The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Milo

      "Das wage ich zu bezweifeln. Wy würde sich eher aus dem Fenster werfen, als zuzugeben, dass er DnD...spielt." Spielte man DnD? Er hatte sich zugegebenermaßen nicht genug dafür interessiert, um wissen, wie genau man Rollenspiele kategorisierte. Er hatte es einfach nur bedauert, dass sein Bruder weniger nerdig und mehr kriminell geworden war. Als Nerd hatte er ihm deutlich besser gefallen.
      Obwohl an seinem aktuellen Zustand auch nicht viel auszusetzen wäre, wenn er nicht gerade betrunken wäre. Zumindest hatte er Wy schon lange nicht mehr so ruhig gesehen. Er war am kichern, als sie sein Zimmer betraten und lehnte neben Jude am Bett. Vor ihnen lagen Uno Karten - irritierenderweise in drei Stapel geteilt - und Musik dröhnte aus einem Lautsprecher. Irgendwie kamen ihm Jude und Wy gerade jünger vor, als sie tatsächlich waren. Wie zwei Kinder, die zu lange wach geblieben waren. Zwei sehr traumatisierte Kinder, wenn man das aktuelle Gesprächsthema betrachtete. Obwohl es vielleicht auch gut war? Irgendwie? Wenigstens hatten beide ähnliche Erfahrungen gemacht, also konnten sie sich zumindest gegenseitig verstehen. Hoffentlich.
      "Ich hätte gerne einen Hamster", erklärte Wyatt, bevor er ein Gähnen unterdrückte. "Aber ohne Käfig, damit ich nichts sauber machen muss."
      "Wo soll der Hamster dann wohnen?", fragte Milo amüsiert.
      Wyatt zuckte mit den Schultern. "In meinem Zimmer. Er könnte sich ein Nest in meinem Bett bauen, oder so", erklärte er, während er zur Seite rutschte, bis sein Kopf an Judes Schulter lehnte. "Oder wir lassen das mit dem Hamster und holen stattdessen einen neuen Gaming PC."
      "Was hat das eine mit dem anderen zu tun?"
      "Keine Ahnung." Wyatt kicherte erneut. "Der Computer lebt länger, solange es nicht brennt, oder ein Attentäter rein kommt." Er drehte seinen Kopf leicht zu Jude hoch. "Oder hat dein Pc den Brand überlebt?"
      Milo erstarrte. Offensichtlich lief das mit den gemeinsamen Erlebnissen irgendwie vertrauter ab, als er gedacht hätte. Wy war vorlaut und dachte meistens nicht nach, bevor er sprach, aber so offen hatte er ihn bisher lange nicht mehr erlebt. Im Gegenteil, immer wenn er versucht hatte, ihn irgendwie auf den Anschlag anzusprechen, hatte sein Bruder so getan, als ob er keine Ahnung hätte, wovon er sprach, bis Milo das ganze Thema irgendwann pauschal vermieden hatte.
      "Habt ihr zwischendurch mal was Wasser getrunken?", wechselte er das Thema auf etwas, was weitaus sicherer schien.
      Wyatt schien kurz nachzudenken, dann schüttelte er den Kopf und stand schwankend auf. Er ging ein paar Schritte rüber zu seinem Schrank, in dem er ein paar Flaschen Wasser hortete, zog zwei heraus und drückte eine Jude in die Hand, während er die zweite selbst ansetzte und sich schlussendlich auf sein Bett fallen ließ.
      "Wir wollten nur kurz gucken, ob es euch noch gut geht", erklärte Milo, während er Aaron leicht wieder nach hinten zog, zurück zur Tür. Offenbar lebten die beiden noch und konnten noch ein kleines bisschen Ruhe brauchen, bis sie nüchtern genug waren. "Wir sind unten, falls ihr noch was braucht."
      Wyatt summte ein abwesendes "Mhm", während er sein Kopf in ihre Richtung rollen ließ. Sein Blick blieb an Aaron hängen. "Hast du eigentlich je jemanden verloren?"
    • Aaron

      „Ich hatte mit 13 keinen PC“, antwortete Jude auf Wyatts Frage, die Aaron vermutlich weniger verängstigte, als Milo, aber dennoch war er überrascht, dass die beiden so locker miteinander umgingen. Fragte sich nur, wieviel davon dem Alkohol zu verdanken war. „Aber meine DVDs und die Keramik meiner Mum hats überlebt“, fügte der Rothaarige hinzu. „Oh und lade deine Fotos immer in ne Cloud hoch, sonst sind die auch weg. Ich finds echt ätzend, dass keiner mein Handy geholt hat“ Bereitete Jude Wyatt jetzt auf einen Hausbrand vor?
      Aaron war generell beeindruckt, dass die beiden so etwas scheinbar unemotional besprechen konnten, aber Aaron würde vermutlich nie verstehen, wie es war, sowas traumatisches zu erleben.
      Er ließ sich von Milo wieder zurückschieben und sah ihn an, als er ihm die Frage stellte, nur um festzustellen, dass sie beide gleich überrascht zu sein schienen. „Nein“, sagte er leise. „Mein Vater lebt noch, wo auch immer momentan ist“ Ansonsten war in seinem Leben noch nie jemand gestorben, dem er nahe gestanden hatte. Okay, sein Großvater war vor einigen Jahren gestorben, aber mit dem hatte er kaum zu tun gehabt.
      „Redet Wyatt über das Ganze mit dir?“, fragte er als er die Treppe wieder hinunter ging. Er bezweifelte es irgendwie, so schwierig wie Milo und sein Verhältnis derzeit offenbar war. „Es ist ja irgendwie gut, wenn die beiden jemanden zum reden haben, finde ich“ Auch wenn die Art und Weise, wie sie es taten, etwas befremdlich wirkte. Aaron würde mehr Tränen und Umarmungen erwarten, aber vielleicht sah er zu viele Filme. Und es war auch was anderes, ob sie mit einem Erwachsenen oder Gleichaltrigen darüber sprachen.
      „Und, keine Sorge, Jude kann eigentlich… sehr einfühlsam sein. Vielleicht nicht gerade wenn er betrunken ist und ich glaube, man muss ihm schon ins Gesicht sagen, wie es einem gerade geht, damit er es versteht, aber… Jia hat mir erzählt, dass er sehr nett zu ihr war. Ich meine nur, er wird Wyatt schon nicht… zusätzlich traumatisieren oder so“ Hoffentlich. Irgendwie war Aaron ja sonst daran schuld, weil er die beiden zueinander geführt hatte.
      Er ließ sich unten ein wenig erschöpft wieder aufs Sofa fallen. Wenigstens stellten sie nichts. Reden war sicher eine der besten Optionen.
      „Hey, habt ihr DVDs oder Netflix oder sowas?“, fragte er dann. Sie würden sicher noch einige Stunden hierbleiben und langsam machte Aaron der Stress des Tages zu schaffen. Auch wenn er sich unglaublich gerne mit Milo unterhielt, aber die psychische Kapazität neigte sich irgendwann dem Ende zu.
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    • Milo

