Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras hatte ja viel von der sonst so enthusiastischen Frau erwartet - aber dass sie so bestürzt über seine Bitte war? Das überraschte ihn doch ein wenig. War sie beim letzten Mal denn nicht schon so begeistert gewesen, ihn überhaupt bei sich Zuhause zu haben? Und jetzt wirkte sie so... enttäuscht?
      "Gut, dann…"
      Sie stand auf, zögerlich. Wandte sich dem Feuer zu, als wäre die erste Maßnahme erstmal das Feuer zu löschen. Wieso denn das nun?
      "Lasst mich das Feuer löschen. Ihr könnt Euch gerne bedienen, ich packe dann noch meine Habseligkeiten und gehe dann.“
      Zoras stutzte. Bitte wie?
      "Deine Habseligkeiten packen?"
      Hatte er da nicht aufgepasst? Hatte er gerade irgendwas übersehen, irgendwas, was offensichtlich sein müsste?
      Tevia sah ihn mit einem schüchternen Ausdruck an.
      "Wieso schaut Ihr so? Ihr habt um Obhut in meiner Hütte gebeten. Das bedeutet, dass ich für die Dauer Eures Aufenthaltes woanders unterkommen muss. Schließlich seid Ihr der Eviad und ich-"
      "Nein, natürlich nicht. Darum habe ich nicht gebeten."
      Er ließ sie gar nicht erst ausreden. Wozu auch - wie kam sie denn auf eine solche Idee?
      "Ich möchte hier übernachten und dich nicht aus deinem Haus scheuchen. Ich möchte nur ein Gast ein, wohlgemerkt ein eigens eingeladener."
      Jetzt war es wieder Tevia, die völlig verdattert dreinblickte. Dafür begriff Zoras jetzt, warum sie so entrückt geschaut hatte. Hatte sie wirklich gedacht, er wollte ihr Haus für eine Nacht übernehmen?
      "Ich fürchte, Ihr missversteht. Ich besitze nur ein Bett und das steht nebenan. Ich habe kein Sofa -"
      "Ich kann ruhig auf dem -"
      "und ich werde Euch mitnichten auf dem Boden schlafen lassen."
      Zoras sparte sich einen weiteren Einwurf. Für eine derartige Diskussion hatte er jetzt schlicht nicht die Kraft übrig.
      "Wenn Ihr unbedingt darauf besteht, dass ich hier bleibe, dann habt Ihr Euch in meinem Bett zurechtzufinden und nicht auf den Boden.“
      "Ist das dein letztes Wort als Hausherrin?", entgegnete er dafür schmunzelnd. Und das war es auch; die alte Tevia war zurückgekehrt, in ihrer vollen Pracht. Schon komisch, dass er von ihr mittlerweile als "alte Tevia" denken konnte.
      "Entweder so oder gar nicht. Ach, und übrigens, eine Entlohnung dafür brauche ich auch nicht. Es ist Lohn genug, dass Ihr generell auf mich zurückgreift. Sollte eine gute Bürgerin sich nicht darüber freuen, dem Eviad einen Gefallen zu erweisen? Gefallen setzen übrigens keine Entlohnung voraus…“
      Das erleichterte ihn jetzt schon ein wenig, wenn er ehrlich war. Für einen Moment hatte er wirklich geglaubt, er könnte doch nicht hierbleiben und dann wäre er doch in einem Gasthaus untergekommen. Oder eher bei Kassadra im Stall, denn er hätte es kaum fertig gebracht, sich alleine ein Zimmer zu nehmen. Er hätte die ganze Nacht kein Auge zugetan.
      Aber so war es besser. Damit konnte er leben, auch wenn er sich damit abfinden musste, der armen Frau ihr Bett zu stehlen. Immerhin war sie den ganzen Tag im Palast am schuften, während Zoras hinter Schreibtischen sitzen konnte. Auch, wenn ihn das in letzter Zeit mehr zermürbt hatte als alles andere.
      "Aber bitte, mach dir keine Umstände wegen mir. Behandle mich einfach wie jeden anderen Gast."
      Dass Tevia davon nicht viele haben konnte in diesem kleinen Haus, das erwähnte er nicht. Das war ihre Privatsache.
      Jetzt schien sie wesentlich lockerer zu sein, ja geradezu ekstatisch. Sie löffelte sich eine Schale mit Eintopf und rein aus dem Zweck, ihre plötzliche Begierde darauf, seine Gastgeberin zu spielen, fragte er doch nach einer kleinen Portion. Auf klein lag die Betonung, sie gab ihm aber trotzdem noch einen zweiten Löffel. Dafür würde sie sich wohl damit abfinden müssen, doch noch eine kleine Bezahlung zu erhalten. Auf klein lag wieder die Betonung. Das hatte sie nun einfach davon.
      Sie aßen gemeinsam, was merkwürdig persönlich war. Dabei sprachen sie den Palast nicht ein zweites Mal an und auch sonst nichts, worin Zoras sich hätte verheddern können. Irgendwie schafften sie es jedes Mal, das Gespräch wieder auf Pferde zu bringen.
      Tevia war danach ganz emsig dabei, das Geschirr abzuwaschen - sie ließ ihn nicht helfen und er drängte sich auch nicht auf - und danach ihr Bett vorzubereiten. Für ihn vorzubereiten. Dabei schien sie regelrecht vor Aufregung zu vibrieren, was Zoras nur belächeln konnte. Wenn er ihr mit etwas so einfachem eine solche Freude bereiten konnte, war es dann nicht schon Erfolg genug?
      Für sich selbst bereitete sie eine kleine Nische neben dem Tisch, die sie eifrig mit allen möglichen Stoffen ausstopfte. Dabei ließ sie gar nicht zu, dass er ein schlechtes Gewissen bekam. Damit war sie auch größtenteils erfolgreich.
      Danach war Zoras sogar recht froh, sich in einen Raum zurückziehen zu können, wo er die Tür schließen konnte. Er war müde, das war er immer, aber vielleicht, so hoffte er, könnte ihm der Tapetenwechsel helfen. Vielleicht erinnerte es ihn mehr an seine Zeit als Söldner anstatt an das Chaos, das ihn hinter diesen dünnen Wänden erwartete. Vielleicht musste er da nicht allzu viel darüber nachdenken, dass irgendwo dort draußen sicher gerade ein Weingott nach ihm Ausschau hielt.
      Für die Nacht zog er nur seine Straßenkleidung aus und behielt die Unterkleider an. Er hatte Amartius mitgebracht - er würde seinen Sohn sicher nicht zurücklassen - und ließ das Schwert in seinen Mantel gehüllt auf dem Boden liegen, direkt neben dem Bett, wo er schnell danach greifen konnte. Er glaubte zwar nicht, dass Tevia ihm etwas antun wollen würde, aber es würde seiner Paranoia helfen. Er schlief schon seit Jahren nicht mehr in fremden Räumen ohne Sicherheitsvorkehrungen.
      Dann legte er sich hin, in das fremde Bett, das nichtmal halb so groß war wie seines und leise vor sich hin knarzte, wenn er sich bewegte. Das staubig war und sicher so alt war wie die Mauer des Palastes. Bei dem er bei jeder Bewegung dachte, es könnte gleich unter ihm zusammenkrachen.
      Doch als er dann die Augen schloss, ein und ausatmete und sich auf seine Sinne alleine konzentrierte, dann kam es ihm nach einer Weile wirklich so vor, als wäre er an einem anderen Ort in Kuluar, als wäre er noch auf der Reise, als würde er in einem Gasthaus schlafen und ein paar Zimmer weiter die anderen ruhen, als hätte er wieder nur Sorgen um Geld und darum, wo sie als nächstes Aufträge finden sollten. Als wären die beiden Jahre, die daraufhin vergangen waren, niemals geschehen. Als wäre er nur ein Söldner, aber nicht weniger als das. Und auch nicht mehr.
      Es war nahezu perfekt.
    • Tevia hatte sich in ihre Nische gebettet und die dünne Decke über sich gezogen. Sie hatte lediglich die dreckige Schürze ausgezogen und ihr Haar geöffnet. Alles andere darüber hinaus traute sie sich nicht. Einfach aus dem Grund, dass es ja sein konnte, dass hier jemand einstieg oder plötzlich Soldaten die kleine Hütte stürmten.
      Sie hatte dem Eviad eine geruhsame Nacht gewünscht und dabei zugesehen, wie er die Tür schloss. Seitdem hatten sich ihre Augen auf diese einfache Holztür geheftet und schafften es nicht mehr, davon loszukommen. Immer wieder geisterte es in ihrem Kopf herum, dass etwas im Palast vorgefallen war. Etwas, das dafür sorgte, dass Zoras flüchten musste. Jeder hatte mitbekommen, dass es Versuche gab, ihn aus dem Leben zu bugsieren und jetzt, da Kassandra fort war, rückte diese Sorge nur noch näher. Tevia konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass es durchaus sein mochte, dass sie den Eviad, dass sie Zoras, heute das letzte Mal sah.
      Über Stunden hatte sich die arme Frau den Kopf zerbrochen, mit sich selbst gerungen und das Für und Wider abgewogen. Je länger sie darüber nachdachte, umso weniger gefiel ihr die Möglichkeit, dass sie am Ende ihre einzige Möglichkeit vertan haben könnte, reinen Tisch zu machen. Der Abend war so schön gewesen wie kaum ein anderer zuvor und es war immer weiter in die Ferne gerückt, dass Zoras der Herrscher dieses Landes war. Irgendwann war er einfach nur noch ein Mann gewesen. Mehr nicht.
      Schließlich fasste sich Tevia ein Herz und entstieg ihrer Nische. Sie warf sich ihre Haare über die Schulter zurück und schlich zu der Holztür, die plötzlich groß und bedrohlich aussah. Sie hatte sich eine Kerze samt Halter geholt und erleuchtete damit ihren Weg. Ihr Herz überschlug sich, fand den Rhythmus wieder und tanzte sofort wieder aus der Reihe, als sie Hand hob und sachte gegen die Tür klopfte. „Seid Ihr noch wach?“
      Es kam eine Antwort und Tevia atmete tief durch. „Darf ich reinkommen?“
      Sie erhielt die Erlaubnis und trat ein.
      Das schwache Licht der Kerze reichte nicht ganz bis zum Bett. Das Fenster lag auf der anderen Seite, weil sie nicht unter dem Licht des Mondes schlafen wollte. Zoras hatte sich aufgesetzt, das sah sie, und schien noch bekleidet zu sein.
      Dem Himmel sei Dank, dachte Tevia nur erleichtert.
      Am Boden lag sein Mantel, aufgerollt und in direkter Griffreichweite. Ansonsten hatte er nichts von sich verteilt und auch kein Licht in seiner Nähe gemacht. Es wirkte so, als habe er nichts in diesem Zimmer angerührt, sondern sich einfach damit abgefunden, was er vorfinden konnte.
      „Ich…“, sie schluckte. Wie fing man sowas denn überhaupt an? „Ich habe mir Gedanken gemacht. Also, nein, ein wenig Sorgen gemacht. Ah, das klingt auch so schwerwiegend… Vergesst den Anfang einfach.“
      Sie kam näher an das Bett und stellte die Kerze auf dem Nachttisch ab. Damit war Zoras‘ Gesicht nun leicht erhellt und sie konnte eine gesunde Skepsis in seiner Miene erblicken. Gut, wer war es auch nicht, wenn mitten in der Nacht ein Fremder in das Schlafzimmer kam? Tevia zeigte auf die Bettkante. „Darf ich mich setzen?“
      Die Antwort darauf war ja, aber untersetzt mit etwas Anderem, was sie nicht deuten konnte. Also setzte sie sich langsam, so, dass sie gerade noch so auf der Kante sitzen konnte. Sie hatte sich Zoras zugewandt und als sie ihn nun ansah, war ein geraumer Teil ihrer Zerstreuung verschwunden. Nervös knetete sie noch immer die Hände in ihrem Schoß, aber sie wandte ihren Blick dieses Mal nicht ab.
      „Ich hätte den Palast schon vor Monaten verlassen können und eine andere Stelle an einem Gestüt annehmen können. Ihr hattet ganz recht: ich hätte Arbeitsstätten finden können, die näher an Pferden gelegen sind und mich glücklich gemacht hätten. Aber es gab einen anderen Grund, warum ich geblieben bin.“ Ihre Augen waren nicht groß und unschuldig wie die eines naiven Kindes. Doch sie funkelten, blitzten nahezu auf, während sie sich ein Herz nahm und es Zoras anbot. "Dass ich mich täglich in den Ställen aufhalte, liegt sicherlich auch an den Tieren. Jedoch fand ich schnell heraus, wem Kassadra gehört und ich hatte die Hoffnung, dass irgendwann einmal die Zeit passen und ich Euch treffen würde. Ihr seid damals auf dem Wasserplatz aufgetreten und habt Euren Rücken präsentiert. Ihr habt Eure Geschichte kurz auf bröckeligem kuluarisch erzählt, an der Seite einer echten Göttin. Doch auf dem Platz habe ich die Phönixin weder gehört noch gesehen. Denn ich sah nur Euch.“
      Nun senkte sie doch kurz den Blick, hob ihn kurz darauf allerdings wieder an. „Es glich einem Paukenschlag, als bekannt wurde, dass Ihr wahrhaftig der Eviad seid. Denn das bedeutete für mich, dass Ihr in eine für mich unerreichbare Ferne gerückt wart. Alles, was ich mir hätte erhoffen können, war ein Wortwechsel im Stall. Mehr nicht. Dieser Tag war für mich alles und als ich Euch dann in der Taverne fand und Ihr dort mit mir gesprochen habt… Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie glücklich mich das gemacht hat. Es ging nicht darum, welchen Titel Ihr besitzt. Für mich wäre es leichter gewesen, wenn Ihr nur irgendein Arbeiter gewesen wärt. Aber so konnte ich Euch nur von der Ferne aus ansehen und zuhören und wusste, dass das alles sein würde, was ich je bekommen würde. Doch nun… Ihr seht selbst.“
      Tevia ließ ihre Schürze los und rückte ein kleines bisschen näher an den Mann heran. Trotz allem wagte sie es nicht, Zoras zu überfallen. Immerhin hatte er ihr bereits einmal mit dem Tod gedroht. Nur wollte sie ihm nahe sein. So nahe, wie es eben ging.
      „Darf ich ein wenig egoistisch sein?“ Es war eine rhetorische Frage, denn der Punkt war längst überstritten. Selbst Zoras spürte, dass sie wenigstens die folgenden Worte noch aussprechen wollte, sogar musste, damit sie vielleicht Frieden finden konnte. „Meine Sorge ist, dass ich Euch heute vielleicht das letzte Mal sehe. Wegen was auch immer im Palast geschehen war oder mir noch geschehen wird. Ich weiß, dass ich niemals mit einer Göttin mithalten kann, das will ich auch gar nicht heraufbeschwören. Ich weiß, dass Ihr mich nie so sehen werdet wie ich Euch. Ihr sollt einfach wissen, dass Ihr mein Herz besitzt. Dass es mich nicht stört, wenn Ihr eine andere liebt, solange ich Euch nahe sein kann. Das würde mir genügen. Das wäre schon alles…“
      Sie saß nun etwa auf Hüfthöhe von Zoras und hob vorsichtig ihre Hand. Sie streckte ihre Finger nach dem Mann aus und legte sie ihm sanft an die Wange. „Schenkt mir diesen einen Kuss, Zoras, und Ihr habt mich bereits mehr entlohnt, als es Gold je aufwiegen könnte.“
    • Zoras schlief ein, aber er schlief wirklich nicht sehr tief. Das lag zum einen an den Albträumen, die unter seiner Oberfläche darauf warteten heraus zu brechen, und zum anderen an seiner bisherigen Erfahrung. Sein leichter Schlaf hatte schließlich ihm und Amartius einmal das Leben gerettet.
      So war er mit dem ersten Klopfen gleich wieder wach. Er wusste wo er war und er konnte sich auch vorstellen, wer da an die Tür klopfte, daher setzte er sich gleich auf.
      „Seid Ihr noch wach?“
      Dass sie das überhaupt noch fragte, war irgendwie süß. Auf der anderen Seite kannte sie ihn und seine Paranoia nicht.
      "Ja."
      „Darf ich reinkommen?“
      Er runzelte die Stirn. Dann wiederholte er seine Antwort.
      Tevia schob sich herein, vorsichtig und allem Anschein nach nervös. Ihr Blick glitt durch ihr Zimmer, das sicher durch Zoras' Anwesenheit völlig verwüstet war, richtete sich auf ihn, wieder auf ihr Zimmer, auf ihn zurück. Zoras blieb ganz ruhig sitzen; es war deutlich erkennbar, dass die Frau für einen Moment völlig überfordert war.
      „Ich…“
      Sie schluckte nervös. Irgendwie erinnerte sie ihn an eine Dienstmagd, die beichten musste, dass sie Wäsche falsch gewaschen hatte.
      "Kann ich dir helfen?"
      „Ich habe mir Gedanken gemacht."
      Gedanken?
      "Also, nein, ein wenig Sorgen gemacht."
      Sorgen?
      "Ah, das klingt auch so schwerwiegend… Vergesst den Anfang einfach.“
      Zoras blinzelte. Er wäre fast geneigt gewesen zu lächeln, wenn er sich jetzt nicht langsam selbst Sorgen machen würde.
      Tevia kam dafür jetzt näher und stellte die Kerze auf dem Nachttisch ab. Zoras ließ sie gewähren, auch wenn er sich deutlich ihrer plötzlichen Nähe bewusst war.
      „Darf ich mich setzen?“
      Sie deutete auf das Bett. Zoras widerstand dafür dem Drang, nach Amartius zu sehen.
      "... Ja."
      Da ließ sie sich nieder und sah ihm zum ersten Mal ganz offen ins Gesicht.
      Zoras hatte keine Ahnung, was er von diesem nächtlichen Aufmarsch zu erwarten hatte. Tevia schien nicht gerade besorgt - zumindest nicht auf diese Weise - und sie erschien ihm auch nicht wie jemand, der ein Attentat auf ihn planen könnte. Was konnte diese Frau dann also dazu bewegen, mitten in der Nacht an seiner Tür zu klopfen? An der Tür des Eviads, wohlgemerkt, denn Zoras war zwar als Zoras unterwegs, aber das änderte nichts daran, dass er immernoch ein Mann mit Titel war.
      Da begann Tevia nervös zu erzählen.
      "Ich hatte die Hoffnung, dass irgendwann einmal die Zeit passen und ich Euch treffen würde. Ihr seid damals auf dem Wasserplatz aufgetreten und habt Euren Rücken präsentiert. Ihr habt Eure Geschichte kurz auf bröckeligem kuluarisch erzählt, an der Seite einer echten Göttin. Doch auf dem Platz habe ich die Phönixin weder gehört noch gesehen. Denn ich sah nur Euch."
      Ein leichtes Kribbeln durchfuhr ihn, als er begriff, worauf sie da hinaus wollte. Gerade bei ihm - gerade bei ihm! Wurde er gerade wirklich Zeuge von etwas derart unmöglichem? Es schien ihm so surreal.
      "Für mich wäre es leichter gewesen, wenn Ihr nur irgendein Arbeiter gewesen wärt. Aber so konnte ich Euch nur von der Ferne aus ansehen und zuhören und wusste, dass das alles sein würde, was ich je bekommen würde. Doch nun… Ihr seht selbst."
      Ja das tat er. Und was er da mit einem Mal sah...
      Zoras konnte nicht sagen, dass ihm das gefiel. Worauf auch immer Tevia gerade hinaus wollte - wohin auch immer diese Geschichte führen sollte - sie könnte seinen ruflichen Tod bedeuten. Sie könnte Konsequenzen mit sich führen, die viel schlimmer waren als das Chaos, das sich gerade auf den Straßen ereignete. Sie könnte seinen Absturz bedeuten.
      Aber es war auch nicht schlecht, per se. Zoras war es gewöhnt, dass ihn die Frauen in seiner Heimat zweimal betrachteten, ihn mit seinen kräftigen Beinen, mit dem Erbe über seinem Haupt und einem Haus, das im ganzen Land angesehen war. Es war nichts neues und vermutlich hatte er sich auch schon daran gewöhnt, dass ihm die Frauen vor die Füße fielen. Aber seitdem waren auch einige Jahre verstrichen und als Söldner hatte er zwar auch zwei Blicke abbekommen, aber erst eins auf sein Gesicht und dann eins auf sein Schwert, bevor die betreffenden Mägde schnell weitergezogen waren. Und als Sklave hatte er sowieso nur Blicke abbekommen, bei denen es ihm kalt den Rücken herunter gelaufen war.
      Dementsprechend war Tevias kleine Geschichte sogar eine willkommene Abwechslung und gleichzeitig etwas, was er noch von früher kannte. Zwar spielte sein Titel dabei keine unerhebliche Rolle... aber sie hatte immerhin gesagt, dass sie schon zuvor ein Auge auf ihn geworfen hatte - mit seinen Narben. Und das war schon etwas, was Zoras gefiel, der Gedanke, dass es Menschen dort draußen geben könnte, die nichtmal annähernd so sehr davon abgeschreckt waren wie er selbst.
      Aber er schwieg und ließ sie weiter reden.
      „Darf ich ein wenig egoistisch sein?“
      Hier kam nun der Höhepunkt, das merkte er. Die Pointe, auf die sie hinaus wollte.
      "Natürlich."
      "Ich weiß, dass Ihr mich nie so sehen werdet wie ich Euch. Ihr sollt einfach wissen, dass Ihr mein Herz besitzt. Dass es mich nicht stört, wenn Ihr eine andere liebt, solange ich Euch nahe sein kann. Das würde mir genügen. Das wäre schon alles…“
      Zoras glaubte schon, dass er ihre Worte eigenständig ergänzen konnte und da krampfte sich ihm ein wenig der Magen zusammen. Er konnte nicht, das hier, worauf auch immer sie hinaus wollte. Er konnte nicht.
      Tevia hob eine Hand. Langsam führte sie sie zu ihm und Zoras fühlte seinen Puls beschleunigen, als die rauen Fingerspitzen vorsichtig über seine Wange strichen. Er wusste nicht, was er mit der Berührung anfangen sollte, sein Körper war fast wie versteinert.
      „Schenkt mir diesen einen Kuss, Zoras, und Ihr habt mich bereits mehr entlohnt, als es Gold je aufwiegen könnte.“
      Ein Kuss sollte es sein. Das wollte sie von ihm, das war es, wegen dem sie hergekommen war. Ein Kuss.
      Zoras hatte seit sechs Jahren keine andere Frau mehr geküsst. Entweder Kassandra oder niemanden. Er hatte auch mit keiner anderen Frau das Bett geteilt, entweder Kassandra oder niemand.
      Aber Kassandra war nicht hier und sechs Jahre hatten ein jähes Ende durch eine Nymphe gefunden, die ihn bestiegen hatte. Kassandra war jetzt schon seit vielen Tagen bei Santras und hatte alles mitgenommen, was sie und Zoras miteinander verbunden hatte. Das Mal auf seinem Rücken verblasste, seine Gedanken waren wieder nur die seinen und ihre Wärme hatte ein Loch in ihm gerissen, das er noch nicht wieder aufzufüllen vermochte. Er wusste auch gar nicht, ob er jemals in der Lage sein würde, die Kälte aus seinem Körper zu verbannen.
      Aber er hatte es schließlich auch noch nicht versucht mit... nun, mit dem offensichtlichen. Er hatte es auf körperlicher Ebene versucht, er hatte es mit Kassadra zu füllen versucht, mit Alkohol, sogar mit Arbeit, mit Training. Seit Tagen schon versuchte er aus dem Loch zu kriechen, in das Kassandra ihn mit ihrer Abwesenheit gestoßen hatte. Erfolglos, offensichtlich. Es hatte ihn schließlich zu dem verzweifelten Plan gebracht, weswegen er überhaupt diese Nacht ausgeritten war.
      Aber mit Frauen hatte er es noch nicht versucht. Dabei hätte die Überlegung nahe liegen können, dass er sich das leere Bett nicht mehr ganz so leer gestaltete. Er musste schließlich niemanden heiraten oder sich binden, aber er hätte es doch wenigstens einmal versuchen können.
      Mit einem Kuss, beispielsweise. Einem einzigen Kuss.
      Tevia sah ihn erwartungsvoll, aber auch unglaublich nervös an. Zoras sah zurück, legte die Hand schließlich über ihre und zog sie ganz sachte von seiner Wange. Dann bettete er sie in seiner Hand, raue Finger, eine Waschhand, die ihm so anders schien im Vergleich mit der zarten, weichen Hand, die er von Kassandra gewöhnt war. Aber der Gedanke an Kassandra war jetzt fehl am Platz, also hielt er ihre Hand weiter in seiner.
      "Das ist eine sehr mutige Frage, Tevia", sagte er sanft. Ihre bereits großen Augen wurden nur noch größer.
      "Du verstehst, dass ich nicht... ich kann dir vermutlich nicht geben, was du möchtest. Mein Herz ist schon vergeben."
      Er spürte ihre Hand in seiner beben. Er drückte sie leicht.
      "Aber..."
      Sie schien den Atem anzuhalten. Zoras tat es selbst leid, dass er sie so auf die Folter spannen musste, dass sie in seiner Hand gerade zu zerfließen drohte.
      Also gab er sich einen Ruck.
      "Ein Kuss."
      Ein Kuss, um die Wärme zu finden, die er so sehnlichst suchte. Ein Kuss, um herauszufinden, ob er sich doch noch eigenständig wieder aufrichten konnte.
      "Schließ deine Augen."
      Sie gehorchte ihm, sofort. Ihre Augenlider flatterten zu und dann wurde sie mit einem Mal ganz regungslos.
      Zoras betrachtete sie für einen Moment. Tevia war eine ganz hübsche Frau, wenngleich er sich nicht vorstellen konnte, dass sie jemals auf einem Schlachtfeld stehen konnte. Er konnte sie sich auch nicht vor einem Schlachtplan vorstellen oder gar, dass sie ein Schwert schwang. Das mochte womöglich etwas unfair sein, nachdem sie nur eine Bedienstete war, aber das war es nunmal, was ihn an einer Frau reizte.
      Was ihn bei Kassandra stets gereizt hatte.
      Aber Kassandra war nicht hier und so verdrängte er den Gedanken schnell wieder.
      Langsam neigte er sich nach vorne. Das Bett knarzte verräterisch unter ihm und Tevia schien erneut den Atem anzuhalten, als sie die Bewegung durch die Matratze spürte. Er gab ihre Hand noch immer nicht frei, die sich jetzt fast in seine krallte. Und dann, ganz langsam, ganz vorsichtig, legte er seine Lippen auf die ihre. Ihr Atem stockte an seiner Wange.
      Der Kuss war vorsichtig und zurückhaltend. Zoras bewegte seine Lippen ein wenig und beobachtete dabei, wie Tevias Gesichtsmuskeln zuckten. Ihre Lippen waren weich und sanft und zuckten ein wenig. Ihre Hand bebte noch immer.
      Wenn Zoras erwartet hatte, dass die Kälte aus seinem Inneren wich und endlich durch die lang ersehnte Wärme ersetzt würde, hatte er sich getäuscht. Er fühlte nicht viel mehr als ein leichtes Kribbeln in seinem Inneren, ein Aufflattern, hervorgerufen durch die sonderliche Situation. Er fühlte keine Wärme, kein Feuer und auch keine Anhänglichkeit oder gar das Bedürfnis, den Kuss weiter zu vertiefen. Er wollte Tevia auch nicht unbedingt in seine Arme nehmen oder gar in eine ganz andere Richtung ausschweifen. Es war nur ein Kuss und dabei blieb es auch bei ihm. Das einzige, was sich dabei wirklich in ihm regte, war der eine Gedanke: Ihre Küsse haben sich anders angefühlt.
    • Allein schon seinen Namen auszusprechen schmeckte auf Tevias Zunge wie eine verbotene Frucht. Als sie Zoras‘ Gesicht berührte, war es für sie fast so, als stünde seine gesamte Haut unter Strom und die kleinste Berührung würde auch sie elektrisieren. Der Fakt, dass sie ihre selbstsüchtige Bitte einfach so an ihn gerichtet hatte, war schon mehr, als sie sich selbst zugetraut hätte. Ihr war klar, dass Zoras es ablehnen würde. Schon deswegen, weil er der Eviad war und sie womöglich seinen fragilen Ruf noch weiter ins Wanken bringen würde. Ganz davon zu schweigen, in welche Gefahr sie sich selbst damit begeben würde. Aber Tevia war in ihrem Leben noch nie selbstsüchtig gewesen, nicht ein einziges Mal. Dieses eine, besondere Mal wollte sie es sein.
      Deswegen hielt sie seinen dunklen Augen stand, als sich eine Stille zwischen ihnen ausbreitete und Zoras scheinbar abwog, ob der Preis es wert sei. Als er schließlich seine Hand hob und sie nicht zu ihrem Gesicht, sondern zu ihrer Hand an seiner Wange führte, schwand ihre Ekstase wieder und elendige Enttäuschung machte sich breit. Sie schlug Wurzeln, so tief in ihrem Herzen, dass sie einen Augenblick lang nicht wusste, wie so ein Herz überhaupt weiterschlagen konnte.
      Nur gab er ihre Hand nicht frei, sondern beließ sie in seiner eigenen. Etwas verunsichert darüber, was das nun bedeuten sollte, ging Tevias Blick zwischen ihrer Hand und Zoras‘ Gesicht mehrfach hin und her.
      „Das ist eine sehr mutige Frage, Tevia“, sagte er mit einem Tonfall, der Tevias Herz ihr in die nackten Füße rutschen ließ. Mit solch einer Stimme hatte sie ihn noch nie sprechen gehört. Eine Stimme, die so weich war, dass es weggeschlossen gehörte. Dieser Mann mit seinen Narben, seiner Erscheinung, seinem ganzen Wesen besaß solch einen versteckten Sanftmut, dass sie sofort einen weiteren Punkt auf ihre Liste eintrug, weshalb sie ihn liebte. „Du verstehst, dass ich nicht… ich kann dir vermutlich nicht geben, was du möchtest. Mein Herz ist schon vergeben.“
      Tevias Mundwinkel hoben sich zu einem schmalen, schweren Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. „Ich weiß. Ich sagte Euch, dass ich es weiß und dass es dennoch nichts daran ändert, wie ich Euch sehe.“ Das unterschrieb ihr Körper sogleich, denn ihre Hand in seiner größeren begann zu zittern.
      „Aber…“
      Ihre großen, treuen Augen schossen wieder zu Zoras‘ Gesicht. Ein Aber war ein Einwand, das wusste Tevia. Ein Aber bedeutete, dass man einlenken konnte. Dass es nicht vollkommen aussichtslos war. Ein Aber bedeutete, dass ihre Bitte nicht vollends in den Wind geblasen wurde. Ihre Gedanken stoben in einer Explosion auseinander, während sie den Mann ihr gegenüber nur weiter anstarrte. Sie konnte nicht atmen. Diese Spannung hielt die Wurzeln in ihrem Herzen fest und ließen ihr keinen Spielraum mehr zum Atmen.
      „Ein Kuss.“
      Das klang wie eine Bestätigung. Scharf stieß Tevia den Atem aus und japste direkt wieder nach Luft, damit ihr Kopf und Herz und alles andere nicht platzte. Ihr Herz war noch immer in der Klammer, wusste nicht, ob es wachsen oder schrumpfen sollte. Der Gedanke, dass er wirklich, wirklich auf ihre Bitte eingehen würde, war plötzlich zum Greifen nah und das ließ sie fast kollabieren. Es ging so Schlag auf Schlag, dass sie keine Zeit hatte, sich einzustellen, sich vorzubereiten, sich –
      „Schließ deine Augen.“
      Und da war schlagartig das Licht vor ihren Augen fort. Kaum hatte Zoras seine Forderung gestellt, war sie ihm direkt gefolgt. Als hätte ihr gesamter Körper nur darauf gewartet, einen Befehl von ihm zu erhalten. Das musste es gewesen sein, wieso sie sich so elektrisiert gefühlt hatte. Er hatte sie verhext, ihren Körper manipuliert, dass er sich nach jede seiner Silben beugte. Sie wollte noch mehr von seinen Worten hören. Noch mehr Dinge tun, die ihm gefielen. Gefallen wollte sie ihm, wahrlich. Und dann wurde sie ganz still, ganz unbewegt, und wartete ab. Wartete darauf, dass er ihr die nächste Anweisung gab. Ihr Körper vibrierte erwartungsvoll und völlig trunken von der Aussicht, die auf sie warten könnte.
      Tevia fühlte, wie sich das Bett bewegte. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich ein wenig nach vorn, als Zoras es ihr gleichtat und sie sich vor ihrem geistigen Auge ausmalte, wie er immer näher zu ihr kam. Wie seine Lippen sein würden, wie sein Atem über ihr Gesicht streichen würde. Beinahe gewaltsam hielt sie sich eisern an Ort und Stelle, doch ihre Hand in seiner schloss sich um die kräftigen Finger. Das war das einzige Zugeständnis, das sie jetzt treffen konnte, ohne der Anweisung entgegenzuwirken.
      Und dann hatte sie fremde Lippen auf ihren eigenen. Tevia hielt die Luft an, atmete abgehackt aus, und genauso kurz wieder ein, weil sie Angst hatte, den Augenblick zu lösen. Seine Berührung war ach so zart, dass sie fürchtete, sie bildete es sich nur ein. Ihr Gehirn würde ihr einen Streich spielen. Doch er zog sich nicht sofort zurück, sondern blieb noch ein wenig länger bei ihr. Ein wenig länger noch durfte sie die Empfindung seiner Lippen genießen und seufzte leise hinein. Bis er immerzu bei dieser Sanftheit, dieser Vorsicht, dieser… Überprüfung blieb. Da war nicht das aufkeimende Feuer, welches sie sich ein wenig gewünscht hätte oder auch nur ein bisschen Nachdruck, da er ja immerhin eine Frau küsste. Sie bemerkte, dass das hier für ihn wirklich nur eine Bezahlung war und nichts anderes. Die Wurzeln um ihr Herz breiteten sich langsam weiter aus und gruben sich noch tiefer in den Muskel hinab. Wenn Tevia das hier wollte, dann würde sie mit einem immer blutenden Herzen leben müssen.
      Zoras löste den Kuss, doch er ließ ihre Hand noch nicht los. Tevia schlug ihre Augen wieder auf, in ihnen kämpften Enttäuschung und Freude um die Herrschaft. Mit ihrer freien Hand führte sie ihre Fingerspitzen an ihre eigenen Lippen und senkte den Blick. „Man spürt, dass Ihr Euer Herz an jemand Anderes vergeben habt“, murmelte sie leise ehe sie Lider wieder hochschlug und ihre Hand aus seiner zurückzog. „Ich bleibe dabei. Es stört mich nicht. Alles, was ich möchte, ist bei Euch zu sein. Dann, wenn Ihr jemanden braucht, selbst wenn ich nichts bewirken kann. Ich will keinen Thron, ich will auch kein Geld. Ich will Euch, auch wenn es nicht Euer Herz ist.“
      Denn das lag in göttlichen Händen und da würde eine Sterbliche nie etwas dran rütteln können. Das war ihr klar, ihre Rolle, ihr Platz, war ihr klar und deswegen versuchte sie wenigstens das Bisschen zu ergattern, was sie haben könnte.
      Also legte sie ihm dieses Mal beide Hände an die Wangen und strich hingebungsvoll mit ihren Daumen über seine Haut. Das Lächeln, was sie ihm entgegenbrachte, war nicht von Trauer erfüllt, sondern von einer Herzlichkeit, die Kassandra niemals kennen würde. Selbst Königinnen verlernten im Laufe ihres Lebens diese Fähigkeit, doch Tevia als einfache Waschfrau war mit ihr geboren worden. Sie war nicht dazu gemacht, zu herrschen. Sie war für etwas anderes da.
      "Verzeiht, aber ich bin mit dem egoistisch sein noch nicht zu Ende“, warnte sie ihn, ehe sie sich zu ihm lehnte und einen zweiten Kuss von ihm ersuchte.
      Auch diesem Kuss fehlte das Feuer, das Kassandra immer mit sich brachte. Dafür begegnete Tevia Zoras mit einer Hingebung und Zärtlichkeit, die ihresgleichen suchte. Sie lud seine Lippen ein, ihre zu kosten. Ganz unverfänglich und ohne Hintergedanken. Sie legte ihre gesamten Gefühle in diesen einen Kuss, da sie den Eindruck hatte, dass ihre Worte nicht alles zu vermitteln vermochten. Wieder seufzte sie in diesen Kuss, der keinen Nachdruck hatte, sondern einfach nur den Moment zwischen ihnen beiden preiste. Als sie ihre Lippen löste, ließ sie ihre Hände über seine Schultern und seine Arme bis hin zu seinen Händen hinabgleiten, wo sie seine in ihre nahm und einmal kurz drückte.
      Tevia entfernte sich etwas weiter und senkte den Blick. „Danke“, sagte sie schließlich leise, wobei es so klang, als habe sie nun Frieden mit sich gefunden. Dass dem nicht so war, wusste nur ihr Herz, das ächzte und blutete. Tropfen für Tropfen.
    • Als der Kuss sich schließlich brach, war Tevia gänzlich außer Atem. Ihre Augen flatterten auf und richteten sich geradewegs auf seine, als Zoras sich bereits wieder zurücksetzte. Doch jetzt schwang da noch mehr als die Nervosität und die unbändigende Vorfreude mit, die er zuvor in ihrem Blick gesehen hatte. Fast schien sie sich... beruhigt zu haben. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er gesagt, ihre Augen hätten sich etwas abgekühlt.
      Langsam führte sie ihre Hand zu den Lippen und berührte sie sachte.
      "Man spürt, dass Ihr Euer Herz an jemand Anderes vergeben habt."
      Ein Kribbeln setzte sich in seiner Magengrube fest, ein unangenehmes. Er betrachtete die Bemerkung nicht als Vorwurf, immerhin konnte Tevia unmöglich davon ausgehen, dass er ihr nach den paar Treffen sein Herz schenken könnte, aber er fragte sich unweigerlich, ob Kassandra dann das Gegenteil spürte. Ob sie es selbst jetzt noch spüren könnte, auch wenn sie so weit entfernt und bei Santras war. Ob sie es spüren wollte.
      "Ich bleibe dabei. Es stört mich nicht", fuhr Tevia fort, nachdem sie den Blick wieder gehoben hatte, unermüdlich, wie Zoras fand. Mutig, durchaus. Er hatte das Kompliment nicht einfach so von sich gegeben.
      "Alles, was ich möchte, ist bei Euch zu sein. Dann, wenn Ihr jemanden braucht, selbst wenn ich nichts bewirken kann. Ich will keinen Thron, ich will auch kein Geld. Ich will Euch, auch wenn es nicht Euer Herz ist."
      Das schien auch die Wahrheit zu sein, so eine simple, aber eine so schwer wiegende Wahrheit. Denn sie war bereits jemand, den er gebraucht hatte, sogar, als es ihm selbst nicht unbedingt bewusst gewesen war. Nicht nur für den Unterschlupf, den er gerade bei ihr ersuchte, sondern vielleicht auch schon die Male zuvor. Vielleicht schon für die Gesellschaft, die sie ihm in diesen dunklen Stunden gegeben hatte.
      Ihre Hand entzog sich seiner und Zoras lächelte leise.
      "Ich fühle mich geehrt. Daran werde ich denken, wenn es wieder soweit ist."
      Da legte sie die Hände an seine Wangen, beide. Zoras zuckte nicht zurück, diese Schwelle war wohl schon überschritten, aber es war doch ein merkwürdiges Gefühl, so... simpel. So roh. Er musterte Tevia, die ihn ihrerseits mit einer Hingabe betrachtete, bei der Zoras sich gleich ganz anders fühlte. Kassandra hatte noch nie eine derartige Geste getan, warum sollte sie auch. Sie war eine Göttin und Zoras nur ein Mensch, die Hingabe, die zwischen ihnen beiden existierte, strahlte nur er aus. Kassandra war nicht lieblos, sie war nur anders. Andere Blicke, andere Küsse, andere... Gefühle. Keine schlechten Gefühle. Aber als Tevia so vorsichtig mit dem Daumen über seine Wangen strich, wurde Zoras sich bewusst, dass Kassandra ihn niemals so hatte fühlen lassen.
      "Verzeiht, aber ich bin mit dem egoistisch sein noch nicht zu Ende."
      Die Warnung reichte aus - trotzdem war Zoras überrascht, als Tevia sich noch einmal zu ihm neigte und ihn diesmal von sich aus küsste. Mutig, wahrlich.
      Sie war jetzt weniger versteinert oder so aufgeregt, dass ihr die Hände zitterten. Ihre Lippen hatten sich gelockert und aus der sanften Bewegung las Zoras derart menschliche Züge heraus, dass es ihn erschauderte. Schüchternheit, Überzeugung, Zweifel, Euphorie, Glückseligkeit. Diesmal war er es, der bei dem Kuss wie automatisch die Augen schloss.
      Kassandras Küsse waren perfekt. Sie waren auf eine Weise einzigartig, dass jede Bewegung, jedes Zucken, jedes ihrer Geräusche ein Feuer in Zoras entfachte, das sich kaum bändigen ließ. Kassandra zu küssen bedeutete, in ihrem eigens kreierten Flammenmeer unterzugehen. Es bedeutete, sich selbst zu verlieren und an nichts anderes mehr zu denken als an ihre Makellosigkeit, ihre Einzigartigkeit, ihre Göttlichkeit. Von Kassandras Küssen konnte Zoras schmelzen.
      Tevia kam da nicht annähernd heran. Ihr Kuss war... ein bisschen zu schnell. Ein bisschen zu zittrig, zu nervös, ein bisschen zu fest, ein bisschen zu alles. Aber es war nicht Tevias Fehler - aus der Sicht eines beliebigen Mannes hätte der Kuss sicher auch Welten stürzen können. Es war schlichtweg die Menschlichkeit in ihr. Das war, wie sich Küsse unter Menschen anfühlten. Das war normal. Zoras hatte so lange Zeit mit Kassandra verbracht, dass er normal schlichtweg vergessen hatte.
      Und ein bisschen reizte ihn diese Andersartigkeit auch. Das hier war, wie es hätte sein sollen, unter Menschen und ohne den Einfluss der Götter. So fühlte sich vermutlich Kassandra, wenn sie ihn küsste.
      Und er erlaubte sich doch für einen Moment, es zu fühlen. Er erlaubte sich, Tevia ein Stück entgegen zu kommen und ihr sogar die Hand auf die Hüfte zu legen - eine weiche, runde Hüfte, die nichts von Kassandras Perfektion an sich hatte. Dafür konnte er spüren, wie Tevia unter seiner Berührung erschauderte. Und auch das war so menschlich, dass er es ein wenig genoss.
      Dann löste sie sich wieder von ihm und ihre Hände glitten über seine Arme nach unten. Zoras war froh um die Ärmel, die seine Gänsehaut wegen der Berührung verbargen - froh, dass etwas so menschliches dann doch nicht ans Licht kam. Die Frau hätte es vermutlich für ein Zeichen für sich selbst gehalten, wenn es doch in Wahrheit einen ganz anderen Ursprung hatte. Zumindest das war etwas, was Menschlichkeit nicht besser konnte als Göttlichkeit.
      "Danke."
      Zoras lächelte, auch wenn Tevia das nicht sehen konnte, weil sie gerade wieder das Bett betrachtete. Aber er fühlte sich gut, zumindest für einen Augenblick.
      "Ich danke dir."
      Er hob die Hand und strich ihr mit dem Knöchel knapp über die Wange. Fast hoffnungsvoll hob sie den Blick, aber so sehr ihm ihre Menschlichkeit gefallen hatte, löste sie doch nicht die Probleme, die vor der Tür auf ihn warteten. Allesamt wegen Kassandras Abwesenheit, deren Wärme trotzdem nicht zurückgekehrt war.
      "Geh schlafen. Ruh dich aus. Ich möchte mich auch noch eine Weile hinlegen."
      Da schien sie sich endlich von ihm lösen zu können, stand auf und nahm sich ihre Kerze zurück. Zoras lächelte sie an, als sie ihm eine gute Nacht wünschte. Ihr Lächeln kam doppelt so strahlend zurück und war damit nahezu perfekt. Dann ging sie und Zoras lauschte den Schritten, die zurück zu ihrem kleinen Nest führten. Danach legte auch er sich hin und berührte seine Lippe ebenfalls kurz.
      Ihre Küsse waren anders. Aber anders musste nicht unbedingt schlecht sein.
    • „Ich danke DIR.“
      Tevia hatte die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt und sehnte sich noch dem Echo von Zoras‘ Lippen hinterher, als dieser ihr unangekündigt über die Wange streichelte. Fast augenblicklich hatte das Bett an Spannung verloren und die Frau ihren Blick wieder gehoben, in fadenscheiniger Hoffnung, dass es doch etwas in Zoras bewirkt hatte. Dass er vielleicht doch ein wenig mehr fühlte, so, wie er vorhin schon seine Hand auf ihre Hüfte gelegt hatte.
      „Geh schlafen. Ruh dich aus. Ich möchte mich auch noch eine Weile hinlegen.“
      Das war die sehr nette Form für: Das reichte.
      Tevia übertrat diese Grenze nicht, sondern nickte nur, ihr Gesicht leuchtend rot von gerade einmal zwei Küssen. Das hier war mehr, als sie sich jemals hätte erträumen können, sodass sie diesem weichen Rauswurf gar nichts entgegenzusetzen hatte. Anstelle ihrer üblichen Schnelligkeit erhob sie sich nun langsam, wesentlich ruhiger, und nahm die Kerze vom Nachttisch wieder an sich. „Eine angenehme Nacht, Zoras“, wünschte sie ihm und lachte sich gedanklich überglücklich ins Fäustchen, dass sie ihn mit seinem Namen ansprach. Nicht als Eviad oder Hoheit. Einfach nur als Zoras. Wahrscheinlich sah man es ihr im Gesicht dennoch an, denn das Lächeln, welches Zoras ihr beim Gehen mitgab, würde ihr die restliche Nacht rauben, dessen war sie sich sicher.

