Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Tessa neigte den Kopf zur Seite, wobei ihr die gekürzten Haarsträhnen leicht über die Augen fielen. Freundlich aber mit einem müden Lächeln winkte sie Malia zu.
      Die Reaktion der Akrobatin zauberte tatsächlich ein halbherziges Grinsen auf ihre Lippen. Die regungslose Miene, die Malia stets trug, brach ein wenig beim Anblick der kurzen Haare auf. Tessa fühlte sich keinen Augenblick lang von der Begrüßung gekränkt. Immerhin hatte sie die Bitte nicht aus Eitelkeit an Eleonore gerichtet. Den neuen Haarschnitt hatte sich Tessa nicht zugelegt um hübscher auszusehen. Sie wollte durch die Veränderung nicht erwachsener wirken und jemandem gefallen, wollte sie schon gar nicht.
      „Möglich, wenn die Termitenkönigin Ella heißt“, gluckste Tessa eigenartig gut gelaunt wenngleich etwas verhalten. Die Erschöpfung einer schlaflosen Nacht stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber sie hatte beschlossen sich nicht wie getretener Hund in einer dunklen Ecke zu verstecken.
      Deshalb folgte sie Malia auch ohne Murren in Richtung des Katinenzeltes. Es dauerte nicht lange bis der Geruch von frisch gebackenem Brot, gebratenen Spiegeleiern und Speck zu den Frauen herüberwehte. Das laute Knurren ihres Magens erinnerte Tessa daran, dass sie seit dem Frühstück am vergangenen Tag nichts mehr gegessen hatte. Trotzdem hörte sie Malia aufmerksam zu ohne sich dabei zu beklagen. Mit jedem Kopfnicken kitzelten die kurzen, braunen Locken, die durch das fehlende Gewicht der restlichen Haare viel deutlicher hervorstachen, über ihren Hals.
      Fragend zog Tessa nach ein paar Gehminuten die Augenbrauen zusammen.
      Ein weiteres Mal deutete Malia an, dass es noch mehr mit dem Zirkus Magica auf sich hatte. Tessa unterdrückte ein Schnauben. Natürlich reichten eine verzauberte Taschenuhr und ein unsterblicher Zirkusdirektor nicht aus. Sie öffnete bereits den Mund, um Malia danach zu fragen, da betraten die Frauen bereits das gefüllte Zelt, in dem es verlockend nach Frühstück duftete. Damit schob Tessa ihre Fragen erneut in den Hintergrund. Sonderlich schwer fiel das nicht, während unzählige fremde aber auch bereits bekannte Gesichter sich in ihre Richtung wandten. Ja, so musste sich eine neue Zirkusattraktion, die von allen Anwesenden ganz genau unter die Lupe genommen wurde. Zu den neugierigen Blicken gesellte sich aufgeregtes Geflüster. Viele bemühten sich nicht einmal um den Anstand das Getuschel auch nur ansatzweise zu verstecken. Tessa kämpfte gegen den Reflex, den Kopf zwischen ihre Schultern zu ziehen. Es kam einer Erlösung gleich, als Malia ihre gesamte Aufmerksamkeit einforderte und Tessa, als Neuling, wich keinen Zentimeter von ihrer Seite. Ein widersprüchliches Gefühl setzte sich in ihrer Magengrube fest als sie die Tische beäugte. Für Yasmin rang sich die überforderte Diebin ein kleines Lächeln ab, doch ihr Blick blieb auf den hinteren Tischen kleben, die beinahe komplett verwaist waren. Das verwirrte Tessa. Nicht unbedingt die leeren Tische, sondern dass es so viele Menschen innerhalb dieser Gemeinschaft gab, die lächelten, munter über ihr Frühstück hinweg plauderten und um Chesters Wohlwollen bemüht waren. Sollte es nicht mehr Leute geben, die sich betrogen fühlten?
      Obwohl Tessa verstand, warum Malia den vordersten Tisch wählte, sträubte sich die Diebin innerlich. Am liebsten wäre sie mit ihrem Tablett an allen Tischen vorbei nach draußen stolziert. Stattdessen folgte sie Malia und nahm nur zögerlich auf der Bank neben einem hochgewachsenen Mann nieder, dessen zerfurchtes Gesicht fast ein wenig durcheinflößend wirkte. Bevor Malia seinen Namen aussprach, erinnerte sich Tessa.
      „Roy…Wir haben uns beim Lagerfeuer gesehen, richtig?“.
      Ein freundliches Gesicht zu sehen, nahm ihr etwas der Anspannung. Tessa sah zu ihrer Verwunderung an diesem Tisch in viele lächelnde Gesichter. Sogar Liam hatte ein Lächeln für sie übrig. Kein bemühtes Lächeln aus reiner Höflichkeit, sondern ein echtes Lächeln und Tessa wusste nicht, was sie damit anfangen sollte.
      Als nächstes sah sie zur der Hellsehrein, Jude, herüber. Die ältere Frau war Tessa auf den ersten Blick sympathisch, obwohl sie nicht den Finger darauflegen konnte, warum. Mit einem zaghaften Lächeln nahm sie die Hand der Hellseherin. Sie war warm, aber die dünnen Fingerglieder noch nicht knorrig oder von Altersflecken gezeichnet, wie es bei Eleonore der Fall war.
      „Es…freut mich auch, Jude.“
      Aus ihrem Mund klang die Floskel beinahe falsch. Die Begrüßungen am Tisch waren freundlich, fast warmherzig. Keiner an diesem Tisch hatte ihr etwas Böses getan. Gleichzeitig hatte auch niemand etwas dagegen unternommen, dass sie Chester bereitwillig in die Falle getappt war. Alle hatten ihren Kummer ebenso bereitwillig in Kauf genommen.
      "Wann ist es passiert?", fragte Jude.
      „Äh…Gestern.“
      Die unverblümte Frage überrumpelte sie. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass die Hellseherin mit den strahlenden, gutmütigen Augen nicht die erschütternde Offenbarung meinte. Immerhin, hatte sie das Spektakel wie alle anderen in diesem Zelt bereits mitbekommen. Oder nicht?
      Verwirrt warf sie einen Blick zu Malia, die sich bereits dem Gespräch mit Roy und Liam widmete. Mit einem letzten Blick zu Jude, begann auch Tessa mit ihrem Frühstück. Endlich ließen die drückenden Bauchschmerzen ein wenig nach und sie fühlte sich ein kleines Bisschen weniger elend.
      "Ähm...Liam?", fragte sie zwischen zwei Bissen. "Che...Er hat gesagt, du würdest mir eine Aufgabe zuteilen. Darf ich einen Wunsch äußern? Kannst du mich bei den Tierpflegern einteilen, bitte?"
      Der Wunsch kam nicht ganz unüberlegt.
      Tessa verspürte kein Bedrüfnis sich unter großen Mengen aus Artisten und Zirkusangestellten zu begeben. Sie besaß kein nennenswertes Talent und ein Pferd oder Elefant, konnte ihr keine neugierigen Fragen stellen, für die Tessa noch nicht bereit war. Zumindest konnte sie sich so nicht vorwerfen lassen, dass sie vor Selbstmitleid vergehend und faul in ihrem Wagen hockte.
      "Und ich würde gerne den...meinen Wagen beziehen. Ich will Ella nicht zur Last fallen."
      Tessa steckte sich eine Gabel mit Rührei in den Mund und schlang den Bissen runter ohne wirklich zu kauen. Mit der Gabel noch zwischen den Lippen folgte sie den Blicken der anderen zu dem hintersten Tisch.
      „Was ist mit diesem Toby passiert?“, fragte Tessa nuschelnd noch mit der Gabel im Mund.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Liam hob überrascht die Augenbrauen und legte das Besteck ab, nur um dafür nachdenklich nach oben zu blicken. In seinem Kopf ratterten sicher in diesem Moment die Listen vorbei, die Aufführungen der dutzenden Zirkusangestellte und wo sie überall eingeteilt waren - wo es Lücken gab und wo Verstärkung benötigt war. Er spielte das Spiel des Managements in seinem Kopf und jonglierte mit den Plänen, während er über Theresas Wunsch nachdachte.
      “Bei den Tierpflegern… da sind schon Brandon und Jamie eingeteilt. Mir wurde, äh, empfohlen, dich in die Küche zu stecken oder vielleicht auch zu den Straßenkünstlern, wenn du dich soweit schon traust.”
      Sein Blick sprang zurück zu ihr.
      “Wegen deiner Affinität zu Messern.”
      In seinen Augen stand eine gewisse Neugier, die vermuten ließ, dass diese Affinität bei der Erwähnung nicht weiter ausgeführt worden war, er aber trotzdem daran interessiert war. Auch Malia schien neugierig, aber keiner der beiden hielt es für angemessen, das Thema weiter auszuweiten, nachdem es immerhin in eine empfindliche Richtung ging. Wie nach Absprache vermieden sie einfach alle, Chester auch nur anzudeuten.
      Danach nahm er sein Besteck wieder auf.
      “Komm gleich mit zu meinem Wagen nach dem Essen, dann sehe ich mir die Listen an. Ich wüsste aber nicht, was dagegen spricht.”
      Er nahm wieder das Essen auf, während Malia Theresas Frage in einem leicht verschwörerischen Tonfall beantwortete.
      “Toby war für ein paar Tage nicht im Dienst eingeteilt, weil er”, ihr Blick ging kurz zu Roy, “... eine ganz ausgeprägte Form von Heimweh entwickelt hat.”
      “Heimweh, ja”, bestätigte der Feuerspucker. Dabei betonten sie das Wort beide auf eine Weise, die vermuten ließ, dass sie noch mehr dahinter meinten.
      “So nennen wir sowas hier.”
      “Manchmal ist es nämlich so”, fuhr Malia fort, “dass das Zirkusleben einem zu Kopf steigt. Und dann ganz plötzlich…”
      Sie machte eine Geste wie eine Explosion. Roy nickte dazu, als würde er alles bekräftigen, auch wenn Theresa es nicht verstand.
      “Ich würde dir jedenfalls raten, dich von ihm fernzuhalten. In letzter Zeit ist mit Toby nicht sehr gut zu sprechen.”
      "Nicht jeder kommt mit sowas klar. Aber manche lassen es eben an anderen aus."
      Sie sprachen von dem Vorfall, als würden sie über schlechtes Wetter reden, aber nachdem die ganze Situation für Theresa noch so frisch war, gingen sie auch nicht weiter darauf ein. Sie sollte nur wissen, dass Toby in letzter Zeit kein sehr angenehmer Zeitgenosse gewesen war.

      Das Essen verlief friedlich und im Anschluss nahm Liam Theresa mit zu seinem Wagen zurück. Er besaß den Wagen Nummer Eins, aber wenn die Zahl irgendwas bedeuten sollte, war diese Bedeutung nicht erkennbar. Sein Wagen sah genauso wie jeder andere aus, wenngleich seine Fenster recht schmucklos waren, im Gegensatz zu manchen anderen Wägen.
      Er ließ Theresa mit eintreten, während Malia draußen blieb, damit es nicht zu voll wurde. Dann widmete er sich einem Ordner mit hunderten Blättern und suchte sich die richtigen Stellen heraus.
      "Ja, ich kann nicht sehen, wieso nicht. Dafür musst du dich aber an die Zeiten halten, das stimmst du am besten mit Brandon und Jamie ab. Die Tiere werden dreimal am Tag gefüttert und die Gehege dreimal die Woche ausgemistet, aber auch an jedem Tag einer Aufführung. Die Pferde werden meistens von den Akrobaten gestriegelt, aber vor Aufführungen wirst du das auch müssen. Kannst du Mähnen flechten? Wenn nicht, zeigt es dir sicher jemand."
      Damit schlug er den Ordner wieder zu.
      "Geh am besten morgen früh zum Kleintiergehege, das findest du auf der anderen Seite vom Zirkus. Ich denke nämlich, da fangen sie morgens immer an."
      Er wünschte Theresa noch alles gute, während sie ging und verabschiedete die beiden Damen, die sich auf zu Theresas neuem Wagen machten.
    • Niemand musste seinen Namen aussprechen, aber Tessa wusste augenblicklich, wer Liam den Hinweis zugespielt hatte. Stumm ertrug sie die neugierigen Blicke und widmete sich dem Frühstück auf ihrem Teller. Plötzlich hatte sie keinen Hunger mehr. Trotzdem zwang Tessa noch ein paar kleine Bissen herunter, ehe sie den Teller demonstrativ von sich schob. Erst als Liam seine Zustimmung gab, entspannten sich ihre Schultern wieder etwas. Die Straßenkünstler waren bestimmt keine schlechte Wahl, aber für ihren Geschmack zu nah am täglichen Geschehen im Zirkus und damit viel zu nah an der Möglichkeit ihm über den Weg zu laufen. Selbst bei dem Gedanken an die Küchenarbeit, drehte sich Tessa der Magen um. Bereits die Vorstellung ihm eventuell sogar die Mahlzeiten übergeben zu müssen, war zu viel. Von der Versuchung, ihm aus kindischem Groll den gesamten Eintopf über sein dämliches Grinsen zu kippen, ganz zu schweigen. Dankbar nickte Tessa und versprach gleich nach dem Frühstück mit Liam zu seinem Wagen zu gehen.
      Im Zuge der gut gemeinten Warnung drehte Tessa noch einmal den Kopf zu Toby herum. Sie kannte den Mann nicht, aber verspürte sofort Mitgefühl mit ihm. Mit der brodelnden Wut, der schmerzhaften Enttäuschung war sie ihm zumindest gedanklich näher, als den lächelnden und fröhlichen Gesichtern um sich herum.
      "Heimweh?", fragte Tessa prompt.
