The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Ezra

      Je länger sie fuhren, desto mehr Ruhe kehrte ein. Sie hatten ganze zehn Minuten geschafft, ohne, dass sie jemand verfolgte, das war ein solider Anfang, nicht? So oft, wie sie abgebogen waren, wurde es immer unwahrscheinlicher, dass man sie noch finden würde. Ezra spielte mit dem Messer, während er die Landschaft betrachtete und versuchte, irgendwie einen halbwegs anständigen Plan dafür zustande zu bringen, wie sie wieder nach Hause kommen sollten. So ramponiert, wie sie gerade waren, würden sie an jedem Flughafen sofort auffallen, aber er wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis irgendjemand den Wagen als gestohlen melden würde. Es war schwer, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, während das Brennen in seiner Hand von einem dumpfen, unangenehmen Pochen abgelöst wurde und sich sein Kopf immer noch anfühlte, als wäre er in Watte gepackt worden. Trotzdem beantwortete er Andrews Frage nach seinem Befinden mit einem "Alles gut". Es brachte ja nichts, wenn sich zwei Leute Sorgen machen würden. Aber Andrew schien eh etwas ganz anderes im Kopf zu haben.
      Es war fast schon...witzig. Vielleicht war es die übertriebene Erleichterung, nach dem ganzen Stress, aber Ezra musste an sich halten, um nicht aufzulachen. "Oh. Psycho-Barbie ist auch irgendwie davon ausgegangen, dass wir zusammen sind. Sie hat sogar einen kleinen Monolog darüber gehalten, wie toll sie unsere Beziehung findet." Obwohl man sich vielleicht nicht auf die Meinung einer Person verlassen sollte, die einem die Hand durchstochen hat. Auch, wenn sie in manchen Punkten vielleicht gar nicht so weit daneben gelegen hatte, auf ihre eigene, seltsame Art. "Fast ein bisschen frustrierend. Ich flirte mich seit fast zehn Jahren um Kopf und Kragen ohne dass du es merkst und die beiden brauchen nur einen halben Tag, um-" Ezra stockte. Das hatte er eigentlich nicht laut sagen wollen. "Vergiss es. Nicht so wichtig."
    • Andrew

      Andrew stutzte und hielt den Blick stur geradeaus auf die Straße gerichtet. Um-? Um was? Es war still, weil Ezra seinen Satz abgebrochen hatte und Andrew nichts zu sagen wusste. Was sollte das heißen, er flirtete mit ihm, ohne dass er es merkte? Natürlich merkte er das! Aber welchen Sinn hatte es, auf solche Witze immerzu einzugehen? Waren es… keine Witze?! Das war fast zu beunruhigend bei den verrückten Anspielungen, die teilweise aus Ezras Mund kamen. Andrews Stirn runzelte sich, nun aus einer anderen Art der Panik, die beinahe die Todesangst von vorhin übertrumpfte. Ihm kamen die ganzen Dinge in den Sinn, die er über die Jahre wöchentlich von Ezra zu hören bekommen hatte. Das letzte Mal lag garnicht so weit entfernt: Erst heute Nacht in der Zelle hatte er die Handschellen romantisiert. Es gab gerade einiges, das Andrew verarbeiten musste. War er nicht hetero?! War er irgendwie… interessiert an ihm? Hatte er einen Bondage Kink? Was zur Hölle wollte ihm da gerade eben rausrutschen, bevor er sich selbst abgeschnitten hatte?

      Andrew entwich ein nervöses Lachen und er hielt die Augen weiterhin auf die Straße. „Was ist?“, lachte er. „Was wolltest du sagen?“
      Er konnte es sich selbst denken. Aber nach all den Jahren war es nicht leicht zu akzeptieren, dass sich plötzlich alles ändern könnte. Dabei war alleine der Gedanke, etwas könne sich ändern, komplett blödsinnig. Dazu müsste er schließlich… vor sich selbst zugeben, dass er gar nichts gegen das Flirten hatte, oder dagegen im selben Bett zu schlafen.
      “Du… meinst das doch nicht ernst, oder?“ Jetzt, wo er darüber nachdachte, kamen ihm doch Zweifel. Was wenn das wieder nur einer Ezras Witze war… und Andrew begann sie tatsächlich ernst zu nehmen. „Ich meine, wir kennen uns doch seit einer Ewigkeit und du hast so viel Schwachsinn zu mir gesagt, da können sich Außenstehende schonmal wundern. Auch wenn mir ein Rätsel ist, wie diese Frauen darauf kommen, die ich in meinem Leben noch nie gesehen hab. Aber ein Dieb und ein Held? Das ist noch nicht einmal das Verrückteste an der ganzen Sache… ha ha“ Da war es wieder, das nervöse Gebrabbel. Konnte er nicht einfach mal seinen Mund halten und die Dinge erst denken, bevor er sie aussprach?
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Vor ein paar Jahren hatte Ada es mal geschafft, Ezra in einem Freizeitpark auf einen Freefall Tower mitzuschleifen. Im Moment hatte er ein ganz ähnliches Gefühl - so, als würde er sich im freien Fall befinden, plötzlich doch unsicher darüber, ob die Sitze anhalten würden, bevor man auf dem Boden aufschlug. Er hatte immer schon irgendwie mit diesem Moment gerechnet, aber das machte es nicht besser und ein eleganter Themenwechsel schien absolut unmöglich zu sein.
      "Zehn Jahre-", begann er, während er zu Andrew sah, "-und du bist nicht auf die Idee gekommen, dass der ein oder andere Flirt vielleicht ernst gemeint war? Ist dir bewusst, wie hoffnungslos verknallt ich in dich gewesen bin, als wir uns das erste mal gesehen haben? Gott, Andrew, das erste mal, als du mich geschnappt hast, hast du das nur geschafft, weil ich angehalten habe! Ich hatte kurz überlegt, dich um ein Date zu bitten, nur, um es dann aus Panik doch nicht zu tun." Das war definitiv zu viel Information, aber irgendwie fühlte sich das alles seltsam...befreiend an? Er hatte das alles noch nie laut ausgesprochen. Andrew hatte Recht. Es war verrückt. Es hätte wahrscheinlich nie funktioniert. Aber damals hatte Ezra das nicht interessiert. Er war jung gewesen und Andrew war die einzige Konstante in seinem Leben. Das hatte ihm gereicht.
      "Du bist nicht interessiert. Ist okay. Ich hab es akzeptiert." Und eigentlich hatte er auch gedacht, dass er drüber hinweg war, aber irgendwie schien das nicht ganz zuzutreffen. Es tat weh. War das hier dieser kritische Punkt, der ihre komplette Freundschaft auf den Kopf stellen würde? Wenn man das zwischen ihnen überhaupt als Freundschaft bezeichnen konnte? Wann war das alles so unfassbar kompliziert geworden?
      "Können wir jetzt einfach das Thema wechseln? Bitte?", fragte er schließlich leise, während sein Blick wieder zurück zur Landschaft wanderte.
    • Andrew