      "Nicht wirklich. Er vermeidet das Thema, wenn ich es anspreche. Ich bin irgendwie froh, dass er sich mit Jude unterhalten kann. Ich hoffe, das hält sich, wenn sie nüchtern sind." Er seufzte kurz. Im Grunde fiel es Milo selbst nicht leicht, über seine Eltern zu reden. Weniger über das, was passiert ist und mehr darüber, wie seltsam kalt ihn das alles ließ. Definitiv kein Thema, das er mit Wyatt besprechen wollte.
      "Ich finde es wirklich bewundernswert, dass du es schaffst, mit so vielen Kindern zu arbeiten, die so schwierige Lebensgeschichten haben", erklärte er, während sie wieder das Wohnzimmer erreichten. Er schaltete den Fernseher ein, klickte auf Netflix und reichte Aaron die Fernbedienung weiter, bevor er in der Küche verschwand, um zwei Gläser, Wasser und Cola zu besorgen. Er stellte alles auf den niedrigen Wohnzimmertisch und setzte sich zu dem Blonden.
      Er selbst könnte das nicht. Wahrscheinlich würde er bei jedem Kind mit einer einigermaßen traurigen Vorgeschichte sofort selbst verzweifeln. Er hatte selbst in seiner Praxis mehr als genug schwere Schicksale erlebt. Erwachsene mit schrecklichen Diagnosen, alte Menschen, die sich langsam mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen mussten. Aber bei Erwachsenen war es irgendwie anders. Es war einfacher, damit umzugehen.
      "Welches Genre ist dir am liebsten?", beendete er das Thema mit einem kurzen Deut auf den Fernseher. Wahrscheinlich war irgendetwas leichtes für ein erstes Date angemessen. Irgendeine RomCom, oder etwas, was mehr in die stupide Action Richtung ging, aber vielleicht überraschte Aaron ihn noch. "Wir sollten nur auf Horror verzichten. Dann haben wir Wy binnen zwei Minuten hier sitzen." Eigentlich hatte er selbst nichts gegen Horror, aber er befürchtete, dass Wy in seiner Eile, keinen Horrorfilm zu verpassen, die Treppe runterfallen, oder im betrunkenen Zustand etwas zu sehr im Horror aufgehen würde. Der jüngere hatte irgendwie ein Gespür dafür, was er gerade sah.
      "Auf Netflix soll es so einen neuen Buddy-Cop Film geben. Nichts tiefsinniges, aber ich glaube, ich bin heute nicht mehr sonderlich aufnahmebereit."
    • Aaron

      "Mhhm, ich mag alles, aber gerade vielleicht was nicht zu tiefgründiges", antwortete Aaron und hob den Kopf von der Sofalehne, als Milo mit Getränken zurückkam. "Danke. Und das klingt gut. Ich weiß nicht, ob ich den Plot von einem Action-Thriller gerade überhaupt schnallen würde" Er war nicht besonders müde, einfach nur langsam etwas erschöpft von den dramatischen Wendungen, die dieser Tag nahm. Von einem stressfreien, entspannenden Sonntag war jedenfalls nichts zu sehen und Aaron war sich gerade nicht sicher, wie er die kommende Woche überleben sollte. Vielleicht hätte er sich doch einen Job suchen sollen, der keinen Menschenkontakt erforderte. Aber man rechnete normalerweise auch nicht damit, das ein Date so verlief, dass es sich mehr wie Arbeit anfühlte, als irgendetwas anderes.
      Aber jetzt... hatten sie ja eigentlich Ruhe. Jude und Wyatt waren oben und beschäftigten sich irgendwie selbst, hoffentlich so, dass keiner am Ende weinte, und Milo und er mussten sich zumindest kurz keine Gedanken über deren Überlebensfähigkeit machen. Sie konnten in Frieden irgendeine oberflächliche, anspruchslose Komödie ansehen und die nächsten zwei Stunden das Gehirn abschalten. Das klang super. Ehrlicherweise hatte Aaron in einer Beziehung momentan vermutlich kaum mehr Kapazität für etwas anderes, als das.
      Er ließ sich etwas tiefer ins Sofa sinken, als Milo den Film startete, und dann lehnte er, ohne groß zu überlegen, den Kopf an seine Schulter. Das war das schöne, wenn man unbeabsichtigt so viel zusammen durchmachte. Trauma-bonding. Jedenfalls kam es Aaron nicht mehr so vor, als hätte er Milo gerade erst getroffen. Er wusste mehr, als er gerade vielleicht wissen sollte.
      "Es ist schon irgendwie ein Segen, wenn man mal ein paar Minuten nichts zu tun hat, was?", murmelte er. Ihre Leben mochten zwar sehr unterschiedlich sein, aber es war eben auf individuelle Art und Weise überfordernd. "Stell dir vor, du hättest eine ganze Woche für dich, ohne Arbeit oder Familie oder sonst etwas. Was würdest du machen? Ich würde erstmal ein Buch lesen, von Anfang bis Ende"
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    • Milo

      "Ausschlafen", antwortete Milo mit einem kleinen Lachen. Früher hatte er wenigstens die Wochenenden dazu nutzen können, den Wecker aus zu lassen und einfach zu schlafen. Mittlerweile gab es irgendwie einfach immer etwas zu tun. "Und wieder richtig kochen. Die ganzen schönen langweiligen Sachen, für die man sonst keine Zeit hat." Das alles und ein richtiges Date mit Aaron, dessen Kopf an seiner Schulter ein angenehmes Kribbeln in seiner Magengegend auslöste. Vielleicht etwas vollkommen stereotypes. Kino, Café, Picknick. Irgendwas, wobei sie sich richtig kennen lernen könnten, ohne, dass er ständig Wy im Kopf haben musste. Ein Date sollte nicht damit enden, dass man vollkommen erschöpft auf dem Sofa lag.
      Milo lehnte seinen Kopf gegen Aarons und fing an, abwesend mit den Fingern des Blonden zu spielen, während der Film sich langsam aufbaute. Zum Glück schien er wirklich nicht tiefsinnig zu sein. Wahrscheinlich konnten sie dem dünnen Plot noch problemlos folgen, auch wenn sie sich parallel unterhalten würden. Aber er war gut genug, um die erschöpfte Stille zu überbrücken.
      "Was liest du normalerweise?", fragte er, schließlich. Langsam hatte er das Gefühl, runter zu kommen und zumindest ein bisschen zu entspannen. Jude und Wyatt schienen nicht unbedingt darauf aus zu sein, noch etwas anzustellen - sie hatten viel mehr so gewirkt, als würden sie jeden Moment einschlafen, auch wenn es noch gar nicht so spät war - und sie hatten heute nichts mehr vor. Morgen würde ein vollkommen normaler Arbeitstag anstehen und vielleicht würde er es endlich schaffen, Wy darauf anzusprechen, das Schlafzimmer zu renovieren. Und das Wohnzimmer. Und den Rest des Hauses. Aber in kleinen Schritten. Er wollte den Teenager auch nicht überfordern. Obwohl er gerade das Gefühl hatte, dass alles eigentlich vollkommen leicht und einfach war. Vielleicht hatte so ein kurioses Date auch seine Vorteile, wenn danach alles andere einfacher schien. Obwohl das vielleicht auch einfach an Aaron und seiner optimistischen Art lag.
    • Aaron

