Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Kassandras einvernehmlicher, aufgeweichter Blick traf auf Zoras und der konnte gar nicht anders, als seiner Geliebten ein Lächeln zu schenken, das ihm wie aus der Brust strahlte. So eng zusammen, wie sie jetzt waren und wie er es sich seit über fünf Jahren gewünscht hatte, verspürte er nichts anderes als die reinste, unerschütterlichste Liebe für diese Phönixin, die ihn mit ihren schönen, liebreizenden Augen betrachtete, aus denen er nur das zu lesen vermochte, was er selbst am ganzen Leib spürte. Sein Körper kribbelte, nicht nur von den Nachbeben seines Höhepunkts, und er spürte ihre Hände, die sich an sein Gesicht legten, mit einer Wärme, wie sie nur die Sonne selbst heraufbeschwören konnte. Die Sonne oder Kassandra. Der Kuss, der diesem ganzen Akt folgte, war so süß und lieblich, dass er dabei glatt das Wasser und den Raum um sie herum vergaß. Für diesen einen, aber langen Augenblick gab es nichts als ihn und Kassandra, die ihn liebte. Ich liebe dich auch. Die Worte hallten in seinem Inneren wie eine Essenz, die ihm neues Leben bescherte. Sie brachen von seinen Lippen, bis Zoras glaubte, dass er noch nie in seinem Leben so breit gelächelt hatte, wie in diesem einen Augenblick. Über alle Maße liebte er sie, vergötterte sie, und diese Liebe wurde erwidert. Wenn sie es nicht gesagt hätte, hätte er es doch in ihrem einzigartigen Blick gesehen, den sie nur ihm schenkte. Ihm alleine.
      "Meine Hübsche. Meine wundervolle Göttin."
      Er kostete ihre Lippen und dann kostete er ihre Berührung, so viel er davon noch haben konnte. Es war irrelevant, was nun der wahre Grund sein mochte, weshalb er ihre Annäherung unter Wasser aushalten konnte. Solange er ihre Nähe spüren konnte so wie jetzt, wollte er sie mit all seinen Sinnen genießen. Er wollte sie so lieben, wie er es schon seit einer geraumen Weile nicht mehr getan hatte.

      Erst nach Stunden verließen sie das Bad, als das Wasser schon lange kalt geworden war und ihre Körper zu viel von der Nässe hatten. Anders als erwartet, übertrug sich die gewonnene Leichtigkeit aber nicht auf das Bett, denn kaum wollte Zoras Kassandra in die Arme nehmen, wie er es schon für eine sehr lange Zeit an diesem Abend getan hatte, spürte er das gewohnte Gefühl von falsch und fass mich nicht an an die Oberfläche kriechen, der Vorreiter eines Unwohlseins, das sich bis in seine Knochen absetzen würde. Es wunderte ihn zwar nicht, dass ein Abend nicht gereicht hatte, um gewisse Grenzen zu überwinden, aber trotzdem war es eine gewisse Ernüchterung. Für die Nacht mussten sie sich wieder mit getrennten Decken versorgen, was Zoras aber zu überschatten versuchte. Bis in die tiefe Nacht hinein, drückte er Kassandra fest an sich und küsste sie auf zärtlichste Weise. Im Flüsterton unterhielten sie sich, allein um die dämmrige Dunkelheit, die lediglich von einigen von Kassandras Kerzen durchbrochen wurde, nicht zu zerstören. Das Zimmer war groß und ruhig und vor den Fenstern lag eine Stadt, die in einen friedlichen Schlummer gefallen war.
      In dieser Nacht schlief Zoras so gut wie schon seit Jahren nicht mehr.


      Vom Rat war immer noch nichts zu hören, nicht am Tag darauf und auch nicht darauf. Es war der Verwalter, der Zoras morgens abholte und ihn dann in Palastabläufe einzuweihen versuchte, die für Zoras immernoch kaum einen Sinn ergaben und ihm eher die Zeit stahlen als sonst etwas. Erst Kassandras aufmerksame Sinne machten ihn darauf aufmerksam, dass der Rat durchaus seinen Pflichten nachging, nur ohne einen gewissen Eviad dazu einzuladen. Wieso sollten sie auch? Die Regierung funktionierte gut so, wie sie war, und eine neue Partei würde nur Ärgernisse hervorrufen. Sollte man den Eviad doch seinen Titel genießen dürfen, die Regierungsgeschäfte konnten auch ohne ihn weitergehen.
      Wäre Zoras ein solcher Mann gewesen, der aus seiner hohen Machtposition lediglich den Profit herausschlagen wollte, ohne sich um die Schwerstarbeit dahinter zu kümmern, wäre er sicher damit zufrieden gewesen. Er lebte kein schlechtes Leben; die Dienerschaft war sehr fleißig, Wünsche wurden ihm in Windeseile erfüllt und er konnte gehen, wohin er wollte, ohne jemals auf eines der gewöhnungsbedürftigen Ratsmitglieder zu stoßen. Aber Zoras hatte sich die Prophezeiung nicht aus dem Zweck angeeignet, seinen einstigen Wohnsitz gegen einen Palast einzutauschen, der für Könige gemacht worden war. Zwar war Zoras nicht sonderlich erpicht darauf, ein Land zu regieren, aber er war doch durchaus erpicht darauf, ein Land hinter sich stehen zu haben, und das eine war nunmal ohne dem anderen nicht möglich. Deswegen sah er auch gleich, dass er sich in die Tagesgeschäfte des Rates hinein drängen musste, wenn er auch nur einen Schritt weitergehen wollte.

      Natürlich wollte er das aber nicht unvorbereitet tun und so wartete er nach Kassandras Rat ab, bis der Rat sich eines Tages wieder im Audienzsaal einfand, um zweifellos seine vielen Audienz-Anträge abzuarbeiten. Da zog sich Zoras sein türkis akzentuiertes Gewand über, nahm sich eine handvoll Wachen - das war auch noch eine Sache, die auf seiner Liste stand, aber für die er bisher nicht wusste, wie er dort ansetzen sollte - und marschierte selbst in den Thronsaal, Kassandra auf einer Höhe neben ihm. Man hatte für sie beide natürlich keine Plätze freigelassen und bei ihrem Eintritt starrten ihnen ausschließlich missbilligende Blicke entgegen. Einzig Dionysus hatte ein Lächeln im Gesicht, aber das war nicht viel einladender als das Zischen einer von Mirdoles Schlangen. Zoras ging zu ihnen hinüber und nach vielem kindischen Hin- und Hergetue, überließ man ihm endlich zwei Plätze, wo Kassandra und er sich niederlassen konnte.
      Wilben sah ihn missachtend an. Kalea starrte ihn abschätzend nieder. Feyra zeigte ihm die kalte Schulter. Einzig und allein die Champions wirkten einigermaßen neutral, doch Mirdoles Schlange zischelten konstant in Kassandras Richtung und Oronia versprühte Gift mit ihren Augen, die sie auf die Phönixin gerichtet ließ. Man konnte wohl behaupten, dass die beiden nicht sehr willkommen geheißen wurden.
      "Hat der Eviad sich wohl dazu entschlossen, seinen Pflichten jetzt doch nachzugehen und nicht mehr in den Bädern von Kuluar zu dümpeln, hm?", säuselte Dionysus, allein aus dem Grund, die sowieso schon dicke Luft unter ihnen noch dicker werden zu lassen. Zoras fühlte sich geradezu verpflichtet, ihm eine Antwort zu liefern.
      "Ich wäre schon früher gekommen, hätte man mich über die richtigen Abläufe informiert."
      "Woher können wir denn wissen, dass Euer Personal zu nichts taugt? Ist es denn überhaupt schon eingetroffen? Ich habe niemanden gesehen."
      Darauf konnte Zoras nichts mehr antworten, denn natürlich wusste jeder hier Anwesende, dass der Eviad ganz alleine hier war und sich nur auf die Hilfe seiner Phönixin verlassen konnte. Auch das war eine Sache, die sie ändern mussten und das zügig. Es war klar, dass man auf diesen Umstand schon längst aufmerksam geworden war.
      "Nun gut."
      Ristaer klatschte in die Hände.
      "Bringen wir es hinter uns. Kein Grund, hier noch länger zu warten."
      Er gab die nötigen Befehle an die nötigen Wachen und kurz darauf wurden die ersten Würdenträger herein eskortiert, die ein Anliegen an den Rat vorzubringen hatten. Die gebürtigen Kuluarer erwiesen dem neuen Eviad - anders als der Rat - den gebürtigen Respekt und trugen ihr Anliegen vor.

      Hier zeigte sich zum ersten Mal die große Diskrepanz zwischen Zoras und dem Rat, denn Zoras war kein gebürtiger Kuluarer und noch weniger ein Adeliger, der sich mit den Verhältnissen und Gepflogenheiten Kuluars auseinandergesetzt hätte. Noch dazu kannte er keinen einzigen dieser Menschen, die wohl einflussreich genug waren, um eine Audienz gestattet zu bekommen. Den vielen Vorträgen war er recht hilflos ausgeliefert, denn er konnte weder etwas mit ihren Inhalten anfangen, noch mit deren vermeintlichen Lösungen. Teilweise verstand er die Kuluarer nicht einmal; sie nutzten Fachbegriffe und Ausdrücke, die ihm weder geläufig, noch jemals über den Weg gelaufen waren. Man lernte schließlich kein kuluarisch als einfacher Söldner und erwartete dann, die gehobene Sprachkunst des Palastes zu beherrschen. Noch weniger erreichte man in nur wenigen Tagen ein solches Ziel.
      Also war Zoras darauf angewiesen, Kassandra die Führung zu überlassen und Kassandra reden zu lassen. Natürlich entging dem Rat eine solche Feinheit nicht und während sie am Anfang wohl noch das Spielchen getrieben hatten, dass der Eviad nichts wichtiges zu sagen hätte und man sich nur weiter an den Rat wenden solle, gingen sie sehr bald schon dazu über, Zoras die Leitung des Gesprächs zu überlassen und sich vollkommen zurückzulehnen. Dabei war dieser überfragt; er konnte nicht ernsthaft eine Antwort auf ein Problem produzieren, für das er erst einmal Tage bräuchte, um sich überhaupt einzulesen. Er war der Situation hilflos unterlegen und konnte nichts weiter tun, als nur immerzu an die Phönixin zu delegieren - denn auch, wenn sie ebenso wenig über Kuluar und dessen Gegebenheiten Bescheid wusste, hatte sie doch zumindest genug Erfahrung im Leben und auf der Erde, um die Menschen übergangsweise zu vertrösten.
    • Selbstverständlich war es Kassandra in den folgenden Tagen nicht entfallen, dass sich das Leben um sie und Zoras herum zu bewegen schien. Wenn sie hier und da zu gewissen Zeitpunkten Räume betrat, erwischte sie manchmal Bedienstete bei Unterhaltungen oder wie Unterlagen von A nach B getragen wurden. Immer darauf bedacht, möglichst ungesehen des neuen Herrschers zu geschehen. Bei den ersten paar Malen sagte Kassandra dazu noch nichts, doch im späteren Verlauf informierte sie Zoras über diese Umstände, wodurch sich ihre Vorgehensweise dringend ändern musste.
      Schon kurz darauf ließ die Phönixin Kunde nach Paspatera gehen. Darin bat sie Santras darum, Menschen an den Hof zu schicken, die in ihrem Namen agieren und Zoras unterstützen konnten. Je nach Größe der Gruppe würde es einige Tage dauern, bis ihre Unterstützer in der Hauptstadt eintrafen, aber dass sie es würden, stand außer Frage. Kassandra wusste, dass Santras ihr helfen würde, soweit es in seiner Macht stand. Schließlich hatte er es ihnen so auch zugesagt.
      Wie dringend sie diese Hilfe bedurften, wurde kurz darauf schon deutlich. Zoras erkämpfte sich praktisch seinen Sitzplatz bei den Besprechungen, nachdem er sich mit Kassandra darauf geeinigt hatte, aktiv zu werden und sich einzumischen. Während die Würdenträger ihre Anliegen vortrugen, hatte sich die Phönixin entspannt zurückgezogen und lauschte den Erklärungen und Worten. Ihr fiel es nicht schwer, der Unterhaltung zu folgen, aber ein Blick zur Seite bestätigte ihr, dass dies nicht für Zoras galt. Sein Pokerface half ihm nicht sonderlich, denn immer wieder musste er sich an seine Phönixin wenden, die ihm Floskeln und Fachwärter auf Therissisch erklärte. Das tat sie mit Absicht in der Sprache, damit wenigstens der Rat ihnen nicht umgehend folgen konnte. Dionysus‘ breites Grinsen ignorierte Kassandra geflissentlich. Irgendwann wandelte sich das Gespräch so sehr, dass nicht mehr der Eviad konkret angesprochen wurde, sondern nur noch die Phönixin. Als sei sie sein Sprachrohr. Doch Kassandra ließ es nicht so wirken, als sie sich erhaben und edel auf ihrem Sitz platzierte und ganz die Gottheit aufspielte, die sie eigentlich war und die man von ihr erwartete. Schließlich waren sie beide gleichgestellt und niemand dem Anderen unterstellt. Das war es, was sie zumindest verdeutlichen wollten.
      Nach dieser Sitzung betrieben Kassandra und Zoras einen Krisenrat. Gemeinsam zogen sie sich in eines ihrer Gemächer zurück, wo die Phönixin prompt damit anfing, Zoras gefühlt hunderte der Begriffe und Umstände zu erklären, die vorhin gefallen waren. Viel konnte sie zu den Traditionen, den Lehren und der Kultur nicht beitragen, allerdings konnte sie wenigstens ihm die sprachliche Barriere ein bisschen absenken. Sie brauchten Unterstützter, und das eher schneller als später.

      Gut eine Woche später gab es einen Tumult vor den Toren des Palastes. Kassandra selbst sah sich genötigt, Zoras im Empfangssaal abzusetzen, um eigenmächtig nachzusehen, weshalb die Wachen auf dem Vorplatz so einen Aufstand veranstalteten. Sie hatte sich in eines ihrer schönen, türkisen Gewänder geworfen, als sie mit wehendem Haar den Gang zum Tor hinunter schritt und sich schon brüstete, ein Wort der Mahnung zu sprechen, als sie zwischen den Türen innehielt. Vor den Toren stand ein ganzer Mob an Menschen, mehr als sie erwartet hatte, und sie traf den Blick eines einzigen Mannes, damit sich ein verschmitztes Lächeln auf ihren Lippen zeigte.
      „Sie werden passieren“, verkündete Kassandra den Wachen und bedeutete der Vorhut des Mobs, ihr zu folgen, als sie auf direkten Weg zu Empfangssaal ging.

      Die Tür zum Saal ging auf und gab die Sicht auf eine sehr zufrieden stolzierende Kassandra frei, die eine ganze Schlange an Menschen hinter sich her führte. Sie hielt direkt auf Zoras zu, kam zu ihm hoch und setzte sich auf den Stuhl an seiner Seite, der nur für sie angedacht war, und überschlug die Beine.
      Die Schlange an Menschen floss in den Raum und verteilte sich hinter einem einzigen Soldaten, der quasi die Vorhut bildete, und vor Zoras salutierte. Zu seinen Seiten bauten sich weitere Männer in Rüstungen auf, sauberen und gut gepflegten Rüstungen, bis fast 20 Mann eine Linie bildeten. Die Tücher, die zwischen den Gelenken der Stahlplatten hervorblitzten, waren türkis, ebenso wie die Helmzier, akzentuiert. Im Hintergrund trugen die Menschen keine Rüstungen; sie wirkten eher wie typische Bedienstete, mal Köche, mal Hausmädchen, mal Dienstboten. Zwei Männer in langen Roben stachen hervor, die eindeutig entweder Geistliche oder anders gebildetes Personal sein musste. Ihre Roben waren hellgrau meliert mit türkisfarbenen Ranken. Überall stach Zoras‘ gewählte Farbe auch bei den Kleidungsstücken der anderen Menschen hervor, immer dezent, aber sofort sichtbar. Sie tuschelten, manche lachten und wieder andere starrten auf Kassandra und Zoras, als seien sie beide ein gemeinsamer Messias.
      „Wie erbeten überbringe ich beste Grüße aus Paspatera und stelle hiermit die für Euch abberufene Einheit vor. Die Soldaten unterstehen ausschließlich meinem und damit Eurem Kommando, die ehemalige Leibeswache des Stadtherren Santras Gibra. Zusätzlich bringen wir zwei Gelehrte, Thosho und Lasyon, die Euch in Bräuche und Kunst Kuluars einweisen können. Des Weiteren wurden 38 Menschen aus Paspatera entsandt, die Euren neuen Hausstand bilden werden und zusätzlich noch 11 Menschen aus dem Randdorf Balbad, auf eigenen Wunsch hin.“
      Der Soldat salutierte erneut und legte die Hände an seinen Helm. Kassandra, die ganz genau wusste, wer darunter steckte, konnte ein Grinsen nicht mehr zurückhalten. Kupfernes Haar wallte unter dem Helm heraus, als der Vorsteher ihn abnahm und seitlich auf seine Hüfte stemmte.
      „Wir sind Euch zu Diensten, Herr“, sagte Zavion, der scheinbar allen Hohn und Misstrauen abgelegt oder ausgeprügelt bekommen hatte.
    • Nach der ersten Krisenratssitzung folgte erstmal keine weitere, denn von diesem Tag an war Zoras neben den amtlichen Beschäftigungen - bei denen er mitzuhalten versuchte - damit beschäftigt, sich von Kassandra Nachhilfe in kuluarisch geben zu lassen. Es fing mit Fachbegriffen an, von denen täglich neue hinzukamen, und ging über alltägliche Wörter hin zur Aussprache selbst, wobei das letztere erstmal nicht ganz so wichtig war. Es wäre wohl noch einfacher gewesen, sich gleich ein Wörterbuch zu besorgen, doch gab es in Kuluar kaum Kontakt mit Theriss und außerdem waren die meisten Bücher in alt-kuluarisch verfasst. Das war eine Sache, die Zoras auch noch aufholen musste und vor der es ihm jetzt schon grauste. Wenn es eine Sache gab, die er ganz bestimmt nicht tun wollte, dann eine neue Sprache und deren Benutzung lernen. Für kuluarisch hatte er bereits Jahre gebraucht und das aus der Not heraus, als aus allem anderen. Am liebsten hätte er sich nicht noch weiter darin vertieft.

      Nach einer Woche trugen aber bereits die ersten ihrer Anstrengungen Früchte. Kassandra hatte sich wohl mit Santras in Verbindung gesetzt und der hatte ihnen gleich ein ganzes Kollektiv aus seinen engsten Vertrauten geschickt, darunter 20 Soldaten und einen Haufen Bediensteter. Ganz vorne von ihnen stand der junge Zavion selbst, Sohn der Meisterin der Münze in Paspatera. Er trug eine ernste Miene zur Schau und salutierte schnittig, den Blick auf beide Herrscher vor ihm gerichtet.
      Zoras hatte nicht damit gerechnet, den Mann jemals wiederzusehen. Sein Auftreten war, gelinde gesagt, überraschend, genauso wie die Tatsache, dass Santras ihnen wirklich bereitwillig seine Leute geschickt hatte. Nun, ihnen war wohl zu viel des Guten, denn sicherlich waren sie hauptsächlich nur wegen Kassandra hier, aber das sollte Zoras recht sein. Immerhin waren Kassandra und er ein Team und wenn ihre Loyalität der Phönixin gelten würde, dann würde sich das auch automatisch auf ihn übertragen.
      Woran er keinerlei Zweifel hatte, war Zavions Loyalität an sich. Der Mann war ein fleißiger Kommandant, keine Frage, und wenn seine Gefolgschaft genug von ihm hielt, um ihm bis in die Hauptstadt zu folgen, dann war er auch der richtige Mann für sie. Dabei konnte guten Wissens vernachlässigt werden, wie viel Kampfkraft dem Soldaten innesteckte, denn das war wahrlich nicht das erste Ziel ihrer Garde. Vorrangig benötigten sie den Menschenschutz, den sie sich bereits außerhalb des Palastes aufgebaut hatten.
      Zoras neigte den Kopf.
      "Es freut mich, Euch hier empfangen zu dürfen, Kommandant."
      Das Wort hatte er glücklicherweise erst vor zwei Tagen von Kassandra gelernt, sonst hätte er sich wohl gleich vor dem neuen Hausstab blamiert.
      "Ich werde veranlassen, dass man alle im Palast unterbringen wird. Bis dahin, auf ein Wort."
      Er stand auf und gemeinsam mit Zavion verließen sie den Thronsaal, um sich in einen kleineren Besprechungsraum zurückzuziehen und den Mann über die Intrigen des Palastes aufzuklären.


