Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zuerst dachte Zoras, seine Worte wären gar nicht das gewesen, was Kassandra von ihm hätte hören wollen. In dem kurzen Moment der Panik, in dem sie ihm reglos gegenüberstand, fiel ihm aber nichts besseres ein bei der Rekapitulation dieser Worte. Sie hatte hören wollen, was er wählte, und er hatte es ihr so deutlich gesagt, wie es ihm möglich war. Was er nicht so deutlich ausgesprochen hatte, war, dass er sie nicht ein weiteres Mal in die Sklavenschaft zwingen wollte.
      Aber dann geschah doch etwas, auch wenn Zoras bis vor einem Moment noch geglaubt hätte, dass nichts diesen fortschreitenden Weltuntergang überschatten könnte. Und doch spürte er Kassandras Präsenz wieder auf sich, ihre Allmächtigkeit, die ihn einfing und sich auf ihn legte, anders noch als vorhin, aber immer noch Kassandra. Dieses Mal konnte er diese Präsenz sogar ganz deutlich wahrnehmen, als sich die Luft um sie herum zu verdicken schien und lange, musterhafte Formen annahm. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sie sich näher angesehen. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich auch darum Sorgen gemacht, dass sie nun schon seit einigen Sekunden unbewegt an einem Fleck standen, was sich bei den Auswirkungen ihrer Umgebung äußerst schnell als fatal erweisen könnte.
      Wenn er gekonnt hätte, hätte er seinen Blick von Kassandra abgewandt.
      Aber ihre Augen brannten sich in seine, ihre Seele, die sich in den Tiefen dahinter versteckte, und ihre Stimme ertönte, auch wenn sie sich nicht rührte. Sie fuhr Zoras durch den gesamten Körper und als hätte sie nur darauf gewartet, schlug Kassandras Präsenz einen Moment später auf ihn ein, eine unglaubliche Wucht, die ihn augenblicklich an seine Sterblichkeit erinnerte. Er versuchte noch nicht einmal, sich dagegen zu wehren, denn das hätte vermutlich zu Knochenbrüchen geführt; er sackte gleich zusammen und kauerte unter ihrer allmächtigen Präsenz in einer ehrfurchtsgebietenden Haltung.
      Kassandra war nicht mehr Kassandra und gleichzeitig war sie so viel Kassandra, wie sie noch niemals zuvor gewesen war. Zoras starrte auf zu einem Anblick, der zu schön hätte sein dürfen, um je von irgendeinem Menschen wahrgenommen zu werden. Kassandras Präsenz füllte den ganzen Raum um sie aus, ihre Gesichtszüge waren hart und von einer Determination geprägt, die den Menschen verwehrt blieb. Ihr Körper war noch immer der ihre, hochaufragend und wunderschön, aber genauso gut hätte er 100 Meter hoch sein können, bei der Macht, die sie ausstrahlte.
      Zoras wäre höchst freiwillig vor ihr auf die Knie gegangen.
      Dann fiel ihm aber auch auf, dass ihre Umgebung genauso schnell verstummt war, als die Phönixin das Wort erhoben hatte. Er hätte schon gedacht, dass sie etwas getan hätte, was das Auseinanderbrechen der Welt stoppte, hätte er da nicht den großen Wassertropfen neben ihrem Gesicht gesehen, der einfach in der Luft erstarrt war.
      Oder nein, noch immer fiel, aber jetzt so langsam, dass er für Zoras deutlich sichtbar geworden war.
      Kassandra sprach erneut, oder jemand sprach, durch Zoras' Körper hindurch, durch den Raum um sie herum, über die ganze Ebene hinweg. Ihre Hände berührten ihn und er hob den Blick an, um in das göttliche Antlitz von Kassandra zu blicken. Gegen den finsteren, zerrissenen Himmel wirkte sie wie eine Todesgöttin, mit langem, dicht schwarzem Haar und einer vergebungslosen Miene. Aber Zoras kannte sie besser. Er verspürte Ehrfurcht, Staunen und Liebe, endlose Liebe bei diesem Anblick, den sie ihm bot.
      Ihre Worte machten keinen Sinn für ihn. Er wusste auch nicht, was sie genau vorhätte, außer womöglich ihr Herz ein zweites Mal von sich zu trennen und zu übergeben. Aber dafür schien es ihm die falsche Wortwahl zu sein, auch wenn er die richtige Wortwahl gar nicht kannte. Es schien viel zu... persönlich. Intim, so wie es ihm vorkam, als sie ihre Stirn an seine legte.
      Dann stachen rote Flammen durch ihre Präsenz hindurch und mussten sich durch seine Kleidung fressen, so nah sie ihm waren, aber bis auf Kassandras überwältigende Anwesenheit spürte er rein gar nichts. Die Hand an seinem Kinn war warm, ihr Blick auf etwas gerichtet, das Zoras und auch wieder nicht Zoras war.
      Dann sprach sie von einem Flammenbund und der Himmel ging in einem einzigen, grellen, alles verschlingenden Blitz auf.
      Als er erst geendet hatte, was eine Ewigkeit zu beanspruchen schien, war es still um sie herum. Lärmend still sogar, denn das viele Getöse und das Grollen des Bodens hatten einen gewissen Nachklang in ihren Ohren hinterlassen, der jetzt an deren statt toste. Aber alles andere, ihre ganze Umgebung, war vollkommen ruhig.
      Er blinzelte viele Male, damit seine Sicht sich langsam wieder einstellen würde, und ergriff schließlich Kassandras Hand, die sie ihm vorhielt. Erneut zog sie ihn viel zu leichtfertig auf die Beine und erneut rechnete sein Körper nicht damit. Er kam schwankend auf die Füße und starrte Kassandra dann nichtswissend an.
      "Ich... Ich brauche keinen Champion, aber... ein Schwur?"
      Undeutlich erinnerte er sich dabei an eine andere Sache, aber er vergaß sie wieder, als Kassandra in den Himmel empor zeigte. Und tatsächlich, der Riss schloss sich langsam, träge und irgendwie mühsam, aber immerhin. Was auch immer es mit ihrem Schwur auf sich hatte, es schien tatsächlich funktioniert zu haben.
      "Wird es auch halten? Wird es nicht von dem nächsten Gott zerstört werden, der entschließt, die Erde zu besuchen?"
      Würde es weitere Halbgötter aushalten, die in der Zeit geschaffen würden? Das waren alles Fragen, die es dringend zu beantworten galt.
      Aber nicht hier. Nicht in Asvoß, in der Mitte von Nirgendwo.
      Zoras drehte sich und fand die beiden Kuluar in einigem Stück Entfernung, wie Faia gerade Tysion auf die Beine half. Ihre Schichtkleidung war ziemlich ramponiert und außerdem konnte man beiden aus der Entfernung schon ansehen, dass sie genug von alldem hatten, was hier vonstatten gegangen war. Zoras mochte es wegen Kassandra ausgehalten haben, aber er kam auch nicht aus einem Land, in dem Champions und ihre Träger durch eine schlechte Hierarchie allgemein als Bedrohung galten.
      Faia drehte sich zu ihnen beiden um und in dem Moment, wo sie sich abwandte, fiel Tysion wieder hin. Sein Fluch verschwand in seinem Bart, man konnte ihn dennoch hören.
      "Wir sollten..."
      Zoras starrte auf die dutzenden Risse zwischen ihnen, auf die Schluchten, die tief hinab in den Stein und das Eis gingen, auf die Lücken, die teilweise schon einige Meter breit waren und die man damit definitiv nicht mehr überqueren könnte. Jetzt, wo alles erstarrt war, hätten sie zwar außer Gefahr sein müssen, aber ein falscher Schritt und es wäre trotzdem vorbei.
      Er drehte sich in die andere Richtung, nur um sich dann noch weiter zu drehen. Er konnte bis hinaus auf die weite Ebene schauen und es brauchte einen Moment, bis er begriffen hatte, dass die Festung ebenfalls in einem dieser Risse verschwunden sein mochte. Ein paar Trümmer waren noch übrig, aber nicht genug, um sie als etwas anderes zu bezeichnen als genau das: Trümmer.
      Er kratzte sich die Bartstoppeln und sah zurück zu Kassandra.
      "Es wäre wohl sehr hilfreich, wenn du einen Weg zur Küste wüsstest. Bei dem wir nicht allesamt unter der Erde landen werden."
    • „Vorerst wird es ausreichen. Mein Einfluss war zu stark, zu aufgeladen über die Jahrtausende. Mich würde es nicht wundern, wenn Loki mich wie eine Nutzpflanze kultiviert und schließlich eingesetzt hat.“ Ja, die Risse am Himmel verschwanden auf genauso mysteriöse Art und Weise wie sie aufgebrochen waren. Nur die Auswirkungen am Boden, die Risse, die Spalten, waren geblieben. „Er hat daran gearbeitet, dass es einen Spitzenwert gab und nicht viele kleine Beiträge.“
      Dennoch würde es schwierig sein festzulegen, wie viele Halbgötter zu viel waren. Die Annahme war recht, dass man sie eigentlich vollends dezimieren müsste. Nach dem, was hier unten geschehen war, würden die Götter im Himmel doch nicht mehr so töricht sein und auch nur einen Fuß auf die Erde wagen. Geschweige denn, sich mit Menschen einzulassen.
      Kassandras Blick folgte Zoras' Bewegung und ihr Fokus richtete sich auf zwei Gestalten im Hintergrund, die miteinander beschäftigt waren. Mehrfach hatte sie diese beiden Menschen dort hinten schon gespürt und scheinbar war das der Teil einer Gruppe, zu der Zoras gehörte. Ganz leicht legte sich Kassandras Stirn in Falten. Stimmt, sie hatte diese Menschen im Hintergrund gesehen, als sie auf den Zinnen der Feste gestanden hatte. Eine Feste, von der nur noch zwei Ecktürme übrig waren. Den Rest hatte sich die Erde einverleibt, als sie ihren gierigen Schlund aufgerissen hatte.
      „Du willst zur Küste?“, fragte Kassandra, die offensichtlich nicht ganz den Sinn dahinter erkannte. Irgendwie hatte sie fest damit gerechnet, dass er einen vollständigen Schlachtplan ausgearbeitet hätte und ihn ausrief, sobald er sie gefunden hatte. Er hätte zurück nach Theriss wollen müssen. Oder wo auch immer er seine vier Jahre zugetragen hatte. Besaß er denn keine Heimat mehr? „So lange, wie ich kann, werde ich nie mehr unter die Erde gehen.“
      Sie schnaubte, wenn auch belustigt. Dann stieß sie eine Welle Macht von sich, als sich ihre Konturen auflösten. Ihre Gestalt wuchs in aberwitzigem Tempo an und Zoras musste zwischen den Rissen Land gewinnen, um nicht inmitten Kassandras Verwandlung zu enden. Sekunden später stand wieder der riesige schwarze Phönix auf dem Platz, der keiner mehr war, und ließ den Felsboden unter ihren Krallen ächzen. Sie schüttelte den eleganten Kopf und stellte einen Fuß mit vier Krallen aus, alle dreimal so lang wie ein Mensch groß war. Geduldig wartete sie, bis sich Zoras näherte und ihr eine Hand auf eine der nachtschwarzen Krallen legte.
      {Du kannst auf meine Klaue klettern und dich am Bein festhalten. Bis zur Küste brauchen wir nicht lange.}
      Kassandras Stimme war wie in Echo in Zoras' Kopf, einzig und allein für ihn bestimmt. Diese Art der Kommunikation hätten sie nicht einmal durch ihre Essenz erwirken können, doch ein Schwur legte die Dinge anders aus. Als Zoras ihr jedoch mehrfach auf das Bein klopfte, nachdem er 'aufgestiegen' war, steckte der riesige Vogel fragend seinen Kopf am Brustgefieder herab und beäugte den Menschen auf ihrer Klaue. Ihr Blick folgte dem Fingerzeig zu den zwei Menschen, die offensichtlich mehr als verloren inmitten einer Eiswüste gestrandet waren.
      Ein überraschend leises Quietschen kam von dem riesigen Phönix, als er seine Schwingen ausbreitete und mit ein paar kräftigen Flügelschlägen abhob. Es gefiel Kassandra nicht sonderlich, dass sie nun Menschen transportieren sollte, zu denen sie keinerlei Verbindung hatte, aber im Notfall konnte sie sie ja einfach im Meer abwerfen. So jedoch flog sie wie der nahende Tod auf Faia und Tysion zu. Es bedurfte nur das einmalige Schnappen ihrer freien Klaue, dann hatte sie die beiden Menschen samt Felsen erwischt und vom Boden gepflückt. Schneller und schneller verlor sich der Boden unter ihren Füßen, immer kleiner wurde die Erde. Immer höher stieg Kassandra, die einen Zauber um sich legte, damit das Volk der Erde sie nicht sah. Hier oben hörte sie nichts außer dem Rauschen des Windes. Die armen Menschen hätten so laut schreien können, wie sie wollten – hier oben hatten sie keinen Platz, das hier war Kassandras Reich.
      Es waren nur Minuten, die Kassandra im Flug verbrachte und die Strecke von etlichen Tausend Kilometern hinter sich brachte. Von weitem sah sie bereits das Meer – sie war nicht nach Süden geflogen sondern nach Osten, frei nach dem Motto, wo die Sonne aufging. Hier war die Küste unbewohnt, gar karg und von der rauen See gegerbt. Trotzdem ging sie an dem felsigen Steilhang in Sinkflug und setzte brav vorsichtig die zwei Kuluarer ab bevor sie auch Zoras absteigen ließ und sich wieder in ihre Menschengestalt begab. Kassandra ließ es sich nicht nehmen, die Hände in die Hüften zu stemmen und darüber zu schmunzeln, wie verstört der ein oder andere Anwesende von ihrer luftigen Reise war.
    • Beide Parteien sahen sich fragend an, Kassandra ratlos darüber, weshalb Zoras zur Küste wollte, Zoras ratlos, wie man denn nicht zur Küste wollte. Sie dachte doch sicher nicht, dass er sich in Asvoß niederlassen wollen würde, am Ende der Welt inmitten einer Eiswüste, in der es nicht einmal Pferde gab.
      Zu der Schlussfolgerung musste sie dann allerdings auch gelangen, denn sie fragte nicht noch einmal nach, sondern stieß etwas aus, was Zoras unmittelbar nach hinten schubste, bevor sie anfing zu wachsen und sich zu verformen. Völlig in den Bann gezogen beobachtete er, wie die Phönixin vor seinen Augen zum Leben erwachte und größer, gewaltiger, breiter wurde. Erst, als die massive Gestalt ihn auch fast erreicht hätte, sprang er weiter zurück, stolperte über einen Riss hinweg und fing sich, um die Verwandlung aus sicherer Entfernung zu betrachten. Wenige Sekunden dauerte es nur, dann stand Kassandra in ihrer wahren Form wieder vor ihm, gewaltig, herrschaftlich und absolut göttlich. Ihr schwarzes Federkleid stach so sehr vor dem hellen Hintergrund des Eisebene hervor, als wollte es einen Punkt daraus machen, wie überwältigend Kassandra war. Der Punkt war definitiv geglückt.
      Es dauerte lange, bis Zoras sich rührte, nachdem er fest damit rechnete, sie würde sich jeden Moment in die Luft erheben, zur Küste fliegen und dann wieder zurückkommen. Das war das Denken eines Mannes, der sich noch nicht daran gewöhnt hatte, Götter als Schachfiguren zu bewegen. Entsprechend war er ehrlich überrascht, als er zurückkam und Kassandra ihm mitteilte, dass er sich auf die Klaue setzen könne.
      Auf die
      Klaue.
      Zoras war ja schon auf vielen Dingen in seinem Leben geritten, aber das übertraf die anderen Sachen bei weitem. Er sollte sich auf der Klaue einer Phönixin herumfliegen lassen. Wäre er nicht so ausgelaugt, hätte er sich gefreut wie ein Kind.
      So kletterte er hoch, bemühte sich darum, leicht aufzutreten - als ob Kassandra sich an seinem lächerlichen Menschengewicht gestört hätte - und setzte sich, wie sie ihn angewiesen hatte, an ihr Bein. Ihre Haut, oder wie auch immer man diesen Teil eines Vogels - eines Phönix! - auch nannte, war steinhart und knorpelig. Er versuchte einen Platz zu finden, wo er nicht allzu sehr darüber nachdenken musste, dass sie gleich in die Lüfte abheben würden.
      Bevor es allerdings dazu kommen sollte, fiel Zoras gerade noch rechtzeitig ein, dass sie schließlich nicht alleine hier waren. Er bemühte sich um Kassandras Aufmerksamkeit, deren riesiger, unheilvoller Kopf auftauchte, um ihn mit ähnlich riesigen, tiefroten Augen anzustieren. Etwas eingeschüchtert machte er sie auf die beiden Kuluarer aufmerksam, die er schließlich nicht hier lassen konnte. Sie waren jetzt mittlerweile fast ein ganzes Jahr miteinander unterwegs gewesen und nur hier, weil Zoras hierher kommen musste. Er verspürte ein gewisses Verantwortungsgefühl ihnen gegenüber, das ihm nicht unbekannt war. Sie waren eine der wenigen Figuren, die er auf seinen Plan setzen konnte.
