternd über die Küchenzeile hinweg.
Georgia war gemischter Gefühle, denn einerseits wollte sie sicherlich ihre Zahl nicht erhöhen und an einem weiteren Opfer die Schuld tragen. Andererseits hatte sie nun ein leeres Farmhaus und war sicherlich nicht mehr auf den Apothekar angewiesen, um sich zurechtzufinden. Im Gegenteil; eigentlich wäre es sogar gut, ihn loszuwerden, nicht? Die Gefahr zu bannen, dass er ihren Aufenthaltsort irgendwo ausplaudern könnte?
Aber so skrupellos war Georgia nicht, bei weitem nicht. Sie mochte dem Mann nicht zwingend vertrauen, aber sie war zur Polizistin ausgebildet worden und würde alles daran setzen, ein Menschenleben zu beschützen. Sofern es auch in ihrer Macht stand und das war hier wohl eine fragliche Tatsache.
"Nein - komm zurück! Komm hierher! Weg da - komm zurück! Zurück!", kreischte sie den Rücken der Kreatur an und das alles, ohne dass ihr Gehör geschenkt wurde. Die Bestie interessierte sich nicht für Georgias Befehle, die man einem einem Hund erteilte. Sie interessierte sich auch nicht für Georgias Tonfall oder dafür, dass sie in deren Rücken einen solchen Radau veranstaltete. Ihre Aufmerksamkeit war voll und ganz auf ihre Beute gerichtet, die Georgia nun nicht mehr sehen konnte - der massige Leib versperrte ihr die Sicht. Georgia schrie daher weiter.
Ein Schuss unterbrach sie jäh in ihrem Aufstand. Es knallte durch das alte Haus, laut und eindringlich, und Georgia kam es so vor, als würde er den Boden erschüttern, dieser einzige Schuss. Dann folgte ein zweiter, ein dritter, ein vierter, eine ganze Reihe von Schüssen, ohne Pause nacheinander abgefeuert und Georgia kam in diesem starren Entsetzen, das sie jäh packte, nur ein einziger, völlig abstruser Gedanke: Das ist eine 9mm, so eine hatte ich auch. Inmitten all der Schüsse, inmitten all dem Lärm und dem lähmenden Horror, das sie bei dieser Situation gepackt hielt, dachte sie mit erstaunlicher Klarheit daran, dass sie das Kaliber kannte. Das verfluchte Kaliber. Das verfluchte Kaliber kam ihr bekannt vor.
Unfähig sich zu rühren, starrte sie nur, als der mächtige Leib der Kreatur zum Sprung ansetzte und dann jäh erschüttert wurde. Zwar konnte sie es nicht sehen, aber von den vielen Schüssen, die abgegeben wurden, mussten alle tief im Leib der Bestie einschlagen. Sie musste von dem rapiden Feuer völlig zerlöchert werden, und doch dauerte es noch einen, zwei, drei Schüsse weiter, bis sie vollständig auf den Boden zusammenbrach. Der kräftige Leib verlor mit einem Mal alle seine Spannung und wie eine Handpuppe fiel sie in sich zusammen, fiel auf Beine, die unter ihr wegknickten, fiel auf Krallen, die sich ihr vermutlich in den eigenen Leib bohrten. Der Horror ihrer ganzen Erscheinung, ihres ganzen Wesens, kollabierte mit ihm selbst, all das Leid, der Schmerz, das Grauen der letzten Tage mit einem Schlag nicht mehr lebendig. Sie fiel in sich zusammen und ein letzter Schuss folgte.
Dann klickte es noch mehrere Male, aber Georgia konnte es bei dem leichten Klingeln in ihren Ohren weniger hören, alsdass sie es sehen konnte. Hinter der Bestie ragte der Apothekar auf, totenblass im Gesicht, die Finger um die Pistole verkrampft, die Augen groß und weit und glubschig. Georgia konnte sehen, dass er den Auslöser noch mehrere Male betätigte, aber nichts passierte, das Magazin war leer.
Dann kehrte Stille ein. Die Bestie blutete dunkelrotes Blut, das sich in Strömen auf den Fußboden ergoss. In dem ganzen Schock war Georgia doch der Überzeugung, dass sich jeden Augenblick die gewaltige Brust heben und das Geschöpft einfach wieder aufspringen könnte, als wäre ihr nie etwas angetan worden. Doch sie blieb reglos am Boden und in dieser Reglosigkeit lag fast mehr Gefahr, als wenn sie doch aufgesprungen wäre.
Hinter ihr fiel die Pistole mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, dann tat der Apothekar es ihr gleich nach. Taumelnd, als wäre er betrunken, stürzte er gegen den Schrank und wankte. Seine Knie unter ihm zitterten so stark, dass sie ihm gleich wegzubrechen drohten.
Zuerst glaubte Georgia, die Bestie hätte ihn doch noch erwischt, aber dafür war er zu lebendig und zu wenig mit Blut besudelt. Ein paar Spritzer hatte er abgekriegt, aber es war nicht sein eigenes Blut. Nein, sein Zittern rührte woanders her.
"Du hast das Wichsvieh nicht unter Kontrolle!"
