The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Caleb

      "Ich hatte auf ein bisschen mehr Kreativität gehofft. Du kannst dich gerne jederzeit melden, falls dir etwas Besseres einfällt. Ich lasse leichter mit mir verhandeln, als du dir vielleicht denkst." Solange eben alles nach ihrem Kopf ging. Niamh warf Richard ein vollkommen humorloses Lächeln zu, während sie sich ihre Tasche über die Schulter hängte. "Wie dem auch sei - anders als der Rest meiner Familie habe ich absolut überhaupt kein Verlangen danach, mich in fremde Beziehungen einzumischen. Cal? Wenn du mich nochmal als Puffer für deinen Streit mit deinem Freund nutzt, jage ich deine Bücher durch den Schredder." Das Lächeln wurde nicht herzlicher, als sie von Richard zu ihm sah. Dafür fiel das Lächeln ganz, als sie wieder zurück zu Richard sah. "Achte drauf, dass er seine Antidepressiva nimmt und halte ihn vom Alkohol fern. Sie wirken nicht, wenn er trinkt und seine Depressionen werden dadurch nur stärker."
      "Ich bin kein Kind mehr, auf das man aufpassen muss", verteidigte sich Caleb, während er die Asche seiner Zigarette aus dem Fenster klopfte.
      "Dann hör auf, dich wie eines zu benehmen. Und geh ab und an mal an dein beschissenes Handy." Niamh hob kurz die Hand zum Abschied, bevor sie sich wegdrehte und schwungvoll die Tür hinter sich zuzog.
      Caleb starrte auf den Fußboden vor sich, während seine Gedanken die letzten fünf Minuten wieder und wieder durchgingen. Richard hatte Recht. Alles was er tat war riskant. Der einzige Unterschied zwischen Gehen und Bleiben war, dass er die flüchtige Hoffnung hatte, dass seinen Eltern egal war was er tat und mit wem er zusammen war, solange sie nicht auf ihn und seine Fähigkeiten verzichten mussten. Was vollkommener Blödsinn war. Allerdings war es auch eine vollkommene Impulsentscheidung gewesen, Richard mitzunehmen. Er hatte das Gefühl, dass er in den letzten Monaten viel zu viele Impulsentscheidungen getroffen hatte.
      "Können wir die Diskussion verschieben?" Caleb hob den Blick, um wieder zu Richard zu sehen. "Sie führt zu nichts und ich hatte mich eigentlich wirklich darauf gefreut, den Rest des Tages mit dir zu verbringen."
    • Richard

      Wenn es nur so einfach wäre. Er sollte die Woche noch einmal ins Büro fahren und sich nach Calebs Familie erkundigen. Es nervte ihn, dass er in Betracht zog, sich noch einmal mit Valentin darüber zu unterhalten, aber das Essen war ziemlich problemlos verlaufen. Es war ganz offensichtlich alles nur ein Missverständnis gewesen, aber Richard wurde seinen Ekel nicht los.
      „Ciao“ Er sah Niamh einen Moment zur Tür hinterher, dann drehte er sich zu Caleb, der etwas verloren mit seiner Zigarette am Fenster stand. Er hatte noch nicht geduscht und an der Seite seines Kopfes eine auffällig rötliche Haarsträhne. Richard ging zu ihm herüber.
      „Wir können sie nicht sehr lang verschieben“, stellte Richard fest. „Dir muss klar sein, dass das Problem nicht einfach verschwindet. Und ich bin kein Fan davon, nichts zu tun“ Er lehnte sich ans Fenster. Er schwieg. Dann hob er eine Hand und strich knapp durch Calebs befleckte Haare.
      „Vielleicht unterschätze ich dich, aber es kann nicht sein, dass du okay damit bist, irgendjemandes Blut an dir kleben zu haben“, murmelte Richard. Er kannte das. Anhaltendes Trauma bei Opfern, das Wegschließen von Gefühlen und menschlichen Reaktionen. Es war alles andere als normal, auf so etwas nicht zu reagieren. Richard stellte es selbst jedes Mal die Haare auf. Aber er hatte sich den Job freiwillig ausgesucht und er tat schließlich etwas dafür, solche Dinge hoffentlich seltener passieren zu lassen. Er war sich ziemlich sicher, dass Caleb das alles auch nicht egal sein konnte. Dafür war er zu wenig psychopathisch unterwegs. Und normalerweise viel zu empfindlich.
      „Ich wusste übrigens nicht, dass Alkohol die Wirkung von deinen Medikamenten aufhebt. Bist du bescheuert?“, fragte er für einen Themenwechsel. Viel zu sanft für die Worte, die er eigentlich benutzte. Aber es war offensichtlich einfach bescheuert.
      „Ich hoffe die Rooftop Bar, in die wir demnächst gehen, hat Mocktails“ Es war verlockend, Calebs Entscheidungen zu kontrollieren, aber dann würden sie wahrscheinlich noch deutlich öfter streiten, als ohnehin schon.
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    • Caleb

      “Ich versuche nicht darüber nachzudenken”, antwortete Caleb knapp, während er sich fast instinktiv in Richards Berührung hinein lehnte. Irgendwann fühlte es sich immer so an, als ob das alles jemand anderen passiert wäre, oder als ob man es in einem Film gesehen hätte. Fremd halt. Man musste nicht darüber nachdenken, was für ein Leben der Tote bis dahin gehabt hatte, ob er Familie hatte. Nichts von dem fühlte sich wirklich real an. Die ersten Jahre hatte er sich jeden einzelnen Tod so sehr rangezogen, dass er wochenlang im Bett gelegen und sich nicht bewegt hatte. Das hier war eindeutig angenehmer, auch wenn er wusste, dass das wahrscheinlich nicht der gesündeste Umgang mit alledem war.
      “Alkohol wirkt schneller.” Caleb schnippste die Reste der Zigarette nach draußen. “Citalopram braucht zwei bis drei Wochen, bis man überhaupt irgendeinen Effekt spürt. Bis dahin fühlt man sich noch schlimmer, als vorher. Die Depressionen ändern sich in den zwei Wochen kaum, aber dafür ist man zusätzlich unendlich müde, kann aber nicht durchschlafen. Bei Alkohol vergisst man seine Probleme innerhalb von ein paar Gläsern.” Er hatte oft genug probiert, die zwei Wochen durchzuziehen und am Ende doch immer wieder zur Flasche gegriffen. Die Müdigkeit war eigentlich das kleinste Problem. Blöd, wenn man alleine war und sich irgendwie trotzdem durch den Tag schleppen musste, aber besser, als die anderen möglichen Nebenwirkungen. Die zwei Wochen, in denen man sich ohne Alkohol mit seinen Depressionen auseinandersetzen musste, waren weitaus schlimmer. Vielleicht sollte Richard sich doch nochmal genau überlegen, ob das alles die Beziehung wert war.
      “Ich sollte duschen gehen, bevor das mit dem Verdrängen nicht mehr funktioniert.” Er lächelte knapp, bevor er Richard einen Kuss auf die Wange drückte. Er hatte das halbe Wohnzimmer durchquert, bevor er stehen blieb und sich wieder zu ihm drehte. “Es ist seltsam, dass wir vorher noch nie was von MLO gehört haben, obwohl ihr uns offenbar so oft über den Weg lauft. Der Einfluss meiner Eltern besteht zur Hälfte aus Verträgen und Zusammenarbeiten. Sie interessieren sich nicht, wo die Steine enden. Eine Organisation, die genug finanzielle Ressourcen hat, um massenweise Steine zu sammeln, Kriminalität nicht vollkommen ablehnt und selbst nicht publik gehen kann, klingt eigentlich wie ein absoluter Traumpartner. Ich finde es seltsam, dass niemand je auf uns zugekommen ist, wenn sie doch offenbar so viel von uns wissen.”
    • Richard