      Bis zum Morgengrauen war noch einiges an Zeit ausstehend, doch die Waschfrau brach oftmals vor den ersten Sonnenstrahlen schon zum Palast auf. Heute jedoch hatte sie versucht, jede mögliche Sekunde noch in ihrem Nest zu verbringen, um nicht zu früh die Hütte zu verlassen. Sie war ein einziges Mal kurz weggedöst, nachdem sie aus dem Schlafzimmer zurückgekehrt war, und hatte sonst nur wachgelegen und taggeträumt. Die Erinnerungen an die Lippen des Mannes nebenan, dem Gewicht seiner Hand auf ihrer Hüfte und die reine Vorstellung, wohin das alles hätte führen können, ließen ihr keine Ruhe.
      So stand sie zwar deutlich früher auf als sonst, aber sie war nicht so gerädert, wie sie es vielleicht hätte sein können. Stattdessen nutzte sie die Zeit und schnitt etwas von dem selbstgebackenen Brot auf, zu dem sie etwas Schinken schnitt. Da sein Besuch unangekündigt war, hatte sie nicht sonderlich viel mehr im Hause, aber das war besser als nichts.
      Mit dem behelfsmäßigen Frühstück trat Tevia in das Schlafzimmer ein und fand Zoras regungslos in seinem Bett vor. Sie musste sich mit einer Kerze in der anderen Hand behelfen, um nicht über das Chaos zu stolpern und das Essen sicher mit der Kerze auf dem Nachttisch abzustellen. Dann ließ sie ihren Blick über den Mann gleiten, der auf dem Rücken halb unter ihrer Decke lag und nicht ganz so erholt aussah, wie er hätte sein können. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, ihn schlafen zu lassen, doch sie wollte ihn nicht allein in ihrer Hütte lassen, sobald sie zum Palast ging. Das war zu gefährlich, selbst wenn draußen Soldaten auf das Haus aufpassten und sie ebenfalls. Immerhin brauchte sie nun keine Sorge mehr haben, des Nachts auf den Straßen unterwegs zu sein. Das hatte Zoras ihr immerhin versichert.
      Ihrem Impuls nachgebend lehnte sich Tevia über Zoras. Sie betrachtete sein Gesicht, das einmal nicht in angestrengten Falten lag, bevor sie sich weiter senkte und ihm einen sachten Kuss auf die Stirn setzte. „Ihr solltet wach sein, wenn ich gleich die Hütte zum Palast verlasse. Ich habe Euch etwas zum Frühstücken gebracht. Es ist nicht viel…“
      Aber mehr hatte sie gerade einfach nicht zur Hand gehabt.
      Sie strich ihm noch flüchtig mit der Hand über seine Stirn und entfernte sich schließlich von dem Mann, der langsam zur Besinnung kam. „Ich lasse Euch die Kerze hier stehen, aber ich muss mich gleich auf den Weg begeben. Ist das in Ordnung für Euch? Ihr könnt selbstverständlich so lange bleiben, wie ihr es wünscht.“
      Nicht, solange wie Ihr es müsst. Tevia hatte es lieber, wenn Zoras aus seinem eigenen Willen her entschied, noch länger zu bleiben und ihr Gesellschaft zu leisten. Was für ein großartiges Gefühl musste es sein zu wissen, dass jemand zuhause auf einen wartete? Das kannte Tevia noch nicht, aber die Vorstellung, dass Zoras nach dem Arbeitstag auf sie wartete, beflügelte die Waschfrau ungemein. Dieser Arbeitstag konnte nicht schnell genug zu Ende gehen.
    • Kurz bevor Tevia das Zimmer verließ, nannte sie Zoras dann doch noch beim Namen. Dabei grinste sie so sehr, dass er es geradezu heraushören konnte.
      Zoras lächelte selbst. Er machte sich nicht viel daraus, wenn sie ihn nicht so formell ansprach, und wenn er ehrlich war, war es sogar ganz süß, wie sie sich über solch simple Dinge erfreute. Es war erfrischend, dass jemand an etwas so einfachem Gefallen finden konnte.
      Daran dachte er noch, als er doch noch einschlief.

