Wire Walker [Asuna & Codren]

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    • Bereits als sich der Apothekar von seinem Stuhl warf, um Hals über Kopf reißaus zu nehmen, durchzuckte Georgia ein einziger Gedanke: Man nahm vor einem Raubtier niemals reißaus, weil das den Jagdinstinkt des Tieres aktivierte. Wenn man mit einem Hai im Wasser schwamm, sollte man niemals versuchen, so schnell wie möglich wegzukommen, und wenn ein Löwe auf einen zuschlich, sollte man ihm niemals den Rücken zukehren. Sowas war Schulwissen und in der Theorie sehr einfach umzusetzen.
      In der Praxis unterlag man vermutlich einer überwältigen Panik, so wie es für den Mann gerade der Fall zu sein schien, als ihm die Augen aus den Höhlen getreten waren, während die Bestie auf ihn zugeschlichen gekommen war. Georgia konnte ihm seine Reaktion nicht verübeln, aber die nächsten Sekunden kamen ihr doch so vor, als hätten sie sehr einfach verhindert werden können.
      Der Mann stürzte vom Hocker und in Richtung Hauptschlafzimmer. Die Bestie wandte den Kopf und inmitten des Raschelns ihrer Fühler und den unzähligen Bewegungen ihrer pechschwarzen Auswüchse, fuhr eine Bewegung durch ihren ganzen Körper, als sie sich zu ihm umwandte. Erstaunlicherweise konnte Georgia aus ihrem Blickwinkel genau den Moment beobachten, als die Bestie wahrhaftig von einem pirschartigen Verhalten in die Jagd überwechselte. Ihr Schwanz machte dabei eine ruckartige Bewegung und hob vom Boden ab, außerdem erschien sie jetzt viel ausgerichteter. Ihre Muskeln spannten sich an, wie bereit zum Sprung.
      "Nein!", schrie Georgia da, aber zu wem, das wusste sie nicht. Zum Apothekar, weil er so dumm gewesen war, sich so schnell wegbewegen zu müssen. Zur Bestie, damit sie anhalten würde.
      Keiner der beiden schenkte ihr auch nur Beachtung und so hatte Georgia den besten Ausblick darauf, wie der Apothekar im Schlafzimmer verschwand und die Bestie ihm nachkroch. Ihr Schwanz bewegte sich dabei zur Seite und schrammte polternd über die Küchenzeile hinweg.
      Georgia war gemischter Gefühle, denn einerseits wollte sie sicherlich ihre Zahl nicht erhöhen und an einem weiteren Opfer die Schuld tragen. Andererseits hatte sie nun ein leeres Farmhaus und war sicherlich nicht mehr auf den Apothekar angewiesen, um sich zurechtzufinden. Im Gegenteil; eigentlich wäre es sogar gut, ihn loszuwerden, nicht? Die Gefahr zu bannen, dass er ihren Aufenthaltsort irgendwo ausplaudern könnte?
      Aber so skrupellos war Georgia nicht, bei weitem nicht. Sie mochte dem Mann nicht zwingend vertrauen, aber sie war zur Polizistin ausgebildet worden und würde alles daran setzen, ein Menschenleben zu beschützen. Sofern es auch in ihrer Macht stand und das war hier wohl eine fragliche Tatsache.
      "Nein - komm zurück! Komm hierher! Weg da - komm zurück! Zurück!", kreischte sie den Rücken der Kreatur an und das alles, ohne dass ihr Gehör geschenkt wurde. Die Bestie interessierte sich nicht für Georgias Befehle, die man einem einem Hund erteilte. Sie interessierte sich auch nicht für Georgias Tonfall oder dafür, dass sie in deren Rücken einen solchen Radau veranstaltete. Ihre Aufmerksamkeit war voll und ganz auf ihre Beute gerichtet, die Georgia nun nicht mehr sehen konnte - der massige Leib versperrte ihr die Sicht. Georgia schrie daher weiter.
      Ein Schuss unterbrach sie jäh in ihrem Aufstand. Es knallte durch das alte Haus, laut und eindringlich, und Georgia kam es so vor, als würde er den Boden erschüttern, dieser einzige Schuss. Dann folgte ein zweiter, ein dritter, ein vierter, eine ganze Reihe von Schüssen, ohne Pause nacheinander abgefeuert und Georgia kam in diesem starren Entsetzen, das sie jäh packte, nur ein einziger, völlig abstruser Gedanke: Das ist eine 9mm, so eine hatte ich auch. Inmitten all der Schüsse, inmitten all dem Lärm und dem lähmenden Horror, das sie bei dieser Situation gepackt hielt, dachte sie mit erstaunlicher Klarheit daran, dass sie das Kaliber kannte. Das verfluchte Kaliber. Das verfluchte Kaliber kam ihr bekannt vor.
      Unfähig sich zu rühren, starrte sie nur, als der mächtige Leib der Kreatur zum Sprung ansetzte und dann jäh erschüttert wurde. Zwar konnte sie es nicht sehen, aber von den vielen Schüssen, die abgegeben wurden, mussten alle tief im Leib der Bestie einschlagen. Sie musste von dem rapiden Feuer völlig zerlöchert werden, und doch dauerte es noch einen, zwei, drei Schüsse weiter, bis sie vollständig auf den Boden zusammenbrach. Der kräftige Leib verlor mit einem Mal alle seine Spannung und wie eine Handpuppe fiel sie in sich zusammen, fiel auf Beine, die unter ihr wegknickten, fiel auf Krallen, die sich ihr vermutlich in den eigenen Leib bohrten. Der Horror ihrer ganzen Erscheinung, ihres ganzen Wesens, kollabierte mit ihm selbst, all das Leid, der Schmerz, das Grauen der letzten Tage mit einem Schlag nicht mehr lebendig. Sie fiel in sich zusammen und ein letzter Schuss folgte.
      Dann klickte es noch mehrere Male, aber Georgia konnte es bei dem leichten Klingeln in ihren Ohren weniger hören, alsdass sie es sehen konnte. Hinter der Bestie ragte der Apothekar auf, totenblass im Gesicht, die Finger um die Pistole verkrampft, die Augen groß und weit und glubschig. Georgia konnte sehen, dass er den Auslöser noch mehrere Male betätigte, aber nichts passierte, das Magazin war leer.
      Dann kehrte Stille ein. Die Bestie blutete dunkelrotes Blut, das sich in Strömen auf den Fußboden ergoss. In dem ganzen Schock war Georgia doch der Überzeugung, dass sich jeden Augenblick die gewaltige Brust heben und das Geschöpft einfach wieder aufspringen könnte, als wäre ihr nie etwas angetan worden. Doch sie blieb reglos am Boden und in dieser Reglosigkeit lag fast mehr Gefahr, als wenn sie doch aufgesprungen wäre.
      Hinter ihr fiel die Pistole mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, dann tat der Apothekar es ihr gleich nach. Taumelnd, als wäre er betrunken, stürzte er gegen den Schrank und wankte. Seine Knie unter ihm zitterten so stark, dass sie ihm gleich wegzubrechen drohten.
      Zuerst glaubte Georgia, die Bestie hätte ihn doch noch erwischt, aber dafür war er zu lebendig und zu wenig mit Blut besudelt. Ein paar Spritzer hatte er abgekriegt, aber es war nicht sein eigenes Blut. Nein, sein Zittern rührte woanders her.
      "Du hast das Wichsvieh nicht unter Kontrolle!"
      Es war, als würde Georgia mit einem Schlag aus ihrer Lähmung gerissen. Nun gab es keine Bestie mehr, die sie verteidigen konnte und es gab auch keinen Bluff mehr, der sie vor irgendetwas bewahrt hätte. Der Mann hatte ihr Geheimnis selbstständig aufgedeckt und jetzt konnte ihn nichts davon abhalten, mit Georgia einfach zu tun, was er wollte. Was sollte sie ihm schon entgegen setzen, etwa eine tote Bestie - oder eine lebendige, die sie nicht kontrollieren konnte? Nein, Georgia hatte nichts mehr. Sie war ihm jetzt gänzlich schutzlos ausgeliefert.
      Das erweckte ihren Körper schlussendlich wieder zum Leben und ohne weiter darüber nachzudenken, machte sie auf dem Absatz kehrt und stürzte zur Tür. Sie hatte sie nicht geschlossen, zu groß war der Aufruhr gewesen, deswegen hielt sie auch nichts weiter auf, als sie sich nach draußen warf, das Gleichgewicht verlor, beinahe gestürzt wäre, sich doch noch fing. Hinter sich hörte sie eine zornige, grauenvolle Stimme aufheulen.
      GEORGIA!“
      Und sie rannte, was das Zeug hielt. Sie rannte, als wäre der Teufel höchstpersönlich von ihr besessen und als ginge es um ihr Leben. Georgia preschte voran und ihr einziger Gedanke, der sie dabei begleitete, war, dass sie jetzt keine Bestie mehr hatte, die sie auffliegen lassen könnte. Sie könnte sich einfach irgendwo absetzen, allein aber sicher. Weg von dem Apothekar, weg von dem Mann, der jetzt alles gegen sie in der Hand hatte. Er könnte den Polizisten verraten, dass sie hier gewesen wäre, aber dann? Wenn sie kamen, wäre Georgia schon über alle Berge. Dafür rannte sie, denn es ging im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben.
      Die letzten Tage hatten einen Anker in ihrem Gehirn hinterlassen, der sie jetzt daran hinderte, direkt auf den leeren Highway zuzulaufen. Georgias Instinkte waren ausgeprägt genug, dass sie auf die unbestellten Felder zuhielt und darüber lief, so schnell sie nur konnte, den rettenden Wald am Horizont im Blick, die Schutz bietenden Bäume. Georgia rannte wie wild und ihr Atem stach in ihrer Lunge, ihre Beine waren schon nach ein paar Metern von den vergangenen Tagen bleischwer, ihr Körper schien träge und je schneller sie versuchte zu sein, desto langsamer schien sie zu werden. Ihr Arm schmerzte und pochte. Sie hatte sich keine Schuhe nach der Dusche angezogen und die harte, trockene Erde schnitten ihr die Fußsohlen auf.
      Dann drang ein Schuss über das weite Feld hinweg und Georgia spürte die Erde hinter ihr aufspritzen. Als wäre es ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen, warf sie sich der Länge nach auf den Boden, so beherzigt, wie sie es in der Ausbildung gelernt hatten. Wahrlich, ihr Ausbilder wäre sicher stolz auf ihre rasche Reaktion gewesen, auf ihre Rücksichtslosigkeit dabei. Doch in der Ausbildung hatten sie niemals gelernt, wie sie sich mit einem verletzten Arm hinwerfen sollten und so schrie Georgia vor Schmerzen auf, als sie sich mit ihrem Arm abfing. Eine Höllenqual explodierte über die ganze Länge hinweg und sofort rollte sie sich auf die Seite, um den bandagierten Arm an ihren Leib zu pressen. Es tat weh, oh so, so weh, die Schmerzen waren so scharf und durchdringend, dass es nicht auszuhalten war. Wieder weinte sie und langsam wurde sie wohl ihrer endlosen Tränen überdrüssig.
      Mit halbem Ohr wartete sie auf den zweiten Schuss, der vom Haus gekommen war, und der ihr sicherlich das Ende bereiten würde. Erst war es die Bestie gewesen, dann sie. Hier würde es zu Ende gehen, aber vielleicht würde es schnell sein. Vielleicht konnte der Apothekar gut zielen.
      Es folgte aber kein weiterer Schuss, sondern nur seine zornige Stimme, die über das Feld hinweg brüllte. Georgia zuckte davon zusammen und rollte sich ein, drückte den schmerzenden Arm an ihren Bauch und weinte. In diesem Augenblick dachte sie mit kindlichem Leichtsinn, dass schon alles irgendwie vorbei gehen würde, wenn sie nur die Augen fest schloss und alles in Schwarz verschwinden ließ, dass die Welt sie nicht finden würde, wenn sie sie nicht sah. Dass sie irgendwie die Macht besaß, in demselben Spalt zu verschwinden, aus dem vor vier läpprigen Tagen die Bestie gekrochen war. Dass alles vorbei sein würde.
      Aber der Schmerz in ihrem Arm fühlte sich zu real an und so konnte sie sich nicht einmal selbst dazu überreden, dass alles vorbei wäre. Sie war noch immer hier, sie war auf irgendeinem Feld und jetzt sollte sie zurück ins Haus kommen, wo dieser Mann sonst was mit ihr anstellen würde. Sie weinte und dann setzte sie sich auf.
      Zurück dauerte länger als weg. Sie beeilte sich gerade so viel, damit er nicht ein zweites Mal auf sie schießen würde, aber nicht mehr. Ihr Arm brüllte vor Schmerzen, so wie am ersten Tag, und ihre Füße waren von dem kurzen Sprint bereits wund. Mit hängendem Kopf kam sie zurückgeschlichen und versuchte sich darauf zu wappnen, was auch immer folgen würde.
    • Der Apothekar sah Georgia nur halb im Türrahmen stehen. Sie hatte gesehen, wie das Biest gefallen war und dass er selbst nun ebenfalls zu Boden gegangen war. Sein frustrierter Aufschrei brachte nichts, außer die Flucht Georgias.
      „VERDAMMTE SCHEIßE!“
      Seine Stimme brach zum Ende hin, aber das hielt ihn nicht auf. Er musste sich jetzt wieder in den Griff kriegen. Hier eine Attacke zu bekommen war das Letzte, was er nun gebrauchen konnte. Mit Müh und Not schaffte er es, seine Ellenbeuge nicht weiter zu malträtieren, sondern die Energie in etwas sinnvolles zu stecken wie Aufstehen beispielsweise. Noch immer wackelte er, als er sich zum Fenster drehte und jetzt endlich diesen verdammten Umriss der Tussi sah, den er sich die ganze Zeit schon über eingebildet hatte. Geistesgegenwärtig stürzte er sich wieder auf den Schrank und wühlte die Pumpgun hervor. Eine Bockdoppelflinte, die er mit zwei Patronen lud und sie mit einem satten Klack schloss. Er taumelte mit der Waffe zu Fenster, stieß es auf und richtete den Lauf aus.
      Seine Arme zitterten. Sein Atem ging abgehackt. Über Kimme und Korn hinweg versuchte er zu zielen, wusste aber, dass er es nie schaffen würde. Das war okay. Er wollte sie nicht treffen. Er wollte sie nur zum Anhalten bewegen. Er würde sie schon nicht treffen. Alles gut... Er würde sie nicht treffen.... Er würde nicht...
      Sein Finger löste den Abzug aus und es knallte, sodass die Welt um ihn herum in Stille verfiel. Er sah knapp hinter Georgia Erde aufspritzen, sie fiel direkt mit dem Schuss und er ließ die Flinte beinahe fallen.
      „FUCK!“, schrie er hinterher, so laut, dass er sich selbst fast hören konnte. Er hatte sie doch getroffen. Er hatte mit seiner scheiß Attacke und den Entzugserscheinungen Georgia tatsächlich getroffen. Seine Chance war dahin. Sein Ziel versaut, durch die eigenen Hände. Er hatte das erste Mal getötet. Er war nicht besser, als –
      Sie bewegte sich. Selbst aus dieser Distanz bei schlechter Sicht sah er, dass sie sich bewegte. Auf der Erde. Sie rollte. Vor Schmerz? Er hatte sie doch getroffen. Seine Paranoia begann gerade wieder, mit ihm durchzugehen, als sie sich tatsächlich aufsetzte. Oh Gott. Er hatte sie doch nicht getroffen?
      „BEWEG DEINEN VERFICKTEN ARSCH WIEDER INS HAUS!“, brüllte er ihr zu und es war ihm scheißegal, dass man ihm die vergangene Minute durchaus anhören konnte.
