The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Milo

      "Hey, ich mach gerne alles mit, was du willst, solange es dich glücklich macht." Milo hob kurz abwehrend beide Hände, konnte aber das kleine Lachen nicht ganz unterdrücken. Nachhilfe-Fantasien waren harmlos, also warum nicht? Auch, wenn es ihm ein bisschen lieber wäre, wenn Aaron sich auf seine Prüfungen konzentrieren würde, damit er sich nicht selbst das Leben schwer machte. Wenn er seine Prüfungen nicht schaffen würde, würde sich die Zeit, in der sie beide zu beschäftigt für Dates waren, immerhin noch weiter strecken und das wollte Milo wirklich gerne vermeiden. Vor allem, weil Aarons empörtes Gesicht unfassbar süß aussah.
      "Ich kann mir gerne einen neuen im Netz holen, aber ich fürchte, dass du dir das ganze weitaus attraktiver vorstellst, als es tatsächlich ist", merkte er mit einem Lachen an, während Aaron sich aufsetzte. Es war generell irgendwie überraschend, dass Aaron sich das überhaupt anziehend vorstellte - im Vergleich zu seiner flauschigen weißen Weste und der bunten Wohnung war ein Kittel furchtbar langweilig. Vielleicht machte dieser krasse Gegensatz auch den Reiz aus, oder so.
      Milo ließ sich bereitwillig auf die Beine ziehen und lächelte ein wenig in den kurzen Kuss hinein. Falls das immer noch Teil von Aarons Ablenkungsmanöver war, funktionierte es wirklich deutlich besser, als Milo ihm zugetraut hätte. Er hatte das furchtbare Verlangen, ihn direkt für den nächsten Kuss zurück zu ziehen. Sie mussten sich wirklich öfter sehen. Er sah Aaron ein kleines bisschen zu verträumt hinterher, bevor er realisierte, dass der Blonde mit ihm gesprochen hatte.
      "Oh. Cola. Die Woche war durch und durch seltsam und ich fürchte, dass Alkohol das nur schlimmer machen würde", antwortete er, während er Aaron folgte, darum bemüht, ihm nicht im Weg zu stehen, solange er mit dem Essen hantierte. Er konnte gut auf Brandblasen verzichten. "Kann ich dir noch irgendwie helfen? Ich fühle mich so nutzlos", merkte er an. Nichts zu tun zu haben war nach den ganzen zusätzlichen Verpflichtungen in seinem Leben seltsam ungewohnt. Deshalb hatte er auch darauf bestanden, wenigstens den Nachtisch beizusteuern. Alles andere hätte ihm nur ein schlechtes Gewissen verpasst.
    • Aaron

      "Du kannst dich hinsetzen und hübsch aussehen", antwortete Aaron deutlich zu ernst, während er mit seinen Herzmuster-Topfhandschuhen die Auflaufform aus dem Backrohr holte und auf die Herdplatte stellte. Dann ging er zum Kühlschrank, um zwei Glasflaschen Cola herauszuholen, hantierte mit seinem Flaschenöffner und stellte beide auf den Tisch. "Ich nehm die manchmal aus dem Zentrum mit, wenn keiner hinsieht", sagte er und legte seinen Finger warnend auf seine Lippen, damit Milo keinem davon erzählte. Sie bestellten immer wieder große Mengen an Getränken, die sie sowieso gratis hergaben, aber Aaron fühlte sich trotzdem schlecht, wenn er was mitgehen ließ. Nur nicht schlecht genug, um es nicht machen. So eine gekühlte Cola aus der Glasflasche hatte halt ein anderes Niveau als die 1,5-Liter-Flaschen aus dem Supermarkt.
      Aaron platzierte das Essen möglichst schön auf den Tellern und kam schließlich mit dem Besteck nach, und setze sich Milo gegenüber an den Tisch, den er vor ein paar Jahren gebraucht gekauft und nie herausgefunden hatte, ob es eigentlich ein Indoor- oder Outdoor-Tisch war.
      "Wieso war deine Woche seltsam?", fragte Aaron und reichte Milo noch eine Serviette, bevor er eine Gabel in die Hand nahm. "Ich hoffe es schmeckt. Also, wegen dem Date oder wegen deinem Kollegen?" Er grinste. "Ich hab dich vorhin gehört, aber die Sache mit Wyatt war dringender. Also, was war so seltsam?" Während er seine Fragen stellte, beobachtete er Milo ganz genau, weil er zugegeben ein wenig besorgt war, was seine Kochkünste anging. Also, er kochte gerne, und es schmeckte ihm zumindest immer gut, aber seine Mutter war gelernte Köchin und auf einem völlig anderen Niveau als Aaron, und weil er mit ihrem Essen aufgewachsen war, hatte er automatisch immer Bedenken, wenn er selbst für jemand anderen kochte.
      "Salz und Pfeffer", kommentierte er noch kurz und zeigte auf die zwei Streuer in ihrer Mitte, den Blick immernoch und ohne Ausnahme, vielleicht etwas zu starr, auf Milo gerichtet.
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    • Milo

      "Schockierend", kommentierte Milo flach, als Aaron von seinem kleinen Gelegenheitsdiebstahl erzählte. Wer hatte noch nie was auf der Arbeit mitgehen lassen? Gut, mit einer eigenen Praxis war das ein wenig anders, aber er hatte immer noch einen Löffel in seiner Schublade, den er bei einer seiner Aushilfsstellen mitgehen gelassen hatte, als er neben dem Studium gejobbt hatte. "Vielleicht solltest du das Wy erzählen, wenn ihr euch das nächste mal seht. Wahrscheinlich erntest du damit bei ihm direkt Respekt." Es fühlte sich trotzdem falsch an, einfach nur zu sitzen und Aaron zuzuschauen. Auch, wenn es sein neues Hobby werden könnte, Aaron zuzuschauen. Er war wirklich unfassbar heiß.
      Milo bedankte sich kurz, als Aaron den Teller vor ihn stellte. Es roch wirklich wunderbar. "Ich glaube beides wäre einzeln gar nicht so seltsam gewesen, aber dadurch, dass Wy mir zuerst von seinem Date erzählt hat und Charlie direkt im Anschluss- Hast du das vergiftet, oder so?" Milo zog fragend die Augenbrauen hoch, die Gabel leicht in der Schwebe, während er Aarons starrenden Blick mit einem kleinen Grinsen erwiderte. Sie mussten wirklich beide lernen, lockerer zu werden hm? Entweder das, oder er würde den Abend nicht überleben. Milo würde es herausfinden. Er wünschte kurz einen guten Appetit, wartete ab, bis die Gabel ein wenig runtegeküht war und schob sie sich in den Mund. "Falls du es vergiftet hast, schmeckt man es nicht raus. Das schmeckt wirklich gut, Aaron." Er trat unter dem Tisch spielerisch gegen Aarons Schienbein in der Hoffnung, die Starre zu brechen, bevor er wieder zurück auf das ursprüngliche Thema kam.
      "Offensichtlich ist Charlie von einem seiner Patienten auf die Hochzeit seiner ExFrau eingeladen worden. Als Date, um die Frau zu schocken. Seit dem dreht er ein bisschen am Rad. Eigentlich würde ich drüber lachen, aber in Kombination mit dem Fakt, dass Wy ein Date hat, war das alles einfach ein bisschen viel Kuriosität auf einmal." Charlie schien seine Einstellung zu dem ganzen stündlich zu ändern, was ein wenig untypisch für ihn war. Sein üblicher 'das wird schon' Optimismus war durchzogen von 'ich sollte absagen, oder?' Zweifel. Wenn Milo nicht genug eigene Probleme hätte, hätte er das alles eingehend studiert. So konnte er nicht mehr tun, als ihm ab und an mal auf die Schulter zu klopfen und ihn daran zu erinnern, dass das sein Problem war.
      "Was hättest du gemacht?" Milo sah mit einem kleinen Lächeln zu Aaron auf. "Deine Frau lässt sich scheiden und heiratet kurz darauf einen anderen. Was wäre deine Racheaktion gewesen?"
    • Aaron