      Leider bekam sie nur eine wage Erklärung. Missmutig zog sie die Augenbrauen zusammen. Am liebsten hätte sie allen entgegen geschrien, dass sie aufhören sollten, sie mit Samthandschuhen anzufassen. Das änderte ihre Situation auch nicht. Es gab nichts, was jemals etwas daran ändern würde. Tessa presste die Lippen zu einer schmalen Linie und die Kiefer so fest aufeinander, dass sie fast mit den Zähnen knirschte. Ja, der Appetit war ihr eindeutig vergangen. Daran änderten auch während des restlichen Frühstücks die witzigen Anekdoten von Roy nichts, der versuchte die Stimmung wieder auf ein lockeres Terrain zubringen. Auch Yasmin mit ihrem strahlenden Lächeln, die kurz vorbeischaute bevor es zum Training mit den anderen Akrobaten ging, hatte keinen Erfolg damit, Tessa aufzuheitern.
      Erst als sie endlich das Kantinenzelt hinter sich ließ, hatte Tessa das Gefühl wieder frei atmen zu können.

      Nachdem alle Formalitäten geklärt waren und Tessa alle Fragen von Liam artig beantwortet hatte, fand sie sich mit Malia vor ihrem neuen Zuhause wieder. Unschlüssig stand sie vor dem Wagen mit der Nummer 28. Der Wagen erschien schlicht und unscheinbar, genau wie seine neue Besitzerin. Entweder war er für längere Zeit unbewohnt gewesen oder es hatte einfach noch nie jemand darin gelebt. Er war nicht bemalt, nicht geschmückt. Tessa versicherte Malia, dass sie für den Rest des Tages alleine zurecht kam. In den letzten Stunden waren ständig Menschen, eigentlich völlig Fremde, um sie herum geschwirrt. Da sie dafür einen skeptischen Blick erntete, versprach sie hoch und heilig, keine Dummheiten zu machen, rechtzeitig zu den Mahlzeiten zu erscheinen und vor allem das Zelt des Direktors nicht in Brand zu stecken.
      Mit einem bemühten Lächeln winkte sie Malia zum Abschied und stieg die kleinen Stufen des Wagens hinauf. Der Schlüssel drehte sich nur schwerfällig im Schloss und die alten Scharniere quietschten unter Protest als die Tür endlich aufschwang. Die Luft im Inneren roch staubig und abgestanden. Tatsächlich lag den Decken, die über die wenigen Möbel geworfen waren, eine dicke Staubschicht. Tessa lächelte seltsam zufrieden, als sie feststellte, dass sie für heute eine ablenkende Aufgabe gefunden hatte. Also verbrachte sie den restlichen Tag damit, den Wagen ordentlich zu lüften, die staubigen Decken auszuklopfen und alle Oberflächen von Staub, Spinnenweben und unerwünschten Mitbewohnern zu befreien. Ella schaute am Nachmittag nach dem Rechten und brachte sogar ein kleines Geschenk zum Einzug mit: ein herrlichen, kitschiges Teeservice mit bunten Blumen. Tessa liebte es sofort. Bis zum späten Abend klaubte sie aus allen Ecken zusammen, was sie brauchte. Die meisten Zirkusangestellten waren zu ihrem Erstaunen sehr hilfsbereit. Am Ende des Tages war der Abzug des kleinen Ofens gereinigt, von der alten Asche befreit und ein Feuer knisterte darin. Tessa saß auf dem Bett am Ende des Wagens und fädelte gerade den rostigen Schlüssel aus dem missglückten Raubzug auf ein dünnes Lederband. Sie sah sich in ihrem neuen Heim um. Das Teeservice war ordentlich im Schrank verstaut, auf einer kleinen Kommode lag eine neue Haarbürste, ein kleiner Handspiegel und andere Dinge, die sie für den alltäglichen Bedarf benötigte. Auf dem winzigen Tisch stand eine Vase mit Schneeglöckchen von Yasmin. Ihr Messer steckte in einer selbst gemalten Zielscheibe direkt in der Holzverkleidung. Sie hatte neue Decken bekommen, die nicht mufften und genügend Holz um es die ganze Nacht kuschelig warm zuhaben.
      Die Tränen kamen erst wieder, als sie das Lederband über ihren Hals streifte und den Schlüssel fest an ihre Brust drückte. Sie rollte sich auf dem Bett zusammen und fühlte sich noch viel einsamer, als in einem Zelt voller fröhlicher Artisten.

      Pünktlich, wie versprochen, fand sich Tessa am nächsten Morgen bei den Tierpflegern ein. Zumindest war das der eigentliche Plan gewesen. Tessa stand vor dem kleinen Zelt, in dem die kleinsten, tierischen Bewohner des Zirkus untergebracht waren. Sie hatte sich nach dem richtigen Weg erkundigt, aber entweder war sie zu früh oder Liams Informationen waren falsch gewesen. Zögerlich öffnete sie den Eingang zum Zelt einen Spalt breit. Sie vernahm das Gurren von Tauben und leises Geraschel von Heu.
      "Ähm...Hallo?"
      Keine Antwort.
      Stirnrunzelnd wagte sich Tessa in das Zelt, in dem es nach frischem Heu und eindeutig nach Tier roch. Ein Geruch, den ihre Kleidung bis Ende des Tages aufgesogen haben würde wie ein Schwamm. In dem Zelt befanden sich Ställe für Nagetiere und Tessa erkannte hauptsächlich weiße Kaninchen in einem kleinen Auslauf, die sich beim Geräusch der nähernden Schritt an dem niedrigen Zaun tummelten. Offensichtlich warteten sie auf das lang ersehnte Frühstück und eine Extraportion frisches Heu.
      "Hallo?", versuchte sie es nochmal, aber es war niemand da und es gab keinen Winkel, in dem sich ein erwachsener Mann verstecken konnte.
      An der anderen Seite standen Volieren mit hübschen Tauben, die noch friedlich auf ihren Stangen dösten. Die niedlichen Tierchen spielten sicher eine Rolle in den allabendlichen Zauberkunststücken. Wie die meisten Menschen, konnte auch Tessa den süßen Kaninchen nicht widerstehen. Behutsam hockte sie sich vor den kleinen Zaun und lächelte beim Anblick der zuckenden Näschen und den langen Schlappohren.
      "Na, habt ihr Hunger?", murmelte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Das Zelt blieb noch eine ganze Weile lang menschenleer und allem Anschein nach gänzlich unbesucht, bevor mit einem Mal eine Stimme vor dem Zelteingang ertönte. Die zugehörigen Schritte mussten wohl untergegangen sein.
      “Morgen.”
      Es dauerte ein paar Sekunden, dann kam die Antwort von weiter draußen.
      “Guten Morgen. Musst du echt immer hier draußen rauchen?”
      “Soll ich’s drinnen machen? Stinkt voll.”
      “Mach’s doch gar nicht.”
      “Kommt nicht infrage.”
      Einer von beiden schnalzte missbilligend mit der Zunge, dann wurde der Zelteingang beiseite geworfen und derjenige kam kurz darauf herein.
      Der Mann war dünn, geradezu dürr, und bewegte sich mit einer unnatürlichen Steifheit. Er hatte ein knochiges Gesicht, das ihn kränklich und seine Augen tief und dunkel wirken ließ. Seine Lippen waren blass und die Haare unsauber gekämmt, die Klamotten schlotterten ihm am Leib, als wären sie viel zu groß für ihn.
      Er erblickte die kniende Theresa vor dem Gehege und sein Gesicht hellte sich auf eine Art auf, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Plötzlich trat ein Lächeln auf seine Lippen und sein Blick wurde ganz freundlich, als hätte er einen Schleier über die eben dargestellte Düsterheit gezogen.
      “Guten Morgen! Wer bist du denn? Kennen wir uns?”
      Angelockt von der Begrüßung, teilte sich der Zelteingang erneut und diesmal war es der andere, der herein schlurfte.
      Er war kleiner, trug einen Schnauzer und war etwas dicklich. An diesem Tag mochte das Licht anders sein, er mochte in einem anderen Zelt auftauchen, aber er trug dieselbe Kleidung wie damals auch schon. Es war unverkennbar einer der beiden Männer, die Theresa im Heu-Zelt entdeckt hatten.
      Dieser zweite Mann blieb neben dem ersten stehen und wo der erste ratlos war, trat ein eindeutiger Ausdruck des Erkennens auf das Gesicht des zweiten. Dieser Ausdruck wechselte schnell in Überraschung und dann - dann trat auch auf dessen Lippen ein Lächeln. Aber es war ganz anders als das des ersten, völlig falsch und verkehrt. Das Lächeln stank alleine mehr als das ganze Zelt.
      “Ach, so sieht man sich wieder, was?”
      Und dann, mit Blick zum anderen, als wäre das folgende der vorrangige Grund:
      “Das ist die neue von Chester, ganz frisch geschlüpft. Die von gestern.”
      Der erste sah jetzt auch überrascht drein, aber auf eine andere Art.
      “Oh! Du bist Theresa. Das tut mir leid - wir kennen alle deinen Namen, aber du nicht unseren, was? Ich bin Jamie, das ist Brandon. Fängst du heute schon hier an? Ich habe das irgendwie verpeilt.”
      “Kannst du überhaupt was, Mädel? Hier anfangen wollen und nichts können, sowas geht nicht.”
      Er bedachte Theresa noch immer mit einem Blick, dem eindeutig ein anderer Unterton zuzuschreiben war.
    • Tessa spitzte die Ohren. Völlig unerwartet drifteten fremde Stimmen von draußen in das Zelt. Sie hatte keinerlei Schritte vernommen und das war verwunderlich, denn das leise Rascheln der pelzigen und gefiederten Tierchen war kaum laut genug um das Geräusch menschlicher Schritte zu übertönen. Ganz still verharrte Tessa in der Hocke und lauschte mit angehaltenem Atem. Zwei Männer standen unmittelbar vor dem Zelteingang und begrüßten sich grummelig. Wenige Augenblicke vergingen, bis die Zeltplane am Eingang zurück geschlagen wurde und eine hochgewachsene, hagere Gestalt das Zelt betrat. Der Mann erschien unnatürlich dünn und knochig, als könnte ihn eine kleine Windböe spielen leicht umwehen. Er hatte die Art eines schmalen Gesichts, die Tessa nur von den Bettlern aus den zwielichtigen und verwinkelten Gassen der Stadt kannte und deren eingefallene Wangen eine Geschichte von Hunger und Armut erzählten.
      Die beinahe grimmige Miene hellte sich erst auf, als sein Blick auf den Neuankömmling vor dem Kaninchenstall fiel, den er offensichtlich nicht erwartet hatte. Vielleicht hatte Liam keine Zeit mehr gefunden, ihre Zuteilung anzukündigen. Tessa schob die Hände tief in die Taschen ihrer Hose und begrüßte den Mann mit einem zurückhaltenden Nicken.
      "Guten Morgen. Hat Liam nicht Bescheid gesagt? Ich bin Te..."
      Bevor sie den Satz beenden konnte, schlurfte der Mann, dem wohl die zweite Stimme gehörte, ebenfalls in das Zelt. Er war kleiner, rundlicher und äußerlich das erstaunlich akkurate Gegenstück zu dem großen Mann, der Tessa immer noch seelenruhig anlächelte. Jetzt verstand die ehemalige Diebin auch, warum ihr die Stimme bekannt vorgekommen war.
      Der dickliche Mann mit dem Schnauzer war einer der Männer gewesen, die sie bei ihrem Fluchtversuch im Zelt mit der Tierverpflegung entdeckt hatte. Sofort stellten sich Tessa bei der Erinnerung an die gierigen, grabschenden Finger die Nackenhaare auf. Wäre sie eine streunende Katze, hätte sie wahrscheinlich laut und warnend gefaucht. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und verzerrten damit die feinen Narbenlinien über Augenbraue und Wange. Das Lächeln gefiel ihr überhaupt nicht und noch weniger gefiel ihr sein Kommentar, der in ihren Ohren vor Abfälligkeit triefte.
      Misstrauisch ließ sie Brandon, wie er ihr vorgestellt wurde, nicht aus den Augen. Sie kannte Männer wie ihn, die von der gefährlichen Sorte. Ihr fehlte das vertraute Gewicht des kleinen Taschenmessers, dass sie aus gutem Willen in ihrem Wagen gelassen hatte. Allen zuliebe, die in den vergangenen Stunden so freundlich zu ihr gewesen waren. Trotzdem versetzte die Erwähnung von Chesters Namen ihr einen unerfreulichen und unerwünschten Stich. Seine neue...was? Eroberung? Seele? Trophäe?
      Tessa presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Als Jamie nach ihrem Namen frage, nickte sie zunächst nur knapp.
      "Liam hat mir gesagt, ich soll mich heute Morgen hier melden", zögerte Tessa. Hatte sie etwas falsch verstanden?
      Da fuhr ihr bereits Brandon wieder in die Parade und entlockte dem Mädchen tatsächlich ein scharfes Einatmen, dass nun einem Fauchen verdächtig ähnlich war. Etwas Widerspenstiges blitzte in ihren Augen auf.
      "Wirst du schon sehen. Jedenfalls hat es gereicht, um dir und deinem Kumpanen zu entwischen...", presste sie zwischen den Zähnen hervor. Tessa hatte nicht vergessen, wie sie die Männer ausgetrickst und unter Stroh begraben hatte. Sie beschloss Brandon soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen, der das sicherlich auch nicht vergessen hatte, weshalb sie einen kleinen und bedächtigen Schritt in Jamies Richtung machte.
      "Ich gebe zu, dass ich keine Erfahrung mit Tieren habe. Es seit denn streunende Katzen und Hunde machen sich gut auf meinem Lebenslauf."
      Sichtlich verlegen rieb sich Tessa über den Nasenrücken, brachte aber den Hauch eines Lächelns zustande.
      "Aber ich lerne schnell, bin nicht zimperlich und scheue keine harte Arbeit."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wenn Jamie auffiel, dass zwischen den beiden anderen etwas vor sich ging, zeigte er es nur durch einen flüchtigen Blick in Brandons Richtung und wieder zurück. Vielleicht war die plötzliche Stimmungsschwankung spürbar, die aufgetreten war, kaum als der andere das Zelt betreten hatte. Allem Anschein nach fühlte Jamie sich allerdings nicht im Bilde genug, um Nachfragen zu stellen.
