Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Die Gemeinschaft des Einen...Bei der Erwähnung zuckte Malleus' linke Augenbraue bedrohlich. Die treuen Anhänger klammerten sich an den antiquierten Glauben eines einzigen, wahren Gottes und lehnten dabei konsequent und mit lächerlicher Zuversicht jedes andere Götterpantheon ab. Die angespannte Beziehung zwischen den Signa Ignius und der Gemeinschaft des Einen füllte ganze Chroniken in der beeindruckenden Bibliothek von Oratis. Die Zeitalter blutiger Auseinandersetzungen waren allerdings schon lange vorbei. Man war dazu übergangen sich subtiler im Schutz der Schatten zu bekriegen und bemühte sich um eine nach außen strahlend weißte Weste. Es kam nicht selten vor, das Leute einfach spurlos verschwanden und nie wieder auftauchten. Malleus hatte nicht umsonst eigenhändig einen engen Kreis an äußerst effizienten Gefolgsleuten ausgebildet, die sich darauf verstanden, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Diese Männer und Frauen verschmolzen mit den Schatten der Nacht.
      "Die Priester des Einen verlieren stetig an Einfluss. Die Menschen haben vor langer Zeit beschlossen, dass eiserne Disziplin und Verzicht der gepredigten Erlösung einen faden Beigeschmack einbringen. Sie sind es leid auf den Knien vor Altären herumzukriechen und einem unsichtbaren Gott zu huldigen", schnaubte Malleus.
      Das dezente Achselzucken auf seine Feststellung entlockte Malleus keine Reaktion, obwohl sie ihm damit offen bestätigte gegen seinen Willen zu agieren. Einzig die Härte in seinem Blick blieb bestehen.
      "Obwohl ich mir bei Zeiten ein wenig mehr Zurückhaltung erhofft habe. Wohlstand macht unsere Schafe träge, Amentia. Sie verlieren das Wichtige aus den Augen, wenn sie ständig von Reichtümern und ihrem eigenen Spiegelbild geblendet werden. Aber es bleibt ein notwendiges Übel, wenn wir am Ende unseres Weges dem großen Adrastus nahe sein wollen. Wenn die Archone in den anderen Städten ihre Herde ebenso gut führen wie du es tust, muss ich meine Bedanken allerdings revidieren."
      Erst jetzt zeigte sich wieder dieser subtile Hauch von Anerkennung in seinen Augen. Trotz des Prunks in Oratis herrschte in diesem Haus der Signa keine Nachlässigkeit. Amentias Antwort zu seiner Identität schien Malleus fürs Erste zufrieden zu stellen, denn er lehnte sich etwas zurück. Trotzdem war der Anführer der Signa Ignius noch nicht fertig.
      "Für die Zukunft, Amentia, erwarte ich über derlei Veränderung in Kenntnis gesetzt zu werden."
      Obgleich er seine Stimmer nicht über Gebühr erhob, war mehr als deutlich, dass er keinen Wiederspruch duldete und wusste, dass er auch keinen bekommen würde.
      Aufmerksam lauschte er den weiteren Ausführungen zu den Festivitäten, wobei der Abschluss auf besonderes Gehör traf. Es war ein angemessenes und äußerst wirksames Spektakel und vielleicht genau die Ablenkung, die sie benötigten. Danach würde Oratis mit den Nachwehen der Feierlichkeiten zu beschäftigt sein um sich dafür zu interessieren, wer sich im Schutz der Nacht in den Straßen herumtrieb. Wenn sie in die Archive gelangen wollten, war das der beste Zeitpunkt. Nur galt es zuvor Devon hinter die Mauern zu schmuggeln.
      "Kein Kranker, kein Aussätziger, Amentia. Hab Geduld", erwiderte er schlicht.
      Er war lange nicht in Oratis gewesen und wusste nicht, ob den Wänden auch im Herz der Signa nicht bereits Ohren gewachsen waren.
      Und Devon würde allenfalls selbst in geeigneter Verkleidung durch seine Größe auffallen und das war nun mal kein einschlägiger Grund um jemanden durch die Straßen zu jagen.
      Zu Diensten?
      Zu Diensten?
      Wenn andere auch meine Dienste wollen, sollten sie sich an ihn wenden.
      Malleus, der in professionellen Angelegenheiten kaum die Miene verzog, erlaubte sich ein kaum merkliches Schmunzeln.
      Oh, Tava, dachte er, gib Acht auf deine Worte.
      Worte, die Malleus fast genauso sehr gefielen, wie die Reaktionen der Cervidia sobald er Lob in ihre Richtung aussprach. Sie saugte den Zuspruch und die Anerkennung geradezu gierig auf.
      "Tava ist zu bescheiden", sagte er. "Ihre Kenntnisse über Botanik sind bemerkenswert. Ich hatte gehofft, dass die Alchemisten in unseren eignen Reihen während unseres Aufenthaltes in Oratis von ihrem Wissen profitieren könnten. Wenn ich mich recht erinnere, bedürfen einige veraltete Schriften sicherlich eine dringend benötigte Korrektur."
      Tava umschiffte das Thema des fehlenden Siegels, das in der Tat zum Problem werden konnte.
      "Ich verbürge mich für Sie", bestätigte er. Nicht das es nötig wäre, sein Wort zählte. "Und auch für den Mann, der bald unser Gast sein wird."
      Malleus erhob sich unangekündigt.
      "Nun, da sich meine Ankunft herumsprechen wird, kann ich mich nicht hinter Mauern verstecken. Außerdem, müssen wir unserem Freund vor den Toren von unserem Vorhaben in Kenntnis setzen."
      Und es würde Devon nicht gefallen.
      Er wusste, dass der Lacerta lieber draußen ausharrte bis alles erledigt war als sich hinter die beengenden Mauern von Oratis zu begeben. Vor allem, wenn Malleus beschloss, ihn dazu passend auszustaffieren.
      "Aber dazu benötigten wir die richtige Garderobe. Du erwähntest Cervidia, die sich uns angeschlossen haben. Lass sie rufen, Amentia. Sie sollen Tava dabei helfen, die richtige Kleidung auszuwählen."
      Dann neigte er sich etwas in Tavas Richtung.
      "Ich bin mir sicher, dass du dich unter anderen Cervidia dabei etwas wohler fühlen wirst. Wie du festgestellt hast, haben nicht viele Menschen hier Kenntnisse über die Gebräuche und Umgangsformen deines Volkes. Auch wenn es dir nicht gefällt, wenn du an meiner Seite durch Oratis wandelst, müssen wir einen gewissen Schein wahren."
      Er wandte sich um und umrundete den Tisch bis er neben der sitzenden Amentia anhielt. Eine seiner in weiches Leder gehüllten Hände fand den Weg auf den massiven Schreibtisch. Sie lag so nah an Amentias Hand, die auf den Schriftstücken ruhte, dass es genügt hätte den kleinen Finger etwas abzuspreizen um sie zu berühren. Aber Malleus tat nichts dergleichen. Das hier, war das einzige Zugeständnis, dass er ihr machen konnte ohne eine Grenze zu überschreiten.
      "Ich erkläre dir alles, sobald mein anderer Gast sicher in unserem Haus angekommen ist. Danach ist genügend Zeit. Du hast mir immer vertraut, dann vertrau mir auch jetzt."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • „Zu Diensten?“
      „Ja? Spreche ich undeutlich?“ Amentia spielte gezielt auf den Punkt an, dass sie in ihrem Rang über Tava stand. Sollte Malleus sie nun korrigieren, dann hatte sie einen weiteren Anhaltspunkt auf die Stellung der Cervidia. Ein perfides abgekartetes Spiel, das sie da spielte.
      „Zu Diensten. Ja. Ich bin Alchemistin, er… die Feuergeißel kann sich voll auf meine vollste Unterstützung verlassen.“
      Dem Rest lauschte Amentia nur halbherzig. Es gab keinen wirklichen Grund, sich eine fragwürdige Alchemistin ans Bein zu binden. Und fragwürdig war sie obendrein nicht nur, weil sie nicht wie alle anderen ihrer Kunst sofort das Siegel zückte. Die Cervidia wirkte auf die Frau zerstreut, nicht ganz beisammen und das alles ließ die Archon darauf schließen, dass da gerade Wahrheit verdreht wurde. Erst recht, als Tava den Kopf senkte und vermutlich vergessen hatte, dass sich Amentia hervorragend mit den Sitten vieler Kulturen auskannte. Das verlangte allein ihr Stand.
      „Wenn andere auch meine Dienste wollen, sollten sie sich an ihn wenden.“
      Amentias Augenbrauen hoben sich obzwar dieser Dreistigkeit. „Ach, ist dem so? Dann soll der ganze Pöbel sich etwa direkt an die Feuergeißel wenden? An das Leitbild der Signa Ignius? Du schickst ihn vor?“
      Nun senkte auch Amentia ihr Kinn ab, ganz bewusst und ganz deutlich. Soweit kam es noch, dass sie die Unverfrorenheit dieses Weibes tolerieren würde. Nicht, wenn Malleus höchstpersönlich mit im Raume saß.
      „Tava ist zu bescheiden“, mischte sich Malleus dazwischen und Amentia dachte, sie habe sich verhört. Aber nein, Malleus hatte allen Ernstes gerade Tava verteidigt. Vor ihrer beiden Augen und Gehör. Völlig überrumpelt vergaß sie, darauf zu reagieren und Malleus fuhr fort.
      „Ich verbürge mich für sie.“
      Das hielt doch niemand im Kopf aus! Was war denn da vorgefallen, als dass ausgerechnet Malleus plötzlich so ein junges Ding verteidigte?! Früher hätte Amentia vor Eifersucht geschäumt, aber jetzt zwang sie ihre Emotionen in die kleine Schublade zurück, die ihr Stand ebenfalls von ihr erforderte. Emotionen waren Werkzeuge – das hatte Malleus ihr mehrfach eintrichtern müssen.
      Amentia faltete in betont ruhiger Bewegung ihre Hände auf dem Tisch. „Ich stimme zu, Ihr solltet dann wirklich Euren Freund aufsuchen und in Kenntnis setzen. Selbstverständlich findet er hier bei uns eine sichere Zuflucht. Sofern er es unbeschadet hinter die Mauer schafft.“
      Der Gedanke daran, für Gewandung der Cervidia zu sorgen, schmeckte Amentia im ersten Augenblick nicht. Es dauerte zwei weitere Sekunden, ehe die scharfsinnige Frau ihren eigenen Nutzen dahinter erkennen konnte.
      „Ich werde veranlassen, dass wir passendes Geschmeide und Trachten für Eure Begleitung bekommen. Dann müsst Ihr allerdings das Gebäude verlassen, sonst verbreitet Ihr vielleicht noch ein anderes, unliebsames Gerücht über Eure Geschmäcker“, fügte sie noch hinzu, während Malleus aufstand und um den Tisch herum kam.
      Es fühlte sich für sie wie das Natürlichste der Welt an, zu Malleus aufzublicken. Schon immer war sie kleiner als er gewesen, selbst in jungen Jahren, und nichts in der Welt würde dafür sorgen können, dass dieser Ausblick für sie in Ungnade fiel. So saugte sich ihr Blick an dem Mann fest, als er eine Hand auf den Tisch und ganz dicht an ihrer ablegte. Sie musste nicht hinsehen um zu wissen, dass nur ein Hauch ihre Hände voneinander trennte. Und selbst wenn sie sich danach sehnte, dass er endlich dieses lächerlich winzige Hindernis überwand, wusste sie, dass das hier das Intimste war, was sie von ihm bekommen würde. Eine lang zurückreichende Tradition zwischen ihnen.
      „Ich erkläre dir alles, sobald mein anderer Gast sicher in unserem Haus angekommen ist. Danach ist genügend Zeit. Du hast mir immer vertraut, dann vertrau mir auch jetzt.“
      „Sehr wohl“, nickte Amentia und zog ihre Hände als Erste wieder zurück.

      Wenige Minuten später hatte Amentia Malleus sowie die meisten der männlichen Kultisten aus dem Gebäude gescheucht. Eingetrudelt waren dafür etliche Schneider und Kunstschmiede, die mit Armen voller Stoffbahnen und Kisten mit glänzenden Stücken ins Hauptgebäude der Signa Ignius kamen. Sie alle trugen irgendwo das Mal ihres Kultes und waren treue Anhänger. Fremde kamen Amentia nicht in das Herz dieser Stadt.
      In Windeseile war der Hauptraum in einen begehbaren Kleiderschrank verwandelt worden. Amentia hatte auf einem breiten Sessel Stellung bezogen und ließ die ganzen Leute emsig hin und her wuseln, in ihrer Mitte war Tava irgendwo verschwunden. Man hatte der Cervidia ihre Reisebekleidung einfach abgenommen und nur ihren Rucksack in unmittelbarer Nähe gelassen, weil sie sich aufgeregt hatte. Amentia würde dafür sorgen, dass sie ihre Kleider nicht wiedersah. Sie waren unwürdig, schmutzig und stanken. Darüber konnte Amentia nur den Kopf schütteln.
      „Also Tava, wie hast du Malleus denn kennengelernt? Das muss ja ein richtiger Zufall gewesen sein, nicht?“, fragte sie, als man ihr gerade einen Kelch brachte und Tava verschiedenfarbige Stoffbahnen an den Leib gehalten wurden. Was das Thema des Einkleidens anderer Kulturen betraf, verstanden Schneider definitiv ihr Handwerk.
      „Wählt die kräftigen Farben für das Fest, aber ich wünsche gedeckte für den Alltag“, wies sie die Schneider an, die umgehend den Farbton wechselten und entsprechende Hosen und Hemden brachten. Röcke und Kleider bevorzugten die Cervidia eher selten; es schränkte ihren Bewegungsdrang ein. „Mir ist neu, dass er neuerdings eine Alchemistin als Reisebegleitung bevorzugt. Oder dass Schriften aufgearbeitet werden müssten. Was ist denn dein Spezialgebiet in deiner Forschung bezüglich… Lebewesen?“
      Ein spitzfindiger Mensch würde heraushören, dass sich da eine gewisse Schärfe in Amentias Stimme gemischt hatte. Aber das emsige Treiben schluckte viel von der Klarheit ihrer Stimme. Ständig raschelte oder klimperte es. Tava wurde Geschmeide an ihre Hörner gehängt und wieder gegen etwas anderes eingetauscht. Es war das reinste Chaos, wenn man nicht das System dahinter erkennen konnte.