      Richard runzelte perplex die Stirn. „Das heißt… du hast bisher eigentlich noch nie wirklich Medikamente genommen, weil du andauernd trinkst“, stellte er fest. Das konnte doch nicht wahr sein. Warum nahm er das Zeug dann überhaupt? Hatte er ein Alkohol-Problem? Das war nicht gut. Richard trank auch ziemlich gerne, nicht notwendigerweise, aber er mochte es. Wahrscheinlich motivierte er Caleb noch zusätzlich. Er wusste gerade nicht so richtig, was er davon halten sollte. Eigentlich war es nicht sein Problem, aber… Irgendwie wurde es ja langsam doch immer mehr zu seinem Problem.
      Richard nickte knapp als Caleb sich zu ihm hochlehnte und schließlich zum Badezimmer drehte. Es war tatsächlich ziemlich schwer auszublenden, dass das Blut eines toten Mannes an ihm klebte. Vor allem als sein Gegenüber. Richard wollte gerade erschöpft zum Sofa gehen, um sich erstmal eine Weile in eine Decke zu hüllen und mit dem Kälteschauder von dem Heilungsstein klar zu kommen, als Caleb nochmal stehen blieb.
      Richard zuckte als Antwort mit den Schultern. Das ging ein wenig über seine Gehaltsklasse hinaus. „Ich weiß auch nicht, was da passiert. Ich erkundige mich die Woche nochmal, aber du fragst den Falschen. Das ist eine Angelegenheit der Dublin-Branche“ Mehr konnte er dazu auch nicht sagen. In London hatten sie das Problem entweder noch nicht bemerkt, nicht zuordnen können, oder es existierte ganz einfach nicht. Dafür wusste Richard nicht genug über Calebs Familiengeschäft.
      Er ließ sich mit einem Seufzen auf dem Sofa nieder und schlug eine Decke über sich, dann starrte er eine Weile aus dem Fenster bis er die Augen schloss. Der Tag war viel zu anstrengend für seinen Urlaub gewesen. Es war wirklich ätzend, dass sich immer mehr Arbeit anzuhäufen schien, ob er wollte oder nicht. So viel zu einer entspannten Woche… Und nun musste er Caleb auch noch irgendwie unbemerkt vom Alkohol fernhalten. Bekam er eigentlich irgendwann noch eine Pause? Er wollte doch bloß Urlaub machen.
      Richard drehte sich etwas genervt zur Seite und versuchte, ein wenig Schlaf nachzuholen, bevor der Tag in voller Wucht weiterging.
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    • Ezra

      “Alles okay?” Ezra sah runter zu Max, der sich an seine Hand klammerte, als ob sein Leben davon abhängen würde. Mit seinem anderen Arm hielt er Niko, der deutlich entspannter als sein Bruder war und sich die letzten Minuten damit beschäftigt hatte, Ezras Frisur zu zerstören. Sie standen vor der Klinik des Kinderpsychologen, den Adas Schulkontakte ihr empfohlen hatten. Sie hatten Glück mit den Terminen gehabt - es war wohl zufällig zeitnah ein Termin frei geworden. Einziger Nachteil war, dass es mitten am Tag unter der Woche war, was bedeutete, dass Andrew nicht mitkommen konnte. Es hatte einiges an Überredungskunst gebraucht, aber schlussendlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass Ezra mit Max und Niko zu dem Termin gehen würde, während Andrew Elli mit zur Arbeit nahm.
      Max schien der einzige zu sein, der mit der Aufteilung nicht zufrieden war. Er beantwortete Ezras Frage trotzdem mit einem Nicken. Ezra lächelte schwach und drückte aufmunternd seine Hand, bevor er sie los ließ, um die Tür zu öffnen. Max klebte wie ein Magnet an seiner Seite, als sie die Praxis betraten. Sie war hübsch eingerichtet. Sie war leer, abgesehen von ihnen und dem jungen Mann hinter dem kleinen Empfangstresen, der mit einem fröhlichen Lächeln zu ihnen hoch sah, als sie hereintraten. Max griff automatisch wieder nach Ezras Hand. Gemessen an seiner sonst so ablehnenden Haltung Körperkontakt gegenüber war das wahrscheinlich ein Fortschritt. Ezra wünschte sich nur, dass er nicht durch Panik entstanden wäre.
      Der Mann hinter dem Tresen grüßte sie mit einem fröhlichen "Guten Morgen", als sie näher traten. Er hatte pastellrosa Haare, braune Augen und ein seltsam ansteckendes Lächeln, während er ein paar Blätter Papier auf seinem übervollen Schreibtisch von links nach rechts schob, wohl um an den Computer zu kommen. Er trug ein kleines Namensschild, auf dem in angedruckten Blockbuchstaben "Fairchild" stand, handschriftlich ergänzt von einem lächelnden Smiley aus Kuli.
      "Guten Morgen", echote Ezra, der automatisch mitlächeln musste. "Wir hatten letzte Woche noch kurzfristig den Termin um 11 bekommen."
      "Oh, ich erinnere mich. Könnten Sie mir nochmal den Namen der Kinder nennen?" Mr. Fairchild tippte kurz auf seiner Tastatur, bevor er Ezra erwartungsvoll entgegen sah.
      "Maximilian und Nikolai Morgan."
      "Mhm. Das System ist noch nicht ganz wach, einen Mo- Ah! Da hab ich euch." Der junge Mann klickte zwei, drei mal mit der Maus, bevor er Ezra ein kleines Formular über die Theke schob. "Das müssten Sie bitte einmal ausfüllen, Mr. Morgan-"
      "Fitzsimmons", korrigierte Ezra, während er das Formular entgegen nahm. "Mein Freund hast das Schere-Stein-Papier um die Nachnamen der Kinder gewonnen."
      "Oh." Fairchild hielt kurz inne. "Anfängerfehler", kommentierte er schließlich flach.
      "Passiert mir bei den nächsten Dreien nicht nochmal", stimmte Ezra zu und entlockte der Sprechstundenhilfe ein kurzes Lachen.
      "Solange man noch aus seinen Fehlern lernt." Fairchild zuckte kurz mit den Schultern. "Sie müssten das Formular bitte trotzdem einmal ausfüllen. Setzen Sie sich solange gerne in das Wartezimmer. Ich rufe Sie gleich auf. Sie können den Zettel dann direkt mit rein nehmen."
      "Danke." Ezra lächelte kurz, während er Niko absetzte, um das Formular entgegen zu nehmen, ohne nochmal Max' Hand loslassen zu müssen. Niko griff stattdessen nach seinem Hosenbein. Wenigstens nutzte er die Situation nicht direkt zur Flucht. Sie würden das schon irgendwie überstehen, ohne, dass eine von Andrews anhaltenden Horrorvorstellungen eintreten würde.
    • Alexis

      Wenn es etwas gab, das Alexis nicht mochte, dann waren es Netzwerktreffen zu Beginn eines Arbeitstages. Er stand im Badezimmer seiner Praxis, zog am Kragen seines Hemds und mühte sich ab, unter dem dunkelgrauen Pullover die ersten zwei Knöpfe zu öffnen, ohne den Stoff auszudehnen. Es war eine konflikthafte Angelegenheit, die eigene Praxis bei einem Zuweiser-Treffen zu vertreten, und gleichzeitig Kinderpsychologe zu sein, aber dieses Schicksal hatten heute alle Vertreter geteilt. Sie waren allesamt aufgekreuzt in Hemden, Krawatten und einer Ernsthaftigkeit, die Eltern verschrecken würde, die Chefärzte aber sehen wollten. Wenigstens hatte es sich gelohnt. Alexis hatte wieder eine Vereinbarung treffen können, dass stationäre Patienten vorzugsweise direkt zu ihnen geschickt wurden, wenn eine ambulante Therapie infrage kam. Das war gut. Irgendwie musste man seinen Job ja behalten.
      Er seufzte und gab auf, als er noch einmal den düsteren Gesamteindruck seiner Erscheinung im Spiegel sah, und nahm sich vor, heute umso mehr zu lächeln. Hoffentlich würde das natürlich wirken. Meistens war es anders herum, und er musste seine Gesichtsausdrücke mit einem netten Motiv auf seinem Pullover ausgleichen. Gestern erst hatte er ein paar Komplimente zu der gigantischen Ente auf seinem Strickpullover bekommen. Heute sah er aus, als hätte er sich auf dem Weg zur Bank verlaufen.
      Alexis strich sich durch die Haare, wusch sich noch einmal die Hände und ging zurück in seinen Therapieraum. Es war sonnig, und Alexis hatte die Vorhänge aufgezogen, um das Licht hereinzulassen. Mehrere große, bunte Sessel und eine kleine Couch standen mit ein paar Kissen um einen hölzernen, leeren Tisch herum. An jeder Wand des Zimmers fanden sich Bücherregale und Schränke mit einer verrückten Mischung aus Akten, Dokumenten, Papier, Malstiften und Puzzles. Alexis trottete mit seinen schwarzen Anzugschuhen völlig fehl am Platz über den regenbogenfarbenen Teppich, um die Tür neben der Rezeption zu öffnen. Er ging hinaus und lehnte sich bemüht professionell über Oliver, dessen Präsenz er – trotzdessen sie sich jeden Tag sahen – noch immer kaum gewöhnt war, und klickte einmal durch die Anmeldungen auf dem Computer, um wenigstens die Namen und das Alter seiner jungen Patienten herauszufinden.
      Morgan. Zwei Jungen, 4 und 6 Jahre alt. Es war nicht ungewöhnlich, dass für den ersten Termin die ganze Familie antanzte, aber das bedeutete immer, dass Alexis doppelt so aufmerksam sein musste, weil sich kein Kind vor den Eltern so verhielt, wie es das normalerweise würde. Er unterdrückte ein Gähnen. Der Tag hatte bereits anstrengend begonnen, und es gab keinen Grund, zu erwarten, dass er jetzt einfacher werden würde.
      Er lächelte in einer spontanen Eingebung Oliver zu. "Du kannst sie schon aufrufen, danke", murmelte er und richtete sich wieder auf. …War das normal gewesen? Hatte er zu lange gelächelt oder war das ein normal-langes Lächeln zwischen Freunden und Mitarbeitern gewesen? Hatte er zu leise gesprochen? Alexis schüttelte kurz den Kopf bevor er die Tür wieder von innen schloss und sich ans Fenster stellte, um seinen Gästen der Vortritt bei der Platzwahl zu lassen.
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    • Ezra