      Hoffnungslos verknallt?! Davon hatte er definitiv nichts gewusst. Alles, worüber er damals nachgedacht hatte, war seinen Jobs möglichst gut zu machen, da er gerade die Ausbildung beendet hatte und einen guten Eindruck machen wollte. Natürlich konnte er auch die Verbrecher in attraktiv und unattraktiv einteilen, aber das hatte wirklich keine Rolle gespielt. Wenn überhaupt, war sein Interesse an ihm als Person nach einigen Monaten, eher Jahren langsam entstanden, da Ezra jede Woche dieselbe Routine mit ihm abgezogen hatte und sie dadurch hin und wieder mal zum Reden – oder sich körperlich näher gekommen waren, bei einigen der heftigeren Verfolgungsjagden… Aber ein Held und ein Dieb, das war wirklich… lächerlich…
      "Du bist nicht interessiert. Ist okay. Ich hab es akzeptiert."
      Jetzt mal langsam.
      Ihre Beziehung hatte sich in den letzten zwei Wochen um hundertachtzig Grad gewendet. Sie waren weder Held noch Dieb, sie waren bloß zwei Möchtegern Heilige, die sich nur mit Verbrechen zu helfen wussten. Und das Seite an Seite, weil sie sich aus irgendeinem Grund beide für das Wohl der Menschheit verantwortlich fühlten. Es war ein glatter Fiebertraum. Und doch hatte sich eine Grenze zwischen ihnen aufgelöst. Hatte er jemals Interesse an dem Blonden gehabt? Wohl eher nicht ernsthaft. Für ihn war so etwas niemals infrage gekommen, egal ob da eine gewisse Spannung oder Chemie existierte. Und die hatten sie unweigerlich… Sonst hätte Andrew seine Akte längst dem nächsten Trottel im Dezernat übergeben, der sich mit Ezra herumschlagen wollte. Er hatte vor allem niemals über die Möglichkeit nachgedacht, jemals mit ihm zu arbeiten, anstatt gegen ihn. Wenn es immer so gewesen wäre, dann hätte er bestimmt… die Option in Betracht gezogen…
      "Nein, Moment. Ich will nicht das Thema wechseln, ich-", setzte er mit fester Stimme an, denn er würde das jetzt ausdiskutieren oder nie, wenn da tatsächlich etwas zwischen ihnen zu sein schien, das bisher unausgesprochen geblieben war.
      Aber das Universum wollte offensichtlich, dass es weiterhin unausgesprochen blieb. Auf der Straße tauchte plötzlich etwas auf- ein Reh!
      Andrew machte eine Vollbremsung, lenkte schnell zur Seite und riss den Wagen dabei unabsichtlich in den Waldrand hinein. Mit einem Krachen kamen sie zu stehen und Andrew wurde in den Sitz zurück gedrückt. Ein Baum hatte sie gestoppt. Mit schockiertem Blick betrachtete er die Rauchwolke, die vor der Windschutzscheibe aufstieg. Oh Nein. Er schnallte sich ab und stieg aus. Ein Blick auf die zerdepperte Motorhaube, dann auf das geplatzte Vorderrad. Das konnte nicht wahr sein. Er hatte ihr Fluchtauto geschrottet.
      Um die Wut auf sich selbst unter Kontrolle zu halten und nicht tobend auf das Auto einzuschlagen, schloss er die Augen. Er stützte sich mit einem Arm an der Autotüre ab. Okay, nur die Ruhe. Es brachte nichts, jetzt auszuflippen. Sie waren weit genug weg von den Psychokillern und… naja… hier war weit und breit nichts.
      "Du… äh… ich denke, wir müssen zufuß weiter", teilte er Ezra unter zusammengepressten Zähnen mit. Dann konnten sie ja seelenruhig weiter darüber sprechen, ob ein Date nicht eine gute Idee wäre. Oder am besten betrachteten sie ihren Spaziergang durch Moskaus Einöde mit verbrannter Kleidung und durchlöcherter Hand schonmal als erstes Date! Hervorragend.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Es war wahrscheinlich noch nie jemand dermaßen froh über einen Wildunfall gewesen, wie Ezra in dieser Sekunde. So konnten sie doch noch das Thema wechseln und er hatte es irgendwie geschafft, sich bei dem Crash nicht versehentlich an dem Messer in seiner Hand zu schneiden. Vielleicht wurde der Tag doch noch besser!
      "Wir hätten das Auto wahrscheinlich eh nicht lange brauchen können, falls es dich tröstet", merkte er an, während er die Tür an seiner Seite aufdrückte - und sie anschließend fast in der Hand hielt. "Das Risiko, dass jemand das Auto tracked wäre zu hoch gewesen." Trotzdem wäre es deutlich angenehmer gewesen, wenn sie es bis in die nächste Stadt geschafft hätten. Dort hätten sie ein anderes Auto knacken können, oder mit der Bahn fahren können, oder so. Aber es half nicht, sich jetzt darüber zu beschweren.
      Ezra schob das Messer in seinen Ärmel und sah kurz die Straße entlang. Sie waren wirklich irgendwo im Nirgendwo gelandet. Links und rechts der Straße war ein lichter Wald, in keine der beiden Richtungen war eine Stadt zu erkennen. “Ich würde vorschlagen, dass wir ein paar Schritte in den Wald hinein gehen und dann der Straße folgen. So verlaufen wir uns nicht, werden aber auch nicht überfahren. Ich glaube, das würde ich heute nicht mehr aushalten.” Ezra lachte schwach, während er um das Auto herum ging, um einen Blick in den Kofferraum zu werfen. Vielleicht gab es ja irgendwas, was ihnen weiterhelfen könnte. Eine Karte, oder so. Auch, wenn das nicht sehr wahrscheinlich war - wer nutzte heutzutage noch Karten?
      Niemand, offenbar. Der Kofferraum war leer. Also mussten sie sich wohl selbst irgendwie durchschlagen. Für einen Moment wollte Ezra Andrew einfach mitziehen, dann überlegte er es sich anders und schob seine Hände stattdessen in seine Jackentaschen, wobei er kurz das Gesicht verzog, als sich die Wunde an seiner Hand wieder meldete. Das wäre definitiv etwas, was ihn die nächsten Tage wach halten würde.
    • Andrew

      Sich jetzt nicht zu ärgern erforderte ein Level an Selbstkontrolle, das Andrew ganz einfach nicht besaß. Seine Laune war dermaßen im Keller, dass er am liebsten in den Wald hineingeschrien hätte, aber er wollte Ezra nicht glauben lassen, dass er jetzt auch noch den Verstand verlor. Er hatte Hunger, Durst, war todmüde und hatte seit mehr als 24 Stunden keinen Kaffee im System. Wie beschissen konnte ein Tag sein? Ganz abgesehen von dem ekelhaften Keller, den Handschellen und den Psychotanten, die er eben abfackeln musste mit der letzten Energie, die noch in seinem Körper gesteckt hatte. Und dann meinte Ezra, er konnte einfach so das Thema wechseln, nachdem er eine Bombe fallen gelassen hatte?!
      Leicht genervt stapfte Andrew mit dem Blonden in den Wald hinein. Ihm war kalt. Seine Jacke hatte er schon längst aufgegeben, alles Brauchbare daran war eigentlich nur Ezras provisorischer Verband. Sein Pullover darunter hing ihm ebenfalls in Fetzen vom Körper und sogar das T-Shirt hatte das Feuer nicht überlebt, wodurch der eisige Wind ihm direkt in die Knochen fuhr. So eine verdammte Scheiße. Und dann war der Waldboden auch noch matschig und verdreckte seine Schuhe. Über den Boden müssten sie aber nicht laufen, wenn der Wagen nicht in einem Baum stecken würde!
      Andrew beschloss einen tiefen Atemzug zu machen. Noch nie hatte er jegliche Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen haben musste, um an diesem Punkt anzukommen, so sehr bereut wie jetzt. Offensichtlich hatte er ja alles falsch gemacht, wenn er nicht einmal gemerkt hatte, dass Ezra auf ihn stand als sie jünger waren. Ehrlicherweise hätte eine Beziehung mit einem Kriminellen sein Liebesleben nicht einmal verschlimmern können, nach den ganzen Gestalten, mit denen er üblicherweise ausging.
      Nach einer Weile sagte er also: "Also… vorhin meinte ich nur, dass ich damit nie gerechnet hätte. Woher hätte ich denn bitte wissen sollen, welche deiner Aussagen ernst zu nehmen sind? Und wir haben gegeneinander gearbeitet. Ich hätte das nicht einmal ernst nehmen können, wenn ich wollte" Er warf dem Blonden, der neben ihm durchs Unterholz stapfte einen analysierenden Blick zu. Er meinte doch, er stand früher mal auf ihn. Wieso interessierte es ihn denn dann noch, was Andrew heute darüber dachte? Dass er nicht interessiert wäre? Er hatte ihm doch nie die Chance gegeben, das zu bestätigen. Doch vermutlich hätte er ihn damals auch abweisen müssen. So etwas konnte schließlich nicht funktionieren. Außerdem schien Andrews Gay-dar kaputt zu sein. "Du nimmst mir das doch jetzt nicht übel, oder?", fragte er langsam. "Ich meine, mittlerweile ist das ja auch 'ne ganz andere Geschichte", fügte er dann noch hinzu und bereute es in der Sekunde wieder. Das klang ja wie ein Hey, lass es uns doch jetzt versuchen, weil wir beide Verbrecher sind!
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Ezra