      Tatsächlich folgte sie seinem Befehl. Träge stand sie auf und begann, zurück zum Haus zu schlurfen. Vor Erleichterung und Erschöpfung sackte er vor dem Fenster auf die Knie und legte die maskierte Stirn an den Fenstersims.

      Der Apothekar bewegte sich erst wieder, als er Georgia hörte, wie sie das Haus betrat. Fahrig schloss er das Fenster, rappelte sich auf und ließ die Flinte achtlos zurück, während er mit großen Schritten über die Bestie hinweg stieg und betete, dass sie einfach liegen bleiben würde. Er wagte es nicht, sie auch nur mit einem Fuß anzustupsen. Es reichte aus, dass er darauf achten musste, wohin er trat, um nicht in der Blutlache auszurutschen. Wie sollte er das alles bitte T. J. erklären?
      Er traf Georgia in der großen Küche. Dort, wo sein kalter Teller mit MacnCheese noch immer stand und Stühle umgeworfen waren. Sie hatte die Eingangstür geschlossen und sah jetzt sogar noch beschissener aus als vorher. Nicht nur waren die gesamten Klamotten vom Feld verdreckt, sie hatte noch Gräser im Haar und nicht einmal Schuhe an. Sie war, verfickt nochmal, ohne Schuhe gerannt. Solche Panik hatte sie gehabt.
      Einen Moment lang sagte er nicht, dann stieß er einen langen Atemzug aus. „Setz dich.“
      Der Zorn war aus seiner Stimme verflogen, dafür hatte er schlichtweg keine Energie mehr. Seine inneren Dämonen fraßen davon eh viel zu viel. Er wartete ab, bis sie sich auf einen Stuhl sinken ließ und ihren Arm drückte. Stimmt. Da war ja auch noch was.
      „Jetzt mal ohne scheiß; was ist dein Problem? Ich hab das Vieh gerade kalt gemacht und du verpisst dich einfach?“ Er ging an ihr vorbei zu einem Schrank und durchsuchte ihn, bis er eine Schüssel fand. Dort ließ er warmes Wasser ein und zog ein Geschirrtuch unter der Spüle hervor. „Was hab ich dir getan?“ Ja… diese Tour konnte bei ihr ziehen… „Weder hab ich dich den Bullen gemeldet, noch hab ich dir wehgetan oder war scheiße zu dir. Ich hab dir sogar Zuflucht angeboten, obwohl ich ganz genau weiß, wer du bist. Seh ich etwa so aus, als wär ich der Kerl, der sich rechtschaffend an die Bullen wendet und andere ans Messer liefert?“
      Zugegeben, auch das hatte er schon in der Vergangenheit getan, allerdings dann eher aus der Not heraus. Oder weil der Preis stimmte. Oder weil er versucht hat, ihm Zeug zu klauen.
      Mit der Schüssel bewaffnet kam er zurück zu Georgia und ließ sich vor ihr auf den Boden sinken. Der Boden war nun sein bester Freund, denn da wankte er nicht und es drehte sich auch nicht mehr. Der Boden gab ihm den Halt, damit er wirklich wieder klarkam und es ihm leichter fiel, seine zitternden Hände zu kaschieren.
      „Gib mir den Fuß. Na komm schon.“
      Er packte ihren Knöchel und zog ihren Fuß zu sich. Mit dem feuchten Tuch begann er, erstaunlich sanft ihre Fußsohlen zu reinigen. Der Boden hier, erst recht nachdem es wenig geregnet hatte, war richtig fies ohne passendes Schuhwerk. Das sah er nun an ihren weichen Sohlen, die gerötet waren und Schnitte aufwiesen.
      „Es wäre leichter gewesen, wenn du von Anfang an gesagt hättest, dass du das Vieh nicht kontrollieren kannst. Das ist es also, was auf der Wacht passiert ist, richtig? Ey, alle Leute im Untergrund denken, du bist von einer verfickten Terrororganisation oder so dahin geschickt worden. Wie konntest du so lange unter dem Radar fliegen? Ich dachte, die ganzen Magier-Spasten werden registriert oder was auch immer.“
      Zeig Verständnis. Sei nett. Biete ihr die Zuflucht an, die sie nicht hat und mach sie von dir abhängig. Nutz ihr Vertrauen und ihre Naivität zu deinem Nutzen und mach sie zu deinem Werkzeug. Das waren die Leitsätze, mit denen er Georgia bisher behandelt hatte. Angesichts der Tatsache, dass sie ihre Bestie nicht kontrollieren konnte, wurden diese Sätze leider fadenscheinig. Wie konnte er sie als ihr Werkzeug nutzen, wenn sie ihre Kräfte nicht unter Kontrolle hatte? Er war kein Magier, er konnte sie nicht lehren. Alles, was er konnte, war ihr Drogen anzubieten, die es besser machen würden. Wenn auch für einen Preis. Aber soweit hatte er sie noch nicht. Noch würde das Reh abspringen, wenn er sich zu früh bewegte.
    • Georgia traute sich kaum den Blick zu heben, als sie zurück ins Haus kam. Sie erwartete fest, dass der Apothekar bereits auf sie warten und die Flinte auf sie richten würde, mit der er auf sie geschossen hatte. Was sonst könnte ihn davon abhalten, dass sie die Bestie nicht noch einmal rief? Welchen Grund hätte er noch, sie mit Rücksicht zu behandeln?
      Nach dem kleinen Sprint waren jetzt alle ihre letzten Kraftreserven aufgebraucht. Ihre Beine waren unheimlich schwer und trugen sie nur mit Mühe und Not weiter. Sie keuchte noch immer, aber so viel sie auch atmen mochte, ihre Lungen schienen sich nicht mehr vollständig mit Luft zu füllen. Ihre Tränen versiegten wieder, wenngleich der Rotz ihr noch immer aus der Nase lief. Sie schniefte nur halbherzig und kümmerte sich nicht weiter darum.
      Die Tür fiel unglaublich laut hinter ihr ins Schloss, dann war es wieder unglaublich still. Georgia blieb davor stehen, den Arm mit dem anderen haltend, den Blick gerade genug gehoben, um den leblosen Körper der Bestie zu erblicken. Da sah sie doch ganz schnell wieder weg, von einem Gefühl gänzlicher Hilflosigkeit gepackt.
      Der Apothekar war auch im Raum. Sie schwiegen sich gegen seitig an, dann stieß er einen Atem aus, als sei er derjenige gelaufen, der einen solchen Sprint hingelegt hätte.
      "Setz dich."
      Sie gehorchte sofort, auch wenn der Schneid aus seiner Stimme, mit der er vorhin noch über das Feld gebrüllt hatte, gänzlich verloren war. Georgia hatte nicht vergessen, dass der Mann selbst gezittert hatte wie Espenlaub und dass selbst seine zornige Stimme einen schrillen und panischen Unterton gehabt hatte. So zornig, wie er auch sein mochte, war er selbst von der ganzen Situation mitgenommen. Machte ihn das unberechenbar? Aber konnte er überhaupt unberechenbarer sein als die Bestie, die im einen Moment jagen und im nächsten das Interesse verlieren konnte?
      Georgia wollte einfach nicht darüber nachdenken. Sie ließ sich auf einen Hocker fallen und sackte in sich zusammen, den Blick noch immer auf den Boden gerichtet.
      "Jetzt mal ohne scheiß; was ist dein Problem? Ich hab das Vieh gerade kalt gemacht und du verpisst dich einfach?"
      Georgia schwieg. Was sollte sie schon sagen? Dass sie jetzt nichts mehr gegen ihn in der Hand hatte? Dass sie sich sicher war, dass er sie nicht einfach so verstecken würde, wenn erstmal rausgekommen wäre, dass die Bestie nicht ihre Verbündete war? Dass es vielversprechender war, sich zurück in die Natur aufzumachen, bevor sie alleine mit dem Unbekannten war, der ihr noch nicht einmal sein Gesicht enthüllte, war? Was war überhaupt mit seinem Namen, was war mit der fadenscheinigen Absicherung, die er ihr versprochen hatte? Sah er da etwa wirklich kein Problem?
      "Was hab ich dir getan? Weder hab ich dich den Bullen gemeldet, noch hab ich dir wehgetan oder war scheiße zu dir. Ich hab dir sogar Zuflucht angeboten, obwohl ich ganz genau weiß, wer du bist. Seh ich etwa so aus, als wär ich der Kerl, der sich rechtschaffend an die Bullen wendet und andere ans Messer liefert?"
      Georgias Augen brannten wieder, aber neue Tränen kamen nicht nach. Er wusste jetzt wirklich, wer sie war. Nämlich niemand, der seine Magie unter Kontrolle hatte. Niemand, der seiner Bestie wirklich hätte auftragen können, sich auf ihn zu stürzen.
      "Das kann ich doch nicht wissen", murmelte sie in sich hinein, aber mehr, damit er nicht plötzlich zornig davon werden könnte, dass sie nicht mehr mit ihm sprach. Seine Reaktion konnte sie nicht sehen, starr schaute sie auf die Dielen.
      Wasser plätscherte, Schritte ertönten, dann tauchte der Mann plötzlich in ihrem Gesichtsfeld auf. Georgia war so erschöpft, sie zuckte noch nicht einmal zusammen, obwohl sie sich durchaus erschreckte. Als wäre da überhaupt nichts dahinter, hockte er sich vor ihr auf den Boden.
      "Gib mir den Fuß."
      Georgia schniefte. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Nase, weil ihr der Rotz sonst über die Lippen gelaufen wäre. Aber sonst regte sie sich kein Stück.
      "Na komm schon."
      Sie hatte keine Ahnung, was er jetzt schon wieder von ihr wollte, aber ganz sicher wollte sie sich nicht von ihm anfassen lassen. Nirgendwo, auf keine Weise. Sie schüttelte den Kopf.
      Da packte er doch ihren Knöchel und zog ruckartig ihren Fuß zu sich. Georgia wehrte sich dagegen, dann erinnerte sich an die Flinte und die Leiche auf dem Boden und ließ es doch wieder bleiben. Ihre Augen brannten und sie hielt ihren glühenden Arm so fest, als könnte er ihr sonst abfallen.
      Mit erstaunlicher Sanftheit begann der Mann, ihren Fuß zu reinigen. Das Tuch war blutig, als er es das erste Mal wegzog, aber er machte unbeirrt weiter. Es tat auch weh, aber der Schmerz war so viel geringer als ihr Arm, dass es Georgia fast wie eine Wohltat erschien, sich einmal auf etwas anderes konzentrieren zu können. Eigentlich war es sogar recht beruhigend, so dort zu sitzen und nichts weiter tun zu müssen, nicht weiter überlegen zu müssen. Sie sah nur dabei zu, wie er immer wieder das Tuch ins Wasser tunkte und all den Dreck von ihren Füßen holte.
      "Es wäre leichter gewesen, wenn du von Anfang an gesagt hättest, dass du das Vieh nicht kontrollieren kannst. Das ist es also, was auf der Wacht passiert ist, richtig? Ey, alle Leute im Untergrund denken, du bist von einer verfickten Terrororganisation oder so dahin geschickt worden. Wie konntest du so lange unter dem Radar fliegen? Ich dachte, die ganzen Magier-Spasten werden registriert oder was auch immer."
      "Ich dachte..."
      Leise schniefte sie und fuhr sich nochmal über die Nase.
      "Du hättest mich doch bestimmt umgebracht oder der Polizei ausgeliefert, wenn - wenn die Bestie nicht dabei wäre und wenn du nicht - wenn du nicht gedacht hättest, dass ich sie dich töten lassen könnte."
      Ihre Stimme war belegt und Georgia weinte irgendwie trotzdem, obwohl keine Tränen mehr kamen und ihr Körper nicht mehr viel zustande brachte, außer ein paar abgehackte Atemzüge und ein periodisches Zittern. Ihr Arm flammte manchmal auf und dann musste sie ein Wimmern unterdrücken.
      "Ich woll-wollte das alles nicht. Es ist ausv-v-versehen passiert, im Revier. Meine Mo-Mom hat mir immer gesagt, ich dürfte n-n-nie Magie wirken, weil dann was ganz fü-fürchterliches passieren würde. Das hab ich auch nicht. Und wir waren im", sie schluchzte trocken, "im Training und wir hatten diese Geräte und auf einmal war da s-so - es hat", wieder ein tränenloses Schluchzen, "hat halt Klick gemacht, als wär' irgendwas in mir - in mir aufgegangen. Und dann -"
      Sie schluckte gegen den Kloß an, der ihr den Hals zuknöpfte.
      "Dann ist sie - sie hat - sie ist - aus dem Boden und dann war da - ich wusste gar nicht - es war so... so laut und es hat... als ob... als ob die Welt untergehen würde. Und sie ist - sie ist aus dem Boden - aus dem sche-scheiß Boden ist sie gekommen und hat - hat - als sie raufgekommen ist, hat sie - sie hat Bennett und - oh Gott."
      Was wie ein weiteres Schluchzen in ihrer Erzählung wirkte, war stattdessen eine ganz andere Reaktion. Denn Georgia hatte eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrgenommen und jetzt starrte sie mit wachsendem Grauen die Leiche der Bestie an, die sich bewegte. Die sich bewegte.
      "Schau - schau!"
      Vor ihren Augen schrumpfte die Leiche zusammen. Es schien, als würde einem Luftballon nach und nach die Luft ausgelassen werden. Der mächtige Leib fiel ab und ab und weiter ab, die muskulösen Beine wurden dünner und immer dünner, die Klauen zogen sich in den Körper zurück. Die Bestie schien den ganzen Atem aus ihrem Körper zu lassen und dann wurde sie noch dünner und noch viel dünner, bis sie nicht viel mehr Masse besaß als ein Blatt. Dann schien sie sich erneut aufzulösen und diesmal wurde ihr Körper flüssig, verwandelte sich in eine schwarze, Teer-artige Masse und vermischte sich für einen Augenblick mit dem dunkelroten Blut, das dort noch in einer Lache auf dem Boden lag. Und vor ihren gemeinsamen Augen begann das Gemisch von Nachtschwarz und Blutrot im Boden zu versickern, als hätten die Dielen dieses Hauses sich jetzt erst dazu entschlossen, dass sie aufnahmefähig für diese Art von Flüssigkeit waren. Es versickerte und versickerte wie Schwamm, der alles nach und nach in sich aufnahm, bis nach einigen Sekunden nichts mehr davon übrig war, nicht der kleinste Fleck. Das Blut war verschwunden, die schwarze Flüssigkeit war verschwunden und nicht einmal mehr die Dielen wiesen noch Anzeichen auf, dass sie jemals hier gewesen war. So, wie die Kreatur ins Leben gerufen worden war, hatte sie sich auch wieder vollständig dorthin zurück begeben.
    • „Das konnte ich doch nicht wissen.“
      Der Apothekar rollte ungesehen mit den Augen. Ja, in seinen Kreisen war Misstrauen Gang und Gebe, aber das lag einfach nur daran, dass man wusste zu welchen Schandtaten der jeweils andere bereit war. Georgia war verunsichert und das bis in die Knochen, weshalb sie scheinbar nicht mehr rational denken konnte.