      Das Formular war beinahe in Rekordschnelle ausgefüllt. Standartfragen - Name, Alter, Vorerkrankungen…alles Sachen, die Ezra durch die Adoption in den letzten Wochen sowieso wieder und wieder hatte angeben müssen. Die einzige Frage, bei der er kurz innehalten musste, war die Handynummer. Er hatte weder seine, noch Andrews je auswendig gelernt, weshalb er einen kurzen Blick auf sein Handy werfen musste. Er schrieb beide Nummern auf und unterstrich seine eigene. Es war von Vorteil, wenn Andrew im Zweifelsfall ebenfalls erreichbar war, aber hauptsächlich wollte Ezra sich kümmern. Andrew hatte eh schon genug Stress.
      “Mr. Fitzsimmons?” Fairchild lächelte ihm weiterhin fröhlich entgegen, während er auf die Tür neben dem Empfang deutete. “Kann ich ihnen noch irgendwas Gutes tun? Kaffee?”
      “Nein Danke. Ich bin eher der Tee-Trinker.”
      “Das ist natürlich auch kein Problem. Sonst steht auch Wasser im Zimmer bereit.” Fairchild öffnete die Tür für sie und ging zurück zum Empfangstresen, hinter dem eine Kaffeemaschine und ein Wasserkocher standen. Er knipste beides an, während Ezra Max vor sich her in den Raum schob. Niko hatte er wieder auf den Arm gehoben, was wahrscheinlich die richtige Entscheidung gewesen war. Der Junge verdrehte den Kopf wie eine Eule, während er sich mit großen Augen im Raum umsah und offensichtlich versuchte zu entscheiden, was er zuerst anstellen sollte.
      Ezra selbst ignorierte die Raumausstattung und konzentrierte sich vorerst auf den Psychologen, der am Fenster stand, ein Lächeln auf den Lippen, das er nur zu gut von Andrew kannte. Bemüht, aber ein wenig unnatürlich. Irgendwie machte ihn das seltsam sympathisch. Dr. Jones-Enescu wirkte in dem sonst so bunten Raum etwas fehl am Platz.
      “Hallo.” Ezra schenkte ihm seinerseits ein freundliches Lächeln, während er Niko, der ungeduldig auf seinem Arm wippte, absetzte, um ihm die Hand geben zu können. Niko nutzte die Gelegenheit, um einen der bunten Sessel anzusteuern, bis Max nach seiner Hand griff und ihn zurückzog. Niko schien nicht sonderlich begeistert zu sein, ließ sich aber zu schnell von dem bunten Teppich ablenken, um sich zu beschweren.
      Sie endeten auf dem Sofa. Max saß kerzengerade neben Ezra, während Niko es sich wieder auf seinem Schoß gemütlich gemacht hatte. Fairchild hatte kurz nochmal angeklopft und zwei Tassen auf einen kleinen Beistelltisch gestellt. Einen Tee für Ezra und einen Kaffee für Jones-Enescu.
      “Falls noch was benötigt wird, wisst ihr ja, wo ihr mich findet”, verabschiedete er sich mit einem Lächeln, bevor er die Tür wieder hinter sich zuzog und sie alleine ließ.
    • Alexis

      Süß. Alexis sah zu, wie beide Kinder mit völlig unterschiedlicher Haltung in den Raum kamen und hatte das Gefühl, dass er sein Lächeln wieder weniger erzwingen musste. Er nahm gegenüber von der Familie platz und zog das Anamneseblatt zu sich, das nun in einem Clipboard am Tisch lag. Bevor er es las, wandte er sich an sein Gegenüber.
      "So… Nikolai, Maximilian?", fragte er und deutete auf die beiden Kinder, bevor er den blonden Mann vor sich ansah. "Sie können mich auch gerne duzen, wenn Sie wollen, die Kinder natürlich sowieso" Er warf den Jungen ein Lächeln zu. "Ich heiße Alexis. Alex ist auch okay. Wir gehen einmal schnell das Formular durch, bevor wir mit dem lustigen Teil anfangen. Wir haben hier ein richtiges Spieleparadies, also wird uns bestimmt nicht langweilig. Malt ihr gerne? Du malst gerne?" Alexis grinste als Nikolai ihm heftig entgegen nickte. Er lachte leicht und lehnte sich schließlich mit dem Clipboard zurück.
      "Also… Mr.… Fitzsimmons", murmelte Alexis als er die Zeilen durchging und direkt bei der zweiten hängen blieb. Andrew Morgan stand auf dem Blatt, aufgelistet als zweiter Erziehungsberechtigter. Was… Alexis nur deshalb kurz ins Stocken brachte, weil er vor einigen Jahren kurz mit jemandem eine Beziehung geführt hatte, der Andrew Morgan hieß. Zufällig war dieser Andrew Morgan… ebenfalls in einer Beziehung mit einem Mann. Und hatte zwei Kinder? Alexis hob den Kopf und blinzelte die Kinder an. Nein, sie sahen sich nicht… ähnlich. Oder? Vielleicht ein bisschen?
      Gott. Egal. Darüber konnte er sich wirklich später den Kopf zerbrechen.
      "Wollen wir erst ein bisschen über die Umstände reden?", fragte er und lächelte Ezra an. "Psychische Krankheiten in der Familie und die Entwicklungsgeschichte wurden ausgelassen, also nehme ich an, sie sind vollständig adoptiert und es besteht kein Kontakt zu irgendeinem leiblichen Familienmitglied. Die Adoption war vor kurzem? In zwei Zeilen lässt sich nicht viel schreiben, also gehen wir vielleicht ganz kurz durch, wie es seit der Adoption zuhause läuft?"
      Alexis vermied absichtlich, irgendetwas von der Eigeneinschätzung auf dem Papier, oder den Gründen für das Erstgespräch, laut auszusprechen, solange sie alle zusammen in einem Raum saßen. Er sah außerdem schon von Weitem, das Maximilian sehr anhänglich und vorsichtig wirkte, und da vermutlich mehr dahinter steckte. Ganz im Gegenteil zu seinem Bruder. Beide waren allerdings vollkommen still und Nikolai kommunizierte hauptsächlich über riesige Augen und Kopfschütteln. Sie mussten auf jeden Fall ein bisschen auftauen, aber das war völlig normal und vollkommen Alexis Spezialgebiet. Die Dinosaurier auf Maximilians Pullover gaben ihm jedenfalls schonmal einen Anhaltspunkt.
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    • Ezra

