Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Kassandras Blick zeugte von der Missbilligung, die sie Zoras’ Worten entgegen brachte. Aber es musste ausgesprochen werden. Kassandra wäre die letzte gewesen, von der Zoras eine derartige Handlung erwartet hätte und entsprechend groß war sein Misstrauen. Dabei mochte er selbst nicht, dass er gerade sie hinterfragen musste. Gerade Kassandra.
      „Gab es jemals einen Moment, der dich dazu verleiten sollte, mir nicht zu vertrauen?“
      Zoras hätte Nein antworten wollen. In einem anderen Moment hätte er es vielleicht auch getan, ohne darüber nachdenken zu müssen. Natürlich gab es so einen Moment nicht, hätte er gesagt. Aber die Wunde von Velius’ Verschwinden war noch so offen, dass ihm direkt ein solcher Moment einfiel. Ohne nachdenken zu müssen.
      Veren.”
      Kassandras Augen durchbohrten ihn. In diesem Moment waren sie mehr Widersacher als Partner und das schmerzte noch mehr als der Verrat.
      Damals in Theriss.
      Er schwieg einen Moment, dann sprach er resigniert weiter.
      Du wusstest, warum ich dich nicht als aktive Kraft im Kampfgeschehen dabei haben wollte. Wir hatten darüber geredet, weshalb du nicht eingreifen solltest. Und doch hast du es getan und mir nichts davon erzählt - genau wie jetzt. Ich habe es hinterher erst erfahren, als es schon längst vorbei war. Genau wie jetzt.
      Kassandra schlug die Augen nieder, aber von Reue war in ihrem Blick nichts zu sehen. Stattdessen schien sie sich auf die nächsten Worte vorzubereiten, die Erklärung, die sie ihm über ihre Existenz lieferte..
      „Als ich geschaffen worden bin, war mir dieser Zwiespalt nicht bewusst gewesen. Ich habe nach den Wesenszügen gelebt, die man mir verliehen hatte und mich damit immer stärker von den anderen Phönixen unterschieden.”
      Zoras unterbrach sie nicht. Er hatte das Gefühl, dass das hier ein wichtiger Moment war.
      “Aber durch die Menschen wurde zumeist diejenige Seite bedient, die für den Kampf, für die Angst und die Gewalt stand. Es dauerte wieder eine lange Zeit, ehe ich begriff, dass diese Seite es war, die mich zusammenhielt und formte. Der rechtschaffende Anteil des Phönix lag wie eine fest Schale um den Kern und hielt alles zusammen, doch sie wurde mit der Zeit immer dünner. Wenn sie brach, dann waren Ereignisse wie Mynos die Folge.“
      Auch jetzt zeigte ihre Stimme keinerlei Reue. Dabei war doch die eigentliche Frage: Wie stand sie dazu? Schließlich gab es genug Götter, die für den Kampf, die Zerstörung und den Tod geschaffen worden waren. Doch keiner von ihnen stand gleichzeitig für die Erhaltung des Lebens und für die Vernichtung eben jenes.
      „Jetzt, wo ich meine Kräfte zurückhabe, spüre ich das Ziehen und Drücken viel stärker. Ich muss mich in die Gedächtnisse der Menschheit einbrennen, damit ich nicht… verschwinde. Aber ich bin aus den dunklen Gedanken geschaffen worden, die gegen das Licht, dass der Phönix darstellt, rebelliert. Der Teil von mir, der sich unter den Menschen geformt hat, sympathisiert mit dem Phönix, aber der göttliche Teil geht eher mit der Erschaffung.“
      Zoras hatte Schwierigkeiten, sich das vorzustellen - ganz besonders wusste er aber nicht, wie eine Phönixin wie Kassandra geschaffen worden war. Wenn es doch in ihrer Natur lag, so zwiegespalten zu sein, musste sie dann nicht damit auskommen können? War der Zwiespalt dann nicht ihre Bestimmung? Und wenn es so war, war es dann überhaupt noch ein Zwiespalt? Wenn es doch normal war?
      Da begriff Zoras wohl erst wirklich, was Kassandra wahrlich damit meinte, wenn sie ihre Existenz als Paradoxon beschrieb. Sie müsste eigentlich im Reinen mit sich sein, wenn sie ganz nach ihrer Schaffung ging, aber ihre Schaffung brachte den Zwiespalt mit sich. Vermutlich ließ sich dafür gar kein Mittelmaß finden, denn Kassandra war geschaffen worden, um diesen Balanceakt ununterbrochen durchzuführen. Es würde für sie niemals eine Seite geben, der sie sich vollends zuwenden konnte. Sie würde immer pendeln müssen.
      Insofern konnte er verstehen, wenn sie meinte, Götter zerbrächen nie. Das konnten sie bei einem solchen Akt gar nicht, selbst wenn ein Mensch es niemals durchgehalten hätte. Sie waren dafür geschaffen worden.
      Machte das die Sache nun besser? Oder schlechter? Zoras wusste es nicht.
      „Ich war nie vollends eins, aber es hat mich nie so sehr gedroht, zu zerreißen wie jetzt.“
      Darauf hatte er keine gute Antwort parat. Es war eine nächste Sache, über die sie noch nicht gesprochen hatten: Kassandra war nun auch wieder eine vollwertige Göttin und damit nicht länger von der Essenz an ihrem Träger abhängig. Doch so unvorteilhaft diese Verbindung auch gewesen sein musste, sie hatte ihr doch die Existenz gesichert. Nun musste sie Anhänger finden und sich anbeten lassen, andernfalls würde sie vergehen. Eine Gottheit, an die niemand glaubte, war keine Gottheit mehr.
      Zoras setzte sich ein wenig zurecht. Er fuhr sich über den Stoff seiner Reisekleidung, während er nachdachte.
      Ich will dir helfen, wenn du es brauchst. Ich will dich unterstützen, wenn du es zulässt. Alles, was du in deiner Existenz durchgehen musst, was dich formt und prägt, wovor du dich beugen musst. Aber mein Glaube beruht auf einer Phönixin, die mich an ihrer Seite haben will[/u]. Du brauchst mich nicht, das wissen wir beide, nicht so, wie ich dich brauche, aber du kannst es wollen. Und dazu gehört, dich nicht über meinen Kopf hinwegzusetzen.
      Er versuchte sich an einem versöhnlichen Tonfall.
      Lass uns zusammen entscheiden, jetzt und überhaupt. Als Partner. Dazu gehört, dass ich weiß, womit du zu kämpfen hast und wie deine Entscheidungen aussehen. Dass du mich in deine Gedanekn einweihst. Aber sind wir das überhaupt noch? Partner? Nach allem, was geschehen ist?
    • Kassandra fühlte sich schrecklich nackt.
      Niemand hatte sich je wirklich dafür interessiert, aus welchen Motiven sie geschaffen worden war oder wie sich generell das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen etabliert hatte. Niemand hatte sie danach gefragt, was sie brauchte oder welchen Zweck sie eigentlich verfolgte. Immerhin war sie beinahe unsterblich, eine Existenz, die sich über das Verständnis der Menschen hinwegsetzte. Die Sterblichen wunderten sich nicht darüber, dass sie nicht essen und trinken und schlafen musste wie sie selbst. Sie nahmen es einfach als gegeben hin, als Tatsache. Vielleicht hätte Shukran sie eines Tages danach gefragt, aber diese Antwort würde sie nun nie mehr bekommen.
      Stattdessen saß ihr nun ein anderer Sterblicher gegenüber, der unter gewöhnlichen Umständen ebenfalls niemals auf die Idee gekommen wäre, solche Fragen zu stellen. Loki und der aufgelöste Sklavenbund waren dafür verantwortlich, dass man Zoras mit der Nase darauf stieß. Und trotz allem, dass er anfing, Fragen zu stellen und Zusammenhänge erkennen konnte, würde er das große Bild nicht greifen können. Das erkannte Kassandra in der Sekunde, als er sie dazu aufforderte, nicht über seinen Kopf hinweg zu entscheiden.
      Ihre roten Augen fingen seine dunklen Gegenstücke ein in der Hoffnung, etwas anderes daraus lesen zu können als das, was sie gerade tat. Natürlich erhob sich Zoras nicht auf die Stufe eines Gottes, aber er setzte SIE hinab, um in ihrer Nähe stehen zu können. Er bat eine Gottheit darum, sich nicht über seinen Kopf hinwegzusetzen. Eine Einheit, die nichts anderes gewohnt war, weil ihr schlichtweg die Macht dazu gegeben worden war, alles und jeden nach ihren Wünschen zu formen.
      „Wenn ich dich nicht wollen würde, säße ich nun noch in den Gärten und fühlte den Fluss der Zeit“, entgegnete Kassandra knapp. „Ich treffe keine Entscheidungen über deinen Kopf hinweg, nur aus reiner Gehässigkeit. Götter sind es nicht gewohnt, die Meinungen und Ansichten anderer anzuerkennen. Erst recht nicht, wenn sie der Meinung sind, dass ihre Entscheidung die einzig sinnvolle ist.“
      Damals in Veren sollte sie die Soldaten in Schach halten. Das hatte sie getan, wenn auch auf ihre ganz eigene Art und Weise. Ihr Zorn hatte ganz gezielt die Soldaten getroffen und wenn sie nicht ausrückten, hatten sie auch nichts zu befürchten gehabt. Das war die Spielregel, die sie gesetzt hatte. Was konnte die Phönixin dafür, wenn die Sterblichen die Regeln einfach nicht erkennen wollten?
      Kassandra ließ die Hand in ihren Schoß sinken und richtete sich auf. Nur eine vollkommen ignorante Person hätte den Wechsel in Zoras‘ Stimmlage überhören können. Es gab noch so viel, was sie ihm vorwerfen konnte, aber er versuchte die Wogen zu glätten, so gut er konnte. Nur berührte er damit die kalte Wut in ihrem Inneren lediglich an den Spitzen und es wäre so leicht, so einfach, diese Wut wieder auflodern zu lassen. Diesen Wagen einfach hinter sich zu lassen und die Chance, die sie ihm gegeben hatte, als verwirkt zu betrachten. Doch sie hatte die Wärme bereits gekostet, die er ihr angeboten hatte. Die sie vermisst hatte und wegen der sie mitgekommen war.
      „Ich werde dir nicht jederzeit meine Gedanken offenbaren können, Zoras. Dafür gibt es viel zu viele Dinge, die dich als Sterblichen weder betreffen noch zu interessieren haben. Das, was zwischen uns Göttern vonstattengeht zum Beispiel. Bei allem anderen habe ich bisher immer versucht, dich einzubeziehen oder dir meinen Rat zur Seite zu stellen. Das werde ich womöglich wieder tun können“, sagte sie schließlich und erstickte das Flämmchen in ihrer Brust. Nur ihre Stimme löste sich nicht ganz von dem feindseligen Unterton. „Aber ich nahm immer an, du wärst aufmerksam, was ich dir gegenüber sage. Habe ich nicht bereits einmal erwähnt, dass wir Partner sind?“ Sie brach den Blickkontakt ab und sah wieder auf die vorbeiziehende Landschaft. „Wie ich bereits sagte, musst du nur wieder ein wenig mehr dafür arbeiten. Aber ich bin gewillt, dir meine Hand zu reichen, Zoras.“
    • Zu sagen, dass Zoras zufrieden mit dem Ausgang ihres langen Gespräches war, war eine schamlose Übertreibung. Es kratzte immer noch an ihm, die ganze Situation, alles, was damit zusammenhing. Er wollte sich nicht vorstellen müssen, dass es viel mehr Geheimnisse gab, die Kassandra vor ihm hütete, als er sich vermutlich vorstellen konnte. Er mochte den Gedanken nicht, dass er jederzeit eine zweite Offenbarung erfahren könnte wie jetzt. War es besser, dass er von Velius erfahren hatte? Nein, ganz sicher nicht. Er hätte gut darauf verzichten können, doch jetzt war es zu spät. Der Schaden war angerichtet worden.
      Aber wenn Kassandra dennoch gewillt war, ihm ihre Hand zu reichen, dann sollte es für ihn im Augenblick genug sein. Sie war wiedergekommen, das sollte das einzige sein, was im Moment zählte. Dass sie noch immer Partner waren. Zumindest versuchte Zoras zu diesem Schluss zu gelangen.
      An diesem Abend lud er sie ausdrücklich dazu ein, mit ihm zu essen. Die Mahlzeit war zwar großzügig, aber das Gespräch fiel eher karg aus. Dabei konzentrierte Zoras sich ganz auf Kassandras Anwesenheit und das Glück, das er dabei empfinden sollte, die Phönixin wieder auf seiner Seite zu haben, anstatt die Diskussion des Wagens ein weiteres Mal aufzugreifen. Es gelang ihm auch, wenngleich mit einiger Mühe.
      Dabei half ihm der Kolibri, der an Kassandras Brust steckte. Sie hatte ihn immer noch nicht abgelegt, nicht einmal nach der so unbequemen Fahrt. Er saß noch immer auf seinem Platz auf ihren Gewändern, die roten, glitzernden Augen auf seine Umgebung gerichtet.
      Unter seinem Blick streckte Zoras im Nachgang die Hand zu Kassandra aus und hauchte einen feinen Kuss auf ihren Handrücken.