      Zoras war zwar ein unruhiger Schläfer, aber allem Anschein nach hatte Tevias kleines Zimmer etwas an sich, das ihn entspannen ließ. Er glaubte, dass es der enge Raum war, die gute Übersicht, die er über alles hatte, oder auch das nahe Fenster, das ihm wie ein zweiter Fluchtweg schien. Was auch immer es aber war, es sorgte glatt dafür, dass er das morgendliche Aufgehen der Tür nicht mitbekam.
      Dafür erwachte er mit einem sanften und gar liebevollen Kuss auf die Stirn. Er blinzelte und kaum hörte er Tevias Stimme, wurde sein Verstand sofort hellwach.
      "Ihr solltet wach sein, wenn ich gleich die Hütte zum Palast verlasse. Ich habe Euch etwas zum Frühstücken gebracht. Es ist nicht viel…"
      Etwas orientierungslos wandte er den Kopf. Die Waschfrau stand in Uniform neben ihm, hatte sich über ihn gebeugt und streichelte ihm ganz flüchtig über die Stirn. Als sie aber sah, dass sich sein Blick auf sie fokussierte, wich sie gleich zurück.
      "Ich lasse Euch die Kerze hier stehen, aber ich muss mich gleich auf den Weg begeben. Ist das in Ordnung für Euch? Ihr könnt selbstverständlich so lange bleiben, wie ihr es wünscht."
      Zoras fuhr sich knapp über das Gesicht. Dann sah er zum Nachttisch und dem Brot, das dort auf ihn wartete. Ganz bedürftig mit Schinken belegt, aber liebevoll zurechtgeschnitten.
      Es sah liebevoller aus als alles, was er im Palast hätte bekommen können.
      Da lächelte er Tevia schläfrig an.
      Hab vielen Dank. Ich werde mich benehmen, solange du weg bist.
      Das schien sie ungemein zu erheitern und amüsierte damit im Gegensatz auch Zoras. Noch einmal verabschiedete sie sich überschwänglich von ihm, dann ging sie nach draußen. Die Haustür sperrte sie nicht ab.
      Zoras sah noch einen Moment in ihre Richtung, dann seufzte er und rieb sich noch einmal das Gesicht. Sie hatte ihn mit einem Kuss geweckt. Mit einem Kuss. Vielleicht sollte er doch mal so etwas wie Grenzen aufsetzen.
      Aber so schlimm war es ja dann eigentlich auch nicht. Eigentlich sollte es ihm so auch recht sein, solange er ihr damit eine Freude machen konnte.
      Er sah noch einmal zu dem Brot hin, das dort auf dem Nachttisch auf ihn wartete, dann wälzte er sich auf die Seite und schlief noch einmal ein.

      Der Tag in der kleinen Hütte war überaus sonderbar. Zoras hatte rein gar nichts zu tun - gerade Zoras, gerade der Eviad, der schon seit Wochen in Arbeit versank. Er hatte das Brot von Tevia gegessen, aber das am Tisch, damit er nicht ins Bett krümelte. Er hatte das Bettzeug zurecht gezupft und das Geschirr abgewaschen. Dann hatte er sich vom Wasser draußen den Zuber gefüllt und sich behelfsmäßig selbst gewaschen. Das Wasser war eiskalt gewesen. Zoras hatte davon zu zittern begonnen und doch war es belebender gewesen als alles andere.
      Und danach hatte er nichts mehr zu tun gehabt. Hatte noch einmal geschlafen. Hatte die Bilder an den Wänden betrachtet. Und hatte nachgedacht.
      Über Kassandra. Über den Palast und die vielen Aufgaben, die ihn dort erwarteten. Über Dionysus und die Gefahr, die er darstellte. Über seine Zukunft. Über seine Gegenwart. Über seine Vergangenheit. Aber am meisten über die Lage, in der er sich gerade befand.
      Und in welche Gefahr er Tevia damit unwillens brachte.