      Es wäre auch zu schön gewesen, wenn Andrew das Thema einfach fallen gelassen hätte. Warum musste er das ganze jetzt noch analysieren? Es war fast zehn Jahre her! Mit ein paar kleinen Phasen zwischendrin, aber das musste Ezra ihm jetzt nicht noch zusätzlich auf die Nase binden. "Was sollte ich dir übel nehmen? Es ist, wie es ist." Ezra zuckte mit den Schultern und versuchte, seine Stimme irgendwie neutral zu halten. "Aber nett zu wissen, dass dein Job uns jetzt nicht mehr auseinander halten würde", fügte er schließlich schnippisch hinzu. Etwas schärfer, als er es eigentlich sagen wollte.
      "Können wir einfach-" Ezra stockte, als das Licht um sie herum plötzlich verschwand, als ob jemand spontan die Sonne ausgeknipst hätte. Man konnte kaum noch die Hand vor Augen sehen, was furchtbar irritierend war. Und das schlimmste daran? Ezra kannte den Stein und seine Besitzerin. Er schaffte es gerade noch so, ein sehr gefühlvolles "Ach scheiße" auszustoßen, als ihn von hinten zwei Finger am Nacken berührten und er in sich zusammensackte.


      Das Haus war leer. Ezra war sich vollkommen sicher. Es stand kein Auto in der Einfahrt und in den letzten Minuten hatte er keinerlei Bewegung gesehen. Er wusste, dass seine Überwachung nicht lang genug gewesen war. Es war vollkommen idiotisch, in ein Haus einzubrechen, dass er nicht über Stunden hinweg beobachtet hatte, aber...was hatte er zu verlieren?
      Der junge Mann warf einen letzten Blick auf sein Handy, entschied sich, Henrys letzte Nachricht zu ignorieren und trat aus dem Schatten heraus auf das Haus zu. Er konzentrierte sich auf den Stein an seiner Kette, während er das Schloss knackte, um keinerlei Geräusche zu machen. Es war fast vier Jahre her, dass er ihn von Caleb geklaut hatte, um geräuschlos von zuhause abzuhauen, aber seit dem hatte er den Stein wahrscheinlich öfter genutzt, als jeden anderen. Meistens, um sich aus Henrys Haus zu schleichen - aber hey, welcher Teenager machte das nicht?
      Im Vergleich zu der warmen Abendluft draußen, war das Haus überraschend kühl. Ezra zog die Tür wieder hinter sich zu, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sah sich vorsichtig in dem kleinen Hausflur um. Er wusste nicht, was ihn heute in diese Nachbarschaft zu diesem Haus gezogen hatte, aber es schien keine schlechte Entscheidung gewesen zu sein. An einer kleinen Garderobe hingen mehrere Taschen, die eventuell Geld beinhalten könnten. Durch eine halb geöffnete Tür konnte er einen Laptop auf dem Wohnzimmertisch sehen. Das Haus war komplett still.
      Ezra ignorierte die Taschen und den Laptop und ging zuerst nach oben, in der Hoffnung, Schmuck oder Bargeld zu finden. Er würde den Rest auf dem Rückweg mitnehmen. Das erste Zimmer, dass er betrat, schien ein Jugendzimmer zu sein. Er verschwendete nicht viel Zeit und schlug sich zu dem Elternschlafzimmer durch, welches hinter der nächsten Tür lag. Das erste, was ihm ins Auge stach, war der Stein, der auf dem Nachttisch lag. Kurz zögerte Ezra, dann streckte er die Finger danach aus und strich über die smaragdgrüne Oberfläche. Caleb wüsste direkt, was der Stein könnte und Niamh würde ihm raten, den Stein als erstes zu nehmen. Gott, er musste aufhören, so zu denken.
      Ezra ließ den Stein liegen und zog stattdessen die Schublade des Nachttisches heraus. Uhren. Auch ein passabler Start, nicht?
    • Andrew

      "So hab ich das nicht gemeint", sagte Andrew sofort und riss den Kopf zu Ezra herum. Er hatte doch nur sagen wollen, dass seine ganze Eistellung sich geändert hatte. Aber dann sah er plötzlich nichts mehr. "Ezra?", fragte er verwirrt. Was war denn jetzt wieder los? War er spontan erblindet?! Panisch versuchte er irgendetwas zu sehen, doch jemand hatte anscheinend einfach das Licht im Wald ausgeknipst. Da hörte er den Dieb fluchen. Und im nächsten Moment spürte er irgendetwas im Nacken und wie seinen Körper das letzte Fünkchen Kraft verließ.

      9 Jahre zuvor…

      "Morgan, Sie kommen heute mit mir", ertönte es aus dem Büro und älterer Mann kam heraus. Sergeant Gray hatte ihn gerade ernsthaft aufgefordert, ihn zum Außendienst zu begleiten. Träumte Andrew? Er musste sich zusammenreißen, um den Mann nicht mit glitzernden Augen anzustarren, doch er wartete nun seit knapp einem Jahr darauf, mal sein Partner zu sein. Gray war dafür bekannt, die Neueinsteiger in ihrer ersten Woche mitzunehmen, um ihnen einen Schrecken einzujagen. Meistens wählte er vorhersehbare Verfolgungsjagden, Schusswechsel oder sogar Mordfälle dafür aus, um zu sehen, aus welchem Stoff die Neuen gemacht waren. Doch Andrew hatte es bisher gerade mal zur Streife geschafft und den Rest der Zeit die Papierarbeit des ganzen Dezernats erledigt, als wäre er irgendeine Hilfskraft. Dabei strengte er sich wirklich an. Es war schrecklich unfair und er war so oft kurz davor gewesen, sich einfach zu jemandem ins Auto zu schmuggeln. Aber er wollte den Job nicht verlieren, wo er ihn doch gerade erst bekommen hatte und… immerhin wusste er nicht, was er sonst mit seinem Leben tun sollte. Aber heute war der Tag gekommen, zum Glück noch bevor Gray in den Ruhestand ging. Er konnte dem Sergeant zeigen, dass er professionell und talentiert war und niemanden entwischen ließ! Außerdem konnte er seine Steine endlich mal richtig nutzen.

