Kassandras Blick zeugte von der Missbilligung, die sie Zoras’ Worten entgegen brachte. Aber es musste ausgesprochen werden. Kassandra wäre die letzte gewesen, von der Zoras eine derartige Handlung erwartet hätte und entsprechend groß war sein Misstrauen. Dabei mochte er selbst nicht, dass er gerade sie hinterfragen musste. Gerade Kassandra.
„Gab es jemals einen Moment, der dich dazu verleiten sollte, mir nicht zu vertrauen?“
Zoras hätte Nein antworten wollen. In einem anderen Moment hätte er es vielleicht auch getan, ohne darüber nachdenken zu müssen. Natürlich gab es so einen Moment nicht, hätte er gesagt. Aber die Wunde von Velius’ Verschwinden war noch so offen, dass ihm direkt ein solcher Moment einfiel. Ohne nachdenken zu müssen.
“Veren.”
Kassandras Augen durchbohrten ihn. In diesem Moment waren sie mehr Widersacher als Partner und das schmerzte noch mehr als der Verrat.
“Damals in Theriss.”
Er schwieg einen Moment, dann sprach er resigniert weiter.
“Du wusstest, warum ich dich nicht als aktive Kraft im Kampfgeschehen dabei haben wollte. Wir hatten darüber geredet, weshalb du nicht eingreifen solltest. Und doch hast du es getan und mir nichts davon erzählt - genau wie jetzt. Ich habe es hinterher erst erfahren, als es schon längst vorbei war. Genau wie jetzt.”
Kassandra schlug die Augen nieder, aber von Reue war in ihrem Blick nichts zu sehen. Stattdessen schien sie sich auf die nächsten Worte vorzubereiten, die Erklärung, die sie ihm über ihre Existenz lieferte..
„Als ich geschaffen worden bin, war mir dieser Zwiespalt nicht bewusst gewesen. Ich habe nach den Wesenszügen gelebt, die man mir verliehen hatte und mich damit immer stärker von den anderen Phönixen unterschieden.”
Zoras unterbrach sie nicht. Er hatte das Gefühl, dass das hier ein wichtiger Moment war.
“Aber durch die Menschen wurde zumeist diejenige Seite bedient, die für den Kampf, für die Angst und die Gewalt stand. Es dauerte wieder eine lange Zeit, ehe ich begriff, dass diese Seite es war, die mich zusammenhielt und formte. Der rechtschaffende Anteil des Phönix lag wie eine fest Schale um den Kern und hielt alles zusammen, doch sie wurde mit der Zeit immer dünner. Wenn sie brach, dann waren Ereignisse wie Mynos die Folge.“
Auch jetzt zeigte ihre Stimme keinerlei Reue. Dabei war doch die eigentliche Frage: Wie stand sie dazu? Schließlich gab es genug Götter, die für den Kampf, die Zerstörung und den Tod geschaffen worden waren. Doch keiner von ihnen stand gleichzeitig für die Erhaltung des Lebens und für die Vernichtung eben jenes.
„Jetzt, wo ich meine Kräfte zurückhabe, spüre ich das Ziehen und Drücken viel stärker. Ich muss mich in die Gedächtnisse der Menschheit einbrennen, damit ich nicht… verschwinde. Aber ich bin aus den dunklen Gedanken geschaffen worden, die gegen das Licht, dass der Phönix darstellt, rebelliert. Der Teil von mir, der sich unter den Menschen geformt hat, sympathisiert mit dem Phönix, aber der göttliche Teil geht eher mit der Erschaffung.“
Zoras hatte Schwierigkeiten, sich das vorzustellen - ganz besonders wusste er aber nicht, wie eine Phönixin wie Kassandra geschaffen worden war. Wenn es doch in ihrer Natur lag, so zwiegespalten zu sein, musste sie dann nicht damit auskommen können? War der Zwiespalt dann nicht ihre Bestimmung? Und wenn es so war, war es dann überhaupt noch ein Zwiespalt? Wenn es doch normal war?
Da begriff Zoras wohl erst wirklich, was Kassandra wahrlich damit meinte, wenn sie ihre Existenz als Paradoxon beschrieb. Sie müsste eigentlich im Reinen mit sich sein, wenn sie ganz nach ihrer Schaffung ging, aber ihre Schaffung brachte den Zwiespalt mit sich. Vermutlich ließ sich dafür gar kein Mittelmaß finden, denn Kassandra war geschaffen worden, um diesen Balanceakt ununterbrochen durchzuführen. Es würde für sie niemals eine Seite geben, der sie sich vollends zuwenden konnte. Sie würde immer pendeln müssen.