      Zwei weitere Wochen vergingen, in denen Zoras - jetzt konstant von vier Gardisten eskortiert, darunter meistens Zavion - sich in einem Nest einzurichten versuchte, das aus giftigen Schlangen und bissigem Ungeziefer zu bestehen schien. Er lernte Männer und Frauen kennen, die jetzt in den Dienstquartieren lebten und die anderen Angestellten des Palastes ablösten. Der neue Butler war jung und schien ein Vertrauter von Zavion, wenn man den Blicken Glauben schenken konnte, die die beiden manchmal austauschten. Zoras bemühte sich darum, sich sämtliche Namen zu merken und so schnell wie möglich eine sichere Basis aus Vertrauen aufzubauen.
      In diese Vorgänge mischte der Rat sich nicht ein, aber zwei Wochen waren auch zu wenig, um sich ein Bild davon zu machen. Zoras und Kassandra wussten, dass man ihre Schritte verfolgte und sie beobachtete, auf die eine oder andere Weise. Sie wussten auch, dass sich noch keiner damit abgefunden hatte, jetzt den Eviad unter sich zu haben.
      Nach diesen zwei Wochen waren sie an weiteren Audienzen beteiligt, die Zoras noch immer vollständig an Kassandra delegieren musste, als die nächsten Anwärter hereingelassen wurden und in dem ganzen Meer aus fremden Gesichtern, komplexen Anliegen und verständnislosen Begriffen ein Bild abgaben, das alleine mit seiner Vertrautheit so sehr herausstach, dass Zoras einige Sekunden brauchte, bis er sie überhaupt zugeordnet hatte. Kaum hatte er es allerdings getan, ergriff ihn ein gar nostalgisches Gefühl.
      Tysion und Faia kamen hereinspaziert. Zoras hatte sie völlig vergessen gehabt.
      Der Mann trug eine ordentliche Lederrüstung, die frisch geputzt und poliert, aber ganz eindeutig nicht allzu hochwertig war. Er ging aufrecht, wenn auch langsam; in seinem Gesicht zeigte sich die übliche Teilnahmslosigkeit. Die Frau hingegen hatte die Augen weit aufgerissen und starrte dem Rat mit steifer Nervosität entgegen. Sie hatte sich die Mühe gemacht, sich eine türkise Schärpe zu besorgen, die sie sich um die Hüfte gebunden hatte. Keiner von beiden trug sein Schwert und das war durchaus ein seltener Anblick.
      Nahezu synchron salutierten sie vor der Versammlung und noch bevor einer von ihnen den Mund geöffnet hätte, erhob sich Zoras bereits und ließ eine Pause einrufen. Zumindest ergab er sich dem Schein dessen, denn in Wahrheit würde der Rat sicher nicht zögern, mit den Audienzen fortzufahren, auch wenn Zoras den Saal verlassen hätte. Doch das war ihm in diesem Moment gleichgültig, als er seine alten Kollegen sah.

      In einem kleineren Raum angekommen, schien Faia sich erstmals zu entspannen und strahlte Zoras aufgeregt an.
      "Du hast es wirklich geschafft! Wir waren uns so unsicher, als wir versucht haben, deine Kunde zu verbreiten; du möchtest gar nicht wissen, wie viele Leute uns mit dem Tod gedroht haben."
      "Das will ich eigentlich schon", entgegnete Zoras, der geflissentlich überging, dass Faia ihn duzte. Das durfte sie ihn ruhig, nachdem die beiden Söldner ihm höchst freiwillig bis nach Asvoß gefolgt waren.
      "Seid ihr auf Schwierigkeiten gestoßen?"
      "Es war bestimmt nicht leicht, wenn du das meinst. Viele wollten uns nicht glauben und die, die es schon getan haben, sagten uns, wir sollten den Schwachsinn mit den Anwärtern lieber schneller vergessen, bevor wir uns noch zur Zielscheibe machen. Wir sind auch nicht selten in eine Auseinandersetzung geraten."
      Das wäre wohl dasselbe Schicksal von Zoras gewesen, wenn er keine Göttin an seiner Seite gehabt hätte. Der Gedanke daran machte ihm ein schlechtes Gewissen, weil er die beiden einfach so losgeschickt hatte.
      "Aber ihr habt es geschafft."
      "Wir haben dir einen Namen gemacht, ganz richtig."
      Faia strahlte ganz stolz. Tysion stand schweigend neben ihr.
      "Besonders die Söldnerkreise sind dir ganz angetan. Die Nachricht darüber, dass ein Söldner die Prophezeiung erfüllt, macht ihnen allen Hoffnungen. Man muss nicht immer Söldner bleiben."
      "Ich bin weniger Söldner als eher Ausländer."
      "Das ist denen doch egal. Kuluar hat eine Geschichte von lauter wechselnden Einwanderungen, da macht einer mehr oder weniger auch nichts aus."
      Das war ganz eindeutig eine Lücke, die Zoras noch schließen müssen würde. Aber eins nach dem anderen.
      "Ich danke euch. Nicht nur für das hier, sondern auch für Asvoß."
      Da wurde Faias Lächeln ein bisschen kleiner und sie sah fast verlegen zur Seite hin weg.
      "Wenn ich ehrlich bin Ischyll - Zorah meine ich - sind wir für unseren Lohn gekommen. Also nicht, dass wir einen eingefordert hätten, aber wir dachten nunmal, da du es ja geschafft hast, und jetzt lebst du ja in diesem Palast und wir haben ja auch was dazu geleistet. Wir verdienen eine Belohnung."
      Das bestätigte Zoras mit einem Nicken. In einer anderen Situation wäre ihm die Forderung sicher dreist vorgekommen, aber er kannte die beiden nicht nur, sondern hatte selbst in ihrer Haut gesteckt. Wenn sie nicht gewesen wären, hätte er es nicht zu Kassandra geschafft und was war da schon eine Vergütung.
      "Natürlich. Ihr sollt bekommen, was ihr benötigt."
      Er sah kurz zu Kassandra.
      "Aber kann ich euch den Vorschlag bringen, euch meinem Hausstab anzuschließen?"
      Faia neigte den Kopf zur Seite.
      "Deinem Hausstab? Was sollen wir da machen?"
      "An meiner Seite sein - so wie früher. Ich brauche Leute, denen ich vertrauen kann. Und bei euch weiß ich, dass es nicht um Gold gegangen ist. Nicht bei Asvoß."
      Faia nickte langsam, während Tysion sich kaum regte. Der Mann starrte abwechselnd Zoras und Kassandra an und musterte dann den Boden.
      "Aber dann würden wir hier im Palast wohnen, nicht? Und... Palast-Sachen machen? Was macht man hier denn so?"
      Zoras gab ihr eine Auflistung dessen, was hier für Aufgaben anfielen, die rein gar nichts mit der Kämpfernatur zu tun hatten, die Faia wohl war. Das merkte er schon, während er sie aufzählte, und sah sich darin bestätigt, als die Frau schließlich den Kopf schüttelte.
      "Sowas kann ich nicht. Jeden Tag hier drinnen herumstolzieren und Politik führen, das bin ich nicht. Ich brauche Freiheit, dieselbe, die ich jetzt schon habe."
      Zoras erinnerte sich daran, dass er kaum etwas über die beiden wusste, aber diese Aussage sagte wohl genug über Faia aus. Sein Blick ging weiter zu Tysion.
      Der Mann nahm sich länger Zeit zum Antworten, so wie es ihm ähnlich sah. Er schwieg einige Zeit lang, bis er erst Kassandra, dann Zoras ansah.
      "Ich glaube nicht, dass ich ein geeigneter Mann dafür bin."
      "Du hast dich dazu geeignet, an meiner Seite zu kämpfen, du wirst dich auch dazu eignen, an meiner Seite zu sitzen."
      Tysion musterte ihn lange, abschätzend, doch dann nickte er. In seine Augen trat ein unleserlicher Ausdruck.
      "Dann will ich Euch zu Diensten sein, so gut ich es kann."
      Das erleichterte Zoras in einem Maß, wie er es nicht für möglich gehalten hätte. Er hatte die Anwesenheit des alten, stillen Söldners immer geschätzt und sie jetzt auch bei sich zu wissen, in einem Haus voller sonst Unbekannte, nahm eine gewisse Last von seinen Schultern. Er hatte Tysion sein Leben anvertraut, er würde ihm auch seine Sorgen anvertrauen können.
      "Dann ist es entschieden."
      Tysion würde bleiben - und Faia:
      "Ich möchte genug Gold haben, um meine eigenen Söldner anzustellen."
      In ihren Augen funkelte es.
      "Meine eigene Söldnertruppe. So viel möchte ich, so viel brauche ich."
      Und es sprach nichts dagegen, als es ihr zu gewähren. Zoras musste zwar noch herausfinden, wie er die Schatzkammern des Palastes plündern konnte, aber das sollte wohl kein Problem darstellen.
      Tysion erhielt einen Titel als Zoras' Berater und Faia machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Sie würde ihr Gold erhalten und dann würden sie wohl nie wieder etwas von dieser Frau zu sehen bekommen.

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    • Die nächsten zwei Wochen stellten sich als Eingewöhnungsphase für die neuen Menschen heraus. Kassandra konnte zunehmend damit aufhören, Zoras 24 Stunden am Tag zu überwachen dank Zavion und seinen Männern. Es hatte nicht lange gedauert ehe sie bemerkt hatte, dass sich in dem Verhalten des jungen Mannes wahrlich etwas geändert hatte, primär gegenüber Zoras anstelle ihr. Je länger sie ihn dabei beobachtete, wie er sich in Zoras‘ Gegenwart gab und andererseits mit ihr sprach, desto sicherer wurde sie, dass Zavion noch immer Aversionen ihr Gegenüber hegte, allerdings Zoras als neuen Eviad vollends anerkannte und scheinbar dem Glauben der Prophezeiung anheimfiel. Dagegen wandte die Göttin nichts ein. Solange der Mann seine Arbeit vollrichtete und dafür sorgte, dass Zoras seine paranoiden Züge ein bisschen abmildern konnte, war ihr diese Handhabe recht.
      Dann wurde der Trott der Eingewöhnung, Audienzen und Lehrstunden von einer Besonderheit unterbrochen. Kassandra, die auf ihrem Platz im Besprechungssaal neben Zoras saß und gerade noch irgendeinen Snob weg delegiert hatte, blinzelte zweimal, als sie zwei bekannte Auren wahrnahm, die gerade den Palast betreten hatten. Sie machte nur einen nachdenklichen Ton, lehnte sich zurück und hüllte sich in Schweigen, als Faia und Tysion den Saal betraten und Zoras‘ Aura vor Überraschung und Freude flackerte. Der erhob sich direkt und ließ eine Pause ausrufen unter sichtlicher Belustigung des Rates. Für einen Moment gedachte sie, einfach hier zu bleiben und dafür zu sorgen, dass die Ratsmitglieder nicht wieder ihrem typischen Verhalten verfielen, doch der Eviad wünschte ihr Beiwohnen. Also schloss sie sich dem Trio an, als sie sich in eines der Seitenzimmer zurückzogen und Zoras seine Wiedervereinigung feiern durfte.
      Tysion war noch immer der Mann der Stille und kaum Expressionen. Auf ihn achtete Kassandra nicht sonderlich, selbst wenn seine Rüstung endlich nicht mehr so schäbig aussah wie damals bei Asvoß.
      Faia hingegen bedachte Kassandra nicht mehr mit diesen feindseligen Augen. Sie achtete nur auf Zoras und hatte ein anderes Glitzern in den Augen. Dieses Glitzern kannte Kassandra allerdings gut genug. Das waren Augen der Gier, die jeder Mensch in seinem Leben früher oder später einmal zur Schau stellen würde. Als kurz darauf die Bestätigung dessen kam, unterdrückte Kassandra einen spöttischen Laut und drehte sich stattdessen zu einem der großen Fenster, wo sie die Vorhänge beiseiteschob und es so wirkte, als halte sie Ausschau. Mit den beiden Menschen hatte sie schließlich nicht sonderlich viel zu schaffen, aber für Zoras bekleideten sie ein nicht unwichtiges Amt in seiner Gefühlswelt. Deswegen warf sie auch nichts ein, als er die Beiden zu seinem Haushalt berufen wollte, allerdings nur Glück mit Tysion hatte.
      So zog Faia wieder ihrer Wege und Kassandra ertappte sich dabei, dass sie ehrlich gesagt froh darum war. Die Frau hatte eine Art an sich, die sie nicht wertschätzte, und wäre Zoras nicht gewesen, hätte sie sie unlängst ihres Platzes verwiesen. Tysion hingegen war mit seiner schweigsamen Art wesentlich besser zu ertragen und ging eher in dem schrillen Haufen der Menschen hier unter als aufzufallen. Sie müssten nur noch sehen, wie sie ihn am besten einsetzen konnten. Vielleicht könnte man ihn ja zu den Ratsmitgliedern vorschicken. Die hätten garantiert ihren Spaß mit Tysions trockener Art, befand Kassandra, als sie wieder zurück in den Audienzsaal gingen.
    • Nach Tysions Eingliederung stellte sich der neue Alltag wieder her und baute sich zu etwas auf, was man als des Herrschens würdig erachten konnte. Tagsüber bemühte Zoras sich, sich in die Abläufe des Palastes einzuschleusen und seine neue Autorität dort aufzubauen, wo sie auch gebraucht wurde. Er nahm an Audienzen und Besprechungen teil, ließ sich Anträge und Schreiben vorlegen - die er sich zu großer Belustigung des gesamten Rates von Kassandra vorlesen lassen musste - und wirkte bei der Gesetzgebung mit. Zumindest versuchte er das konstant; in Wahrheit legte der Rat wenig, wenn überhaupt etwas auf seine Worte. Seine Einwürfe wurden heruntergespielt, seine Aussagen noch im Mund verdreht, seine Fragen nicht beantwortet oder gar falsch, was augenscheinlich für viel Unterhaltung sorgte. Wenn er sich darauf berufen wollte, dass ihm als Eviad das gottgegebene Recht zustand, dieses Land auf den richtigen Pfad zu bringen, wurde mit zweierlei Aussagen geantwortet. Wenn sie alleine waren, wenn also keine Wachen oder Außenstehende dabei waren, die ihre Worte hätten hören können, wurde ihm vorgezeigt, dass die Prophezeiung nichts weiter als eine Farce war, um die Leute bei Laune zu halten und er sich glücklich schätzen durfte, dass man ihm noch immer Obhut im Palast gewehrte - zu dem gleichen Zweck, nämlich um die Leute bei Laune zu halten. Waren sie nicht alleine und es gab etwa noch Wachen mit im Raum, so wurden ihm seine jüngsten Fehler vorgehalten und beteuert, dass es besser wäre, dem Rat mit der deutlich größeren Erfahrung das Regieren zu überlassen, bis der neue Eviad sich eingespielt hätte. Da Zoras keinerlei Grundlage dafür besaß, diese Aussage zu widerlegen, da er jeden Tag aufs Neue bewies, wie wenig er von all den Dingen wusste, musste er sie gewähren lassen. Es fiel ihm keine Möglichkeit ein, seinen neu gewonnenen Titel in tatsächliche Macht umzusetzen. Das gewöhnliche Gesindel huschte vor den Befehlen des Eviads, aber so hoch oben kam er mit dem gewöhnlichen Gesindel gar nicht in Berührung. Es war der Rat, der im folgen musste, damit auch der Rest des Landes es tun würde.
      Eine geringe - wenn eigentlich gar keine - Erleichterung war es zu sehen, dass es Kassandra nicht besser ging. Wenngleich die Phönixin sowohl die nötige Erfahrung auf der Erde, als auch in Sachen Regentschaft aufweisen konnte, um sich in den täglichen Geschäften einbringen zu können, zählte hier ihre Meinung genauso wenig wie Zoras'. Wenn sie ihm zur Hilfe kommen und seine Argumente unterstützen wollte, wurde sie zumeinst von Dionysus mit einem amüsierten "Seht nur, wie der Vogel eine Krone tragen will" herunter gemacht und wenn das nicht zog, war es zumeist Oronia, die sämtliche Abläufe in ganz Kuluar genau kannte und Kassandra daher auch genau vorlegen konnte, weshalb sie unbedingt falsch lag. Ob das nun der Wahrheit entsprach war unklar, doch man konnte nicht ignorieren, dass Oronia außerhalb dieser Besprechungen die ganze Zeit als körperloses Wesen in den Gewässern der ganzen Stadt unterwegs war und tausende Gespräche auf einmal belauschte, während Kassandra seit ihrer Ankunft kaum den Palast verlassen hatte. Es war daher schlicht irrelevant, ob die Nymphe die Wahrheit sprach oder log, denn Kassandra konnte es ihr nicht widerlegen. Außerdem - und das war wohl das Lieblingsargument des ganzen Rates - konnte man wohl kaum erwarten, als Sklavin an große Weltkenntnis zu gelangen. Auch Kassandra solle sich wohl glücklich schätzen, als freie Göttin in diesen Gemäuern leben zu dürfen und nicht zu ihrer alten Sklavenschaft gezwungen zu werden. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht an die Schmach ihrer weltlichen Existenz erinnert wurde.

      Doch wenn die beiden einmal nicht mit dem Rat in Berührung kamen, ging das Leben leichter. Abends besuchte Zoras den Unterricht bei den beiden Gelehrten Thosho und Lasyon, die mit den Grundlagen der Grundlagen anfangen mussten und dabei damit, dass Zoras alt-kuluarisch lesen lernte. Wenn er das nämlich beherrschte, konnte er erst anfangen, Bücher über kuluarische Geschichte, wichtige Meilensteine, Entwicklungen und besondere Persönlichkeiten zu pauken, die ihm dann erst ein fundiertes Grundwissen über Kuluar beschaffen konnten. Und wenn er das erstmal beherrschte, konnte er sich mit der Kultur auseinandersetzen und daraus entstehend auch damit, wie sich dieses Land beherrschen lassen würde. Alles in allem fühlte es sich so an, als sei er zurück in der Schule, nur dass jetzt viel mehr daran hing, dass er den Stoff zu begreifen lernte. Hätte er in Theriss als Herzog versagt, wäre er wohl eines Tages ersetzt worden, aber wenn er hier versagte, waren sie im günstigsten Fall wieder dort, wo sie vor einem Jahr erst angefangen hatten, nur dann ohne Grundlage, wie es weitergehen sollte. Im schlimmsten Fall waren sie tot.

      Zoras bemühte sich daher nach Leibeskräften, was nicht wenig davon unterstützt wurde, dass er jetzt einen soliden Hausstab besaß, Kassandra an seiner Seite hatte und jetzt auch noch Tysion. Wenn es sich zeitlich einrichten ließ, zogen Kassandra und er sich abends für eine Stunde in das große Bad zurück, um ihre Gemeinsamkeit zu genießen. Wenn das nicht möglich war - auch mitunter, weil Zoras herausfand, dass das Wasser doch kein Heilmittel war und er durchaus Tage hatte, an denen er Kassandras Berührung selbst im tiefsten Wasser nicht ertragen konnte - saß er mit Tysion in altbekannter Weise zusammen, beide in Schweigen gehüllt und eine Zigarre rauchend. Der Mann sah mit seinem Aufenthalt im Palast deutlich besser aus; sein weißes Haar fiel ihm gepflegter über die Ohren und er trug stets eine frische Uniform, die ihm sehr das Aussehen eines Offiziers verliehen. Zoras nahm sich vor, ihn eines Tages darüber zu fragen, wer er eigentlich war und was seine Geschichte war, aber für den Moment hatte er genug davon, die ruhige Präsenz des Älteren zu genießen. Es erinnerte ihn an wenige, wenn auch schöne Tage, an denen sie an warmen Abenden beim Lagerfeuer gesessen hatten und Faia und Omnar bei ihrem dummen Geschwätz gelauscht hatten. Es erinnerte ihn auch an die vielen Übungskämpfe, die sie beide abgehalten hatten und die Zoras nicht nur fit, sondern an manchen Tagen auch noch geistig gesund gehalten hatten. Einfach gesagt, genoss er die Anwesenheit des Mannes mehr, als er erwartet hätte.