      Drei weitere Tage dauerte die Fahrt und ließ den Streit in den Hintergrund treten, um stattdessen auf die bevorstehenden Pflichten aufmerksam zu machen. Das Thema Kassandra, Velius, Lüge und Geheimnis kam nicht wieder auf, dafür tastete Zoras sich erneut an die Geschehnisse der letzten Wochen heran, um die Phönixin zurück in die Arbeitsabläufe einzugliedern. Die Gespräche waren trocken und kaum mehr persönlich. Von jetzt auf gleich hatten sie zurück in den Trott des Palastes gefunden.
      An der Hauptstadt wurden die riesigen Tore unter großem Lärm und Andrang vollständig für sie geöffnet, um den Blick auf eine Masse Schaulustiger freizugeben, die hinter den Toren die Straßen verstopften. Der Lärm schwoll an, als die Truppe sich wieder in Bewegung setzte und sich im Schritttempo einen Weg durch die Menge zu bahnen versuchte. Viele Menschen verrenkten sich die Hälse, um einen Blick ins Innere erhaschen zu können, aber Zoras hielt die Vorhänge geschlossen. Er war noch nicht bereit, sich der Huldigung der vielen Kuluarer zu widmen, die ihn regelrecht vergötterten, und Kassandra schien auch nicht erpicht darauf, ihr Antlitz zu präsentieren. Es war sowieso nicht allgegenwärtig bekannt, dass die Phönixin die Stadt verlassen hatte, und es wäre wohl auch gut, wenn das für den Augenblick so bleiben konnte. Kassandra war wieder da und das war das einzig wichtige. Alles andere würde nur unangenehme Gerüchte befeuern.
      Die Palastwache hatte zwei ordentliche Reihen gebildet und salutierte, kaum als der Wagen stehen blieb und jemand die Tür öffnete. Zoras stieg als erster hinaus, drehte sich um und streckte die Hand aus. Kassandra legte ordentlich ihre Finger auf seine und stieg anmutig die Stufen hinab. Wenn ihre Anwesenheit die Soldaten überraschte, so verbargen sie es gut. Ihre Mienen waren eisern und sie rührten sich kein Stück, als wäre es alltäglich, dass die zuvor verschwundene Phönixin wieder beim Palast auftauchte. Als wäre es Teil der Tagesordnung.
      Zoras war ausnahmsweise einmal unheimlich glücklich, wieder in den Palast zu kommen und die Anstrengungen der Reise abzulegen. Er vermisste ein ordentliches Bett und warmes Badewasser und eine gute Mahlzeit. Er vermisste den Luxus einer Dienerschaft, die Sauberkeit eines Palastes und angenehme Kleidung. Er vermisste tatsächlich den Prunk, den er bislang in seinem Leben verschmäht hatte. Wenn man genügend Zeit einen König in königlichen Gemäuern verkörperte, konnte man sich wohl schnell daran gewöhnen, dass einem die Lasten des alltäglichen Lebens abgenommen wurden. So leicht ging das schon mal, wenn man sich den Rest der Zeit mit Politik herumschlagen musste. Zoras fand seine Sehnsucht daher durchaus gerechtfertigt.
      Er fand nur kurz Zeit, tatsächlich die Vorzüge des Palastes genießen zu können, bevor die Realität zu ihm aufschloss. Boten holten zu ihnen beiden auf, kaum als sie ihr Gemach erreicht hatten, und Schreiber drängten sich gleich hinten an. Zoras musste sich darüber informieren lassen, dass ein beträchtlicher Stapel Post auf seinem Schreibtisch auf ihn wartete, dass es in seiner Abwesenheit einige unerfreuliche Audienzen gegeben habe und dass diverse Berichte auf seine Sichtung warteten. Hinzu kam, dass der Rat seine Anwesenheit verlangte. Natürlich.
      Zoras scheuchte die Bediensteten ungehalten fort und zog sich zuerst mit Kassandra in ihr gemeinsames Zimmer zurück. Viel Ruhe blieb ihnen sowieso nicht und nachdem es zum fünften Mal geklopft hatte, weil Zoras dies unterschreiben, jenes aufsetzen oder von jemandem aufgesucht werden sollte, ließ er den Traum von Frieden und Erholung schließlich fahren. Stattdessen schickte er eine Botin los, um alles für seine Anwesenheit vorzubereiten.
      Zwei Stunden später war es schon soweit. Zoras hatte gerade genug Zeit gehabt, sich zu waschen und sich ankleiden zu lassen; natürlich wieder in die ausgefallensten, von Türkis durchzogenen Gewänder. Jetzt wartete Kassandra - die bereits auf sämtliche Weisen makellos aussah - auf ihn, die Miene undurchdringlich, die roten Augen aufmerksam wie eh und je. Er schenkte ihr ein kurzes, müdes Lächeln und ging auf einer Höhe mit ihr zum Audienzsaal. Die Wachen schoben für sie beide Flügeltüren auf.
      Der Rat war vollständig anwesend, jeder auf seinem zugeordneten Platz. Kalea hatte noch immer Wachen bei sich und Ristaer wurde noch immer von Schreiberlingen umringt, Dionysus fläzte auf seinem Sessel, Feyra saß ohne Kelch neben ihm und Mirdole sah wieder ein Stück besser aus als letzte Woche. Obwohl die Konstellation war wie immer, hing doch eine andere Stimmung in der Luft, eine Atmosphäre, die untypisch für den Raum war. Das erklärte sich aber erst, als acht Augenpaare sich auf das Herrscherpaar richteten.

      Sie standen alle auf, ohne zu zögern. Jeder einzelne von ihnen. Stühle schabten über den Boden, Papier raschelte, Gewänder knisterten. Köpfe erhoben sich, Rücken wurden durchgestreckt, Schultern wanderten nach hinten. Blicke setzten sich auf der Phönixin und dem Eviad fest, während die beiden den Saal betraten und auf ihre Plätze zugingen. Alle rührten sich, alle standen stramm und dann bewegte sich keiner mehr. Nicht einmal Dionysus. Nicht einmal Dionysus.
      Zoras konnte sich die Befriedigung nicht verkneifen, die ihm bei dem Anblick erfasste - dabei hatte der Rat es bereits vor Tagen geschafft, nun auch ohne Zoras' Anweisung aufzustehen und sich auch ohne sein Wort zu setzen. Aber trotzdem, diese Gruppe so vor sich zu haben, die mächtigsten Leute in ganz Kuluar, und zu wissen, dass sie - für den Moment - mit einem Fingerschnippen für ihn springen würden, das war befriedigend. Befreiend sogar. Ein dreiviertel Jahr ununterbrochener Arbeit und einem Kampf, der auf sämtlichen Ebenen ausgetragen worden war, und er hatte es endlich vollbracht, er hatte geschafft, weshalb sie überhaupt vor nun fast drei Jahren nach Kuluar gekommen waren. Sie waren nun endlich ihrem eigentlichen Ziel einen großen Schritt näher gekommen. All die Mühen hatten sich letzten Endes bezahlt gemacht.
      Zoras ließ den Rat weiter stehen, ging zu ihren Plätzen, rückte Kassandra den Stuhl zurecht und reichte ihr die Hand.
      "Meine Hübsche."
      Damit neigte er den Kopf und ließ die Phönixin als erstes setzen.

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    • Kassandra war, gelinde ausgedrückt, überrascht, wie sehr das Volk ihre Abwesenheit nicht bemerkt hatte. Kaum waren sie in die Stadt eingefahren, wogte eine Masse an Menschen um den Zug. Ihr war mittlerweile bewusst, wie sehr sich das einfache Volk nach einem Herrscher sehnen konnte, aber selten drängten sie sich dermaßen nah an den Zug heran. Im Wagen drangen ihr die Rufe der Menschen bis ans Ohr, aber sie schob die Vorhänge nicht beiseite. Stattdessen musterte die Phönixin den Eviad, der kein entspanntes, sondern vielmehr erledigtes Gesicht zur Schau trug. Er wirkte nicht erpicht darauf, sich den Menschen zu stellen, die ihren Eviad feierten. Und irgendwie wurde Kassandra den Eindruck nicht los, dass das Volk ihren Herrscher schon eine gewisse Zeit nicht mehr gesehen hatte und sich deswegen nach ihm verzehrte.

      Die erste wirkliche Reaktion auf ihr Erscheinen bemerkte Kassandra bei den Palastwachen. Als Zoras aus der Kutsche stieg, salutierten sie wie eh und je, ihre Auren gefestigt und ruhig. Doch als der Eviad seine Göttin aus dem Inneren ans Licht geleitete, regten sich die ersten Auren. Mit schnellen Blicken überflog sie die Mimik der Soldaten, die allerlei Regungen komplett vertuschten. Doch einige der Auren wurden unruhig, und das aus den verschiedensten Gründen. Sie alle trugen das Türkis, das sie einst ausgewählt hatte, aber von Freude war in den Auren kaum etwas zu lesen.
      Vorerst entschied sich Kassandra dazu, sich nicht einzumischen. Zwar ging sie mit Zoras auf einer Höhe die langen Gänge des Palastes entlang, doch die ganzen Bediensteten, die etwas von ihrem Herrscher wollten, ließ sie links liegen. Vielmehr beobachtete sie, wie Zoras mit dem Schwall an Leuten umging und befand, dass manche der Unterfangen durchaus länger als eine Woche zurücklagen mussten. Entweder, er hatte sie bis jetzt aufgeschoben oder er war gar nichts da gewesen, um sie abzuhandeln. Unwirsch verscheuchte Zoras die Leute, um sich in seinem Gemach zumindest soweit herzurichten, sodass die restlichen Ratsmitglieder ihm nicht deshalb schon Vorwürfe machen konnten. Die zwei Stunden, die Zoras dafür benötigte, waren in ihrer Wahrnehmung nur sieben Wimpernschläge lang gewesen. Dann gingen sie beide zusammen weiter zum Hauptsaal.

      Die Türen wurden für Zoras und Kassandra geöffnet und wie als wäre die Box der Pandora geöffnet worden, veränderte sich Kassandras bis hier her entspannte und gleichgültige Haltung. Ihre Ausstrahlung wuchs und sie unterdrückte nicht, wie ungehalten sie darüber war, gleich wieder den Blick mit Dionysus zu kreuzen. Während Zoras augenscheinlich wenig überrascht, aber seltsam stolz wirkte, analysierte die Phönixin alle Anwesenden kurz. Ihr fielen die offensichtlichen Veränderungen sofort auf, genau wie jene Dinge, die schon immer gleichzubleiben schienen. Allerdings verharrte ihre Aufmerksamkeit einen Moment länger bei der Gorgone, die noch immer arg mitgenommen aussah. Erst ein Blick auf ihre Aura offenbarte Kassandra, wie hart es sie tatsächlich getroffen haben musste. Die Spuren waren noch immer ersichtlich und sie war sich sicher, dass Mirdole diese Wunden nicht in Kauf genommen hätte, nur um einen Disput mit Dionysus auszutragen.
      Der Weingott verhielt sich wie immer, flezte in seinem Stuhl und schien von der Phönixin keinerlei Gefahr wahrzunehmen. Besagte Phönixin ließ gerade die schwarzen Flämmchen in ihren Augen nur für ihn auflodern, da ging Bewegung durch die Versammelten. Stühle wurden gerückt, es kratzte auf dem Boden, Gewänder raschelten. Und dann standen alle Ratsmitglieder unaufgefordert da und schwiegen. Wohingegen Zoras dieses Verhalten scheinbar kannte, war Kassandra zugegeben überrascht. Selbst Dionysus folgte diesem unausgesprochenen Befehl und als sie die Ratsmitglieder umrundete, um zu ihrem Platz zu gelangen, musterte sie ihn bis zur letzten Sekunde, bevor sie sich setzte. Tatsächlich hatte Zoras den Haufen unter Kontrolle gebracht. Und das erst seitdem sie fort gewesen war.
      „Meine Hübsche.“ Geistesgegenwärtig ergriff Kassandra Zoras‘ Hand und setzte sich noch vor ihm. Ihren unterdrückten Zorn linderte das jedoch wenig.
      Nachdem sich Zoras gesetzt hatte, sank der restliche Rat auf ihre Plätze zurück. Erstmalig kümmerte sich Kassandra nicht mehr darum, einen erhabenen und gelassenen Eindruck zu machen. Alles an ihr strahlte unmissverständlich aus, dass die Zeit, in der sie mehr Beobachterin war als alles andere, vorbei war. Esho erdreistete sich, ihr zu zuwinken, doch er ließ die Hand eilig wieder sinken, nachdem er einen Blick der Phönixin kassiert hatte.
      Dann bekam Mirdole Kassandras volle Aufmerksamkeit. „Nach dieser Versammlung werden wir beide uns zurückziehen und uns unterhalten“, verlangte sie und ihr Tonfall war herrischer, als geplant. Das ließ sich nun nicht mehr ändern.
      Ihre Augen schnackten zu Dionysus herüber, dem der Blick allein augenscheinlich wenig ausmachte. Kassandra hob das Kinn noch weiter an und neigte den Kopf leicht zur Seite. Er hatte in ihren Augen keinen einzigen Funken Respekt mehr verdient. Die Zeit der Spiele war vorbei. „Und du. Dass ich damals nicht kurzen Prozess mit dir gemacht habe, als du nicht damit rechnetest, war ein Fehler. Ich wiederhole meine Fehler nicht. Mir wurde zugetragen, was hier in meiner Abwesenheit geschehen ist und ich warne dich ein einziges Mal und im Voraus: Missachte meine Befehle oder gib mir auch nur den geringsten Grund dich anzugreifen, dann werde ich es tun.“
      Er wirkte nicht unbedingt betroffen oder zeigte es lediglich nicht auf seinem Gesicht. Als Antwort darauf quoll schwarzes Feuer unter Kassandras Körper hervor und setzte ihren Sitz in Brand. Flammen ergossen sich auf den Boden, schwarz wie die Nacht, und schluckten sogar das Licht um sie herum. Hier in diesem Raum gab es nur ein Wesen, das nun wirklich die Ausstrahlung eines Gottes trug.
      „Deine Existenz werde ich dann aus der Welt brennen, Dionysus. Keine Verhandlung, keine Warnung. Oronia war lediglich der Vorgeschmack. Haben wir uns da verstanden?“
    • Kassandra beäugte die ganze Versammlung mit wachsamen Auge. Ihr Blick war über jedes einzelne Ratsmitglied geschweift und hatte sie alle der Reihe nach studiert, vorneweg der Weingott selbst, der mit keiner Regung zu erkennen gab, was er von der Rückkehr der Phönixin halten mochte. Zoras schielte zu ihr hinüber, um dafür ihre Reaktion nicht zu verpassen, darauf, dass sie endlich geschafft hatten, weshalb sie überhaupt hergekommen waren, aber bis auf den aufmerksamen Blick zeigte sie ihm nichts. Erhaben wie eh und je, würdevoll und ganz die Göttin, die sie war, ließ sie sich auf den ihr angebotenen Platz sinken. Die Anwesenden standen einen Augenblick länger, sodass es wirkte, als sei Kassandra die alleinige Herrscherin, dann setzte sich auch der Rest. Es wurde nicht geredet und nicht getuschelt. Dionysus sah zwar gelangweilt aus wie sonst auch, Ristaer war gänzlich von seinen Schriften abgelenkt und Esho präsentierte ein freches Grinsen, aber sie waren alle still. Sie überließen es den Herrschern, das Wort zu ergreifen.
      Kassandra kam dabei Zoras zuvor.
      „Nach dieser Versammlung werden wir beide uns zurückziehen und uns unterhalten."
      Die Angesprochene war Mirdole, die dem scharfen Blick der Phönixin ungerührt begegnete. Die Schlangen auf ihrem Haupt waren zum Großteil wieder zum Leben erwacht, hingen aber noch immer herab, als hätten sie noch nicht die Kraft, sich auch zu bewegen. Leise zischelten sie, sahen aber niemand spezielles an. Es war ein durchaus merkwürdiger Anblick, das sonst von Leben erfüllte Haar der Gorgone so still zu sein. Zoras hatte sich auch selbst noch nicht daran gewöhnt und würde es auch nie. Nach Kaleas Miene zu schließen, ging es ihr da sehr ähnlich.
      Kassandras Blick sprang zu Dionysus weiter. Sein Anblick alleine schien zu genügen, um das Feuer in ihren Augen neu anzufachen.
      "Und du."
      Dionysus hob eine wartende Augenbraue. Er hatte zwar nicht sein typisches Lächeln aufgesetzt, aber er sah doch immernoch sehr zufrieden aus. Dafür saß Feyra neben ihm aufrecht und kerzengerade und beobachtete Kassandra mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht.
      "Mir wurde zugetragen, was hier in meiner Abwesenheit geschehen ist und ich warne dich ein einziges Mal und im Voraus: Missachte meine Befehle oder gib mir auch nur den geringsten Grund dich anzugreifen, dann werde ich es tun."
      Dionysus machte eine Geste mit der Hand, als würde er eine Fliege verscheuchen.
      "Ja, ja. Tob dich nur aus, Vogel. Wenn man Flügel hat, will man sie auch benutzen, nicht wahr?"
      Zoras war sich zu diesem Punkt nicht sicher, ob er vielleicht einschreiten sollte. Sicher hätte er sich damit nur zum Narren gemacht - das war bei Dionysus unvermeidbar - aber er hätte doch verhindern können, dass das Gespräch in die falsche Richtung lief. Nur tat er es doch nicht und war damit zu spät, als plötzlich schwarzes Feuer unter Kassandra hervor brach und sich auf ihre Umgebung ergoss. Zu seiner Scham zuckte er selbst zusammen, aber die Bewegung ging in der allgemeinen Aufregung unter, die entbrandete. Ristaer klaubte hastig ein paar Papiere zusammen, um sie von Kassandra weg zu schieben, Kalea gab ein gar theatralisches Schnappen nach Luft von sich und ihre Leibgarde bewegte sich, Mirdoles Schlangen zischelten ein wenig lauter und Halmyn bewegte sich knarrend auf seinem Stuhl. Dionysus schien von der Vorstellung unberührt, allerdings zuckte sein Blick nach unten auf die Flammen, die sich in alle Richtungen ergossen, und das war wohl Reaktion genug für den sonst so überzeugten Gott.
      „Deine Existenz werde ich dann aus der Welt brennen, Dionysus. Keine Verhandlung, keine Warnung. Oronia war lediglich der Vorgeschmack. Haben wir uns da verstanden?“
      "Sicher. Hat der Vogel sonst noch Wünsche?"
      Zoras war jetzt wirklich drauf und dran einzuschreiten. Er durfte sich zwar als vor den Flammen immun betrachten, aber das hieß noch lange nicht, dass es hier gleich zu einer Auseinandersetzung kommen sollte. Nicht grundlos, nicht im ersten Moment, sobald Kassandra wieder hier war.
      Doch natürlich war sie selbst weitsichtig genug, es nicht darauf ankommen zu lassen. Sie tat das einzige, was man bei Dionysus tun konnte: Seine Provokationen ignorieren und nicht weiter darauf eingehen. Das gab Zoras die Gelegenheit, die Versammlung zu beginnen.