      „Das klingt auch gut“, murmelte Aaron leise, auch wenn er wusste, dass er spätestens am Donnerstag endlich wieder einmal länger schlafen konnte. Aber er musste Milo ja nicht gleich neidisch machen.
      „Hmmm ich lese alles, das interessante Charaktere hat“, antwortete er. „Und es muss spannend sein, also keine Sachbücher, davon hab ich echt schon genug. Romanzen mag ich, aber Horror auch. Hauptsache es hält meine kurze Aufmerksamkeitsspanne“ Er konnte es echt nicht lassen, seine Macken die ganze Zeit auszusprechen. Laut Leo hatte er vielleicht einen Vorteil, was es anging, angesprochen zu werden, aber Äußerlichkeiten retteten einen während des Gesprächs dann nicht mehr. Aber dass Milo ihn nach dem Kennenlernen in der Bar überhaupt wiedersehen wollte, beruhigte ihn schon etwas.
      Generell fühlte er sich gerade sehr ruhig. Langsam doch ein wenig müde, hoffentlich würde er nicht einschlafen, das fehlte ja gerade noch. „Hey, du siehst das alles nicht als schlechtes Omen, oder?“, fragte er sicherheitshalber. Er wollte Milo unbedingt wiedersehen und so oft treffen, bis sie es mal hinbekamen, das nichts schief lief. Er sah das persönlich eher als Challenge, statt als schlechtes Omen. Und bis dahin lernten sie sich ja auch kennen, selbst wenn es erstmal die weniger positiven Seiten waren. „Ich hoffe nicht, ich glaube nämlich dran, dass sich alles irgendwann wie von selbst regelt und wir jede Ruhe haben, die wir wollen“, murmelte er. Das war vielleicht wirklich zu optimistisch, aber wie sollte man auch weiterleben, wenn man nicht daran glaubte, dass alles irgendwann gut ausging? Vor allem wenn das Leben es einem so schwer machen konnte. Aber Milo war seit langem Mal wieder etwas, das Aaron aus diesem leicht deprimierendem, alltäglichen Trott herauszog. So schnell gab er das nicht gleich wieder auf.
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    • Milo

      Also doch Horror. Aaron überraschte ihn damit ein wenig, was Milo automatisch wieder lächeln ließ. Das Lächeln flachte erst wieder ein wenig ab, als sein Date geradeheraus von schlechten Omen sprach, auch wenn Aaron auch hier wieder seine optimistische Art demonstrierte.
      "Es...Ich weiß nicht, ob es ein schlechtes Omen ist, aber ich fürchte, dass es ein Vorgeschmack darauf ist, wie eine Beziehung aussehen würde", erklärte er vorsichtig. Aarons Wunsch, dass sich alles von selbst regeln würde war hochgradig unwahrscheinlich. Wenn das zwischen ihnen wirklich funktionieren sollte, mussten sie sich daran gewöhnen, dass sie keine entspannten Dates haben würden, keine ruhige Zeit, egal, wie oft sie es sich wünschen würden. Ihre Zeitpläne würden nicht magisch weniger voll werden, Wy würde nicht plötzlich aufhören, Chaos anzurichten und wahrscheinlich war es furchtbar unfair, Aaron das alles zuzumuten.
      "Aaron, ich will, dass das hier funktioniert", fuhr er sanft fort. "Es war ein furchtbares Date, aber ich mag dich und ich finde es bewundernswert, dass du so optimistisch bleiben kannst, aber ich glaube nicht, dass zukünftige Dates anders aussehen werden." Offensichtlich würden sie wirklich nicht viel von dem Film mitbekommen, aber das war nicht weiter wichtig. Es war weitaus wichtiger, das hier zu klären, bevor einer von ihnen am Ende enttäuscht sein würde. "Ich will nicht, dass das unser letztes Date wird, aber ich will dich nicht in das alles reinziehen", schloss er, während er weiterhin mit den Fingern des Blonden spielte. Es war seltsam, aber am liebsten hätte er ihn in seine Arme gezogen. Er ließ Aarons Hand los, um ihn nicht abzulenken.
      Es war tragisch. Aaron war das Beste, was ihn in den letzten Monaten passiert war. Sie hatten das erste, furchtbare Date hinter sich und trotzdem war er vollkommen fasziniert von ihm, von seiner positiven Art, seinem Lächeln, seinem Verständnis. Wenn sie sich letztes Jahr getroffen hätten, wäre es absolut keine Frage gewesen, ob er eine Beziehung mit ihm wollte. Jetzt hoffte er einfach nur darauf, dass Aaron sein Verständnis noch ein kleines bisschen weiter strapazieren konnte.
    • Aaron

      Aaron hob den Kopf, als Milo auf einmal so bedrückende Sachen sagte. Natürlich würde es nicht einfach werden, aber wieso machte er sich solche Sorgen, Aaron unfreiwillig in irgendetwas hineinzuziehen? Sein Leben war vielleicht nicht ganz so stressig, wie Milos, aber wenn es ihm zu viel wäre, wäre er nicht hier.
      "Du hast mich falsch verstanden" Er lächelte. "Ich meinte nicht, dass ich abhaue, wenn die nächsten Male genauso chaotisch werden" Er war mit diesem Wissen schon ins erste Date gegangen. Wenn es ihm das nicht wert sein würde, war er zwar auch nicht gezwungen, zu bleiben, aber so wie der heutige Tag verlaufen war - und das mochte extrem ironisch klingen - hatte er das Gefühl, dass es das alles absolut wert war. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust mehr, alles alleine durchstehen zu müssen, aber dafür war Milo ihm wie Engel vom Himmel gefallen. Wie standen schon die Chancen, dass man jemanden traf, mit dem man sich super verstand und der schon beim ersten Date so fürsorglich war, alle drei Minuten zu erklären, dass er keinesfalls wollte, dass man irgendwie runtergezogen wurde? Milo schien unglaublich empathisch und vielleicht sogar etwas zu verantwortungsbewusst zu sein. Und Aaron hatte genug von Menschen, die nur an sich selbst denken konnten.
      "Ich meine, dass ich daran glaube, dass sich alles irgendwie lösen lässt. Wie stehst du jeden Tag auf, wenn du nur das Negative siehst? Ich bin vielleicht wirklich zu optimistisch, aber Pessimismus ist auch nicht gut" Er schmunzelte und griff wieder nach Milos Hand. Gerade kam er Aaron vor, wie ein Kind, das getröstet werden musste, und vielleicht war er das irgendwo auch. Wenn man von seinen Eltern nicht akzeptiert wurde und sie dann plötzlich starben und einen mit haufenweise Verantwortung zurückließen, sollte man sich erstmal um das Kind kümmern, das zurückgelassen wurde. Egal, wie alt es war. Kein Wunder, dass Milo so pessimistisch war. Aaron wäre an seiner Stelle auch übervorsichtig, sich Hoffnungen zu machen.
      "Also, ich sehe deine Sorge, aber du musst nicht einfach akzeptieren, dass dein Leben anstrengend ist. Du kriegst eine Pause, irgendwann. Allerspätestens, wenn Wyatt sich um sich selbst kümmern kann, aber das ist mir zu realistisch. Optimistisch betrachtet hast du vielleicht das Glück, dass Wyatt sich im Jugendzentrum eingliedert, keinen Ärger mehr Macht und dir jedes Wochenende ein paar freie Stunden schenkt und naja, die kannst du verbringen wie du willst, aber ich schaufel mir gerne etwas Zeit frei" Er lachte leicht. "Und ich hab zwischen meinen Prüfungsphasen immer kurz eine Pause zum Durchatmen, wenn ich grade nicht arbeite"
      Er legte seinen Kopf wieder an Milos Schulter. "Außerdem hast du gerade was von Beziehung geredet und gesagt, dass du mich magst. Realitätscheck. Wir kennen uns seit zwei Wochen" Er schwieg kurz, dann konnte er sein Lachen nicht mehr zurückhalten und schummelte einen sanften Kuss auf Milos Wange. "Ich kann dich auch ganz gut leiden, also lass mir meine Regenbogen-Zuckerwatte-Illusion in der alle 24/7 glücklich sind und lachen"
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    • Milo