      Er wrang das Tuch in der Schale aus, die mittlerweile eine Mischung aus Rot und Braun als Farbe angenommen hatte. „Ernsthaft? Was hab ich denn davon, dich bei der Polizei auszuliefern? Die sprechen keine Belobigungen oder Geldbeträge aus. In was für einer Welt lebst du eigentlich…“
      Wenn sich damit ein leichtes Leben verdienen ließe, hätte er das längst getan. Dann wäre er nun die Petze der Nation, anstelle des Drogendealers, der Magipramin nachmischen konnte. Gerade wollte er mit dem Lappen seine Arbeit fortsetzen, da sah er zu ihrem Gesicht auf. Auch da klebte noch Dreck, aber die Rötung kam vom Weinen. Sie weinte schon wieder. Wie viel Tränen konnte eine einzige Person an einem Tag denn noch verlieren? Sein Blick schweifte zu dem Arm ab, den sie eisern hielt. Hatte sie vorher nicht auch schon mal … ?
      „Hey, hey, hey, hey“, sagte er und hob beide Hände an in dem Versuch, sie milder zu stimmen, indem er sie nicht weiter anfasste. „Unfälle passieren, ja? Es sterben auch Freaks, die zu viel Magipramin nehmen oder genug Penner, die sich den Shot falsch setzen. Das passiert. Scheinbar hat deine Mom ja was geahnt.“
      Er formulierte es nicht weiter aus, weil Georgia direkt weitermachte. Allerdings behielt er sich die Idee bei. Vielleicht hatte ihre Mutter tatsächlich was geahnt und nicht nur aus Paranoia zu ihr gesagt, sie solle nichts wirken. Vererbte sich so ein Scheiß? Oder wie lief das ab? Davon hatte er keinen blassen Schimmer. Aber wenn, dann hatte ihre eigene Mutter Angst vor ihrer Tochter gehabt. Es musste schon mal passiert sein. Wenigstens als Baby oder als Kleinkind.
      „… oh Gott.
      „Was?“
      „Schau – schau!“
      Der Apothekar fuhr herum und sofort waren alle seine Muskeln steinhart und in Alarmbereitschaft versetzt worden. Fast wäre er schon aufgesprungen, um sich die Flinte aus dem Schlafzimmer zu krallen, aber das war scheinbar nicht von Nöten. Vor ihren Augen schrumpfte der Körper der Bestie, wurde flacher, immer flacher, veränderte die Textur und verschwand schlussendlich im Nichts.
      Der Apothekar schauderte. „Das ist so krank, man.“
      Er rappelte sich auf, um an der Spüle das Wasser zu wechseln. Braunrot verlief sich im Ausguss und wurde durch frisches, warmes Wasser ersetzt. Damit kehrte er zu Georgia zurück, ließ sich sinken und nahm sich ihren anderen Fuß vor.
      „Ich mein, wenn du jetzt keine Magie mehr benutzt, dann kommt das Vieh auch nicht mehr wieder. Also hast du jetzt erst mal Ruhe und kannst dich ein bisschen absetzen. Und falls das Ding doch nochmal wiederkommt – ich hab Magipramin zuhause. Für den Fall der Fälle kann ich dir was geben, wird dir wohl auch helfen… Was machen die Füße?“
      Schnell das Thema wechseln, damit sie nicht längerfristig darüber nachdachte, dass er ihr gerade Drogen angeboten hatte. Was er bisher mitbekommen hatte, war eine unsichere, verstörte junge Frau, die zwar zur Polizei gewollt hatte, aber noch nicht ganz in deren Riege spielte. Sie besaß ein gewisses Maß an Moral, und das konnte ihm noch die Tour verhageln.
      „Wir bleiben die Nacht sowieso erst mal hier. Auch damit sich alles in der Stadt erstmal setzt. Dein Vieh hat mit Sicherheit für Schlagzeilen gesorgt und da will ich erst mal einen Moment abwarten. Willst du was essen? Du kannst meinen Teller da haben, ich hab nicht eine Gabel gegessen… Sag mal, hat’s dich doch noch irgendwo erwischt?“
      Sein Blick ging zu dem Arm, der sich seit ihrer Rückkehr ins Haus nicht einmal bewegt hatte, außer dem allumfassenden Zittern. Sie machte alle Bewegungen mit ihrem Körper mit, nur den Arm schloss sie aus.
    • In was für einer Welt Georgia lebte? Genau dasselbe hätte sie diesen Mann hier fragen können, der nie seine Maske abnahm, der mit Magipramin dealte und der irgendeinen T. J. kannte, der sie zu einem verlassenen Farmhaus gelotst hatte. Selbst Georgias frisch ausgebildeten Polizeisinne klingelten da schon laut und eindringlich. In was für einer Welt sie also lebte? In der richtigen.
      Das sagte sie ihm aber nicht, nicht, nachdem er fast schon so beruhigend auf sie einsprach, wie man es in dieser Situation nur tun konnte. Georgia war hier hereingekommen in der festen Annahme, dass er sie jetzt als Geisel oder sonst was halten würde, aber stattdessen wischte er ihr die Füße und bemühte sich darum, dass sie die ganze Sache ein bisschen milder betrachtete. Es war alles so unvorbereitet, Georgia schaffte es wirklich, dass ihre Tränen versiegten. Für den Augenblick zumindest.
      Beide beobachteten sie wie gebannt, wie die Bestie erst weniger wurde und dann ganz verschwunden war. Es schauderte Georgia bei dem schieren Erlebnis, dem sie hier beigewohnt hatten, und der Apothekar hatte wohl die beste Zusammenfassung dafür:
      "Das ist so krank, man."
      Georgia nickte zustimmend, besser hätte sie es wohl auch nicht beschreiben können.
      Er stand auf, ging und kam dann wieder, um sich auch den anderen Fuß zu schnappen. Das ließ Georgia schon bereitwilliger zu und ließ auch den Kopf nicht mehr so hängen; jetzt, wo die Leiche weg war, fürchtete sie sich auch nicht mehr so sehr davor, in die Richtung zu sehen.
      "Ich mein, wenn du jetzt keine Magie mehr benutzt, dann kommt das Vieh auch nicht mehr wieder. Also hast du jetzt erst mal Ruhe und kannst dich ein bisschen absetzen. Und falls das Ding doch nochmal wiederkommt – ich hab Magipramin zuhause. Für den Fall der Fälle kann ich dir was geben, wird dir wohl auch helfen… Was machen die Füße?"
      Damit hatte er recht. Nicht, dass Georgia dieses Angebot jemals annehmen würde, denn von Drogen hielt sie nichts, egal welche Wirkung sie entfalteten.
      "Wird schon besser", antwortete sie etwas zuversichtlicher, froh darum, dass er nicht weiter darauf herumhackte, dass sie davongelaufen war. Das ganze war nur wenige Minuten her und doch kam es ihr so vor, als lägen schon Stunden dazwischen.
      "Wir bleiben die Nacht sowieso erst mal hier. Auch damit sich alles in der Stadt erstmal setzt. Dein Vieh hat mit Sicherheit für Schlagzeilen gesorgt und da will ich erst mal einen Moment abwarten. Willst du was essen? Du kannst meinen Teller da haben, ich hab nicht eine Gabel gegessen… Sag mal, hat’s dich doch noch irgendwo erwischt?"
      Etwas anderes hatte Georgia auch gar nicht erwartet, als die Nacht zu bleiben. Wenn sie ehrlich war, hätte sie auch gar nichts dagegen einzuwenden, direkt ins Bett zu gehen. Ihre Knochen waren schwer und sie fühlte sich kaum noch in der Lage, das Haus überhaupt noch zu verlassen. Sie wollte nichts lieber, als nach Tagen wieder in einem richtigen Bett zu schlafen.
      Aber den Arm, den würde sie sich nicht ansehen lassen, egal wie viel der Mann daran ändern könnte. Dafür war sie schlichtweg noch nicht bereit.
      "Ist nicht so schlimm, sind nur ein paar Kratzer."
      Das schien er ihr nicht im mindesten zu glauben und deshalb war es jetzt Georgia, die lieber wieder ganz schnell ablenkte.
      "Ich glaube, ich geh lieber ins Bett anstatt zu essen. Aber danke für... für alles hier."
      Sie rutschte vorsichtig vom Hocker und der Mann stand auf. Ihre geschundenen Füße taten jetzt, nachdem das ganze Adrenalin abgesackt war, auf dem harten Boden noch viel mehr weh, aber das ließ sie sich hoffentlich nicht anmerken, als sie in eines der Zimmer wankte. Im Türrahmen drehte sie sich aber nochmal zu ihm um.
      "Wenn du... wenn du scheiße baust, dann hol ich sie wieder. Ich tu's. Das war nicht schwer. Und ging ganz schnell."
      Sie sah die ausdruckslose Maske an, dann verschwand sie, schloss hinter sich die Tür ab und ließ den Schlüssel stecken. Es gab einfach keine Chance, dass sie sich ohne wenigstens ein bisschen Absicherung hingelegt hätte. Da mochte der Mann noch so nett zu ihr sein, wenn er es irgendwann nicht mehr war, könnte es schon zu spät sein.
      Georgia hatte jetzt zwar keine Möglichkeit mehr, sich andere Klamotten zu besorgen, aber das war ihr eigentlich auch herzlich egal. Sie hatte in den letzten Tagen auf der Straße, in Gebüschen und in einem Container geschlafen, es hätte ihr nicht unwichtiger sein können, ob sie ein bisschen Dreck ins Bett brachte. In ihren Klamotten stieg sie ins Bett, stöhnte auf, weil die Matratze so unvorstellbar weich war, und ließ sich dann der Länge nach nieder. Der weiche Untergrund war eine wahre Wohltat für ihren geschundenen Körper und für viele Sekunden lang war ihr Glück, in einem relativ sicheren Haus in einem eigenen Zimmer in einem eigenen Bett zu schlafen, so groß, dass sie sogar lächelte. Dabei rieb sie das Gesicht an den himmlisch weichen Kissen und stellte sich vor, dass es gerade nichts wichtigeres gab, als in diesem Bett zu liegen und einfach nur zu genießen, wie weich und warm alles war. Nichts weiter als nur zu genießen.
      Es dauerte keine fünf Minuten, dann war Georgia schon vollkommen weggetreten.

      Die erste Hälfte der Nacht schlief sie wie ein Stein. Ein Erdbeben hätte sie nicht wecken können und selbst eine zum Leben erwachte Bestie hätte ihre Schwierigkeiten damit gehabt, Georgia aufzuwecken. Die zweite Hälfte der Nacht wurde sie von Albträumen geplagt.
      Es waren dieselben Träume, die sie auch auf ihrer Flucht gehabt hatte, wenn es ihr möglich gewesen war, für ein paar Stunden Frieden zu finden. Es waren keine sehr scharfen Träume, sondern eher ein Wirrwarr aus Gefühlen, eine körperlose Bedrohung, die über Georgia schwebte und jeden Moment zuschlagen konnte, das Gefühl, nicht Herr der Lage zu sein und alles um sich herum auseinanderfallen zu sehen, das Gefühl, den eigenen Kopf bereits tief in das Maul der Bestie gesteckt zu haben. Es waren auch Szenen dabei, die, so flüchtig, wie sie waren, nicht lange im Gedächtnis blieben; ein Boden, der sich unter Georgia auftat, um sie in brennenden Schutt aufgehen zu lassen; Menschen die schreiend auseinander liefen und deren Schreie abrupt abbrachen, als ein unbestimmtes Etwas ihre Köpfe abriss; dunkle Gassen, menschenleere Straßen aber immer ein Schatten dabei, ein lebendiges Wesen, das nicht von dieser Welt war und sich auch nicht an deren Regeln halten musste. In manchen dieser Träume rannte dieses Wesen auf Georgia selbst zu und sie war, gefangen in ihrem Traum, nicht in der Lage, ihm auszuweichen.
      So erholsam wie die erste Hälfte der Nacht gewesen war, so unruhig wurde die zweite Hälfte. Georgia stöhnte im Schlaf, wälzte sich herum und schrie, spitz und knapp. Sie riss ihren Arm herum und der Schmerz vermochte sie kurz herauszureißen, aber die Erschöpfung hatte sie schnell genug wieder übermannt, dass sie in dem nächsten Traum abglitt. Sie schwitzte und das tat sie immernoch, als sie sowohl die Decke, als auch das Kopfkissen vom Bett gestrampelt hatte. Ihr Schweiß war kalt, aber ihre Haut war heiß, so heiß, dass man sich an ihr verglühen konnte. Ihre Wangen waren rosig und ihr Arm - ihr Arm war ein pochender, aufquellender Auswuchs ihres Körpers, drückte sich gegen den Verband an, den sie so gut gebunden hatte und der doch nicht genug gewesen war. Georgia sah nicht gut aus. Sie schlief volle 12 Stunden und als sie dann aufwachte, fühlte sie sich an, als stünde sie in Flammen. Ihr Kopf fühlte sich dick und wattig an und ihre Glieder schienen wie von schweren Ketten heruntergezogen.
      Für Georgia fühlte es sich an, als müsse sie bald sterben.
    • „Ist nicht so schlimm, sind nur ein paar Kratzer.“
      Der Apothekar kannte solche Aussagen zur Genüge. Ich hab mir nur eine Line gezogen, kein Ding. Das waren nur 5 ml, keine Menge. Es waren nur 4 Tabletten, das kickt noch nicht einmal richtig.
      Meistens waren es Aussagen, um auszuweichen. Um von den scheiß Dingen abzulenken, die im Hintergrund lauerten. Aber wenn Georgia meinte, es nicht kundzutun, dann war er der Letzte, der danach bohren würde. Das war immerhin noch ihre Sache und solange sie nicht plötzlich in seiner Anwesenheit den Löffel abgab, ging das für ihn in Ordnung.
      „Ich glaube, ich geh lieber ins Bett anstatt zu essen. Aber danke für… für alles hier.“
      Er nickte ihr schweigend zu und stand auf. Schale und Lappen wanderten in die Spüle, wo er sie später auswaschen würde, wenn sie sich verzogen hatte. Er sagte auch dann nichts, als sie aus der Küche in eines der weiteren Zimmer torkelte und seine Versorgung ihrer Füße scheinbar nur marginal geholfen hatte.
      „Wenn du… wenn du scheiße baust, dann hol ich sie wieder. Ich tu’s. Das war nicht schwer. Und ging ganz schnell.“
      „Aber sicher doch. Ich bleibe brav“, tat er es ab, ohne ihr einen Blick zu schenken, sondern stellte den Wasserhahn ab und begann, den verdreckten Lappen auszuwaschen.
      Was für ein Paket hatte er sich da eigentlich angelacht. Er wollte eine Tussi haben, die ihm gehörig war und die Drecksarbeit für ihn erledigte und kein kleines Mädchen, das außer Laufen nichts konnte. Er wusste zu wenig über die Magie, als dass er einschätzen konnte, inwiefern sie trainierbar wäre, aber dann musste er im Notfall eben mit dem Wenigsten arbeiten. Dann würde er ihre Fähigkeit einfach für das Chaos nutzen und daraus seinen Zweck ziehen müssen. Es war alles eine Frage der Perspektive, so wie vieles in seinem Leben.

      Die Uhr an der Wand zeigte 1:32 Uhr nachts. Der Apothekar hatte sich in das Hauptschlafzimmer zurückgezogen und die Spuren der Auseinandersetzung mit der Bestie so gut es ging aufgeräumt. Die Hülsen der Pistole hatte er eingesammelt und entsorgt, das Magazin neu geladen und mitsamt der Pistole und der Pumpgun wieder im Schrank verstaut. Gegen die Löcher konnte er nichts machen, aber das war gerade sein geringstes Problem.
      Er saß auf dem großen Bett, vor ihm ausgebreitet alles, was er in diesem Haus als Arzneimittel hatte finden können. Tabletten, Ampullen, Pulver – die Auswahl war groß. Und doch war es alles nur das übliche Zeug einer Hausapotheke und nichts, was ihn wirklich befriedigen konnte. Er las die Etiketten jeder Packung nach den Wirkstoffen durch, die er brauchte, und kam am Ende auf ein Gemisch aus Schmerz- und Allergiepulver, das ihm wenigstens das lästige Zittern nehmen würde. Wenn auch nicht ganz die Panikattacken. Dafür brauchte er schon seinen echten Stoff.