      “Ezra”, korrigierte selbiger schnell, als Alexis ihm anbot, die Förmlichkeiten fallen zu lassen. Das klang deutlich netter und nicht so steif. Vielleicht würde es sogar helfen, Max irgendwie klar zu machen, dass Alexis helfen wollte. Max sprach immer noch nicht viel, aber bei Fremden war es nochmal schlimmer, als zuhause. Als hätte er seine Zähne mit Sekundenkleber geputzt.
      “Die Adoption kam etwas überraschend, daher ist es zuhause im Moment noch etwas chaotisch”, gab Ezra zu, während er mit Nikos kleinen Händchen spielte. “Sie kommen ursprünglich aus Russland.Es gab vor drei Monaten einen Brand in dem Heim, in dem die beiden zusammen mit ihrer Schwester untergekommen sind. Mein Freund und ich waren Ersthelfer, haben die drei danach übergangsweise bei uns aufgenommen und wollen sie jetzt nicht mehr gehen lassen.” Zumindest war das die offizielle Erklärung. Sie waren möglichst nah an der Wahrheit geblieben, ohne MLO irgendwie erwähnen zu müssen. Das war am einfachsten gewesen.
      “Unsere Tochter ist noch kein Jahr alt, also habe ich sie vorerst bei meinem Freund gelassen. Sie ist kein Fan von Rumsitzen und Reden.” Er lächelte leicht. Langsam aber sicher pendelte sich schon alles ein. Andrew und er hatten einen Rhythmus für den Alltag gefunden und die ersten Hausbesichtigungen standen ebenfalls an.
      “”Dadurch, dass das alles so spontan war, ist es im Moment noch etwas eng zuhause. Die Kinder haben noch keine eigenen Zimmer. Wir sind aber auf der Suche nach einem Haus oder einer größeren Wohnung.” Wenn man es laut aussprach, klang das alles irgendwie ziemlich furchtbar, oder? Zumindest ziemlich unkonventionell. Immerhin hätten sie als liebende Eltern eigentlich schon alles vorbereitet haben sollen. Aber wer hätte schon ahnen können, dass ihnen das Schicksal vollkommen aus dem Nichts drei Kinder in die Arme drücken würde? Sie waren sich zu diesem Zeitpunkt ja nicht mal einig gewesen, ob sie überhaupt Kinder haben wollten!
      “Wir versuchen, dass immer einer von uns beiden bei ihnen ist, sonst passt ab und an eine Freundin von mir auf die Drei auf. Es ist im Moment noch relativ stressig mit den Schulanmeldungen und dem Papierkram und der kleinen Sprachbarriere und daher hatten wir gedacht, dass es vielleicht ratsam wäre, wenigstens einmal bei einem Kinderpsychologen vorstellig zu werden.”
    • Alexis

      Alexis überlegte einen Moment lang, wie eine Adoption jemals überraschend kommen könnte, aber Ezra erklärte ihm das recht verständlich. Einigermaßen. Heimkinder die bei Rettungshelfern unterkamen? Das klang doch ein wenig… seltsam, oder eher unorthodox, aber wenn er später mit den Kindern ein wenig redete, würde sich schon ergeben, wie sie damit zurechtkamen.
      Alexis nickte. "Das ist sicher keine schlechte Idee", stimmte er zu. "Vor allem, wenn so etwas passiert ist. So ein Brand ist schon ziemlich unheimlich" Er sah die Kinder an, Maximilian starrte zurück. Nikolai war völlig beschäftigt mit Ezras Händen. Ja, ein Brand und eine plötzliche, riesige Lebensumstellung waren auf jeden Fall gute Gründe, in Therapie zu gehen. Vielleicht sogar eher langzeitig. Aber sie hatten noch Zeit, das zu besprechen.
      "Und viele Familien, die leibliche Kinder bekommen, brauchen auch viel Zeit, um sich anzupassen. Manchmal dauert so eine Haussuche länger, als man dachte, und dann kann sich das schonmal ziehen, bis man sich richtig eingewöhnt hat und mit der neuen Situation klarkommt. Bei Adoptionen ist es meistens so, dass viel Zeit vergeht, bis die Kinder zu einem kommen, aber ich verstehe die Ausnahmesituation. Das muss schwierig sein. Auch für die Eltern" Alexis warf Ezra einen mitfühlenden Blick zu. "So eine Umstellung kann sehr stressig sein, und dieser Stress ist etwas, das Kinder sofort fühlen. Dagegen kann man wenig tun, manchmal ist es eben so" Hauptsache die Eltern bemühten sich, verlässlich und ruhig zu bleiben. Niemand hatte vollkommene Kontrolle über seine Gefühle.
      Alexis legte das Clipboard zur Seite und griff nach seinem Kaffee, trank einen Schluck und stellte die Tasse wieder ab. "Ich würde sagen, wir packen die Dinosaurier aus", sagte er etwas nebensächlich und stand schließlich auf, um zu einem seiner Schränke zu gehen und aus einer grünen Kiste eine kleine Figur zu ziehen. Ein handgroßer Plastik-Stegosaurus.
      "Ich hab auf deinem Pullover so einen gesehen", sagte er zu Maximilian und zog schließlich die ganze Kiste heraus. In der Kiste befanden sich nicht nur Dinosaurier, auch ein paar andere Tiere, aber man nahm was man kriegen konnte, nicht? "Ich hab einen Pullover mit Fröschen. Das ist nicht ganz dasselbe, aber… jetzt, wo ich deinen gesehen hab, muss ich vielleicht mal wieder einkaufen gehen" Er stellte die Kiste sanft auf dem Tisch ab.
      "Mein kleiner Bruder hat ein paar von den Figuren gespendet, darum sehen manche ein bisschen traurig aus" Alexis zog einen T-Rex aus der Kiste, dem ein Auge fehlte. "Mein Bruder ist fünfmal so alt wie du, darum hat der Dinosaurier schon einiges durchgemacht" Alexis lächelte schief und stellte die Figur auf den Tisch. "Hast du zuhause auch so einen? Einen Dinosaurier meine ich. Deinen kleinen Bruder sehe ich ja" Nikolai schien seit der Dinosaurier-Ankündigung auch zuzuhören und lachte leise, als Alexis seinen unabsichtlichen Scherz machte. Zumindest schienen sie beide Englisch einigermaßen gut zu verstehen, eine Sprachbarriere machte das alles nicht einfacher. Alexis konnte aber nicht anders, als jedesmal zurück zu grinsen, wenn dieses Kind lachte.
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    • Ezra

      'Dinosaurier' schien das richtige Stichwort zu sein. Ezra musste sich bemühen nicht aufzulachen, als Max neben ihm hibbelig wurde. Naja, hibbelig in Max' Verhältnissen halt. Irgendwie schaffte der Junge es, sich noch gerader hinzusetzen, während er den Hals streckte und ein wenig von links nach rechts schwankte, um sehen zu können, was Alexis aus dem Schrank zog. Er erstarrte wieder in der Sekunde, in der Alexis sich zurück zu ihnen drehte. Im Gegensatz zu Niko, der auf Ezras Schoß ein niedliches kleines Kinderlachen ausstieß, schien Max den Witz zu ignorieren und starrte bei der Frage zu Ezra hoch, als würde er die Antwort von ihm erwarten. Ezra sah mit einem kleinen Lächeln zurück.
      "Haben wir so einen, Max? Ich kann mich nicht erinnern." Er setzte Niko auf den Boden und zuckte fast zusammen, als er beim Aufrichten Max' absolut vorwurfsvollen Blick sah. Natürlich hatten sie Dinosaurier in jeder Form und Farbe zuhause. Langsam lernte Ezra sogar zwangsweise die Namen. Aber er war nicht angesprochen worden und Max konnte nicht immer andere vorschicken.
      Max versuchte noch ein paar Sekunden länger, das Problem durch pures Anstarren zu lösen, bevor er zu Alexis sah, ein kurzes "Ja" flüsterte und nickte. Niedlich, wenn es nicht irgendwie bedenklich wäre. Es war vollkommen okay, wenn Max schüchtern wäre, oder irgendwo auf dem Spektrum, aber Ezra wollte ihn zumindest an einen Punkt bringen, an dem er es schaffen würde, Freunde zu finden, wenn er in die Schule kam. Er hatte Glück, dass er Liz kannte, die einfach jeden in ihren Freundeskreis adoptierte, solange ihr niemand die Pläne zur Weltherrschaft streitig machte - bei näherer Betrachtung hätte er sie vielleicht auch mitbringen sollen - aber Max musste irgendwann auch selbst auf Leute zugehen können, ohne dabei einzufrieren.
      Er hätte Niko nicht absetzen sollen. Für den Jungen war das Zimmer zwar wie ein Paradies auf Erden, aber jetzt hatte Ezra nichts mehr, womit er seine Hände beschäftigen konnte. Er griff nach dem Tee. "Max ist ein wandelndes Lexikon, wenn es um Dinosaurier geht", merkte er an, bevor er einen Schluck trank. "Er weiß wahrscheinlich sogar, wann der Stegosaurus gelebt hat."
      "Jura", antwortete Max ohne zu zögern. Mittlerweile waren die Dokumentationen von Bilderbüchern abgelöst worden, was zumindest den netten Effekt hatte, dass Max ab und an ohne Vorwarnung auftauchte und verzweifelt auf ein Wort tippte, das er nicht kannte, oder nicht richtig lesen konnte. Ezra hatte das Gefühl, noch nie im Leben so viel unfreiwillige Bildung genossen zu haben.
    • Alexis

