The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Niamh

      Niamh überhörte gekonnt die Frage, ob Ezra wusste, dass sie Andrew kurzerhand mitgenommen hatten. Er wäre sicherlich nicht sonderlich begeistert von der Idee gewesen und...irgendwie war es zu schön, ihn wieder lächeln zu sehen. Also lieber schweigen und ihn damit konfrontieren, wenn es geschehen war.
      Caleb verabschiedete sich mit einem kleinen, emotionslosen Salut, um...wahrscheinlich nicht nach den Fotos zu suchen. Sie kannte ihren Bruder zu gut, um davon auszugehen, dass er wirklich arbeiten würde. Falls es eine höhere Macht gab, hatte sie sie testen wollen, als sie ihre Brüder für sie ausgesucht hatte. Einer war schlimmer, als der andere und beide bereiteten ihr auf so wunderschön unterschiedliche Art und Weise Kopfschmerzen.
      "Adams war nicht dafür bekannt, sonderlich sorgsam zu sein, also denke ich, dass die Fotos nicht allzu schwer versteckt sein werden. Wenn überhaupt", merkte sie an, während sie sich kurz auf dem kleinen Flur der oberen Etage umsah. Es gab nur drei Türen, also dürften sie schnell durch sein. "Schein ein kurzer Abend zu werden." Sie warf Andrew einen kleinen Blick über ihre Schulter zu. "Zum Glück. Ich glaube, wenn ich die Gute Nacht Geschichte verpassen würde, hätte ich ein Problem." Sie öffnete die erste Tür, die in ein kleines Badezimmer führte. Uninteressant. Die zweite Tür führte in das chaotischste Schlafzimmer, das sie je gesehen hatte.
      Die Schränke standen offen, Kleidung lag auf dem Boden. Schüsseln und Tassen mit Speiseresten standen in der Gegend rum. Wenn sie das Schloss nicht selbst geknackt hätte, wäre sie davon ausgegangen, dass schon mal jemand vor ihr eingebrochen wäre. Jetzt wäre Ezra vielleicht wirklich nützlicher, als Andrew gewesen. Zu schade, dass er offensichtlich besseres zu tun hatte. "Wenn du es schaffst, vor mir einen Laptop, ein Tablet, oder ähnliches zu finden, spendiere ich den Umzug."
      Niamh arbeitete sich methodisch vor. Kleidung wurde zur Seite gekickt, Schubladen aufgezogen. Adams Wohnung sagte mehr als genug über ihn als Menschen aus. Chaos, wo man hinsah. Zwischen den Kleiderhaufen lag ab und an Geld, Zigarettenschachteln oder Flaschen. Niamh schob sie mit spitzen Fingern zur Seite und hielt Ausschau nach allem, was irgendwie elektronisch war. Wenn sie diese Geschichte hier abhaken konnten, hätte sie wenigstens eine Sorge weniger und mehr Zeit für die anderen tausend, die noch in ihrem Kopf auf sie warteten. Es war nicht einfach, in die Rolle ihrer Eltern hinein zu wachsen. Als Kind hatte das so viel einfacher gewirkt.
      "Ich bin übrigens froh, dass ihr Paris überstanden habt", rief sie Andrew über die Schulter entgegen. "Ein bisschen überrascht über das Ergebnis und etwas enttäuscht über den Stein, aber man kann nicht alles haben, schätze ich."
    • Andrew

      Keine Antwort war irgendwie auch eine Antwort. Wenn Ezra hiervon nichts wusste, was zum Teufel tat er dann gerade? Warum half er seinen Geschwistern dabei, in ein Haus einzubrechen?! Zumindest beruhigte in ein wenig die Tatsache, dass sein Freund das wohl nicht gutgehießen hätte. Er kannte ihn also doch ein wenig. Aber er würde sich vermutlich morgen nicht über diese Information freuen. Und langsam… wäre es wirklich gut, mal von ihm zu hören.
      Der Anblick des Schlafzimmers ließ Andrews Mitleid für den Mann sinken, der gestern seines Lebens beraubt wurde. Wenn man es überhaupt Leben nennen konnte, nachdem er ein Krimineller war, der sich noch nicht einmal seinen Vorgesetzten, wenn man es so nennen konnte, gegenüber loyal gewesen war und dann auch noch in so einer Müllhalde gelebt hatte. Andrew überwand sich und begann Kleidung zur Seite zu werfen und das Bett abzusuchen. Und dann stockte er für eine Sekunde, als Niamh sprach. Gott, wieviel Geld hatte diese Familie nur? Auf einmal war ihm ziemlich egal, was er hier tat und wieso. Sich Umzughelfer leisten zu können war alles wert. Glücklicherweise entdeckte Andrew sogleich ein Tablet unter dem Kopfkissen auf dem Bett. Er hielt es hoch.
      „Ich nehm dich beim Wort“, sagte er und überreichte der Blonden das Gerät. Ein kleiner Schwall an Motivation überfiel Andrew und er überließ Niamh das Schlafzimmer, um sich ein anderes vorzunehmen. Aufgeteilt waren sie vielleicht schneller unterwegs. Er öffnete die Tür gegenüber und erwartete ein Arbeitszimmer, das von fliegenden Zetteln und weiteren Wäschebergen zugemüllt war, aber stattdessen… fand er sich in einem Kinderzimmer wider. Mit einem kleinen Gitterbett, einem runden Teppich im selben Tiermotiv-Design wie die Vorhänge, einem Wickeltisch und ein paar Kommoden. Es war relativ ordentlich. Ein paar Spielsachen und Plüschtiere lagen herum, ein Pyjama am Bett. Aber das meiste war in Kisten untergebracht, gesichert vor einem krabbelnden Kind, das alles durchwühlen würde. Dem Zimmer nach zu urteilen hatte hier auf jeden Fall ein Kleinkind gewohnt. Andrew verharrte kurz im Türrahmen, bevor er weiter in das Zimmer hineinlief, unsicher, was er davon halten sollte. Er hoffte innerlich, dass dieses Kind ein weiteres Elternteil hatte, bei dem es wohnen konnte. Dass es nicht mitansehen musste, was seinem Vater passiert war. Und dass das hier für sein Leben hoffentlich ein sinnvoller Schicksalsschlag war. Aber auch wenn er ein Verbrecher und offensichtlich ziemlich schlampiger Mensch gewesen war, hatte Robert Adams seinem Kind ein eigenes Zimmer eingerichtet, das mit Kleidung und Spielzeug überfüllt war. Es war schwer zu beurteilen, ob das Kind ohne oder mit ihm ein besseres Leben vor sich gehabt hätte.
      Was Andrew allerdings kurz in eine Schockstarre versetzte, war der Umschlag, den er in einer Lade des Wickeltischs fand. Er wusste garnicht, wieso er hier drin überhaupt nach den Fotos gesucht hatte. Aber anscheinend hatte sein Unterbewusstsein recht gehabt. Andrew öffnete den Umschlag und warf einen Blick hinein. Ja, Adams hatte die Fotos im Zimmer seines Kindes versteckt. Gott. Ihm wurde ein wenig übel, bei dem Gedanken, dass Adams hier reingekommen war und sich gedacht hatte, der Ort, an dem mein Kind schläft und spielt, ist der richtige, um Fotos von einem Einbruch vor meinen psychotischen Vorgesetzten zu verstecken. Außerdem musste er gewusst haben, was passieren konnte, wenn sie es rausfanden. Wie konnte man seine Familie nur absichtlich so gefährden?
      Andrew kam Niamh wieder entgegen und blieb bei der Tür zum Schlafzimmer stehen. „Ich hab die ausgedruckten Fotos. Hast du noch etwas gefunden? Einen Laptop?“ Er wollte das hier so schnell wie möglich hinter sich bringen. In solchen Situationen war er noch nie auf der Seite des Übeltäters gestanden und er hatte nicht vor, es je wieder zu tun.
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    • Niamh

      Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel kurz nach oben zuckten, als Andrew sie direkt beim Wort nahm. Offensichtlich hatte sie die richtige Motivation für ihn gefunden. Sie zückte kurz ihr Handy, um sich eine Notiz dazu zu machen, bei Zeiten nach einem Umzugsunternehmen durchzuklingeln, bevor sie sich wieder ihrer Suche zuwandte. Adams Handy hatten sie bereits. Das Tablet war relativ neu und sah einigermaßen teuer aus - zumindest teuer genug, als dass sie nicht mehr ganz so intensiv nach irgendeinem anderen elektronischen Gegenstand Ausschau halten musste. Sie kannte Adams nicht sonderlich gut, aber dem Zustand seiner Wohnung nach zu urteilen, war es irgendwie ein Wunder, dass er sich das Tablet leisten konnte. Andererseits konnte er es sich offensichtlich auch leisten, Geld offen rumliegen zu lassen. Niamh war sich nicht ganz sicher, was ihn so manisch hatte werden lassen. Sie zog es normalerweise sogar vor, die Leute, mit denen sie arbeitete, nicht so persönlich zu kennen. Das erleichterte später den Abschied.
      Und offensichtlich konnte sie sich die Suche nach ausgedruckten Fotos genau so gut sparen. Beeindruckend. Sie hielt als Antwort kurz einen USB Stick und eine Festplatte hoch, die im Nachttisch gesteckt hatten - 50/50 Chance, dass der Inhalt nicht jugendfrei war, aber sie wollte nichts riskieren - und nahm dann die Bilder entgegen. "Wow", kommentierte sie aufrichtig beeindruckt. "Anders, als der Umzug fällt mir gerade nichts ein, aber lass es ich wissen, falls ihr noch etwas braucht."
      Sie blätterte kurz durch die Fotos, bevor sie an Andrew vorbei wieder hinaus auf den Gang ging. Soweit schien alles zusammen zu sein. Oder zumindest genug, um alles andere ruhig wegdiskutieren zu können, sollte es hart auf hart kommen. Wozu hatte sie schon Anwälte? "Danke für die Hilfe. Ich hab ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass du überhaupt mitkommen würdest. Ich hoffe wirklich, dass das mit dir und Ezra funktioniert. Du bist nicht ganz so langweilig, wie ich zuerst gedacht hatte." Sie grinste Andrew kurz entgegen, bevor sie die Treppe ansteuerte. "Du kannst immer noch ins Familiengeschäft einsteigen, wenn du willst. Vielleicht kommt Ezra dann zur Vernunft", zog sie ihn auf. Jetzt musste sie nur Caleb einsammeln - so, wie sie ihn kannte, war er entweder bei der Steinsammlung, oder an irgendetwas vollkommen Belanglosem im Wohnzimmer hängen geblieben - und dann wäre ihr Abend perfekt. Sogar noch mit einem kleinen bisschen extra Zeit. Vielleicht war heute endlich der Tag, an dem sie ungestört mit ihrem Mann zu Abend essen konnte. Wunder passierten immer wieder, nicht?
    • Andrew

      „Keine Ursache“, murmelte Andrew zur Antwort, darauf bedacht, nicht so etwas wie ‚immer gerne‘ zu sagen. Niamh schien aufrichtig erfreut darüber zu sein, dass er mitgekommen war und Andrew wollte es ja genießen, dass die Familie seines Freunds ihn leiden konnte, aber seine Moral ließ das nicht so ganz zu. Er wusste nicht, ob er sich je damit anfreunden konnte, was sie beruflich machten. Ezra war eindeutig eine Ausnahme gewesen und er unterschied sich auch gewaltig von seinen Geschwistern. So traurig es war, verstand Andrew immer mehr seinen Gedankengang, als er den Kontakt abgebrochen hatte, selbst wenn er nachher mit den Diebstählen weitergemacht hatte. Er hatte es nie anders kennengelernt und offensichtlich war seine Familie damit ja auch schon immer ziemlich erfolgreich gewesen. Aber letzten Endes war er irgendwie anders. Er kümmerte sich um andere Menschen, auch wenn er sie nicht kannte. Dem Rest seiner Familie… fehlte irgendwie ein Stück Empathie. Soweit Andrew das beurteilen konnte. Ezra würde zumindest niemanden umbringen und das war ja irgendwie der einzig wichtige Unterschied, den Andrew brauchte.
      Andrew atmete tief durch, als Niamh ihn als langweilig bezeichnete, oder eben weniger langweilig, weil er ihr bei etwas Illegalem geholfen hatte. Diese Frau war wie die Verkörperung von Peer Pressure unter Jugendlichen. Als nächstes würde sie ihn vielleicht noch uncool nennen, weil er nicht mit ihr rauchen wollte.
      „Ähm… danke, ich behalte es im Kopf. Aber ich hab derzeit noch einen Job. Mal sehen wie lange“ Den letzten Satz nuschelte er eher in sich hinein, als er sich an Niamh vorbeifädelte, um schnellstmöglich aus diesem Haus raus zu kommen. Das Familienunternehmen. Schmeichelnd, dass sie ihn als Familie betrachtete, nur problematisch, aus welchem Grund. Das letzte was Andrew in seinem Leben tun würde, war bei ihnen einzusteigen. Besser, Ezra und er blieben unvernünftig. Pleite, aber zumindest in sicherer Distanz zum nächsten Gefängnis. Wobei ihre beiden Gehälter sich j langsam aber sicher anhäufen sollten. Vielleicht konnte Andrew noch zum ersten Mal in seinem Leben die Erfahrung machen, zu sparen. Das hieß, wenn er die Heimfahrt überlebte und Niamh ihn nicht in seinen sicheren Tod fuhr.
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    • Niamh

      Sie fand Caleb - wie erwartet - im Wohnzimmer. Er stöberte durch ein paar CDs, sah allerdings ziemlich unbeeindruckt aus. Bei dem generellen Chaos im Haus war es schwer abzuschätzen, was genau ihr Bruder jetzt durchsucht hatte und was einfach vorher schon chaotisch war, aber er schien nicht sonderlich besorgt, also entspannte Niamh sich ebenfalls ein wenig. "Und?", fragte sie zur Begrüßung.
      "Nichts interessantes. Die meisten Steine waren kosmetisch. Weißere Zähne und so ein Quatsch." Caleb sah von den CDs auf und zuckte mit den Schultern. "In der Küche lag noch ein Handy. Wahrscheinlich sind da keine Daten drauf, aber man weiß ja nie." Er hielt ein altes Nokia hoch, das wahrscheinlich älter war, das das Internet. "Die Dinger sind unkaputtbar. Ich bin gespannt, wen er damit angerufen hat." Caleb ließ das Handy wieder in seiner Tasche verschwinden und stellte die CDs zurück ins Regal. "Furchtbarer Musikgeschmack, nebenbei bemerkt. Habt ihr was gefunden?"
      "Andrew hat ein Tablett und die Fotos gefunden. Ich konnte nur ein paar Speicher hinzufügen."
      Caleb stieß ein kurzes, anerkennendes "Mhm" aus. "Sei in Niamhs Nähe nicht zu kompetent, sonst wanderst du in ihrer Anrufliste ganz schnell ganz weit nach oben." Er warf Andrew einen Blick zu, der irgendwo zwischen mitleidig und amüsiert lag, bevor er zurück zur Haustür ging. "Nach euch."

      Zum Glück war es mittlerweile spät genug, dass die Straßen einigermaßen leer waren. Niamh hatte Glück, einen Parkplatz kurz vor Ezras Wohnung zu finden, was bedeutete, dass sie Andrew nicht einfach so wortlos rauswerfen musste. Sie schaltete den Motor aus und drehte sich zu dem Dunkelhaarigen herum.
      "Weißt du schon, wann du Ezra morgen abholst? Ich würde ihn schon gerne noch sehen, bevor wir zu unseren Eltern fahren. Wenigstens schöne Weihnachten wünschen, oder so." Sicher gehen, dass sein Kopf noch auf seinen Schultern saß und sie sich nicht einfach nur eingebildet hatte, dass er wieder da war. Was immer noch ein seltsames Gefühl war. Es waren jahrelang nur sie und Cal gewesen. Zwei von Vieren. Sie waren nicht immer einer Meinung, aber wenigstens hatten sie es immer geschafft, sich gegenseitig irgendwie aus ihren dunkelsten Momenten raus zu holen. Hatte Ezra das alles alleine durchgestanden?
      "Ich bin mir nicht sicher, ob Ezra uns sehen will", merkte Caleb an, der mittlerweile vollkommen in seinem Handy versunken war. "Obwohl...besser so, als wenn du mal auf einen längeren Besuch vorbei kommst."
      "Danke. Ich hab dich auch lieb." Niamh verdrehte die Augen, während ein kleines Lächeln auf Calebs Lippen erschien.
      "Also?", fragte sie Andrew wieder. "Nimmst du uns mit?"
    • Andrew

