Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Auch Areti schlug jetzt einen sanfteren Tonfall an, oder zumindest bildete Zoras es sich so ein. Sie belehrte ihn nicht mehr, sie ließ ihn an Wissen teilhaben, von dem sie sicherlich mehr als genug besaß. Nur das aktuelle, das war Zoras nicht neu.
      Sollte Kassandra dann auch nicht fühlen? Das war unvorstellbar. Nicht nur die Tatsache, dass sie sich Zoras aus freien Stücken hingegeben hatte, wozu ein gewisser Grad an Emotion notwendig war, wie er fand, sondern auch ihr Wille dazu, sich mit ihm und seinen vergleichsweise nichtigen Problemen auseinanderzusetzen. Vielleicht empfand sie nicht dieselben starken Emotionen wie Menschen, aber sie waren doch da, davon war Zoras überzeugt. Ganz unabhängig von ihrer Essenz und dem emotionalen Einfluss ihres Trägers.
      Er nickte und weil er sich daran erinnerte, dass Areti womöglich auf Formalität bestehen könnte, setzte er hinzu:
      "Gefühle machen uns Menschen anfällig für Fehler, sie beeinflussen uns in unserer Entscheidung. Götter stellen Perfektion dar, Gefühle zu empfinden würde sie nicht lange an der Existenz halten."
      Zoras wusste nicht, wann er so philosophisch geworden war. Vermutlich an dem Zeitpunkt, an dem sein Leben von stumpfen Aufgaben erfüllt worden war und er sämtliche Verantwortung schon weit hinter sich gelassen hatte. Es ermöglichte einen anderen Blickwinkel auf die Welt.
      Nur die Moiren, das war eine Angelegenheit, bei dem Zoras die anderen Blickwinkel fehlten. Er zweifelte nicht daran, dass sie existierten, aber er bezweifelte durchaus die Tragweite ihrer Anwesenheit. In seiner Vorstellung waren die Moiren nichts anderes als auserkorene Götter, die ein großes, ganzes Buch des Schicksals verfassten und irgendwo dort, vermutlich am untersten Blattrand, in der untersten Zeile, stand Zoras' Schicksal geschrieben. Es war undenkbar, dass es die ganze Seite, geschweige denn den ganzen Absatz prägte, aber anders wäre es bei Areti. Wobei Zoras durchaus ein gewisser Gott einfiel, der die Macht dazu hatte, der Phönixin einen bestimmten Traum zu weben.
      "Soll das heißen, dass Ihr die Moiren herausfordern wollt, wenn Ihr ihr Schicksal zu beeinflussen gedenkt? Ich habe gehört, dass davon abzuraten ist, die gesponnenen Faden neu zu weben, es könnte noch viel größere Konsequenzen nach sich ziehen. Seht Ihr nichts schwerwiegenderes als das "Unheil" Eurer Mutter und das daraus entstehende Ungleichgewicht? Wenn nein, würde ich die Moiren an Eurer Stelle nicht herausfordern. Lasst die Dinge am Laufen, so wie sie sind."
      Damit warf er ihr einen kurzen Blick zu, bevor er wieder geradeaus sah.
      "Ich will Euch nicht davon überzeugen, Kassandra ihre Essenz zurückzugeben, aber davon, dem Plan der Moiren zu folgen. Wer weiß, vielleicht ist auch das Gegenteil ihr Plan. Wir werden es wohl früher oder später herausfinden."
      Er schwieg und auch die Phönixin sah auf die Ebene hinaus und hielt die Stille zwischen ihnen, zumindest, bis sie sie mit einer ganz anderen Sache brach.
      Zoras sagte darauf nichts. Er wusste nichts, was es zu sagen gab. Er hätte Areti von Teal erzählen können, dass der Junge jetzt ein Mann sein musste, dass er hoffentlich nicht Herzog war, dass Zoras die Neuigkeit nicht verkraftet hätte, dass sein Neffe und nicht sein Bruder den Titel trug. Er hätte ihr davon erzählen können, dass er eigentlich teilweise Erfolg mit seinem Plan gehabt hatte, nämlich indem seine Familie ihn vermutlich für tot hielt, dass er nicht wusste, ob es eine gute Idee war, ihnen unter die Augen zu treten und alte Wunden aufzureißen. Er hätte sie auch bitten können, ihm zu helfen, ihre Signaturen ausfindig zu machen, sie zu kontaktieren oder auch einfach nur nach Elive zu suchen, schließlich könnte man sie auf einem oder anderen Weg über ihre Schwestern erreichen. Aber nichts davon kam heraus und schließlich nickte er nur, so als hätte ihm diese Bemerkung eine langjährige Frage beantwortet. Und weil er nicht unhöflich sein wollte, murmelte er:
      "Ja, Elive kann sehr, sehr dickköpfig sein."