      Okay, das brauchte Geduld. Alexis wartete entspannt auf Max Antwort, falls sie noch kam, und war wirklich glücklich, als Ezra ihm sie nicht vorweg nahm. Er staunte ein bisschen, als der 6-Jährige bewies, dass er tatsächlich alles über Dinosaurier wusste. „Wow. Das muss dann wohl dein Lieblingspullover sein, hm?“, sagte er lächelnd. „Weißt du was? Ich hab hier irgendwo sogar noch ein Malbuch mit Dinosauriern. Dein Bruder…“ Alexis drehte kurz den Kopf herum und entdeckte Niko seitlich zu sich am Boden mit zwei der Zebrafiguren aus der Box. „… malt gerne. Vielleicht könnt ihr zusammen etwas ausmalen“
      Alexis stand erneut auf und stieß mit den Fingern einige Heften in einem Regal zur Seite, bis er das Malbuch fand und sich vor Niko kniete. „Was hältst du davon? Sind wir eher ein Freund von… Buntstiften? Wachsstiften? Ich würde dir ja Filzstifte anbieten, aber ich weiß nicht, ob dein Dad damit so glücklich sein wird“ Der Junge sah auf und hielt die Zebras noch einen Moment fest umklammert bevor er Alexis das Malbuch mit irgendeinem Wort auf Russisch geradezu aus der Hand schnappte und zurück zur Couch lief. Wenigstens waren die beiden leicht zu begeistern.
      Alexis holte die Stifte und legte sie auf den Tisch. Er sah kurz dabei zu, wie Max die Dinosaurier ablegte und seinem Bruder interessiert zusah, welche Seite er sich zum Anmalen aussuchte, und dann endlich eingriff, als Niko einen roten Stift in die Hand nahm. Das war wohl die falsche Farbe. Er hielt sanft seine Hand fest, suchte einen dunkelblauen Stift aus und flüsterte Niko etwas zu, woraufhin dieser bereitwillig die Stifte austauschte.
      „Mhm… Das ist etwas für Teamwork“, kommentierte Alexis amüsiert. Die beiden schienen sich gut zu verstehen, auch wenn Max ganz klar gerne die Kontrolle über die Situation hatte. „Malt ihr zuhause auch zusammen?“, fragte er.
      Niko nickte.
      „Und lernt ihr zusammen über Dinosaurier?“
      Niko schüttelte den Kopf. Wow. Alexis fühlte sich von dem Älteren fast ein bisschen ignoriert. Er hatte jetzt wohl, was er wollte, und das war‘s erstmal mit der Kooperation.
      „Nein? Was macht ihr alles zusammen?“
      Niko stoppte mitten im Ausmalen und schien nachzudenken. „Spielen! Mhh… Verstecken, Memory… Max mag Dokus, Niko mag Cars“ Er grinste breit und Alexis lachte auf.
      „Niko mag Cars? Die Filme? Hast du die oft gesehen?“
      Niko nickte heftig. Dann hob er die Hände und zeigte 8 Finger.
      „Acht mal?“
      Der Junge schüttelte den Kopf und korrigierte grinsend: „Oft!“
      Okay. Dann war Acht eben synonym zu oft. Alexis schüttelte lächelnd den Kopf. „Mhmm… und wenn ihr zuhause seid, und da nicht viel Platz ist, wie entscheidet ihr dann, wer aussuchen darf, was ihr macht?“
      Niko zuckte mit den Schultern und Max sah seinen Bruder kurz an, bevor er leise für ihn einsprang: „Manchmal Schere-Stein-Papier“
      Es fühlte sich irgendwie an, als hätte Alexis gewonnen. Da kam ja doch noch eine Antwort. „Also streitet ihr garnicht? Mein Bruder und ich haben uns früher oft gestritten. Manchmal über die Fernbedienung, oder weil er etwas machen wollte, das ich nicht wollte“
      Max schüttelte den Kopf und sah fast ein bisschen schockiert aus, als Alexis ihm von seinen eigenen Streits erzählte.
      „Ihr versteht euch immer obwohl ihr so viel Zeit zusammen verbringt, das ist sehr schön“ Alexis lächelte. „Das muss eine ziemliche Umstellung werden, wenn du dann in die Schule gehst, hm?“
      Max sah ihn erst kurz an und wandte dann den Blick ab. Es sah ein bisschen aus, als würde er so tun, als hätte er Alexis nicht gehört. Alexis sah zu Ezra auf. „Habt ihr euch schon für eine Schule entschieden?“
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    • Ezra

      Es war schwer, nicht dazwischen zu reden, während Alexis sich mit den Kindern befasste. Zum einen, weil Ezra den Drang hatte, viel mehr zu erklären, zum anderen, weil er...generell gerne redete und Stille eigentlich nicht zu seinen Talenten zählte. Aber er biss sich auf die Zunge und sah Niko beim Malen zu. Max war derweil wieder auf komplette Ignoranz umgestiegen. Was nicht bedeutete, dass er nicht zuhörte.
      Ezra musste ein wenig lachen, als Niko so begeistert über Cars sprach. Der Film war die Hölle auf Erden. Er konnte ihn mitsprechen. Sollte irgendwann der Strom für immer ausfallen, könnte er Niko den Film im Alleingang als Theaterstück aufführen. Er hatte den Film öfter gesehen, als ein Mensch ihn je sehen sollte. Aber Niko ließ sich nicht davon abhalten, ihn jedes mal wieder vorzuschlagen. Wenigstens war Max' Auswahl an Filmen etwas abwechslungsreicher, wenn auch sehr Dino-lastig. Aber Alexis hatte Recht. Es war wirklich schön, dass die beiden Jungs sich so gut miteinander verstanden. Niko schien sich nie von Max' kleinen überkorrekten Anfällen gestört zu fühlen und Max kam wunderbar mit Nikos überdrehter Art zurecht. Wenn sich das bis zu ihrem Tod im hohen Alter nicht änderte, hatte Ezra sein Ziel eigentlich erreicht.
      Er selbst würde Caleb immer noch freudestrahlend vor den nächsten Zug stoßen, wenn er die Gelegenheit dazu bekommen würde. Es war definitiv noch nicht genug Zeit vergangen, um ihm seine zweifelhaften Datingentscheidungen zu verzeihen. Ezra wurde immer noch ein bisschen wütend, wenn er wieder darüber nachdachte. Niamh hatte einfach nur das Glück, dass sie nicht genug regelmäßigen Kontakt hatten, um sich zu streiten. Ihre meisten Nachrichten drehten sich um die Kinder, zwischendurch gab es kurze Checks, ob der/die andere noch lebte und das wars. Seine Geschwister zurück zu bekommen, nur, um sie direkt wieder zu verlieren war ein seltsames Gefühl.
      "Ja", beantwortete Ezra die Frage an ihn, seltsam froh, wieder reden zu können. "Eine Freundin von mir hat eine Tochter in seinem Alter. Wir wohnen im Moment noch im selben Haus und die beiden kommen ganz gut miteinander zurecht, also haben wir Max in der selben Schule wie sie angemeldet. Wir holen im Moment selbst ein bisschen was nach, damit er problemlos ins nächste Schuljahr einsteigen kann. Er ist ziemlich clever, also machen wir uns da keine Sorgen." Max sagte weiterhin nicht, hatte allerdings ein kleines stolzes Lächeln auf den Lippen.
    • Alexis