Insofern konnte er verstehen, wenn sie meinte, Götter zerbrächen nie. Das konnten sie bei einem solchen Akt gar nicht, selbst wenn ein Mensch es niemals durchgehalten hätte. Sie waren dafür geschaffen worden.
Machte das die Sache nun besser? Oder schlechter? Zoras wusste es nicht.
„Ich war nie vollends eins, aber es hat mich nie so sehr gedroht, zu zerreißen wie jetzt.“
Darauf hatte er keine gute Antwort parat. Es war eine nächste Sache, über die sie noch nicht gesprochen hatten: Kassandra war nun auch wieder eine vollwertige Göttin und damit nicht länger von der Essenz an ihrem Träger abhängig. Doch so unvorteilhaft diese Verbindung auch gewesen sein musste, sie hatte ihr doch die Existenz gesichert. Nun musste sie Anhänger finden und sich anbeten lassen, andernfalls würde sie vergehen. Eine Gottheit, an die niemand glaubte, war keine Gottheit mehr.
Zoras setzte sich ein wenig zurecht. Er fuhr sich über den Stoff seiner Reisekleidung, während er nachdachte.
“Ich will dir helfen, wenn du es brauchst. Ich will dich unterstützen, wenn du es zulässt. Alles, was du in deiner Existenz durchgehen musst, was dich formt und prägt, wovor du dich beugen musst. Aber mein Glaube beruht auf einer Phönixin, die mich an ihrer Seite haben will[/u]. Du brauchst mich nicht, das wissen wir beide, nicht so, wie ich dich brauche, aber du kannst es wollen. Und dazu gehört, dich nicht über meinen Kopf hinwegzusetzen.”
Er versuchte sich an einem versöhnlichen Tonfall.
“Lass uns zusammen entscheiden, jetzt und überhaupt. Als Partner. Dazu gehört, dass ich weiß, womit du zu kämpfen hast und wie deine Entscheidungen aussehen. Dass du mich in deine Gedanekn einweihst. Aber sind wir das überhaupt noch? Partner? Nach allem, was geschehen ist?”
„Gab es jemals einen Moment, der dich dazu verleiten sollte, mir nicht zu vertrauen?“
Zoras hätte Nein antworten wollen. In einem anderen Moment hätte er es vielleicht auch getan, ohne darüber nachdenken zu müssen. Natürlich gab es so einen Moment nicht, hätte er gesagt. Aber die Wunde von Velius’ Verschwinden war noch so offen, dass ihm direkt ein solcher Moment einfiel. Ohne nachdenken zu müssen.
“Veren.”
Kassandras Augen durchbohrten ihn. In diesem Moment waren sie mehr Widersacher als Partner und das schmerzte noch mehr als der Verrat.
“Damals in Theriss.”
Er schwieg einen Moment, dann sprach er resigniert weiter.
“Du wusstest, warum ich dich nicht als aktive Kraft im Kampfgeschehen dabei haben wollte. Wir hatten darüber geredet, weshalb du nicht eingreifen solltest. Und doch hast du es getan und mir nichts davon erzählt - genau wie jetzt. Ich habe es hinterher erst erfahren, als es schon längst vorbei war. Genau wie jetzt.”
Kassandra schlug die Augen nieder, aber von Reue war in ihrem Blick nichts zu sehen. Stattdessen schien sie sich auf die nächsten Worte vorzubereiten, die Erklärung, die sie ihm über ihre Existenz lieferte..
„Als ich geschaffen worden bin, war mir dieser Zwiespalt nicht bewusst gewesen. Ich habe nach den Wesenszügen gelebt, die man mir verliehen hatte und mich damit immer stärker von den anderen Phönixen unterschieden.”
Zoras unterbrach sie nicht. Er hatte das Gefühl, dass das hier ein wichtiger Moment war.