      Die Fahrt war kurz und Gray sprach kein Wort mit ihm, er antwortete lediglich auf ein paar Funkdurchsagen. Aber das machte nichts. Dies war der Zeitpunkt, um einen echten Helden bei der Arbeit zu beobachten. Nach einer Weile blieben sie in einer Wohnstraße stehen. "Ein Einbrecher", sagte Gray plötzlich. "Wir versuchen ihn seit Wochen zu fangen, aber er rennt wie eine verdammte Gazelle auf der Flucht. Also, zeigen Sie, was Sie können"
      Andrew stockte. Moment, was? Er sollte da alleine hineingehen? Was, wenn er bewaffnet war?
      Er versuchte den Gedanken schnell abzuschütteln. Er war schließlich ein Held, verdammt. Das hier war sein Job. Und er hatte nunmal auch Steine im Repertoire. So etwas sollte ihn nicht einmal stutzen lassen. Er nickte Gray zustimmend zu und stieg aus dem Auto. Dann rückte er erst einmal sein Jackett zurecht. So eine dämliche, überhebliche Uniform hatte man wohl auch nur in diesem Beruf.
      In schnellem Schritt lief er auf das Haus zu. Der Einbrecher musste den Wagen längst gehört haben, also war er sicher am Weg hinaus. Und das bestimmt nicht durch die Eingangstür. Das Haus hatte zwei Stockwerke, er würde bestimmt nicht oben rausspringen, auch wenn man sich aufgrund der variablen Eigenschaften von Steinen nie ganz sicher sein konnte. Doch in der Akademie hatte er gelernt, immer vom logischsten Fall auszugehen. Man konnte nie alles vorhersagen. Er beeilte sich also, lief in das Haus hinein und nutzte den winzigen privaten Stein, den er seit Jahren bei sich trug. So konnte er im dunklen Haus sehen, als wäre es taghell. Das war von Vorteil, denn so konnte sich niemand in irgendwelchen dunklen Ecken vor ihm verstecken. Er ging vorsichtig hinein und lauschte. Er hörte rein gar nichts. War er noch nicht dabei zu fliehen? Oder war er bloß sehr leise? Wenn er noch nicht auf der Flucht war, musste er sich wohl oben bei den Schlafzimmern aufhalten…
      Andrew eilte sofort die Treppe hinauf. Hören würde man ihn ohnehin bei jedem Schritt auf diesem alten Holz, also bestand keine Notwendigkeit sich noch zu bemühen. Er schlug oben eine Tür auf, dann die nächste. Immer auf der Hut, jemandem gegenüber zu stehen, der ihn überwältigen wollte. Doch Andrew war schnell. Es gab einen Grund, wieso er als Klassenbester abgeschnitten hatte, auch wenn man im Dezernat seinen Wert nicht erkennen wollte.
      Und dann stand er auf einmal tatsächlich jemandem gegenüber. Zum ersten Mal konfrontierte er in diesem Job tatsächlich einen Verbrecher. Aber- ein Junge?
      "Fallen lassen", sagte er laut, als er etwas in seiner Hand erkannte. Andrew behielt ihn genau im Auge. Man hatte den Dieb seit Wochen nicht fangen können, also hatte er jemanden erwartet, der entweder wahnsinnig stark oder mit haufenweise Steinen ausgerüstet war, aber woher würde ein Teenager schon viele Steine bekommen? Doch wenn er etwas gelernt hatte, dann war es, Menschen nicht zu unterschätzen. Vielleicht versuchte er es ernstmal mit der netten Tour. Immerhin war er selbst wohl kaum älter und hatte dadurch vielleicht den Vorteil. "Wenn du jetzt mitkommst, kriegst du vielleicht nur 'ne Bewährungsstrafe. Du musst dich bloß stellen. Wenn du wegrennst, wird es nur immer schlimmer", versuchte er ihm zu erklären.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nao.nline ()

    • Ezra

      Ezra hatte sich mittlerweile zum nächsten Schrank vorgearbeitet. Ein paar Uhren hatten es in seine Tasche geschafft, die anderen waren wohl eher Modeschmuck. Ähnlich sah es mit dem Schmuck im nächsten Schrank aus - viel Modeschmuck und nur wenig Qualität. Also doch keine so gute Ausbeute. Nicht, dass es darauf ankommen würde. Ezra warf einen weiteren Blick auf sein Handy. Die Nächste Nachricht von Henry, diesmal nur, dass er leise sein soll, wenn er nach Hause kommt. Als ob Ezra je laut schreiend durch die Tür gekommen wäre. Aber wenigstens musste er jetzt nicht mehr mit weiteren Nachrichten rechnen.
      Er schob sein Handy gerade wieder zurück in seine Hosentasche, als er ein Geräusch hörte und erstarrte. Die Tür. Dann die Treppen. Mist. Ezra steckte die Perlenkette, die er in der Hand hielt, in die Tasche und griff nach einer Vase, die auf dem Nachttisch stand, als jemand den Raum betrat.
      Der Held schien...furchtbar jung zu sein, was Ezra irgendwie aus dem Takt brachte. Er sah nett aus, dunkle Haare, hübsche Augen - was war es nur mit Männern in Uniformen? War das sein Typ? Ugh, warum genau war das eine Frage, die er sich jetzt stellen musste? Er hatte das Gefühl, dass sein Bruder gerade irgendwo saß und ihn auslachte. Vielleicht war das der Ausgleich dafür, dass er seine Kette geklaut hatte.
      Zum Glück entschied sich der Held genau in diesem Moment dafür, ihn anzusprechen und somit aus seiner Starre rauszureißen.
      "Netter Vorschlag, aber nein Danke. Fang." Er warf die Vase in die Richtung des Helds und nutzte den kleinen Moment, um sich an ihm vorbei auf den Flur hinaus zu schieben. Er sprintete zur Treppe und hastete die ersten Stufen herunter, bevor er sich über das Geländer schwang, um die letzten Stufen zu überspringen. Jetzt musste er nur darauf hoffen, dass hier unten niemand anderes auf ihn warten würde.
      Er entschied sich bewusst gegen die Eingangstür und sprintete dafür in den Garten, der von einer hohen Hecke umgeben war. Kein guter Fluchtweg, aber ihm würde was einfallen. Helden waren meistens nicht an langen Verfolgungsjagten interessiert - sobald es kompliziert wurde, gaben sie auf. Im Vorbeigehen schnappte Ezra sich einen der Gartenstühle und schob in vor die Hecke. Er konnte hören, dass der Held ihm noch nachsetzte. "Ich hoffe, dein restlicher Abend läuft besser", merkte Ezra an, während er den Stuhl als Trittstufe nutzte und sich schließlich mit einem fröhlichen "Bye!" über die Hecke schwang, rein in den Nachbargarten.
    • Andrew