      Im Nachgang verstreuten sich alle. Ristaer hielt gleich auf den Ausgang zu, um zurück zu seinem Sitz zu fahren; Esho verschwand in Richtung Hofgarten; Feyra zog sich in eine der Arbeitsräume zurück und Kalea musste wohl oder übel im Saal ausharren, während Mirdole Kassandra folgte. Dabei hatte die Frau eine finstere Miene aufgezogen und wurde von ihrer Leibgarde geradezu umringt.
      Zoras nahm an dem Gespräch nicht teil. Kassandra hatte ausgedrückt, alleine mit der Gorgone reden zu wollen, und außerdem gab es mehr als genug aufzuholen, sodass er versorgt war. Er schenkte ihr ein flüchtiges Lächeln und ging dann in einen anderen Gang davon, wo ihn sogleich Bedienstete und Boten einholten. Im Schlepptau führte er ein halbes Dutzend Gardisten mit sich.
      Mirdole ging schweigend und teilnahmslos neben Kassandra her. Sie war während der Versammlung einsilbig geblieben und machte sich jetzt auch nicht die Mühe, ein Gespräch mit der Phönixin aufzubauen. Stattdessen wandte sie sich ihr zu und sah sie nur reglos an, als sie einen Raum für sich gefunden hatten.

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    • Kassandra hatte dieses Statement als ausreichend genug empfunden, um nicht länger auseinander zu bröseln, was sich hier in Zukunft am Hofe verändern würde. Wie zuvor schob sie Dionysus‘ Sticheleien zur Seite, wohl darauf bedacht den Moment nicht zu verpassen, in dem sie ihm den Kopf abreißen konnte. Doch in dieser Sitzung kam der erhoffte Moment leider nicht mehr und so drapierte sich eine sichtlich ungehaltene Kassandra auf ihrem Stuhl, während die restlichen Belange unter den Augen des Eviads geklärt wurden.
      Am Ende der Sitzung verschwand Esho überraschend schnell aus dem Saal. Wohingegen Ristaer einfach nur geschäftig aussah, als er den Saal verließ, war Feyras Gang wesentlich entspannter. Nur Kalea, beraubt ihres Champions, verblieb im Gewimmel ihrer Wachen im Saal, während Kassandra hoch erhobenen Hauptes den Weg vorgab und die Gorgone in ihrem Schatten folgte. Die Phönixin sah sich nicht einmal nach Zoras um, als sich ihre Wege trennten. Schließlich hatte sie allen klargemacht, dass, sollte etwas entgegen ihrer Wünsche geschehen, gleich das ganze Land mit brennen würde. Weder sie noch die Gorgone verloren ein einziges Wort bis Kassandra einen Raum gefunden hatte, in den nicht zufällig irgendwelche Leute platzen würden.
      „Für deine Verhältnisse bist du still geworden, Mirdole. Wo ist dein Biss geblieben?“, fragte Kassandra und ließ mit einer Bewegung ihrer Hand die Tür ins Schloss fallen. Die Blöße, sie händisch zu schließen, gab sie sich nicht.
      Erneut ging die Gorgone nicht auf die Frage ein und Kassandra sah sich genötigt, die Arme zu verschränken. Schweigend ließ sie ihren Blick dieses Mal in Ruhe über die Gorgone gleiten. Die Schlangen in ihren Haaren waren klein und schmächtig, die Schuppen noch hell und weich. Das Gesicht war nicht mehr so ausgemergelt wie vor Tagen, aber selbst für einen Champion sah sie noch mitgenommen aus. Erst auf den zweiten Blick mittels ihrer Aurensicht enthüllte sich das ganze Debakel, das einst Mirdoles Aura gewesen sein musste. In schwachen Strömen begann sich die Aura neu zu bilden und zu winden, war jedoch noch immer von ihrer Stärke vor ein paar Wochen weit entfernt. Die Handschrift dafür konnte nur ein einziges Wesen im Umkreis tragen.
      Kassandras Miene verdunkelte sich, jedoch verlor sich zeitgleich die Härte in ihr. „Ich dachte, du wolltest dich nicht in unsere Belange einmischen oder gar Partei ergreifen. Ich erinnere mich noch gut daran wie du sagtest, dass deine Trägerin keinen Befehl dazu gegeben hat.“
      Sie spielte auf den Hinweis an, den Mirdole Kassandra am Abend ihres Verschwindens gegeben hatte. Natürlich verstand Mirdole diese Anspielung und hielt sich davon fern, die Aussage zu verneinen. Auch wenn es früher schon schwierig gewesen war, die Gesichtsausdrücke der Gorgone zu lesen, gestaltete sich dies nun nur als noch schwieriger.
      Ganz langsam setzte sich Kassandra in Bewegung und näherte sich der Gorgone an. Die Schlangen in ihrem Haar wurden bereits unruhig und taten ihren Unmut kund. „Mir wurde zugetragen, dass Dionysus Zoras in den Gassen attackiert hat. Ich hinterfrage jetzt nicht, wieso er überhaupt dort war, sondern vielmehr, was du dort verloren hattest. In seinen Augen sah es vermutlich danach aus, als wenn auch du nach seinem Leben getrachtet hast, aber ich bezweifle das. Du bist nicht so kurzsichtig, als dass du dich in einen Zweikampf mit Dionysus einlässt.“
      Das war eine Feststellung, die man eigentlich nicht laut aussprechen musste. Gerade mit dem Wissen, dass der Weingott seine Essenz hatte zurückbekommen können wie er es wünschte, war ein zu großes Risiko, um einen Zweikampf zu suchen. Kassandra stoppte knapp vor der Gorgone und musterte ihr Gesicht. In weiser Voraussicht wich Mirdole nicht vom Fleck. Schließlich verströmte Kassandra nun keinerlei feindselige Aura mehr. „Du warst nicht auf Befehl dort, richtig?“, vermutete Kassandra und hob eine Hand, die delikaten Finger auf Mirdoles Gesicht ausgerichtet. „Du wolltest eine Farce aufrechterhalten und hast deswegen verkündet, dass du Zoras‘ Kopf forderst. Dabei hast du nur verhindert, dass Dionysus ihn vor Ort tötet. Du hast ihm Zeit erkauft.“
      Ihre Finger berührten Mirdoles Gesicht nicht, sondern berührten ihr Haar. Das warnende Zischeln der Schlangen ignorierte die Phönixin, sie streichelte beinahe eine der Schlangen. Offensichtlich übertrat sie damit eine Grenze, denn die Schlange schlug ohne Umschweife zu und verbiss sich in Kassandras Hand. Diese zuckte jedoch mit keiner Wimper, sondern legte ihre Finger um den Körper der Schlange und hielt sie sanft fest. Dann wurde es um die beiden Frauen wohlig warm. Kassandras Aura wuchs an und zusammen mit einem Teil ihrer Magie floss sie zu Mirdole herüber, verbunden durch den Punkt, wo die Schlange sich in ihre Hand verbissen hatte. Mit gesenkter Stimme, die fast schon sinnlich war, flüsterte sie: „Dankbarkeit ist etwas, zu dem die meisten Götter schlichtweg nicht imstande sind. Aber ich bin nicht nur eine Göttin, wie du weißt.“
      Sie band Mirdoles Blick mit ihren rubinroten Augen, wohl bewusst, dass dies eigentlich das Steckenpferd der Gorgone war. Aber während die Sekunden verflossen, geschah das Gleiche mit Mirdoles Verletzungen. Die schwächlich wirkenden Schlangen wuchsen und wurden kräftiger, ihre geschwächte Aura fand allmählich zu ihrer Stärke wieder. Kassandra setzte eine ihrer Alleinstellungsmerkmale bei der Gorgone ein, um sie von ihren Blessuren zu befreien. Das tat sie nicht nur aus Eigennutz, sondern vielmehr, weil sie ihre Worte auch genau so meinte.
    • „Für deine Verhältnisse bist du still geworden, Mirdole."
      Die beiden Göttinnen hielten sich nicht mit menschlichen Gepflogenheiten auf und setzten sich etwa auf die Stühle des Raumes. Sie blieben hinter der Tür stehen, gerade, dass man sie nicht mehr hören konnte.
      "Wo ist dein Biss geblieben?"
      Die Gorgone stieß nur die Luft durch die Nase aus. Was bei Asterios vielleicht noch als eigenständige Antwort hätte zählen können, war bei ihr kaum mehr als Reaktion auf die Frage. Kassandra verschränkte im Gegenzug die Arme.
      Als sie weitersprach, hatte ihre Stimme etwas von der Härte verloren, die sie im Audienzsaal noch gezeigt hatte.
      „Ich dachte, du wolltest dich nicht in unsere Belange einmischen oder gar Partei ergreifen. Ich erinnere mich noch gut daran wie du sagtest, dass deine Trägerin keinen Befehl dazu gegeben hat.“
      "Richtig."
      Sie blieb, ganz dem Bild einer Göttin, völlig reglos. Ihre Schlangen waren das einzige, was sich an ihr rührte, und bewegten sich mit schwachen Bewegungen hin und her. Winzige Zungen schossen aus den Mündern hervor, aber das Zischen klang weit entfernt und kümmerlich.
      Erst, als die Phönixin sich in Bewegung setzte, kam etwas mehr Leben in Mirdoles Gestalt. Ihre Pupillen verengten sich und ein Dutzend Schlangen richteten sich aus, als hätten sie Kassandra jetzt erst bemerkt. Das Zischen wurde lauter, eine kleine Symphonie, die sie beide umwogte. Mirdoles Aura blieb davon unberührt.
      „Mir wurde zugetragen, dass Dionysus Zoras in den Gassen attackiert hat. Ich hinterfrage jetzt nicht, wieso er überhaupt dort war, sondern vielmehr, was du dort verloren hattest."
      Sie blinzelte. Nachdem Götter das nicht mussten, war das wohl eine angemessene, nonverbale Reaktion.
      "In seinen Augen sah es vermutlich danach aus, als wenn auch du nach seinem Leben getrachtet hast, aber ich bezweifle das. Du bist nicht so kurzsichtig, als dass du dich in einen Zweikampf mit Dionysus einlässt.“
      "Bin ich das nicht?", gab sie trocken zurück. Die Retoure hätte vielleicht funktionieren können, vor Wochen noch, als die Phönixin und die Gorgone nicht mehr waren als entfernte Feinde, aber ein ganz spezieller Abend hatte es unmöglich gemacht, jetzt noch diese Distanz zu wahren. Ob es beabsichtigt war oder nicht, aber Mirdole konnte nicht mehr so kalt bleiben wie früher. Dafür hatte sie Kassandra zu viel von einem kleinen Mädchen erzählt, das für eine Göttin keine Bedeutung haben dürfte. Ganz besonders nicht, wenn es schon so lange her war.
      So sagte sie nichts weiter, als Kassandra direkt vor ihr zum Stehen kam. Ihre Schlangen streckten sich jetzt der Phönixin entgegen, unternahmen aber keine ernsthaften Versuche, sie zu erwischen. Aufgebracht zischelten sie.
      „Du warst nicht auf Befehl dort, richtig?“
      Mirdoles Aura vibrierte für einen Moment. Sie rührte sich nicht, blinzelte nicht einmal mehr, was vielleicht auch Antwort genug war.
      „Du wolltest eine Farce aufrechterhalten und hast deswegen verkündet, dass du Zoras‘ Kopf forderst. Dabei hast du nur verhindert, dass Dionysus ihn vor Ort tötet. Du hast ihm Zeit erkauft.“
      "Ich mische mich nicht in menschliche Belange ein. Nicht jetzt und auch sonst nicht", sagte sie tonlos. Sie wiederholte das selbe nicht für göttliche Belange.
      Kassandras Finger näherte sich ihrem Gesicht. Jetzt kam doch ein bisschen Bewegung in Mirdoles Aura, ein leichtes Schlängeln und Schieben ihres schuppenartigen Grüns, das sie umgab. Ihre Schlangen öffneten nun ihre Münder, um Kassandra ihre scharfen Zähne zu präsentieren, aber die Phönixin hielt nicht ein. Als sie in Reichweite war, schoss eine der schlangen nach vorne und erwischte ihren Finger. Tief schlug sie ihre Zähne in ihn hinein.
      Kassandra reagierte nicht. Sie hatte den Blick weiter auf Mirdole gerichtet, auf ihre gefährlichen, wahnsinnig tiefen Augen, die der Phönixin doch nichts anhaben konnten, und legte die Finger um die Schlange. Es zischte aufgebracht um sie herum und Mirdoles Aura rührte sich mit schlangenartiger Eleganz. Doch dann trat das Rot auf das Grün über.
      Die Berührung einer Phönixin war ein kostbares Gut, selbst für die Götter. Es war eine der wenigen Ausnahmen, in denen die Götter etwas empfinden konnten, und diese Empfindung war etwas überragendes, ein Rausch, vor dem sich selbst sie nicht verwehren konnte. Mirdole sog die Luft ein, als Kassandras Rot auf sie überglitt, als es federleicht über ihre Ränder strich und nichts als gesundes, kräftiges Grün hinterließ, wo es sie streifte. Die Berührung hatte nichts von der rohen Gewalt eines Götterkampfes und auch nichts von der versengenden Zerstörung eines wahrhaftigen Phönix-Feuers, es war mehr wie ein Spiel, eine feine Ummantelung, die Mirdoles Aura umgab und ausfüllte. Die Augen des Gorgone weiteten sich ein wenig, während sie Kassandra weiter anstarrte, während sie den Blick nicht von ihr nahm. Ihre Schlangen hörten auf zu zischen, allesamt, alle gleichzeitig. Stille senkte sich über sie beide, während die Phönixin ihre Heilung wirkte. Schuppen setzten sich zusammen, Schlangen richteten sich auf. Binnen Sekunden geschah, was sonst Wochen gedauert hätte.
      „Dankbarkeit ist etwas, zu dem die meisten Götter schlichtweg nicht imstande sind. Aber ich bin nicht nur eine Göttin, wie du weißt.“
      Mirdoles Blick wurde wacher, klarer. Sie sah die Phönixin an, sah in ihr Gesicht, als könnte sie dort Antworten finden auf Fragen, die noch nicht einmal gestellt waren. Noch immer waren sie durch die Schlange verbunden, aber nach und nach hatte sich auch das Grün mit dem Rot vermischt.
      Mirdole sah wieder besser aus. Und mit ihrer Gesundheit kehrte auch etwas anderes zurück. Sie blinzelte wieder, Muskeln zuckten in ihrem Gesicht und dann schnaubte sie.
      "Menschlichkeit macht uns alle schwach."
      Ihre Schlange zog sich von Kassandras Hand zurück, doch es wurde nicht mehr so aufgebracht gezischt. Es wirkte ganz, als hätten die Schlangen die Phönixin wieder vergessen, so wie sie wieder um Mirdoles Kopf schlängelten, sich um sich selbst wickelten und stumm ihre Zungen nach draußen steckten.
      Die Gorgone sah Kassandra weiterhin direkt an.
      "Ich werde mich nicht für meine Taten rechtfertigen. Denke von mir, was du willst. Wenn dein Mensch stirbt, dann stirbt er und ich werde keine einzige Träne für ihn vergießen."
    • Ein wissender Ausdruck kehrte in Kassandras lebhafte Augen ein, als sich Mirdole ihrer Heilungsfähigkeiten nicht verwehren konnte. Bisher hatte es nur eine einzige Ausnahme gegeben, in der ein Gott nicht auf diese Magie reagiert hatte, und so verwunderte es sie nicht, wie die Gorgone nach Luft schnappte und sich ihre Augen kaum merklich weiteten. Das Verstummen der Schlangen war vermutlich das offensichtliche Zeichen dafür, dass sie auf die Magie ansprang. Es erfüllte Kassandra jedes Mal aufs Neue mit satter Genugtuung, dass sie, ausgerechnet sie, in der Lage war, dem eingebildeten Pack der Götter solche Empfindungen vorhalten zu können. Sparsam ging sie deshalb mit ihrer Gabe um und hielt ihren Wert entsprechend hoch.
      „Menschlichkeit macht uns alle schwach“, waren die ersten Worte, die Mirdole nach dieser Heilung von sich gab.
      Kassandra entwich ein seichtes, amüsiertes Schnauben. Wie alles in der Welt hatte auch dieser Aspekt Vor- und Nachteile. Sie würde ihren Status als Gott nie wieder als fehlerfrei oder weniger mit Nachteilen behaftet bezeichnen. „Wenn du das meinst. Wer bin ich schon, deine Meinung beeinflussen zu wollen.“
      Die roten Augen lösten sich kurz von Mirdoles Gesicht, als die Schlange ihre Zähne aus Kassandras makelloser Haut zog und sich zurückzog. Kein Tropfen Blut erschien an den Einstichstellen, die unter aller Blicke schon wieder verschwanden. Sichtlich zufrieden senkte sie ihre Hand, nachdem die Schlangen wieder lebendig in ihr Nest aus Haar zurückgekehrt waren.
      „Ich werde mich nicht für meine Taten rechtfertigen.“
      „Hat das jemand verlangt?“, fragte Kassandra, deren Lippen mit einem angedeuteten Schmunzeln konkurrierten.
      Mirdole ließ sich davon nicht ablenken. „Denke von mir, was du willst. Wenn dein Mensch stirbt, dann stirbt er und ich werde keine einzige Träne für ihn vergießen.“
      Darauf antwortete Kassandra nicht umgehend. Ihre Wangen zuckten, als sich das Schmunzeln deutlicher ausbilden wollte. Es wurde jedoch von ihr erfolgreich dabei behindert. „Er ist nicht mein Mensch. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich Sterbliche als Gefolge halten. Aktuell gehört er dem Volk von Kuluar, also seinesgleichen. Aber du hast in dem Punkt völlig Recht.“ Ihre Mundwinkel hoben sich, nur ein bisschen. Aber ihre Augen ließen eine gewisse Wehmut durchblicken, die sie nur für den Bruchteil einer Sekunde der Gorgone offenbarte. „Er wird irgendwann sterben, wie auch immer das Schicksal es fordert. Nur missverstehst du deine Rolle. Weder musst du eine Träne um ihn vergießen, noch solltest du es. Denn was ist wohl menschlicher als Mitgefühl und Trauer?“
      Es gab eine Sache, die noch menschlicher war. Doch daran zweifelte Kassandra aufrichtig, dass Mirdole dazu überhaupt in der Lage war. Also ließ sie es weiterhin unkommentiert, als sie sich abwandte und zurück zur Tür schritt. Mit der Aussage befreite sie Mirdole von dem eventuellen Zwang, doch eine Rolle für Zoras einnehmen zu müssen, die sie gar nicht sollte.
      „Es wird Krieg geben in nicht allzu weiter Ferne. Diejenigen, denen ich nicht vertrauen kann, werden dabei nur in sicherer Entfernung agieren, wo ich sie unter Kontrolle habe. Nur den Gleichgesinnten, von denen ich weiß, dass sie mir nicht in den Rücken fallen, gestatte ich einen Platz auf dem Feld neben mir. Ich bin mir sicher, du weißt, auf das zutrifft und wen nicht.“
      Über ihre Schulter hinweg schenkte sie Mirdole ein weiteres, vielschichtiges Lächeln. Sie wusste, wonach es der Gorgone insgeheim gelüstete und als Dank würde sie ihr eben jenen Platz zusichern. Aber ein wenig triezen konnte sie sich nicht verkneifen. „Aber Dankbarkeit war ja eine Schwäche, richtig?“
      Damit verschwand Kassandra aus dem Raum und hakte gedanklich den zweiten Punkt auf ihrer Liste ab. Es gab noch weitere, aber die konnte sie vermutlich nicht so schnell wie jetzt erfüllen. Aber wenn eine Göttin von etwas genug hatte, dann war es die Zeit.