      „Ist das so?“, fragte Alexis wieder an Max gewandt. „Lernst du gerne?“
      Ich schon!“, rief Niko dazwischen. Eigentlich mussten beide Kinder ziemlich clever sein. Klar hatten beide einen Akzent und Niko hatte seine Grammatik nicht ganz unter Kontrolle aber er war auch erst Vier und sprach bereits zwei Sprachen, die er fließend verstand. Es half zumindest gerade ziemlich, dass er so kommunikativ war und seinen Bruder irgendwie ein wenig mitriss, damit er nicht vollkommen still daneben saß.
      „Du lernst auch mit? Was lernst du denn so?“ Alexis wechselte das Bein, das er überschlagen hatte, und lehnte sich wieder vor. Sein Kaffee musste langsam auskühlen.
      „Mit Andrew Karten“, antwortete er und machte eine kleine Geste, als würde er Karten hochhalten, und dann legte er den Kopf in den Nacken, um Ezra anzusehen, wie als würde er hoffen, dass er mehr dazu erklärte. Alexis versuchte, bei dem Namen Andrew kein Bild im Kopf zu formen. Er übernahm, bevor Ezra etwas sagen konnte.
      „Karten? Also, es steht etwas auf den Karten und du sagst die Antwort? So wie Vokabeln oder Rechnungen?“, fragte er.
      Niko sah ihn mit leerem Blick an und Alexis fragte sich, welches Wort er gerade nicht verstanden hatte. Max entschloss sich, ihn nicht mehr zu ignorieren. Er seufzte sogar leise, wenn Alexis richtig hörte.
      „Andrew zeichnet etwas auf die Karten und Niko sagt, was es ist, auf Englisch. Oder er schreibt auf Russisch aber seine Schrift ist ergh“ Max schüttelte sich leicht und das Geräusch, das er zum Schluss seines Satzes machte, brachte Alexis leicht zum lachen.
      „Das klingt aber nach einer lustigen Art, zu lernen. Lernst du gerne, Maximilian?“
      „Mh. Eh“ Er zuckte mit den Schultern. „Über Dinos“
      „Und der Rest macht dir keinen Spaß? Dein Dad meint, du bist clever und es fällt dir leicht. Ist es langweilig, weil du schwierigere Aufgaben haben willst?“ Alexis fühlte sich mit dem Kind ein bisschen wie bei einer Interogation und er bemühte sich eigentlich sehr, nicht zu aufdringlich zu sein, aber er hatte das Gefühl, dass es half, Max ein bisschen zu frustrieren, damit er antwortete. Zumindest bis zu einem gewissen Grad, bevor er verstummte.
      Die Zeit lief vor sich hin, während Alexis sich bemühte, herauszufinden, wie der Alltag der Kinder aussah und wie sie sich zuhause verhielten. Sie klebten ziemlich aneinander, wie es schien. Das war nichts schlechtes, aber wenn es zu Unsicherheiten führte, musste man daran arbeiten. Was er heute erfuhr, hatte nichts mit dem Brand oder der Adoption per se zu tun. Dafür hatten sie genug Zeit, wenn Ezra und Andrew entschieden, dass sie eine Therapie beginnen wollten. Aber vom ersten Eindruck her… fand Alexis es auf jeden Fall sinnvoll. Auch wenn Max schließlich ab und zu ein paar Sätze geäußert hatte, wirkte er sehr schüchtern und klammerte sowohl an Ezra als auch seinem Bruder als könnten sich beide plötzlich in Luft auflösen.
      Als die Stunde vorbei war, stand Alexis auf und sagte den beiden Kindern, dass sie in seiner Schreibtisch Schublade die Sticker durchwühlen sollten und ein paar mitnehmen durften. In der Zwischenzeit nahm er Ezra zur Seite.
      „Ich finde es gut, dass ihr für die Kinder eine Ersteinschätzung geplant hab. Ich habe das Gefühl, dass eine Therapie sinnvoll wäre. Maximilian ist ein bisschen verhaltensauffällig, das ist wahrscheinlich nichts Neues. Aber nachdem beide etwas ziemlich Traumatisches erlebt haben und in dieser neuen Lebenssituation stecken, wäre es auch sinnvoll, Nikolai separat eine Therapie machen zu lassen, bevor er später auch auffällig wird. Oder vielleicht gibt es schon Dinge, die Anzeichen sind, dass er Hilfe beim Verarbeiten braucht. Alpträume, Bettnässen, Probleme beim Essen, Weinanfälle… Solche Dinge. Es ist sicher gut, die Augen offen zu halten“ Alexis überlegte, ob es noch etwas zu sagen gab, und versuchte weiterhin aktiv den Namen Andrew Morgan in die hinterste Ecke seines Gehirns zu schieben.
      „Ich denke, dass beide sehr gut mit sich Arbeiten lassen würden. Maximilian braucht sicher mehr Zeit, um sich zu öffnen, aber er kommt mir nicht ganz abgeneigt vor. Die Frage ist natürlich, wie er sich verhält, wenn er alleine mit einem Therapeuten im Raum sitzt. Er hat heute nur wirklich gesprochen, wenn er Nikolai weiterhelfen wollte. Es ist auch möglich, dass zum Beispiel du oder das andere Elternteil in der Therapie dabei bleiben, aber ich würde das nicht empfehlen. Bei Maximilian lohnt es sich bestimmt geduldig zu sein. Gibt es sonst noch etwas, bei dem ich helfen kann? Wir haben draußen eine Menge Broschüren, auch etwas zu Adoptionen und traumatisches Erlebnissen bei Kleinkindern“
      Er lächelte. Langsam wurde es warm im Raum, je länger die Sonne herein strahlte. Alexis musste sich dringend ein Glas Wasser holen und seinen Pullover für eine halbe Stunde loswerden und außerdem musste er seine Gedanken sortieren was diese Andrew-Person anging. Er hoffte inständig, dass er trotzdem entspannt wirkte.
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    • Ezra

      Es war irgendwie seltsam bestätigend Alexis dabei zuzuschauen, wie er versuchte, mit den Kindern zu reden. Er schien dabei ähnlich erfolgreich zu sein, wie Andrew und er anfangs. Wenigstens schien Max’ Argwohn generell allen fremden Personen zu gelten und nicht nur ihnen. Trotzdem schienen beide Seiten, Alexis und die Kinder, im Laufe der Stunde ein bisschen aufzulockern. Wenigstens bekam Max irgendwann ein paar Worte über die Lippen. Ezra hielt sich weiterhin zurück und griff kaum ein. Es fühlte sich immer noch ein bisschen seltsam an, von anderen als ‘Dad’ bezeichnet zu werden. Er hatte kein Problem damit, er selbst sah die drei durch und durch als seine Kinder an, aber sie selbst nutzten den Begriff nicht. Bei Max und Niko waren sie immer noch ‘Andrew’ und ‘Ezra’. Was auch okay war. Sie wollten die beiden zu nichts zwingen und es war sowieso vollkommen unrealistisch zu denken, dass sie nach zwei Monaten direkt eine vollkommen normale, glückliche Familie waren. Von ihm aus könnten die beiden sie für immer mit ihren Vornamen ansprechen, wenn sich das für sie richtig anfühlte. Er war trotzdem erleichtert, dass sich keiner von beiden an dem Begriff zu stören schien.
      “Niko behauptet, ab und an Albträume zu haben. Ich kann aber nicht abschätzen, ob er wirklich welche hat, oder ob das seine Ausrede ist, um bei uns ins Bett zu klettern.” Ezra lächelte leicht, während er seinen Kindern dabei zusah, wie sie Sticker aussuchten. Offenbar schienen sie sich beide nicht ganz sicher zu sein. Niko tauschte wild Sticker hin und her, während Max zögernd einen nach dem anderen zu analysieren schien, als ob Alexis gleich abfragen würde, welche Sticker alle in der Schublade gewesen waren.
      “Danke”, antwortete er, als Alexis ihn fragte, ob er sonst noch irgendwas tun könnte. “Ich denke, die Broschüren reichen vorerst. Ich würde beide auf jeden Fall gerne weiterhin zur Therapie schicken. Wir können ja ausprobieren, was für sie am besten funktioniert.” Ezra hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn Max mit Alexis alleine wäre. Zwischen einer Panikattacke und einem kompletten Einfrieren des Jungens lag alles im Raum des Möglichen. Im Zweifelsfall würden sie wohl einfach austesten müssen, ob es nicht besser wäre, wenn Niko, Andrew oder Ezra auch dabei wären. Um Niko machte er sich da deutlich weniger Sorgen.
      Niko schaffte es, sie alle in die Stickerauswahl einzubeziehen, indem er jeden zweiten kurz hochhob und begeistert verkündete, was darauf zu sehen war. Er entschied sich schlussendlich für drei, die er Ezra zur Aufbewahrung in die Hand drückte, während Max seinen Sticker selbst fest umklammert hielt. Max griff nach Nikos Hand, als Ezra die Tür öffnete und sie zurück in den kleinen Vorraum gingen.
      Fairchild sah lächelnd hinter dem Empfangstresen zu ihnen auf und stellte die Tasse, die er bis gerade noch gehalten hatte, zur Seite. “Und? Darf ich direkt die nächsten Termine eintragen?”
      “Das wäre super.” Ezra zückte sein Handy, um seinen eigenen Terminkalender zu öffnen, während Max Niko zurückhielt. Offenbar war der Jüngere bereit nach Hause zu gehen. Zumindest zog er ziemlich selbstbewusst in die Richtung der Tür nach draußen. “Für beide jeweils einen einzelnen.”
      “Das bekommen wir hin”, versprach die Sprechstundenhilfe, während er ohne hinzuschauen auf die Tastatur tippte. “In der Zwischenzeit könnt ihr beide abstimmen, wenn ihr wollt.” Er sah an Ezra vorbei zu den beiden Jungs. Niko schien seinen Fluchtversuch kurzfristig zu pausieren. “Ich bin auf der Suche nach einer neuen Haarfarbe und furchtbar unkreativ.” Er schob einen kleinen Zettel und einen Stift über die Theke. Der Zettel war mit einem kleinen “Olivers nächste Haarfarbe” beschriftet. Neben dem Schriftzug hatte er sich offenbar selbst gezeichnet, nicht meisterhaft, aber gut genug, dass er erkennbar war. Darunter folgte eine Reihe von Farbklecksen, unter die bereits ein paar Abstimmungsstriche gezogen worden waren. Die meisten kreuz und quer und ziemlich verwackelt von Kindern, ein paar gerade waren dazwischen, wahrscheinlich von älteren Kindern, oder Eltern, die bei der Auswahl geholfen hatten. Ezra reichte den Zettel an die beiden Jungs weiter, die darauf sahen, als wäre es eine Klassenarbeit.
      “Ich hoffe immer, dass es irgendwann mal rot wird, aber sie scheinen sich alle seit Monaten auf Rosa eingeschossen zu haben”, erklärte Fairchild, bevor er übergangslos mit “Zwei Termine hintereinander, oder getrennt?” fortfuhr.
      Ezra entschied sich für zwei getrennte Termine. Unabhängig davon, ob er bei den Kindern dabei sitzen würde, oder nicht,würde er ja zumindest in der Nähe bleiben müssen und da war ihm je eine Stunde lieber, als zwei am Stück.
      “Sehr schön”, kommentierte Fairchild abschließend, während er ihm den Zettel mit den Terminen zusammen mit ein paar Flyern entgegen schob und von Max den kleinen, chaotischen Abstimmungszettel zurück nahm. Ezra konnte nicht erkennen, wofür seine Jungs gestimmt hatten, aber die Liste unter dem rosanen Farbklecks schien tatsächlich am längsten zu sein. Scheinbar standen Kinder nicht so auf Veränderung. Obwohl blau aufzuholen schien. Ezra würde das Ergebnis in ein paar Wochen wohl sehen. “Dann sehen wir uns.”
      “Genau”, stimmte Ezra mit einem kleinen Lächeln zu, während er nach Nikos Hand griff. “Schönen Tag noch.”
    • Alexis