      So strichen weitere Wochen ins Land, die zwar Besserung in Sachen Wissen und Sprache brachten, nicht aber in Sachen Rat. Auch nach einem Monat hatte Zoras noch immer keinen Platz im Rat und würde es wohl auch nie bekommen, solange sich alle Mitglieder vereint gegen ihn stellten. Da konnte auch Kassandras Macht nicht helfen, denn wenn sie hier anfingen, die Ratsmitglieder zu verbrennen, würden sie ihren menschlichen Schutz verlieren, das einzige, was sie wirklich an Ort und Stelle hielt. Nein, es mussten andere Geschütze aufgefahren werden und Zoras war nicht bereit dazu, noch länger darauf zu warten, ob es sich auch von selbst erledigen würde. Er musste handeln, so wie er es mit allen anderen Dingen bisher auch getan hatte.
      Eines Tages kamen sie also in den Besprechungsraum, in dem sich die meisten schon eingefunden hatten. Zumindest ließ man ihnen mittlerweile zwei Plätze frei, vermutlich deswegen, weil es die Männer und Frauen selbst nervte, ständig darauf warten zu müssen, bis alles zur Ruhe gekommen war. Das war zwar ein sehr geringfügiger Sieg, aber weder Kassandra, noch Zoras war er entgangen und daher versuchten sie, weiter darauf aufzubauen.
      Als schließlich alle eingetroffen waren, kamen die Boten mit den Briefen herein, die abgearbeitet werden mussten, aber Zoras bedeutete ihnen, dass sie warten sollten. Zumindest so viel Macht besaß er, denn wenngleich die Boten zweifellos ebenso parteiisch waren, konnten sie sich doch nicht die Blöße geben, in Anwesenheit der ganzen Regierung den Befehl des Eviads zu verweigern. Außerdem waren heute zum Schein auch Wachen anwesend und darauf baute Zoras.
      "Ich habe ein eigenes Anliegen, bevor wir anfangen können."
      Oronia verdrehte die Augen, Kalea stieß ein genervtes Stöhnen aus, als wäre es eine große Anstrengung, dieses ganze Sitzen noch weiter herauszuzögern. Ristaer winkte ungeduldig mit der Hand.
      "Was ist denn?"
      "Wer von euch hat einmal in der Armee gedient?"
      Das beschaffte ihm doch den ein oder anderen aufmerksameren Blick, auch wenn das noch nichts heißen musste. Dionysus lag quer auf seinem Stuhl und musterte Zoras neugierig, als warte er darauf, dass der Mann einen Zaubertrick zu seiner Belustigung vorführen würde.
      Nach ein paar Sekunden Schweigen keifte Wilben:
      "Was soll das mit irgendwas zu tun haben?"
      "Es interessiert mich nur."
      Der alte Mann schnaubte verächtlich und lehnte sich zurück.
      "Und für sowas verschwenden wir unsere Zeit. Also ich habe das nicht. Für sowas ist Oronia da."
      "Seht nicht mich an", schnauzte Kalea ihn an, als Zoras den Blick zu lange auf sie gerichtet ließ. "Sehe ich so aus, als würde ich mich mit primitiven Waffen schmutzig machen?"
      Alle lehnten ab, nur Esho war - nun, er war nunmal Esho. Das war Zoras aber nur recht, der aufstand und um den Tisch herum nach vorne ging, wo er sich wieder zu ihnen umdrehte.
      "Im Militär wird vor einem Ranghöheren salutiert. Das ist eine Respektsbezeugung, die -"
      "Was? Was war das? Eine Erespt..."
      Dionysus und Feyra kicherten, Kaelas Mundwinkel zuckten. Zoras versuchte Wilben zu ignorieren, auf den die meisten Scherze über Zoras' Aussprache zurückzuführen waren.
      "- die den Zweck hat, die Authorität des Gegenübers anzuerkennen."
      "Die was?"
      "Sie wird auch für Disziplin eingesetzt, die jeder Soldat innehaben sollte."
      "Kommt auf den Punkt, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit."
      "Da wir kein militärischer Verbund sind, salutieren wir nicht. Aber ich möchte von heute an, dass ihr aufsteht, wenn ich den Raum betrete."
      Das traf auf eine schweigende Denksekunde, bevor die Tirade erst losbrach.
      "Abgelehnt."
      "Sowas machen wir nicht."
      "Was für eine Idee! Sollen wir vielleicht noch auf den Tischen für Euch tanzen?"
      "Ihr könnt auch gerne stehen bleiben, wenn Ihr hereinkommt."
      "Das ist doch eine Zeitverschwendung."
      Heraus kristallisierte sich schließlich Dionysus:
      "Nachdem Ihr jetzt also Euren höchst amüsanten Vorschlag angebracht habt, können wir dann endlich fortfahren? Bote, bring uns die Briefe. Die Stühle sind so unbequem, ich möchte mir hier nicht länger -"
      "Nein. Du bleibst."
      Er sah den Boten an, der sich bereits in Bewegung gesetzt hatte, um wie ganz selbstverständlich dem Gott des Weines die Briefe zu überbringen, und jetzt wie angewurzelt stehen blieb. Seine Augen weiteten sich marginal, als er ganz eindeutig abzuwägen versuchte, wessen Befehl denn nun der richtige war. Allerdings waren an diesem Tag eben auch Wachen anwesend und daher entschied sich der Bote dazu, auf Zoras zu hören.
      Ein Punkt an den Eviad in dieser Sache.
      "Ihr werdet aufstehen, wenn ich den Raum betrete, weil ein höherer Rang anwesend ist und ihr euch entsprechend zu verhalten habt. Vorher werden wir nicht anfangen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?"
      "Wohl kaum. Ich hätte das gerne schriftlich."
      Mirdole kicherte und Zoras ignorierte beide.
      "Das gilt auch für den heutigen Tag. Ich bin schon hereingekommen, deswegen können wir das ganze jetzt auch gerne üben. Alle stehen einmal auf."
      Natürlich rührte sich niemand. Dionysus amüsierte sich ganz prächtig, aber sonst war absolut niemand dazu gewillt, Zoras Folge zu leisten. Immerhin ging es hierbei um eine Bagatelle, das war selbst den Wachen im Raum klar.
      "Bevor ihr nicht aufsteht, werden wir nicht anfangen. So einfach ist es."
      "Gut, dann gehe ich halt wieder."
      Der Stuhl kratzte über den Boden und Kalea erhob sich. Ihr Blick war zornig, als sie damit Zoras bedachte.
      "Ich habe besseres zu tun, als Hündchen für Euch zu spielen."
      Sie und ihr Champion gingen nach draußen, doch damit waren sie erstmal die einzigen. Denn bis auf Kalea schienen alle anderen begriffen zu haben, dass sie diese Besprechung nicht einfach auflösen konnten. Zoras könnte sie noch immer durchführen, selbst wenn er und Kassandra alleine zurückblieben und das war nun etwas, was niemand gerne haben wollte.
      So gesehen war diese Situation ein Patt. Zoras verwehrte, dass sie ohne aufzustehen anfangen würden und der Rat verwehrte ihm das Aufstehen.
      Was sich im besten Fall in den ersten Minuten hätte erledigen lassen können, zog sich über zehn Minuten, dann zwanzig Minuten, eine halbe Stunde und schließlich eine ganze Stunde hin, in der Zoras unentwegt vorne vor dem Tisch stand, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und eine Bastion zwischen Rat und Bote darstellte, die die beiden Seiten nicht zueinander ließ. Zwei Stunden vergingen und dann musste die gesamte Versammlung sich aus Zeitgründen anderen Terminen widmen.
      Keine Briefe waren verfasst oder gelesen worden. Für sie alle mochte das ein Verlust sein, aber für Zoras war das ein Gewinn. Ein sehr kleiner, winziger, marginaler Gewinn.

      Im späteren Verlauf des Tages schloss Dionysus zu Kassandra auf. Die Phönixin klebte jetzt nicht mehr an den Fersen ihres Schwurpartners, weil seine Garde ausreichend war und er sich zu dieser Zeit sowieso zurückzog, um sich von seinen Lehrern unterrichten zu lassen. Während Zoras also alt-kuluarisch zu verstehen versuchte, schloss der Weingott zu der Phönixin auf und schlenderte amüsiert lächelnd neben ihr her.
      "Wie lange ist jetzt schon seit eurer Krönung vergangen? Zwei Monate? Zwei Monate und jetzt kommt dein Mensch mit so einer Idee um die Ecke. Was hast du ihm nur gelehrt, Vogel? Hast du ihm irgendwelche wirren Gedanken in den Kopf gesetzt? Ihn zu sehr bezirzt - dein Federkleid zu sehr geschwungen? Hast du überhaupt schon einmal einen Paarungstanz mit ihm aufgeführt? Ihr Vögel macht das doch so gerne, viel lieber als diese menschlichen, kümmerlichen Annäherungen, die ihr da ständig im großen Bad verrichtet."
    • Die nächste Zeit hielt Zoras arg beschäftigt und eröffnete Kassandra völlig neue Möglichkeiten. Durch die erhöhte Präsenz von eigenen Soldaten wurde die Not, ständig an Zoras‘ Seite sein zu müssen, abgemildert. So sehr, dass sie sich schließlich dabei ertappte, wie sie allein in den Gängen des Palastes umher wanderte und hier und da Gesprächsfetzen auffing. Das ging über einige Tage hinweg, ehe ihr dies zu langweilig wurde.
      Sie begann damit in ihrer Freizeit Informationen über die Tagesabläufe der Ratsmitglieder zu beschaffen. Da sie aber keine sonderlich gute Spionin war und ihr irgendwann auch auffiel, dass das überhaupt nicht das war, was sie tun sollte, unterließ sie dies schließlich auch wieder. Folglich setzte sie sich eher mit der Entwicklung von Zoras auseinander und immerhin standen noch die täglichen Sitzungen mit dem restlichen Rat an.
      Diese Sitzungen entpuppten sich über die Zeit als nicht nur anstrengend, sondern regelrecht nervenaufreibend. Zu lange hatte Kassandra unter den Spielereien der Menschen gelebt, als dass sie kein perfektes Pokerface besaß. Auch ihre Aura war ein perfekter Spiegel zu ihrer Miene, die stets gleichgültig blieb, egal mit welchen Spitzen man sie zu bombardieren suchte. Aber unter der Oberfläche arbeiteten die Worte. Wie ein Fluss, der Steine im Lauf der Zeit rund schliff, zermürbten sie die Phönixin, machten sie leichter reizbarer, unleidlicher. Nichts davon trug sie nach außen, ließ es in sich köcheln, wie sie es all die Jahre schon getan hatte. Und schneller als ihr lieb war fand sie sich dort, wo sie gewesen war, kurz bevor sie ihre Essenz zurückerhalten hatte. Mit der Wut, so tief verankert in ihrem Inneren, die das rote Feuer beschmutzte und schwärzte. Jene Wut, die sie in eine wandelnde Naturgewalt verwandelte und die wirkliche Gefahr für Land und Leute darstellte. Als sie das realisierte, erschauderte Kassandra vor sich selbst und beschloss, den Teil einfach noch tiefer in sich wegzuschließen. So weit weg, wie sie es auch mit den Erinnerungen an ihr einziges Kind getan hatte.

      Die Zeiten, in denen Zoras bei seinen Lehrern war oder Zeit mit Tysion verbrachte, häuften sich. Immer häufiger fand Kassandra Freizeiten vor, die sie hier in dieser Stadt in dieser Zeit unter diesen Konditionen nicht so nutzen konnte, wie sie es wollte. Sie besaß keinen Tempel, wo sie sich hätte zeigen können. Es gab hier keine Gläubigen, sondern nur Verehrer des Eviads, der sich die Liebe einer Göttin erkämpft hatte.
      Immer öfter verschwand Kassandra aus den Gemäuern des Palastes, ohne dass es jemand mitbekam. Sie tauchte nicht in den lebhaften Teilen der Hauptstadt ab, um der Propaganda zu lauschen oder Einfluss zu verbreiten. Nein, die Phönixin entfernte sich jedes Mal aus der Stadt ins Umland, dort, wo keine Siedlungen und keine Menschen mehr zu finden waren. Ein karges Stück Land mit Felsschluchten und dürren Büschen statt Bäumen. Meistens war sie nur maximal eine Viertelstunde hier, aber in diesen fünfzehn Minuten veränderte sie den gesamten Landabstrich. Die gelbbraunen Steinplatten schmolzen und formten sich zu völlig neuen Gefilden, die Büsche brannten bis auf den Boden ab, sodass nur noch Asche übrig blieb. Risse, ausgelöst durch Spannungen zwischen Hitze und Kälte, sprengten riesige Findlinge, als Kassandra ihre Wut und ihren Frust an der Natur ausließ, die wenigstens mit ihrer Gewalt arbeiten konnte. Jedes Mal stand sie wie die Ausgeburt des Feuers in ihrem eigens geschaffenen Inferno aus schwarzen Flammen, schwer atmend und die gleichgültige Maske ihres Gesichts vollkommen verzerrt. Und jedes Mal kehrte sie zurück, bevor jemand auch nur nach ihr fragen konnte und wieder die völlig gefasste Phönixin, an der sämtliche Worte abzuprallen schienen.

      Nach weiteren Wochen kam es zu einer Sitzung, in der erstmals eine Art Umbruchstimmung zu spüren war. Zoras hatte seine Idee Kassandra kurzerhand unterbreitet, die sie als überaus sinnvoll betrachtete, und sie sich ganz entspannt in ihren Sitzplatz setzte, als Zoras dem Rat seinen Plan zur Respekterweisung ausführte. Wie erwartet brandete Protest auf in sämtlichen Ausführungen, wobei es nur Kalea war, die sich wirklich aus dem Raum zurückzog. Die anderen Mitglieder stellten auf stur, doch Esho musterte Zoras und Kassandra abwechseln, so als würde er über etwas nachdenken. Er hatte als einziger die Frage bejaht, ob er in der Armee gewesen war, und war demnach mit den Ansprachen und der Zollung von Respekt vertraut. Auch er war nicht aufgestanden, doch die Art, wie sein Blick hin und her sprang verdeutlichte Kassandra, dass der Mann über etwas nachdachte. Als plane er etwas und agiere nicht nur aus purer Sturheit wie ein Kind.
      Als daraufhin wieder Stimmen laut wurden, mischte sich Kassandra nicht ein. Es war nicht ihr Kampf, der da ausgefochten wurde, sondern ganz allein der von Zoras. Wie man ihren Stellenwert im Rat und an seiner Seite bewertete, war auch so schon eindeutig genug und würde sich nicht großartig ändern lassen. Sie würde es aussitzen müssen, so wie Zoras es nun tat und darauf wartete, dass der Rat endlich einknickte.
      Was er auch nach zwei Stunden nicht tat.