      Und nach all dem konnte Andrew das kleine nagende Stimmchen in seinem Kopf, welches Ezra eine gesunde Beziehung zu seiner Familie wünschte, doch nicht abschalten. Er zögerte kurz. Schöne Weihnachten wünschen, was? Solange das keine Ausrede war, um sie beide in den nächsten Auftrag mit hineinzuziehen. Wo Niamh ja so begeistert von seiner Arbeit gewesen war… Hoffentlich hatte Caleb nur einen Scherz gemacht. Er wollte überhaupt nicht auf dieser Anrufliste stehen, wenn es nicht grade um Smalltalk ging. Und dann würde es hoffentlich bei der Autofahrt bleiben, denn Andrew brauchte Ezra definitiv eine Weile für sich allein, nachdem er ihn dann knappe 24 Stunden nicht gesehen hatte.
      „Also… er landet um neun, also fahre ich kurz vor halb weg. Wenn ihr… also fünf Minuten vorher hier seid, kann ich euch mitnehmen“, gab er sich geschlagen und schenkte Niamh ein kleines Lächeln. Hoffentlich war er nicht zu naiv. „Also dann… bis morgen“
      Er stieg aus, lief ins Haus und stapfte wie in einer Trance die Stiegen hoch zu der Wohnung, die nicht seine war, unfähig die letzte Stunde zu verarbeiten. Aus irgendeinem Grund hatte er außerdem die ansteigende Angst, auf Ada zu treffen und dass sie fragte, wo er gewesen war. Sie war das alles vermutlich durch Ezra gewohnt und hatte ihm anscheinend hin und wieder ausgeholfen aber Andrew bezweifelte, dass sie mehr von ihm halten würde, wenn er jetzt auch noch Verbrechen beging. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sein ehemaliger Job das einzige war, das für ihn sprach.
      Einzuschlafen war diesen Abend jedenfalls eine Herausforderung, vor allem, nachdem er Ezras Antwort bekam. Er war bloß müde… Gott, hoffentlich war das alles. Wenn er morgen in seinem Auto nicht wieder der strahlende Sonnenschein war, den Andrew kannte, musste er sich Richard vornehmen. Andrew schrieb ihm zurück, mittlerweile sehr viel weniger darauf bedacht, nicht anhänglich zu wirken. Wen interessierte es schon? Ezra sollte ruhig wissen, dass er mittlerweile Andrews Lebenssinn war. Wenn irgendetwas passiert war, sollte er mit der Sicherheit leben können, dass er für ihn da war. Und Andrews Ängste manifestierten sich dank seiner Textnachricht gerade, also untertrieb er bei seiner Antwort besser nicht.
      >> Okay, schlaf gut. Ich kann’s nicht erwarten, dich wiederzusehen. Ich liebe dich. ♡ <<
      Die ganze Nacht verfolgten ihn seltsame Albträume, die sich aus dem leeren Kinderzimmer in Adams Haus und Ezra zusammensetzten, der ihm aufgelöst erzählte, dass Richard versucht hatte, sich an ihn ranzumachen. Irgendwann gegen Ende des Traums saßen sie jedenfalls beide Rücken an Rücken gekettet in einer Gefängniszelle, Nadia vor den Gitterstäben, die grinsend ein Schlüsselbund schwenkte. Es war absolut verstörend. Andrew hatte am Morgen nicht das Gefühl, überhaupt geschlafen zu haben. Er versuchte. die Träume nicht deuten zu wollen, wobei die Hälfte davon relativ klar war.
      Er war mental noch nicht so ganz darauf vorbereitet, Niamh und Caleb wiederzusehen, aber zumindest hatte er Ezra bald wieder bei sich. Der ihm hoffentlich dann gleich versichern konnte, dass nichts passiert war und er wirklich bloß einen anstrengenden Tag gehabt hatte.
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    • Ezra

      Eine einzige Nachricht und sofort fühlte er sich wieder, wie ein frisch verliebter Teenager. Auch, wenn das Gefühl mehr und mehr von Selbstzweifel überschattet wurde. Ezra starrte auf sein Handy, während er überlegte, wie er seinem Freund antworten sollte. Er liebte Andrew viel zu sehr. Er wollte ihn nicht verlieren. Die letzten Wochen waren so schön gewesen, dass eine Trennung sich vollkommen irre anhörte - und doch…was, wenn Richard Recht hatte? Was, wenn Andrew und er wirklich zu verschiedene Lebensansichten hatten? Richard schien mehr mit ihm gemeinsam zu haben und trotzdem hatte die Beziehung nicht gehalten, was bedeutete das also für ihn? Gut…vielleicht lag es auch eher an Richards Charakter, dass die Beziehung zerbrochen war.
      Fuck, er war zu müde für das alles.
      Mit einem kleinen Seufzen tippte er ein 'Ich liebe dich auch!' zurück, bevor er das Handy auf seinen Nachttisch legte und nach seinem aktuellen Buch griff. An Schlaf war sowieso nicht zu denken, aber vielleicht würde er so wenigstens auf andere Gedanken kommen.


      Niamh

      Es war unglaublich kalt und die ersten Schneeflocken begannen, sich nicht mehr direkt aufzulösen, sobald sie den Gehweg berührten. Was nie ein gutes Zeichen war. Kälte bedeutete, dass sie ihre gefütterten Jogginghosen irgendwann gegen Thermostrumpfhosen und Jeans tauschen musste und das war jedes Jahr aufs neue ein furchtbar einengendes Gefühl. Sie brauchte einen Stoff, der sich mitbewegte, wenn sie spontan irgendwo einstieg, oder einem Kleinkind hinterherlaufen musste. Sie konnte nie verstehen, wie ihre Brüder mit Jeans überlebten. Caleb sah neben ihr aus, als ob er für ein Vorstellungsgespräch hier wäre, als er auf Ezras Türklingel drückte. Ausnahmsweise. Es hatte eine kurze Diskussion über den Dietrich in Niamhs Tasche gegeben, die Caleb nur gewonnen hatte, weil es zu kalt war, um sich lange zu beschweren. Sie schob ihre Hände in ihre Jackentaschen, während sie auf Andrew warteten.
      "Denkst du, das ist genug Schnee, um unseren Besuch bei Mom und Dad abzusagen?", fragte Caleb, während er hoffnungsvoll auf den Hauch von Schnee sah, der sich an einer Hausecke angesammelt hatte.
      "Nein", antwortete Niamh mit einem Augenrollen. "Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht willst."
      Caleb schüttelte kurz mit dem Kopf. "Ich will dich nicht alleine lassen."
      Niamh kam nicht mehr dazu, zu erklären, dass sie nicht alleine wäre, bevor sich die Tür öffnete. Sie hatte John bei sich und die Kinder. Eigentlich war ihr Mann fast eine bessere Unterstützung, als ihr Bruder - John hatte wenigstens die Ambition, ihre Familie nach vorne zu bringen. Caleb wirkte immer so, als wäre er gerade da, weil er da sein musste. Obwohl er sich gerade wenigstens zu einem kleinen Lächeln bemühte, als er Andrew mit einem kleinen "Morgen" begrüßte.
      "Guten Morgen", schloss Niamh sich an und hielt Andrew eine kleine Geschenktüte entgegen. "Als Friedensangebot, Danke für Gestern und Danke fürs Mitnehmen. Und irgendwie auch schon für Weihnachten", erklärte sie. Es war nichts Besonderes, nur eine Flasche Whiskey und etwas Süßkram, aber irgendwo musste man anfangen. Und irgendwie wollte sie auch nicht, dass Andrew sich doch noch gegen sie stellen und wie Robert enden würde.
    • Richard

      „Guten Morgen, Blondie“, begrüßte Richard seinen übermüdeten Kollegen, als sie in der Lobby aufeinander trafen, um zusammen auf das Taxi zu warten. Seine Laune war überragend. Ezras Gesicht war wie die Lorbeerernte seiner gestrigen Arbeit.
      „Nicht so gut geschlafen?“, fragte er blinzelnd. Offensichtlich musste er Ezra am Rückflug garnicht mehr so sehr nerven, wenn er bereits so verunsichert war. Das war ihm ohnehin lieber, es war halb sechs Uhr morgens und Schlafen klang nach einem deutlich besseren Plan.

      Andrew

      Ezras Nachricht heute morgen zu lesen, hatte Andrew ein wenig Kraft gegeben, um seinen Geschwistern gegenüberzutreten. Doch Niamh hatte scheinbar tatsächlich den Plan, ihre Beziehung zu verbessern und ein Blick in die Geschenktüte weichte Andrews Herz bereits ein wenig auf. Wunderbar, er würde sich bestimmt demnächst mal betrinken müssen.
      „Danke“, erwiderte er, lächelte und war sich unsicher, ob es sein Tod wäre, Niamh zu umarmen, ließ es dann also bleiben und lief zum Auto.
      Auf der Fahrt stellte sich dann das übliche Problem ein. Worüber zur Hölle sprach man auf langen Autofahrten mit Leuten? Mit diesen, vor allem, wenn er die Worte Diebstahl und Mord auslassen wollte.
      „Feiert ihr jedes Jahr mit euren Eltern Weihnachten?“, fragte er dann also. Eigentlich interessierte ihn Caleb und Niamhs Beziehung zu ihren Eltern tatsächlich. Andrew hatte sie nie getroffen und irgendwie hatte er das Gefühl, dass es so besser war, aber er würde sich für den Fall der Fälle gerne darauf einstellen können, wie schlimm es werden würde. Generell war er ein Fan davon, sich rechtzeitig auf etwas einstellen zu können, wenn es soziale Situationen anbelagte. Sein erstes Treffen mit Ezras Geschwistern war ja auch eher aus dem Nichts gekommen. Etwaige Überraschungsbesuche seiner Eltern würde er gerne vermeiden, aber dieser Familie konnte ja sowieso niemand etwas vorschreiben.
      „Wir… fliegen für ein paar Tage tatsächlich nach Liverpool zu meiner Cousine“, warf er dann noch ein. Sie konnten ihn ja wohl ohnehin tracken, also konnte er es ihnen auch gleich in einem halbwegs normalen Gespräch mitteilen.
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    • Niamh