      Dann verfielen sie wieder in Schweigen und irgendwann drehte Zoras sich um in Richtung Wagen.
      "Ich werde Amartius beerdigen."
      Er ging ein paar Schritte, dann blieb er doch noch einmal stehen und drehte sich zu Areti um. Er zögerte kurz.
      "Ihr könnt daran teilnehmen, wenn Ihr wollt. Ich denke, das hätte Amartius…", er strich kurz über den Griff seines Schwertes, "... ich denke, das würde ihm gefallen."
      Dann ging er weiter, ungeachtet dessen, ob die Phönixin mit ihm kam.

      Er gab Amartius ein Kriegsbegräbnis, auch wenn er sich nicht mehr ganz sicher war, wo genau er gestorben war und obwohl er keinerlei Hilfsmittel dazu hatte. Also musste er sich auf Worte beschränken und auch, wenn ihn niemand gehört hätte, sprach er sie leise aus. Er erklärte, was ein Kriegsbegräbnis war, dass es dann eingesetzt wurde, wenn man nicht im Kampf sondern von den Konsequenzen eines Kampfes starb und dass Soldaten auf dem Schlachtfeld kein Kriegsbegräbnis erhielten, weil man davon ausging, dass sie alle von den Walküren ins Jenseits begleitet wurden. Aber Amartius war noch immer in gewisser Weise hier und deswegen hatte Zoras das Bedürfnis, ihn dazu aufzuklären. Er beschrieb all die Heldentaten, die Amartius vollbracht hatte, all die Meilensteine, die er erreicht hatte, alle Erfolge, die aufzählungswürdig waren. Er betonte mehrfach, wie stolz er auf ihn war, wie stolz seine beiden Eltern auf ihn waren, dass er ein Vorbild für alle anderen Halbgötter war, die gerade existieren mochten oder in Zukunft entstanden. Er sagte, dass er ihn liebte und dafür sorgen würde, dass man ihn niemals vergessen würde. Er tat das alles, ohne an der Last einzugehen, die auf seiner Brust lag und die doch so viel kleiner war, seitdem Areti ihn berührt hatte.
      Später legte er sich zurück zu den anderen beiden in den Wagen und starrte eine Weile lang nach draußen, bevor er die Augen schloss.
      "Gute Nacht, Amartius."
    • „Würde es Euch gefallen, fremdbestimmt zu werden? Einzig und allein für einen bestimmten Zweck in die Existenz gebracht worden zu sein und sein Schicksal nichts selbst in die Hand nehmen zu können? Ich schätze nicht.“
      Ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. War das nicht das, was jedes denkende Wesen bezweckte? Areti konnte sich damit abfinden, unter welchen Umständen sie auf die Erde gekommen war. Wie es um ihre Geschichte und Herkunft stand. Aber ihren Werdegang, wie sie ihr Leben hier zubrachte, wollte sie selbst bestimmen können. Wenn das bedeutete, sich mit den Moiren anzulegen, dann würde sie den Preis dafür bezahlen.
      „Ich werde dafür sorgen, dass sie nicht losgelöst wird. Nur das wie wird mir obliegen.“
      Sie lächelte wieder schmal, obwohl ihr nicht danach zumute war. Natürlich gefiel es ihr nicht, den Moiren Konkurrenz zu machen. Aber welchen Grund sollten sie sonst gehabt haben ihr mitzuteilen, dass ihr Faden noch nicht gesponnen war? Das konnte doch nur bedeuten, dass sie wollten, dass Areti etwas unternahm. Also verfiel sie in ein Schweigen bis Zoras verkündete, Amartius beerdigen zu wollen. Als sie ihm nachsah bemerkte sie sein zögern. Ihre Augen wirkten wie Leuchtsignale in der Dunkelheit, alles durchschauend und wegweisend. Das Versprechen von Licht und Wärme.