      Währenddessen vor den Toren Oratis‘

      Ganze Karawanen hatten sich an der Mauer in den Schatten gesetzt und warteten aus den verschiedensten Gründen vor und nicht in der Stadt. Unter ihnen waren Händler, die auf fehlende Mitglieder warteten oder keine Erlaubnis hatten, Obdachlose, die man aus den Straßen geworfen hatte, um ein gewisses Image zu pflegen und vereinzelt bewaffnete Menschengruppen, die man mit ein wenig Feingefühl als Jägertrupps identifizieren konnte. Sie alle waren angezogen worden durch den Wohlstand Oratis‘ und ihrer Geschichte. Viele wurden angelockt durch die Chance auf das ganz große Geld oder das ganz große Wissen, was in den Archiven der Stadt gelagert worden war.
      Devon hatte sich nicht allzu weit von einer Gruppe Händler abgesetzt. Nahm er zu viel Abstand ein, war dies auffällig und die Halunken, die auch hier ihre Kreise zogen und darauf setzten, unaufmerksamen Besuchern der Stadt ihre Börse abzuziehen, warteten nur auf solche Leute. Im Sitzen sah der Lacerta auch nicht mehr so groß aus und ein einzelner Mann war für eine Bande leichte Beute. Hier draußen galten die Regeln der Stadtwache nicht und wenn eine Bande auf einen Mann oder eine Frau ansetzte, schritt oftmals niemand ein.
      Also lief Devon lieber unter dem Radar, lehnte sich an die harte Mauer und verschränkte die Arme. Mehr als seine Augenpartie war nicht zu erkennen und er hatte sich seine Jägersmarke vorn an sein Wams gepinnt, um sich auszuweisen. Sein Schwert und seinen Beutel hielt er eng an sich. Man wusste schließlich nie. Außerdem fiel ihm hier nun auf, dass die Menschen, Cervidia und Felitas alle dieses seltsame Surren ausstießen. Erst hatte Devon gedacht, er würde von ihnen allen die Herzschläge hören, die reinste Kakophonie, aber nachdem er sich darauf konzentrierte, bemerkte er das Summen. Jedes Lebewesen hatte einen eigenen Ton, eine eigene Frequenz und Lautstärke. Für ihn schien es sich wahllos zu verteilen, wer mehr und wer weniger von diesem Summen enthielt. Nur war sich Devon über eines ganz sicher: vor dem Kristall aus Lacuna hatte er dieses Summen nicht hören können. Oder war es ein Fühlen? Verdrießlich runzelte der Jäger die Stirn und versuchte bei dem Händler in direkter Nachbarschaft zu erörtern, ob der eine oder andere Sinn angesprochen wurde.
      „Herr?“
      Devon strengte sich noch mehr an. War da ein Prickeln auf seiner Haut? Oder spielte die Anstrengung ihm einen Streich und täuschte seine Ohren? Nein, seine Sinne waren niemals so durcheinander, als dass sie fehlerhaft waren. Vielleicht war es ja auch eine Mischung aus Beidem…
      „Hallo?... Herr?“
      Oder lag es daran, dass genau dieser Händler einfach so viel Gewandung trug? Seine Begleiter waren weniger dick eingekleidet. Vielleicht versteckte der Kerl ja auch etwas unter seinen Kleidern, so wie Devon es auch tat… Vielleicht kannte der ja auch sogar das Geheimnis der Drachen… Devon musste ja kein Einzelfall sein…
      HERR JÄGER?
      Devon zuckte zusammen und löste den Blick von den benachbarten Händlern. Er schaute ruckartig nach vorn und musste seinen Winkel korrigieren, als er in den Himmel blickte. Eine Etage tiefer, um genau zu sein.
      Vor ihm hockte ein Junge und sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an. „Bitte verzeiht, aber Ihr scheint mir etwas abwesend zu sein.“
      Devon runzelte abermals die Stirn. Der Junge vor ihm trug abgeranzte Kleider aus braunen Leinen, abgewetztes Schuhwerk und seine Hautfarbe war braungebrannt. Sein Gesicht wirkte nicht unbedingt sauber, seine blaugrauen Augen dafür aber hellwach. Sein Haar war beinahe weiß und strähnig, was Devon zu dem Schluss brachte, dass der Junge ein Straßenkind sein musste. „Und?“
      Der Junge deutete auf die Marke an Devons Brust. „Eure Marke sieht anders aus. Ihr seid allein unterwegs und nehmt Aufträge an, richtig?“
      „Möglich.“ Normalerweise tat Devon genau das. Deswegen trug er keine Marke des Jägerbandes mit den gekreuzten Schwingen, sondern eine Schwinge sich kreuzend mit einem Schwert. Allerdings hatte er nicht vor in Oratis Aufträge zu bestreiten, die ihn dazu nötigten, die Stadt zu betreten. „Aber nicht jetzt, Junge.“
      „Sicher?“ Der Kleine schlang die Arme um die Beine. Er hockte relativ nah an Devon und beobachtete ihn. Dem Lacerta missfiel das. „Ihr reist allein, oder? Ich trau mich nicht, die Gruppen da hinten zu fragen. So viel Geld habe ich nicht.“
      Er hat gar keines, dachte sich Devon.
      „Es wäre auch nicht viel…“
      Irgendwie wurde Devon das Gefühl nicht los, das mit dem Jungen etwas nicht stimmte. Aber das Misstrauen hegte er jedem Gegenüber, den er nicht kannte. Die Art, wie der Junge ihn ansah, wirkte ebenfalls nicht sonderlich vertrauenserweckend. Mit seiner hageren Erscheinung und den weiten Kleidern hätte Devon ihn auf um die zwölf Jahre geschätzt. Doch diese hellen Augen musterten ihn sehr, sehr aufmerksam. So sehr, dass Devon sich genötigt fühlte, den Blick abzuwenden. „Sobald ich die Stadt betreten soll, hat sich der Auftrag für mich sowieso erledigt.“
      „Wieso wollt Ihr Oratis nicht betreten?“ Unverhohlene Neugier lag in der Stimme des Jungen.
      Devon schnitt eine Grimasse. Er hatte schon zu viel gesagt. „Zieh Leine, Junge.“
      „Hmmm“, machte der Junge. Dann schnellte seine Hand vor und riss Devon seine Marke von der Brust. Blitzschnell sprang der Junge auf und zurück, just in dem Moment, als sich auch Devon vom Boden erhob. Jetzt fühlte er keinen Argwohn mehr, sondern nur noch unterdrückte Wut. Natürlich war der Kleine ein Dieb und wollte das Silber seiner Marke zu Geld machen.
      „Leg’s nicht drauf an, Kleiner“, grollte Devon, der sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte und den Jungen um mehrere Köpfe überragte.
      Dieser schien jedoch nicht sonderlich eingeschüchtert zu sein, sondern… nahezu ekstatisch. Seine Augen waren weit aufgerissen und er grinste breit mit geöffnetem Mund. „Ihr seid ja riesig, Herr!“ Er frohlockte, warf Devon die Marke zu und rannte einfach fort Richtung Stadttor.
      Devon fing seine Marke auf, sah dem Jungen kurz hinterher und ließ sich wieder in den Schatten an die Wand auf den Boden fallen. Große Städte mit Fanatikern brachten leider auch fanatische Kinder mit sich.
      Noch ein Grund, solche Städte zu meiden, dachte sich Devon, als er sich seine Marke wieder ansteckte und die Arme vor der Brust verschränkte.
    • Tava gefiel es nicht, dass Malleus sie zurücklassen sollte, aber sie konnte nicht wirklich etwas dagegen einwenden. Diese ganze Kult-Sache war nicht wirklich ihre Welt und sie hatte bei Amentia bereits deutlich gemerkt, auf was für einem dünnen Seil sie sich jetzt schon befand. Das war einfach das Problem, das sie schon lange verfolgte und ihr sicherlich auch in dem Abschluss ihrer Alchemisten-Lizenz im Weg stand. Tava besaß einfach nicht das nötige Feingefühl für gesellschaftliche Belange und wenn sie so unter Druck gesetzt wurde wie jetzt, endete es meistens darin, dass irgendwas brannte. Entweder, weil Tava zu wütend wurde, oder weil ein Feuer wahre Wunder bewirken konnte, wenn es darum ging, andere ein wenig abzulenken.
      Daher verhielt sie sich - für Tavas Verhältnisse - recht ruhig und fügsam, als sie in der Mitte des Raumes stand und sich von dutzend Arbeitern betatschen ließ. Mit großer Fleißarbeit nahmen sie etliche Maße von ihrem Körper und trugen ganze Arme voller Stoffe herbei, um sie vor und neben Tava zu halten. Ja, sie war wirklich sehr fügsam, denn bei diesem ganzen Stoff, bei diesen vielen hoch entflammbaren Fasern, rührte sie sich kein Stückchen. Dabei würde es vermutlich nur ein kleines Flämmchen benötigen, um hier alles in lichterlohen Flammen aufgehen zu lassen. Einmal den Ring an ihrer Hand betätigen, an dem die Leinen eh schon manchmal entlang strichen, nur ein einziges Aufflammen... vermutlich würde man das Feuer noch gar nicht bemerken, würde den Stoff wegtragen und zulassen, dass das Feuer sich noch mehr ausbreitete.....
      "Also Tava."
      Die Stimme kam von irgendwo zwischen den ganzen Leuten und manchmal tauchte auch die Gestalt von Amentia dazu auf, die ein paar Meter entfernt auf einem Sessel saß. Tava versuchte, sich auf sie zu konzentrieren. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie vor zwanghafter Zurückhaltung schon zu zittern begonnen hatte.
      "Wie hast du Malleus denn kennengelernt? Das muss ja ein richtiger Zufall gewesen sein, nicht?“
      Ja war es. Warum interessierte die Frau das so sehr? Es war ja nicht so, dass Malleus sonst niemand kannte.
      Ein brauner Stoff wurde ihr vor den Körper gehalten. Tava dachte sehr eindrücklich darüber nach, dass man die Flamme so nicht einmal sehen würde.
      "... Ja, war es. Wir haben uns in Celestia kennengelernt. Da war der Drache."
      Sie sah dem Stoff nach und gleich dem nächsten entgegen. Nur ein kleines Flämmchen...! Ein klitzekleines... wirklich kleines Flämmchen...!
      "Der, äh, Steindrache. Hat alles platt gewalzt. Malleus hat mir geholfen, an meine Sachen zu kommen, bei dem ganzen Chaos."
      „Wählt die kräftigen Farben für das Fest, aber ich wünsche gedeckte für den Alltag.“
      Sofort wurden andere Farben heran gebracht. Tava fühlte sich schon fast wie eine Königin, so wie die ganzen Leute um sie herum wuselten. Ein ganz klein wenig interessierte sie auch die Kleidung wegen der Kleidung selbst, denn ihre Befürchtung, man würde sie in menschliche Gewänder stecken, bewahrheitete sich nicht. Hosen und Hemden wurden herangebracht und es waren wirklich schöne Stücke, das musste selbst Tava zugeben.
      Halt auch einfach unglaublich brennbar.
      „Mir ist neu, dass er neuerdings eine Alchemistin als Reisebegleitung bevorzugt. Oder dass Schriften aufgearbeitet werden müssten. Was ist denn dein Spezialgebiet in deiner Forschung bezüglich… Lebewesen?“
      Bezüglich Lebewesen? Warum wollte Amentia das denn nun wissen? Tava dachte sich aber nicht viel dabei, weil man da gerade Hornschmuck für sie heranbrachte. Hornschmuck! Sie war eigentlich nicht der Typ für sowas, aber... naja, man konnte ja mal eine Ausnahme machen, oder?
      "Reptilien. Ich spezialisiere mich auf Reptilien."
      Das war zumindest, was den Drachen am nächsten kam und was Tava guten Gewissens von sich behaupten konnte. In Wahrheit spezialisierte sie sich natürlich auf, naja, Feuer, aber das war wohl nichts, was ein lizenzierter Alchemist erforschen würde. Lizenzierte Alchemisten holten sich Aufträge heran und prahlten mit ihren eigenen Erfindungen und Entdeckungen. Die jüngste Erfindung von Tava war eine geschwächte Version des Alcidorums, aber irgendwie hatte sie so das Gefühl, dass Amentia sowas nicht unbedingt beeindrucken könnte. Also Reptilien, das war sicher.
      "Woher... Ist das Seide?"
      Ihre Hände zuckten. Seide war so schnell und leicht entflammbar, sie konnte es fast schon riechen, der Rauch, der sich davon ausbreiten würde. Langsam musste sie raus hier, sonst würde sie noch durchdrehen. Oder das ganze Gebäude würde wirklich noch in Flammen aufgehen. Ob Malleus das besonders toll finden würde?
      "Woher kennt Ihr ihn denn?"
    • Mit Mühe behielt Malleus seine Gesichtszüge unter Kontrolle während er die abgeschlossene Eingangstür beäugte. Amentia hatte ihn und einen Großteil der Männer wortwörtlich vor die Tür gesetzt. Ihn. Aus einem Haus aus seines Kultes. Zwar hatte sie es mit dem höchsten Maß an Respekt und Ehrfurcht getan, doch das rettete Malleus nicht vor den fragenden Blicken seiner Jünger. Niemand, wirklich niemand in der gesamten Struktur der Signa Ignius, hätte sich diese Anmaßung erlauben dürfen. Natürlich war Malleus bewusst, dass Amentia die Gelegenheit nicht ungenutzt ließ und an eine glückliche Fügung glaubte Malleus schon gar nicht. Immerhin war Amentia seine beste Schülerin. Mit erhobenem Haupt drehte Malleus sich zu den übrigen Männern um und erstickte jegliches Kommentar mit einem einzigen, kühlen Blick. Er herrschte sie an in das kleinere, weniger komfortable Nebengebäude auszuweichen und alles notwendige herbeizuschaffen, damit auch er entsprechende Vorbereitungen für die Festivitäten treffen konnte. Außerdem erwartete Malleus eine Nachricht von jemandem, dem gewiss bereits zu Ohren gekommen war, dass die Feuergeißel zurück nach Oratis gekehrt war. Das war nun wirklich eine glückliche Fügung.

      Das Spektakel im Nebengebäude erwies sich als wenig aufregend. Nachdem die treuen Kultanhänger ihren vermeintlichen Erlöser mit Truhen von edlen Kleidungsstücken, Schmuck und anderem Tand überschüttet hatten, hatte Malleus alle aus dem Zimmer verbannt. Allein in dem schlichten Zimmer nutzt er die Gelegenheit für ein dringend benötigtes Bad um sich den Staub des Pilgerweges vom Leib zu waschen. Tief sank Malleus in das dampfende Bad und ließ den Kopf nach hinten auf den Rand des Waschzubers legen. Er gönnte sich den seltenen Moment der vollkommenen Ruhe, der für eine ganze Weile wohl der Letzte sein würde.
      Mit regungsloser Miene glitten seine Fingerspitzen über das weiche Gefieder der winzigen Taube, die auf seinem rechten Zeigefinger huckte und zufrieden über die Liebkosung gurrte. Malleus, der auf einer steinernen Bank in dem Gärtchen zwischen den Häusern saß, war sich der Blicke durchaus bewusst, die jeden seiner Schritte verfolgten.
      Die Ansammlung in dem kleinen Gemeinschaftsraum war ihn lautloses Staunen verfallen, als er seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte. Der hochgewachsene Mann hatte sich für eine schlichte, rote Tunika entschieden, die über seiner Hüfte mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Der hochgeschlossene Kragen war mit dezenten Goldfäden bestickt, ebenso die Ärmel, die mit goldenen Knöpfen verschlossen waren. Seine Beine steckten in weichem, dunklen Leder und endeten in einfachen, aber auf Hochglanz polierte Stiefel. Das Leder um seine Waden war weit genug, um seinen üblichen Dolch darin zu verbergen. Die dunkle Haarmähne hatte er mit kunstfertig geschmiedeten Goldringen am Hinterkopf gebändigt. Nur zwei einzelne der kunstvoll, gedrehten Zöpfe, um deren Enden sich ebenfalls je ein dünnes Band aus Gold befand, umrahmten sein Gesicht. Mit den geschickten, ruhigen Händen eines Künstlers hatte Malleus seine dunklen Augen, die nun regelrecht in ihren Höhlen zu glühen schienen, mit filigranen und hauchdünnen Pinselstrichen mit schwarzer Kohle umrahmt und dezente, goldene Akzente hinzugefügt. Die Aufmachung war schlich, pragmatisch aber edel genug um seine Stellung zu unterstreichen ohne zu viel Aufsehen zu erregen. Zumindest in der allgemeinen Bevölkerung von Oratis, aber hier in diesen Kammern der Signa Ignius riskierten selbst die Männer einen bewundernden Blick.
      Malleus lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Taube, die ihm scheinbar ungeduldig in den Finger zwickte. Er nahm ihr die wertvolle Fracht ab und entließ das Vögelchen zurück in den strahlend, blauen Himmel. Als wäre das possierliche Tierchen nicht bereits Hinweis genug gewesen, entrollte Malleus das kleine Pergament. Diese Art von Tauben wurden nur an einem Ort in der Stadt verkauft. Sie waren schnell, klug und wurden gerne übersehen. In der Botschaft stand kein Wort sondern mit säuberlichen Linien gezeichnet das Symbol einer Schmiede, die Malleus nur allzu vertraut war: Zwei gekreuzte Dolche, die von einer feingliedrigen Kette zusammengehalten wurden.