      "Was?" Bei der Frage weiteten sich Aarons Augen ein wenig. "Sorry", sagte er sofort, als ihm auffiel, dass die Frage wahrscheinlich von seinem Blick und nicht vom Geruch des Essen kam, und fügte dann schnell hinzu: "Nicht, weil es vergiftet ist. Ist es nicht" Hatte er so gestarrt? Er war etwas erleichtert, als Milo meinte, dass es schmeckte. "Sehr gut, dann hab ich den Geschmack vom Rattengift mit Thymian neutralisiert", sagte er und lockerte seine Schultern ein wenig. Klar, er hatte selbst vorgeschlagen, für Milo zu kochen, aber er hatte trotzdem Panik gehabt, dass irgendetwas nicht passte und ihr Date vermieste.
      Aaron hörte zu und konnte nicht anders, als die Augen aufzureißen und gleichzeitig die Augenbrauen zusammen zu ziehen. Die Geschichte war tatsächlich etwas seltsam. Das rechtfertigte die Cola wohl. "Wieso würde man sowas seinen Arzt fragen?", war Aarons erste, irritierte Frage. "Meine Reaktion?" Er überlegte, nahm einen Bissen, schluckte, und war sich immernoch nicht sicher.
      "Ich meine, sie ist definitiv fremdgegangen, oder? Oder das war irgendwie Liebe auf den ersten Blick. Aber ich würde wahrscheinlich nichts damit zu tun haben wollen und definitiv nicht zur Hochzeit gehen. Aber wenn ich zur Hochzeit gehen würde, würde ich auch eine Begleitung mitnehmen. Eine gute Freundin, oder einen Freund, mit dem man darüber nachher irgendwie lachen kann. Aber meinen Hausarzt? Wer kommt auf so eine Idee?" Aaron schmunzelte.
      "Sind die so eng miteinander? Wie wollen sie glaubwürdig machen, dass sie zusammen sind, wenn sie eine Arzt-Patienten-Beziehung haben? Ich wäre an der Stelle von deinem Kollegen nie auf die Idee gekommen zuzusagen, außer der Patient ist echt mein Typ und ich bin echt verzweifelt, bei ihm zu punkten. Aber die Hochzeit der Ex??" Er schüttelte den Kopf. "Ich muss wirklich mal in der Praxis vorbeikommen und herausfinden, was im Kopf von deinem Kollegen los ist" Das war fast spannender, als Wyatt und Kaias Date. Irgendwie kam das direkt aus einer Romcom, und damit war Aarons Interesse sofort gewonnen.
      "Und was würdest du tun?", fragte er neugierig.
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    • Milo

      Milos Mundwinkel zuckten belustigt nach oben, als Aaron in seinen kleinen Scherz über das vergiftete Essen einstieg. Wenigstens konnte er noch drüber lachen, vielleicht nahm ihm das die Anspannung ein wenig. Charlies Lebensstory war zumindest eine wundervolle Ablenkung. Milo war eigentlich niemand, der gerne Gossip verteilte, aber die Situation war bizarr genug, um das zu entschuldigen. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass Charlie über das alles lachen konnte. Er konnte normalerweise über alles lachen. Seine positive Einstellung war manchmal fast gruselig.
      “Ich kenne seinen Patienten nicht. Soweit ich weiß kennen sie sich auch erst seit ein paar Wochen. Normalerweise reden wir auch nicht über unsere Patienten, aber das war privat genug, um eine Ausnahme zu machen.” Er zuckte kurz mit den Schultern. Wenn sie nicht gerade eine professionelle zweite Meinung benötigen, hatten sie eigentlich auch keinen Grund, über ihre Patienten zu reden. Für gewöhnlich fragten ihre Patienten sie allerdings auch nicht, ob sie als Date mit auf eine Hochzeit kommen wollten. Man bekam höchstens ab und an erzählt, dass die Enkeltochter single war.
      “Charlie ist hetero, also schließe ich Verzweiflung aus. Er hat einfach nur einen extremen Helferdrang und kann schlecht Nein sagen.” Meistens war das eine wundervolle Eigenschaft und definitiv einer der Gründe, warum er sich so schnell mit ihm angefreundet hatte - ab und an schien es aber auch Charlies Verderben zu sein. “Aber ich denke, dass er das ganz gut hinbekommt. Es ist schwer, ihn nicht zu mögen. Wahrscheinlich findet die Braut ihn am Ende so sympathisch, dass sie ihren Ex rauswirft und ihn da behält, oder so.” Wundern würde es Milo nicht.
      Aarons Antwort auf die Frage schien zumindest wundervoll normal zu sein. Vollkommen realistisch betrachtet würde Milo dem Ganzen wohl auch aus dem Weg gehen wollen. Das war für beide Seiten die beste Lösung, nicht? “Oh, ich hatte ihm geraten, seinem Patienten die Soap Opera Lösung zu präsentieren. Mit dem Neuen seiner Ex schlafen und ihr das am Hochzeitstag sagen.” Er grinste leicht. “Obwohl deine Antwort wahrscheinlich die einzig richtige ist. Mir ist noch nie eine Ex fremdgegangen. Eine ist jetzt verheiratet, aber die Beziehung ist Jahre her, also hab ich keine Ahnung, wie er sich fühlen muss. Aber ich glaube nicht, dass ich so rachsüchtig wäre. Ich wäre dir trotzdem verbunden, wenn wir diese Theorie nie in der Praxis testen müssten.” Er zwinkerte Aaron kurz zu. Wirkliche Angst hatte er nicht. Wer verzweifelt genug war, um eine Beziehung trotz Zeitmangel zu probieren, würde wahrscheinlich nicht so schnell fremdgehen, oder?
    • Aaron