Es war, als würde Georgia mit einem Schlag aus ihrer Lähmung gerissen. Nun gab es keine Bestie mehr, die sie verteidigen konnte und es gab auch keinen Bluff mehr, der sie vor irgendetwas bewahrt hätte. Der Mann hatte ihr Geheimnis selbstständig aufgedeckt und jetzt konnte ihn nichts davon abhalten, mit Georgia einfach zu tun, was er wollte. Was sollte sie ihm schon entgegen setzen, etwa eine tote Bestie - oder eine lebendige, die sie nicht kontrollieren konnte? Nein, Georgia hatte nichts mehr. Sie war ihm jetzt gänzlich schutzlos ausgeliefert.
Das erweckte ihren Körper schlussendlich wieder zum Leben und ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie auf dem Absatz kehrt und stürzte zur Tür. Sie hatte sie nicht geschlossen, zu groß war der Aufruhr gewesen, deswegen hielt sie auch nichts weiter auf, als sie sich nach draußen warf, das Gleichgewicht verlor, beinahe gestürzt wäre, sich doch noch fing. Hinter sich hörte sie eine zornige, grauenvolle Stimme aufheulen.
„GEORGIA!“
Und sie rannte, was das Zeug hielt. Sie rannte, als wäre der Teufel höchstpersönlich von ihr besessen und als ginge es um ihr Leben. Georgia preschte voran und ihr einziger Gedanke, der sie dabei begleitete, war, dass sie jetzt keine Bestie mehr hatte, die sie auffliegen lassen könnte. Sie könnte sich einfach irgendwo absetzen, allein aber sicher. Weg von dem Apothekar, weg von dem Mann, der jetzt alles gegen sie in der Hand hatte. Er könnte den Polizisten verraten, dass sie hier gewesen wäre, aber dann? Wenn sie kamen, wäre Georgia schon über alle Berge. Dafür rannte sie, denn es ging im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben.
Die letzten Tage hatten einen Anker in ihrem Gehirn hinterlassen, der sie jetzt daran hinderte, direkt auf den leeren Highway zuzulaufen. Georgias Instinkte waren ausgeprägt genug, dass sie auf die unbestellten Felder zuhielt und darüber lief, so schnell sie nur konnte, den rettenden Wald am Horizont im Blick, die Schutz bietenden Bäume. Georgia rannte wie wild und ihr Atem stach in ihrer Lunge, ihre Beine waren schon nach ein paar Metern von den vergangenen Tagen bleischwer, ihr Körper schien träge und je schneller sie versuchte zu sein, desto langsamer schien sie zu werden. Ihr Arm schmerzte und pochte. Sie hatte sich keine Schuhe nach der Dusche angezogen und die harte, trockene Erde schnitten ihr die Fußsohlen auf.
Dann drang ein Schuss über das weite Feld hinweg und Georgia spürte die Erde hinter ihr aufspritzen. Als wäre es ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen, warf sie sich der Länge nach auf den Boden, so beherzigt, wie sie es in der Ausbildung gelernt hatten. Wahrlich, ihr Ausbilder wäre sicher stolz auf ihre rasche Reaktion gewesen, auf ihre Rücksichtslosigkeit dabei. Doch in der Ausbildung hatten sie niemals gelernt, wie sie sich mit einem verletzten Arm hinwerfen sollten und so schrie Georgia vor Schmerzen auf, als sie sich mit ihrem Arm abfing. Eine Höllenqual explodierte über die ganze Länge hinweg und sofort rollte sie sich auf die Seite, um den bandagierten Arm an ihren Leib zu pressen. Es tat weh, oh so, so weh, die Schmerzen waren so scharf und durchdringend, dass es nicht auszuhalten war. Wieder weinte sie und langsam wurde sie wohl ihrer endlosen Tränen überdrüssig.
Mit halbem Ohr wartete sie auf den zweiten Schuss, der vom Haus gekommen war, und der ihr sicherlich das Ende bereiten würde. Erst war es die Bestie gewesen, dann sie. Hier würde es zu Ende gehen, aber vielleicht würde es schnell sein. Vielleicht konnte der Apothekar gut zielen.
Es folgte aber kein weiterer Schuss, sondern nur seine zornige Stimme, die über das Feld hinweg brüllte. Georgia zuckte davon zusammen und rollte sich ein, drückte den schmerzenden Arm an ihren Bauch und weinte. In diesem Augenblick dachte sie mit kindlichem Leichtsinn, dass schon alles irgendwie vorbei gehen würde, wenn sie nur die Augen fest schloss und alles in Schwarz verschwinden ließ, dass die Welt sie nicht finden würde, wenn sie sie nicht sah. Dass sie irgendwie die Macht besaß, in demselben Spalt zu verschwinden, aus dem vor vier läpprigen Tagen die Bestie gekrochen war. Dass alles vorbei sein würde.
Aber der Schmerz in ihrem Arm fühlte sich zu real an und so konnte sie sich nicht einmal selbst dazu überreden, dass alles vorbei wäre. Sie war noch immer hier, sie war auf irgendeinem Feld und jetzt sollte sie zurück ins Haus kommen, wo dieser Mann sonst was mit ihr anstellen würde. Sie weinte und dann setzte sie sich auf.
Zurück dauerte länger als weg. Sie beeilte sich gerade so viel, damit er nicht ein zweites Mal auf sie schießen würde, aber nicht mehr. Ihr Arm brüllte vor Schmerzen, so wie am ersten Tag, und ihre Füße waren von dem kurzen Sprint bereits wund. Mit hängendem Kopf kam sie zurückgeschlichen und versuchte sich darauf zu wappnen, was auch immer folgen würde.