      Gegen Abend zog sich Zoras wieder zu einem seiner Lernstunden zurück und überließ Kassandra sich selbst. Gerade nach dem Tag wie heute freute sie sich schon darauf, wieder zu ihrem neuen Lieblingsplatz in der Einöde zu fliegen und einfach ein bisschen Druck abzulassen. Etwas energischer als sonst ging sie also den langen Gang entlang, der sie zur Treppe und dann zur Dachterrasse führen würde.
      Dionysus‘ Aura hinter sich spürte Kassandra gefühlt schon seit einem Kilometer Entfernung.
      Trotzdem wurde sie keinen Deut langsamer, als der Weingott zu ihr aufschloss und er sich notgedrungen an ihr Tempo anpassen musste, wenn er nicht abgehängt werden wollte.
      „Ich bin wahrlich erstaunt, wie gut du Zeiten hier auf Erden einschätzen kannst. Ich vergaß, dass man mit Fesseln einige seiner göttlichen Fertigkeiten verliert und plötzlich das Konzept von Zeit versteht“, erwiderte Kassandra beiläufig, als sie um eine Ecke bog und nicht die Treppe nahm. Sie würde nicht andeuten, wohin sie verschwinden würde. „Außerdem besitze ich einen Namen und ich wäre entzückt, wenn du ihn auch benutzen würdest. Sonst könnte es passieren, dass der nächste Wein vielleicht nicht mehr ganz so gut schmeckt.“
      Inwiefern sie dafür sorgen würde, überließ sie seiner Fantasie. Bei seinen letzten Worten stoppte Kassandra auf der Stelle und so abrupt, dass Dionysus noch einen Schritt weiter ging als sie und sich umdrehen musste.
      „Ah, höre ich da Worte des Neides aus dem Munde des Gottes der Freude? Sag bloß, deine Trägerin hat dir noch nicht die Freuden des Menschseins aufgezeigt? Nein? Hat sie nicht?“, spottete Kassandra mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht. „Ich dachte, es sei alles erlaubt, was Spaß macht, und das enthält ausgerechnet das Menschenkind dir vor? Ah… ich vergaß erneut. Die Fesseln, ja… Wenn dein Menschenkind so abgestoßen von deiner Art ist, brauch sie ja nur ein Nein aussprechen und du kannst sie gar nicht berühren…. Stimmt ja… So was Ungünstiges…. Oder ist es etwas anderes, hm?“
    • Dionysus' Lächeln weitete sich zu einem Grinsen aus. Er musste große Schritte nehmen, um mit der Phönixin Schritt zu halten, aber das zügige Tempo machte dem Gott nichts aus.
      "O ja, hier unten spüre ich die Zeit deutlicher als dort oben. Wir sollten uns mal darüber austauschen, über die Zeit auf der Erde. Du wirst sicher viel zu berichten haben."
      Für Dionysus war das alles nur ein großer Akt zu seiner Belustigung. An manchen Tagen, so wie besonders heute, schien er sein Zimmer zu verlassen, nur auf der Suche nach der nächsten Unterhaltung, die sich hier im Palast finden ließ. Dabei waren womöglich nicht einmal die anderen Ratsmitglieder vor ihm sicher; aber seit der Ankunft des neuen Eviad war sein Lieblingsziel wohl allen klar: Eine gefiederte, schwarze Phönixin in Menschengestalt. Ja, von ihr bekam er in der letzten Zeit sicher eine Menge Unterhaltung.
      Er lachte sogar.
      "Möchtest du etwa andeuten, dass du meinen Wein vergiften willst? Wie amüsant! Ja, bitte - wenn es dir doch schon nichts ausmacht, sorge doch dafür, dass mein nächster Wein nicht mehr ganz so gut schmeckt. Ich trinke immer einen zum Frühstück, das sollte dir vielleicht bewusst sein. Oder ist das nicht genug Zeit für dich? Vielleicht lieber den Mittagstrunk?"
      Gut gelaunt verschränkte der Gott die Hände hinter dem Rücken und tänzelte eher neben der Phönixin einher. Als sie so abrupt stehenblieb, ließ er sich eine Sekunde länger Zeit, in der er sich nach ihr umdrehte. Dabei überging er geflissentlich den größten Teil ihrer eigenen Sticheleien.
      "Nun, wenn ich ehrlich bin: Der neue Eviad ist ein prächtiger Mann. Gut gebaut, sehr gut durchtrainiert, ein gesunder Körper, wenn man von den ganzen Verstümmelungen absehen möchte. Was, offengesagt, recht schwierig ist."
      Seine Augen lagen auf Kassandras ohne zu Blinzeln. In diesem Moment wäre ihm wohl auch der kleinste Riss in ihrem Pokerface aufgefallen, wenn dieser dagewesen wäre. Aber an der Phönixin schienen die Worte nichts zu bewirken, so wie auch sonst nicht.
      "Wer würde da schon der Versuchung widerstehen? Hmm?"
      Sein Lächeln blieb bestehen, auch während nicht klar war, was genau er nun meinte. Es war nichtmal ersichtlich, ob Dionysus da gerade eine Drohung ausgesprochen hatte, in dem Plauderton, in dem er es gesagt hatte. Doch was ganz sicher war, war Kassandras Aufmerksamkeit, die er sich geschnappt hatte.
      Da drehte er auf den Fersen um und begann, weiter den Gang entlang zu schlendern.
      "Ich muss ja sagen, ich hatte nicht gedacht, dass ihr euch so lange halten würdet. Zwei Monate - das ist eine ordentliche Zeit. Genug Zeit, dass sogar der ganze Hausstab einziehen konnte. Dass der tolle Eviad lesen lernen anfangen kann."
      Er blieb stehen und drehte den Kopf, als Kassandra nicht mitkam.
      "Habe ich dich etwa von etwas wichtigem abgehalten? Nun komm schon, Vogel. Der Gang geht nur geradeaus, kein Grund zur Scheu."
      Er wartete, bis Kassandra wieder bei ihm war, damit sie gemeinsam wie zwei Freunde weiterschlendern konnten. Zumindest schlenderte Dionysus.
      "Wer weiß, vielleicht seid ihr in zwei weiteren Monaten soweit, dass ihr euren ersten Brief verfassen könnt. Und in vier Monaten, dass ihr eine Audienz alleine abhalten könnt. Und in sechs Monaten - aber aber, ich will euch ja nicht zu sehr unter Druck setzen. Sechs Monate sind eine lange Zeit. Sehr viel kann in sechs Monaten passieren, nicht wahr, Vogel? Was sagen deine Erfahrungen dazu?"
      Sie bogen um eine Ecke und zwei Waschfrauen ließen schnell ihre Körbe fallen, um sich vor ihnen zu verneigen. Sie rührten sich nicht, bis beide Götter weitergegangen und am Ende des Gangs in den nächsten eingebogen waren.
      "Wenn es so weitergeht, werdet ihr schon was erreichen, auch wenn es nur eine einfache Unterschrift ist. Oder ein richtiges Wort auf kuluarisch. Sag, wie kommt es eigentlich, dass der Eviad das R nicht richtig rollt? Hat er etwa niemanden, der es ihm beibringen könnte? Du bist doch des kuluarisch mächtig, geht eure Verbindung etwa weit genug für ein nasses Techtelmechtel, aber nicht weit für ein wenig Nachhilfe? Ah -"
      Er blieb stehen, als sich auf der anderen Seite des Ganges eine Tür öffnete und Feyra heraus trat. Die junge Frau war ohne Wachen unterwegs und hatte sichtlich nicht mit den beiden Göttern gerechnet; ihr Blick sprang erst auf Dionysus, dann auf Kassandra um.
      In der Hand hielt sie einen Weinkelch. Nicht ihr erster an diesem Tag und wohl auch nicht ihr letzter.
      "Liebste Feyra."
      Dionysus schritt zu ihr, legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schultern und leitete sie zu der Phönixin hinüber.
      "Unser Vogel macht Anmaßungen über uns, die mich zutiefst bestürzen. Sie meinte doch wirklich, du würdest Nein zu mir sagen."
      "Nein? Nein zu was?"
      Dionysus machte eine wegwerfende Handbewegung, dann lehnte er sich ein Stück zu ihr.
      "Feyra, Liebste - gib sie mir mal."
      Feyra sah ihn für einen Moment an, ganz offensichtlich auf der Suche nach Antworten auf ihre unausgesprochene Frage, dann schien sie sich damit abzufinden, dass sie diesem Gespräch einfach nicht folgen konnte. Da übergab sie dem Weingott ihren Kelch, fasste sich an den Hals, löste eine Halskette
      und gab Dionysus seine eigene Essenz in die Hand. Sie war klein, wie ein Edelstein geformt und in eine schmuckvolle Halterung eingelassen, welche wiederum an einer Kette befestigt war. Ein sanftes Leuchten ging davon aus, wie eine Erinnerung daran, dass dies kein weltlicher Gegenstand war, dass sich dort drinnen etwas von urzeitlicher Macht befand.
      Und Dionysus hielt sie in der Hand. Er bediente sich zwar nicht an ihr, aber nichts hätte ihn davon abhalten können. Ein Blinzeln nur und der Gott des Weines wäre zurück in den Olymp aufgestiegen.
      Wieder lag sein Blick auf Kassandra und wieder entging ihm nicht eine Regung von ihr. Das feine Lächeln in seinem Gesicht hatte jetzt ganz eindeutig noch einen anderen Unterton.
      "Schön, nicht? Ein schönes Stück. Selbst angefertigt."
      Dionysus blinzelte nicht. Er erinnerte an einen Schakal, der hinter seinen verzogenen Lippen scharfe Zähne versteckte.
      "Worüber hatten wir uns unterhalten? Ja, richtig, sechs Monate. In sechs Monaten kann so einiges passieren, findest du nicht auch, Vogel?"
    • Zu wissen, dass Dionysus praktisch nichts ernstnahm und einfach nur darauf aus war, sich Unterhaltung zu beschaffen, machte es für Kassandra nicht unbedingt leichter. Obwohl der Großteil der Beleidigungen, und ja, etwas anderes als das in schön verpackt waren es nicht, an ihr abzuprallen schien, hörte man es trotzdem nicht gern. Besonders, wenn die eigenen Sticheleien einfach ignoriert wurden.
      „Vielleicht sollte man deinen Wortschatz etwas aktualisieren, denn Narben sind keine Verstümmelungen. Aber je mehr die Menschen davontragen, umso spannender sind die Geschichten. Frag doch mal Esho danach“, erwiderte sie ohne dabei einen Riss in der Fassade zu riskieren. Das reichte noch lange nicht aus, um ihr Pokerface auch nur annähernd zu gefährden.
      Nun machte er kehrt und ging den Gang einfach weiter. Für einen Augenblick gedachte Kassandra, es ihm gleich zu tun und einfach in die entgegengesetzte Richtung zu verschwinden. Auf das zwielichtige Verhalten des Weingottes hatte sie gerade keinen besonderen Nerv und wenn er wen zum Piesacken haben wollte, konnte er sich ja auch jemand anderes suchen. Außerdem gefiel es ihr nicht, dass er nun die Führung übernahm und sie sogar noch aufforderte, ihm zu folgen. Unweigerlich verfinsterte sich ihr Blick etwas, als sie die Gänge und Räume vor sich nach Leben absuchte. Ziemlich schnell traf sie auf die Aura von Feyra – ein Zufall?
      Kassandra schloss zu Dionysus auf und ließ ihm den Vortritt. Wie ein Wasserfall plapperte er weiter, doch sie ging nicht einmal mehr darauf ein, sondern beobachtete ganz genau, wie die Aura seiner Trägerin sich der Tür näherte und dann auf den Flur trat. Kassandras Blick sank auf den Weinkelch in ihrer Hand und stieg dann ins Gesicht der Frau, wo sie gerade noch mitbekam, wie die Trägerin zu ihrem Champion und dann auf die Phönixin sah. Wer wusste schon, wie viele Weinkelche die Frau da getrunken hatte, aber es bestätigte Kassandras Vermutung. Höchstwahrscheinlich war das kein gewöhnlicher Wein.
      Alles andere, was Kassandra bislang vermutet oder gar geahnt hatte, wurde in den Sekunden darauf bestätigt. Mit ausdrucksloser Miene beobachtete sie Feyra dabei, wie sie ein pulsierendes Schmuckstück an ihren Champion reichte. Die Farbe der Aura ließ sich zweifelslos Dionysus zuordnen und ließ keine Nachfragen übrig, ob es echt war. Tatsächlich stolperte Kassandra aber über seine Wortwahl.
      Selbst angefertigt.
      Eine Umschreibung? Feyra musste doch wissen, was sie da in Händen hielt. Und dass genau dieses Stück dafür sorgte, dass sie die Position im Rat innehatte, die sie nun bekleidete. Entfiel ihr die Essenz und damit Dionysus, war auch ihr Anspruch dahin. Kassandras Blick fiel auf den Weinkelch und ging wieder zurück. Im nächsten Moment ließ Kassandra ihre Maske fallen. Zum Vorschein kam ein manisch anmutendes Grinsen, ähnlich wie jenes, was sie Dionysus bereits einmal präsentiert hatte. Doch nun lag diese Gewalt einzig und allein auf dem Menschenkind zwischen zwei Göttern.
      „Genieß den Wein. Man bekommt schließlich nur selten die Gelegenheit, die Speisen der Götter zu kosten, nicht?“
      Das Gesicht fiel von ihr ab noch während sie sich umdrehte und den Gang in die andere Richtung verließ. Was Dionysus mit dieser Aktion bezwecken wollte, war ihr nicht ganz klar. Aber da er in der Regel darauf aus war, sich unterhalten zu lassen, beinhaltete dies neuerdings vielleicht auch einfach sein eigenes Leben. Aber was er ihr gerade auf jeden Fall bewiesen hatte, war der Fakt, dass nicht Feyra ihn an der Leine hielt, sondern umgekehrt. Kassandra hatte sich schon gefragt, wie so ein junges Ding in den Rat und an seine Essenz gekommen war. Womöglich, weil er sie ihr ganz gezielt übergeben hatte. Einer willensschwachen Person, die er mit der vernebelnden Wirkung seines Weines lenken konnte, ohne ernsthafte Risiken einzugehen. Er kannte die Fesseln nicht, die die Knechtschaft ihnen anlegte, weil er sie zu seinen Gunsten ausgespielt hatte und den Olymp schlichtweg als zu langweilig anerkannte. Das alles waren Informationen und Bestätigungen, mit denen Kassandra arbeiten konnte. Immer wieder zuckten ihre Mundwinkel in dem Versuch, das Grinsen daran zu hindern, erneut durchzubrechen. Denn ja, jetzt kristallisierte sich langsam ein Weg heraus, wie sie Dionysus die ach so spannende Welt mit echten Fesseln offenbaren können würde.
    • Kassandras Reaktion war keineswegs, was Dionysus erwartet hatte - das konnte es gar nicht sein. Die sonst so steife und ernste Phönixin auf eine solche Weise grinsen zu sehen, war selbst nach zwei Monaten der Bekanntschaft nicht vorhersehbar gewesen. Sonst prallten Beleidigungen und Sticheleien stets an ihr ab wie an einer festen Steinmauer, aber dass dieses kleine Kunststück sie auf solche Weise reizte, damit hatte der Weingott nicht gerechnet.
      Man konnte es ihm an dem marginalen Zucken seiner Augenbrauen ablesen.
      Dann wandte Kassandra sich weiter an Feyra und jede weitere Regung auf dem Gesicht des anderen Gottes rückte sowieso in den Hintergrund.
      "Äh... ja. Danke?"
      Es war offensichtlich, dass die Frau völlig unvorbereitet zwischen die Fronten geraten war und jetzt wohl versuchte, sich einen eigenen Reim daraus zu schließen. Ganz offenkundig war sie damit nicht sehr erfolgreich.
      Zu einer weiteren Unterhaltung kam es nicht, als Kassandra diesen letzten Rest beendete und von dannen schritt. Mit hoch erhobenem Kopf, so stolz, wie sie seit jeher schon gewesen war, zog sie in die Gänge davon und nahm ihre entfesselte, kettenlose Göttlichkeit sich.
      "Sechs Monate!", rief Dionysus ihr nach. "Vergiss sie nicht, Vogel!"
      Zurück blieb nur ein freiwilliger Champion und dessen Trägerin.
      "Was hast du ihr gesagt?", fragte Feyra ihren Gott, der sich ihr wieder zuwandte und vor sich hin lächelte. Er bewegte seine Essenz zwischen seinen Fingern.
      "Nichts, was sie nicht schon weiß. Aber es war die Essenz, die sie ein bisschen durch den Wind gebracht hat."
      "Weil ich sie dir nicht enthalte?"
      "Wohl richtig. Dreh dich um, ich lege sie dir wieder an."
      Sie taten wie geheißen und ein paar Sekunden herrschte Schweigen. Dann:
      "Ist sie wirklich die Kassandra?"
      "Liebes, es gibt nicht viele Phönixe, die auch noch Kassandra heißen. Natürlich ist sie das."
      "Wie lange ist sie schon auf der Erde?"
      "Puh. Das kann ich nicht genau sagen. Zur Zeit von dem Wüstenvolk vielleicht? Wie hieß es noch, Nuliubda?"
      Feyra zuckte mit den Schultern.
      "Kenn ich nicht."
      "Es ist auch gar nicht wichtig, sehr primitive Leutchen. Das wird ein paar Jahrtausende her sein."
      Bei der Ansage machte Feyra große Augen.
      "Gefällt es ihr hier etwa so sehr?"
      Dionysus lachte auf.
      "Oh nein, natürlich nicht! Sei doch nicht albern, Liebes. Niemand ist gerne tausend Jahre sterblich."
      Durch diese Aussage blickte sie wohl nicht so durch, gab sich aber Mühe, trotzdem mitzuhalten.
      "Warum ist sie dann noch hier? Wegen dem Eviad?"
      "Ganz bestimmt nicht. Sie hat sonst nirgends wohin sie gehen sollte. Aus ihrem Nest wurde sie verbannt, herausgestoßen von ihren bösen, bösen Schwesterchen. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich gedacht, sie wäre schon längst tot."
      Darüber dachte Feyra einen Augenblick nach und sagte dann:
      "Sie tut mir schon ein bisschen leid."
      "Das muss es nicht, sicher nicht."
      Dionysus legte wieder den Arm um ihre Schultern und schlenderte mit ihr weiter zu ihren Privatgemächern.
      "Sie ist schließlich nur ein Vogel, mehr nicht."

      Die nächsten Tage brachten einen überraschenden und gar unvorhergesehenen Umschwung mit sich. Während Zoras' Forderung nach einer ordentlichen Begrüßung von sämtlichen Ratsmitgliedern regelrecht ignoriert wurde, gab es einen einzigen unter ihnen, der sich nicht quer stellte: Esho. Der junge Krieger stand bereits am nächsten Tag auf, kaum als die Türen sich geöffnet hatten und das Herrscherpaar den Raum betrat. Ganz anscheinend war diese Handlung nicht vorher mit dem Rest abgesprochen, denn wo sonst die giftigen und missbilligenden Blicke auf den Eviad und seine Göttin getroffen wären, schossen sie jetzt allesamt zu Esho herüber, als hätte der Mann soeben Hochverrat an seinen eigenen Leuten begangen. Aber das schien ihn nicht großartig zu beeindrucken; er stand aufrecht und stramm und vollzog einen Salut, während Zoras zu seinem Platz schritt. Selbst der war von dieser Handlung gänzlich überrascht, denn von allen Anwesenden wäre Esho wohl der letzte gewesen, von dem er es erwartet hätte. Esho, der sich immerhin eine blamierende Niederlage eingehandelt hatte von einem Mann, der nicht die Stärke eines Minotauren auf seiner Seite gehabt hatte. Esho, der Zoras am ehesten noch mit zornigen Blicken bedacht hatte.
      Vielleicht wollte er sich damit über Zoras lustig machen, aber irgendwie kam ihm das nicht so vor. Esho stand einfach nur auf und salutierte wie gewünscht.
      Bei dem Rest der Versammlung sah das ganze noch wesentlich anders aus. Wenngleich diese Wendung Zoras positiv überraschte, wollte er sich davon doch nicht von seiner ursprünglichen Forderung abbringen lassen, nämlich dass alle aufstanden, sobald er den Raum betrat. Er verfolgte einen Zweck dahinter und den wollte er nicht einfach so wieder abschreiben. Nein, sie alle mussten stehen und so stellte er sich auch wieder vor den Tisch, um sie höchstpersönlich an ihren tagtäglichen Geschäften zu hindern.
      Einen weiteren Tag machten sie das noch mit, dann ließen sie sich soweit herab, zu seinen Ehren zumindest die Stühle zurück zu rücken und sich minimal in die Höhe zu stemmen, bevor sie sich wieder zurück plumpsen ließen. Das ganze konnte man zwar noch nicht als richtiges Stehen betrachten, aber es war doch ein Anfang und Zoras baute weiter darauf auf. Ein paar Tage lang stellte er sicher, dass sie - wenngleich nach nochmaliger Aufforderung - sich kurz erhoben und dann fuhr er es weiter aus.
      "Ich sehe, dass ihr meiner Forderung nachkommt, aber eigentlich verlange ich, dass ihr aufsteht, sobald diese Türen sich für mich öffnen und keine Sekunde später. Haben wir uns da verstanden?"
      Nein, sie hatten sich nicht verstanden und es vergingen weitere Tage, in denen Zoras sich einem scheins sinnlosen Kampf hingab. Dabei machte er sich selbst zum Affen, indem er den Besprechungsraum betrat und ihn sofort wieder verließ, als er sah, dass sich keiner rührte. Das machte er jedes Mal fünf, zehn, fünfzehn und noch viele weitere Male, bis die Versammelten sich genug über ihn lustig gemacht hatten und einfach aufstanden, nur um für das nächste Mal stehen zu bleiben, wenn er durch die Tür kam. Das war zwar kein Auffstehen per se, aber es war wieder ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Ein kleiner, aber sehr wichtiger Schritt.

      Knapp einen Monat später feierte das Land einen Feiertag, für den Zoras zusätzliche Stunden absaß, um die aktuellen Geschehnisse auswendig zu lernen und sich in seiner Rolle als Eviad richtig einzufügen. Er wollte eine Rede halten und zusätzlich wollte er sie nicht wie eine beliebige Rede ausfallen lassen, sondern dem Land beweisen, dass sein Eviad tatsächlich zu ihm gehörte und sich nicht irgendwie absetzte. Er hatte sich seit seiner Krönung der Öffentlichkeit entzogen und wenngleich er wusste, dass man noch immer zu ihm aufsah, musste er doch den Kontakt zu seinen Untertanen aufrecht erhalten. Solange sie noch an ihn hielten, konnte ihm der Rat schließlich nichts.
      Natürlich wurde für die besondere Begebenheit ein Fest im Palast veranstaltet, das für sämtliche angesehenen Persönlichkeiten eine Pflichtveranstaltung darstellte. Es gab einen Tagesablauf; vorher die Tradition von Kuluar wahren, dann eine Rede für das Volk und schließlich die Festveranstaltung. Und wieder durfte der Eviad nicht gehen, bevor die Götter nicht das Fest von sich aus beendet hatten.
      Für Zoras gab es aber auch einen vierten, nicht weniger schwierigen Ablauf: Sich ankleiden lassen. Das hatte er bisher selbst übernommen, denn so einen einfachen Überzug konnte selbst er sich überwerfen, aber die Festtagskleidung war etwas gänzlich anderes. Dafür brauchte er Unterstützung, die nicht einmal Kassandra leisten konnte, weil selbst sie zu wenig über Kuluars traditionelle Bekleidung wusste.
      Immerhin war die Phönixin im Palast. In letzter Zeit war sie viele Male schnell genug verschwunden, dass Zoras davon ausging, dass sie ihre wahre Gestalt dafür angenommen haben musste, aber bisher hatte sie ihn nicht darin eingeweiht, was sie jedes Mal eigentlich machte. Er vertraute darauf, dass sie es ihm schon mitteilen würde, wenn es wichtig war, verspürte aber doch jedes Mal einen gewissen Stich in der Brust, wenn ihm seine Intuition sagte, dass sie soeben das Palastgelände verlassen hatte. Selbst mit Zavion an seiner Seite, der sich wirklich als tüchtiger und pflichtbewusster Kommandant erwies, hatte er es doch viel lieber, Kassandra bei sich zu haben.
      Jetzt konnte ihm ihre Nähe aber auch nicht helfen, denn sechs junge Männer aus Santras' Gesandtschaft umkreisten ihn und legten Lagen um Lagen an Stoff um ihn. Sie gaben sich bereits die größte Mühe, vorsichtig mit ihm umzugehen, aber versehentliche Berührungen konnten trotzdem nicht verhindert werden und Zoras hasste es. Er hasste den Zwang, ruhig zu stehen und sich alles gefallen lassen zu müssen, während die Männer an ihm herum zupften, als sei er eine Statue, die noch den letzten Schliff benötigte. Er hasste und verabscheute es.
      "Vorsichtig", fauchte er einen von ihnen an, als der zum wiederholten Mal wegen den Schnüren sein Handgelenk streifte. Die Berührung sandte jedes Mal einen Blitz durch seinen Arm, als wäre er mit einer Klinge angeritzt worden.
      Der Mann zog - wie schon so oft in den letzten Minuten - den Kopf ein und entschuldigte sich die Seele aus dem Leib. Zoras hatte aber kaum Zeit, es ihm besonders übel zu nehmen, denn da reizte ihn auch schon wieder eine andere Berührung. Mittlerweile schien seine Haut gar in Flammen zu stehen.
      Als man ihn endlich fertig hergerichtet hatte, scheuchte er die Gehilfen jähzornig nach draußen und ließ sich ungeachtet seiner vielen Klamotten auf einen Schemel fallen. Was er in diesem kurzen Moment der Pause begriff, war, dass sein Zorn nicht von irgendwo kam. Es war viel eher der konstante Stress der letzten Monate, das tägliche Pauken und auswendig lernen, die vielen Begriffe, die er weder aussprechen noch übersetzen konnte und natürlich der Rat, der kaum eine Gelegenheit verstreichen lassen schien, um ihn daran zu erinnern, dass er bald versagen würde. Denn das würde er, Zoras spürte es in seinen Knochen. Wenn er die Männer und Frauen nicht an eine Leine bekam, wäre er früher oder später doch vom Fenster. Der Stress alleine würde ihn noch am ehesten umbringen.
      Jetzt saß er aber für einen Moment nur still da und stand danach auf, um nach Kassandra in ihrem Ankleidezimmer zu sehen. Wenn es eine Sache gab, die noch nie ihren Effekt verloren hatte, dann war es die Anwesenheit seiner wunderschönen, geliebten Göttin.
    • Nach der Begegnung mit Dionysus hatte Kassandra einen ruhigen Moment bei Zoras abgepasst, um ihm von ihrer Entdeckung zu berichten. Dass das Verhältnis des Weingottes zu seiner Trägerin von Anfang an nicht ganz koscher war, hatte sie ihm ja schon einst erzählt, aber nun hatten sie den beweis dafür. Die Drohung, dass es sechs Monate so weiter gehen würde, ließen sie beide an ihren Schultern wie Öl hinunterfließen. Ihnen war eben so bewusst gewesen, dass dies ein Kampf der Ausdauer sein würde, und den würden sie auch gewinnen.
      Die Schwachstelle hier war also definitiv nicht das Schmuckstück oder die Tatsache, dass Dionysus noch auf Erden weilte. Denn das hatte er sich selbst so ausgesucht. Verdammt, er hatte sich höchstwahrscheinlich sogar seine Trägerin selbst ausgesucht, so wie sie einfach die Kette hergegeben hatte. Nach ein wenig Bedenkzeit fiel Kassandra aber noch eine weitere Möglichkeit auf; Die Kette könnte vererbt sein. Deswegen vielleicht auch diese vertraute Verhaltensweise zwischen den beiden und das Vertrauen. Das könnte auch erklären, wieso die junge Frau überhaupt hier ein Anrecht auf einen Sitz hatte…. Wurden Ratssitze etwa vererbt?