      Aaron schmunzelte. Hetero? „Wenn es keine verzweifelte Liebesgeschichte ist, kann ich mir nur erklären, dass beide ein bisschen auf Drogen waren, als sie den Plan gemacht haben“, sagte er. Es wirkte zumindest wie etwas, dass richtig gut klang, wenn man betrunken war, und einen dann in eine Existenzkrise stürzte, wenn man wieder nüchtern war. Und das schien ja gerade bei Milos Kollegen zu passieren. Zumindest war sein Alltag nicht langweilig!
      Aaron fing explosiv zu lachen an, als Milo von seinem Ratschlag erzählte. Aaron hatte nicht erwartet, dass er solche Tipps austeilte. „Nein, nein, das ist gut! Ich würde gerne wissen, ob der Patient das als validen Plan B gesehen hätte, wenn sein Plan A schon verrückt war“, lachte er. Plan A oder Plan B, Material für eine Soap Opera war es trotzdem. Irgendwie war Aaron plötzlich ganz zufrieden mit seinen eigenen Umständen, auch wenn er mit Milo seine eigenen Schwierigkeiten hatte. Aber zu dem allgemeinen Alltagsstress noch eine Scheidung und dann ein seltsames Rache-Date mit seinem Arzt durchzumachen, wäre eindeutig zu viel. Oder- wer weiß, vielleicht war es genau, was man brauchte, um sich vom Alltagsstress abzulenken. Vielleicht suchte der Patient sich ja aktiv merkwürdig Situationen, um sich von dem Schmerz der Scheidung abzulenken. Er schien jedenfalls gute Arbeit zu machen, alles in Wut umzuwandeln. Er musste richtig angepisst auf seine Ex sein.
      Aaron beruhigte sich wieder, als Milo von seinen eigenen Exbeziehungen erzählte, was irgendwie sehr plötzlich kam, aber wohl bei dem Thema auch zu erwarten war. Sie überlegten schließlich, was sie selbst in so einer Lage tun würden. Er hatte nur das Gefühl, kurz die Luft anzuhalten, als er meinte, dass er das ungerne mit Aaron durchmachen würde.
      Sie waren auf jedenfall beide der Meinung, dass sie exklusiv waren. Gut. Es gab nur… etwas, das Aaron gerne klären würde, aber es kam ihm viel zu früh vor, und gleichzeitig auch nicht. Aber er hatte sehr ambivalente Gefühle, wenn es darum ging, Dinge möglicherweise zu überstürzen.
      „Als hätte ich Zeit für sowas“, schmunzelte er als Scherz und zögerte schließlich kurz, bevor er eine Hand offen auf den Tisch legte und Milo mit einer Bewegung seiner Finger aufforderte, ihm seine Hand zu reichen. Er hielt sie einen Moment lang fest und sprach dann weiter.
      „Wenn wir schon darüber reden- Es gibt da was, das ich dich fragen will. Und es ist wahrscheinlich zu früh, aber… ‚go big or go home‘“ Der Spruch war definitiv notwendig gewesen. „Ich weiß, dass es irgendwie ernst klingt und wie eine Verpflichtung, aber ich hab auch das Gefühl, dass wir das hier beide von Anfang an ziemlich ernst genommen haben. Also, was hältst du von einer festen Beziehung? Auch, wenn wir sicher einiges noch nicht voneinander wissen?“ Aaron schluckte.
      Er hatte heute ein paar Mal intensiv über diese Kennenlernphasen-Sache nachgedacht und er hatte das Gefühl, dass er Milo gut genug kannte, um ihn halbwegs einzuschätzen, und dass ihn nichts zu sehr schockieren konnte, und deshalb hatte er bereits darauf gewartet, diese Frage zu stellen. Ja, ausgelöst war das Ganze durch seinen Panikschub im Schlafzimmer, aber… das gehörte schließlich dazu.
      „Ich mag dich, ich hab vor mir weiterhin Mühe zu geben, Zeit für dich zu finden, und freue mich extrem darauf, wenn das nicht mehr so eine Hürde ist. Ich würde ja am liebsten jeden Tag mit dir verbringen-“ Stopp. Das reichte. Er musste kein Liebesgeständnis daraus machen. Aaron lächelte nervös. „Was sagst du?“, fragte er und stocherte mit der Gabel etwas in seinem übrigen Gemüse herum.
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    • Milo

      "Es würde mich wundern, wenn Drogen im Spiel wären, aber du bist der mit den drei Drogenpräventionskursen, also will ich dir da nicht widersprechen. Ich halte dich auf dem Laufenden." Milo lachte kurz. Er war sich nicht ganz sicher, was Charlie schlussendlich machen würde. Irgendwie traute er es ihm nicht zu, seinem Patienten abzusagen, egal wie schräg die ganze Situation war. Es war viel zu leicht Charles ein schlechtes Gewissen zu machen, also schied ein Rückzug eigentlich direkt aus. Milo konnte nur hoffen, dass er am Ende irgendwie unbeschadet aus der Situation rauskommen würde, egal wie. Untypisch war das alles trotzdem total.
      Milo schmunzelte immer noch, als Aaron seine Hand auf den Tisch legte und zögerte keine Sekunde damit, ihm seine Hand zu reichen. Irgendwie war es fast stereotyp romantisch, oder? Zusammen sitzen, Händchen halten beim Essen. Nur das Setting passte nicht ganz. Eigentlich müssten sie gerade wohl in einem Restaurant sitzen, das unnötig teuer und schlecht beleuchtet war. Danach könnten sie dann happy zurück nach Hause, es gäbe einen kleinen Abschiedskuss und dann würden sie beide überlegen, wie lange sie warten müssten, um um das nächste Date bitten zu können. Stattdessen mussten sie jedes kleine Treffen irgendwie in Lücken quetschen, die sich viel zu selten ergaben. Es war fast ein bisschen deprimierend. Vielleicht war er deshalb so überrascht, als Aaron wieder anfing zu reden, diesmal seltsam ernst im Vergleich zu dem Lachen von vorhin.
      Eine feste Beziehung. Milo blinzelte kurz. Aaron hatte Recht - das alles war irgendwie ein wenig früh, aber wer konnte schon festlegen, wie lange man warten musste, bis man eine Beziehung begann? Ihre bisherige Beziehungsgeschichte war an sich vollkommen durcheinander und ungewöhnlich, also warum nicht? Sie klebten ja auch trotz der ganzen Schwierigkeiten aneinander. Eigentlich war das ein gutes Zeichen, oder? Zumal Milo für gewöhnlich sowieso nicht aus Langeweile datete. Wenn er sich schon auf jemanden einließ, dann nur, weil er sich etwas langfristiges vorstellen konnte. Bei Aaron war es nicht anders. Er hatte irgendwas an sich, was Milo dazu brachte, ihn an sich ziehen und nicht mehr loslassen zu wollen. Er öffnete schon den Mund, um ihm genau das zu sagen, als Aaron wieder anfing zu reden, diesmal noch deutlich gefühlvoller. Es klang fast, wie eine Liebesbekundung. Milo schloss den Mund wieder und lächelte seinem Freund entgegen, ungewillt, ihn zu unterbrechen.
      "Ich mag dich auch", antwortete er, als Aaron sich offenbar selbst unterbrach und strich mit seinem Daumen über Aarons Handrücken. "Sehr sogar. Du bist die wundervollste Person, die ich kenne. Eine feste Beziehung klingt beinahe zu gut, um wahr zu sein." Er schob seinen Stuhl ein wenig zurück, um sich über den Tisch zu lehnen und Aaron einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. "Ich hoffe nur, dass du dir im Klaren darüber bist, dass das bedeutet, dass ich jetzt wirklich jede freie Minute mit dir verbringen will." Er grinste leicht, während er sich wieder setzte. "Wollte ich vorher zwar auch schon, aber jetzt wirkt es irgendwie...mehr."
    • Aaron