      “Im Kindergarten haben fünf Minuten gereicht, um festzulegen, ob man befreundet sein will, oder nicht. Zwei Wochen sind im Vergleich wirklich lang, Mr. Regenbogen-Zuckerwattenwelt." Milo wusste selbst nicht ganz, was er sagte. Er war viel zu abgelenkt von dem angenehmen Gefühl, das Aarons Kuss auf seiner Wange hinterlassen hatte. Sie wollten beide, dass das zwischen ihnen funktionierte. Das war ein wundervoller Anfang, nicht? Und wenn Aaron so nah bei ihm saß, hatte Milo fast das Gefühl, dass sie wirklich irgendwann den Punkt erreichen könnten, an dem sie tatsächlich Zeit füreinander hatten. Jetzt hatte es ja auch irgendwie funktioniert. Sie saßen hier und redeten ungestört, während über ihnen immer noch Musik dröhnte und der Fernseher langsam vergessen wurde. Vielleicht wäre es wirklich okay, wenn die nächsten Dates ähnlich durcheinander waren, solange sie so enden würden, wie heute.
      “Hey, wir hatten eben in der Ausstellung über die schlimmsten Orte für ein Date geredet. Ich weiß, dass du gesagt hast, dass du prinzipiell alles mitmachen würdest, aber wenn du wählen könntest, was wäre dein absolutes Traumdate?” Es würde noch ewig dauern, bis er Wyatt auch nur ansatzweise alleine lassen konnte, wenn er nicht wollte, dass sein Bruder sofort in irgendwas illegales gezogen werden würde. Es war unrealistisch, dass er sich innerhalb der nächsten Wochen und Monate irgendwie von dem Jugendzentrum einnehmen lassen würde. Aber er konnte sich ja kurz auf Aarons perfekte kleine Weltvorstellung einlassen.
      “Ich würde etwas aus der Stadt raus fahren, an das Ufer der Themse und dann einfach spazieren gehen, oder ein nettes Café suchen.” Er legte einen Arm um Aarons Taille und zog ihn etwas näher an sich. Es war schwer, die Finger von ihm zu lassen. Wahrscheinlich würde das irgendwann sein Untergang sein. “Außer es regnet. Dann würde ich den Spaziergang weglassen. Oder zumindest ans Ende des Dates verlegen, damit man nicht in nassen Klamotten im Café sitzt.”
    • Aaron

      Aaron lachte zur Antwort nur. Milo hatte recht, er hatte schließlich selbst schon beschlossen, dass sie einigermaßen gut zusammen passen mussten, wenn Milo seinen konstanten Redeschwall und seine Macken aushalten konnte. Und er zeigte sich sehr kooperativ, was das Regenbogen-Zuckerwatte-Land anging. Er lernte schnell.
      "Auf einem hypothetischen Traumdate regnet es nicht, Milo, das geht am Sinn vorbei", belehrte er ihn zuerst. "Ich würde bei perfektem Wetter, also sonnig aber nicht zu heiß, auf einer Wiese picknicken wollen, mit einer Unmenge an gutem Essen, Snacks und Kuchen. Und natürlich würden sich aus dem Nichts Katzen, Babyenten und Schmetterlinge zu uns gesellen", sagte er dann und lachte leicht. "Aber im Ernst, kombinieren wir das und picknicken an der Themse. Mit der richtigen Person kann so gut wie alles ein Traumdate sein. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir nicht als Aufpasser von Betrunkenen enden. Aber weißt du was? Das finde ich gerade nichtmal so schlimm" Er wollte sich nicht vorstellen, was wirklich passieren musste, damit er aufgab, aber er würde vermutlich einiges aushalten. Bis seine Freunde ihm wiedermal sagten, dass er an Realitätsverlust litt. Aber heute war vielleicht erschöpfend, aber keinesfalls grauenvoll. Sie saßen schließlich trotzdem hier, sahen sich halb-aufmerksam einen Film an und konnten reden, ohne gestört zu werden.
      "Die Date-Idee ist echt realistisch. Daran können wir uns klammern, bis nicht mehr die Gefahr besteht, dass die Welt untergeht wenn wir ihr kurz den Rücken zudrehen", murmelte er. Er würde sich vermutlich im Kopf das perfekte Picknick ausmalen und schonmal überlegen, was er an Essen mitnehmen könnte. Bis zum Sommer hatten sie ja noch einiges an Zeit, das würde bestimmt irgendwie klappen.
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    • Milo

      Das klang tatsächlich wie etwas, was in einem Disneyfilm passieren würde. Gerade unrealistisch genug, um Milo ein kleines Lachen zu entlocken. Ein Picknick sollten sie hinbekommen, auf die tierische Begleitung würde Aaron jedoch wahrscheinlich verzichten müssen. Zum Glück war Milo sich sicher, dass Aaron darüber hinwegkommen würde. Es war jedenfalls unglaublich beruhigend, dass sie jetzt schon Pläne für Dates im Sommer machten. Milo lehnte seinen Kopf wieder gegen Aarons, während er auf den Fernseher sah. Er hatte keine Ahnung, was in den letzten Minuten des Films passiert war, aber gedanklich war er gerade eh dabei, ein Picknick zu planen.

      Sie mussten Wy und Jude aufwecken, als sie beschlossen, den Rotschopf langsam nach hause bringen zu müssen. Beide wirkten ein wenig überfordert mit sich und der Welt, aber das half am Ende nur dabei, Judes Eltern davon zu überzeugen, dass ihr Sohn wirklich nur übermüdet und nicht angetrunken war. Aaron zuhause abzusetzen war deutlich schwerer, aber nur, weil Milo ihn nicht gehen lassen wollte. Er mochte die Leichtigkeit, die Aaron wie eine Aura zu umgeben schien. Ihn hinter der Haustür verschwinden zu sehen, fühlte sich ein wenig so an, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet.
      Aber hey, wenigstens hatten sie das Date überlebt und waren beide immer noch davon überzeugt, dass es irgendwie funktionieren musste. Das war der Gedanke, an den Milo sich festklammerte, als er ihre Gläser in die Spüle stellte, die Treppen hoch ins Gästezimmer ging und dabei fast in Wy hinein lief, der mit Decke und Kissen unterm Arm im Flur stand.
      “Ich schlafe bei dir”, verkündete der Jüngere überzeugt, während er versuchte, die Tür zum Gästezimmer zu öffnen, ohne dabei Decke oder Kissen fallen zu lassen. Milo stieß ein kleines “Ah” aus, sah ihm ein paar Sekunden lag zu und griff schließlich an ihm vorbei zur Türklinke.
      Wy stieß einen zufriedenen Laut aus, während er seine Sachen auf Milos Schlafcouch warf, die wahrscheinlich gerade so breit genug für sie beide war. Hoffentlich schlug Wy im Schlaf nicht um sich. “Wie kommt’s, dass du lieber auf der Couch schläfst, als in deinem Bett?”, fragte Milo.
      Wyatt zuckte mit den Schultern, während er seine Pyjamahose hoch schlug, um seine Prothese abzunehmen. “Ich hatte Lust drauf.”
      “Solange du mich morgen früh nicht vollheulst, wenn die Kopfschmerzen einsetzen”, seufzte Milo. Es war seltsam. Das letzte mal, dass Wy bei ihm geschlafen hatte, war er vielleicht zwölf gewesen und hatte eine Nacht in seiner neuen Wohnung verbracht. Sie hatten davor selbst Pizza gemacht und sich irgendeinen blöden Film angeschaut, den ihre Eltern Wy verboten hatten. Milo wartete, bis Wy sich die Decke fast bis über den Kopf gezogen hatte, bevor er das Licht ausschaltete und sich ebenfalls auf die Couch legte.
      “Milo?”
      “Mhm?”
      “Wussten Mom und Dad eigentlich, dass du bi bist?”
      Milo konnte hören, wie Wy sich in seine Richtung drehte, während er versuchte, irgendwie mit dem Themenwechsel mitzuhalten. “Ja.”
      “Was haben sie dazu gesagt?”, fragte Wy weiter.
      “Wie kommst du darauf?”, fragte Milo zurück. Im halbdunkeln des Zimmers war Wy kaum mehr als eine Silhouette neben ihm. Es war unmöglich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.
      “Nur so. Ich hatte mit Jude gesprochen und da ist mir aufgefallen, dass sie es irgendwie nie erwähnt haben.”
      “Sie…sie waren nicht begeistert”, gestand Milo.
      “Oh.” Für eine Sekunde herrschte Stille, dann begann Wyatt zu kichern. “Das ist dämlich”, schlussfolgerte er.
      “Schon irgendwie”, stimmte Milo zu, während er nicht anders konnte, als mit zu lachen.
      "Ich hab dich lieb, so wie du bist", erklärte Wyatt, die Stimmlage irgendwo zwischen angetrunken und übermüdet.
      Milo lächelte. "Ich dich auch. Obwohl...du könntest ein bisschen netter sein." Er konnte den Satz kaum aussprechen, bevor Wyatt ihm seinen Ellenbogen in die Seite stieß. Vielleicht sollte er seinem Bruder doch öfter erlauben zu trinken.