      Damit war wohl die erste Freundlichkeit schon vorüber. Theresa sah jetzt ein wenig so aus, als hätte sie dicke Mauern um sich herum aufgestellt und würde sich davon schützen lassen.
      Jamie versuchte sich daher sichtbar an noch mehr Freundlichkeit. Er konnte sich wohl vorstellen, wie es sein musste, als neue in diesen Zirkus zu geraten.
      "Nein, das hat Liam wohl vergessen. Hat es nicht erwähnt. Oder?"
      Er sah zu Brandon und der zuckte nachlässig mit den Schultern.
      "Gestern hat er irgendwas gesagt, aber ich hab's schon wieder vergessen. Muss wohl nicht wichtig gewesen sein."
      Oder das war es einfach schon. Jamie verkniff sich ganz anscheinend einen Kommentar, der ihm schon auf den Lippen lag.
      Spätestens, als die beiden anderen sich direkt ansprachen und Brandon einen Gesichtsausdruck zutage förderte, den Jamie ganz gut von seinem Partner kannte, war wohl die Freundlichkeit vorüber. Jetzt war es nicht zu leugnen, dass die anderen beiden sich kannten und sich keinesfalls unter guten Umständen begegnet waren.
      Etwas betreten schwieg der größere, während Brandon die Augen zusammenkniff und das schmierige Lächeln verpuffen ließ. Die persönliche Beleidigung hatte er wohl nicht sehr gut aufgenommen.
      "Glaub nicht, dass du hier Vorlaut werden kannst, Mädel. Wenn's nach mir ginge, hätt' man dich dafür schon längst eingeknastet, und das auf Lebenszeit. Leute wie du haben nichts besseres verdient."
      Dieser giftigen Bemerkung folgte eine Pause, in der sich die Luft mehr und mehr zu verdicken schien. Jamie war sichtlich überfordert mit der Situation; ein anderer hätte hier womöglich die Auseinandersetzung zu schlichten versucht, aber der dürre Mann sah nur betreten von einem zum anderen. Wäre Theresa nicht gewesen, hätte sich das noch sehr viel weiter hochschaukeln können, aber so kam sie wieder auf das Thema zu sprechen und Jamie ging sichtlich erleichtert darauf ein.
      "So schwierig ist das auch gar nicht. Lass dich nur nicht beißen und pass auf, dass sie dir nicht aus dem Gatter entwischen."
      Er versuchte sich an einem Lächeln, das ihm nicht so recht gelang, und kam dann zu Theresa hinüber. Brandon blieb mit jetzt grimmigem Gesichtsausdruck im Hintergrund.
      Jamie hinkte mehr, als dass er wirklich normal lief. Sein Oberkörper schien zu steif für solche Bewegungen, seine Hüfte war unbeweglich und er beugte die Beine nicht so sehr, wie es bei einem anderen der Fall gewesen wäre. Aber er schaffte es zu Theresa hinüber und spähte über den Zaun in den Kaninchenstall. Die weißen Tiere wurden aufgeregter, als sie ihn sahen, als könnten sie spüren, dass es gleich etwas zu Essen gab.
      "Jetzt im Winter füttern wir sie zweimal am Tag und passen auf, dass es ihnen hier warm genug ist. Drüben im nächsten Zelt sind die Vögel, dann kommen die Pferde und dahinter die Elefanten. Die Löwen sind woanders untergebracht, damit sie die anderen nicht aufregen. Die füttert aber Brandon, vielleicht... äh... zeigt er dir das irgendwann mal."
      Von dem erwähnten Mann kam keinerlei hörbare Reaktion. Es trat wieder ein Augenblick des Schweigens auf, der sich höchst unangenehm anfühlte.
      "Vormittags machen wir die kleinen Gehege sauber, nachmittags dann die großen. Das ist aber auch kein Hexenwerk. Die Werkzeuge dafür sind in einem extra Zelt mit dem Futter, das wir verteilen. Für die Löwen ist das nochmal separat, aber... du weißt schon."
      Er sah sich nach seinem Partner um und nach einem Moment des Überlegens schien er wohl zu entscheiden, dass er es jetzt war, der die Einweisung für Theresa übernahm. Damit richtete er sich wieder auf, nicht ohne dabei das Gesicht leicht zu verziehen.
      "Ich zeig es dir und dann können wir eigentlich gleich anfangen."
      Gemeinsam gingen sie wieder nach draußen und weiter in das Zelt, das Theresa schon bekannt sein dürfte. Dabei war Jamie nicht gerade schnell; für einen von Theresas normale Schritte brauchte er zwei von seinen kleineren. Vielleicht ließ er sich dabei aber auch ein bisschen Zeit.
      "Darf ich fragen wie du, ähm, hergefunden hast? In den Zirkus, meine ich?"
    • Die Sticheleien verfehlten ihr Ziel nicht, denn Tessa warf dem griesgrämigen Tierpfleger jedes Mal einen giftigen Blick zu sobald er den Mund aufmachte. Na, das konnte ja heiter werden. Tessa beschloss, sich ein zweites Paar Augen am Hinterkopf wachsen zu lassen. Während sie versuchte Jamie mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu folgen, da sich der Mann sichtlich Mühe gab damit die ungemütliche Situation nicht eskalierte, behielt sie Brandon dennoch aus dem Augenwinkel im Blick.
      Ja, die Diebin hatte nicht vergessen, wie sie den Männern entkommen war und genauso wenig hatte sie vergessen, wie Brandon und sein Begleiter sie angesehen hatten. Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter. Bei allem, was sie Chester vorwerfen konnte, glaubte sie allerdings nicht, dass der Mann, den sie weniger kannte als sie geglaubt hatte, ein solches Verhalten duldete. Tessa mochte ihn für herzlos und selbstsüchtig halten, jedoch nicht auf diese Art für grausam. Chester hatte den Zirkus und all die Menschen, die hier lebten und arbeiteten, als seine Familie bezeichnet. Rückblickend war das eines der wenigen Dinge, die sie ihm wirklich glaubte. So ungern Tessa das auch zugab.
      Das Mädchen war erleichtert, als Brandon in dem Zelt mit den weißen Kaninchen zurückblieb. Sie hoffte, dass der Mann sich längst seinen täglichen Pflichten zugewandt hatte, sobald sie zurückkamen. Eilig huschte Tessa hinter Jamie aus dem Zelt und war noch nie so dankbar für die eisige Luft an einem viel zu frühen Wintermorgen. Ein wenig zu eilig, wie es schien, denn es dauerte nur zwei lange Schritte, dann hatte sie den hageren Mann eingeholt.
      Als sie merkte, dass sie ihn bereits überholte, drosselte Tessa verwundert das Tempo. Die steifen Bewegungen waren ihr schon zuvor aufgefallen, aber bei Tageslicht war es eindeutig nicht mehr zu übersehen. Jamie fehlten die natürlichen, fließenden Bewegungsabläufe eines gesunden Körpers. Jeder Schritt wirkte mühselig und hölzern. Tessa erinnerte sich an humpelnde Bettler, denen die nasse und kalte Witterung zusetzte. An knochige Finger, die so steif waren, das sie kaum die Tasse, mit der sie Münzen sammelten, halten konnte. An Geschichten von gebrochenen Knochen, die nicht richtig verheilt und krumm zusammengewachsen waren.
      "Darf ich fragen, wie du, ähm, hergefunden hast? In den Zirkus, meine ich?"
      Tessas Blick schnappte ein wenig ertappt nach oben in das knochige, ausgemergelte Gesicht. Sie hatte ihn nicht anstarren wollen. Wenn sie verwundert war, dass Jamie nichts über ihren erfolglosen Diebeszug wusste, ließ sie sich nichts anmerken. Bei dem Theater hatte sie angenommen, dass bereits jeder nicht nur ihren Namen kannte. Stattdessen zeichnete sich ein aufrichtiges Lächeln auf ihrem Gesicht ab, dass im Mundwinkel die amüsierten Züge eines Grinsens annahm.
      „Ich bin über den Zaun geklettert“, kam die kurze, schelmische Antwort, bei der es aber nicht bleiben sollte. "Eigentlich wollte ich mir mein nicht vorhandenes Taschengeld etwas aufbessern während sich die Zuschauer von der Aufführung ablenken lassen. Deswegen habe ich Brandon erkannt. Ich bin ihm und einem anderen Mann knapp entwischt als ich mich aus dem Staub machen wollte. Ist leider gründlich nach hinten los gegangen."
      Tessa hielt inne, als hätte sie Mühe den Rest des Abends in Worte zu fassen.
      "Chester hat mir im Zelt eine Lilie geschenkt. Ohne die Lilie säße ich jetzt in einer engen, nassen Zelle. In den letzten Stunden habe ich oft darüber nachdedacht, ob das nicht besser gewesen wäre."
      Sie verzog das Gesicht.
      "Tut mir leid, ich wollte keine schlechte Stimmung verbreiten. Nicht an meinen ersten Tag. Ich weiß, das viele hier Chester mögen...Mir fällt es bloß so unfassbar schwer zu verstehen, warum. Er ist ein Lügner und ein Betrüger. Er stiehlt Seelen...ich meine, wie kann irgendjemand da..."
      Sie holte tief Luft. "Entschuldige."
      Beschämt richtete das Mädchen den Blick nach vorn.
      "Darf ich dich auch etwas fragen?" Sie wartete auf ein Nicken. "Wie lange bist du schon hier, Jamie?"
      Tessa blieb unvermittelt stehen, als sie mühsam ein paar weitere Schritte gegangen waren und sprach vorsichtig den Elefanten im Raum an.
      "Ist...ist alles in Ordnung? Du sieht...müde aus."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jamie präsentierte Theresa ein freundliches Lächeln, auch wenn ihm sicher aufgefallen sein musste, wie sie seinen Körper gemustert hatte. Vielleicht war er auch die Blicke schon gewöhnt, die unaufmerksamen ersten, denen verwunderte zweite folgten, wenn das menschliche Auge erfasste, dass etwas nicht so aussah, wie es aussehen musste. Allerdings sah er sich wohl nicht dazu genötigt, sie über ihre kurze Unhöflichkeit aufmerksam zu machen.
      Mit einem interessierten, ebenso wie leicht überraschten Gesichtsausdruck lauschte er ihrer knappen Geschichte, wie sie an den Zirkus geraten war. Was er davon hielt, ließ er sich nicht anmerken, genauso wenig, wie er seine Gedanken über Brandon preisgab. Womöglich mochte ein derartiger Vorfall schon einmal passiert sein, oder hatte zumindest das Potenzial dazu, denn sonderlich überrascht über die Begegnung mit dem Mann und dessen Freund war er wohl auch nicht. Er nickte nur und sah den geräumten Pfad vor sich an, während er weiterhinkte.
      Nur als Theresa Chester ansprach, und das nicht in den besten Tönen, da verhärteten sich seine Gesichtszüge. Kurz sah er die junge Frau an und das mit einem überaus intensiven Blick.
      "Vielleicht solltest du es bei diesem Satz belassen: Ohne Chester säßest du in einer engen, nassen Zelle. Nicht alle teilen diese Meinung, die du ganz eindeutig von ihm hast, weißt du?"
      Offenbar hatte Theresa da einen Nerv getroffen und das ließ Jamie sie auch spüren. Wenngleich ihm aber ganz eindeutig noch viel mehr auf der Zunge lag, was er ganz eindeutig zu diesem Thema noch hätte beitragen können, ließ er es dabei bleiben. Jamie schien kein Mann für Konflikte; die Erleichterung war ihm anzusehen, als Theresa sich kurz darauf dafür entschuldigte. Da wurden seine Züge auch wieder weicher und er lächelte vorsichtig.
      "Schon in Ordnung."
      Sie gingen für einen Augenblick schweigend weiter, der Moment unangenehm ruhig. Jamies Stiefel knirschten in unregelmäßigen Abständen über den eisigen Boden und waren relativ laut.
      Als Theresa ihn dann wieder ansprach, schien er wieder gütig gestimmt.
      "12 Jahre bin ich schon hier."
      Er sah die Frau mit einem Ausdruck im Gesicht an, als erwarte er von ihr mehr als nur die milde Überraschung über seine lange Anwesenheit. Viel mehr sogar. Aber das bekam er nicht von ihr, was nur daran liegen konnte, dass sie gar nicht über seine Situation im Bilde war.
      Beide blieben sie stehen. Jamie drehte sich nach ihr um, weil Theresa einen Schritt zurückgeblieben war. Er zögerte, bevor er mit einem leicht unsicheren Lächeln antwortete.
      "Du kannst mich gerne frei heraus fragen, weißt du? Kein Grund, darum herum zu reden. Ich weiß, dass man es sehen kann und ich kann nicht erwarten, dass du es von irgendjemand anderem schon erfahren hättest."
      Er zuckte mit den Schultern, was eine ebenso steife Bewegung war wie alles andere auch.
      "Ich habe eine Knochenkrankheit, bei der sich die Knochen mit dem Gewebe darum herum nicht vertragen. Das verhärtet das Gewebe und die Knochen brechen dadurch leicht. Das ist eine genetische Veranlagung und kann wohl nicht geheilt werden."
      Jetzt drehte er sich ganz zu Theresa um und zeigte ihr seine dürre Hand, um mit den Fingern zu wackeln. Sie bewegten sich auch, aber allem Anschein nach nur sehr widerstrebend und genauso steif.
      "Am Morgen ist es immer schlimmer, aber wenn ich mich lange genug bewegt habe, geht es für den restlichen Tag. Die Ärzte in meiner Heimat haben mir erst keine fünf Lebensjahre prophezeit, dann dachten sie, ich würde es nicht zum zehnten schaffen und zuletzt haben sie mir immer gesagt, dass ich mich damit abfinden sollte, niemals volljährig zu werden. Und jetzt habe ich sogar die 20 Jahre geknackt, kann man sich das vorstellen?"