      "Jedes Jahr von klein auf", bestätigte Niamh. Sie hatte sich für die Hinfahrt den Beifahrersitz geschnappt, während Caleb auf dem Rücksitz aus dem Fenster starrte, als wäre er in seiner ganz eigenen Welt gefangen. Was nie stimmte. Wenn es einer nicht lassen konnte zu lauschen, dann er. Man könnte ja den aktuellen Gossip verpassen.
      "Es ist nicht so schön, wie es klingt", kommentierte er trocken und ignorierte den Schulterblick seiner Schwester.
      "Es ist okay", widersprach Niamh. "Unsere Eltern sind etwas-" Sie schien kurz selbst Probleme zu haben, das passende Wort zu finden. Eigentlich hatte Caleb nicht Unrecht - es war ziemlich furchtbar. Sie hatten nie das stereotype Weihnachten gehabt, das man aus Film und Fernseher kennt. Es gab Geschenke gemessen daran, wer das Jahr über wie nützlich gewesen war. "Sie sind nicht sonderlich herzlich", erklärte sie schließlich. Einer der Gründe, warum sie sich auf die Weihnachtstage danach freute, wenn sie nur mit John und den Kindern zusammen war. Emmett war noch zu klein, um wirklich zu verstehen, was Weihnachten war, aber sie war trotzdem dazu über gegangen, beiden die selbe Anzahl an Geschenken zu holen. "Wir essen meistens zusammen, reden darüber, wie das Jahr gelaufen ist, Finanzen, Probleme."
      "Alles sehr weihnachtlich", kommentierte Caleb sarkastisch, ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden. "Aber nicht aufzutauchen wird praktisch als Beleidigung aufgefasst, also müssen wir wohl mitspielen, bis einer von ihnen-"
      "Liverpool soll nett sein", schnitt Niamh ihrem Bruder das Wort ab, bevor Caleb sich in irgendetwas noch unweihachtlicheres reinreden konnte. "Ist deine Cousine auch Heldin, oder ist eure Familie breiter aufgestellt?" Sie hatte sich nie wirklich um seine Familie gekümmert, alles, was sie über Andrew wusste war, dass seine Eltern verstorben waren und er als Held gearbeitet hatte. Jetzt, wo sie außerdem wusste, dass er es wirklich ernst mit Ezra meinte, sollte sie vielleicht ein bisschen mehr Zeit in ihre Recherche stecken - und wo konnte man besser damit anfangen, als an der Quelle selbst? Ezra würde ihr wahrscheinlich nichts über ihn erzählen. Sie hatte ja jetzt schon Glück, wenn er auf eine weit aus neutralere Nachricht von ihr reagierte.
    • Andrew

      Okay, so hatte Andrew es sich auch vorstellt. Dass ihre Eltern nicht unbedingt Engel auf Erden waren war von Anfang an recht eindeutig gewesen. „Oh, nein, sie ist Kindergärtnerin. Wir sehen uns seit ich denken kann nur ein bis zweimal jährlich, aber darauf besteht sie trotzdem, besonders seit meine Eltern gestorben sind. Und sie war nicht aufzuhalten, Ezra einzuladen. Aber so können wir zumindest zusammen feiern“, erwiderte er. Ha, es war ja doch möglich, eine normale Konversation zu führen. Jetzt wäre es doch zu schön, wenn sie tatsächlich eine enge Beziehung zu Ezra hätte, damit Andrew sie um Tipps für ein Geschenk bitten konnte. Aber die Hoffnung musste er sich wohl nicht machen.
      Die Autofahrt erinnerte Andrew weitaus weniger an eine Foltermethode, als er erwartet hatte und jetzt musste er eigentlich nur noch hoffen, dass Ezra sich auch freuen würde, Caleb und Niamh zu sehen. Nur weil sie wieder ein wenig Kontakt zu haben schienen, hieß das ja nicht, dass sie sich nicht gleich gegenseitig die Köpfe abbissen…
      Andrew stieg aus dem Auto aus und bat die zwei im Zuge dessen, sitzen zu bleiben und kurz zu warten. Der Plan war, Ezra kurz vorwarnen zu können und seine Stimmung einzuschätzen. Und dann konnte er im Auto davon erzählen, wie schön die Stadt gewesen war, und zuhause dann, wie sehr ihm Richard auf den Arsch gegangen war.
      Andrew lief zum Ausgang des Gates, an dem Ezra gelandet war und konnte die beiden bereits auf sich zukommen sehen. Sein Herz flatterte. Aus Nervosität, vorwiegend. Seine Sorgen waren noch genauso lebendig wie gestern abend, trotz Ezras Nachricht. Auf der anderen Seite musste er seinen immensen Hass auf Richard unterdrücken, der bereits aufkochte, wenn er nur sein Gesicht sah. Andrew kam den beiden entgegen, ignorierte Richard bestmöglich und legte seine Arme für zwei lange Sekunden um Ezra, bevor er ihn noch einmal genauer unter die Lupe nahm. „Hi, wie war der Flug? Alles in Ordnung?“
      „Gut, ich verabschiede mich dann mal. Wir sehen uns dann bei der Arbeit“, kam es von der Seite und Andrew durfte noch Richards Grinsen erblicken, bevor er verschwand. Er schüttelte seine erneute Hasswelle wieder ab und ignorierte den Abschied. Besser, er verschwand einfach und Andrew konnte ihn sofort wieder ausblenden, als hätte er nie existiert.
      „Äh, kleine Vorwarnung, deine Geschwister sitzen in meinem Auto“, rückte Andrew dann etwas zaghaft heraus, während er Ezra sein Handgepäck abnahm.
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    • Ezra

      Der Flug war so angenehm, wie er eben sein konnte. Die Flugangst schien schlimmer zu werden, wenn man wenig geschlafen hatte, aber wenigstens versuchte Richard nicht, mit ihm zu reden, was eine unglaubliche Erleichterung war. Er hätte es nicht ausgehalten, seine Beziehung noch mehr zu hinterfragen, als unbedingt nötig. Letzte Nacht hatte er sowieso sein halbes Leben hinterfragt, das musste reichen, oder?
      Zumal ihm eine Beziehung zwischen Andrew und Richard irgendwie immer realistischer vorkam. Es wäre von Richards Seite aus vollkommen bescheuert, darüber zu lügen und Andrew...war Andrew. Falls er seine Beziehung bewusst nicht erwähnt hatte, würde es seine Gründe haben. So begriffsstutzig, wie sein atemberaubender Freund manchmal sein konnte, wenn es um Gefühle ging, würde sich Ezra nicht mal wundern, falls Andrew selbst gar nicht mitbekommen hatte, dass er in einer Beziehung gewesen war. Oder er wollte es einfach nicht zugeben, weil - wer würde schon zugeben wollen, Richard gedated zu haben?
      Eigentlich wollte er da gar nicht weiter drüber nachdenken. Er würde Andrew eh gleich sehen und konnte ihn selbst zur Rede stellen. Es brachte nichts, sich selbst mehr und mehr in den Selbstzweifel reinzureden.
      Andrew zu sehen hatte den selben Effekt, wie seine Nachricht - ein kurzer Schwall vollkommener Freude und dann ein furchtbar nervöses Gefühl, das er einfach nicht ausblenden konnte. Vor allem, als Andrew Richard weiterhin wie Luft behandelte. War das das Schicksal, das Ezra auch bevorstand? Alleine der Gedanke daran zerbrach ihm das Herz.
      "Ich glaube nicht, dass sich eure Probleme klären, wenn du ihn einfach wie Luft behandelst", merkte er vorsichtig an, während er nach Andrews Hand griff, um ihn zum Ausgang zu ziehen und stattdessen vollkommen irritiert stehen blieb. Seine Geschwister? Er warf Andrew einen verwirrten Blick zu, in der Hoffnung, sich einfach nur verhört zu haben. Das war ein ganz anderes Problem, auf das er definitiv nicht vorbereitet gewesen war. Neben dem Problem mit Nadia. Hörten die Probleme eigentlich irgendwann auch mal auf?
      "Mein Geschwister?", fragte er, etwas angespannter, als er beabsichtigt hatte. War es zu spät, sich einfach ein Taxi zu bestellen? Wahrscheinlich. Leider.
      Niamh und Caleb zu treffen war erwartungsgemäß relativ seltsam. Es begann schon damit, dass alle drei offensichtlich nicht wirklich wussten, wie sie sich begrüßen sollten Gefangen zwischen einer Umarmung und einem Händedrück einigten sie sich irgendwie auf ein neutrales Zunicken, bevor sie alle wieder ins Auto stiegen. Okay. Ein Problem nach dem anderen.
      "Was macht ihr hier?", begann Ezra das Gespräch, ein kleines bisschen überfordert und drehte sich in seinem Sitz, um zu seinen Geschwistern auf der Rückbank sehen zu können.
      "Du kannst Caleb nicht eine Nachricht darüber schreiben, dass irgendeine Irre ausgebrochen ist und dann einfach davon ausgehen, dass wir nicht sicher gehen wollen, dass es dir gut geht", rechtfertigte sich Niamh.
      "Ich hab ihm nur geschrieben, damit er im Zweifelsfall weiß, worum es geht und eingreifen kann", antwortete Ezra.
      "Oh. Zugegeben, ich hab die Nachricht nur, äh, überflogen. Sie war super lang und wirklich durcheinander." Caleb zuckte kurz mit den Schultern. "Tut trotzdem gut, dich zu sehen."
      Ezra presste die Lippen aufeinander und atmete einmal tief durch. "Okay. Wie lange bleibt ihr?"
      "Bis ihr zuhause seid. Wir fahren noch durch zu Mom und Dad", erklärte Niamh. "Andrew hat uns schon erzählt, dass du Weihnachten gut untergekommen bist, also bleibt uns nicht viel mehr, als euch viel Spaß und schöne Weihnachten zu wünschen."
      "Danke", antwortete Ezra überraschend aufrichtig. Er war zu müde für das alles.
      "Du siehst übrigens furchtbar aus", kommentierte Caleb mit beängstigendem Timing. "Schlaflose Nacht?"
      "Gutes Buch", konterte Ezra in der Hoffnung, dass sich die Diskussion damit erledigt hatte. "Ich bin wirklich froh, wenn wir zuhause sind und ich den Schlaf nachholen kann." Auch, wenn er sich nicht auf die Probleme davor freute. Aber die wollte er nicht jetzt klären. Nicht, wenn seine Geschwister dabei waren.
    • Andrew