      Er schlief unruhig in der Nacht. Teilweise aufgeschreckt durch heftiges Körperzucken oder wegen Gedankenspiralen, die ihn selbst während des Schlafes heimsuchten. Zwischendurch wirkte er verschwitzt und fahrig, aber er hielt in dem Zimmer aus bis die Sonne sich durch die Blenden vor den Fenstern zwängte. Immerhin war das Vieh wirklich nicht wiedergekommen. Georgia hatte sich also zusammenreißen können.
      Seine nächste Amtshandlung war es, im Flur auf Geräusche zu lauschen. Als er nichts hörte, beschlagnahmte er das Bad für sich, um sich den Nachtschweiß abzuwaschen. Er zog die gleichen Kleider wieder an, die er am Leibe trug, weil er nicht plante, noch länger von seiner Wohnung wegzubleiben als irgendwie nötig. Seine Haare kämmte er mit den Fingern zurück und klemmte sich die Maske unter den Hosenbund. Die zog er erst wieder auf, wenn er hörte, dass die kleine Madame auf den Füßen war.
      Als Georgia gegen zehn immer noch kein Lebenszeichen von sich gab, wurde der Apothekar unruhig. Er setzte sich seine Maske auf und tigerte zu dem Zimmer, in dem er sie wusste. Da er nicht ganz so assig war, wie sie vielleicht dachte, klopfte er an und wartete, aber nichts geschah. Unter seiner Maske runzelte er die Stirn und klopfte nochmal. Wieder nichts.
      „Hey, Miss, träumst du noch?“, rief er laut genug vor der Tür und wartete auf Rückmeldung. Doch abermals erreichte ihn keine.
      Langsam machte sich Skepsis breit. Es wäre nicht unmöglich gewesen, aus dem Fenster nach draußen zu klettern und dann abzuhauen. Ihr Zimmer war gegenüber seines gelegen. Ihm fiel alles aus dem Gesicht als ihm aufging, dass er ihr VERTRAUT hatte, nicht abzuhauen. Nach allem, was bisher passiert war.
      „Shit, ich bin so dämlich…“, fluchte er leise und legte die Hand an den Türknauf, um zu öffnen.
      Abgeschlossen.
      Er fluchte noch einmal, derber dieses Mal. Frust und Ärger machten sich in ihm breit und verleiteten ihn dazu, einmal heftig gegen die Tür zu treten. Sie gab nicht nach und das befeuerte seinen Frust so sehr, dass er es noch vier Mal versuchte, bis die Tür endlich nachgab und aus den Angeln sprang.
      Er stockte, als er Georgia im Bett vorfand. Sie hatte das gesamte Bettzeug von sich auf den Boden befördert und lag ausgestreckt auf der Matratze, das Gesicht zur Decke gewandt. Dass sie klamm vor Schweiß war und die Röte in ihrem Gesicht trug erkannte er binnen Sekunden. Und eine weitere brauchte er nur, um zu erkennen, dass das von einer Erkrankung herrühren musste.
      „Alter, was geht bei dir denn ab??“
      Innerhalb weiterer Sekunden stand er an Georgias Seite. Sie trug noch immer die Kleidung vom Vorabend, das zu weite Hemd und die locker sitzende Jeans, wenn jetzt auch ohne Gürtel. Ihr war der Stoff fast schon über die Beine nach unten gerutscht, sodass er einen unverschämten Blick auf ihren Slip und die Beine werfen konnte. So gern er sich andermal daran sattgesehen hätte; jetzt half es ihm, die Beine und die Füße nicht als Quell dieses Dramas zu bestimmen. Nun lag seine Aufmerksamkeit auf ihrem roten, sehr nassen Gesicht. Georgia öffnete nicht einmal richtig die Augen und wenn er eines gelernt hatte, dann, dass die Kleine ihn nie aus den Augen gelassen hätte. Träge bewegte sie sich, aber ob sie dabei auf seine Worte reagierte, wusste er nicht. Der Apothekar legte ihr keine Hand auf die Stirn. Das Fieber war ihr direkt anzusehen.
      Ohne Umschweife sah er zu dem Arm, den sie ihm gestern nicht zeigen wollte. „Und ich hab noch gefragt…“, murmelte er leise, als er in die Hocke ging und den lockeren Ärmel bis zu ihrer Schulter hochschob. Ein ramponierter Verband kam zum Vorschein, dick gewickelt, aber alles andere als sauber. Ihr Arm war so dick angeschwollen und kochend heiß, dass der Verband schon anfing, ihren Arm abzudrücken. Wieder fluchte er und kramte sein Handy hervor. Fast blind wählte er T. J.‘s Nummer und legte das Handy zur Seite, während er sich daran machte, den Verband abzukriegen.
      Es klickte, dann meldete sich eine tiefe, basslastige Stimme am Handy. „Hey, Mann. Wenn du noch einen Transport brauchst, sieht’s für heute schlecht aus.“
      „Alter, nein, ich hab andere Probleme. Hast du in deinem Farmhaus irgendwo noch Crates von den letzten Koks oder Meth Abschlägen?“ Eilig wickelte er den Verband ab. Georgia stöhnte leise.
      „Das ist schon länger her. Du willst dir mit dem Zeug keinen Shot verpassen, ich sag’s dir nur… Was geht denn da bei dir ab?“
      Unter dem Verband kam das Ausmaß der Verletzung ans Licht. Zwei klaffende Fleischwunden prangten an ihrem Oberarm, die unsauber versorgt worden waren und jetzt für eine Sepsis sorgten. Der Apothekar fluchte. „Meine Ware hielt es für klug, nichts von ihren Beschädigungen zu erzählen“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und untersuchte die Wunden genauer. Jap, das wäre eigentlich ein Fall für die Klinik, aber dann war sie so gut wie sicher entweder tot oder im Knast. „Für die ganz Dummen, T. J.: Ich brauch Nadeln, Schläuche, alles was du da hast! Oder so ähnlich, mir egal!“
      Eine Pause entstand, dann: „Vielleicht sind im Keller noch Crates…“
      „Sehr freundlich!“, fauchte er, packte sich das Handy und klemmte es sich ohne Lautsprecher ans Ohr, während er aus dem Zimmer stürmte, runter in den Keller und währenddessen noch eine Liste an Mitteln durchgab, die er brauchen würde. Sonst hätte er seine sogenannte Ware in ein paar Stunden nicht mehr intakt.

      Mindestens eine Stunde müsste Georgia durchhalten, damit der Fahrer mit den Mitteln kam. Bis dahin würde sie mit dem klarkommen müssen, was der Apothekar zusammenbasteln konnte. Er hatte im Keller schäbige Kisten entdeckt, in denen Rauschmittel transportiert worden waren. Davon zeugten die Überbleibsel von Plastiktüten, Kanülen und Schläuche, die er allesamt mit in Georgias Zimmer gekarrt hatte. In der Küche hatte er eine Tüte ausgespült und desinfiziert, um sie mit Kochsalzlösung aufzufüllen. Im Zimmer funktionierte er eine Stehlampe zu einem Ständer um, an dem er die Tüte mit der Lösung befestigte, den dünnen Schlauch umständlich an ihr befestigte und schließlich mit der Kanüle verband, um Georgia eine Infusion über den Handrücken zu legen. Mit Pflastern aus dem First Aid Kit befestigte er die Kanüle.
      In einer kleinen Schale aus der Küche vermischte er zerstoßene Tabletten und Pulver zu einem Gemisch. Er hatte exakt eine Spritze gefunden, die eigentlich wohl für Insulingaben gedacht war, und die er nun mit dem gelösten Pulver in Kochsalzlösung füllte. Er kletterte halb über Georgia hinweg, um ihren anderen Arm zu erreichen, ihn mit dem Gürtel abzufinden und nach Adern in ihrer Ellenbeuge zu suchen. Mehrmals klopfte er auf die dünne Haut, bis die Adern hervortraten und er die Vene fand. Ohne Umschweife verabreichte er ihr das Gemisch, das der Sepsis wenigstens Einhalt gebieten würde und damit wertvolle Zeit erkaufen konnte.
      Dann schnappte er sich den Mull und begann mit der Wundreinigung der zwei tiefen Risse, denn Schnitte waren es zweifellos nicht. Dafür waren die Ränder nicht sauber genug und für Schüsse viel zu groß. Es sah beinahe so aus, als wäre das nicht von Menschenhand geschaffen worden.
      Er stutzte. „War das dein eigenes Vieh? Hast du deshalb so Schiss vor ihm? …“
      Allerdings rechnete er mit keiner Antwort und fuhr mit seinem Werk fort. Hoffentlich war der Fahrer schnell genug und seine Mische potent, um ihm und ihr das benötigte Zeitfenster zu erkaufen.
    • Als Georgia das erste Mal erwachte, konnte sie verschleiert die helle Decke eines Zimmers erkennen, an das sie sich nicht erinnern konnte. Sie wusste nicht, wo sie war oder warum sie dort war, wo sie war, aber eigentlich interessierte es sie auch nicht so recht. Ihre ganze Aufmerksamkeit lag auf ihrem Arm, ihre ganze Welt schien sich auf den pulsierenden, kochenden Auswuchs ihres Körpers beengt zu haben. Georgia konnte nichts anderes denken und sehen als diesen Arm, als diesen Quell aller Schmerzen, der irgendwie an ihrem Körper dran hing. Wenn sie könnte, würde sie ihn sich abreißen und weit weg werfen. Aber so sehr sie es auch versuchte, sie konnte ihren anderen Arm einfach nicht weit genug anheben, um ihren ersten damit greifen zu können. Und so sehr sie auch schreien wollte, alles was über ihre Lippen kam, war nur ein Stöhnen.
      Dann wurde sie wieder von Gestalten und Formen übermannt und verschwand im nächsten Fiebertraum.
      Als sie das zweite Mal erwachte, wusste sie zunächst gar nicht, dass sie wach war. Die eine Fratze eines Monsters verwandelte und änderte sich zu der nächsten Fratze, die starr und golden war und menschlich wirkte. Sie hing über ihr in der Luft und Georgia könnte schwören, dass sie zu ihr sprach, auch wenn der Mund sich nicht bewegte. Das war mit Abstand einer der merkwürdigsten Träume. Georgia versuchte ihr zu antworten, aber wie das in Träumen nunmal so war, war ihr Mund unter Wasser und brachte nur einige undeutliche Geräusche zustande.
      Sie versank wieder. Der Arm hing noch immer an ihrem Körper. Selbst im Traum konnte sie ihn noch spüren.
      Beim dritten Mal kam sie mehr zu sich, zumindest genug, um auch andere Dinge wahrzunehmen. Da waren Bewegungen genau über ihr und sie erkannte eine männliche Gestalt - der Apothekar, wie er über ihr herumkletterte. Neben ihrem pochenden, schmerzenden Arm waren da auch andere Dinge: Die erdrückende Hitze des Raumes, die wenige Luft, die es hier zum Atmen gab, ihre staubtrockene Kehle. Sie versuchte, etwas zu sagen, und musste davon husten. Der Husten in ihrer Brust bewegte ihren Arm und sie hätte bei dem gleißenden Schmerz am liebsten aufgeschrien.
      Der Apothekar hielt sie fest. Der Apothekar hielt ihren Arm fest.
      Erst da wurde Georgia bewusst, dass sie den Verband nicht mehr trug und erst da wurde ihr auch bewusst, dass der Apothekar hier drinnen war - hier drinnen, wo er nicht sein sollte, weil das ihr Zimmer war, weil sie die Tür abgesperrt hatte, weil sie den Schlüssel stecken gelassen hatte. Er war gekommen um - was? Um über sie herzufallen? Um sie umzubringen? Georgia wollte nicht so sterben. Nicht so - nicht von ihm.
      Sie sah, wie er eine Spritze zückte, wie er sie gegen das Licht hielt. Wie er sie ein wenig betätigte.
      Panik stieg in ihr auf. Ihr träger Verstand versuchte sich gegen den Nebel zu stemmen, der in ihrem Kopf herrschte und sie wieder hinabzuziehen drohte. Sie durfte jetzt nicht wieder ohnmächtig werden, sie durfte nicht. Nicht jetzt.
      "Was - was machst du da...?"
      Er kam ihr mit der Spritze nahe, sehr nahe. Gefährlich nahe. Er hielt ihren Arm fest.
      "Nein... nein - lass mich... ich will nicht..."
      In ihrer Vorstellung stemmte sie sich gegen ihn auf, aber in der Realität brachte sie nicht sehr viel mehr als ein Kopfrollen zustande. Sie spürte den Einstich und ihre Panik überschlug sich, ließ ihren erhitzten Kopf noch viel heißer werden, brannte in ihren Adern. Sie verlor den Halt, versuchte krampfhaft, bei Bewusstsein zu bleiben. Sie musste.
      "Nein... ich will nicht... will nicht... sterben..."
      Ihre Augen rollten nach hinten. Sie war wieder weg, bevor sie seine Antwort hatte hören können.
      Beim vierten Mal aufwachen öffnete sie gar nicht erst die Augen. Das konnte sie gar nicht, ihre Augenlider waren zu schwer. Stattdessen versuchte sie sich aus dem Feuer zu wälzen, in dem sie gerade liegen musste.
      "Mir 's heiß...", nuschelte sie. "'S is' zu heiß... zu heiß..."
      Sie versuchte sich auf die Seite zu rollen und wurde von irgendetwas aufgehalten. Dann versuchte sie es auf die andere Seite und wurde wieder aufgehalten. Leise jammerte sie.
      "Zu heiß..."
      Wieder war sie weg und träumte von Formen und Lichtern.
      Beim fünften Mal zwang sie die Augen auf. Beim fünften Mal richtete sie den Blick auf den Apothekar, als hätte sie die ganze Zeit schon gewusst, dass er da war, und flüsterte: "Lass mich nicht sterben..."
    • Eine geraume Zeit über war Georgia weggetreten. Nachdem sie sich der Spritze mit dem Gemisch hatte erwehren wollen, war sie eine ganze Weile lang nicht mehr aufgewacht. Somit konnte der Apothekar in Ruhe den Arm versorgen, der so schlimm aussah, dass er wohl genäht werden müsste. Aber nähen musste man erst dann, wenn die Verwundete die Sepsis und den Schock überstand. Tote musste man nicht mehr nähen. Also verband er den Arm wieder frisch mit dem Mull, den er fand, und setzte sich neben das Bett, um abzuwarten.
      Dann wurde sie wieder wach, faselte wirr von der Temperatur und versuchte, sich zu bewegen. Hastig griff er nach dem verwirrten Mädchen und hielt sie davon ab, sich die Infusion aus Versehen herauszureißen. Da fiel ihm ihre glühend heiße Haut auf und ihre Worte ergaben Sinn. Noch immer kämpfte ihr Körper gegen die Entzündung an.
      Als sie wieder abdriftete, erhob er sich und verließ das Zimmer durch die demolierte Tür. Er brauchte einen Weg, um ihren Körper runterzukühlen. Im Badezimmer nahm er sich einige Handtüchter, die er kalt ausspülte, und brachte sie zu Georgia zurück. Dort legte er ihr die Wadenwickel an und setzte sich wieder neben sie an das Bett. In einer anderen Lage hätte er sich wesentlich mehr Zeit genommen, ihre schlanken Beine zu befühlen, aber angesichts dessen, dass er vielleicht eine dem Tod Geweihte vor sich hatte, dämpfte das Verlangen doch sehr.
