Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Mit voller Konzentration balancierte Tessa eine glänzende Messerklinge über ihren Fingerknöcheln, als Roy sich näherte, wobei ihre Zunge zwischen den Lippen hervorlugte. Obwohl sich das Messer erstaunlich leicht anfühlte, hielt die Klinge der Wucht der Würfe spielendleicht stand. Die Qualität von Owls Wurfmessern erkannte selbst ein Blinde mit Krückstock. Erst Roy brachte die gedankenverlorene Diebin aus dem Takt. Ein überrumpeltes Quietschen löste sich aus ihrer Kehle. Das Messer rutschte aus ihren Fingern und nur knapp bekam sie den polierten und geölten Griff zufassen, bevor ein Unglück passierte und die Klinge in ihrem Fuß stecken blieb. Ein vorwurfsvoller Blick traf den Feuerspucker, der sich zu Owl an die Kisten gesellte. Auffordernd streckte Owl eine Hand in Tessas Richtung, damit sie ihm das Messer zurückgab. Dabei sah er die ganze Zeit Roy an und schloss blind die schlanken aber kräftigen Finger um den Griff des Wurfmessers. Tessa verzog schmollend das Gesicht, als die das amüsierte Grinsen auf den Lippen des Mannes bemerkte.
      "Unser Neuling musste mal ein bisschen Dampf ablassen", antwortete Owl bevor Tessa auch nur über eine schlagfertige Antwort nachgedacht hatte. "Stimmt's, Kitty."
      Tessa stöhnte genervt. Owl lachte herzlich. Die Diebin kreuzte die Arme vor der Brust und wandte sich an Roy.
      "Bin ich", antwortete sie ohne Zögern und fügte grinsend hinzu: "Aber ich hab' Feierabend und an Schlafen ist nicht zu denken, also kann ich auch gleich ein bisschen üben bevor ich einroste."
      Owl schüttelte belustigt den Kopf, wobei sich ein paar rebellische Strähnen aus dem Haarknoten in seinem Nacken löste. Tessa beobachtete wie Roy sich zu dem Messerwerfer lehnte und ihm eine Zigarette geradewegs unter die Nase hielt. Mit den Augen rollend zückte Owl ein alten Feuerzeug aus seiner Hosentasche. Die Scharniere quietschten leise als der Deckel zurück schnappte. Ein dezenter Hauch von Benzin lag in der Luft und im nächsten Augenblick flackerte ein kleines Flämmchen zwischen den Männern. Vielleicht war es Tessa reine Einbildung, aber Owl lehnte sich ein wenig zu nah zu Roy herüber um die Zigarette für ihn zu entzünden.
      "Ein Feuerspucker, der seine eigene Kippe nicht angezündet bekommt...", murmelte er und stützte sich mit einem sehnigen Arm hinter Roy auf der Kiste ab, an die der Feuerspuckte entspannt lehnte. Das Grinsen, das augenscheinlich nie sein Gesicht verließ, milderte den genervten Unterton in seiner Stimme.
      Owl reichte Tessa drei weitere Messer, die sich etwas von den Ersten unterschieden. Die Klinge war kürzer aber ein wenig breiter und der schlanken Griffe nicht aus poliertem Holz sondern geschnitztem Horn. Sie schmiegten sich perfekt in ihre Handfläche und fühlten sich leicht warm an. Tessa staunte über die gleichmäßigen Drehungen, mit denen das erste Messer durch die Luft wirbelte. Diese Wurfmesser hatten nicht mit den etwas klobigeren Varianten am Wurfstand gemein.
      "Dein Feuerzeug vergisst du, aber wenn's ums Geld geht, funktioniert dein Gedächtnis plötzlich einwandfrei...", grummelte Owl.
      Widerstrebend angelte der Messerwerfer ein aufgerollten Bündel abgegriffener Geldscheine aus seiner Jacke und drückte sie Roy noch widerwilliger in die Hand.
      "Du lässt dich von Malia viel zu leicht um den Finger wickeln, mein Freund. Was soll's Wettschulden sind Ehrendschulden."
      Beherzt klopfte er Roy auf die breite Schulter.
      Tessa, die das Gespräch weiter mit angehört hatte, stapfte wieder zu den Männern herüber.
      "Du nicht auch noch! Und Malia? Ah, deshalb wollte sie wissen, ob ich Chester eine verpasst habe. Hat denn der ganze verdammte Zirkus Magica sich an der Wette beteiligt...?"
      "Na ja..."
      Owl kratzte sich ertappt an der Nasenspitze.
      "Nicht alle..."
      Er sah zu Roy herüber und stieß ihm mit einem stummen Hilferuf den Ellbogen zwischen die Rippen frei nach dem Motto 'Sag du doch auch mal was!'.
      Mit den Händen in die Hüften gestemmt sah Tessa Roy mit zusammengekniffenen Augen an, dann streckte sie eine offene Hand aus und wackelte auffordernd mit den Fingern.
      "Du hast dank mir gewonnen, da steht mir doch bestimmt ein Anteil als Entschädigung zu", sagte sie völlig trocken und todernst.
      Neben Roy legte Owl mit einem bellenden, kehligen Lachen den Kopf in den Nacken.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Roy spielte ein selbstgefälliges Grinsen auf sein Gesicht, mit dem er zuerst Theresa und ihre hübschen, neuen Messer beobachtete, bevor er den Blick zu Owl herüber schwenken ließ.
      "Ich kann Feuer spucken. Da gebe ich mich doch nicht mit sowas kleinlichem wie ein Feuerzeug ab, oder?", raunte er. Das war definitiv eine Art von Insider zwischen den beiden, wenn man ihre Blicke bedachte.
      "Geld ist da was anderes."
      Er steckte sich die Zigarette in den Mundwinkel und zählte das Geld, vermutlich aber auch nur, um Owl nur weiter eins unter die Nase zu reiben. So viel konnte es eh nicht gewesen sein.
      "Malia kann Krallen wie eine Raubkatze haben. Da werde ich doch nicht riskieren, dass sie mir gleich die Augen auskratzt."
      Dafür bekam er wohl allem Anschein nach gleich von Theresa eine ab, der natürlich die ganze Wett-Sache nicht entgangen war und gleich zu ihnen gestapft kam. Owl war hilflos überfragt und Roy...
      "Ähm... der Koch hat nicht mitgemacht. Toby natürlich auch nicht... Chester auch nicht. Ella macht schon seit ein paar Jahren nicht mehr bei sowas mit, dafür ist sie zu alt. Ihre Worte - nicht meine. Aber sonst..."
      Das war verständlicherweise irgendwie die falsche Antwort gewesen. Jetzt streckte Theresa fordernd die Hand aus, um ihren Teil der Wette zu kassieren.
      Owl lachte bellend. Roy starrte sie für einen Moment an, dann seufzte er, als hätte er gerade eine unheimlich schwere Last auferlegt bekommen.
      "Du bist also auch eine mit Krallen. Mit dir werde ich keine Wetten in Zukunft abschließen."
      Owl schien das unheimlich zu amüsieren, dass Roy einen Teil seines Gewinns abtreten musste. Wieso auch nicht, immerhin hatte Owl schon seinen Teil verloren, da war es nur recht, dass Roy jetzt auch leiden musste.
      Den Rest ließ er aber schnell in seiner Manteltasche verschwinden, bevor er sich weiter zurücklehnte, bis er sich fast an Roys abstützendem Arm anlehnte. Er verschränkte die Arme und zog sich die Zigarette aus dem Mund, um den Rauch auszustoßen.
      "Wie macht sie sich denn?", fragte er an Owl gewandt, während er aber Theresa ansah. "Kann sie deinen Posten schon übernehmen? Das Temperament dafür hätte sie ja."
    • Owl krümmte sich vor Lachen. Der Anblick eines äußerst verdatterten Roy bekam er nicht alle Tage zu sehen. Der Mann redete sich um Kopf und Kragen. Der Verlauf des Gespräches hatte einen unbestreitbaren Unterhaltungswert und bevor er drohte von der Kiste zu fallen, glitt Owl beinahe galant davon herunter. Ein zweites Mal klopfte er Roy auf die Schulter und konnte den winzigen Funken an Schadenfreude nicht gänzlich aus seinem Blick verbannen. Owl verfolgte damit allerdings keine bösen Absichten. Es bereitete ihm schlicht und einfach ein großes Vergnügen sich mit Roy hin und wieder neckend die sprichwörtlichen Bälle zuzuspielen. Er mochte den Feuerspucker.
      Dabei war das nicht in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen. Owl hatte nach seiner Ankunft im Zirkus ein wenig Zeit benötigt, um sich an sein neues Leben zu gewöhnen. Das mochte auch der Grund sein, warum er Tessa an diesem Abend durch die verschlungenen Pfade des Zirkus Magica gefolgt war. Der Unterschied zwischen der jungen Frau, die unter der Schüchternheit einen unterwarteten Schneid versteckte, war, dass er genau gewusst hatte, worauf er sich einließ. Die genauen Umstände kannten die Wenigsten, aber ohne Chesters plötzlichen Auftauchen wäre sein Hals in einer Schlinge gelandet. Der Messerwerfer wurde nie müde zu betonen, dass er kein guter Mensch gewesen war, doch einmal im Zirkus Magica angekommen, spielte die Vergangenheit irgendwann keine Rolle mehr. Das alte Leben ließ man hinter sich.
      "Davon würde ich dir auch abraten, mein Freund...", lachte Owl. "Und sollte er es doch einmal wagen, erinnere mich daran, auf dich zu wetten, Kitty."
      Der empörte Gesichtsausdruck von Roy entlockte Tessa tatsächlich ein etwas offeneres Kichern. Sie fühlte sich endlich einmal wieder wohl in ihrer Haut mit dem vertrauten Gewicht eines Messers in den Händen und dem Geplänkel der Männer. Niemand, der auf Zehenspitzen um sie herum tänzelte oder ihr versicherte, dass sie Chesters Verhalten irgendwann verstehen würde. Irgendwann war für Tessa aber nicht schnell genug. Leider hatte der Zirkus selbst sie eines Besseres belehrt. Sie würde erst mit Chester sprechen können, wenn er es wollte. Ganz zu sich selbst schüttelte Tessa den Kopf und stopfte die Gedanken an den Mann, der ihr erst den Himmel versprochen und dann den Löwen zum Fraß vorgeworfen hatte, zurück in einen versteckten Winkel ihrer Gedanken.
      Owl sammelte die letzten Messer ein und nahm auch die von Tessa wieder an sich.
      "Temperament und Talent", antwortete er an Roy gewandt ehe er der Neuen das letzten Messer abnahm. "Die musst du dir erst verdienen. Wenn du kannst."
      "Und wie?", hakte Tessa nach.
      Etwas blitzte in Owls Augen.
      Ein verschwörerisches Lächeln umspielte Owls Mundwinkel. Er hob den Zeigefinger um beiden zu bedeuten, sich nicht von der Stelle zu rühren, verschwand in sein Zelt und kehlte mit einer halbabgebrannten Stumpfkerze zurück. Mit einem spitzbübischen Zwinkern hielt er Roy den Kerzendocht vor die Nase, damit er die Kerze an der Zigarettenglut entzünden konnte.
      "Merci...", raunte er.
      Mit gerunzelter Stirn sah Tessa zu wie Owl die Kerze auf einem alten Holzfass in Höhe der Zielscheiben abstellte und zurückkam. Der Mann zog ein Messer mit den tätowierten Fingern von seinem Gürtel und fixierte die flackernde Kerze. Tessa hielt den Atem an und selbst die Luft schien still zu stehen. Owl fasste die polierte Klinge zwischen Zeige- und Mittelfinger und holte aus. Sie sah die Muskeln in seinem Arm unter der Anspannung arbeiten und wie er die Kraft aus der Schulter auf sein Handgelenk übertrug. Schwungvoll sirrte das Wurfmesser durch die Luft, wirbelte rasant um die eigene Achse und zischte haarscharf über die Kerze hinweg. So knapp, dass der Luftzug des fliegenden Messers die Kerze löschte. Ein dünner Rauchfaden waberte durch die Luft und das die Klinge steckte zitternd durch die Wucht in einem Holzbalken direkt dahinter.
      "Wenn du das hinbekommst", grinste Owl und strich sich grinsend über die Bartstoppeln. "Und dann gehen wir geradewegs zu Liam. Du kannst hier in deiner Freizeit üben, wenn Jamie dich nicht braucht, w ich dich im Auge behalten und niemand dir ins Messer laufen kann. In Ordnung?"
      Owl hielt Tessa die offene Hand hin.
      Die junge Frau schlug ein.
      "Abgemacht."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nachdem Owl vorgeführt hatte, was ein erfahrener Messerwerfer im Zirkus Magica wirklich drauf hatte, schien Theresa von einem neuen Eifer gepackt worden zu sein. Ganz anscheinend war sie eine Frau der Herausforderungen, denn wenn ihr eine gestellt wurde, dann scheute sie nicht davor, sie auch anzunehmen und zu meistern. Zumindest ließ der neu gewonnene Enthusiasmus, mit dem sie sich ihrem Training widmete, genau darauf schließen.
      Von nun an wurde es ein bisschen zum Alltag, dass die Frau abends - und auch mal mittags - bei Owls Zelt auftauchte und mit seinen Messern übte. Manchmal war der Mann mit dabei, manchmal kam auch Roy vorbei geschlendert, wenn auch nicht jeden Tag. Als Malia das mitbekam, unternahm sie einen halbherzigen Versuch, Theresa lieber für die Akrobaten zu rekrutieren und rollte dann mit den Augen, als Theresa lieber bei ihren Messern blieb. Dafür begann sie aber auch ab und zu rein zufällig bei Owl vorbei zu gehen und blieb dann stehen, um sich mit Roy eine Zigarette zu teilen. Beide sahen Theresa dann beim Werfen zu, ganz ungeachtet, ob ihre Anwesenheit die arme Frau nervös machen könnte. Wenn man im Zirkus arbeitete, hatte man so etwas wie Publikumsscheue nicht. Das wurde einem quasi ausgetrieben.
      Jamie aß manchmal mit Theresa zum Frühstück und stellte ihr weitere Leute vor. Jamies Freunde waren alle sehr gutherzig und einfühlsam. Ihnen fehlte zwar ein bisschen der schneidige Humor wie am Tisch von Malia, Roy und Liam, aber es waren allesamt sehr nette Leute.
      Es war an einem dieser Tage, als Theresa in der Schlange beim Kantinenzelt stand - Jamie hatte nicht die körperliche Verfassung, um die Kantine außerhalb der Stoßzeiten zu besuchen - als sie von hinten jemand in den Rücken rempelte. Ein Blick zurück offenbarte Toby, der zwar ständig in jedermanns Mund zu sein schien, aber noch nie ein einziges Wort mit der Neuen gewechselt hatte. Er war auch nie auf dem Gelände; Toby kam zum Essen und verschwand dann in irgendwelche uneinsehbaren Ecken des Zirkusses.