      Ezra sah nicht nur aus, als hätte man ihm eine Pfanne übergezogen und seine Augen dann die ganze Nacht über mit Klammern aufgespannt, das erste was er zu Andrew sagte, war, dass er netter zu Richard sein sollte. Hätte er ihn nicht an der Hand mit zum Ausgang gezogen, wäre Andrew jetzt erst einmal fünf Minuten ungläubig in seiner Position verharrt. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Stattdessen begannen sich die Zahnrädchen in seinem Kopf zu drehen und hart daran zu arbeiten, herauszufinden, was seit gestern passiert war. Hatten die beiden sich irgendwie… angefreundet? Wie zur Hölle passierte so etwas? Und wieso sah Ezra dann aus, als wäre er durch die Hölle gegangen?
      Wie vermutet war er auch nur halb so froh über die Überraschung, seine Geschwister zu sehen. Kurz begann Andrew zu schwitzen, als er in den ersten Sätzen des Gesprächs in Ezras Stimmton seine sinkende Stimmung bemerkte, falls das noch möglich war. Er war jedenfalls äußerst dankbar, dass noch niemand ihren kleinen Auslfug von gestern Abend erwähnt hatte. Ezras Nachricht schien ja absolut nichts mit ihm zu tun gehabt zu haben. Nächstes Mal, aber es würde definitiv keines geben, lief er bestimmt nicht mehr gutgläubig mit.
      „Oh, ich bin am Nachmittag im Büro, also kannst du den ganzen Tag in Ruhe verschlafen, wenn du willst“, versuchte er ihn aufzulockern. Er wusste ja, dass Ezra kaum eine liebere Beschäftigung hatte, als zu schlafen und Andrew würde nicht so lange still liegen können, dass er ihm da irgendwie Gesellschaft leisten konnte.
      „Wie war es sonst so in Oslo? War… alles in Ordnung?“, tastete Andrew sich langsam heran. „Mit Richard?“, fügte er leise hinzu. Er warf Ezra einen kleinen Seitenblick zu. Noch konnte er irgendwie nicht ganz glauben, dass die beiden sich perfekt verstanden hatten. Vor allem, nachdem Richard es so auf ihn abgesehen hatte, und Andrew mittlerweile den Grund dafür kannte. Auch wenn das ja irgendwie eine schönere, aber auch verstörendere, Variante war, zu den Sorgen, die er gehabt hatte.
      „Und der Flug; war da alles okay?“ Bei Ezras Flugangst fand Andrew es ja noch um ein ganzes Stück bewundernswerter, dass er diesen Job mit ihm durchzog.
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    • Ezra

      Andrew würde ihm also nur den Vormittag über zur Verfügung stehen. Ezra wusste nicht so richtig, wie er sich dabei fühlen sollte - einerseits war es super, weil er so endlich seine Gedanken sortieren konnte, andererseits traf es direkt wieder einen der Punkte, die ihm seit gestern nicht mehr aus dem Kopf gingen. Er hatte das Gefühl, deutlich mehr von Andrew zu brauchen, als nur den Vormittag, aber er wollte sich nicht zwischen ihn und seine Arbeit stellen und…er hatte sich das deutlich einfacher vorgestellt.
      “Oh, es war okay, schätze ich. Ich werde wohl nie Pilot werden, oder mich mit Richard anfreunden, aber es ließ sich aushalten.” Ezra versuchte, möglichst fröhlich zu klingen, auch, wenn er das Gefühl hatte, dass es viel zu wenig Sauerstoff im Auto gab. Die ganze Beziehungssache brannte ihm auf der Zunge und jetzt, wo Andrew in greifbarer Nähe war, wollte er es einfach geklärt haben. Das einzige, was störte, waren seine Geschwister, die absolut nichts in seiner Beziehung verloren hatten.
      Caleb stieß ein wenig überzeugtes "Mhm" aus. "Blinzel zwei mal, wenn du Hilfe brauchst."
      "Es war anstrengend", rechtfertigte sich Ezra, ein Spur zu schnippisch. "Man ist in einem fremden Land mit langweiligen Leuten, die man kaum kennt und- warum erzähle ich dir das überhaupt?"
      Caleb lachte kurz auf, bevor er sich nach vorne lehnte und Ezra erfolgreich von der Rückbank aus die Frisur zerstörte. "Du wächst da noch rein. Bestimmt. Irgendwie. Denke ich."
      Ezra seufzte. "Ich bin zu müde hierfür. Und Richard ist nicht gerade die einfachste Reisebegleitung. Er schafft es mühelos, dass sich ein anstrengender Flug gleich doppelt so lang anfühlt." Ob Andrew je mit ihm geflogen war? Andrew hatte ihm erzählt, dass er England nur selten verlassen hatte, aber vielleicht hatte er Richard ja auch schon mal mit zu seiner Cousine genommen, oder so. Obwohl sich die Flüge wahrscheinlich deutlich kürzer angefühlt hatten.
      "Hab ich hier irgendwas verpasst?", fragte er schließlich, einfach, um selbst nicht reden zu müssen.
      Niamhs "Nope" kam einen Ticken zu schnell, aber er hielt es für besser, nicht näher nachzufragen. Irgendwie fand er es immer noch bizarr, dass sie und Caleb offensichtlich so versessen darauf gewesen waren, ihn mit abzuholen. Er hatte bisher immerhin ziemlich erfolgreich versucht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Wenn sie es jetzt geschafft hatten, Andrew um ihren Finger zu wickeln, konnte er direkt aufgeben. Richard würde sich bestimmt sofort freuen, nicht?
    • Andrew