“Aber durch die Menschen wurde zumeist diejenige Seite bedient, die für den Kampf, für die Angst und die Gewalt stand. Es dauerte wieder eine lange Zeit, ehe ich begriff, dass diese Seite es war, die mich zusammenhielt und formte. Der rechtschaffende Anteil des Phönix lag wie eine fest Schale um den Kern und hielt alles zusammen, doch sie wurde mit der Zeit immer dünner. Wenn sie brach, dann waren Ereignisse wie Mynos die Folge.“
Auch jetzt zeigte ihre Stimme keinerlei Reue. Dabei war doch die eigentliche Frage: Wie stand sie dazu? Schließlich gab es genug Götter, die für den Kampf, die Zerstörung und den Tod geschaffen worden waren. Doch keiner von ihnen stand gleichzeitig für die Erhaltung des Lebens und für die Vernichtung eben jenes.
„Jetzt, wo ich meine Kräfte zurückhabe, spüre ich das Ziehen und Drücken viel stärker. Ich muss mich in die Gedächtnisse der Menschheit einbrennen, damit ich nicht… verschwinde. Aber ich bin aus den dunklen Gedanken geschaffen worden, die gegen das Licht, dass der Phönix darstellt, rebelliert. Der Teil von mir, der sich unter den Menschen geformt hat, sympathisiert mit dem Phönix, aber der göttliche Teil geht eher mit der Erschaffung.“
Zoras hatte Schwierigkeiten, sich das vorzustellen - ganz besonders wusste er aber nicht, wie eine Phönixin wie Kassandra geschaffen worden war. Wenn es doch in ihrer Natur lag, so zwiegespalten zu sein, musste sie dann nicht damit auskommen können? War der Zwiespalt dann nicht ihre Bestimmung? Und wenn es so war, war es dann überhaupt noch ein Zwiespalt? Wenn es doch normal war?
Da begriff Zoras wohl erst wirklich, was Kassandra wahrlich damit meinte, wenn sie ihre Existenz als Paradoxon beschrieb. Sie müsste eigentlich im Reinen mit sich sein, wenn sie ganz nach ihrer Schaffung ging, aber ihre Schaffung brachte den Zwiespalt mit sich. Vermutlich ließ sich dafür gar kein Mittelmaß finden, denn Kassandra war geschaffen worden, um diesen Balanceakt ununterbrochen durchzuführen. Es würde für sie niemals eine Seite geben, der sie sich vollends zuwenden konnte. Sie würde immer pendeln müssen.
Insofern konnte er verstehen, wenn sie meinte, Götter zerbrächen nie. Das konnten sie bei einem solchen Akt gar nicht, selbst wenn ein Mensch es niemals durchgehalten hätte. Sie waren dafür geschaffen worden.
Machte das die Sache nun besser? Oder schlechter? Zoras wusste es nicht.
„Ich war nie vollends eins, aber es hat mich nie so sehr gedroht, zu zerreißen wie jetzt.“
Darauf hatte er keine gute Antwort parat. Es war eine nächste Sache, über die sie noch nicht gesprochen hatten: Kassandra war nun auch wieder eine vollwertige Göttin und damit nicht länger von der Essenz an ihrem Träger abhängig. Doch so unvorteilhaft diese Verbindung auch gewesen sein musste, sie hatte ihr doch die Existenz gesichert. Nun musste sie Anhänger finden und sich anbeten lassen, andernfalls würde sie vergehen. Eine Gottheit, an die niemand glaubte, war keine Gottheit mehr.
Zoras setzte sich ein wenig zurecht. Er fuhr sich über den Stoff seiner Reisekleidung, während er nachdachte.
“Ich will dir helfen, wenn du es brauchst. Ich will dich unterstützen, wenn du es zulässt. Alles, was du in deiner Existenz durchgehen musst, was dich formt und prägt, wovor du dich beugen musst. Aber mein Glaube beruht auf einer Phönixin, die mich an ihrer Seite haben will[/u]. Du brauchst mich nicht, das wissen wir beide, nicht so, wie ich dich brauche, aber du kannst es wollen. Und dazu gehört, dich nicht über meinen Kopf hinwegzusetzen.”
Er versuchte sich an einem versöhnlichen Tonfall.
“Lass uns zusammen entscheiden, jetzt und überhaupt. Als Partner. Dazu gehört, dass ich weiß, womit du zu kämpfen hast und wie deine Entscheidungen aussehen. Dass du mich in deine Gedanekn einweihst. Aber sind wir das überhaupt noch? Partner? Nach allem, was geschehen ist?”