      Der nächste wirkliche Eklat wurde schon in der nächsten Ratssitzung ausgelöst. Als Kassandra und Zoras den Saal betraten, regte sich etwas unter den Mitgliedern des ach so tollen Rates. Zu ihrer beiden unermesslichen Überraschung war ausgerechnet Esho aufgestanden, salutierte und erntete Blicke seiner Kollegen, die preislos waren. Kassandra selbst musterte den Mann, der mittlerweile seine Bandagen hatte komplett ablegen können, ob er Anzeichen von verdächtigen Reaktionen zeigte. Aber seine Aura war glatt, vielleicht ein bisschen amüsiert, als er sich wieder setzte und wahrscheinlich durch Blicke gestorben wäre, sofern dies möglich gewesen wäre.
      Den restlichen Affentanz wohnte Kassandra gedanklich nicht wirklich bei. Sie hatte zwei seltsame Verhalten von zwei Ratsmitgliedern gezeigt bekommen, die es zu analysieren galt. Feyra war das leichteste Ziel und wenn Kassandra sie dazu bekam, ihr die Essenz auszuhändigen, dann hätten sie aus Dionysus unter Kontrolle. Esho schien seinen eigenen Leuten nicht ganz zugänglich zu sein, sonst hätte er diesen ‚Verrat‘ nicht begangen. Wirklich ernst zu nehmen schien er seine Taten jedoch nicht, sodass Kassandra ihm unterstellte, dass er sich vielleicht bei Zoras und ihr nur gut stellen wollte. Aber hatte er das überhaupt nötig?

      Die Zeit hielt niemals an. So verging ein weiterer Monat von sechsen, bis der nächste große Feiertag anstand und Zoras sich dieses Mal dafür entsprechend wappnete. Während er im Ankleideraum sich umschwärmen ließ, verweilte die Phönixin in ihrem eigenen und betrachtete die Stadt durch das Fenster hindurch. Die Warnung mit den sechs Monaten war ihr noch immer nicht aus dem Geist entschwunden und sie fragte sich, was sechs Monate der Vorbereitung bedurfte. Was brauchte Vorbereitung, um Zoras ernsthaften Schaden zuzufügen? Ein Krieg womöglich? Das war allerdings eher Eshos Bereich und einen Krieg vom Zaun zu brechen schien nicht wirklich das zu sein, was ein Weingott avisieren würde. Vielleicht war es dann ja ein Aufstand oder eine Intrige. Irgendetwas musste es schließlich sein.
      Sie seufzte und wischte die Gedanken beiseite, bevor sich auf ihrem hübschen Gesicht noch Falten zeigten. Sicher, sie hätte jederzeit einfach Zoras verlassen und wieder über die weite Welt ziehen können. Sich aus solchen Angelegenheiten zu ziehen war einfach, doch darüber hinaus nicht ihr Stil. Nach all dem, was man ihr an den Kopf geworfen hatte, würde sie nicht einfach so ziehen. Sie würde mit einem Knall gehen und gleichzeitig all die Schwätzer ins Jenseits schicken.
      Mehrmals zuckten ihre Augenbrauen zusammen, wenn Zoras im anderen Zimmer wieder seine Leute anpflaumte. Seine Aura peitschte jedes Mal zu allen Seiten aus, wenn die Bediensteten ihn versehentlich berührten, und das ganze Ankleiden musste die reinste Tortur für ihn sein. Als neuer Herrscher musste er sich das jedoch gefallen lassen, jedes Mal aber eine Erinnerung daran in Form einer ausschlagenden Aura zu bekommen, ließ selbst die Phönixin nicht gänzlich kalt.
      Die Tür knarzte, als Zoras das Zimmer betrat und bei ihrem Anblick wenigstens nicht mehr ganz so sehr den Mund nach unten verzog.
      „Ich weiß, es ist überflüssig zu sagen, aber du solltest wirklich in den Griff bekommen, wie du mit deinen Leuten umgehst. Wenn sie dich streifen, kannst du gerne zucken, aber du solltest dir verbale Ausfälle verbieten“, sagte Kassandra ruhig, nachdem sie sich umgedreht und ihren Blick über diesen festlich gekleideten Mann schweifen ließ. Ja, sie hätte die zig Bahnen an Stoff tatsächlich nicht richtig gelegt und es hatte sich bereits bezahlt gemacht, dass Santras ihnen Unterstützung geschickt hatte.
      „Ich finde, du schlägst dich bisher großartig. Die Bewohner der Stadt wissen ja, dass du Ausländer bist und ich schätze mal, dass die Wenigsten es dir vorhalten würden, dass du noch nicht so gefestigt in den Bräuchen und allem bist. Lasyon hatte das eine Mal ja auch extra einen Auszug dabei, worin stand, dass sich Kuluar einst aus verschiedenen Völkern zusammengeschlossen hatte. Das wird schon werden, Zoras.“
      Kassandra schloss die Distanz zwischen ihnen beiden und ließ ihre Hände über seine vermummten Oberarme sanft auf und ab gleiten. Dabei lächelte sie ihm ihr wärmstes Lächeln zu.
    • Zoras betrat den großzügigen Raum, in dem es vor türkisen Akzenten auf den Kleidungsstücken nur so wimmelte. Kassandra stand mittendrin, den Blick aus dem Fenster gerichtet, in ein fantastisches, schillerndes Gewand gekleidet, das es irgendwie schaffte, ihre Schönheit noch weiter zu betonen und sie gleichzeitig nicht zu übertrumpfen. Ihre Haare waren mit einem leuchtend roten Schmuck versehen, der ihre Augen auf eine außerweltliche Weise betonte. Jetzt schien das rote Feuer darin tatsächlich lebendig, auch wenn es in Zoras' Gegenwart niemals die Intensität zum Verbrennen angenommen hätte.
      Eigentlich war es sogar recht milde, als Kassandra sich zu ihm umdrehte und ihn betrachtete. Ihre Züge waren so ruhig wie immer, ihr Gemüt so gelassen wie auch sonst. Ein Fels in der Brandung, wenn Zoras überzuschwappen drohte.
      "Es sind unfähige Männer. Ich weiß nicht, wo sie gelernt haben, Kleidung zu schnüren, aber ihre Hände sind viel zu fahrig und ihre Finger viel zu ungeschickt. Ich bin Santras immernoch dankbar für sein so großzügiges Geschenk, aber für sie bin ich nicht dankbar. Wenn ich könnte, würde ich sie austauschen lassen."
      Zoras schnaubte und dabei wusste er, dass nur die Frustration aus ihm sprach. Wenn er könnte, würde er niemanden austauschen lassen, sondern einfach alles selbst machen. Das war besser als sich der Hilflosigkeit hinzugeben, die er verspürte, wenn er sich nicht rühren durfte und andere dabei an ihm herum werkelten.
      Früher hätte ihn sowas nicht gestört. Aber Zeiten änderten sich nunmal.
      Ein wenig ruhiger, weil Kassandra auch jetzt bloße Gelassenheit ausstrahlte, begegnete er der Phönixin mit offenen Armen, die er ganz locker um ihre Taille ablegte. Ihr Lächeln erwärmte ihn bis auf sein innerstes und schob düstere, kratzende Gedanken sehr effektiv nach draußen. Zoras spürte sich das Lächeln erwidern, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hätte.
      "Ich bin zumindest schon länger im Amt als alle vorherigen Eviads. Vielleicht bekommt das einen Eintrag in die Geschichtsbücher? Der große Eviad mit der wunderschönen Kassandra an seiner Seite, in Regentschaft für zwei ganze Monate?"
      Er ließ den Blick über ihre prachtvolle Frisur gleiten und ihre ach so warmen Augen, die nur für ihn so sanft waren. Sie standen nahe genug für einen Kuss, aber Zoras fing ihre Hand auf und küsste ihr Handgelenk für viele, lange Sekunden. Als er wieder aufsah, war sein Blick mindestens genauso weich.
      "Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. Nichts davon."
      Wobei er nicht einmal unbedingt Kuluar meinte. Er dachte dabei an so, so viel mehr als das.

      Der Ablauf sah vor, dass sie in den Tempel zurückkehrten, der für die Krönung vorgesehen worden war, und dort der Tradition Kuluars frönten, bevor sie zurück zum Palast kehren würden. Jedes Paar der Regierung besaß dabei eine eigene Kutsche und die ganze Truppe fuhr in einer riesigen Kolonne durch die Stadt. Zurück beim Palast standen Zoras und Kassandra vor den hohen Türen des Gebäudes und hielten eine Rede für die gedrängte Menschenmasse, die sich auf der großen Brücke befanden und durch die Umzäunung johlend und grölend herunter spähten. Halmyn war an ihrer Seite und wiederholte ihre Wörter in einem donnernden Gebrüll, das Zoras nach jedem Satz in den Ohren nachhallte. In der ganzen Stadt waren weitere Schreier platziert, die die Worte bis zu den Toren trugen. Erst dort verhallten sie wieder, denn für das Gesindel vor den Stadtbegrenzungen hatte man wohl keine Schreier mehr übrig, um sie auch darüber in Kenntnis zu setzen. Dieser Feiertag schien für all jene vorbehalten, die in den sicheren Grenzen der Stadt lebten.

      Weiter ging es zu dem bereits bekannten festlich eingerichteten Bankettsaal, der diesmal viel weniger zum Tanzen und viel mehr zum Essen eingerichtet war. Riesige Tische zierten den Raum, an denen jeweils mindestens ein Dutzend Leute Platz hatten und die dafür auch benötigt waren. Wichtige Persönlichkeiten - die Zoras schon bei seiner Krönung kennengelernt hatte und an deren Gesichter er sich zum Glück noch vage erinnern konnte - hatten Freunde, Familie und Begleitungen dabei, die sich alle an den entsprechenden Tischen zu sammeln versuchten. Weitere Säle waren dafür eingerichtet worden, die schiere Masse an Menschen unterzubringen, die an diesem besonderen Tag einmal den Palast von innen betrachten durfte, aber nur im größten Saal, wo auch die Regierung Platz finden würde, tummelten sich die wichtigsten dieser ganzen Männer und Frauen. Zoras war wieder mit Begrüßungen beschäftigt und konnte den einen oder anderen sogar beim Namen nennen, was ihm sicher große Anerkennung gewährte. Außerdem erhielt er viele Komplimente über seine Rede, die größtenteils darum gingen, dass er die Wörter teilweise richtig aussprach. Hätte ihm der Rat ein solches Kompliment gegeben, wäre es sicher dazu gedacht gewesen, sich über ihn lustig zu machen, aber von den Gästen glaubte er es. Und es war wirklich ein kleiner Hoffnungsschimmer in all seinen laufenden Studien.

      Es hätte eigentlich niemanden überraschen dürfen, dass auch der Rat Verwandte und Freunde hatte, die sich zu jedem der Mitglieder an den Tisch setzten, aber Zoras war doch überrascht davon, wie viele unbekannte Gesichter sich bei Wilben, Kalea, Ristaer und Esho an die Tische drängten. Natürlich waren auch einige aus dem Hausstab vertreten, aber hauptsächlich schienen die Ratsmitglieder große Familien zu haben.
      Das war natürlich wieder ein Nachteil, der nicht außer Acht gelassen werden durfte. Blutsverwandtschaft bedeutete Parteizugehörigkeit und darauf hätten sie wohl gut verzichten können. Zudem glaubte Zoras, den ein oder anderen Stadtvorsteher wiederzuerkennen, was erklären dürfte, weshalb so viele nichts für den Eviad übrig gehabt hatten. Zweifellos herrschte hier große Korruption und das war etwas, was früher oder später noch schlimme Auswirkungen haben konnte.
      Aber an diesem heutigen Tag wollte Zoras sich mit sowas nicht beschäftigen. Sein eigener Tisch war mit seinem Hausstab gefüllt, darunter natürlich Tysion und Kassandra direkt neben ihm, seine beiden Lehrer Thosho und Lasyon und auch Zavion. Auch, wenn er hier keine Verwandten sitzen hatte, konnte Zoras doch ohne Zweifel behaupten, dass hier seine Freunde saßen. So wurde die Abwesenheit seiner Familie für ihn gänzlich überschattet.

      Zu trinken gab es wieder nur Dionysus' Wein, der aber auch an diesem Tag unbeschreiblich süß und wohlschmeckend war, eine Götterspeise, die keinen sterblichen Gaumen unbefleckt ließ. Man konnte sich ihm kaum erwehren; hatte er einmal die Zunge auch nur gestreift, spürte man das Aroma bis auf die Knochen hinab. Eigentlich war es dabei sogar recht verständlich, dass Feyra kaum etwas anderes trank.
      Nun konnte aber Zoras ausnahmsweise in den Genuss kommen, Zavion den ersten Schluck nehmen zu sehen. Es hatte lange gedauert, bis der Mann sich dazu überredet gelassen hatte, etwas anderes als Wasser zu trinken, aber da er heute gezwungen war, nicht hinter Zoras Stellung zu beziehen, sondern mit ihm am Tisch zu sitzen, konnte er wohl kaum bei Wasser bleiben. Natürlich wurde er entsprechend vertreten und an seiner statt standen jetzt andere Gardisten an den Wänden des Saals.
      "Und, wie ist er? Gebt mir Eure ganz unvoreingenommene Meinung."
    • „Unfähige Männer? Was erwartest du von Menschen aus allerlei Schichten, die nie auf den hohen Dienst vorbereitet wurden und dich nicht kennen? Sie wissen nicht, dass du Berührungen nicht erträgst und viele von ihnen sind freiwillig hier, vergiss das nicht.“
      Kassandra bedachte Zoras mit einem mahnenden Blick. Er sollte nicht so über diese Leute reden, egal wie angestrengt er gerade sein mochte. Sie alle bildeten hier sein neues Rückgrat und so sollte er sie auch behandeln.
      „Gut möglich, dass du vermerkt wirst. Das ist schon ein Kunststück.“
      Seine Arme legten sich um ihre Taille, aber er fing ihre Hand statt ihrer Lippen ein. Dass er ohne sie nicht soweit gekommen wäre, wusste sie. Seien Worte lösten keine Bestärkung oder sonst ein gutes Gefühl aus. Vielmehr traten sie den Gedanken los, wie viel hiervon wirklich ihr Zutun gewesen war. Wenn die Moiren ihre Finger im Spiel hatten, dann war nichts hier von Kassandra entschieden, sondern längst im Schicksal festgehalten worden. Und da das Schicksal der Menschen wesentlich einfacher zu beeinflussen war, stand es außer Frage, dass dies das Auskommen ihres Schicksals war. Es ging hier um das, wo Zoras am Ende stehen sollte und wenn Kassandra sich die verbleibende Lebenszeit ansah, die der Mann vor ihren Augen noch hatte, dann würde Kuluar vielleicht sogar kurz vor seiner Endstation sein.

      Der Feiertag war wieder einmal eine Prozession, die schließlich mit einem Fressgelage im Palast endete. Von den schönen Gottesdiensten wie in anderen Ländern fehlte hier jede Spur, aber das war bei dem Aufgebot an Gottheiten auch nicht unbedingt zu verwerfen. Außerdem ehrten die Kuluarner nur sehr sporadisch Gottheiten, da also ein ganzes Fest danach auszurichten erschien auch Kassandra blasphemisch.
      Am Bankett nahm Kassandra wie üblich eine eher nebenordnete Rolle ein und beschloss, ihren Sitzplatz mit ihrer Anwesenheit zu dekorieren und den Weinkelch ein wenig zu schwingen. Nachdem die ganzen Soldaten immer um Zoras herumschwirrten, fühlte sie sich weniger geneigt, ständig auf alles zu achten. Verdächtige Umstände entgingen ihr selbstverständlich immer noch nicht, aber sie war bei Weitem nicht mehr so bedacht darauf, alles und jeden überprüfen zu wollen.
      Zumal sich der Rat heute außerordentlich freundlich gab. Das lag primär an dem Besuch, den jedes Mitglied veranlasst hatte, und der primär aus Verwandten und sehr engen Freunden zu bestehen schien. Auch Esho hatte sich an seinem Tisch mit einer Schar Menschen umgeben, die alle seinen satten Hautton teilten und gerade die Männer mit Narben regelrecht übersäht waren. Manchen trugen extra Kleidung, die besonders auffällige Narben durch Aussparungen in Szene setzten. Die Damen hatten allesamt dunkles Haar, manche schwarz wie Kassandra, und trugen nicht die übliche körperliche Fülle des Wohlstandes zur Schau, sondern wirkten eher durchschnittlich. Beinahe unauffällig.
      Zwischendurch ging ihr Blick immer wieder zu Zoras, der sich erstmal am Tisch unter Leuten entspannte. Das erste Mal, seit sie in Kuluar angekommen waren, er sein Amt bekleidet und an öffentlichen Terminen teilgenommen hatte, wirkte er entspannter und in Teilen sogar zufrieden. So wie er sich mit Tysion immer wieder unterhielt auf seine gebrochene Art und Weise, oder wie selbst die Gelehrten mittlerweile ein Stein im Brett bei ihm hatten. Es wirkte alles stimmig und beinahe hätte auch Kassandra vergessen, dass es eine Vergangenheit gab, die nicht mit am Tisch saß.