      Zum Abendessen wollte er die arme Frau nicht noch einmal mit seiner Anwesenheit überfordern, daher plünderte er etwas von seinem mitgebrachten Proviant und suchte sich in der Küche zurecht. Als Tevia schließlich nachhause kam, strahlte sie regelrecht, als sie sah, dass er noch da war. Und wurde dann ganz verlegen, als sie sah, dass er Essen für sie beide hergerichtet hatte.
      Zoras belächelte das ganze nur. Tevias Gesellschaft hatte ihm gefallen, wirklich, aber je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde es für ihn, dass das hier keine Endlösung war, nichtmal eine Zwischenlösung. Nein, solange er hier war, brachte er Tevia in erhebliche Gefahr. Und je mehr er ihre Gegenwart zu schätzen wusste, desto mehr wurde er sich auch des Risikos bewusst.
      Er konnte hier nicht bleiben. Allein schon für Tevia, für das liebliche Strahlen in ihren Augen, das sie von den einfachsten Dingen bekam. Er wollte schlichtweg nicht, dass ihr etwas zustieß.
      Nur leider fällte er die Entscheidung etwas zu spät. Tevia hatte sich bereits fest darauf eingerichtet, dass er eine weitere Nacht bleiben würde. Also blieb er auch eine weitere.
      Er wartete bis in die tiefste Nacht hinein. Er wartete auch darauf, dass Tevia ganz sicher eingeschlafen war und sich nicht noch einmal dazu entscheiden würde, ihn aufzusuchen. Letzten Endes konnte er aber nicht wissen, ob sie wirklich schlief, bis er nicht die Tür geräuschlos öffnete und dann auf leisen Sohlen nach draußen schlich.
      Es tat ihm leid, sie so verlassen zu müssen. Es tat ihm genauso leid, sie nicht in die Wahrheit einweihen zu können, nachdem das ein zu großes Risiko gewesen wäre. Aber es war besser so. Wenn er auch nur daran dachte, was Tevia erwarten könnte, wenn sie entdeckt würde…
      Eigentlich dachte er lieber nicht darüber nach. Er schulterte seinen Sack und verließ reuevoll die kleine Hütte. Die schlafende Gestalt in ihrer Ecke weckte er dabei lieber nicht noch auf.
      Kassadra schnaubte ihn leise an, als er sie sattelte und ihre Zügel losband. Er schwang sich auf und lenkte seine Stute von der Hütte weg, geradewegs auf die Straße zu, ohne einen Blick zurück. Ihre Hufe waren laut in der dunklen Nacht, aber das waren auch die fernen Schreie und das Gegröle einer Zeche, die schon mehrere Tage anhielt. Hinter der Geräuschkulisse ging Zoras praktisch unter.
      Jetzt wusste er wahrlich nicht mehr wohin mit sich. Wenn es ihm unmöglich war, die Stadt zu verlassen und Kassandras Hilfe zu erbitten - das und noch viel mehr - dann musste er mit dem Problem selbst irgendwie auskommen. Aber um das zu tun, brauchte er einen richtigen Plan und um einen richtigen Plan zu erarbeiten, musste er sich irgendwo niederlassen. Nicht bei Tevia, die er mit seiner Anwesenheit in Gefahr brachte, und auch nicht im Palast, in dem er sich nur selbst Dionysus schutzlos auslieferte. Am besten blieb er unter den Menschenmassen versteckt und das bedeutete, dass er sich doch irgendwo eine Taverne suchen musste. Welche? Eine gute, sichere, die er sich für all sein Gold leisten konnte, die aber sicher auch wenig Menschenschutz bot? Oder eine schlechte, billige, in der er Gefahr lief, nachts abgestochen zu werden, wo er aber zumindest jede Stunde von vielen Menschen umgeben war?
      Die Antwort war fast offensichtlich. Zoras lenkte Kassadra in eine Seitenstraße und hielt sich an die Viertel nahe der Mauer. Hier wurde er schon alleine für das Pferd schräg angeguckt.
      Er fand ein vielversprechendes Gasthaus, bei dem die Türen offen standen und sich die Leute sogar bis auf die Straße hinaus drängten, um den billigen Met zu feiern. Da er aber länger hier zu bleiben gedachte, lenkte er Kassadra weiter ein paar Straßen in Richtung Stadtzentrum, wo er sich einen einigermaßen ansehnlichen Stall zu finden erhoffte. Er fand auch einen, wo er Kassadra für gutes Geld unterbrachte.
      Tief zog er sich die Kapuze ins Gesicht, dann machte er sich auf den Rückweg. Er mied die Hauptstraßen, die von Betrunkenen und Soldaten nur so wimmelten, und machte dafür den Umweg über viele kleine Nebenwege und Gassen, in denen es nach Pisse stank und sich regelmäßig mehr als ein Leib am Boden wand. Zoras wich ihnen allen aus und hielt sein Gesicht in der Dunkelheit seiner Kapuze.
      Bis er auf einmal eine bekannte Stimme hörte, die ihn sofort an Ort und Stelle einfrieren ließ.
      “Da ist er ja, der große Eviad.”
      Seine Nackenhaare stellten sich auf. Seine Füße verwurzelten sich mit dem Boden und sein Herz begann zu rasen. Ungläubig starrte er den Boden vor sich an.
      Nein. Nein. Genau deswegen hatte er doch den Palast verlassen! Es war die ganzen letzten Tage doch schon gut gegangen - warum dann jetzt? Warum hier? Wo war Kassandra?
      Langsam drehte er sich um.
      Dionysus stand am Anfang der Gasse, in die Zoras gerade noch eingebogen war. Er hatte ihn nicht von einer anderen Gasse aus kommen sehen, ganz sicher nicht. Stattdessen war er überzeugt davon, dass Dionysus einfach so aufgetaucht war, so wie auch Kassandra manchmal einfach auftauchen konnte. Er war sich sicher.
      Der Gott war in einen einfachen, farblosen Umhang gekleidet. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah so selbstzufrieden wie zu jeder Stunde drein. Er versperrte Zoras zwar nicht den Ausgang, aber, Zoras war nicht dumm genug zu glauben, dass er einem Gott entkommen konnte. Schließlich hatte er sich deswegen auch zu ihm umgedreht.
      Dionysus betrachtete ihn mit einem wissenden Lächeln, dann kam er auf ihn zugeschlendert.
      “Inmitten von Pisse und Plörre, Abfall und den niedersten Gelüsten findet sich der einzigartige, großartige Herrscher von Kuluar, gekleidet in… ein Bettlergewand. Wenn das nicht der Stoff von Legenden ist.”
      Der Weingott sprach auf feinstem kuluarisch. Zoras warf einen Blick herum, aber sie waren alleine.
      “Wie lange schleichst du dich schon so herum? Hm? Das kann nicht dein erster Ausflug sein, so zielstrebig, wie du hier durch die Straßen ziehst. Wie lange geht das schon? Seit der Vogel weg ist? Da hältst du es nicht mehr in eurem gemeinsamen Nest aus?”
      Zoras war klüger, als zu antworten. Er wusste, dass der Gott nur provozierte, dass er sich nur ein Wortgefecht mit Zoras geben wollte, das der Mensch sowieso verlieren würde. Er glaubte nicht, dass Dionysus nur hier war, um zu plaudern.
      Er musste sich was einfallen lassen. Schnell. Er musste es irgendwie schaffen, diesem Gott zu entfliehen.
      Der Gedanke alleine war schon absurd genug.
      “Ist dir die Sprache vergangen, toller Eviad? Dachtest du etwa, ich würde dich nicht finden, wenn du nicht in deinem kleinen Zimmer bleibst? Dass deine Aura nicht bis zum Himmel schreit, dass du genau hier bist?”
      Zoras erlaubte sich ein kleines, feines Stirnrunzeln. Dafür, dass seine Aura so sehr schreien musste, hatte Dionysus zwei Nächte gebraucht, um ihn aufzutreiben.
      Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er jetzt noch bei Tevia gewesen wäre.
      Der Weingott blieb eine knappe Armlänge von ihm entfernt stehen. Zoras sah ihn an und sagte gar nichts. Glühende Augen starrten zurück.
      “Komm, sag was. Mir zuliebe.”
      Da hob der Weingott eine Hand. Nur eine Hand.
      Eine Präsenz schlug mit einer Wucht auf Zoras ein, die ihm schier den Atem aus der Lunge presste. Von einer auf die andere Sekunde schien er wie unter Wasser getaucht, um ihn herum und in ihm nichts anderes mehr als das überwältigende Gefühl einer göttlichen Präsenz, die ihn von allen Seiten zu zerquetschen drohte. Es schmerzte nicht körperlich, aber geistig, in seinem Gehirn, in seinem Herz, seinem Verstand, seinem Geist. Er keuchte auf und Telandirs Narbe begann zu pochen und zu stechen, wollte sich dem Leid an Zoras anschließen. Er spürte, wie sich sein Mund öffnete, nicht auf eigenen Willen. Gar nichts geschah unter eigenem Willen.
      Ich wusste, dass Ihr kommen würdet. Ich wollte mich vor Euch verstecken.
      Dionysus lächelte zufrieden.
      “Er wollte sich verstecken. Der große Eviad und er dachte, er könnte einem Gott entfliehen.”
      Ich habe es auch geschafft. Für eine Nacht und einen Tag.
      Da fiel Dionysus’ Miene mit einem Mal ein wenig zusammen. Zum ersten Mal, seit Zoras ihn kennengelernt hatte, wirkte er nicht allzu begeistert. Nicht allzu entspannt. Und Zoras dachte sich zu diesem ersten Mal, mit wachsender Beunruhigung, dass er den Weingott noch nie zornig erlebt hatte.
      Zwei Sekunden, drei verstrichen, dann glätteten sich Dionysus’ Züge. Der Druck, der auf Zoras' Seele lastete, ließ nach und er nahm einen Atemzug, der ihm schmerzte.
      “Für eine Nacht und einen Tag. Wahrlich, eine Geschichte für Balladen und Gedichte, meinst du nicht auch?”
      Zoras schüttelte den Kopf.
      Da lächelte Dionysus wieder.
      “Aber deine Geschichte wird hier vorbei sein, Zoras von Theriss. Ich mag ja eingestehen, dass ich nachsichtig mit dir und dem Vogel umgegangen bin, aber damit ist es jetzt vorbei. Die Spiele langweilen mich. Zuerst war es ja noch ganz amüsant, aber jetzt wird es so eintönig, so monoton. Ein paar Straßenkämpfe interessieren mich nicht. Ich habe mich nicht gerade in diesem Land niedergelassen, um Mensch zu spielen.”
      Wofür dann, schoss es Zoras unmittelbar durch den Kopf, aber er hielt den Mund. Dachte fieberhaft an einen Ausweg.
      “Ich werde die Ordnung wiederherstellen, die du so schön ordentlich zerstört hast. Denkst du, dein Vogel wird noch kommen und dich retten, wenn ich dich hier auf der Straße auslösche? Ist sie so schnell?”
      Dionysus machte eine Bewegung mit dem Handgelenk. Zoras erwartete schon fest, dass er wieder seine Präsenz auf ihn einstürzen lassen würde, aber stattdessen brachte er nur einen Gegenstand ans Licht.
      Eine Halskette, golden, von unschätzbarem Wert, mit einem länglichen Anhänger, der wie ein kleiner Käfig gebaut war. Reinster Kristall, in der Mitte hohl.
      Feyras Kette. Dionysus’ Essenz. Nur war die Essenz nicht in ihr.
      Sie leuchtete in den tiefen Augen des Weingottes. Und als er sprach, troff sie ihm von den lächelnden Lippen.
      “Denkst du, sie wird es mit mir aufnehmen können? Ein kleiner, unbedeutender Vogel mit Dionysus?”
      Zoras wusste die Antwort. Und gleichzeitig wusste er auch, dass das hier sein Ende war, wenn ihm nicht schnell etwas einfiel. Sehr schnell.
      Dann kam ihm mit einem Mal Amartius in den Sinn - Amartius, der an seinem Gürtel hing. Der aus unbrechbarem Stahl geschmiedet war, aus göttlicher Essenz. Von göttlichem Leben, wenn auch kein vollwertiges.
      Er senkte die Hand zu seinem Mantel, legte sie über den Griff darunter. Begann, sich langsam den Weg unter den Stoff zu suchen.
      Dionysus ließ die Kette genauso schnell wieder verschwinden, wie er sie hervorgeholt hatte. Er reagierte nicht auf die Hand, die Zoras bewegte.
      “Dann wollen wir es doch mal ausprobieren, nicht? Zwei Fliegen mit einer Klappe, oder wie sagt ihr Menschen so schön? Ist auch ganz egal. Auf die Knie mit dir.”
      Und Zoras spürte den Druck auf seiner Seele, auf seinem ganzen Ich so heftig wiederkommen, dass er ihm regelrecht den Boden unter den Füßen entzog. Er fiel hin und selbst dort noch, als seine Knie auf den Steinpflastern aufschlugen, drückte es ihn noch immer hinab, weiter und weiter der Erde zu. Gleichzeitig versperrten sich seine Muskeln und er war gefangen zwischen einem merkwürdigen Druck von oben und Gegenwehr von unten. Er keuchte auf, Telandirs Narbe kreischte. Seine Hand hatte Amartius fast erreicht, war jetzt aber erstarrt.
      Amartius. Amartius.
      “Und jetzt sieh hin. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Mensch von einer Gottheit persönlich ausgelöscht wird. Du solltest dich geehrt fühlen, dass ich extra hierfür gekommen bin. Manche Menschen würden für eine solche Ehre sterben.”
      Zoras sah ihn noch nicht an, er starrte den schleimigen Steinboden unter sich an, aber er hörte doch das Lächeln aus Dionysus’ Stimme heraus. Und dann bog sich sein Kopf nach oben.
      Aus diesem Blickwinkel fiel das Licht der fernen Laternen anders auf das Gesicht des Weingottes. Trotz seiner wiedererlangten Essenz war er noch immer gänzlich in seiner menschlichen Gestalt, aber irgendetwas war anders. Die Schatten auf seinem Gesicht waren… größer. Länger. Seine Augen strahlten noch immer, aber… Zoras hatte mehr von einem Gott erwartet, der in Besitz seiner ganzen Mächte war. Das, was er hier gerade sah, schien ihm nicht sehr viel mehr als Kassandra, die sich durch einen Schwur gebunden hatte. Und dabei war Dionysus ein namhafter Gott aus dem Olymp selbst. Hätte da nicht… mehr sein müssen?
      Aber Zoras brachte den Gedanken nicht zuende, denn in dem Moment legte der Gott einen Zeigefinger gegen seine Stirn. Zoras’ Hand kämpfte gegen den Zwang an, um Amartius zu ergreifen.
      “Nimm einen letzten Atemzug. Ihr Menschen tut das doch so gerne.”
      Und dann fühlte er es.
      Es hätte eigentlich nicht möglich sein dürfen. Es hätte eigentlich nicht spürbar sein dürfen. Und doch konnte Zoras genau bestimmen, wie sich Dionysus’ Aura über die Gasse ausbreitete, wie sie ihn erfasste, wie sie seine Aura erfasste und sich durch sie hindurch zu fressen begann, als wäre sie nichts weiter als eine zarte Rosenblüte in einem reißenden Fluss. Kälte packte ihn, als Zoras glaubte, wie ihm sein Geist, sein Verstand, was auch immer in ihm drin war, durch die Finger zu fließen begann, hinaus auf den Boden, wo sie zu Nichts verlaufen würde. Es ging aus ihm heraus. Zoras’ Augen weiteten sich und traten aus ihren Höhlen und er wünschte sich, er hätte doch auf Dionysus gehört und einen letzten Atemzug genommen, denn das war ihm jetzt nicht mehr möglich. Amartius zu ergreifen war ihm nicht mehr möglich. Vor seinen Augen floss sein Leben dahin. Sein Körper versperrte sich und er spürte Amartius’ Mal auf seiner Hand. Er spürte es. Es war kein Schmerz und doch grenzte es an etwas derartiges an.
      Da wandte der Weingott plötzlich den Kopf. Drehte sich ein wenig. Verlor das Interesse an Zoras, obwohl er ihn noch immer berührte.
      “Was willst du denn jetzt? Sag nicht, auch diese Methode geht dir gegen den Strich. Langsam habe ich keine Geduld mehr damit.”
      Zoras sah niemanden. Er hörte auch niemanden. Aber dann antwortete Dionysus eine Stimme vom Ende der Gasse:
      “Sein Kopf gehört mir.”
      Mirdole. Mirdole? Zoras versuchte zu denken, aber sein Körper füllte sich mit Kälte und er spürte bereits, wie der Tod auf ihn aufmerksam wurde. Wie er sich die Lefzen leckte. Es war ein grausiges Gefühl.
      “Wer zuerst kommt, malt zuerst, schätze ich.”
      “Steh mir nicht im Weg, Dionysus. Das würde dir nicht gut tun.”
      Jetzt konnte auch Zoras die Gestalt sehen, die Silhouette, die aus der Dunkelheit trat. Mirdole war mit einem Kurzschwert bewaffnet, das sie bereits gezückt hatte; ihre Schlangen zischelten und zischten in ihren Haaren. In ihren Augen lag etwas, das Zoras anzuziehen schien, damit er in sie hinein blickte. Mit dem letzten richtigen Willen, der ihm übrig blieb, starrte er stattdessen Dionysus an.
      Und Dionysus starrte Mirdole an. Lächelte etwas weniger.
      “Ist das deine Entscheidung? Oder die deiner Trägerin?”
      “Das tut nichts zur Sache.”
      “Es ist Kalea. Ich kann es doch an deiner Aura sehen.”
      “Ich werde mich nicht noch einmal wiederholen.”
      “Und ich sage dir nur ein einziges Mal, dass du Pech gehabt hast. Denk nicht, dass du es mit mir aufnehmen könntest.”
      Doch plötzlich nahm er den Finger von Zoras’ Stirn. Und plötzlich verschwand der Druck von ihm mit einem Schwung, dass es Zoras auf den Boden warf. Er schlug ungebremst mit dem Kopf auf.
      Es ging ihm gut, körperlich. Körperlich war er unversehrt bis auf den Schmerz in seinem Kopf und seinen Knien. Aber sein Geist… seine Seele…
      Zoras keuchte, richtete sich auf, robbte nach hinten weg, als er merkte, dass ihn nichts mehr festhielt. Drehte sich nach den beiden Göttern um.
      Mirdole war näher gekommen. Sie traktierte Dionysus aus Augen, die nicht menschlich waren und die es Zoras unmöglich machten, sie direkt anzusehen. Aber den Weingott kümmerte es wenig; wenn, dann schien es ihn wütend zu machen. Wütend. Die kurzen Wortgefechte, die sie austauschten, schienen hitzig zu werden. Geradezu gefährlich.
      Und dann krachten ihre Auren aneinander.
      Zoras hätte es vermutlich gar nicht fühlen dürfen, aber nachdem Dionysus an seiner Aura gefressen hatte, schien er jetzt ein Gespür dafür zu haben, was die beiden anderen Auren betraf. Und obwohl die beiden Götter sich fast nicht rührten, explodierte es zwischen ihnen in einer Macht aus zwei Auren, unter denen Zoras’ eigene niemals auch nur eine Sekunde überstanden hätte. Er robbte weiter von ihnen weg.
      Dionysus hatte jetzt das Interesse an Zoras verloren. Seine Aufmerksamkeit lag vollständig auf der Gorgone, die aus einem unerfindlichen Grund regelrecht darauf versessen zu sein schien, sich mit ihm in den Kampf zu werfen. Vielleicht war es Kaleas Anweisung, die sie leitete, vielleicht war sie auch eigenständig ausgezogen, so wie Dionysus nach Zoras gesucht hatte. Zoras selbst wusste es nicht. Es war ihm auch herzlich egal, als er auf die Beine kam, umdrehte und rannte. Rannte, wie er in den letzten Jahren nicht mehr gelaufen war. So schnell es seine Beine erlaubten.
      Er schlitterte um die Ecke, orientierte sich, lief die Seitenstraße entlang und bog wieder in die gleiche Richtung ab. Er konnte sich jetzt nicht mehr verstecken, das war überflüssig. Dionysus hatte ihn einmal aufgespürt, er würde ihn noch einmal aufspüren. Ob Mirdole wirklich seinen Kopf haben wollte, ließ er jetzt einmal außenvor, denn ein Gott war sicher genug, um sich damit zu beschäftigen. Sobald die beiden miteinander fertig waren, sollte Zoras sich lieber in Sicherheit gebracht haben.
      Er rannte durch weitere Gassen in die Richtung, aus der er ursprünglich gekommen war. Die Kälte in ihm zehrte an seinen Nerven, schien seine Kraft aufzufressen, seine Gedanken, seinen Verstand. Es schien nicht mehr so einfach zu sein, seine Muskeln zu bewegen, seine Gliedmaßen zu lenken, sich mit seinem Körper zu verständigen. Sein Atem brannte ihm in der Lunge und gleichzeitig schien er ihm merkwürdig entfernt. Nur Telandirs Narbe hatte noch immer die Macht, ihn mit gleicher Kraft zu piesacken.
      Dionysus hätte ihn sicher auf einen Schlag umbringen können. Sicher hätte er sich nicht so viel Zeit nehmen müssen. Was auch immer der Grund dafür gewesen war, für diese eine Sache war Zoras ihm jetzt sehr dankbar. Es war der einzige Grund, weshalb er jetzt noch atmen konnte.
      Er erreichte den Stall, ohne dass der Weingott wieder aufgetaucht wäre. Dort stürmte er unter großem Protest des Stalljungen und einigen Wachmännern hinein, riss die Box auf, schwang sich auf die sattellose Kassadra. Sie schnaubte aufgebracht, warf den Kopf zurück und brach aus der Box heraus, als er ihr in die Flanken trat. Zwei Männer trampelte sie rücksichtslos zu Boden, als Zoras sie weiter nach draußen antrieb. Er war lange nicht mehr ohne Sattel geritten und die Mühe, sich mit den Oberschenkeln alleine auf dem schaukelnden Pferderücken zu halten, war viel größer, wenn ihm seine Beine nicht so recht gehorchen mochten. Er krallte sich in Kassadras Mähne und hielt sich mit seinem ganzen Körper an ihr fest.
      Er konnte sich nicht verstecken. Er konnte nicht aus der Stadt. Er könnte zurück in den Palast, aber was sollten Menschen schon bei einem Gott ausrichten? Nein, wenn er so an Mirdole dachte, die aus irgendeinem Grund Dionysus mitsamt seiner Essenz standgehalten hatte, wusste er, dass er einen Gott brauchte, um sich vor einem Gott zu schützen. Aber Kassandra war nicht hier und wenn Dionysus ihn das nächste Mal erwischte, würde er Amartius wieder nicht ziehen können. Er kam einfach nicht gegen den göttlichen Zug an.
      Aber es gab noch zwei weitere Champions in der Stadt: Halmyn und Asterios. Ristaer und Esho. Vielleicht hielten sie dem Weingott nicht stand, aber sie waren vielversprechender als Menschen. Vielleicht, nur ganz vielleicht, könnten sie ihn zurückhalten, bis Zoras doch zu Kassandra gefunden hätte. Vielleicht könnten sie ihm nur Deckung geben, während er die Stadt verließ.
      Das bedeutete aber auch, dass er sich an die Träger wenden musste. An alle beide? So viel Zeit hatte er vielleicht nicht. Zoras sollte keine Sekunde damit verschwenden, schutzlos auf diesen Straßen zu sein. Knapp war er dem Tod entronnen, aber ein zweites Mal würde es nicht funktionieren.
      Kassadra donnerte über den Asphalt. Zoras’ Beine schrien von der Anstrengung, ihn auf ihrem Rücken zu halten, und hinter seinen Augen spürte er die Leere, die Dionysus in ihm hinterlassen hatte. Ob sich so etwas wieder heilen ließ? Ob es wie eine Wunde war, an der er verbluten konnte?
      Er passierte ein Richtungsschild. Eine Gruppe Soldaten auf Patrouille warf ihm wüste Verwünschungen hinterher, aber keiner von ihnen besaß ein Pferd. Kassadra schnaubte wie wild und preschte voran.
      Ristaer oder Esho. Ristaer oder Esho. Ristaer war mit seiner Aufgabe völlig überlastet und würde Zoras vielleicht abweisen und Esho war jung, vielleicht zu jung. Jung genug, um vielleicht nicht zu wissen, wie er mit dieser Situation umgehen musste.
      Aber als Zoras das nächste Schild passierte, hatte er seine Entscheidung bereits getroffen. Er wählte denjenigen aus, mit dem er in seinem bisherigen Leben in Kuluar mehr Sätze gewechselt hatte.

      Eshos Stadthaus lag - den Göttern sei Dank - auf seinem Weg. Es war ein prunkvolles Grundstück, das von braunen Soldaten geradezu umschwärmt war. Sie rotteten sich zusammen, als sie den sattellosen Reiter heranstürmen sahen.
      Zoras trug noch immer seine Verkleidung. Er zügelte Kassadra mühevoll, die ohne das Zaumzeug dachte, dass ihr mehr Freiheiten zustanden, und präsentierte den misstrauischen Wachen sein eigenes Schreiben, das vom Eviad gesiegelt war. Er wünschte auf Anordnung des Eviads mit dem Hausherren zu sprechen und das jetzt sofort. Nein, er könne mit niemand anderem reden und es musste ausschließlich Esho sein. Er würde niemand anderem seine Belange vortragen.
      Schließlich erklärte sich eine Wache dazu bereit, hineinzugehen und zu sehen, was sich machen ließ. Das war ja zumindest ein Anfang.
    • Der Mond hatte selbst entschieden, den Himmel zu meiden. Über Kassandras Kopf erstreckte sich die endlose Weite des Nachthimmels mit all seinen Sternen, die heute Nacht nicht gegen den Mond ankämpfen mussten. Sie stand in dem Garten, den sie sonst nur immerzu aus dem Fenster beobachtet hatte, den zierlichen Körper in nichts anderem als einem weiten Tuch gehüllt. Ihre Augen hatten sich auf das Firmament gerichtet, die stumme Frage in ihrem Blick, ob Areti sie gerade beobachtete. Sicher war ihre Tochter nicht glücklich darüber, was sich hier auf Erden abspielte und noch weniger, wie Kassandra und Zoras damit umgingen. Vermutlich hätte ihre Tochter ihr ein gänzlich anderes Bild vermitteln können, denn sie hatte mit Sicherheit gesehen, wie es dazu gekommen war, dass Oronia und Zoras sich vereinigt hatten. Das, was Kassandra alles entgangen war.
      Hinter ihr schloss sich eine Tür und Santras näherte sich der Phönixin. Auch er trug lediglich eine Art Nachtgewand, was davon zeugte, dass er aus seinem Schlafzimmer gekommen war. Sein Blick war vom Schlaf geschwängert, als er hinter Kassandra zum Stehen kam.
      „Du hättest mir sagen können, dass du rausgehst. Ich begleite dich nur allzu gern“, sagte er und folgte ihren Augen nach oben zum Firmament. „Denkst du an Deinesgleichen?“
      „Unter Anderem“, bestätigte sie und schlang die Arme um den Leib. „Manch einer hofft, dass die Sterne einem den Weg weisen.“
      Santras brummte leise und trat noch einen Schritt näher an Kassandra heran. Er schmiegte sich an ihren Rücken und legte ihr die Arme um die Hüfte. „Bist du so ratlos, dass du die Sterne um Hilfe bitten musst? Du hast stets deinen eigenen Weg gefunden und wirst auch weiterhin auf der Strömung treiben, die dich trägt. Keine Frage.“
      Darauf erwiderte Kassandra zunächst nichts. Sie spürte die Wärme in ihrem Rücken, die Arme um ihre Hüfte. Ihr ganzer Körper schien von Santras eingehüllt zu werden, der seinen Kopf gesenkt und ihr seine Lippen an den Hals gelegt hatte. Kassandra neigte nicht den Kopf, um ihm mehr Platz zu machen. Sie sah weiter hinauf in den Himmel und ließ sich von Santras bezirzen. Doch dann trübte etwas ihre Wahrnehmung, und das war nicht der Mann in ihrem Rücken. Ihre Stirn kräuselte sich, als sie einen Druck wahrnahm, der immer stärker wurde. Er kam von sehr weit weg und war für Sterbliche nicht spürbar, das wusste sie. Es kostete sie keine Mühe zu erkennen, dass es der Einfluss von Dionysus war, den sie da gerade spürte. Ein Hinweis darauf, wo sich der Gott befand und dass er seine Ketten abgestreift hatte. Ungewollt strömten zahlreiche Gedanken in Kassandras Bewusstsein, allen voran die Frage nach Zoras. Wenn Dionysus sich so zeigte, musste etwas vorgefallen sein. Ob es Zoras betraf, vermochte sie jedoch nicht mehr zu sagen.
      „Ich kann dir für diese Nacht eine Richtung geben, wenn du das möchtest, Kassandra“, flüsterte Santras ihr plötzlich ins Ohr und seine Arme lockerten sich, als er mit seiner Hand über ihren flachen Bauch aufwärts strich. „Ich kann dafür sorgen, dass du an etwas anderes denkst, wenn du mich lässt. Lass mich dich ehren, Kassandra. Dich verehren.“
      Kassandra bekam plötzlich leise Kopfschmerzen. Das Stirnrunzeln vertiefte sich, als sie sich auf die Kopfschmerzen konzentrierte und feststellte, dass es ein Rauschen war und kein Schmerz. Mit noch mehr Anstrengung folgte sie dem Rauschen und ließ sich in dem Geräusch fallen, bis sie anstellte des diffusen Rauschens Worte und Stimmen vernahm.

      Ich glaube nicht, dass ich stark genug bin.
      Ich glaube nicht, dass ich genug bin.

      Santras Hand erreichte Kassandras Brust und streichelte sie oberhalb des Stoffes. Es lenkte die Phönixin ab, riss sie aus dem Strom des Rauschens und mühsam musste sie sich wieder fallen lassen, um der Stimme weiter zu folgen.

      Und ich weiß, du denkst über alles nach, was ich falsch gemacht habe.
      Glaub mir, ich auch.
      Bleib wach in der Nacht, trinke alles, habe nichts ohne dich.
      Ich fürchte, ich könnte allein sterben.
      Ich fürchte, ich könnte anklopfen, aber niemand ist dort.

      Kassandra zuckte zusammen, als Santras ihr sanft in ihre Brustwarze kniff. Diese Stimme war wie ein Lied in ihrem Kopf gewesen, dunkel und vertraut zugleich. Wie ein Echo von ganz weit weg. Sie kannte diese Stimme, hätte sie in der tiefsten Nacht unter Millionen anderer Stimmen herausgehört. Und dennoch, ihn jetzt zu hören, so völlig unvorbereitet, ließ den Schmerz in ihrem Herz wieder entflammen. Santras Hand schob sich durch einen Spalt hindurch unter Kassandras Tuch. Er umfasste ihre Brust, ließ seinen Daumen Kreise um ihre Brustwarze beschreiben. Seine Küsse an ihrem Hals wurden kräftiger, intensiver.

      Weil da Feuer auf den Hügeln brennt.
      Und ich glaube, ich habe meinen Willen verloren.
      Je mehr wir versuchen, desto mehr versagen wir.
      Aber nach allem bist du hier
      Mit mir.

      Kassandras Hand schoss zu der von Santras und riss sie unwirsch von sich. Unendlich langsam drehte sich die Phönixin zu Santras um, der sie mit geweiteten Augen ansah. Die Frage stand in seinem Blick niedergeschrieben, als er Ansätze ihres Feuers in den Iriden der Phönixin erkannte. Unweigerlich wich er einen Schritt vor ihr zurück, doch Kassandra hielt seine Hand wie im Schraubstock fest.
      „Du solltest deine Grenzen besser kennen“, warnte sie ihn und die Apathie in ihrer Stimme war wie weggeblasen. „Ich bin hier, weil ich es möchte und nicht, damit du deine Wünsche und Gelüste erfüllen kannst.“
      Es verstrich eine Sekunde, dann fiel Santras plötzlich auf ein Knie und neigte sein Haupt. „Selbstverständlich nicht, Kassandra. Verzeih, ich war etwas neben mir.“
      „Das sehe ich.“ Sie ließ seine Hand los und er zog sie unter seinen Körper. „Du solltest besser allein in dein Bett zurückkehren.“
      Santras sah auf und betrachtete Kassandra, die ihren Blick in die Luftrichtung zur Hauptstadt gerichtet hatte. „Was auch immer er versucht… Er tut es nur, weil er deine Kraft und Sicherheit vermisst. Ich an seiner Stelle wäre schon durch das halbe Land geritten auf der Suche nach dir.“
      Kassandras rote Augen senkten sich langsam auf dem Mann am Boden. In ihnen geschrieben stand eine wortlose Warnung, die genügte, damit Santras seinen Mund schloss, nickte und sich auf den Weg zurück in sein Gemacht machte.
      Als er verschwunden war, sah Kassandra wieder auf. Die Stimme war er gewesen. Er hatte nach ihr gerufen, ohne die Verbindung über Schwur und Essenz. Ihm war etwas widerfahren und es stand womöglich in Verbindung mit Dionysus‘ Erwachen.
      Kassandra schloss ihre Augen. Vermutlich war es sowieso nun schon zu spät.