      Der sonst so abweisende und verschlossen dreinblickende Mann sah jetzt ernsthaft überrumpelt aus, als er sein Tablett zu richten versuchte. Er war wohl über einen offenen Schnürsenkel gestolpert und stellte jetzt eine leichte, aber gesunde rötliche Färbung im Gesicht zur Schau.
      "Entschuldigung! Sorry. Das wollte ich nicht."
      Er lächelte schüchtern. Toby hatte ein hübsches Lächeln, eins, bei dem ein paar bis dahin unsichtbare Falten in seinem Gesicht zum Vorschein kamen. Ganz allgemein war Toby ein attraktiver Mann, wenn man einmal von den dunklen Augenringen in seinem Gesicht absah.
      "Du bist Theresa, oder? Wir hatten noch nicht das Vergnügen, denke ich. Ich bin Toby."
    • Zeitgefühl konnte eine wirklich verzwickte Sache sein, wenn die Tage begannen ineinander zu verschwimmen. Die neue Routine bekam Tessa gut und sie genoss die Zeit mit dem gutmütigen Jamie, seinen Freunden und der Vielfalt an Zirkustieren. Die tägliche Arbeit lenkte ihre aufgewühlten und trübsinnigen Gedanken in neue Bahnen und schenkte ihr einen bröckeligen Frieden, der den Schmerz der Wunden linderte, die Chester hinterlassen hatte. Mittlerweile besuchte sie auch Hektor in seinem Winterquartier. Der graue Dickhäuter nahm der Diebin die Vernachlässigung nicht allzu lange übel und begrüßte sie bei ihrem Rundgang durch die Zelte mit wackelnden Ohren. Es mochte daran liegen, dass sich Tessa die Vergebung des Elefantenbullen mit reichlich Leckereien erkaufte.
      Das abendliche Training mit Owl eröffnete Tessa eine ganze andere Möglichkeit den Schmerz in etwas Sinnvolles zu verwandeln. All die Wut, der Frust und die Traurigkeit zeichnete sich am Ende des Tages in Form von tiefen Kerben im Holz ab. Mit jedem Messer, das die ehemalige Diebin gegen die Zielscheibe schleuderte, ließ sie einen Teil dieses allgegenwärtigen und allesverzehrenden Schmerzes los. Manchmal übte Tessa bis spät in die Nacht und ging erst zurück zu ihrem Wagen, wenn die Fackeln um Owls Lager beinahe erloschen waren. Erst in diesem Augenblick, in dem ihr gebrochenes Herz kräftig und schnell vor Anstrengung schlug und sie vor Erschöpfung todmüde ins Bett fiel, fühlte Tessa die bleischwere Last auf ihrem Herzen nicht mehr.
      Trotz allem verblassten die dunklen Schatten unter ihren Augen jeden Tag ein wenig mehr. An einem besonders guten Morgen erfüllte zur Frühstückszeit auch ihr Lachen das Kantinenzelt, während sie den Geschichten von Malia, Roy und den anderen Artisten lauschte. Sie trug das Kinn ein wenig höher und die Schultern gerader. Trotzdem blieb Tessa nie lange während der Mahlzeiten und verschwand stets zeitig genug bevor Chester sich zu seinen Leuten gesellte. Obwohl sie den Mann vor einiger Zeit geradezu herausgefordert hatte, musste Tessa sich durch lange und schlaflose Nächte eingestehen, dass sie für diese Begegnung noch nicht bereit war.
      Heute, glaubte Tessa, würde ein guter Tag werden.
      In den Taschen ihres Wintermantels steckten bereits Naschereien für Hektor und im ganzen Zelt roch es köstlich nach Speck und Eiern. Sie spähte über die Schulter ihres Vordermannes und beim Anblick der Frühstücks lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Ein plötzlicher Ruck brachte die Diebin beinahe aus dem Gleichgewicht.
      "Hoppla!" stieß sie aus und schaffte es haarscharf Besteck, Tasse und Teller auf ihrem Tablett zu behalten.
      Als sich Tessa langsam umdrehte, um zu sehen, wer an diesem Morgen noch im Halbschlaf unterwegs war, staunte sie nicht schlecht.
      "Schon gut. Nichts passiert", antwortete Tessa.
      Mit einem zögerlichen Lächeln und mit einem Nicken deutete sie auf das gerettete Geschirr und räusperte sich dann. Es war merkwürdig mit dem Mann, über den alle tuschelten, durch einen dummen Zufall ins Gespräch zukommen. Toby sah sie verlegen und mit hochrotem Kopf an. Vielleicht bildete Tessa es sich ein, aber um sie herum schien es ein wenig stiller in der Schlange geworden zu sein. Lächelnd balancierte sie das Tablett über ihrem linken Arm um Toby höflich die Hand entgegen zu strecken.
      "Ja, Theresa ist richtig. Nein, die Vorstellung ist schon lange überfällig. Also, schön dich endlich kennenzulernen, Toby."
      Tessa ignorierte das Bedürfnis sich nach allen Seiten umzusehen. Es war früh und weder Malia oder Jamie noch Owl oder Roy waren schon eingetrudelt. Wobei Owl sich sowieso nur selten am Tag irgendwo zeigte und damit seinem Namen alle Ehre machte. Er war eine richtige Nachteule.
      Tessa wusste nicht, ob sie die nächste Frage aus Neugierde, Höflichkeit oder Mitgefühl stellte.
      "Wollen wir...vielleicht zusammen frühstücken?"
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Erleichterung huschte deutlich sichtbar über Tobys Gesicht, als er die angebotene Hand annahm und rücksichtsvoll schüttelte. Um sie herum war es wahrhaftig etwas stiller geworden, aber auch aufmerksamer; Theresas Vordermann tippte wiederum seinem Vordermann auf die Schulter und Tobys Hintermann reckte sich zu seinem Hintermann zurück, um ihm etwas halblaut zuzuflüstern. Toby schien es nicht aufzufallen.
      “Wollen wir… vielleicht zusammen frühstücken?”
      Jetzt hellten sich Tobys Augen regelrecht auf. Ganz offensichtlich begeisterte ihn der Vorschlag, aber er wollte es sich nicht recht anmerken lassen.
      “Ja. Gerne.”
      Verhalten lächelte er. Um sie herum wurde es wieder lauter, wenngleich das nur von dem ganzen Getuschel kam.
      Sie holten sich ihr Frühstück ab und ohne zu fragen, strebte Toby gleich seinen hinteren Stammtisch an. Auf dem Weg dorthin hefteten sich Blicke auf ihre Rücken und Leute stupsten sich gegenseitig an, um zu dem Paar zu nicken. Ja, man redete durchaus über Toby und jetzt war Theresa ebenfalls in den Mittelpunkt dieses Themas gerutscht. Dabei gab man sich aber Mühe, es vor den beiden geheim zu halten.
      Tobys Tisch war leer und die umstehenden nur sehr karg besucht. In dieser Ecke des Zeltes war es leiser, ruhiger, überschaubarer; hier drängte man nicht, hier gab es kein Chaos, keinen Platzmangel, hier war der Geräuschpegel auf einem normalen Niveau. Es war geradezu beschaulich, diese kleine Welt, in die sich Toby zurückzuziehen schien. Besonders angenehm für einen Morgen wie diesen.
      Er wünschte Theresa lächelnd einen guten Appetit und fing dann an zu essen. Dabei startete er eine anfangs etwas schüchterne, aber durchaus freundliche Unterhaltung. Wie schon andere fragte er Theresa, wo sie herkam, was sie vorher gemacht hatte und zeigte ehrliche Bestürzung, als sie ihm einen Einblick in das harte Leben auf der Straße gewährte. Er stellte Fragen und das auf eine rücksichtsvolle, freundliche Weise. Chester erwähnte er mit keinem Wort.
      Toby entpuppte sich als wortgewandter, manierlicher Mann. Er konnte lächeln, auch wenn er das nicht sehr häufig tat, und das auf eine sehr angenehme, einvernehmliche Weise. Sein Humor war von einer versteckten Art, bei der man ein bisschen nachdenken musste; aber wenn man es begriffen hatte, fühlte sich jeder Witz wie ein geheimer Insider an, nur für sie beide.
      So viele Witze machte er aber auch nicht, denn Toby schien eher von der ernsten Art. Er lächelte, ja, aber nie allzu lange. Er machte humorvolle Bemerkungen, ja, aber hinterher starrte er immer sein Essen an, als würde ihm davon schlecht werden. Er unterhielt sich auf nette Weise mit Theresa, ja, aber in den Pausen dazwischen schien sein Gesicht immer etwas zu erschlaffen, als trage er eine Maske, die ihm zu schwer würde. Rundum umgab ihn eine Aura, die man nicht einfach so ignorieren konnte und die erklärte, weshalb der halbe Zirkus in den letzten Wochen mindestens einmal seinen Namen in den Mund genommen hatte. Zwar versuchte er es zu vertuschen, aber es gelang ihm nicht sehr gut. Nicht einmal bei dem neuen Mitglied.
    • Die Erleichterung auf seinem Gesicht verwirrte Tessa. Vielleicht hatte er damit gerechnet, dass sie ihn meiden würde und sofort reißaus nahm. Die Anderen hatten die junge Frau gewarnt und ihr nahe gelegt, sich von Toby fern zu halten. Allerdings war Tessa noch nie dafür bekannt gewesen gut gemeinte Ratschläge zu beherzigen. Die Eigenart hatte ihr den ganzen Schlamasssel schließlich erst eingebrockt. Tessa nickte lächelnd und wartete etwas abseits der Schlange bis Toby ebenfalls sein Frühstück ergattert hatte. Gemeinsam verschwanden sie im hinteren Bereich des Zeltes und kehrten dem angeregten Getuschel den Rücken zu. Es war nicht so, dass Tessa nicht auffiel, dass über Toby und sie getratscht wurde, aber es berührte sie weniger als sie gedacht hatte.
      Toby stellte sich als freundliche und überraschend einfühlsame Persönlichkeit heraus, den eine melancholische Aura umgab. Obwohl er lächelte und scherzte, begleitete ihn eine gewisse Schwermut in allem, was er tat. Tessa fühlte binnen weniger Augenblicke eine unbestreitbare Sympathie für den Mann, der ehrliche Anteilnahme zeigte und nicht auf der Stelle versuchte, sie von den guten Dingen zu überzeugen. Toby bewertete nicht. Er verurteilte nicht. Er hörte einfach nur zu.
      Tessa nippten an ihrem Tee und obwohl sie gerade erst aufgestanden war, machte sie der gefüllte Magen träge. Sie würde sich doch noch in eine verwöhnte Hauskatze verwandeln, wie sie Chester einst prophezeit hatte. Mit einem leisen Klicken des Porzellans stellte sie die Tasse ab und lächlte zögerlich. Sie beobachtete, wie Toby lustlos den Rest seines Rühreis mit der Gabel über den Teller schob.
      "Es ist ein seltsames Gefühl", murmelte sie. "Alles sind so freundlich hier. Roy und Owl bringen mich ständig zum lachen mit ihrem Blödsinn. Malia und Ella haben immer ein offenes Ohr und mit Jamie zu arbeiten, macht mir tatsächlich Spaß. Manchmal habe ich das Gefühl ich habe allen zu schnell verziehen, irgendwie, aber an den meisten Tagen fühle ich mich hier wirklich...glücklich."
      Tessa seufzte.
      An allen anderen Tagen konnte sie kaum die Augen aufhalten, weil Albträume von gesichtslosen Menschen und blutige Messer sie wach hielten. Seit dem Besuch bei der Wahrsagerin quälten Tessa von Zeit zu Zeit furchtbare Albträume. Mit der Spitze ihres Zeigefingers fuhr sie nachdenklich über den Rand der Teetasse.
      "Und das macht mich wütend", ergänzte sie kleinlaut. "Ich fühle mich schuldig, als dürfte ich auf die Art nicht empfinden. Als wäre es meine Pflicht auf alles und alle hier wütend zu sein. Für die Lügen und...du...du weißt schon. Ergibt das Sinn?"
      Eigentlich hatte sie das Gefühl, dass Toby sehr gut verstand, was sie ausdrücken wollte.
      Sie lehnte sich zurück und winkte hektisch mit der Hand ab.
      "Vergiss das,bitte. Ich wollte unser Frühstück nicht ruinieren...", lachte Tessa nervös. "Jetzt hab ich dir meine halbe Lebensgeschichte erzählt und weiß noch gar nichts über dich. Was ist deine Aufgabe hier?"
      Tessa stützte die Ellbogen auf dem Tisch auf und sah Toby aufrichtig intressiert an. Da hatten sie so lange geredet und sie hatte nichts über den Mann erfahren. Sie würde lügen, würde sie behaupten, dass der Ursprung für das Gerede sie nicht neugierig machte, aber sie behielt die Frage für sich.
      Der Tee war fast ausgetrunken und auch das geschäftigte Gewusel im vordernen Teil des Zeltes dünnte langsam aus, da sah Tessa ihren Gegenüber zurückhaltend an und nestelte an der zerknüllten Papierserviette.
      "Sag mal, Toby...", begann sie zögernd.
      Sie wusste nicht, wie lange Toby bereits Teil des Zirkus Magica war und wie viel er über die Geschichte wusste. Wenn sie im Beisein der Anderen versuchte das Thema auf Chester, den Zirkus und dessen Ursprung zu lenken, bekam sie immer dieselben Antworten. Wie dankbar die Meisten waren. Dass sie eine Familie waren und niemand so genau wusste, wie alles angefangen hatte.
      Allerdings kam ihr nur eine Frage in den Sinn, für die sie nicht zwingend Chesters Namen in den Mund nehmen musste.
      "...gab es schon einmal eine Theresa hier?"
      “We all change, when you think about it.
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    • Toby lauschte schweigend und hob dabei den Blick, um Theresa anzusehen. Das schien er ganz gerne so zu machen, denn das gab ihm die Ausrede, sein Essen ignorieren zu können, das er sowieso nicht sehr euphorisch anfasste. Sein Blick huschte dabei ganz kurz zum Zelteingang, wo in dem Moment Malia sich gerade an ihren Tisch niederließ und zu ihnen herüber sah. Toby war der erste, der seinen Blick wieder abwandte.
      "Du fragst dich sicher auch, warum hier alle so freundlich sind, oder? Bei dem bunten Haufen, den wir abgeben? Ich frage mich das auch. Es dürfte nicht so sein, der Zirkus ist ein Gefängnis auf Lebenszeit, aber vielen ist das irgendwie egal."