      Ein Lächeln trat auf sein Gesicht, ein begeistertes Strahlen, das von Stolz und purer Lebensfreude zeigte, ein Mann, der eigentlich schon längst tot sein müsste. Aber fast aufrecht stand er vor Theresa und das allen Widrigkeiten zum Trotz.
      "Und das habe ich nur Chester zu verdanken."
      Sein Lächeln schwand, als hätten sie erneut ein dunkles Thema angeschnitten. Wieder trat die Härte in sein Gesicht, mit der er Theresa zuvor schon bedacht hatte.
      "Chester hat mich angestellt und meinen Eltern meine Last abgenommen. Er hat ihnen gesagt, dass er hier Medizin hätte und sich um mich kümmern würde, aber ich glaube, er hätte ihnen auch erzählen können, dass er plante, mich den Löwen zum Fraß vorzuwerfen, und sie hätten mich trotzdem hierher abgeschoben. Aber nun sieh mich an."
      Er breitete die Arme aus, obwohl ihn das sichtlich schmerzte, wie um es ihr zu zeigen.
      "Ich lebe immernoch. Ich bin volljährig geworden, ich habe die 20 Jahre überschritten und bald habe ich sogar die 30 erreicht. Im Zirkus muss ich mich ständig irgendwohin bewegen und Chester hat genug Schmerzmittel für mich besorgt, dass ich jede Nacht gut schlafen kann. Ohne ihn hätten mich meine Eltern irgendwo anders abgeladen, damit ich dort endlich sterben kann. Sie haben immer gerade genug Geld zusammengekratzt, um mich zu den Ärzten zu bringen, aber für Medizin hatten sie nichts mehr übrig. Und erst recht nicht für einen Sohn, der niemals richtig arbeiten können wird."
      Er schürzte die Lippen wie zum Trotz. Dort kam ein Kampfgeist in Jamie hervor, der sich wohl sonst nicht zeigte, aber auf der anderen Seite war dort eine tiefe Trauer über die Abstoßung, die er Zuhause schon erfahren hatte.
      Trotzdem bemächtigte es ihn, einen weiteren Satz hinterher zu schieben.
      "Sag also niemals, dass Chester ein Lügner und Betrüger wäre. Nicht in meiner Gegenwart. Denn dann müssen wir uns gar nicht erst die Mühe machen, miteinander zu reden."
    • Das Letzte, womit Tessa gerechnet hatte, war die scharfe Zurechtweisung, die sie durch Jamie erfuhr. Eleonore war nichts als die Freundlichkeit und Güte in Person gewesen. Das Mitgefühl der alten Frau hatte das ehemalige Straßenmädchen in einen Kokon aus Watte gepackt und Malia, obwohl sie die Neue nicht mit Samthandschuhen anfasste, war den emotionalen Ausbrüchen mit ihrer ganz eigenen Art von Verständnis begegnet.
      ‚Chester ist kein schlechter Mensch…‘ hatte Ella gesagt.
      Tessa hatte es sich bereits so bequem in der Rolle des bedauernswerten Opferlamms gemacht, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sie eine empfindliche Grenze überschritt. Die Erinnerung an Eleonores Worte der vergangenen Stunden waren ein leises Echo in ihren Gedanken ebenso wie der Anblick der vorderen Tische im Kantinenzelt, die zu jeder Mahlzeit von Menschen vollbesetzt wurden und kurz davor waren überzuquellen.
      Sie biss sich auf die Zunge, bevor ihr ein trotziges ‚Aber‘ entkommen konnte, denn die Geschichte, die Jamie mit nun wieder weicherem und zugänglicherem Gesichtsausdruck erzählte, erstickte jedes Widerwort im Keim. Ein dicker Kloß bildete sich in ihrer Kehle, während der hagere Mann die tragischen Ereignisse seines Lebens vor ihr ausbreitete. Jetzt machte sein erwartungsvoller Blick im Zusammenhang mit ihrer Frage auf traurige Weise sind. Die Offenheit machte Tessa noch betroffener. Immerhin hatte sie Jamie nur das Nötigste knapp geschildert, weil sie nicht wusste, wem sie wirklich vertrauen konnte. Nicht an diesem Ort, der ihr wie eine der Gefängniszelle vorkam, die sie stets gemieden hatte und an dem sie hinter jedem neuen Gesicht einen von Chesters Spitzeln vermutete. Der Gedanke kam ihr plötzlich sehr anmaßend vor, denn ein Mann wie Chester hatte definitiv besseres zu tun als ein Mädchen mit Liebeskummer bei ihren Schimpftiraden beobachten zu lassen.
      Tessa wurde bewusst, dass sie die Scheuklappen mit hocherhobenem Kopf trug ohne dabei einen Blick zur Seite zu riskieren aus Angst, etwas könnte ihr Bild ins Wanken bringen. Sie wollte nicht relativieren, was Chester getan hatte. Sie wollte in ihm nicht das sehen, was Jamie ihr gerade präsentierte: Einen guten Menschen.
      Widerspenstig, bedrückt und, vor allem anderen, beschämt presste Tessa die Lippen aufeinander. Beinahe reumütig senkte sie den Blick auf ihre Stiefel und zuckte ein wenig zusammen, als Jamie seine letzten Worte sprach und danach schweigend wartete. Es lag jetzt an Tessa, ob sie jemals wieder ein Wort miteinander wechseln würden oder ob Jamie zu einem der Menschen in diesem Zirkus werden würde, um den sie zukünftig einen Bogen machen musste. Nicht, weil sie fürchteten musste, dass er ihr Leid zufügte, sondern weil sie sich schämte ihm ins Gesicht zu sehen. Trotz aller Umstände strahlte dieser Mann eine ungebändigte Lebensfreude aus und das überforderte Tessa. Sie sah hilflos aus und führte den Daumen an ihre Lippen, um das bereits malträtierte Nagelbett noch weiter mit den Zähnen zu bearbeiten. Am liebsten wäre ihr gerade ein Loch im Boden, das sich auftat und sie verschluckte.
      „Es tut mir leid. Wirklich“, murmelte Tessa zögerlich.
      Dabei klang es dieses Mal aufrichtiger als die halbherzige Entschuldigung zuvor. Sehr aufrichtig, denn ihre nach unten verzogenen Mundwinkel zeigten nur allzu deutlich, wie schwer es ihr fiel.
      „Es ist nur…Wenn ich dir so zuhöre, habe ich das Gefühl, wir reden über zwei vollkommen unterschiedliche Personen. Einen Fremden.“
      Tessa hatte den besorgten und einfühlsamen, spitzbübischen und scherzenden Chester erlebt. Den Mann, der sie sanft im Art hielt, ihr mit Küssen den Atem rauben konnte und ihr eine Zukunft versprochen hatte.Den Herzlosen, den Egoisten, den Lügner. Welcher dieser Männer echt war, falls es jemals einer davon gewesen war, konnte sie nicht sagen. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht wissen. Wut machte viele Dinge erträglicher.
      „Kein böses Wort mehr über Chester, versprochen“, fügte sie hinzu.
      Tessa machte keine Anstalten den Weg fortzusetzen sondern schien etwas gedanklich ganz genau abzuwägen. Sie mochte zornig sein, aber da war etwas, das stärker war. Dieses Etwas, weshalb sie zu Beginn überhaupt über den Zaun geklettert war: Neugier.
      "Jamie?", begann sie vorsichtig.
      "Stimmt es wirklich, dass Chester niemals altert? Er hat etwas von Unsterblichkeit erwähnt und Malia, auch Ella, haben etwas Ähnliches erzählt. Und...Malia sagte...Sie sagte, dass der Zirkus seine Namen nicht ohne Grund trägt. Was hat sie damit gemeint? Gibt's hier wirklich...Magie? Ich meine, bis auf diese seltsame Uhr."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Luft zwischen beiden schien fast zum Greifen dick, selbst dann, als Theresa schließlich eine aufrichtige Entschuldigung vorbrachte. Jamie starrte sie nur an und das auf eine ihm eigene, eindringliche Art.
      Wieder entstand eine Pause und wieder fühlte sie sich regelrecht unangenehm an. Der Mann rührte sich nicht, wenn er so still stand, nicht so wie ein normaler Mensch es getan hätte. Er war ganz stocksteif und das wirkte sich wohl auch auf die Situation aus.
      Schließlich war er aber doch trotzdem kein Mann des Konfliktes und als Theresa sich entschuldigte, ließ er es sich wohl durch den Kopf gehen, nur um bei dem ihm einzig möglichen Ergebnis herauszukommen. Da lächelte er ganz zaghaft und musterte seinerseits verlegen den Boden vor sich.
      “Nicht alle haben so eine, ähm, schöne Geschichte wie ich. Ich kann dich ja auch verstehen, glaube ich. Es ist sicher nicht leicht, aus einem, ähm, normalen Leben gerissen zu werden. Chester kann…”
      Er zuckte knapp mit den Schultern.
      “Naja, er ist halt ein Darsteller, er kann so oder so sein. Manche rettet er, so wie mich, und manche rekrutiert er einfach nur. Oder…”
      Sein Gesicht nahm eine leicht rosa Farbe an.
      “Was auch immer er bei dir getan hat.”
      Wieder eine Pause, wieder war es schlichtweg unangenehm, dort zu stehen und sich anzuschweigen. Die Luft war immernoch irgendwie dick.
      Dann willigte Theresa ein, nichts böses mehr über Chester zu sagen, und das ließ Jamie letztendlich wieder ein ganzes Stück auftauen. Damit konnte er sich wohl zufrieden geben, ein Waffenstillstand, den er sich so vermutlich erhofft hatte.
      “Kein böses Wort mehr.”
      Bekräftigend nickte er. Damit war zumindest wieder hergestellt, was sie sich bei der kurzen Begrüßung aufgebaut hatten.
      Vorsichtig machte er anstalten, wieder weiterzugehen, aber als er sah, dass Theresa sich nicht rührte, blieb auch er wieder stehen. Einen Moment später sprach sie auch schon und Jamie hob überrascht die Augenbrauen.
      “Ob er nicht altert? Glaubst du das etwa nicht?”
      Er schien ehrlich überrascht - auf der anderen Seite war Jamie als jemand, der Chester mehr als nur sein Leben verdankte, sicher etwas voreingenommen. Aber zumindest nahm er Theresa wohl ernst.
      “Wenn er das tut, dann ist mir das bisher noch nicht aufgefallen. Er ist genauso beweglich wie schon damals und das will schon was heißen. Hast du ihn mal bei den Akrobaten gesehen?”
      Theresa musste verneinen; bei ihrer letzten und einzigen Aufführung hatte Chester lediglich die Begrüßung übernommen.
      “Er müsste mindestens 40 sein, wenn er wirklich altert, und im Zirkusgewerbe bleibt man nicht so lange akrobatischer Darsteller. Da nimmt irgendwann die Beweglichkeit ab, das weiß ich von den Ärzten.”
      Jamie wirkte irgendwie stolz auf dieses Wissen, das er da besaß.
      “Wenn du also mich fragst, dann glaube ich, dass Chester unsterblich ist und dass er schon mindestens so alt ist wie Zirkus Magica. Der wurde… ich weiß es gar nicht. Vor 100 Jahren gegründet, glaube ich.”
      Bestätigend nickte er.
      “Ja, ich würde schätzen, so alt ist er. Aber ganz genau weiß das hier keiner so recht.”
      Er blinzelte und betrachtete Theresa fragend.
      “Was die Magie angeht… ich glaube, das darf ich dir nicht sagen. Ich möchte keinen Ärger bekommen.”
      Er lächelte auf eine entschuldigende, aber unsichere Weise.
      “Die Uhr kennst du ja schon. Und ansonsten…”
      Sein Blick ging knapp umher, während er überlegte.
      “Wenn es wärmer ist, dann holt Chester mehr von seinen magischen Sachen heraus. Weil es hier dann auch mehr Besucher gibt. Oh!”
      Ihm schien etwas einzufallen, so groß, wie seine Augen wurden.
      “Am besten gehst du zu unserer Hellseherin Jude, kennst du sie schon? Das ist eine ältere Frau, relativ dünn, hat so ein, ähm, gewöhnungsbedürftiges Lachen. Soweit ich weiß besitzt sie den einzigen Gegenstand, den hier alle frei benutzen dürfen. Wenn du dir nicht sicher bist, ob hier wirklich Magie mit im Spiel ist, wirst du bei ihr sicher eine Antwort finden.”
    • Peinliche Augenblicke verstrichen bis Tessa überhaupt kapierte, welche Bilder gerade im Kopf des jungen Mannes herumspukten. Sofort kroch auch der Diebin die Hitze in die Wangen. Sie hatte sich nie wirklich Gedanken darum gemacht, welche wilden Theorien es über die Umstände ihrer Rekrutierung gab. Tessa verzog peinlich berührt das Gesicht und rieb sich mit den Handballen über die heißen Wangen, was es sicherlich nicht besser machte. Die Verlegenheit breitete sich über ihr ganzes Gesicht aus, bis sie die kaum aushaltbare Anspannung mit einem nervösen Lachen kompensierte. Tessa schüttelte vehement den Kopf ohne dabei ein Wort zu verlieren. Sie war froh über die wenigen Sekunden, die Jamie ihr den Rücken zukehrte, damit sie ihren Gesichtsausdruck wieder in den Griff bekam.
      Es ist nicht so, wie du denkst.‘ wollte sie eigentlich sagen, aber da lenkte Jamie, offensichtlich erleichtert, das Gespräch durch ihre Fragen endlich in eine andere Richtung.
      Die Verwunderung in Jamies Stimme, überraschte Tessa. Grübelnd wog sie die nächsten Worte ab, um nicht bereits in das nächste Fettnäpfchen zu treten. Deshalb fehlte ihnen auch die Bissigkeit. Es kostete sie Mühe, die Enttäuschung und den verletzten Stolz fest in einer Schublade zu verschließen und die Finger vom Schlüssel zu lassen.