      Sie hatten sich also doch nicht verstanden. Na schön, dann hatte Ezra seine kalte Schulter gegenüber Richard einfach so unpassend gefunden, auch wenn er ihn nicht leiden konnte. Was es irgendwie auch nicht besser machte. Sollte Andrew sich vielleicht doch mal mit Richard… aussprechen, oder sowas? Aber Ezra fehlte ein bedeutendes Puzzleteil, das Andrews Hass ein wenig rechtfertigte. Und das wollte er ihm ehrlich gesagt immer noch nicht erzählen. Besonders nicht, nachdem er ihn gerade alleine ins Ausland hatte fliegen lassen, ohne etwas zu sagen. Da würde er doch wie das größte Arschloch der Welt rüberkommen. Noch dazu schien Ezras Laune wirklich nicht glänzend zu sein, offenbar nicht nur wegen Richard. Er konnte den Job einfach nicht leiden, wie es aussah. Andrew bildete sich definitiv nicht ein, dass die Stimmung im Auto seltsam war, spätestens nachdem Niamh äußerst auffällig verneinte, dass Ezra irgendetwas verpasst hätte. Er warf ihr im Rückspiegel einen vielsagenden Blick zu. Hätte sie das vielleicht noch schneller sagen können?
      "Ich glaub dir sofort, dass Richard ein anstrengender Begleiter ist", wechselte Andrew das Thema wieder zurück auf ihn. Besser sie fingen garnicht erst davon an, was Andrew seit gestern gemacht hatte. Er würde Ezra nicht anlügen, aber er würde vermutlich im Auto in die Luft gehen, so wie Andrew die Lage momentan einschätzte.
      "Hoffentlich wird es das nächste Mal jede andere Person. Bestenfalls ich" Er lächelte dem Blonden kurz zu, dann konzentrierte er sich wieder auf die Straße. Bestenfalls war gut. Er würde nichts anderes passieren lassen.
      "Übrigens hab ich ein Fußballspiel in Liverpool gefunden, dass Amy sich mit George und den Kindern ansehen kann. Ich muss die Karten noch kaufen, aber, äh, das Spiel ist am 26.12., Liverpool gegen Burnley, keine Ahnung, aber dann dachte ich mir, ob wir nicht vielleicht auch hingehen wollen?" Andrew warf einen unsicheren Blick zur Seite. "Nur, wenn du willst. Ich hab keine Ahnung von Fußball, aber ich dachte mir, ich könnte ja doch mal ein bisschen Zeit mit meiner Familie verbringen, oder so. Du musst auch nicht mitkommen, wenn du nicht willst. Ich muss auch selbst nicht hingehen, wir können den Tag einfach allein in dem riesigen Haus verbringen"
      Die Schuldgefühle, nicht genug Zeit mit seiner übrigen Familie zu verbringen, auch wenn das von klein auf eher die Schuld seiner Eltern gewesen war, vergingen nicht. Aber der Auslöser für diese Idee war eher, dass er sich auf einmal glücklich schätzte, keine Kriminellen als Familie zu haben, die nicht einmal wussten, ob er am Leben war. Und vielleicht… wollte Ezra ja auch mal ein traditionelles Weihnachten mit vielen Leuten erleben und außerdem stand er ja so dermaßen auf Kinder, dass er Amy's Jungs vermutlich mehr mögen würde, als Andrew. Dann hatten die Kids eben einen anderen coolen Onkel, wenn Andrew schon so, Zitat, 'langweilig' war.
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    • Ezra

      "Oh. Sicher." Ezra wünschte sich wirklich, dass er sich mehr freuen könnte, während er aus dem Fenster sah und mit seinem Ring spielte. Fußball war nie so sein Ding gewesen, aber es wäre schon irgendwie mal was anderes, live im Stadion zu stehen, sich von der allgemeinen Laune anstecken zu lassen und Zeit mit Andrew und seiner Familie zu verbringen. Nur, dass ihm bei dem Gedanken jetzt irgendwie mulmig wurde. Den ganzen Tag mit Andrew und seiner Familie zu verbringen klang deutlich schöner, wenn man nicht fürchtete, dass die Beziehung bald zuende sein würde. Und dann? Was würde er ohne Andrew überhaupt machen?
      "Bist...bist du dir sicher, dass alles okay ist?", fragte Niamh mit einer untypischen Fürsorge von der Rückbank aus. Ihr besorgter Tonfall machte das alles fast noch schlimmer. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie und Cal diejenigen gewesen waren, mit denen er über das hier hätte diskutieren können, die ihm irgendwie geholfen hätten. Jetzt hatte presste er die Lippen zusammen, um nichts zu sagen, was er nicht sagen wollte. Aber kam es darauf noch an?
      "Es ist nichts. Ich..." Ezra atmete kurz durch, bevor er zu Andrew sah. "Richard hat mir über eure Beziehung erzählt. Es ist mir vollkommen egal, wen du mal gedatet hast, aber ich hätte es netter gefunden, es von dir zu hören." Eine Vorwarnung hätte den gestrigen Tag zumindest um einiges leichter gemacht. "Und er ist verdammt gut darin, so ziemlich jedes bisschen Selbstzweifel auszugraben und ins Rampenlicht zu stoßen. Ich hab die letzten Stunden damit verbracht, zu überlegen, ob unsere Beziehung überhaupt noch eine Zukunft hat und...ich bin einfach fertig." Er atmete erneut tief durch, während er den Blick von Andrew abwandte und wieder stur aus seinem Fenster sah. Okay. Das hatte irgendwie alles noch schlimmer gemacht. Jetzt hatte er das Gefühl, gleich in Tränen ausbrechen zu können. Vielleicht hätte er damit doch warten sollen, bis er zumindest ordentlich geschlafen hatte, obwohl an Schlaf gerade überhaupt nicht zu denken war.
    • Andrew

      Er hätte Ezra doch alleine abholen sollen. Seine Geschwister im Auto machten ihn definitiv nicht entspannter nachdem er offensichtlich eine anstrengende, schreckliche Reise und keinen Schlaf gehabt hatte. Am liebsten würde Andrew sie sofort nachhause teleportieren. Auch, weil er diese erdrückende Stimmung nicht mehr lange aushalten würde. Es war schon unangenehm gewesen, mit Caleb und Niamh alleine zu sein, wobei das im Vergleich hierzu noch Millionen Mal angenehmer gewesen war. Allerdings verstand Andrew es nicht so ganz. Ezra hatte sich doch von sich aus bei Caleb gemeldet. Und jetzt war es ihm so unangenehm, mit seiner Familie in einem Auto zu sitzen?
      Ja, das dachte er zumindest, aber offenbar hatte er weit daneben gelegen. Ezra antwortete zaghaft und machte allen plötzlich klar, dass Andrew das Problem im Auto war.
      "Meine… was?" Andrew zog die Augenbrauen zusammen. Er wollte sich noch hart gegen die Anschuldigung wehren, jemals Richard gedated zu haben, als ihm etwas anderes das Wort abschnitt. "Ob unsere Beziehung eine Zukunft hat? Was meinst du damit?", fragt er vielleicht etwas zu panisch, als gewollt. Das war doch bloß… ein sehr eigenartiges Missverständnis. Aber das betretene Schweigen von der Rückbank half auch nicht wirklich. Diese Autofahrt konnte nicht mehr unangenehmer werden.
      "Ich hatte nie etwas mit Richard, wie kommst du darauf?", fragte er ungläubig und begann dann im nächsten Augenblick nach einer Möglichkeit zu suchen, links ranzufahren. Er konnte sich definitiv nicht aufs Fahren konzentrieren, wenn Ezra davon sprach, mit ihm Schluss zu machen. Woher zur Hölle kam das? War es nur in Andrews Kopf so gut zwischen ihnen gelaufen? Oder lief bei ihnen alles so sehr in Zeitraffer, dass sie auch von einem Augenblick zum anderen plötzlich Schluss machten, ohne dass Andrew einen einzigen Schritt dahin nachvollziehen konnte? Er bekam diesen Gedanken noch nicht einmal richtig in seinen Kopf hinein, das hörte sich alles an wie ein wirklich geschmackloser Scherz. Aber Ezras ernster Ausdruck gefiel ihm nicht.
      Andrew fuhr schneller, um im nächsten Moment rechts in eine Tankstelle abzubiegen. Die Plätze waren bis auf ein weiteres Auto und einer alten Frau, die tankte, leer, also stellte er er den Wagen in Ruhe ab. Dann brauchte er einen Moment, bis er den Kopf wieder zur Seite drehen konnte. Er setzte zum Reden an, dann lenkte sein Blick automatisch nach hinten in Niamh und Calebs Gesichter.
      "Okay, nein. Steigt aus, holt euch was zu Trinken oder so. Ist mir egal", sagte er kurzerhand. Es war schlimm genug, dass sie gerade hier waren, aber wenn Ezra ihn abservierte, brauchte er keine weiteren vier Augen, die alles beobachteten. Aber soweit sollte es erstmal kommen. Er sah Ezra wieder an und pure Verzweiflung machte sich in ihm breit.
      "Kannst du mir… bitte ganz langsam erklären, was gerade in deinem Kopf passiert? Ich hab nämlich absolut nicht geplant, aus diesem Auto als Single auszusteigen. Ich hab nicht geplant, den restlichen Tag und die restliche Woche ohne dich zu verbringen. Ich hab dich ehrlich gesagt für jeden einzelnen Tag in den nächsten 50 bis 70 Jahren eingeplant, also bitte erklär mir deinen Gedankengang, damit ich richtig stellen kann, was du falsch verstanden hast. Und sei bitte ausführlich mit den Zweifeln, die dich keine Zukunft für uns sehen lassen, damit ich eine Chance hab, was dagegen zu tun" Konnte man sich eigentlich weigern, von jemandem verlassen zu werden?
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    • Ezra