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    • Mirdole ließ Kassandra nicht aus den Augen. Die Erwähnung von Krieg schien auf taube Ohren zu stoßen, wäre dort nicht die Wallung in ihrer Aura gewesen, die gegensätzliche Gedanken implizierte. Ihr Blick war hart, während sie die Phönixin ansah.
      "Dann wirst du auf dem Feld stehen? Nicht im Lazarett die Verwundeten behandeln?"
      Aus Dionysus' Mund wäre eine solche Frage eine eindeutige Provokation gewesen, aus Mirdoles war es nicht so sehr ersichtlich. Auch Mirdole war gelegentlich davon angetan, die Phönixin wegen ihrem Schicksal aufzuziehen, aber die erfahrene Heilung hatte sie sicher gutmütig gestellt. Sie ließ nicht erkennen, ob die Frage ernst gemeint war oder nicht.
      Dafür gab Kassandra ihr auch nicht die offensichtliche Antwort. Stattdessen lächelte sie auf eine Art, die Mirdoles Schlangen kräuseln ließen.
      „Aber Dankbarkeit war ja eine Schwäche, richtig?“
      Die Gorgone schnaubte nur. Sicher hätte sie auch dafür eine passende Antwort parat gehabt, aber sie machte sich nicht die Mühe dazu. Stattdessen sah sie der Phönixin nach als sie ging, still und unbewegt. An ihrem Haupt zischelte es leise, während sie darüber nachdachte.

      Zoras spürte deutlich den Einfluss, den Kassandras Rückkehr zum Palast auf ihn hatte. Dabei ging es gar nicht um die Sicherheit, die ihre Anwesenheit mit einherbrachte, so wie es vor der Katastrophe gewesen war. Diesbezüglich hatte Zoras sich in ihrer Abwesenheit wohl selbstständig gemacht. Nein, es ging um etwas anderes, wenngleich dennoch etwas Grundlegendes. Weshalb Zoras Kassandra auch aufsuchte.
      Seine Schritte fühlten sich an diesem Abend etwas leichter an, der Druck auf seinen Schultern etwas sanfter, das Pochen hinter seinen Schläfen etwas passiver. Er hatte den Rest des Tages nichts anderes gemacht als schon in den ganzen Wochen zuvor, nämlich zu herrschen und die Kontrolle über vier weitere Herrscher samt Champions zu halten, aber es hatte sich alles ein Stück leichter angefühlt. Ein Stück machbarer. Und der Grund dafür lag in dem Anblick der Phönixin, die hinter der Tür sein Kommen bereits erwartete.
      Es lag noch immer eine Distanz zwischen ihnen, die sich nicht so leicht mit Worten oder Berührungen hätte lösen können. Zu viel war gesprochen worden, zu groß waren die Gefühle gewesen - zumindest für Zoras - um einfach so zu alten Gewohnheiten zurückkehren zu können. Aber das hieß nicht, dass Zoras Kassandra nicht mehr liebte. Das hieß noch lange nicht, dass er sich nicht einbildete, die Sorgen eines ganzen Lebens abperlen zu spüren, als er sie sah und ihre roten Augen ihm begegnete. Es hieß nicht, dass er ihr ohne Zweifel seine Liebe ausgesprochen hätte, jetzt und zu jeder anderen Tageszeit auch. Das war der Grund, weshalb ihre Anwesenheit sich auch auf ihn auswirkte.
      "Möchtest du mich zum Abendessen begleiten?"
      Mit ihm waren ein Dutzend Gardisten unterwegs, eine Gewohnheit, die sich durchaus nicht so einfach ablegen ließ. Allerdings blieben die Soldaten im Hintergrund, als Zoras den Raum betreten hatte. Auch diese Gewohnheit, einem Gott Platz zu machen, war fest verankert.
      Kassandra willigte ein und Zoras lächelte.

      Sie hätten einen beliebigen Saal im Palast wählen können - der Rat lebte hier nicht mehr und so wären sie überall ungestört gewesen. Womöglich war der ganze Palast auch zu groß für zwei einzelne Herrscher und ihre Gefolgschaft, aber das war ein Problem für ein anderes Mal. Zoras wählte trotzdem keinen der üblichen Säle, sondern führte sie in ein kleineres Esszimmer.
      Die Dienerschaft hatte bereits den - für königliche Verhältnisse kleinen - Tisch gedeckt, geschmückt mit Tüchern, Kerzen und Blüten, vorgedeckt mit dem Essen, damit die Ruhe nicht durch laufende Lieferungen gestört wurde. Die Wachen blieben an der Tür zurück und als sie sich geschlossen hatte, waren sie alleine.
      Zoras rückte Kassandras Stuhl zurecht und ließ sie setzen. Er nahm ihr gegenüber Platz und musterte sie. Ihre Miene war unleserlich wie immer, aber ihre Haltung war vielleicht nicht so hart wie bei anderen. Das hoffte Zoras jedenfalls.
      "Ich bin froh, dass du wieder hier bist. Es waren ein paar unschöne Wochen ohne dich."
      Er nahm sich das Besteck.
      "Wie ist dein Eindruck? Von hier, von allem?"
    • Kassandra hatte sich in Zoras‘ Gemach zurückgezogen, nachdem sie den größten Teil ihrer Agenda erfüllt hatte, der im Bereich des akut Machbaren gelegen hatte. Niemand der Anwesenden im Palast hatte sie anschließend aufgesucht oder generell ein Gespräch ersucht, weshalb sie nun vor der Wand stand, an der eine Waffenhalterung angebracht war. Zoras hatte ein waagerechtes Gestellt für Amartius anbringen lassen, damit das Schwert nicht auf dem Boden oder plakativ in einer Ecke lag. Nun wirkte es eher wie eine Dekoration anstelle der tödlichen Waffe, die es eigentlich sein konnte. Noch immer verspürte Kassandra Reue, wann immer sie die schwarze Klinge betrachtete, die die Farbe ihres Feuers trug. Die Aura, die das Schwert wie ein schwacher Strom durchzog, erinnerte sie nur allzu gut an den kleinen Jungen, den sie nur viel zu kurz erlebt hatte. Ihre Finger zuckten auf ihrem Unterarm, den sie vor ihre Brust gelegt hatte. Nur ein einziges Mal hatte sie das Schwert wahrlich berührt. Ein einziges Mal, als ob sie sich vergewissern musste, dass es sich wirklich um ihren Sohn handelte, der sich in ein Artefakt verwandelt hatte, um nicht vollends von der Erde zu verschwinden. Was hätte sie nicht alles dafür getan, seine Stimme zu hören und von ihm erzählt zu bekommen, was er alles erlebt hatte. Das Funkeln in seinen Augen, die seine Herkunft verrieten. Die Freude, die nur Kinder ausstrahlen konnten.
      Kassandra entspannte ihre verkrampften Lippen, als sie Zoras‘ Aura näherkommen spürte. Vorweg drehte sie sich schon der Tür zu und erwartete den Eviad, als dieser sie öffnete und eintrat. Hinter ihm im Flur ballten sich die Gardisten, die soviel Anstand besaßen, das Gemach nicht zu betreten.
      „Möchtest du mich zum Abendessen begleiten?“, fragte er sie und Kassandra spürte, wie etwas Warmes, nicht physisches über ihren Rücken strich.
      „Gerne.“