      „Nein…Doch schon, irgendwie. Ich meine…“ Etwas hilflos sah Tessa ihn nun wieder an. „Die Behauptung unsterblich zu sein, klingt schon ein wenig…weit hergeholt. Unsterblichkeit und Magie existieren vielleicht in Märchenbüchern. Ich kann mich an den Gedanken nicht gewöhnen.“
      Ein kleines Stimmchen in ihrem Hinterkopf versuchte sie immer noch davon zu überzeugen, dass Chester und alle, die ihm nahestanden, ein hinterlistigen Spiel mit ihr trieben. Dabei hatte sie den Sog bereits am eigenen Leib gespürt. Diese eigentümliche Anziehungskraft, die Tessa nicht losließ. Vielleicht sollte sie bald noch einmal auf die Probe stellen, ob es kein Zufall gewesen war.
      „Einhundert Jahre!?“, wiederholte Tessa fassungslos und mit großen Augen.
      Nein, sie hatte ihn nie bei den Akrobaten gesehen. Hübsche, kleine Zauberkunststückchen hatten vollkommen ausgereicht, um ein verträumtes Funkeln in ihre Augen zu zaubern. Tessa begriff langsam, dass sie nicht nur auf Chester wütend war, sondern vor allem auf ihre eigene Naivität. Alle Warnungen hatte sie einfach in den Wind geschlagen.
      Enttäuscht verzog Tessa schließlich die Lippen zu einem Schmollmund, der ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen war. Bitter dachte sie, dass ihre Mutter bei diesem Anblick furchtbar stolz gewesen wäre. Als Kind hatte ihr dieser Ausdruck Süßigkeiten und ein wenig Kleingeld eingebracht. Bei Jamie war es allerdings vergebene Liebesmüh. Sie hatte auch nicht vorgehabt Jamie, der so ehrlich und offen mit ihr war, mit diesem kläglichen Versuch einer Manipulation zu beleidigen.
      Tessa stieß einen langgezogenen Seufzer aus.
      „Okay. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen Schwierigkeiten bekommst...Moment. Sagtest du gerade, dass Chester noch mehr magische Gegenstände besitzt?“
      Der Versuchung, doch noch einmal nachzuhaken, konnte sie dann doch nicht wiederstehen. Endlich löste Tessa ihre angewurzelten Füße aus dem matschigen Schnee, damit sie keine weitere Zeit verloren. Sie hielt Jamie und sich schon lange genug von der Arbeit ab. Bei aller Skepsis gegenüber den unglaublichen Dingen, die ihr erzählt wurden, konnte sie das kleine Mädchen, das jegliche Geschichten über Magie und zauberhaften Wesen verschlungen hatte, nicht gänzlich wegsperren.
      „Jude? Ja, ich habe sie gestern beim Frühstück kennen gelernt. Sie scheint eine sehr nette Frau zu sein“, antwortete Tessa aufrichtig und grinste sogar leicht, als sie Jamie durch den Schnee folgte und halbscherzend weitersprach. „Was ist das für ein Gegenstand? Eine Glaskugel?“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jamie nickte, als verstünde er genau, wovon Theresa da sprach.
      "Es ist schwierig zu akzeptieren, dass Magie wirklich real sein soll. Aber das tut sie wirklich, das kann ich dir bezeugen. Wenn auch..."
      Er zuckte ein wenig verlegen mit den Schultern.
      "Ich glaube, es gibt sie nicht überall, sondern nur hier, im Zirkus. Es ist eben ein magischer Zirkus und da glaube ich, dass sich hier Magie... manifestieren kann. Man sieht es ja an Chester, dem unsterblichen."
      Theresas so offene Verblüffung über das geschätzte Alter des Direktors ließ Jamie amüsiert lächeln. Ja, sicherlich hatte er einmal auch so ausgesehen.
      "Für hundert Jahre hat er sich gut gehalten, nicht?"
      Er kicherte ein wenig, auch dann, als Theresa ihren Mund zu einem wirklich überzeugenden Welpenblick verzog. Vielleicht hätte sie ja auch noch Erfolg damit gehabt, wenn sie es nicht gleich wieder bleiben gelassen hätte.
      "Nein, mehr kann ich dir darüber wirklich nicht sagen. Aber es gibt durchaus noch andere magische Sachen, die hier in Benutzung sind."
      Beim Weitergehen fügte er hinzu:
      "Die Glaskugel kann ich wohl erwähnen. Es ist nämlich eine hellsehende Glaskugel."

      Den Vormittag verbrachten sie damit, die Tiere zu füttern. Brandon war zwar auch mit dabei, nutzte aber die Ablenkung der beiden regelmäßig, um sich nach draußen zu schleichen und zu rauchen. Damit blieben Theresa und Jamie übrig, der sich besonders viel Mühe damit gab, der neuen Tierpflegerin alles beizubringen, was er selbst schon wusste. Und das war eine ganze Menge; wie sich herausstellte, verbrachte Jamie die meiste seiner Zeit mit Lesen, da er körperlich nicht sehr aktiv sein konnte und mit Knochenbrüchen öfter mal ans Bett gefesselt war. Daher hatte er die Gelegenheit gleich genutzt und sich so einiges Wissen über die Tierwelt angeeignet.
      Zum Frühstücken gingen sie gemeinsam ins Zelt, wo Jamie Theresa mehr Leute vorstellte, darunter der Dompteur und die Ärztin des Zirkusses. Ihr Tisch war dabei brechend voll, weil wohl jeder von ihnen gerne so nah am Eingang saß und nicht wechseln wollte. Sie waren aber alle sehr freundlich und nahmen Theresa gleich in ihren Reihen auf.
      Am Mittag musste Jamie sich für seine längere Pause zurückziehen und schloss am Nachmittag wieder zu Theresa auf. Da kümmerten sie sich um die Gehege und weil sie jetzt dafür zu zweit waren, dauerte es wesentlich kürzer und sie konnten sich einen bequemen Platz beim Abendessen ergattern. Da setzte sich auch Malia zu ihnen und erkundigte sich, ob es der Neuen gut ging und sie nicht etwa schon ausversehen von den Löwen gefressen worden war.

      Hinterher machte sich Theresa mit der Information, wohin sie denn überhaupt musste, auf den Weg und klopfte schließlich an einem Wagen, der von außen lila angestrichen war und in den Fenstern kleine Kristallfigürchen stehen hatte. Jude machte ihr auf und wenn sie überrascht darüber war, die junge Frau anzutreffen, ließ sie es sich keineswegs anmerken.
      "Guten Abend, Theresa. Komm doch herein."
      Ganz ungefragt ließ sie sie in ihren Wagen ein und schloss die Tür hinter ihr. Auf ihren Lippen stand ein feines Lächeln, das sich noch nicht ganz zuordnen ließ, als sie sich zu ihr umdrehte.
      "Was verschafft mir die besondere Ehre?"
    • Das endlose Labyrinth aus Trampelpfaden gesäumt von Zelten und Wohnwagen hielt für Tessa auch nach der Zeit, die sie bereits im Zirkus Magica verbracht hatte, noch immer Überraschungen bereit. Einmal um die falsche Ecke gebogen und ein Wurfmesser zischte gefährlich an ihrer Nasenspitze vorbei, das bellende Gelächter des Werfenden über ihre erboste Schimpftirade verfolgte sie noch zwei Abbiegungen weiter. Der Mann war groß gewesen, noch größer als Chester. Die Schultern etwas breiter und soweit sie es eilig aus dem Augenwinkel an den ergrauten Strähnen seiner Schläfen erkennen konnte, auch älter. Die bis zum Ellbogen hoch gekrempelten Ärmel entblößten dunkle Linien aus schwarzer Tinte und an seinen Ohren reflektieren mehrere Silberringe das Licht.
      „Die Neue hat Krallen“, hörte sie noch. „Wir sollten sie Kitty und nicht Lilie nennen.“
      „Lilly“, korrigierte eine zweite Person.
      „Sie heißt Theresa, du Hohlkopf", sagte eine dritte, weibliche Stimme.
      „Nah, mir gefällt Kitty.", anwortete die erste Stimme.
      Mit hochroten Wangen huschte Tessa über den kleinen, freien Platz mit aufgestellten Zielscheiben und einer beängstigenden Vorrichtung, die aussah wie ein gigantisches Ziel, das sich drehen ließ.
      Ein anderes Mal stolperte Tessa über einen ganzen Haufen kunterbunter Jonglierkeulen. Das sorgte vor allem für schallendes Gelächter einer Gruppe von Clowns, die mit den wildesten Perücken, die Tessa je gesehen hatte, aus dem Eingang eines Zeltes lugten. Der bunte, aufgeplusterte Kopfschmuck übertrumpfte sogar die Outfits, deren Farben und Muster so willkürlich zusammengewürfelt waren, dass Tessa schwindelig wurde, wenn sie zulange hinsah. Das Gepolter und Fluchen hatte sie magisch angezogen und mit dem geglucksten und gekicherten Angebot, von den Tierpflegern zu den Clowns zu wechseln, stapfte Tessa durch den Schnee davon. So viel zum leichtfüßigen Geschick einer Straßendiebin…In diesem Zirkus waren doch alle verrückt.
      Wenige Gehminuten vergingen bis Tessa den lilafarbenen Wohnwagen von Jude erspähte. Sie klopfte sich den Schneematsch unter den Sohlen an der ersten Treppenstufe ab während sie mit den Knöcheln ihrer rechten Hand sachte gegen die Tür klopfte. Die Wahrsagerin öffnete ihr schneller als erwartet, so dass ihre gekrümmte Hand noch in der Luft schwebte während Jude sie freundlich ansah. Das Mädchen räusperte sich und senkte rasch die Hand. Sie wollte gerade den Mund öffnen, da bat Jude sie bereit herein. Das trug noch mehr zur allgemeinen Verwirrung von Tessa bei. Sie gewann beinahe den Eindruck, dass die alte Frau sie bereits erwartet hatte. Vielleicht hatte sie das auch, immerhin war sie eine Wahrsagerin mit einer hellsehenden Glaskugel. Sofern Jamie nicht versucht hatte, sie damit auf dem Arm zu nehmen.
      Endlich der frischen Abendbrise entkommen, nickte Tessa dankbar und huschte flink durch die geöffnete Tür. Neugierig ließ den Blick über die Einrichtung des Wohnwagens und die seltsamen Kristallfigürchen in den Fenstern. Judes strahlte eine gewisse Behaglichkeit aus und fühlte sich sofort willkommen. Es mochte auch der Ruhe liegen, die Jude umgab. Tessa drehte sich herum und sah Jude mit einem zurückhaltenden Lächeln an. Es war schwer den Gesichtsausdruck der Frau zu deuten, die geduldig auf eine Antwort wartete. Ganz von allein schnellte einer ihrer Augenbrauen in die Höhe.
      „Solltest Du das nicht wissen?“, rutschte es Tessa einfach heraus. „Ah, tut mir leid. Ich bin etwas…voreingenommen. Meine Mutter hat Karten gelegt. Allerdings war das nur ein billiger Taschenspielertrick um die Leute abzulenken. Ich bin noch nie einer… einer echten Wahrsagerin begegnet.“
      Verlegen kratzte sich Tessa am Hinterkopf.
      Sie kannte nur die fragwürdigen Darbietungen ihrer Familie und dachte mit einem Schaudern zurück an die falsche, haarige Warze, die sich die Frauen dabei in Gesicht geklebt hatten.
      „Also…Jamie hat mir erzählt, dass es überall hier im Zirkus magische Gegenstände gibt, aber er durfte mir nicht mehr verraten.“
      Vermutlich, weil Chester es seinen Leuten verboten hatte, dachte Tessa leicht säuerlich.
      „Er hat auch davon erzählt, dass du den einzigen Gegenstand besitzt, der für alle frei zugänglich ist und ich…Also, ich habe mich gefragt, ob ich…na ja, ob ich ihn sehen dürfte. Jamie sagte es wäre eine Glaskugel.“
      Die Skepsis stand ihr trotz allem, was sie bereits gehört hatte, in Gesicht geschrieben.
      „Eine echte, hellsehende Glaskugel…“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa sah sich erst einmal in dem schmuckvoll eingerichteten Wagen um, der - ganz im Gegensatz zu Ellas Wagen - den wenigen Raum auf eine ganz andere Weise zu nutzen schien. Bei Jude war es geschmackvoll und gemütlich, auch wenn sich die Geschmäcker vielleicht über die Art der Dekoration streiten mögen.
      Die Hellseherin stand dabei im Hintergrund und betrachtete die junge Frau, bis sie soweit war, sich ihr zuzuwenden. Da entfloh ihr eine freche Bemerkung und bei dem Anblick des rötlich gefärbten Gesichtes, das darauf folgte, lachte Jude auf.
      Ihr Lachen war wirklich - wie Jamie ausgedrückt hatte - ähm, gewöhnungsbedürftig. Lachen bedeutete bei Jude, dass sie lauthals zu gackern anfing. Ihre Augen waren dabei ein wenig zusammengekniffen und ihre Zähne blitzten auf, als sie laut ack, ack, ack lachte.
      "So ein schlaues Mädchen! Und ob ich das weiß! Ich wollte nur sehen, ob du schon weißt, dass ich es schon längst weiß, ack, ack, ack."
      Sie ging an Theresa vorbei und hielt auf den kleinen und einzigen Tisch zu, der hier im Wagen Platz hatte. Ihr Bett war mit drei aufeinander liegenden Bettdecken sehr gemütlich eingerichtet und für die ganzen Figürchen brauchte sie extra Regale, weshalb es hier recht eng war. Man konnte sich aber noch immer frei bewegen.
      "Komm nur her. Jamie hat schon das richtige getan, wenn er dir nicht mehr erzählt hat. Mit der Magica des Zirkusses ist nämlich nicht zu spaßen, junges Fräulein."
      Auf ihrem Gesicht prangte noch immer ein Grinsen, was ihre Worte sehr entschärfte und die ganze Unterhaltung eher zu einer Plauderei machte. Sie wartete, bis Theresa sich zu ihr an den Tisch gesetzt hatte, dann beugte sie sich geheimnisvoll über die Tischkante zu ihr.