      Kassandra schien aber zu verstehen und hob sich mit einem Ruck in die Lüfte, der Zoras schon fast wieder nach unten befördert hätte. Die Aussicht auf riesige Schluchten und Abgründe, aus denen nicht einmal Kassandras massive Gestalt ihn hätte retten können, ließ ihn sich mit panischer Überlebensangst an ihr Bein klammern. Er war das Reiten gewöhnt, ja, aber nicht auf einer übergroßen Klaue, nicht, während der Besitzer sich in den Himmel hinauf kämpfte. Er hielt sich fest mit jeglichem Überlebenswillen, der ihm auch die letzte Kraft für seine Glieder schenkte, die er verbissen um Kassandras Bein geschlossen hielt.
      Fern konnte er hören, dass sie auch die anderen beiden aufgabeln musste, denn erst krachte das Felsgestein und dann ertönten Schreie, als würden zwei Leute frontal ermordet werden. Zoras konnte das Geschrei sehr gut nachvollziehen, er hätte nämlich auch so geschrien, wäre er nicht völlig davon vereinnahmt gewesen, sich darauf zu konzentrieren, seine Arme geschlossen zu halten. Sein Magen sackte ab, als sie sich noch weiter in die Luft erhoben und er den Boden unter sich mehr und mehr verschwinden sah.
      Der Flug dauerte, objektiv betrachtet, kaum mehr als ein paar Minuten, aber Zoras war sicher, sich eine Stunde lang schon an Kassandras ledrigem Bein festgehalten und um sein Leben gebangt zu haben, während der stetige Wind, der im Flug mehr wie ein Sturm war, an ihm zerrte und ihn von ihrer Klaue zu werfen versuchte. Würde Kassandra ihn auffangen, wenn er fiel? Götter, er wollte es nicht ausprobieren.
      Dann irgendwann wurde der Wind schwächer und Kassandra setzte hart auf dem Boden ab, bevor auch die letzte Bewegung verstummte und sie ruhig verharrte.
      Zoras hätte elegant absteigen können, in einem anderen Leben, vermutlich. Jetzt ließ er sich auf den Boden rutschten, brach unter zittrigen Beinen fast ein und schaffte es noch, ein Stück von Kassandra wegzustolpern, bevor er sich fallen ließ. Seine Arme hatten jegliches Gefühl verloren und kannten nur noch einen Befehl: Festhalten.
      In der Entfernung taumelte Faia ein Stück weg und übergab sich geräuschvoll, während es Tysion so machte wie Zoras und sich auf dem Boden ausstreckte, um dessen Bestandhaftigkeit zu fühlen. Es dauerte mehrere Sekunden, die sie unter Kassandras ganz offensichtlich amüsierten Überwachung verbrachten, bevor Zoras sich als erstes aufraffen konnte. Er schüttelte seine starren Glieder aus und sah sich dann um.
      Sie waren nicht an der Küste. Weit und breit gab es nichts weiter als ungeschmolzener Schnee und eine kluftige Felswand, die sie hoch über den Wellen des Meeres trug.
      "Das ist nicht..."
      Naja, eigentlich war es so viel Küste wie überall anders auch. Zoras hatte nicht weit genug gedacht, dass ganz Asvoß von Küsten umgeben war. Immerhin kam er aus Ländern, die maximal eine Küste besaßen, wenn überhaupt.
      Seufzend rieb er sich die Augen und ließ den Kopf hängen. Fast hätte er sich auf ein warmes Bett, warmes Essen und vielleicht ein Bad freuen können. Natürlich könnte Kassandra sie wieder in die Lüfte hochnehmen, aber bevor er einen weiteren solchen Albtraumflug über sich ergehen lassen würde, brauchte er eine Pause. Eine richtige Pause.
      Den Geräuschen der anderen nach zu urteilen, ging es ihnen da ähnlich.
      "... Ich meinte eine bewohnte Küste. Wir sind mit der Fähre gekommen, wir werden auch mit der Fähre wieder fahren müssen."
      Oder Kassandra flog sie - aber es gab einen deutlichen Unterschied zwischen einem Flug über Land und über Gewässer und bei letzterem bevorzugte er doch ganz sicher eine Fähre. Ganz altmodisch.
      "... Hast du vielleicht einen Unterschlupf in der Nähe gesehen, wo wir unterkommen können? Eine Höhle? Irgendwas geschütztes?"
      Auch damit half Kassandra ihnen, bis sie am Steilhang eine vom Wasser ausgehöhlte Einbuchtung fanden, die weit genug über den Wellen lag und in der sie sich allesamt halbwegs geschützt auf dem Boden niederlassen konnten. Tysion ließ sich gleich an einer steinernen Wand herabsinken und Faia erinnerte Zoras mit ihren finsteren Blicken an eine Sache, die er längst vergessen hatte.
      "Achja. Also, das ist Kassandra."
      Er deutete auf die Phönixin, wie man vermutlich eine Freundin vorstellte und keine allmächtige, vor wenigen Stunden voll erweckte Göttin, was Faia ganz eindeutig zuwider zu sein schien.
      "Kassandra, das sind Faia und Tysion. Sie haben mir hierher geholfen."
      "Und Omnar, vergiss Omnar nicht", grollte Faia, die ganz schön viel Mut dabei aufbrachte, Kassandra anzufunkeln. Zoras sah nur das, er konnte nicht die Angst erkennen, die dahinter verborgen war.
      "Sicher, Omnar auch. Er hat es nicht geschafft."
      "Wir haben es alle nicht geschafft, noch lange nicht, Isch... Zoras! Wir haben unseren Wagen verloren und wir haben nicht ein Kupferstück aus der Festung mitgenommen! Wie werden wir für die Überfahrt bezahlen?"
      Zoras warf einen Blick zu Kassandra.
      "Naja, wir könnten durchaus -"
      "Nein! Oh, nein, nicht nochmal, ganz sicher nicht! Das eine Mal hat mir gereicht!"
      Trotzig verschränkte Faia die Arme vor der Brust und Zoras hatte nun wirklich nicht die Nerven dazu übrig, sich mit ihr zu streiten. Seine Schultern sackten ein.
      "Wir überlegen uns was. Wenn es soweit ist. Nicht jetzt, okay? Wir ruhen uns kurz aus."
      Faia teilte ihren Missmut mit einem Schnauben mit, bevor sie sich abwandte. Zoras wollte sich fast schon dafür entschuldigen, dass Kassandra sie so kennenlernen musste und nicht die sonst so mutige und verbissene Söldnerin, die ihre scharfe Zunge ihren Feinden vorhielt.
      Vermutlich hatte sie Omnars Tod immernoch nicht verkraftet. Es war schon über eine Woche her, aber Zeit zum Trauern hatte sie wohl nicht wirklich gehabt.
      Faia wandte sich demonstrativ von beiden ab und stolzierte zu Tysion hinüber, der das ganze Gespräch versäumt hatte und mit geschlossenen Augen dasaß. Seine Brust hob und senkte sich in tiefen Atemzügen, bei denen Zoras erst klar wurde, dass der Mann womöglich verletzt sein könnte. Immerhin war er mit seinem voll ergrauten Haar und seinem Bart mindestens über 60 - ein sehr hohes Alter für einen Söldner und für jemanden, der gerade fast den Weltuntergang miterlebt hatte.
      Nur hatten sie nichts dabei, um irgendwas behandeln zu können.
      Außer natürlich...
      Zoras sah zu Kassandra und nachdem die Höhle so klein war, huschten seine Augen von ihr zu Tysion, ohne ein Wort zu sagen. Er hoffte, dass sie auch so verstand, worauf er hinauswollte.
    • Für ein paar Minuten hatte Kassandra Zeit für sich allein gewonnen. Während die Menschen ihren ersten Flug ihres Lebens verarbeiteten blickte die Phönixin über das graue und unruhige Meer hinaus. Schon lange war sie nicht mehr derart weit oben im Norden gewesen, sodass sie vergessen hatte, wie schwarz das Meer eigentlich sein konnte und wie eisig Winde schnitten. Irgendwie sympathisierte sie mit den Fluten, die sich mit brachialer Gewalt gegen den Fels der Klippe warfen und versuchten, ihr Schaden zuzufügen. Vielleicht aber fühlte sie sich auch nur wie ein einziger Tropfen in einem unendlichen Meer, genauso umschlossen und doch untergegangen. Sie hatte ihre Fähigkeiten zurück, sie war wieder Herrin über sich selbst und hatte Zoras wiedergefunden. Aber dort, wo einst tiefe Liebe geherrscht hatte, wähnte sich nun eine Leere, vor die sie selbst zurückschreckte. Gerissen durch den Tod ihres Sohnes, durch das Verlassen ihrer Tochter und schließlich der Tatsache, dass jemand anders ihr all dies aufgebürdet hatte.
      „Wir können auch weiter fliegen“, erwiderte Kassandra nüchtern und tat ihren Vorschlag ab, als sie in die Gesichter der drei Menschen blickte. Einer war schlimmer zugerichtet als der andere und sie verwarf ihre Idee asbald. „Schön. Ja, ich denke, wir finden unten an der Brandung etwas.“
      Tatsächlich fand die Gruppe nach ein wenig Kraxelei eine ausgewaschene Höhle, die vermutlich bei Sturm durch den Wellengang tiefer ausgehöhlt wurde. Nachdem Kassandra ihnen bedeutet hatte, dort Schutz zu suchen, war sie am Eingang stehen geblieben und ließ erneut den Blick über das Meer schweifen. Wie stellte sie sich ihre Zukunft nun eigentlich vor? Wollte sie Zoras dahin folgen, wohin er ging? Oder ließen sie sich irgendwo nieder, wo sie niemand kannte und sie darauf warten konnte, dass er alt und grau wurde, um schließlich in ihren immerjungen Armen zu sterben?
      Ein furchtbarer Gedanke.
      „Kassandra, das sind Faia und Tysion. Sie haben mir hierher geholfen.“
      Da erst reagierte die Phönixin wieder und schloss sich einer Unterhaltung an, in der sie eine nicht ganz unwichtige Roll einnahm. Sie kehrte dem Meer den Rücken und kam tiefer in die Höhle, wobei allein ihre Anwesenheit dafür sorgte, dass die feuchte, kalte Meeresluft aus der Höhle wich und einem wesentlich angenehmeren Klima wich. Ihre roten Augen ruhten dabei auf Faia, die offensichtlich ein Problem mit ihrer Vorstellung hatte und Kassandra direkt verstand, wieso. Der Schmerz, der ihre Aura noch immer spaltete, war unübersehbar. Und dennoch.... Kassandras Augen verschmälerten sich als sie einen anderen Einfluss wahrnahm. Und dann ihre Tochter darin erkannte. Allerdings half das nicht sonderlich dabei, dass ihre Meinung über diese Menschenfrau nicht die beste war. Erst recht nicht nach dem Querverweis zu irgendwelchen materiellen Gütern.
      Stattdessen driftete Kassandras Aufmerksamkeit hinüber zu dem alten Mann, der an der Wand zusammen gesunken war und nun Gesellschaft von der überheblichen Frau bekam. Mit nur einem Blick erkannte die Phönixin, dass es dem Mann dort wirklich nicht gut erging. Ob es dann dem groben Transport lag, der Untergangsstimmung oder einfach der Tatsache, dass er schon ein gewisses Alter erreicht hatte, konnte sie nicht ganz bestimmen. Ihr entging ebenfalls nicht, wie Zoras sie beäugte und die Absicht dahinter war beinahe spürbar.
      Kassandra seufzte kaum hörbar. In ihrer Isolation hatte sie ihre Nächstenliebe völlig vergessen und so fühlte sie sich trotz allem ein Stück weit benutzt als sie an Zoras vorbei auf Tysion und Faia zuschritt. Ihr Blick lag nahezu vernichtend auf Faia, die unter dem strengen Blick von Tysion abwich. Als Kassandra vor dem ergrauten Mann zum stehen kam, war Faia soweit es ihr nur irgendwie möglich von der Phönixin abgerückt. Ja, Kassandra mochte diese Frau nicht sonderlich wie es schien.
      Vor Tysion hingegen zeigte sie nicht eine boshafte Miene. Die Aura, die den Mann umgab, war dünner als gewöhnlich und Kassandra sah bereits sein Ende voraus. Aber es war ein Frevel, den Sterblichen zu sagen, wie lange sie noch hatten. Dafür streckte Kassandra eine Hand nach Tysion aus und berührte ihn nur leicht mit den Fingerspitzen an seiner Schulter. Er zuckte, wie erwartet, zurück und hob den Blick, um jenen von Kassandra zu begegnen. Ihre Augen fanden seine und erkannten so viel mehr dahinter, als ein Mensch es jemals für möglich gehalten hatte. Sie konnte seine Erinnerungen, sein bisheriges Leben nicht beurteilen. Aber sie sah den Lauf der Zeit in seinen Augen. Was er in seinem Leben alles gesehen haben mochte. Und dass er gerade Schmerzen litt, die vom Alter und malträtierten Knochen herrührten. Kassandras Ausdruck wurde weicher während eine winzige Spur ihrer Magie sich in Tysions Aura ergoß und dort nach den angeknacksten Knochen suchte, um sie auf magische Art und Weise wieder zu fügen. Sie linderte die müden und trockenen Gelenke, den starren Rücken, der das Alter mit sich brachte. Aber alles andere ließ sie unangetastet. Keine Narbe würde ihr zum Opfer fallen, kein markanter Schaden mit seinen Geschichten von ihr ausgelöscht werden.
      Trotz der Wirkung, die Kassandra auf Tysion hatte, sah sie in seinem Blick auch mehr als nur den Schmerz oder Ehrfurcht. Wenn sie sich nicht täuschte, dann war es eine Form von Abneigung, die sie nicht ganz nachvollziehen konnte.
      Nach ein paar Minuten löste sie ihre Hand von Tysion und gab ihm wieder mehr Freiraum, als sie sich zurückzog. Langsam schlenderte sie zurück an Zoras' Seite, der einzige Ort, wo sie sich nicht vollends fremd fühlte.
      „Deine.... Begleitung mit der vorlauten Zunge hat nicht ganz unrecht. Ohne Mittel werdet ihr nicht von diesem Kontinent weg kommen. Fliegen wäre die beste Option und auch weitaus schneller.“ Sie warf einen vielsagenden Blick über ihre Schulter zu Faia. „Vielleicht erbarme ich mich dann auch und picke euch nicht wie Kleinvieh vom Boden auf.“
    • Zoras sah dabei zu, wie Kassandra sich Tysion näherte, und kurz darauf war Faia bei ihm auf dem Weg dabei, Kassandra auszuweichen. Sie hatte eine Miene aufgesetzt, die sie immer zur Schau stellte, wenn die Bezahlung gerade besonders schlecht kam, und musterte damit Kassandra aus unverhohlener Abneigung.
      Zoras fragte sich, ob sie begriffen hatte, dass Kassandra eine entfesselte Göttin war und kein Champion mehr. Er fragte sich auch, ob sie mitbekommen hatte, weshalb man einen Gott nicht verärgern sollte.
      Es war vermutlich Kassandras Güte zugeschrieben, dass sie sie nicht darauf ansprach. Aber Zoras musterte die Söldnerin dennoch streng.
      "Du könntest ein bisschen... freundlicher zu ihr sein."
      "Wegen ihr ist Omnar gestorben..!"
      "Wegen mir sind auch viele Menschen gestorben. Wegen dir auch. Und an Omnars Tod war der Frostwyrm schuld."
      "Wir sind wegen ihr hierhergekommen und durften dafür erfahren, dass die Welt untergehen wird!"
      Vor ihnen beugte Kassandra sich gerade zu Tysion hinunter. Der Mann schien eindeutig etwas dagegen zu haben, der Phönixin ausgesetzt zu sein.
      "Ich wollte hierherkommen, deswegen seid ihr mitgekommen. Und die Welt würde es sehr gut schaffen, auch ohne unterzugehen."
      "Stimmt nicht..! Wäre sie ein Champion geblieben, wäre das ganze nicht passiert..!"
      "Dann wäre sie aber auch noch in der Festung."
      Tysion gab ein Geräusch von sich.
      "Und? Nicht mein Problem."
      "Aber meins."
      Faia starrte genauso griesgrämig zu Zoras auf, wie man es ihrer Stimme anhören konnte, und Zoras starrte zurück. Sie sah in die Falten in seinem Gesicht und sie sah auf einen einstigen Herzog, der ein Leben geführt hatte, das ihr für immer völlig fremd bleiben würde. Sie sah auch auf den Mann, der eine Chance darauf haben könnte, die Prophezeiung ihres Landes zu erfüllen.