      Milo wusste wirklich, wie man jemandem schöne Worte machte. Aaron war niemand, der Komplimente hinterfragte, im Gegenteil, er fiel gerne auf Leute herein. Aber er hatte auch keinen Grund, um zu bezweifeln, dass Milo nicht alles ernst meinte, was er sagte. Also lächelte er ihn etwas verträumt an und würde sich wahrscheinlich wieder die nächsten Tage durch den Kopf echoen lassen, dass Milo ihn für den wundervollsten Menschen hielt, den er kannte, genau wie all die anderen Komplimente. Dass er Aaron vor seinem Kollegen scheinbar als perfekt beschrieb, war nur das Tüpfelchen auf dem I. Ob das alles objektiv stimmte oder nicht war völlig irrelevant, solange Milo es glaubte. Aaron war zwei Sekunden davor, ins Kichern auszubrechen, wenn er nicht aufhörte, Süßholz zu raspeln.
      Er grinste in den Kuss. „Damit komme ich zurecht“, sagte er als Milo meinte, er würde jede Minute mit ihm verbringen wollen. Gut so, dann fühlten sie das beide und es war umso frustrierender, wenn das Leben dazwischen kam.
      „Irgendwie lässt sich das schon einrichten. Ich kann mein Studium abbrechen, wir kündigen beide unsere Jobs und brennen durch“, scherzte er grinsend und schaukelte ein wenig mit seinen Füßen. So unrealistisch es auch war, er gab sich solchen Fantasien gerne hin. Aber ganz unabhängig von irgendwelchen Fantasien spürte er jetzt schon, wie die Begeisterung durch seinen Körper wallte. Vielleicht machte er sich aus Beziehungs-Labels doch mehr als gedacht. Nichts änderte sich so richtig, aber sie waren jetzt zusammen, was zumindest hieß, dass Aaron rechtmäßig vor Leuten mit seinem Freund angeben konnte. Oh, er würde alle damit nerven und es genießen. Außer bei Leo, der sich das wahrscheinlich noch selbst als Sieg verbuchen würde und von Aaron eine Dankesredes haben wollen würde, oder so.
      Das brachte ihn allerdings auf einen Gedanken. „Denkst du, Wyatt bekommt einen Wutanfall wenn er davon hört?“, fragte er und lächelte leicht. Er versuchte die Vorstellung nicht zu ernst zu nehmen. „Auch, wenn sich nicht wirklich was ändert, außer der Status von meinem Seelenfrieden. Oder sagst du ihm lieber garnicht erst was?“ Genau genommen war es für Wyatt kaum relevant, was ihr genauer Beziehungsstatus war, da Aaron und er sich auf ungünstigste Art und Weise sowieso schon kannten und oft genug sahen. Aber er würde es vermutlich wissen wollen, wenn seine Chancen schlecht aussahen, dass er Aaron plötzlich nie wieder sah. Oder, schlechter als vorher, zumindest. Hoffentlich sehr schlecht.
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    • Milo

      "Und wohin würdest du mit mir durchbrennen?" Milo musste automatisch mitlächeln. Jetzt war es also amtlich - sie waren zusammen. Irgendwie kam ihm das alles nicht monumental genug vor. Es müsste ein Feuerwerk geben, oder einen Chor im Hintergrund, oder so. Aaron hatte irgendetwas großes, außergewöhnliches verdient. Wie könnte man ihn bei dieser absolut positiven Grundeinstellung nicht lieben? Er war aktuell tatsächlich Milos Lichtblick und...seiner. Sein Freund.
      Was für ein seltsames Gefühl. Einerseits spürte er, wie Stress von ihm abfiel. Die Angst, dass Aaron sich durch die wenige Zeit, die sie beide füreinander übrig hatten, doch lieber jemand anderes suchen würde, war weg. Zeitgleich stieg der Druck, Aaron auf jeden Fall genau das Level an Aufmerksamkeit zu bieten, dass er verdient hatte, wenn nicht sogar mehr, falls das überhaupt möglich war. Er würde-
      Wyatts Name traf ihn wie ein Eimer kaltes Wasser und riss kurz die rosarote Brille von Milos Nase. Fuck. Wy würde Aaron umbringen und ihn direkt danach erwürgen. Warum musste die halbe Portion auch so einen Hass auf Aaron haben? Er hatte ihm nie was getan! Im Gegenteil, Aaron gab sich alle Mühe, irgendwie zu helfen! Milo seufzte, während er wieder nach Aarons Hand griff. Mit ein bisschen Glück war Wy durch sein eigenes kleines Date so abgelenkt, dass ihm Milos Beziehungsstatus vollkommen egal war. Vielleicht hoffte Wy auch, dass Milo durch Aaron so abgelenkt war, dass er weniger Fragen zu Kaia und ihm stellen würde. Nicht, dass Milo an der Beziehung seines Bruder überhaupt mehr interessieren würde, als sicher zu gehen, dass es beiden gut ging.
      "Ich fürchte, dass er nicht sonderlich happy sein wird, aber das bekomme ich irgendwie hin. Ich bringe ihm das irgendwie schonend bei und seh, wies läuft. Wäre ja zu schön, wenn ich mir von einem Teenager die Beziehung versauen lassen würde." Wy würde schon drüber hinweg kommen. Vielleicht war das doch alles nur eine Phase, die sie jetzt ein wenig aussitzen mussten, bis sich alles eingespielt hatte.
      "Vielleicht hat Kaia ihm heute auch so den Kopf gewaschen, dass er sich gar nicht mehr traut, etwas gegen dich zu sagen. Er hat im Grunde sowieso nichts gegen dich als Person, denke ich." Milo zuckte ein wenig unsicher mit den Schultern. Erklären konnte er die angeknackste Psyche seines Bruders beim besten Willen nicht, aber das sollte ihn jetzt gerade eigentlich nicht kümmern.
      "Also- wohin brennen wir durch? Ich wäre für etwas warmes. Australien?"
    • Aaron

      Das hatte er sich schon gedacht. Aber was er sich ebenfalls bereits gedacht hatte, war, dass das Milo nicht unterkriegen würde. Er hatte ja auch sein eigenes Leben verfient, unabhängig davon, dass Aaron massiv hiervon profitierte. Er wollte schließlich auch nicht, dass Milo aufgab, weil sein Bruder etwas gegen ihn hatte. Wyatt musste lernen mit der Realität klarzukommen aber Aaron würde alles in seiner Macht tun, damit sie sich besser verstanden. Ob er ihm dafür nun aus dem Weg gehen musste oder nochmal mit ihm zu reden versuchen sollte. Aaron hatte kein Problem damit, seine Energie auch in Wyatt zu investieren. Außerdem war er dank Kaia jetzt vielleicht sowieso zu abgelenkt!
      „Wir können nach Australien durchbrennen, wenn du mir mit der Sonnencreme hilfst“, meinte Aaron grinsend. Zurück zu ihrer wundervollen Fantasie. „Das ist dann dein Job. Dafür fange ich die Skorpione, die machen mir keine Angst. Und wenn doch was passiert, rettest du mir das Leben. Perfekt“ Aber zurück zum Sonnencreme-Szenario… Übertrieb Aaron es heute irgendwie mit seinen Flirts? Er hatte nie vorgehabt, Andeutungen zu machen, aber er war halt irgendwie zum ersten Mal off-duty, seit er Milo datete, und es war ja nicht seine Schuld, dass Milo heiß genug war, dass es alle möglichen Dinge in Aaron provozierte und er kaum einen Filter besaß.
      Er aß den letzten Bissen von seinem Gemüse und lehnte sich zurück; den Fuß streckte er etwas nach Milos Bein aus. „Was willst du angucken?“, fragte er. „Ich hab Netflix“ Gut, damit war der Versuch der Verharmlosung auch irgendwie fehlgeschaden. Netflix und Chill… Jaja.
      „Ich brauch was von deinem Tiramisu. Bist du bereit für mein Urteil? Meine Mutter ist Köchin, weißt du? Die Ansprüche sind hoch“, lächelte er schließlich und blitzte Milo mit begeisterten Augen an. Es war nur fair, sich den Stress zu teilen, oder? Außer Milo war sowieso sehr selbstbewusst was seine Backkünste anging. Ah… das wäre noch süßer.
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    • Milo