      "Ich verrate dir jetzt ein kleines Geheimnis, okay? Erzähl es nur nicht Jamie, das wird ihm sicher das arme Herz brechen."
      Ihre Stimme sank zu einem Flüsterton hinab.
      "Bereit? Okay. Hör gut zu: Es gibt gar keine Magie. Das ist alles bloß Humbug und ein billiger Taschenspielertrick wie der von deiner Mutter."
      Sie sah Theresa eindringlich an, als wolle sie diese Worte noch verstärken. Dann lehnte sie sich zurück, griff über die Stuhllehne zu einer Kommode hinter sich und öffnete eine Schublade, noch immer ein Lächeln im Gesicht.
      "Da macht die Glaskugel keine Ausnahme. Ich zeige sie dir aber trotzdem, damit du dich vergewissern kannst, ja?"
      Damit holte sie das gute Stück heraus und platzierte sie vor Theresa auf dem Tisch.

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      Die Kugel war hübsch und schien von besonderer Handarbeit, auch wenn das wohl das einzige war, was man ihr zuschreiben konnte. Sie war ganz eindeutig aus Glas und in ihrem Inneren waberte ein dichter, lilafarbener Nebel, der wohl die Inspiration für die Außenfarbe des Wagens gegeben hatte. Allerdings war das auch schon alles, was die Kugel zu bieten hatte.
      "Ziemlich unaufregend, was? Du kannst sie sogar in die Hand nehmen, es ist einfach nur eine Kugel. Das Zeug in ihrem Inneren ist nur dazu da gut auszusehen und die Leute anzulocken, so einfach ist es. Kein Hauch von Magie."
      Ihr Blick setzte sich auf Theresa fest, während die im Gegenzug die Kugel betrachtete. Der Blick der alten Frau konnte recht intensiv werden, wenn sie das so wollte.
      "Jetzt bist du aber extra den ganzen weiten Weg für eine Attrappe hergekommen, da habe ich doch ein schlechtes Gewissen. Wie wäre es damit, wenn ich dir deine Zukunft lese, wie bei den Karten? Das geht ganz schnell, nur fünf Minuten."
      Gegen Judes Lächeln konnte Theresa nichts einwenden, auch nichts dagegen, dass die ältere Frau auch schon aufstand und mit flinken Bewegungen die Vorhänge vor den Fenstern zuzog. Gleichzeitig holte sie sich aus derselben Schublade ein paar lange Kerzen, zündete sie an und verteilte sie so in ihrem finsteren Wagen, sodass ein gleichmäßiges, wenn auch dämmriges Licht zustande kam. Danach saß sie auch schon wieder und ergriff ungefragt Theresas Hände. In ihrem Gesicht prangte noch immer ein Lächeln, aber jetzt war dort auch so etwas wie neugierige Erwartung zu sehen.
      "Ich werde dir jetzt ein paar Fragen stellen und aus deinen Antworten wird die Glaskugel deine Zukunft bestimmen. Das ist ganz einfach, nicht wahr?"
      Ihr Lächeln war einvernehmlich. Die Kugel stand jetzt zwischen ihnen auf ihrem kleinen Podest und waberte ganz ruhig vor sich hin.
      "Fangen wir also ganz vorne an: Glaubst du an das Schicksal, Theresa?"
      In ihrer Stimme schwang ein Unterton mit, der sich unmöglich deuten ließ. Die Kerzen auf dem Tisch beleuchteten ihr Gesicht in einer Weise, die höchst unschmeichelhaft war.
      "Wonach verlangt es dich in deinem Leben?"
      Ihre Miene blieb, bis auf das feine Lächeln, ganz ernst. Sie wartete auch eine ernstgemeinte Antwort ab, bevor sie erst weiterfuhr.
      "Was ist der Sinn deines Lebens?"
      Auch diese Antwort wartete sie ab, dann nahm sie Theresas Hände und legte sie an den Seiten der Glaskugel ab. Die Kugel war weder kalt noch warm, sie war lediglich wie eine Barriere an den Händen. In ihrem Inneren waberte der Nebel ruhig weiter.
      "Sieh dir jetzt die Kugel an. Sieh nicht weg, sieh direkt hinein und wende deinen Blick nicht ab, für 15 Sekunden. Sieh in den Nebel und sieh in dich selbst, die Kugel ist, was dein ist, und dein ist, was die Kugel ist. Vide in nihilum - nihil videt in te."
      Und Jude legte ihre Hände über Theresas.
    • Die Verlegenheit über die freche Bemerkung steigerte sich ins Unermessliche, als Jude lauthals und ungezügelt lachte. Die Hitze stieg Tessa in rasanter Geschwindigkeit in die Wangen und sie war so sehr damit beschäftigt damit nicht vor Scham im Boden zu versinken, dass sie kaum Gelegenheit hatte, sich über das gewöhnungsbedürftige Lachen zu wundern. Die Wahrsagerin gackerte offensichtlich amüsiert über die forsche Art und Tessa fühlte regelrecht wie ihr ganzes Gesicht rot aufflammte. Skepsis war für Jude sicherlich nichts Neues und eine argwöhnische, vorlaute Diebin nicht die schlimmste Reaktion, die sie je bekommen hatte. Es war die merkwürdige und gleichzeitig freundliche Art, die Tessa wieder entspannte. Ein wenig fühlte sich Tessa an die gute Eleonore erinnert. Beide Frauen strahlten auf ihre ganz eigene Weise eine Herzlichkeit aus, in deren Gegenwart sich das Mädchen sofort wohl fühlte. Deshalb folgte sie auch der Aufforderung und setzte sich an den kleinen Tisch. Erwartungsvoll lehnte sich Tessa ein wenig nach vorn, als Jude in ein geheimnisvolles Flüstern verfiel. Die Neugierde trug Tessa über das ganze Gesicht bis zu den leuchtenden Augen. Obwohl die Magie des Zirkus ihr bisher mehr Kummer als Glück beschert hatte, konnte sie nicht anders als gespannt darauf zu warten, welches Geheimnis Jude ihr offenbaren würde.
      Die Antwort löst ein Gefühl der Enttäuschung aus. Gleichzeitig verspürte Tessa einen gewissen Argwohn gegenüber dem großen Geheimnis, dass alles tatsächlich nur ein Trick war. Im Grunde glaubte sie Jude keine Sekunde lang. In einem Wanderzirkus mit einem unsterblichen Zirkusdirektor und einer magischen, seelenfressenden Uhr sollte ausgerechnet eine mystische Glaskugel einer Wahrsagerin eine Fälschung sein? Ein billiger Jahrmarktstrick? Mit verschränkten Armen lehnte sich Tessa im Stuhl zurück und legte den Kopf grübelnd schief.
      "Keine Magie?", wiederholte sie murmelnd.
      Am aller wenigsten erklärte es, warum um Himmelswillen sie wie in Trance und ohne Erinnerung daran den Weg zurück zum Zirkus gegangen war. Hier war etwas ganz gehörig faul und mit faulen Tricks, kannte sich Tessa aus. Dennoch unterbrach sie Jude nicht und beobachtete, wie sie die geheimnisvolle Glaskugel zu Tage förderte. Tatsächlich war die Kugel hübsch anzusehen und wirkte auf den ersten Blick recht unspektakulär. Der gefärbte Nebel im Glaskörper bewegte sich dabei gemächlich und beinahe hypnotisch. Die angeblich magischen Glaskugeln, die Trickbetrüger verwendeten, waren meist aus Milchglas gewesen. Die Lichtbrechung hatte bei diesen Kugeln einen ähnlichen aber Effekt erzielt, allerdings hatte sich nie etwas dabei bewegt.
      Tessa brachte es nicht übers Herz das Angebot der lieben Frau auszuschlagen, die sich solche Mühe gab, die richtige Atmosphäre zu erzeugen. Bald erhellte nur noch der flackernde, warme Kerzenschein ihre Gesichter. Die Dämmerung vor dem Wagen tat ihr Übriges zur Wirkung bei. Jude hielt ihren Blick gefangen und ihre Aufmerksamkeit bei der Glaskugel zwischen ihnen. Tessa hatte hunderte von Menschen auf denselben Trick reinfallen sehen. Trotzdem ließ sie sich auf das kleine Fragespiel ein. Schließlich würde dabei niemand zu Schaden kommen.
      "Glaubst du an das Schicksal, Theresa?""
      "Nein."
      "Wonach verlangt es dich in deinem Leben?"
      "Einen Ort, an dem ich hingehöre."
      "Was ist der Sinn deines Lebens?"
      "Ich weiß es nicht."
      Die eigenen Antworten deprimierten Tessa, denn sie spiegelten ihr Leben wieder, das bisher nur daraus bestanden hatte einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Sie ließ sich führen, bis ihre Hände die glatte, gläserne Oberfläche der Kugel berührten. Warme, knochige Händen ruhten über ihren Eigenen, während Tessa den Worten lauschte und dem scheinbar willkürlichen Fluss des Nebels folgte. Dabei folgte sie nicht nur der Führung der fremden Händen sondern auch der gleichmäßigen, beschwörerischen Stimme von Jude. Bald schon ließ sich Tessa im Klang der Worte und im Farbspiel des Nebels treiben. Nicht einmal kam ihr der Gedanke, einfach die Hände zurück zu ziehen. Auch nicht, als der Wohnwagen am Rand ihres Sichtfeldes zu verschwimmen begann und sich Letzteres mit lilafarbenem Nebel füllte. Tessa neigte das Kinn etwas nach unten, als wollte sie ihren Blick noch näher an die Glaskugel bringen, dann war plötzlich alles ganz still. Jude, der Wohnwagen, der Zirkus vor der Tür und Tessa selbst.
      Der Nebel in der Kugel lichtete sich für sie und gab den Blick auf eine befremdliche Szenerie frei, über die sie keinerlei Kontrolle hatte.
      Tessa blinzelte und war auf einmal nicht mehr in Judes gemütlichem Wohnwagen.

      'Alles fühlte sich fremd und kalt an, bis auf ihre Hände, an denen etwas Warmes klebte. Dickflüssiges, leuchtendes Rot benetzte ihre Hände und ein erstickender, metallischer Geruch stieg ihr in die Nase bis Tessa keine Luft mehr bekam. Was war passiert? Hektische Schritte näherten sich und stoppten abrupt wenige Meter vor ihr entfernt. Sie sah nicht auf, erkannte nur die Spitzen von Stiefeln, die das Gras zerdrückten. Die dunkel, klebrige Flüssigkeit färbte die Halme in der Dunkelheit tiefschwarz. Ein Stimmengewirr erhob sich. Fragen, die sie durch das Hämmern ihres Herzens kaum verstand und Stimmen, die sie nicht erkannte, prasselten auf sie ein. Ein Wimmern durchbrach das Gewirr. Es war ihre eigene Stimme. Mühevoll löste sie den krampfhaften Griff um den Gegenstand in ihrer rechten Hand. Das Messer, glänzend neu und mit einem geschnitzten Holzgriff, fiel zu Boden. Jemand packte sie an den Schultern und zerrte etwas aus der geballten Faust ihrer anderen Hand. Ein Schlüssel, alt und verrostet. 'Oh, Tessa...', wisperte die fremde Stimme und als sie endlich die Kraft aufbringen konnte, den Kopf zu heben, erstarrte Tessa vor Angst. Da war kein Gesicht. Alles, was sie sah, war ein diffuser Nebel aus Farben und verzerrten Gesichtszügen. Hektisch flog ihr Kopf herum um weitere gesichtslose Gestalten zu erblicken, die den Kreis enger um sie schlossen. Nichts und Niemand kam ihr bekannt vor. Sie zitterte. Ein angsterfüllter Schrei durchbrach den Nebel.'

      Tessa sprang erschrocken vom Tisch auf und warf einen hektischen Blick auf ihre Hände, die zu ihrer Erleichterung zwar schmutzig von der Arbeit aber ansonsten sauber waren. Heftig schüttelte Tessa den Kopf, um die letzte Wirkung der furchteinflößenden Bilder abzuschütteln. Vorsichtig berührte sie ihr Gesicht und bemerkte vereinzelte Schweißperlen an ihren Schläfen. Ihr Kopf ruckte in Richtung von Jude und sie stieß erleichtert den angehaltenen Atem aus, als sie das Gesicht der Frau klar und deutlich erkannte. Ein kleiner Rest der empfundenen Angst, glänzte noch in Tessas Augen.
      "Was zur Hölle war das?", fragte sie atemlos.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Während Theresa in ihrer Vision verschwand, hatte Jude die Hände auf denen der jungen Frau gelassen, um die Verbindung zur Glaskugel herzustellen und diese wiederum mit ihrer Gegenüber zu verknüpfen. Das war ein Akt, der ihr von ihrer Vorgängerin beigebracht worden war und ihr schnell ins Blut übergegangen war, auch wenn sie nicht wusste, was genau es eigentlich dort war, was vor sich ging. Womöglich hätte das Chester wissen können, der schließlich eines Tages dafür gesorgt hatte, dass diese Kugel ihren endgültigen Platz im Zirkus fand. Aber Jude war, wenngleich sie die jetzige Besitzerin der Kugel war, nicht mit deren Ursprung vertraut. Sie konnte nur tun, was sie wusste, und nichts in Frage stellen.
      Zuerst stieg der violette Nebel in Theresas Augen auf. Das war nichts ungewöhnliches und zeigte nur an, dass die Verbindung geglückt war. In kleinen, wabernden Schwaden tünchte er ihre Augen, die sie währenddessen in fast vollständigem Bann auf die Glaskugel richtete. In der Glaskugel selbst waberte der Nebel im selben Rhythmus ihrer Augen und nur Theresa, die in diesem Moment damit verbunden war, konnte sehen, was die Kugel ihr offenbarte. Sie konnte es sogar fühlen; Jude wusste, dass dies keine einfache Vision war, sondern mit allen möglichen Sinnen verbunden war. Fast jeder Angestellte hatte sie eines Tages miterlebt und nur für sie baute die Hellseherin auch die volle Verbindung auf. Für die einfachen Besucher, die sich nur unterhalten lassen wollten, ließ sie nur einen Bruchteil übertragen. Immerhin wollte sie sie nicht verschrecken.