      Fast eine ganze Stunde hatte der Apothekar Ruhe und scrollte nebenbei auf seinem Handy durch die letzten News. Aus Auftauchen der Bestie war fotografiert worden und der Bericht ließ nicht lange auf sich warten. Die Journalisten zerrissen sich regelrecht das Maul darüber, wo Georgia Yates denn untergetaucht war. Er würde lachen, wenn sie nicht mit halben Bein schon im Grab stünde.
      Deswegen zuckte er zusammen, als sein Handy einen Anruf annahm. Wobei, Anruf war nicht ganz treffend, denn das Handy klingelte nur zweimal und dann stellte sich wieder Stille ein. Allerdings kannte der Apothekar das Zeichen und war schneller auf die Füße gesprungen, als man gucken konnte. Einen flüchtigen Blick warf er aus dem Fenster, entdeckte einen Wagen und dann war er schon auf dem Weg aus dem Haus nach draußen.
      Der Vorteil an Lieferungen von T. J. War Diskretion. Man fragte nicht, wieso etwas geliefert wurde oder was es war. Genauso wenig stellte man die Empfänger in Frage, weswegen der Apothekar nur einen gewissen... Blick des Fahrers bekam, der sich die Kappe möglichst tief in sein Gesicht zog, um den Blick nicht auch noch zur Schau zu stellen. Er reichte dem maskierten Mann eine große Sporttasche. Der Apothekar bedankte sich, schnappte sich die Tasche und rannte zurück ins Haus, wobei er die Tür hinter sich zuwarf.
      Zurück bei Georgia schien er gerade den rechten Zeitpunkt erwischt zu haben. Just in dem Moment, als er die Tasche neben ihr abgestellt hatte, wurde sie wieder wach und sah dieses Mal gezielt in seine Richtung.
      „Lass mich nicht sterben...“
      „Für wen hältst du mich?“
      Eigentlich konnte er sich diese Frage selbst beantworten, also biss er sich auf die Zunge und tat es nicht. Stattdessen kramte er in der Tasche eine Packung nach der nächsten heraus – und ja, es war sogar ein kleiner Beutel mit seinem eigenen weißen Pulver dabei – und verteilte sie ringsherum auf dem Boden. Völlig in seinem Element suchte er sich die passenden Präparate zusammen und musste ein, zwei Dinge per Google herausfinden, wie man bestimmte Stoffe prozentual mischte. Am Ende hatte er wieder eine Lösung zusammen, die er in eine neue Spritze aufzog und sich Georgia zuwand.
      „Wenn du schon mal wach bist, nicht zappeln, einfach liegen bleiben. Ich wiederhol mich nur ungern, aber vertrau mir – bisher hab ich dir ja auch noch nichts getan. Wir können dich nicht ins Krankenhaus bringen. Du weißt, wieso.“
      Er kletterte zum zweiten Mal über die halbnackte Frau hinweg, um sich den anderen Arm zu schnappen und wie Stunden zuvor ihr eine Injektion zu verabreichen. Dann konnte er ENDLICH diesen jämmerlich improvisierten Tropf gegen einen richtigen austauschen und hatte sogar alles zusammen, um ihren Arm zu nähen.
      „Warte mal“, sagte er überflüssigerweise, verschwand wieder aus dem Zimmer und kehrte kurz darauf wieder mit einem Glas Wasser zurück, welches er auf dem Nachttisch abstellte. Dann ließ er sich wieder auf den Boden zu ihrer Seite sinken.
      „Hoffen wir jetzt einfach mal, dass meine Behandlung Wirkung zeigt und ich die Sepsis schnell genug gesehen habe. Ohne Scheiß, kommt es zum nächsten Mal, dann sag sofort, wenn du eine beschissene Wunde hast und lass es nicht erst soweit kommen.“ Er deutete auf das Glas. „Falls du was willst. Ansonsten müssen wir jetzt abwarten. Schlaf, wenn du kannst. Trink, wenn du willst. Ich pass schon auf.“
    • Wenn Georgia blinzelte, dann schien die ganze Welt ohne sie eine Umdrehung zu machen. Wenn sie beim Blinzeln die Augen schloss und sie wieder öffnete, dann war immer etwas anderes im Raum; erst stand der Apothekar beim Bett, dann war er verschwunden und sie hörte es gruscheln. Dann war er wieder an einer anderen Stelle und hielt einen gefüllten Behälter gegens Licht. Wieder ein Blinzeln und sie sah ihn auf sich zukommen.
      „Wenn du schon mal wach bist, nicht zappeln, einfach liegen bleiben. Ich wiederhol mich nur ungern, aber vertrau mir – bisher hab ich dir ja auch noch nichts getan. Wir können dich nicht ins Krankenhaus bringen. Du weißt, wieso.“
      "Warum?", krächzte sie zurück. Ihre Kehle war knochentrocken und schmerzte, aber sie musste es trotzdem wissen. "Was hast du vor?"
      Ganz vage war sie sich bewusst, dass sie im Bett lag und dass sie noch kaum genug Energie aufgebracht hatte, um sich gegen irgendwas zu wehren, was der Apothekar hier veranstaltete. Ihre Beine waren von einer himmlischen Kühle erfasst, aber so sehr dieses Gefühl ihrem ganzen Körper gut tat, musste sie sich doch fragen, wo ihre Hose war. Wo war ihre Hose? Und was machte er da?
      Ohne Umschweife kletterte über sie hinweg und Georgia gehorchte ihm kein bisschen. Kaum, als er ihren Arm erfasste, versteifte sie sich schlagartig und versuchte, ihn ihm wieder zu entreißen. Erfolglos. Es schien ihr wie der reinste Albtraum, als sie mit ansehen musste, wie er ihr etwas in den bereits gelegten Zugang injizierte. In den bereits gelegten - wann war das geschehen? Und was hatte er ihr noch alles verabreicht? Georgia spürte es kühl ihren Arm hinauf fließen und spürte ihr eigenes Herz wie wild in ihrer Brust hämmern.
      "Was ist das? Was gibst du mir?"
      Der Apothekar verschwand für einen Augenblick - oder für ein paar Blinzler, wie Georgia bemerkte - und tauchte dann wieder mit einem Glas Wasser auf. In der Zeit war ihr verletzter Arm, das Zentrum des Universums und all ihrer Schmerzen, in eine merkwürdige Ferne gerückt. Er war noch immer da, aber jetzt schien er nicht mehr ganz so präsent zu sein. Zumindest verspürte Georgia nicht mehr das nagende Bedürfnis, ihn sich abzureißen.
      Dafür legte sich ihre gesamte Aufmerksamkeit jetzt auf das Glas Wasser, das der Apothekar ihr nicht gab, sondern auf den Nachttisch stellte. Auf den Nachttisch, der meilenweit entfernt war, so weit, dass sie ihn in diesem Leben niemals erreichen würde. Wie in einem Film konnte sie dort das perlende Wasser sehen, wie es gegen das Licht funkelte, wie kleine Tropfen an der Außenseite herab rollten. Ihr ganzer Körper sehnte sich danach und doch hatte sie es noch kaum geschafft, sich irgendwie aus dem Bett zu winden.
      Der Apothekar bekam davon nichts mit. Er sprach gleich weiter.
      „Hoffen wir jetzt einfach mal, dass meine Behandlung Wirkung zeigt und ich die Sepsis schnell genug gesehen habe. Ohne Scheiß, kommt es zum nächsten Mal, dann sag sofort, wenn du eine beschissene Wunde hast und lass es nicht erst soweit kommen.“
      Georgias Blick schweifte wieder zu ihm ab. Sie verstand jetzt einigermaßen, dass es sich um Sepsis handelte und vermutete vorsichtig, dass er sich darum kümmerte und ihr keinen Mist spritzte. Zumindest hatte er recht: Er hatte ihr anscheinend wirklich nichts getan, während sie weggetreten war. Wobei sich das auch erst später zeigen würde, vermutete sie.
      "Es wär' nicht so schlimm geworden, wenn ich nicht - wenn ich nicht hingefallen wäre."
      Allerdings wusste sie auch nicht, ob die Klauen der Bestie nicht eine andere Wirkung auf ihren Körper hatten wie normale Gegenstände. Sie hatte die Kreatur fressen gesehen wie einen Löwen und sie hatte sie laufen gesehen wie einen Wolf, aber das musste alles noch gar nichts heißen. Sie war aus dem Boden gekommen und was auch immer dort unten schlummerte, war vermutlich nicht gut für den menschlichen Körper und sein Immunsystem.
      Ihre Aufmerksamkeit sprang wieder auf das Wasser über und diesmal rollte sie sich vorsichtiger auf die Seite, um dem Schlauch nicht in den Weg zu kommen. Danach versuchte sie sich aufzurichten und keuchte und ächzte bei einer so einfachen Bewegung, die ihrem Körper jetzt aber sämtliche Kräfte abverlangte. Neuer Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn und ihr war schwindelig; aber sie würde sich nicht helfen lassen, wenn der Mann es angeboten hätte. Er sollte ihr nicht näher kommen als unbedingt nötig.
      Zwei ganze Minuten mühte sie sich eigenständig ab, dann hatte sie das Glas in den Händen und kippte es mit einem Zug runter. Es schien sich in ihrem Körper sofort in Luft aufgelöst zu haben, schon als sie nach Luft schnappte. Danach hielt sie es ihm doch direkt hin.
      "Mehr."
    • „Warum? Was hast du vor?“
      Für einen Augenblick stutzte der Apothekar, doch bei seiner Routine fiel es beinahe nicht auf. „Wenn wir dich ins Krankenhaus bringen, wird man dich melden. Die Cops werden anrücken und dich einsacken, um dich wegzuschließen oder in den Todestrakt zu bringen.“
      Das jämmerliche Versuch seitens Georgia, ihn davon abzuhalten, ihr etwas zu spritzen, ließ er unkommentiert. Er spürte zwar, wie sie versuchte, Kraft in ihren Arm zu kanalisieren, doch es war viel zu schwach, als dass sie sich gegen ihn hätte wehren können.
      „Was ist das? Was gibst du mir?“
      „Mittel gegen die Sepsis. Du hast ne Sepsis, ist dir das noch nicht aufgefallen?“ Er machte eine Pause, klickte genervt mit der Zunge und erklärte weiter. Natürlich konnte sie das nicht wissen. Wie denn auch, die meisten Kranken wussten nicht, was sie hatten, solang sie im Delirium waren. „Deine Wunde am Arm hat sich entzündet. War scheiße versorgt. War ekelig. Die Entzündung schlägt aufs Blut, bringt die weißen Blutkörperchen auf Hochtouren und Bakterien in deinen Körper. War ne Blutvergiftung, jetzt ne Sepsis. Kannst dran sterben, ich versuch’s zu verhindern.“
      Seit er zurück ins Zimmer mit dem Glas Wasser gekommen war, hatte er Georgias Aufmerksamkeit verloren. Teilweise hatte er es absichtlich ihr nicht direkt gereicht. Er wollte damit testen, wie viel Energie sie wirklich aufbringen konnte, um dem Bedürfnis nach Wasser nachzukommen. Wäre sie zu schwach, sich selbst das Gals zu holen, wäre es eine weitere Stufe auf der Leiter der besorgniserregenden Dinge. Entgegen seiner Hoffnungen setzte sie sich nicht sofort auf oder fragte nach dem Wasser. Stattdessen versuchte sie sich wieder herauszureden. Dafür hatte sie also doch noch genug Energie.
      „Wenn du nicht hingefallen wärst? Ey, ab dem Moment, wo ich dich gefunden habe, hast du deine linke Seite immer steif gehalten. Im Lagerhaus. Im Mallard, wobei du da gieriger auf das Essen warst und das einmal außer Acht gelassen hast. Aber sonst war das Bild immer unsauber und glaub mir, ich weiß, wenn ich sowas sehe.“ Er wollte eigentlich eine ordentliche Erklärung dazu abgeben, doch da regte sich Georgia endlich.
      Schwerfällig rollte sie sich auf die Seite, wohl bedacht die Infusion nicht aus dem Arm zu reißen. Der Apothekar biss sich auf die Zunge und wartete ihren Kampf ab, sich im Bett aufzusetzen, an das Kopfteil zu lehnen und das Glas zu ergreifen. Er hätte ihr so oder so nicht dabei geholfen. Den Kampf musste sie schon alleine schaffen, denn so fürsorglich war er nun auch wieder nicht.
      Noch immer wortlos beobachtete er das Mädchen dabei, wie sie das Wasser regelrecht inhalierte und ihm anschließend fordernd das Glas hinhielt. „Mehr.“
      „Wie heißt das Zauberwort?“, fragte er gehässig und ließ sich dieses Bisschen nicht nehmen. Wer fordern konnte, der konnte auch bitten. „Wie gesagt. Bin weder dein Handwerker noch dein Pfleger.“
      Es wäre einfacher, sie einfach zu sedieren. Einfach die Mittelchen so anmischen, dass sie in ein Delirium verfiel und einfach schlief bis er der Meinung war, dass sich ihr Körper fertig bekriegt hatte. Dann gäbe sie keinen Laut von sich, dann könnte er sie einfacher überwachen, dann würde sie nicht mitbekommen, wenn er ihre Wickel austauschte und sich erneut davon überzeugte, wie weich die Innenseiten ihrer Schenkel eigentlich waren. Hatte sie schon mal einen Macker gehabt? Oder stand sie auf Frauen? Spielte das überhaupt eine Rolle? Für ihn nicht wirklich.
      „Ich warte.“ Allerdings stand er vorsorglich schon mal auf und verschränkte die Arme, bis er schließlich unter der Maske grinste, als sie sich endlich von ihrem hohen Ross begab. Wieder verschwand er aus dem Zimmer, ohne das Glas mitzunehmen, und kam kurz darauf mit einem 1 Liter Messbecher mit Wasser zurück. Hier im Haus gab es keine Flaschen, also hatte er die Wahl zwischen Messbecher und Vase gehabt.
      Der Apothekar war so freundlich, Georgias Glas wieder aufzufüllen und stellte den Becher auf dem Nachttisch ab. Er sah ihr dabei zu, wie sie auch das Glas leerte und augenscheinlich noch mehr wollte. Jedoch kam er ihr nicht nach, sondern trat an ihre Seite und beugte sich zu ihr. Seine kalte Hand legte sich auf ihre klamme Stirn, nur kurz, bevor er sich wieder zurückzog. Immer noch fiebrig, aber nicht mehr jenseits der 40 Grad. Ein Anfang.
      „Kann mir vorstellen, dass du den Siff demnächst mal loswerden willst, aber ich rate dir von ner Dusche ab. Das packst du nicht. Ich kann dir Wasser und Waschlappen bringen und dir helfen –„, er brach belustigt ab als er in ihrem Gesicht den Protest aufsteigen sah, „ na, oder eben nicht. Aber ein bisschen Dankbarkeit wäre nicht schlecht, findest du nicht?“
    • „Wie heißt das Zauberwort?“
      Georgia kniff die Augen zusammen. Hörte sie ihn da fast grinsen unter seiner steifen Maske? Was, wollte er ihr etwa ein Mittel gegen Sepsis spritzen, aber nicht aufstehen, um ihr noch mehr Wasser zu bringen? Oder wollte er unbedingt hören, dass Georgia zu ihm Bitte sagte?