      Die Kutschfahrt und die damit verbundene Konfrontation war Kassandra selbstverständlich nicht entfallen. Deswegen nickte sie gedanklich anerkennend, dass Zoras sein Essen nicht in einem der protzigen Säle abhielt, sondern sich einen wesentlich kleineren Raum dafür ausgesucht hatte. Tatsächlich hatte sie damit gerechnet, dass er nach all den Strapazen weiterhin versuchte, ihr mit weltlichen Dingen Respekt zu zollen. Wie zum Beispiel durch die Arbeit desjenigen, der ihn mit Puder wieder hergerichtet hatte. Diese neue Angewohnheit hatte er nun beibehalten.
      Der übersichtlich gedeckte Tisch traf durchaus ihren Geschmack. Es hatte Vorzüge, pompös behandelt zu werden, aber das erwartete sie nicht von Zoras. Sie waren durch Zeiten gegangen, in denen er fast gar nichts hatte und das hier war der krasse Kontrast zu seiner Zeit als Söldner. Dass er sich also doch noch auf die kleinen Dinge berief, war ein Pluspunkt in ihren Augen. Ebenso, dass er die Gardisten ohne ein Wort dazu angehalten hatte, sich in den Gängen vor dem Raum aufzuhalten.
      „Ich bin froh, dass du wieder hier bist“, sagte er, nachdem er ihren Stuhl gerückt und sich ihr gegenübergesetzt hatte. „Es waren ein paar unschöne Wochen ohne dich.“
      Die Phönixin machte es sich auf dem Stuhl bequem und griff nach dem Kelch, den man bereits vorbereitet hatte. Sie warf einen flüchtigen Blick hinein. Auch hier fand sie keinen Wein wieder. „So hat es sich zumindest angehört, ja. Aber ich schätze, du gehst über die mir bekannten Vorfälle hinaus.“
      Er nahm das Besteck und begann sich, Essen auf seinen Teller aufzuladen. Dabei wirkte er schon sichtlich entspannter als die vergangenen Tage, während denen sie gereist waren. „Wie ist dein Eindruck? Von hier, von allem?“
      Kassandra antwortete nicht umgehend darauf, sondern schwenkte ihren Kelch ein wenig und beobachtete die wogende Flüssigkeit. Fast so, als müsse sie ihre Gedanken erst noch recht sortieren. „Die Stimmung im Palast hat sich deutlich geändert. Ich bin ein wenig erstaunt, dass es Dionysus‘ verpatzten Tötungsversuch bedurfte, damit sich alle hier etwas mehr zusammenreißen. Aber jetzt haben wir den Zustand erreicht, den wir uns eigentlich erhofft haben, findest du nicht?“ Sie nahm einen Schluck und kräuselte die Stirn. Das war auch kein Met. Tee vielleicht? Kalter Tee? „Es wird leichter, den aktuellen Zustand aufrechtzuerhalten. Ich bin ebenfalls nicht mehr bereit, meinen Platz hier weiterhin untergraben zu lassen und scheinbar ist das endlich auch so angekommen. Ich denke, mit diesem Gefüge könnte man sich eher daran machen, den eigentlichen Plan in die Tat umzusetzen. Du hast Esho schon informiert gehabt, korrekt? Ich habe Mirdole im Laufe des Tages dahingehend manipuliert, dass sie sich Gedanken um ihre Stellung macht, sofern wir damit beginnen, auszurücken.“
      Prompt fühlte Kassandra eine gewisse Vorfreude in sich. Nur darüber zu sprechen, wie sie in andere Länder einfallen und die dortigen Champions entweder zum Rückzug oder zur Aufgabe ihrer Existenz zwangen. Es war seit Langem die Gelegenheit für die Phönixin, wirklich das auszuleben, was sie auf der einen Seite war. Horden von Menschen waren immer noch etwas anderes als ein einziger Champion.
      „Gedenkst du, erst noch abzuwarten, ob sich die Haltung hier beibehält oder planst du bereits im Umkreis das erste Ziel auszusuchen?“ Sie hob den Blick und sah dabei zu, wie sich Zoras ein Stück Fleisch abschnitt. Ihr Teller blieb weiterhin leer. „Ich kann ebenfalls in Erfahrung bringen, welches der umliegenden Länder das verwundbarste Ziel abgibt.“
    • „Die Stimmung im Palast hat sich deutlich geändert. Ich bin ein wenig erstaunt, dass es Dionysus‘ verpatzten Tötungsversuch bedurfte, damit sich alle hier etwas mehr zusammenreißen.”
      Zoras hob den Blick kurz von seinem Teller. Er würde sich Zeit nehmen müssen, Kassandra genauestens über die Umstände im Palast aufzuklären. Für sie sah es vermutlich aus, als sei es dem Anschlag zu verschulden, dass sie hier gelandet waren. Das stimmte zu Teilen auch, aber die meiste Vorarbeit dafür hatte sie selbst mit geleistet. Das sollte nicht außer Acht gelassen werden.
      “Aber jetzt haben wir den Zustand erreicht, den wir uns eigentlich erhofft haben, findest du nicht?“
      Vorübergehend, ja. Das hier ist kein Endzustand, aber es sollte uns genügend Raum verschaffen, um weitere Vorkehrungen zu treffen. Wir sollten einen Rückfall verhindern können.
      Viel zu schnell war er in seine geschäftliche Stimmlage gefallen, dabei hatte er eigentlich das Abendessen geplant, um sich wieder etwas näher zu kommen. Zugegeben, die Verhältnisse im Palast trugen wohl einen beträchtlichen Anteil dazu bei.
      „Es wird leichter, den aktuellen Zustand aufrechtzuerhalten”, pflichtete Kassandra ihm bei. “Ich bin ebenfalls nicht mehr bereit, meinen Platz hier weiterhin untergraben zu lassen und scheinbar ist das endlich auch so angekommen.”
      Was gut war. Keiner von ihnen sollte noch mit sich spielen lassen.
      “Ich denke, mit diesem Gefüge könnte man sich eher daran machen, den eigentlichen Plan in die Tat umzusetzen. Du hast Esho schon informiert gehabt, korrekt?”
      Ich habe ihn über alles Wesentliche ins Bild gesetzt.
      “Ich habe Mirdole im Laufe des Tages dahingehend manipuliert, dass sie sich Gedanken um ihre Stellung macht, sofern wir damit beginnen, auszurücken.“
      Zoras nickte nur. Er vertraute Kassandras Expertise und die Gorgone auf ihrer Stelle zu wissen, war bereits ein Punkt weniger, um den er sich kümmern musste.
      “Gedenkst du, erst noch abzuwarten, ob sich die Haltung hier beibehält oder planst du bereits im Umkreis das erste Ziel auszusuchen?“
      Zoras schluckte erst seinen Bissen herunter.
      Wir brauchen ausreichend Rückhalt in Kuluar, falls es zum Krieg kommen sollte. Ich will mir nicht Gedanken darüber machen müssen, ob Dionysus mir in den Rücken fällt, wenn wir ausziehen. Wir werden genug Probleme mit anderen Champions haben.
      Kassandra blieb davon ganz ungerührt. Generell, die Aussicht auf einen möglichen Konflikt schien sie nicht zu beunruhigen.
      “Ich kann ebenfalls in Erfahrung bringen, welches der umliegenden Länder das verwundbarste Ziel abgibt.“
      Zoras stutzte, dann sah er sie an. Sollte das bedeuten, sie wollte eigenständig ausfliegen? Die Nachbarländer besuchen? Sie womöglich aushorchen?
      Zoras war zögerlich. Bislang hatte er sich noch nicht mit dem Gedanken befasst, dass Kassandra für einen längeren Zeitraum weg sein könnte. Es war bisher schlicht nicht in Frage gekommen und ihre jetzige Abwesenheit hatte den Gedanken nicht unbedingt in ein besseres Licht gerückt. Wenn er ehrlich war, wollte er Kassandra nicht schon wieder ziehen lassen. Nicht so lange.
      Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
      Das kannst du, ja. Vielleicht solltest du das auch.
      Aber es gefällt mir nicht.
      Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, die ich bevorzugen würde. Wir können die Botschafter einladen und sie ausquetschen. Feyra ist sehr motiviert dabei, sich beweisen zu wollen, sie wird uns nötige Informationen zukommen lassen. Lass uns erst sammeln, bevor wir Entscheidungen treffen. Und in der Zwischenzeit hätte ich dich lieber hier. Bei mir.
      Seine Stimme wurde etwas weicher, weniger geschäftlich. Er legte die offene Hand auf den Tisch, wie um die ihre zu fordern.
      Nicht nur für meine Sicherheit und auch nicht nur, um den Platz des Rates zu festigen. Ich möchte dich als Frau bei mir haben, als meine Partnerin. Ich möchte mich an die Zeiten erinnern, als wir noch nicht den ganzen Tag mit unserer Arbeit beschäftigt waren. Ich möchte deine Anwesenheit genießen, bevor wir doch wieder arbeiten müssen. Wir haben den ganzen Palast für uns, wir müssen uns keine Sorgen um plötzliche Attentate machen. Lass es uns genießen. Lass uns daran erinnern, weshalb wir eigentlich zusammengekommen sind.
    • „Das kannst du, ja. Vielleicht solltest du das auch.“
      Während Zoras in den Modus der Geschäftlichkeit gerutscht war, klang Kassandra hingegen eher wie im Plauderton. Für manch einen mochte es sich seltsam anhören, wie lapidar sie über den Fall ganzer Reiche sprach. Nur war das etwas, das für Götter schlichtweg normal war. Sie entschieden öfter als es den Menschen lieb war über Erhalt oder Verfall eines Landes, einer Linie, einer Ideologie. Doch ihr scharfer, alles durchschauender Blick strafte ihren Tonfall Lügen. Ihr war nicht entgangen, wie Zoras kurz inngehalten hatte, bevor er sein Fleisch mit dem Messer weiter schnitt. Ihr war das kurze Zucken seiner Augenbrauen nicht entgangen, was er immer hatte, wenn er zögerte oder ihm etwas missfiel. All diese Andeutungen hatte sie innerhalb Jahre perfekt zu lesen gelernt und brauchte dafür nicht einmal seine Aura zu berühren. Sie bemerkte, dass ihr Vorschlag offensichtlich sinnvoll war, er aber dennoch einen Einwand hatte, ihn lediglich nur nicht verbalisierte.
      „Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, die ich bevorzugen würde“, schloss Zoras schließlich an und Kassandra nickte langsam, während er ihr diese Möglichkeiten eröffnete.
      „Da Feyra sich bislang als nutzlos erwiesen hatte, hatte ich sie gar nicht mehr wirklich auf dem Plan“, stimmte sie zu. „Aber wenn du sagst, dass sie sich nun wesentlich ambitionierter zeigt, dann übergeben wir ihr diesen ersten Schritt. Der kann parallel laufen, während wir andere Vorbereitungen treffen.“
      Da hob Zoras den Blick von seinem Teller und legte sein Besteck beiseite. „Und in der Zwischenzeit hätte ich dich lieber hier. Bei mir.“ Er verlor mit jeder Silbe seine Attitüde als Eviad ein Stückchen mehr und legte schließlich eine offene Hand zwischen ihnen auf den Tisch. Für Kassandra führte er aus, was genau er damit meinte, aber statt einer sofortigen Reaktion der Phönixin bekam er vorerst einen eingehenden Blick.
      Ohne es zu beschwören sprang ihr Gedächtnis zu jenen Tagen zurück, als sie ihre unsichtbaren Fesseln noch trug. Als ihr das Herz fehlte und man ihr schwere Ketten an die Fußgelenke geschlungen hatte, damit sie sich nicht mehr in die Himmel erheben konnte. „Du meinst die Tage, in denen ich mich über Nüsse gefreut habe und du bereits unter meinem Blick schon geschmolzen bist?“, fragte sie leise und stellte ihren Kelch sorgsam ab. „Ich weiß, was du mit diesen Worten meinst, Zoras. Aber ich möchte dich an deine eigenen Worte erinnern: Der Herzog ist damals gestorben. Ich werde ihn nicht wiederbekommen, genauso wenig wie du die Phönixin zurückbekommen wirst, deren Antlitz rein augenscheinlich rein ist.“
      Kassandra seufzte und überlegte ganz offen zu ersehen, ob sie seiner Geste nachgeben sollte oder nicht. „…Ich denke, das war der Fehler. Wir haben versucht an dem festzuhalten, was damals war, obwohl die Jahre dazu geführt haben, dass wir jemand Neues sind. Das bedarf nicht nur Ausdauer, sondern auch Arbeit.“
      Endlich ging ein Ruck durch Kassandra und sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Sie legte sie auf dem Tisch ab, sodass ihre Fingerspitzen über die noch immer schwieligen Innenseiten seiner Fingerglieder strichen. „Ich sage dir vorweg, dass ich nicht unaufmerksam hier umher schreiten kann. Wenn ich nur den kleinsten Hinweis darauf bemerken sollte, dass jemand etwas gegen dich plant, dann werde ich dieses Mal umgehend zur Tat schreiten. Aber ich werde mich bemühen, es ein wenig... gelassener anzugehen."
      Was bedeutete, dass sie weniger frustriert sein müsste, tatenlos hier einzusitzen. Sie würde sich andere Wege suchen müssen, um nicht wieder in denselben Zustand zu verfallen, wie kurz vor ihrem Verschwinden. Ein Weg dafür konnte tatsächlich Mirdole sein, wenn sich die Gorgone dazu entschied, sich auf Kassandras Seite auf dem Schlachtfeld zu stellen.
      Noch immer streichelte sie Zoras weiter, doch da legte sie den Kopf leicht schief und lächelte ihn verschmitzt an. „Dann muss sich der große Eviad wieder ein Stückchen ins Zeug legen, um die Gunst einer Göttin zu erlangen. Meinst du, du kannst das noch? Vielleicht lasse ich mich dann auch überzeugen, das hier“, sie deutete flüchtig mit ihrer freien Hand auf ihren eigenen Rücken, „wieder zu richten, hm?“
    • Zoras hätte seine Erleichterung kaum verhüllen können, dass Kassandra sich zum Bleiben überreden gelassen hatte. Er hätte erwartet, dass sie misstrauisch werden könnte. Immerhin wollte er sie hier nicht festhalten... aber es war eben auch keine sehr schöne Vorstellung, sie wieder so weit weg zu wissen. Davon hatte er in letzter Zeit definitiv genug gehabt.
      Ihr Blick wanderte zu seiner Hand hinab, bevor er wieder nach oben sprang. Kassandra war eine Meisterin darin, ihre Gedanken hinter einer reglosen Miene zu verbergen, aber manchmal war es auch diese Reglosigkeit, die sie vielleicht mehr offenbarte als alles andere. Das Fehlen einer Regung hatte für Zoras fast dieselbe Bedeutung wie eine Regung an sich und es war keine sehr gute.
      „Du meinst die Tage, in denen ich mich über Nüsse gefreut habe und du bereits unter meinem Blick schon geschmolzen bist?“
      Ja, das meinte er, genau das. Aber seine Intuition sagte ihm, dass da noch etwas dazu kommen würde.
      „Ich weiß, was du mit diesen Worten meinst, Zoras. Aber ich möchte dich an deine eigenen Worte erinnern: Der Herzog ist damals gestorben. Ich werde ihn nicht wiederbekommen, genauso wenig wie du die Phönixin zurückbekommen wirst, deren Antlitz rein augenscheinlich rein ist.“
      Zoras dachte darüber einen Augenblick lang nach.
      "Nein... nein, das wirst du wohl nicht. Aber ich war mehr als nur ein Herzog, so wie du mehr als eine Phönixin bist."
      Das schien Kassandra zumindest etwas aufweichen zu lassen. Sie seufzte leise und ließ etwas Spannung von ihren Schultern abfallen.
      „…Ich denke, das war der Fehler. Wir haben versucht an dem festzuhalten, was damals war, obwohl die Jahre dazu geführt haben, dass wir jemand Neues sind. Das bedarf nicht nur Ausdauer, sondern auch Arbeit.“
      Er wusste nicht, worauf sie hinaus wollte. Er glaubte es zu wissen, aber gleichzeitig brachte das eine Implikation mit sich, die ihm gar nicht gefiel. Wenn sie nun neue Personen waren, ungelöst von ihrer Vergangenheit, hieß das etwa, auch ihre Beziehung war neu? Und wenn dem so war, konnte das bedeuten, dass diese Beziehung nie zustande kommen könnte? War es das, worauf Kassandra hinaus wollte?
      Gerade in diesem Moment, als Zoras den Gedanken fasste, streckte die Phönixin ihm doch ihre Hand entgegen. Geräuschlos legte sie sie an seine und leicht wie eine Feder ließ sie die Fingerspitzen über seine Haut fahren. Die Berührung brachte ein Kribbeln mit sich, auch wenn sie ihm die Wärme vorenthielt, nach der er sich stets sehnte.
      „Ich sage dir vorweg, dass ich nicht unaufmerksam hier umher schreiten kann. Wenn ich nur den kleinsten Hinweis darauf bemerken sollte, dass jemand etwas gegen dich plant, dann werde ich dieses Mal umgehend zur Tat schreiten. Aber ich werde mich bemühen, es ein wenig... gelassener anzugehen."
      "Natürlich. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt, wir werden sie nicht noch einmal machen. Alle davon."
      Das inkludierte zwar durchaus eine Phönixin, die eine Nymphe umbrachte und verschwand, aber auch einen Eviad, der zu nachlässig war, um auf Wein zu verzichten. Sie hatten hier beide ihren Teil dazu beigetragen und sie würden ihn beide in Zukunft vermeiden.
      Jetzt legte Kassandra den Kopf leicht schief. Ein Lächeln glitt über ihre Züge, die die ganze Atmosphäre aufzubrechen vermochte.
      „Dann muss sich der große Eviad wieder ein Stückchen ins Zeug legen, um die Gunst einer Göttin zu erlangen. Meinst du, du kannst das noch?"
      Zoras erwiderte das Lächeln. Es ging so einfach, so natürlich, dass er kaum darüber nachdenken musste. Sie steckte ihn einfach damit an.
      "Vielleicht lasse ich mich dann auch überzeugen, das hier wieder zu richten, hm?“
      "Wenn es dein Wunsch ist."
      Er glitt mit der Hand leicht nach vorne und dann hatte er sie. Seine Hand schloss sich um ihre und Kassandra gewährte es ihm.
      "Wenn du es möchtest, meine Liebste, dann würde mich das sehr glücklich machen. Natürlich, sofern ich dich auch überzeugen kann."
      Damit neigte er sich vor und stahl sich seinen Kuss auf ihre Fingerspitzen. Danach glitt er vom Stuhl, stand auf und ließ sie los. Er machte eine Schau daraus, sein Gewand zu richten und türkise Laken an die richtige Stelle zu ziehen, bis das kurze Sitzen seine Spuren auf seiner Kleidung verloren hatte. Dann nahm er erst richtig Haltung an und streckte ihr mit einem Schmunzeln gar feierlich seine Hand entgegen.
      "Darf ich dich um einen Tanz bitten?"
      Kassandra sah aus roten Augen zu ihm auf. Zoras lächelte um die unausgesprochenen Fragen, die aus ihrem Blick quollen.
      "Wir hatten noch nie das Vergnügen eines Tanzes, nicht ohne Zuschauer und gesellschaftlichen Druck. Tanz mit mir, nur für uns. Nur für jetzt. Gewähre mir diese Ehre."
      Kassandra sah ihn weiter an, dann legte sie ihre Hand in seine. Er zog sie hoch und bot ihr seinen Arm an.
      Kassandra trug kein zum Tanz übliches Kleid und Zoras' Gewand war auch nicht zu mehr zu gebrauchen als zu Sitzen und vielleicht die Beine auszustrecken. Außerdem gab es nicht viel Platz und Musik sowieso nicht. Aber Zoras stellte sich trotzdem auf, entließ Kassandra und verneigte sich ausgiebig vor ihr. Dann setzte er an.
      Es hätte eigentlich schieflaufen müssen, ohne Takt, ohne Rhythmus, ohne Ziel. Kassandra und Zoras hatten nur getanzt, was notwendig gewesen war, und das war im letzten Jahr reichlich wenig gewesen. Aber Kassandra war eine Göttin und bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die keine weltliche Unterstützung verlangte. Und Zoras passte sich ihr an.
      Sie tanzten neben dem Tisch, bescheidene, kleine Bewegungen, die sie so simpel niemals in der Öffentlichkeit hätten ausführen dürfen. Aber es war auch kein Tanz für Zuschauer, es war für sie beide, für ihre Beziehung. Für den Moment. Und so war Zoras mehr als glücklich damit, wenn er die Phönixin in seine Arme ziehen durfte, wenn er ihr Haar über seine Hände streichen spüren durfte. Der Streit war vergessen, ihre Auseinandersetzung in der Kutsche, die Arbeit, die noch vor ihnen steckte. Es zählte nur der Augenblick.
    • Kassandra war wirklich gewillt, es zu versuchen. Sie würde versuchen, diesen Zorn im Inneren zu halten und entsprechend abzuwarten, bis ihre Zeit gekommen war. Geduld war immerhin etwas, was sie über die Jahrhunderte hatte üben können. Allerdings schien diese Geduld bei Sterblichen eine empfindsame Grenze zu besitzen. Als Zoras sich leicht vorlehnte, um ihre Hand zu greifen, spürte sie deutlich noch die Anspannung und Wut, ausgelöst vor nicht einmal einer Woche. Zwischen ihnen lag noch immer eine Kluft, die sie bislang mit einer hölzernen Brücke beschritten und nicht gemerkt hatten, wie sie unter ihnen verrottet war. Jetzt stand ein jeder auf seiner Seite und legte den Grundstein für eine neue Brücke, eine stabilere.
      „Wenn du es möchtest, meine Liebste, dann würde mich das sehr glücklich machen. Natürlich, sofern ich dich auch überzeugen kann“, sagte der Eviad, ehe er sich von seinem Platz erhob und sein Gewand richtete. Dabei nahm er sich überdurchschnittlich viel Zeit, sodass die Phönixin ihre Hand vom Tisch in den Schoß zog und ihm wortlos dabei zusah. Noch immer trug er die Farbe, die sie ausgewählt hatte. Aber da sich ein plötzlicher Wechsel der Amtsfarbe nicht gut umsetzen ließ, wog sie dieses Detail nicht sonderlich schwer auf.
      Erst anschließend trat Zoras auf Kassandra zu und nahm Haltung an. Sie hob ihren Blick, abwartend, und hob kurz darauf fragend eine Augenbraue, als er ihr verkündete, sie um einen Tanz bitten zu wollen. „Wir hatten noch nie das Vergnügen eines Tanzes, nicht ohne Zuschauer und gesellschaftlichen Druck. Tanz mit mir, nur für uns. Nur für jetzt. Gewähre mir diese Ehre.“
      Kassandra blinzelte. Über dieses weitere, kleine Detail hatte sie gar nicht weiter nachgedacht. Tanzen war etwas, das bei ihr in der Vergangenheit eine Zurschaustellung war, genauso wie ihre gesanglichen Beiträge. Auch mit Zoras hatte sich der Aspekt des Tanzes nie geändert. Er hatte sie damals bei einem Tanz das erste Mal entdeckt, sie hatten sich beide bei verschiedenen Anlässen präsentieren müssen. Aber kein einziges Mal hatten sie getanzt, weil sie es wollten.
      „Ich nahm an, dein Gewand ließe keinen Bewegungsspielraum?“, fragte sie spöttisch, reichte ihm jedoch ihre Hand, damit er sie auf die Beine ziehen konnte. Er zeigte ihr daraufhin nur ein Schmunzeln und sie beide wussten, dass dies dem Ganzen keinen Abbruch tun würde.
      Was genau sie dort tanzten würde wohl niemand beschreiben können. Ohne Musik und ohne Vorgabe hätte es ein chaotisches Zusammenspiel werden müssen, doch die Phönixin war schließlich kein Mensch. Sie ließ Zoras in dem Glauben, sich ihr anzupassen. Dabei lenkte sie ihn mit ihren Bewegungen schon drei Abfolgen zuvor in die richtige Bahn, die sich anders anfühlte, aber Elemente jener Tänze beinhaltete, die Zoras schon kannte.
      Nostalgie erwachte im Herzen der Göttin aus Zeiten, die sie nicht in Worte fassen konnte. Die Stille um sie herum hätte vertraut wirken können, aber für sie schien sie beinahe trist. Deswegen ließ sie mit einem gedehnten Atemzug ihre Magie fließen und ließ die Luft und den Raum flirren und flackern wie schon in der Vergangenheit getan. Die Räumlichkeiten blieben gleich, die Möbel standen an Ort und Stelle. Aber die Wände bekamen schemenhafte neue Dekorationen, die sich schlecht beschreiben ließen. Zu schnell verschwammen ihre Umrisse. Stattdessen tauchten in einer Ecke des Raumes Gestalten auf. Eine Gruppe Menschen, deren Gesichter unkenntlich waren, doch ihre Kleidung war farbenfroh und ausschweifend verziert. Musikinstrumente wurden gestimmt und von kundigen Fingern bedient, sodass eine einladende Musik den Raum füllte. Wenn man wusste, dass es sich um Menschen und Musik handelte, die schon seit Jahrzehnten oder mehr ausgestorben sein mochten, hätte es wahrlich etwas unheimliches gehabt. Doch mit Kassandra, die ihre Nostalgie in etwas Warmes und Lebendiges verwandelte, verlor sich die Unbehaglichkeit umgehend wieder.
      „Wer weiß, vielleicht ist das hier unsere einzige Gelegenheit für einen ungeschönten Tanz“, sagte Kassandra nach einer seichten Drehung, die den Kolibri im Licht funkeln ließ. „Das ist auf jeden Fall eine Erinnerung, die ich länger mit mir tragen werde.“
    • Kassandra blinzelte Zoras an, was sie nur dann tat, wenn sie das Blinzeln als ausreichende Reaktion empfand. Zoras ließ sich davon nicht beirren. Unter ihrem sonst neutralen Blick hielt er ihr weiter die Hand entgegen.
      „Ich nahm an, dein Gewand ließe keinen Bewegungsspielraum?“
      "Das tut es auch nicht. Wir werden improvisieren müssen."
      So wie unter ihrem Tonfall der Spott lauerte, versteckte Zoras hinter seinem Humor. Er hatte sich bereits darauf festgelegt, mit Kassandra tanzen zu wollen; ein zu enges Gewand würde ihm kaum im Weg sein. Zur Not würde er sich eben den Platz verschaffen, immerhin hatten sie hier eben keine Zuschauer.
      Kassandra kam wohl zu dem gleichen Entschluss, denn letztendlich legte sie ihre Hand in seine. Ihre zarten, weichen Finger strichen über seine Handfläche und ihre Wärme ergriff ihn, als er sie hochzog. Das vertraute Gewicht ihrer Hand in seiner war genug, um sein Herz ein wenig zu beflügeln.
      Ohne weitere Worte machten sie sich die kleine Fläche neben dem Tisch zu eigen. Es hätte ein Probetanz sein können, so wie sie sich aufeinander abstimmten, aber selbst das erfüllte seinen Zweck. Sie hatten nun keine Menge, die sie unterhalten mussten, keine Erwartungen, die sie erfüllen mussten, keine Konventionen, die sie in andere Richtungen lenkten. Es war wahrlich wie Zoras es gesagt hatte, nur ein Tanz für sie beide, nur aus dem Zweck, dass sie sich diesen Moment der Ruhe und Privatsphäre erlauben konnten. In diesem Sinn war es genauso ein Tanz, wie es ein Zusammensein war.
      Sie tanzten für eine unbestimmt kurze Zeit, bevor Zoras einen Hauch von Wärme spürte, eine Vorahnung dafür, dass Kassandra gerade Magie wirkte. Kaum einen Moment später begannen die Wände miteinander zu verfließen und bildeten eine andere, geisterhafte Kulisse, die kaum dem jetzigen Raum in etwas nachstand. Zoras wandte den Kopf, als sich aus der Ecke Schemen kristallisierten, um einen Augenblick später die Formen von Menschen anzunehmen. In ihren Händen bedienten sie prachtvolle Instrumente, die das Zimmer kurz darauf in warme, klangvolle Musik tauchten. Mit einem Mal gab es einen Takt und eine Richtung, in die sie sich bewegen konnten, aber dabei waren sie noch immer unter sich. Die Menschengestalten beobachteten sie aus augenlosen Gesichtern.
      „Wer weiß, vielleicht ist das hier unsere einzige Gelegenheit für einen ungeschönten Tanz“, sagte Kassandra über die Musik hinweg, die ihre anmutige Drehung mit einer kunstvollen Tonfolge unterstrich. Der gesamte Tanz nahm sofort für Zoras einen viel höheren Stellwert ein, so wie die Musik Kassandra mit Leichtigkeit unterstützte.
      "Ich hoffe doch nicht", sagte er und lächelte, als sie sich ihm wieder zuwandte. An ihrer Brust funkelten die Augen des Kolibris, aber nicht so sehr, wie ihre eigenen Augen. Zoras nahm einen größeren Schritt, um ihr näher zu sein, als der Tanz es zuließ. Unerlaubt, ja, aber was scherten ihn die Regeln eines Tanzes, wenn sie doch unter sich waren.
      "Ich hoffe, wir werden noch viele Gelegenheiten hierfür haben. Genug, um es ganz genießen zu können."
      Ihr Blick setzte sich auf seinem fest, als er sie nicht wieder freiließ, um die nächsten Schritte einzuhalten, sondern den Arm locker um ihren unteren Rücken legte. Sie wechselten die Positionen, dann hatte er sie ganz bei sich. Die Musik passte sich sogleich mit an, wurde ruhiger, um die noch ruhigeren Schritte zu untermalen. Kassandras Gewand strich gegen seines, während er sie in die gemeinsame Drehung führte. Ihre Augen verließen ihn nicht mehr, rot, tief und wunderschön.
      „Das ist auf jeden Fall eine Erinnerung, die ich länger mit mir tragen werde.“
      Er lächelte. Es war ein Kompliment, wie er es sich wohl nie zu bekommen erwünscht hatte. Ein Kompliment, zu dem nur die Götter fähig waren.
      "Sie soll dir gefallen, jedes Mal, wenn du an sie denkst. Meine hübsche, liebe Kassandra."
      Die Streitigkeiten der Tage waren vergessen. Die angespannten Verhältnisse, die Konflikte, der Alltag. Sie waren nicht aus der Welt geschafft, aber wenn Zoras so in Kassandras Augen blickte, in das vertraute Rot, das er schon immer gemocht hatte, dann fiel es ihm leichter, den Rest einfach zu verdrängen. Wann hatte er sich schon das letzte Mal nur auf Kassandra fokussiert? Wann hatte er sich zuletzt die Zeit genommen, sie zu betrachten und zu bewundern, so wie er es in Theriss schon getan hatte? Sie mochten ihre Probleme haben, sie mochten ihre Diskussionen führen, aber letztendlich war es noch immer Kassandra, mit der er die Ehre hatte zu streiten. Es war noch immer die Phönixin - seine Phönixin - die an seiner Seite blieb, egal, was zwischen ihnen geschah. Es war ihre Wärme, die er jetzt spürte, wenn auch nicht mehr so tiefgehend wie zuvor, und ihre Hand, die nun sanft in seiner lag. Es war sie, die er noch immer liebte, die er auch immer lieben würde, egal, was vor sich ging. Die er auch jetzt liebte, die er selbst dann liebte, wenn sie ihn mit dem Feuer in ihren Augen verbrannte.
      Und so war es auch sie, der er all seiner Aufmerksamkeit schenken wollte, wenn schon nicht zuvor, dann doch wenigstens jetzt. Uneingeschränkt.
      "Ich vermisse das. Uns."
      Er zog sie noch ein bisschen näher zu sich. Kassandra gewährte es ihm.
      "Ich vermisse, was wir niemals haben konnten. Frieden, Glück. Wenn schon nicht für den Himmelsbruch, dann würde ich dafür arbeiten wollen. Für ein Leben, in dem wir das hier tun können, wann immer wir es wünschen, und nicht nur, wenn es uns in den Zeitplan passt."
      Er ließ seinen Blick über Kassandras Gesicht wandern, über jede Makellosigkeit, die er sich über die letzten Jahre bereits eingeprägt hatte. Ihr Gesicht hatte sich kein Stück verändert und so sah er die gleiche, bildhübsche Schönheit, die er schon vor sechs Jahren bewundert hatte.
      Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, weich und sanft.
      "Ich würde alles dafür tun, dich bis an mein Lebensende so zu lieben, wie ich es jetzt tue."