      Es dauerte nur einige wenige Sekunden, aber dann ging alles so plötzlich, dass nicht einmal Jude die Gelegenheit hatte, richtig zu reagieren. Theresa riss sich hektisch von der Glaskugel los und sprang in derselben Bewegung auf. Ihr Stuhl fiel dabei klappernd zu Boden und übertönte ihre fast hektischen Atemzüge. Auf der Stirn des Mädchens glänzten Schweißperlen und ihre Bewegungen waren ganz fahrig. Sie stand jetzt in Richtung Tür, dem Ausgang.
      Wenn ich nicht aufpasse, wird sie mir noch fliehen wollen, dachte sich Jude, unwissend darüber, dass sie da dieselbe Beobachtung machte wie Chester einst. Zum Glück war das aber nicht der erste Vorfall mit einer schlechten Vision; bei den Leben dieser ganzen Leute kam es nicht wenig vor, dass sie etwas ganz und gar furchterregendes zu sehen bekamen.
      "Ganz ruhig", versuchte Jude daher erst, stand auf und machte schnell einen der Vorhänge auf, um das wenige Licht hereinzulassen. Es sollte Theresa helfen, sich wieder in der Gegenwart zu verankern.
      "Es mag verstörend sein, was die Kugel einem zeigen will. Aber es muss auch nicht eintreffen - manchmal sind es nur Metaphern und manchmal liegt es so weit in der Zukunft, dass sich bis dahin alles ändert. Verliere deswegen also nicht die Nerven."
      Sie warf einen Blick auf ihre kleinen Kristalltierchen auf dem Fensterbrett. Sie schienen vom Kerzenlicht leicht zu glitzern, auch wenn man sich das gut auch einbilden konnte.
      Danach wandte sie sich Theresa wieder zu.
      "Erzähl mir davon, dann wird es dir gleich besser gehen. Offenbarungen wie diese verarbeitet man besser nicht alleine."
    • Von wegen keine Magie...Tessa überlegte für einen Augenblick, ob sie nicht einfach aus dem Wohnwagen, der ihr plötzlich viel zu eng und bedrückend erschien, stürmen sollte. Das Gefühl der blanken Panik hielt sie fest umklammert und sie fühlte sich wie eine Maus in der Falle. Unruhig zuckte ihr Blick durch den beengten Raum voll gestopft mit Kristallfigürchen und allerlei anderem Kitsch. Genauso schnell schnappte ihre Aufmerksamkeit voller Angst zurück zu Jude, weil sie erwartete, in ein unkenntliches Gesicht aus verzerrten, nebligen Farben zu sehen. Von dem Wechsel zwischen Furcht und der kurzweiligen Erleichterung wurde Tessa schwindelig. Das Spiel wiederholte sich unzählige Male bis die alte Frau sich erhob, die Vorhänge beiseite schob und das letzte Licht des Tages hinein ließ. Tessa nahm einen stockenden Atemzug und bückte sich nach dem umgestoßenen Stuhl. Bevor sie die Nerven wirklich verlor, näherte sie sich argwöhnisch und mit galoppierendem Herzen dem Tisch mit der Glaskugel. Der Nebel darin weckte nun keine Neugierde mehr, sondern ein unterschwelliges Gefühl von reiner, blanker Furcht. Kraftlos plumpste Tessa auf den Stuhl, die Hände in ihrem Schoß gebettet und damit außer Reichweite der Glaskugel und Jude. Mit einem erzwungenen Lächeln sah sie die Wahrsagerin an. Sie wagte es nicht die brennenden Augen zu schließen, in deren Netzhaut sich das Bild eines blutigen Messers eingebrannt hatte.
      "Langsam bekomme ich das Gefühl, dass andere hinters Licht zu führen in diesem Zirkus zu den wichtigsten Einstellungskriterien gehört...", brummte sie halbherzig.
      Eine gefühlte Ewigkeit passierte einfach nichts. Tessa beäugte die Hände in ihrem Schoß - ihre sauberen, nicht blutverschmierten Hände. Wenn sie an das Bild dachte, konnte sie den metallischen und schweren Blutgeruch noch immer in der Luft wahrnehmen.
      "Es hat sich so...echt angefühlt", murmelte sie zunächst.
      Wieder herrschte Schweigen zwischen den beiden Frauen, bis die verschreckte, junge Frau erneut die dünne Stimme anhob.
      "Es war dunkel", begann sie zu erzählen. "Es war Nacht, denke ich. Blut...Meine Hände waren voller Blut und da war dieses Messer in meiner Hand. Ich glaube, ich habe jemanden verletzt. Da waren so viele Menschen, aber ich konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Sie waren verzerrt...nein, nicht verzerrt. Verschwommen und ohne Form wie der Nebel in der Kugel. Jemand hat etwas gesagt, aber die Stimme war mir fremd, und mir meinen Schlüssel weggenommen..."
      Tessa griff sich an die Brust und umklammerte mit bleichen Knöcheln den rostigen Schlüssel, den sie um den Hals trug. Sie musste sich versichern, dass er noch da war. Dieses winzige Ding, dass ihr so viel Leid beschert hatte.
      "Ich habe gefühlt, dass ich diese Menschen kennen muss, aber ich konnte mich nicht erinnern. Nicht an die Gesichter, nicht an die Stimmen, nicht an den Ort. Da war nichts als Leere, wo Erinnerungen sein sollten. Ich konnte alles fühlen, als wäre es echt gewesen."
      Das warme Blut an ihren Händen, die sanfte aber fremde Stimme in ihren Ohren, die kalte Brise in ihrem Nacken, die Panik...
      Tessa blinzelte und sog scharf die Luft ein.
      "Ich höre mich an, als würde ich den Verstand verlieren."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude hatte ein mitleidiges Lächeln für die junge Frau übrig. Was sie soeben gesehen hatte, war ganz eindeutig nicht einfach zu verkraften gewesen und selbst alte Hasen, die die Hellseherin schon des Öfteren besucht hatten, fiel es immer wieder schwer, mit etwas konfrontiert zu werden, was ihren dunkelsten Albträumen entsprach. Natürlich war es aber beim ersten Mal noch viel schlimmer und nachdem Theresa sowieso schon gezeigt hatte, dass sie nicht ganz recht an die ganze Magie glaubte, musste es für sie noch dazu ein Schock sein zu erfahren, dass sie sich täuschte. Ja, auch das war nichts, was Jude zum ersten Mal erlebt hätte. Umso mehr tat ihr die junge Frau leid.
      "Es muss alles sehr überwältigend sein für jemand, der zum ersten Mal mit Zirkus Magica in Berührung kommt", entgegnete sie so sanft wie möglich, während sie sich davon abzuhalten schien, Theresas Hände wieder einzufordern. Die hatte in nächster Zeit wohl genug davon, die Hellseherin zu berühren.
      "Erzähl es mir. Dann wird es dir besser gehen, das verspreche ich."
      Theresa schwieg für viele Sekunden lang. Vermutlich zweifelte sie fortan an allem, was Jude zu ihr zu sagen hätte, weil sie sie am Anfang schließlich auch belogen hatte. Aber dann, nachdem die ältere Frau so geduldig wartete, fing sie schließlich leise an zu erzählen.
      Die ältere Frau hörte zu, ohne das Gesicht zu verziehen. Manchmal nickte sie Theresa zu, wie um ihr zu bedeuten, dass sie ruhig weitersprechen konnte, oder dass Jude ihr glaubte. Ihr Blick war ein wenig besorgt, als sie das arme Mädchen dabei betrachtete, wie es die Worte herauszudrücken versuchte. Es war ganz eindeutig ein schwieriger Moment für die junge Frau und wenn die beiden sich nicht so flüchtig gekannt hätten, hätte Jude wohl alles daran gesetzt, dass es ihr ein wenig besser ging.
      Aber sie hatte ja nicht einmal Tee hier, den sie ihr zur Beruhigung hätte anbieten können. Sie konnte nur lauschen und dabei ihr aufrichtiges Mitleid kundtun, dass Theresa sowas gesehen haben musste.
      "Die Kugel zeigt einem nicht unbedingt, was die Zukunft für einen bringen mag. Sie zeigt auch nicht zwingend, was sein kann oder sein muss; manchmal zeigt sie auch einfach nur, was zu sehen nötig ist. Du musst keine Angst haben, Theresa."
      Da legte Jude die Hände auf den Tisch, überließ es aber Theresa, die Geste anzunehmen.
      "Vieles, was die Leute im Nebel sehen, ist nichts, womit sie jemals wieder konfrontiert werden. Vielleicht soll es nur eine Warnung sein. Oder ein Hinweis."
      Sie nickte zu dem Schlüssel, den die junge Frau soeben noch umfasst hatte.
      "Wenn ich mir den Kommentar erlauben kann, dann vermute ich, dass der Kernpunkt dein Schlüssel gewesen sein muss. Hat er einen besonderen Wert für dich? Ist er etwas, woran du sehr stark glaubst?"
    • Die Dankbarkeit, die Tessa gegenüber der geduldigen Frau empfand, ließ sich nicht in Worte fassen. Obwohl die Diebin einen gewissen Argwohn nicht ablegen konnte, war sie wirklich dankbar, dass Jude ihr nicht ins Wort fiel. Sie wusste nicht, ob sie sonst ihre Erzählung zu Ende gebracht hätte. Die Erinnerungen an die erschütternde Vision und das schreckliche Gefühl von reinster, nackter Angst brannte sich in ihr Gedächtnis. Zwar versuchte Jude die die Gedanken an die düstere Vorahnung zu milden, sie gar zu vertreiben, aber das untrügliche Gefühl etwas Furchtbares in Gang gesetzt zu haben, legte sich als schwerer und eisiger Stein direkt in ihre Magengrube. Wenn die Glaskugel Tessa eine mögliche Zukunft offenbart harre, dann hatte sie leider vergessen ihr freundlicherweise mitzuteilen, wie diese abwenden konnte. Ein nützlicher Hinweis schien allerdings zu viel verlangt.
      Zögerlich senkte Tessa den Blick auf die angebotenen Hände. Bei all dem Schrecken der letzten Minuten und all dem Misstrauen war die tröstliche Geste etwas, von dem Tessa nicht gewusst hatte, dass sie diese brauchte. Aber Jude hatte es gewusst. Ganz langsam zog sie die Hände unter dem Tisch hervor und legte diese in die geöffneten Handflächen der Wahrsagerin. Knorrige, dünne Finger schlossen sich um ihre. Sie waren warm und tröstlich.
      Tessa nickte still, verstehend.
      Die Frage nach dem Schlüssel ließ dunkle, traurige Schatten über ihr noch bleiches Gesicht huschen. Für ein einfaches Schmuckstück oder bedeutungsvolles Geschenk war er nicht hübsch genug. Selbst ein Blinder hätte gesehen, wie viel Schmerz an diesem rostigen Kleinod hing und trotzdem konnte die junge Frau nicht davon ablassen. Mit jedem Wort der Wahrsagerin glaubte Tessa zu spüren, wie das Gewicht des Schlüssels um ihren Hals zunahm.
      „Der Schlüssel ist der Grund, warum meine beste Freundin tot ist und ein Freund in einer Zelle verrottet“, würgte Tessa die Silben mühevoll hervor. „Obwohl ich nicht glaube, dass er jetzt noch mein Freund ist. Deshalb bin ich überhaupt am Ende hier gelandet. Wegen dieses dämlichen, wertlosen Schlüssels… Ich konnte nicht zurück, also blieb mir nur ein einziger Ort, an den ich gehen konnte, an dem ich vielleicht willkommen war. Chester hat gesagt, die Türen des Zirkus stünden immer offen für mich und…und…“
      Die Diebin kam ins Stocken und die Finger ins Judes Händen begannen unkontrolliert zu zittern. Etwas klickte hinter der Stirn des Mädchens. Ihre Augen wurden groß bevor Tessa sie mit einem langen, gequälten Seufzen zusammenpresste. Die Luft, die aus ihren Lungen wich, machte Platz für etwas Anderes. Es brannte in ihrem Brustkorb. Heiß und lodernd bis Tessa glaubte daran zu ersticken. Ein weiteres Mal stand sie ruckartig auf und entzog Jude ihre Hände, jedoch nicht ohne die dürren Finger sanft zu drücken. Es war nicht die Schuld der alten Frau.
      „Danke, Jude“, murmelte sie aufrichtig.

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      Die kalte Winterluft konnte die erstickende Hitze in ihren Lungen nicht lindern. Mit eiligen Schritten durchquerte die Diebin das Labyrinth zwischen Zelten, Wohnwagen und Trampelpfaden mit nur einem Ziel vor Augen. Sie wollte die Wahrheit und keine neuen Märchengeschichten. Die magische und verspielte Atmosphäre des Zirkus, die Tessa anfangs den Atem verschlagen hatte, verlor ihren Zauber. Nach wenigen Metern begann Tessa zu rennen. Sie hatte sich die wichtigsten Wege gut gemerkt um in kürzester Zeit von A nach B zu kommen. Tessa rannte bis ihre Lungen protestierten und doch war sie ihrem Ziel keinen Schritt nähergekommen. Keuchend stemmte sie die Hände auf die Knie und hob den Kopf, um mit Schrecken festzustellen, dass sie wenige Meter vor sich ihren eigenen Wohnwagen entdeckte. Das war unmöglich, weil sie in eine vollkommen andere Richtung gelaufen war.
      Aufgebracht wirbelte Tessa herum und stürmte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Dieses Mal führte sie der Weg zum Hauptplatz mit den geschlossenen Getränke- und Essenständen. Schnee knirschte unter ihren Stiefeln als fassungslos über den großen Platz zum Showzelt sah. Tessa trat knurrend gegen eine Kiste neben dem Süßigkeiten-Stand und verschwand wieder entschlossen zwischen den Zelten.