      „Wie gesagt. Bin weder dein Handwerker noch dein Pfleger.“
      Georgia war ziemlich kurz davor, ihn an die Bestie zu erinnern und wie leicht es gewesen war, sie zu rufen. Nur hielten sie jetzt verschiedene Dinge doch davon ab: Die Tatsache, dass die Beschwörung trotz allem ein paar Sekunden gedauert hatte; lange genug für den Apothekar, sich aus dem Raum zu verziehen. Die Tatsache, dass Georgia gar nicht wusste, wie sie es damals angestellt hatte und ob sie es in ihrem jetzigen Zustand hinkriegen würde. Und letztlich natürlich die Tatsache, dass er ihren Arm gesehen hatte, dass er eins und eins zusammengezählt hatte und sicher nicht mehr daran glaubte, dass sie so einfach ohne Weiteres die Kreatur wieder rufen würde. Das alles stand gemeinsam gegen Georgia und so musste sie doch einsehen, dass sie ihre stärkste und einzige Waffe wohl nicht zum Einsatz bringen konnte.
      „Ich warte.“
      Georgia presste die Lippen aufeinander. Sie brauchte dieses Wasser. Sie hätte sich am liebsten darin gebadet, so viel getrunken, dass es sie ganz aufblähte, aber sie musste einsehen, dass sie es sich nicht selbst besorgen konnte und der einzige, der es konnte, nur ein Zauberwort haben wollte.
      Also fügte sie sich ihm doch.
      "Bitte. Mehr Wasser, bitte."
      Da ging er endlich und kehrte mit einem Liter zurück. Georgia konnte es kaum abwarten, dass er ihr Glas wieder füllte, da kippte sie es noch einmal hinab. Dieses zweite Glas schien ihr Körper besser aufzunehmen als das erste und sie spürte, wie es sie von innen heraus kühlte. Am liebsten hätte sie gleich noch ein drittes getrunken, aber der Apothekar stellte den Becher bereits ab, trat zu ihr und legte ihr knapp die Hand an die Stirn. Georgia ließ es zu - er hatte ihr schon Nadeln in die Venen gestochen, sehr viel schlimmer konnte es ja wohl nicht werden.
      „Kann mir vorstellen, dass du den Siff demnächst mal loswerden willst, aber ich rate dir von ner Dusche ab. Das packst du nicht. Ich kann dir Wasser und Waschlappen bringen und dir helfen..."
      Das meinte er doch nicht wirklich ernst, oder? Georgia klappte bereits den Mund auf, um ihn doch noch an die Bestie zu erinnern, die nicht weit entfernt war, da redete er schon weiter.
      "Na, oder eben nicht. Aber ein bisschen Dankbarkeit wäre nicht schlecht, findest du nicht?“
      Da hatte er leider recht und da kam Georgia auch nicht drum rum.
      Sie setzte an und musste sich nochmal räuspern.
      "Danke. Dass du dich um meinen Arm gekümmert hast und mich nicht umgebracht hast, während ich geschlafen hab."
      Dafür, dass er ihr nichts mit ganz anderer Wirkung gespritzt hatte und dass er sie nicht ans Bett gefesselt hatte. Und dass er ihr die Kleider nicht ausgezogen hatte und sie nicht erpresst hatte und dass er ihr keine Drogen eingeflößt hatte und... eben alles, womit Georgia so rechnen musste, wenn sie in einem Farmhaus im Nirgendwo mit einem unbekannten Mann saß, der sein Gesicht hinter einer goldenen Maske verbarg. Also ja, sie war wohl wirklich dankbar.
      Der Apothekar wandte sich wieder zum Gehen um, da rang Georgia noch etwas hervor.
      "Du wirst mich doch nicht ausliefern, oder?"
      Er drehte sich wieder zu ihr um und es entstand ein Moment der Stille.
      "Jetzt wo du weißt, dass ich... dass ich nicht... ähm... dass es nur ein Unfall war. Gewissermaßen. Du wirst nicht die Polizei rufen, oder?"
      Er hatte ihr zwar schon einmal gesagt, dass er nicht unbedingt der Typ dafür war, nach dem Gesetz zu gehen, aber sie musste es einfach fragen. Und sie würde es wohl noch öfter fragen müssen.
    • Einen Herzschlag lang schwieg der Apothekar. „Dass ich dich nicht umgebracht habe? Warum sollte ich das denn machen? Wenn ich’s wollte, dann hätte man dich im Mallard längst platt gemacht. Oder ich hätt dich einfach in der Bruchbude von Laden zurückgelassen.“
      Ihm erschloss sich kein Sinn der Welt, warum er Georgia hätte töten sollen. Von toten Magiern ließ sich kein bisschen Profit schlagen – lebendig war sie ihm wesentlich mehr wert. Er musste sie nur an die Leine bekommen, das Halsband hatte er ihr schon längst um den Hals gelegt. Locker, nicht fest, aber das konnte sich jeden Moment ändern.
      Resigniert schüttelte er den Kopf und schickte sich an, zu gehen, da brachte sie doch noch mehr Worte hervor. „Du wirst mich doch nicht ausliefern, oder?“
      „Hm?“ Er drehte sich um und musterte die junge Frau. Sie hing immer noch ziemlich platt am Rückenteil des Bettes lehnte. Ihre Augen wirkten nicht mehr ganz so glasig wie zuvor, das Wasser musste wahre Wunder gewirkt haben. Allerdings schien die Angst sie gleich in mehreren Aspekten unter den Fittichen zu haben. Angst vor ihren eigenen Fähigkeiten, vor ihrer Vergangenheit und vor anderen.
      „Jetzt, wo du weißt, dass ich … dass ich nicht … ähm … dass es nur ein Unfall war. Gewissermaßen. Du wirst nicht die Polizei rufen, oder?“
      „Und mich denen gleich mit ans Messer liefern? Nein danke.“ Er kratzte sich an seinem rechten Ohr während er darüber sinnierte, ob die folgende Info hilfreich war oder nicht. „Ich bin bei denen eh schon gelistet. Wenn ich die rufe und dich ranschleppe, wissen die sofort, dass ich das nicht aus Gutdünken mache. Also nein, ich hatte nicht vor, dich zu melden.“
      Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, die man nur in Lagen wie seiner haben konnte. Seine Delikte waren per se zu klein, als dass man ihm groß nachstellen würde. Aber sollten die Cops ihn in die Finger kriegen, wäre er nicht binnen 24 Stunden wieder auf freiem Fuß. Spätestens, wenn sie merkten, dass er derjenige hinter dem Magipramin war, wäre sein gechilltes Leben wohl oder übel vorbei.
      Also zuckte er nur mit den Schultern, schob die Tasche mit den Medikamenten zur Seite und wandte sich wieder ab. „Ich komm in einer Stunde oder so nochmal vorbei. Wenn was ist, schrei. Ich mach die Tür mal nicht ganz zu, dann hör ich dich auch.“
      In seiner Hosentasche wusste er nämlich sein kleines Tütchen, das verlockend nach ihm rief. Dazu hatte er sich extra noch eine Kanüle eingesteckt mitsamt Desinfektionsmittel. Ein Glas aus der Küche würde zum mischen reichen und dann hätte er endlich seine Angstanfälle und gelegentlichen Zuckungen wieder unter Kontrolle. Davon musste das Püppchen nur nichts wissen. Wie sie zuvor würde er sich einfach im Bad einschließen und wieder rauskommen, wenn das High vorbei war. Er kannte seine Grenzen. Eine Stunde war dabei mehr als genug.
    • Georgia wusste nicht, ob ihr die Antwort des Apothekar gefallen sollte. Er würde sie nicht ausliefern, weil er selbst schon bei der Polizei hinterlegt war und sich damit nur selbst in Gefahr brachte. Wenn man nun den offensichtlichen Faktor außenvor ließ, dass er ganz eindeutig ein Krimineller war, fragte sie sich auch unweigerlich, ob er sie dann ausliefern würde, wenn eine solche Gefahr nicht mehr bestand. Es lag nicht in Georgias Macht, dieses Risiko für ihn aufrecht zu erhalten und das machte sie wohl nervös. Mindestens genauso nervös wie die Frage, wie lange diese ganze Situation noch anhalten würde.
      „Ich komm in einer Stunde oder so nochmal vorbei. Wenn was ist, schrei. Ich mach die Tür mal nicht ganz zu, dann hör ich dich auch.“
      "Okay."
      Sie akzeptierte die offene Tür, auch wenn es ihr nicht behagte. Nur sah sie ihre Chancen bei Widerspruch schlecht.
      Dann ging er und Georgia ließ zum ersten Mal den Blick durch das Zimmer gleiten. Kissen und Decke waren auf den Boden gefallen, das Laken war zerrupft und verströmte einen sicher unangenehmen Geruch, ihre Hose lag fast auch auf dem Boden. Die provisorische Vorrichtung der Schläuche hing von der Decke hinab und gab dem ganzen das Gefühl von einem sehr rustikalen Krankenhaus. Das Fenster war auf, aber von frischer Luft merkte sie nichts.
      Sie war noch immer erschöpft, ihr Körper war unsagbar heiß, ihr Kopf mit Watte zugestopft und sie fühlte sich von ihrem Arm entfremdet. Ein vorsichtiger Blick dorthin zeigte ihr, dass ein frischer Verband herum gewickelt war und sie nicht die brutale Fleischwunde sehen musste, die die Bestie ihr zugefügt hatte. Bei der Erinnerung daran wurde ihr sowieso schlecht und sie wandte sich wieder davon ab.
      Kurzerhand löste sie die noch relativ kühlen Wickel von ihren Beinen und wischte sich grob ab, den Rücken, den Bauch, das Gesicht. Dann nutzte sie die Handtücher als Decke, weil sie noch recht angenehm waren und sie nicht ganz so entblößt dort liegen wollte, wenn der Apothekar zurückkam. Wenn es nach ihr ginge, würde er den ganzen Tag nicht mehr wiederkommen.
      Dann schlief sie ein und diesmal schlief sie auch besser, auch wenn sie von einer Kreatur träumte, die größer war als ein Pferd und ihr den Arm abzureißen versuchte. Georgia schrie und kämpfte dagegen, aber die Bestie schlug einfach nur immer wieder die Zähne in ihren Arm, verschluckte ihn langsam in ihrem Schlund und zog Georgia mit sich. Das ganze träumte sie wiederholte male, wobei sie zwischendrin stets einen Moment von Bewusstsein hatte, bei dem sie sich all den frischen Schweiß auf ihrem Körper bewusst war. Sie konnte sich aber einfach nicht dazu aufraffen, wieder aufzuwachen.
      Als es dann endlich wieder soweit war, stand die Sonne bereits hoch am Himmel und würde sich jeden Augenblick zur Dämmerung herab senken. Georgia schlug die Augen auf - und hatte die Befürchtung, dass sie jetzt, sofort, in diesem Moment ihre Blase nicht mehr halten können und ins Bett machen würde. Und irgendwie erfüllte sie das mit Todesangst.
      Sie war alleine im Raum und das ermutigte sie dazu, sich aufzusetzen - ihr Shirt klebte an ihr und löste sich nur sehr langsam wieder von ihrem Rücken - und eine Bestandsaufnahme zu machen. Ihr war leicht schwindelig, aber das verflog recht schnell wieder. Ihr Kopf war noch immer wattig und sie hatte unglaublich Durst, gleichzeitig war ihre Blase zum Brechen gefüllt. Ihr Arm fühlte sich nicht ganz so schlimm an, wie er es eigentlich tun sollte.
      Keine allzu schlechten Voraussetzungen, oder? Zum Bad war es nicht weit, nur ein paar Türen weiter. Das schaffte sie. Dafür brauchte sie den Apothekar nicht.
      In einem unmöglich großen Aufwand schaffte sie es aus dem Bett und dann auf wackelige Beine. Sie nahm sich den Beutel - der frisch gefüllt war - von der Halterung und hielt ihn mit dem gesunden Arm oben; soweit konnte sie auch noch denken. Dann wankte sie auf die Zimmertür zu.
      Der Apothekar war in der Küche, sie konnte das Wasser hören. Vermutlich bereitete er sich sein Abendessen, was er ruhig für sich selbst behalten konnte, weil sie keinen Hunger verspürte. Es gab ihr allerdings die Gelegenheit, aus der Tür zu lugen und das Bad in Augenschein zu nehmen. So weit war es gar nicht. Sie hatte auch nur ein bisschen geschlafen, wie schlimm konnte es schon sein? Schleichend setzte sie sich in Bewegung.
      Der anfängliche Schwindel war wieder verschwunden, aber viele Schritte brauchte es nicht, da fühlte Georgia sich komisch. Ein kalter Schauer rann durch ihren Körper und ihr Magen schien sich zu verkrampfen, gleichzeitig fühlte sie sich merkwürdig losgelöst von ihrem Körper, als würde sie die Welt durch andere Augen betrachten. Ihr Wahrnehmungsfeld zog sich zusammen. Sie spürte den Boden nicht und nach und nach rückte ihre volle Blase in weite Ferne. Alles rückte in weite Ferne. Sie streckte die gefühllose Hand mit dem Beutel aus, den sie noch immer hochhielt, und stützte sich an der Wand ab, bevor sie daran zu Boden sank. Es musste kein sehr weicher Aufprall gewesen sein, denn jetzt drangen gedämpfte Geräusche zu ihr durch und sie war sich ziemlich sicher, den Apothekar vor sich zu sehen, auch wenn das ziemlich schwierig zu erkennen war durch ihre merkwürdig verzerrte Wahrnehmungsweise. Ihr Körper fühlte sich unsagbar schwer an. Es war, als wäre sie unter Wasser. Und doch:
      "Ich... muss mal..."
    • Im Badezimmer war es unendlich ruhig. Der Apothekar hatte sich auf den Boden zwischen Dusche und Waschbecken gesetzt, vor sich ausgebreitet seine Utensilien, die er zum Mischen brauchte. Aus der Küche hatte er eine Waage organisiert, die zwar nicht an seine Feinwaage heranreichte, aber für den Zweck durchaus genügte.
      Das weiße Pulver hatte er bereits in einem Glas mit Kochsalzlösung aufgelöst. Die Lösung zog er in seiner Spritze auf, desinfizierte seine Ellenbeuge sorgsam und band sich seinen linken Arm mit einem Gürtel ab. Kurz darauf hatte er die Ader ausgemacht, die Nadel darin versenkt und den Gürtel leicht gelöst. Er pumpte sich nicht die gesamte Dosis auf einmal in den Körper, sondern tat es stückweise, um mehr Kontrolle über seinen Rausch zu haben. Es dauerte vielleicht nur eine Minute, da merkte er bereits, wie sich die Schwere aus seinem Körper löste und er weich wie Butter wurde. Erleichterung trat auf sein Gesicht, das ungeschützt ohne Maske zur Decke blickte. Die Tür hatte er natürlich abgeschlossen in dem Wissen, dass Georgia so oder so nicht kommen würde und wenn, dann nicht genug Kraft besäße, um die Tür aufzustemmen so wie er es mit der Zimmertür getan hatte. Also nahm er sich die Zeit, schoss sich immer ein paar Milliliter mehr und verlor das Gefühl über die Zeit, während er entspannt und losgelöst seine Gedanken ziehen lassen konnte.

      Nachdem der Apothekar seiner Sucht gefrönt hatte und endlich wieder einen klaren Kopf hatte, lugte er mit seinem maskierten Gesicht in das Zimmer, in dem Georgia lag. Sie schien wieder zu schlafen, weshalb er sie nicht weiter bedrängte und nach unten in die Küche ging, um gewisse verräterische Dinge auszuwaschen und sich darüber Gedanken zu machen, was er gleich essen würde. Nach dem Konsum plagten ihn meist Heißhungerattacken, die er hier in der Pampa schlecht befriedigen konnte. Er hatte Beef Jerky in einem der Schränke auftreiben können, von denen er sich zwischendurch immer wieder einen Streifen in den Mund steckte. Friemelarbeit, wenn man bedachte, dass er dabei versuchte seine Maske nicht einzufetten.