      Auf sein Angebot hin nickte Areti. „Ja, ich denke, das läge in seinem Ermessen.“
      Damit folgte die Göttin dem Menschen wie ein Schatten, stillschweigend und immer da.

      Über den Prozess des Begräbnisses hin verlor Areti kein einziges Wort. Zum Einen ließ sie sich die Erklärung nicht nehmen, was Zoras da eigentlich tat und warum. Zum Anderen gab es hier unausgesprochene Grenzen. Dies war der Prozess des Trauerns und nichts, das Aretis Erlösung benötigt hätte. Dies war Zoras ganz eigene Zeremonie und Möglichkeit, das Geschehene zu verarbeiten. Es reichte schon aus, dass die Seele seines Sohnes an seiner Hüfte in einer Waffe zum Morden steckte.
      Wobei.
      Areti korrigierte sich gedanklich. Menschen nutzten diese Waffen nicht nur zum Morden. Sie schützten damit auch, was ihnen wichtig war oder sich nicht selbst verteidigen konnte. Hatte Amartius deswegen ein Schwert gewählt?
      Die Geschichten, die der Vater über seinen Sohn erzählte, berührten etwas tief in Areti. Auch wenn sie ihren Halbbruder nie getroffen hatte, so baute sich aus den Fragmenten und den Erzählungen ein ziemlich treffendes Bild des Jungen auf, der eigentlich ihr großer Bruder hätte sein sollen. Zu gern hätte sie seine Sicht auf die Dinge vernommen und wie es für ihn gewesen war, als einer der Sterblichen gelebt zu haben.
      Areti stand noch an der Stelle, die Zoras markiert hatte, da war jener bereits zum Karren gegangen und hatte sich zu den Anderen gelegt.
      Areti stand noch an der Stelle, als der Wind auffrischte und ein leichter Schneesturm die Spuren des Kampfes verwischte.

      Zoras hatte einen leichten Schlaf. Einen diffusen Traum, als triebe er in einer undefinierten Wolke. Einer warmen Wolke, die ihn vergessen ließ, was heute alles passiert war. Eine Wolke, die mit einer jungen Stimme zu ihm sprach, die er wohl nie vergessen können würde bis ans Ende seiner Lebzeiten.
      Das war ein schönes Begräbnis. Aber solange du mein Schwert bei die trägst, werde ich nicht verschwinden. Ich bin bei dir. Bis zum Schluss.
      Vater.

      Areti stand noch an der Stelle, als der Mond sich schlafen legte und die Sonne ihren Dienst antrat. Eiskristalle glitzerten in ihren Wimpern, die sich seit gefühlt Stunden nicht mehr bewegt hatten. Unentwegt hatte sie vor der Grabstätte gewacht und wirkte, als sei sie zu einer Statue geworden. Eisblumen hatten sich an ihren Gewändern gebildet und waren an ihr empor geklettert. Ihr feuerrotes Haar war bedeckt von Schneeflocken, doch ihre Haut war völlig unberührt und rosig.
      Als sie spürte, wie die Menschen im Karren langsam erwachten, kehrte auch das Leben in Areti zurück. Steif schüttelte sie ihre Arme und das Haar aus, ehe sie sich umkehrte und langsam zum Lager zurück ging. Immerhin stand noch eine Antwort aus.
    • Zoras wachte auf mit einem warmen Gefühl im Magen, das in seinen ganzen Körper auszustrahlen schien. Er drehte sich und als er sich bewegte, erinnerte er sich schlagartig an seinen Traum und an Amartius und auf sein Gesicht kehrte ein feines, sanftes Lächeln ein. Er schnallte sich sein Schwert um, strich über den Griff, als würde er es streicheln, und kletterte dann nach draußen.
      Faia war schon wach und saß an einem neu entzündeten Feuer. Unter ihren Augen hingen dicke Tränensäcke, die vermutlich nicht nur vom Schlaf allein herrührten, und ihre Augen selbst waren blutunterlaufen. Sie hob den Blick, als Zoras herauskam, und wandte sich dann wieder ihrer Schüssel zu. Areti stand in der Nähe und sah aus, als hätte sie sich über Nacht von Schnee einwehen lassen.