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    • Manchmal lag in den kleinen und unscheinbaren Dingen die größte Schönheit.
      Es gab eine ganze Reihe an gedenkwürdigen Erinnerungen, über die Kassandra verfügte. Manche von ihnen waren gigantischer Natur, andere hingegen auffallend klein und gewöhnlich. So wie dieser Tanz hier nichts anderes war als ein Wimpernschlag in ihrer Zeit und wertvolle Minuten von Zoras‘ Lebenszeit. Ein Moment wie dieser sollte nichts sein, woran es sich zu erinnern lohnte. Jedenfalls nicht, wenn man ein Gott und unsterblich war. Trotzdem sammelte die Phönixin genau diese Augenblicke wie die seltensten Schätze der Welt, denn nur solche Augenblicke ermöglichten es, Facetten von Menschen oder auch anderen Wesen zu erhaschen, die ihnen in ihrer Arroganz sonst entgangen wären.
      „Ich vermisse das.“
      „Hm?“
      „Uns.“
      Ah, dachte Kassandra, das meint er. Ihm ist also doch aufgefallen, dass es sich nicht mehr so anfühlt wie früher. Vor… vor Amartius.
      Schon lange hatte sie keinen bewussten Gedanken mehr an ihren Sohn verloren und dafür verurteilte sie sich jetzt. Musste sie denn erst sein Artefakt vor Augen geführt bekommen, um sich an ihren ersten Sohn zu erinnern? Musste sie erst auf Zoras‘ Handrücken starren, um dort das Mal zu sehen, welches er hinterlassen hatte? Was für eine Göttin war sie denn? Zu einer echten Mutter machte es sie nicht.
      „Ich vermisse, was wir niemals haben konnten. Frieden, Glück“, fuhr Zoras fort und brachte noch mehr Aspekte in Kassandras Blickwinkel ein, die sie so nicht bedacht hatte. „Wenn schon nicht für den Himmelsbruch, dann würde ich dafür arbeiten wollen. Für ein Leben, in dem wir das hier tun können, wann immer wir es wünschen, und nicht nur, wenn es uns in den Zeitplan passt.“
      Da konnte Kassandra nicht anders als die Schultern in einer legeren Geste zu zucken und den Blick in die rechte Ecke wandern zu lassen. „Dafür hätten wir andere Personen sein müssen, fürchte ich. Oder in anderen Epochen leben müssen. Wir hätten jemand sein müssen, der sich nicht an größere Spielregeln halten müsste.“
      Und ehrlich gesagt wusste sie auch nicht, ob sie das jemals gewollt hätte. So sehr sie manchen Fehler in ihrer Vergangenheit auch bereute und Ereignisse sowie Menschen und Götter gar hasste – sie würde niemals laut aussprechen, dass sie kein Gott sein wollte. Gegen etwas Sterbliches wollte sie niemals ihre Existenz eintauschen.
      Das alles sah Zoras vermutlich gar nicht, als er Kassandras Gesicht musterte und sich Gedanken in seinen Kopf stahlen, die für die Phönixin unhörbar waren. Sie fragte auch nicht danach, denn sie wusste bereits, dass es nicht die gleichen waren wie die ihren. „Weißt du, ein Stück weit obliegt es uns. In Theriss hattest du eigentlich eine feste Rolle eingenommen, so wie ich auch. Aber hier könntest du dir diese Regeln selbst auferlegen. Forme sie. Mache sie zu dem, wie du sie brauchst. Es gibt kaum etwas oder jemand, der dich davon abhalten kann.“
      Ob es an ihren Worten oder an etwas anderem lag, konnte sie nicht bestimmen, als Zoras plötzlich lächelte. Es war dieses subtile Lächeln. Jenes Lächeln, das er nur selten zeigte und eine Weichheit besaß, deren Zeuge niemand geringes als Kassandra selbst wurde. Das war das Lächeln, das für sie bestimmt war, und damit erstickte er vorerst auch das letzte bisschen Zorn, das sich von diesem Tage noch in ihrem Herzen befunden hatte.
      „Ich würde alles dafür tun, dich bis an mein Lebensende so zu lieben, wie ich es jetzt tue.“
      „Du würdest wirklich alles dafür tun?“, fragte Kassandra in einem herausfordernden Ton und löste sich aus den Fängen des Eviads. Mit grazilen Schritten brachte sie etwas Abstand zwischen sie beide und mit einem theatralischen Fingerschnippen ließ sie die Illusion verschwinden. Die Musik wich der Stille und der Raum war nurmehr das, was er in Wirklichkeit war. „Das sind gefährliche Worte, die du in der Anwesenheit einer Gottheit sprichst. Ist das der Wunsch, den du mir darbringen willst?“
      Natürlich bejahte er diese Frage und dafür hätte er nicht einmal Worte benötigt. Den Entschluss konnte man dem Mann aus seinen Augen ablesen, weshalb Kassandra darauf nur noch weiter einging.
      „Bist du dafür bereit vor dieser Göttin auf die Knie zu fallen?“
      Eigentlich dürfte dieser Umstand einer Gottheit nicht viel bedeuten. Sie waren es gewohnt, dass Menschen im Staub krochen und falls sie es nicht taten, wurden ihre Existenzen einfach ausradiert. Doch für Kassandra, die in ähnlichen Situationen gesteckt hatte und als Unsterbliche doch ein Stück der Sterblichkeit hatte kosten können, bedeutete es mehr, als sich Zoras tatsächlich auf die Knie sinken ließ und sein Gewand sich in Wellen auf dem Boden türmte. Sie hatte diesen König der Menschen mit keinem Mittel dazu gezwungen. Er tat es aus freien Stücken, nur für sie.
      Kassandra schloss zu ihm auf und streckte ihre Hände nach seinem Gesicht aus. Sanft bettete sie seine Wangen in ihren warmen Händen und richtete sein Gesicht auf. „Dann musst du mir versprechen, mich mit sämtlichen Facetten, ob du sie nun kennst oder noch kommen werden, zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen. Hinterfrage nicht den Gott in mir und schätze das, was nicht göttlich ist. Zweifle nicht an meinen Entscheidungen und fordere mein Vertrauen ein. Dann wirst du vorerst alles in deiner Macht Stehende getan haben.“
    • Kassandras Augen funkelten, während sie Zoras nachdenklich betrachtete. Sanft wiegten sie sich, nahe genug, dass er schon ihre ausstrahlende Wärme unter seinem Gewand fühlen konnte. Ein Tanz war es schon fast nicht mehr.
      „Weißt du, ein Stück weit obliegt es uns. In Theriss hattest du eigentlich eine feste Rolle eingenommen, so wie ich auch. Aber hier könntest du dir diese Regeln selbst auferlegen. Forme sie. Mache sie zu dem, wie du sie brauchst. Es gibt kaum etwas oder jemand, der dich davon abhalten kann.“
      Zoras dachte darüber einen Moment lang nach. Es stimmte, er hatte jetzt keine vorbestimmte Rolle mehr zu erfüllen, keine Verpflichtungen gegen andere Menschen oder ein Land, wenn er es nicht so haben wollte. Er könnte wirklich seine eigenen Regeln neu auferlegen. Das war es doch, was die Herrschaft über ein Land mit sich brachte, oder? Die Macht? Artete sie nicht genau darin aus, dass er sich frei bestimmen konnte? Ganz besonders jetzt, nachdem sie es geschafft hatten, den Rat unter Kontrolle zu bekommen. Bislang wäre es undenkbar gewesen, auch nur über Selbstbestimmung nachzudenken, ohne dabei schmerzlich an die fehlende Sicherheit erinnert zu werden. Aber diesen Teil hatten sie abgeschlossen. Zoras war jetzt ein König und vielleicht war das der Moment, an dem er es erst so richtig spürte.
      "Ja. Vielleicht mache ich das."
      Kassandra schien zumindest zufrieden mit seiner Antwort. Dafür löste sie sich einen Moment später und trat ein paar Schritte zurück. Ihr Gewand wallte um ihre Füße und betonte ihre geschmeidige Bewegung.
      Zoras blieb stehen, als sie die Illusion und die Musik vergehen ließ. Vielleicht hätte er das als Warnung ansehen können, dass er mit seiner Aussage zu weit gegangen war, wo sie sich doch noch immer nicht gänzlich vertragen hatten, aber Kassandras Gesichtszüge waren gänzlich entspannt und so war er es auch.
      „Das sind gefährliche Worte, die du in der Anwesenheit einer Gottheit sprichst. Ist das der Wunsch, den du mir darbringen willst?“
      Ihre Stimme nahm etwas würdevolleres an. Ein Lächeln breitete sich auf Zoras' Gesicht aus, nachdem er sich ihr allzu gerne in der veränderten Tonlage anpasste.
      "Das ist es, liebste Göttin."
      Er breitete die Arme ein wenig aus, um sich dann formvollendet vor Kassandra zu verneigen. Nicht etwa aus Jux, es war ihm vollster Ernst.
      "Mit meinem ganzen Herzen."
      Er richtete sich wieder auf, um ihren roten Augen zu begegnen.
      „Bist du dafür bereit vor dieser Göttin auf die Knie zu fallen?“
      Sie meinte es anscheinend ernster als gedacht und Zoras kommentierte das mit einer kurzen Regung im Gesicht. Doch wenn sie eine Antwort darauf haben wollte, dann würde er ihr auch eine geben. Nur die ehrlichste, die er geben konnte.
      "Selbstverständlich. Nichts soll mich je davon abhalten."
      Erwartungsvoll sah Kassandra dabei zu, wie Zoras ohne jede weitere Umschweife den Saum seiner Gewänder hob und sich auf die Knie fallen ließ. Dabei musste er sich tatsächlich fallen lassen, weil diese Tracht weder dazu ausgelegt war zu tanzen, noch zu knien. Den kurzen Schmerz würde er aber jederzeit auf sich nehmen, um Kassandra die ihr gebührende Ehrerbietung zu erbringen. So sah er aufrichtig zu ihr auf, als sie zu ihm heran trat und ihre weichen Hände an seine Wangen legte. Die Wärme durchlief von dort seinen ganzen Körper, Kassandras Wärme und die Wärme ihrer Berührung. Zoras spürte ein leises Kribbeln unter ihrer sanften Haut.
      „Dann musst du mir versprechen, mich mit sämtlichen Facetten, ob du sie nun kennst oder noch kommen werden, zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen. Hinterfrage nicht den Gott in mir und schätze das, was nicht göttlich ist. Zweifle nicht an meinen Entscheidungen und fordere mein Vertrauen ein. Dann wirst du vorerst alles in deiner Macht Stehende getan haben.“
      Zoras musste über seine Antwort gar nicht nachdenken. Er kannte sie in und auswendig, hatte sie schon vom ersten Moment an gekannt, als er sich in Kassandra verliebt hatte.
      "Das werde ich. Ich werde dich lieben und dir vertrauen. Jetzt und solange ich atme. Mein Herz ist ganz dein, Kassandra."
      In ihren Augen flackerte das Feuer und vergrößerte sich vielleicht sogar ein bisschen, als Zoras eine Hand über ihre legte und sie festhielt, damit er den Kopf drehen und seine Lippen gegen die Innenfläche ihrer Hand drücken konnte. Dabei sah er ihr unentwegt in die Augen, bis sie es gestattete, dass er ihre Hand in seine nahm.
      "Ich liebe dich."
      Er küsste auch ihren Rücken und zum ersten Mal seit Wochen verspürte er so etwas wie Glück.