      Allerdings hatte Zoras möglicherweise einen Fehler begangen. Einen, den keiner, außer eventuell Kassandra, hatte kommen sehen. Sie wollte zunächst eingreifen, als sie mitbekommen hatte, wie der neue Eviad seinen Kommandanten zu einem Weinkelch statt dem Wasser überreden wollte, ließ es dann aber bleiben, als sich Zavion als überaus widerstandsfähig entpuppte. Dann irgendwann kam allerdings der Moment, in dem er einknickte und Kassandra ihre Spähaugen woanders hin gerichtet hatte.
      „Wie er ist? Fantastisch ist er!“, rief Zavion aus, der innerhalb einer Minute seinen gesamten Weinkelch geleert hatte und der sich wie durch Zauberhand von selbst auffüllte. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich meinen Dienst woanders angetreten und nicht in so einer Kleinstadt, haha!“
      Kassandra sah sich gezwungen, die Beine nicht länger überschlagen zu lassen, sondern sich ein wenig auf den Tisch zu lehnen. „Wer hat dem Jungen den Wein angedreht?“ Ihr Blick glitt zu Zoras, der so tat, als sei nichts passiert. „Ich habe dich vorgewarnt, dass der Wein bei den meisten –„
      „Oh, Kassandra, ich muss mich noch bei Euch entschuldigen! Ich war nicht besonders freundlich am Anfang, aber ich muss gestehen, dass so ziemlich alle Männer am Abend nach Eurem Auftreten so ziemlich das gleiche Gesprächsthema hatten!“ Er lachte, wobei sich Kassandra umwandte und die beiden Wachen beäugte, die zwar neben Zoras standen, aber eilig in jeweils andere Richtungen sahen. „Viele von uns haben danach fantasiert, wie sich Eure Haut wohl anfühlen muss. Vielleicht war ich auch ein winziges, kleines, klitzekleines Bisschen neidisch auf Zor- ah, den Herrn, natürlich…“ Die nächsten Worte versenkte er in einem ordentlichen Schluck vom Wein.
      Kassandra hätte fast genervt aufgestöhnt, riss sich aber noch rechtzeitig zusammen. „Nimm ihm bloß den Kelch ab“, riet Kassandra dem Eviad, bevor der Wein Zavion noch weiter zu Kopfe steigen konnte.
    • Eine Sache hatte Zoras bei seiner kleinen Aktion, in der es nur darum ging, dem fleißigen Soldat ein wenig Entspannung beizubringen, nicht bedacht: Zavion trank nicht regelmäßig. Es stand sogar in Frage, ob er jemals einen Tropfen Alkohol angefasst hatte, denn mit einem derart militärischen Hintergrund, der ihn sogar zum Kommandanten befördert hatte, konnte er sich solche Fehltritte vermutlich nicht erlauben. Ganz anders war es da für Zoras, der in einem behüteten Adelshaus aufgewachsen war, in dem es keine Schande war, abends zum Met zu greifen. Selbst wenn er sturzbesoffen gewesen wäre, hätte es seiner Karriere nichts abgetan. Das waren nunmal die Vorteile, die mit einer Adelsfamilie einhergingen.
      Aber Zavion stammte nicht aus einer solchen Familie. Er hatte sich seinen Posten rechtmäßig verdient und daher war er das Trinken schlichtweg nicht gewöhnt.
      Als er daher den Becher in fast einem Zug leerte, war sogar Zoras für einen Moment überfordert.
      "Ho, ganz langsam!"
      Er wollte den Mann schon daran hindern, einen zweiten, viel zu großen Schluck zu machen, der ihn sicher in zu hohem Maß auch umbringen könnte, aber da stellte der andere zumindest seinen Kelch für einen Moment ab. Zoras sah ihn an und lachte dann.
      "Wenn Ihr so weitermacht, wird Eure Vision noch in Erfüllung gehen, aber nicht so, wie Ihr das meint."
      Das brachte die Aufmerksamkeit von Kassandra, die sich bisher aus der seichten Trinkerei am Tisch dezent herausgehalten hatte, jetzt aber einen gar tadelnden Blick auf ihren Schwurpartner warf. Zoras hatte selbst schon den ein oder anderen Weinbecher leer getrunken, zu hoch war die Versuchung, nach dem ersten Schluck einfach einen zweiten zu nehmen, weshalb er bei ihrem Blick gleich abwehrend die Hände hob.
      "Ganz allein seine Idee. Nicht meine."
      Zu einer Antwort kam die Phönixin nicht, als Zavion zu brabbeln anfing. Es war ein absolut amüsanter Anblick, den sonst ernsten und pflichtbewussten Soldaten so freimütig reden und lachen zu sehen. Auch Zoras verspürte den Drang, in seinem Gekicher mit einzustimmen, auch wenn er wusste, dass nicht einmal er unbefleckt bleiben würde, wenn er Kassandra als das Subjekt eines derartigen Themas einfach so hinnahm. Er konnte es schon richtig deuten, wenn das Feuer in ihren Augen flackerte.
      "Ein bisschen mehr Respekt vor den Älteren, Soldat."
      Er lehnte sich zu Zavion hinüber, was leider über Kassandra hinweg geschah, weshalb er nicht sehr Erfolg damit hatte, sein geheimnisvolles Geflüster vor der Phönixin zu verbergen.
      "Kommt her - wollt Ihr wissen, wie es sich anfühlt?"
      Zavion war natürlich gleich hellauf interessiert. Sein Blick war schwammig und ganz eindeutig zog der Wein schon, weshalb er auch nicht wirklich begriff, dass Kassandra direkt neben ihnen zuhörte.
      "Kommt näher. Wollt Ihr es wissen?" Zavion rückte noch näher.
      "Es fühlt sich so an... Wie das Feuer der Unterwelt, das Euch verbrennen wird, wenn Ihr weiter so blasphemische Aussagen macht."
      Das amüsierte nun Zoras deutlich mehr als Zavion, der sich wohl durch den Schleier seiner angehenden Trunkenheit zu kämpfen versuchte, um die Bedeutung dieser Worte auch zu verstehen. Zoras lehnte sich wieder zurück, grinste und sah dann Kassandra an. Fast automatisch wanderte der Kelch für einen Schluck zu seinem Mund.
      "Oder alternativ auch das Feuer einer Phönixin. Das ist auch sehr, sehr heiß."
      Er trank und amüsierte sich auch ein wenig über Kassandras steife Miene darüber. Er schob ein "Meine Hübsche" hinterher, was die Phönixin schon gar nicht mehr zur Kenntnis nahm. Sie sah ihren Auftrag hier erledigt, nämlich Zavion davon abzuhalten, sich noch in seiner neuen Position zu blamieren.
      Das war auch Zoras' Ziel, der dem Mann gleich seinen Kelch wegnahm, als der doch wirklich erneut zu trinken versuchte. Das erntete ihm einen recht leidenschaftlichen Aufstand, den Zavion aber auch gleich wieder abbrach, nachdem ihm wieder in den Sinn kam, dass er schließlich die besondere Ehre besaß, mit dem Eviad an einem Tisch zu sitzen. Eben jener verdonnerte ihn damit wieder zu Wasser, um seiner Sucht nicht zu vergehen.
      Der einzige am Tisch, der noch nicht dem Wein völlig unterlegen war, war Tysion, der zwar aus reiner Neugier einige Schlucke genommen hatte, aber dann seinen Kelch ganz abgegeben hatte. Anscheinend war das nicht die Sucht, derer er sich ergeben wollte.

      Die Stunden flogen dahin mit einem Gang nach dem nächsten und lockeren, losgelösten Unterhaltungen. In allen Sälen war die Stimmung ausgesprochen gut und es wimmelte nur so von Personen, die sich Dionysus außerweltlichem Wein ergaben. Der betreffende Gott ergötzte sich schier an dem Fluss seines Trunks; seine Aura waberte mit neu gewonnener Stärke durch den Raum und durch alle Ritzen. Ganz anscheinend war die Quelle seiner Macht der Verzehr seiner Kreation.
      Es wurde Mitternacht und schnell nach Mitternacht. Die Versammlung wurde betrunkener und auch Zoras konnte sich eine gewisse Trunkenheit nicht mehr verleugnen. Er fühlte sich leichtköpfig und wenn er aufstand, was nicht sehr oft passierte, drehte sich der Raum ein bisschen um ihn. Er fühlte sich aber ausgesprochen glücklich in dieser geselligen Gesellschaft.
      Dann geschah etwas, was nur ein einziges Wesen im Raum wirklich bemerkte.
      Bis zu dem Zeitpunkt waren die Säle überfüllt mit den unterschiedlichsten Auren, die dort zu vertreten waren, alles stumpfe, kleine Auren der Menschen, unterbrochen von den fünf Champions, deren Auren sich in die restlichen Zwischenräume verbreiteten. Sehr viele Menschen waren betrunken - einige waren sogar schon betrunken gekommen - und ihre Auren waberten mit der deutlich erkennbaren Ziellosigkeit eines benebelten Geistes.
      Aber eine Aura in dem Gewühl schoss mit einem Mal so sehr in die Höhe, dass sie sich fast, trotz der menschlichen Aura, als Leuchtfeuer in dem Gewühl heraus kristallisierte. Sie wurde hoch und spitz, ein alarmierendes Gefahr, das sie nach allen Richtungen verstreute...
      Und dann war sie mit einem Mal verschwunden.
      Kassandra war nicht die einzige, die noch aufmerksam genug war. Mirdole fiel es auf; die Gorgone wandte den Kopf und starrte in das Meer aus Auren, als suche sie nach der einen Aura, die soeben vollkommen verschwunden war. Auch Oronia ruckte mit dem Kopf, aber da sie in körperlicher Gestalt an Wilbens Tisch saß, konnte sie nicht viel mehr tun, als nur zu starren.
      Aber die Aura war verschwunden, unwiderruflich, und ohne, dass man sich wirklich sicher sein konnte, dass sie auch tatsächlich da gewesen war, konnte man ihr wohl nicht das Verschwinden nachweisen.
      Nur die Phönixin konnte erkennen, dass ein Lebenslicht weniger nun im Palast existierte.
    • Noch eine geraume Zeit später, nachdem man Zavion seinen Becher abgenommen hatte, konnte man belustigt dabei zusehen, wie der junge Mann auf diversen Wegen versuchte, sich einen neuen zu besorgen. Die Macht von Dionysus‘ Wein war stark, insbesondere bei denen, die dem nicht gefeit waren. Außerdem war das fade Wasser im Vergleich zum Wein ein schlechter Witz. Irgendwann fand er keinen Weg mehr und schmollte über seinem Wasser, aber wenigstens ritt er sich wortwörtlich nicht in Schlimmeres.
      Dafür konnte Kassandra das erste Mal von Anfang bis Ende dabei zusehen, wie sich Dionysus‘ Aura zusammensetzte. Wie alle Götter bezog er seine Kraft ebenfalls aus etwas, was auf die Menschen zurückzuführen war, hier war es ganz eindeutig. Mit jedem Schluck Wein und jedem Lachen wuchs die Aura, wurde dicker und legte sich wie ein schweres Samttuch um alles, was nicht unmittelbar von Kassandras eigener Aura abgeblockt wurde. Bei Zeiten würde sie Zoras vorschlagen, auf Wein aus der Provinz zurückzugreifen, um die außenstehenden Winzer mit mehr Geld zu fördern und dabei diese Quelle der Macht dem Gott zu entziehen.
      Die Nacht brach ein, zog weiter und würde bald den ersten Morgenstrahlen weichen müssen. Wie beim letzten Mal ließ Zoras nicht vom Wein ab und war beschwingter wie zuletzt. Wie allen anderen hier stand auch ihm das Trinken zu, zumal seine Wachen an seiner Seite völlig nüchtern blieben und das direkte Umfeld im Auge behielten. Kassandra gönnte ihm das bisschen Freiheit; das würde immerhin ein wenig seines Stresses lindern können.
      Plötzlich bewegte sich Kassandra nicht mehr. Ihre roten Augen flogen zielsicher in eine bestimmte Richtung, sahen praktisch durch Wände und Gemäuer hindurch. Das Aufflammen einer Aura fiel ihr in Lichtgeschwindigkeit auf, doch was sie wesentlich unvorbereiteter traf, war die Angst und schließlich die abrupte Kälte, die typisch war für das Erlöschen eines Lebenslichtes. Schon lange hatte sie das nicht mehr in so einer Intensität gespürt, dass es ihr den unmenschlichen Atem verschlug. Da war niemand verschwunden oder hatte sich aus ihrem Wirkungskreis entzogen. Da war jemand gestorben. Im Palast, während der Feierlichkeiten, und ganz sicher war das kein Unfall gewesen. Dafür war das Erlöschen zu schnell, zu plötzlich und vor allem, mit viel zu kurzer Panik verbunden. Der Schmerz, der Kassandra kurz hinterher erreichte, war innerhalb eines Wimpernschlages verschwunden. Es war schnell gegangen.
      Sie runzelte die Stirn und lokalisierte den Ort als eine Abstellkammer. Wer meuchelte jemanden in einer Abstellkammer? Und vor allem, wen, wenn keinen Würdenträger, die allesamt hier vertreten waren? Kassandras Aura verdichtete sich, als sich die Leichtigkeit in ihrem Gehabe verabschiedete und sie sich aufrechter hinsetzte. Ein kurzer Rundblick verriet ihr, dass auch Oronia zumindest etwas gemerkt haben musste, Mirdole aber diejenige war, die dem ganzen noch eher einen Sinn zuordnen konnte.
      Wenn es kein Würdenträger gewesen war, dann ließ dies nur noch wenige Rückschlüsse zu. Entweder, sie hatten einen Spion erwischt oder jemanden, der potenziell gefährliche Informationen besaß oder gerade dabei war, etwas zu planen. Die Phönixin brauchte nur wenige Sekunden, um sich zu vergewissern, dass alle Auren ihres Hausstandes noch vorhanden waren. Es war also niemand von ihnen gefallen, was potenziell nun auch den restlichen Rat als gefährdet einstufen ließ.
      Geschmeidig erhob sich Kassandra von ihrem Platz mit ihrem Weinbecher und schlenderte durch die Menge, die ihr ohne wirklich darauf zu achten sofort Platz machten. Sie brauchte nur einen Augenblick, dann stand sie zur rechten der Gorgone, packte einen leeren Stuhl an der Rückenlehne und holte ihn zu sich, damit sie sich ganz nah zu Mirdole setzen konnte. Dort überschlug sie wieder seelenruhig ihre Beine, ehe sie sich zum Champion herüberlehnte, die ganz offensichtlich nicht wirklich begeistert war, die Phönixin neben sich sitzen zu haben.
      „Das war niemand aus unserem Hausstand. Ich würde stark empfehlen, dass einer eurer Männer oder du selbst das einmal überprüft. Abstellkammer im zweiten Querflur. Es ging schnell, kaum mit Schmerzen verbunden. Ein Profi. Wäre das jemand aus meinem Haushalt gewesen, hätte ich das als Angriff eurerseits gewertet, aber so dürfte es euch alle auch interessieren, wer und warum da jemand gemeuchelt wurde.“
      Für alle Anderen wirkte es so, als hielte Kassandra nur ein lockeres Pläuschchen mit Mirdole, so wie sie ihren Becher schwenkte und ganz augenscheinlich entspannt dort saß. Ungesehen davon lag ihre Aura dick und schwer wie in Panzer nicht nur um Zoras, sondern um seinen ganzen Tisch. Sollte das als eine Form des Ablenkungsmanövers gedacht sein, würde Kassandra den Köder nicht so leicht schlucken.
    • Zoras entging nicht, wie stocksteif Kassandra mit einem Mal wurde. Genau betrachtet war die Phönixin immer eine gar statuenhafte Haltung, die sich kaum veränderte - ganz besonders nicht, wenn sie in der Öffentlichkeit waren - aber Zoras war geschult darin, die Veränderungen zu erkennen. Nur was sie dazu veranlasste, das wusste er nicht.
      Sein unfokussierter Blick glitt zu der Phönixin und er beobachtete, wie sich ihre Augen auf einem fernen Punkt im Raum festsetzten. Einmal in dieselbe Richtung zu sehen brachte nichts; Zoras sah die Wand und allenfalls ein paar Wachen in der Nähe. Wenn es jemanden gab, der Kassandras Aufmerksamkeit erhascht hätte, dann entging er ihm.
      Aber er hatte sich gerade mitten in einer Unterhaltung mit Tysion und Lyson befunden, die jetzt auch wieder seine Aufmerksamkeit zurückholte. Wenn es etwas gab, was Kassandra wichtig war, würde sie es ihm schon sagen.
      Nur bei der Gorgone schien das anders zu sein. Die Gorgone starrte viele Sekunden lang in dieselbe Richtung, nur um dann den Blick ganz gezielt abzuwenden - und auf Dionysus zu richten. Der Weingott fläzte quer in seinem Stuhl, sodass an beiden Seiten seine Gewänder herunter hingen, und hatte einen Kelch im Schoß. Er war aber damit beschäftigt, sich von Feyras Verwandten unterhalten zu lassen; er grinste viel und bemerkte Mirdoles Blick nicht.
      Da sah die Göttin wieder fort und schien sich dazu zu entschließen, dass die Sache nicht wert war, ihr weiter auf den Grund zu gehen. Auch sie wandte sich wieder den Gesprächen zu, bis die Phönixin ungebeten an ihren Tisch trat.

      Die Aura der Gorgone war wie eine schuppig anmutende Haut, die um ihren Körper glitt und kaum stillzustehen schien. Die Farbe jeder einzelnen schuppenartigen Erhebung war ein giftgrün, das sowohl die eigene Farbe, als auch das Licht auf eine Weise wiederzugeben schien, das sie funkeln ließ. Wenn Mirdole sich bewegte, dann glitt die schuppige Aura um ihren Körper wie das Schlängeln einer Schlange.
      Jetzt in diesem Moment, als Kassandra sich zu ihr setzte, plusterte sich ihre Aura auf und drückte unweigerlich gegen das Feuer, das Kassandra darstellte. Selbst ein Mensch hätte erkennen können, dass die Göttin keineswegs erfreut darüber war, die Phönixin jetzt bei sich zu wissen. Ihre Schlangen zischten verärgert und sie richtete ihren Blick recht unwillig auf Kassandra.
      "Ich selbst? Wieso gehst nicht du? Traust du dich etwa nicht, den Eviad für zwei Minuten alleine zu lassen?"
      Sie trank einen Schluck von ihrem Wein und ließ dann den Blick wieder über das Meer an Auren gleiten, zweifellos, um noch einmal eine Unstimmigkeit zu erkennen. Aber nichts in dem Gefilde erregte ihre Aufmerksamkeit. Dann, in einem milderen Tonfall:
      "Zweiter Querflur sagtest du? Ich lasse jemanden schicken."
      Sie stellte ihren Kelch ab um aufzustehen, überlegte es sich dann wohl anders und sah Kassandra zum ersten Mal direkt an.
      "Hat man dich über die Verteidigungsmaßnahmen des Palastes informiert? ... Nein, natürlich nicht, nicht wahr? Verflucht sollst du sein, Dionysus."
      Das schien der Weingott wieder gespürt zu haben, denn er sah zu den beiden Göttinnen hinüber, betrachtete sie für einen Moment und präsentierte dann ein dickes, aufgetragenes Grinsen. Mirdole richtete nun wohl zum ersten Mal so etwas wie ein ernst gemeintes Wort an Kassandra.
      "Im Falle einer Auseinandersetzung werden die Ratsmitglieder - also auch dein Eviad - in einem Sicherheitsraum mit ihren jeweiligen Gardisten umgebracht, bis alles sicher ist. Keine Soldaten werden für den Konflikt aufgebracht, dafür sind nur wir zuständig - zu denen du jetzt auch gehörst. Wir sechs kümmern uns darum, bis wir die Lage als sicher erachten. Es ist dir, so wie uns allen, untersagt, den Sicherheitsraum bis dahin zu betreten."
      Sie fiel Kassandra ins Wort, bevor sie etwas sagen konnte.
      "Das hat den sehr offensichtlichen Grund, dass die Situation nicht ausgenutzt werden soll, Kassandra. Wer sagt uns, dass du nicht alle Träger verbrennen und ihnen unsere Essenzen abnehmen würdest? Das gilt für uns alle."
      Jetzt stand sie endlich auf.
      "Sollte es notwendig sein, wird der Alarm ausgelöst und der Saal wird geräumt. Melde es mir, wenn dir etwas auffällt. Ich habe nicht vor, meine Trägerin unnötiger Gefahr auszusetzen."
      Kalea hörte es gar nicht; sie war zu beschäftigt zu trinken und derweil mit einem älteren Mann zu kichern.
      Mirdole ging davon, um zwei Wachen von den Wänden einzusammeln und ihnen mit knappen Sätzen ihren Befehl zu vermitteln. Die Soldaten entschwanden in Richtung Gang, während Mirdole weiterschritt, offenbar in der Ansicht, auch sämtliche anderen Wachen in Kenntnis zu setzen oder sie zumindest vorzubereiten. Es war ganz offensichtlich, dass Mirdole mit solcher Art von Arbeit schon Erfahrung hatte.
      Es dauerte keine fünf Minuten, in denen Mirdole zwischen den Sälen wechselte, um weiter ihre Befehle zu verbreiten, als es noch einmal geschah. Es war ein anderer Gang, weit genug vom ersten entfernt, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden, als eine Aura aufflammte und dann erlosch. Und dann geschah es sogar ein drittes Mal. Mittlerweile war klar, dass es unmöglich ein einzelner Täter gewesen sein konnte.
      In dem Meer aus Auren war Mirdole jetzt stehengeblieben und die Schuppen ihrer Aura breiteten sich zu allen Seiten aus und krochen wie Schlangen durch das unsichtbare Meer hindurch. Sie nahm keinen Kontakt mit Kassandra auf, doch das war auch gar nicht nötig; sie beide hatten mitbekommen, was geschehen war. Hier ging etwas vor sich, was methodisch durchgeplant worden war.
    • In der Tat hatte sich Kassandra wieder auf ein Wortgefecht mit der Gorgone eingestellt. Die erste Reaktion ihrerseits passte zu dem auch ganz gut; was fiel der Phönixin ein, eine andere mythische Kreatur als Laufburschen missbrauchen zu wollen? Doch Kassandra ging nicht direkt auf ihre Worte ein, sondern gab Mirdole einen Moment, vielleicht doch angemessen auf Kassandras Gesuch einzugehen.
      Sehr zu ihrer Verwunderung besaß Mirdole tatsächlich versöhnlichere Töne. Da hätte sie beinahe ihre wohlgesetzte Maske fallen lassen und Mirdole ihren unverblümten Gesichtsausdruck präsentiert, hielt es aber noch bei sich, bis die Gorgone die Phönixin das erste Mal überhaupt weder mit Abscheu noch mit Ablehnung betrachtete. Da hoben sich selbst Kassandras Augenbrauen an, als sie leicht den Kopf schüttelte, mit einer Schulter zuckte und sich vornahm, gegenüber einem gewissen Weingott vielleicht doch einmal handgreiflich werden zu müssen. Denn bislang hatte sie wirklich den Eindruck vermittelt bekommen, dass sie gleichgestellt zu Zoras war und nicht wie ein Gott behandelt wurde. Dass sie nun wie die anderen Champions eingesetzt werden würde, setzte sie überraschend schnell eine Stufe hinab, zurück zu den Champions, von denen sie sich eigentlich gelöst hatte.
      "Das ist ja wunderbar, dass es einen Panikraum ohne uns gibt. Aber wer versichert mir, dass die Garde von fünf Ratsmitgliedern sich nicht plötzlich gegen einen Herrscher und seine Leute in diesem Raum stellt?“, fragte Kassandra so leise, dass es vom menschlichen Ohr überhört wurde, Mirdole es mit ihren besseren Sinnen aber durchaus verstand. „Ich möchte jetzt niemanden drohen. Das ist mein voller Ernst. Aber sollte es geschehen, dass sich deine Trägerin mit den anderen verbündet und in solch einem Moment gegen den Eviad schlägt, dann gibt es nichts mehr, was mich davon abhält, alles in Schutt und Asche zu legen. Den Palast. Die Stadt. Die Menschen. Euch. Nichts.“
      Immerhin hatte Kassandra nun das erste Mal den Eindruck, dass eine Zusammenarbeit mit diesen Champions möglich war. Sie nickte Mirdole zu, als sie aufstand und sich entfernte, um ihre Soldaten in Bereitschaft zu versetzen. Jetzt schon den Alarm auszulösen würde eine Panik verursachen und noch wollte sie das nicht ausbrechen lassen. Noch war es nur ein Fall, den sie untersuchen mussten, aber nichts, weshalb eine Evakuierung ausgelöst werden müsste. Einen Moment später stand auch Kassandra wieder auf, um zurück zu Zoras zu spazieren und sich dort wieder neben ihn zu platzieren. Weder Oronia noch einen anderen Träger würde Kassandra vorerst informieren, schließlich waren die meisten von ihnen schon gut betagt unterwegs. Wenigstens war die Nacht nicht mehr so lang und der Spuk bald vorüber.