      Da Amentia im Augenblick alle Hände voll zu tun hatte, um Tava eine zivilisierte Erscheinung zu verpassen - Ein Schauspiel, bei dem er nur zu gerne anwesend wäre - , entschied sich Malleus der Einladung des Schmiedes zu folgen. Bis die Damen hinter verschlossenen Türen fertig waren, würden noch ein paar Stunden vergehen. Begleitet von zwei treuen Anhängern mischte sich Malleus unter das feiernde Volk. Dabei wählte er gezielt eine Route durch weniger belebte Nebengassen und ruhigere Viertel von Oratis. Der Schattenbazar versteckte sich abseits der Hauptstraße, weitgenug entfernt vom großen Marktplatz, damit Besucher nicht einfach zufällig hineinstolperten. Die Atmosphäre war hier ruhiger und über allem schwebte etwas Geheimnisvolles. Die Händler des Schattenbazars lockten ihre Kundschaft gezielt und mit kundigem Auge an ihre Verkaufsstände. Sie mussten kein ohrenbetäubendes Geschrei anwenden um Aufmerksamkeit zu erregen. Wer dieses verborgene Örtchen betrat, wusste meist genau, wonach er suchte. Nicht alle Waren an diesem Ort entsprachen der von Oratis vor diktierten Legalität. Räucherwerk, dass die Sinne trübte und den Ahnungslosen in einen wohligen Rausch versetzte, erfreute sich in den Bordellen großer Beliebtheit um der Kundschaft noch leichter die Taschen zu leeren. Wer seinem unliebsamen Nachbarn ein auswischen wollte, mixte ihm Bitterwurz ins Wasser und der arme Tropf verlor sämtliche Beherrschung über seinen Darm. Einige der angebotenen Substanzen waren harmlose aber seltene Kräuter, die für erfahrene Giftmischer eine ganz eigenen Stellenwert besaßen.
      Malleus bedeutete seinen Begleitern in seiner Seitenstraße zu warten und betrat allein den Schattenbazar. Beiläufig, fast desinteressiert, glitt sein Blick über die unterschiedlichen Auslagen und blieb dabei für die Händler überwiegend wenig vielversprechend. Er war für eine andere Art der Ware auf den Schattenbazar gekommen.
      Ein Gruppe von Straßenkindern in zerlumpter Kleidung und dreckigen Gesichtern eilte tuschelnd an an ihm vorbei. Wörter wie Verdächtig und Heiligkeit drangen über das geschäftige Treiben des Marktes an seine Ohren.
      Dafür war er hier.
      Das Flüstern in den Straßen.
      Gerüchte.
      "Hast du es schon gehört?", wisperte es zu seiner Linken. "Die Signa Ignius sollen in heller Aufruhr sein."
      "Die Kutten-Fraktion?", kam die Gegenfrage.
      "Genau die! Die Leute erzählen sich, dass er in Oratis ist."
      "Die Feuergeißel?", flüsterte eine junge Frau zurück und klang dabei fast ängstlich.
      "Ihr wisst alle, was das bedeutet? Die Flammen kehren zurück in die Straßen von Oratis..."
      Der Ruf der Feuergeißel eilte ihm voraus und die Menschen in Oratis hatten noch nicht vergessen, was denen drohte, die sich gegen die Signa Ignius erhoben. Malleus zog weiter durch die Reihen der Stände. Geflüster über den Mann, dessen Gesicht nun für aller zu sehen war und doch niemand erkannte. Männer mit dunklem Teint aus den Graslanden und weiten Steppen waren in Oratis kein ungewöhnlicher Anblick.
      "Wenn ich es dir doch sage! Mit einer Cervidia!", drang es von einem Verkaufsstand mit betörend duftenden Tees herüber.
      "War sie hübsch?"
      "Keine Ahnung, Mann. Unter den komischen Lumpen konnte ich kaum etwas sehen", murrte ein Kunde mit wässrigen, glasigen Augen die vom Konsum fragwürdiger Substanze herrührten. Auch gängige Rauschmittel waren auf dem Schattenbazar keine Seltenheit.
      "Erzähl keinen Mist! Jeder weiß doch, dass diese ach so mächtige Feuergeißel nie ein Weibsbild anrührt. Du weißt schon...Schnippschnapp. Deswegen umgibt sich dieser Kerl auch ständig mit den Männern in seinem Kult...verstehste?"
      Der redselige Kerl machte eine obszöne Geste und Malleus zog die Augenbrauen in die Höhe.
      "Sei still. Da vorne läuft einer von denen herum, du Dummkopf."
      "Ach, mir doch egal. Mein Vetter behauptet, sein Schneider hätte von dem Bruder der hübschen, drallen Händlerin...du weiß schon, die mit den großen Klunkern...gehört, dass er mit einer ansteckenden Seuche gestraft ist. Überall eitrige Beulen und..."
      Jemand würgte dezent im Hintergrund und Malleus beschloss, dass er die näheren Details bei all seinem Wissensdurst, dieses Mal nicht hören wollte.
      Nicht, dass es ihn störte. Je wilder die Gerüchte umso weiterweg waren alle von der Wahrheit.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Ein Drache in Celestia? Die Nachricht war nicht bis Oratis gekommen, sonst hätte Amentia davon gewusst. Was wiederum bedeutete, dass der Vorfall von so geringer Brisanz gewesen sein musste, dass sich Kunde einfach nicht lohnte.
      „Was war das denn für ein Drache?“, wollte sie demnach wissen. Alles, was kein Feuerdrache war, erweckte sowieso nicht Malleus‘ Aufmerksamkeit.
      „Der, äh, Steindrache. Hat alles platt gewalzt. Malleus hat mir geholfen, an meine Sachen zu kommen, bei dem ganzen Chaos“, kam die Erklärung und Amentia runzelte die Stirn.
      Da waren vielerlei Faktoren gerade unstimmig. Felsendrachen waren einfach nur ein Haufen Gestein ohne Sinn und Verstand oder Anmut. Es gab nichts, was den Anführer der Signa Ignius auch nur ansatzweise zu diesem lächerlichen Auswuchs einer Echse hätte führen sollen. Zumal Malleus eh eher der Beobachter war… Er würde Tava nur dann helfen, wenn er sich explizit einen Vorteil daraus erhoffte. Bei dieser fadenscheinigen Alchemistin gab es nichts, was ihm etwas bringen konnte… Außer… ihr Äußeres.
      „Reptilien. Ich spezialisiere mich auf Reptilien.“
      Ungesehen von Tava rollte Amentia mit den Augen. Nein, da war mehr im Busch. Alchemisten waren ein fanatisches Volk, erst recht, wenn es sich um die Forscher und nicht die Praktizierenden handelte. Entweder war sie jetzt ernsthaft abgelenkt von all den Leuten, die um die Cervidia herum schwirrten, oder sie versuchte Unwahrheiten zu kaschieren. Amentia tippte auf Letzteres.
      „Ah“, machte sie in einem verständnisvollen Tonfall. „Ich hörte, dass man sich von den Reptilien viel abschauen konnte zwecks Wundheilung. Echsen verlieren ja ihre Schwänze und sie wachsen ihnen nach. Außerdem sind sie sehr resistent gegenüber Infektionen… Ein sehr spannender Teilbereich, in der Tat.“
      Damit ließ sie es auch erst einmal bleiben. Welchen Vorteil hatte Amentia denn, sich mit dieser Cervidia anzufreunden? Maximal Malleus‘ Gunst, aber sonst nichts. Tava hatte ihr Siegel nicht gezeigt, also konnte auch damit etwas nicht stimmen. In Amentias Gebiet gab es genug Alchemisten mit entsprechendem Ruf, als dass sie eine weitere benötigte. Und wenn Tava wirklich Malleus‘ Gespielin war, dann wollte sie auch gar keinen weiteren Kontakt zu ihr pflegen.
      „Woher… Ist das Seide?“
      Amentia schmunzelte. „Nicht so vertraut mit solch Luxusprodukten?“
      Seit dem Fall der Menschheit musste man auf klassische Art und Weise Seide gewinnen. Das machte das Endprodukt überaus teuer, da sämtliche Seide aus echten Raupen gewonnen wurde. Die Möglichkeit, Seide aus Lotusfasern zu beziehen, war ohne die dafür notwendige Technologie nicht mehr möglich. Folglich wurde Seide mit horrenden Preisen gehandelt – ein weiterer Grund, warum Amentia Tava Seide anhalten ließ. Sie wollte sehen, wie die Cervidia darauf reagierte.
      „Woher kennt Ihr ihn denn?“, wechselte Tava schnell das Thema.
      „Das hat er Euch nicht erzählt? Ich kenne ihn seit Anbeginn des Kultes. Ich war Kohlebeckenträgerin, als ich noch ein Kind war. Die meisten Kinder, die im Kult geboren werden, beginnen ihre Mitgliedschaft so. Habt Ihr Euch denn schon Gedanken darüber gemacht, wo Ihr Euer Zeichen tragen wollt?“ Durch die Menge an Leute erhaschte Amentia einen fragenden Blick seitens Tava. „Ihr seid doch in Malleus‘ Diensten getreten, oder etwa nicht? Das bedeutet, dass Ihr mit den Signa Ignius sympathisiert. Und als Zeichen dessen gehört es sich, auch unser Mal zu tragen.“
      Amentia lehnte sich zurück und präsentierte dadurch ihr eigenes Brandmal zwischen ihren Brüsten.
      „Wenn Ihr wirklich an Malleus und seine Prinzipien glaubt, dann solltet Ihr ein Mal tragen. Oder habt Ihr von eines von ihm bekommen?“
      Eine der Schneiderinnen wickelte sich gerade eine Bahn hellblauer Seide über den Arm, als sie innehielt und Amentia überrascht ansah. „Meister Malleus erteilt eigenmächtig das Zeichen? Ich dachte, nur die Prediger übernehmen diesen Initiierungsritus.“
      Amentia wuchs ein bisschen in der Größe. „Normalerweise nein. Er hat keine Zeit dafür, um unseren einzelnen Lämmchen die Ehre zu erweisen. Aber manchmal, da gibt es besondere Lämmchen.“ Sie stützte ihren rechten Ellbogen auf die Lehne des Sessels, wodurch der Ärmel ihres Gewandes hinab rutschte. An ihrem Handgelenk erschien ein zweites Mal der Signa. Dieses war jedoch wesentlich älter und nicht so sauber wie jenes, das zwischen ihren Brüsten thronte.
      "Nun Tava. Tragt Ihr eines?“



      Salem machte den Umsatz seines Lebens. Er dankte der großen Löwin dafür, dem Ratschlag gefolgt und nach Oratis gekommen zu sein. Erst hatte er sich darüber beschwert, nicht auf dem Hauptmarkt einen Stand beziehen zu dürfen, aber dieser Schattenbazar war ein richtiger Glückstreffer gewesen. Sein Stand war ein breiter Teppich, ausgerollt auf dem Boden und sichtlich in Mitleidenschaft gezogen. Ein Tarp spannte sich darüber, um den Mann mittleren Alters mit den Katzenohren vor Sonne und Regen gleichermaßen zu schützen. Er saß inmitten eines Sammelsuriums von verschiedenen Dingen, die von Weitem aussahen wie irgendwelche Edelsteine. Beim Näherkommen entpuppten sich die Steine als scheinbar gefärbtes Harz mit Einschlüssen darin.
      Und genau die waren der Grund, warum sich so eine Traube um Salems Stand gebildet hatte. Touristen, die von überall wegen des Festes herkamen, rannten ihm wortwörtlich die Bude ein. Er musste darauf achten, dass keine Diebe ihm etwas stibitzten, was ihm durch seine geschärften Felitassinne leichter als den Menschen fiel.
      Menschen nahmen Steine auf, fragten nach Preisen, feilschten und reichten ihm Münzen. Der Sack mit Geld zwischen seinen eingeschlagenen Beinen wurde immer voller und er wusste, dass dieser eine Tag schon ausreichen würde, um für Monate auszukommen. Er hatte darauf gesetzt, dass die Leute seine Steine sahen und sie wegen ihres Inhaltes kaufen wollten.
      Schuppen, Zähne, Abdrücke, Haare.
      Er hatte alles, was aussah wie ein Rückstand eines Drachen in Harz eingelegt und hier feilgeboten.
    • Es war schwierig, Amentia aufmerksam zuzuhören, wenn um Tava herum das Chaos tobte und die Stimme der Frau immer mal wieder in der Menge leiser und dann wieder lauter wurde. Außerdem war Tava unglaublich davon abgelenkt, diesen ganzen Raum nicht in einem Feuerinferno aufgehen zu lassen. Wie einfach es wäre und wie befriedigend! Bei dem vielen Stoff würden die Flammen den ganzen Raum füllen, groß und hell und zerstörerisch. Leider war dieser Raum nicht offen, sodass sie nicht nach draußen kamen, aber das wäre schon in Ordnung. Dieses kleine Opfer konnte Tava eingehen.
      Früher einmal, vor nicht allzu vielen Monaten, hätte sie gar nicht so lange überlegt. Sie wäre hier vermutlich reinspaziert, hätte schon den Tisch gesehen und sich ans Werk gemacht, ohne großes drumherum. Warum sie es jetzt nicht tat, lag einzig und allein daran, dass sie sich Malleus genau vorstellen konnte, wie er sie in seinem ernsten Tonfall zurechtwies - und das wollte sie nicht. Sie wollte nicht die Enttäuschung in seinem Blick sehen.
      Aber... bei den vier Feuern, es wäre so einfach!
      Tava rieb sich über die Knöchel.
      "Ich kenne ihn seit Anbeginn des Kultes. Ich war Kohlebeckenträgerin, als ich noch ein Kind war. Die meisten Kinder, die im Kult geboren werden, beginnen ihre Mitgliedschaft so. Habt Ihr Euch denn schon Gedanken darüber gemacht, wo Ihr Euer Zeichen tragen wollt?“
      Da stutzte sie etwas. Hatte sie gerade richtig gehört?
      "Wie war das?"
      „Ihr seid doch in Malleus‘ Diensten getreten, oder etwa nicht?"
      "... Ja?"
      "Das bedeutet, dass Ihr mit den Signa Ignius sympathisiert. Und als Zeichen dessen gehört es sich, auch unser Mal zu tragen.“
      Jetzt zeigte sie ihr das Brandmal, das Tava schon von Malleus nicht unbekannt war. Aber was die Frau wohl von ihr erwartete... das überstieg eine gewisse Grenze. Selbst, wenn Tava kein Problem damit hatte, sich von Feuer brandmarken zu lassen, war es doch nicht so ein Mal, das sie ihr Leben lang tragen wollte. Sie kannte sich mit den Signa Ignius nicht einmal genau genug aus, um einschätzen zu können, ob sie mit ihnen sympathisierte.
      „Wenn Ihr wirklich an Malleus und seine Prinzipien glaubt, dann solltet Ihr ein Mal tragen. Oder habt Ihr von eines von ihm bekommen?“
      "Ähhhhh."
      Das ging nun doch in eine unangenehme Richtung. Sehr unangenehm. Sie wollte kein Zeichen haben. ... Das wusste Malleus doch, oder?
      "... Nein. Aber - noch nicht, meine ich. Es stand auch nicht... wir sind gerade erst angekommen. In Oratis, meine ich. Da war noch keine Zeit für... sowas."
      Sie betrachtete den Stoff, jetzt mit einer durchaus nervösen Aufmerksamkeit. Diese ganze Situation gefiel ihr mit jeder Sekunde weniger. Wieso brauchten die Leute so lange, um Gewänder für sie auszusuchen? Konnte sie nicht einfach irgendwas anziehen, was ihr passte, und dann wieder abziehen? Wo war Malleus eigentlich? Selbst Devon wäre ihr jetzt nicht unlieb gewesen und das mochte schon was heißen.
      "Wo ist er eigentlich? Malleus, meine ich. Ich muss ihm nämlich dringend noch was sagen, ganz dringend. Habe ich vorhin ganz vergessen. Ich bin mal so frei. Wo ist der Ausgang nochmal? Da vorne?"
      Und damit begann sie, die Leute um sich herum aus dem Weg zu schieben in Richtung Tür.
    • "Viele Dank, Horatio. Das ist hervorragende Arbeit. Ich kenne niemanden in ganz Oratis außer dir, der das notwendige Fingerspitzengefühl für diesen Mechanismus besitzt."
      Mit unbestreitbarer Zufriedenheit wog Malleus die dünnen beinahe grazilen Klingen in den Händen. Die Schneiden der neuen Messer war kaum länger als seine Handfläche, zwei Finger breit und so dünn geschliffen wie feinstes Spiegelglas. Er schloss die Finger um den kurzen, breiten Griff, der sich perfekt in seine geschlossene Faust schmiegte und durch seine gebogene Form war es kaum möglich ihm die raffinierten Waffen zu entreißen. Malleus betrachtete die silbrig, glänzende Klinge, die zwischen Mittel- und Ringfinger herausragte von allen Seiten. Die Besonderheit der Messer lag nicht in ihrer ungewöhnlichen Zierlichkeit und auch nicht in der geringen Größe. Der Trick verbarg sich in dem winzigen Hohlraum der Horngriffe.
      "Und es funktioniert?", fügte Malleus hinzu.
      "Ohne Probleme, aber ich musste ein paar Anpassungen an Eurem Entwirf vornehmen. Hier...und hier", gestand Horatio und tippte mit den Zeigefinger auf auf verschiedene Stellen einer Skizze, deren Enden er mit kleinen Zahnrädern und anderen Metallstücken beschwert hatte.
      "Verstehe...", murmelte er und beugte sich mit Horatio über die Zeichnung.
      Zufrieden schob er einen Beutel mit Münzen über die Ladentheke und ließ die neuen Waffen in den eigens von Horatio angepassten Halftern an seinem Unterarmen verschwinden.
      "Für die lange Wartezeit auf deine Entlohnung...und dein Schweigen."
      "Natürlich. Es war mir wie immer eine Freunde mit Euch Geschäfte zu machen", antwortete Horatio und ließ den Beutel unauffällig unter dem Tisch verschwinden.