      In dieser Nacht schlief er tief und fest, länger als all die Nächte zuvor. Kassandra legte sich nicht zu ihm, zu aufgekratzt waren noch die Gefühle der vergangenen Ereignisse, aber sie hatte ihren ehemaligen Platz am Fenster wieder eingenommen und bildete dort ihre schlanke, unbewegliche Silhouette, wenn Zoras die Augen öffnete. In dieser Nacht war ihm wohlig warm. Er spürte Kassandras Wärme zwar nicht in den Knochen, wie mit ihrem Schwur, aber sie lag wie ein wärmender Schleier über seiner Haut. Am liebsten hätte er sich ganz damit eingewickelt und das so fest, bis sie doch noch bis in sein Innerstes vordringen konnte.
      Aber der Schlaf war nicht die einzige Aufgabe eines Tages und so fand Zoras sich schneller in seinem Arbeitszimmer wieder, als ihm recht gewesen wäre. Allerdings war Kassandra jetzt mit dabei, um sich den anstehenden Aufgaben des Palastes zu widmen. Zoras führte sie zu seinem Schreibtisch, den er als Schlachtfeld von Papier und Federn zurückließ, weil er einfach nicht alleine Herr darüber werden konnte, und gab ihr die Zusammenfassung. Kassandra hörte zu, sah sich ein paar Unterlagen an und ergänzte selbstständig Lücken, die Zoras vergaß zu erläutern.
      "Würdest du dir die Berichte der Westgrenze einmal ansehen und die Aufzeichnungen verifizieren? Die sind noch aus der Zeit von Quentin. Ich weiß nicht, wie sehr er unter Dionysus' Einfluss stand, wahrscheinlich sehr."
      Er reichte ihr einen Stapel von zusammengebundenen Briefen und lehnte sich zurück. Er selbst war nie dazu gekommen, sich auch nur die Hälfte davon durchzulesen, weil es viel zu viel Arbeit war. Er musste alle Details miteinander abgleichen, Berichte absegnen lassen und sich die Meinungen von Dritten einholen. Einzeln war es einfach nicht zu bewerkstelligen.
      Kassandra überflog die Briefe nun mit einer Geschwindigkeit, die für einen Menschen nicht möglich gewesen wäre, und hatte binnen Minuten ihre Antwort parat. In Minuten erledigt, was Zoras für Wochen hatte aufschieben müssen. Verdrießlich verzog er darüber das Gesicht, als sein Blick auf Amartius' Mal fiel. In dem Winkel, in dem sein Arm auf der Lehne lag, konnte er die Anzeichen von Kassandras Mal auf der Unterseite erkennen.
      "Kassandra..."
      Die Aufgaben des Palastes waren nicht das einzige, worum sie sich gemeinsam kümmern mussten. Es gab noch wesentlich mehr als das, was Zoras bisher nicht angesprochen hatte, aus Sorge, wie die Antwort wohl lauten könnte. Aber sie hatten den Rat unter Kontrolle gebracht, sie machten Fortschritte in ihrer Herrschaft und so mussten sie auch in die Zukunft sehen. Er konnte nicht warten, bis es einen guten Moment gab, danach zu fragen, denn so einen Moment würde es niemals geben.
      "Hast du darüber nachgedacht, ob du deinen Schwur erneuern willst? Ich würde gerne deine Meinung dazu hören."
    • Trotz des angenehmen Abends brachte Kassandra es nicht zur Sprache, dass Zoras allein in seinem Bett nächtigen würde. Demonstrativ hatte sie sich einfach wieder an das Fenster gestellt, die Position, die sie so lange schon eingenommen hatte, seitdem sie im Palast eingekehrt waren. Allerdings war ihre Haltung entspannt, ihre Gesichtszüge weich, womit sie deutlich machte, dass sie es nicht aus Bosheit vorzog, das Fenster als Nachtlager vorzuziehen. Für sie fühlte es sich schlichtweg wie Heuchelei an, sich zu ihm zu legen, nachdem sie sich des Morgens fast noch gegenseitig an die Kehle gegangen waren.