      Irgendeine dieser Erkenntnisse huschte über ihr Gesicht und verleitete sie schließlich dazu, sich von ihm abzuwenden. Zoras bemühte sich dafür um Neutralität, als Kassandra wieder zu ihnen kam.
      "Wir werden uns ausruhen. Dann können wir sicher... klarer denken."
      Sein Blick legte sich dabei auf Faia, aber die wandte sich schon ab und marschierte zielsicher zu Tysion hinüber. Also sah er doch wieder zu Kassandra und lud sie mit einer Geste dazu ein, mitzukommen.
      Sie setzten sich etwas weiter hinten in der Höhle an die Wand - oder zumindest Zoras setzte sich und bestand dann darauf, dass Kassandra nicht dort stehen bleiben würde. Sie müsste sich nicht zu ihm setzen, aber sie sollte doch wenigstens auf seiner Augenhöhe sein.
      Dann streckte er die Hand nach ihr aus und lächelte.
      "Gib mir einen Moment und lass dich kurz ansehen, Kassandra. Ich habe so viele Jahre nur von deiner Erinnerung gelebt, ich muss sie mit der Realität abgleichen."
      Und er sah sie an, er betrachtete all die schönen Merkmale ihres Gesichts, ihrer Haare, ihrer Präsenz, die ihm so lange im Gedächtnis gespeichert waren, dass sie ihm auch jetzt ein Gefühl von deutlicher Zufriedenheit vermittelten. Sie hatte sich nicht verändert, wenn, dann sah sie wieder jünger aus als die Vision, die Areti ihm von ihr gezeigt hatte, aber ansonsten war sie noch genau wie damals: Wunderschön, eindrucksvoll, atemberaubend. Das Gewand, das sie jetzt trug, schmeichelte ihr in einer Vollkommenheit, das kein weltliches Kleidungsstück jemals zustande gebracht hätte.
      "Götter, es tut so gut, dich zu sehen, zu wissen, dass du endlich frei bist. Was wirst du tun mit deiner ganzen Freiheit? Es muss doch sicher etwas geben, was du all die Jahre schon immer einmal nachholen wolltest?"
    • Kassandra hatte der Unterhaltung zwischen Zoras und Faia mit halben Ohr gelauscht. Also war ihre Annahme richtig gewesen. Dieses Menschenweib hatte eine ihr nahe stehende Person verloren und das nur, weil sie Zoras gefolgt war. Ein Frostwyrm.... Ja, nur das hätte ausgereicht, um ihren Sohn ebenfalls in die Abgründe zu schicken. Noch während Kassandra an Zoras' Seite trat, stockte sie für einen Sekundenbruchteil, der so kurz war, dass es vermutlich niemanden auffiel. Die schwarze Flamme in ihrem Inneren, der Hass den Menschen gegenüber, der sich über die Jahrtausende akkumuliert hatte, loderte auf. Sie wollte sich umdrehen und diese Frau in ihre Bestandteile auflösen, damit sie als fruchtbare Asche wenigstens einen Nutzen der Erde gegenüber erwies. Vermutlich war Amartius auch für sie gestorben und es gab nichts in dieser Welt was die Phönixin davon abhalten würde, keine Rechenschaft zu üben für das, was ihrem Sohn widerfahren war. Dieses Weib hatte eine Person verloren. Kassandra dafür ihren Sohn.
      Also erstickte Kassandra die schwarze Flamme, die nach ihrem Ausbruch wüten durfte. Nahm ihr jedes bisschen Sauerstoff, damit sie schrumpfte und wieder zu schwelen begann, um weiter auf ihre Zeit zu warten. Denn nun folgte Kassandra der Geste Zoras' in einen tiefer liegenden Abschnitt der Höhle, wobei ein kleines Flämmchen in der Luft erschien und ihnen einen angenehmen Lichtschein an die felsigen Wände warf. Während er sich an der Wand zu Boden sinken ließ, blieb Kassandra mit verschränkten Armen stehen und warf abschätzige Blicke zu den beiden Begleitern herüber, deren Namen sie war nicht vergessen, aber sicherlich nicht freiwillig aussprechen würde. Jemand räusperte, woraufhin ihr Blick zu ihrem Menschen glitt, der sie stumm dazu aufforderte, wenigstens nicht dort stehen zu bleiben. Also seufzte die Phönixin, kam zu ihm herüber und ließ sich ihm gegenüber auf die Knie sinken. Ihre Miene war beinahe stoisch als er seine Hand nach ihr ausstreckte und sie im Gesicht berührte, mit einzelnen Strähnen ihrer Haare spielte.
      „Weißt du eigentlich, dass deine Worte etwas Trauriges an sich haben?“, fragte sie leise, wobei die Härte nur dank seiner Anwesenheit langsam aus ihren Zügen wich und der Weichheit Platz machte, die nur ihm vergönnt war. „Wenn deine Erinnerungen gut sind, dann dürfte ich noch genauso aussehen wie damals. Eine Kopie deiner Erinnerungen. Weil ich im Gegensatz zu dir nicht altere.“
      Vergänglichkeit war etwas, auf das Kassandra in manchen Abschnitten ihrer Gefangenschaft sogar gebaut hatte. Sie wusste, dass die Zeit für sie arbeitete und hatte manche Lage überstanden, indem sie einfach gewartet hatte, dass der Tod sich einer seiner Diener bemächtigte.
      „Ich bin nicht unendlich frei, vergiss das nicht.“ Ein dezentes Schmunzeln formte sich in den Ecken ihrer Mundwinkel und brach trotzdem nicht gänzlich durch. „Aber ich muss dich wohl leider enttäuschen. Es gibt nichts, was ich nachholen wollte. Es reicht mir zu wissen, dass ich wieder selbstbestimmt handeln kann. Es macht mir nichts, mich wieder den Blicken der Menschen zu entziehen und neben ihnen zu existieren. Immerhin war es auch genau das, was ich tat, bevor ich Shukran traf.“
      Der Erste, für den sie den Schleier gelüftet hatte und der Erste, dem sie auf den Leim gegangen war. Auf Erden gab es nichts von Belang für einen Gott und genau deshalb sollten sie keine Zeit auf ihr verbringen. Doch Kassandra hatte keine Wahl gehabt und wurde verbannt, wodurch sie sich mit ihrer Existenz im Nebel anfreunden musste. Dass es Ewigkeiten gedauert hatte würde ein Mensch wohl nie verstehen.
      „Was ist dir in den vier Jahren widerfahren?“ Sie hob ihre schlanke Hand und berührte mit ihren Fingerspitzen das Gesicht, das an Falten und Narben gewonnen hatte. Vier Jahre hatten an diesem Mann ihre Kluften geschlagen und sie war sich sicher, dass es alles andere als rosig gewesen war. „Du bist nicht nach Theriss zurückgekehrt, richtig? Was ist passiert, nachdem ich fort war?“
    • "Die Erinnerung ist niemals das echte Bild. So vieles habe ich vergessen - vieles mehr habe ich mir sicherlich hinzu gedichtet. Du siehst noch genauso aus wie damals, aber es ist mehr als nur das Aussehen, das sich verändert."
      Zoras verblieb dabei, Kassandra zu betrachten, während sie es über sich ergehen ließ. Er hatte beobachtet, wie die Spannung aus ihren Gesichtszügen gewichen war, kaum als sie sich gesetzt hatte. Woher sie kam, wusste er nicht; womöglich war es ihr nicht unbedingt recht, mit ihrer neu gewonnenen Göttlichkeit ihre Zeit in einer Küstenhöhle bei Menschen zu verbringen. Wer könnte ihr das schon verübeln.
      Dann brachte sie ein ganz feines Schmunzeln zustande und Zoras' Blick sprang gleich zu ihren Lippen hinab. Auch das war etwas, was die reale Kassandra und die Kassandra in seiner Erinnerung unterschied. Er saugte diesen Anblick in sich auf und ergötzte sich daran, dass er tatsächlich stattfand.
      "Nicht unendlich frei mit einem Schwur? Das wirst du mir genau erklären müssen. Wenn die Zeit dafür gekommen ist."
      Sein Blick hing noch immer an ihrem Gesicht, selbst dann, als sie die Hand bedächtig anhob und seine Wange entlang strich. Ihre Berührung war federleicht, ihre Haut so zart, dass es sich wie eine Traumerscheinung anfühlte.
      Zoras wünschte, ihre Berührung wäre deutlicher gewesen. Er wünschte auch, sie wäre noch näher bei ihm gesessen und rührte sich doch nicht, um das zu ändern. Als er anfing zu reden, sprach er leise.
      "Ich wollte nach Theriss zurückkehren, viele Male sogar. Besonders anfangs habe ich mein Möglichstes getan, aber es sollte wohl nicht so sein. Zum Schluss war es auch besser so."
      Er nahm sich ihre Hand von der Wange, indem er die Finger unter ihre schob und sie miteinander verschränkte. Anstatt sie näher zu sich zu holen, hielt er ihre Hand zwischen sie beide.
      "Der Aufstand hat noch lange angedauert, sehr viel länger, als es hätte sein sollen. Ein halbes Jahr denke ich, vielleicht auch weniger, ganz genau weiß ich es nicht. Feris hätte mich umbringen und damit den Aufstand sinnbildlich erschlagen müssen, aber das hat er nicht. Offensichtlich. Er hat vielleicht gedacht, er bekommt ihn auch anders in den Griff. Er hat den Sinn unserer Kriegsführungsregeln nie wirklich verstanden, das hätte ich sehen müssen. Ich hätte meine Bemühungen weniger in seine Reitkunst stecken müssen, sie war ja doch nicht zu gebrauchen bei ihm."
      Er lächelte, ganz fein nur. Dann senkte er den Blick auf ihre Hände zwischen ihnen.
      "Ich habe eine Zeit lang…"
      Er überlegte, was er sagen sollte. Wie viel er sagen sollte. Es war eine Sache Fremden davon zu erzählen, es war eine andere, es Kassandra zu beichten. Er konnte nicht sagen, welche Reaktion er befürchtete.
      "... in Gewahrsam verbracht. Vermutlich ist der Aufstand dadurch weitergegangen. Als ich gegangen bin, waren die Grenzen schon nicht mehr sicher. Ich glaube nicht, dass Feris dazu in der Lage gewesen ist, nationalen und internationalen Krieg zu führen."
      Er strich mit dem Daumen über ihre Knöchel.
      "Eigentlich wollte ich zurückgehen. Mein Bruder hatte meine Rückreise organisiert, aber über das Ausland, ansonsten wäre ich vermutlich zwischen die Fronten geraten. Unsere Truppe wurde abgefangen und als ich ihnen gesagt habe, wer ich bin, haben sie… den Namen zu Geld gemacht."
      Eigentlich hatte er nichts anderes erlebt, was nicht Kassandra all die Zeit schon durchmachte als Champion, nur auf einer niedrigeren Ebene. Kassandra war weitergegeben worden, weil sie als Champion Macht und Ruhm einbrachte, Zoras war weitergegeben worden, weil er Adelsgeschlecht besaß und weil er ein gesunder, kräftiger Mann mittleren Alters gewesen war. Für manche hatte er auch nur gute Gene aufgezeigt, die weitervererbt werden könnten.
      Es war wirklich nicht anders als bei Kassandra.
      "Irgendwann wollte ich nicht mehr zurück. Ich wusste nicht, wie es um Theriss stand und mein Name hätte alles wieder umkehren können. Außerdem wusste ich sowieso, dass du nicht mehr dort bist. Also habe ich mich von meinen Arbeitgebern… kündigen lassen um weiterzukommen. In Kuluar habe ich mir erst die Mühe gemacht die Sprache zu lernen und hatte das Glück, auf einem Pferdehof zu landen."
      Da begab sich ein bisschen Leben in sein Mienenspiel und er hob sogar wieder den Blick, um Kassandra das kleine Lächeln zu zeigen.
      "Die Kuluarer sind ganz schreckliche Reiter. Ich war damals schon seit Jahren aus der Übung und trotzdem noch schneller als sie, also bin ich im Land geblieben. Aber auch deshalb, weil es starke Verbindungen zu Champions hatte. Mit Tysion habe ich mich angefreundet, Faia hat sich meiner erbarmt. Sie hatten die Geduld, mein grauenvolles kuluarisch aufzupeppeln und ich habe dafür mein Schwert für sie geschwungen. Hätte ich sie nicht gefunden, wäre ich vermutlich wieder -"
      Achso. Nun, jetzt war es auch zu spät.
      "- im Kerker gelandet. Ich bin kein sehr guter Dieb."
      Wieder ein Lächeln. Dieser Teil war der einfachste, bevor es wieder schwieriger wurde.
      "Dann sind wir Amartius begegnet. Er war von ein paar Banditen gefangen genommen worden, um die wir uns kümmern sollten. Ich dachte, er wäre nur irgendein Junge, allerhöchstens 10 Jahre, vielleicht ein bisschen unterernährt, aber dann hat er… nein, er hat gehört, dass ich zu meiner Stute gesprochen habe und er hat deinen Namen gesagt. Und ich dachte… ich dachte, das wäre nur ein sehr, sehr schlechter Scherz. Eine Laune des Schicksals. Ich hatte deinen Namen bis dahin schon hunderttausende Male in den Mund genommen und kein einziger hat je etwas damit anfangen können. Und dann kommt dieser Junge und ist so begeistert davon, dass ich Kassadra sage. Meine Stute, ich habe sie Kassadra getauft."
      Das Lächeln kam zurück, diesmal aufrichtiger.
      "Es hat Tage gedauert, bis ich es verstanden habe. Ich wusste sogar, dass er dein Sohn ist und Telandir nicht sein Vater, aber er war schon so alt! Ich hatte es gar nicht in Erwägung gezogen. Ich hatte gedacht ich träume, als ich es herausgefunden habe."
      Das Glitzern in seinen Augen wurde lebendig, als er weitererzählte.
      "Er war ein solches Naturtalent, in allem! Kaum eine Woche hat er gebraucht, um kuluarisch zu lernen, noch viel weniger, um mit einem Schwert umzugehen. Ich habe ihm gezeigt, was ich nur konnte und er hat alles so tadellos umgesetzt, ein Jahr nur und er hätte schon vollwertiger Fußsoldat werden können. Oder sogar Truppführer! Und was er sich alles selbst beigebracht hat, alle Feuerkünste hat er sich selbst erarbeitet, ich konnte es schließlich nicht. Du hättest ihn sehen müssen, er hat sich in drei Monaten mehr erarbeitet als manche in ihrem gesamten Leben. Er war so fleißig - und so wissenshungrig! Wollte immer alles wissen und genau wissen, er hat sich mit keinen simplen Erklärungen zufrieden gegeben. So ein guter, vorbildlicher Junge. So stark, so schlau. Ich war so stolz auf ihn."
      Das Lächeln erfuhr einen Einknick.
      "Er hätte es auch hierhergeschafft, wenn der Frostwyrm nicht gewesen wäre, ich weiß es. Er hat zwar gesagt, Telandir habe seine… seine Lebenszeit verkürzt, aber ich war bei ihm, ich habe darauf aufgepasst, dass ihm nichts passiert. Ich habe ihm gesagt beim Wagen zu bleiben, als er gekommen ist und wir anderen, wir haben ihn weggelockt. Aber er ist nicht… er ist geblieben, erst, aber dann ist er zu uns gelaufen und er hat…"
      Das Lächeln verschwand. Aber seine Mundwinkel zuckten noch ganz leicht und er drückte Kassandras Hand.
      "Er hat ihn aufgehalten. Du hättest dabei sein müssen, er hat es so gut gemacht, so, so gut. Eine Feuerwand hat er beschworen, ähnlich so wie die, die du damals vor all der Zeit zwischen uns und unseren Verfolgern entstehen hast lassen, nur etwas anders. Ich weiß nicht, was er gemacht hat, ich wusste noch nicht einmal, dass er so etwas kann. Er hat ihn erst abgewehrt und dann hat er… dann ist er…"
      Er schüttelte knapp den Kopf.
      "Er ist so schnell - Amartius, meine ich. Ich habe ihn immer dazu bekräftigt, alles aus sich herauszuholen, auch wenn ich nicht mithalten kann und das hat er wohl gegen mich eingesetzt. Ich habe ihm gesagt, er solle zurückbleiben, dass er nicht näher gehen soll und er ist… er hat sich ihm einfach in den Schlund geworfen. Ich wollte ihn davon abhalten, ich hätte mich selbst hineingeworfen, es wäre mir ganz egal gewesen. Aber ich hätte natürlich auch nichts ausgerichtet; bei Amartius ist er…"
      Mit der freien Hand machte er eine entsprechend beschreibende Geste, dann sackte sie kraftlos in seinen Schoß. Mit der anderen hielt er noch immer Kassandra, er wollte sie nicht mehr loslassen, wie schon vorhin.