      Er sah für ein paar Sekunden wieder auf seinen Teller und blickte dann wieder auf. In seinem Blick lag unverschleiert die Wehmut, die ihn auch sonst wie eine Aura umgab.
      "Es ergibt einen Sinn. Und ich glaube, dass es richtig ist, wütend zu sein, und ich glaube auch, dass genau das verhindert werden soll. Wir sind ein Zirkus, wir unterhalten die Menschen, wir können es uns nicht leisten, schlecht drauf zu sein. Aber das ist nur natürlich."
      Er rang sich ein Lächeln ab, als Theresa nervös auflachte.
      "Nichts ist ruiniert, mach dir keine Sorgen. Ich bin - oder war - im Sicherheitsdienst, aber momentan bin ich beurlaubt. Meistens gehe ich tagsüber in die Stadt oder besorge mir was zum Lesen." Er zuckte knapp mit den Schultern. "Eigentlich führe ich ein ziemlich normales Leben, wenn man das so will. So normal, wie es hier eben sein kann."
      Dann, bei ihrer letzten Frage, legte Toby sein Besteck ganz zur Seite. Die kümmerlichen Reste seines Frühstücks waren mehr zerstochen als alles andere.
      "Ob es schon einmal eine Theresa gab? Die gab es bestimmt häufiger, aber du meinst sicher die Theresa, oder?"
      Hier, in dieser hinteren Ecke des Zeltes, wo der Lärm nicht so laut war und viele Tische frei waren, redete Toby ganz frei, ungeachtet, ob sie jemand hören konnte.
      "Weil, Namen werden hier nicht so sehr bekannt, wie du dir sicher vorstellen kannst. Die Leute kommen und gehen und auch der Zirkus kommt und geht. Die nächste Generation wird uns schon wieder ganz vergessen haben, so wie wir die letzte wieder ganz vergessen haben.
      Aber manchmal werden die Leute zu so etwas wie einer Legende hier im Zirkus. Die neuen erfahren dann von den alten durch viel Tratscherei, was zu ihrer Zeit vorgefallen ist, und geben es dann wiederum an ihre neuen weiter, um sich wichtig zu machen. Diese Theresa soll zu ihrer Zeit jedenfalls mal Direktorin gewesen sein."
      Toby lehnte sich ein wenig vor. Er erzählte sehr freimütig, aber er schien sich nicht daran zu laben, Theresas Aufmerksamkeit zu gewinnen, sondern erzählte nur um ihretwillen.
      "Du kannst hier jeden fragen und jeder wird dir sagen, dass Zirkus Magica schon immer einen einzigen Zirkusdirektor hatte. Das wissen sie wohl von ihren Vorgängern und die von deren Vorgängern und so weiter. Aber diese Theresa soll hier auch mal ein Jahr lang die Führung übernommen haben und es heißt", seine Stimme wurde ein wenig leiser, geheimnisvoller, "dass sie drauf und dran gewesen sein soll, den Fluch zu brechen. Du weißt schon, den, der uns alle hier hält und schuften lässt. Sie soll es fast geschafft haben, ist wohl auf irgendein Geheimnis hinter der Uhr gestoßen. Aber dann -"
      Er machte eine langsame Handbewegung, als würde etwas in Zeitlupe in die Luft gehen.
      "Sie ist halt nicht unsterblich. Der Träger der Uhr schon. Muss ich mehr dazu sagen?"
      Er lehnte sich zurück.
      "An der Stelle gehen die Gerüchte auseinander. Die einen behaupten, dass er sie wie in irgendeiner Tragödie umgebracht hat. Die anderen sagen, dass sie eben durchs Alter irgendwann gestorben ist. Und wieder andere behaupten, dass sie den Fluch auch gelöst hat, aber nur für sich selbst und ihre Leute, und dass sie danach abgehauen ist."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Was auch immer es war, an ihren Namen wird man sich wohl erinnern als die einzige Zirkusdirektorin, die Zirkus Magica jemals hatte. Das ist schon eine Leistung wenn man bedenkt, dass der Platz auf Lebzeit vergeben wird."
    • Die Theresa. Die unschuldige Frage förderte eine Antwort zu Tage, die Tessa darin bestätigte, dass sie mit ihrer Vermutung nicht falsch lag. Eine Namensvetterin hatte Chester nahegestanden oder zumindest für genügend Unruhe gesorgt, dass sie in die Geschichte des Zirkus Magica eingegangen war. Verliebt und naiv hatte sie wirklich daran glauben wollen, dass es ihr Name war, den Chester verträumt im Schlag flüsterte. Nun, es war auch ihr Name, aber eine andere Theresa. Die Neue runzelte nachdenklich die Stirn und versuchte den fiesen Stich zu ignorieren, den ihr der Gedanke ins Herz trieb. Mittlerweile nestelte sie nicht nur an der Serviette, sondern zupfte kleine Papierfetzen ab, die lautlos vom Tisch rieselten. Dabei hing sie geradezu an Tobys Lippen und sog jedes Wort auf wie ein Schwamm. So freimütig hatte noch nie jemand mit ihr über die Geschichte des Zirkus gesprochen und deshalb machten seine erste Antwort auch leider Sinn. Sie sollte glücklich sein und sich wohlfühlen, ihre Aufgaben erfüllen und sich nicht an die Hoffnung klammern, etwas an ihrer derzeitigen Lage ändern zu können.
      „Ches…Er soll sie ermordet haben?“, flüsterte Tessa mit gedämpfter Stimme, obwohl sie in der hintersten Ecke überhaupt niemand hören konnte. Angeregtes Geplapper und das Klirren von Geschirr nahm von Minute zu Minute an Lautstärke zu, da sich das Zelt weiter füllte.
      Tessa war ganz blass um die Nasenspitze geworden und schien arge Schwierigkeiten damit zu haben, sie Chester als kaltblütigen Mörder vorzustellen. Dabei wusste sie eigentlich Nichts über den Mann, der sie nach allen Regeln der Kunst umschmeichelt hatte. Fleißig hatte er sie mit Lügenmärchen gefüttert und sie mit falschen Versprechungen geködert. Wobei ein paar Kleinigkeiten nicht gelogen waren, wie Tessa bitter zugab. Sie musste sich keine Sorgen mehr über einen leeren Bauch und ein Dach über dem Kopf machen. Das war dann auch schon alles.
      „Ich möchte wirklich glauben, dass sie mit ihren Leuten gegangen ist und in Frieden bis zu ihrem Ende gelebt hat. Die Version gefällt mir am besten“, gab Tessa zu.
      Peinlich berührt zuckten ihre Finger zurück, als sie die ramponierte Serviette betrachtete, die sie dank ihrer nervösen Anspannung über diese Enthüllung vollkommen zerpflückt hatte.
      „Es muss doch irgendwo Aufzeichnungen darüber geben. Hat denn niemand etwas über diese Zeit festgehalten? Irgendjemand muss doch wissen, was damals passiert ist. Diese Frau, diese Theresa, kann doch unmöglich die Einzige sein, die jemals versucht hat zu entkommen…“, fragte sie und tippte sich grübelnd an die Unterlippe. „Die Leute schrieben ständig jede unwichtige Kleinigkeit auf, wie kann es da sein, dass die Geschichte einer Frau, die den berühmten Che… einen unsterblichen Zirkusdirektor vom Thron gestoßen hat, sich allein durch Hörensagen und Gerüchte hält?“
      Chroniken, Personalbücher, Tagebücher…irgendetwas musste es doch geben.
      Irgendjemand musste etwas wissen. Ella war zwar eine der ältesten Personen im Zirkus, aber sicherlich nicht in solch einem biblischen Alter, dass sie zu Lebzeiten dabei gewesen war. Tobys Worte ließen darauf schließen, dass diese Theresa bereits vor langer, langer Zeit hier gelebt haben musste.
      ‚Eigentlich bin ich ein Sammler.‘
      Tessa zuckte kurz.
      Vor ihrem geistigen Auge erschien das Abbild alter, verstaubte Bücher in zerschlissenen Ledereinbänden, die wie ein wertvoller Schatz hinter Glas standen.
      ‚Ich sammle Geschichte.‘
      „Die Bücher…“, murmelte Tessa und sprang beinahe ruckartig von ihrem Sitzplatz auf. Die Erkenntnis stimmte das Mädchen geradezu euphorisch. Sie ging sogar so weit nach Tobys Händen zu greifen um sie dankbar zu drücken. Die absolute Verwirrung ihres Gegenübers ignorierte sie komplett.
      „Danke, Toby. Ich muss los. Aber komm mich doch gerne besuchen, wenn du Zeit hast. Bis dann.“
      Sie winkte ihm noch zum Abschied zu und eilte aus dem Zelt. Tessa war tatsächlich spät dran zu ihrer Schicht bei den Tieren, aber sie fühlte immer noch die untrügliche Freude über diesen winzigen Durchbruch. Bis sie abrupt stehen blieb. Langsam schlich sich die Realität in ihren Triumph ein. Das größte Problem war tatsächlich nicht, wie sie an die Bücher kam.
      „Bücher…“, wiederholte sie leise und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Bücher!“
      Tessa hatte das größte Problem einfach vergessen.
      Sie konnte nicht lesen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Es muss doch irgendwo Aufzeichnungen darüber geben. Hat denn niemand etwas über diese Zeit festgehalten? Irgendjemand muss doch wissen, was damals passiert ist. Diese Frau, diese Theresa, kann doch unmöglich die Einzige sein, die jemals versucht hat zu entkommen…“
      Toby musterte sie mit seinen traurigen, einst sicher strahlenden Augen.
      “Wer soll es denn festhalten? Du wirst wohl kaum über andere Leute schreiben und wer meinst du bekommt deine Tagebücher, wenn du erstmal gestorben bist? Wer kriegt sie wohl zuerst in die Finger? Und wenn du sie verstecken willst…”
      Er zuckte unverbindlich mit den Schultern.
      “Wenn du ein Versteck findest, dann versuch es doch. Aber ich garantiere dir, dass es hier einen Mann gibt, der sämtliche Verstecke kennt und noch viel mehr, an die du gar nicht denkst. Es mag Gerüchte und Geschichten über irgendwelche Geheimgänge, verborgene Räume und Geisterzelte in diesem Zirkus geben, aber einer von uns hat regelrecht daran mitgewirkt, diesen Zirkus aufzubauen. Ich bilde mir nicht ein, irgendwelche Gegenstände vor ihm verstecken zu können, und je früher du dich damit abfindest, desto besser. Also nein, es gibt hier nur einen, den du wirklich nach einer klaren Antwort fragen kannst, aber die wird wohl etwas parteiisch sein, wenn du mich fragst.”
      Damit schien sich auch Theresa für einen Moment zu beschäftigen, aber dann wechselte der Ausdruck in ihrem Gesicht. Ihre Augen wurden größer und Toby beobachtete, wie sie plötzlich voller Energie aufsprang.
      „Danke, Toby.”
      “Gern geschehen.”
      “Ich muss los. Aber komm mich doch gerne besuchen, wenn du Zeit hast.”
      Das brachte ihn zu einem verhaltenen Lächeln.
      “Klar. Würde mich freuen.”
      “Bis dann.“
      “Bis dann.”
      Schnell wie der Wind zog die Neue ab und Toby blickte ihr noch einen Moment hinterher. Toby und so ziemlich der Rest der Tische, an denen Theresa beim Hinausgehen vorbeikam.

      Weitere Tage vergingen und manchmal aß Theresa wieder mit Toby, manchmal aß er auch alleine. Das Gerücht ging rum, dass Toby und Theresa wohl etwas miteinander anfingen und Yasmin versuchte, ganz unauffällig eine klare Antwort von Theresa zu erreichen. Malia ging die Sache eher auf die schroffe Malia-Art an.
      “Toby hat sie nicht mehr alle. Du tätest besser, dich von ihm fernzuhalten. Irgendwann wird er dich noch mit runterziehen, das kannst du mir glauben.”
      Sie weigerte sich aber, Theresa zu erklären, warum er sie nicht mehr alle hatte und andere wollten ihr auch keine klare Antwort geben. So aß Theresa trotzdem noch mit Toby, manchmal zumindest. Und manchmal saß Brandon bei ihm, der andere Tierpfleger im Zirkus, und schien sich gut mit ihm zu unterhalten.

      An einem dieser Tage wanderte eine einsame, aber doch präsente Gestalt über die erdigen Wege des Zirkusses und machte vor einem Wagen halt. Sie klopfte und dann folgte sie auch gleich mit:
      Ich bin’s. Darf ich reinkommen?
      Obwohl drinnen Licht brannte, war es für viele Sekunden still. Dann antwortete Toby:
      “Nein.”
      Ich möchte reden.
      “Ich aber nicht.”
      Wie lange noch, Toby?
      Schweigen.
      Du weißt, dass es nicht besser wird. Wir alle wissen das. Lass uns reden und zumindest den ersten Schritt machen.
      “Es gibt nichts zu sagen.”
      Doch, das finde ich schon. Dann rede nur ich und du hörst mir zu. Fünf Minuten deiner Zeit, mehr möchte ich gar nicht.
      Wieder schweigen, aber dann wurde ein Riegel zurückgeschoben. Toby musste die Gestalt noch einmal ausdrücklich hereinbitten, bevor sie auch folgte.

      Als Chester eintrat, war seine Miene entspannt, aber nicht ausdruckslos. Seine Augen waren weich und schienen ganz zahm, so wie die Augen einer alten, süßen Frau, wie Toby fand. Auf seinen Lippen lag der Hauch eines Lächelns, nicht zu viel zum übertreiben, aber genug, dass man ihm ansehen konnte, dass er in guten Absichten hier war. Seine ganze Miene war so freundlich, dass Toby gleich das Bedürfnis verspürte, ihr alles anzuvertrauen. Wie könnten diese netten Augen ihn auch hintergehen?
      Aber das war genau der Grund, weshalb er nie darüber hatte reden wollen. Reden könnte er schon, aber er würde sich nicht manipulieren lassen.
      Toby verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Chester kalt an. Er bot ihm nicht an zu sitzen und der Zirkusdirektor fragte auch nicht danach.
      Wie geht es dir?
      “Die fünf Minuten laufen. Sag, was du zu sagen hast, und dann geh wieder.”
      Ein Ausdruck von Schmerz flackerte über Chesters Gesicht. So wusste Toby, dass das alles nur wieder irgendein Spiel war, denn der Ausdruck war einfach zu perfekt, er befriedigte ihn zu stark, um echt zu sein. Er glaubte nicht, dass sich Chester von so etwas simplem verletzen lassen würde. Der Mann war alt und Toby war nur eine seiner vielen Spielfiguren; eine leicht ersetzbare noch dazu.