      Er nickte auf Ezras Vorschlag hin, beide gleich versuchsweise einmal zu Einzelterminen zu schicken, und freute sich, dass er offenbar trotz seines Auftretens heute einen guten Eindruck gemacht hatte. Glücklicherweise dachte er nicht mehr an vieles, sobald er seine jungen Patienten sah, und hatte einfach nur Freude daran, sich mit ihnen zu beschäftigen und mehr über sie herauszufinden. Sein Hemd klebte ihm zwar noch immer am Körper, aber das konnte er gleich ändern, er hatte vorhin nur zu wenig Zeit gehabt.
      „Die Termine kannst du gerne bei Oliver an der Rezeption vereinbaren und ich freue mich, die zwei wiederzusehen“, sagte er lächelnd und verabschiedete sich mit einem Händedruck. Er wartete, bis alle drei aus seinem Therapiezimmer verschwunden waren und lief dann ins Bad um sich hektisch den Pullover über den Kopf zu ziehen und endlich die restlichen Knöpfe des Hemds aufzubekommen. Dann zog er den Pullover wieder an und bemühte sich, seine Haare in den Griff zu kriegen. Jetzt sah er zwar endgültig düster aus, aber wenigstens bekam er vielleicht keinen Hitzeschlag. Es war immerhin schon Mitte Mai.
      Während er sich zum zehnten Mal heute die Hände wusch, ploppte plötzlich wieder ein Gedanke in seinem Kopf auf, den er konstant versucht hatte, zu unterdrücken. Es war nur Zufall, dass der Vater dieser Kinder denselben Namen hatte, wie sein Ex, oder? Immerhin war der Andrew, den er gekannt hatte, nicht unbedingt der Typ für so etwas gewesen. Eine Familie, Kinder,… Therapie. Die Beziehung war aus diversen Gründen furchtbar gewesen, aber seine Abneigung gegen Menschen war bestimmt etwas, das zu ihrer Trennung beigetragen hatte. Allerdings waren sie damals… was, 24 und… 28 gewesen? Es war relativ lange her, also wusste man nie, was sich so änderte.
      Alexis schmunzelte dennoch irritiert in seinen Spiegel hinein. Warum interessierte ihn das so sehr? Er hatte nicht viel für diesen Mann empfunden. Weniger als nicht viel… Sie hatten gute Gespräche geführt aber das war‘s. Sie hatten sich ohnehin kaum gesehen. Alexis schob seine Misinterpretation seiner eigenen Gefühle noch immer darauf, dass Andrew Morgan damals derjenige war, der den Einbrecher in seiner Wohnung gestoppt hatte. Das war seltsam sexy gewesen, aber nicht sexy genug für eine Beziehung.
      Alexis überlegte noch eine Weile, bevor er letztlich aus dem Badezimmer stürmte und direkt durch die nächste Tür hindurch hinter die Rezeption lief.
      „Oh. Sind sie schon weg?“, fragte er gehetzt. Er atmete tief durch. Ein Blick auf Oliver und er fühlte sich noch dämlicher, seine eigenen Gefühle damals misinterpretiert zu haben. Dabei war es so simpel.
      Er seufzte. „Ich… hatte noch eine seltsame Frage. Ich kenne, nein, kannte jemanden mit demselben Namen wie der 2. Vater dieser Kinder. Nur, dass ich mir wirklich nicht vorstellen kann, dass das dieselbe Person ist. Ich hab mich trotzdem daran aufgehangen. Meinst du ich sollte nächstes Mal nachfragen?“ Eigentlich machte es für ihn keinen Unterschied. Das war nur Alexis Interesse, das überhand nahm. Wenn überhaupt, würde es die Eltern vielleicht nur enorm stören, ihre Kinder zu ihm in Therapie zu schicken. Das wäre nicht gut. Er sollte wohl eher die Klappe halten.
      „Ugh, nein, das ist wahrscheinlich keine gute Idee“, korrigierte er und war ein wenig zwiegespalten. Er musste seine Neugierde in den Griff bekommen. Aber… Andrew Morgan? Als hätte der jemals Kinder adoptiert, wenn auch nur zufällig. Alexis würde sich wohl einfach selbst die Antwort geben, dass das nicht sein konnte. Der Name war nicht so selten. Vermutlich.
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    • Oliver

      Es würde wohl bei Rosa bleiben. Jordan würde furchtbar genervt sein. Seine Eltern waren furchtbar spießig und hatten ihn wohl schon darauf angesprochen, warum sein Freund immer mit bunten Haaren durch die Gegend lief. Aber er würde sich wohl damit abfinden müssen. Oliver mochte es bunt und die Kinder sahen es genau so. Obwohl das vielleicht auch irgendwie ein weiteres Argument gegen die bunten Haare war - Jordan hatte nicht sonderlich viel für Kinder übrig. Er war kein Unmensch und gemein zu ihnen, aber man konnte ihm ansehen, dass er sich nicht gerne mit ihnen auseinandersetzte.
      Oliver schloss gerade den Terminkalender, um alles für den nächsten kleinen Patienten vorzubereiten, als Alexis rein kam. Er sah ein wenig verschwitzt aus. Die letzten Tage war es recht warm geworden. Oliver hatte die Ärmel seines Pullovers ebenfalls hochgekrempelt. Vielleicht sollte er ihm statt dem Kaffee irgendwas Kaltes reinbringen.
      “Du könntest Glück haben, ich-”, setzte er an zu erklären, dass er das verräterische Klicken der Eingangstür noch nicht gehört hatte, als Ezra auch schon wieder zurückkam.
      “Du kennst Andrew?”, fragte er mit einem kleinen Lächeln auf dem Lippen. Er sah…positiv überrascht aus. Der ältere Junge - Oliver hatte sich auf Anhieb nicht gemerkt, ob es Maximilian oder Nikolai war - sah interessiert an ihm vorbei zu Alexi, der Jüngere schien zu versuchen, Ezra weiter Richtung Tür zu ziehen. “Er ist etwas größer als ich, dunkelbraune Haare, verdammt niedliche Sommersprossen. Arbeitet als Held.” Ezra zog den kleinen Jungen, sehr zu dessen Missfallen, zurück zum Tresen. Oliver musste bei dem kleinen enttäuscht-genervten Gesicht fast ein bisschen lachen.
      “Das wäre ein ziemlich großer Zufall, nicht?”, fragte er und stützte sich auf die Tischplatte, während er Alexis einen neugierigen Blick zuwarf. Obwohl es nicht vollkommen abwegig war. Oliver hatte auch schon Patienten empfangen, die er zufällig gekannt hatte. Alte Schulfreunde, die mittlerweile selbst Eltern waren, oder Freunde von Freunden. London war manchmal kleiner, als man dachte. Auf Konzerten hatte er eine Zeit lang sogar noch mehr alte Bekannte getroffen, aber langsam schienen sie das Alter erreicht zu haben, in dem sie alle Feiern gegen Familienleben ersetzten. Was ihm vielleicht auch passiert wäre, wenn Jordan Kinder gewollt hätte. Vielleicht hatte das Leben ohne Kinder auch Vorteile.
    • Alexis