      Der Phönixin nickte Zoras kurz zu, dann setzte er sich und aß in einvernehmlichen Schweigen. Er wusste, warum Areti hier war, und er hatte in den wenigen schlaflosen Stunden dieser Nacht auch darüber nachgedacht. Jetzt verzehrte er aber erst sein Frühstück, nachdem sie schließlich von dem Vorrat recht viel zur Verfügung hatten.
      Tysion kam als letzter und ließ seine alten Knochen knacken. Er setzte sich zu ihnen, aß, und beschränkte sich dann darauf, entweder Zoras oder Areti anzusehen. Vermutlich hätte Faia es ihm gleich getan, wenn sie etwas wacher gewesen wäre. Zoras wusste, dass sie alle drei eine Antwort von ihm erwarteten.
      Also stellte er die Schüssel ab. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sah Areti dann direkt in die Augen.
      "Ich brauche mehr Zeit. Wir brauchen mehr Zeit."
      Faia sah jetzt doch auf und da erinnerte Zoras sich, dass er womöglich ins kuluarisch überwechseln sollte. Aber er wusste nicht, ob die Phönixin die Sprache verstand und nachdem Faia den Blick wieder senkte und Tysion sowieso nichts sagte, fuhr er auf therissisch fort.
      "Ich verstehe die Dringlichkeit der Lage, aber unser beider Lösungen sind permanent. Kassandra wird ihre Essenz nicht wieder zurückgeben, wenn sie sie einmal bekommen hat, und Ihr solltet nicht wieder zu ihr zurückkehren, wenn Ihr sie erhalten habt. Wenn wir uns für einen Weg entschieden haben, gibt es kein Zurück mehr, entweder das eine oder das andere. Deswegen brauchen wir mehr Zeit. Wir brauchen mehr Informationen, mehr Alternativen, so klein sie auch sein mögen. Wir müssen uns absolut sicher sein, dass das, was wir unternehmen, die einzig wahre Lösung ist. Und mit Verlaub, Areti, Ihr seid erst ein paar Monate auf der Welt und ich bin ein Mensch. Wir sind, selbst als Einheit, weit davon entfernt, einen solchen Entschluss aufgrund von Expertise und Erfahrung zu treffen. Und weil es aber so permanent ist, brauchen wir genau das."
      Er schwieg einen Moment, in dem er Areti lediglich betrachtete, dann fuhr er fort.
      "Ich möchte nicht den Besuch der Festung herauszögern, aus offensichtlichen Gründen, aber auch, weil sich nicht einschätzen lässt, wie lange wir für eine Entscheidung benötigen. Mein Vorschlag ist also, Kassandra zuerst wegzubringen, irgendwohin, wo sie für den Moment sicher ist, wo sie bleiben kann, wo es ihr vielleicht sogar gefällt. Und... ich schlage außerdem vor, sie dann in die Sache einzuweihen. Sie sollte es wissen, sie verdient es, es zu wissen. Und wenn jemand die Expertise und die Erfahrung hat, dann ist es wohl sie selbst."
    • Aretis Blick lag unentwegt auf Faia. Die Frau war der Inbegriff von Leid und Schmerz, das in Wellen in der Nacht bis zu der Phönixin herüber geschwappt kam. So sehr war diese Frau von dem Tod einer ihrer Mitmenschen mitgerissen worden und für einen Augenblick wünschte sich Areti, selbst einmal einen Schmerz dieses Ausmaßes empfinden zu können. Doch dann tauchte immerzu das Bild ihrer Mutter vor ihrem geistigen Auge auf und sie verwarf diesen Gedanken alsbald. Denn dieser Wunsch ging damit einher, dass sie sich auf die Stufe der Sterblichen stellen müsste und das hatte ihr Kassandra jeher abgeraten.
      Ruhig hörte sich Areti die Worte Zoras' an und wog sie ab. Kein einziges von ihnen führte dazu, dass sie von ihrem Vorhaben ablassen würde oder gar mehr Zeit einräumte. Jede Sekunde, die hier auf Erden verstrich, trug dazu bei, dass der Schatten auf Kassandras Seele wuchs und das Inferno weiter ins Unermessliche trieb, sollte es jemals entfesselt werden. Ihr Blick ging zu Tysion, Faia und anschließend wieder zu Zoras.