      Ich möchte dir keinen Vortrag halten. Ich möchte mit dir reden und dafür benötige ich Antworten.
      “Mir wäre der Vortrag lieber.”
      Aber das wird doch zu nichts führen, Toby.
      “Wohin soll es denn führen? Was ist dein Ziel hier, Chester?”
      Der Zirkusdirektor klappte den Mund zu. Vielleicht war er sich selbst darüber nicht ganz im Klaren.
      “Willst du, dass ich dir vergebe? Dass ich mich dir in die Arme werfe und mich dafür bedanke, dass ich hier”, er machte eine Geste zur Seite, “in dieser Karawane sterben darf? Dass ich mein ganzes restliches Leben dem Sinn und Zweck widme, andere Leute zu bespaßen? Dass ich nie mehr irgendwo hingehen, nie mehr irgendwas sehen, keine neuen Leute mehr kennenlernen werde? Dass ich alles, was ich hier im Zirkus vielleicht lerne, niemals in der Welt dort draußen zum Einsatz bringen werden kann? Dass es keinen Unterschied macht, ob ich arbeite oder nicht arbeite, ob ich mich weiter entwickle oder nicht, weil ich weiß, dass ich immer etwas zu essen und immer ein Dach über dem Kopf haben werde? So hast du es doch damals ausgedrückt, oder nicht?”
      Wieder ein gequälter Ausdruck auf Chesters Gesicht, als würden ihn die Worte verletzen. Diesmal fühlte es sich aber nicht befriedigend an, diesmal verspürte Toby einen Stich von schlechtem Gewissen. Immerhin hatte er damals genug Zeit gehabt, sich aus Chesters Fängen wieder zu befreien.
      Oder war das wieder nur der Zweck dieses Ausdrucks? War das wieder nur Chesters Manipulation, die hier am Werk war?
      Nein, das möchte ich nicht. Du sollst mir nicht vergeben und du sollst mir auch für nichts danken, aber du sollst einen Strich ziehen. Du sollst aufhören, etwas ändern zu wollen, was sich nicht ändern lässt, denn das wird dich nur auffressen. Was ich getan habe, lässt sich nicht mehr rückgängig machen und du hast alles Recht dazu, mir dafür bis in alle Zeit böse zu sein, aber es wird nichts an deiner Lage ändern oder daran, dass du nicht mehr das mit deinem Leben anfangen kannst, was du vielleicht wolltest. Es ist vorbei, Toby, und ich möchte, dass du das begreifst. Man kann es jetzt nicht mehr ändern.
      “Doch, doch das kann man. Natürlich kann man das.”
      Er deutete mit einer forschen Geste auf die goldene Uhr, die leise an Chesters Seite tickt.
      “Sie hält uns doch fest, nicht wahr? Dann zerstöre sie. Zerstöre sie, setze uns frei und alles ist vorbei, wir können alle nachhause gehen.”
      Auch, wenn Toby das erwartet hätte, zeigte Chesters Miene keine Reaktion auf seine Worte.
      Das geht nicht und das weißt du.
      “Nein, das weiß ich nicht.”
      Toby stand auf.
      “Alles, was ich weiß, ist, dass du hier der einzige bist, der niemals in diesem Zirkus beerdigt werden wird. Du hast doch keine Ahnung wie es ist, wenn man nicht nachhause zurück kann und wenn man seine Familie oder seine Freunde vermisst, weil du in diesem verdammten Zirkus aufgewachsen bist und weil das hier deine Familie ist. Du kennst es gar nicht anders. Aber wir alle, wir werden alt und wir werden grau und eines Tages werden wir hier noch sterben, wir haben alles verloren wegen dir - wegen deiner Uhr. Und ich glaube… ich glaube, du kannst sie zerstören, aber du willst es nur nicht, weil dann würde auch dein Leben vorbei sein, dann würdest du genauso wie wir alle sterben und deine kostbare Unsterblichkeit verlieren. Ist doch so, oder etwa nicht? So ist es doch?”
      Chester schien für einen Augenblick wie in der Zeit eingefroren. Er reagierte nicht nur nicht, er schien regelrecht erstarrt, als würde sich die Welt weiterdrehen und nur Chester wäre irgendwo dazwischen stecken geblieben.
      Dann senkte der Mann den Blick und schien in sich zusammenzuschrumpfen.
      So ist es.
      Toby verspürte ein mächtiges Triumphgefühl dabei, Chester endlich ein Geständnis entlockt zu haben. Dabei verschwendete er keinen Gedanken darauf, dass dieses Geständnis womöglich auch Manipulation war.
      “Und wirst du es tun? Wirst du die Uhr zerstören?”
      Nein.
      “Dann kannst du jetzt wieder gehen. Ich glaube, die fünf Minuten sind um.”
      Chester sah ihn wieder an und schien sich unmerklich zu straffen. Er schien seine Fassung, oder auch seine Würde, die er hier kurzzeitig abgelegt hatte, wieder einsammeln zu wollen.
      Ich fände es schön, wenn du trotzdem versuchen würdest, dich mit deiner Situation zurechtzufinden. Ich habe gehört, dass du dich mit Theresa anfreundest und sie ist ein sehr liebes Mädchen, es würde dir bestimmt gut tun, nicht alleine zu sein. Du kannst nicht auf alle anderen böse sein, wenn ich der einzige bin, dem du es vorzuhalten hast.
      “Ich lasse mir von dir nicht sagen, was ich tun soll, Chester.”
      Das weiß ich. Sieh es eher als den Rat eines alten Mannes.
      Chester lächelte ganz leicht nur und da war es wieder, dieses Gefühl, dass man doch ein wenig aufweichen sollte, dass Toby zu hart zu ihm gewesen war. Aber - nein, er hatte lange darüber nachgedacht, das hier war genau gewesen, was er zu ihm sagen wollte.
      “Geh jetzt.”
      Ich wünsche dir eine gute Nacht.
      “Die werde ich nicht haben.”
      Die Gestalt verschwand wieder nach draußen und Toby verriegelte die Tür hinter ihr wieder. Durch das Fenster konnte er sie in der Dunkelheit verschwinden sehen, einsam und doch mit einer Präsenz, die den ganzen Zirkus auszufüllen schien, selbst seinen eigenen Wagen.
      Ihm fröstelte es und er bereitete sich wirklich auf eine unangenehme Nacht vor.
    • Toby hat sie nicht mehr alle.
      Tessa hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie diesen Satz in den vergangenen Tagen gehört hatte. Nach dem ersten gemeinsamen Frühstück hatte niemand etwas gesagt, doch als Tessa zwei Tage später wieder mit Toby gemeinsam am Tisch saß, war das Geflüster lauter geworden. Es geschah immer öfter, dass die ehemalige Diebin an ihren neuen Freunden vorbeischlich, um sich mit Toby in die hinterste Ecke des Zeltes zu verdrücken. Einen großen Bogen machte sie um die Tische sobald Brandon sich zu Toby gesellte. Bei dem Mann lief es ihr einfach eiskalt den Rücken herunter.
      Die Gerüchteküche explodierte, als ein gemeinsamer Spaziergang alle in helle Aufregung versetzte. Immerhin gab es sonst nicht viel Neues in dem eingeschränkten Kosmos des Zirkus Magica. Die Leute traten nun offen an Tessa heran und die war niemandem wirklich böse deswegen. Dabei war gar nichts Aufregendes dabei gewesen. Sie hatten über die Bücher gesprochen, die Toby sich aus der Stadt besorgt hatte und Tessa noch nie in ihrem Leben auch nur eine Zeile gelesen hatte. Der Mann mit dem verschlossenen Blick hatte beinahe pikiert darüber gewirkt. Bücher seien der beste Weg um für eine Weile dem Zirkus zu entkommen und sei es nur in der Vorstellung. Eines ergab das Andere und nun würde Toby ihr das Lesen beibringen. Das erste Buch, aus dem Zeilen lernte war 'Alice im Wunderland'.
      Manchmal, wenn sie in dem Buch blätterte, dachte Tessa an die verschlossenen Bücher und die andere Theresa.
      Und an Chester, der weiterhin einen großen Bogen um sie machte. Anscheinend hatte er Tessa bereits aus seinem Gedächtnis gestrichen, nun, da sie Teil seines Fluches war und ihren Zweck erfüllt hatte. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht wenigstens so zu tun als ob es ihn interessierte.
      “Toby hat sie nicht mehr alle. Du tätest besser, dich von ihm fernzuhalten. Irgendwann wird er dich noch mit runterziehen, das kannst du mir glauben“, warnte Malia, die auf den Stufen von Tessas Wohnquartiere saß, während sie der spröden Holzverkleidung endlich einen neuen Anstrich verpasste. Ihr Gesicht war über und über mit Farbe besprenkelt.
      „Zerbrich dir nicht den Kopf, Malia. Es ist lieb, dass ihr euch alle um mich sorgt, aber ich bin ein großes Mädchen“, hatte Tessa geantwortet. „Wir reden nur, also glaub Yasmin und den anderen bitte kein Wort. Ich weiß, sie meint es gut und der Rest…will einfach nur etwas zum Tratschen haben.“
      Es war nicht so, dass Tessa allen anderen aus dem Weg ging. Sie aß, redete und lachte mit Malia, Yasmin und den anderen Akrobaten. Regelmäßig besuchte sie Ella für den versprochenen Nachmittagstee. Sie vernachlässigte weder ihre Arbeit mit Jamie, noch ihr Training mit Owl. Vor allem in den Abendstunden war sie oft zwischen Roy und Owl irgendwo an einem Feuer zu finden. Sie alle gaben Tessa etwas Einzigartiges. Sie alle waren ihre Freunde geworden, sogar Malia, die sich entschieden dagegen wehrte. Nur manchmal, da war das einfach nicht genug.
      Die Wahrheit war, dass mit Toby zu sprechen so einfach war wie das Atmen. Tessa musste in seiner Gegenwart nicht pausenlos glücklich sein, damit sich niemand sorgte, und sie musste sich nicht erklären. Toby verstand ihre Zerrissenheit und Wut wie kein Zweiter.

      Die Zeit verging und Weihnachten zog am Zirkus Magica vorbei.
      Die Festivitäten hielten alle zu jeder Tageszeit in Atem, doch nichts fieberte der Zirkus so sehr entgegen wie der großen Show zum Jahreswechsel. Es war am Vorabend von Silvester und die Vorbereitungen für den großen Abend waren beendet, da stand Tessa vor der Tür von Tobys Wagen, wie so oft in den vergangenen Wochen, und klopfte sachte mit den Knöcheln gegen das Holz. Toby öffnete die Tür mit versteinerter Miene, denn er wusste genau, weshalb die junge Frau vor seiner Tür stand.
      "Du hast es versprochen", schmollte Tessa.
      Beharrlich hielt sie dem widerwilligen Blick des Mannes stand, bis der schließlich einknickte, seine Jacke schnappte und die Tür hinter sich geräuschvoll ins Schloss zog. Triumphierend machte Tessa einen kleinen Hüpfer und machte sich gemeinsam mit Toby auf dem Weg zum großen Zirkuszelt. Es dämmerte bereits und das Zelt funkelte regelrecht mit all der dekorativen Beleuchtung, die bis zu Spitze in schwindelerregenden Höhen reichte. Tessa hatte sich von dem Trubel ferngehalten. Malia hatte er die freundliche Warnung gegeben, dass sie sich eine andere Aufgabe suchen sollte, wenn sie dem Zirkusdirektor nicht über den Weg laufen wollte. Obwohl das Verlangen nach Antworten nicht verschwunden war, schien der Zeitpunkt wieder einmal nicht der Richtige zu sein. Also hatte sie mit Jamie den ganzen Tag die Tiere auf die Show vorbereitet. Sie hatte Mähnen geflochten, Schleifen gebunden und Felle gestriegelt bis ihre Finger ganz taub gewesen waren.
      Vor dem Zelt hielt sie kurz inne und sah Toby aufmunternd an. Aus dem Inneren ertönte bereits leise, stimmungsvolle Musik und sie wusste, dass die fleißigen Artisten, Handwerker und Künstler den ganzen Tag unermüdlich geschuftet hattet. Eine Belohnung hatte sich jeder verdient. Es war ein Abend des Zusammenkommens und Tessa war der Überzeugung, dass dies auch für Tob galt. Immerhin würden seine Freunde auch da sein.
      "Wird schon schief gehen", gluckste sie und zuckte mit den Achseln.
      Beim Eintreten bekam Tessa ganz große Augen. Auch das Innere des Zeltes war herrlich geschmückt, die Sitzplätze aufgeräumt und geschrubbt, kleine Makel ausgebessert, geschliffen und gestrichen worden. Alles sah brandneu und imposant aus. Die Lichter schimmerten auch über ihren Köpfen. An dünnen, beinahe unsichtbaren Schnüren hingen hunderte von kleinen Glühbirnen, die von Unten flackerten und leuchteten wie eine Schwarm von Glühwürmchen. Funkelnde Lichterketten schlängelten sich um die hohen Pfosten, die zum Trapez und dem Hochseil führten. Tessa wusste, dass hinter dem großen Vorgang, das eigentliche Spektakel vorbereitet war. Auf Hochglanz polierte Requisiten und schillernde Kostüme mit Silberfäden und Pailletten warteten dort auf ihren großen Einsatz. Am Rand des Zentrums stand noch halb abgedeckt die große, drehbare Zielscheibe, die Owl am morgigen Abend für seinen Auftritt benötigte. Dahinter erkannte sie die Fackeln und Utensilien von Roy, da Owl und der Feuerspucker eine Nummer zusammen einstudiert hatten. Sie freute sich darauf zuzusehen, denn es würde den Besuchern den Atem verschlagen.
      Tessa entdeckte Yasmin und Malia und winkte den Akrobatinnen, die Morgen beindruckte 'Ahs' und 'Ohs' aus den Zuschauern kitzeln würden, fröhlich zu.
      In der Mitte waren die großen Tische aus dem Kantinenzelt aufgebaut und mit Getränken und Speisen gefüllt wurden. Der Koch hatte sich wirklich selbst übertroffen, um die harte Arbeit zu belohnen. Es wurde gelacht und in dem kleinen Freiraum zwischen den Tischen, sah Tessa sogar ein paar der Angestellten die ersten Tanzschritte machen. Wieder ein Jahr vorüber...
      Das Zelt quoll vor Energie über, so dass auch Tessa ihren Gram einfach vergaß. Bei allem, was geschehen war, konnte sich doch niemand der Magie des Zirkus Magica entziehen. Auch sie nicht.
      "Wow", murmelte Tessa.