      Esho schlief den Schlaf der Gerechten.
      Er machte keinen Hehl um Kleider und schlief in seinem Bett völlig nackt. Die dünne Decke zeichnete seine Körperkonturen nach und ließen nicht sonderlich viel Spielraum für Fantasie. Aber gut, wer rechnete auch damit, mitten in der Nacht aus dem Bett geworfen zu werfen?
      Hörbar genervt setzte sich Esho auf, als es energisch an seiner Tür klopfte. „Was?“, bellte er und die Tür öffnete sich für einen seiner Soldaten. Die störten sich wenigstens nicht am Aufzug des Ratsmitgliedes.
      „Da steht ein Mann am Eingang und fordert ein Gespräch mit Euch.“
      „Seit wann darf jeder Pisser denn um Audienz bei mir ersuchen? Habt ihr komplett euern Verstand verloren, dass ihr-„
      Der Soldat schüttelte den Kopf und unterbrach Esho. „Der Mann könnte ein Doppelgänger des Eviads sein. Er hatte sogar ein Schreiben mit dem Siegel dabei.“
      Eshos Augen wurden groß. Dann riss er sich sein Laken vom Leib und sprang aus dem Bett. „Ihr sollt mit den wichtigen Informationen zuerst kommen, verdammt nochmal! Holt ihn ins Wohnzimmer!“ Er stand schon mit einem Bein in seinem Beinkleid, als sich der Soldat trollte und man Zoras in Eshos Wohnzimmer geleitete.
      Ein paar Minuten später erschien Esho in der Tür zu seinem Wohnzimmer. Der Geschmack der Bestätigung legte sich schwer auf seine Zunge, als er den Mann in dem Sessel, sei er auch noch so sehr verkleidet, als den Eviad erkannte. Zur Hölle, er hatte Recht behalten mit seiner Vermutung.
      „Gut, ich habe eigentlich damit gerechnet, dass Ihr eher auf der Suche nach Eurer Phönixin seid und nicht in der Stadt versucht, unterzutauchen“, sagte Esho und scheuchte unwirsch seine Soldaten aus dem Zimmer. „Ristaer war der Meinung, Ihr seid jetzt komplett übergeschnappt und einfach abgehauen. Dionysus glaubte keinem von uns.“
      Als er an Zoras vorbei zu dem Sessel gegenüber gehen wollte, blieb er auf halbem Wege stehen. Erst jetzt und von so Nahem fiel dem jungen Mann das aschfahle Gesicht auf. Der Eviad wirkte nicht nur gehetzt: er wirkte zu Tode erschrocken.
      Der letzte Funken Spott fiel aus Eshos Gesicht ab und er sparte sich den restlichen Weg zu seinem Sessel. „Ihr seht aus… als ob Euch ein Gott gejagt hat.“ Denn ein Geist war es wohl mitnichten gewesen. „Was ist passiert?“
    • Zoras harrte ewige, nervenzerreißende Minuten vor dem Tor aus, umringt von einem Schwadron aus Wachmännern, die ihm alle ihre halb gezückten Waffen präsentierten. Sicher würden sie die Waffen einstecken und ihn sofort hineinführen, wenn er sich als Eviad zu erkennen geben würde, aber das wollte Zoras nicht. Zu der Jagd eines Gottes musste nicht noch hinzu kommen, dass die ganze Stadt mitbekam, dass etwas nicht stimmte.
      So konnte er nur versuchen, die tänzelnde Kassadra unter Kontrolle zu halten, als der Soldat von gerade eben zurück gelaufen kam und seinen Kameraden ein Zeichen gab. Eine ganze Welle von Erleichterung durchströmte Zoras, als die Männer ihm das Tor öffneten und den Weg für ihn freigaben. Kassadra konnte es gar nicht eilig genug haben hineinzukommen und Zoras rutschte sogleich von ihrem Rücken, kaum als er die Schwelle passiert hatte. Da umringten ihn schon die Wachen und führten ihn in das Gebäude hinein.
      Das Haus war prunkvoll, aber natürlich nichts im Vergleich mit dem Palast. Zoras wurde in einen kleinen Gang geleitet und von dort in ein stilvolles, aber minimalistisches Wohnzimmer. Die Wachen wiesen ihn an, Platz zu nehmen und Zoras gehorchte, froh um die Pause, die er seinen brennenden Beinmuskeln gewähren konnte. Er ließ sich in einen Sessel sinken und atmete aus.
      Esho tauchte nur wenige Minuten später auf.
      Der Mann sah aus, als wäre er aus dem Bett gefallen, was vielleicht auch der Wahrheit entsprach. Seine Haare waren noch etwas zerrupft und er hatte sich nur eine schlichte Uniform übergezogen. Damit sah er von beiden aber noch am ordentlichsten aus.
      Zoras hielt automatisch Ausschau nach Asterios. Er hoffte, dass Champion und Träger sich nicht allzu weit getrennt hatten.
      "Gut, ich habe eigentlich damit gerechnet, dass Ihr eher auf der Suche nach Eurer Phönixin seid und nicht in der Stadt versucht, unterzutauchen."
      Zoras schwieg, bis die Soldaten den Raum verlassen hatten und die Tür ins Schloss gefallen war.
      "Ristaer war der Meinung, Ihr seid jetzt komplett übergeschnappt und einfach abgehauen. Dionysus glaubte keinem von uns."
      Vielleicht war er das. Das würde Zoras schon gar nicht mehr wundern.
      "Ich habe ein Ziel verfolgt, aber so einfach zu erreichen ist es nicht. Unterzutauchen war besser als zu bleiben."
      Besonders wenn man sich vor Augen führte, dass Dionysus ihn ja doch noch aufgespürt hatte. Ganz sicher hatte er mit der Suche zuerst im Palast begonnen.
      Esho kam näher, um sich auch zu setzen, dann sah er Zoras' Gesicht in der Dunkelheit seiner Kapuze und blieb wieder stehen. In seinem Gesicht arbeitete es für einen Moment und der Ausdruck, der dann folgte, hätte tatsächlich so etwas wie Ernsthaftigkeit sein können. Zoras wagte zu hoffen, dass der Mann durchaus auch mal ernst sein konnte.
      "Ihr seht aus… als ob Euch ein Gott gejagt hat."
      Das traf es wohl auf den Punkt. Zoras schnaubte und fuhr sich über das Gesicht. Seine Hand war nicht nur bleich, sie schien schon einen leichten Graustich angenommen zu haben. Zoras starrte darauf, dann legte er den Arm zurück auf die Lehne.
      "Was ist passiert?"
      "Dionysus."
      Das alleine beantwortete vermutlich schon die meisten Fragen. Die meisten, aber nicht alle.
      Zoras rückte sich auf dem Sessel etwas zurecht und holte tief Luft. Er konnte noch immer die tödliche Kälte in sich spüren, die Anwesenheit von Nichts, die Abwesenheit dieses Etwas, das Dionysus ausgelöscht hatte. Unwiderruflich?
      "Quentin hat ihm seine Essenz zurückgegeben. Ich bin gestern Nacht geflohen, weil der Palast mir keinen Schutz bietet. Er hätte mich und meine Garde ausgelöscht, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich habe mich in der Stadt versteckt, damit meine Aura in den ganzen anderen untergeht, aber er hat mich trotzdem gefunden. Er hat..."
      Zoras fröstelte es. Er spürte noch immer Dionysus' Finger an seiner Stirn, als hätte er sich dort eingebrannt. Telandirs Narbe tat noch immer so furchtbar weh, dass es ihn anstrengte, auch nur zu atmen.
      "... Er hat es nur nicht zu Ende gebracht, weil Mirdole aufgetaucht ist. Sie sagte, sie ist hinter meinem Kopf her. Sie haben sich nicht zusammen geschlossen, sondern sind aufeinander losgegangen, das war der einzige Grund, weshalb ich entkommen konnte. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt - ich weiß nicht, ob er noch lebt. Er sah nicht gut aus, aber er ist immernoch eine vollwertige Gottheit. Sie kann wohl kaum gegen ihn bestehen."
      Er schüttelte den Kopf, setzte sich auf. Starrte Esho so durchdringend an, wie er es nur auf die Reihe brachte.
      "Esho, ich brauche deine Hilfe. Kassandra ist in Paspatera, sie wird nicht kommen. Du hattest recht damit, dass sie den Schwur gelöst hat. Ich habe keine Gottheit mehr auf meiner Seite."
      Zoras legte die Karten ganz offen auf den Tisch. Es brachte jetzt nichts mehr, irgendetwas vorzugaukeln. Er war schon ganz alleine hergekommen und wenn Esho es wollte, könnte er ihn schon mit der Kraft seiner Soldaten zur Strecke bringen.
      "Wenn Dionysus kommt, wird er zu Ende bringen, was er angefangen hat. Ich brauche deine Unterstützung. Ein Mensch kann nichts ausrichten, aber Mirdole hat ihm standgehalten, wenn vielleicht auch nur kurz, und ich bin mir sicher, Asterios kann es auch. Ich glaube, er ist geschwächt, nachdem die ganze Stadt seinen Wein verschmäht und lieber am Met ersäuft. Ich glaube auch, dass er Kassandra herlocken will, damit er auch sie auslöschen kann. Aber sie wird nicht kommen, also bleibt nur noch ich.
      Bitte hilf mir, Esho. Gewähre mir den Schutz deines Gottes."
    • „Dionysus.“
      Esho ließ sich kaum etwas anmerken, aber dieser Name allein reichte aus, damit er gedanklich Asterios kontaktierte. Der Minotaur war nicht im Anwesen, sondern in den Gärten und frönte dort seiner Liebe zu den Rosen, die dort angepflanzt worden waren. Er befand sich nie sonderlich weit weg, einfach schon deshalb, weil schnelles Reisen nicht zu seinen Stärken zählte.
      Dann hatte der Schlappschwanz von Gott sich also doch aus seinem Versteck getraut. Es hatte in den vergangenen Tagen kein Fleckchen im Palast gegeben, wo sich der Gott nicht aufgehalten hatte. Systematisch hatte er den Palast auf den Kopf gestellt und als er Zoras nicht finden konnte, weitete er sein Gebiet auf die Stadt aus. Dass dem Eviad noch knapp weitere 24 Stunden geschenkt wurden, glich einem Wunder.
      Auf der anderen Seite bedeutete dies aber auch, dass es nun zu offen Konfrontationen kommen konnte. Sein Herz machte dabei einen freudigen Hüpfer, aber es rief sich zur Raison. Gegen Champions und verstärkte Menschen anzutreten war eine Sache, ein echter Gott eine völlig andere.
      Bei den nächsten Sätzen verfinsterte sich sein Ausdruck jedoch schlagartig. „Er hat seine Essenz abgetreten? Das heißt, er ist keine treibende Kraft mehr im Rat und praktisch… frei.“ Frei nicht nur, dahin zu gehen, wohin er wollte. Sondern frei in allem, was er tat. Er hatte sich von diesem Land gelöst und spätestens jetzt entzogen sich alle seiner Handlungen Eshos Verständnis. „Ja, er hat den ganzen Palast auf den Kopf gestellt, das stimmt. Er hat deinen Hauptmann bedrängt, um’s gelinde auszudrücken. Der arme Junge hat sich um Kopf und Kragen geredet und hat sich sogar ein Stück seiner Zunge abgebissen, damit man ihn nicht mehr verstehen konnte.“
      Das hatte Esho aber auch nur deswegen erfahren, weil er das Verhör zufällig miterlebt hatte, als er selbst auf der Suche nach dem Eviad gewesen war. Langsam löste der junge Mann den Blick vom Eviad und strebte nun doch noch den Sessel an, um dich fallenzulassen.
      „Esho, ich brauche deine Hilfe. Kassandra ist in Paspatera, sie wird nicht kommen. Du hattest recht damit, dass sie den Schwur gelöst hat. Ich habe keine Gottheit mehr auf meiner Seite.“
      Esho begegnete dem durchdringenden Blick mit einer für ihn ungewöhnlichen Gelassenheit. Das hier war ein Ausgang, den er so nicht ganz erwartet hatte. In seiner Rechnung war Zoras längst irgendwo am verrotten und nicht hier und bat um Hilfe. Also musste er ein neues Blatt Karten aufziehen und überlegen, welche er zuerst spielte. Selbstverständlich wusste er, in welcher Lage sich Zoras nun befand. Ohne Schutz war es eine Frage von Stunden, ehe er starb. Und so, wie er ihm nun gegenübersaß, ganz blass und schweißgebadet, war er dem Tod schon einmal sehr nahe gekommen.
      „Ist schon ziemlich unangenehm, wenn der allmächtige Schutz weg ist und man feststellt, dass alle im Umkreis deinen Kopf wollen“, sagte er schließlich gedehnt und stellte die Beine aus. Esho lehnte sich nach vorn und musterte Zoras. „Wenn Dionysus dich nicht kriegt, dann Mirdole. Wenn die es nicht ist, vielleicht der Zyklop. Ich bin schließlich auch noch da und eher Teil des… gegnerischen Lagers, oder nicht?“ Er lächelte kalt. „Warum sollte ich dir Schutz gewähren?“
      Er ließ die höfliche Anrede fallen, denn hier begegneten sich Esho und Zoras gerade auf Augenhöhe und nicht anders.
      "Du hast von Anfang an unser System durcheinander gebracht. Du hast unseren Frieden hier gestört und deine Göttin hat eine der unseren einfach ausgelöscht. Wir können jetzt endlich dazu übergehen, dich aus dem System zu streichen, ohne die Konsequenzen zu fürchten. Das Land ist eh schon in Aufruhr, da wird ein Unfall nicht mehr dazu beitragen.“
      Nur traute Esho dem Braten nicht ganz. Die Art, wie Kassandra an jenem Abend verschwunden war, nachdem sie Oronia ausgelöscht hatte, wirkte nicht sauber. Nicht abgeschlossen. Nicht endgültig. Zu jeder Zeit rechnete der Mann damit, dass die Göttin urplötzlich aus dem Nichts erschien und mit ihnen allen kurzen Prozess machen würde. Dass sich ihr Zorn auf alles und jeden entladen würde und nicht nur auf den Eviad. Der Fakt, dass sie sich derzeit in Paspatera, also in unmittelbarer Nähe befand, untermauerte seine Vermutung nur noch weiter. Hätte sie abgeschlossen, wäre sie unauffindbar und nicht ausgerechnet in einer anderen Stadt des Landes. Das wiederum bedeutete, dass die Chance, die Phönixin wiederzusehen, in deutlich größerer Wahrscheinlichkeit eintrat als ihr Fernbleiben.
      „Erinnerst du dich noch an meine Worte aus dem Kolosseum?“, fragte Esho unvermittelt. „Du hast nichts, was ich haben wollen würde. Dein Tod wäre für mich wesentlich gewinnbringender als alles andere. Aber…“ Er machte eine kurze Pause und sein Blick fiel auf Zoras‘ Hand, von der er wusste, dass dort Amartius‘ Zeichen prangte. „Solange du lebst besteht die Möglichkeit, dass deine Phönixin zurückkehrt. Und wenn sie das tut, dann will ich sie.“
      Er sah, wie Zoras zu einem Protest ansetze und schnitt ihn direkt mit einer scharfen Handbewegung ab. "Du kannst nicht für sie entscheiden, schon klar. Wenn sie zurückkommt und ihr euch wieder zusammenrauft, dann will ich absolute Freiheit im Umgang mit ihr von dir. Sie soll mir anstelle von dir die Dankbarkeit erweisen, dich sicher gehalten zu haben, als es kein anderer wollte. Es liegt an dir, es ihr nur immer wieder vor Augen zu halten, verstanden?“
    • Zoras versuchte lieber nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was Dionysus mit Zavion angestellt hatte, aber er konnte doch nicht die tiefste Besorgnis verdrängen, die ihn bei dieser Erwähnung überkam. Es wäre sogar besser gewesen, wenn Zavion dabei eingeknickt wäre; dann wäre Dionysus augenblicklich nach Paspatera verschwunden und vielleicht Kassandra in die Arme gelaufen.
      ... Die dem Weingott vielleicht nichts hätte aussetzen können. Vielleicht auch schon.
      So oder so zeugte es von unsagbarer Loyalität, dass Zavion die Verhörung durchgestanden und doch nichts preisgegeben hatte. Zoras fühlte auch Stolz anschwellen, dass er den Mann als seinen Hauptmann betrachten konnte. So wie es sich herausstellte, war es eine unschätzbar wertvolle Entscheidung gewesen.
      Hoffentlich hatte Dionysus nur nichts von Tevia mitbekommen. Es war nicht auszudenken, was er dann erst mit ihr angestellt hätte.
      Als es dann aber um die eigentliche Sache ging, reagierte Esho nicht wie gehofft, aber wie Zoras gefürchtet hatte. Kalkulierend betrachtete er ihn.
      „Wenn Dionysus dich nicht kriegt, dann Mirdole. Wenn die es nicht ist, vielleicht der Zyklop. Ich bin schließlich auch noch da und eher Teil des… gegnerischen Lagers, oder nicht?“
      Ein Lächeln folgte, das Zoras wie gezückte Dolche entgegen sprang. Die fehlende formelle Anrede sprach eigentlich schon Bände. Vom Regen in die Traufe, das hatte er geahnt. Aber mit einem Mensch ließ sich besser verhandeln als mit einem Gott.
      „Warum sollte ich dir Schutz gewähren?“
      "Weil du den Herrscher Kuluars verlieren wirst. Weil du die Ordnung verlieren wirst."
      "Du hast von Anfang an unser System durcheinander gebracht. Du hast unseren Frieden hier gestört und deine Göttin hat eine der unseren einfach ausgelöscht. Wir können jetzt endlich dazu übergehen, dich aus dem System zu streichen, ohne die Konsequenzen zu fürchten. Das Land ist eh schon in Aufruhr, da wird ein Unfall nicht mehr dazu beitragen.“
      "Ich habe euch Selbstständigkeit gegeben. Ich habe euch einen Nutzen gegeben und die ewigen Versammlungen aufgelöst. Die Macht, die du jetzt besitzt, die Soldaten, die hast du durch mich erlangt. Kein anderes Ratsmitglied - und erst recht nicht alle zusammen - hätten dafür gestimmt, dir die Kontrolle der zivilen Ordnung zu übertragen. Dir alleine. Du bist jetzt näher dran, ein Teil des Rates zu sein, als du es vorher jemals warst. Durch mich."
      Jetzt war es Zoras, der sich um Kopf und Kragen redete und das wussten sie beide. Aber seine Argumente mussten doch etwas bewirken! Esho musste sich doch bewusst sein, dass sein Leben durch Zoras zumindest ein bisschen besser geworden war, aufregender. Zoras konnte sich doch nicht so sehr bei dem jungen Mann geirrt haben.
      Aber anstatt einer Antwort, stellte ihm Esho eine andere Frage und fuhr gleich fort.
      „Solange du lebst besteht die Möglichkeit, dass deine Phönixin zurückkehrt. Und wenn sie das tut, dann will ich sie.“
      Zoras kniff die Augen zusammen. Er erinnerte sich an Eshos Bemerkung und wie wenig sie ihm gefallen hatte. Wie erleichtert er war, dass es doch nie dazu gekommen war, dass er Kassandra an ihn verloren hatte.
      Aber wollte er jetzt Kassandra als Gegenleistung für den Schutz einfordern? Eine Göttin?
      "Du kannst nicht für sie entscheiden, schon klar. Wenn sie zurückkommt und ihr euch wieder zusammenrauft, dann will ich absolute Freiheit im Umgang mit ihr von dir. Sie soll mir anstelle von dir die Dankbarkeit erweisen, dich sicher gehalten zu haben, als es kein anderer wollte. Es liegt an dir, es ihr nur immer wieder vor Augen zu halten, verstanden?“
      Er wollte Freiheit im Umgang mit ihr. Das war nicht das was er erwartet hatte, denn es hörte sich so... einfach an. Fast belanglos. Esho wollte gar nicht Kassandras Hand verlangen, denn er war schlau genug zu wissen, dass Zoras nicht für die Göttin entscheiden konnte. Er wollte einfach nur, dass Zoras für Esho ein sehr gutes Wort bei Kassandra einlegte. Und dass er ihm Freiheit im Umgang mit ihr ließ.
      So sehr er auch darüber nachdenken mochte, Zoras konnte einfach keinen Haken daran finden. Wenn das hier vorüber war, dann stünde er sowieso in Eshos Schuld, ob nun mit Kassandra oder ohne. Da konnte er auch genauso gut einwilligen.
      "Einverstanden. Du hast mein Wort."
      Ein verschmitztes Lächeln glitt über Eshos Züge, so wie Zoras es von ihm gewohnt war.
      Da lehnte er sich wieder zurück und seufzte. Offen Karten auf den Tisch. Es war besser, es gleich zu tun.
      "Ich bin gar nicht interessiert daran, euer System so durcheinander zu bringen, Esho. Ich möchte Kuluar nicht beherrschen. Denkst du, ich setze mich Dionysus' Folter sieben Monate lang aus wegen einer Krone? Denkst du, ich stecke Attentate, den Verlust meiner Göttin und dieses", eine Handbewegung, "Chaos einfach so weg, weil mich der Titel interessiert? Weil ich den Rat durcheinander bringen möchte?"
      Wieder ein eindringlicher Blick.
      "Ich muss leben, Esho, und das nicht, damit ich morgens Wein und abends Met trinken kann. Ich habe mich nicht hier niedergelassen, um in Luxus zu vergehen - oder mich jagen zu lassen. Ich will -"
      Und da musste er an die Prophezeiung denken. Musste die Augen verdrehen.
      "Ich will das Gleichgewicht wiederbringen. Das zwischen... ja, vielleicht ist es das zwischen Menschen und Göttern. Erinnerst du dich an das Erdbeben vor zwei Jahren, daran, dass der Himmel aufgespalten ist? Es kam davon, dass zu viele Götter auf der Erde wandeln. Deswegen bin ich hier, deswegen lasse ich mich von einem Weingott verfolgen und erbitte Hilfe von einem Mann, der mich sicher genauso schnell tot sehen will. Du kannst mich umbringen und ich kann dich nicht aufhalten. Aber den Himmelsbruch kann man nicht aufhalten, wenn man damit beschäftigt ist, Kriege an Audienztischen auszufechten. Ich brauche eine Armee, wenn ich das tun will. Und du kannst der Anfang sein, wenn du mir nur hilfst, wenn Kassandra es nicht kann."