      Milo lächelte leicht und hielt sich zurück, sofort in einen Vortrag über Hautkrebs und die Wichtigkeit von Sonnencreme zu rutschen. Es war ziemlich offensichtlich, dass Aaron mit der Aussage nicht die Gesundheit seiner Haut im Kopf hatte, auch, wenn das gar nicht so verkehrt wäre. Zum Glück war das alles nur ein theoretisches Szenario. Milo würde nicht auswandern. Er hing zu sehr an seiner Praxis und Charlie und tatsächlich auch Wyatt. Nur konnte er sie schlecht alle einpacken und beim Durchbrennen mitnehmen. Das war irgendwie der ganze Sinn hinter der Sache, oder?
      "Solange du die Skorpione dann auch wieder in die Wildnis entlässt und sie nicht als Ausgleich für die Kinder aus dem Jugendzentrum behältst, mache ich alles für dich. Sonst...wer nicht hören will, muss fühlen und so." Milo grinste Aaron frech entgegen, während er immer noch das Gefühl hatte, dass sich alles in seinem Kopf auf eine wundervolle Art und Weise drehte. Nach den letzten Wochen tat es seltsam gut, hier zu sitzen und mit Aaron zu flirten.
      "Ich bin für fast alles zu haben", merkte er mit einem Zwinkern an, als Aaron auf Netflix und ihren Film des Abends zu sprechen kam. Irgendwie hatte Milo das Gefühl, dass der Film, den sie sich aussuchen würden, seltsam zweitrangig werden würde. Er hatte sich das Date eigentlich nicht so vorgestellt, aber nach der seltsamen Beziehung, die die beiden aufgebaut hatten, musste man sich irgendwie auf alles einstellen, nicht? Er würde wohl einfach sehen müssen, wo das ganze endete. Sie waren beide erwachsen genug, um Grenzen zu ziehen, falls es doch plötzlich zu viel auf einmal wurde.
      Aber offenbar wurde die Unterhaltung sowieso wieder etwas 'normaler'. Auch, wenn Milo bei Aarons Ansprüchen kurz auflachen musste. "Also die Tiramisu ist selbstgemacht und nicht nur aus einer Packung zusammengekippt. Der Wille war da, aber ich bin bei weitem kein Meisterbäcker. Falls Tiramisu unter 'backen' fällt. Ich fürchte, du musst einfach mit dem Ergebnis leben müssen." Das musste er Wyatt zu Gute halten - wenn man lange genug für ihn sorgte, brachte einen so schnell nichts aus der Ruhe. Vor allem, wenn es ums Essen ging. "Sonst brauche ich wohl ein paar Nachhilfestunden bei dir, damit ich auf dein Level komme." Auch, wenn er sich deutlich schöneres vorstellen konnte, als zusammen in der Küche zu stehen.
    • Aaron

      „Ich kann nichts versprechen“, grinste Aaron die Skorpione betreffend. Wenn Milo das schon so niedlich ausdrückte… Vermutlich bräuchte Aaron in jedem Leben wirklich einen Ersatz für die Kinder aus dem Zentrum. Er war nicht gemacht für Jobs, wo er keine Menschen um sich hatte, und am besten war es eben, wenn sie Kinder oder Jugendliche waren, die noch garnicht so viel vom Leben wussten und irgendwie unschuldig alles sagten und taten, was ihnen in den Kopf kam. Man wollte ihnen einfach helfen. Das war doch die verbreitete Meinung, oder? Aaron konnte sich garnicht vorstellen, wie langweilig sein Leben ohne diese Kids wäre. Da nahm er den Stress irgendwie doch gerne in Kauf und auch Skorpione wären, obwohl sie ähnlich mit Samthandschuhen angegriffen werden mussten, kein Ersatz.
      Aaron kickte nur einmal nervös seinen Fuß unabsichtlich in die Luft, und glücklicherweise nicht gegen Milos Schienbein, als dieser ihm verführerisch zublinzelte, und hatte damit seine Antwort auf die Frage, ob seine Flirts heute ein bisschen außer Kontrolle gerieten. Er war wirklich zu begeistertet über dieses Date. Das, und sein Panikanflug beim Bett-überziehen, zeigten sich jetzt deutlich.
      Er schmunzelte und war trotzdem dankbar über den Themenwechsel zum Tiramisu, auch wenn er nicht richtig wusste, wieso. Normalerweise war Aaron — zumindest zu der Zeit als er wirklich regelmäßig ausgegangen war — immer vorsichtig mit seinen Flirts und sagte nur das, was er hundertprozentig meinte, weil die Chance, dass es erwidert wurde und schließlich alles in die Realität umgesetzt wurde, irgendwie sehr hoch war. Vanessa hat recht damit gehabt, dass er seinen ersten Korb von Milo bekommen hatte. Auch… wenn es jetzt irgendwie kein Korb gewesen war.
      Aaron war ganz eindeutig aus der Übung. Entweder das oder sein Unterbewusstsein war deutlich weiter, als sein Bewusstsein, und das erklärte dann auch die Situation im Schlafzimmer. Aber… eigentlich hatten sie ihre Beziehung gerade eben offiziell und exklusiv gemacht. Es war irgendwie klar, dass Milo… ihm nicht abgeneigt war.
      Vielleicht sollten sie einfach mal sehen worauf es hinaus lief.
      Aaron stand auf und stapelte das Geschirr um es in die Abwasch zu legen. „Das ist langweilig, wenn du dich garnicht verunsichern lässt“, schmunzelte er und deckte sein Motiv sofort auf. „Und für mich zählt das zum Backen, weil es eine Süßspeise ist, punkt“ Er beugte sich zu ihm und hauchte Milo einen Kuss auf die Wange, bevor er umdrehte und das Tiramisu und saubere Teller herräumte. Er entschloss kurzerhand, dass es angenehmer war, das Dessert mit zum Sofa zu nehmen. Er wollte sowieso… näher an Milo sitzen, nicht gegenüber von ihm, egal wie winzig der Tisch war.
      Aaron winkte Milo zum Sofa, wo er beide Teller auf den Tisch stellte. „Ich weiß nicht, wie sehr du auf Tischmanieren stehst, aber in diesem Haushalt ist alles ein Esstisch, das eine stabile Oberfläche hat“, sagte er und lächelte amüsiert.
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    • Milo

      "Du würdest dich auch nicht mehr so einfach verunsichern lassen, wenn du mit Wy zusammen wohnen würdest", merkte Milo amüsiert an, während er Aaron dabei zusah, wie er Teller und Tiramisu hervorholte. Er hatte das furchtbare Gefühl, dass er Aaron bei allem zusehen könnte, ohne je gelangweilt zu sein. Die Art, wie er sich bewegte, die kleinen Bewegungen der Muskeln, gemischt mit dem hübschen Lächeln auf den Lippen waren ein Bild, an dem man sich einfach nicht sattsehen konnte. Das war ihm schon beim ersten mal aufgefallen, als sie sich gesehen hatten, nicht? Die unfassbaren Augen, die Lippen, die so aussahen, als wären sie zum Küssen gemacht. Gepaart mit den kleinen Flirts und dem grenzenlosen Optimismus war Aaron insgesamt eine furchtbar tödliche Mischung. Milo hatte keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, ihn für sich zu gewinnen, aber er war sich absolut darüber im Klaren, dass er alles tun würde, um Aaron nie wieder hergeben zu müssen.
      Milo blinzelte kurz, als Aaron ihn wieder ansprach und zum Sofa winkte, offenbar mit der Absicht, den Abend etwas gemütlicher zu gestalten. Er konnte nicht anders, als ein wenig zu lachen. "Ich glaube, du überschätzt meine Manieren", merkte er an, während er Aaron folgte, sich neben ihn auf das Sofa setzte und einen der Teller entgegennahm. "Ich muss zugeben, dass ich schon Phasen hatte, in denen ich sogar im Bett gegessen habe." Irgendwie hatte er generell erst angefangen, an Küchentischen zu sitzen, seit er wieder mit Wy zusammen wohnte. Irgendwie hatte er alleine in seiner Wohnung auch immer lieber auf dem Sofa gesessen, den Teller auf den Knien balanciert und dabei irgendwas im Fernseher laufen gelassen. "Vielleicht solltest du deine Erwartungen an mich etwas nach unten schrauben." Er grinste und lehnte sich dem Blonden für einen kurzen, federleichten Kuss entgegen.
      "Also, Mr. Kritiker - sei ehrlich. Aber behalte die Tatsache im Hinterkopf, dass das unser erstes richtiges Date ist und ich ungerne in einen Streit über deine verkorksten Geschmacksnerven ausbrechen würde." Milo lächelte erwartungsvoll, während er etwas Tiramisu auf seinen Löffel lud und ihn Aaron auf mundhöhe entgegen hielt. Er klang deutlich selbstbewusster, als Milo eigentlich war. Die Tiramisu war nichts außergewöhnliches, das wusste er selbst. Er erwartete auch nicht, dass Aaron ihm etwas anderes erzählen würde, aber wenn sein Freund schon so zuckersüß versuchte, ihn zu verunsichern, konnte er den Ball auch zurückspielen, oder?
    • Aaron