      Alexis Blick schwenkte zurück über den Tresen, als die kleine Familie wieder hinter der Ecke auftauchte. Oh Mann. Die Entscheidung wurde ihm gerade abgenommen.
      Er starrte Ezra einen Moment lang an, nachdem dieser tatsächlich eine Beschreibung von dem Andrew ablegte, den Alexis kannte, und überlegte, was er sagen sollte. Dass er sich dann wohl geirrt hatte? Dass sie nur Bekannte waren? Gott, er konnte doch nicht lügen. Er hatte schließlich auch nicht im Griff, was Andrew letztlich erzählte. Trotzdem stockte sein Gedankengang, als er nochmal die Kinder ansah. Das waren die Kinder von seinem Ex. Das war seltsam. Vielleicht auch für Alexis. Oder auch nicht? Vielleicht konnten sie kurz darüber lachen und es dabei belassen. Sehr lange hatte die Beziehung eh nicht angehalten und sie war ewig her.
      „Ähm…“ Alexis war sich noch immer unsicher. Er sah kurz zu Oliver. Der war ja auch noch hier. Was hatte er sich dabei gedacht, diese Frage überhaupt stellen zu wollen??
      „Das… Ja, das klingt richtig“, antwortete Alexis und lächelte leicht. „Naja, sowas passiert. So viele Kinderpsychologen gibt es hier auch wieder nicht und… ich hab schon ein paar alte Schulkollegen mit Kindern hier getroffen“ Vielleicht würde diese Anmerkung noch helfen, damit er seine Patienten nicht verlor. Aber es stimmte, es war beinahe unmöglich, bei den wenigen Psychologen Plätze zu bekommen, und fast alle waren privat zu bezahlen. In ihrer Praxis gab es die Möglichkeit, die Stunden von der Krankenversicherung übernehmen zu lassen, was einige Eltern zu ihnen trieb. Unter anderem auch welche, die Alexis zufällig kannte.
      Er wusste trotzdem nicht, wie er dieses Gespräch weiterführen sollte. Es irritierte ihn einfach nur unheimlich, dass Andrew Kinder hatte, aber das konnte er dessen jetzigem Freund wohl kaum ins Gesicht sagen.
      „Wie geht es ihm denn so…?“, fragte er stattdessen. Vielleicht hatte er ja Amnesie und war ein völlig neuer Mensch geworden, oder so etwas. Alexis hatte das Gefühl, wieder ein bisschen schwitzen, obwohl er sein Hemd los war.
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    • Ezra

      “Ihm geht es gut soweit. Er ist vor kurzem befördert worden und stürzt sich dementsprechend in die Arbeit, aber damit hatte ich gerechnet. Sonst kleben die Kinder regelmäßig an ihm. Also beschäftigt auf allen Ebenen. Aber er ist ein wirklich fantastischer Dad.” Ezra lachte ein wenig, während er sich locker an den Empfangstresen lehnte. Max nickte neben ihm bestätigend mit dem Kopf. Ezra war sich nicht ganz sicher, ob der Junge tatsächlich so begeistert von ihnen war. oder Angst hatte, dass man ihn und seine Geschwister wieder in irgendein Heim brachte, wenn er nicht enthusiastisch genug aussah. Vielleicht zeigten die ganzen Bestechungen mit Dinozeugs auch langsam Wirkung.
      Die einzigen anderen Personen, die Andrew schon länger kannten, waren Amy und Richard. Erstere war zu weit weg, um sie über Andrew auszuquetschen und letzterer hatte hoffentlich die beschissenste Woche seines Lebens. Oder den beschissensten Monat. Oder einen schwerwiegenden Unfall. Wie auch immer - Alexis war gerade die spannendste Person, die Ezra seit langem kennen gelernt hatte.
      Niko ließ sich an seiner Hand hängen, wie ein nasser Sack, Max versuchte irgendwie, ihn dazu zu bekommen, gerade zu stehen. Ezra strich seinem Älteren kurz durch die dunklen Haare. Vielleicht würden sie auf dem Rückweg auf einem Spielplatz zwischen stoppen. Niko musste wohl noch ein paar Runden durch die Gegend gejagt werden. Ezra konnte das nur zu gut nachvollziehen. Er hatte auch nie still sitzen können. Aber da musste Niko jetzt durch. Ezra liebte seine Kinder, aber wenn er die Chance hatte mit jemandem zu reden, der Andrew kannte, musste er sie ergreifen.
      “Ihr ward also Schulfreunde?”, fragte er. Zumindest hatte es eben so geklungen, nicht? Vielleicht erklärte das die steife Art der beiden - sie waren einfach auf der selben strengen Schule gewesen und hatten daher nie wirklich gelernt, soziale Kontakte zu knüpfen, oder so.
      “Hattest du überhaupt Freunde in der Schule?”, mischte sich Oliver mit einem kleinen, neckenden Grinsen ein, während er seinen Kopf auf seine Hand stützte, um zu Alexis hoch zu sehen. “Ich habe dich immer nur als Florins persönlichen Lieferdienst in Erinnerung.”
    • Alexis

      Natürlich war er das. Ein fantastischer Dad. Alles in Alexis wehrte sich, diese Worte mit Andrew in ein Bild zu bringen. Zumindest hatte er wohl endlich diese Beförderung, die er immer haben wollte. Vielleicht lagen da auch schon ein paar andere Beförderungen dazwischen. Alexis traute es ihm zu. Deutlich mehr, als dieses aufgeweckten, sympathischen Freund und zwei niedliche Kinder.
      „Wir…“, fing er an, unsicher wie er die Frage beantworten soll, als Oliver sich ins Gespräch mischte und Alexis wieder daran erinnerte, wie seltsam diese Situation war. Abgesehen davon brachte ihn die weitere Frage ein wenig aus dem Konzept.
      „Natürlich hatte ich… ein paar Freunde. Jedenfalls- Andrew und ich sind weniger Schulkollegen, als-“ Expartner. Das klang furchtbar. Das konnte er nicht bringen. „Wir hatten… wir kannten uns… eine Zeit lang“ Alexis Blick huschte etwas nervös zwischen Oliver und Ezra hin und her, bis er endgültig aufgab und seufzte. Er machte es gerade bloß weitaus unangenehmer, als es sein müsste.
      „Wir hatten eine sehr kurze, sehr unaufregende Beziehung vor etlichen Jahren. Ich kann mich quasi kaum an sein Gesicht erinnern. Und wir haben absolut nicht zusammen gepasst. Wir waren mehr gute Bekannte als sonst irgendetwas. Es hat mich nur gewundert, dass er… Kinder adoptiert hat, aber es ist schön zu hören, dass ihr offensichtlich glücklich seid und er endlich diese Beförderung bekommen hat. Ich war mir nicht sicher, also ich habe ich nicht gleich etwas gesagt, ähm… Ich hoffe, das macht es jetzt nicht seltsam für euch. Das tut mir leid. Ich… Ich hab auch ein paar tolle Kollegen hier, die sich… jederzeit meine Dinosaurierfiguren aussuchen können“ Zum Ende seines Wortstrudels sah Alexis nurnoch Max sehr mitleidig an. Er wollte niemandes Zeit verschwenden. Und die beiden waren so lieb… Sie hätten sich nach ein paar Sitzungen bestimmt sehr gut verstanden. Aber es wäre wahrscheinlich irgendwie verrückt, zu erwarten, dass sowohl Andrew als auch Ezra damit okay wären, Alexis als Psychologen für ihre Kinder zu behalten. Seinerseits hatte er damit kein Problem, immerhin war das alles wirklich furchtbar lange her. Aber… Naja.
      Er sah Ezra wieder an und fühlte sich auf einmal seltsam schuldig, auch wenn er nicht ganz zuordnen konnte, wofür.
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