      Sie vergaß, dass Toby diesen prächtigen Anblick wohl schon dutzende Male gesehen haben musste.
      "Sieh dir das alles an!"
      "Herrlich, nicht?", erklang die Stimme von Owl. Er nickte Toby knapp aber höflich zu. "Toby. Komm, ihr müsst unbedingt was von dem Punsch probieren. Roy und ich konnten eine Spezialzutat einschmuggeln, aber verrat uns nicht an Chester."
      Der Messerwerfer zwinkerte Tessa zu.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Über die Wochen hinweg wurde die neue "Beziehung" zwischen Theresa und Toby zu einer wahrhaftigen Attraktion. Bei jeder Mahlzeit wartete man voller Erwartung ab, ob Theresa wieder zum hintersten Tisch gehen würde, und wenn sie das mal nicht tat, fingen schon gleich wieder die Gerüchte an, dass es mit ihnen beiden nun auch wieder vorbei sei, so wie es mit Tobys Ex-Freundin irgendwann vorbei gewesen war. Besagte Ex-Freundin äußerte sich zu der Annäherung sehr wortkarg. Als sie einmal direkt nach einer Meinung gebeten wurde, die aus ein paar mehr Wörtern bestand, als aus "Ist doch schön für ihn", zuckte sie nur mit den Schultern.
      "Es ist gut, wenn er nicht die ganze Zeit mit Brandon rumhängt, er setzt ihm immer die dümmsten Ideen in den Kopf. Aber sonst gibt's da nicht so viel zu sagen. Theresa scheint doch ganz nett zu sein, vielleicht schafft sie es ja, ihn aus seinem Loch zu holen."
      Das war in den vorbeiziehenden Wochen natürlich auch Bestandteil einer sehr großen Wette, bei der niemand wusste, wer sie wirklich in Gang gesetzt hatte: Würde Theresa Toby "heilen" oder würde Toby sie nur mit sich runterziehen? Die eine Hälfte der Leute zerriss sich die Mäuler darüber, dass Theresa "die eine" für ihn sei und dass es ihr Schicksal sei, in diesen Zirkus zu kommen und Toby zu retten, die andere Seite argumentierte, dass Theresa noch gar nicht lange genug dabei war, um wirklich alle Konsequenzen des Fluchs ergriffen zu haben. Natürlich würde Toby sie mit runterziehen, weil er sie viel zu früh damit konfrontieren würde.
      In jedem Fall sorgte das Thema für Gesprächsstoff und die Unterhaltung, nach der in dem immerwährenden Zirkus stets gesucht wurde. Man konnte nunmal nicht anders, als sich ausgiebig über die Änderungen zu unterhalten, die höchstens alle paar Jahre stattfanden. Es war sowas wie ein kleines Highlight.

      Der rege Zirkusbesuch lebte wieder etwas auf, als sich das Neujahr anbahnte und der Zirkus Magica alles daran setzte, mit möglichst viel Krach und Schwung hinüber zu rutschen. Das ganze Zirkusgelände übertraf sich selbst bei den Vorbereitungen dafür, die letzten Tage dieses Jahres gebührend zu verabschieden. Warme Lichter erstrahlten über den Wegen und vertrieben die winterliche Dämmerung, alle möglichen kräftigen Farben drückten sich durch das Grau seiner Umgebung hindurch und wohin man auch ging, konnte man Musik und Gelächter hören - wenn schon nicht von den Besuchern, dann doch mindestens von den Angestellten selbst. Die kurze Ruhepause des ersten Schneefalls war vorbei; jetzt liefen sämtliche Vorbereitungen auf Hochtouren. Akrobaten waren den ganzen Tag in der Manege zum Üben, Dompteure ließen ihre Tiere nach draußen und prägten ihnen ihre Kunststücke ein, das Orchester spielte und übte, bis die Finger wund waren, und überall wurde zur gleichen Zeit geputzt, hergerichtet und die Besucher bei den Ständen bespaßt. Es gab so einige Hochsaisons des Zirkusses und diese war eine davon. Der Zirkus blühte in seiner vollen Pracht.
      Als Belohnung für die ganze Mühe winkte dann der Vorabend des eigentlichen Spektakels, an dem die Angestellten selbst in die Entzückung ihrer eigenen harten Arbeit kommen konnten. Sogar hier wurde nicht mit Kosten gescheut: Der Koch hatte mit seinen Helfern ein wahres Buffet aus Speisen und Getränken erstellt, die alle bisherigen Mahlzeiten der Kantine bei weitem übertrafen. Hier gab es alles, woran man nur denken konnte und was das Herz begehren könnte. Dafür war er aber auch die letzten Tage pausenlos in der Küche gestanden, genauso hart arbeitend wie alle anderen auch.
      An Theresas Seite wirkte Toby ein bisschen wie ein trauriger Tropf, aber zumindest war er gekommen und das schien wohl eine Seltenheit. Als Owl zu ihnen trat, nickte Toby dem Mann zumindest zu.
      Zu dritt gingen sie zu einem der einzelnen Tische, die über die ganze Manege hinweg verteilt waren, und auf dem ein riesiger Punsch stand, kräftig violett, so als versuche er, es mit den ganzen Farben im Zirkus aufzunehmen. Daneben stand Roy, der ein bisschen wie ein Bodyguard wirkte, so wie er die Leute dabei beobachtete, wie sie sich ihre Gläser füllten.
      Der Feuerspucker sah zu dem ankommenden Trio hinüber und bereitete ihnen bereits Gläser vor, die er auch gleich rumreichte.
      "Schönen guten Abend. Kennt ihr das schon? Ich nenne es den "Feuerspucker"."
      Für diesen furchtbaren Humor erntete der Mann einen skeptischen Blick von Toby, der dennoch nach dem Glas griff, einen Schluck nahm und anfing zu husten.
      "Der ist viel zu stark! Das wird doch auffallen."
      Er hustete noch weiter, trank aber trotzdem noch einen Schluck.
      "Solange uns niemand verpetzt, ist es genug. Liam ist auf unserer Seite."
      "Chester wird das schmecken."
      "Chester kommt nicht."
      Roy zögerte einen Moment und setzte hinzu: "Ist zu beschäftigt", aber der kurze Blick zu Theresa verriet ihn anderweitig. Dafür schien die Entwarnung auch Toby ein bisschen zu lockern.
      "Dann schenk mir nach."
      "Mach's selbst, hier ist der Löffel."
      Toby schenkte sich nach und wollte dann am liebsten gleich aus der Menge wieder verschwinden. Er nötigte Theresa dazu, dass sie sich zumindest einen Platz in den Zuschauerränken suchten, wo sie nicht ganz zwischen allen Leuten waren. Da hielt Toby sich an seinem Glas fest und sah unglücklich dem ganzen Trubel zu.
      "Ich versteh den Aufriss nicht. Es ist doch nur ein neues Jahr, nichts weiter. Nichts verändert sich, man wird nur älter und gut ist's."
      Er schielte zu Theresa hinüber.
      "Sag mir nicht, dass du eine von denen bist, die Neujahrsvorsätze machen."
    • Mit bellendem Lachen klopfte Owl dem Feuerspucker etwas überschwänglich auf die Schulter, obwohl der Witz gar nicht so lustig gewesen war. Der bärtige Messerwerfer schien an diesem Abend äußerst vergnügt zu sein. Die Leichtigkeit und die ausgelassene Stimmung zeigte sich in allen Gesichtern, die Tessa und selbst den grimmigen Toby lachend begrüßten. Niemand wollte sich an einem Abend wie diesem die Laune verderben lassen. Tessa verschluckte sich an dem ersten Schluck vom Punsch, der etwas zu auffällig in ihrer Kehle brannte. Sie hustete mit Toby um die Wetter, was niemanden der Anwesenden auch nur ansatzweise störte. Gut, vielleicht ließ sich die Heiterkeit auch dadurch erklären, dass Roy sehr, sehr großzügig mit seiner Geheimzutat gewesen war.
      "Liam hat das abgesegnet?", prustete Tessa, weil sie immer noch mit dem Hustreiz kämpfte, und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. "Ich mein, mittlerweile weiß ich ja, dass er eigentlich ganz okay ist. Trotdzem hab ich irgendwie immer den Eindruck bekommen, dass er einen gewaltigen Stock im...."
      Owl stieß Tessa unerwartet einen Ellbogen in die Rippen, als Liam in Begleitung von Malia an ihnen vorbei zog. Mit breitem Grinsen und hochroten Köpfen prosteten der Messerwerfer und sein inoffizieller Lehring Liam zu und versuchten dabei möglichst unschuldig auszusehen. Eben so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Mit einem schiefen Blick sah Tessa zu Owl hinauf, der unschuldig summend zurück zu Roy schlenderte.
      "Chester wird das schmecken."
      "Chester kommt nicht. Ist zu beschäftigt."
      "Klar", schnaubte Tessa und leerte ihren Becher in einem Zug.
      Über den Tisch hinweg, stieß Owl einen Pfiff aus.
      "Langsam, Kitty. Das Zeug ist nicht ohne. Nicht, dass du mir noch aus den Schuhen kippst", lachte Owl und schenkte Tessa trotz der Warnung nach. Die zuckte nur mit den Achseln.
      "Und? Bisher hat sich auch nicht dafür intressiert, wie ich mich einlebe."
      Um die Stimmung nicht durch die Gewitterwolken über ihrem Kopf zu kippen, setzte Tessa ein Grinsen auf.
      "Außerderm..." Sie prostete ihren neuen Freunden zu. "Was Chester nicht weiß, macht ihn nicht heiß."

      Etwas widerwillig ließ Tessa sich zu den Zuschauerrängen führen. Sie drapierte die Beine in einen Schneidersitz, so gut es auf den schmalen Stühlen eben ging, den dritten Becher voll mit Roys 'Feuerspucker' in der Hand.
      "Ich versteh den Aufriss nicht. Es ist doch nur ein neues Jahr, nichts weiter. Nichts verändert sich, man wird nur älter und gut ist's."
      Tessa legte den Kopf etwas schräg.
      "Hm, ich weiß nicht. Für manche bedeutete ein neues Jahr vielleicht auch eine neue Chance. Die Dinge anders zu machen, weißt du?"
      "Sag mir nicht, dass du eine von denen bist, die Neujahrsvorsätze machen."
      Ein schiefes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht.
      "Wenn ich mich richtig erinnere stand 'Nicht erfrieren oder verhungern' ganz oben auf der Liste meiner Neujahrsvorsätze."
      Tessa kicherte hinter dem Rand ihres Bechers, obwohl es eigentlich nichts zu lachen gab, und nippte an dem Punsch.
      Sie stützte die Ellbogen auf ihren Beinen ab, während der halbvolle Becher leicht zwischen ihren Fingern hin und her schwang.
      "Du hast mir nie verraten, warum du so wütend auf Chester bist."
      Als Toby sie skeptisch beäugte, seufzte sie.
      "Na ja,...bis auf die offensichtlichen Gründe. Ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass da mehr ist. Ich meine, du schaffst es sogar bis in die Stadt um deine Bücher zu besorgen. Sogar Malia war dort, als sie nach mir suchen sollte. Das hat Ella mir erzählt. Ich komme nicht einmal nah genug heran, um auch nur daran zu denken einen Fuß auf die Hauptstraße zu setzen."
      Missmutig kräuselte Tessa die Nase.
      "Mir wird sofort ganz nebelig vor Augen, wenn ich es auch nur versuche. Das ist nicht fair."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Toby warf Theresa einen Blick über den Rand seines Glases hinweg zu, der zu bedeuten schien: Na wenn das mal jemand anderes zu hören bekommt. Über ihren bisherigen Neujahrsvorsatz lachte er nicht mit, aber er gönnte ihr den Spaß, diesen kleinen, bitteren Humor, der darin lag. Humor war schließlich eine von Tobys Stärken; womöglich hatte er sie auch ein bisschen damit angesteckt. Wie sollte man wohl sonst den Alltag des Zirkus überleben, wenn nicht mit Humor?
      Er nahm auch noch einen Schluck und hustete wieder.
      “Du hast mir nie verraten, warum du so wütend auf Chester bist.”
      Jetzt war es Toby, der sie höchst skeptisch betrachtete, weshalb sie schnell hinzu setzte:
      "Na ja,...bis auf die offensichtlichen Gründe. Ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass da mehr ist. Ich meine, du schaffst es sogar bis in die Stadt um deine Bücher zu besorgen. Sogar Malia war dort, als sie nach mir suchen sollte. Das hat Ella mir erzählt. Ich komme nicht einmal nah genug heran, um auch nur daran zu denken einen Fuß auf die Hauptstraße zu setzen.”
      Toby schnaubte.
      “Daran gewöhnst du dich. Das ist wie Schwimmen zu lernen: Erst gehst du ständig unter und fragst dich, wie andere nur so mühelos oben bleiben können, und dann probierst du beim nächsten Mal etwas anderes aus. Vielleicht ruderst du mit den Armen oder Beinen und kannst eine Sekunde länger oben bleiben. Dann weiß dein Körper beim nächsten Mal schon, was besser war und du ruderst vielleicht gleichzeitig. Irgendwann wirst du ganz von alleine schwimmen und dich fragen, wie du es am Anfang nicht begriffen hattest. So ungefähr läuft es hier auch ab.”
      Er ließ den Blick über die Manage schweifen, vielleicht um Theresas auszuweichen. Seine Hände hielten seine Tasse fest gepackt.
      “Aber schwimmen zu können, hält dich nicht vom Ertrinken ab. Und ich glaube, ich bin es einfach müde geworden, weiter zu schwimmen.”
      Er sah wieder Theresa an, unbewegt. Seine Gefühle waren nicht versteckt, sie waren einfach nur abgestumpft.
      “Ich bin jetzt seit 8 Jahren hier. Ich bin 34, musst du wissen, und als Chester mich damals angeheuert hat, war alles noch neu und aufregend und spannend gewesen. Aber das hier ist auch schon alles, was du bekommst. Hier ist es schon wieder vorbei, Theresa. Das hier”, er machte eine ausladende Geste, “ist alles. Es kommt nicht mehr dazu und es ändert sich auch nicht. Das, was du siehst, ist das, was du bekommst. Du kannst nicht erwarten, dass eines Tages ein Wunder passiert und die ganze Welt plötzlich in diesem Zirkus steckt. Wir sind in einem Zirkus und es ist niemals mehr als das. Du wirst niemals mehr etwas anderes zu sehen bekommen, etwas anderes erleben, etwas anderes fühlen. Wir sind jetzt nur noch dazu da, Menschen zu unterhalten. Wir leben für andere, nicht mehr für uns.”