      „Ihr müsst nicht die Sprache wechseln. Wir verstehen jede Sprache, die ihr sprecht, auf Anhieb“, erklärte Areti und was sich für Zoras wie therissisch anhörte war in den Ohren seiner Begleiter perfektes kuluarisch. „Wir sprechen in einer höheren Sprache, die in euren Ohren wie eure jeweilige Muttersprache klingt.“
      Das bezeugten Faia und Tysion, die beide sofort zu ihr aufsahen, kaum hatte sie zu sprechen begonnen. Ihnen beiden warf sie ein aufmunterndes Lächeln zu, dass bei beiden nur auf Granit zu stoßen schien.
      „Zoras, für mich ist es einerlei, ob die Lösung permanent ist. Ich habe mich bereits dazu entschieden, ihre Essenz zu hüten selbst wenn das bedeutet, dass ich ihr nie wieder gegenüber treten werde. Dafür hat sie dann Euch und ihre Freiheit soweit es ihr genehm ist. Nie wieder wird jemand sie benutzen können und Ihr habt Eure Frau wieder an Eurer Seite. Klingt das nicht gut?“
      Abermals erschien es, als würde Areti abgelenkt werden. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf Faia, die nun mit größeren Augen zu ihr sah als zuvor. Sachte schob sich die Phönixin an Zoras vorbei um die Feuerstelle herum, um vor Faia auf die Knie zu gehen. Für einen Moment sah es so aus, als wolle die Frau die Flucht ergreifen, aber Aretis Präsenz hielt sie an Ort und Stelle.
      „Darf ich Euch berühren?“, fragte sie sanft, wobei Faias Reaktion wie zeitverzögert erschien. Als sie es bejahte, ergriff die Phönixin mit beiden Händen sanft die ihren und hielt sie zwischen ihnen beiden in entspannter Haltung. Augenblicklich strömte eine Wärme über sie alle hinweg und Faias Augen weiteten sich. Wie bei Zoras linderte sie den Schmerz, ließ das Blut aus ihren Augen verschwinden und die Zeichen der Schwäche aus ihrem Gesicht weniger stark auffällig werden. Sie schenkte ihrem Gegenüber ein weiteres Lächeln ehe sie die Augen schloss, so als genösse sie gerade ein entspannendes Bad.
      „Ihr kennt Kassandra. Ihr wisst, dass sie sich mit einer logischen Erklärung nicht zufriedengeben wird. Sie wird darauf bestehen, ihr Herz zurück zu bekommen und Ihr werdet es ihr nicht ausschlagen können. Erzählt es ihr meinetwegen, wenn ich verschwunden bin. Dann bin ich keine Konstante mehr in Eurem Leben. Aber wenn Ihr nicht einverstanden seid, dass ich Euch innerhalb der nächsten Tage zu ihr bringe, dann werde ich sie eigenmächtig aus der Feste befreien. Feuer und Asche werden den Himmel färben.“
      Die schmerzhaften Wellen von Faia waren versiegt und Areti gab ihre Hände wieder frei. Sie drehte sich halb ein, um Zoras anzusehen bevor sie fortfuhr. „Ich bin sogar gewillt, Euch mit Kassandra nach Kuluar zu bringen. Diese ominöse Prophezeiung ist mir nicht entgangen und ich muss gestehen, dass Eure Begleiter recht haben. Ihr werdet gekrönt, wenn Ihr mit Kassandra dort auftaucht. Dann könnte Euch niemand mehr etwas. Ihr wäret nie wieder Sklave, Ihr müsstet nicht mehr das fürchten, was Euch all die Jahre heimgesucht hat. Denn der Schatten auch auf Eurer Seele wiegt schwer.“
    • Zoras' Blick brannte sich in Areti hinein, wenn auch die Intensität dessen mehr einem Flämmchen als einem tatsächlichen Feuer glich.
      Was Areti ihm sagte, war, dass sie sich nicht davon abhalten lassen würde, was von ihrer Planung permanent wäre und was nicht. Sie hatte sich bereits entschieden und dieser Entschluss stand fest, lediglich Einzelheiten wären abzustimmen.