      Beim dritten Versuch landete Tessa geradewegs am äußersten Rand des Zirkus in unmittelbarer Nähe zu der Stelle im Eisenzaun, über den sie bei ihrem ersten Besuch geklettert war. Stimmen und Tierlaute erklangen dumpf im Hintergrund, als wären sie weit, weit weg. Ein frustriertes Stöhnen ertönte und Tessa stampfte in bester Manier mit Stiefel auf bis Schnee durch die Luft wirbelte. Der Zirkus selbst hatte sich gegen den Neuankömmling gewandt. Sie war keine Sekunde lang auch nur in die Nähe von Chesters Zelt gekommen.
      Tessa war die ganze Zeit im Kreis gelaufen.
      „Chester!“, rief sie in die Leere hinaus.
      Stille.
      „Sag mir, dass du damit nichts zu tun hast! Sag mir, dass du meine Freunde nicht in Schwierigkeiten gebracht hast, damit du deine verdammte Uhr füttern kannst!“
      Tessas Gedanken rasten und ihre Augen brannten. Sie hatte von dem zwielichtigen Kriminellen nie erfahren, wer den Diebstahl in Auftrag gegeben hatte. Ein lukratives Angebot genau zum richtigen Zeitpunkt und niemand wäre angesichts des nahenden Winters auf die Idee gekommen, dieses auszuschlagen.
      „Chester! Verdammt nochmal! Rede mit mir, du Feigling!“
      Nichts.
      Malia hatte anscheinend nicht gelogen, als sie sagte, dass Tessa den Zirkusdirektor für eine ganze Weile nicht sehen würde.
      In ihrem Rücken ertönte plötzlich ein raues, amüsiertes Kichern.
      „Du machst mir den Eindruck, als müsstest du mal ein bisschen Dampf ablassen, Kitty.“

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      Tschak. Tschak. Tschak.

      „Beeindruckend. Keinerlei Feinschliff, aber volle Punktzahl für Enthusiasmus“, raunte der Mann um die glühende Zigarette zwischen seinen Lippen herum. „Erinnere mich daran dir in Chesters Nähe nie ein Messer in die Hand zu drücken, Kitty.“
      „Mein Name…“, protestierte Tessa und wie die unzähligen Male zuvor auch jetzt ohne Erfolg. Der Mann, der sich mit dem seltsamen Namen Owl vorgestellt hatte, war derselbe Kerl, dem sie beinahe in Messer gelaufen war.
      „Es wundert mich wirklich, dass Liam dich zur Versorgung der Tiere eingeteilt hat“, ignorierte Owl den Protest und rutschte von der Holzkiste herunter, auf der her bisher gesessen und geraucht hatte. Lässig schlenderte er zur Zielscheibe und zog völlig mühelos die Messer aus dem Holz.
      „Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, knurrte die Diebin.
      Seit einer geschlagenen, halben Stunde hatte Tessa unermüdlich ihren Frust und ihre Wut an einer von Owls Zielscheiben ausgelassen. So lange, bis ihr Arm vor Erschöpfung ganz schwer war und höllisch schmerzte. Der Muskelkater würde sie noch ein paar Tage lang verfolgen. Owl scheuchte sie in Richtung eines Feuerkorbes, an dem sie ihre eiskalten und tauben Finger in die Nähe der wärmenden Flammen ausstreckte.
      Owl gesellte sich zu ihr, schwang sich erneut auf die Kiste am Feuer und begann damit, routiniert die Klingen der Messer mit einem Wetzstein nach zu schärfen. Trotz der kalten Wintermonate besaß Owl einen warmen, gebräunten Teint. Tessa wusste nicht viel von der Welt, aber aus diesen harschen, kühlen Gegenden stammte der Mann eindeutig nicht. Seine Haare wirkten beinahe pechschwarz und waren gerade an den Schläfen mit unzähligen, silbergrauen Strähnen durchzogen. Sein Gesicht spiegelte eine gewisse Jugendlichkeit wieder, die unter den dunklen und silbernen Bartstoppeln ein wenig verschwand. Tessa schätzte Owl auf Ende der Dreißiger, vielleicht auch Anfang der Vierziger. Die harte Arbeit im Zirkus aber vor allem sein Hauptberuf als Messerwerfer zeigten sich in den breiten Schultern und den sehnigen, kräftigen Armen. Tessa fragte sich heimlich, welche Geschichte wohl hinter den vielen Tattoos auf seiner Haut steckte. Owl hatte den Gesichtsausdruck eines Mannes, der zu viel in seinem Leben gesehen hatte. Obwohl er lachte und scherzte, versteckte sich ein Schatten in seinen leuchtenden Augen.
      „Andererseits, vielleicht hätte ich dir ein Messer geben sollen, dann hätte ich vielleicht sogar die Wette dieses Jahr gewonnen“, murmelte er nachdenklich, als hätte er vergessen, dass Tessa noch da war. Diese starrte Owl mit offenem Mund an. Die Muskeln in ihrem Kiefer zuckten bedrohlich, als der Blick des Messerwerfers zu ihrem Gesicht schnellte. Er hatte zumindest den Anstand dabei schuldbewusst auszusehen.
      „Moment, wie bitte? Wette?“
      „Nimm es nicht persönlich. Viele von uns haben gespannt verfolgt, wie Chester dich umschmeichelt hat wie ein verliebter Gockel und du ihn mit diesen großen, traurigen Augen angehimmelt hast. Es war ganz herzallerliebst. Wir haben uns gefragt, wie lange er dieses Mal benötigt, um seine Wahl zu überzeugen und wie du reagierst…und dann führte eines zum anderen. “
      Owl zuckte entschuldigend mit den Schultern.
      „Und die Sache mit dem Messer?“, knirschte Tessa mit den Zähnen.
      „Ich habe darauf gewettet, dass du mit deinem kleinen, rostigen Taschenmesser auf ihn losgehst“, gab er zu.
      „Das ist widerlich, Owl.“
      Er lachte.
      „Vielleicht, aber was für eine Show das gewesen wäre.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude ließ das Mädchen mit einem Lächeln ziehen, dabei wirkte sie aber mehr besorgt und mitfühlend als alles andere. Sie hatte Theresa zwar geholfen, soweit es ihr möglich war, aber es war auch ihre Schuld gewesen, dass die junge Frau überhaupt in so eine Lage geraten war.
      Und außerdem hatte sie da noch eine Sache zu erledigen.
      Kaum eine halbe Stunde später saß sie daher in einem ausladenden, schmuckvoll eingerichteten Zelt vor einem wuchtigen Schreibtisch aus Massivholz, auf dem ohne erkennbare Ordnung ein paar aufgeschlagene Bücher herumlagen. Drinnen war es angenehm warm und trotzdem fröstelte es Jude ein wenig.
      Hinter dem Schreibtisch saß Chester auf seinem Sessel. Er hatte seine übliche Geschäftsmiene auf, wie Jude sie zu beschreiben pflegte, bei der der Mann sämtliche Gesichtszüge entspannt hielt. Kein Zucken drang durch seine Brauen, keine unregelmäßige Bewegung war in seinen Augen, sein ganzes Gesicht war völlig entspannt.
      Neben seinem Stift saß ein kleiner, süßer Schlüsselanhänger, ein kleiner Teddybär mit Zylinder, auf dem Tisch. Jude fand den zwar selbst für Chester zu kitschig, sie kannte aber seinen Sammel-Drang und hinterfragte nicht, was es nun mit dem schon wieder auf sich hatte. Bei Chester konnte man jede Woche ins Zelt kommen und jedes mal etwas neues in seinen Regalen entdecken.
      Im Moment blieb aber sowieso nicht viel Kapazität, um über Nichtigkeiten zu plaudern. Jude war schon etwas nervös und wenn Chester sie ohne sämtliche Regungen so ansah, dann fühlte sie sich immer dazu gedrängt, ihm gleich ihre ganze Lebensgeschichte zu offenbaren. Dabei war sie ja zu ihm gekommen.
      "Ich mache mir sehr große Sorgen um Theresa."
      Er antwortete ihr nicht, sondern sah sie für einen Moment nur an. Selbst nach über 30 Jahren hatte Jude manchmal keinerlei Ahnung, was in solchen Momenten in dem Hirn vor sich ging.
      "Sie war bei dir?"
      "Ja. Sie hat die Kugel benutzt, wie ich es vorhergesehen habe."
      "Und sie hat nichts gutes gesehen?"
      "Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube sogar, sie könnte eine echte Gefahr für den Zirkus darstellen."
      Das nahm der Direktor auch auf, ohne ein Gesicht zu machen. Selbst seine Augen waren ganz unbeweglich und Jude dachte sich, dass der Mann manchmal wirklich gruselig sein konnte, wenn er das wollte.
      "Was hat sie denn gesehen?"
      Und so berichtete Jude ihm, so wörtlich wie nur möglich, was Theresa ihr vor nicht einmal einer Stunde in ihrem Wagen offenbart hatte. Sie ließ dabei nichts aus, weder von der eigentlichen Vision, noch wie aufgeregt Theresa gewesen war und dass es sich um den Schlüssel um ihren Hals gehandelt hatte. Zumindest bei dem Teil mit dem Blut hätte sie geglaubt, dass Chester irgendwie reagieren würde, aber das tat er nicht - zumindest nicht im Gesicht. Irgendwann lehnte er sich allerdings zurück, nahm den kleinen Schlüsselanhänger in die Hand und spielte ein wenig damit herum.
      Als Jude geendet hatte, herrschte wieder Schweigen. Chester sah erst sie an, dann sah er auf den kleinen Teddybär hinunter.
      "Hat sie gesagt, was für ein Messer es war?"
      "Nein. Welches Messer soll es schon gewesen sein?"
      "Irgendeins. Es gibt viele Arten."
      "Aber was, wenn es ein Küchenmesser gewesen ist? Willst du ihr dann etwa verbieten, dass sie für den Rest ihres Lebens ein Messer zu ihren Mahlzeiten bekommt?"
      Natürlich unterstellte sie Chester nicht, dass er solche Pläne hegte, aber es musste ausgesprochen werden. Noch war Theresa nicht annähernd lange genug da, um sie als Gefahr oder nicht einschätzen zu können.
      "Nein. Aber ich wollte sie beim Messerstand einteilen und das würde ich dann wohl bleiben lassen."
      "Das erscheint mir auch ein bisschen zu heftig, Chester. Immerhin war es nur eine Vision, es könnte auch einfach nur eine Nachricht gewesen sein. Oder ein Albtraum."
      "Oder sie wird hier irgendwen umbringen."
      "Denkst du das wirklich? Denkst du wirklich, dass diese Theresa herumgehen und Leute abstechen wird? Wir reden schon über das gleiche Mädchen, oder?"
      Das taten sie und das konnte Jude an der Art erkennen, wie Chester den Anhänger in der Hand drehte. Sein Gesicht mochte ausdruckslos sein, aber manchmal hatte er seine Körpersprache nicht ganz so gut im Griff, wie er es sich vielleicht vorstellte.
      "Und wenn sie mich umbringen wird?"
      "Dann würde ich an deiner Stelle aufpassen, dass du an dem Tag keine deiner guten Hemden anziehst."
      Jude hatte das als Scherz gemeint, aber irgendwie glaubte sie, dass hinter der Frage etwas anderes gesteckt hatte, was sie nicht so ganz begriffen hatte. Da streckte sie die Hand aus und legte sie offen auf den Tisch.
      "Es wird schon gut gehen, Chester. Theresa ist nur etwas... aufgewühlt. Wer war das nicht in ihrer Lage? Sie wird sich schon einfangen und dann wird alles schon gut werden."
      Chester sah ihre Hand an und legte seine Hand schließlich in ihre.
      Seine Hand war eiskalt.

      Am Stand eines bestimmten Owls kamen bald Schritte durch den Schnee geknirscht, langsame aber gleichmäßige Schritte. Es war Roy, der etwas breiter gewachsene Feuerspucker, der in einen dicken Mantel gehüllt auf sie zugestapft kam. Den Kragen hatte er gegen den gelegentlichen Wind hochgestellt.
      "N'abend."
      Als er Theresa erblickte, gingen seine Augenbrauen überrascht in die Höhe, aber er erwähnte es nicht. Als ob es normal wäre, dass man abends durch den Zirkus schlendern und die Neue dabei erwischen könnte, wie sie mit echten geschärften Messern auf weniger echte Ziele schoss.
      Dafür hielt der Mann relativ gezielt auf Owl zu und lehnte sich bei ihm gegen den Stapel Holzkisten.
      "Was macht ihr hier noch? Werfen üben?"
      Seine Stimme war rauchig und relativ gleichmütig, als würde er sich nicht wirklich dafür interessieren, was hier vor sich ging. Aber seine Anwesenheit versprach das eindeutige Gegenteil.
      "Bist du nicht bei den Tierpflegerin eingeteilt, Theresa?"
      Er griff in den dicken Mantel, zog eine Packung Zigaretten heraus, steckte sich eine zwischen die Zähne und bedrängte dann Owl wortlos damit, sie ihm mit seinem Feuerzeug anzuzünden. So, wie der Mann dabei dreinsah und wie der Feuerspucker dabei grinste, war das wohl irgendein Insider.
      Dann qualmte er genüsslich und sah dabei zu, wie die junge Frau weitere Ziele versenkte. Sie traf nicht schlecht, aber von Owl war sie noch weit entfernt.
      Er stieß den Rauch aus und neigte sich dann zu Owl, um ihm halblaut zuzuraunen:
      "Du schuldest mir noch was."
      Die Männer tauschten einen Blick aus, dann streckte Roy die offene Hand aus. Owl musste ihm wohl oder übel ein paar Geldscheine überreichen, die er geflissentlich nachzählte. Irgendein Wetteinsatz.
      "Ich hab's euch ja gesagt", brummte er dabei, aber eindeutig voller Vergnügen. "Mala wollte auch nicht hören. Aber sie hat sich geweigert zu zahlen, weil sie plötzlich meint, dass das jetzt moralisch verwerflich sei. Das macht sie nur, weil sie verloren hat."