      Etwas überfordert fing Andrew die Vase auf und stellte sie schnell auf dem Boden ab, bevor er dem blonden Dieb hinterher sprintete. Mit Worten ließ er sich wohl nicht bekehren, also dann eben auf die harte Tour. Er stürzte sich die Treppen hinab. Er floh allen ernstes aus der Eingangstüre, als würde er damit rechnen, dass dort unten sonst niemand war. Wie naiv konnte man denn sein? Und dennoch wartete unten tatsächlich keiner, denn Andrew wurde hier fies getestet. Der restliche Abend würde bestimmt hervorragend laufen, wenn er den Kerl erstmal geschnappt hatte… Statt ihm über die Hecke nachzujagen, lief Andrew nämlich erst einmal die Fassade des doppelstöckigen Hauses senkrecht hinauf. Oben drehte er sich um und sah hinunter zu dem Einbrecher, der sich gerade über das nächste Grundstück davon machen wollte. Nicht mit ihm. Mit einem großen Sprung setzte Andrew alles darauf, dass die Höhe, in der er sich befand, ausreichte, um weit genug weg zu landen und bestenfalls gleich vor der Nase dieses Jungen am Boden aufzusetzen. Er hatte eine wunderbare Position, genügend Schwung, machte eine elegante Turner-Rolle im Flug und bereitete sich vor, abzurollen und sich elegant zu fangen. Den Überraschungseffekt würde er nutzen, um den Verbrecher zu überrumpeln und festzunehmen. Aber… naja, im Flug fiel ihm dann auf, dass das nicht ganz nach Plan laufen würde. Genügend Schwung hatte er ja, aber irgendwie hatte er sich bei der Entfernung leicht verrechnet, oder einfach vergessen, dass der Junge ein sich bewegendes Objekt war. Bevor er es noch verhindern konnte, flog er direkt auf ihn drauf und begrub den Dieb unter sich. Das tat weh. Aber dem Kerl unter ihm vermutlich mehr. Andrew versuchte sich aufzurappeln, dabei aber den Blonden nicht davon zu lassen. Zumindest hatte er ihn so schon einmal am Boden fixiert. Nach ein paar unbequemen, anstrengenden Bewegungen schaffte er es, über dem Blonden zu knien und ihn mit dem Gesicht voran zu Boden zu pressen, seine Arme an dessen Rücken fixiert. Da konnte er sich nur knapp ein Grinsen des Triumphs verkneifen.
      "Mein Abend läuft wirklich gut", kam es ihm unprofessionell über die Lippen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Auf nach Hause, den Schmuck sortieren, ab ins Bett. Der restliche Abend würde wahrscheinlich relativ unspektakulär verlaufen. Vielleicht würde er noch irgendwo Vodka in Henrys Durcheinander finden. Wie konnte man so viel Kram in seinen Schränken stehen haben? Es wurde wirklich Zeit, dass Ezra auszog. Er würde nie-
      Ezras Gedanken nahmen ein jähes Ende, als er zu Boden gerissen wurde. Er hatte das Gefühl, dass die komplette Luft aus seinen Lungen gedrückt wurde und war sich sicher, dass er ein Knacken gehört hatte. Offensichtlich war dieser Held noch weitaus motivierter, als seine Kollegen. Was...irgendwas in Ezra auslöste, worüber er eigentlich nicht länger nachdenken wollte. Die Position half auch nicht weiter.
      "Du bist verdammt anhänglich. Tauscht man vor sowas nicht normalerweise wenigstens Namen aus, oder so?", fragte er, während er sich auf den Ring an seiner Hand konzentrierte. "Außerdem bist du verdammt schwer", schob er nach, bevor er dem Helden einen Windstoß entgegen schickte. Kein sonderlich starker Stoß, aber genug, um ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen - gut, vielleicht war auch sein Kommentar Schuld. Er schaffte es, einen Arm frei zu bekommen und zog selbigen zurück, um seinem Gegner einen Stoß in die Magengegend zu geben. Wie peinlich wäre es, nach allem was er schon durchgezogen hatte, jetzt bei einem lächerlichen Einbruch von einem Nachwuchs-Helden geschnappt zu werden? Ezra rappelte sich auf und lief. Okay, heute würde es wohl doch nicht so unspektakulär sein, wie er gedacht hatte. Diesmal zog er einen Gartenstuhl mit sich, um ihn dem Helden in den Weg zu stellen, bevor er über die niedrige Gartenmauer sprang, hinaus auf den Fußgängerweg. Es war kaum was los. Ein paar Autos fuhren auf der Straße vorbei, aber niemand schien großartig auf ihn zu achten. Er würde seine Fluchtwege definitiv besser planen müssen.
      Ezra zog seine Tasche zurecht, bevor er sich nach rechts wandte, hin zur etwas belebteren Innenstadt Londons. Mit ein bisschen Glück konnte er in der Menschenmasse verschwinden, oder sich vorher in irgendeine Gasse wegducken.
    • Andrew

      Hä? Das war sein einziger Gedanke, als er den Kommentar des Fremden hörte. Im nächsten Moment riss ihn auch schon irgendetwas nach hinten und ließ den Blonden unter ihm hindurch schlüpfen. Dann der Schlag und er taumelte erstmal ein paar Schritte rückwärts. Okay, er hatte ihn vielleicht unterschätzt. Oder die Steine, die er mit sich trug. Aber es war nicht vorbei. Er würde nicht mit leeren Händen zurück in Grays Auto steigen, wie die anderen unfähigen Neulinge! Nach ein paar mal Durchatmen ließ der Schmerz im Magen nach und er konnte dem Einbrecher folgen, wenn auch etwas langsamer, da nicht genügend Zeit blieb, sich wieder an irgendeiner Hauswand anzuhängen. Schon gar nicht in einer Nachbarschaft wie dieser. Daher war er dem Blondschopf ganz dankbar, als er ihn in die Innenstadt abdriften sah. Eine Weile lief er in recht regelmäßigem Abstand hinterher. Schneller wurde Andrew einfach nicht. Doch irgendwann musste der Dieb mal langsamer werden und er selbst hatte glücklicherweise genügend Ausdauer um so gut wie jeden irgendwann mal einzuholen. Bevor es dazu kam erreichten sie jedoch bereits das Stadtzentrum und Andrew konnten seinen Vorteil nutzen. Die Schwerkraft mal eben auszuschalten kostete ihn zwar einiges an Energie, aber es würde ja bestimmt nicht lange dauern, bis er ihn fing. Und diesmal vielleicht nicht, in dem er auf ihn drauf fiel.
      Sobald sie eine Straße erreichten, in der mehr Menschen unterwegs waren, lief Andrew an einem Wohnhaus ein Stück hoch. So musste er sich an niemandem vorbei quetschen, hatte jedoch die Schwierigkeit sein Ziel im Auge zu behalten. Doch er sah ihn. Und er verfolgte ihn. Nur wenig später sah er eine Chance, ihn einzuholen. In der Menge kam man schließlich nicht schneller voran als an einer Wand, auf der kein Gegenverkehr herrschte. Er lief wieder hinunter, denn mittlerweile sollte er dem Dieb weit voraus sein. Sobald er wieder am Boden stand, ging es ans Suchen. Er lief wieder in die entgegen gesetzte Richtung, wo er ihn gerade noch gesehen hatte. Es dauerte etwas und gerade als er dachte, er hatte ihn vielleicht verloren, stand er ihm fast schon gegenüber. Ein schneller Griff und er packte ihn an den Armen und versuchte ihn in Richtung einer Wand zu drängen. "Du entkommst mir nicht nochmal", sagte Andrew, diesmal weitaus ungeduldiger als noch vor fünfzehn Minuten.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Das war wirklich mit Abstand der nervigste Held, dem Ezra je begegnet war. Hartnäckig, viel zu motiviert und irritierend attraktiv. Eine kleine Stimme in seinem Kopf überlegte viel zu laut, was passieren würde, wenn er einfach nachgab. Dann berührte er mit dem Rücken eine Wand und realisierte, dass das wahrscheinlich absolut keine gute Idee wäre. Je nachdem, wie gut die Recherche war, würde es definitiv nicht bei einer lausigen Bewährung bleiben.
      Für ein paar Sekunden blieben sie einfach so stehen, an die Wand gelehnt, wie ein Pärchen, dass nach einem nächtlichen Disko-Besuch anhielt, um rumzuknutschen - wo auch immer dieser Vergleich gerade hergekommen war - dann realisierte Ezra, dass er wahrscheinlich irgendetwas tun sollte. Er tat das Naheliegendste. Attraktivität hin oder her, er holte aus und rammte dem Helden das Knie zwischen die Beine. "Sorry. Ich geh nicht mit Fremden mit. Aber hey - solltest du es je schaffen, mich wirklich zu schnappen, bekommst du die hier zurück." Er hielt dem Helden kurz seine eigene Uhr vor die Augen, die er gerade nebenbei von dessen Handgelenk gelöst hatte, bevor er sie in seiner Hosentasche verschwinden ließ und mit einem letzten Zwinkern zurück in die Menschenmasse tauchte.
      Ezra war bereits in die nächste U-Bahn Station abgetaucht, bevor er realisierte, dass er soeben einen Helden bestohlen hatte, was mit Abstand das Dümmste war, was man tun konnte. Auch wenn es ihm irgendwie eine Chance gab, ihn wieder zu sehen, vorausgesetzt, der Held würde die kleine Herausforderung annehmen. Wovon Ezra ausging.