      "Er hat uns allen das Leben gerettet. Er war so mutig, er hat es nicht verdient, einfach von diesem… Ding zu sterben. Er hätte es zu dir schaffen müssen, nachhause. Ich habe ihm versprochen, dass wir dich befreien und eine Familie sein würden. Er hatte keinen Vater mit Telandir, aber bei mir hatte er keine Mutter. Es sollte nicht so sein, er konnte nichts dafür, er hätte eine Familie verdient. Er hätte Frieden verdient. Ich wünschte, ich hätte ihm beides schenken können."
    • Kassandras Miene veränderte sich kaum und spiegelte nicht das wider, was sich in ihrem Kopf gerade tat. Zoras hatte mehrfach versucht, nach Theriss zurückzukehren. Dass er mehrere Anläufe dafür benötigt hatte bezeugte, dass es ihm nicht freilich gelingen konnte. Wie hätte es auch, wenn er im ganzen Land als Verräter und Aufständiger bekannt gewesen war? Sie blickte nicht einmal auf ihre Hände, die er miteinander verwoben hatte, sondern hatte nur Augen für das Mimikspiel ihres Gegenübers und der Worte, die er ihr mitzuteilen gedachte.
      Allerdings entfuhr ihr ein rechthaberisches Schnaufen, als Zoras auf Feris zu sprechen kam. Es war nicht schwer gewesen vorauszusehen, dass der törichte Junge nicht nach dem Plan eines Strategen handelte. Sicher wäre es das Schlüssigste gewesen, Zoras auf dem Feld zu enthaupten und damit nicht nur ein Exempel zu statuieren, sondern auch den ganzen Aufstand mit einmal zu zerschlagen. Dass der Tölpel es nicht getan hatte, ließ entweder auf eine verkorkste Gefühlswelt oder grenzenlose Dummheit schließen. „Wie gesagt, ich habe diesem Kind nie besonders große Denkweisen zugesprochen. Er hätte sich in keiner Disziplin gut genug angestellt. Sein Nutzen auf dem Thron ist nichtig, das hat man damals schon erkennen können.“
      Dann senkte Zoras seinen Blick und Kassandras Augen verschmälerten sich. Er hatte früher nie den Blick von ihr abgewandt. Egal, was er ihr erzählte, niemals ließ er sich ein Quäntchen ihrer Reaktion entgehen. Dass er nun den Blick senkte bedeutete, dass er im Begriff war etwas zu berichten, das ihm unangenehm war. Gewahrsam? Kassandra kannte viele Begriffe für diesen Umstand, den sie öfter und länger als jeder lebende Mensch hatte durchstehen müssen. Gewahrsam klang in diesem Kontext viel zu seicht. So seicht, dass er nicht beschämt den Blick dafür abwenden musste.
      Er verschwieg etwas.
      „Was heißt, deinen Namen zu Geldgemacht?“ Ihre Stimme war einen Deut schärfer als davor und auch das beruhigende Streichen seines Daumens auf ihrem Knöchel besänftigte sie wenig. „Wenn ihr abgefangen wurdet, dann muss jemand etwas davon gewusst haben. Jemand hat verraten, dass diese Reise organisiert worden war.“
      Durch einen einfachen Zufall konnte es jedenfalls nicht geschehen sein. Zoras war alles andere als ein schlechter Kämpfer, er hätte räudige Banditen einfach in die Flucht geschlagen. Außer.... außer natürlich, er war angeschlagengewesen. Eine Gewahrsam bedeutete eine gewisse Verpflegung, einen gewissen Umstand. Man würde ihn nicht mit einem Herr bei seiner Reise angefangen haben, genauso wenig wie man ihn einen Trupp als Eskorte mitgesendet hatte. Was den Rückschluss zuließ, dass es keine einfache Gewahrsam gewesen war.
      Während Zoras weiter berichtet und offensichtlich Umschreibungen nutzte, um gewisse Umstände zu umschiffen, wandelte sich das Sanfte in ihrem Gesicht allmählich in etwas, das man am ehesten mit einer milden Form des Entsetzens und Unglauben beschreiben konnte. Das konnte doch nicht sein, dass er nicht mehr nach Theriss wollte, weil sie unter Anderem nicht mehr dort war. Seine Familie war dort ansässig gewesen und wenn ihr Herzog etwas war, dann jemand, der seine Familie über alles andere stellte.
      Irgendwann hob er wieder seinen Blick, ein zartes Lächeln kursierte an den Ecken seiner Mundewinkel, aber Kassandra konnte es nicht erwidern. Mit jedem weiteren Wort festigte sich das Bild, welches ihr immer klarer in den Sinn kam von dem, was ihm wirklich widerfahren war. Und dann fiel schließlich das Wort, das dafür sorgte, dass sich das Flämmchen des Zorns in ihren Augen wieder bemerkbar machte.
      Man hatte ihn in den Kerker gesteckt. Das war es gewesen, was er mit Gewahrsam hatte umschreiben wollen. Das schloss das Konstrukt endgültig in ihrem Verstand. „Nach dem Aufstand hat man dich gefoltert. Man hat dich nicht nur in Gewahrsam genommen, man hat dich in den Kerker gesteckt und gefoltert. Wie lange, Zoras? Was hat man dir dort angetan, wer hat es dir angetan? Du kannst doch nicht-“
      Sein Lächeln ließ sie stocken und dann fing er an, über Amartius zu berichten. Ihren gemeinsamen Sohn, den sie wie die Sünde genannt hatte, die er nicht gewesen war. Ihren Sohn, der sie davon abgehalten hatte, noch eher zu brechen. Ihren Sohn, der nun nur noch als Zeichen und Artefakt hier in ihrer Welt existierte und niemals das Zusammensein erleben würde, wie sie es ihm versprochen hatten. Und dann verschwand das Entsetzen, die Wut verpuffte, der Unglaube wich. Ausdruckslosigkeit legte sich wie eine eiserne Maske über Kassandras Gesicht, in dem Versuch, den Schmerz zu verschließen, der sich bei jeder liebevollen Erinnerung des Vaters an den Sohn bemerkbar machte. Sie fühlte, wie sie erstarrte, wie ihre Glieder zu Stein wurden und nicht dem Beben beigeben wollten, dessen Ursprung ihr Herz war. Zoras hatte einen anderen Amartius erlebt, wie Kassandra ihn kannte. Draußen war er frei gewesen, hatte sich anders entwickelt und anders verhalten. Draußen war es ihm vergönnt gewesen, Magie zu erlernen und das auch noch ohne Hilfswerk. Er hatte doch magisches Talent gehabt, ganz anders, wie sie es ursprünglich angenommen hatte.
      Wie gern hätte sie ihn dabei gesehen, nur ein einziges Mal.
      Bei Telandirs Erwähnung funkelte etwas in ihren Augen auf. „Er hat ihm seine menschliche Lebensenergie abgezogen. Bei jedem Mal, wenn Amartius Magie gewirkt hat, hat er vermutlich einen Teil seiner göttlichen Energie verbrannt, so wie ich es auch einst tat. Telandir hat es mir auf dem Vorplatz erzählt und das hat ihm sein Ende eingebracht.“
      Und dann kam Zoras zu dem wohl schlimmsten Teil der Ausführung. Jenen Teil, den Kassandra bisher nicht hatte begreifen können und sich die Vorstellung des Hergangs wie ein grausiges Kabinett in ihrem Kopf zusammensetzte. Ihre Lippen wurden zu einem dünnen Strich als sie ganz genau verstand, was ihr Junge da getan hatte. Allein das Schwert an Zoras' Hüfte war schon Erklärung genug. Das Drücken ihrer Hand bemerkte sie beinahe nicht, so versteinert fühlte sie ihren Körper. Ihre Augen beobachteten, wie er eine Geste vollführte, und dann begann sie mehrmals kaum sichtbar zu nicken.
      „Er hat das einzige getan, was wirklich ausgereicht hat, um einen Wyrm zu stoppen. Er hat alles an Energie, was er in sich hatte sammeln können, auf einmal freigesetzt. Dazu zählt auch die Lebensenergie von ihm. Es war ein Lichtblitz, richtig?“ Sie wartete die Bestätigung ab. „Hätte er es vor dem Wyrm getan, hätten seine Schuppen einen Großteil der Wucht abgefangen. Er musste eine ungepanzerte Stelle finden, und das war das Maul des Wyrms. Das war sein einziger Weg. Und er war so schlau, dass er nicht einfach so gegangen ist...“
      Ihre Augen huschten zu dem Schwert und streichelten es allein mit ihren Blicken. „Er hat sich an dich gebunden. Er wusste, dass er gehen muss und hat das letzte Bisschen als Bund genutzt, ohne es zu wissen. Er gab dir ein Artefakt, das nur auf dich reagiert und das mit deinem Tod erst Ruhe finden wird. Bis dahin begleitet er dich. Ein Teil seiner Seele steckt in dir, dort, wo er sein Mal platziert hat.“ Sie wusste, dass es an seiner Hand war. Zuvor hatte sie es bereits gesehen. „Ich spüre sogar seine Aura an dir... Ich habe ihn... kurz gesehen, aber das kann auch eine Einbildung gewesen sein...“
      Das Eisen schmolz. Es tropfte glühend von ihrem Gesicht auf ihre verbundenen Hände und festigte ihre Verbindung noch weiter hinaus. Der Schmerz machte sich erkenntlich auf ihrem Gesicht, denn ihre letzten Worte waren ungewöhnlich leise und verletzlich gesprochen worden.
      „Ich denke, er weiß, dass wir uns gefunden haben. Er ist nicht gänzlich gegangen, oder hat er dich noch nicht in deinen Träumen besucht?...“
    • Kassandra war als Göttin - vielleicht aber auch als Kassandra selbst - nie wirklich sehr ausdrücklich in ihren Emotionen. Meistens stellte sie eine Maske zu Schau und bei diesen Augenblicken war Zoras sich sicher, dass sie meistens sogar nicht einmal von der jeweiligen Situation berührt war. Es war für sie schließlich nie etwas neues, niemals ein Moment, der so überraschend kam, dass sie sich nicht darauf hätte wappnen können.
      Aber Zoras' Erzählung darüber, wie er letzten Endes den Weg hierhergefunden hatte, traf sie schließlich doch unvorbereitet, denn ihre Maske fiel bald in sich zusammen und offenbarte Menschlichkeit, so wie Zoras sie bereits bei Areti gesehen hatte. Menschliche Gefühle und Emotionen, denen sicherlich auch Gedanken anhingen, die weit tiefer gingen als das, was sich lediglich in ihrem Gesicht und ihrem Körper abspielte.
      Und so grausam es wohl sein mochte, so froh war er darum, der Empfänger dieser Emotionen zu werden. Kassandra, die vor einigen Stunden nicht davor gezögert hatte, ihren Artgenossen umzubringen und vermutlich noch viel weiter als das gegangen wäre, war betroffen davon, was mit Zoras geschehen war. Es ging ihr nahe und dabei hatte sie noch nicht einmal die Details davon gehört, was wirklich geschehen war. Sie hatte noch nicht einmal erfahren, dass er gefoltert worden war, auch wenn sie sich das vermutlich von seinen Narben selbst denken könnte.
      Sie wusste ganz sicher noch nicht, was der Grund dafür gewesen war.
      Bei allen verbliebenen Göttern im Olymp, das war eine Sache, die sie nicht herausfinden durfte. Zoras würde dieses Geheimnis hüten müssen wie sein eigenes Leben. Wenn sie es herausfand...
      Er war sich sicher, dass noch nicht einmal er in der Lage wäre, eine wütende Phönixin davon abzuhalten, ein Land in einen riesigen Krater zu verwandeln.
      Aber glücklicherweise beharrte sie nicht auf all den Details, die zum Verhängnis hätten werden können. Sie hörte sich an, was er zu erzählen hatte und im Gegenzug zeigte sie ihm, wie viel er ihr bedeutete, indem sie ihn an ihrem Mienenspiel teilhaben ließ. Was mehr hätte er sich in diesem Moment wünschen können.
      Und dafür war auch ihm Einsicht gewährt. Linderung seines Schmerzes über den Verlust seines Sohnes, indem er etwas mehr davon verstand, was sich zugetragen hatte. In seinen Augen hatte Amartius den Moment genutzt, um den Wyrm davon abzuhalten sie alle zu verschlingen, aber in Wahrheit hatte er schon viel weiter gedacht. Genau so, wie es ein Kriegsherr hätte tun sollen.
      Amartius, sein kleiner, aufstrebender, meisterlicher Stratege.
      Zoras schluckte, während auch Kassandras Gesichtszüge weich wurden, unendlich weich und gequält. Selbst im letzten Moment seines Bewusstseins hatte Amartius noch richtig gehandelt, ganz instinktiv. Er war so ein wunderbarer Junge gewesen. Zoras wusste gar nicht, wie er den Stolz in Worte hätte fassen können, der ihn in Wellen durchströmte.
      Und auch Kassandra, wie es schien.
      "Er hat zu mir gesprochen, gleich in der ersten Nacht. Er hat sich... ich habe ihm ein Begräbnis gegeben, so wie man unsere Krieger beerdigt, die nicht auf dem Schlachtfeld sterben. Er hat sich bedankt und... er hat gesagt, dass er bei mir bleiben wird. Bis zum Schluss."
      Er lächelte wieder, ein trauriges Lächeln, das ihm im Gesicht weh tat, aber er drehte auch die Hand, um das Mal zu präsentieren, das Kassandra sicher selbst sehen wollte. Das Mal, das ihr überaus schlauer, gerissener, strategischer Sohn hinterlassen hatte.
      Ihr gemeinsamer Sohn.
      "Er ist noch immer bei uns. Er wird auch nirgends hingehen - kein Lebewesen der Welt wird sich mehr zwischen ihn und uns stellen. Aber er wird auch selbst keines mehr sein, er wird nie etwas anderes als Stahl und Eisen sein."
      Er zog eine Grimasse, die Hand mit dem Mal wanderte zum Schwertgriff und streichelte darüber.
      "Götter, er wird niemals erfahren, was es bedeutet, richtig zu leben, frei zu sein, sich weiterzuentwickeln. Zu lieben. Er wird niemals die Freuden der Freundschaft entdecken können oder wie es ist, Leidenschaft für etwas zu entwickeln. Er wird niemals auf dem Schlachtfeld stehen - er hätte so gut werden können Kassandra, so gut. Er war schnell und er war kräftig, so kräftig; aber er war kein vollwertiger Phönix, er war nicht unfehlbar. Er hätte all das erfahren können, was den Göttern verwehrt ist, alle Fehler und alle Missgeschicke, die uns Menschen ausmachen. Er hätte ein Mensch sein können und er hätte doch etwas von seiner göttlichen Seite gehabt, die für ihn da gewesen wäre. Er wäre zu einem ganz fantastischen jungen Mann geworden, all die Mädchen hätten sich darum gerissen, auch nur seine Hand halten zu dürfen."
      Jetzt lächelte er wieder in Anbetracht der leicht gelockerten Stimmung, die er hier heraufzubeschwören versuchte. Aber natürlich war es vergebliche Mühe. In Kassandras Miene stand schon geschrieben, was sie beide tief in ihrem Inneren empfanden.
      "Er hatte noch sein ganzes Leben vor sich und dennoch hat er es geopfert, um unsere Leben zu schützen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie stolz ich auf ihn bin, aber ich hätte für ihn da sein müssen. Wir hätten... ich weiß es auch nicht. Den Wyrm hätten wir hören oder vielleicht spüren müssen. Ich denke Golm - unser Fahrer - war Loki, er hat seine Gestalt angenommen, bei der Festung. Loki hätte wissen müssen, dass der Wyrm kommt und hat trotzdem nichts unternommen, hat sich das Spektakel angesehen und ist verschwunden, als Areti gekommen ist."
      Auch Zoras schnaubte jetzt, wenngleich es eher ein Versuch danach war, nicht den Rest der Emotionen aufblühen zu lassen, die ihn in Anbetracht von Amartius' Tod noch immer heimsuchten. Loki war eine gute Wahl, um seinen Frust darauf zu kanalisieren.
      "Amartius war nichts anderes als ein Bote, die meiste Zeit seines Lebens, und Loki hätte es ändern können. Er hätte alles ändern können. Wenn ich einen Weg finde..."
      Er starrte Kassandra an.
      "Wenn ich einen Weg finde, Götter zu töten, würde ihn vernichten. Ich würde mich hundertfach für alles rächen, was Amartius widerfahren ist."
    • Abermals nickte Kassandra. „Du hast bestimmt gedacht, der Traum wäre dem Stress zuzuschreiben gewesen. Ein Trauma, im wahrsten Sinne. Aber das ist sein einziger Weg, um mit einem Sterblichen direkt zu kommunizieren. Aber ich kann seine Aura durch dich berühren... Du hast ihn für die Zeit deines Lebens unsterblich gemacht.“
      Was einmal starb kehrte nie wieder zurück. Diese Regel galt eigentlich für alles lebendige und genau das war es, was die Phönixe so besonders machte. Der einzige Aspekt, der sie von all den mächtigen Göttern unterschied, war jener, dass sie das Privileg der Reinkarnation und Wiedergeburt besaßen. Dass das allerdings mit den ganz eigenen Traumata einherging, würden sie niemals verstehen können. Deswegen war es auch nicht so, als wenn sie ihren Sohn direkt kontaktieren konnte. Er hatte sich selbst aufgegeben, mit seinem Leben einen Bund geleistet und sich dadurch vom Antlitz der Welt verabschiedet. Was Kassandra als Antwort auf ihre ausgestreckte Hand nach seiner Aura erhielt, war lediglich ein Nachhall, geschaffen aus seinem Willen und ihrer Imagination.