      Das, jedenfalls, wäre der Optimalfall gewesen. Aber es waren Kassandra keine fünf Minuten vergönnt, da wiederholte sich der Spuk, in einem anderen Gang, aber auf gleicher Ebene. Sofort war sie wieder hellhörig, zuckte zusammen wie beim ersten Mal und konnte kaum einen Unterschied zum ersten Mal feststellen. Dieses Licht war wieder nicht auf einem Gang ausgegangen, sondern in einem Nebenraum. Relativ weit weg vom ersten Vorfall. Entweder, jemand war verdammt schnell, oder es war eine Gruppe und damit organisiert. Ungefähr im gleichen Abstand ereignete sich noch ein Vorfall, und damit war Kassandra auf den Füßen. Nichts von ihrer Leichtigkeit war mehr vorhanden, als sie in den Offensivmodus schaltete und nicht mehr verhüllte, wer hier die ungebundene Gottheit im Palast war.
      Das hier war ein Angriff.
      Kassandras Kopf zuckte zu Zoras, der sie natürlich verwirrt und vielleicht ein wenig sehr vernebelt ansah. „Wir werden angegriffen. Ich lasse den Alarm auslösen. Du gehst mit der Garde mit in einen abgetrennten Raum und wartest auf mich. Ich weiß Bescheid, es wird kein Champion da sein. Für den Fall, dass da drin doch etwas Unvorhersehbares geschieht“, sie legte eine Hand auf ihre Brust, „ist mein Schild intakt.“
      Kassandra wandte sich an die Garde, die mittlerweile nähergetreten waren, als die Aura der Phönixin auch sie erfasst hatte. Kurz wies sie die Männer an, den Alarm auslösen zu lassen und den Rat samt Eviad zu evakuieren. Schon in der nächsten Sekunde war sie an ihrem Standort verschwunden und tauchte bei Eshos Tisch auf, wo sie die Wachen ebenfalls informierte. Das wiederholte sie bei Kalea, Wilben und Ristaer ebenfalls bis die Maschinerie in Gang gesetzt wurde. Tumult wurde laut, Anweisungen und Ordnungen wurden gerufen, als man den Rat von den Gästen trennte und sie in jeweils anderen Räumen unterbrachte. Die Gäste wurden im größten Saal gesammelt, die Ratsmitglieder unauffällig aus einem Seitengang eskortiert. Einen Moment lang blickte Kassandra ihnen hinterher, dann fing ihr langes Kleid Flammen und brannte an den Enden ab, bis ihre Arme freilagen und sie mehr Beinfreiheit bekam. Ihr Gesicht war nun nicht mehr entspannt und gut maskiert; jetzt lagen darin Entschlussfreudigkeit sowie ein stummes Versprechen. Nämliches solches, dass sie diejenigen ausfindig machen würde, die es wagten, hier einzufallen.
      Ihr Haar wehte in einem Wind wider der Welt. Ihre Augen verwandelten sich in lebendiges Feuer und ihre Schritte hinterließen kohlrabenschwarze Abdrücke im Stein der Palastfliesen. Denn jetzt war Kassandra auf der Jagd.
    • Zoras bemerkte kaum, wie Kassandra zu ihm zurückkam, aber ihn durchfuhr doch die plötzliche Aufmerksamkeit, die die Phönixin wieder an den Tag legte. Wieder sah er sie an und dieses Mal lieferte sie ihm sogar eine Erklärung.
      "Wir werden angegriffen."
      Seltsamerweise brauchten die Worte einen Moment, bis sie Zoras' Gehirn erreicht hatten und dann dauerte es noch einen weiteren Moment, in dem er fälschlicherweise dachte, sie befänden sich in Theriss und soeben würde Kerellin an seiner Grenze aufmarschieren. Einen Augenblick später verflüchtigte sich diese Eingebung und als Zoras begriff, was das zu bedeuten hatte, kam ihm die Leichtigkeit seines Kopfes nicht mehr ganz so verlockend vor wie noch zuvor. Jetzt merkte er erst, wie schwer sein Gehirn arbeiten musste, um seine Gedanken erst formen zu können und das gefiel ihm mit einem Schlag nicht mehr. Er wollte wach und aufmerksam sein, einen kühlen Kopf bewahren, um der Situation dienlich zu sein. Er wollte keine eigene Last darstellen.
      Aber Kassandra handelte schon viel zu schnell für seinen Geschmack, ohne auf sein langsames Gehirn zu warten. Sie wandte sich sogleich an seine Gardisten, während Tysion, der als einziger am Tisch noch nüchtern war, sofort aufstand und sie alle zum Gehen drängte. Die Unruhe erregte die Aufmerksamkeit von einigen anderen Tischen, aber noch hatte die Nachricht des Angriffs sie nicht erreicht.
      Zoras stand selbst auf und hielt sich für einen Moment an seiner Armlehne fest. Er war wirklich unheimlich betrunken - Dionysus und sein verfluchter Wein. Sollte er den Kelch vielleicht mitnehmen? Schließlich war das ein magischer Kelch, der sich immer wieder von alleine auffüllte.
      Tysion hinderte ihn an dieser Schnapsidee, indem er ihn am bekleideten Unterarm packte und zu seinen Wachen schob. Die sprachen auf ihn ein mit "Schnell hier entlang, Herr" und "Nur die Ruhe bewahren, wir sind gleich hier weg", aber Zoras hörte gar nicht richtig hin. Er vermisste seinen Wein.
      Die Gesellschaft des Tisches wurde aufgelöst in die Eskorte von Eviad - zu der auch Tysion gehörte, der darauf bestand, bis zum Raum bei ihm zu bleiben - und den Rest, der zu den Gästen gebracht wurde. Der Eviad war der erste, der den Raum verließ, gefolgt von Esho einen Moment später. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Nachricht auch so herumgesprochen, die Panik war aber dennoch groß, als der Hauptmann der Garde den Alarm ausrief.

      Sofort herrschte großes Gewühl unter den Gästen. Stühle wurden eilig zurückgeschoben und Leute liefen durcheinander auf der Suche nach anderen Bekannten in dem aufkommenden Gedränge. Die Wachen gingen strukturell vor, um die Säle sowohl zu leeren, als auch das Gedränge in den Griff zu bekommen. Es dauerte trotzdem einige wertvolle Minuten.
      Und mittendrin, ein Fels in der Brandung, die schwarze Phönixin. Eine ernstzunehemende Gefahr für all jene, die töricht genug waren, die Grenzen des Palastes ungebeten zu übertreten.
      Kein weiterer Mord wurde verübt. Menschen wurden zusammengescheucht und in die Gänge eskortiert, allesamt in kleineren Gruppen, die sich besser von Wachen umringen ließen. Aufgeregtes Geschnatter ertönte von überall, hysterische Rufe nach Sicherheit, getuschelte Mutmaßungen. Auren verdickten sich zu einem fast unübersehbaren Wall.
      Oronia war die erste Champion, die sich sofort zielgerichtet in Bewegung setzte. Sie verließ die Säle, bog in den Gängen nach einer Seite ab, betrat einen Raum und dann war die körperliche Oronia verschwunden und ihre Aura raste sofort durch den ganzen Palast hindurch. Besonders stark konzentrierte sie sich um den Gang, durch den die Ratsmitglieder und Zoras flohen, aber sie schien nicht mehr zu tun, als lediglich ihren Abgang sicherzustellen. Gleichzeitig waberte ihre Aura auch in Wellen durch die Säle vor und zurück.
      Mirdole hatte sich unlängst aufgestellt, um genau wie Kassandra die Suche nach den Tätern zu beginnen. Ihre Schlangen zischelten bereits über den Boden davon, bereit dazu, auch nur die kleinste Veränderung zu erschnüffeln.
      Dionysus bewegte sich nur sehr langsam. Er schien es ganz eindeutig vorzuziehen, lieber auf seinem Stuhl zu bleiben, als sich der allgemeinen Suche anzuschließen. Damit tat er nicht unbedingt weniger als Asterios, der mit den Nüstern bebend im Raum stand, darauf wartend, dass man ihm sein Ziel weisen würde. Auch Halmyn war langsam, was aber wohl eher an seiner Natur lag.
      Es mochten vielleicht sechs Götter anwesend sein, aber im Grunde lief es auf die Phönixin und die Gorgone hinaus. Womöglich noch auf die Nymphe, wenn sie etwas entdecken würde.

      Nach wenigen Minuten dann: Eine Auffälligkeit in den Auren der Menschen. Ein Beben, nur geringfügig, aber genug für die aufmerksamen Augen der Götter. Mirdole setzte sich sofort in Bewegung und auch Kassandra zögerte nicht. Sie waren nicht einmal weit gekommen, da ertönten aus dem betreffenden Gang bereits Schreie.
      Eine Gruppe der fliehenden Gäste war gerade drauf und dran, sich zu zerstreuen, während die Wachen ihre Waffen gezückt haben. Unter den Gästen stand eine Frau, gekleidet wie jeder andere Gast, aber ausgestattet mit einem geschwungenen Messer. Es war klar, wo sie es herbekommen haben musste; die getöteten Wachen.
      Die Frau war ganz eindeutig in der Kampfkunst bewandert. Sie war mit den anderen Gästen geflohen, war nun aber, mitten im Gang, mitten im Nirgendwo, herumgewirbelt, hatte eine Frau neben sich zu Boden gerissen, eine zweite bei den Haaren gepackt und eine dritte in einer schwungvollen Bewegung in einen Würgegriff gezogen, bei dem sie ihr die Klinge an den Hals drückte. Nun war sie deutlich von den dreien umgeben, während sie selbst sich fast dahinter versteckte.
      Ein menschliches Schutzschild. Sie brauchte die Geiseln, wie ersichtlich wurde, als die beiden Göttinnen auftauchte. Sie hatte nicht vor, sich hier kampflos zu ergeben.
      "Zurück oder alle drei werden sterben!", brüllte sie mit einer überaus kräftigen Stimme. Die Wachen hatten sie bereits umzingelt, aber sie konnten auch nicht an dem menschlichen Schutzschild vorbei.
      "ZURÜCK SAGE ICH!"
      Ihre Stimme war stark, ihr Blick klar; doch ihre Aura, ihre Aura täuschte Trunkenheit vor. Ein Gott mochte aus ihr einen nebligen Geist lesen, doch sie war völlig klar.
      Eine Täuschung. Und wie viele andere sich auf so eine Weise an den Göttern vorbei geschlichen hatten, das war gänzlich unklar.
    • Es bedurfte nur eine einzige erhöhte Amplitude einer Aura und Kassandra war aktiviert. Während sich die Gorgone noch in Bewegung setzte, verwandelte sich die Phönixin buchstäblich in einen Flammenblitz. Sie war schneller als mit dem bloßen Auge zu erfassen und erreichte den Flur, aus dem sich Schreie lösten, noch bevor Mirdole die Richtung überhaupt geändert hatte. Die Gesuchte hatte sich mit einem Wall aus Menschen umgeben, um die Wachen abzuhalten, die sie gestellt hatten. Kassandra sah das Messer und dann die Aura der Frau an sich. Beinahe umgehend verfinsterte sich der Ausdruck der Phönixin noch weiter, sodass man sie am liebsten nicht mehr ansprechen wollte. Diese Frau hier sprach und bewegte sich viel zu gekonnt, viel zu bewusst, als dass die Trunkenheit aus ihr sprechen konnte. Jetzt erst pflückte die Phönixin die täuschende Aura weiter auseinander, untersuchte sie und stellte fest, dass kaum Spuren von Dionysus‘ Aura in ihr vorhanden waren. Wie auch immer diese Frau sich diese Täuschung auferlegt hatte, es war schon vor dem Palast passiert und nicht durch den zauberhaften Wein.
      Ein weiterer Schrei löste sich und ein Klirren ertönte. Die Wachen fielen einstimmig nach vorn, rissen die Geiseln aus dem potenziell gefährlichen Bereich und wälzten die Angreiferin zu Boden. Kassandra hatte ihr Aura in das lächerliche Messer geleitet und es so schnell zum Glühen gebracht, dass die arme Frau es loslassen musste, noch bevor sie darüber hatte nachdenken können. Als das gesichert war, machte Kassandra auf dem Absatz kehrt und sprang in ebenso schneller Geschwindigkeit wieder durch die Flure, an Mirdole vorbei.
      „Warte hier, ich bin gleich wieder da“, sagte die Phönixin noch zu ihr und war dann in den weiten Fluren und Ebenen des Palastes verschwunden.
      Es waren zwei Minuten vergangen, da tauchte Kassandra in dem Gang schon wieder auf, hinter ihr zwei bewusstlose Menschen. Abfällig warf sie die beiden an den Kragen ihrer Kleidung nach vorn auf den Boden, wo sie lebendig, aber regungslos liegenblieben. Den Spurt eines Gottes stand ein Mensch nicht bewusst durch. Außerdem hatte sie die beiden bis zum Anschlag mit ihrer Aura vollgepumpt, damit eine Gegenwehr, woher sie auch kommen mochte, nicht mehr möglich war.
      „Ihre Aura ist frei von Dionysus‘ Einflüssen. Sie täuschen uns den gleichen Zustand wie die Gäste vor, und dass schon vor Beginn der Feierlichkeiten“, erklärte Kassandra Mirdole, als sie sich an der Gorgone vorbeischob und zwischen den Wachen hindurch blickte, wo die Angreiferin auf dem Boden eingekesselt saß, Schwerter und Speere auf sie gerichtet.
      „Wie viele Mittäter habt ihr eingeschleust?“, fragte Kassandra die Frau und bedeutete den Wachen, etwas Platz zu machen, damit sie sehen konnte, wie ihre Verbündeten weiter hinten ausgeschaltet lagen. „Wir haben andere Dinge zu erledigen als Menschen zu töten, also sprich. Wie viele und was soll das? Wer hat euch gezeigt, wie man täuscht?“
      Denn das war ebenso eine wichtige Frage. Es gab nicht besonders viele, die in der Lage waren, menschliche Auren so zu verändern, dass sie selbst die Phönixin hatten kurzzeitig täuschen können. Im schlimmsten Falle hatte Loki seine Hände im Spiel, aber der gab sich genauso wenig mit dem einfachen Morden von ein paar Menschlein hin wie sie alle hier. Sollte das ein Aufstand werden, den sie gewillt waren, mit ihrem Leben zu bezahlen? Warum wurden nur Wachen getötet?...
      Wachen.
      „Wolltet ihr euch in die Garde einschleichen? Dafür hättet ihr keine Soldaten töten müssen. Das hättet ihr auch anders schlauer geschafft“, dachte Kassandra laut und legte den Kopf schief. Jedes bisschen Menschlichkeit war aus ihren Augen gewichen und nur noch das anderweltliche Feuer brannte in ihnen. „Es ist mir egal, wen ihr tötet oder warum, aber ein Leben ist ein Leben. Sinnlos genommen und ich vergewissere dir, dass die Wachen hier dir dasselbe antun werden. Also: Wie viele, wie und weshalb?“
      Die Zeit rannte. Das wussten sie alle. Niemand wusste, wie viele noch hier im Palast waren, denn Kassandra hatte nur die Beiden herauspicken können, die ihr in unmittelbarer Nähe zu den Morden aufgefallen waren. Würde sie die ganzen Gäste im Saal überprüfen, würde sie auch den Rest finden. Sofern sich dieser Rest unter den Gästen befand. Was, wenn sie sich schon unter die Angestellten gemischten hatten? Oder gar... unter den Wachen selbst?
      "Ooohhh...", machte Kassandra gedehnt und ein Schmunzeln zuckte in ihren Mundwinkeln. "Sag mir bitte, ihr habt Mittäter unter den Soldaten. Wart ihr schon so weit, hm?"
      Denn dann wäre ihr erster Weg direkt zum Panikraum und dann würde nicht nur ein Raum brennen.
    • Noch bevor Mirdole überhaupt zum Einsatz kam, hatte Kassandra bereits eingegriffen und die Situation vollständig entschärft. Die Attentäterin ließ mit einem Schrei ihre Waffe fallen, als die ihr die Haut von der Hand brannte, und sofort waren sämtliche Wachen zugegen, um die Geiseln zu befreien und die Frau dingfest zu machen. Das ganze dauerte nicht länger als eine Minute.
      Mirdole kam auch dann noch nicht zum Einsatz, als Kassandra mit derselben rauschenden Geschwindigkeit verschwand und nur wenige Zeit später weitere Menschen zutage förderte. Die Gorgone fragte gar nicht; auch ihr war die trunkene Aura aufgefallen und hatte ihr eine übellaunige Grimasse beschert, die sich jetzt nur verstärkte. Sie blickte von der Phönixin zu den Menschen hinab, während auch ihre Aura sich durch die der Menschen pflückte. Nein, von Dionysus war keine Spur.
      Die einzige ansprechbare Frau der dreien saß jetzt auf dem Boden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, drei Speere auf sich gerichtet. Sie starrte den Göttinnen grimmig entgegen, aber ganz besonders Kassandra hatte es ihr angetan, um sie mit furchtlosen und ärgerlichen Blicken zu betrachten. Als Antwort auf die Fragen der Phönixin, presste die Frau die Lippen aufeinander.

      Zoras eilte schon durch den Gang, was sich wie Stunden anfühlte. Seinem wirren Geist war das Zeitgefühl abhanden gekommen, denn wenn man sich so sehr darauf konzentrierte, dass man auch gerade lief und nicht etwa in jemanden hinein lief, konnten andere Sachen durchaus an Wichtigkeit verlieren. Esho war mit seiner Eskorte noch immer irgendwo hinter ihm, holte aber nicht zu Zoras auf. Wieso sollte er auch? Etwa für ein nettes Schwätzchen auf dem Weg zu ihrer Sicherheit?
      Tysion hielt ihn einigermaßen aufrecht, als sie eine Treppe hinunter nahmen. Auch das dauerte eine lange Zeit und unten angekommen verspürte Zoras zum ersten Mal Übelkeit. Vielleicht sollten sie ein bisschen langsamer laufen.