      Malleus kehrte zurück auf den Schattenbazar. Die Vorstellung, dass seine Begleiter bereits vollkommen nervös auf seine Rückkehr warteten, amüsierte ihn. Allgemein hatte der Besuch bei Horatio für einen wahren Aufschwung seiner Stimmung gesorgt. Der Weg zurück führte direkt durch das Herz des Schattenbazars, wo sich eine beeindruckend große Menschentraube um einen Stand versammelte, der Malleus zuvor gar nicht aufgefallen war. Zwischen den dicht gedrängten Menschen hindurch erhaschte er einen Blick auf einen Felitas, unschwer zu erkennen an seinen Ohren.
      Als zwei junge Frauen an Malleus vorbeieilten, die zuvor den Stand des Felitas besucht hatten, erkannte er die glänzenden Steine, die sie aufgeregt und stolz zwischen den Fingern hielten. Nein, es war kein polierter Stein sondern Harz. Was darin eingeschlossenen war, konnte Malleus in der Eile nicht erkennen, aber der Andrang ließ darauf schließen, dass der Mann mit Drachenreliquien handelte. Oder mit Etwas, dass er als solche ausgab. Er hatten keinen Blick auf die Auslage geworfen und zweifelte doch sofort an deren Echtheit. Solche Talismane und Schmuckstücke waren gerade auf dem Schattenbazar und auf anderen Märkte am Rande der Legalität heiß begehrt.
      Er ließ sich Zeit bis er zu den wartenden Kultisten am äußersten Rand des Marktes aufschloss.
      "Ich brauche euch heute nicht mehr. War der Bote bereits hier?", verkündete Malleus gebieterisch und schnitt damit bereits dem ersten der Jünger das Wort ab.
      "Ja, ja, aber natürlich, mein Herr...", murmelte der Zweite.
      Er reichte Malleus ein in rotes Tuch geschlagenes Bündel und verneigte sich dabei eifrig und unterwürfig. Erwartungsvoll sahen ihm die Männer in die Augen.
      "Ich möchte, dass ihr euch für einen Moment noch unter die Besucher des Schattenbazars mischt. Tragt alle Informationen zusammen, die ihr über Lacuna bekommen könnt."
      Ohne eine Blick zurück ließ Malleus seine folgsamen Begleiter hinter sich. Es war fast ausgeschlossen, dass sich die Ereignisse in Lacuna nicht herum gesprochen hatten. Aber sollte auch nur die geringste Chance bestehen, dass sein Name im Zusammenhang mit einer Drachentötung die Runde machte, musste er dieses Geflüster im Keim ersticken.

      Bei all dem Trubel war es in der Tat leichter Oratis zu betreten, als es gegen den Storm zu verlassen.
      Ewigkeiten vergingen, zumindest kam Malleus der Weg unverhältnismäßig lang vor, doch endlich lichtete Menge aus lachenden und feiernden Menschen, Cervidia, Felitas und Angehöriger kleinerer Völkchen. Vor den Toren lagerten mittlerweile noch mehr Menschen und es dauerte nicht lange bis Malleus bemerkte, dass Devon nicht mehr an dem Platz verweilte, an dem sie ihn zurück gelassen hatten. Zwischen Händlern, zwielichtigen Diebesbanden, Söldner und Jägern war es leicht den Überblick zu verlieren. Malleus kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen die unbarmherzige Sonne. Oratis war ihm schon immer wärmer vorgekommen, als alle anderen Orte, die er in seinem Leben bereist hatte. Es gab das Gerücht über Feuer tief in der Erde, das unter Oratis unaufhörlich glühte.
      Schützend gegen die Sonne hob Malleus die Hand um das Licht von von seinen Augen abzuschirmen während er dem Weg an der Stadtmauer entlang folgte, das Bündel dabei fest unter seinen Arm geklemmt. Obwohl er einen gewissen Wohlstand zur Schau trug, traute sich kein Dieb mit flinken Fingern in seiner Nähe. Eine unsichtbare Mauer hielt anderen Passanten auf Abstand, die ganz instinktiv einen dezenten Bogen um ihn machten.
      Es dauerte einen Moment, bis er Devon an der Mauer entdeckte.
      "Du bist tatsächlich noch hier", begrüßte er den Lacerta und wirkte trotz der Worte nicht sonderlich überrascht. "Hier. Fang."
      Ohne Umschweife warf er Devon das Bündel zu und ein seltener, amüsierter Ausdruck funkelte in seinen goldumrahmten Augen.
      In dem Bündel befanden sich Kleidungsstücke, die den Festivitäten zu Ehren Adrastus angemessen waren. Rot und Gold dominierten auch hier die Farbpalette. Wie für sich selbst hatte Malleus für den Lacerta schlichte, pragmatische Stücke gewählt, die genug Bewegungsfreiheit boten und trotzdem verbargen was verborgen werden musste. zu der neuen Ausstattung gehörte auch ein Tuch, wie es sich Devon wie gewohnt um den Kopf wickeln konnte um seine Ohren zu verbergen. Der Stoff war leicht und den warmen Temperaturen angemessen. Ganz unten im Bündel befand sich eine schlichte Maske, die viele zu den Festivitäten trugen und somit perfekt mit der Menge verschmolz. Devons Tunika besaß allerdings keine Ärmel, bedeckte aber den Rücken vollständig. Auf Schmuck hatte er verzichtet, nun, nicht ganz. Aber alles zu seiner Zeit, dachte Malleus.
      "Der einzige Weg hinein führt über die Kunst der Anpassung, mein Freund. Tava wartet in meinem Haus auf uns und lässt in diesem Augenblick sich neu einkleiden" sagte er und warf einen wachsamen Blick über die Schulter, wobei die goldenen Ringe in seinen Haaren fast melodisch klimperten. "Ich habe mir die Freiheit genommen für dich auszuwählen. Die Größen sollten stimmen",
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      We’re all different people all through our lives.
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    • Für Devon gab es kein zweites Zusammentreffen mit unliebsamen Straßenkindern. In der Masse an Leuten, die Schutz vor der Sonne suchten, ging er in seiner eingezogenen Haltung unter. Solang er nicht aufstand, würde sich niemand um den vermummten Mann kümmern, den der Kampf vielleicht einfach nur entstellt haben mochte. Er hatte den Kopf auch halb abgesenkt, weil er schlichtweg niemanden sehen wollte. Er wollte einfach nur hier sitzen, die Wärme genießen und sich nicht mit nervigen Kindern abgeben müssen.
      „Du bist tatsächlich noch hier.“
      Die Stimme kannte er. Devon öffnete seine Lider und erblickte Malleus in ungewohnter, neuer Tracht.
      „Hier. Fang.“
      Mit Leichtigkeit fing der Jäger das Wurfobjekt, aber er starrte Malleus an. Nicht nur, dass er jetzt nicht mehr seinen dunklen Mantel trug, sondern jetzt etwas wesentlich Farbenprächtigeres und dann auch noch mit Gold besetzt. Das allein verlieh dem Mann schon eine gänzlich andere Ausstrahlung. Viel spannender war aber das Gesicht. Devon runzelte die Stirn. Hatte sich der Kerl Kohle um die Augen geschmiert?
      „Der einzige Weg hinein führt über die Kunst der Anpassung, mein Freund.“
      Ja, das konnte Devon sehen. Sein Blick senkte sich auf das massige Stoffbündel, welches er zwischen seinen Händen hielt. Ihm schwante Schlimmes. Wenn Malleus jetzt auch noch verlangte, dass er sich seine Augen auch schwarz malte, würde er auf der Stelle umdrehen und gehen. „Wo hast du Tava gelassen?“
      „Tava wartet in meinem Haus auf uns und lässt sich in diesem Augenblick neu einkleiden“, sagte Malleus und warf einen Blick über seine Schulter. Die Ringe in dem dicken Haar blitzten auf und machten Geräusche, die Devon unwillkürlich anzogen. War das ECHTES Gold? Er hoffte nicht, sonst hätte Malleus nicht mehr lange seine Haare.
      „Ich habe mir die Freiheit genommen und für dich auszuwählen. Die Größen sollten stimmen“, schloss der Kultist schließlich und ließ Devon mit Unbehagen weiterhin auf den Stoffballen starren. Es würde ein Sack werden. Etwas anderes in der passenden Größe gab es nicht. Es war ein Sack, darauf hatte sich der Lacerta nun eingestellt und seinen Frieden damit gefunden.

      Fast hätte Devon die ganze Aktion abgeblasen. Es gab rings um die Stadt herum keinen Ort, wo man keinen Blick auf den Lacerta hätte erhaschen können. Das zwang ihn dazu, sich weiter als gewollt zu entfernen, bis er hinter einer Senke eine Ansammlung von Findlingen fand, die vermutlich einst Trümmer von irgendetwas gewesen waren. Zwischen ihnen konnte sich Devon zwängen und seine Kleider loswerden, die er in seinen Beutel mit den Habseligkeiten stopfte. Sein Schwert schnallte er sich an die Hüfte und nicht mehr auf den Rücken. Das würde schon gut gehen.
      Devon zog sich sein langes Hemd und den Wams aus, breitete den Haufen an neuen Kleidern aus und seufzte. Es war Partnerlook. Malleus hatte einen Partnerlook ausgewählt mit ähnlichen Stücken und der gleichen, roten Farbe, die in seinen Augen Blut doch schon sehr ähnelte. Die Hose war in Ordnung, das Tuch, das er sich um den Kopf wickeln konnte, ebenfalls. Sogar sehr nett, dass Malleus da mitgedacht hatte. Aber man hatte ihm eine Tunika gegeben. Er sah sie jetzt schon im Rücken spannen, aber meckern half jetzt auch nicht weiter.
      Wesentlich interessanter war die Maske, die unter den Stoffen auftauchte. Da er noch nicht IN Oratis gewesen war, konnte der Jäger nicht wissen, dass es sich hier um festliche Aktivitäten handelte. Er streckte die Hand nach der Maske aus, um sie aufzuheben, da fiel sein Blick auf seinen Oberarm.
      Er stockte. Schock legte sich bleiernd in seine Glieder als er mit der anderen Hand seinen Arm befühlte. Das war nicht gut, ganz und gar nicht gut. So schnell hätte das nicht passieren dürfen. In einer Woche hätte es nicht… Wieso war ihm das vorher nicht aufgefallen?
      Weil sie ständig am Reisen gewesen waren…
      Devon presste die Lippen aufeinander. Es half alles nichts. Er zog sein langärmliges Leinenhemd unter die Tunika und warf sich dann in die restlichen Kleider. Das Tuch wickelte er sich zu einer Art Turban, die Maske passte wie angegossen.
      Nur fühlte sich jetzt jedes Kleidungsstück als viel zu eng an.


      „Ähhhh.“
      Amentias unterdrücktes Schmunzel brach dann doch in ein gehässiges Grinsen aus. Hatte sie es doch gewusst. Dieses Weib hat sich Malleus nicht verschrieben, sondern klebte nur wie eine lästige Klette an seinen Beinen. Tava stammelte weiter, während Amentia mit ihren Fingernägeln auf der Lehne ihres Stuhles trommelte.
      „Ach, für das Zeichen ist keine Großstadt von Nöten. Malleus ist dermaßen geschickt, dass er Euch das Zeichen auch mittels einer heißen Klinge schneiden kann. Es muss kein Brandstempel sein, meine Gute“, winkte sie den Einwand ab.
      Tava wurde sekündlich nervöser, wohingegen Amentia nur immer sicherer wurde. Nein, es gab keinen Nutzen, denn Tava für Malleus hatte. Sie hatte sich an ihn gehängt und er gestattete es ihr einfach nur. Und wenn sie nicht einmal ein Mal trug, dann würde Malleus sie nicht mal mit der Kneifzange anrühren.
      „Wo ist er eigentlich? Malleus, meine ich. Ich muss ihm nämlich dringend noch was sagen, ganz dringen.“
      „Bestimmt höchst dringlich.“ Amentia lachte leise.
      „Habe ich vorhin ganz vergessen. Wo ist der Ausgang nochmal? Da vorne?“
      Tava fing an, die Leute aus dem Weg zu schieben. Dabei hatte man ihr bereits karmesinrote Kleider übergezogen und es klimperte, als ihre Bewegung den Schmuck an ihren Hörnern aneinander stießen ließ. So würde Amentia ihren unfreiwilligen Gast nicht ziehen lassen. Fluchs war sie aufgestanden und ging auf Tava zu, um ihr den Weg abzuschneiden. Im Notfall würde sie einfach den postierten Aufpassern im Innenhof Bescheid geben, dass sie die Cervidia abzufangen hatten.
      Doch Amentia hatte Tavas Schnelligkeit und Entschlussfähigkeit unterschätzt. Als man ihr den Weg versperren wollte, machte sie einen Satz nach vorn und war schon direkt an der Tür.
      „Wir sind noch nicht fertig, Tava!“, fuhr Amentia Tava an und hatte dabei eine ähnliche Klangfarbe wie Malleus, wenn er herrschte.
      Aber es reichte nicht. Tava riss die Tür auf und tauchte mit einem Blick über die Schulter hindurch.
      Oder hatte es jedenfalls geplant, denn sie prallte unsanft gegen Jemandes Brust und taumelte zurück.
      Hinter ihr erschien Malleus in einem ebenso roten Aufzug, besetzt mit Goldaspekt und die Augen kunstvoll ummalt. Amentia schwieg ehrsam, als sie Malleus eintreten ließ und auch die Schneider ihm den Kopf neigten und Platz machten. Hinter ihm trat eine zweite Gestalt ein, die dabei den Kopf einziehen musste. Der Mann richtete sich erst im Raum zu seiner vollen Größe auf und Amentia musste ihren Kopf jetzt schon in den Nacken legen, um das maskierte Gesicht betrachten zu können. Außer ein wenig Nase und Kinn sah man fast gar nichts von dessen Kopf. Keine Haare, außer ein paar verirrten Strähnchen, und der hochaufgesetzte Spitzenbesatz der Maske schluckte fiel des einfallenden Lichtes, sodass die Augen des Mannes sehr, sehr dunkel erschienen.
      „Seid gegrüßt“, sprach Amentia den Mann an. Den riesigen Mann. „Wie ich sehe, hat man Euch schon entsprechend kleiden können. Aber könntet Ihr Eure Waffe ablegen? Hier drinnen herrscht ein gewisser Pazifismus.“
      Der große Mann beäugte die Frau und veränderte seine Haltung, als würde er auf etwas warten. Tatsächlich machte Malleus eine Handbewegung, die dafür sorgte, dass der Mann an seine Seite griff und das Schwert löste, um es auf den nächstbesten Tisch abzulegen. Sämtliche Schneider waren weit von ihm gewichen, als sich der Riese hereingewagt hatte. Doch Amentia fiel das Schwert auf, welches da gerade abgelegt worden war.
      „Ist das eine echte Malachitklinge?!“, entfuhr es Amentia schockiert, wagte es aber nicht, einfach auf die Klinge zu zustürzen. „Ich habe bisher nur ein einziges Mal eine Waffe aus Malachit gesehen, und die war ein Dolch!“
      „Stammt aus dem Tropendschungel. Ein Relikt. Mein Name ist Devon“, stellte sich der Mann vor und rührte sich einfach nicht mehr vom Fleck. Allerdings starrte er jetzt Tava an. Niemand sah, dass sein Blick eine Spur Fassungslosigkeit enthielt.
      Amentias Blick sprang zu Malleus. „Das ist also Euer… Freund. Sehr… interessante Bekanntschaften, die Ihr auf Eurer Reise geschlossen habt… Das muss ich schon sagen.“
    • Ein Blick zurück zeigte Tava, dass Amentia aufgestanden war und ihr jetzt folgte. Der Stich Nervosität, der in ihrer Brust gesessen hatte, wandelte sich in ehrliche Sorge. Sie wollte nicht gebranntmarkt werden. Was für ein Schwachsinn!
      „Wir sind noch nicht fertig, Tava!“
      Die Stimme erinnerte sie für einen Moment so stark an jemand anderen, dass sie wirklich langsamer wurde, damit sie nicht dieses gewisse enttäuschte "Tava" provozierte, dass sie schon von ihm gehört hatte. Aber dann schob sie sich doch wieder weiter, als sie sah, dass die Frau ihr näher kam.
      Bei der ganzen plötzlichen Aufregung konnte Tava sich mit einem Schlag nicht mehr zurückhalten. Der Drang war zu groß, viel zu groß, und sie hatte ihn nur bisher bekämpfen können, weil sie stillgestanden und sich ganz darauf konzentriert hatte. Aber jetzt war sie in Bewegung und Götter, sie hielt das nicht mehr aus. Ihr Ring klackte auf und sie spürte die beruhigende Wärme des kleinen Flämmchens an ihrem Finger. Danach musste sie nur noch darauf achten, die Leute etwas zu viel anzurempeln und ihre Hand etwas zur Seite zu bewegen. Die viele Seide übernahm den Rest.
      Bei der großen Tür, durch die sie vorhin reingekommen waren, blieb sie stehen, riss sie auf und sprang nach draußen - und geradewegs in Malleus hinein.
      Der Mann hatte ein denkbar schlechtes Timing, mit Devon aufzutauchen. Wenn er früher gekommen wäre, hätte Tava sich gar nicht so ausquetschen lassen müssen, und wenn er später gekommen wäre, hätte sie sich schon aus dem Staub gemacht? Feuer? Sie wusste von keinem Feuer. Schuldbewusst versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen.
      "Hi! Schön, dass ihr es, äh, geschafft habt."
      Zu ihrer Enttäuschung gingen die Männer nicht hinaus, sondern hinein. So musste sich auch Tava fügen und hielt sich hinter Malleus, damit er sie vor Amentia abschirmte. Die Frau hatte es wirklich mit Worten alleine geschafft, von sympathisch zu gruselig zu wechseln.
      „Seid gegrüßt.“
      Während die drei sich mit Höflichkeiten abgaben, spähte Tava über Malleus' Schulter hinweg den Weg zurück, den sie durch die Menge eingeschlagen hatte. Bis jetzt hatten die Menschen es nicht gemerkt, aber jetzt erhob sich ganz leichter Rauch und eine gewisse Unruhe machte sich an einer Stelle breit.
      „Das ist also Euer… Freund. Sehr… interessante Bekanntschaften, die Ihr auf Eurer Reise geschlossen habt… Das muss ich schon sagen.“
      Tava beobachtete interessiert, wie die Unruhe sich ausbreitete, dann wurde es hektisch. Sie hatte nicht genug gezüngelt, dass sich die Flammen ernsthaft ausbreiten würden, aber sie hoffte doch auf einen kleinen Einblick, der leider ausblieb. Schon wurde auf den Stoffen herumgetrampelt, damit man den Rauch erstickte.
      "Verzeihung, Herrin", stammelte eine arme Schneiderin, die leider das Unglück besaß, wegen der Unruhe mit Amentia Blickkontakt gemacht zu haben. "Hier scheint sich etwas entzündet zu haben."
      Tava wandte den Kopf und blickte demonstrativ nach draußen, als würde sie die Situation gar nicht bemerken.
      "Wisst ihr, so langsam hab ich Hunger."
    • Malleus war es nicht gewöhnt zu warten. Allein auf der staubigen Straße vor den Toren von Oratis beäugte die neugierigen Reisenden, die einen verwunderten Blick in seine Richtung riskierten. Zwischen flinken Taschendieben und dem gewöhnlichen Straßenvölkchen stach der Mann heraus wie ein Pfau der seine Schmuckfedern zur Schau stellte. Ein gefährliches Spiel, doch niemand schien naiv oder leichtsinnig genug zu sein, um in dem Mann ein leichtes Opfer zu sehen. Alle hielten sich brav von Malleus fern, um dessen Mundwinkel ein subtiles Schmunzeln zuckte. Er konnte wirklich nichts dagegen tun. Für einen Mann, der ein gezieltes Lächeln als Waffe zu nutzen wusste, war ein ehrlicher Ausdruck von Belustigung tatsächlich gewöhnungsbedürftig. Das unwillkürliche Zucken der Muskeln fühlte sich beinahe eigenartig an, aber Malleus sah sich völlig außerstande, es abzuschalten. Devons überrumpelter und schließlich beinahe schockierter Blick, war nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Er bereute es fast, keinen Kohlestift oder die flüssige, goldene Farbe zur Hand zu haben.
      Als Devon endlich aus der Menge auftauchte, folgten auf dem Lacerta die Blicke. Es mochte daran liegen, dass er einfach alle um mehrere Köpfe überragte, aber dass er nun farblich perfekt zu dem anderen Mann passte, tat sicherlich sein Übriges dazu. Sobald sie Oratis betraten, würde diese Ähnlichkeit keine Rolle mehr spielen. Malleus zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. Das leichte Zucken um seine Augenpartie ließ die goldenen Akzente um seine Augen das Licht reflektieren.
      "Warum hast du...?", setzte er an und verstummte gleich wieder.
      Seine Augen wanderten über die Ärmel des Leinehemdes, die gar nicht in das Gesamtbild passten. Abgesehen davon, dass es in und um Oratis eigentlich zu warm für doppellagige Kleidung war, passte der Leinenstoff nicht zu den edlen und zweifellos teuren Materialien, die sich nun um Devons breite Schultern spannten. Malleus' Augen weiteten sich marginal als Zeichen der Erkenntnis und wirkten kurz darauf wieder völlig neutral. Er nickte um zu signalisieren, dass er verstand. Flüchtig fuhr seine Hand zu dem Lederbeutel, der an seiner Hüfte baumelte. Malleus fühlte sich ein wenig um eine einzigartige Gelegenheit betrogen.
      Das würde wohl warten müssen.