      Ezra hörte das Klicken der Anschnallgurte schon, bevor Andrew seine Geschwister rauswerfen konnte. Offensichtlich hatten die beiden auch keine sonderliche Lust auf diese Diskussion. Obwohl er ihnen gerade wohl zumindest genug Stoff geliefert hatte, um die Fahrt zu ihren Eltern durch zu reden. Andrews Reaktion überraschte ihn allerdings viel mehr, als die beiden.
      Sie waren nicht zusammen? Aber darüber zu lügen wäre auf Richards Seite eine so dämliche Idee gewesen. Er hatte diesen Fall einfach kategorisch ausgeschlossen! Oder versuchte Andrew gerade, einfach krampfhaft ihre Beziehung zu retten? Was er da gerade sagte passte zumindest nicht zu den Sorgen, die seit gestern durch Ezras Kopf gingen. Die nächsten 50 bis 70 Jahre? Das klang fast zu schön, um wahr zu sein - und viel mehr nach seinen eigenen Vorstellungen. Auch, wenn es ihn vollkommen durcheinander brachte.
      "Ich...ich glaube nicht, dass ich etwas falsch verstanden habe", antwortete er, während er fühlen konnte, wie seine eigene Panik langsam anstieg. Vielleicht hätte er das ganze einfach nicht in sich reinfressen sollen. Er hätte einfach Andrew direkt anschreiben und fragen sollen, ob Richard die Wahrheit sagte. Fuck. Hatte er jetzt alles irgendwie ruiniert? "Richard hat- Es kam mir so abwegig vor, dass er über eine Beziehung lügen würde, gerade weil ich das so einfach prüfen könnte. Und alles, was er gesagt hat, klang so verdammt logisch. Ich liebe dich, Andrew. Ich will dich nicht verlieren, aber-" Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, während er versuchte, seine Gedanken irgendwie zu sortieren. Was er da vor sich hin plapperte musste unglaublich verwirrend klingen. Am liebsten würde er all seine Gedanken und Gefühle einfach direkt in Andrews Kopf projizieren. Leider hatte er den passenden Stein dazu noch nicht gefunden.
      "Alles an uns ist so furchtbar gegensätzlich. Du warst ein Held, ich hab mein Leben mit Diebstählen finanziert. Du stürzt dich in die Arbeit, während ich irgendwie versuche, mich damit zurechtzufinden. Ich will Kinder und du nicht und... Ich hab so eine unglaubliche Angst, dass du irgendwann aufwachst und realisierst, wie leicht du jemanden finden könntest, der so viel besser zu dir passt, jemand, der nicht so an dir klammert, jemand, der mehr so ist, wie du." Ezra schluckte und wischte die Tränen beiseite, die sich in seinen Augenwinkeln gesammelt hatten. "Und alleine der Gedanke daran, dass unsere Beziehung irgendwann wegen all dieser Gegensätze enden könnte fühlt sich an, als ob ich daran ersticken würde." Er konnte fühlen, wie wild sein Herz schlug, währen der sich all diese Bedenken von der Seele redete. Was wahrscheinlich richtig toll klang. Wer mochte es nicht, wenn sein Partner plötzlich die komplette Beziehung in Frage stellte? Gott, er war so verloren.
    • Andrew

      "Okay" Andrews Blick schoss zwischen Ezra, der Straße und seinen Geschwistern, die sich vom Auto entfernten, hin und her, während er nach Worten suchte. Und es war wirklich verdammt schwer, Worte zu finden, die Ezra irgendwie diese Sorgen nehmen konnten, die Andrew doch ebenso immer wieder hatte. Nicht, dass er eines Tages aufwachte und realisierte, dass ihm das alles nicht passte, sondern dass Ezra sich lieber jemanden suchte, der ihn nicht ewig lang auf Antworten zu lebenswichtigen Entscheidungen warten ließ. Dass er erneut die Sache mit den Kindern ansprach, setzte Andrew noch mehr unter Druck und er hasste sich selbst dafür. Am liebsten würde er einfach allem sofort zustimmen, das Ezra wollte. Er wollte ihn nicht aufhalten oder ihn von den Dingen fernhalten, die er in seiner Zukunft sah, aber Andrew wollte auch nicht, dass er ihm das alles vermieste, weil sich zu spät herausstellte, dass er selbst nicht damit klarkam. Er hatte nur gedacht, dass er mehr Zeit hätte, um das herauszufinden. Dass es Ezra so schnell in eine derartige Verunsicherung trieb, hatte er nicht erwartet, aber er hätte vielleicht damit rechnen sollen.
      "Also, ich kann dir zumindest… versprechen, dass zwischen Richard und mir noch nie etwas gelaufen ist. Ich wusste nicht einmal, dass er an mir interessiert seit könnte, bis zur Firmenfeier" Oh. Das war ihm rausgerutscht. Egal, wenn er weitersprach, vergaß Ezra es vielleicht wieder. "Ich kann ihn nicht leiden. Er war schon immer absolut… besessen von unserer kleinen Rivalität, seit der Ausbildung. Das hat mich schon immer genervt, aber ich dachte, wir wären Freunde. Bis es dann nicht mehr bei dem Necken geblieben ist, sondern wir uns physisch geprügelt haben, also kann ich dir versichern… dass das der einzige Körperkontakt war, den ich jemals mit diesem Typen hatte", erklärte er weiter und gestikulierte wild, weil ihm die Vorstellung einer Beziehung mit Richard so zu wider war. Er hatte auch nicht gedacht, dass er einen Menschen noch abstoßender finden konnte, aber dass er seinem Freund tatsächlich Lügen auftischte und ihm Dinge einredete, ging viel zu weit.
      "Und, ich meine, wir wussten doch von Anfang an, auf was wir uns einlassen. Ich war mir dessen zumindest sehr bewusst. Was du getan hast ist mir egal. Du hast es mir doch erklärt. Ich hab die letzten 9 Jahre nicht vergessen, aber wir sind beide weitergegangen in unserem Leben. Ich versteh es, wenn du den Job nicht leiden kannst und etwas anderes machen willst, Ezra. Das ist deine Entscheidung. Ich hoffe eben, dass du nicht zurück zu den Diebstählen gehst, einfach, weil ich dich nicht im Gefängnis besuchen will und ich nicht mehr dafür verantwortlich bin, was mit dir passiert, wenn du erwischt wirst. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht in der Angst leben will, hoffe ich, dass du deine Freiheit nicht wegwirfst, wenn du das riesige Glück hattest, quasi neu anfangen zu können" Er sah Ezra einen langen Moment an. Vielleicht sollte er ihm das nicht so an den Kopf werfen, aber er dachte auch nicht, dass er wieder zurück in die Kriminalität wollte. Immerhin hatte er jede Chance, ein ruhiges, normales Leben zu führen. Selbst wenn er garnichts tat, einfach nicht arbeitete, verdiente Andrew jetzt wohl immernoch genug, um zumindest sie beide zu versorgen.
      Andrew überlegte. Er wollte nicht schon wieder über Kinder sprechen, aber es totzuschweigen, trieb Ezra offensichtlich ungefähr so sehr in den Wahnsinn, wie es der Zeitdruck mit Andrew machte.
      Er setzte etwas leiser fort: "Es tut mir echt leid, dass ich dir nicht einfach so sagen kann, dass ich Kinder haben will. Ich weiß es einfach nicht. Ich will nichts überstürzen, nur damit du dann irgendwann merkst, dass ich nicht damit klarkomme und dir diesen ganzen Traum zerstöre, weil es mich einfach nicht halb so glücklich macht, wie dich. Aber ich weiß es ja nicht, vielleicht wäre ich es. Ich will es dich nur nicht glauben lassen, solange ich mir sicher bin" Andrew spürte, wie während seiner Erklärung sein Herz immer weiter sank. Für viele Menschen war das der Grund, der sie auseinander brachte und er könnte es Ezra nicht verübeln. Wer wollte schon Jahre mit jemandem verschwenden, nur um auf eine Antwort zu warten, die am Ende vielleicht die falsche war? Aber er konnte das nicht so stehen lassen, er wollte Ezra in seinem Leben haben. Er wollte, dass seine Zukunft auch Andrews war und sie damit beide glücklich waren.
      Ihn so zu sehen trieb Andrew langsam Tränen in die Augen. Seine Zweifel machten Sinn, früher oder später wären sie sowieso an diesem Punkt angekommen.
      "Ich kann es schon irgendwie verstehen, wenn dir das hier nicht reicht", murmelte er. "Ich würde auch sofort alles liegen und stehen lassen, Katzen adoptieren, in ein Haus ziehen und dich in Las Vegas heiraten, so schnell es geht. Aber Kinder… sind einfach… Menschen. Die ihr eigenes Leben haben und… ich weiß nicht, ob ich es schaffen würde, dem gerecht zu werden" Vor seinem geistigen Auge sah Andrew nur immer wieder dieses leere Kinderzimmer, das ihn bis in seine Träume verfolgt hatte. Er wollte nicht einer kleinen Person, die am Anfang ihres Lebens stand, alles versauen, weil er am Ende doch noch über Nadias Weg lief und nicht mehr nachhause kam. Oder weil er zu viel arbeitete, zu müde war, nicht kochen konnte und sich nie im Leben die Namen irgendwelcher Kinder-Freunde merken könnte. Er wäre wohl der schrecklichste Vater, den man sich wünschen konnte. Und er würde jede Sekunde, die ihn daran erinnerte, hassen.
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    • Ezra