      „Du hast einen anderen Amartius kennengelernt als ich“, sagte die Phönixin schließlich nachdem sie einen gedehnten Seufzer tat. „Ich glaube, er war bei dir so frei wie er nur hätte sein können. In der Feste war er an mich gebunden, er wuchs zwischen den Fronten heran und war in seinem Handeln beschnitten, ohne dass er es überhaupt wusste. Alleinige Entscheidungen zu treffen oblag ihm dort nie, draußen bei dir hingegen schon. Bei dir hat er seine magischen Fähigkeiten entdeckt, die in der Feste niemals auch nur angedeutet worden sind. Aber was die zwischenmenschlichen Aspekte betrifft, gebe ich dir recht. Er kannte mütterliche Liebe. Durch dich wohl auch Vaterliebe. Aber alles darüber hinaus wird ihm verwehrt bleiben. Er wusste es, als er sich für euch geopfert hat. Ich bin mir sicher.“
      War es gut oder war es schlecht, dass Amartius nie das volle Ausmaß der Menschlichkeit erfahren hat? Wenn er wirklich so stark gewesen war und wäre, dann ginge eine nicht geringwertige Gefahr von ihm aus. Er wäre das Paradebeispiel für einen Halbgott gewesen, zu mächtig für eine menschliche Armee und zu schwach für den Götterhimmel. Ein Wesen, gefangen zwischen den Welten und niemals einer wirklich zugehörig. Mit Sicherheit wäre er ein fantastischer junger Mann geworden – sofern er von den richtigen Personen lernen konnte.
      „Ihr konntet nichts tun. Amartius hat auch nur deshalb zu diesem radikalen Schritt gegriffen, weil es keinen anderen Ausweg gab. Glaube nicht, dass er sein Leben so einfach verwirken würde, denn das habe ich ihm mehrfach eingebläut. Er sollte eine andere Auffassung vom Leben haben als ich.“ Sie drehte ihre Hände, sodass sie mit ihrem Daumen über das Mal auf Zoras' Handrücken streichen konnte, dessen Ränder leicht aufzuglühen schienen. Das entlockte Kassandra ein wahres, wehmütiges Lächeln. „Wenn Loki bei euch gewesen war, dann hat er den Wyrm schon aus etlichen Kilometern Entfernung gespürt. Vielleicht hat er ihn sogar gerufen, wer weiß. Was wir wissen ist, dass er mein Trauma nähren wollte.“ Jetzt war sie an der Reihe, zu schnauben. „Was mich in einer gewissen Weise zur Schuldigen macht. Ohne mich wärt ihr nicht in dieser Situation gelandet und Amartius hätte sein Leben nicht gelassen. Das alles hat wunderbar in Lokis Plan gespielt.“
      Mehr als resignierend den Kopf schütteln konnte die Phönixin nicht. Loki war ein Täuscher, ein Spieler. Er tat nur das, was ihm selbst Erheiterung verschaffte und ergötzte sich am Leid anderer. Er hätte niemals die Seite eines nieder gestellten Gottes ergriffen, erst recht nicht die eines Halbgottes. Dafür war er zu arrogant – wie die meisten Götter.
      Dann spürte sie, wie sein stierender Blick auf ihrer Gestalt lag. Langsam hob sie ihren Kopf und begegnete seinem Blick mit einer erstaunlichen Ernsthaftigkeit, die angesichts der Lage völlig willkürlich wirkte. „Das wirst du nicht tun. Dieses Gefühl, Rache, ist eines von denen, das uns Götter nachträglich verdirbt. Es hätte auch Amartius in ein niederträchtiges Wesen verwandeln können. Rache ist etwas, das nur ihr in solch einer Hingabe verfolgen könnt. Lass dich nicht von der Rache führen, dafür gibt es ein effektiveres Mittel.“
      Nämlich mich.
      Kassandras feuriger Blick bohrte sich in Zoras' dunkle Iren. Sie musste ihm verständlich machen, dass er diesen Gelüsten nicht folgen dürfte. Die Konsequenzen wären fatal. Mit solchen Rachegelüsten kannte sie ihn nicht, und wenn sie das vorher geahnt hätte, dann hätte sie ihren Schwur nicht geleistet. Hätte ihm nicht unbewusst das Mittel in die Hände gelegt, um seinem Wunsch Flügel zu verleihen. Mit ihr hatte er nicht nur eine ausübende Kraft, um seine Rache zu bekommen. Dank ihr konnte er es eigenhändig vollbringen.
      „Findest du einen Weg, macht dich das auch zu einer Gefahr für mich. Das willst du nicht werden...“, fügte sie sanfter hinzu und streckte ihre freie Hand nach seinem Gesicht aus, wo sie ihre Hand an seine Wange legte und mit dem Daumen über die Haut strich. „Was haben vier Jahre nur mit dir angestellt.... Sogar deinen Bart hast du dir abrasiert. Wüsste ich nicht nach welcher Aura ich hätte suchen müssen, hätte ich dich vielleicht gar nicht erkannt... Wobei ich jetzt aber feststellten muss, dass Amartius in der Tat deine Augenpartie geerbt hatte. Deine wunderbaren, dunklen Augen.“
    • Alles, was Zoras dazu sagen konnte, hatte er bereits gesagt, und das mehrfach:
      "Er hat es nicht verdient."
      Nicht verdient zu sterben, nicht verdient in einer Festung aufzuwachsen, wo er nicht erwünscht war, nicht verdient, seine Eltern nicht beieinander zu haben. Nichts davon hatte er verdient und trotzdem war er groß genug gewesen, sich selbst zu opfern. Ein paar Monate alt und er war besser, als die meisten Menschen es jemals sein würden.
      Aber bei einer Sache nur, waren sie nicht der gleichen Meinung.
      "Es ist genauso wenig deine Schuld, wie sie es war, dass du in der Festung gelandet bist. Loki ist verantwortlich dafür und Loki sollte auch den Preis dafür zahlen. Er hat das alles hier schließlich arrangiert, einschließlich Amartius' Ende. Er sollte damit nicht davonkommen."
      Zoras war noch nie jemand gewesen, der sich sehr stark von Rachegefühlen leiten ließ - aber Zeiten änderten sich. Erfahrungen wurden gemacht und einige von ihnen hatten ihn mit einem bitteren Geschmack im Mund zurückgelassen, den er auch mit aller Gutmütigkeit der Welt nicht loswerden konnte.
      Sein Sohn war gestorben. Erst wurde ihm ein Sohn geschenkt und dann hatte man ihn ihm genommen, aus Laune der Natur heraus, beziehungsweise eher, um seine Phönixin in noch tiefere Abgründe zu schicken, um sie noch tiefer zu vernarben dort, wo sich sowieso schon seit Jahrhunderten Narben über Narben gehäuft hatten. Letzten Endes war Zoras auch nur ein Mensch und als solcher war auch er Sklave seiner tiefsten Wünsche und Empfindungen. Und die wollten Loki endgültig tot sehen.
      Aber er hatte auch Schwächen und die größte, die er neben Amartius jemals gehabt hatte, saß direkt vor ihm, aufmerksam und ernst, eindrucksvoll und göttlich und streckte eine Hand nach ihm aus. Er wappnete sich auf den Kontakt von sanfter, filigraner Haut, die sich an seine legte und die so anders war als alles, was er die letzten vier Jahre erlebt hatte. Er zuckte nicht und er schreckte auch nicht zurück, aber eine gewisse Anspannung konnte er doch nicht aus seinen Gliedern verbannen. Eine gewisse instinktive Angst, die ihm auch jetzt noch in den Knochen saß und die er sich erst abgewöhnen müssen würde.
      Trotzdem versuchte er sich an einem Lächeln.
      "Ich bin kein Herzog mehr, deswegen trage ich auch keinen Bart mehr. Ich bin auch nicht mehr Zoras, wenn man es genau nehmen möchte. Hier nenne ich mich Ischyll, nach meinem Vater."
      Das Lächeln weitete sich aus, wurde aufrichtig.
      "Und ich dachte immer, er hätte deine Augen bekommen. Ich habe dich immer in ihnen gesehen, seit dem Zeitpunkt, als ich es begriffen habe. Er hatte deinen Verstand und deine Raffinesse und deine hübschen Augen - und mein Kinn, wenn ich richtig liege. Und meine Beine, da bin ich mir ganz sicher. Die starken Beine eines Kavalleristen."
      Noch immer lächelnd schob er die Hand unter Kassandras Finger an seiner Wange, verflocht sie miteinander und hob sie von seinem Gesicht weg, aber nur so weit, um seine eigene Hand zu drehen und ihre ganz sanft hochzuhalten. In mittlerweile weitaus vertrauter Geste hob er sie zwischen sie beide und sah darüber hinweg Kassandra an. Jegliches Bedürfnis an Rache war bei ihrem Anblick so schnell wieder verpufft wie es aufgetreten war, und zurück blieb nur noch ein Loch, das auf eine einzige Sache wartete, auf das einzige, was dieses Loch zu füllen vermochte.
      Er fragte sie, ob er durfte. Er fragte in aller Ernsthaftigkeit, denn er hatte auch vorhin keine Antwort bekommen. Er brauchte ihre Antwort und er rührte sich keinen Zentimeter, ehe er sie nicht bekommen hatte.
      Sie sagte Ja.
      Diesmal gab es keine Unterbrechung, als er ihre Finger zu seinen Lippen anhob. Nichts brach hinter ihnen auseinander, nichts riss sie entzwei, nichts stürzte die Welt in den Abgrund. Es war seltsam ereignislos, verglichen mit allem, was sie bisher erlebt hatten, als er seine Lippen auf ihre Knöchel drückte.
      Aber er konnte sie spüren. Ein längst vergessenes Gefühl, das sich seiner Erinnerung vollständig entzogen hatte, lebte auf bei dem Eindruck von zarter, weicher Haut an seinen Lippen, von einer schmalen, eleganten Hand in seiner, von roten, unendlich tiefen Augen, die dem Weg seiner Lippen folgten. Sein Herz machte einen Sprung. Er schmeckte das Salz seiner eigenen, trockenen Lippen, vermutlich von Tränen oder Schweiß oder Blut, aber es war doch besser als alles andere auf der Welt. Er drückte einen Kuss auf den Knöchel ihres Mittelfingers und dann entließ er sie wieder, denn er hatte sie noch nie festgehalten, ihr noch nie Grenzen gesetzt, die einzuhalten gewesen wären. Sie war mit ihm immer frei in ihren Handlungen gewesen, seine freie Phönixin, seine wunderschöne, atemberaubende Göttin und auch jetzt war es nicht anders. Jetzt war sie wirklich frei und er durfte ihr trotzdem gegenübersitzen - was mehr hätte er sich wünschen können.
      Sein Lächeln war jetzt losgelöst und strahlend, als er ihre Hand zwischen ihnen beiden noch immer festhielt und den Kopf nach hinten an die kühle Wand lehnte, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Jetzt, endlich, nach all der Strapaze, die er in den letzten Wochen, aber auch in den letzten Stunden hinter sich gebracht hatte, fühlte er sich auch in gewisser Weise losgelöst. Frei geworden, nur dass er keine Flügel hatte, die er ausstrecken könnte. Dafür hatte er Müdigkeit, Erschöpfung, Hunger und Durst und das war wohl mehr Freiheit, als er sich erhoffen konnte.
      "Meine wunderschöne Kassandra. Wie sehr ich das vermisst habe. Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben."
    • Nein, so ein Ende hatte niemand verdient. Aber auch die zahllosen Kinder auf den Straßen, die um ihr Überleben mit den niedersten Mitteln kämpfen mussten, hatten solch ein Leben mit Sicherheit nicht verdient. Egal ob Erde oder Himmelreich – Gerechtigkeit schien auf keiner Ebene für alle zu herrschen. In der Regel waren es die Schwachen, die dann den Preis für Taten deren zahlen mussten, die mehr Macht besaßen. Das reichte von Bettlern zu Adeligen sowie von mystischen Wesen zu echten Göttern.
      Diesen Preis hatte auch Zoras bitterlich zahlen müssen. Das wurde Kassandra erneut bewusst, als sie ihn im Gesicht berührte und er zwar nicht wie zuvor so extrem reagierte, er aber dennoch eine Anspannung aufbaute, die es früher zwischen ihnen nicht gegeben hatte. Ob sie wohl ähnlich reagieren würde, wenn er je seine Hand auf eine Stelle ihres Körpers legte, die auch Telandir unsittlich berührt hatte? Konnte sie die Bilder trennen und sich von dem Alten wirklich loslösen?
      War vielleicht schon ein einfacher Kuss zu viel?
      Kassandra blinzelte. Ein einfacher Kuss.... Ja, sie hatte damit gerechnet, dass er sie in die Arme schloss und nie wieder losließ. Seine unsterbliche Liebe zu ihr bekundete und sich das holte, auf das er vier Jahre lang hatte warten müssen. Jetzt erst bemerkte sie, dass er nicht einmal angedeutet hatte, sie zu küssen. Er hatte nichts in dieser Richtung angezeigt, er hatte sie lediglich einmal umarmt, und das auch nur, weil sie es initiiert hatte. Lag sie vielleicht gar nicht so falsch und er war ihr gegenüber.... abgestumpft?
      Waren vier Jahre genug, um all die Hingebung einfach auszuradieren?
      „Hm, er hat definitiv deine Haarfarbe bekommen. Reine Phönixe besitzen alle rotes Haupthaar, so wie Areti. Aber Amartius hatte bei seiner Geburt dunkle Haare und dunklere Augen. Eher wie ein Granat als ein Rubin. Wobei ich fast schon glauben möchte, dass sich seine Augenfarbe geändert haben könnte, sobald er seine magische Begabung entdeckt hat.“ Sie lächelte, ein wenig im Gedanken darüber verloren, wie ihr Sohn wohl im Schein magischer Flammen ausgesehen haben mochte. Welche Farbe sie trugen, welche Energie sie ausgestrahlt hatten. Man sagte, man erkenne einen Phönix anhand der Farbe seiner Flammen. In Kassandras Fall traf dies unbestreitbar zu. „Aber wie die Form angelegt war, stammt von dir. Jedenfalls die hohen Stirnknochen. Nur bei den Beinen kann ich dir kein fundiertes Urteil liefern, dafür reicht leider meine Expertise nicht mehr aus.“
      Jedoch fühlte sie sich zurückversetzt, als er erneut ihre Hand von seinem Gesicht klaubte und sie zwischen sie beide hielt. Vorhin waren sie unterbrochen worden. Vor Jahren hatten sie es immer wieder als Zeichen der Bekundung getan. Nun gab es niemanden, der ihnen einen Strich durch die Rechnung machen konnte und so gab sie ihr Einverständnis zu dem Zeichen, das unweigerlich mit ihrer Bekanntschaft verbunden war.
      Entgegen der allgemeinen Vermutung waren die folgenden Sekunden aufregend unaufgeregt. Für einen Moment schmeckte Kassandra die Stille regelrecht auf ihrer Zunge, lauschte der Melodie der Ruhe und der ungestörten Zweisamkeit zwischen ihnen. Am Rande kratzten immer noch die beiden Auren der Menschen an ihrem Bewusstsein, doch sie ignorierte sie gekonnt. Stattdessen beobachtete sie Zoras bis er seine Geste vollendet und ihre Hand wieder freigegeben hatte. Nur die andere, die mit dem Mal, hielt er eisern fest. So, als hätte er Sorge, sie würde ihm wieder entgleiten sobald sie den Kontakt verloren.
      Nun hatte sie Zeit, Zoras erneut genauer zu betrachten. Die Spannung war von seinen Schultern abgefallen, er wirkte zusammengesunken und vor allem müde. Es war nicht schwierig zu schließen, dass die vergangenen Stunden ihren Tribut forderten und nebst der Müdigkeit würden ihn auch die anderen Grundbedürfnisse langsam ereilen. Für ihn würde sie sogar einen Talmundwal aus dem Meer fischen. Allerdings nicht für seine beiden undankbaren Begleiter.