      Der Rückweg zum Haupthaus der Signa Ignius verlief zu seinem Wohlgefallen äußerst unauffällig. Natürlich zog Devon mit seiner imposanten Größte einige Blicke auf sich. Neben dem Lacerta wirkte selbst Malleus klein und der Kultist war vieles, aber nicht von schmächtiger Statur. Er führte Devon zielsicher durch die überfüllte Straßen und wich, wann immer sich die Möglichkeit bot, auf abgelegene Seitengassen aus. Obwohl er die letzten Jahre in Celestia verbracht hatte, war sein Gedächtnis tadellos. Hin und wieder bemerkte Malleus große Augen unter den ausgelassenen Besuchern. Die Gerüchte verbreitete sich in einer Stadt wie Oratis wie ein Lauffeuer und lange würde seine Anwesenheit kein geflüstertes Gerücht mehr bleiben.
      Wie zuvor Tava führte Malleus nun Devon über den säuberlich gepflegten Hof vor dem Quartier der Signa Ignius. Ein Knabe huschte mit seinem Besen schnell zur Seite um den Männern Platz zu machen und verneigte sich so tief, dass er drohte vornüber zu fallen. Als Malleus ihm ein Nicken schenkte, richtete er sich auf, streckte augenscheinlich stolz die Brust raus und widmete sich wieder seiner Arbeit.
      "Hm, ich rieche kein Feuer. Muss ein gutes Zeichen sein, nicht wahr?", sagte Malleus beiläufig und schickte sich an die Tür zu öffnen...
      ...bis ihm die Klinke förmlich aus der Hand gerissen wurde. Ein Wirbel aus roten und goldenen Farbtönen prallte geradewegs gegen seine Brust und brachte den Mann kurzzeitig ins Schwanken. Reflexartig schnellten seine Hände nach vorn um eine potentiellen Attentäter abzuwehren, doch als er mit Goldschmuck behängte Hörner erblickte, hielt er inne. Seine Hände schwebten nur wenige Zentimeter über Tavas Schultern bis sie wieder einen festen Stand gefunden hatte.
      "Hi! Schön, dass ihr es, äh, geschafft habt."
      Malleus' Blick glitt über Tava.
      Die Gewänder waren mit einem kundigen Auge ausgewählt worden. Der karmesinrote Stoff schmiegte sich perfekt um den Körper der Cervidia und war nicht mit der Reisekleidung zu vergleichen. Was er auch dachte, blieb hinter einer perfekt geschulten Maske verborgen. Er war nicht mehr auf dem Pilgerweg oder in der Wildnis, hier beobachteten ihn Augen aus jedem verborgenen Winkel.
      Nach dieser stürmischen Begrüßung folgten Amentia und Schneider mit einer respektvollen Verneigung. Mit einer eleganten, wohlwollenden Geste seiner Hand bedeutete er allen sich aufzurichten.
      „Seid gegrüßt. Wie ich sehe, hat man Euch schon entsprechend kleiden können. Aber könntet Ihr Eure Waffe ablegen? Hier drinnen herrscht ein gewisser Pazifismus", meldete sich Amentia zu Wort.
      Erst passierte nichts bis Devon den Kopf zu Malleus wandte, der sich arg an Celestia erinnert fühlte und Devon mit kurzer Geste zu verstehen gab, dass es in Ordnung sei die Waffe abzulegen. Ein Hinterhalt, der den Waffengebrauch notwendig machte, war hier ausgeschlossen. Malleus beobachtete Amentia, die sich sichtlich zurückhalten musste, um die Malachitklinge nicht näher unter die Lupe zu nehmen. Ihr stetiges Streben nach Wissen erfüllte den Mann mit Stolz. Amentia war klug, scharfsinnig und verlässlicher als all die hörigen Schäfchen unter seinem Dach.
      „Das ist also Euer… Freund. Sehr… interessante Bekanntschaften, die Ihr auf Eurer Reise geschlossen habt… Das muss ich schon sagen.“
      "Es war eine lange Reise nach Oratis", erwiderte Malleus schlicht und wandte sich dann an Devon, der sich bereits vorgestellt hatte. "Devon, darf ich dir Amentia vorstellen, meine Stellvertreterin und aufmerksames Auge hier in Oratis. Wenn du etwas benötigst, sie wird es arrangieren. Du und Tava dürft euch in diesem Haus frei bewegen. Allerdings bitte ich euch darum unser Heiligtum nur in Begleitung von Amentia oder mir zu betreten."
      Er wandte sich an Amentia.
      "Sei so gut und lass Zimmer im Obergeschoss für meine Gäste herrichten, Amentia", raunte er.
      Im Obergeschoss befanden sich Malleus persönliche Gemächer deren Fenster in den Garten gerichtet waren. Von dort aus war das leise Plätschern des Brunnes zu vernehmen und trotz der großzügigen Fenster boten die Quartiere durch ihre erhöhte Lage einen gewissen Sichtschutz. Er vertraute darauf, dass Amentia dafür gesorgt hatte, dass in seiner Abwesenheit niemand dort herumgeschnüffelt hatte.
      "Wisst ihr, so langsam hab ich Hunger.", sagte Tava.
      Malleus bedeutete ihr kurz zu warten, er war noch nicht fertig. Sie wirkte unruhig, geradezu nervös und seine Instinkte teilten ihm unmissverständlich mit, dass er etwas übersehen hatte. Wie ärgerlich.
      "Und...", die nächste Anweisung ging unter, als sich Unruhe im Raum ausbreitete.
      Malleus' Nasenflügel bebten.
      Es roch nach Rauch.
      Innerhalb von Sekunden stoben die Schneider und ihre Assistenten wie aufgescheuchte Hühner auseinander und versuchten die ersten Schwelbrände auszutreten. Unbezahlbare Seide und allerlei teure Stoff schmorten vor sich hin und niemand konnte sich erklären, warum. Niemand außer vielleicht Malleus und Devon. Alle Bemühungen blieben vom Erfolg ungekrönt, denn bald sah Malleus die ersten Flammen zwischen den Stoffballen aufschlagen. Jemand hatte etwas übersehen und der schuldbewusste Jüngling in Lehrlingsmontur verriet sich durch seine panisch geweiteten Augen. Die dünnen Stoffe fingen augenblicklich Feuer und drohten auf die Bücherregale und die Möbel überzuspringen. Das war der Moment, in dem durch Malleus' Körper ein Ruck fuhr. Mit einem Schritt war er bei der stammelnden Schneiderin.
      "Das sehe ich! Worauf wartet Ihr? Holt Eimer! Alle sollen Wasser vom Brunnen hier her schaffen. SOFORT!", herrschte er den panischen Haufen an, der bereits vor den höher schlagenden Flammen zurückwich. "Alle sollen mit anpacken! Du auch, Tava. Los!"
      Er hätte Tava nicht allein lassen dürfen und die erste Strafe für ihre mangelnde Kontrolle würde es sein, ihr eigenes Feuer zu löschen. Eimer wurden herbei geschafft und allen in die Hände gedrückt. Selbst Malleus schien sich nicht zu fein, selbst Wasser aus dem Brunnen im Innenhof zu schöpfen um Schriftrollten, Bücher und unbezahlbare Chroniken davor zu retten zu Asche zu zerfallen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als Tava das nächste Mal hinsah, hatte sich doch ein bisschen Licht erhoben. Das war auch kaum verwunderlich, wie aufgescheucht die ganzen Leute waren, nur wegen so ein bisschen Rauch. Es war ja trotzdem gar nicht viel und wenn sie sich einmal den Moment nehmen würden, um ein bisschen darüber nachzudenken, könnten sie erkennen, dass sich das Feuer ganz leicht bekämpfen ließ. Auch, wenn Tava auf ihrem Weg wohl an mehreren Stoffen gezündelt hatte.
      Aber sie dachten nicht nach und bald wuchs eine Flamme in die Höhe. Tava sah jetzt doch interessiert zu.
      "Das sehe ich! Worauf wartet Ihr? Holt Eimer! Alle sollen Wasser vom Brunnen hier her schaffen. SOFORT!"
      Ah, ja richtig. Malleus hatte sie ja fast vergessen. Um fair zu sein, hatte sie sich ja auch wirklich Mühe gegeben, sich zurückzuhalten, aber Amentia hatte einfach immer weiter geredet und irgendwann -
      "Alle sollen mit anpacken! Du auch, Tava. Los!"
      Den Blick, den er ihr zuwarf, ließ bedeuten, dass da eine gewisse Enttäuschung mitschwang. Auch ohne hätte sie sich in Bewegung gesetzt, aber jetzt beeilte sie sich vielleicht ein bisschen mehr, damit sie es nicht noch schlimmer machte. Wäre er doch nur später gekommen! Naja, vermutlich hätte er auch so eins und eins zusammenzählen können.
      Sie ging zu dem Brunnen im Innenhof - ging, nicht lief, aber sie ging zielgerichtet - und nahm sich einen Eimer. In der Hektik der herumlaufenden Lehrlinge und Schneider, marschierte Tava ganz direkt auf die Flammen zu. Sie konnte gleich erkennen, dass die ganze Verwirrung und das Chaos dafür gesorgt hatte, dass die Flammen sich nur weiter ausgebreitet hatten. Wenn sie nur mehr aufgepasst hätten, hätte das schnell verhindert werden können. Dumme Menschen.
      Sie half an Malleus' Seite, die Flammen zu ersticken und dann den Raum zu lüften. Zumindest hatte man es geschafft, dass keine Möbel angefackelt wurden und der Rauch konnte sich auch schnell durch die Tür wieder verziehen. Trotzdem lag jetzt ein beträchtlicher Haufen angekokelter Stoffe auf dem Boden, die man wohl wegwerfen müssen würde. Oder zumindest den verbrannten Teil losschneiden.
      Malleus gab sich die größte Mühe, das ganze Chaos zu beseitigen, unterstützt von Amentia. Die Frau hatte hoffentlich nichts gemerkt, aber Malleus warf Tava bereits Blicke zu, bei denen sie ganz unruhig wurde. Geradezu schüchtern. Noch nie hatte sie sich für ihre Feuer geschämt, aber wenn sie jetzt die dunklen Augen mit ihrem eigenen Blick zurechtwiesen, schämte sie sich trotzdem ein bisschen. Nur ein kleines bisschen. Sie wollte nicht, dass Malleus sie so ansah.
      Als das Chaos dann endlich beseitigt genug war, dass man nur noch etwas aufräumen musste, verzogen sich die drei ein Stockwerk höher, um ihre Taschen in ihren hergerichteten Zimmern zu lagern. Tava hoffte dabei drauf, dass sie sich ganz schnell wieder unter die Leute mischen würden, damit sie nicht diesen tadelnden Blick noch einmal abbekam.
    • Stille. Eine allgegenwärtige Totenstille herrschte in dem jahrelang unberührten Arbeitszimmer. Ungeduldig beugte sich Malleus ein winziges Stückchen über den schweren Schreibtisch und betrachtete den verkohlten Einband eines Buches. Neben den geschwärzten Überresten des Schriftstückes lag auch Devons Malachitklinge auf dem Tisch. Malleus hatte das Schwert wohlweislich an sich genommen, weil er ahnte, dass Devon es nicht gutheißen würde, wenn sich fremde Hände daran zu schaffen machten. Eine Geste der Respekts, die er in all dem Chaos nicht vernachlässigen wollte und niemand würde in Frage stellen, warum er wünschte die Waffen seiner persönlichen Gäste zu verwahren. Ein Fehltritt am Tag reichte völlig aus. Der Lacerta war ihm wortkarg wie üblich gefolgt. Als Gast unter Malleus' Dach, das sich an Anzahl der Bewohner und in schierer Größe von dem Haus in Celestia unterschied, bewegte er sich auf ungewohntem Terrain.
      Endlich ließ Tava sich dazu herab, wie gewünscht, in seinem Arbeitszimmer zu erscheinen.
      Malleus schäumte vor Wut, doch in seinem Gesicht zeigte sich nur eine eisige Härte und vor allem abgrundtiefe Enttäuschung.
      "Ist dir bewusst, wie alt diese Aufzeichnungen sind, Tava? Wie unbezahlbar? Vergiss die Seide und das Gold. Das hier ist unschätzbares Wissen und es existieren keinerlei Kopien", begann Malleus ohne Umschweife.
      Mit einem ruckartigen Kopfnicken verwies er auf das Buch, das einen unverkennbaren Geruch nach verkohltem Papier verströmte.
      "Die Restaurationen werden ein Vermögen kosten. Weißt du wie viele von diesen Büchern dein kleiner Ausrutscher ruiniert hat?", hakte er weiter nach. "Zu viele."
      Malleus stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab und beugte sich noch ein Stückchen weiter nach vorn in Tavas Richtung. Obwohl der schwere Schreibtisch eine sichtbare Grenze zwischen ihnen bildete, hatte seine Körperhaltung etwas sehr Bedrohliches. Die gelassene Ruhe war vollkommen verpufft. Sie war gegangen. Gegangen. Während wertvolle Aufzeichnungen, sein Besitz, verbrannte.
      "Ich hatte angenommen, dass mittlerweile genug Respekt zwischen uns herrscht, dass du deine blinde Sucht zur Zündelei wenigstens für ein paar Stunden - Stunden, Tava! - unter Kontrolle hast. Vor allem unter meinem Dach", fuhr er fort und seine Stimme triefte vor Enttäuschung.
      Nach allem was unterwegs passiert war. Nach allem, was er gegenüber Tava und auch Devon preisgegeben hatte, war er dem Irrglauben erlegen, dass die Cervidia ihm wirklich mehr Respekt entgegen brachte und es nicht damit zeigte, dass sie versuchte sein Haus niederzubrennen. Impulsivität hin oder her, sie musste lernen sich zu kontrollieren.
      "Glaub nicht, dass ich nicht bemerkt habe, wie du gemütlich herum geschlendert bist, während alle versucht haben deinen Fehltritt wieder auszubügeln!", donnerte er.
      Seine tiefe Stimme hatte eine ganz neue Höhe erreicht, eine Tonlage, die er bisher in Gegenwart von Tava und Devon zu keinem Zeitpunkt an den Tag gelegt hatte.
      Malleus richtete sich zu seiner vollen Größe auf und ging zielstrebig um den Tisch herum. Er kam Tava bedrohlich nah, so nah wie er es sich unter diesen Umständen erlaubte und noch ein wenig Luft zwischen ihnen Platz war, und starrte förmlich nieder. Langsam ob er eine Hand, drehte sie herum bis die Handfläche nach oben zeigte.
      Er hatte Menschen für Weniger in dunklen Löchern verrotten lassen.
      "Wenn Devon unter meinem Dach sein Schwert ablegen muss, ist es nur fair, wenn du es ihm gleich tust", erklärte er. "Gibt mir deinen Ring, Tava. Ich will mich nicht wiederholen müssen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Kaum hatte sich die Tür hinter Tava geschlossen, setzte Malleus bereits an zu reden.
      "Ist dir bewusst, wie alt diese Aufzeichnungen sind, Tava? Wie unbezahlbar? Vergiss die Seide und das Gold. Das hier ist unschätzbares Wissen und es existieren keinerlei Kopien."
      Seine Stimme war so eisig kalt, dass es Tava dabei fröstelte. Der Ton machte etwas mit ihr, trieb ihr das Temperament aus und ließ sie sich mit einem Schlag ganz klein vorkommen. Wenn Tava nicht mochte, dass Malleus sie tadelte, dann mochte sie ganz sicher nicht, was auch immer das werden sollte.
      "Die Restaurationen werden ein Vermögen kosten. Weißt du wie viele von diesen Büchern dein kleiner Ausrutscher ruiniert hat?"
      Sie warf einen raschen Seitenblick auf die Bücher. Bücher, die durchaus auch sehr brennbar gewesen wären. Für den Inhalt interessierte sie sich wenig.
      "Zu viele."
      Bei der harten Stimme zuckte sie aber doch zusammen. Betreten hob sie den Kopf an; wo ein Mensch ihn demütig gesenkt hätte, hob Tava den ihren. Der Hornschmuck klingelte leise hinter ihr.
      Malleus beugte sich zu ihr vor. Seine Haltung war jetzt so drohend, so lauernd, dass sie sich nur noch weiter zusammenschrumpfen wollte. Plötzlich bereute sie es, ihr Feuer gelegt zu haben. Sie bereute es. Was für Tava eine Unmöglichkeit war, war soeben eingetreten.
      "Ich hatte angenommen, dass mittlerweile genug Respekt zwischen uns herrscht, dass du deine blinde Sucht zur Zündelei wenigstens für ein paar Stunden - Stunden, Tava!"
      Sie zuckte schuldbewusst zusammen.
      "unter Kontrolle hast. Vor allem unter meinem Dach."
      Wieder ein Zucken. Tava versuchte sich wirklich zusammenzureißen, aber ihr Kopf legte sich nur noch weiter nach hinten.
      "Glaub nicht, dass ich nicht bemerkt habe, wie du gemütlich herum geschlendert bist, während alle versucht haben deinen Fehltritt wieder auszubügeln!"
      Jetzt brannten ihre Augen und welche Verteidigung sie auch immer hätte anbringen können, etwa dass das Feuer gar nicht so schlimm war und sie sich schon so lange zusammengerissen hatte, erstarb in ihrer Brust. Jetzt versuchte sie nicht zu weinen, denn mit einem Mal war es schlimm, so schlimm, dass gerade Malleus sie deswegen verurteilte. Was sich in diesem Raum gerade zutrug, hatte sie schon so viele Male erlebt, und doch traf es sie jetzt anders. Persönlicher. Diesmal war es ihr wichtig, was der Mann von ihr dachte. Sehr wichtig. Diesmal bereute sie ihren Fehltritt.
      Malleus kam um seinen Schreibtisch herum und geradewegs auf Tava zu. Sie wollte vor ihm weichen, zwang sich aber stehenzubleiben und legte den Kopf nur weiter in den Nacken. Bei Devon hatte sie ihn gesenkt, jetzt hob sie ihn. Malleus ragte vor ihr auf und sein Gesicht war so eiskalt und abweisend, dass Tava ein Stich durchs Herz fuhr. Sie wollte weinen und doch zwang sie die Tränen mit aller Macht runter.
      "Wenn Devon unter meinem Dach sein Schwert ablegen muss, ist es nur fair, wenn du es ihm gleich tust."
      Er streckte die Hand fordernd zu ihr aus.
      "Gibt mir deinen Ring, Tava. Ich will mich nicht wiederholen müssen."
      Ihre Augen wurden groß. Er wollte ihren Ring haben, ihr einziges Feuer, das sie bei sich trug, wenn sie ihren Gürtel wie zu diesen Festlichkeiten ablegen musste. Er wollte ihre Erfindung, ihr Kunstwerk haben. Weil Devon seine Malachitklinge gelassen hatte.
      Das wäre jetzt der Moment gewesen, an dem sich Tava von der Gruppe getrennt hätte. Irgendwann geriet es immer außer Kontrolle, so wie jetzt, und irgendwann waren die Leute immer böse auf sie, so wie jetzt. Irgendwann forderten sie Vergeltung, mal mehr mal weniger drastisch, so wie jetzt. Und irgendwann ging Tava einfach, weil es einfacher war, alleine ihre Feuer zu legen, ohne sich mit den Konsequenzen beschäftigen zu müssen. ... So wie jetzt?
      Aber sie wollte nicht gehen. Wenn sie ehrlich, wirklich ehrlich mit sich war, dann wollte sie nicht umdrehen, aus dem Raum spazieren, ihre Sachen packen und hinaus in die Stadt gehen. Sie wollte sich nicht unter die Feiernden mischen oder gar die Stadt verlassen, um sich wieder in die Wildnis zu schlagen. Nein, halt, sie wollte es schon, aber sie wollte es nicht alleine machen, wollte es nicht ohne den Mann tun, der jetzt schon seit mehreren Wochen an ihrer Seite gereist war, immer ein ruhiges Gemüt zur Hand, immer eine Geduld mit ihr, die Tava nicht verdient hatte. Devon war dabei nicht so wichtig, aber... doch, eigentlich schon. Eigentlich war es auch der Lacerta mit seinen knurrenden Befehlen, der sie durch eine Drachen-Begegnung lenkte, die Tava nicht missen wollte. Sie wollte nicht gehen. Das war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie wirklich nicht gehen wollte.
      Und weil Malleus sie nicht von sich aus rausgeschmissen hatte, hob sie langsam die Hand an. Sie schniefte, als sie sich den Ring vom Finger puhlte und ihn dann ganz langsam, zurückhaltend in die geöffnete Handfläche legte. Ihre Unterlippe bebte. Wenn sie den Kopf noch weiter hätte zurücklegen können, hätte sie es getan.
      "Tut mir leid."
      Es war nicht fair. Sie hatte so lange durchgehalten - so, so lange! Ganz lange war sie schon inmitten all den Stoffen gestanden und hatte gar nichts getan und wenn Amentia nicht gewesen wäre...! Wenn sie nicht von dem Mal gesprochen und...
      "Ich wollte nicht..."
      Sie biss sich auf die Lippe. Nicht weinen, nicht weinen, nicht weinen. Aber es tat ihr so weh, wie böse Malleus sie ansah, dass sie sich nur mühsam zusammenreißen konnte.
      "Es wird nicht wieder vorkommen."
    • Devon war zu einem stillen Beobachter verkommen. Als das Feuer im Hauptraum der Kultisten ausbrach, hatte er lediglich einen anklagenden Blick für Tava übriggehabt. Das hier ging eindeutig auf ihre Kappe. Es war eine Sache, wenn sie Einrichtung oder was auch immer angesteckt hätte. Hier aber hatte sie wissentlich MENSCHEN in Brand gesetzt und das überstieg Devons Toleranz um Längen. Er wollte sich anschließen und Eimer zum Löschen holen, doch der bellende Befehl Malleus‘ an seine Leute zeigte ihm, dass es gar nicht nötig war. Also achtete er darauf, dass sich sonst niemand in Brand steckte und die bedeutsamen Dinge, die er als solche erachtete, außer Reichweite geräumt waren. Dabei fiel ihm auf, dass er das Feuer nicht nur mochte, sondern sich ihm noch weiter nähern konnte als früher, ohne die sengende Hitze zu spüren.