      Sein Kiefer wurde hart und in seine Augen trat ein Feuer, das zu einem ganz bestimmten Zweck dort tobte. Aber es schien sich auf niemanden im Zelt entladen zu können.
      “Als ich hier angekommen bin, richtig angekommen bin, wurde mir klar, dass das zu wenig ist. Aber da war es schon zu spät. Wir leben in einem Käfig und ich werde Chester niemals verzeihen, dass er uns absichtlich herein gewunken hat, auch wenn er die Konsequenzen genau kannte.”
    • Toby machte eine ausladende Geste mit den Händen und Tessa folgte der Bewegung mit den Augen. Sie ließ den Blick durch das geschmückte und in stimmungsvolles Licht getauchte Zirkuszelt schweifen. Es war eigenartig, aber Tessa spürte, was Toby versuchte ihr mitzuteilen. Für einen Moment hatte sie das unangenehme Gefühl, das die Zeltwände näher rückten und ihre Welt noch ein Stückchen kleiner machten. Sie hatte es Chester selbst an den Kopf geworfen, als er ihr das Herz in tausend Stücke zerbrochen hatte. Tessa war ein Niemand gewesen, aber zumindest hatte sie die Freiheit gehabt, selbst zu entscheiden, was sie mit diesem unbedeutenden Leben anfangen wollte. Diese Möglichkeit hatte sie gegen Sicherheit, ein Dach über dem Kopf und einen vollen Bauch eingetauscht. Eigentlich kein schlechter Handel, wenn sie das Kleingedruckte ignorierte. Nur, was fing man mit einem Leben an, in dem sich nichts veränderte? Wenn jeder Tag bis zum Ende immer der gleichen Monotonie folgte?
      Langsam ließ sie den Becher sinken und sah Toby an, als wollte sie etwas sagen.
      "Hey, Tessa!", donnerte Owls Bassstimme durch das Zirkuszelt. Er wedelte mit den starken Armen, als befürchtete er, dass Tessa ihn einfach übersah. Um den Messerwerfer herum hatte sich eine Menschentraube gebildet, die alle wild mit den Händen gestikulierten. Zwischen berauschendem Punsch, Musik und Tanz war in den letzten Minuten eine Diskussion ausgebrochen.
      "Was hat er denn?", murmelte Tessa und sah ihren Sitznachbarn entschuldigend an. "Ich sehe mal kurz nach, was er will."
      Behände hüpfte die ehemalige Diebin über die Lehne der Sitzreihe vor ihr und schlenderte die Stufen in die Manege herunter. Ihren Becher hatte sie in den Zuschauerrängen zurückgelassen.
      Owl hatte ein breites Grinsen aufgelegt und deutete mit ausgestrecktem Daumen zu einer Gruppe aus Männer und Frauen, die Tessa als Zirkusarbeiter erkannten, die für die Reparaturen und die Instandhaltung verantwortlich waren. Wann immer etwas knirschte, knackte oder den Geist auf gab, war einer oder eine von ihnen zur Stelle. Gleichzeitig legte Owl einen schweren Arm um Tessas schmale Schultern.
      "Hör mal. Unsere lieben Freunde hier behaupten, du hättest nur genug Mumm meine Messer zu werfen, aber nicht genug, um dich vor die Zielscheibe zu stellen", verkündete er.
      Tessa zog eine Augenbraue nach oben und bemerkte, dass ihr bei dem Gedanken tatsächlich ein wenig unbehaglich wurde.
      "Ha!", sagte ein Mann mit auffälliger Hakennase. "Ich hab's doch gesagt. Die hat Schiss!"
      Vielleicht war Roys Spezialzutut, vielleicht aber auch die Tatsache, dass sie es Leid war, dass ihr ständig jemand versuchte zusagen, was sie konnte und was nicht.
      "Ich? Schiss? Träum weiter", gab sie zurück. "Schön. Von mir aus."
      "Bitte?" Owl blinzelte.
      In diesem Moment explodierten die Stimmen um sie herum und Tessa sah aus dem Augenwinkel, wie Münzen und Scheine die Besitzer wechselten.
      "Hast du deine Messer hier?", fragte Tessa.
      "Natürlich nicht!", antwortete Owl.
      "Dann geh ich sie holen."
      Bevor der Mann protestierten wollte, flitzte Tessa aus dem Zelt.
      Da hatte er ja etwas angerichtet.

      Tessa eilte flink zwischen den Zelten hindurch bis sie Owls Lager erreichte. Mittlerweile wusste sie genau, wo der Messerwerfer seine kostbaren Schmuckstücke aufbewahrte und fand die Truhe in einem kleinen Schrank neben seinem Bett. Mit etwas Schwung beförderte sie die Kiste aufs Bett und stutzte. Sie hatte vergessen, dass Owl seine Messer immer sorgfältig wegschloss. Mist, jetzt musste sie den ganzen Weg zurücklaufen und...etwas zwickte in ihrem Hinterkopf. Der Gedanke kam so plötzlich und vollkommen aus dem Nichts, dass Tessa völlig irritiert das Vorhängeschloss der Kiste einen Moment lang einfach anstarrte. Einer Eingebung folgend zog sie den kleinen, rostigen Schlüssel von ihrem Hals und schnaubte ungläubig, als der Schlüssel kurz vor dem Schlüsselloch die passende Form und Größe annahm.
      "Was zum...", murmelte sie und mit einem Klicken sprang das Vorhängeschloss auf.
      Sie nahm die gesuchten Wurfmesser heraus und hängte sich den Schlüssel wieder um. Da zuckte Tessa zum zweiten Mal zusammen und zurückblieb ein dumpfes Pochen hinter ihrer Stirn. Verwirrt schüttelte sie den Kopf und sah den verbeulten Schlüssel an. Sie hörte wie jemand ihren Namen rief und beschloss sich morgen den Kopf darüber zu zerbrechen.
      Geräuschvoll schlug sie den Deckel der Truhe zu, ließ das Schloss sorgfältig einrasten und kam Owl auf halbem Weg zum Zelt entgegen.
      "Mensch, Kitty. Du hast den Schlüssel vergess...Wie hast du...?", begann Owl und verstummte, als Tessa ihm die Messer grinsend in die Hand drückte.
      "Du hattest nicht abgeschlossen", sagte Tessa beiläufig und zuckte mit den Achseln. "Ziehen wir das jetzt durch oder nicht?"

      Unter Jubel und erwartungsvollem Klatschen präsentierte Owl seinem Publikum die glänzenden Klingen. Tessa schlüpfte aus ihrer Jacke und zog den Pullover über den Kopf, damit keine überflüssigen und großzügigen Stofffalten den Mann beim Anvisieren seines Ziels behinderten. Die Nervosität kehrte zurück, als sie Owl den Rücken zukehrte und langsam auf die große Zielscheibe zuschnitt, auf die die Requisitenbauer klischeehafte rote und weiße Ringe gemalt hatten. Sie spürte, dass ihr die Blicke im Nacken klebten, aber Tessa traute sich nicht über die Schulter zu sehen. Die Blöße geben, würde sie sich aber auch nicht. Stattdessen entschied sich die zierliche Frau für den Angriff nach vorne. Geübt hob sie die Arme über den Kopf, holte Schwung und verlagerte ihr Gewicht nach vorn. Das Momentum erlaubte ihr die Füße in die Luft zu reißen, als ihre Handflächen leicht im weichen Sand der Manege versanken. Die Welt stand Kopf und es fühlte sich gut an, die erstaunten Laute zu vernehmen, da niemand damit gerechnet hatte, dass sie die spontane Nummer mit einem Handstand eröffnete. Ihr Gewicht kippte ein wenig nach hinten und sie fühlte das Holz in ihrem Rücken. Tessa amtete einmal tief durch und spannte sämtliche Muskeln im Körper an, dann hörte sie das vertraute Zischen in der Luft.
      Noch bevor Tessas Fersen das Holz berührten, schlug die erste Klinge neben ihrem rechten Fußgelenk im Holz ein. Owl stand auf dem Kopf, als sie einen Blick zu dem Messerwerfer riskierte, der einen anerkennenden Pfiff ausstieß. Es klang selbst in ihrem eigenen Kopf seltsam, aber sie vertraute Owl und seinem Können. Sie hatte nie jemanden gesehen, der besser mit einem Wurfmesser umgehen konnte.
      Das zweite Messer schlug direkt neben ihrer Hüfte ein.
      Das dritte Messer landete zielsicher neben ihrem linken Knie.
      Tessa nickte und gab Owl damit das Signal, dass sie die Position wechseln würde. Das Adrenalin hatte ihre Atmung beschleunigt und den Herzschlag geradezu beunruhigend erhöhte. Sie schwankte ein wenig, als sie sich langsam zurück auf die Füße fallen ließ. Einen Handstand in Kombination mit Alkohol und dem Nervenkitzel bescherte Tessa eine angenehme Leere in ihrem Kopf. Sie fühlte sich unsagbar leicht und gelöst. Die junge Frau drehte sich auf dem Absatz um und drückte wieder ihren Rücken gegen die Zielscheibe. Auffordernd streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus und bemerkte das vergnügte Funkeln in Owls Augen. Der Mann war ganz und gar in seinem Element und genoss zweifellos sein Handwerk.
      Das vierte Messer und fünfte Messer verfehlte erst den einen, dann den anderen Arm gekonnt.
      Das Holz an ihrem Hinterkopf vibrierte bei jedem Einschlag. Owl nahm das fünfte Messer aus dem Mund und ließ die Klinge spielerisch durch seine Finger gleiten. Er verzögerte den letzten Wurf, spiele mit der Erwartung und Anspannung des Publikums. Dann hob er den Arm über den Kopf und warf.
      Links von Tessa ertönte ein lauter Knall.
      Zu ungeübt um sich dem Reflex zu entziehen, zuckte ihr Kopf in Richtung des Lärms.
      Das Erste, das sie spürte, war der scharfe Luftzug unter ihrem gereckten Kinn. Das Blut rauschte mit einem Mal dermaßen Laut in ihren Ohren, dass sie den Einschlag des Messers gar nicht mehr hörte. Mit Verzögerung kam das erwartete, heiße Brennen. Das Gefühl erinnerte Tessa an den leichten Schmerz eines Papierschnittes. Erträglich aber zu nachdrücklich um ihn zu ignorieren.
      "Um Himmelswillen, Tessa!"
      Sie hatte nicht bemerkt, wie Owl auf sie zugeeilt war und sie ein Stück von der Zielscheibe fortzog.
      Tessa hatte nur Augen für eine der Küchenhilfen, die schuldbewusst die Reste eines geplatzten Ballons in den Händen hielt.
      "'Tschuldigung", murmelte sie kleinlaut.
      "Zeig mal her...", verlangte Owl und hob ihr Kinn mit vorsichtigen Fingern in die gewünschte Richtung um den haarfeinen Schnitt darunter zu begutachten. Es blutete nicht einmal wirklich. Lediglich ein paar winzige Blutstropfen zeigten sich. Der Mann hatte sie kaum erwischt. Zum Glück.
      "Nur ein Kratzer."
      Owl war sichtlich erleichtert.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Aufgeregtes Getuschel ging durch das Zelt, begleitet von erschrockenen Gesichtern und überraschten Lauten. Der kleine Unfall sorgte für Schock bei all den umstehenden Leuten, nachdem er so lebensgefährhlich war. Theresa trug nicht viel mehr als einen kleinen Schnitt davon, aber wo der Schnitt saß, war überaus furchteinflößend. Mit einem Mal war die ganze Sache nicht mehr so lustig und unterhaltsam. Mit einem Mal wurde man sich des großen Risikos bewusst.
      Roy bahnte sich bereits einen Weg zu ihnen hindurch, auf seinem sonst so neutralen Gesicht ein Ausdruck von Sorge geschrieben. Er blieb aber stehen, bevor er sie erreicht hätte, und wandte den Blick in eine andere Richtung. Wo er hinsah teilte sich die Menge, das Geflüster wurde aufgeregt und unruhig und dann legte jemand die Hand auf Owls Oberarm und riss ihn zu sich herum.
      Chester stand vor ihnen in ein Arbeitshemd gekleidet, die Stiefel feucht von dem vielen Schnee, die Haare ein wenig wirr. Er war kleiner als Owl und auch schmächtiger, und doch schaffte es sein Auftreten, dass der größere Mann schlucken musste. Denn Chester war wütend, oh so wütend.
      Der Zorn stand ihm gut lesbar ins Gesicht geschrieben, in den blitzenden Augen, die Owl niederzustrecken versuchten, in dem angespannten Kiefer, der seine Kieferknochen prominent hervorstechen ließ. Seine Aufmerksamkeit war vollends auf den Messerwerfer gerichtet, vor dem die Leute nun zurückwichen, als würde der Abstand zu dem Mann ihnen die Sicherheit vor Chester gewähren.
      Wie kannst du es nur wagen?
      Seine Stimme war laut und angespannt. Sie schien durch den Raum zu knallen und Menschen zuckten davor zurück.
      Niemand wollte Chester bei schlechter Laune erleben. Nein, wirklich niemand.
      Mit einem Messer zu werfen! Auf lebendige Menschen! UNVORBEREITET!
      Chester war kleiner, und doch schien er Owl mit seinem Zorn allein zu überragen. Dafür schien der andere Mann vor ihm zusammenzuschrumpfen.
      Wie wenig Respekt zeigst du vor einem Menschenleben? Gerade du! Ist es dir das wert, ein Leben für ein Messer wegzuwerfen? Wage es ja nicht, mir zu sagen, wie gut du bist und wie genau du treffen kannst! Ein einziger Fehler, NUR EIN EINZIGER, und ihr Blut klebt an deiner Klinge! Sie ist seit drei Monaten hier, Owl! Sie hat nicht die Erfahrung und das Können, sich vor eine Zielscheibe zu stellen! Und das hast du in Kauf genommen!
      Mittlerweile war es totenstill im Zelt, still bis auf Chesters brüllende Stimme, vor der jeder zurückzuckte. Der Zirkusdirektor wirbelte mit einem Mal herum und noch mehr Menschen wichen zurück, als könnten sie damit einer unsichtbaren Reichweite entgehen. Sein Blick fuhr strafend über die Menge.
      Und ihr habt es zugelassen, jeder einzelne von euch! Ihr lasst es geschehen, dass er mit seinen Messern auf sie wirft - wegen was? Wegen SPASS?
      Er ließ das Wort im Zelt verebben.
      Wegen dem NERVENKITZEL?
      Betretene Gesichter blickten ihm entgegen oder sahen gezielt weg. Schweigen war die einzige Antwort, die er erhielt.
      Ein Leben für fünf Minuten Unterhaltung?! So spielt ihr damit herum?!