      „Ich habe vier Jahre für dich ausgeharrt. Gehofft, dass du mich vergessen hast und doch gewünscht, dass du kämst. Nun sieh dich an, wie weit du es gebracht hast.“ Für einen Moment tanzte ihr Blick über seine Erscheinung, dann löste sie ihre Hand von seiner und stand auf. Aus einem Geröllhaufen in der Ecke der Höhle holte sie einen etwa zwei Hand großen Brocken, den sie in einer Hand trug. Während des Gehens glühten ihre Augen und wirkten auf Unwissende im Halbdunkel mit Sicherheit wie eine Ausgeburt der Hölle. Sie schmolz das Innere des Brockens aus und kippte die Lava unbedarft einfach aus, wo sie zischend eine schwarze Haut bildete und langsam erstarrte. An den beiden Menschen schritt sie vorbei ohne sie eines Blickes zu würdigen bis zum Eingang der Höhle, wo sie drei Eiszapfen abbrach und sie in die provisorische Schale, die sie aus dem Stein erstellt hatte, schmolz. Als sie zu Zoras zurückkam und sich wieder zu ihm setzte, reichte sie ihm das Wasser, was selbst lauwarm schon einen leichten Dampf erzeugte.
      Normalerweise besaß Kassandra ein Taktgefühl. Ein sehr gutes sogar. Aber sie hatte es nun mehrfach beobachtet und brauchte den wahren Grund dahinter. „Was genau haben sie dir angetan, nachdem ich entführt worden bin? Du warst auf dem Vorplatz vor mir gewichen und heftig zusammen gezuckt. Selbst jetzt noch legt sich eine Spannung in deine Glieder, wenn ich dich berühre. Was. Haben. Sie. Getan?“
    • "Weit, in der Tat", bestätigte Zoras noch immer mit einem feinen, lebhaften Lächeln. Er nahm die Gestalt von Kassandra in sich auf, wie sie in dem dämmrigen Licht des Höhleneingangs vor ihm saß, strahlend und lebendig, eine neue Kassandra für neue Erinnerungen. Würde diese Kassandra auch so schön sein, wenn sie sich im Sonnenlicht badete? Er glaubte nicht, dass jemals etwas weltliches angemessen genug sein würde, um ihre Schönheit so sehr zum Ausdruck zu bringen. Es wäre nicht das Sonnenlicht, das Kassandra zum Leuchten bringen würde, es wäre Kassandras eigenes Licht, das leuchtete.
      "Ich wusste, dass ich dich finden könnte, früher oder später. Das gilt nicht für dich, wo du doch nicht wusstest, ob ich überhaupt noch lebe. Aber hier bin ich, es hat nur vier Jahre gedauert."
      Ihre Hand entzog sich ihm und auch, wenn er nicht die Befürchtung haben musste, dass Kassandra wieder verschwinden würde, machte sich doch schlagartig Kälte dort breit, wo ihre Finger sich die letzten Minuten gegenseitig berührt hatten. Es war merkwürdig, dieser Zwiespalt seiner selbst, bei dem er versuchte, sein damaliges Ich mit seinem heutigen Ich zu vereinen. Sein Herz wollte Kassandra, sein Körper wollte niemanden. Selbst nach all der Zeit, hatte er noch immer nicht herausgefunden, wie er auf der Grenze dazwischen balancieren sollte.
      Sie stand auf und holte sich... einen Stein. Damit bewaffnet marschierte sie zum Höhleneingang, vorbei an Faia und Tysion, die beide unterschiedliche Blicke übrig hatten, die sie für die Phönixin entbehren konnten. Der dritte Blick war ein skeptischer, mit dem Zoras sie beobachtete, bis er erst verstanden hatte, was sie hier genau veranstaltete. Seine Augenbrauen zogen sich hoch bei der Erkenntnis, die ihm selbst für immer verwehrt geblieben wäre. Er hätte nie auch nur ansatzweise daran gedacht, dass das hier ein durchaus gängiges Vorgehen für eine Phönixin war, um Wasser zu schaffen.
      Dankbar nahm er die primitive Schale entgegen, blind gegenüber den Kuluarern, die sie jetzt deutlicher beobachteten. Vermutlich hätte er ihnen auch etwas anbieten sollen, aber so weit dachte er gar nicht in Ausblick darauf, selbst etwas trinken zu können.
      Das Wasser war warm genug, um seine angerissenen Lippen nicht zu verletzen, aber immernoch ungemein erfrischend. Er trank alles aus, was er auch brauchte, denn kaum als er den Stein wegstellte, fragte Kassandra doch noch nach einem Detail, das er zu vermeiden gehofft hatte.
      Kalkulierend betrachtete er sie einen Augenblick. Vielleicht wappnete er sich auch darauf, ein zweites Mal über seine Narben zu sprechen, nur, dass Amartius in dieser Hinsicht vollkommen unschuldig gewesen war. Kassandra hingegen kannte sich mit so etwas vermutlich besser aus, als sämtliche Kerkermeister der Welt zusammengenommen.
      Vielleicht war es deshalb so schwierig, darüber zu sprechen. Vielleicht starrte er deshalb so lange, wenn er auch längst hätte anfangen können zu erzählen. Beim Anfang, nicht wahr? Nur, dass der Anfang beinhaltete, dass er herausgefunden hatte, weshalb er überhaupt im Kerker gelandet war. Etwas, das er Kassandra willentlich vorenthalten würde.
      Also doch nicht beim Anfang beginnen. Wo dann? Wie überhaupt ein solches Thema anschneiden?
      Er schluckte und nachdem er für einige Sekunden weiter geschwiegen und immer noch nichts geantwortet hatte, lehnte er sich stattdessen wieder vor, nestelte mit den Fingern an seinem äußeren Mantel herum und fing an, die Schalen an Kleidung abzulegen. Kassandra war hier, es war sowieso warm, er brauchte die Tracht der Asvoßer jetzt nicht mehr.
      Er legte Mantel und Felle ab, bis er nur noch so viel trug, dass er seine Ärmel zurückkrempeln konnte. Er fing unbewusst mit dem Arm an, den er auch Amartius präsentiert hatte.
      Die Landschaft seiner Narben kam zum Vorschein, die wulstigen, gehärteten Überreste sich überlappender Wunden, die ganz bewusst niemals ärztliche Hilfe erhalten hatten. Haarlose, hornhaut-artige Gebilde seiner Haut, die an manchen Stellen womöglich kunstvolle Adern hatten, so, wie sie angeordnet waren. Es waren auch jüngere, sehr viel jüngere Kampfnarben dabei, aber im Gegensatz zu den anderen schienen sie wie sanfte Berührungen gewesen zu sein. Ein geübtes Auge konnte den Unterschied zwischen Kampf und Folter gleich erkennen.
      Er schluckte. Ein Luftzug vom Höhleneingang ließ seine Haare sich aufstellen, nur, dass es davon nicht mehr allzu viele gab. An den meisten Stellen waren sie nie nachgewachsen.
      "... Es würde lange dauern, zu beschreiben, was sie getan haben. An manches erinnere ich mich nicht mehr - oder will mich nicht erinnern. Es war ein Mann, ich war sicher weit über... hundert Mal bei ihm. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, das wurde mit der Zeit... schwierig."
      Er wollte Kassandra ansehen und starrte stattdessen seinen Arm an. Sein Blick war wie daran geheftet.
      "Er hat mich nicht verstümmelt, das ist eine der wenigen... oder die einzige Sache, die er nicht getan hat. Er hat gesagt, dass das... Möglichkeiten wegnimmt. Man kann nur endlich oft verstümmeln, aber so hat man unendlich viele... Möglichkeiten."
      Er wollte mit den Schultern zucken, stattdessen zuckte sein halber Oberkörper mit. Vor seinem inneren Auge sah er den Kerkermeister in all seinen Details vor sich, mit seiner abartigen Professionalität, während Zoras geschrien und geflucht und geweint hatte. Manchmal fühlte es sich an wie ein sehr schwieriger Albtraum, aber manchmal dachte er auch, dass das jetzt der Traum sei und er immer noch dort unten wäre, in der Dunkelheit, wo es nur seine zum Reißen strapazierten Stimmbänder und die einzige und selbe Frage immer wieder gegeben hatte.
      Er hatte es nicht gewusst. Er wusste es nicht.
      "Ich wusste es nicht. Verstehst du? Ich wusste es nicht, wirklich nicht, ich habe keine Ahnung, ich weiß es nicht."
      Ein Zittern fuhr durch seinen Arm, das nicht von Kälte rührte.
    • So recht wusste Kassandra nicht, was sie zu erwarten hatte. Sicher, sie wusste um die Grausamkeit der Menschen und was sie sich gegenseitig antun konnten. Bei den Pforten, sie wusste es so genau weil sie es selbst hatte über sich ergehen lassen müssen. Doch sie löschte die Narben auf ihrem Körper aus sobald sie nur konnte. Es reichte, wenn die Seele ihre unsichtbaren Narben davon trug. Bei Menschen war es jedoch etwas anderes, sie trugen ihre Narben in der Regel ein Leben lang mit sich herum. Und warum auch immer; Kassandra hatte bis jetzt geglaubt, dass Zoras keine weiteren stummen Zeugen mehr ansammeln können würde.
      Also harrte sie vor ihm aus während er sich Lage um Lage an Stoff auszog bis er an seinem Unterhemd angekommen war, wo er sich zunächst einen Ärmel hochkrempelte. Er war gerade oberhalb seines Handgelenkes angekommen, da begann sich Kassandras Miene zu verhärten. Mit jedem Zentimeter Haut kam ein Zentimeter mehr der Schreckens zum Vorschein, den Zoras in seinen vier Jahren ohne sie hatte erleben müssen. Kassandras Gedächtnis war makellos, und somit wusste sie ganz genau, welche Narben neu waren und welche nicht. Auch ohne Beschreibung erweckte jeder Schnitt, jeder Wulst und jedes Stückchen totes Gewebe ein Bild in ihrem Kopf, wie es zu diesem Ergebnis gekommen war. Eindrücklich starrte sie den Arm an, den auch Amartius gesehen hatte. Doch wo der Junge neugierig gewesen war, war seine Mutter... ja, was genau war sie? Entsetzt von dem, was man diesem Mann angetan hatte? Wütend auf die Leute, die sich daraus einen Spaß gemacht hatten? Enttäuscht von sich selbst, dass sie es nicht verhindern konnte?
      Ihre Augen wanderten ganz langsam zu Zoras' Gesicht. Er starrte seinen Arm an, während er sprach. Ein Anker, damit er ihr nicht ins Gesicht sehen und feststellen musste, was sie von diesem Anblick hielt. Einhundert Mal. Mindestens. So oft hatte er eine Tortur durchstehen müssen, die sie so gut wie kaum ein anderer nachvollziehen konnte. Sie war sich damals sicher gewesen nur deswegen standzuhalten, weil sie eine Gottheit war. Jetzt zu sehen, dass ein Sterblicher es ähnlich lange ertragen hatte ohne dem Wahnsinn zu verfallen war höchstgradig schockierend für sie. Egal, ob es sich dabei um Zoras oder irgendeinen anderen Menschen handelte. Es gab keine Worte für das, was sie vor ihren Augen entfaltete.
      Und das war nur sein Arm.
      Dann wiederholte Zoras die Worte, die er bereits auf dem Vorplatz gesprochen hatte. Erst jetzt, in diesem Moment der Rekapitulation, erkannte Kassandra, dass sie ihn falschverstanden hatte. Sie hatte gedacht, diese Worte rührten daher, dass er nicht wusste, was ihr widerfahren war und wie er sie hätte eher retten sollen. In seinen Worten lag eine Panik, so ungewöhnlich für den ehemaligen Herzog, dass selbst Kassandra erschauerte. Was er nicht wusste, war die Antwort auf die Fragen gewesen, die man ihm während der Folter gestellt hatte. Man hatte ihn nur deswegen in den Kerker geworfen, weil man von ihm Antworten erhofft hatte, die er offensichtlich gar nicht besaß.
      Die Frage der Fragen: Was waren die Fragen gewesen?
      Kassandra bemerkte das Zittern in Zoras' Arm und wie er sich in eine Spirale begab, aus die er schwierig nur wieder heraus kam. Erinnerungen förderten das Trauma an die Oberfläche und das nur, weil er ihr zu berichten versuchte. Energisch fasste sie nach seinem entblößten Oberarm und ließ nicht zu, dass er auch nur einen Millimeter von ihr zurück wich. Mit zusammen gebissenen Zähnen ließ sie einen Puls durch die Höhle gehen und die Umgebung verschwamm. Sie flirrte wie unter tausend Grad Hitze, die Wände lösten sich auf, die Dunkelheit wurde von grellem Tageslicht abgelöst. Tysion und Faia lösten sich im Nichts auf und unter ihren Leiber wich der karge Boden grünen Wiesen. Über ihnen brach ein blauer Himmel ohne Wölkchen durch und der Geruch von Gras und Pferden füllte die Luft. Die Sonne, die gar nicht echt war, schien warm auf ihre Körper und ein leichter Wind wog durch die Halme und Kassandras dunkles Haar.
      Sie waren wieder auf den Wiesen vor dem Sitz der Luors.
      „Es ist in Ordnung, dass du es nicht wusstest. Es ist vorbei“, beschwichtigte die Phönixin den Mann und ließ seinen Arm dabei nicht los. „Nie wieder wird dir jemand das antun, was dieser Mann tat. Du wirst stärker sein als er, allein oder mit mir an deiner Seite. Verstehst du das?“
      Ihre Augen zuckten wieder zu dem Arm, wo sie an kreisrunden Narben hängen blieb, die eindeutig von Brandwunden stammten. Es lag vielleicht daran, dass sie selbst über das Feuer gebot, aber diese Wunden bereiteten ihr am meisten Unbehagen. Wie von selbst floss ihre Magie wie ein Samttuch von ihr über Zoras' Leib und legte sich über die Brandnarben, die beim Zusehen langsam immer kleiner und normaler Haut wichen. Sie würde ihm nicht alles an Narben nehmen, nur das, was er wollte. Außer diese. Denn er sollte das Feuer, das ihre Natur war, nicht als Erinnerung für die Zeiten im Kerker wahrnehmen.
    • Eine Hand schloss sich um seinen Arm, die Zoras mit sensibler Überempfindlichkeit dort wahrnahm, wo sie mit Narben in Berührung kam. Sie war fest und unnachgiebig und die Finger waren ganz sanft und warm, aber sie ließ ihn nicht los, als er trotzdem vor der Berührung zurückzuckte, überzeugt davon, dass der Empfindung gleich Schmerz folgen würde. Ein Wimmern brodelte in seiner Brust nach oben, ein artikulierter Fluchtversuch, wenn ihm schon verwehrt war, sich körperlich dagegen aufzubegehren. Es war nichts neues. Er war binnen Herzschlägen wieder im Kerker, darauf ausgerichtet, seinen Foltermeister ein weiteres Mal anzubetteln, es zu unterlassen. Was genau? Ganz egal; nichts, was der Mann tat, war jemals zu Zoras' Gunsten.
      Dann veränderte sich die Umgebung um ihn herum schlagartig, was er selbst beobachten konnte, noch während er seinen Arm anstierte, als wäre er der Leibhaftige persönlich. Der Boden schien zu flackern und dann war dort mit einem Mal saftiges Gras, wo vor einer Sekunde noch grauer Stein gewesen war. Eine Wärme erfasste ihn, die er zweifellos der Sonne zuordnete, und außerdem war da der Geruch von Natur und von...
      Pferden.
      Der warme, ledrige, leicht süßliche Geruch eines Pferdestalls hing in der Luft, die stetige Brise einer Pferdekoppel, erdig und so beruhigend, wie die Empfindung nach Heimat und Geborgenheit. Es roch nach Gras und den Pferdeausscheidungen, nach dem Leder der Sättel und dem Metall der Zaumzeuge, nach Politurmittel und süßem Heu und Pferdefutter. Die Empfindung kam so unerwartet zwischen all den Echos des Kerkers, dass Zoras' Geräusch noch in seiner Brust erstarb und er den Kopf anhob. Sein Blick richtete sich geradewegs auf Kassandra, die ihm noch immer direkt gegenüber stand, der Arm zwischen ihnen ausgestreckt. Ihre Augen ruhten auf seinen und er registrierte sowohl sie, als auch das Gras hinter ihr und den blauen Himmel über ihnen.
      Sie waren alleine. Sie waren nicht im Kerker und es gab auch keine Kuluarer.
      Sie waren Zuhause.
      Er holte einen weiteren, tiefen Atemzug, mit dem er all die vertrauten Gerüche in sich aufnahm, und dann war er auch endlich wieder klar genug, um ihre tröstenden Worte zu erfassen. Es war in Ordnung, dass er es nicht gewusst hatte. Er würde stark sein.
      Wenn sie nur wüsste, worum es überhaupt ging.
      Seine Muskeln verloren ihre Anspannung und seine Schultern sackten ein, als er schließlich nickte. Jetzt war die Hand an seinem Arm keine Restriktion mehr, sie war eine Beruhigung. Eine seit langem vermisste, benötigte Berührung.