      Steve


      Steve hatte generell nichts dagegen, dass Thomas ab und an mal als Babysitter einspringen würde. Die Töchter seines Cousins waren niedlich und der gestrige Tag war größtenteils überraschend ruhig gewesen. Er kannte jetzt eine ganze Hand voll Disneyfilme mehr und wusste, dass er definitiv noch nicht bereit für eigene Kinder war. Aber Babysitten war okay. Das einzige Problem war, dass Thomas ausgerechnet vor seinem eigenen Geburtstag eingesprungen war, was bedeutete, dass sie nicht mal richtig durchatmen konnten. Obwohl sie nicht viel geplant hatten. Es war wirklich ein Segen, dass sie beide Stubenhocker waren.
      Sie hatten sich frei genommen, weshalb Steve den Wecker - den sie sich nur gestellt hatten, um nicht den kompletten Tag zu verschlafen - mit Freude ausschaltete, als er sie wach klingelte und sich anschließend zu seinem Freund drehte, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. "Alles gute zum Geburtstag, Tommy", nuschelte er seine blonden Haare, während er ihn in eine Umarmung zog und seine Wange erneut küsste. "Du siehst immer noch genauso gut aus, wie gestern. Wie fühlt man sich mit 26?", fragte er mit einem kleinen Lachen.
      Irgendwie war es seltsam, ihm direkt gratulieren zu können. Die letzten Jahre hatte er ihm immer im Laufe des Tages irgendwann eine SMS geschrieben und vielleicht mit ihm gezockt, oder sich zur Abwechslung mal live mit ihm getroffen. Thomas war halt einfach nur ein Freund gewesen und nicht die wichtigste Person in seinem Leben. Schräg, wie schnell sich so was ändern konnte. Der nächste Kuss landete endlich auf Thomas' Lippen. Noch schräger, wie schnell man sich an eine Beziehung gewöhnen konnte. Steve konnte sich etwas anderes gar nicht mehr vorstellen.
    • Thomas

      Thomas wurde von einem allerhöchstens zwei Sekunden langen Klingeln seines Weckers aus einem, zur Abwechslung überraschend ruhigen Traum geweckt, und anschließend von Steves Küssen und einer leicht erdrückenden Umarmung aufgeweckt. Er lächelte sofort, als er seinen Freund reden hörte, obwohl er immernoch davon überzeugt war, dass sie einfach ausschlafen sollten. "Wie mit 25, ehrlich gesagt", murmelte er rau und rieb sich kurz über die Augen, bevor er sich zur Seite drehte und Steve ansah. Thomas hatte selbst noch nie einen großen Deal aus seinen Geburtstagen gemacht, seine Familie dafür aber schon. Somit war er es gewohnt, jedes Jahr einen Tag lang völlig im Mittelpunkt zu stehen und er hatte es noch nie leiden können, weil seine Geschwister das ebenso lächerlich fanden wie er und daraus eher eine 24-stündige Verarschung machten, egal wer gerade Geburtstag hatte und von ihrer Mutter gezwungen worden war eine Krone aufzusetzen. Urgh.
      Aber es war dieses Jahr anders. Thomas konnte zwischen ihnen beiden garnicht mehr im Mittelpunkt stehen, als er es sonst tat, weil Steve grundsätzlich viel zu aufmerksam war. Und außerdem konnte er dieses Jahr ohne schlechtes Gewissen auf seine Familie verzichten. Er war nur ein klein wenig skeptisch, was Steves Pläne betraf. Wenn es nach ihm ging, reichte es völlig, den ganzen Tag im Bett zu bleiben und seinen Geburtstag eben nur als Ausrede zu verwenden, sich an einem Montag von der Arbeit zu entschuldigen.
      "Sicher, dass wir uns nicht noch einen Wecker um 13 Uhr stellen und bis dahin schlafen können?", murmelte er. Wenn er schon nicht zur Arbeit ging, schien das fast Pflicht zu sein. Außerdem hatte der gestrige Tag ihn ein wenig ausgelaugt. Er hatte noch nie auf seine Großnichten aufgepasst, aber ihm war schon bewusst gewesen, dass sie recht viel Energie hatten, was für zweijährige Kinder wahrscheinlich nicht unnormal war. Trotzdem genoss er seinen Frieden mit Steve. Er war noch nie arbeitsfaul gewesen, weil sein Job ihn zu sehr interessierte, aber an Wochenenden nie wieder ausschlafen zu können, weil Kinder ihn auf Trab hielten, klang wie sein größter Alptraum. Noch ein Grund mehr, heute im Bett zu bleiben. Sie mussten das hier umso mehr genießen, für alle die es nicht konnten.
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    • Steve

      “Könnten wir”, lachte er, während er sich an Thomas kuschelte, “aber dann würden wir den halben Tag verpassen und das hast du nicht verdient.” Wahrscheinlich mussten sie sich irgendwann nochmal einen anderen Tag freinehmen, um einfach auszuschlafen, aber heute wollte er Thomas zumindest ein kleines bisschen feiern. Wenigstens hatte er nicht vor, Thomas heute noch vor die Tür zu ziehen. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, nochmal die Arcade anzusteuern, oder irgendwas anderes zu finden, was den Tag etwas besonders machen würde, aber am Ende…waren sie einfach zu sehr Couchpotatoes, als dass einer von ihnen glücklich wäre, wenn sie nach dem stressigen Tag gestern direkt wieder etwas großes unternehmen würden. Also hatte er alles gekauft, um etwas schönes zu kochen und hatte gestern schon einen Kuchen vorbereitet, der nur noch aus dem Kühlschrank geholt werden musste.
      “Aber ich kann dir einen Kompromiss anbieten - Frühstück im Bett? Das ist doch fast, wie noch etwas liegen bleiben, oder?” Er lächelte leicht, bevor er sich einen Ruck gab und aufsetzte. “Bleib liegen, ich bin sofort wieder da.” Er musste nur hoffen, dass er nochmal aufstehen würde, wenn er sich gleich wieder zu Thomas legte, aber das war ein Problem für gleich. Jetzt verschwand er erstmal in der Küche, warf Aufbackbrötchen in den Ofen und arrangierte alles andere auf einem kleinen Tablett.
      Wenig später kam er zurück ins Schlafzimmer, stellte das Tablett vorsichtig auf das Bett und drehte sich kurz zum Schrank, um ein kleines Geschenk heraus zu ziehen, das er neben das Tablett legte. Geschenke zu finden war irgendwie immer schon sein Schwachpunkt gewesen und nachdem sich Thomas am Valentinstag solche Mühe gegeben hatte, hatte er das Gefühl gehabt, sich noch mehr anstrengen zu müssen. Am Ende hatte er sich für zwei Dinge entschieden - ein neues Spiel, weil man das Zocken sowieso nicht aus ihrer Beziehung raus bekam, und, naja...
      "Bitte hass mich nicht, aber ich hab einen Termin beim Optiker für dich gemacht. Deine Brille geht auf mich. Ich liebe dich." Steve hatte zumindest den Anstand, ein wenig schuldbewusst auszusehen, als er sich nach vorne lehnte, um Thomas einen Kuss auf die Schläfe zu hauchen.