      Mr. Kritiker, huh? „Ein bisschen zu kurz und knapp für meinen Geschmack, aber für deine superweichen Lippen bekommst du Bonuspunkte“, lächelte er unschuldig, auch wenn es ganz offensichtlich war, was Milo gemeint hatte. „Oh, das Tiramisu?“, stellte er sich dumm und öffnete schließlich den Mund, um sich das Tiramisu füttern zu lassen, ohne den Blick von Milo abzuwenden. Er ließ sich das Dessert auf der Zunge vergehen und bemühte sich letztlich um ein paar höchst kritische, nachdenkliche Blicke, bevor er zwei richtig ernste Daumen Hoch gab.
      „Wow. Hast du schonmal versucht, Wyatt mit deinem Tiramisu für dich zu gewinnen? Bei mir funktioniert es jedenfalls. Mehr, bitte“, sagte er und öffnete den Mund. Seine Augen blitzten Milo fröhlich entgegen.
      Er log nicht, das Tiramisu war wirklich gut, aber er hatte definitiv übertrieben was seine Fähigkeit zu urteilen anging. Aaron war nicht pingelig, was Essen anging. Oder, zumindest was Süßspeisen anging. In Kuchen und Puddings und Cremen konnte er sich von früh bis spät eindecken, was ein guter Grund war, Sport als Priorität nicht aus den Augen zu lassen. Und was auch half, war der chronische Mangel an Geld dank seinem Teilzeitjob und der chronische Mangel an Zeit zum Backen wegen seines… Vollzeitstudiums. Aber ob das nun bald aufhörte, oder nicht, er würde sich nicht die Chance entgehen lassen, sich von Milo mit selbstgemachten Dingen füttern zu lassen. Verunsicherung war heute nicht mehr Strategie, jetzt ging es um Überzeugung. Er beugte sich deshalb noch weiter zu Milo, legte ihm eine Hand auf den Schoß anstatt sich seinen eigenen Teller zu schnappen, und ignorierte die Stimme in seinem Hinterkopf, die flüsterte, dass er langsam ziemlich kindisch in dessen Nähe wurde.
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    • Milo

      "Ich wünschte, ich hätte früher gewusst, dass du so einfach zufrieden zu stellen bist. Dann hätte ich mir weniger Sorgen machen müssen." Milo versuchte, die Hand auf seinem Oberschenkel zu ignorieren, schaffte es aber nicht ganz. Aaron zu ignorieren war an sich schon schwer, aber bei der Nähe zwischen ihnen war es einfach vollkommen unmöglich. Er hielt ihm den zweiten Löffel ohne zu zögern entgegen, was ein bisschen seltsam war - eigentlich war das nie seine Art von Romantik gewesen. Aber wie könnte er Aaron schon einen Wunsch ausschlagen? Ganz davon abgesehen, dass Milo der Moment gerade zu schön vorkam, um Aaron irgendwie aufzuziehen.
      "All die schlaflosen Nächte und dabei hätte ich nur backen müssen." Er stellte den Teller mit einem theatralischen Seufzen auf den kleinen Couchtisch, während Aaron schluckte. "Und damit du dich gar nicht mehr beschweren kannst...", fuhr er schließlich mit einem kleinen Grinsen fort, legte eine Hand an Aarons Wange und küsste ihn. Der Kuss war deutlich fester und gefühlvoller, als der letzte. Milo konnte das Kakaopulver auf Aarons Lippen schmecken, während seine Hand von seiner Wange in seinen Nacken wanderte. Diesen Abend hatten sie wirklich gebraucht, oder? Reden, Essen, Küssen. Das alles fühlte sich herrlich normal an.
      Milo drückte Aaron noch einen zweiten Kuss auf die Wange, als sie sich voneinander lösten, sein Herzschlag ein bisschen schneller, als er wahrscheinlich sein sollte. "Du hattest was von Netflix erwähnt?", fragte er so beiläufig, wie möglich, während er wieder nach seinem Teller griff, bemüht, die Illusion von Aaron als Kritiker noch einen Moment aufrecht zu erhalten, auch wenn ihm eine Sekunde später selbst auffiel, dass er damit wahrscheinlich einfach nur Aarons zweideutige 'Netflix and Chill' Anspielung aufgegriffen hatte. Er nickte sicherheitshalber nochmal in die Richtung des Fernsehers. Obwohl er mit Alternativen wahrscheinlich auch keine Probleme gehabt hätte. Aaron sah frisch geküsst offenbar immer zum Anbeißen aus. "Wir könnten eine Backshow gucken, als Inspiration fürs nächste mal."
    • Aaron

      Aaron schmunzelte. „Tut mir leid, dass du wegen mir nicht schlafen kannst“, flüsterte er, bevor Milo ihn mit einem Kuss zum Schweigen brachte, der um einiges leidenschaftlicher, inniger und pulserhöhender war. Er hatte das Gefühl, ein bisschen in Milos Hand hineinzuschmelzen, die sich sanft zu seinem Nacken bewegte. Verdammt, das war genau so gut, wie Aaron es erwartet hatte, als er Milo zum ersten Mal für nur eine Bruchsekunde an der Bar sitzen gesehen hatte. Er sah eben aus, als hätte er es drauf. Und Aaron hatte sogar seinen Beruf erraten, also-
      Er erwiderte den Kuss mit dem geteilten, betörend süßen Geschmack von Tiramisu auf den Lippen. Als Milo von ihm abließ und nach seinem Teller griff, stellte sich Aaron die Frage, ob sie eigentlich abwechselnd rumknutschen und essen konnten oder das irgendwie in eine schmutzige Richtung ging. Aber es klang… lecker. Er behielt den Gedanken für sich und strich sich die Haare hinters Ohr bevor er sich mit seinem eigenen Teller zurücklehnte, weiterhin knapp an Milo klebend. Er biss sich ein wenig auf die Lippe, als Milo mit Netflix in dieselbe Falle trat, wie er selbst, und fand es irgendwie witzig, wie zweideutig dieser eigentlich super spontane, gemütliche Abend geworden war. Auch, wenn es ihn nervös machte, aber langsam auf eine gute Art. Er vergaß ab und zu, dass Intimität nicht nur mit Pflichtgefühlen verbunden war, sondern sich auch verdammt gut anfühlen konnte.
      „Klar, wenn du Vorschläge hast? Aber mach dich gefasst, dass ich dir dann eine Liste mit Dingen schreibe, die du backen sollst. Ich bin leicht beeinflussbar und in diesen Shows sieht wirklich alles immer richtig gut aus“, sagte er und griff nach der Fernbedienung, betätigte ein paar Tasten und reichte sie dann an Milo weiter. Er rutschte etwas tiefer ins Sofa.
      „Der Kuss war übrigens auf demselben Level wie das Tiramisu“, murmelte er schließlich, um das Thema noch im Raum zu behalten, weil er… demnächst darauf zurückkommen wollte. „Also, wenn du nicht ständig für mich backen willst, kannst du mich auch mit anderen Methoden um den Finger wickeln“ Er zuckte leicht mit den Schultern. Die Rolle des Kritikers stand Aaron, wie er fand. Daran konnten sie ruhig noch eine Weile festhalten.
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    • Milo