      Dann erklang ein dumpfes Pochen just in dem Augenblick, als er das Wasser ausgestellt hatte. Sein Blick ging über seine Schulter zurück, hielt kurz inne und legte dann was er in seinen Händen hielt, auf die Ablage. Er pilgerte in den Flur zurück, wo er Georgia auf dem Boden an die Wand gelehnt vorfand. Er seufzte, schlenderte zu ihr herüber und ging vor ihr in die Hocke. Den Kopf leicht schräg gelegt musterte er ihr Gesicht. Ihr Blick war entrückte, die Augen aufgerissen, so als versuche sie möglichst viel Licht einzufangen. Sie sah also nicht mehr sonderlich viel. Logisch, wenn man so lange mit hohem Fieber im Bett gelegen hat. Ihr ganzer Körper war nicht zu gebrauchen und dass sie schon so weit gekommen war, grenzte das an ein Wunder für sich.
      „Ich… muss mal…“
      „Natürlich musst du das.“
      Den Spott konnte er nicht aus seiner Stimme streichen. Immerhin war das absehbar gewesen, nachdem sie so viel Wasser in sich hineingestürzt hatte. Wäre sie im Zimmer geblieben, hätte er ihr einfach eine Wanne oder was auch immer gebracht. Aber nein, sie musste es ja selbst versuchen und jetzt durfte er sich um den Scheiß kümmern. Dann durfte sie auch mit den Konsequenzen leben.
      „Halt den Beutel fest“, wies er sie an und schob dann schon einen Arm unter ihre Kniekehlen und den anderen an ihren unteren Rücken. Als er aus der Hocke hochkam, taumelte er und stieß mit der Schulter gegen die Wand ehe er sich mit Georgias Gewicht vertraut gemacht hatte. Was erwartete man denn bitte von ihm? Wie oft trug er Frauen denn schon so? Über die Schulter geworfen, okay, aber so war das schon was anderes! Wenigstens wog sie nicht viel.
      Im Bad angekommen stellte er Georgia vor der Toilette auf die Füße und erinnerte sie daran, brav weiter den Beutel zu halten und sich mit der anderen Hand an der Wand abzustützen. Anschließend trat er einen Schritt zurück und ließ seinen Blick über die Erscheinung der jungen Frau gleiten. Das Hemd war lang genug, als dass es einen Teil ihrer Oberschenkel bedeckte. Ein süffisantes Grinsen erschien ungesehen auf seinen Lippen, als er wieder nähertrat und seine Stimme bedeutungsvoll senkte. „Das gefällt uns beiden jetzt nicht, aber wenn du dich bückst, kippst du mit deinem Kreislauf vorn rüber. Lass mich einfach machen, klar?“
      Er legte seine Hände, die im Vergleich zu ihrer Haut eiskalt wirkten, an die Außenseiten ihrer Schenkel. Sei zuckte unter seiner Berührung zurück und war gewillt, den Beutel nach ihm zu werfen.
      „Hey, hey, hey, schön weiter halten und meine Arbeit nicht versauen, verstanden!“
      Indes schob er seine Finger unter das Hemd aufwärts bis er straff sitzenden Stoff unter seinen Fingern erspürte. Auf beiden Seiten harkte er seine Finger unter den Saum und zog ihn langsam, sehr langsam, nach unten. Er ging dabei mit in die Hocke, bis er die doch unaufregende Unterwäsche in sein Blickfeld brachte und sie ihr bis in die Kniekehlen zog. Dass er dabei durchaus hochsah und die Lücken im Auge behielt, wo das Hemd sie nicht bedeckte, sah sie vermutlich durch seine Maske nicht.
      Nach getaner Arbeit entfernte er sich von ihr und lehnte sich an das Waschbecken, die Arme vor der Brust verschränkte. Zaghaft hatte sich Georgia auf die Toilette gesetzt, sah ihn jetzt aber anklagend an. Er zuckte nur die Schultern.
      „Was? Soll ich rausgehen und dann kippst du vom Klo? Nee, darauf hab ich auch keinen Bock. Na los. Keine Scheu. Solang ich dich nicht abputzen muss ist doch alles voll fine.“
    • Georgia tat wie geheißen und hielt den Beutel fest, als der Apothekar seinen Arm unter ihre Beine schob. Das Gefühl kam wie von ganz weit weg, genauso wie das kurze Gefühl von Schwerelosigkeit, als er sie hochhob. Georgia war schon froh darum, dass er sie davor bewahrte, in diese merkwürdige Schwärze zu stürzen, dass sie sich gar nicht darum kümmerte, wie er sie hier auf Händen trug. Sie hielt sich nur an ihm fest, an einer knochigen, straffen Schulter, die sich im Gehen unter ihr bewegte. Langsam aber sicher kam das Gefühl wieder etwas in ihren Körper zurück.
      Sie erreichten das Bad, wo der Apothekar Georgia wieder herab ließ und sie soweit wieder zu sich gekommen war, um den Abstand zu begrüßen. Sofort hielt sie sich an der Wand fest und bemühte sich um eine zuversichtliche Haltung.
      Der Mann trat indes einen Schritt zurück und stand dann einfach nur. So unbewegt, wie er gerade war, wirkte er wie eine teilnahmslose Statue. Aber Georgia wusste, dass dort irgendwo Augen unter der Maske versteckt waren und dass diese Augen sich gerade auf sonst etwas richteten. In einem Anflug von Selbstreflexion ergriff sie den Saum ihres Hemdes und zog es noch ein Stück herab. Ganz so, als hätte er ihre Gedanken gelesen, kam er da wieder näher und raunte:
      „Das gefällt uns beiden jetzt nicht, aber wenn du dich bückst, kippst du mit deinem Kreislauf vorn rüber. Lass mich einfach machen, klar?“
      Leider hatte er damit recht. Ihr Herz beschleunigte sich mit einem Mal so schnell, dass ihr wieder ganz schwindelig wurde.
      Machen? Was machen?! Nein, nichts ist klar - Finger weg!
      Ihr freier Arm machte einen ausholenden Schwung, als er sie an ihrer Haut spürte.
      „Hey, hey, hey, schön weiter halten und meine Arbeit nicht versauen, verstanden!“
      Da stutzte sie doch wieder, denn seine Arbeit wollte sie auch nicht versauen. Natürlich nutzte er ihr Zögern aus wie ein Wiesel und harkte seine Finger unter ihre Unterhose. Seine Haut war eiskalt an ihrem glühenden Körper, aber der Schock reichte für einen Moment aus, um sie von dem Schwindel zu befreien.
      Ich schwöre dir, wenn du irgendeinen Unsinn anstellst, wirst du dieses Badezimmer nicht lebendig verlassen”, sagte sie hinter zusammengepressten Zähnen, sehr darum bemüht, ihrer geschwächten Stimme Kraft zu verleihen. Sie wusste nicht einmal, ob sie die Bestie hätte rufen können, aber sie hätte alles getan, um es wenigstens zu versuchen. So fingen doch alle schlechten Pornos an!
      Als wäre das nicht schon genug gewesen, musste der Apothekar ja auch noch so weit gehen, vor ihr in die Hocke zu gehen, aus der Georgia ihn am liebsten gleich wieder geschubst hätte. Das war doch pervers, was er hier anstellte. Nur würde sie eine solche Aktion vermutlich aus dem Gleichgewicht bringen und dann wäre es ganz vorbei mit ihr. So musste sie zähneknirschend dabei zusehen, wie er ihr Höschen ganz nach unten zog. Zumindest war sie sich ziemlich sicher, dass er nur den Stoff in seinen Fingern anstarrte.
      Als wäre nichts gewesen, stand er kurz darauf auf und Georgia ließ sich sofort auf die Klobrille fallen. Ihre Blase war wirklich einen kurzen Moment davor, endgültig zu platzen, aber sie hielt sie zurück mit aller Willenskraft, die sie aufbringen konnte. Nur noch diese eine Sekunde, bis er den Raum verlassen hätte. Sie musste nicht einmal darauf warten, dass er abschließen würde.
      Nur verließ er den Raum nicht. Wie selbstverständlich stellte er sich ans Waschbecken und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Georgia traute ihren eigenen Augen nicht. Er hatte doch nicht ernsthaft vor zu bleiben?
      „Was? Soll ich rausgehen und dann kippst du vom Klo? Nee, darauf hab ich auch keinen Bock. Na los. Keine Scheu. Solang ich dich nicht abputzen muss ist doch alles voll fine.“
      Nichts ist voll fine!
      Sie glaubte gar nicht, dass sie das überhaupt aussprechen musste.
      Geh jetzt sofort vor die Tür oder ich werde -
      Da konnte sie es mit einem Mal doch nicht mehr halten. Sie hatte es wirklich versucht, aber jetzt platzte ihre Blase doch und verabschiedete sich lautstark in die Toilette.
      Georgia spürte die Hitze des Fiebers zurückkehren und ihren Kopf beschlagnahmen. Es war absolut demütigend, wie sie hier auf der Toilette saß und wie der Kerl einfach nur daneben stand. Sie war sich sogar ziemlich sicher, dass er sie beobachtete, auch wenn er wie eine Statue sich einfach gar nicht rührte. Das machte es irgendwie nur noch schlimmer - wenn sie doch wenigstens gewusst hätte, wo seine Augen lagen. Ganz instinktiv zog sie das Hemd wieder ein Stück tiefer.
      Es dauerte eine halbe Ewigkeit, die Georgia unbewegt ausharren musste, weil es einfach nicht aufhören wollte. Dabei starrte sie vehement die Tür an, um den Apothekar nicht ansehen zu müssen.
      Kaum als es halbwegs vorbei war, griff sie schon nach dem Klopapier.
      Dreh dich weg. … Ich werd schon nicht vom Klo fallen, also dreh dich weg!
      Darauf bestand sie diesmal und rührte sich erst, als er sie wirklich nicht mehr ansehen konnte. Diesmal zog sie auch gleich selbst wieder die Unterhose hoch - nicht, dass er noch auf die verrückte Idee kam, ihr den selben Gefallen von vorhin zu erweisen. So nah würde sie ihn sicher nicht nochmal lassen.
      Er drehte sich wieder um, kaum als sie die Spülung betätigte und schon wieder auf den Beinen stand. Sie stand noch immer unsicher; jetzt war sie noch dazu erschöpft. Kaum ein Tag war vergangen und doch hatte das Fieber sie gänzlich ausgelaugt.
      ... Ich könnte auch was zu essen vertragen.
    • „Nichts ist voll fine! Geh jetzt sofort vor die Tür oder ich werde –„
      Die Augenbrauen des Apothekers schossen unter der Maske zur Decke und er grinste ungeniert, als Georgia ihn nicht mehr rechtzeitig vor die Tür hatte schicken können. Nicht, dass er jetzt unbedingt auf sowas oder gar golden shower stand, aber das hier hatte durchaus seinen Reiz. Allein die Tatsache, dass er gerade eine verfickte Zauberin da gerade bis auf die Knochen bloßstellte, schmeckte süßer als jede Schokolade auf seiner Zunge. Natürlich hielt er seinen Blick unentwegt auf das Mädel gerichtet und natürlich blieb er weiter bei seinem Schweigen, damit man das Grinsen nicht hören konnte.
      „Dreh dich weg. … Ich wird schon nicht vom Klo fallen, also dreh dich weg!“
      Mühsam riss er sich zusammen und bekam wenigstens seine Stimme wieder unter Kontrolle, als er sich sehr, sehr langsam umdrehte und den Spiegel am Waschbecken in Augenschein nahm. „Ich hör’s ja, wenn du fällst. Aber ich glaub, dein Arsch ist gerade eh an der Brille wie festgewachsen. Meine Chancen stehen damit wohl eher schlecht.“
      Er müsste sich ziemlich verrenken, um durch den Spiegel einen guten Blick auf Georgia zu kriegen. Das war es ihm dann doch nicht wert und er wartete wirklich ab, bis sie fertig war und die Spülung betätigte. Fast zeitgleich damit drehte er sich wieder um, die Hände dieses Mal unschuldig in den Tiefen seiner Taschen vergraben. Wie erwartet hatte sie nicht nur ihren Slip gerichtet, sie war auch direkt aufgestanden, selbst wenn sie sich an der Wand abstützen musste. Den Beutel hielt sie wie aufgetragen immerhin ordentlich fest.
      „… Ich könnte auch was zu essen vertragen.“
      „Könntest du, hm?“ Er griff den Wortwechsel aus dem Flur wieder auf, bewegte sich aber nicht vom Platz. „Du weißt, wo die Küche ist.“
      Sicher, er hätte sie einfach wieder hochheben können wie vorhin auch im Flur und in die Küche tragen können. Aber wie er bereits sagte: Er war weder ihr Handwerker, noch ihr Babysitter. Also zog er seine rechte Hand hervor, während er zur Tür schlenderte, und zog sie noch ein Stück weiter auf, um mit der Hand hindurch zu gestikulieren.
      „Da, du kannst gehen, ich halte dich nicht auf. Und da du ja meintest, ich soll dich am Besten nicht anfassen…“ Er machte eine bedeutungsschwangere Pause. „Kannst du ja sicher auch allein gehen. Ich geh schon mal vor.“
      Damit verschwand er bereits durch den geöffneten Türrahmen und um die Wand herum, wodurch er aus Georgias Blickfeld weichte. Kaum hatte er sie aus seiner Sicht verloren, verlangsamte er seinen Gang, zog die Schritte weit und langsam vor sich her. Die Ohren spitzte er konsequent nach hinten, um jedes Geräusch von Georgia aufzuschnappen. Mittlerweile sollte sie ja wissen, wie sie ihn dazu bekam, ihr doch zu helfen. Und falls nicht, dann würde er sich einen Spaß daraus machen am Ende des Ganges zu warten und dabei zuzusehen, wie sich das arme Zaubermädchen durch den Gang schleppte.
    • Georgia kniff die Augen zusammen. Sicher, sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann gleich springen würde, aber… Ihr gefiel es nicht, wie wenig er zu helfen bereit war, jetzt, wo sie wieder ein bisschen mehr bei Sinnen war. Es schien ihr fast, als würde er nur dann zur Tat eilen, wenn sie fast außer Gefecht war.
      Daher beobachtete sie fast misstrauisch, wie er sie zum Gehen aufforderte.
      Wenn er glaubte, sie damit dazu bringen zu können ihn anzubetteln oder so etwas, hatte er sich gehörig getäuscht. Worum ging es hier schließlich, um einen kleinen Weg in die Küche? Um das Aufwärmen einer Konserve? Wenn er ihr die Hilfe verweigerte, würde Georgia es eben selbst tun. Wie schwierig konnte das schon sein?
      Die Frage beantwortete sich aber selbst, als der Apothekar nach draußen ging und Georgia die ersten, versuchsweisen Schritte machte. Ihr Körper fühlte sich noch immer gänzlich ausgelaugt, ihr Gleichgewichtssinn ließ zu wünschen übrig, ihr war unglaublich heiß, auch wenn es im Bad vergleichsweise kühl war. Sie konnte ihr Herz in ihrer Brust hämmern hören und wenn sie länger stand, wurde ihr übel. Ihre Muskeln zitterten leicht. Vielleicht war das Essen es doch nicht wert.
      Als sie dann aber auf den Gang hinaus kam und den Mann dort stehen sah, die Statue, die den Kopf in ihre Richtung gewandt hatte, da war es das doch wieder wert. Sie würde sich doch von so einem Typ nicht erniedrigen lassen! Der Ausflug ins Bad hatte schon gereicht, mehr würde sie ihm nicht zugestehen.