      Ein leichtes Prickeln lenkte ihn ab, ein Gefühl, das nicht von der gelegentlichen Brise kam, die sie sanft erfasste. Er folgte Kassandras Blick zu seinem Arm hinab, wo sich vor ihren gemeinsamen Augen ein paar der kreisrunden Narben in sich zusammenzogen und dann verschwanden, so als hätte es sie nie gegeben. Besorgnis erfüllte ihn bei dem Anblick makelloser Haut, die darunter zum Vorschein kam und mit der er für viele Sekunden nichts anfangen konnte. Es gab nur wenige Stellen an seinem Körper, die gänzlich unverletzt waren. Wenn all die Narben verschwänden, so wie diese hier es taten, und nichts übrig ließen...
      Er legte die Hand über Kassandras und blickte ihr zurück in die Augen.
      "Nicht."
      Seine Stimme kam leise hervor, er war sich selbst nicht ganz sicher, wieso.
      "Nicht mehr."
      Kassandra verstand auch so seine dürftigen Worte und als ihre Blicke sich wieder trafen, schluckte er unter der vertrauten Intensität ihrer Augen.
      "Wenn sie alle verschwinden, weiß ich nicht mehr... dann kann ich nicht unterscheiden, ob es wirklich..."
      Die Worte waren ein Kampf, den er mit sich selbst ausfechten musste. Sein Blick zuckte mit der primitiven Panik eines in die Enge getriebenen Tieres.
      "... vorbei ist."
      Kassandra verstand. Sie würde alles verstehen, denn was Zoras ein einziges Mal widerfahren war, hatte sie wieder und wieder, Jahrhunderte um Jahrhunderte erlebt. Seine vier Monate waren nicht ansatzweise das, was sie in ihrem Leben erlebt hatte und doch stand er als gebrochener Mann vor ihr, während Kassandra stolz und stark und unbezwingbar geblieben war, in all den Jahrtausenden. Was konnte er ihr schon vorjammern, was sie nicht selbst erlebt hatte? Es war ja gerade so, als beweinte er einen Schnitt in seinem Finger, während sie ihren ganzen Arm vermisste.
      Ein bisschen straffte er die Schultern bei der Erkenntnis und tat das, was Zoras Luor - und nicht Ischyll - immer getan hatte: Er streckte den Rücken durch und richtete sich halbwegs zu seiner vollen Größe auf. Aufstehen und weitermachen. In seinem Leben hatte es nie etwas anderes gegeben als wieder aufzustehen und weiterzumachen.
      Er ließ den Blick knapp von Kassandra zu den Wiesen hinter ihr springen, die sich um sie herum erstreckten, seinem Zuhause. Er wusste, dass es nicht real sein konnte, aber es war eine Ablenkung, die er bitter benötigt hatte.
      "Wo sind wir hier? Eine Illusion?"
    • Kassandra verabscheute die Fähigkeit, täuschend echte Trugbilder zu erschaffen. Sie gelangen ihr manchmal so spielend einfach so wahnsinnig echt, dass sie selbst sich manchmal darin verlor. Mit ihrer limitierten Kraft hatte sie nur kleine Bilder geschafft, kleine Momentaufnahmen, die niemals all das überbringen konnten, was zu diesem Moment dazu gehörte. Aber mit uneingeschränkter Magie gelangen ihr die reinsten Wunder. So konnte sie das Gefühl der Sonne nachbilden, die ihre Haut langsam erwärmte. Ihr gelang es, den Wind richtig umzusetzen und ihn aus genau der gleichen Richtung und Intensität wie damals wehen zu lassen. Sie replizierte den Geruch, der überall auf dem Anwesen der Luors vorgeherrscht hatte, bis zur Perfektion. Nichts, nicht einmal das sich echt anfühlende Gras unter ihren Beinen, ließ darauf schließen, dass das hier nicht die Realität war. Aber nun musste sie es einsetzen, damit Zoras nicht wieder seiner Spirale verfiel, die ihm so deutlich in den Untiefen seiner Augen geschrieben stand, dass die Phönixin befürchtete, sie würde auf ewig ihre Windungen in seine Seele gegraben haben.
      Vor ihren Augen kletterte Zoras aus der Spirale wieder empor, obzwar ein Fuß auf der nächsten Stufe nach unten stehen blieb. Das war in Ordnung, das konnte Kassandra akzeptieren. Ab jetzt hatte sie genug Zeit, um die Spirale systematisch aufzulösen. Angefangen mit den Brandnarben, die sie am meisten störten. Wie erwartet hielt er sie davon ab, alle auszuradieren, selbst wenn das gar nicht ihre Absicht gewesen war. Gänzlich in Ruhe ließ sie ihn seine Worte selbst finden, ohne ihm Hilfestellung zu geben. Ihr sanfter Blick und schließlich das Lösen ihrer Hand von seinem Arm waren Bestätigung genug, dass sie nicht seine Vergangenheit auslöschen würde. Das hatte sie noch nie getan und würde es in Zukunft auch nicht.
      Irgendwann fand Kassandra ihre Stimme wieder. „Eine Illusion, ja. Eine durchaus mächtige, aber nicht real. Ich musste etwas einsetzen, dass dein Körpergedächtnis anspricht und das war das beste Mittel dafür.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und sah in das unendliche Blau über ihren Köpfen. Alles hier beruhte auf dem, was sie wahrgenommen hatte. Sozusagen sah er gerade alles mit ihren Augen und das ließ sie kaum merklich schmunzeln. „Ich kann es jederzeit wieder lösen, wenn du es so möchtest. Aber ich dachte mir, ein paar Minuten weg vom eisigen Asvoß täte dir gut.“
      Und mir.
      „Wir können hierher zurück“, begann sie nach einer Pause und blickte über ihre Schulter zurück zu dem Haupthaus mit den Ställen. Man sah keine Menschen, weil es damals zu früh dafür gewesen war. „Und niemand wird deiner Familie, dir oder deinem Herzogtum etwas anhaben können. Nicht, wenn ich an deiner Seite stehe.“
      Pause. Sie beobachtete Zoras' Mimik und dann kräuselten sich ihre Lippen. „Aber du willst nicht. Du willst sichergehen, dass es deiner Familie gut geht, aber du willst nicht wieder an den Ort zurück, von dem du stammst. Richtig? Du hast es.... abgeschrieben. Möchtest du meine Meinung hören?“ Nach all dem, was bisher passiert war und angesichts der Zeit, die ihnen miteinander blieb, gewährte sich Kassandra einmalig etwas zu wünschen. „Du gehörst nicht irgendwo in Abgeschiedenheit und Unbekanntheit hin. Du warst ein Herzog, du warst ein Heerführer. Du bist jemand, dem die Menschen folgen und der ihm Herzen die richtige Führung verspricht.“ Sie legte eine flache Hand oberhalb seines Herzens. „Geh nach Kuluar. Sieh nach, ob diese überzogene Prophezeiung auf dich zutrifft und wenn ja, dann greif zu. All das, was man dir entzogen hat, kannst du wieder Dein nennen. An solchen Stellen zählst du wirklich und nur da kann ich besser an deiner Seite sein.“
      Ohne Rang und Namen wäre er Freiwild. Kassandra hätte nicht eine ruhige Minute, in der sie nicht um ihn fürchten musste. Sie konnte ihn nicht jede Sekunde seines Lebens bewachen, aber genau das wäre es, wenn sie einfach so durch die Welt ziehen würden. Sie hätte nicht die Freiheit zu sein, wer sie war. Sie erregte Aufmerksamkeit, so war es nun einmal. Ihm ein Leben in völliger Abgeschiedenheit zu schenken würde ihr eigenes temporär weiter beschneiden. Außerdem wollte sie für ihn nur das Beste. Sie kannte sein Potenzial, wusste, welche Werte er einst als wichtig empfunden hatte und dass er für ein Volk regieren würde. Das wäre sein Ort, wohin er gehörte. Mit ihr an seiner Seite.
      Ihre Hand wanderte von seinem Herzen zu seiner Schulter und von dort den Arm hinab bis sie seine Hand wieder fassen konnte. Eine Verbindung, die sie in dieser täuschend echt wirkenden Realität dringend benötigte. "Außerdem... brauchst du einen Ankerpunkt, wenn du wirklich planen solltest, Lokis Aufgabe zu erledigen. Wir können auch nur zu zweit durch die Welt ziehen und die Halbgötter mühselig suchen und dezimieren. Aber die Champions erreichen wir effektiv nur, wenn du ein gewisses... Amt bekleidest...", sagte sie leise wobei sie ebenfalls seinem Blick auswich. Sie wollte ihn nicht jetzt an diese Aufgabe erinnern. Aber wenn das der Weg war, um ihn an einen sicheren Ort zu wissen, dann würde sie ihn widerwillig einschlagen.

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    • Sein Körpergedächtnis. Dasselbe, das mit Pferdegeruch Ruhe heraufbeschwörte und menschliche Berührung mit Schmerz verband. Ja, wenn es eine Sache gegeben hätte, die Zoras aus den Untiefen seines brodelnden Verstandes erlöst hätte, dann wäre es diese hier gewesen.
      Er richtete seinen Blick auf das Anwesen weiter vorne, die Zäune darum herum, der Stall, der sich an der Seite erstreckte. Es waren keine Pferde draußen, was seinen Eindruck dessen trübte, woran er sich noch am meisten erinnern konnte: Dass hier immer, überall, irgendwo Pferde waren. Vielleicht war das zu schwierig für eine Illusion. Vielleicht wollte Kassandra auch nicht, dass er sich zu sehr in ihr verlor.
      "Ein paar Minuten wird uns hier nicht schaden. Oder?"
      Kassandras Schweigen war Antwort genug und als auch sie zurück auf den Hof blickte, folgte Zoras ihren Augen.
      Die Wiesen wirkten von ihrem Standpunkt aus merkwürdig klein, irgendwie verzerrt, als hätte Zoras noch nie zuvor ihre Größe richtig eingeschätzt. Früher, als Junge, hatte er oft oben am Rand des Hügels gestanden und auf die Weiten der Landschaft des Herzogtums herabgeblickt mit der festen Überzeugung, dass die ganze Welt so aussehen müsse - dass es dieser Anblick war, der die Götter erwartete, wenn sie vom Olymp einen Blick nach unten warfen. Er hatte geglaubt, dass die Wiesen sich bis in alle Unendlichkeit zogen und dass man so weit ziehen könnte, wie man nur wollte, und immernoch auf saftiges Gras und blühende Bäume treffen würde, wohin das Auge nur reichte. Das war noch vor seinem ersten Ausflug in die Königsstadt gewesen, als er gelernt hatte, dass es ein Privileg sein konnte, fruchtbare Erde unter den Stiefeln zu spüren.
      Aber jetzt wirkte alles klein; nur ein weiterer Fleck auf der Erde, wenn man es so wollte. Nur ein weiteres Feld Wiese und ein kleines Haus, das gerade groß genug schien, um eine einzige Familie unterzubringen. Auch damit war Zoras sich ziemlich sicher, wenn auch nicht überzeugt, dass das Anwesen der Luor größer gewesen war.
      Dafür fiel die Sonne aber in einem Winkel, der die Strahlen ungebündelt auf den Boden und die Gebäude fallen ließ, nicht unterbrochen von einer einzigen Wolke oder einem anderen Sonnenschutz. Sie erhellte die Umgebung und jeden Winkel davon, sie hinterließ keinen Fleck für dunkle Schatten oder graue Ecken. Sie ließ alles in einer Weise erstrahlen, die auf irgendeine Art Frieden vermittelte. Geborgenheit womöglich. Nur ein weiterer, kleiner Fleck auf der Erde, an dem man aber atmen konnte, an dem die Sonne eine deutliche Grenze zwischen dem Ort und dem Rest der Welt zog, an dem es so düster sein mochte wie eh und je.
      Zoras war sich ziemlich sicher, sein Zuhause anders in Erinnerung zu haben. Aber die Illusion war nicht falsch, sie war nur... anders. Als hätte ein anderer Künstler das Gemälde nachgezeichnet und ihm eine andere Aura verschafft.
      Er blickte zu Kassandra zurück, als sie die Stille wieder durchbrach und merkte, dass auch er sich auf die andersartige Idylle des Ortes eingelassen hatte. Er war ruhiger. Seine Gedanken wirbelten bei ihren Worten nicht durcheinander, so wie sie es an einem anderen Ort womöglich getan hätten.
      "... Ich weiß, dass wir das könnten."
      Dachte Kassandra, er hätte sie gerettet, damit sie gemeinsam sein Zuhause zurückholen könnten? Dachte sie weit genug, um zu erkennen, dass seine Zukunft in Theriss längst damit besiegelt gewesen war, als man ihn nicht zum richtigen Zeitpunkt getötet hatte?
      Sie wusste es. Ihre Augen kartografierten sein Gesicht und was auch immer sich dort ablesen ließ, war genug, um die richtige Schlussfolgerung selbst zu ziehen. Die einzig richtige.
      "Ich möchte deine Meinung immer hören."
      Und das tat er wirklich, wie er bemerkte. Er sog Kassandras Worte in sich auf, denn sie waren das einzige, was zählte. Aber sie hatten auch einen Beigeschmack, den er nicht richtig benennen konnte; er war Herzog und Heerführer gewesen, er war es schon lange nicht mehr. Der, von dem sie redete, war ein alter Zoras, jemand, der wirklich gestorben war - nur nicht auf dem Schlachtfeld. Es war der Zoras gewesen, der noch für sein Land gekämpft hatte, um ihm eine Zukunft zu sichern.
      Der jetzige Zoras? Der versteckte sich hinter einem teilnahmslosen Ischyll und zuckte, wenn er Wärme spürte. Er hatte den Sinn aus den Augen verloren. Ohne Familie und ohne Zuhause, was blieb da noch, um dafür zu kämpfen? Nein, dieser Zoras war kein Heerführer mehr, das war die einzige Sache, in der sich Kassandra täuschte.
      "Ich war ein Herzog, aber ich bin es nicht mehr. Ich brauche keinen Titel. Ich habe Theriss verloren und damit auch jeden Nutzen eines Titels."
      Sein eigener Blick setzte sich auf Kassandras Augen fest. Telandirs Narbe brannte unter dem minimalen Druck ihrer Hand, aber keiner von beiden bemerkte es wirklich. In ihren Augen lag Wärme, Mitgefühl, Sorge und - Liebe. Vielleicht war es auch Wunschdenken, letzteres. Vielleicht war er zu sehr von dem Ort und von der vagen Erinnerung einer Kassandra, die auf einem Zaunpfosten an einem Tag wie diesem gesessen hatte und die er so sehr geliebt hatte, dass es sein ganzes Sein erfüllt hatte, ergriffen. Vielleicht wollte er, dass es wieder so würde, wie damals.
      Und es könnte wieder so sein, wie sie ihm - vermutlich unwissend - danach mitteilte. Ihre Hand hinterließ eine Spur brennender Narben, als sie ihm den Arm hinabstrich, vor der er aber nicht zurückzuckte. Er könnte wieder für etwas kämpfen; nicht für sein Zuhause und auch nicht für seine Familie, aber für Kassandra. Für ein neues Zuhause, das er sich in all den Jahren niemals gesucht hatte. Für eine neue Sicherheit, für neuen Fortschritt. Für eine neue Welt - für ein neues Land. Eines, in dem er von Anfang an das richtige umsetzen könnte.
      Er schloss seine groben Finger um Kassandras feine Hand und als ihr Blick von seinem abwich, ganz offensichtlich durch die Zurückhaltung über diese unmögliche Aufgabe, hob er die freie Hand, um seine Finger unter ihr Kinn zu legen. Ihr Blick schoss zurück zu ihm, ohne, dass er etwas weiteres hätte sagen müssen. In ihren Augen spielte sich weit mehr ab, als er auf den bloßen Blick erkennen konnte, und er hoffte, dass er diesmal Zeit genug hatte, alles in ihnen zu ergründen.
      "Zu zweit. Mit dir zusammen, du an meiner Seite und ich an deiner", wiederholte er, was sie bereits gesagt hatte. Die wenigen Stücke, die noch den Unterschied dazu machten, ob er es wirklich tun würde oder nicht. Es mochte erbärmlich sein, das eigene Schicksal und das von potentiellen anderen an Liebe zu hängen, aber Kassandra war schon immer und würde auch immer seine größte Schwäche sein.
      "Ist es das, was du auch willst?"
      Er löste sich nicht von ihr, nicht jetzt. Nicht mehr. Er sah ihr in die wunderschönen Augen, in denen er lesen mochte, was er sich wünschte, und Kassandra tat nichts, um das zu verhindern. Sie gab ihm ihre Antwort und als Erwiderung tat er das einzige, was noch übrig blieb. Er neigte sich nach vorne, elendig langsam und vorsichtig, beide Hände noch an den Stellen mit Kassandra verbunden, wohin er sie gelegt hatte, und hielt die Augen geöffnet, um in ihre zu blicken, bis zum letzten Moment, bis er seine Lippen auf die ihre in einem zaghaften, sanften, einzelnen Kuss legte.