      Die Tür fiel ins Schloss, ohne ein Geräusch zu machen. Ezra kickte seine Schuhe achtlos in die ungefähre Richtung der Garderobe, bevor er an Henrys Arbeitszimmer vorbei in sein eigenes Zimmer schlich, der einzige Raum im Haus, in dem kein Chaos herrschte. Er warf seine Tasche auf den einzigen Stuhl im Raum, bevor er die Uhr aus seiner Hosentasche zog und einen kurzen Blick drauf warf. Ob der Held überhaupt genug an dem Schmuckstück hängen würde, um es wiederhaben zu wollen? Die Uhr sah nicht nach etwas Besonderem aus.
      Ezra strich kurz über das Ziffernblatt, bevor er die Uhr in eines der Regale neben seinem Schreibtisch legte und sich dann der Karte auf dem Tisch widmete. Okay. Falls die Uhr doch etwas hermachte, hatte er sich soeben einen neuen Gegenspieler angelacht, hm? Jemanden, der offenbar ziemlich versessen darauf war, ihn in die Finger zu bekommen. Vielleicht wurde es langsam doch Zeit, sich die möglichen Fluchtruten vorher anzuschauen...
    • Andrew

      Der gleißende Schmerz, der sich zwischen seinen Beinen ausbreitete und in die Knie als auch in den Magen auszustrahlen begann, ließ Andrew beinahe zusammensacken. Er musste sich jedenfalls an der Wand abstützen und achtete garnicht darauf, wie ihm seine Uhr abgenommen wurde. Alles drehte sich vor ihm und selbst wenn er es wollte, hätte er dem Dieb durch die Menschenmenge nicht folgen können. Aber er sah bloß noch kurz, wie er davon rannte und dann im Dunkeln von der Masse verschluckt wurde. Andrew atmete tief ein und aus. Dann hockte er sich gegen die Wand. Das konnte alles nicht wahr sein. Seine erste Verfolgungsjagd und der Typ entkam ihm… Und dann musste er auch noch zurück zu seinem Sergeant gehen und ihm das erklären. Das hätte seine Chance werden können, hervorzustechen. Stattdessen wurde er sogar noch selbst beklaut von dem Dieb, den er hatte fangen sollen. Und diese Uhr… gehörte seinem Vater. Es war nur eine von vielen. Aber es war seine. Und die würde er sich definitiv zurückholen.

      Geschlagen machte Andrew sich auf den Weg zurück zur Wohnstraße. Dort stand bereits ein weiteres Auto. Die Besitzer des Hauses standen dort völlig aufgelöst und machten eine Strafanzeige, während die Spurensicherung drinnen nach Hinweisen suchte. Und sein Andrews Sergeant saß weiterhin am Fahrersitz des Autos, das sie hergebracht hatte, als wäre nichts geschehen. Mit einem Seufzen lief er auf das Auto zu. Dann schluckte er seine Gefühle herunter und versuchte seinen Stolz zu bewahren, während er einstieg und sich bereit machte, angeschrien zu werden. Doch alles, was er bekam, war ein: "Gute Arbeit" und sie fuhren los, zurück ins Dezernat. Gute Arbeit? Gray hatte nicht einmal die Hälfte von dem gesehen, was passiert war. Und es war ihm egal, dass der Einbrecher ihm entwischt war? Andrew war irgendwie noch bedrückter als vorher. Man hatte wohl von vornherein nichts außergewöhnliches von ihm erwartet. Am Ende des Tages war er noch immer der Neue. Der, der jedem den Kaffee brachte und Papierkram erledigte für alle, denen es zu blöd war. Für alle, die tatsächlich einen spannenden Job hat und draußen Verbrecher jagden. So, wie sein Vater es getan hatte.

      Nachdem er eine ausführliche Personenbeschreibung abgegeben hatte, ging Andrew zufuß nachhause. In seiner Wohnung fehlte nun nach 10 Monaten noch immer die Hälfte der Möbel. Naja, zumindest lag sie zentral und in guter Entfernung zu seinem Arbeitsplatz, der ihn demnächst in ein Depressionsloch stürzen würde. Urgh. Mit einem frustrierten Seufzer ließ er sich in das unordentliche Bett fallen. Der Start in dieses neue Leben war wirklich schwerer, als gedacht. Manchmal… wollte er einfach nur zurück nachhause. Zurück zu Mum und Dad, wo immer die jetzt waren. Der Unfall war nun vier Jahre her und doch schien alles jeden Tag nur schwerer zu werden.
      Diese Uhr… würde Andrew sich wieder holen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Das erste, was Ezra aktiv mitbekam, war, dass sich der Raum bewegte. Er öffnete die Augen und blinzelte gegen das helle Licht an, bevor er irgendwie versuchte, sich zu orientieren. Der kleine Privatjet war neu - zumindest konnte sich Ezra nicht daran erinnern, ihn vorher schon mal gesehen zu haben. Das Interieur war schlicht gehalten, acht dunkelgraue Sitze, geteilt in zwei Vierergruppen, die sich gegenüber standen, mit jeweils einem Tisch aus hellem Holz in der Mitte. Hinter den Sitzen standen zwei Sessel vor einer kleinen Bordküche, die aus einer Kaffeemaschine, einer Spüle und einer Mikrowelle bestand. Einer der Schränke drum herum war sicher ein Kühlschrank. Links daneben schien ein enger Gang zum Piloten zu führen, mit einer weiteren Tür - entweder eine Toilette oder ein Schrank - an der Seite. Aber so nett es auch aussah, es half absolut nicht gegen Ezras Flugangst. Wenigstens stellte er mit einem Blick auf seine Hand fest, dass jemand seine Wunde neu verbunden hatte. Und sie waren nicht gefesselt. Immerhin etwas.
      Rechts von ihm saß Andrew, gegenüber von ihnen blätterte Niamh in einem Tagesplaner. Sie war älter geworden. Ihre blonden Haare waren geflochten, sie trug ein dunkles Shirt und eine schwarze Jogginghose, was ein wenig so aussah, als ob sie auf dem Weg zu einem Hip-Hop Konzert falsch abgebogen wäre. Kleine Lachfältchen um ihre Augen ließen sie fast sympathisch wirken.
      Caleb hatte die zweite Vierergruppe für sich alleine beansprucht. Andrews Stein lag vor ihm, direkt neben einem Laptop, auf den er eintippte, während er mit Ezras Ring spielte. Er trug Kopfhörer, einen Pulli, der zu perfekt saß, um nicht maßgeschneidert zu sein und Jeans. Offensichtlich konnten sich seine Geschwister auch nach all den Jahren immer noch nicht auf einen durchgehenden Stil einigen.
      “Oh. Dornröschen ist wach.” Niamh klappte geräuschvoll ihren Kalender zu und sah zu Ezra auf. “Du siehst furchtbar aus.”
      “Danke. Ich geb mir Mühe.” Ezra zögerte kurz, bevor er Andrew neben sich wachrüttelte und versuchte, die Panik zu ignorieren, die wieder in ihm aufstieg. Das alles konnte nichts Gutes heißen.
      Caleb klappte neben ihnen mit einem hörbaren Seufzen den Laptop zu und zog sich die Kopfhörer vom Kopf. Kurz sah er so aus, als ob er was sagen wollen würde, dann schien er es sich anders zu überlegen und ging stattdessen zur Kaffeemaschine. “Ich für meinen Teil freu mich, dass du wieder da bist”, erklärte er schließlich, während er drei Tassen aus einem der Schränke zog. “Wenigstens bin ich dadurch meinen Status als Schwarzes Schaf der Familie los.” Der leichte irische Akzent, der in seiner Stimme mitschwang, ließ das ganze fröhlicher wirken, als es gemeint war. Er lehnte sich gegen die kleine Anrichte, bevor er in Andrews Richtung nickte. “Wer ist dein Freund und weiß er, dass er was Besseres abbekommen könnte?”
      Ezra seufzte. Das war zu viel. Der heutige Tag würde sein Ende sein. “Andrew, Niamh, Caleb”, stellte er knapp vor, bevor er in Andrews Richtung ein wenig enthusiastisches “Meine Geschwister” hinzufügte. Den zweiten Teil des Kommentars ignorierte er.
      Caleb hob halbherzig die Hand zum Gruß, bevor er mit Blick auf Andrew auf die Kaffeemaschine deutete. “Milch und Zucker?”
    • Andrew