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    • Zoras hatte sich nie wirklich mit den einzelnen Ratsmitgliedern beschäftigt. Das fiel Esho just in diesem Augenblick besonders deutlich auf. Wie alle anderen Herrscher ging Zoras davon aus, dass der junge Mann nach Macht und Einfluss strebte. Dass er wie viele andere auch ein hohes Amt bekleiden und Macht auswirken wollte. Das traf wohl auf Ristaer oder Kalea zu, aber Esho…
      Esho scherte sich nicht um Einfluss und Macht. Er hätte genauso gut die Laufbahn im Militär einschlagen können, aber da das Land keine Auseinandersetzungen mit den angrenzenden Ländern befürchtete, wäre dieser Weg nur ein Vorwand gewesen. Esho hätte seine Kriegslust und Kampfeswillen niemals so ausleben können, wie er es sich gewünscht hätte. Als ihm Asterios‘ Essenz in die Hände fiel wusste er, dass er damit das Ticket hatte, endlich seine Träume wahrwerden zu lassen. Und das hieß, dass er Teil des Rates werden musste, um somit Konfrontationen forcieren zu können.
      „Einverstanden. Du hast mein Wort.“
      Die Nachdrücklichkeit in Eshos Gesicht weichte auf und ein Lächeln erschien in den markanten Zügen seines Gesichts. Ein wissendes, gewinnendes Lächeln, nachdem er einen Deal geschlagen hatte, von dem Zoras nicht wissen konnte, was es beinhaltete. Er hatte sich die Freiheit mit Kassandra erhandelt. Wenn die Phönixin jemals zurückkam, dann konnte er mit ihr verfahren wie er es wollte, ohne den Zorn des Eviads auf sich liegen zu haben. Solange er die Phönixin nicht angriff und sie zur Wehr zwang, gab es keine Gefahr für ihn. Ein Schritt war er nun näher an dem, was er wollte. „Wunderbar.“
      Da setzte sich Zoras zurück und seine Schultern entspannten sich ein wenig. Auch die Spannung in dessen Gesicht war nicht mehr allumfassend und er atmete durch, als er wieder zu sprechen begann. „Denkst du, ich stecke Attentate, den Verlust meiner Göttin und dieses Chaos einfach so weg, weil mich der Titel interessiert? Weil ich den Rat durcheinanderbringen möchte?“
      „In der Regel sind die meisten Menschen machthungrig. Dionysus hat ein bisschen erzählt und du warst mal ein… wie heißt das? Haarsug? Du weißt, was ich meine. Du bist aus deinem Land verstoßen worden und dann auf diese lächerliche Prophezeiung gestoßen. Wer würde nicht darauf anspringen und sich ein Land zu Eigen machen, um ein anderes aus Rache zu vernichten?“, hielt Esho dagegen, der den Gedanken in den Krieg mit einem anderen Land zu ziehen alles andere als abschreckte. „Oder du bist einfach durchgeknallt. Kann auch sein.“
      „Ich muss leben, Esho, und das nicht, damit ich morgens Wein und abends Met trinken kann.“
      „Nicht?“
      „Ich habe mich nicht hier niedergelassen, um in Luxus zu vergehen – oder mich jagen zu lassen. Ich will –„ Zoras verdrehte die Augen und Esho hob eine Augenbraue. Jetzt kam wohl die eigentliche Krux an der Sache und Esho war SEHR gespannt, was nun die ganze Motivation hinter Zoras‘ Auftauchen war. „Ich will das Gleichgewicht wiederbringen. Das zwischen… ja, vielleicht ist es das zwischen Menschen und Götter.“
      Eshos Augenbrauen blieben oben, während Zoras weitererzählte. Wäre da nicht dieser dämliche Zwischenfall mit dem Himmel gewesen, hätte er ihn einfach als Wahnsinnigen abstempeln können. Nur erinnerte sich Esho sehr gut daran, als sich der Himmel aufgetan hatte und die Welt aussah, als stünde sie kurz vor der Apokalypse. Die ganze Stadt war in Hysterie verfallen und sie alle konnten nur da stehen und zusehen, wie lila Regen vom Himmel fiel. Selbst ihre Götter waren ratlos, was da gerade von statten ging. Außer vielleicht Dionysus, aber der lachte sowieso über alles.
      Gemächlich richtete Esho sich aus seiner lauernden Haltung wieder auf und streckte seine Beine lang aus. „Du hast echt Glück, dass der Himmel ein Beweisstück ist, was keiner übersehen kann. Wir hatten uns alle gewundert, was das war und wieso es so schnell wieder verschwunden ist. Ich nehme an, du nahmst an dem Ereignis teil, warum es geschah und wieder verschwand?“
      Zoras bejahte und Esho strich sich mit Daumen und Zeigefinger über sein Kinn. „Warum steigen dann Götter immer noch auf die Erde hinab? Ich bin mir sicher, dass sie über dieses komische Gleichgewicht Bescheid wissen und trotzdem ignorieren sie das. Die sind auf ihrer Ebene bestimmt sicher und deshalb ist es ihnen egal, wenn die Erde fällt. Interessiert sie ja nicht, oder?“
      Nur war das eine kleine Sache, die Esho interessierte. Sein Kopf hatte sich gerade bei anderen Themen völlig festgefressen und kam da nicht mehr von los. Zoras wollte eine Armee aufstellen. Das hieß, er wollte aktiv in einen Krieg ziehen, und das nicht, um Länder zu erobern, sondern ganze Tötungsmissionen gegen Götter durchzuführen. Esho glaubte nicht wirklich an dieses filigrane Gleichgewicht, was über Äonen schon angehalten haben musste. Er glaubte dafür an andere Dinge.
      „Du hast ganz schön lange mit diesen Informationen hinter dir gehalten. Wenn es wirklich stimmt und die Erde Gefahr läuft, zu verschwinden, solltest du dann nicht diese Information mit so vielen Menschen wie möglich teilen? In jeder Sekunde, in der wir sprechen, könnten weitere Halbgötter geboren werden. Sei es, weil es die Götter wollten oder die Menschen sie dazu gezwungen haben. Wann ist das Limit denn wieder erreicht?“
      Esho ließ die Hand sinken und zog die Beine wieder unter sich. „Mir ist egal, was mit der Welt passiert. Mein Leben hier ist eh begrenzt und wenn ich tot bin, bin ich fort. Aber bis dahin will ich alles tun, worauf ich brenne. Und das sind Kämpfe. Kriege. Schlachten. Wenn das heißt, dass ich dir mit deinem verrückten Plan dabei helfe, dann sei dem so. Ich finde, der Klang von Attentaten auf Götter und ihre Kinder klingt doch fast wie der Beginn einer Sage, findest du nicht?“
      Da kehrte das wahnwitzige Grinsen in Eshos Gesicht zurück und brachte den Mann wieder ans Licht, der er eigentlich war.
    • Esho war scharfsinnig, das musste man ihm lassen. Er hatte sofort den richtigen Riecher, weshalb Zoras sich gar keine Mühe machte, irgendwas über den Himmelsbruch zu verheimlichen.
      "Ja. Ich war dabei, als der Himmel aufgebrochen ist. Ich weiß, was es verursacht hat."
      In dem Moment natürlich Kassandra, aber so viel würde er dann auch nicht preisgeben. Es tat nichts zur Sache, dass es gerade die Phönixin gewesen war, die das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
      Esho fuhr sich über das Kinn.
      „Warum steigen dann Götter immer noch auf die Erde hinab? Ich bin mir sicher, dass sie über dieses komische Gleichgewicht Bescheid wissen und trotzdem ignorieren sie das. Die sind auf ihrer Ebene bestimmt sicher und deshalb ist es ihnen egal, wenn die Erde fällt. Interessiert sie ja nicht, oder?“
      Das war nun eine Frage, die Zoras wahrlich nicht beantworten konnte. Er zuckte mit den Schultern.
      "Wieso haben sie überhaupt damit angefangen? Irgendjemand muss sich eines Tages dazu entschieden haben, die Grenze zu überqueren. Aber wenn wir sie zurückbringen - oder eher, wenn wir ihnen zeigen, dass man auf der Welt sterblich ist - werden sie es sich zweimal überlegen. Und dann lässt sich der Himmelsbruch vielleicht aufhalten."
      Die Betonung lag dabei auf diesem kleinen vielleicht, denn letzten Endes hatte Zoras in etwa so viel Ahnung vom Himmelsbruch wie Esho. Er wusste, was er von Loki erfahren hatte - der Gott würde überhaupt seine höchste Priorität werden müssen - aber er hatte keine Ahnung, ob es nicht vielleicht auch zu spät war. Ob sich das Gefüge bereits zu neigen begonnen hatte und man es nicht mehr aufrichten konnte.
      Aber es zu versuchen war immernoch besser, als den Vorfall schlichtweg zu ignorieren.
      Esho musterte ihn.
      "Du hast ganz schön lange mit diesen Informationen hinter dir gehalten. Wenn es wirklich stimmt und die Erde Gefahr läuft, zu verschwinden, solltest du dann nicht diese Information mit so vielen Menschen wie möglich teilen?"
      Zoras schnaubte - zum einen, weil Esho wirklich zu glauben schien, dass man Zoras einfach so glauben schenken würde, wenn er nicht ein mächtiges Amt innehatte, und zum anderen weil er wohl glaubte, es wäre besser, noch mehr Menschen darüber zu informieren. Und dann was, eine Massenpanik auslösen? Die Welt in Chaos versinken zu lassen, zur Vermeidung des eigentlich blühenden Chaos'?
      "Hättet ihr mir denn Glauben geschenkt? Wenn ich vor zwei Jahren nach dem Himmelsbruch direkt hierher gekommen und vorgesprochen hätte, hättet ihr mir Glauben geschenkt? Einem dahergelaufenen Therisser mit einer Phönixin an seiner Seite, die außerdem noch eine Gefahr für euch darstellt? Hättet ihr es wirklich?"
      Damals hatte er natürlich nicht wissen können, wie der Rat in Kuluar drauf war, aber heute konnte er sich sehr gut vorstellen, was damals passiert wäre. Nämlich wären sie im besten Fall einfach wieder aus dem Palast geworfen worden und zwar auf schnellerem Weg, als sie hinein gelangt waren.
      Nein, dieses Problem war nichts, das man überstürzt angehen konnte. Es musste geplant werden und dieser Plan beinhaltete, dass Zoras zuerst ein Land zu seinen Füßen scharrte, bevor er damit anfing, nach anderen Champions Ausschau zu halten.
      "In jeder Sekunde, in der wir sprechen, könnten weitere Halbgötter geboren werden. Sei es, weil es die Götter wollten oder die Menschen sie dazu gezwungen haben. Wann ist das Limit denn wieder erreicht?“
      Zoras musste unmittelbar selbst an Amartius denken. Aber, er war ja auch schon wieder tot.
      "Ich weiß nicht, wo das Limit gesetzt ist. Dionysus hat sich befreit und der Himmel ist nicht noch einmal aufgeplatzt. Dafür ist aber auch Oronia tot und an anderen Stellen auf der Welt wird es ähnlich verlaufen. Halbgötter werden geboren, aber Halbgötter sterben auch wieder. Essenzen werden zerstört oder zurückgegeben. Vielleicht macht Dionysus' Macht dem Gleichgewicht nichts, aber vielleicht kippt es doch wieder, wenn Asterios sich befreien sollte. Vielleicht können auch alle vier Champions in Kuluar gleichzeitig ihre Macht entfesseln und nichts passiert. Das ist eine Waage mit Gewichten, die niemand von uns kennt, aber das heißt nicht, dass wir riskieren können, sie noch einmal kippen zu lassen. Die Götter müssen verschwinden, auf die eine oder andere Weise. Wenn schon nicht zurück in den Himmel, dann müssen sie ausgelöscht werden."
      Das war nun etwas, was Eshos Augen sichtbar zum funkeln brachte. Zoras hatte die Beweggründe des jungen Mannes nie ganz begriffen. Er schwankte von der Überzeugung, dass Esho am liebsten ein Heer befehligen würde, dazu dass Esho im Duellieren ganz aufging. Aber dieses Funkeln jetzt konnte er nicht so ganz einordnen.
      „Mir ist egal, was mit der Welt passiert. Mein Leben hier ist eh begrenzt und wenn ich tot bin, bin ich fort. Aber bis dahin will ich alles tun, worauf ich brenne. Und das sind Kämpfe. Kriege. Schlachten. Wenn das heißt, dass ich dir mit deinem verrückten Plan dabei helfe, dann sei dem so. Ich finde, der Klang von Attentaten auf Götter und ihre Kinder klingt doch fast wie der Beginn einer Sage, findest du nicht?“
      Ja, zumindest das hatten wohl alle Dinge gemeinsam: Esho wollte kämpfen. Und da war er gar nicht so weit entfernt von Zoras' eigenen Wünschen.
      "Ich habe irgendwie genug von Sagen, glaube ich", gab er trocken zurück. "Und von Geschichten und Balladen, wenn es schon darum geht. Aber nicht von Schlachten."
      Aber es erleichterte ihn auch: Esho hatte zugestimmt. Er hatte sich ihm sogar schon angeschlossen und das war nun wirklich ein Problem weniger, das er damit von seiner Liste streichen konnte. Es fehlten zwar noch drei andere Ratsmitglieder, eine Phönixin, eine Ordnung, die sich hier wieder einstellte und vielleicht auch gleich ein Plan, aber... es war schonmal besser als all die Tage zuvor. Ein kleiner Schritt und Zoras glaubte, dass es in die richtige Richtung ging.
      Mit einem Seufzen lüftete er endlich seine Verkleidung.
      "Ich könnte jetzt etwas zu trinken vertragen nach heute Nacht. Etwas starkes. Hast du etwas da? Kein Wein, wenn's geht."
      Er verzichtete jetzt auch darauf, allzu steif neben Esho zu wirken. Der andere verzichtete schon auf die formellen Anreden, dann ließ Zoras sich auch etwas gehen. Vielleicht nur für die eine Nacht, aber er fand, dass er sich diese kleine Pause verdient hatte.
      Esho hatte wirklich etwas da - welcher junge Mann hatte das schon nicht in seinem protzigen Stadthaus - und ließ Zoras bedienen. Die Bediensteten erkannten den Eviad mit großen Augen, stellten aber keinerlei Fragen. Sie brachten ihm sein Glas und verschwanden dann auch gleich wieder.
      "Wir werden uns etwas wegen Dionysus überlegen müssen. Wenn er sich bindet, haben wir vielleicht eine Chance, ihn unter Kontrolle zu bringen, aber wenn er frei bleibt -"
      "Dann was?"
      Die Stimme kam mit einem Mal von Zoras' linker Seite und er erschrak davon so heftig, dass er beinahe sein Glas fallen gelassen hätte. Die Tür befand sich zu seiner rechten, links war nichts weiter als eine Wand.
      Und jetzt auch noch Dionysus, aufgetaucht mitten im Zimmer, unangekündigt. Ein feines Lächeln um seine Lippen, als wäre ihm Zoras vor nichtmal einer ganzen Stunde etwa nicht entflohen. Als wäre seine Auseinandersetzung mit Mirdole nicht vonstatten gegangen.
      Zoras sprang auf, riss Amartius aus seinem Heft hervor, war erleichtert darum, die schwere, tiefschwarze Klinge endlich in der Hand zu halten. Zumindest das hatte er jetzt hingekriegt.
      Dionysus war davon gänzlich unberührt. Er neigte den Kopf.
      "Dann was? Sprich ruhig weiter, ich will es auch hören. Was passiert, wenn ich frei bleibe? Was dann?"
      Zoras musterte den Gott. Er hatte Augenringe, wenn auch nicht sehr sichtbare - aber das war nicht normal, oder? Götter hatten doch keine Augenringe. Oder? Es waren aber subtile Veränderungen wie diese, die ihm einen Hoffnungsschimmer gaben. Bei einem Menschen hätte man sich über die Schatten unter den Augen kaum gewundert, aber bei einem Gott war das etwas gänzlich anderes. Vielleicht hatte die Gorgone ihm doch zugesetzt.
      "Was ist mit Mirdole?"
      "Was soll mit ihr sein?"
      "Lebt sie noch?"
      Dionysus' Lächeln weitete sich aus.
      "Machst du dir etwa Sorgen um einen Champion? Da hat dich der Vogel verlassen und schon wendest du dich der Schlange zu? Nicht sehr loyal, möchte ich behaupten. Und das von einem Mann, der für ein Land sterben wollte."
      Sein Blick ging zu Esho weiter.
      "Was ist mit dir, Esho? Wirst du zusehen? Oder hast du auch etwas dagegen einzuwenden, was ich mit Mirdole getan habe?"
    • Selbstredend hätte niemand diesem Mann auch nur ein Wort geglaubt. Zoras war ein Niemand gewesen, der einfach in das Land marschiert kam und sich das Recht nahm, es regieren zu wollen. Hätte er damals sein Wissen kundgetan, wirkte es mehr wie ein Wahn als die Wahrheit. Vom Rat hätte niemand ihm geglaubt, jedoch hätte jetzt ein weiterer Versuch nicht schaden können. Vielleicht hätten die Champions seine Worte ja untermauern können.
      Zoras lüftete seine Verkleidung und Esho verschränkte die Arme vor der Brust. Was stellte er nun mit dieser Information an? Angenommen, er sprach wirklich die Wahrheit, dann läge es mitunter in seinen Händen, die Erde so beizubehalten wie sie war. Aber wie konnte es nur sein, dass selbst Kassandra nicht ein Wort darüber verlor? War sie nicht diejenige, die die Erde nicht mehr verlassen konnte?
      „Ich könnte jetzt etwas zu trinken vertragen nach heute Nacht. Hast du etwas da? Kein Wein, wenn’s geht.“
      Esho blinzelte, rausgerissen aus seinen Gedanken. „Nachvollziehbar. Ich habe Brand da, ich lass dir was bringen.“ Er winkte dem einzigen Bediensteten zu, der im Raum geblieben war und offensichtlich die Geschichte des Eviads nicht glaubte. Das war Esho nur herzlichst egal. Eine Maid brachte ihm schließlich ein Glas, konnte ihre Überraschung aber nicht so gut im Zaum halten wie der andere Bedienstete vor ihr.
      „Wir werden uns etwas wegen Dionysus überlegen müssen. Wenn er sich bindet, haben wir vielleicht eine Chance, ihn unter Kontrolle zu bringen, aber wenn er frei bleibt –„
      „Dann was?“
      Zeitgleich mit Zoras zuckte Esho zusammen. Er kannte das plötzliche Auftauchen der Götter, aber selbst er hatte noch nicht die Bekanntschaft mit einem anderen freien Gott neben Kassandra gemacht. Dionysus stellte sich dabei wesentlich ungeschickter an als Kassandra. Wo es bei der Phönixin mit einer Geschmeidigkeit passierte, wirkte der Weingott eher so, als bräche er mit Gewalt in den Raum. Sofort war da eine erdrückende Aura, die Esho aus seiner trägen Gelassenheit in einen hellwachen und aktivierten Zustand zwang. So schnell und vor allem dreist hatte er Dionysus nicht erwartet. Esho musste nicht nach Asterios rufen. Der hatte den Gott auch so schon bemerkt und seine Rosen im Stich gelassen.
      Im Gegensatz zu Zoras sprang Esho nicht umgehend auf. Er musterte Dionysus und stellte fest: Da stimmte etwas ganz und gar nicht mit dem Gott. Ihm fehlte die unmögliche Anmute und das ebenmäßige Antlitz, das Kassandra immer zur Schau trug. Dieser Gott mochte seine Essenz wiederhaben, aber etwas hatte seinem Einfluss einen gehörigen Schlag verpasst.
      „Was ist mit Mirdole?“
      „Was soll mit ihr sein?“
      „Lebt sie noch?“
      Das war eine gute Frage. Entweder hatte die Gorgone nur Zeit erkauft und hatte ihn anschließend ziehen lassen oder sie war tatsächlich gefallen. Vielleicht rührte daher auch der schlechte Eindruck, den Dionysus erweckte. Wenn das wirklich der Fall war und Mirdole wäre gefallen…
      Sein Blick kreuzte den von Dionysus. „Was ist mit dir, Esho? Wirst du zusehen? Oder hast du auch etwas dagegen einzuwenden, was ich mit Mirdole getan habe?“
      Das war das passende Stichwort. Der junge Mann erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung aus seinem Sessel, die Müdigkeit wirkte wie weggeblasen. „Zusehen und mir den Spaß entgehen lassen? Wie kommt Ihr denn auf diesen Schwachsinn?“
      Leichtfertig schlenderte er zu Zoras herüber. Dionysus‘ Aura umschiffte Esho, der mittels Asterios‘ Aura einen passablen Schild besaß. Neben dem Eviad kam der junge Mann zum Halten, hob seinen Arm und legte dem Eviad seine rechte Hand auf die Schwerthand. Dann trat er einen Schritt nach vorn und entzog Zoras dabei sanft, aber bestimmt, sein schwarzes Schwert. Esho, der wusste, dass es sich um ein Relikt handelte, rechnete schon mit einem entsprechenden Impuls, doch außer einem frenetischen Kribbeln spürte er rein gar nichts. Eshos konzentrierte Miene wurde aufgelockert durch ein spöttisches Grinsen. Scheinbar spürte sein ehemaliger Sohn die Absicht hier hinter.
      „Hättet Ihr gesagt, dass Ihr den Eviad einfach töten wollt, hätte ich vielleicht einen Moment überlegt. Aber jetzt, da im Raume steht, dass Ihr den Champion eines werten Ratsmitgliedes getötet haben könntet, empfinde ich etwas Gegenwehr als durchaus angebracht. Außerdem ist das mein Haus. Wer hat Euch erlaubt, hier einfach so aufzutauchen, hm?“
      Esho wusste ganz genau, dass er den stolzen Gott damit mehr als provozierte und vielleicht auch dadurch von Zoras weglenkte. Aber so, wie es gerade aussah, hätte Esho die Aussicht auf ein Messen mit dem Weingott, der mitnichten erfahren war im direkten Kampf. Also wuchs Eshos Grinsen nur noch weiter, als er halb vor Zoras trat und das schwarze Schwert nach Dionysus ausrichtete. Dann ging plötzlich ein Druck von Esho aus, der selbst für Zoras‘ menschliche Augen einen leichten Schimmer zu umtanzen begann. Seine Uniform verfärbte sich hellbraun und rieselte als Sand von seinem Körper auf den Boden. Zum Vorschein kam ein durchtrainierter Körper mit allerlei Narben, dessen Torso von zwei Lederriemen eingespannt wurde, die einen altgriechischen Lendenschurz hielten. Güldene Kringel und Ornamente tauchten auf der braun gebrannten Haut auf und breiteten sich über den gesamten Körper aus. Sie glänzten im spärlichen Licht und es sah so aus, als wanderten die goldenen Partikel in den Linien weiter. Die Präsenz, die von Esho ausging, war bei Weitem nicht so stark wie die eines Gottes, aber durchaus bemerkenswert.
      „Oh, ich wollte das schon immer mal gegen einen echten Gott ausprobieren“, lachte Esho und einen Moment später wurde die Tür aus den Angeln getreten.
      Asterios brach durch den Rahmen, in seinen Händen trug er eine schwere Streitaxt. Er schnaubte und stieß Wölkchen aus seinen Nüstern aus, während er Dionysus anstarrte und mit den Hufen scharrte.
      „Hat Euch heute schon jemand gesagt, dass Ihr wirklich mies ausschaut? Ich wusste gar nicht, dass Gottheiten so fertig aussehen können! Habt Ihr Lust drauf, auszutesten, ob Ihr in diesem Zustand gegen uns bestehen könnt?“ Dionysus antwortete nicht umgehend und darauf steig Esho weiter ein. „Nein? Wo ist denn Euer spitzes Mundwerk geblieben, hm?“
    • Über Dionysus' Miene flackerte Belustigung, als Esho zu verstehen gab, dass er nicht einfach nur tatenlos dabei sitzen würde. Wie immer wurde deutlich, dass der Weingott eine Sache am meisten zu schätzen wusste: Gute Unterhaltung.
      "Dann willst du daran teilnehmen? Je mehr, desto besser. Ich hatte ja schon fast befürchtet, es könnte in der dunklen Gasse zu langweilig werden."
      Zoras sah prüfend von dem Gott zu Esho. Sie hatten sich nicht darüber abgesprochen, was sie tun sollten, wenn Dionysus dann wirklich auftauchte, und jetzt hielt er das für einen fatalen Fehler. Esho würde doch nicht... die falsche Seite wählen, jetzt, wo der Gott einmal hier war? Wo war Asterios überhaupt? Was, wenn er nicht rechtzeitig kam?
      Misstrauisch kniff er die Augen zusammen, als Esho da zu ihm kam. Sehr nahe zu ihm kam. Seine Hand hob und sie auf Amartius' Mal legte, als wolle er Zoras beschwichtigen. Druck ausübte, gezielt, bis sich Zoras' Finger teilten und er dazwischen schlüpfen konnte. Zog, bis Amartius Zoras' Griff entglitt. Einen Schritt nach vorne trat.
      Zoras war niemand, der seine Waffe an jemand anderen aufgegeben hätte. Er führte seine Schlachten gerne selbst aus und wenn er das nicht konnte, so platzierte er doch wenigstens die richtigen Figuren an der richtigen Stelle, um sie für ihn kämpfen zu lassen. Das hier war nichts von beiden. Das hier war ein merkwürdiges Patt, bei dem ihm gar keine Wahl gelassen wurde. Er wollte Amartius nicht an Esho abgeben, aber gleichzeitig hatte er wohl sein Entscheidungsrecht darüber verwirkt, als er bei ihm Schutz ersucht hatte. Jetzt musste er ihn gewähren lassen.
      „Hättet Ihr gesagt, dass Ihr den Eviad einfach töten wollt, hätte ich vielleicht einen Moment überlegt."
      Zoras sah ihn entsetzt an.
      "Aber jetzt, da im Raume steht, dass Ihr den Champion eines werten Ratsmitgliedes getötet haben könntet, empfinde ich etwas Gegenwehr als durchaus angebracht."
      "Das hört sich so dramatisch an. Der Held, der die Gefallenen rächt."
      "Außerdem ist das mein Haus. Wer hat Euch erlaubt, hier einfach so aufzutauchen, hm?“
      "Oh, meine Abstammung erlaubt mir so einiges. In Häuser auftauchen, Champions angreifen, kleine Therisser entführen... die Liste geht noch unendlich weiter so, das ist dir klar? Vielleicht solltest du fragen, was mir nicht erlaubt ist?"
      Dionysus' Aufmerksamkeit lag jetzt mehr auf Esho als auf Zoras, der ein wenig in den Hintergrund rückte. Wenn der Weingott ungeduldig war, so ließ er es sich nicht anmerken. Und wenn er plante, Esho auch gleich umzubringen, wenn er Amartius heben sollte...
      Zoras hoffte einfach, dass sein Sohn etwas ausrichten würde. Und dass Esho dabei nicht erstarrte, wie es bei ihm der Fall gewesen war.
      Dann wurde plötzlich ein Schimmer um Eshos Körper ersichtlich und die inoffizielle Uniform, die er sich übergezogen hatte, zerronn einfach zu Sand zu seinen Füßen. Darunter kam ein gestählter, vom Kampf geprägter Körper zum Vorschein, ausgeprägte Muskeln unter straffer Haut. Der Schimmer wandelte sich vor Zoras' eigenen Augen in goldene Zeichen, die über Eshos Körper hinweg schwappten. Er trug nur sehr wenig darunter und das wenige, was er anhatte, war ein für Zoras befremdlicher Stil. Ganz allgemein konnte er kaum einen Sinn in irgendetwas davon erkennen.
      „Oh, ich wollte das schon immer mal gegen einen echten Gott ausprobieren.“
      Wenn Dionysus in irgendeiner Weise davon beeinflusst war, so konnte man es ihm nicht anmerken. Allerdings wandte er den Kopf und keine Sekunde später krachte der Minotaure ins Zimmer, groß, schnaubend und die kleinen, funkelnden Augen direkt auf Dionysus geheftet. Dessen Lächeln verschwand nicht, aber Zoras fand, dass es jetzt doch ein wenig versteinert wirkte.
      „Hat Euch heute schon jemand gesagt, dass Ihr wirklich mies ausschaut? Ich wusste gar nicht, dass Gottheiten so fertig aussehen können! Habt Ihr Lust drauf, auszutesten, ob Ihr in diesem Zustand gegen uns bestehen könnt?“
      Dionysus blickte von Asterios wieder zurück zu Esho. Mittlerweile musste er einfach begriffen haben, was diese Versammlung für ihn bedeutete.
      „Nein? Wo ist denn Euer spitzes Mundwerk geblieben, hm?“
      Dionysus neigte den Kopf.
      "Schön. Genug davon."
      Und seine Aura explodierte in einem Schwall purer Göttlichkeit.
      Dionysus' normale Aura war wie ein weinroter Umhang, der in eine Pfütze zu seinen Füßen tropfte, aber jetzt brach sie als ein Tsunami über sie alle herein, ungehalten von Grenzen oder Limitationen. Sie flutete den Raum, das Haus, das ganze Viertel, aber... von der eigentlichen Stärke, die eine solche ungezügelte Aura hätte zeigen sollen, war nur wenig zu sehen. Dionysus' Aura war stärker, wenn sie auf einem der vielen Feste genährt wurde, wenn sie überall und in jedem lebte, wenn sie weiter wogte und wuchs, wenn sie gespeist wurde und sich nur weiter ausbreiten konnte. An diesen Festen war sie... eindrücklicher als das. Aber jetzt ging sie einzig und allein von ihm aus, sie fand keinen Halt im Haus und der Umgebung, nichts, was sie hätte speisen können, woran sie sich hätte nähren können. Dionysus' Aura mochte wie ein Tsunami erscheinen, aber sehr viel stärker als ein Wasserfall war sie nicht.
      Und Träger mit Champion konnte sie auch nicht penetrieren. Wie von einem unsichtbaren Schutzschild abgelenkt, prallte sie von Esho ab und erreichte damit auch Zoras hinter ihm nicht mit der ursprünglichen Wucht. Er konnte sie spüren, keuchte auf von der immernoch übermächtigen Präsenz, die in ihn eindrang, aber es war kaum schlimmer als in der Gasse. Seine Gliedmaßen gefroren, aber mehr auch nicht. Dabei war er sich sicher, dass er von dem Druck alleine hätte platzen können.
      Eshos Gliedmaßen gefroren aber nicht, genauso wenig wie Asterios'. Und so stürmten sie auf den Weingott zu, der seine Aura bereits auf den Minotaure konzentrierte, um ihn zu brechen und zu zerstören. Um doch noch zu kriegen, weshalb er gekommen war.
    • Asterios schnaubte, als ihn die Welle der Aura traf und schritt voran, die Streitaxt gefährlich gehoben. Er schüttelte den Kopf, so als würde er den Einfluss einfach wie Wasser von sich abschütteln und nicht davon irritiert sein.
      Esho ihm gegenüber hatte Amartius gehoben. Er hatte so seine Vermutungen, was dieses tolle Schwert betraf, und bekam sie prompt bestätigt, als er fühlte, wie die Schneide die Welle an Aura teilte. Fest stand er seinen Grund vor Zoras, ein Fels in der Brandung, der den Mann hinter sich nicht vollends schützte. Wo Zoras aufkeuchte, lachte Esho wild. So ein Relikt bräuchte er auch noch. Irgendwann einmal, dessen war er sich sicher.
      Zeitgleich gingen Asterios und Esho in die Offensive. Sie wussten, dass sich der Weingott niemals in körperliche Auseinandersetzungen einlassen würde und dort wohl seine Schwächen hatte. Esho allein war schon ein ernsthafter Gegner, doch im Duett mit seinem Champion entwickelte er erst richtig seine eigentliche Brillanz.
      Dionysus fokussierte sich auf Asterios, der unter der geballten Macht schnaufte und mehr zu kämpfen hatte, um vorwärts zu kommen. Des nutzte sein Träger schamlos aus, der geschwind die Distanz zu Dionysus überbrückte und zu einem Streich ansetzte. Der Weingott drehte sich zur Seite weg, zog Tentakel seiner Aura von dem Minotaur weg und ließ sie auf den Menschen niederzischen. Esho, gestärkt durch seinen Bund, fühlte die Aura anstelle sie zu sehen. Er hob Amartius an und hackte augenscheinlich sinnlos durch die Luft, doch tatsächlich zerteilte er damit Dionysus‘ Tentakel.
      Asterios war derweil nah genug, um seine Axt zu heben und sie waagerecht gegen Dionysus‘ Torso schwingen zu lassen. Den Schlag von Asterios‘ Waffe lenkte der Weingott mit einer Handbewegung gerade noch ab, musste sich jedoch unter Eshos Schlag hinweg ducken. Seine Antwort war das Vorschnellen eines neuen Tentakels, der Esho unvorbereitet frontal traf und ihn mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit nach hinten warf. Er krachte mit dem Rücken gegen einen Sessel, dessen Lehne er dabei abriss.
      Asterios schrie auf und setzte einen Schwung nach, der wieder abgelenkt wurde. Doch der Minotaur war bereits in Bewegung und versetzte dem Weingott einen Schulterstoß, der endlich traf. Der Weingott kämpfte um seine Balance und wirklich amüsiert sah er nun nicht mehr aus. Asterios baute sich wieder auf und holte mit der Axt aus. Dionysus streckte den Arm aus, um den Minotaur davon abzuhalten.
      Da segelte Esho von der Seite plötzlich heran. Er hatte sich aus den Trümmern erhoben, war auf den Tisch gesprungen, der mitten im Raum als Tafel diente, und hatte es als Sprungbrett benutzt. Mit ausgestrecktem Schwert flog er auf den Weingott zu, der seinen Arm zu dem leichter zu tötenden Menschen ausstreckte und offensichtlich über diese dumme Aktion mit dem Sprungangriff nur lächeln konnte.
      Dionysus sah nur aus dem Augenwinkel, wie schnell sich Asterios auf einmal bewegte. Die Axt, die soeben noch weit genug entfernt war, schwebte nun wie eine Guillotine über dem ausgestreckten Arm des Weingottes. Sie war bereits in der Abwärtsbewegung, die Schneide blitzte auf, als sie mit einer Urgewalt nach unten sauste. Der Weingott musste sich entscheiden. Griff er Esho an und riskierte seinen Arm oder widmete er sich dem Minotaur und musste mit einem Treffer seitens Esho rechnen?
      Es war ein Wimpernschlag der Entscheidung. Mehr nicht.
      Die Axt von Asterios schlug im Boden ein, Stein splitterte. Eshos Angriff ging ins Leere, als er geschmeidig auf dem Boden landete und sich aufrichtete.
      Von Dionysus war keine Spur zu sehen. Er hatte sich zurückgezogen.
      Asterios riss seine Axt aus dem malträtierten Boden und putzte den Staub und die Stücke von der Waffe. Er schnaubte, sah sich um und befand die Situation als geklärt. Trotzdem beäugte er Zoras mit Argusaugen.
      Sein Träger seufzte lautstark und ließ Amartius sinken. Das Gold auf seiner Haut verlor sich, wurde blasser und verschwand schließlich komplett. Auch seine restliche Gewandung löste sich auf und ließ den Mann nach und nach so zurück, wie der liebe Gott ihn erschaffen hatte. „Bringt mir einen Mantel!“, blaffte er lautstark in der Annahme, dass seine Bediensteten den kurzen Ausbruch von Gewalt nicht als Fluchtmöglichkeit angesehen hatten.
      Esho kugelte seine Schultern, als er zu Zoras ging und ihm Amarius hinhielt. Dass er dabei nackt war, interessierte ihn nicht. „Nettes Schwert. Wollte ich auch gern haben, aber ich glaub, es hat da ein wenig mitzure – Aua!“
      Esho ließ das Schwert ganz schnell los, kaum war es zu Zoras zurückgekehrt. Er hatte einen Schlag bekommen und offensichtlich den Willen des Schwertes überspannt. „Hm, hätte nicht gedacht, dass Dionysus so schnell auftaucht und dann auch noch hier. Ganz schön frech, selbst für einen Gott. Aber ich glaube, er ist angeschlagen. Sonst hätte ich seinen Schlag nicht so leichtfertig einstecken können.“ Er schlug sich dabei mit der flachen Hand auf den muskulösen Bauch. „Was ist jetzt dein großartiger Plan? Wie wollen wir Dionysus dazu zwingen, dass er seine Essenz abgibt?“
    • Es gab keine weiteren Unterhaltungen mehr, keine Sprüche oder Provokationen, die ausgetauscht wurden. Als Dionysus' Aura über ihnen entbrandete, setzten sich Träger und Champion gleichzeitig in Bewegung.
      Asterios war derjenige, der gegen die Flut zu kämpfen hatte, aber als ob Esho ein Gespür dafür hatte, nutzte er die Ablenkung gezielt aus, um sich Dionysus direkt entgegen zu werfen. Sein Schlag war kräftig und hätte durch Amartius' Hilfe sicher göttliches Fleisch spalten können, wäre Dionysus nicht beiläufig ausgewichen. Im Gegenzug riss Esho seinen Schwertarm empor, ungezielt, wie es schien. Zoras vermutete, dass der entfesselte Gott doch eine geringe Art von Einfluss auf den Mann ausüben konnte.
      Nun war aber Asterios nah genug herangekommen und während Esho noch in die eine Richtung schlug, bedrängte der Minotaure den Gott schon von der anderen Seite, ein völliger Einklang in den Bewegungen, nahtlos von der einen Taktik in die nächste übergreifend. Von Zoras' Position aus konnte er sehr gut erkennen, dass dies nicht das erste Mal war, dass die beiden Seite an Seite kämpften. Gegen einen der beiden hätte Dionysus sich womöglich noch behaupten können, aber sie beide schlossen die Lücken ihres jeweiligen Partners und das mit einer geübten Routine. Es sah ganz so aus, als wäre Esho auch ein Champion und sie würden schon lange auf dem Schlachtfeld zusammen kämpfen.
      Dann segelte der Mann durch die Luft, getroffen von einem unsichtbaren Etwas, und die Illusion verlor sich ein bisschen. Dafür war der Minotaure nun noch wilder, noch angestachelter, noch brutaler. Seine Schläge ließen Dionysus' Grinsen verblassen und sein Gesicht einen neutralen Ausdruck annehmen, ganz so, als könnte er sich gleich langweilen. Aber Zoras wusste es besser. Der Gott verzichtete nur darauf, seinem menschlichen Körper Emotionen zu verleihen.
      Esho hatte sich derweil bereits wieder aufgerappelt und sprang nun auf seinen Gegner zu, eine ernstzunehmende Form aus trainierten Muskeln und eisenhartem Willen, die eine selbst für Götter tödliche Waffe schwang. Es war kein Wunder, dass Dionysus sich ihm zuwandte. Es war aber sehr wohl ein Wunder, dass er den Fehler nicht sehen konnte, den Zoras in seiner Bewegung bereits nahen sah. Die wenigen Minuten des Kampfes zwischen beiden hatten ihm bereits genug gezeigt um zu wissen, dass diese große Lücke, die durch Eshos Angriff entstand, nicht unbenutzt bleiben würde. Zu systematisch, zu ergänzend war der Kampfstil der beiden, um etwas derartiges außer Acht zu lassen. Und wahrhaftig, Asterios passte seinen unscheinbaren Angriff in einem Herzschlag an. Die gewaltige Axt änderte die Richtung, nutzte ihren Schwung -
      und dann krachte es. Holzsplitter flogen durch die Luft, Esho kam katzenartig auf dem Boden auf, wo er sich gleich abbremste. Dort, wo der Weingott gestanden hatte, war nun nichts mehr von ihm übrig. Seine Aura war so schnell aus dem Raum verschwunden, dass Zoras von dem plötzlichen Abfall der Spannung kurz um sein Gleichgewicht kämpfte.
      Doch dann war es still. Ruhig. Asterios riss seine gewaltige Axt heraus, schnaubte abschätzend und stierte dann Zoras an. Zoras überkam ein unangenehmes Prickeln, als er sich vorstellte, wie der Minotaure nun ihn so anstarrte und mit dem Huf scharrte. Umso mehr musste er sich zu dem kleinen Nicken durchringen, das er ihm zukommen ließ.
      Esho wirkte derweil enttäuscht. Seine Musterung verzog sich und... auch alles andere an Kleidung. Zoras besaß durchaus den Anstand wegzusehen, bis Esho direkt vor ihm stand und Amartius zurück reichte.
      "Wollte ich auch gern haben, aber ich glaub, es hat da ein wenig mitzure – Aua!"
      Schnell zog er die Finger zurück und Zoras spürte Amartius' vertrautes Gewicht wieder vollständig in seiner Hand liegen. Dabei konnte er sich das kurze Lächeln nicht verkneifen, als er die Klinge zurück in ihr Heft gleiten ließ und ihr kurz über den Griff strich. Danke.
      "Hm, hätte nicht gedacht, dass Dionysus so schnell auftaucht und dann auch noch hier. Ganz schön frech, selbst für einen Gott. Aber ich glaube, er ist angeschlagen. Sonst hätte ich seinen Schlag nicht so leichtfertig einstecken können."
      Zoras nickte.
      "Mirdole muss ihm zugesetzt haben. Und hoffentlich die Tatsache, dass seit fast zwei Wochen kaum einer mehr an seinen Wein denkt. Ich war mir nicht sicher, ob der Erlass wirklich funktionieren würde."
      "Was ist jetzt dein großartiger Plan? Wie wollen wir Dionysus dazu zwingen, dass er seine Essenz abgibt?"
      Da seufzte er. Vermied es, Esho unter die Gürtellinie zu sehen.
      "Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Ich brauche eine Pause. Ich habe mich in dieser Nacht fast umbringen lassen und noch kaum ein Auge zugetan. Bevor ich weiter darüber nachdenke, wie ich dieses Chaos bereinige, würde ich mich wirklich gerne hinlegen. Kann ich für eine Nacht bleiben? Wird Asterios Wache halten, falls Dionysus wiederkommt?"
      Esho schien sich wohl damit abzufinden, dass der alte Mann sein Päuschen brauchte, und gewährte ihm ein Gästezimmer. Asterios würde sofort zur Stelle sein, falls Dionysus erneut auftauchte, allein schon deswegen, weil der Weingott jetzt auch den Minotauren provoziert hatte. So einfach würde er ihn ein zweites Mal nicht einfach ziehen lassen.
      So war Zoras froh, dass er sich doch in ein Bett legen konnte, ein größeres als bei Tevia, aber nicht annähernd so groß wie sein eigenes. Asterios war in der Nähe und Esho auch und Zoras erlaubte es sich, die Augen einfach nur zu schließen und seinem noch immer pochenden Herzen zu lauschen. Er fühlte sich elendig und nicht zum ersten Mal in dieser Nacht wünschte er, dass Kassandra endlich wiederkommen würde. Sehnte sich nach ihrer Nähe, ihrer Stimme, nach ihrer Berührung. Fuhr sich über die Brandnarbe über seinem Unterarm und versuchte sich dabei auf sie zu besinnen. Betete dabei. Aber alles, was er wirklich sagen wollte, war: Ich liebe dich.