    • Selbst wenn Kassandra es selbst so gesagt hatte, die Endgültigkeit mit der Zoras in der Vergangenheitsform über das sprach, was er einst gewesen war, bestürzte sie enorm. Er führte ihr mit solch einer Urgewalt vor Augen, dass sie ihren Zoras vor vier Jahren verloren hatte, dass ihr unbehaglich wurde. Dieser Mann vor ihr war wie ein Echo dessen, was ihr abhanden gekommen war. Was ihr entrissen worden war. Wenn sie nun blinzelte, dann entdeckte sie immer mehr geänderte Farbverläufe in seiner Aura. Andere Wege, die die bekannten Pfade und Windungen eingeschlagen haben, und neue Farben, die früher nur spärlich einen Platz in seiner Aura gefunden hatten. Wäre da nicht diese bestimmte Signatur gewesen, die einzigartig für jedes Lebewesen war, dann hätte dieser Mensch vor ihr genauso gut jemand völlig Fremdes unter falschem Namen sein können. Er hatte Dinge erlebt, von denen er nur Teile erzählt hatte. Grob wurde ihr berichtet, wie sein Weg verlaufen war, aber das, was jeden Menschen prägte, war ihr nicht zu Teil geworden. Sie war nicht bei den kleinen Dingen dabei gewesen, die ihm widerfahren waren. Vermutlich war er überfallen worden – was er als Herzog wohl nie erlebt hätte. Hatte sich ohne Namen und Rang durch ein fremdes Lang geschlagen, und wohl die niedrigste Arbeit verrichtet, um auch nur eine Münze zu erhalten. Sie war an keinem einzigen Abend an seiner Seite, in seinem Bett, gewesen, wenn er einschlief und vermutlich wieder Alpträume litt.
      Hier in ihrer Illusion realisierte Kassandra endgültig, dass sie ihren Zoras auf ewig verloren hatte.
      Diese Erkenntnis schien ihr eine immense Last anzuhängen. Wie zwei Eisenfesseln, die man um ihre Füße gelegt hatte und sie davon abhalten wollten, wie in die Lüfte aufzusteigen. Kassandra wusste, dass sie nichts daran ändern konnte. Dass ihr Zoras fort war und vor ihr ein neuer saß, der aber trotzdem jede ihm mögliche Tat vollbracht hatte, um sie zu finden. Das war eine Überschneidung, die sie beide innehatten. Aber wer konnte ihr mit unbestreitbarer Sicherheit sagen, dass dieser Mann es nur getan hatte, um sein letztes Bisschen Verstand nicht zu verlieren? Sie war sein finaler Antrieb gewesen, das Einzige, was ihn motiviert hatte, weiterzumachen. Das wusste sie so gut wie dass das Feuer ihre Natur war. Wer sagte, dass er wirklich so unsterblich in sie verliebt war und bis zum Ende seines Lebens ihre Anwesenheit heiligen würde?
      Kassandra wusste, wie sich Zweifel anfühlten. Meist begannen sie langsam, träge, und tasteten vorsichtig die Spitzen heran und suchten nach den Stellen, wo sie am leichtesten durch brechen konnten. Das war es unter Anderem, was Zoras in ihren tiefroten Augen sehen können würde, als er seine Finger unter ihr Kinn legte und ihren Blick hob. War es das, was sie auch wollte? Sie beide, zusammen?
      „Solange das Mal unseres Sohnes auf deiner Hand liegt und mein Siegel deinen Rücken ziert. Solange bin ich an deiner Seite, sofern du es auch wünschst“, erwiderte sie, wobei es nicht die Schwüre waren, die sie an seine Seite hielten. Sie hing noch an der Vergangenheit, an das, was einst gewesen und vermutlich nie wieder sein würde. Was jetzt in seinen dunklen Augen lag, war so nah an dem Ausdruck des Herzoges wie kein anderer seiner Blicke zuvor. Sie waren ähnlich, aber nicht mehr identisch. Ja, sie wollte an seiner Seite sein, denn das war das Einzige, was in dieser Welt für sie zum jetzigen Zeitpunkt noch Bestand hatte. Sie hatte ihn einmal verloren und würde die blaue Erdkugel in den schwarzen Schatten verwandeln, wenn es noch einmal geschah.
      Bis sich Zoras nach vorn lehnte und Kassandra genau wusste, dass er sie nun küssen würde.
      Irgendetwas brandete im Inneren der Phönixin auf. Vorfreude, Erleichterung, Sehnsucht... All das, was sie über die vier Jahre für ihn aufgespart hatte, brach nun auf einmal aus ihr hervor und machten ihr das Atmen schwer. Das kaum merkliche Verengen ihrer Lider, das Zucken der feinen Muskeln ihrer Mundwinkel und in ihrer Stirn waren die physischen Reaktionen auf diese Gefühle, die mit solch einer Macht an die Oberfläche brachen, dass es sie selbst erschreckt. Aber unter diesen Gefühlen wähnte etwas anderes. Etwas Schweres. Etwas Schwarzes.
      Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen, die sie ebenfalls geschlossen hatte, als Zoras' Lippen ihre trafen. Ein Teil in ihr frohlockte, jubelte darüber, dass dies die Realität war. Aber dieser Teil schrumpfte, so schnell und unnachgiebig, dass das Schwarz ihn aufzufressen schien. Ihr Körper versteifte sich, sie vergaß zu atmen und ihre Hand verselbstständigte sich. Schneller als ein Mensch jemals hätte reagieren können, krallten sich ihre Finger in sein dünnes Hemd nahe seines Kragens. Ihre harten Lippen lösten sich in Windeseile, ihr Blick senkte sich, sodass ihre Stirn an seiner lag. Erst dann schnappte sie nach Luft und riss die Augen auf, als ein grausiger Verdacht sie heimsuchte. Das, was sich ihrer gerade bemächtigte, war Übelkeit. Abscheu. Etwas hatte noch nicht ganz verstanden, dass es Zoras war, der sie gerade geküsst hatte, und sonst niemand. Zoras. Der Zoras, der sie jahrelang gesucht hatte. Der Zoras, auf den sie so lange gehofft hatte. Erschrecken darüber, dass sie dies fühlte, schluckte sogar den letzten Funken Sehnsucht und ließ nur Platz für bodenloses Entsetzen. So sehr, dass sie zu zittern begann während sie gedanklich versuchte, ihr Selbst zur Raison zu rufen.
      „Ich...“, sie stockte, schluckte trocken und setzte neu an. „Es ist nur.... Ich dachte,....“
      Kassandra war das erste Mal seit Äonen sprachlos. So sprachlos, dass ihr bebender Körper eine eigene Sprache zu sprechen gedachte und ihre Knöchel an ihrer Hand an Zoras' Hemd schon weiß hervortraten. Sie konnte sich nicht gänzlich von ihm lösen. Wenn er sie nun von sich wies und Abstand zwischen sie brachte, dann wäre der Spalt zwischen ihnen kein kleiner Riss mehr, den es zu kitten galt. Dann hätte sie eine Schlucht vor sich, von der sie nicht wusste, ob sie sie überwinden können würde.

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    • Es war genau so wie damals und doch völlig anders. Kassandras Lippen, die unendlich weich an seinen lagen, ihr Atem, der ihm über die Wange streichelte und dann abbrach, die Hitze, die sie an seine Lippen ausstrahlte. Das Gefühl, das sich in ihm öffnete, die unendliche Sehnsucht, die er all die Jahre mit sich geschleppt hatte. Sein Gehirn wurde wie leergefegt, unfähig dazu, auch nur einen rationalen - oder gar irrationalen - Gedanken zu fassen. Es war, als würden sich zwei lose Enden nach all der Zeit endlich miteinander verbinden, aus zweien wurde eins. Es war, als spürte er zum ersten Mal wieder etwas, was ihm nicht schaden wollte.
      Kassandra hatte die Augen geschlossen, schien dem Kuss genauso sehr entgegen zu branden, wie er es getan hatte, ihr Atem vor gespannter Erwartung ausgesetzt, ihr Körper hart und versteift unter ihm. Sie schien sich an ihn zu lehnen, oder vielleicht wollte sie ihn auch zu sich ziehen und Zoras erkannte, dass er alles erlaubt hätte, dass er ihre Hände auf ihm zugelassen hätte, dass er sich in ihre Arme schließen gelassen hätte und Götter, wie sehr er das vielleicht brauchte, wie sehr er sich danach sehnte, er wollte nichts anderes, dieser Kuss sollte niemals abbrechen, er brauchte sie, ihre Hitze, Kassandra, er liebte sie und er würde niemals -
      Kassandras Hand tauchte aus dem Nichts an seinem Kragen auf und da zuckte er doch, ein reiner Reflex, der dem Kuss allerdings das Todesurteil versprach. Ihre Lippen lösten sich abrupt von seinen und Nein, das hatte er nicht gewollt, so war es nicht gemeint gewesen, sie wusste doch sicher, dass er das hier wollte, sie solle zurückkommen, er würde nicht mehr vor ihr zurückzucken, es war nicht so gemeint.
      Aber ihre Hand hatte sich in sein Hemd gekrallt und hielt ihn gleichermaßen auf Abstand, so wie sie nicht zuließ, dass er sich selbst entfernte, und dann legte sich ihre Stirn an seine und ihre Augen öffneten sich endlich und starrten hinab und...
      Da war nichts mehr von dem, was er vor dem Kuss noch in ihnen gesehen hatte. Die Liebe war verschwunden, die Wärme, die Sorge; ihre Augen wirkten glasig, so wie sie bei einer Phönixin nicht sein dürften. Ihre Pupillen waren geweitet, die Lider starr und unbeweglich aufgerissen und wenn es einen Ausdruck gegeben hätte, den Zoras erkannt hätte, dann war es Panik. Angst. Entsetzen. Da fiel ihm erst auf, dass ihr nicht vor guter Erwartung der Atem gestockt hatte, dass sie sich nicht aus Begierde so versteift hatte, dass die Weichheit aus ihren Lippen verschwunden war. Dass sie sich nicht seinetwegen zurückgezogen hatte.
      Und während diese Erkenntnis erst auf ihn einschlug und den Frieden und die Ruhe dorthin zurück verbannte, woher sie sich erst hervorgekämpft hatten, begann Kassandra zu zittern und Bei den Göttern, sie zitterte, es war wie ein gewalttätiger Schauer, der ihr durch den Körper rann, wieso? Wieso? Was war los? Wieso? Aber Kassandra zitterte nur und presste Wörter hervor, die sich im Nichts verliefen, unvollständige Sätze, die niemals Vollendung finden würden. Und Zoras starrte nur für einen Augenblick, fassungslos darüber, wie nahe Kassandra selbst an dem Abgrund stehen musste, in den auch er hineingeschaut hatte und er hatte es nicht bemerkt, er hatte nicht nachgedacht, wie kam er nur auf die Idee sie küssen zu wollen, nach allem, was passiert war? Er hätte es sich denken können und oh Götter, es war so schlimm, so furchtbar sie so zittern zu sehen, zu beobachten, wie ihre zierliche Gestalt in sich zusammenschrumpfte, wie ihr Blick sich auf etwas richtete, was Zoras niemals sehen würde können. Er wollte es gutmachen, er wollte es besser machen, er wollte sie von ihrem Leid erlösen, egal was es auch war, er würde es auf sich nehmen, ihr die Last nehmen, nur dass sie aufhörte so zu zittern, oh bitte.
      "Hey..."
      Er legte die Hand über ihre, wollte sie eigentlich wegziehen, entschied es sich aber doch anders, als er die harten Muskeln ihrer Finger spürte, wie sehr sie sich in sein Hemd verkrampft hatten, wie fest sie sie dort hielt. Stattdessen legte er seine Hand darüber, umschloss ihre, drückte sie leicht, presste sie gegen seine Brust. Sein Blick setzte sich auf ihrem fest, versuchte die Nuancen zu erkennen, die sich dort abspielten, die ihm vielleicht einen Anhaltspunkt dessen gegeben hätten, was er tun sollte, was er nur tun konnte, ohne alles nur noch viel schlimmer zu machen. Könnte er sie in die Arme nehmen? Durfte er es? Was war zu viel, was war zu wenig?
      "Kassandra, atme."
      Ihr Körper bebte weiter, nur ihre Hand an seinem Kragen war ganz still, weil sie sie so fest zusammenpresste, dass sich ihre ganzen Muskeln spannten. Ganz behutsam fuhr er mit dem Daumen über ihren Handrücken, strich kleine, winzige Kreise auf ihrer Haut.
      "... Ich weiß es. Areti hat es mir gesagt; ich weiß, was er getan hat."
      Er rührte sich nicht, bewegte sich nicht weg von ihr. Sie sollte wissen, dass sie näher kommen könnte, wenn sie es benötigte, und dass sie sich genauso gut entfernen konnte. Zoras hatte sie noch nie in ihrer Freiheit beschränkt, er würde sie niemals darin beschränken.
      "Es tut mir leid. Es tut mir so, so leid, meine hübsche, wundervolle Kassandra..."
    • Er würde ihre Hand an seinem Hemd lösen und sie von sich weisen. Zoras würde sich entschuldigen, Kassandra missverstehen und völlig falsche Schlüsse ziehen. Er würde denken, dass sie ihn doch nicht wollte. Sie ihm bis jetzt nur etwas vorgespielt hatte und er nun eine Grenze übertreten hatte. Wortlos zuckten ihre Lippen in dem Versuch, Worte zu formen, die eine Erklärung dafür bildeten.
      Aber Zoras beging keinen Versuch, ihre Faust zu lösen. Stattdessen umschloss er ihre Hand mit seiner und drückte sie ein wenig stärker gegen seine Brust. Sie sollte atmen, sagte er. Also presste sie die Lippen zusammen und versuchte genau dies, was sich eher als abgehackte Atemzüge entpuppte. Sie musste ihm erklären, was hier gerade falsch lief, immerhin konnte er nicht einfach ihre Gedanken lesen. Dafür brauchte sie Luft, Worte bedurften der Luft, um zu klingen. Mit ihrer wunderschönen Singstimme wusste sie es besser und dennoch...
      „... Ich weiß es. Areti hat es mir gesagt; ich weiß, was er getan hat.“
      Kassandras Lider schlossen sich. Ihre Gegenwehr erstarb als sie sich geschlagen gab und nicht wusste, ob sie es ihrer Tochter übel nehmen sollte oder nicht. Allerdings ersparte es ihr die Erklärung, nur nicht das Wiedererleben der Vergangenheit. Ihre Tochter wollte nur das Beste, und das bedeutete, sie beide beieinander zu wissen. Beide Phönixe wussten mit jeder Faser ihres Selbst, dass Zoras Kassandra niemals dafür verurteilen würde, was damals geschehen war. Dass Kassandra einen Moment der Schwäche erlitten hatte und sich selbst mehr dafür verteufelte als es jemals jemand anders könnte.
      Noch immer prangte ihre Stirn an seiner, so als reiche dies aus, um ihre Gedanken doch an ihn zu übertragen. „Ich wusste, dass du es nicht warst. Ich wusste es, aber trotzdem....“ Ihre Stimme war so dünn, dass allein der Windzug schon ausreichen konnte, um ihre Worte ungehört davonzutragen. Und dann gab sie sich einen Ruck und sagte die Worte, die sie tief begleiteten und bisher ungehört blieben. „Ich habe dich so sehr vermisst. Ich dachte, dass ich nach Shukran abgehärtet war und ich nicht noch einmal so sehr missen könnte. Ich bin schwach geworden und habe es zugelassen. Ich habe mich doch in all den Jahrhunderten nie so verletzlich gegeben, wieso also ausgerechnet jetzt?“
      Noch immer bebte Kassandra, nur fiel die Starre immer weiter von ihr ab. Ihre Schultern senkten sich und schließlich bekam sie ihre verkrampften Finger von seinem Hemd gelöst. Sie schob ihre Hand über seine Schulter an seinen Rücken, die andere Hand folgte auf der anderen Seite. Ihr Stirn löste sich von seiner, als sie ungestüm vorwärts stürzte. In der nächsten Sekunde hatte sich Kassandra auf Zoras' Schoß begeben, ganz nah, dass kein Blatt mehr zwischen ihnen passte. Ihre Arme hatten sich um seinen warmen, kräftigen Leib geschlungen, ihr Gesicht lag an seinem Hals vergraben. Als müsse sie sich selbst versichern, dass das echt war, drückte sie ihn noch fester an sich und atmete zittrig seinen Duft ein, der nicht mehr geprägt von Pferd und Leder war. Jetzt war es etwas anderes, was diesen Zoras begleitete und ihr erneut bestätigte, dass er jemand anders war. Aber die Wärme, ja, die Wärme war dieselbe und hatte sich keinen Deut verändert.
      „Ich habe dich nicht angelogen, ich möchte weiterhin an deiner Seite sein. Ich wollte dich nicht abweisen, es kam einfach über mich. Telandir mag zwar meinen Körper bekommen haben, aber er hat ganz bestimmt nicht mein Herz erhalten. Das hat ihn bis zum Ende gestört und deshalb hat er dich so sehr verabscheut.... Weil er gegen einen Sterblichen nicht ankam.“