      Wo auch immer sein Blick einem anderen begegnete, wurden Augen niedergeschlagen, Köpfe gesenkt, mit den Füßen gescharrt. Die frohe Stimmung von vorhin war gänzlich verflogen.
      Ihr seid ALLE dafür verantwortlich, wenn an seinen Messern Blut klebt! Ihr alle! Denkt nicht, dass sein Können euch schützen würde! Ich habe genau gehört, dass ihr gejubelt und gefeiert habt, während ein Leben auf dem Spiel stand!
      Ohne weiteres wirbelte er wieder zu Owl herum. Er stand zwischen Chester und Theresa, als wolle er das Mädchen durch seine Position irgendwie schützen.
      Ich bin enttäuscht von dir”, knurrte Chester, gerade laut genug, dass es nur für Owls Ohren bestimmt war. Dann streckte er eine Hand aus.
      Gib mir deine Messer.
      Eine leichte Bewegung fuhr durch die Masse, ganz leise tuschelten sich die Leute etwas zu. Es war nicht mehr als eine Brise.
      Owl stand wie versteinert.
      Du wirst mir deine Messer geben, Owl! Jetzt sofort!
      Die ganze Authorität sprach aus Chesters Stimme, eine Macht, der man sich nicht entziehen konnte. Owl musste ihm gehorchen und legte ihm den Griff seines Messers auf die Handfläche.
      Wie in einem Taschentrick ließ Chester das Messer in seinen Ärmel gleiten. Da hörte er aber nicht auf, er verlangte wirklich alle Messer von Owl. Sie alle verschwanden und es wurde klar, dass sie nichtmal mehr im selben Zelt waren.
      Du bist hiermit beurlaubt.
      Das Getuschel wurde wieder ein bisschen lauter, erstarb aber erneut, als Chester den jetzt niedergeschlagenen Mann zur Seite schob, um Theresa anzusehen. Sein Blick veränderte sich auch bei ihr nicht, er glühte vor Zorn, den er in alle Richtungen ausströmen ließ. Seine Augen streiften den Schnitt, den Theresa davongetragen hatte.
      Und du gehst sofort ins Krankenzelt! AUF DER STELLE!
    • Das Unheil, das sich über ihren Köpfen zusammenbraute, bemerkte Tessa erst als der tosende Sturm gnadenlos über alle Anwesenden hinweg fegte. Owl, der sie vor wenigen Augenblicken noch mit großer Besorgnis gemustert hatte, wurde herumgewirbelt und für einen den winzigen Bruchteil einer Sekunde erhaschte Tessa einen Blick auf das zornige Gesicht von Chester. Der Mann war außer sich. Ein Gemütszustand, der ausnahmslos allen das Fürchten lehrte. Die Leuchte wichen von Owl und Tessa weg, als könnten sie sich auf diese Art vor Chesters brodelnder Wut retten. Dann versperrten die breiten Schultern des Messerwerfers wieder ihre Sicht. Sie sah, wie sich Owl anspannte, als bereitete er sich darauf vor einen Kinnhaken abzuwenden. An seinen Seiten ballten sich allerdings nur zu halbherzigen, losen Fäusten, die seine Unentschlossenheit enthüllten. Tessa war sofort bewusst, dass der Mann niemals die Hand gegen Chester erheben würde, egal, was dieser ihm entgegen schleuderte. Er war wie alle an diesem verfluchten Ort völlig machtlos.
      Wie wenig Respekt zeigst du vor einem Menschenleben? Gerade du! Ist es dir das wert, ein Leben für ein Messer wegzuwerfen?
      Owl schien etwas sagen zu wollen, denn er hob den Kopf und sah Chester an.
      Wage es ja nicht, mir zu sagen, wie gut du bist und wie genau du treffen kannst! Ein einziger Fehler, NUR EIN EINZIGER, und ihr Blut klebt an deiner Klinge! Sie ist seit drei Monaten hier, Owl! Sie hat nicht die Erfahrung und das Können, sich vor eine Zielscheibe zu stellen! Und das hast du in Kauf genommen!
      Und klappte den Mund offenbar wieder zu.
      Wie ein Peitschenhieb teilte Chesters wütende Stimme die Luft im Zelt und ließ Tessa unwillkürlich zusammenzucken. Das wohl Schlimmste war, das Owl nicht ein Wort zu seiner Verteidigung äußerte, sondern stumm und mit gesenktem Kinn die Zorn einsteckte. Owl, ein Mann beeindruckend in Statur und Ausstrahlung, schrumpfte zu einem kleinen Jungen zusammen. Seine Schultern zuckten hin und wieder, wenn ihn eine Bemerkung besonders mitnahm, die Chester ihm gnadenlos entgegenschleuderte. Tessa konnte nicht erahnen, was den Messerwerfer mehr bekümmerte, dass er seine heißgeliebten Messer abgeben musste oder die Enttäuschung, um die Chester keinen Hehl machte. Mit grimmiger Miene, zusammengepressten Zähnen und verspanntem Kiefer näherte sich Owl der Zielscheibe und wagte es nicht, Tessa auch nur mit einem flüchtigen Blick anzusehen. Er benötigte wenig Kraft um die Klingen aus dem Holz zuziehen und ein Messer nach dem anderen wanderte in Chesters Hände. Die Messer verschwanden in Chesters Hemdärmeln, als vollführte er einen routinierten Zaubertrick. Dieses Mal ertönten keine wunderlichen 'Ahs' und 'Ohs'. Es war mucksmäuschenstill.
      Unwirsch schob Chester den schuldbewusst dreinblickenden Owl zur Seite, der sich ungewohnt wortkarg zurückzog.
      Und du gehst sofort ins Krankenzelt! AUF DER STELLE!
      Die Zeit schien sich auf Zeitlupengeschwindigkeit zu verlangsamen. Tessa, die schüchterne und kleinlaute Tessa, hielt dem funkelnden, glühenden Blick des Zirkusdirekttor stand, der immer noch vor Wut schäumte. Sie grub die Fersen tief in den sandigen Untergrund der Manege als machte sie sich zum Sprung bereit - oder zur Flucht. Beinahe trotzig hob sie das Kinn und zuckte leicht, als der Schnitt durch Dehnung der Haut stärker brannte. Doch in ihren Augen fand sich kein kindlicher Trotz, sondern ein Groll der Chesters Verärgerung in nichts nachstand.
      Die ganze Zeit war Chester in der Nähe gewesen, anders konnte er unmöglich so schnell hier gewesen sein.
      "Nein," presste sie hervor. "Wie kannst du es wagen!?"
      Tessa schnappte ruckartig nach Luft, als hätte sie für eine Sekunde vergessen zu atmen.
      "Wie kannst du es wagen nach drei Monaten - Herrgott, Chester, drei verdammte Monate! - der Funkstille aus deinem Loch zu kriechen und mir zusagen, was ich zu tun und zu lassen habe!?"
      Sie war stinkwütend und der Schnitt an ihrem Hals ziepte unangenehm. Es brannte.
      Ihre Augen und ihr Gesicht brannten. Vor Hitze. Vor Zorn.
      Owl sog an der Seitenlinie scharf die Luft ein, als Tessa einen Schritt nach vorn machte und den Zeigefinger in Chesters Brustbein bohrte.
      "Du kannst nicht einfach aufkreuzen und plötzlich Interesse dafür heucheln, was ich mit meinem Leben anfange, nachdem es dich monatelang einen Scheißdreck interessiert hat! Du kannst hier nicht einfach herein spazieren und mich anbrüllen, nachdem du mich weggeworfen hast wie einen ungeliebten Streuner als du von mir bekommen hattest, was du wolltest. Du hast mich vor die Tür gesetzt und es anderen überlassen deinen Scherbenhaufen aufzusammeln! Ich hatte eine Scheißangst, Chester, und ich begreife bis heute nicht alles, was hier wirklich abgeht, weil niemand mit mir darüber reden will."
      Sie sah ihn fest an ohne zu Blinzeln.
      "Es ist mir verdammt nochmal egal, ob es dir in den Kram passt oder nicht, aber das hier war meine Entscheidung. Nicht Owls, nicht die aller anderen und es ist ganz bestimmt nicht Deine! Du hast jedes Recht verloren, dich in mein Leben einzumischen. Mein Leben!"
      Durch ihren Körper lief ein unkontrolliertes Zittern.
      "Du hast meine Seele für deine beschissene Uhr bekommen und ich will Antworten dafür. Von dir."
      Sie knirschte mit den Zähnen.
      "Jetzt."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Nein. Wie kannst du es wagen!?"
      Bei der unerwartet lauten Antwort der zierlichen Frau, schnappten einige Leute hörbar nach Luft. Sogleich verschwand wieder das Getuschel und alle Anwesenden starrten mit riesigen Augen auf die Neue, die sich Chester mit größerem Mut entgegen stellte als der größere Mann zuvor. Das Blitzen in ihren Augen machten dem des Direktors alle Ehre.
      "Wie kannst du es wagen nach drei Monaten - Herrgott, Chester, drei verdammte Monate! - der Funkstille aus deinem Loch zu kriechen und mir zusagen, was ich zu tun und zu lassen habe!?"
      Chesters Miene blieb unverändert. Er starrte auch sie mit dem gleichen Zorn an, mit dem er soeben Owl niedergestreckt hatte, aber in der kurzen Stille, die sich auftat, erwiderte er nichts. Er rührte sich auch nicht.
      "Du kannst nicht einfach aufkreuzen und plötzlich Interesse dafür heucheln, was ich mit meinem Leben anfange, nachdem es dich monatelang einen Scheißdreck interessiert hat! Du kannst hier nicht einfach herein spazieren und mich anbrüllen, nachdem du mich weggeworfen hast wie einen ungeliebten Streuner als du von mir bekommen hattest, was du wolltest. Du hast mich vor die Tür gesetzt und es anderen überlassen deinen Scherbenhaufen aufzusammeln! Ich hatte eine Scheißangst, Chester, und ich begreife bis heute nicht alles, was hier wirklich abgeht, weil niemand mit mir darüber reden will."
      Wenn man Chester noch nicht so lange kannte, konnte man seine Regungslosigkeit durchaus für Teilnahmslosigkeit halten. Chester starrte Theresa einfach nur zornentbrannt an, als wäre er kurz davor, zu explodieren und sie dabei in Stücke zu reißen. Aber wenn man ihn schon besser kannte, fiel einem auf, dass der sonst so schlagkräftige Mann einfach nur still blieb. Etwas arbeitete in ihm, was sich mit keiner Faser auf der Oberfläche offenbarte.
      "Es ist mir verdammt nochmal egal, ob es dir in den Kram passt oder nicht, aber das hier war meine Entscheidung. Nicht Owls, nicht die aller anderen und es ist ganz bestimmt nicht Deine! Du hast jedes Recht verloren, dich in mein Leben einzumischen. Mein Leben!"
      Chester stand wie erstarrt. Er war eine Statue, die manchmal blinzelte.
      "Du hast meine Seele für deine beschissene Uhr bekommen und ich will Antworten dafür. Von dir. Jetzt."
      Stille senkte über sie alle, als Theresa zornig verstummte und Chester sie immer noch unbewegt anfunkelte. Die ganze Menge hielt jetzt den Atem an, denn mit einem Mal hatte sich die Stimmung umgeschwenkt. Es war nun nicht mehr nur die Strafpredigt des Direktors, nun ging es um das einzige Thema, das den Zirkus tagtäglich beschäftigte. Und so, wie die Leute um sie herum totenstill waren, warteten wohl auch sie auf Chesters Antwort.
      Der rührte sich für einen Moment nicht, dann wurden seine Augen schmal und drohend.
      "Es gibt keine Antworten."
      Ganz anscheinend hatte er sich dazu entschlossen, auf Theresas Forderung einzugehen. Aber wohl gänzlich nicht, wie sie es sich vorgestellt hatte.
      Er warf die Arme in einer ausladenden Geste nach oben.
      "Was willst du von mir hören? Dass ich deine Seele brauche, um weiterleben zu können? Dass ich dein Leben für meines geopfert habe? Denn genau das habe ich dir schon gesagt! Oder willst du von mir hören, dass ich ein schlechtes Gewissen dafür habe? Dass es mir leid tut?"
      Er warf einen Arm in Richtung der anderen Anwesenden.
      "Wenn du doch weißt, dass alle diese Leute dasselbe Schicksal mit dir teilen? Ist es das, was du von mir hören willst? Denn eine Entschuldigung wird all das hier nicht rückgängig machen! Du bist noch immer an diesen Zirkus gebunden und du wirst den Rest deiner Tage hier verbringen, Theresa! Wir alle verbringen den Rest unserer Tage hier, bis wir eines Tages hier sterben werden, denn so funktioniert die Uhr! Aber ich werde nicht zulassen, dass du dein Leben, das du hier führen kannst, durch einen Messerwurf wegwerfen wirst! Nach drei Monaten! Wünschst du dir, hier so zu sterben? Ist es das, was du dir vorstellst?!"
      Eine Bewegung ging durch die Menge und dann teilte sie sich, als ein einzelner hervortrat. Es war Toby, der sich durch die Reihen geschlängelt hatte und jetzt mit verkniffenem Gesicht auf sie beide zukam, um sich neben Theresa zu stellen. Seine Miene zeigte eine Mischung aus Zorn und Enttäuschung.
      "Echt jetzt? Du bist ein herzloses Arschloch, Chester. Du kommst hier rein und schreist sie an, weil sie ein bisschen Spaß hatte? Das musst du dir nicht gefallen lassen, Theresa. Komm, lass uns gehen."
    • Die bedrückende Stille war allgegenwärtig und dermaßen immens, dass eine fallende Stechnadel spielend leicht zu hören gewesen wäre. Selbst im sandigen Untergrund hätte den dumpfen Aufprall jeder vernommen. Allein Tessas harsche Atemzüge durchbrachen die angespannte Ruhe mit ihrem unregelmäßigen Rhythmus. Die junge Frau blinzelte und bekam ihre ungläubigen Gesichtszüge doch nicht unter Kontrolle, denn dafür fehlte ihr Chesters antrainierte Perfektion, als der Zirkusdirektor zur Antwort anhob. Dabei hatte sie ihm noch keine einzige Frage gestellt.
      "Es gibt keine Antworten."
      Vernichtend legten sich die Worte über Tessa, die sich dennoch verbissen weigerte, einfach klein beizugeben. Ihr Blick folgte den ausgestreckten Armen und es erinnerte sie schmerzhaft an die Tage, an denen ihr Chester voller Stolz und Freude sein Reich präsentiert hatte. Die Tage, die in ihrer Erinnerung getrübt und in einem tristen Grau verblassten wie ein schlecht gealtertes Foto.