      "Das beruhigt mich ungemein. Meine Backkünste gehen nicht wirklich über 'zusammenrühren und in eine Form kippen' hinaus, also hätte früher oder später eh eine Alternative gebraucht." Milo stieß spielerisch mit seinem Knie an Aarons, während er stupide "Backen" in die Netflix Suchbox eintippte und sich die erste Show aussuchte, die interessant wirkte. Ein Wettbewerb, natürlich, bei dem die Kuchen im Thumbnail schon unmöglich nachzubacken aussahen. Hoffentlich würde Aaron keine Wasserfälle, Pflanzen oder Gebäude in Kuchenform von ihm erwarten. Obwohl es sich wahrscheinlich schlimmere Hobbies gab, in die man sich reinfuchsen konnte. Eigentlich war es nichts anderes, als einer Bauanleitung zu folgen. Vielleicht würde Milo sich irgendwann mal an mehr, als Tiramisu und einfache Kuchen wagen. Aber nicht heute, oder in den nächsten Wochen. Nicht, wenn er seine freie Zeit auch nutzen konnte, um neben Aaron auf dem Sofa zu sitzen.
      "Hat deine Mutter dir dann eigentlich kochen beigebracht?", fragte er über die enthusiastische Moderation der Show hinweg, "Oder ist sie eher jemand, der das Essen dann immer direkt alleine gemacht hat, weil das schneller und einfacher geht?" Das war...definitiv nicht mehr so flirty, wie gerade eben noch, aber ein kleiner Teil in Milos Kopf hatte ihm gerade wieder vor Augen geführt, dass sie eben beschlossen hatten, zusammen zu sein, obwohl sie einander eigentlich kaum so richtig kannten, was sie wahrscheinlich ändern sollten. Auch wenn 'nicht richtig kennen' eigentlich nicht der richtige Begriff war. Milo bildete sich ein, dass er Aarons Charakter definitiv gut genug kannte, um ihn einschätzen zu können. Sie hatten oft genug telefoniert und miteinander geschrieben. Aber über ihre Familien - mit Ausnahme von Wy und ein paar Kommentaren über Aarons Bruder - und Kindheit hatten sie kaum geredet.
      "Und ist dir bewusst, dass ich dir die Hauptspeise überlasse, wenn ich backe? Ich finde, wir haben da eine richtig gute Arbeitsaufteilung geschaffen." Er lächelte leicht, nutzte die Gelegenheit und drückte Aaron einen Kuss aufs Haar. "Wir müssen uns nur ums Spülen streiten und gemessen daran, dass ich jetzt schon zwei Wege habe, um dich um den Finger zu wickeln, sehe ich dich da im Nachteil."
    • Aaron

      „Aha. Dann muss ich mir auch irgendwas überlegen, das dir gefällt, damit ich nicht mehr im Nachteil bin“, meinte Aaron amüsiert. Ein wenig ironisch, darüber zu scherzen, als jemand der sich sehr im Klaren darüber war, dass er abseits von seinem Aussehen kaum etwas zu bieten hatte — und gerade dafür musste er nichts tun. Okay, es machte einen kleinen Unterschied, wenn man zusätzlich Fokus auf Hygiene und Schmuck und Fashion legte, aber davon abgesehen… Aaron war schon immer ein wenig awkward gewesen, weil er viel redete und sich noch mehr Gedanken machte. Was irgendwie in keinem Zusammenhang stand, weil ihm trotzdem oft genug Dinge herausrutschten, die er gut meinte, aber nicht immer gut ankamen. Glücklicherweise schien sich die Menschheit gleichmäßig aufzuteilen in Leute, die ihn abgrundtief nervtötend fanden und Leute, die ihn mochten. Der gute Wille kam eben nicht bei allen so an. Bei Wyatt zum Beispiel… nicht. Da spielten aber mehrere Ebenen mit rein.
      Er konnte zumindest für Milo kochen, wie es aussah, und das machte ihn glücklich. Er konnte ihm zuhören und versuchen, ihn von seinem Alltagsstress abzulenken, und ihm Tipps zu seiner sehr speziellen Lebenssituation geben, und sowas. Und er konnte ihn anblinzeln und anlächeln und die Kniestupser erwidern.
      „Nein, sie hat mir ziemlich viel beigebracht“, sagte Aaron und lehnte lächelnd den Kopf an Milos Schulter. „Ich hab ihr als Kind oft beim Kochen geholfen. Meine Mutter ist fest davon überzeugt, dass Männer kochen können müssen, also das war mal eine Sache, bei der sie nicht seltsam argwöhnisch war“, erklärte er. „Obwohl sie das eh bei verhältnismäßig wenig Dingen war, aber ich hab wohl die Grenzen ausgetestet“ Er lachte. Sie hatte kein Problem damit gehabt, dass er im Theaterklub gewesen war, oder dass er gerne vor sich hin gebastelt und gezeichnet hatte (egal wie furchtbar), und auch was in seiner Kindheit Spielzeug und Farben angegangen war, war sie nie stereotyp gewesen. Sie hatte oft gesagt, dass sie froh war, dass ihre Söhne beide so einfühlsam waren und sie alles mögliche zusammen machen konnten. Leo und er hatten sich als Kinder auch überwiegend gut verstanden, und allgemein war es zuhause recht harmonisch gewesen.
      Wo sie eine Grenze gezogen hatte, war Aarons Sexualität, und vermutlich hatte da erst der Argwohn eingesetzt. Bei seinen Haaren und seiner Kleidung und seinen Freunden und allen anderen Lebensentscheidungen. Haa… Irgendwann würde sie da schon drüber hinweg kommen, und bis es so weit war, passte Aaron sich eben ein wenig an, wenn sie sich sahen. Es brachte ihn schließlich nicht um, aber… es wäre schön, wenn Milo sie irgendwann mal ganz normal kennen lernen könnte. Ugh, und da hatten sie vermutlich gleich zwei Probleme… Seine Mutter war recht umgänglich, wenn es um Menschen ging, die mit ihr persönlich nichts oder wenig zu tun hatte. Aber wenn Aaron nicht nur einen Mann, sondern einen Schwarzen Mann mit nachhause brachte, konnte er sich wahrscheinlich auf einen ordentlichen Streit einstellen.
      „Ähm… und du? Haben deine Eltern dich zu einem charmanten Multitalent erzogen oder bist du so geboren?“, fragte er und drehte den Kopf etwas zu ihm hoch, um ihn anzulächeln. Sollten sie wirklich so viel über ihre Familien reden? Milo hatte das Thema zwar angeschnitten aber soweit Aaron sich erinnerte, hatte er zu seinen eigenen Eltern irgendwann den Kontakt abgebrochen. Er konnte zwar trotzdem eine wundervolle Kindheit gehabt haben, aber… das Risiko dass sie gleich zu viel Realität in ihre perfekte kleine Traumawelt herein ließen, war hochY
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    • Milo