      Als er ein Rütteln verspürte, kniff Andrew nach einem Blinzeln erst leicht die Augen zusammen, da es auf einmal ziemlich hell war. Die Augen blieben jedoch nicht lange zu, als er Stimmen hörte und bemerkte, dass er sich nicht auf festem Boden befand. Und da fiel ihm wieder ein, dass sie gerade noch in einem Wald spaziert waren, um ihren Peinigern zu entkommen, bevor alles dunkel geworden war. Okay, nicht gut. Er sah sich etwas nervös um, doch als er Ezra neben sich bemerkte, war er gleich ein bisschen ruhiger. Allerdings brauchte sein eben noch ausgeknocktes Gehirn einen sehr langen Moment um die Worte zu verstehen, die aus dem Mund dieses anderen Kerls kamen. Was war das… Englisch? Nicht wirklich, oder? Und warum sprachen sie mit Ezra, als würden sie sich kennen? Naja, beim näheren Anblick… die sahen sich alle erschreckend ähnlich. Da machte es auch Sinn, als Ezra sie als seine Geschwister vorstellte. Andrew fiel ein Stein vom Herzen. Sehr gut, Familie! Das hieß, sie waren gerettet worden? Nein? Ezras Blick sah nicht unbedingt danach aus.
      "Äh- äh… schwarz, bitte", antwortete er überfordert als er die Frage endlich verarbeitet hatte und setzte sich dann ein wenig auf, wobei er seinen extrem steifen Nacken bemerkte. Wie lange saßen sie schon in diesem Jet?
      Er warf Ezra erneut einen Blick zu. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er nach ihrem Gespräch nicht besonders gut auf ihn zu sprechen sein würde. Aber er hatte gerade absolut keinen Plan, was los war. Wieso hatten die ihnen ihre Steine abgenommen? Sicherheitsmaßnahme. weil sie in einem Flieger saßen, oder so?
      "Ich wusste nicht, dass du Ire bist", murmelte er dem Blonden neben sich leise zu. Er hatte mal ein Ferienhaus in Irland erwähnt, aber irgendwie ging Andrew davon aus, dass man so etwas schon irgendwie an der Stimme erkannte. Wie bei den anderen beiden im Raum.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      "Halb", raunte Ezra durch zusammengebissene Zähne hindurch. Er hatte Jahre gebraucht, um den britischen Akzent in seiner Stimme zu perfektionieren. Nicht, dass das jetzt noch irgendwie von Relevanz wäre.
      "Wie habt ihr uns gefunden?", fragte er schließlich, während er beobachtete, wie Caleb den Kaffee in die Tassen goss. Eine ließ er unbeachtet, die nächste füllte er mit Zucker, die dritte versetzte er mit Whisky. Er behielt die mit Whisky, setzte die anderen beiden vor Ezra und Andrew ab und ließ sich dann zurück auf seinen Platz in der anderen Sitzgruppe fallen.
      "Adeline", antwortete Niamh. "Sie hat wohl den Kontakt zu dir verloren und hat sich genug Sorgen gemacht, um Cal anzuschreiben. Alles danach war Glück und oberflächliche Recherche. Wir stellen dir die Aufwandskosten dann später in Rechnung."
      "Und wo fliegen wir hin?", fragte Ezra
      "Dublin, ungefähr zehn Minuten noch. Weitaus schöner, als Russland." Niamh legte den Wochenplaner beiseite und schlug die Beine übereinander, offenbar ein wenig genervt von dem Frage-Antwort Spiel. "Was wolltet ihr da überhaupt?"
      "Sightseeing", antwortete Ezra flach und bekam als Antwort einen Tritt vors Schienbein. "Hast du dir die Nase machen lassen?"
      Niamh stockte und presste die Lippen aufeinander, während Caleb versuchte, ein Lachen mit einem Husten zu überspielen. Kurz sah Niamh so aus, als ob sie Ezra mit dem Wochenplaner erschlagen wollen würde, dann zischte sie ein abgehacktes "Das war ein medizinisch notwendiger Eingriff. Wenn du willst kannst du auch die Abkürzung aus dem Notausgang heraus nehmen."
      "Verführ mich nicht dazu." Ezra stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch zwischen ihnen. "Ich gehe davon aus, dass ihr uns nicht einfach in Dublin absetzt und gehen lasst?"
      "Wieso sollten wir? Wir haben uns doch gerade erst wiedergefunden. Außerdem schuldest du uns noch was, Felim." Niamh verschränkte die Arme vor der Brust, während Caleb etwas murmelte, von dem Ezra nur "Therapie" auffangen konnte.
      "Ezra", korrigierte selbiger automatisch. "Ich glaube, ich hab 'Felim' noch nie gemocht."
      Niamh blinzelte, dann seufzte sie. "Kann nicht einer von euch beiden einfach mal happy mit seinem Namen sein? Manchmal wünschte ich mir, ich wäre Einzelkind geblieben."
      "Ich glaube, das wünschen wir uns alle", merkte Caleb an, während er an seinem Kaffee nippte und offenbar entschied, dass es Zeit für einen Themenwechsel war. "Du hast als Held gearbeitet, richtig, Andrew? Ada hatte was in die Richtung angedeutet."
    • Andrew