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    • Thomas

      Es erforderte enorm viel Willenskraft, in der kurzen Zeitspanne in der Steve verschwunden war, nicht wieder einzuschlafen. Als sein Freund wieder im Zimmer stand, hatte er trotzdem das Gefühl, aus einer Art Schlaf mit offenen Augen geweckt zu werden.
      Thomas setzte sich leicht lachend auf, als Steve ihm ein Tablett reichte und dazu wohl noch ein Geschenk, mit dem er irgendwie nicht gerechnet hatte. Frühstück im Bett war bereits ein Geburtstagsgeschenk, wenn es nach ihm ging. Er riss gerade das Papier auf und erspähte schon ein Videospiel, das viel zu lange in seiner Wunschliste verstaubt war, als Steve ihm noch etwas offenbarte und Thomas loslachen ließ. „Echt jetzt?“, lachte er und zog Steve zu sich aufs Bett. „Ich hätte den Termin schon noch gemacht… irgendwann“ Wenn er die Ziffern auf seinem Computerbildschirm nicht mehr erkennen konnte. Er küsste Steve. „Danke“, sagte er lächelnd. Früher oder später hatte er ja eh keine andere Wahl mehr, seine Blindheit stand in den Sternen geschrieben, nachdem er seit Teenagerjahren nur auf Bildschirme sah. Und so hatte er zumindest nicht mehr die Möglichkeit, den Termin aufzuschieben um sich nicht geschlagen zu geben. Aber es würde sicher angenehm sein, Anzeigen in Bussen wieder lesen zu können… Unter anderem.
      „Ich hoffe, du kommst auch mit, wenn ich die Brille aussuchen muss. Du bist derjenige, der mich dann die ganze Zeit damit sehen muss“, scherzte er. Außerdem war ihm schon der Gedanke daran peinlich, alleine im Brillengeschäft vor dem Spiegel zu stehen und Brillen auszuprobieren. Vielleicht würde er mit Steve wenigstens etwas zum lachen haben.
      „Der Termin ist aber nicht heute, oder?“, fragte er plötzlich skeptisch. „Du würdest mich nicht an einem Urlaubstag aufwecken und zum Optiker bringen, oder?“ Er würde viel lieber das neue Spiel ausprobieren, bis sie auf der Couch einfach wieder einpennten. Und vielleicht bis zum Platzen das Essen in sich hineinschaufeln, das Steve für ihn machte…
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    • Steve


      "Irgendwann", echote Steve mit einem kleinen Lachen, während er sich zurück ins Bett ziehen ließ. "Und bis dahin hätte ich jedes mal auch die Augen zusammengekniffen, wenn ich dir dabei zusehe, wie du etwas liest. Dann verkürze ich die Zeit lieber." Er war sich unsicher gewesen, ob Thomas das ganze mit Humor nehmen würde und war umso erleichterter, dass die Idee offenbar gut aufgenommen wurde. Ezra hatte zwar versucht ihm zu erklären, dass man seine Liebsten ab und an zu ihrem Glück zwingen musste, aber irgendwie hatte das Steve nur noch mehr beunruhigt. Ezra war kein schlechter Mensch, aber definitiv niemand, von dem er gute Tipps erwartete.
      "Natürlich ist der Termin nicht heute. Ich war mir unsicher, ob du überhaupt einsiehst, dass du eine Brille brauchst, also hab ich genug Puffer eingebaut, falls ich unsere Beziehung zwischendurch noch retten muss", scherzte Steve, auch, wenn der Gedankengang nicht ganz so weit von der Realität entfernt war. Natürlich hatte er gewusst, dass das nicht der Punkt wäre, der ihre Beziehung beenden würde, aber er war sich unsicher gewesen, wie lange Thomas die Brille noch vor sich herschieben wollte. "Ich habe ihn auf nächste Woche Freitag gelegt. Und ich komme natürlich mit." Er streckte eine Hand nach Thomas aus und schob ihm eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Irgendwie konnte er ihn sich nicht mit einer Brille vorstellen, aber sie würden schon eine passende für ihn finden. Für Steve gab es sowieso nichts, was Thomas auch nur ein bisschen unattraktiver machen könnte. Er lehnte sich ihm entgegen und küsste ihn.
      "Ich hab eigentlich gar nichts für heute geplant. Ich hatte gedacht, dass wir vielleicht einfach was zocken, heute Mittag einen Snack und Kuchen essen und ich heute Abend koche", erklärte er schließlich, während er sich wieder aufrecht hinsetzte. "An einem freien Tag das Haus verlassen zu müssen kam mir irgendwie nicht sonderlich schön vor. Was nicht heißen soll, dass wir nicht noch spontan irgendwas machen können, falls du das möchtest?" Er warf Thomas einen fragenden Blick zu, auch, wenn er das Gefühl hatte, die Antwort schon zu kennen. Sie wohnten jetzt schon zu lange zusammen, als dass Thomas in ihn der Hinsicht noch überraschen könnte.
    • Thomas

      „Wenn ich dich verlassen will, weil ich nicht akzeptieren kann, dass meine Augen den Geist aufgeben, darfst du mich einweisen“, erwiderte Thomas stirnrunzelnd. Es war deutlich wahrscheinlicher, dass er sich von Steve alles mögliche aufschwatzen ließ, nur um nicht abserviert zu werden. Er hatte schon oft genug Angst, unwissentliche Fehler zu machen, da würde er sich nicht absichtlich selbst ins Aus schießen. Außerdem hatte er auch schon seine Eltern links liegen gelassen, um bei Steve zu bleiben, also durfte Steve ihn jetzt definitiv nicht mehr verlassen.
      Aber langsam sollten sie sich sowieso eher Gedanken machen, ob sie sich nicht denselben Arbeitsplatz suchen sollten, um keine Sekunde mehr getrennt zu sein. Zumindest fühlte es sich so an, als müsste man Thomas mit Gewalt von Steve wegzerren, als er ihn küsste. Es war ihm zwar immernoch etwas peinlich, wenn Steve ihn so verträumt ansah, aber solange ihn das hierbleiben ließ, konnte er damit auch leben.
      „Das klingt gut. Vor allem der Teil mit dem Zuhause bleiben, dem Zocken und dem Essen“, lächelte er. „Aber ich verstehe jetzt noch weniger, wieso der Wecker notwendig war“ Thomas ließ seinen Kopf in Steves Schulter sinken. Er könnte für den Rest seines Lebens nur mit Steve kuscheln und verschlafen. Vielleicht zwischendurch ein bisschen Curry essen. Vermutlich sollte er Steve einfach auf der Stelle heiraten und mit einem Dokument an sich binden.
      „Okay, okay, essen wir, sonst schlafe ich weiter“, nuschelte er endlich und hob den Kopf. Im wachen Zustand konnte er die Gegenwart seines Freundes zumindest auch aktiv genießen. Er hob die Bettdecke und ließ Steve wieder an seine Seite rutschen, auf den warmen Fleck, auf den Thomas sich eben noch absichtlich gerollt hatte. „Du hast was von einer Torte gesagt, hm?“, fragte er. „Ich weiß nicht, ob ich am Abend noch ansprechbar sein werde, wenn du mich die ganze Zeit durchfütterst. Aber egal, hör nicht damit auf“ Er drückte ein paar Küsse an Steves Wange, bevor er sich dem Tablett und der ersten von zehn Mahlzeiten des Tages widmete.
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    • Steve