      "Ich bin mir absolut sicher, dass dir etwas passendes einfallen wird", erwiderte Milo amüsiert, ohne jegliche Motivation, Aaron in dieser Hinsicht irgendwie zu helfen. Aaron hatte genug Mittel und Wege, um ihn um den Finger zu wickeln und er würde keinen davon ausnutzen, solange Milo es verhindern konnte - er würde sich garantiert nicht sein eigenes Grab schaufeln. Was sowieso nicht passieren würde. Eine gemeinsame Absprache und gegenseitige Hilfe waren immerhin die Grundbausteine einer Beziehung und Milo damit hoch und heilig. Es funktionierte nie, wenn sich nur einer Mühe gab, oder einer den anderen ausnutzte und er wollte gar nicht erst in so ein Mindset reinrutschen.
      Er musste trotzdem kurz lachen, als Aaron anmerkte, dass er wohl die Grenzen der Gelassenheit seiner Mutter ausgereizt hatte. Irgendwie konnte er sich das seltsam gut vorstellen. Hier standen genug quietschbunte vollkommen verrückte Sachen in der Wohnung, die selbst ein paar von Milos Grenzen auf eine harte Probe stellen würden. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie Aaron in seiner Kindheit gewesen war. All das Bunte und verrückte gemischt mit jugendlichem Übermut. Man konnte fast ein bisschen Mitleid mit seiner Mutter haben. Im Gegenzug dazu war Milo wirklich immer ein absolutes Vorzeigekind gewesen, auch, wenn ihm das am Ende nicht geholfen hatte.
      "Ich bilde mir ein, dass ich mir den Charme selbst angeeignet habe", erklärte Milo mit einem kleinen Lachen. "Meine Eltern waren viel zu spießig, als dass er angeboren sein könnte. Die Art von Menschen, die vollkommen entrüstet sind, wenn die Grashalme im Vorgarten des Nachbars nicht alle gleich lang sind." Er zuckte kurz amüsiert mit den Schultern. Es war ein wenig seltsam - als Kind hatte er diese Denkweise ungefragt übernommen. Es hatte einiges an Entwöhnung und Blicken über die Tellerränder hinaus gebraucht bis er realisiert hatte, dass seine Eltern einfach allergisch auf Spaß reagierten und man nicht zwangsweise genau so drauf sein musste. Er hatte damals direkt versucht, Wy vor der selben Sichtweise zu retten. Vielleicht hatte das rückwirkend betrachtet ein bisschen zu gut funktioniert.
      "Aber, und das ist ein großes Aber: Sie haben sich wirklich Mühe gegeben mich darauf vorzubereiten, im Leben klar zu kommen. Meine Mom meinte immer, dass es ihr unfassbar peinlich wäre, wenn ich zum Studieren ausziehe und nichts alleine machen könnte. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich zu einem dieser Männer werde, die ihre Wäsche noch einmal die Woche bei Mutti abgeben. Deshalb hat sie mir irgendwann einfach alles beigebracht, was man im Haushalt machen muss." Eine der letzten wirklich guten Erinnerungen, die Milo an seine Mutter hatte. Nach dem Auszug war das Coming-Out gekommen und danach war nichts mehr wie vorher gewesen.
      "Eigentlich gar kein so schlechter Gedanke, wenn du mich fragst. Ich muss dringen daran denken, Wy die selben Weisheiten mit auf den Weg zu geben. Der schafft es ja jetzt schon kaum noch, sein Zimmer irgendwie aufgeräumt zu halten." Ugh, er hasste es, wenn man die nervigen Angewohnheiten seiner Eltern plötzlich vollkommen verstehen konnte.
      "Wie dem auch sei - du musst mir unbedingt erzählen, welche Grenzen du bei deiner Mutter noch so angetestet hast, Sonnenschein. Ich tippe auf...gefärbte Haare", mutmaßte Milo und ließ die wohl offensichtlich größte Grenztestung damit direkt unter den Tisch fallen. "Rot? Nein. Schwarz? Oder Grün?"
    • Aaron

      „Also haben deine Eltern es geschafft, dich genug zu indoktrinieren, dass dein Zimmer immer aufgeräumt war?“, fragte Aaron schmunzelnd. Das war vielleicht schon die erste Grenze, die er bei seiner eigenen Mutter ausgetestet hatte, und eine, die er mit gutem Gewissen aussprechen konnte, weil man sie ihm sowieso ansah.
      „Mein Zimmer war ein Chaos. Beziehungsweise, bevor wir in das Haus gezogen sind, in dem meine Mom noch immer wohnt, haben wir ein paar Jahre in einer Wohnung gewohnt, wo Leo und ich das Zimmer geteilt haben. Das war ein Level von Chaos, das weltuntergangstauglich war und du dir nicht vorstellen willst. Ich bin mir sogar sicher, dass Wyatt weitaus ordentlicher ist. Weißt du, mein Bruder und ich hatten immer ziemlich unterschiedliche Interessen, aber dieselbe Tendenz zum Sammeln und nicht Aufräumen. Ich glaube, was wir uns immer geteilt haben, war Lego, und ich hab noch immer das Bedürfnis mich bei meiner Mom zu entschuldigen, für die ganzen Steine auf die sie getreten ist“ Er musste lachen. Alleine wegen dem Sammel-Hobby war es gut gewesen, dass sie später beide einen eigenen Raum und mehr Platz gehabt hatten, obwohl sie trotzdem ziemlich viel Zeit gemeinsam verbracht hatten. Privatsphäre war trotzdem nett. Leo war im Vergleich zu Aaron deutlich ekelhafter und launischer als Jugendlicher gewesen.
      „Und nein, meine Haare sind vollkommen unangetastet und gesund. Natural blonde, baby“, sagte er stolz. Das würde auch so bleiben, er hing an seiner glatten, weichen Haarstruktur und wollte keine Risiken eingehen, irgendetwas davon zu verlieren. Er lernte aus den Fehlern seiner Mutter, die diverse… Haar-Fiaskos hinter sich hatte.
      „Oh, aber die Ohrlöcher hab ich mir stechen lassen, als ich 15 war, so… halb legal. Da war sie stinksauer— zumindest, als es ihr aufgefallen ist. Hast du keinen Ärger gemacht?“ Aaron strich mit seiner Hand sanft über Milos Arm, an dem er lehnte, während er sich nebenbei ein wenig im Anblick von einer dreistöckigen Ananas-Torte verlor. „Meintest du nicht, dass du in der Schule eher der Draufgänger-Typ warst?“ Er schmunzelte. „Hattest du zu viel Angst vor deinen Eltern, um das zuhause raushängen zu lassen? Ich hätte vielleicht ein bisschen mehr Angst haben sollen, dann wäre alles entspannter gelaufen. Ich hab für meinen Teil überschätzt, wieviel meine Mutter mitmachen will“
      So traurig das auch klang. Die letzten paar Jahre zuhause, nach seinem Coming Out, waren grausam gewesen. Er hatte seiner Mutter, auch ohne Entschuldigung, weitestgehend verziehen, aber er erinnerte sich ungerne daran zurück. Sie war nicht boshaft gewesen, aber kalt. Sie hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt und Aaron hatte ab dem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, alles alleine schaffen zu müssen. Zwischen Leo und ihm hatte sich nicht einmal für fünf Minuten je irgendwas geändert, aber in dem Alter — und sein Bruder war zwei Jahre jünger als er — war es kaum ein Trost gewesen, wenn man dafür plötzlich von seinem Elternteil im Stich gelassen wurde. Das Bedürfnis, sich auf jemanden verlassen zu können, war nie verschwunden, genauso wie der innere Zwang, immer ein eigenes Sicherheitsnetz zu haben, um nicht nochmal in so eine verletzliche Lage zu geraten. Die ganze Sache hatte Aaron immer und immer wieder gedanklich umgedreht und reflektiert, und letztendlich war es nur zu einem weiteren Grund geworden, wieso er sich für die Arbeit im Jugendzentrum entschieden hatte.
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