      Was sie ihm wirklich mit ihren Worten offenbarte, war, dass es nichts gab, was sie hätte aufhalten können und Zoras begriff das erst eindeutig, als sie ihn mit fester Stimme in ihr Vorhaben einweihte. Zoras hatte keine Verfügungskraft hier, nichts, womit er die Phönixin hätte aufhalten können. Die Tatsache, dass sie hierhergekommen war, dass sie mit ihm diskutierte und sich seine Meinung dazu anhörte, beruhte auf vollkommener Einseitigkeit - sobald sie sich dazu entschieden würde, dass es ihr genug war, hier mit ein paar Sterblichen zu stehen und über ihre eigene Mutter zu verhandeln, könnte sie sich in die Lüfte schwingen, Kassandra aus der Festung holen, ihre Essenz einbehalten und Zoras würde in dieser Einöde zurückbleiben, mit keinem Weg nach vorne und zurück und wieder dort, wo er zuletzt vor vier Jahren angefangen hatte. Das war es, was Areti ihm eigentlich sagte, nur in hübsche, höfliche Worte verpackt.
      Er presste die Lippen aufeinander, starrte sie nieder und ließ sich ihre Frage durch den Kopf gehen. Klang das nicht gut? Er wieder mit Kassandra vereint, Kassandra nicht anders als vor einigen Jahren, nur mit dem Unterschied, dass sie nicht mehr an ihn gebunden wäre. Sie könnte frei entscheiden, ob sie weiter bei ihm blieb und er musste sich keine Sorgen mehr darum machen, dass er sie wie das behandelte, was sie in den Augen anderer wäre.
      Aber Zoras hatte zu viel Zeit damit verbracht, Kassandra zu suchen, als dass es so einfach gewesen wäre. Wenn er lediglich seine Frau zurückhaben wollte, so sehr er sie auch liebte, hätte er sich eines Tages mit dem Gedanken abfinden müssen, dass sie einfach nicht zu ihm zurückkehren würde. Er hätte sich eine neue suchen müssen oder akzeptieren müssen, nie mehr wieder eine zu finden. Das wäre noch die einfachere Variante gewesen.
      Aber er hatte Kassandra ihre Essenz zurück versprochen. Er hatte ihr geschworen, dass sie sie wieder erhalten würde, sobald er gestorben war, und obwohl sie ihm nicht geglaubt hatte, obwohl ihre Befürchtungen sich als wahr entpuppt hatten, wusste er doch, dass er einer der wenigen war, die überhaupt so weit gingen, einen derartigen Vorschlag auszusprechen, geschweige denn ihn überhaupt umsetzen zu wollen. Es konnte Jahrhunderte, Jahrtausende dauern, bis sich der nächste ihrer Freiheit widmen würde und Areti war das beste Beispiel dafür, Areti, die noch nicht einmal menschlich war und die näher zu Kassandra hätte sein müssen als Zoras mit seinem einzelnen Jahr der Bekanntschaft. Sogar sie vereinte Champion und Essenz nicht miteinander und versprach Zoras sogar, offen und ehrlich, dass dieses Spiel weitergehen würde, vielleicht für einige Zeit, vielleicht für eine Ewigkeit.
      Also nein, es klang nicht gut, was sie ihm dort vorschlug.
      Ihr Blick ruhte abwartend auf Zoras, während seine Gedanken rasten, aber dann wandte sie den Kopf und ersparte ihn einer Antwort, als sie sich stattdessen Faia zuwandte. Die Frau hatte die Göttin jetzt mit aufmerksamen Blick beobachtet, verlor aber augenblicklich an Farbe, als diese auch noch auf sie zukam, und schien davon überzeugt, sofort die Flucht vor ihr zu ergreifen. Nur ihre Präsenz, die auch Zoras noch recht deutlich spüren konnte, hielt sie so lange an Ort und Stelle, dass sie sie berühren konnte. Beide Frauen starrten sich an und Zoras wandte sich ab, um sich seinen Gedanken zu widmen und kratzte sich am Kinn. Es dauerte nicht lange, da hatte Areti sich wieder von Faia gelöst, deren Schultern jetzt merklich zusammensackten und deren Gesicht sich merklich entspannte. Der fast gehetzte Blick in ihren Augen war verschwunden.
      Zoras wandte sich der Phönixin zu.
      "Ihr werdet also ihre Essenz an Euch nehmen und sie aus der Feste befreien und wenn ich nicht mit Euch komme? Werdet Ihr sie dann einfach irgendwo aussetzen, wo auch immer sie womöglich hin möchte, und dann? Wird sie ein Menschenleben führen, ohne einen Träger, der sich um sie gekümmert hätte? Wird sie sich eine Arbeit suchen, sich in die Gesellschaft einfügen, vielleicht hier und da mal ein Dorf abbrennen, wenn die Menschen sie aufregen? Ist das ihre Zukunft?"