      Das Arbeitszimmer, in das Malleus Devon und Tava kommandierte, roch… staubig. Abgestanden. Aber egal, wohin Devon auch blickte; jedes Möbel war penibel abgestaubt worden. Ganz beiläufig hatte der Jäger eine Figur aus dem Bücherregal verschoben, nur um festzustellen, dass sie keinen Abdruck hinterließ. Trotzdem wirkte das Zimmer wie tot. Als wäre der Besitzer schon lange verstorben.
      Malleus hatte sich über seinen Schreibtisch gebeugt, vor ihm saß Tava. Devon selbst stand mit verschränkten Armen neben der Tür. Das hier war immerhin nicht sein Problem gewesen. Die folgende Zurechtweisung hörte er sich demnach stillschweigend an, aber mit zunehmender Länge bekam das Ganze einen faden Beigeschmack. Spätestens, als Malleus scheinbar erstmalig seine Kultistenmaske fallen ließ und Tonlagen erreichte, die ihnen beiden gänzlich neu waren, hoben sich Devons Augenbrauen. Sicher, das Inventar hier war teuer und sicher, Tava hätte ein wenig Reue für das zeigen können, was sie verursacht hatte. Aber stattdessen hob Tava nur weiter den Kopf und wirkte deswegen auf den Lacerta eher trotzig als reumütig. Malleus beschloss, um den Tisch herum zu kommen, sich vor ihr aufzubauen und da verließ Devon seine entspannte Haltung. Er kannte es, wenn sich Menschen so verhielten. Wenn sie sich vor Kleineren aufbauten, die Hand hoben und…
      Malleus hob die Hand.
      Devon machte schon einen Schritt vorwärts.
      „Wenn Devon unter meinem Dach sein Schwert ablegen muss, ist es nur fair, wenn du es ihm gleich tust. Gib mir deinen Ring, Tava. Ich will mich nicht wiederholen müssen“, befahl Malleus, der seine Hand gedreht und offen vor Tava hielt.
      Devons Anspannung, die er gar nicht wahrgenommen hätte, fiel wieder von ihm ab. Er hatte die Lage ein wenig falsch eingeschätzt, aber bei dem plötzlichen Wandel des Mannes war es ihm nicht leichtgefallen, die richtige Note aus der Szene herauszulesen.
      Dann hörte der Lacerta ein Schniefen und eine Spur Unglaube mischte sich in seine roten Augen. Er fixierte Tavas Hinterkopf, als sie an ihrer Hand nestelte und Malleus den Ring in die Handfläche legte. Die Cervidia war ernsthaft getroffen. Von Worten, die der Mensch an sie gerichtet hatte. Es war ein Tadel gewesen, ein durchaus heftiger, aber nichts, was sie so sehr beeinflussen sollte. Selbst als er sie damals gepackt hatte, hatte sie so nicht reagiert. Der Kultist besaß jetzt schon mehr Macht über die Cervidia, als gut für sie war.
      „Tut mir leid.“ Das war wohl das aufrichtigste Tut mir leid, was Devon jemals gehört hatte.
      „Ich wollte nicht…“ Seine Nasenflügel blähten sich, als er Nervosität, Angst, Aufregung, praktisch alles riechen konnte und wandte den Kopf ab. Er nahm jetzt mehr Nuancen wahr als zuvor und das Wissen, welcher Geruch zu welcher Emotion passte, kam ganz natürlich. Irgendetwas daran widerte den Jäger instinktiv an.
      „Es wird nicht wieder vorkommen.“
      Ja, das glaubte Devon halbwegs. Was auch immer da gerade wortlos zwischen Tava und Malleus abgegangen war, es schien nachhaltigen Einfluss auf sie zu haben. Da Malleus noch immer vor ihr stand, nur seine Hand nun zur Faust geballt hatte, empfand Devon die Lage als mehr oder weniger geklärt. Mittels weniger Schritte stand er neben Tava und schob sich dezent immer weiter nach vorn, um Malleus dazu zu bringen, auf Abstand zu gehen.
      „Ich glaube, sie hat’s verstanden“, beschloss Devon und konnte von Nahem ganz sicher bestimmen, dass die Anspannung noch immer von Malleus herrührte. „Wir treffen dich heute Abend wieder hier.“
      Damit fasste er Tava an ihrem schmalen Oberarm und bedeutete ihr, aufzustehen. Es lag nicht die übliche, ruppige Art in Devons Griff und er war überraschend sanft, als er mit Tava zusammen aus dem Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss. Sein Griff verlagerte sich auf ihre Schulter, wo er sie halb schob und damit lenkte. Devon wollte raus aus diesem Kabuff und nahm die Cervidia, die sichtlich aufgelöst war, gleich mit.
      Im Hauptraum erwischte der Jäger Amentia dabei, wie sie irgendwelche dicken Wälzer durchforstete, die relativ alt erschienen. Er machte sich nicht die Mühe, auf den Inhalt der Seiten zu schauen, nickte der Frau aber beim Vorbeigehen kurz zu. Und sehr zu seinem Missfallen sah er in ihren Augen eine einzige Frage auftauchen.
      Devon ging nicht darauf ein und verließ mit Tava den Ort der Signa Ignius.