      Er liebte diesen Mann mehr, als er mit Worten - oder Essen - ausdrücken konnte. Steve kam aus dem Lächeln nicht mehr heraus, als Thomas ihn auf die Wange küsste. Eigentlich war es fast traurig, dass er sich noch nie so wohl in einer Beziehung gefühlt hatte. Jeder sollte sich so wohl bei seinem Partner fühlen.
      "Ich wollte einfach nicht, dass wir den ganzen Tag verschlafen", erklärte er, während er nach einem Toast griff. "Dein Geburtstag verdient dann doch etwas mehr, als irgendwann nachmittags aufzustehen, sich ins Wohnzimmer zu schleppen und dann eins mit der Couch zu werden. Frühstück im Bett muss doch mindestens drin sein." Er lächelte Thomas entgegen. Es war natürlich perfekt, dass sie sich beide so einig waren, das Haus nicht zu verlassen, aber irgendwie hatte er das Gefühl, immer noch viel zu wenig zu tun. Er selbst bevorzugte seine Geburtstage zwar auch eher ruhig, aber er hatte schon einige Beziehungen gehabt, bei denen seine Freunde auf ausgefallenere Geburtstage bestanden hatten. Feiern, irgendwie raus gehen... wahrscheinlich mussten Thomas und er irgendwie für einander bestimmt sein.
      "Ich hatte gestern einen Kuchen vorbereitet, als die beiden Kleinen dich mit Disney-FunFacts abgelenkt haben. Wir sollten sie jetzt immer vor deinem Geburtstag babysitten." Er lachte kurz. "Das ist auch ein Grund für den Wecker - zwischen Frühstück und Kuchen muss ja ein wenig Puffer sein." Wahrscheinlich war er viel zu anhänglich, aber er konnte der Versuchung, Thomas erneut einen Kuss aufs Haar zu drücken, nicht widerstehen. "Wenn es dir lieber ist, kann ich dich hiernach aber auch einfach weiterschlafen lassen und mache in der Küche weiter. Dann wecke ich dich vielleicht, wenn der Kuchen fertig ist." Steve warf seinem Freund ein gespielt unschuldiges Lächeln zu. Gut, vielleicht war es ein wenig blöd, einen freien Tag mit einem Wecker zu beginnen, aber so extrem früh war es ja auch nicht. Dafür hatte er mehr von Thomas.
    • Thomas

      Eigentlich klang es ganz angenehm, seinen Geburtstag als Teil der Couch zu verbringen, aber er verstand auch irgendwie, dass Steve den Tag etwas besonderer gestalten wollte, immerhin würde er das selbst für ihn ebenso machen. Sie hatten bisher sowieso zu wenige freie Tage miteinander verbracht, weil ständig irgendetwas los war. Thomas akzeptierte sein Schicksal und lehnte sich an Steve, hielt mit einer Hand eine Scheibe Toast und mit der anderen sein Handy, auf dem er durch TikTok scrollte und mit Steve Kommentare zu den Videos abgab. Eigentlich war das wirklich besser, als den halben Tag zu verschlafen. Schlafend bekam er ja nichtmal mit, dass Steve hier war. Nach dem ganzen psychischen Stress, den er zu Beginn dieser Beziehung ertragen musste, sollte er jetzt wirklich dankbarer sein.
      Sie probierten das neue Spiel auf Steves PS4 aus und Thomas war schon vom Frühstück so satt, dass er mit der Torte später etwas überfordert war, aber er würde niemals auf etwas Selbstgebackenes von Steve verzichten. Vielleicht hätte er nicht zwei Stück essen sollen... aber damit war nun auch fixiert, dass sie das Haus heute nicht verlassen würden, solange Steve ihn nicht durch die Türe rollen wollte. Trotzdem hielt ihn nichts auf, sich aufs Abendessen zu freuen. Es war einerseits ein Segen und andererseits sein absolutes Ende, dass er mit einem so guten Koch zusammenlebte. Einem Koch, der ihn freiwillig die ganze Zeit vollstopfte. Vielleicht sollte Thomas selbst mal ein paar Rezepte lernen, um sich irgendwann revanchieren zu können. Obwohl er dafür heute Abend schon eingeplant hatte, einen gemütlichen Film einzuschalten und Steve mit tausend Küssen zu belohnen.
      Aber vielleicht hätte er sich da nicht zu viel vornehmen sollen. Während Steve kochte lag Thomas alleine auf dem Sofa und spielte auf seiner Nintendo Switch, vollkommen versunken ins Spiel und absolut aus seinem Zeitgefühl gekickt. Es begann langsam schon nach Essen zu duften, aber das war es nicht, was ihn ablenkte. Es klingelte an der Tür. Thomas sah bloß auf und überlegte kurz, ob Steve oder er irgendetwas online bestellt hatten, aber ihm fiel nichts ein. Vielleicht irgendein Nachbar, der was wollte. Thomas hievte sich hoch und streckte sich auf dem Weg zur Eingangstür. Er lief an Steve vorbei und brachte unter einem Gähnen noch ein "Ich mach auf" hervor, bevor er die Tür öffnete und sich etwas zu spät fragte, wie verschlafen er aussah, nachdem er den ganzen Tag sitzend oder liegend in Jogginghose verbracht hatte.
      Aber... es war wohl eher nebensächlich, wie er gerade aussah. Seine Mutter stand an der Tür, das Gesicht etwas schuldbewusst verzogen und eine Einkaufstasche in der Hand, deren untere Hälfe verdächtig viereckig verformt war.
      "Mom?", fragte Thomas etwas verwirrt. Er war sich kurz sicher, dass er halluzinierte. Oder vielleicht war er beim Zocken eingeschlafen und hatte bizarre Träume. Aber wenn er so drüber nachdachte, machte es wohl Sinn, dass seine Mutter genau an seinem Geburtstag aufkreuzen würde.
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    • Steve