      "Was willst du von mir hören? Dass ich deine Seele brauche, um weiterleben zu können? Dass ich dein Leben für meines geopfert habe? Denn genau das habe ich dir schon gesagt! Oder willst du von mir hören, dass ich ein schlechtes Gewissen dafür habe? Dass es mir leid tut?"
      Dieses Mal zuckte Tessa leicht zusammen. Die Verbissenheit bröckelte. Dabei war eine Entschuldigung gar nicht das gewesen, was sie wollte. Eigentlich, wusste Tessa gar nicht genau, was sie eigentlich wollte. Sie hatte Chester ihre Wut entgegen geschleudert, wie die Wurfmesser bei ihrem abendlichen Training auf die unbewegliche Zielscheibe. Wie das massive Holz gab auch der Mann vor ihr nicht nach.
      "...Wir alle verbringen den Rest unserer Tage hier, bis wir eines Tages hier sterben werden, denn so funktioniert die Uhr! Aber ich werde nicht zulassen, dass du dein Leben, das du hier führen kannst, durch einen Messerwurf wegwerfen wirst! Nach drei Monaten! Wünschst du dir, hier so zu sterben? Ist es das, was du dir vorstellst?!"
      "Warum?", warf sie zurück. "Warum gibst du vor, dass es dir ach so wichtig ist, ob ich mein Leben wegwerfe oder nicht!? Du brauchst es nicht!"
      Neugierige Augen bohrten sich in ihren Nacken und Tessa ließ das Gefühl nicht los, dass die Richtung in die dieser Streit lief schon lange nicht mehr für andere Ohren bestimmt war. Sie stieß einen zitternden Atemzug aus.
      "Wenn ich eh hier sterbe, was spielt es für eine Rolle wann und wie?"
      Das Rascheln von Kleidung und das Knirschen von Sand lenken Tessa kurzzeitig von dem Druck in ihrer Kehle ab, der ihr langsam die Luft abschnürte. Sie atmete zu schnell, zu flach und das verräterische Brennen in den Augen ließ sich kaum noch ignorieren.
      Es war kein Ritter in schimmernder Rüstung, der Tessa zur Hilfe eilte. Obwohl Toby mit seiner grimmigen Miene voller Enttäuschung und offener Wut nicht weiter von diesem romantischen Bild entfernt sein konnte, war er doch näher dran als jeder andere unter dem weiten Zeltdach. Denn niemand anders wagte es sich einzumischen. Nicht einmal Owl.
      "Echt jetzt? Du bist ein herzloses Arschloch, Chester. Du kommst hier rein und schreist sie an, weil sie ein bisschen Spaß hatte? Das musst du dir nicht gefallen lassen, Theresa. Komm, lass uns gehen."
      Tessa warf Toby einen vorsichtigen Seitenblick zu...und schüttelte den Kopf. Das hier war nicht sein Kampf. Er hatte sein eigenes Gefecht mit Chester auszutragen und musste nicht ihre Kämpfe für sie bestreiten. Und Tessa wollte Antworten, wenigsten das, zumindest glaubte sie, war Chester ihr noch schuldig.
      Langsam legte Tessa den Kopf zurück, um Chester ins Gesicht zu sehen, sie war so nah, dass sie die unzähligen Farbfacetten seiner Iris erkennen konnte. Es war lange her, dass sie ihm so nahe gewesen war und zu ihrem eigenen Ärger, löste seine Nähe eine vertraute aber unerwünschte Reaktion aus. Tessa spürte eine flüssige Glut, die ihre Wirbelsäule entlang kroch.
      "Du kannst jetzt mit mir reden, Chester, oder nie wieder", sagte sie mit fester Stimme.
      Es war ein aberwitziges Druckmittel gegen einen Mann, der sie drei Monate lang mit eisigem Schweigen bestraft hatte. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt, auch wenn sie noch so lächerlich anmutete. Tessa wandte sich ab, bückte sich nach den Kleidungsstücken und streifte erst denn Pullover dann die Jacke über.
      "Du kannst deine Show weiter abziehen und ich werde nicht noch einmal leichtsinnig mit meinem Leben spielen. Aber mehr nicht. Es gibt nichts mehr, was ich dir sonst noch geben kann. Ich werde nie wieder mit dir sprechen und ich werde mit der Zeit lernen nicht mehr an dich zu denken. Das verspreche ich dir."
      Tessa spielte den Ball zurück in sein Feld, obwohl sie nicht wusste, ob sie mit seinem nächsten Zug leben konnte. Es war dumm und sentimental. Sie sah Toby entschuldigend an und ging, bis sie die verblüfften Blicke nicht mehr im Nacken spürte.Und während sie durch die verschneiten Pfade zwischen den Zelten entlang ging, lauschte sie - hoffnungsvoll und naiv - auf ein zweites paar Schritte im Schnee.
      Schritte, die nicht kamen.

      Die großen Spiegel an der gegenüberliegen Wand waren alt. Das Glas hatte schon vor langer Zeit einen milchigen Sitch bekommen und die Silberrahmen waren bereits stark angelaufen. Es war die Art von wuchtigen, monströsen Spiegeln, die zu schwer waren um an der Wand befestigt zu werden sondern von einem Gestell getragen wurden und in denen sich ein Mensch von Kopf bis Fuß betrachten konnte. Neben den Spiegeln war das komplette Zelt mit alten Möbeln und Requisiten bis unter die Decke vollgestopft. Das Holz von Stühlen und Tischen war zerschrammt, die Polsterbezüge zerschlissen und löchrig. Tessa entdeckte sogar eine alte, rustikalte Truhe deren Schaniere rostig und herausgebrochen waren. Eine Kommode in der Ecke wirkte eigenartig verbeult bis Tessa begriff, dass sich das Holz vor vielen Jahren mit Wasser vollgesogen haben musste und daraufhin aufgequollen war. Weiter hinten stapelten sich ausrangierte Kisten, Lampen und anderer Kleinkram. Es roch staubig, muffig und teils modrig und über allem lag eine dicke und unberührte Staubschicht, denn es hatte sich niemand die Mühe gemacht die Möbel abzudecken.
      Tessa saß im augenscheinlich entspannten Schneidersitz auf einem alten, robusten Schreibtisch und starrte in ihr eigenes verschwommenes Gesicht im getrübten Milchglas der Spiegel. Sie störte sich nicht an dem Staub, der nun überall an ihrer Hose haftete, als sie die Beine auf den Tisch gezogen hatte. Ihre Hände langen locker in ihrem Schoß und ihre Finger nestelten an einem herausstehenden, störrischen Faden der sich allmählich aus der Naht ihres Hosenbeines löste. Sie war nicht zurück zu ihrem Wagen gegangen und auch um das Krankenzelt hatte sie einen großen Bogen gemacht. Weshalb der Schnitt unter ihrem Kinn mittlerweile auch unangenehm spannte, aber das war nicht wichtig. Es war nicht einmal wichtig, wie sie dieses Lagerzelt gefunden hatte. Sie war einfach weiter gegangen, bis sie irgendwann direkt davor gestanden hatte.
      Ganz allein zwischen vergessenen und aussortiertem Mobeliar ließ sich die Enttäuschung in ihrem Gesicht nicht mehr verbergen.
      Gedankenverloren wischte sie ein wenig Staub fort und entdeckte dunkle, fast schwarze Flecken auf dem alten Holz des Tisches. Tintenflecken, die tief in die grobe Maserung gesunken waren. Es war der einzige Makel neben dem Alter, den Tessa erkennen konnte. Hatte man ihn deshalb ausgetauscht, weil er nicht mehr hübsch anzusehen war? War es das Alter? Ungeweigerlich stellte sich Tessa die Frage, ob Chester einmal an diesem Tisch gesesessen und daran die Seiten seiner Bücher befüllt hatte. Bei dem Gedanken krümmte sie die Finger und ihre Nägel kratzten über das unnachgiebige Holz. Es konnte dem Material genauso wenig anhaben, wie ihre Worte den Mann nicht berührten.
      Chester.
      Tessa senkte den Blick und fixierte einen der größeren Tintenflecken. Obgleich die Enttäuschung überwog, fühlte Tessa, dass sich unter all der Wut und dem Frust eines nicht geändert hatte. Sie hatte es sofort gespürt als sie Chester nach nach drei Monaten zum ersten Mal wieder ins Gesicht gesehen hatte. Und das war schlimmer als alles andere. Es hatte sich nichts geändert.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Chester war alleine.
      Alleine mit seinen Gedanken. Alleine mit seinen Gefühlen. Alleine in dem Ring aus Zuschauern, als Theresa nach draußen marschierte und Toby einen Versuch unternahm, zu ihr aufzuschließen. Alleine unter den betroffenen Blicken, die sich schnell abwandten, als er herumwirbelte.
      Alleine mit seinen Wünschen. Alleine mit seinen Ängsten. Wir alle verbringen den Rest unserer Tage hier, bis wir eines Tages hier sterben werden. Aber Theresa, liebste, naive Theresa. Wie konnte sie auch verstehen, was für eine Rolle der Tod für jemanden spielte, der ihn nie am eigenen Leib erfahren würde?
      Chester war wütend, aber wie alles in seinem Leben nutzte er seine wenigen Gefühle, steigerte sie in ein unermessliches Maß und ließ sie gut sichtbar auf der Oberfläche hervorbrechen. Seine Augen funkelten noch immer, sein Kiefer tat von der Anspannung weh und er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder, alles absichtlich, alles kalkuliert, ja, eine Show, wie Theresa es unwissentlich genannt hatte. Denn was war es noch, was ihm blieb, wenn nicht die Menschlichkeit? Er würde doch die eine Sache nicht wegwerfen, mit der er nicht alleine war.
      Ich erwarte, dass ich nicht noch einmal hier aufkreuzen muss”, rief er zornig in die Menge und obwohl einige nochmal unter seiner Stimme zusammenzuckten, gab es doch auch einige, die sichtlich erleichtert bei seinen Worten waren. Owl stand noch immer am Rand der Menge, die Schultern herabhängend, den Kopf auf eine gefügige Weise gesenkt. Chester wusste ganz genau, dass es dem Mann mehr schmerzte als nötig war, dass er seine Messer abgeben musste, aber es gab nichts, was Chester für ihn hätte tun können. Er hatte das Risiko in Kauf genommen und dafür musste er jetzt auch die Konsequenzen ertragen.
      Das war auch eine Sache, mit der Chester alleine dastand. Der Beruf eines Zirkusdirektors war so schon ein einsamer Beruf, selbst wenn keine Unsterblichkeit mit hinzukam.
      Ihr habt mich heute alle enttäuscht”, setzt er hinzu und marschierte dann selbst auf den Ausgang zu. Er sah niemanden mehr direkt an, damit niemand mehr vor ihm zurückzucken musste, aber die Menge teilte sich trotzdem höchst freiwillig vor ihm, um ihn in die Nacht herauszulassen. Hinter ihm strömte sie wieder zusammen.
      Alleine.
      Er ging Theresa nicht direkt nach, denn es war schließlich nicht so, dass sie sich vor ihm verstecken konnte. Stattdessen ging er bemüht ruhig zu seinem Zelt zurück, schlug die Plane beiseite und trat in die Wärme ein.
      Warum gibst du vor, dass es dir ach so wichtig ist, ob ich mein Leben wegwerfe oder nicht!? Du brauchst es nicht!
      Du brauchst es nicht!
      Ah, damit hatte sie recht, aber darum ging es auch gar nicht, oder? Wer brauchte schon jemand anderes Leben, wenn man nicht unbedingt eine Uhr bei sich trug, die dieses Leben für sich beanspruchte? Tick, Tick, Tick.
      Er ging zu seinem Schreibtisch, klappte ein paar offen gelassene Bücher zu, schob ein paar Blätter zusammen, die er verstreut liegengelassen hatte, und schraubte sein Tintenfässchen zu.
      Wenn ich eh hier sterbe, was spielt es für eine Rolle wann und wie?
      Es spielte immer eine Rolle. Immer.
      Er schnappte sich etwas von seinem Schreibtisch, dann ging er wieder nach draußen. Sein Gang war ruhig und nicht allzu schnell. Er wusste, wo er sie finden würde, mit einer Sicherheit, mit der er wusste, wo die Sonne aufging. Immerhin hatte er einige seiner magischen Artefakte mit ihrer Ankunft auf sie eingestellt.
      Du kannst nicht einfach aufkreuzen und plötzlich Interesse dafür heucheln, was ich mit meinem Leben anfange, nachdem es dich monatelang einen Scheißdreck interessiert hat!
      Oh liebste, naive Theresa.
      Sie hatte sich ins Lager zurückgezogen, wo all die Geister vergangener Zirkusse herumstanden, ohne dass es Theresa bewusst sein dürfte. Da waren alte Geschenke an Chester, gefundene Einzelstücke, seine eigenen Einkäufe, die vor langer Zeit einmal zeitgemäß gewesen waren. Die meisten Dinge waren kaputt und unbrauchbar, von der Zeit zerstört oder auch vom Gebrauch, die Farbe abgeblättert und durch Staub ersetzt. Sie waren wie die Tode alter Gegenstände, die die Zeit nicht ausgehalten hatten. Doch wo Menschen starben und verschwanden, konnte Chester hier noch immer die Geister seiner Vergangenheit besuchen.
      Theresa saß auf seinem alten Schreibtisch, die Beine unter sich gefaltet, den Blick auf den alten, verstaubten Spiegel gerichtet. Wenn Chester sich richtig erinnerte, war das sein erstes Eigentum gewesen, bis er irgendwann sein großes, verzerrtes Spiegelbild nicht mehr ertragen hatte. Jetzt besaß Chester keinen Spiegel mehr, es gab ja auch nichts, was er darin hätte sehen können.
      Sie hörte ihn, aber sie erwies ihm nicht die Ehre, ihn anzusehen, als er hereinkam und sich durch die starren Geister schlängelte. Er blieb vor ihr stehen und streckte ihr die geöffnete Handfläche hin.
      "Den hast du bei mir vergessen."
      Auf seiner Hand lag der kleine Teddybär mit Zylinder. Chester hielt ihn ihr hin, bis sie ihn wieder zurücknahm.
      Danach blieb er vor ihr stehen, den Blick auf sie gerichtet, die Miene undurchdringlich. Eine Maske über der Maske, denn manchmal wusste Chester selbst nicht, welche Emotion er an die Oberfläche treiben wollte.
      "Tut es weh? Der Schnitt?"
      Er sprach jetzt nicht mehr so wütend wie vorhin, sondern leiser, an die Stille des Zeltes angepasst. Wenn überhaupt etwas in seiner Stimme lag, dann war es Sorge und sonst nichts.
      "Das war eine dumme Idee mit den Messern. Selbst für Owl."