      Andrew drehte langsam den Kopf herum. Felim? Wer zum Teufel war Felim? Der Dunkelhaarige durchbohrte Ezra von der Seite mit Blicken. Was sollte das heißen, er war nicht happy mit seinem Namen? Hatte er ernsthaft seinen Namen geändert? Und sein Bruder auch? Und wieso wusste Andrew nichts von der Irland-Seite? Gut, sie wussten wohl nicht allzu viel übereinander, aber vor etwa zwei Wochen hatte Andrew ihm quasi seine ganze Familiengeschichte aufgetischt und da war es EZRA nicht in den Sinn gekommen, ihm einige der wichtigsten Infos über sich mitzuteilen? Was kam als nächstes, Adelines Tochter war vielleicht doch sein Kind?!
      Das alles war maximal irritierend. Die ganze… Situation, in der Andrew sich gerade befand. Das waren einfach zu viele Informationen für einen Tag. Am liebsten wäre er aus der Konversation für den restlichen Flug ausgeschlossen geblieben, um einfach mal in sich gehen zu können. Aber er konnte Ezras Bruder schlecht ignorieren. "Ja… und dann wurde ich gefeuert", erwiderte er etwas zu trocken. Als er an seinem Kaffee nippte verbesserte sich sein Zustand auch nur minimal. So richtig zufrieden würde er wohl nie wieder sein können, wenn nicht mal schwarzer Kaffee seinen Tag rettete. Und warum zur Hölle mussten sie jetzt nach Dublin? Durfte man nach einer Reihe traumatischer Erfahrungen nichtmal zumindest kurzzeitig zurück in seine Heimatstadt, um sich zu erholen? Naja, nach allem was Andrew wusste, fühlte sich Ezra vielleicht sowieso in Dublin zuhause. Vielleicht hatte er dort zusätzlich zu seiner irischen Familie noch ein irisches Doppelleben. Warum hatte Andrew eigentlich gedacht, dass sie sich mittlerweile näher standen? Er wusste doch kaum was über den Blonden und am Ende des Tages hatte er ihn mit in sein Verbrecherleben gezogen und jetzt war er auch noch sauer auf IHN, weil er seine Flirts nicht ernst nahm. Das war doch alles ein schlechter Witz.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      "Ah. Ein Jammer." Caleb rührte gedankenverloren in seinem Kaffee. "Wir können ein bisschen Intel immer gebrauchen, falls-"
      "Cal." Ezra lehnte sich leicht nach vorne, um seinem Bruder einen entgeisterten Blick zuzuwerfen. Caleb blinzelte, bevor er abwehrend beide Hände hob.
      "Was? Ich denke nur praktisch! Außerdem ist der Stein der Hammer." Er schob seinen Kaffee zur Seite, bevor er nach Andrews Stein griff und eine kleine Flamme über seine Hand tanzen ließ. "Wie habt ihr es geschafft, ein passendes Set in die Hände zu bekommen?" Er nutzte den Wind aus Ezras Ring, um die Flamme ein wenig anzufachen.
      "Cal. Ich schöre bei allem, was mir heilig ist- wenn du es schaffst, den Brandschutzmelder auszulösen, hab ich gleich nur noch einen Bruder." Niamh starrte ihrem Bruder entgegen, bis selbiger die Flamme löschte. "Er hat allerdings Recht mit dem Intel."
      "Jetzt fang du nicht auch noch damit an." Ezra seufzte, während eine kleine Anzeige über dem Cockpit mit einem leisen "Pling" anzeigte, dass man die Sicherheitsgurte anlegen sollte.

      Die Landung war ziemlich ereignislos. Es ging vom Jet direkt in einen Wagen, der sie zu einem Haus brachte, das Ezra nur zu gut kannte. Das Anwesen lag direkt an der Dublin Bay. Ein hohes Gebäude mit weitem Garten und Blick auf Strand und Meer. In seiner Kindheit hatte Ezra es immer absolut faszinierend gefunden, jetzt fand er es eher erdrückend.
      "Was ist mit Mom und Dad?", fragte er, während Caleb die Eingangstür aufschloss.
      "In Manchester. Dad hat sich schlussendlich doch durchsetzen können", erklärte Niamh, während sie den geräumigen Flur betraten. Das Haus sah eingelebt aus. Eine Ecke des Flurs war von Kinderspielsachen eingenommen, auf der anderen Seite stand eine Garderobe. Die Wände waren ein Mix aus Kinderzeichnungen, Fotos und Bildern - offiziell alles Nachdrucke und keine Originale, natürlich.
      "Okay", setzte Niamh wieder an, während sie sich zu den anderen drehte. "Cal, es wäre wunderbar, wenn du einen Arzt für Fe- Ezras Hand organisieren würdest."
      Caleb verdrehte die Augen, zog Ezra aber ohne weiteren Kommentar mit sich.
      "Es scheint sich ja nicht viel verändert zu haben", kommentierte Ezra trocken.
      "Oh. Du hast nicht die leiseste Idee."


      Niamh

      Niamh sah ihren Brüdern kurz hinterher, dann wandte sie sich wieder an Andrew. "Ich weiß nicht, wie viel F-Ezra dir erzählt hat. Mitunter ist das alles wahrscheinlich furchtbar verwirrend. Sorry dafür", entschuldigte sie sich, während sie ihm andeutete, ihr zu folgen. "Leider können wir dich noch nicht so einfach gehen lassen, aber...so wie ihr ausseht, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ihr erst mal die Füße stillhaltet und durchatmet." Sie warf ihm über die Schulter hinweg ein kleines Lächeln zu. "Ich zeig dir gleich ein Gästezimmer, dann darfst du dich frei im Haus bewegen. Vielleicht passt dir sogar ein Pullover von meinem Mann." Sonst würde sie halt eine Alternative finden müssen. Sie würde eher sterben, als sich nachsagen zu lassen, dass sie eine schlechte Gastgeberin war.
      "Darf ich fragen, wie es zu dieser...äh...unüblichen Zusammenarbeit zwischen Ezra und dir gekommen ist?"
    • Andrew

      Hatte Caleb es gerade geschafft diesen Stein, der Andrews halbes Outfit weggebrannt hatte, beim ersten Mal so zu kontrollieren, dass nur eine winzige Flamme entstand? Das war doch etwas… gruselig. Schließlich bedeutete das, dass er einiges an Übung damit haben musste, mit Steinen umzugehen. Definitiv mehr als Andrew und er hatte als Held gearbeitet. Und das mit dem Set… das wäre ihm wohl auch eine ganze Weile nicht in den Sinn gekommen. Den Rest des Gesprächs blendete Andrew allerdings aus und sah aus dem Fenster. Er würde bestimmt nicht sein Dezernat hintergehen und vertrauliche Informationen weitergeben, selbst wenn es Ezras Familie war. Oder eher genau aus dem Grund, weil es die Familie eines Diebes war und sie gerade mit einem Privatjet aus Moskau abgeholt worden waren, und zwar nicht auf die sanfte Tour.

      Nach allem, das heute passiert war, in einer Villa in Dublin empfangen zu werden, hatte Andrew bestimmt nicht auf seiner Liste stehen gehabt. Aber nun war es so. Und er war immer noch völlig fertig, hatte Kopf- und Nackenschmerzen, Hunger, Schlafmangel und seine Kleidung sah aus, als hätte er… naja, als hätte er einen Hausbrand überlebt. Es war ein reiner Alptraum und als Ezra dann mit seinem Bruder verschwand, fühlte er sich so verloren wie nie. Diese Frau sprach mit ihm, als wäre er einfach ein normaler Gast. Als hätte man ihn hier nicht gewaltvoll her verfrachtet. Dennoch bedankte er sich einfach. Nachdem man ihm sowieso den Stein abgenommen hatte, war er nicht unbedingt bestens ausgerüstet, um zu rebellieren. Und auch, wenn er dem vielleicht nicht vertrauen sollte, war ein bisschen Gastfreundschaft gerade wirklich gern gesehen. Er folgte Ezras Schwester durchs Haus. Sie wohnte wohl hier mit ihrer Familie, wie es aussah.
      "Ich denke, wir haben einfach beide das Vertrauen in den Staat verloren und nehmen Dinge gerne selbst in die Hand", antwortete er. Im Prinzip war das wohl genau, was passiert war.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