      Noch immer mied Devon Orte mit vielen Menschen. Er entfernte sich mit Tava von den Hauptstraßen, von den Märkten und den öffentlichen Plätzen. Er fand einen Platz an einem Kanal, der wohl zu einer Schmiede führen musste und bis auf ein paar seltene Bürger der Stadt kaum frequentiert wurde.
      Er brachte Tava dazu, sich auf dem Vorsprung der Kanalmauer zu setzen und tat es ihr gleich. Entgegen seiner üblichen Verhaltensweisen brachte er dabei nicht sonderlich viel Abstand zwischen sie, sondern setzte sich so nah an die kleine Frau heran, dass er sie mit einem Arm locker einfangen konnte, sollte sie auf dumme Ideen kommen.
      „Sag mal, wie kommst du eigentlich auf die Idee im Herzen der Kultisten da Feuer zu legen? Und dann auch noch an Menschen?“, fragte Devon, der das Wasser vor sich und die vorbeischwimmenden Rückstände und Äste betrachtete. „Ich dachte mir ja schon, dass du eine Pyromanin bist, aber selbst ich war überrascht. Dinge anzuzünden und Menschen sind zwei verschiedene Dinge. Sicher, diese ganzen Bücher und alles sind wertvoll, aber das gilt auch für jeden Menschen.“
      Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Natürlich ist er enttäuscht. Entsetzt. Was auch immer. Wäre ich auch an seiner Stelle. Aber du kannst es wieder gutmachen, denke ich. Schätze nicht, dass er sehr nachtragend ist, wenn du dich bemühst. Atme durch, lass es gehen. Zieh deine Lehre da raus und schau nach vorn.“

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    • Tava war immernoch so beschäftigt, ihre brennenden Augen in den Griff zu bekommen, dass sie ausnahmsweise ganz froh war, als Devon ihr so nahe kam und sich neben ihr aufstellte. Es war nicht so, dass sie den Lacerta an ihrer Seite gebraucht hätte, aber es war schön, dass wenigstens nur einer sie im Moment so böse ansah. Nichtweinen, nichtweinen. Es war doch nur ein blöder Ring! Tava musste sich trotzdem ganz stark zusammenreißen.
      „Wir treffen dich heute Abend wieder hier.“
      Seine Hand legte sich auf Tavas Oberarm und dieses Mal zuckte sie nicht vor ihm weg. Das allererste Mal in den vielen Wochen ihrer Bekanntschaft ließ Tava es vermutlich zu, dass Devon sie durch Körperkontakt irgendwo hin leitete. Dafür, dass sein fester Griff an ihren Hörnern noch immer in ihren Knochen saß, war er jetzt erstaunlich rücksichtsvoll und festigend.
      Tava sah Malleus nicht noch einmal an aus Angst, den Kampf gegen ihre Tränen doch noch verlieren zu können, und schlich neben dem Lacerta nach draußen. Dort ließ sie gleich ihren Kopf nach vorne fallen und ließ ihn gesenkt, während die Hand auf ihrem Arm zu ihrer Schulter wechselte. Jetzt musste sie nicht einmal mehr den Blick heben, denn Devon führte sie wie ganz selbstverständlich durch die Gänge, holte sein Schwert ab und ging nach draußen. Tava hoffte, dass Amentia auf ihrem Weg ihre Hörner ins Gesichts gehalten bekommen hatte. Dumme Menschenfrau.
      Sie gingen nach draußen und mieden dort das Gewühl von Menschen, die von oder zu dem Fest gravitierten. Tava lief Devon einfach nach, wohin auch immer sein Ziel war, bis sie sich auf eine Kanalmauer setzten. Dort konnte Tava vorsichtig die Beine baumeln lassen, immer einen Blick auf das Wasser unter ihr gerichtet, und ihre jetzt leere Hand befühlen. Sie fühlte sich seltsam nackt ohne ihren Ring. Die Gehänge in ihren Hörnern klimperten leise.
      „Sag mal, wie kommst du eigentlich auf die Idee im Herzen der Kultisten da Feuer zu legen? Und dann auch noch an Menschen?“
      Tava zog die Augenbrauen zusammen.
      „Ich dachte mir ja schon, dass du eine Pyromanin bist, aber selbst ich war überrascht. Dinge anzuzünden und Menschen sind zwei verschiedene Dinge. Sicher, diese ganzen Bücher und alles sind wertvoll, aber das gilt auch für jeden Menschen.“
      "Ich habe keine Menschen angezündet", gab sie laut zurück und da war jetzt doch wieder ein bisschen ihres alten Temperaments zurückgekehrt. Allerdings wandte sie ihm nicht ihre Hörner zu, was vermutlich auch das erste Mal war, dass sie so "ungezwungen" miteinander redeten.
      "Ich habe nur die Stoffe angezündet. Hast du gesehen, wie viele es waren? So viele Gewänder und Tücher und Gewebe. Da war Seide, Devon! Echt Seide!"
      Jetzt rutschte sie auf ihrem Platz ein bisschen herum und sah ihn direkt an.
      "Weißt du, wie gut Seide brennt? Richtig gut! So..."
      Sie machte eine Geste um zu veranschaulichen, wie sich Flammen in Windeseile einen Seidenstoff empor fraßen.
      "Ohne Hilfe, von ganz alleine! Weil die Fasern bei Seide so glatt sind und weil sie nicht so dicht gewebt werden. Wenn sie zu dicht beieinander liegen, dann gibt es nicht genug Sauerstoff für die Flammen, und wenn sie zu weit sind, dann gibt es zu viel, dann braucht es länger um zu verbrennen. Und wenn das Gewebe zu roh ist, dann können die Flammen nicht so gut übergreifen. Aber bei Seide ist es ganz glatt und trotzdem brennt es einen Moment. Und da gab es so viel! Kannst du dir vorstellen, wie gewaltig das Feuer hätte werden können?"
      Jetzt glitzerten ihre Augen mit Tavas feuriger Leidenschaft. Unwillkürlich wollte sie ihren Ring betätigen, aber der war ja nicht da.
      "Und dafür, dass mir die ganzen Sachen quasi vor Augen gehalten wurden, habe ich wirklich nichts gemacht, ehrlich nicht. Die ganze Zeit nicht. Ich hätte schon von Anfang an zündeln können und diese dumme Amentia hätte es gar nicht gemerkt, bis es schon viel zu spät gewesen wäre. Aber ich hab's nicht getan, weil es Malleus' Haus ist. Das wäre nicht richtig gewesen."
      Sie verzog das Gesicht.
      "Aber dann hat die Frau so darauf bestanden, dass ich so ein Mal bräuchte, wie es alle anderen von Malleus' Leuten haben, da hab' ich's mit der Angst gekriegt. Sie hat mich so ausgequetscht die ganze Zeit, ich dachte schon, sie würde irgendwie merken, dass ich keine richtige..."
      Huch, da hätte sie sich fast verplappert.
      "... Ich meine, dass ich mein Alchemisten-Siegel nicht dabei hab, da wollte ich raus. Und dann ist es einfach ein bisschen mit mir durchgegangen."
      Nuschelnd setzte sie hinzu:
      "Es hätte ja auch gar nicht so schlimm werden müssen, wenn die nur gewusst hätten, was sie da machen."
      Dann kehrte ein Moment Stille ein, in dem Devon sich ihr Gesagtes wohl durch den Kopf gehen ließ und Tava das Wasser unter sich derweil anstarrte. Sie mochte Wasser nicht. Sie vermisste ihren Ring.
      "... Glaubst du, Malleus ist sehr enttäuscht?"
      „Natürlich ist er enttäuscht. Entsetzt. Was auch immer. Wäre ich auch an seiner Stelle. Aber du kannst es wieder gutmachen, denke ich. Schätze nicht, dass er sehr nachtragend ist, wenn du dich bemühst. Atme durch, lass es gehen. Zieh deine Lehre da raus und schau nach vorn.“
      "Hm."
      Irgendwie fand sie das tröstlich. Zwar hatte sie noch nie ernsthaft probiert, es bei irgendjemandem wieder gutzumachen, aber vielleicht würde ihr was einfallen. Vielleicht konnte sie es zwar nicht rückgängig machen, aber es zumindest etwas besser machen.
    • Devon blinzelte mehrmals. Zog Tava keinen Unterschied daraus, wenn sie etwas ansteckte, was unmittelbar an Menschen dran war oder nicht? Sie hatte die Kleider angesengt, ja, aber damit auch diejenigen, die in ihnen steckten.
      „Da waren Menschen unter der Seide“, merkte er an, aber da hatte sich die Cervidia schon in Rage geredet.
      Sie drehte sich ihm zu und find an zu gestikulieren, um ihrer Erklärung mehr Gewicht zu verpassen. So sehr Devon mit ihr auch sympathisieren wollte – er konnte es nicht. Jeder mochte irgendeine Leidenschaft haben, aber das hier könnte in den falschen Augenblicken viel zu viele Tote fordern. Feuer war etwas, das sich nie vollends kontrollieren ließ. Eine Urgewalt, bei der ein kleiner Fehler genügte und schon nahm das Unheil seinen Lauf. Deswegen fürchtete man die Drachen, die mit ihrem Feuer einfach alles niederbrannten.
      „Kannst du dir vorstellen, wie gewaltig das Feuer hätte werden können?“
      Devons Augen verschmälerten sich. Viel mehr konnte man schließlich auch nicht erkennen. „Ja, kann ich. Das ganze Haus hättest du in Brand stecken können und die Schneider gleich mit. Du wolltest abhauen, nachdem du die Gewänder angebrannt hast. Da wäre nur nicht das Haus abgebrannt.“
      Tava verzog ebenfalls das Gesicht. Wenigstens rückte sie jetzt ein wenig mit der Sprache raus, was da in dem Raum eigentlich passiert war. Zumindest laut ihrer Sicht. Klar, wenn sie eine so überzeugte Pyromanin war, dann war ein Raum mit Stoff und allem, was gut brennt, die reinste Folter für sie. Auf der anderen Seite wusste niemand, dass ihr das so sehr zusetzte. Wer das also nicht wusste, konnte auch nicht dagegen steuern. Wieso hatte Malleus sie denn dort allein gelassen? Er hätte es besser wissen müssen.
      „Du solltest es nicht nicht tun, weil es Malleus‘ Haus ist, sondern weil es einfach so nicht richtig ist“, meinte Devon lediglich und schüttelte den Kopf. „Wieso sollte diese Frau dir ein Mal aufquatschen? Wenn die ansatzweise so ist wie Malleus, dann hat sie das nicht grundlos gesagt.“ Er runzelte die Stirn. „Hast du gelogen? Ihr irgendwelchen Scheiß erzählt, den sie geglaubt hat?“
      Mittlerweile verstand Devon, dass sie alle diese Zeichen trugen, um sich der Signa Ignius zugehörig zu zeigen. Diese Amentia hatte das Mal zwischen ihren Brüsten gehabt, das hatte er sehen können. Malleus trug er überall an seinem Körper und jetzt war sich der Jäger auch sicher, dass alle anderen Jünger es auch irgendwo hatten. Ergo musste Tava eine Zugehörigkeit impliziert haben, die gar nicht stimmte.
      Am Ende stieß er sein Seufzen aus und sah wieder aufs Wasser. „… Ich hätte mir auch kein Brandmal aufschwatzen lassen.“
      „Ich dachte schon, sie würde irgendwie merken, dass ich keine richtige…“, Tava brach ab und sortierte sich neu. „Ich meine, dass ich mein Alchemisten-Siegel nicht dabei hab, da wollte ich raus. Und dann ist es einfach ein bisschen mit mir durchgegangen.“
      Da warf Devon ihr doch wieder einen Seitenblick zu. „Meinst du nicht, dass Malleus nicht längst weiß, dass du kein Siegel hast? Niemand von uns hat dich je eins benutzen sehen. Du driftest immer ab, versprichst dich. Mir ist es egal, ob du eins hast oder nicht, wenn du trotzdem gute Arbeit leistest.“
      „Es hätte ja auch gar nicht so schlimm werden müssen, wenn die nur gewusst hätten, was sie da machen.“
      Da schlug sich Devon mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel. „Ach, das sind alles keine Fanatiker vom Feuer so wie du. Es löst in ihnen erst einmal Angst aus, das ist ganz natürlich. Klar rennen die dann Halsüberkopf umher.“
      Scheinbar ließ das Geräusch Tava verstummen, denn danach setzte eine Stille ein, die niemand von ihnen brach. Sie betrachteten das Wasser, wie es stumm vor ihnen seinen Weg im Kanal fortsetzte und alles Mögliche mit sich schwemmte. Hier waren die Stimmen der Leute fast nicht zu hören. Die Massen waren außer Reichweite.
      „In dem Punkt sind wir beide gar nicht so verschieden. Du fühlst dich nicht von den Alchemisten akzeptiert, ich mich nicht von den Jägern. Wir beide reisten allein, weil wir in keine Sparte passen. Ich muss wegen offensichtlicher Gründe schweigsam sein, aber was ist denn, wenn du einfach mal offen sagst, dass du gern zündelst? Ich seh’s wie eine Krankheit, zumindest ein bisschen. Ich bin mir sicher, dass diese Amentia anders gehandelt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass du Schwierigkeiten mit brennbaren Stoffen hast.“
    • „Du solltest es nicht nicht tun, weil es Malleus‘ Haus ist, sondern weil es einfach so nicht richtig ist.“
      Dass soetwas kam, hätte Tava ja wissen müssen. Natürlich war es "nicht richtig", sowas bekam sie ständig zu hören. Sie machte sich auch schon gar keine Mühe mehr, ihn dahingehend korrigieren zu wollen.
      „Hast du gelogen? Ihr irgendwelchen Scheiß erzählt, den sie geglaubt hat?“
      Ein bisschen unentspannt nestelte sie an ihrem ringlosen Finger herum.
      "Vielleicht habe ich ein bisschen behauptet, dass ich für Malleus arbeite. Sie hat ihre Frage ja auch so komisch formuliert, welchen Dienst ich ihm denn erweise. Was hätte ich darauf denn antworten sollen? Du warst nicht dabei, du hast nicht gesehen, wie diese ganzen Leute ihn gleich umschwärmt haben und wie Amentia sie zur Ruhe gerufen hat. Ich habe irgendwie gedacht, die würden mich lynchen, wenn ich nicht auch ganz Malleus zu Diensten bin. Das war alles sehr... überwältigend.
      Aber sonst habe ich nicht gelogen. Ich habe ihr nur erzählt, dass ich mich auf Reptilien spezialisiere. Was auch nicht gelogen ist, nur ein kleines bisschen."
      Devon seufzte, als hätte er sowas irgendwie schon erwartet. Dann kam das kleine Zugeständnis:
      „… Ich hätte mir auch kein Brandmal aufschwatzen lassen.“
      Das ließ Tava sich gleich besser fühlen. Zumindest waren sie sich dahingehend einig.
      Der kleine Seitenblick von Devon, der danach folgte, ließ sie aber wieder in die Defensive gehen.
      „Meinst du nicht, dass Malleus nicht längst weiß, dass du kein Siegel hast? Niemand von uns hat dich je eins benutzen sehen. Du driftest immer ab, versprichst dich. Mir ist es egal, ob du eins hast oder nicht, wenn du trotzdem gute Arbeit leistest.“
      "Ich habe ein Siegel, ich sage es euch doch, ich hab's nur verloren. Und ich bin bisher nicht dazu gekommen, ein neues zu beantragen. Das ist alles."
      Tava weigerte sich noch immer vehement, selbst bei diesen beiden Männern zuzugeben, dass sie kein Siegel besaß, denn illegale Alchemisten waren verpöhnt, konnten verhaftet werden und waren im Volksmund allgemein dafür bekannt, alchemistische Regeln zu brechen, um sich zu bereichern. Tava tat nichts davon, denn ihre Arbeit war ehrlich und zuverlässig. Nur leider hatte sie es bisher eben immer wieder geschafft, sich den Weg zur Lizenz selbst zu verbauen.
      Erneute Stille trat ein. Tava bemerkte, dass Stille bei Devon nichts unheilvolles war, wie sie anfangs immer gedacht hatte, wenn er sie mit diesen schmalen Pupillen angestarrt hatte, sondern dass sie auch angenehm sein konnte. Man musste nur die Befürchtung überwinden, dass der groß gewachsene Lacerta sich jeden Moment auf einen werfen und seine Hörner packen könnte.
      Eine leichte Brise ließ ihren Hornschmuck klingeln. Tava mochte das. Sie hatte lange mehr keinen getragen.
      „In dem Punkt sind wir beide gar nicht so verschieden. Du fühlst dich nicht von den Alchemisten akzeptiert, ich mich nicht von den Jägern. Wir beide reisten allein, weil wir in keine Sparte passen. Ich muss wegen offensichtlicher Gründe schweigsam sein, aber was ist denn, wenn du einfach mal offen sagst, dass du gern zündelst? Ich seh’s wie eine Krankheit, zumindest ein bisschen. Ich bin mir sicher, dass diese Amentia anders gehandelt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass du Schwierigkeiten mit brennbaren Stoffen hast.“
      Jetzt warf sie ihm einen Seitenblick zu. Unter diesem Aspekt hatte sie es noch gar nicht betrachtet und jetzt fielen auch ihr sofort die Parallelen zwischen ihnen auf. Aber zustimmen konnte sie ihm nicht.
      "Nein, das wird nichts. Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich gerne ein bisschen flackere, dann denken sie, dass ich gerne Feuer-Kunststücke mache wie Straßenkünstler und vielleicht feuerspucken kann. Mit den richtigen Mitteln, versteht sich. Oder dass ich einfach gerne Lagerfeuer baue. Aber das meine ich ja alles nicht. Sie verstehen nie, wie ernst ich es meine, und dann sind sie ganz überrascht, wenn es dann doch soweit ist. Dann kommt Tava, wie konntest du nur den Wald anzünden, wie konntest du nur den Wagen in Brand stecken, wieso musstest du ausgerechnet im Stall mit deinen Feuersteinen hantieren."
      Sie neigte bei der Nachmache den Kopf hin und her, dann richtete sie ihn wieder gerade aus. Sie studierte erst das Wasser, dann ihre Finger.
      "... Oder weißt du, wie viele von diesen Büchern dein Ausrutscher ruiniert hat? Sowas eben. Und dann gehe ich halt. Bringt ja nichts zu bleiben. Alle sind immer irgendwann böse auf mich und dann bleibe ich lieber alleine. Dann interessiert sich auch keiner dafür, wenn ich mal einen Stand anzünde. Oder Stoffballen. Du kannst es Krankheit nennen, wenn du willst, aber ich mag Feuer eben. Dafür lebe ich."
    • „Sie hat gefragt, welchen Dienst du ihm erweist?“
      In Devons Stimme lag eine Form der Überraschung, die verdächtig nah an Amusement lag. Dann ließ er sich den Rest von Tavas Worten durch den Kopf gehen, um schließlich ein Geräusch von sich zu geben, welches Tava so wohl noch nicht gehört hatte: Devon lachte kurz rau auf.
      „Tava, sie wollte elegant erfragen, ob du mit Malleus schläfst“, erklärte er daraufhin und plötzlich verschob sich das Verhältnis von dieser Amentia und Malleus ein bisschen. Die Frau war ranghoch, ja, aber noch immer ihm unterstellt. Und wenn sie sich ausgerechnet dafür als erstes interessierte, dann hegte sie Gefühle für den Mann. Deswegen war es so gelaufen, wie es lief.
      Dass Tava aber immer noch vehement darauf pochte, ein Siegel zu besitzen, ließ der Jäger unkommentiert. Manchmal brauchte es eine Weile, ehe sich Menschen, Cervidia und auch Lacerta eingestanden, dass ihre Lüge keinen Bestand hatte. Vielleicht brauchte es bei Tava lediglich etwas mehr an Zeit.
      Oder auch… ZU viel Zeit, wie Devon kurz darauf befand, als Tava ihm eröffnete, wie weit diese „Krankheit“ wirklich reichte. Das, was sie da beschrieb, war ein Zwang, nichts anderes. Wenn sie sich angegriffen fühlte oder emotional aufgewühlt, dann zündelte sie. Nur setzte sie diesen Zwang immer zum Schlechten ein. Immer so, dass die Leute sich bei ihr beschweren mussten.
      Obwohl die Malleus-Imitation schon recht gut ausfiel…
      „Fällt dir da rein gar nichts auf? Du steckst immer Besitz von anderen in Brand. Du zerstörst Eigentum von anderen, natürlich zeigen die dich dann an und machen dich dafür verantwortlich. Oder beschwert sich jemand, wenn du deine eigenen Kleider ansteckst? Warte mal – ist das überhaupt ein Ding? Deine eigenen Sachen anstecken? Fühlt sich das gleich an?“
      Devon runzelte die Stirn, schon wieder. Er dachte nach und versuchte allen Ernstes, irgendwie nachzuvollziehen, wie sich Tava wohl fühlen mochte. Er kannte es ja, dass Menschen zu Schnaps und Wein tendierten, wenn sie erregt oder verzweifelt waren, aber war Zündeln das Gleiche?
      „Weder Malleus noch diese Amentia scheinen mir auf den Kopf gefallen zu sein. Ich schätze, die verstehen es, wenn du sagst, dass du etwas anzünden musst. Dann mach es einfach in einem… passenden Rahmen“, schlug er vor und zupfte vorn an seiner Tunika, um ein bisschen Luft unter die doppelte Lage zu bekommen. „Ich hab vor den Toren gehört, dass am Ende des Festes irgendwelche Figuren in Brand gesteckt werden sollen. Warum auch immer. Schlag Malleus vor, dass du es tun könntest. Wäre das nicht ein Weg?“
    • Tava ruckte den Kopf herum, um Devon entgeistert anzustarren.
      "Sie wollte wissen, ob ich mit ihm schlafe?"
      Dabei verblüffte sie nicht so sehr die Tatsache, dass Amentia ihnen beiden eine derartige Beziehung unterstellen könnte, sondern dass sie einfach so danach gefragt hatte. Und dass Tava auch nicht begriffen hatte, was sie eigentlich damit meinte.
      Jetzt im Nachhinein betrachtet, machte es aber irgendwie... Sinn. So wie Amentia mit Malleus gesprochen hatte, wie sie ihn mit diesen anhimmelnden Augen betrachtet hatte. Ja, das machte schon sehr Sinn.
      ... Ob Malleus das auch sehen konnte? Dann hätte er die Frage doch aber unterbunden, oder nicht?
      Sie starrte wieder ins Wasser.
      "Warte mal – ist das überhaupt ein Ding? Deine eigenen Sachen anstecken? Fühlt sich das gleich an?“
      Tava schnaubte. Devon war ein richtiger Banause in dem Gebiet.
      "Es geht nicht darum, dass ich etwas zerstöre, sondern dass ich ein Feuer erwecke. Und Feuer zerstört nunmal, daran kann man nichts ändern. Natürlich stecke ich auch meine eigenen Sachen in Brand, warum denkst du, habe ich denn immer so viel Schwarzpulver bei mir? Ich will halt ein Feuer sehen und ich will, dass es groß und gewaltig wird, nur das macht Spaß. Aber groß und gewaltig zerstört nunmal."
      So wie das Flammenmeer im Himmel auch alles zerstört hatte. Alles um Tava herum und auch fast Tava selbst.
      "Dann mach es einfach in einem… passenden Rahmen.“
      Tava schnaubte nochmal. Sowas wie einen passenden Rahmen gab es nicht für Leute, die einfach nicht verstehen konnten, was Tava da tat. Zu denen auch Devon zählte, wobei sie das Gefühl hatte, dass er sich zumindest sehr anstrengte, ihr doch zu folgen.
      „Ich hab vor den Toren gehört, dass am Ende des Festes irgendwelche Figuren in Brand gesteckt werden sollen. Warum auch immer. Schlag Malleus vor, dass du es tun könntest. Wäre das nicht ein Weg?“
      Tava zuckte mit den Schultern.
      "Wenn er mir nicht mehr böse ist. Denkst du, Malleus ist nachtragend?"
      Sie könnte es nämlich nicht ertragen, wenn er sie nur noch mit diesem bösen Blick ansehen würde. Dann würde Tava wirklich gehen, dann das wäre irgendwann zu viel für sie.
      Devon dachte es nicht und so hoffte Tava einfach darauf, dass der Lacerta recht hatte. Er hatte ja auch sonst immer recht, dann wollte sie sich auch hier darauf verlassen.