      Auch die nächsten Fragen beantwortete die Frau nicht und die Wachen, als auch Kassandra, verloren langsam die Geduld mit ihr. Sie wurde von groben Händen gepackt und mit Speeren daran erinnert, dass dies hier ihre letzte Station wäre, wenn sie nicht bald Rede und Antwort stellen würde. Kassandras Maske war derweil zu einer finsteren Glut verkommen; ein Anblick, der wie aus Albträumen gemacht schien. Selbst die Soldaten mieden ihren Blick, denn mit einem Mal war die Präsenz der Phönixin nichts Alltägliches mehr, sondern etwas gänzlich furchteinflößendes. Auch die Frau ließ es nicht kalt: Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn und sie schluckte häufig, als würde sie versuchen, die ganze Situation zu verdauen. Ihre Aura blieb dabei aber unberührt; es sah aus, als würde sie überhaupt nichts empfinden. Was offen gesagt eine Lüge war. Dann, endlich, machte sie den Mund auf.
      “Wir sind genug. Genug für unser Bestreben.”
      Ganz anscheinend hatte sie es darauf angelegt, dass man ihr die Worte aus der Nase zog.

      Es ging im unterirdischen Teil des Palasts weiter, wo alles ein bisschen schlichter und einfacher gehalten war. Zoras hätte sich hier sicher schnell verlaufen, aber er kannte seine beiden Wachmänner, die sie hier führten, und wusste, dass sie den Weg genau kannten. Nichts war leichter, als ihnen einfach nur zu folgen.
      Dann warf er einen Blick über die Schulter.
      Tyz… Tyz… z…
      Seine Zunge war zu schwer für die Feinheit von Tysions Namen. Der Mann - die Götter mögen ihn segnen - verstand ihn aber trotzdem und sah ihn an.
      “Was?”
      Esho. Ist weg.
      Tysion warf jetzt auch einen Blick zurück und wahrhaftig: Esho war mit seiner Eskorte nicht mehr hinter ihnen. Auch nicht Kalea oder Wilben oder Ristaer. Sie waren alleine.
      Tysion hatte die geistige Kapazität, um die Gardisten über diesen Umstand zu informieren. Zoras bekam das Gespräch nur am Rande mit, aber dann blieben sie stehen.
      “Wir müssen weiter, wir sind fast da”, bekräftigte einer der Männer und Tysion hielt dagegen:
      “Wir können einen Moment warten. Der Rat muss auch dorthin. Der Zweck dieses Raumes ist nicht, dass alle getrennt werden.”
      Die Wachen hörten auf ihn, weil Tysion Zoras’ Vertrauter war. Der stützte sich jetzt ein wenig auf den ehemaligen Söldner, weil ihm wieder schwindelte.

      Bei Kassandras Erwähnung von Mittätern unter den Wachen, funkelte etwas in den Augen der Frau. Das konnte selbst eine Aura nicht überschatten und die Frau musste selbst wissen, dass etwas hindurch geschienen war, denn mit einem mal hatte sie die Aufmerksamkeit der Phönixin. Dennoch reckte sie trotzig das Kinn empor.
      “Unsere Leute sind dort, wo sie gebraucht werden, darauf könnt Ihr Euch verlassen, Kassandra.”
      Die Art, wie sie ihren Namen aussprach, ließ vermuten, dass die Frau ganz genau wusste, hier nicht mehr lebend herauszukommen. Dennoch schien es sie nicht zu stören; hatte sie vielleicht damit gerechnet? Geradezu darauf gesetzt?

      Zoras und Konsorten warteten nicht lange, als vor ihnen Schritte ertönten und eine der Waschfrauen im Gang erschien. Zoras kannte sie nicht, was bedeutete, dass sie ziemlich sicher zu einem der anderen Hausstäbe gehören musste. Ganz überzeugt war er davon aber nicht.
      Die Wachen hatten sich bei den nahenden Schritten kurz angespannt, jetzt entspannten sie sich wieder. Die Frau wirkte aufgelöst, ihre Miene war verzerrt und sie war ganz eindeutig schon einen weiteren Weg gelaufen. Sie keuchte.
      “Der Alarm wurde ausgelöst, geht zurück in die Quartiere”, wies ein Soldat sie an. Die Frau starrte ihn an und rührte sich nicht.

      “Es ist bereits vollbracht”, fuhr die Attentäterin fort. Vielleicht verfiel sie jetzt ins Schwatzen, um ihren Tod weiter hinauszögern zu können, aber irgendwie schienen ihre Worte gänzlich ernstgemeint. Sie hielt den Blick auf Kassandra gerichtet, auch wenn sie körperlich schon zu zittern begann.
      “Ihr habt versagt, jeder von euch. Es war so einfach, hier hereinzukommen, noch viel einfacher, die Wachen zu überlisten. Sie haben nicht einmal gekämpft; wie werden sie hier wohl ausgebildet? Gar nicht?”
      Dafür erntete sie den Zorn der Wachen um sie und nachdem man handgreiflich geworden war und die Frau Blut hustete, fuhr sie einfach fort.
      “Ich hatte gedacht, es würde schwieriger werden. Ich hatte gedacht, wir würden es nicht einmal schaffen. Aber seht Euch nur an - Ihr seid hier. Deswegen habt ihr verloren.”
      In ihren Augen glimmte es noch immer. Vielleicht war es auch Wahnsinn; konnte man gut bei Sinnen sein, wenn man dem Tod ins Auge blickte?
      Sie starrte Kassandra direkt in die Augen. Dann hob sie den Kopf ein wenig höher.
      “Lang lebe der Eviad.”

      Die Waschfrau setzte sich in Bewegung. Es sah ein bisschen ruppig aus, als würde sie etwas tun, was sie nicht gewohnt war. Sie kam weiter auf die Eskorte zu, den Blick starr auf sie gerichtet.
      “Geht zurück”, wiederholte einer der Männer und der andere hob seinen Speer etwas an. Unmerklich schob Tysion sich näher zu Zoras.
      Die Frau öffnete den Mund.
      “Lang lebe der Eviad!”
      Dann rannte sie los. Es war ein Sprint, als versuche sie, so schnell wie möglich nach vorne zu kommen. Nichts hätte sie davon abhalten können, nicht die ausgerichteten Speere der Wachen und auch nicht, dass Tysion Zoras jetzt nach hinten zog, zurück in Richtung Treppe. In manischer Geschwindigkeit rannte sie auf die Gruppe zu, die Augen weit aufgerissen.
      Im Laufen ließ sie ihr Gewand fallen. An ihren Körper waren schwarze Säckchen gebunden. Einer der Wachen stieß einen Warnruf an seinen Kollegen aus und gemeinsam hätten sie es wohl geschafft, der Frau den Kopf abzuhacken, anstatt die Säckchen zu durchstoßen. Aber im Laufen zog sie selbst einen Dolch heraus und rammte ihn sich in den Leib.

      Die Explosion, die folgte, schien Zoras’ Welt auszulöschen. Sein Trommelfell wurde von einem Knall zerrissen und gleißende Hitze schlug seinen Körper in die Luft, der soeben noch von Tysion gezogen worden war. Er öffnete den Mund zu einem Schrei, aber es gab keine Luft zum Atmen, die er hätte nutzen können. Das plötzliche Feuer entzog der Gegend sämtlichen Sauerstoff, als die Flammenwand nach vorne und nach hinten durch den Gang wallte.
      Der Gang selbst brach unter dem Druck zusammen. Die Decke hielt nicht stand und zerbarst, um den Gang unter sich mit Steinteilen zu überschütten. Es donnerte und krachte, als Stein mit Stein zerbarst und eine wahre Kettenreaktion auslöste. Der ganze Palast vibrierte unter der Wucht der Explosion.
      Viele, lange Sekunden lang dauerte der Einsturz, bis von dem ehemaligen Gang kaum noch etwas übrig war, was nicht völlig zerborsten war. Dann war es still. Gänzlich still.
    • Kassandra brauchte keine wörtliche Bestätigung, ob die Irre vor ihr mit ihrer Gruppe auch die Wachen infiltriert hatten. Dafür sah sie das Funkeln, diese kleinen Reaktionen, die unterschwellig waren und kein Mensch komplett unterdrücken konnte. Vermutlich hatte auch Mirdole das gesehen, aber Kassandra war derweil schon weiter. Das hier waren nicht nur die Wachen. Die Irre hatte Leute in sämtlichen Rängen und niemand von ihnen wusste, wie lange schon. Kassandra griff nicht ein, als die Wachen gereizt auf den Spott reagierten, doch als die Frau Blut hustete, wurde das Feuer in Kassandras Augen nur noch tiefer. Dann hatte die Frau noch die Dreistigkeit, den Kopf zu heben und Kassandras Blick zu trotzen.
      „Lang lebe der Eviad.“
      Ein kleiner Satz, der zu viele Handlungen und Gedanken in Kassandra auslöste, als dass ein Mensch jemals dazu fähig gewesen wäre. Die Welt um Kassandra herum verlor die Kontur, die Farbe, die Realität. Alles, was sie sah, waren nur noch die weltlichen Umrisse und der Schein von zog Auren und Lichtern, quer über den gesamten Palast verteilt. Die Irre vor ihr war eine Attentäterin, die dem Glauben an einen anderen Eviad folgten. Eine radikale Gruppe, die nicht damit zufrieden war, dass in ihren Augen jemand Falsches den Thron bestiegen hat. Das war alles. Mehr war es nicht.
      Als Kassandra einen Schritt nach vorne trat, sprangen die Wachen regelrecht von ihr weg. In ihrem Gesicht stand keine Wut, eigentlich gar keine Regung außer einer grausigen Ausdruckslosigkeit. Vor der Irren fiel Kassandra in eine Hocke, während sie die Frau mit schiefgelegtem Kopf ansah.
      „Lang lebe dein Eviad“, korrigierte sie die Frau, als sie sie im nächsten Augenblick in Brand steckte.
      Das Feuer war so schwarz wie Kassandras Haar, als es sich über den gesamten Körper der Frau erstreckte und sie das Schreien anfing. Die Flammen schienen in die Poren ihrer Haut, ihre Körperöffnungen, praktisch überall in ihren Körper zu zwingen und sie von innen heraus zu verbrennen. Der typische Gestank von verbranntem Fleisch blieb aus, aber die Qualen, die sie litt, waren echt. Echte Todesqualen, als sie sich wand und versuchte, das unwirkliche Feuer aus ihren Adern zu vertreiben, und schließlich daran scheiterte. Als wäre die Phönixin davon fasziniert, beobachtete sie das Spiel und den Moment, als das Lebenslicht flackerte, kurz starb und dann wieder neu aufflammte. Das hatte sie seit nunmehr fünf Jahren nicht gemacht und die Erinnerungen an den Palast in Theriss kamen ihr wieder hoch. Wie sie einfach nur zur Demonstration einen Soldaten getötet und ihn zu ihrem Fanatiker gemacht hatte. Genau das tat sie nun mit dieser Frau. Die Irre dachte, sie könne sich mit dem Tod vor Kassandra retten? Dann hatte sie sich mehr als nur getäuscht. Kassandra würde auch noch jeden noch so kleinen Fetzen Information auf ihr pressen und sie dann anschließend sich selbst vom Turm werfen lassen. Aber bis dahin sei ihr der Tod nicht vergönnt.
      „Tötet sie nicht“, wies Kassandra die Wachen knapp an und stand wieder auf, die Irre am Boden hatte ebenso das Bewusstsein verloren wie ihre Kumpanen.

      Im nächsten Augenblick erschütterte eine Explosion den gesamten Palast. Der Boden und die Wände bebten, die Soldaten schwankten und Mirdole sowie Kassandra schienen zu versteinern. Den beiden Göttinnen war sofort klar, dass das eine Explosion im unterirdischen Teil der Palastführung gewesen sein musste, aber ein winziger Blick seitens Kassandra zur Gorgone verdeutlichte ihr, dass sie gerade nicht um ihre Trägerin bangte.
      Da riss es einen Teil von Kassandras Aura mitsamt einem Schwall Magie aus ihr heraus. Wo vor einer Sekunde noch Ausdruckslosigkeit in ihrem Gesicht gestanden hatte, kehrte nun ach so menschlicher Schock ein. Ihr Schild, auferlegt durch das Mal auf Zoras‘ Rücken, war aktiviert worden. Jener Schild, den sie ohne sein Wissen beschworen hatte und ihn vor einem tödlichen Ausgang bewahren sollte. Die Welt um die Phönixin herum bestand noch immer nur aus schemenhaften Konturen und einer Masse an Auren, aber dort, wo vor kurzem noch ein ganzer Trupp aus Lichtern zusammen gegangen waren, fand sie nur noch ein einziges vor.
      Kassandras menschliche Gestalt verlor ihre Umrisse. Sie wurde teilweise transparent und flackerte, wie das Feuer in ihrem Herzen und ihrer Seele. Das Türkis und die hellen Gewänder verschwanden, als sich ihre Erscheinung in ein schwarzes Meer aus Flammen verwandelte, das nur von zwei blutroten Augen durchstoßen wurde. Mit dieser Erscheinung warf sie Mirdole einen vielsagenden Blick zu, dann war der schwarze Flammenteufel aus dem Gang verschwunden.

      Unter ihren Füßen spürte sie noch das Rumoren von Steinen, die aus der Decke des unterirdischen Ganges fielen. Kassandra stand in einem der Empfangssäle, genau über dem Ort der Explosion. Sie ging erneut in die Hocke, ihre Magie floss wie Wasser aus ihrer ganzen Erscheinung und zwängte sich in jeden Spalt im Boden. Mit einem Fingerschnipp knallte es ein weiteres Mal, zum zweiten Mal bebte der gesamte Palast, als Kassandra den Boden des Saals komplett wegsprengte und dadurch eine Etage nach unten fiel. Steine prasselten in sämtliche Richtungen, Putz und Dekorationen rieselten von der Decke, als Steinstücke in Größen von mehreren Metern starken Findlingen wie Spielzeug durch die Luft geschleudert wurden. Staub wallte auf und nahm einem die Sicht, doch die Flammen bildeten geisterhafte Flügel an Kassandra aus und vertrieben mit einem mächtigen Schlag jeglichen Staub. Sie kam auf einem Haufen Trümmern zum Stehen, von dem einstigen Gang war nicht mehr viel übrig. Die Explosion musste dermaßen Macht besessen haben, dass sie in direkter Nähe alles zerfetzt haben musste. Und wer dadurch nicht starb, wurde von den Steinen der Decke erschlagen.
      Kassandras Erscheinung flackerte und verlor immer wieder ihre Kontur. Als würde sie unwillkürlich mutieren, brach das Feuer immer wieder in allen Richtungen aus in dem Versuch, ihre wahre Gestalt anzunehmen. So aufgebracht, versuchte sich ihre Natur durchzusetzen und sie in den Phönix zu verwandeln, der sie war. Doch dann würde sie den Palast sprengen. Deswegen kämpfte sie das Verlangen nieder und ließ dafür ihre Magie einfach aus ihr herausfließen, bis sie alle Trümmer und einen weiten Teil des Palastes einhüllte. In ihrem Umkreis war es so heiß, dass die Luft flimmerte und allen sich nähernden Menschen die Tränen in die Augen trieben. Sämtliches Wasser, was sich im Umkreis befand, verdunstete sofort und ließ weiße Wölkchen gen Himmel steigen. Es rauschte durch gebrochene Leitungen und knisterte durch mehr fallenden Schutt.
      Kassandra ging in die Hocke und lege ihre Hand auf einen Stein. Erfasst durch ihre Magie lokalisierte die noch intakten Körper der Menschen unter dem Schutt, doch für jene, die von der Explosion direkt zerrissen worden waren, kam jegliche Hilfe zu spät. Die Steine fingen an zu glühen, erst rot, dann gelb, dann weiß und zerflossen als flüssiges Gestein zu allen Seiten, wodurch der ehemalige Gang wieder erkennbar wurde. Wie durch eine Barriere abgehalten floss das Gestein um die Leichen herum und gab den Blick frei auf den Preis, den diese Explosion gekostet hatte.
      Und ein paar Meter vor ihr gab die Lava den Blick auf einen schwarz glühenden Kokon frei.
      Kassandra war binnen zwei ausladenden Sprüngen bei ihm. Sanft legte sie eine Hand auf den Kokon, der sich als zwei ineinander verschlungene Flügel entpuppte, und löste den Schild auf. Darunter zum Vorschein kam Zoras. Oder eher das, was von ihm noch übrig war. Sein Prachtgewand war fast vollkommen verbrannt, die Haare waren ihm bis auf kleinste Stoppel vom Haupt und Gesicht abgebrannt. Die Haut war teilweise verbrannt, insbesondere an seinen Gliedmaßen und kleinen Partien an Gesicht und Hals. Aber die Explosion hatte ihm keine Körperteile abgerissen und auch die tonnenschweren Steine, die von oben auf ihn herabgefallen waren, hatte der Kokon abgehalten. Seine Aura war intakt, wenn auch schwach, ebenso wie sein Licht, das flackerte, sich aber erholen würde.
      Kassandra hob den Blick. Keine zwei Meter von ihm entfernt lag ein Schwert. Jenes, das Tysion mit sich geführt hatte. Daneben lagen ein halber Torso und ein Bein sowie ein Fuß. Es hatte den Mann vollkommen zerfetzt, wie so viele andere auch. Die, die weiter hinten gestanden hatten, waren entweder verbrannt oder von den Steinen erschlagen worden. Der gesamte Trupp war niedergemacht worden, bis auf Zoras. Bis auf den Eviad, der Kassandras Schutz genossen hatte.
      Schnell versicherte sich Kassandra, dass Zoras noch atmete. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und fasste jede Essenz Magie, die sie durch den gesamten Palast gelegt hatte. Wie altvertraute Freunde begrüßte die Magie ihre Herrscherin, gab sich ihr hin und wartete auf den nächsten Befehl. Sie hatte sich an alle Menschen geheftet, die nun noch im Palast waren. Jede einzelne Seele der 861 Menschen, die im Palast zugegen waren, standen nun im direkten Kontakt zu Kassandra, die jede einzelne Aura darauf überprüfte, ob sie dieselbe Täuschung aufrechterhielt wie die Attentäterin. Als sie sich sicher war, dass sie all jene erwischt hatte, schloss Kassandra die Augen und konzentrierte sich auf ihr Gehör und ihr Gefühl.
      Im nächsten Moment gingen alle Angreifer in schwarzen, unlöschbaren Flammen auf. Sie fraßen sich durch die Aura, verbrannten sie und nutzten sie als Treibmittel, bis nichts mehr von der Aura und der Seele übrigblieb. Die Schreie, die von überall her anschwollen, waren gleichzeitig Musik und Horror in Kassandras Ohren. Sie spürte, wie ihre Natur es danach verlangte, sich an den Qualen zu laben. Wie sie sich gestärkt fühlte, ja gar befreiter als zuvor. Doch er andere Teil in ihr, der echte, gute Teil des Phönix, schalt sie für ihre Taten und hinterfragte den Sinn dahinter. Doch diesen Teil sperrte Kassandra ganz weit fort. Sie wollte jetzt so sein. Beinahe hätte sich der Vorfall aus Nuliubda in ähnlichem Prinzip wiederholt. Und die Gewissheit, dass der Schild wirklich eingesetzt werden musste, ließ den Zorn in Kassandra aufwallen. Sie hätte von Anfang an wie eine Urgewalt hier eintreffen müssen und Rat und alle Gläubigen direkt richten müssen. Von Anfang an hätte sie deutlich machen müssen, dass sie hier die Gewalt besaß und sich niemand an jenen zu schaffen machen durfte, die unter ihrem Schutze standen. Vorbei war es mit der Diplomatie, die Zoras so sehr schätzte. Wohin hatte sie ihn gebracht? Halb verbrannt unter Trümmern und der Gewissheit, sich dem Tod einen seiner besten Freunde stellen zu müssen. Ein weiteres Trauma, das eines Anschlages, überstehen zu müssen. Zoras war stark, durchaus, aber die menschliche Psyche hatte Grenzen; das hatte Kassandra am eigenen Leibe erfahren müssen.
      Deswegen beugte sie sich über Zoras, als ihre Magie weiter in den Gängen und Räumen des Palastes wütete. Als die Magie die Luft schwängerte und in Andeutung die Umrisse gewaltiger Flügel um Kassandra und Zoras waberte. Sie würde alle richten. Jeden einzelnen.