      "Dionysus ist mit Essenz kein Ratsmitglied mehr. Quentin auch nicht."
      Das war Zoras' morgendlicher Gruß an Esho, als er zu ihm ins Esszimmer kam. Er war schon seit Stunden wach, nachdem ihn ein Albtraum schwitzend aus dem Schlaf gerissen hatte. Die Müdigkeit hatte unlängst ihre Klauen tief in ihn geschlagen und hinterließ hässliche Spuren, aber Zoras konnte einfach nicht anders. Jede Stunde, die er mit Schlafen verbrachte, war eine vergeudete Stunde. Jetzt war er also auch wieder seit langem wach und grübelte über das neueste Problem auf seiner Liste.
      "Wir lassen noch heute seine Denkmale abreißen. Seine Farbe wird aus dem Buch gestrichen, so wie Oronias zuvor. Violette Soldaten werden türkise Soldaten. Quentin und seine Mannschaft wird aus dem Palast verbannt. Nur noch du, Ristaer und Kalea sind Teil des Rates, mitsamt ihren Champions. Dionysus kann nicht viel machen, wenn niemand seinen Wein verehrt und ihn nicht mehr als Ratsmitglied sieht. Er muss ein Champion sein, um sich wieder aufstellen zu lassen. Wenn er weiter mit seiner Essenz in der Stadt bleibt, wird er das ohne Anhänger sein. Das wird ihn genug schwächen, dass selbst Asterios ihn besiegen könnte. Oder?"
      Er sah Esho hoffnungsvoll an. Dunkle Augenringe hingen ihm unter den Augen, die Dionysus' leichte Veränderungen völlig in den Schatten stellten.
      "Oder habe ich etwas übersehen?"
    • Während ein Diener heraneilte, um seinem Herrn einen Morgenmantel zu reichen, betrachtete Ehso den Eviad ein weiteres Mal eingehend. Ja, er sah sichtlich gerädert aus und das nicht nur von einer einzigen durchzechten Nacht. Sie alle hatten darauf gesetzt, dass es Zoras zusetzte, wie Kassandra einfach aus seinem Leben geschieden war. Dass Esho dabei ein wenig mehr wusste als die anderen Ratsmitglieder musste immerhin niemand wissen. Genauso wenig wie jemanden wissen musste, dass er den jungen Hauptmann des Eviads in eine Ecke gedrängt hatte, um herauszufinden, dass der Herrscher mehrfach des Nachts schreiend hochfuhr. Das war vorher nicht so leicht zu Gehör gekommen.
      „Kann ich für eine Nacht bleiben? Wird Asterios Wache halten, falls Dionysus wiederkommt?“, fragte Zoras, als sich Esho das Band um die Taille festzog.
      „Mich beschleicht das Gefühl, dass du sowieso nirgends sonst unterkommen kannst, ohne dass dich die Paranoia frisst“, erwiderte der junge Mann, der allerdings nicht anders gehandelt hätte. Er wusste, wie es war, ohne Schutz eines Gottes einem übermächtigen Gegenspieler gegenüberzustehen. Es gab praktisch keinen anderen Ort in dieser Stadt für ihn, um Zuflucht zu erbitten, die wirklich etwas brachte. „Ich bezweifle, dass Dionysus wiederkommen wird, aber Asterios wird die Anlage sowieso nicht verlassen. Oder, mein Junge?“
      Er grinste Asterios an, der schnaubte und sich ein verirrtes rotes Blütenblatt aus einer Falte seines Schurzes pflückte.