      „Würdest du dir die Berichte der Westgrenze einmal ansehen und die Aufzeichnungen verifizieren? Die sind noch aus der Zeit von Quentin. Ich weiß nicht, wie sehr er unter Dionysus‘ Einfluss stand, wahrscheinlich sehr.“
      Kassandra stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor dem Pult, das unter Papieren und Fässchen mit Tinten begraben worden war. Irgendwie behielt Zoras hier den Überblick und reichte ihr einige Schreiben und eine Skizze, die er gezielt aus dem Haufen gezogen hatte. Sie nahm die Sammlung an und begann, die Berichte mit ihren Augen zu überfliegen. Natürlich las sie in wesentlich höherer Geschwindigkeit als es Menschen vermochten. So blätterte sie schnell von Blatt zu Blatt.
      „Rein von der Geographie her betrachtet sind die Zeichnungen korrekt. Ich schätze, dass der Lageplan von jemand anderem angefertigt worden ist“, beschloss sie und legte die Karte als erstes weg. „Was die Besetzung betrifft kann ich von hier aus nicht viel sagen. Ich weiß allerdings, dass es wohl zu Auseinandersetzungen kam. Vereinzelt, an bestimmten Brennpunkten. Aber davon wird hier nichts berichtet. Es liest sich alles sehr unaufgeregt und ereignislos. Was ich nicht so unterschreiben würde.“
      Das waren jedoch auch nur Informationen, die sie von ihren Erkundungsreisen her hatte sammeln können. Wie es wirklich an der Grenze aussah war ihr nicht wirklich bewusst. Es konnte sein, dass es schon brannte und der Rauch einfach nicht bis zu ihnen reichte. Aber das hätte die Bevölkerung aller Vermutung nach irgendwie doch bis zu ihnen getragen. Wenn Kassandra wahrlich ihre Wirkung entfalten und das gesamte Land abdecken sollte, dann würde sich kaum ein Lebewesen ihres Einflusses entziehen können. Der kleinste Übertritt würde ihr dann auffallen, aber dann war sie hier die Regentin und sonst niemand.
      „Kassandra...“
      „Ja?“ Die Phönixin hob die Augen von den Schriftstücken und begegnete dem Blick des Eviads. Ihre nachdenkliche Mimik vertiefte sich, als sie ihre Wahrnehmung änderte. Sie sah nicht den Eviad. Sie sah gerade in Zoras‘ Augen.
      „Hast du darüber nachgedacht, ob du deinen Schwur erneuern willst? Ich würde gerne deine Meinung dazu hören.“
      Darauf schwieg Kassandra einen langen Augenblick lang. Das war etwas, womit sie irgendwann gerechnet hatte, aber nicht nach nur einem Tag. Ihr war nicht ganz klar, was sie von dieser Frage halten sollte. „Meine Meinung? Nach dem gestrigen Tag fragst du schon danach, ob ich den Schwur erneuern will?“
      War sie angegriffen? Womöglich ein bisschen. Dieser Schwur war etwas gewesen, was sie aus Überzeugung und aus Schutzgründen gesprochen hatte. Doch Vorwürfe sind gefallen, Anschuldigungen ausgesprochen worden und am Ende des Tages in einem ersten Versuch, die Wogen wieder zu glätten, geendet.
      Betont langsam legte Kassandra die Blätter zurück auf den Tisch und spreizte ihre Finger über dem Papier aus. Leicht lehnte sie sich dabei nach vorn, in Zoras‘ Richtung, und besah sich kurz Amartius‘ Mal ehe sie den Blick erneut hob.
      „Ich habe ihn damals ausgesprochen, weil ich um deine Sicherheit fürchtete. Ich habe neben dem eigentlichen Schwur dir einen Schild auferlegt, der dich damals gegen die Explosion geschützt hat. Aber eigentlich ist so ein Schwur wesentlich mehr und vielleicht sollte ich dir das zunächst einmal verdeutlichen, bevor ich ihn einfach auffrischen möchte.“
      Ihre Lider senkten sich, als sie wieder auf seinen Handrücken sah.
      „Amartius hat dir lediglich die Berechtigung gegeben, sein Schwert zu nutzen. Mein Zeichen war viel mehr als das. Mit dem Mal hast du einen Teil meiner Macht bekommen, einen einzigen Funken, der dich zu einem Erwählten macht.“ Sie suchte in seinen Augen nach einer Erkenntnis bei diesen Worten, doch sie blieb aus. „Du hättest nicht nur passive Effekte von mir. Du könntest vermutlich sogar ein winziges Bisschen Magie dein Eigen nennen.“
      Erst da entdeckte sie eine Regung in seinen Augen und sie nickte langsam. Darüber wusste er also nicht Bescheid. Wie auch? Schließlich gab es in Theriss nie Champions oder allgemein eine Bevölkerung, die Götter huldigte. Es kam nie dazu, dass ein Gott einen Günstling aus Theriss bestimmt hatte. Nicht so, wie Artemis es des Öfteren tat.
      „Du hast mir gestern dein Wort gegeben. Sollte es wirklich dabeibleiben und ich muss keine Einschnitte meinerseits mehr in Kauf nehmen, dann gedenke ich vielleicht, den Schwur zu erneuern. Dieses Mal jedoch richtig. Mit der richtigen Erklärung und der Bedeutung dahinter.“
      Eine vielsagende Schwere untermalte die Pause, die nach Kassandras Erklärung entstand. Mit einer unmenschlichen Geschmeidigkeit richtete sie sich wieder auf und betrachtete Zoras mit einem rohen Ausdruck, der das Fenster für ihn leicht öffnete und ihm einen Blick auf die Göttin in dieser kleinen Frau ermöglichte. Trotz ihrer kleinen Gestalt versprühte sie eine unumstößliche Autorität.
      „Dann wirst du aber lernen müssen, was es bedeutet, ein Erwählter und kein Herrscher der Menschen zu sein.“
    • "Nach dem gestrigen Tag fragst du schon danach, ob ich den Schwur erneuern will?"
      Das war ein gutes Argument, dem Zoras nichts so einfach erwidern konnte. Ja, nach dem gestrigen Tag war das wohl eine... schwierige Frage, aber wann würde der richtige Zeitpunkt kommen, sie zu stellen? In einer Woche, in einem Monat? Nach dem nächsten Anschlag, den Zoras womöglich ohne Schwur nicht überlebte? Wenn Dionysus das nächste Mal auftrat?
      So wägte er seine Antworten sehr sorgfältig ab, bis er sich auf etwas unverfängliches festsetze.
      "Ich versuche, in die Zukunft zu sehen. Dass die Dinge so gelaufen sind, wie... sie eben gelaufen sind, lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Aber ich möchte planen. Wir haben den Rat soweit, dass wir ihn kontrollieren können, aber diesen Halt an ihm können wir verlieren. Ich halte keinen von ihnen loyal genug, um vor ihnen sicher zu sein, und da spielt dein Schwur eine nicht unwesentliche Rolle. Ohne ihn könnte ich nicht einmal gegen Esho bestehen, einen Menschen. Und das muss ich wissen."
      Was er unausgesprochen ließ, war natürlich auch die zweite Seite des Schwurs. Wenn Kassandra die Erneuerung verweigern würde, wäre das eine indirekte Aussage über ihre Beziehung. Wenn sie ihn schon erneuern wollte, aber nur unter dem Zweck des Schwures selbst, dann wohl auch. Und letzten Endes kam natürlich hinzu, dass Zoras ihn haben wollte. Er vermisste Kassandra, obwohl sie direkt vor ihm stand, vermisste die Wärme, die er von ihr bekam, und das Gefühl von unwiderruflicher Verbundenheit. Er vermisste, in Gedanken mit ihr sprechen zu können und immer genau zu wissen, wo sie sich gerade befand. Er vermisste es, sich mit Körper und Seele Kassandra anvertrauen zu können.
      Aber das sprach er alles nicht aus. Er würde es ihr sagen, eines Tages. Nicht, wenn sie zusammen im Arbeitszimmer standen und sich mit geschäftlichem beschäftigten.
      „Ich habe ihn damals ausgesprochen, weil ich um deine Sicherheit fürchtete. Ich habe neben dem eigentlichen Schwur dir einen Schild auferlegt, der dich damals gegen die Explosion geschützt hat. Aber eigentlich ist so ein Schwur wesentlich mehr und vielleicht sollte ich dir das zunächst einmal verdeutlichen, bevor ich ihn einfach auffrischen möchte.“
      Zoras betrachtete Kassandra nach dieser Antwort aufmerksam. Das war kein Ja und kein Nein. Eigentlich klang es viel eher so, als wolle Kassandra es richtig machen, nachdem das letzte Mal nur aus Notwendigkeit geschehen war. Wenn Zoras es sich so überlegte, wollte er das vermutlich auch.
      „Amartius hat dir lediglich die Berechtigung gegeben, sein Schwert zu nutzen. Mein Zeichen war viel mehr als das. Mit dem Mal hast du einen Teil meiner Macht bekommen, einen einzigen Funken, der dich zu einem Erwählten macht.“
      Eine bedeutungsschwangere Pause folgte, in denen Kassandra Zoras betrachtete. Sie schien etwas von ihm zu erwarten, aber er wusste nicht was. Was sie gesagt hatte, war doch nichts neues, oder?
      „Du hättest nicht nur passive Effekte von mir. Du könntest vermutlich sogar ein winziges Bisschen Magie dein Eigen nennen.“
      Magie. Er könnte auf Kassandras Magie zugreifen? Ein bisschen?
      Die Überraschung über diese Nachricht musste sie ihm im Gesicht abgelesen haben, denn Kassandra nickte langsam und richtete sich dann auf. So selbstsicher, wie sie dastand, konnte man leicht vergessen, dass es auch für Kassandra der erste Schwur war, den sie jemals ausgesprochen hatte.
      „Du hast mir gestern dein Wort gegeben. Sollte es wirklich dabeibleiben und ich muss keine Einschnitte meinerseits mehr in Kauf nehmen, dann gedenke ich vielleicht, den Schwur zu erneuern. Dieses Mal jedoch richtig. Mit der richtigen Erklärung und der Bedeutung dahinter.“
      Daraufhin nickte Zoras.
      „Dann wirst du aber lernen müssen, was es bedeutet, ein Erwählter und kein Herrscher der Menschen zu sein.“
      Ein Erwählter. Der Titel schlug ihm säuerlich auf. Für seinen Geschmack hatte er mit einer Prophezeiung, die ihn zum Eviad gemacht hatte, bereits genug solcher Titel erhalten. Auf der anderen Seite gefiel ihm der Gedanke, Kassandras Erwählter zu sein. Es hatte eine persönliche Note, die darauf hoffen ließ, dass es sich zwischen ihnen beiden noch richten ließ.
      "So machen wir es."
      Er lächelte sie fein an. Kassandra sah mit einer unergründlichen Tiefe in den Augen zurück.

      Danach fiel es ihm leichter, sich um die Belange des Palastes zu kümmern. Er klärte Kassandra über die Entwicklungen der letzten Wochen auf und als der Rat für die Audienzen eintrafen, gingen sie auch wieder gemeinsam hin. Sie leiteten sie auch gemeinsam. Die längste Zeit hatten die anderen Ratsmitglieder dafür gesorgt, dass der Eviad in den Audienzen obsolet wurde. Gemeinsam brachten sie es zustande, dass der Eviad es war, der das letzte Wort hatte. Zwar mussten sie noch immer Schikanen von Dionysus über sich ergehen lassen, aber ein Schritt nach dem anderen. Zumindest war der Weingott genötigt, auch jedes Mal aufzustehen, wenn das Herrscherpaar den Raum betrat.
      Zoras bemühte sich ab diesem Tag darum, Kassandra mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das lag nicht an dem Schwur und auch nicht, um die Wogen zu glätten oder ein gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen. Stattdessen wollte Zoras es so. Plötzlich hatte er freie Zeit, wenn er vor wenigen Tagen noch in Arbeit regelrecht ertrunken war, und diese Zeit nutzte er, um sie mit Kassandra zu verbringen. Es reichte von gemeinsamen, ungestörten Mittagessen zu Spaziergängen im Palasthof, in dem noch immer trainiert und gekämpft wurde, zu Abenden im Wasserbecken. Zoras musste nicht mehr so viel arbeiten, Kassandra musste nicht mehr rund um die Uhr wachsam sein. Der Rat wohnte nicht mehr im Palast und befand sich daher nachts in sicherer Entfernung, sodass sie nicht immer aufpassen musste. Zoras glaubte, dass es auch ihr guttat. Sie mochte zwar eine Göttin sein, aber niemandem gefiel es, beinahe ein gesamtes Jahr auf der Hut zu verbringen. Zoras musste es wissen, er war schließlich dabei gewesen.
      Es wurde besser. Es wurde wirklich besser. Zoras fing an, seine verhassten, unpraktischen Gewänder mit Stolz zu tragen. Er fing an, sich in ihnen wohlzufühlen, während er Kassandras Hand in seine nahm und mit ihr zwischen Blumensträuchern und Wildpflanzen dahin schlenderte. Er mochte es, einen Teil von Kassandras Göttlichkeit abzustrahlen, indem er einfach nur neben ihr stand und durch seine Haltung Türkis zur Hoheitsfarbe werden ließ. Er litt zwar immernoch darunter, seit beinahe einem gesamten Jahr nicht mehr ordentlich auf einem Pferderücken gesessen zu haben, aber es wurde erträglich. Es wurde sogar schön, wenn er Kassandra bei sich hatte. Alles wurde schön, wenn er sie wieder lächeln sah.
      So kam es dazu, dass er aus einer Laune heraus an einem ihrer Spaziergänge näher am Übungsbereich vorbeiging und ein Holzschwert aus dem Gestell zog. Er blieb stehen und als Kassandra sich zu ihm umdrehte, verneigte er sich fast schon kunstvoll vor ihr und hielt ihr den Griff entgegen.
      "Meine Verehrteste. Dürfte ich Euch wohl zu einem Kampf auffordern?"

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    • Etwas hatte sich deutlich im Palast geändert. Der Effekt, dass die restlichen Ratsmitglieder nicht mehr permanent anwesend waren, ließ ein geraumes Stück der Spannung innerhalb des Gemäuers abfallen. Das merkte Kassandra insbesondere dadurch, dass sie nicht mehr ständig in Alarmbereitschaft stehen musste und jeden Winkel mit ihrer Aura abdeckte. Darüber hinaus änderte sich ebenfalls einiges in den Abläufen von Zoras. Wo er früher ständig eingespannt worden war, konnte er sich nun immer mehr freie Zeit schaffen, die er konsequent mit seiner Göttin verbrachte. Sehr zu ihrem Gefallen, wie sie zugeben musste. Allerdings unterband sie noch immer intimen Körperkontakt, außer wenigen Küssen und Berührungen. Die rechte Verbundenheit musste erst wieder gestärkt werden. Jedenfalls in ihren Augen.
      Ähnliches bildete sich in der Dienerschaft des Palastes ab. Nach dem Anschlag hatte Kassandra sich jeden einzelnen Bediensteten mit seiner Aura eingeprägt und nachdem das ständige Ein- und Ausgehen durch das Ausziehen der Ratsmitglieder rapide abgenommen hatte, entspannte sich das Personal ebenfalls. Immer häufiger sah sie nicht nur Dienstmädchen, sondern auch Küchenarbeiter, Instandhalter und manchmal sogar Gärtner.
      An einem Tag war sie mit Zoras zusammen den Gang zu den Aquädukten entlanggegangen. Auf dem Weg kamen ihr zum ersten Mal die Waschfrauen entgegen, die mit Zubern voll Wäsche bewaffnet waren. Sie waren zu dritt, eine deutlich ältere Frau und zwei jüngere. Eine von ihnen hatte blondes Haar, die andere braune. Als sie den Eviad mit seiner Göttin entdeckten, stellten sie sich allesamt an die Seite und neigten den Kopf, so wie es sich gehörte. Doch als Kassandra an ihnen vorbei ging und ihnen einen Blick aus dem Augenwinkel zuwarf, war es nur die Blonde, die trotz gesenkten Hauptes den Blick hob und an ihr vorbei sah. Es waren leuchtende Augen, mit denen die Frau Zoras ansah. Ein paar Schritte weiter setzten sich die Waschfrauen auch wieder in Bewegung und Kassandra achtete darauf, ob sich eine von ihnen noch einmal umdrehen würde.
      Keine von ihnen tat es. Sehr zu Kassandras Geschmack.
      Hin und wieder versuchte Kassandra, Mirdole dazu zu bewegen, sich im Palast für ein Gespräch einzufinden. Immer wieder lehnte sie die Avancen ab, sodass die Phönixin ihre Versuche vorerst einstellte. Vielleicht war die Zeit noch nicht genug gewesen, damit sich die Gorgone Gedanken machen konnte, wie sie die Worte der Phönixin zu deuten hatte.

      „Meine Verehrteste. Dürfte ich Euch wohl zu einem Kampf auffordern?“
      Kassandra blieb mitten auf dem Weg stehen, der den Übungsplatz umzog, und musterte Zoras mit erhobenen Augenbrauen. „Die Ruhe und gute Laune macht Euch wohl übermütig.“
      Trotzdem konnte sie nicht leugnen, wie ihr Herz einen kleinen Freudensprung machte. Sie hielt ihre Mimik entsprechend im Zaum und ließ den Eviad nur ein verschmitztes Lächeln sehen, als sie nach der Attrappe griff und es prüfend in ihrer Hand wog. Dann nickte sie erwartungsvoll zum Gestellt, damit er sich ebenfalls bewaffnete.
      „Eure Kleidung ist für ein kleines Training allerdings nicht ausgelegt“, meinte die Phönixin beiläufig, wobei sie voranging und der Eviad ihr folgen musste. „Wahrscheinlich ziehe ich mir den Hass aller Schneider auf mich, aber was macht das schon.“
      Dabei machte Kassandra mit ihrer freien Hand einen lässigen Schwenker in der Luft und ließ den Saum von Zoras‘ Gewand einfach in Flammen aufgehen. Sie fraßen sich nur an bestimmten Stellen das Gewand empor und schlitzten es zu vier Seiten praktischerweise ein. Es roch verschmort und Fetzen rieselten vom Stoff herunter, aber genauso schnell wie das Feuer gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Zeitgleich waren Flammen auch um Kassandras wehenden Stoffschoß ausgebrochen. Das Meer von Feuer verschluckte sie fast bis zu ihrem Kopf, um das weite, fließende türkise Gewand gegen ein deutlich betonteres Outfit einzutauschen. Jetzt war sie barfuß, trug Ketten aus Edelmetallen an Händen und Füßen, und enger, dunkler Stoff hatte sich um ihren delikaten Körper geschlungen.
      Auf dem Platz angekommen wartete sie, bis sich ihr Partner ihr gegenüber aufgestellt hatte. Fast missmutig bewegte sie ihr Schwert von einer Hand zur anderen. „Weißt du, Kurzschwerter sind eigentlich nicht meine Stärke. Ich bevorzuge Waffen mit gewisser Reichweite, wenn ich schon in den Nahkampf gehen muss.“
      Kassandra bezog Haltung. Seitlich gedreht wie ein Fechter, den Arm leicht angewinkelt und die Spitze auf Zoras gerichtet.
      „Meinst du, du bestehst dieses Mal länger als ein paar Sekunden?“, höhnte Kassandra, wobei der Schalk in ihrem Nacken saß.