      Weißt du… Wenn ich hier falle und auf meinem Arm lande, dann platzt das sicher alles wieder auf. So wie auf dem Feld draußen. Wie hast du es genannt, eine Sepsis? Ist die immernoch so gut zu behandeln, wenn wieder alles blutet und offen ist?
      Sie musste sich am Türrahmen abstützen, jetzt war ihr nämlich doch wieder schwindelig. Erneut drohte sie, ihrem Körper zu entgleiten, und diesmal wusste sie, dass das ihr Kreislauf war, der zu Boden sackte.
      Du müsstest alles nochmal machen. Wäre es da nicht viel einfacher, wenn du mir nur kurz hilfst? Dann müsstest du auch nicht dieses Zeug nochmal anmischen.
      Sie hielt den Beutel hoch.
    • Sehr zu seinem Erstaunen musste der Apothekar gar nicht lange warten auf die kleine angeschlagene Miss. Er hatte sich gerade am Ende des Flures an die Wand gelehnt, scheinbar tiefenentspannt, da kam sie schon aus dem Bad getorkelt. Ein Blinder mit Krückstock konnte sehen, dass es ihr alles andere als gut ging. Der Schweißfilm war noch immer da, die Hautfarbe war trotz des Fiebers fahl und geradeaus gehen konnte sie auch nicht.
      „Jepp, das wird vermutlich wieder aufgehen, wenn du fällst. Das kann aber ruhig gern nochmal bluten. Das säubert die Wunde von innen heraus“, antwortete er lapidar. Wenn er etwas von Wundversorgung verstand, dann das. Dann machte sie ihm eben seine Arbeit zunichte – er würde sie einfach wieder von Neuem zusammenflicken.
      Mit aufmerksamem Blick verfolgte er, wie Georgia nach dem Türrahmen tastete und sich dort abstützte. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit ehe sie in die Knie gehen würde. Solch ein Fieber packte der Körper nicht, erst recht nicht nach dem Zeug, das er ihr in die Venen gejagt hatte. Sie war auf einem anderen High als er, nur konnte er es ihr ansehen und sie nicht seine Pupillen.
      „Du reißt dir die Nadel raus. Dann stech ich dir eben einen neuen Zugang. Du lässt den Beutel auslaufen und im schlimmsten Fall hab ich kein Zeug, um ihn neu aufzufüllen. Auch okay. Dann ziehst du nur leider den Kürzeren. Wie war das mit Bitte lass mich nicht sterben, hm?“
      Demonstrativ reckte Georgia den Beutel in die Höhe, was den Apothekar herzlichst unbeeindruckt ließ. Vielleicht konnte er das Ganze ja noch auf die Spitze treiben… Also schob er wieder eine Hand in eine Tasche und gestikulierte mit der anderen in der Luft.
      „Weißt du, ich fühle mich ein wenig… gekränkt. Ich reiß mir hier ständig den Arsch auf und was krieg ich von dir? Miese Worte, konstante Drohungen und diese Blicke…“ Er zeigte jetzt mit dem Zeigefinger auf sie. „Als würde ich dir jeden Moment irgendeinen Scheiß antun. Wärst du nicht wegen der Sepsis komplett ausgeknockt gewesen, hättest du ein Riesentheater veranstaltet, als ich dir einen Zugang legen wollte. Ich hab dich sogar aufs Klo getragen.“
      Wieder eine bedeutungsschwangere Pause. Sie schwankte, lange würde es wohl nicht mehr dauern.
      „Jetzt versuchst du mich zu erpressen. Das funktioniert aber nur, wenn mir etwas an dir liegt. Und der Grad zwischen mögen und zurücklassen ist nicht unbedingt der Größte.“
      Er stieß sich von der Wand ab und kam langsam auf Georgia zu.
      „Wer kommt denn für all das Zeug auf, was ich in dich gepumpt hab, damit du nicht stirbst? Wer hat dir Essen und alles organisiert? Wer hält dich vor den Bullen versteckt und liefert dich nicht direkt ans Messer? Denk mal kurz drüber nach und dann überleg mal, was ich im Gegenzug von dir kriege.“
      Der Apothekar hielt eine Armeslänge entfernt vor der Magierin an. Er sah von oben auf sie herab, ihre Beine zitterten und sie stand schon nicht mehr aufrecht. Hätte er sich selbst nicht vorhin noch eine Auffrischung verpasst, sähe er vermutlich nicht sonderlich besser aus. Aber so, im vollen Hochgenuss seiner Droge, fühlte er keine Zweifel, keine Angst und erst recht keine Scham.
      „Na? Hat’s Klick gemacht?“
      Er trat noch einen Schritt näher. So nah, dass er sich sicher war, ihre Temperatur bereits zu spüren. Selbst durch die Klamottenschichten hindurch. Also beugte er sich noch ein kleines bisschen zu ihr hinab, sodass sie so nah wie noch nie zuvor an seiner Maske war und jetzt auch jedes kleinste Detail erkennen würde.
      „Gut. Dann mach jetzt keine Zicken, wenn ich dich anfasse. Sonst entscheid ich mich irgendwann gegen meine freundliche Art.“ Damit hob er Georgia wie vorhin auch schon auf die Arme und verdammt, ja, sie brannte ja förmlich auf seinen Armen. Gut, gegen den Geruch konnte man nicht viel unternehmen, aber er hatte schon wesentlich Schlimmeres gerochen. „Du solltest dir langsam mal Gedanken machen, wie du dich revanchieren kannst.“
      Es gab viele Dinge, die der Apothekar als Bezahlung akzeptierte. Währung gab es in vielerlei Ausführungen, mal materiell, mal immateriell. Ihm schwebte etwas Konkretes vor Augen, aber das würde und konnte sie ihm nicht geben. Also setzte er darauf, dass sie sich so sehr bei ihm verschuldete, dass sie die Schlinge eigens um ihren Hals enger zog. Bis sie irgendwann nicht mehr daraus entkam.
      Mit seinem Ballast ging der Apothekar in die Küche und setzte Georgia auf einem Stuhl ab. Dabei ließ er seine Hände sorgsam über Beine und Waden gleiten, so als wolle er sich vergewissern, dass sie ihre Füße auch richtig aufstellte. Jap, er würde diese Art vermutlich auch als Bezahlung akzeptieren.
      „Ich schau mal, was die Schränke so an Dosen hergeben. Leichte Kost ist alles, was du kriegst.“
    • Georgia verzog das Gesicht. Sie hatte ein bisschen darauf gehofft, dass der Apothekar mehr Wert auf ihre Gesundheit legte als ein “das kann aber ruhig nochmal bluten”. Nach all dem Aufwand, den er für sie betrieben hatte, hatte sie gedacht, dass er es nicht so schnell wieder rückgängig haben wollte.
      Aber wer sagt mir, dass er überhaupt auf irgendwas davon Wert legt? Vielleicht will er nur, dass ich in seiner Schuld stehe, bis das hier vorbei ist.
      Das würde zumindest erklären, wieso er so sorglos mit all dem hier umging. Wenn Georgia es doch nicht schaffte, wäre es zwar ärgerlich für ihn, aber kaum der Rede wert. Und wenn sie es schon schaffte, schuldete sie ihm einen Gefallen. Einen sehr großen sogar.
      „Weißt du, ich fühle mich ein wenig… gekränkt. Ich reiß mir hier ständig den Arsch auf und was krieg ich von dir? Miese Worte, konstante Drohungen und diese Blicke. Als würde ich dir jeden Moment irgendeinen Scheiß antun. Wärst du nicht wegen der Sepsis komplett ausgeknockt gewesen, hättest du ein Riesentheater veranstaltet, als ich dir einen Zugang legen wollte. Ich hab dich sogar aufs Klo getragen.“
      Das hatte er wirklich. Auch wenn Georgia es grenzwertig fand, wie er ihren Slip ausgezogen hatte und danach beim Waschbecken gestanden war, aber er hatte nichts verwerfliches getan. Zumindest hatte er ganz sicher nicht das getan, was Georgia ständig von ihm erwartete, von diesem Kerl, der in einem verlassenen Supermarkt mit Magipramin dealte und sie in einem abgelegenen Farmhaus unterbrachte. Aus dieser Sichtweise betrachtet, gab es wohl wesentlich schlimmere Schicksale, als auf die Toilette getragen und ärztlich versorgt zu werden.
      Langsam aber sicher fühlte Georgia sich schuldig. Sie presste die Lippen aufeinander.
      „Jetzt versuchst du mich zu erpressen. Das funktioniert aber nur, wenn mir etwas an dir liegt. Und der Grad zwischen mögen und zurücklassen ist nicht unbedingt der Größte.“
      Das war nun doch genug, um ihr einen Stich Panik zu versetzen. Sie wurde noch immer als Terroristin gesucht und wenn der Apothekar sie zurückließ… Dafür hatte sie einfach noch keinen Plan. Soweit hatte sie noch gar nicht gedacht.
      Langsam kam der Mann auf sie zu.
      „Wer kommt denn für all das Zeug auf, was ich in dich gepumpt hab, damit du nicht stirbst?”
      … Er? Oder… oder Georgia, wenn sie irgendwie an Geld kommen sollte?
      “Wer hat dir Essen und alles organisiert?”
      Er - aber es war ja auch schon alles da gewesen. Bis auf das Lokal…
      “Wer hält dich vor den Bullen versteckt und liefert dich nicht direkt ans Messer?”
      Er…
      “Denk mal kurz drüber nach und dann überleg mal, was ich im Gegenzug von dir kriege.“
      Was bekam er denn im Gegenzug? Drohungen, dass sie die Bestie rufen würde? Ein anzurechnendes Mittäter-Delikt, wenn die Polizei sie doch finden würde? Vorwürfe?
      Georgia hätte sich am liebsten klein gemacht, denn er hatte ja Recht mit dem, worauf er hinaus wollte. Die einzige Sache, die sie davon abhielt, war der zunehmende Schwindel und die Übelkeit in ihrem Magen, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten. Lange würde sie hier nicht mehr stehen können; sie verlor bereits das Gefühl für den Türrahmen.
      „Na? Hat’s Klick gemacht?“
      Er kam noch näher und beugte sich zu ihr hinab. Jetzt schrumpfte Georgia wirklich ein bisschen in sich zusammen und starrte fast demütig die goldene Maske an. Konnte sie in dem Dunkel dahinter Augen blitzen sehen? Blaue Augen? Grüne? Konnte sie einen Fetzen Haut erkennen? Oder war das alles nur die Einbildung ihres wankenden Blickfelds?
      Dennoch senkte sie schließlich den Blick.
      Ja…
      “Gut. Dann mach jetzt keine Zicken, wenn ich dich anfasse. Sonst entscheid ich mich irgendwann gegen meine freundliche Art.“
      Das klang fair in ihren Ohren.
      Okay…
      Diesmal hatte sie rein gar nichts dagegen einzuwenden, als er sie wieder hochhob. Es war sogar für einen Moment eine wahre Erleichterung, nicht mehr für ihren Körper verantwortlich zu sein. Schwer lag sie in seinen Armen und ließ es zu, dass er sie in die Küche trug. Dort wurde es erst besser, als sie saß.
      “Du solltest dir langsam mal Gedanken machen, wie du dich revanchieren kannst.“
      Er strich über ihre Beine, als er sie absetzte. Georgia versuchte, nicht an das offensichtliche dabei zu denken.
      Ich habe Geld”, sagte sie nach kurzem Zögern. “Etwa 3,000 $ auf meinem Konto. Wenn man da ran könnte, könnte das zumindest deine Ausgaben ausgleichen. Oder?
      Ein wenig hoffnungsvoll beobachtete sie ihn dabei, wie er ihr einen Teller herrichtete. Es war mehr Suppe als alles andere, aber Georgia fing trotzdem an, langsam zu löffeln. Für ihren Geschmack war die aufgewärmte Brühe viel zu heiß.
      ... Was kann ich denn sonst tun, um mich zu revanchieren?
    • „Du hast Geld? Auf einem Konto? Du müsstest schon verdammt schnell sein, um in eine Bank rein und wieder raus zu kommen.“
      Unter den zahllosen Dosen hatte der Apothekar eine gefunden, die einen Erbseneintopf enthielt. Erbsen waren nicht unbedingt sein Favorit, aber für den Zweck würde es ausreichen.
      „Mal angenommen, wir kommen an deine 3,000 $, was machst du dann so ganz ohne Geld, wenn du mich ausgezahlt hast? Wie kommst du weiter im Leben, wenn du keine Finanzen mehr hast? Klar, meine Ausgaben sind dann wohl wieder drin, aber wie es weitergeht hast du dir nicht gedacht, hm?“
      Er stellte ihr den Teller hin, nachdem er in Inhalt der Dose recht lieblos in den Teller gekippt und ihn in der Mikrowelle erwärmt hatte. Dazu kramte er ihr noch einen Löffel heraus ehe er sich auf den gegenüberliegenden Stuhl setzte und die Ellbogen auf den Tisch stellte.
      „So wie es klingt, hast du keinen Rückzugsort. Keine Familie, die dir Schutz bieten würde, sondern dich vielmehr noch ans Messer liefern würde? Ich hab dir jetzt einen Weg geöffnet, wie du aus der Stadt abhauen kannst. Nur ist dann fraglich, ob du nochmal jemanden findest, der dich unterstützt, denn seien wir mal ehrlich; du hast keinen Schimmer davon, wie es ist, unterzutauchen und allein zu agieren.“
      Dass er sie dabei in einem alten Lagergebäude gefunden hatte, nicht unweit der Stadt, in der sie die Justiz angegriffen hatte, zeugte davon, dass sie nicht mit sich umzugehen wusste. Sie war am Verhungern und völlig aufgeschmissen gewesen. Sie hatte kein Land zwischen sich und der Stadt gebracht und das nach ganzen drei Tagen. In drei Tagen wäre der Apothekar schon durch die halben Staaten gereist.
      „Wie kannst du dich also dann revanchieren?“ Er griff ihre Frage auf und lenkte den Bogen wieder auf die Frage zurück, die wirklich wichtig war. „Arbeite es ab. Arbeite für mich. Ich zeig dir, wie man untertaucht und sich eine Basis auf dem aufbaut, was man hat. Du musst dir nur deine Rechtschaffenheit abgewöhnen, die ist dann ein bisschen fehl am Platz.“
      Er legte die Hände flach auf dem Tisch und lehnte sich weit nach hinten. Seine Arme waren langgestreckt und hätten die Pflaster an seinen Ellen gezeigt, wenn er kein Holzfällerhemd mit langen Ärmeln getragen hätte, das er in einem der Schränke gefunden hatte. Seine Gestalt verlor sich in dem viel zu breit geschnittenen Kleidungsstück, aber das spielte ihm nur in die Karten.
      „Vielleicht willst du dann ja sogar mal das Magipramin ausprobieren. Falls du wieder dein Vieh da beschwörst und es nicht mehr wegkriegst. Wer weiß, aber bestimmt bekommst du dann die Kontrolle, die du dafür brauchst. Wär das nichts, nicht mehr ständig Sorge haben zu müssen, ob deine Bestie erscheint, was sie tut und wie du sie wieder loswirst? Es gibt für viele Fragen Antworten. Du musst nur in den dreckigen Ecken gucken, die du sonst meidest.“
      Seine Stimme wurde mit jedem Wort leichter, gar verlockender. Als würde er über völlig alltägliche Dinge sprechen und diejenigen, die nach Recht und Ordnung spielten, als das wirkliche Gesocks einstufen. Als wären er und seine Riege diejenigen, die die Guten wären. Nur wusste der Apothekar es besser; er zählte nicht zu den Guten, er war nicht rechtschaffend. Und wollte es auch nie mehr sein.