      Entgegen Steves schlechtem Gewissen, nicht mehr gemacht zu haben, war es ein überraschend erfolgreicher Tag. Nicht viel anders, als sonst, aber irritierend entspannt, jetzt wo er nicht mehr jeden kleinen Schritt in ihrer Beziehung hinterfragte, oder irgendwas Großes anstand. Vielleicht sollten sie sich wirklich irgendwann zusammen hinsetzen und einfach Urlaub planen. Am besten irgendwann, wenn wieder ein spannendes Spiel released wird. Nur sie beide, eine Konsole und Ruhe. Wahrscheinlich sollte er seine Ansprüche etwas nach oben schrauben, aber darüber wollte er nicht nachdenken.
      Zumindest schafften sie es dank der kleinen Kuchenpause nicht komplett eins mit dem Sofa zu werden. Nichts, worauf sie stolz sein sollten, aber besser, als den ganzen Tag nur zu zocken, auch, wenn Steve den Controller schon wieder in den Händen hatte, während Thomas sich über das zweite Stück her machte. Obwohl es schwer war, zeitgleich zu spielen und Thomas verliebte Blicke zuzuwerfen. Steve kam irgendwie immer noch nicht ganz darauf klar, sich so schnell daran gewöhnt zu haben, nicht mehr alleine zu wohnen - unabhängig von ihrer Beziehung. Es war verdammt schön, immer jemanden da zu haben, den man mochte und Thomas war der perfekte Freund und Mitbewohner. Konnte man es ihnen eigentlich noch verübeln, dass sie die ganze Zeit eng aneinandergedrängt auf dem Sofa saßen?
      Der Nachmittag plätscherte dahin und es war mehr Glück, als Timing, dass Steve rechtzeitig einfiel, dass er noch zu Abend kochen musste, auch, wenn es sich ein bisschen seltsam anfühlte, nach so einem faulen Tag in der Küche zu arbeiten. Unter der Woche war es irgendwie Routine und etwas, was er fast automatisch machte, aber an freien Tagen wie heute war Kochen...schöner. Mehr Zeit, mehr Energie, mehr Spaß daran, ein kleines bisschen rumzuprobieren und Gerichte zu verfeinern. Steve war so vertieft in sein Rezept, dass er das Klingeln an der Türe erst viel zu verspätet wahrnahm. Thomas war schon an der Küche vorbeigelaufen, bevor er überhaupt die Chance hatte, ihn zu bitten, nachzuschauen. Es konnte eigentlich nichts sonderlich wichtiges sein. Vielleicht ein Paket für den Nachbarn, oder was ähnliches. Steve traute es ihren Freunden nicht zu, sich spontan selbst einzuladen und sonst gab es irgendwie niemanden, der vorbeikommen würde, ohne sich vorher anzumelden.
      Er dachte nicht weiter darüber nach, bis Thomas ein wenig zu lange an der Tür stand und das erwartete "Ja, klar kann ich das annehmen" Gespräch mit dem Postboten ausblieb. Irritiert warf er einen letzten Blick auf den Herd, bevor er in den Flur zurück ging und an Thomas vorbei zur Haustür und ihren unerwarteten Gast sah. Extrem unerwartet. Er hatte Thomas' Mutter das letzte mal auf der Hochzeit gesehen und das Thema danach vermieden, um seinem Freund genug Zeit zu geben, erst selbst mit der Situation klar zu kommen. Offensichtlich war die Zeit jetzt rum.
      "Hallo", grüßte Steve knapp mit einem vorsichtigen Lächeln auf den Lippen, während er ein kleines bisschen näher an Thomas herantrat, um ihm zu demonstrieren, dass er da war, falls was auch immer seine Mutter zu sagen hatte, in die falsche Richtung gehen würde. Er konnte nur hoffen, dass ihr Besuch ein Friedensangebot war.
    • Thomas

      Es war gut, dass Steve hinter ihn trat, ansonsten wäre Thomas bloß weiter eingefroren im Türrahmen gestanden. Stattdessen riss er sich zusammen. "Willst du reinkommen?", fragte er, weil es das erste war, das ihm einfiel, auch wenn er noch nicht abschätzen konnte, ob es eine gute Idee war. Niemand aus seiner Familie hatte ihn jemals in dieser Wohnung besucht und er hatte nun etwa einen Monat lang nicht mit seiner Mutter gesprochen, was für sie ziemlich lange war. Mindestens alle zwei Tage hatte sie ihm sonst eine Nachricht geschickt oder angerufen, meistens wegen irgendwelchem irrelevanten Kram, wie, ob er auch gesund aß und ob bei der Arbeit eigentlich alles in Ordnung war.
      "Danke", war das erste Wort, das sie zu ihm sagte. Dann kam sie herein und Thomas schob Steve mit sich einige Schritte zurück um Platz zu machen. Sie zog sich die Schuhe aus und hielt Thomas anschließend die Einkaufstasche hin. "Alles Gute zum Geburtstag", sagte sie mit einem kleinen Lächeln. Thomas nahm entgegen, was er als Geburtstagsgeschenk vermutete, und legte den anderen Arm kurz um seine Mutter, während er ein "Danke" zurück murmelte. Sein Vater hatte sich heute morgen ganz typisch schon mit einer kleinen WhatsApp Nachricht bei ihm gemeldet, mehr hatte Thomas auch garnicht erwartet. Seine Geschwister ebenso. Aber er hatte versucht, garnicht darüber nachzudenken, ob seine Mutter es ihnen noch gleichtun würde, ob sie anrufen würde oder ob sie es ganz bleiben ließ. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie vor der Tür stehen würde. Oder, naja, jetzt im Wohnzimmer. "Oh, es riecht gut", kommentierte sie, bevor sie sich zum Tisch setzte.
      "Steve kocht gerade", erklärte Thomas. So, und jetzt? Es war nicht so, als könnte er sich nicht mit seiner Mutter unterhalten, aber es gab hier einen Elefanten im Raum, der angesprochen werden musste und er wollte das ungern selbst tun. Andererseits hatte er noch nie eine Entschuldigung aus ihrem Mund gehört, also konnte er nicht ganz glauben, dass es heute so weit sein könnte. Ohne eine Entschuldigung würde sich allerdings nichts zwischen ihnen ändern.
      "Mhmm... gut, dass du nicht nur Nudeln und Toast isst"
      Thomas schmunzelte. "Keine Sorge, es beschränkt sich eher auf Pizza und Chinesisch, weil die ums Eck sind und schnell hier hoch liefern"
      So viel dazu... Seine Mutter schien den Scherz nicht ganz zu verstehen, und dann schwiegen sie sich einen Moment lang an.
      "Willst du dein Geschenk nicht aufmachen?", fragte sie schließlich und Thomas seufzte tief, als sich eine Welle der Enttäuschung in ihm breitmacht und die Anspannung ablöste.
      "Mom, wenn du mir nur gratulieren wolltest, hättest du auch anrufen können", erwiderte er etwas frustriert und ließ sich gegen die Sessellehne fallen.
      "Ich war mir nicht sicher, ob du abheben würdest" Der schuldbewusste Ausdruck seiner Mutter traf Thomas irgendwie ins Mark. Er schwieg, weil er sich selbst nicht ganz sicher war, ob er abgehoben hätte. Nur heute nicht, weil er sich mit Familienproblemen auch an den restlichen 364 Tagen im Jahr herumschlagen konnte. "Es tut mir leid" Oh?
      "Ich will nur, dass du glücklich bist und dein Leben so einfach und problemlos verläuft, wie möglich. Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich nicht immer alles getan hätte, damit du es möglichst leicht hast"
      Es war etwas überwältigend, eine Entschuldigung von jemandem zu hören, der normalerweise bis zum Tod daran festhielt, dass er recht gehabt hatte. Zu überwältigend vielleicht, weil ihm ein paar Tränen in die Augen traten, die er wegzublinzeln versuchte.
      "Aber ich weiß, dass man sich nicht aussucht, wen man liebt. Es ist halt... wie es ist. Solange du zufrieden bist, bin ich es auch" Ups, eine Träne schaffte es aus seinem Augenwinkel heraus, obwohl die Ansprache nicht direkt die mitreißendste war. Aber es war okay, es war das, was er hören hatte wollen. Er wollte seine Mutter nicht aus seinem Leben verbannen, er wollte nur, dass sie einmal einsah, dass sie unrecht hatte. Dass sie akzeptierte, dass er selbst besser wusste, was ihn glücklich machte.
      Thomas wischte sich schnell über die Wange. "Danke", sagte er.
      Sie lächelte leicht und nahm seine Hand in ihre. "Was habt ihr heute so gemacht?", fragte sie sanft und klang wieder etwas mehr so, wie er es gewohnt war.
      "Nicht viel" Sagte sein Look nicht schon alles? "Steve hat mir ein Spiel geschenkt, das wir ausprobiert haben, dann haben wir Kuchen gegessen und naja, weitergespielt"
      Seine Mutter schnalzte mit der Zunge. "Du musst wirklich mehr rausgehen"
      Thomas schüttelte leicht lachend den Kopf. Das würde er sich wohl für den Rest seines Lebens anhören dürfen.
      "Willst du zum Essen bleiben?", fragte er schließlich vorsichtig.
      "Ohh, wenn es so gut riecht, kann ich garnicht Nein sagen", antwortete sie und grinste.
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