      Das passte deutlich mehr zu der Beziehung mich Richard, die Andrew schon zuvor beschrieben hatte. Auch, wenn er nicht wirklich wusste, was mit der Firmenfeier gemeint war - die von MLO, oder meinte er eine vom Dezernat? Was war dort passiert? Aber Andrew fuhr so schnell mit seiner Ansprache fort, dass Ezra nicht genauer nachfragen konnte. Das würde wohl ein Thema für einen späteren Zeitpunkt werden. Hoffentlich keine weitere Diskussion. Es war schon kompliziert genug, irgendwie dahinter zu kommen, was Richards Absichten mit der Lüge gewesen waren. Hatte er Ezra einfach so verunsichern wollen? War er neidisch? Es hatte auf jeden Fall viel zu gut funktioniert und er hasste sich selbst dafür.
      "Ich hab auf dem Rückflug sein Handy geklaut und sämtliche seiner Kontakte umbenannt, falls dich das irgendwie glücklich macht", gab er zu. Er hatte einfach nicht nichts tun können. Richard war ihm zu sehr auf die Nerven gegangen und es war wunderbar einfach gewesen, sein Handy aus seiner Jackentasche zu ziehen, während er geschlafen hatte. Man war es irgendwie selbst Schuld, wenn man neben einem Dieb einschlief und Face-ID zum Entsperren nutze, oder? Was ihn direkt zum nächsten Teil von Andrews Rede brachte.
      Dem Teil mit der Kriminalität konnte er zumindest aus vollem Herzen zustimmen. Seine kriminelle Laufbahn war abgeschlossen. Er wollte seine Beziehung nicht für sowas aufs Spiel setzen und irgendwie war es auch wirklich angenehm, sich keine Sorgen darüber machen zu müssen, bei einem einzigen Fehltritt seine ganze Zukunft aufs Spiel zu setzen. Kleinere Rachefeldzüge ausgeschlossen. Auch, wenn er nicht wusste, welche anderen Alternativen er hatte. Er wollte seinen aktuellen Job nicht aufgeben. Mit Andrew zusammen zu arbeiten kam ihm wie ein absoluter Traum vor. Auch, wenn der sich offenbar genau so Gedanken zu machen schien, wie Ezra selbst.
      "Es ist okay", versicherte Ezra, als Andrew das Kinderthema ansprach und damit im Grunde sein größtes Problem aufgriff. Ezra streckte seine Hand nach Andrews aus und verschränkte ihre Finger miteinander. "Kinder sind eine Option, keine Grundvoraussetzung. Ich- Ich wollte dich damit nicht überfordern. Wir sollten uns diese Frage an diesem Punkt wahrscheinlich nicht mal stellen." Wie viele Paare dachten schon nach so kurzer Zeit über Kinder nach? Sie wohnten nicht mal zusammen. Aber der Tag, an dem in ihrer Beziehung mal irgendwas geregelt nach Plan und Norm lief, war der Tag, an dem Ezra an Wunder glauben würde. Eher würde die Welt untergehen.
      "Ich kann ohne Kinder leben, die ich nie kennen gelernt habe, aber ich könnte nicht ohne dich leben. Fuck, Andrew, ich würde deinem Plan ohne zu zögern zustimmen. Auch, wenn ich mir den Antrag immer etwas romantischer vorgestellt habe." Er stieß ein tränenersticktes Lachen aus. Es war absolut schräg, Andrew jetzt übers Heiraten reden zu hören. Zum einen, weil das seine sowieso schon chaotischen Gefühle nur noch weiter durcheinander brachte, zum anderen, weil das ein Thema war, über das Ezra nie nachgedacht hatte. Natürlich hatte er immer gehofft, mit Andrew alt zu werden, aber Heiraten war ihm irgendwie nie wirklich in den Kopf gekommen. Obwohl der Gedanke absolut wunderbar war.
    • Andrew

      "Ja, klar, das… war echt schwach für einen Antrag" Er lachte leicht. Es hatte auch keiner werden sollen, es war einfach so aus ihm heraus gesprudelt. Aber Ezra sagen zu hören, dass Andrew ihm reichte, ließ ihn fast in Tränen ausbrechen. Nur wollte er nicht, dass sie beide aufgelöst hier saßen, also überließ er das mal Ezra. Nach den letzten 24 Stunden mit Richard würde wohl jeder erstmal heulen.
      Abgesehen davon konnte Andrew seine Erleichterung kaum in Worte fassen. Ezra wollte nicht wieder anfangen, Leute zu bestehlen, wohl aufgenommen von Richard, aber da würde nicht einmal Gott etwas dagegen haben, wenn es ihn gab. Und er war scheinbar nur einer Art Gehirnwäsche unterzogen worden. Auch wenn Andrew es sich ziemlich zu Herzen nahm, wie einfach das wohl gegangen war. Hatte er in seiner einzigen Aufgabe, Ezra zu zeigen, dass er ihn liebte und es ernst meinte, echt so versagt? Wenn man ihn so leicht vom Gegenteil überzeugen konnte, musste Andrew vielleicht etwas am Ausdruck seiner Gefühle arbeiten. Oder… einfach mal anfangen, sich nicht zurückzuhalten, um nicht zu anhänglich zu wirken. Was ihn auf den nächsten Punkt brachte.
      "Du kannst mir übrigens nicht zu anhänglich sein, ich konnte kaum schlafen, weil du nicht da warst. Lag vielleicht… auch daran, dass Niamh mich manipuliert hat, ihr bei einem Einbruch zu helfen. Ich, äh, weiß nicht, wie ich dazu stehe, dass ich die beiden jetzt vielleicht öfter sehe, aber zumindest werd ich den Fehler nicht nochmal machen" Wo sie schon dabei waren, nichts unausgesprochen zu lassen. Aber über die Firmenfeier zu reden, kam ihm dann doch zu viel vor. Er musste ja nicht gleich jede Grenze austesten, die es gab.
      "Abseits… davon… überleg ich mir auf jeden Fall was besseres, als eine Tankstelle, wenn ich dir einen Antrag mache" Und mit der Aussage lenkte er Ezra hoffentlich genug von seiner letzten ab. Eigentlich konnte er das auch nur sagen, weil Ezra praktisch Ja gesagt hatte, zu einem Antrag, der keiner war. Andrew wollte zwar nicht gleich alles auf die Probe stellen, indem er noch einen Schritt weiter ging, als zeitlich vorgesehen wäre, aber er behielt es zumindest im Hinterkopf. Er hatte sich in seinem Leben noch nie bei jemandem so zuhause gefühlt, wie bei Ezra. Gemessen an ihrer Hintergrundgeschichte war das wirklich seltsam, aber es hatte höchstens zwei Tage gebraucht, um ihm sein volles Vertrauen zu schenken. Es gab keine Situation, in der Andrew ihn nicht bei sich haben wollen würde und die er nicht besser machen könnte, indem er da war. Was waren schon die Kriterien, um jemanden zu heiraten? Andrew konnte sich keinen besseren Grund vorstellen, als seinen eigenen. Auch wenn es vielleicht ein wenig… unnötig war, weil Ringe an ihren Fingern auch nichts drastisch ändern würden. Aber es war eine nette Zeremonie. Und das würde dann vielleicht sogar die hintersten Reihen, also Ezras Familie, davon überzeugen, dass sie es ernst meinten.
      "Und, nur so rein hypothetisch. Ich zahle momentan ziemlich unnötig meine Miete. Ich glaub in den letzten zwei Wochen war ich… zwei Mal zuhause, um die Post und frische Kleidung zu holen" So viel dazu, dass er sich Ezra nicht mit einem Einzug aufdrängen wollte, aber scheinbar hatte der ja das Gefühl, dass Andrew das alles hier zu locker sah. Er liebte zwar seine Wohnung, so klein sie auch war, weil nunmal tausende Erinnerungen darin steckten, aber er liebte Ezra deutlich mehr als ein überteuertes Zimmer im 3. Stock eines Wohnhauses in London.
      "Weißt du, wenn die wegfallen würde, rein hypothetisch, müsstest du noch nicht einmal arbeiten gehen, weil ich mir locker deine Betriebskosten und sogar unsere Essensbestellungen leisten könnte. Auch, wenn die uns irgendwann beide in den finanziellen Ruin treiben. Einer von uns muss lernen zu kochen" Er schmunzelte. Dann lehnte er sich ein Stück vor und wischte über Ezras leicht verweintest Gesicht. "Wenn ich eines Tages aufwachen sollte, und meine Meinung über irgendetwas ändere, dann ist es höchstens dein Einrichtungsstil", murmelte er. Er küsste ihn, lehnte seine Stirn dann einen Moment gegen Ezras und atmete durch. Es war alles gut, er war noch hier.
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