      Am nächsten Morgen fand Zoras Esho im Esszimmer vor. Er trug wieder eine ordentliche Uniform, die sich nur mittels ein paar weniger Details von denen der Wache unterschied. Zwar mochte Esho ein beträchtliches Ego besitzen, aber das bezog sich nicht auf weltliche Dinge, die er zur Schau stellen konnte. Seine Meinung nach zählte nur das Können und keine Gegenstände oder Auszeichnungen.
      Er sah von seinem Tee auf, als der Eviad das Zimmer betrat. „Dionysus ist mit Essenz kein Ratsmitglied mehr. Quentin auch nicht.“
      „Natürlich nicht“, stimmte Esho ihm zu. Dank seines dunkleren Taints fiel nicht auf, dass auch sein Gesicht ein weniger dunkler war als üblich. Nachdem er Zoras sein Zimmer zugewiesen hatte, bezog Esho seinen Posten im Wohnzimmer. Er hatte zwar gesagt, dass er bezweifelte, Dionysus tauchte erneut auf, aber bei dem Weingott wusste man schließlich nie. Die Vorstellung, im Schlaf gemeuchelt zu werden, gefiel dem jungen Mann nicht, sodass er sich mit ein paar Aufzeichnungen beschäftigt und die Nacht über gewartet hatte.
      Dennoch wanderten Eshos Augenbrauen langsam nach oben, die Tasse unmittelbar vor seinem Gesicht, als Zoras ihm sein Vorhaben unterbreitete, ohne sich einen Platz zu nehmen. Bedächtig senkte der junge Mann seine Tasse und nickte zu einem Sitzplatz. „Sei nicht so angespannt. Setz dich. Trink was. Iss was. Es hilft nicht, wenn du auf Grundeis läufst. Wenn du halbwegs sicher sein kannst, solltest du es auch sein.“
      Er sorgte dafür, dass man dem Eviad ebenfalls Tee brachte und eine Platte mit Wurst und Käse sowie Brot reichte. Der Tee, den man hier servierte, war nicht derselbe, den es im Palast gab. Dieser hier hatte andere Einschläge und erinnerte mit seiner Duftnote an jenen, den Santras gereicht hatte.
      „Die Herangehensweise, Dionysus so weiter zu schwächen, ergibt Sinn. Nimm ihm, worauf er aufbaut und dann wird auch er Schwierigkeiten bekommen. Allerdings wusste ich nicht, dass er so angeschlagen wirkt, nur weil man seinen Wein verschmäht“, sagte Esho und offenbarte Zoras damit, dass er nicht wusste, worauf die Kraft der Götter fußte. Zoras erleuchtete ihn dahingehend und sein Gesicht hellte sich mit Erkennen auf. „Aaaah, verstehe. Wenn das so ist, kann es sein, dass er sich in die Nachbarländer verzieht und versucht, sich dort einen neuen Standpunkt aufzubauen. Das wäre schwierig für uns, weil der Rat aus nur drei Leuten eigentlich nicht bestehen kann. Wir brauchen mindestens vier für die Teilung, besser fünf. Wilbens Verlust ist schon grenzwertig, aber wenn Dionysus auch noch wegfällt…“
      Er schwenkte seine Tasse und besah sich den Boden, wo sich Teeblätter in einem willkürlich wirkenden Muster absetzten. "Du willst eine Armee aufbauen. Dafür brauchst du so viel Schlagfertigkeit, wie es nur geht. Einen namenhaften Gott Teil deiner Streitmacht zu nennen, ist von Wert, den du nicht unterschätzen solltest. Hoffen wir darauf, dass Dionysus zu faul ist, um zu versuchen, sich in einem anderen Land ein neues Standbein aufzubauen. Das wäre das Thema. Wie willst du mit dem anderen Thema verfahren? Dem hübschen, feurigen Thema, wenn du verstehst. Willst du einfach weiter warten oder sie aktiv aufsuchen? Immerhin weißt du, wo sie ist.“
    • Zoras fügte sich Eshos Aufforderung, aber auch nur, weil er aus der Aussage des jüngeren herauslesen konnte, dass man ihm seinen Stress ansehen konnte. Probleme hin oder her, ein Herrscher sollte es sich niemals erlauben, in der Öffentlichkeit eine derartige Schwäche zu zeigen.
      Also setzte er sich und nahm sich etwas Fleisch von dem kleinen angebotenen Buffet. Essen hatte in letzter Zeit denselben Stellenwert wie schlafen eingenommen: Eine Notwendigkeit, aber auch eine Zeitverschwendung.
      Er biss von einer Wurst ab und kräuselte dabei die Nase. Für einen Augenblick fühlte er sich unangenehm stark an Santras und sein Zuhause erinnert.
      Esho offenbarte ihm im Laufe ihres Gesprächs unterschwellig, dass er sich nicht gar so sehr mit Göttern auskannte, wie Zoras es vermutet hatte. Besonders nach letzter Nacht, als er gesehen hatte, wie nah sich der Mann mit dem Minotauren tatsächlich stand, hätte er wetten können, dass er mit allen Facetten der Göttlichkeit bewandert war. Anscheinend gab es aber durchaus Lücken, die dafür Zoras zu schließen wusste. Wie viel sie sich schon über solche Dinge hätten austauschen können, wenn sie das vergangene dreiviertel Jahr nicht damit verbracht hätten, miteinander zu streiten. Vermutlich traf das sogar auf alle Ratsmitglieder zu.
      Nur leider sprach er darauf ein Thema an, dass Zoras in seiner Eile wirklich übersehen hatte. Wenn Dionysus ging, waren sie das Problem zwar los, aber dann war Dionysus weg. Dionysus. Der Gott mochte ein Arsch sein, aber er genoss noch immer hohes Ansehen auf der ganzen Welt und unter all den anderen Göttern. Ihn als Verbündeten zu verlieren, könnte sich auf lange Sicht sogar als fatal erwirken.
      Er rieb sich das Kinn.
      "Dann müssen wir ihm schnell genug zeigen, dass er es hier am besten hat. Ihn erst einschränken und dann füttern. Die Leine anlegen, aber sie nicht zu kurz halten."
      Das hörte sich alles so schön einfach und unkompliziert an, aber in Wahrheit bereitete es Zoras Kopfschmerzen, auch nur darüber nachzudenken, was ihm bevorstand. Sowas konnte er nicht alleine bewältigen. Und selbst mit Esho an seiner Seite war seine Macht bezüglich eines Gottes nur beschränkt.
      "Wie willst du mit dem anderen Thema verfahren? Dem hübschen, feurigen Thema, wenn du verstehst."
      Zoras sah von seinem Teller auf. Dem hübschen, feurigen Thema? Wirklich? Esho erntete sich dafür einen entsprechenden Blick.
      "Willst du einfach weiter warten oder sie aktiv aufsuchen? Immerhin weißt du, wo sie ist.“
      "Ich werde sie aufsuchen", begann er seufzend. "Sie ist jetzt bald seit zwei Wochen weg und..."
      Er stutzte. Kniff die Augen zusammen. Musterte Esho dabei warnend.
      "... und immerhin weiß ich ja, wo sie sich aufhält."
      Es sollte eigentlich keine Überraschung sein, dass Esho seine eigenen Spione auf den Palast angesetzt hatte. Die Frage war nur, ob er Kassandras genauen Aufenthaltsort kannte, oder einfach nur erfahren hatte, dass Zoras davon wusste.
      Letzten Endes spielte es auch keine Rolle. Es gab schlimmere Geheimnisse als die Tatsache, dass Kassandra in Paspatera war.
      "Wenn sie immernoch dort ist, werde ich mit ihr reden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich ganz verweigert, wiederzukommen. Wir haben... viel durchgemacht. Da sollte ein solcher... Vorfall... nichts daran ändern."
      Was eine ganz dreiste Lüge war, die Zoras sich so lange erzählen würde, bis er sie halbwegs glaubte. Denn in Wahrheit wusste er nicht, wie schlimm es war. Kassandra hatte immerhin den Schwur gelöst, vielleicht würde sie nicht einmal mit ihm reden wollen.
      "Aber erst kommt Dionysus. Solange die Lage nicht unter Kontrolle ist, kann ich die Stadt nicht verlassen. Er würde mich auf dem Weg erwischen."
      Da hatte Esho nun auch keinen Vorschlag abzugeben. Insgeheim stimmte er ihm wohl zu.

      Sie aßen in merkwürdiger Idylle zusammen zum Frühstück - merkwürdig deswegen, weil sich Zoras so sehr daran gewöhnt hatte, Esho anzugiften, dass er sich das Gegenteil gar nicht hätte vorstellen können. Aber hier saßen sie nun und alles war für einen Moment friedlich.
      Bis es das nicht mehr war.
      Esho und Zoras fuhren hinterher gemeinsam zum Palast, als es Zeit für die Versammlung wurde. Die Wachen konnten ihre Überraschung über den plötzlich auftauchenden Eviad kaum verbergen, aber sie salutierten anstandslos vor ihm. Esho ging bereits zum Audienzsaal vor und Zoras machte noch einen Abstecher in sein Gemach, wo ihn Zavion bereits in Empfang nahm. Sein Hauptmann ließ sich mit keiner Regung anmerken, was zwischen ihm und Dionysus vorgefallen war. Er unterrichtete ihn knapp über die jüngsten Geschehnisse und ließ ihn dann alleine, damit Zoras in seine Gewänder wechseln konnte.
      Danach trat er selbst im Audienzsaal auf.
      Dionysus war anwesend, selbstzufrieden so wie immer, und neben seinem Platz Quentin. Der Mann trug eine Halskette und darin eine Essenz. Der Weingott lächelte und ließ seinen Kelch schwenken.
      Mirdole war auch da - oder zumindest das, was von ihr übrig war.
      Die Gorgone war leichenblass im Gesicht. Ihre Augen waren tief eingesunken und rot gerändert, als wären sie gereizt. Ihre Schultern waren eingesunken und sie saß leicht schief auf ihrem Platz.
      Ihre Schlangen waren tot. Allesamt. Sie hingen ihr wie dicke Strähnen Haare vom Haupt und ihr Köpfe lagen ihr auf den Schultern oder baumelten vorne herab. Ihre Münder standen offen, Zungen hingen heraus. Auf eine groteske, makabere Art konnte man sich vorstellen, dass Mirdole jetzt wirkliche Haare hätte. Blendete man die Schlangenköpfe an den Spitzen natürlich aus.
      Die Gorgone stand auf so wie immer und bewegte sich auch so wie immer. Hätte ihr Körper sie nicht im Stich gelassen, hätte man gar nicht wissen können, was in der Nacht vorgefallen war, aber Zoras wusste, dass die Göttin schwer angeschlagen sein musste, wenn es sich sogar auf ihren Körper auswirkte.
      Und ihre Trägerin...
      Kalea saß auf ihrem Platz von einem Schwadron Wachmänner umringt. Sie sah selbst bleich aus und als sie Zoras erblickte, da schien ihr die letzte Farbe aus dem Gesicht zu weichen. Sie starrte ihn mit großen, ungläubigen Augen an. Und an der Art, wie sie ihn so entsetzt fixierte, glaubte er zu verstehen.
      Mirdole hatte nicht erwähnt, dass Dionysus sich ihr entgegen gestellt hatte. Mirdole hatte womöglich nur berichtet, dass sie Zoras gefunden habe und ihn nicht hatte richten können. Womöglich hatte sie verschleiert, dass es einen Kampf unter Göttern gegeben hatte.
      Die roten Augen richteten sich jetzt direkt auf Zoras, ausdruckslos. Teilnahmslos. Aber aus einem unerfindlichen Grund, bestärkte ihn das nur in seiner These. Warum auch immer die Gorgone diesen Weg gewählt hatte, sie hatte es so wirken lassen, als sei Zoras für ihre Verstümmelung verantwortlich.
      Kalea dachte jetzt, dass der Eviad in der Lage war, einen Champion mit bloßen Händen niederzuringen. Er würde ihr dieses Bild nicht zunichte machen; eigentlich war es ihm sogar recht. Wenn die Frau ihm jetzt endlich den nötigen Respekt zubringen lassen würde, würde er sie weiter in dem Glauben lassen.
      Damit blieb nur noch Dionysus als Problem. Ristaer war zu sehr mit den Finanzen beschäftigt, um sich noch großartig um irgendwelche Kinderspielchen zu kümmern. Esho stand auf Zoras' Seite und das sogar mit seinem Vorhaben, den Himmelsbruch zu verhindern. Und Kalea war von ihrem geschwächten Champion so verunsichert, dass sie es in dieser Versammlung kaum wagte, den Mund überhaupt zu öffnen.
      Eine Nacht nur und Zoras hatte fast alles geschafft, was er hatte erreichen wollen. Blieb nur noch die Frage, wie er Kassandra zurück erobern konnte.
    • Dionysus gestaltete sich aktuell als das einzige und wirklich akute Problem, welches sich Zoras in den Weg stellte. Sie konnten zwar ohne den Weingott, würden dann aber massive Einbußen verzeichnen. Also zermarterte sich der junge Mann den Kopf, wie man dieses Problem am besten lösen konnte.
      Gemeinsam mit dem Eviad machte sich Esho auf den Weg in den Palast, weil Zoras unter seinem Schutz sich dort wieder blicken lassen konnte, ohne Gefahr zu laufen, direkt gemeuchelt zu werden. Entsprechend überrascht waren auch die Soldaten, als sie den Eviad sahen, jedoch brav salutierten und ihnen Einlass gewährten. Dort trennten sich ihre Wege, da Zoras sich aus seiner Verkleidung schälen musste und Esho ein anderes Anliegen hatte.
      Dieses Anliegen befand sich im Audienzsaal. Er marschierte mit seiner gewöhnlichen Überheblichkeit herein, aber es gab direkt zwei Dorne, die ihm die Augen ausstachen. Der eine saß prominent auf seinem Stuhl, den unscheinbaren Träger an seiner Seite, und ganz offensichtlich nicht mehr ganz so frei in seinen Machenschaften wie letzter Nacht. Esho hatte damit gerechnet, dass sie vielleicht noch einen oder zwei Tage haben würden, ehe sich der Weingott selbst wieder zum Champion machte oder gänzlich verschwand. Dass er nun hier wieder lümmelte bewies: er wollte sein Standbein hier nicht aufgeben.
      Der andere Dorn war in Form einer geschlagenen Göttin. Noch nie hatte Esho Mirdole in solch einem desolaten Zustand erlebt. Er würde sogar soweit gehen und behaupten, dass sie nicht einmal mehr gottgleich wirkte. Dass es sie noch gab, war ein guter Punkt, jedoch wirkte sie seltsam leer. Wie ausgebrannt.
      Eshos Überheblichkeit verlor sich, als er noch immer auf Mirdole starrend seinen Sitzplatz anstrebte und sich fallen ließ. Asterios hatte er vorgeschickt, der schon im Saal gewartet hatte und keinerlei Regung zu den Geschehnissen zeigte.
      Es dauerte einen Moment, dann tauchte der Eviad endlich auf und die Situation veränderte sich erneut. Während Dionysus dem Eviad grinsend zu prostete und Mirdole kaum auf ihn reagierte, wirkte Kalea regelrecht aufgebracht. Das entging dem spitzfinden Ratsmitglied auf keinen Fall, doch es dauerte einen Augenblick, eher er den Ausdruck mit dem hin und her springenden Blick verbinden konnte.
      Kalea nahm an, dass ZORAS Mirdole das angetan hatte.
      Kalea wusste nicht, dass Zoras‘ Schwur gelöst war. Sie ging davon aus, dass er noch immer bestand hatte und Zoras wusste, wie er ihn einzusetzen hatte. Offensichtlich hatte Mirdole ihrer Trägerin die Unwahrheit erzählt oder Teile verschwiegen, sodass sie ihren eigenen Rückschluss zog. Und das eröffnete dem Eviad völlig neue Hebel, obwohl der Preis dafür zu hoch gewesen sein mochte.
      Esho saß zur Zoras‘ Seite, dort, wo sonst Kassandra gesessen hatte. Ohne es zu verbalisieren stellte er sich als Schild zwischen den Eviad und allen anderen, doch diese Haltung auch zu verbalisieren tat er nicht. Er gab sich wie immer, mal desinteressiert, mal spöttisch.
      Doch dieser Friede dauerte nur solange an, wie es die Versammlung auch tat. Sobald sie sich löste und Kalea regelrecht die Flucht ergriff, Mirdole im Schlepptau, und auch Ristaer sich völlig überfordert mit seinen Finanzen zurückzog, ging Esho in die Offensive. Jetzt, da Dionysus nicht mal mehr seine volle Kraft hatte, würde er mehr als nur Schwierigkeiten gegen das Duo aus Asterios und Esho haben. Diesen Umstand machte sich der junge Mann zu Nutzen, um Quentin nahe zu kommen.
      Sehr nahe.
      So nahe, dass der Mann darum fürchten musste, Körperteile zu verlieren, sollte er die Essenz nicht freiwillig herausrücken. Das unterstützte Zoras ebenfalls, denn wenn sie jetzt nicht an die Essenz des Weingottes gelangten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder an den Gott zurückgereicht wurde. Also bemächtigte sich Esho mit einem Schütteln der Essenz und war nun Träger von gleich zwei Göttern. Rigoros sperrte der junge Mann den Gott aus seinem Geist aus und band ihn ohne Umschweife an den Audienzsaal. Wo der Gott vorher noch frei walten konnte, wurde er nun das erste Mal Zeuge davon, wie sich dieser Sklavenbund wahrlich anfühlte. Esho ließ ihm keinen Platz für Ausreden oder Verhandlungen. Sein Wille allein fesselte den Gott an seinen Stuhl, solange er es wollte. Und dann ging Esho auf die Suche, nachdem er Zoras versichert hatte, dass der Weingott nicht mal einen Zeh rühren können würde.

      Nach überraschend kurzer Zeit kehrte Esho in den Audienzsaal zurück, in seinem Schatten folgte eine Frau. Unwirsch hatte er der Frau das Amulett gegen die Brust gedrückt und damit seinen Einfluss auf dem Weingott abgegeben. Zurückgebracht hatte Esho Feyra, die jetzt nicht mehr ganz so abwesend wirkte. Böse Zungen behaupteten, dass sie nicht gewillt war, ihren Stand ein weiteres Mal abzugeben. Esho hatte ihr mehrfach eingetrichtert, dass, sollte sie Dionysus seine Essenz wiedergeben, er eigenhändig erscheinen und ihr den Kopf von Schultern hacken würde. Finger würde sie verlieren, wann immer sie einen Schluck Wein nähme. Er brauchte ihr kein Beispiel erweisen, damit sie die Drohung als ernst anerkannte.
      Damit gab es wieder vier Träger, vier Champions und einen abgespeckten Rat. Damit gab es wieder ein wenig mehr Teilung, die Zoras gewähren würde, die Stadt für kurze Zeit zu verlassen. Damit hätte Zoras das Zeitfenster halten, das er brauchte, um seine andere Waffe startklar zu machen.