      Bis zum Abend hin war es nicht mehr lange und so machten sich Devon und Tava bald wieder an den Rückweg. Tava war jetzt nicht mehr so niedergeschlagen wie vorhin und hatte eine gute Portion Selbstsicherheit zurück, durch die sie ihre Hörner wieder ganz gezielt den Leuten präsentierte, die meinten, vor ihnen beiden die Köpfe ein wenig zu senken. Als sie zurückkamen, war Amentia nicht mehr im Gemeinschaftsraum und hatte sich wohl in ihr kleines Büro zurückgezogen. Tava bereute ein bisschen, dass sie den schönen Tisch dort nicht angebrannt hatte. Das hätte die Frau mehr verdient als Malleus seinen Verlust.
      Sie kamen zurück in den ersten Stock und holten Malleus ab, der sich ebenfalls bereits vorbereitet hatte. Tava scheute zwar nicht mehr vor ihm weg, aber sie machte sich doch instinktiv ein bisschen kleiner und hob den Kopf an. Vor einigen Tagen, als Malleus am Lagerfeuer so ausgerastet war, hatte sie es noch als schade empfunden, dass der Mann die Körpersprache der Cervidia nicht verstand, aber jetzt war sie sogar heilfroh, dass er es nicht tat. Sie hätte sich dafür geschämt, wie sich so vor ihm hielt.
      Zu dritt verließen sie das Gebäude wieder, nicht ohne die interessierten Blicke des gesamten Kultes in ihrem Rücken. Tava konnte es ja wirklich kaum erwarten, diese Fanatiker hinter sich zu lassen und sich unter das Fest zu mischen. Für ein gutes Met würde sie jetzt so einiges bezahlen.
    • Der würzige und exotische Duft von Räucherwerk schwängerte die Luft innerhalb der Heiligtums der Signa Ignius. Die einzigartigen Duftnoten erinnerten Malleus an sommerliche und heiße Tage, in denen sein Heimatdorf die Harze der dürren Steppenbäume gesammelt und anschließend in mühseliger Kleinstarbeit verarbeitet hatten. Der kleine Markt in Arbora hatte eine ähnliche Wirkung auf Malleus ausgeübt. Der harzige und holzige Geruch versetzt mit einer gewissen Süße war dem Duft in seiner Erinnerung erstaunlich nahe gekommen. Hier, im Allerheiligsten des Kultes in Oratis, hatte Malleus prüfend die dünnen Räucherstäbchen zwischen die Finger genommen und mit einer gewissen paranoiden Ader sichergestellt, dass keinerlei berauschende und betäubende Substanzen darin verarbeitet waren. Er war zu lange nicht in Oratis gewesen, um sich dem Anschein von vollkommener Sicherheit völlig hinzugeben. Auch, wenn er zuvor etwas anderes behauptet hatte. Malleus lehnte sich zurück, die Beine unter dem Körper gefaltet und richtete den Blick auf den wohl wertvollsten Besitz des Kultes. Die Bücher, weswegen er Tava die Leviten gelesen hatte, waren nichts im Vergleich dazu. Undenkbar wenn das Feuer außer Kontrolle geraten wäre und auf die anderen Räumlichkeiten übergegriffen hätte. Wobei Feuer dem unbezahlbaren Schatz kaum ernsthaft zu Leibe rücken konnte, aber er würde es nicht auf einen Versuch ankommen lassen.
      Vor ihm auf einem kleinen, altarähnlichen Podest thronte ein geschwungenes, knöchernes Artefakt. Eine Drachenklaue lag in einer speziell angefertigten Halterung. Seit Beginn des Kultes befand sich diese absolute Rarität im Besitz der Signa Ignius und war zum begehrten Ziel vieler Pilger geworden. Der Eintritt in diese gut geschützten Hallen war exklusiv und wurde nicht jedem gewährt. Durch ihre Nähe zu der Kultstätte vor den Toren von Oratis und die schiere Größe hatten seine Vorgänger die abgebrochene Kralle dem mächtigen Adrastus zugeordnet. Sie war von solcher Größe und Gewicht, dass es mehrere Männer benötigte, um sie anzuheben.
      Malleus platzierte die Hände locker in seinem Schoß und atmete kontrolliert ein und wieder aus. Nachdem er einen entspannenden Takt gefunden hatte, senkten sich seine Augenlider ganz von allein. Mit einem Ohr lauschte er in den fensterlosen Raum hinein, in dem sich außer ihm keine Menschenseele befand. Außer der Tür gab es keinen Weg hinein, um potenziellen Diebin einen Strich durch die Rechnung zu machen. Sie konnten unmöglich die Kralle im Ganzen forttragen, aber selbst die kleinste Beschädigung wäre ein katastrophales Ärgernis. Malleus lauschte dem dezenten Knistern der Räucherstäbchen.
      Hier, im Heiligtum, war es umso klarer, wie sehr die Begegnung mit Devon und Tava seinen gewohnten Rhythmus aufgewirbelte hatte.
      Es war das erste Mal seit Wochen, das völlige Stille um ihn herrschte.

      Der Unmut der Feuergeißel hatte sich zweifellos herumgesprochen, denn bis in die Abendstunden hielten sich Männer und Frauen von Malleus fern. Niemand wollte sich hinter Tava einreihen und als nächstes den Zorn von Malleus auf sich ziehen. Selbst Amentia war nirgends zu sehen. Der Gemeinschaftsraum war vom größten Schaden bereits befreit und alles, was noch zu retten gewesen war, ohne Umschweife in die kleine Werkstatt gebracht worden, die von Alchemisten, Chronisten und anderen Kleinhandwerken gemeinschaftlich genutzt wurde. Die Behebung der Brandschäden vertagten sich auf die Zeit nach den berauschenden Festivitäten. Bereits am frühen Nachmittag wirkte das Quartier wie ausgestorben.
      Devon und Tava kehrten offensichtlich von einem Spaziergang zurück und die Distanz hatte die aufgeladene Stimmung sichtlich entspannt. Malleus erweckte bei Weitem nicht den Eindruck, als hätte er in der Abwesenheit seiner Begleiter die nächste Standpauke für Tava vorbereitet. Wirklich glücklich sah er trotzdem nicht aus, aber wann sah der Kultist jemals wirklich glücklich oder ausgelassen aus? Da es innerhalb der Stadt für Besucher nicht unüblich war und sie das Haus verließen, hielt Malleus dem Lacerta schweigend die Malachitklinge hin und er vertraute darauf, das Devon sie eher als offene Warnung mit sich trug und nicht mit der Intention sie wirklich zu benutzen. Aber der Anblick eines so großen und dann auch noch bewaffneten Mannes konnte ihnen ein paar unangenehme Begegnungen ersparen. Dass er Tava den Ring nicht wieder aushändigte, war das einzige Anzeichen, dass er mit dem Thema noch nicht ganz durch war.
      Die Meditation hatte wahre Wunder für seine dünnen Nerven bewirkt. Souverän glitt Malleus förmlich durch die beeindruckende Menschenmenge. Ganz verhindern, dass er hier und da mit einer Schulter zusammenstieß oder sich Arme zufällig streiften, konnte auch er nicht ohne ungewollte Aufmerksamkeit zu bekommen, aber er ließ sich das Unbehagen nicht anmerken.
      An einer Taverne, die ihre Theke eigens für das Fest nach draußen unter freiem Himmel verlegt hatte und sich nun eine Lücke zwischen den andrängenden Gästen auftat, stoppte Malleus. Es war selbst für die Abendstunden ungewöhnlich warm in Oratis, aber das brachte eine Horde aus feierwütigen Reisenden eben mit sich. Die Hitze staute sich regelrecht in den Straßen und kühle Getränke waren heißbegehrt. Das Eis, das blockweise aus den Gletschern im Gebirge geschlagen und nach Oratis transportiert worden war, war ein seltener Luxus in dieser Stadt.
      Am Rand des Tumults entdeckte er einen befremdlichen Anblick, den wohl außer Malleus niemand stutzig machte. Ein Mann in dunkelblauer Robe und mit meisterlich geschmiedeter Rüstung samt Vollvisier bewegte sich langsam durch die Menge, nur um wieder in einer Straße zu verschwinden. Soldaten mit einer Rüstung wie dieser, hatte es vor 4 Jahren in Oratis noch nicht gegeben. Er fragte sich unter welcher Zugehörigkeit der Mann agierte.
      Ein ungeschickter Passat rempelte Malleus an, ein wenig zu schwungvoll und drängte den Mann damit ein wenig zurück gegen Devon und Tava. Unauffälligkeit wurde dieser Tage bei der Ausbildung von Boten und Spitzeln wohl arg vernachlässigt. Ein Fehler, den er korrigieren würde. Zumindest ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf, als er die kleine Pergamentrolle öffnete. Flink überflog er die wenigen Worte und zog eine Augenbraue in die Höhe.
      Er musste nicht aufsehen, um die fragenden Blicke von Tava und Devon zu spüren. Malleus sprach ohne dabei aufzusehen.
      "Die Aufzeichnungen, die wir suchen, sind vor wenigen Wochen gestohlen worden", erklärte er lautgenug für den Lacerta und die Cervidia, leise genug für neugierige Ohren. Man konnte ihm geradezu ansehen, wie er dabei verärgert mit den Zähnen knirschte, als er hinzufügte. "...aus meinen Archiven. Ein Mutprobe neuer Novizen der Gemeinschaft des Einen. Das macht die Sache bedauerlicherweise sehr kompliziert."
      Malleus ließ die Notiz im Ärmel seiner Tunika verschwinden und griff nach einem Becher gekühltem, klaren Wasser.
      Er sah die beiden flüchtig an und sein Blick blieb ein wenig länger an Tava hängen.
      Er würde sich nicht entschuldigen, er war verärgert.
      Aber was dann folgte, klang nach einem kleinen Friedensangebot.
      "Das kann bis morgen warten...genießt die Festlichkeiten, wie es euch beliebt. Wir haben eine lange Reise hinter uns."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”