      Faia sah mit ihren noch immer riesigen Augen zwischen beiden hin und her, Tysion starrte hauptsächlich Zoras an. Zoras' Kiefer arbeitete und er kratzte sich erneut am Kinn.
      "Ich habe kein Interesse an einer Krone und auch nicht daran, Kassandra an meiner Seite zu wissen, wenn das bedeutet, dass sie auf ihre Essenz verzichten muss."
      Er nahm einen tiefen Atemzug.
      "- Aber wenn Ihr Euch nicht umstimmen lasst, werde ich mitkommen. Ich werde dafür sorgen, dass sie wenigstens nicht alleine ist, nicht, wenn sie es nicht wünscht."
      Und er glaubte kaum, dass er diesem Vorschlag tatsächlich zustimmte.
    • Auf Aretis Gesicht zeichnete sich höchstens eine Form der Neugierde ab während sie Zoras' Worten Gehör schenkte. Das Versprechen, das er einst seiner Mutter gab, war ihr nicht bekannt und so vermutete sie einfach einen gewissen Dickkopf und Stolz hinter diesem Gehabe. Wie konnte es sein, dass ihre Mutter sich für diesen Sterblichen aufgeopfert hatte, wenn er ihre Anwesenheit gar nicht wünschte?
      „Ich verstehe. Ihr wollt sie in ihrer Gänze und nicht nur das, was ihr zu sehen bekommen habt. Ihr wollt, dass sie das zurückbekommt, was man ihr über Jahrtausende verwehrt hat. Aber habt Ihr auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet, was es mit ihr anstellen könnte? Wenn sie ihr Herz wieder hat? Vielleicht ist diese Kassandra wie Ihr sie kennt nur ein Produkt dessen, dass ihr Herz fehlt. Sie könnte eine völlig andere sein, sobald sie mit ihrem Herz wieder vereint ist“, gab die Phönixin leise zu bedenken.
      Langsam und mit einer unvergleichlichen Anmut erhob sich die junge Frau, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Ihre Kleidung raschelte leise und mit einem leichten Schütteln ihres Kopfes verfrachtete sie die roten kurzen Wellen aus ihrem Gesicht als sie sich dem ehemaligen Herzog zuwandte.
      „Außerdem scheint Ihr ein falsches Bild sowohl von mir als auch von meiner Mutter zu haben. Denkt Ihr, ich empfinde so wenig Zuneigung, dass ich meine eigene Mutter einfach aussetzen würde?“ Ihre sonst so weiche und wohlklingende Stimme färbte sich eine Nuance dunkler und auch die entspannten Züge wiesen eine gewisse Verstimmtheit auf. „Ich würde sie zu Euch bringen, denn das ist das Einzige, was sie derzeit davon abhalten würde, völlig den Verstand zu verlieren. Ihr habt sie seit Jahren nicht mehr gesehen und wisst nicht, was in ihr vorgeht. Meine Erinnerung hätte Euch doch eindrucksvoll zeigen sollen, dass sie noch immer an den Fenstern steht und darauf wartet, dass Ihr kommt. Solange es keinen Beweis dafür gibt, dass Ihr nicht mehr auf dieser Erde weilt, wird sie weiter daran glauben, dass Ihr lebt und zu ihr kommen werdet.“
      Gegen Ende wurde ihre Stimme erneut von einer anderen Klangfarbe erfüllt. Es war kein Zorn oder gar Abneigung, die in ihr mitschwang. Es war eine Nuance Verzweiflung, die sie nicht gänzlich verheimlichen konnte. Wieso verstand dieser Sterbliche denn nicht, dass sie nur für alle Parteien das Beste wollte?
      Areti führte ihre Hände vor ihrem Bauch zusammen und ließ einen Moment der Stille entstehen, bevor sie ruhiger fortfuhr: „Ließe ich Kassandra irgendwo auf dieser Welt zurück würde sie einen Weg zu Euch finden. Sie würde die gesamte Welt nach Euch absuchen bis sie Euch findet. Völlig unabhängig davon, ob Ihr ihre Essenz besitzt oder nicht. Dass ist es, was die Knechtschaft mit ihr angestellt hat. Sie empfindet eine Liebe, die so stark ist, dass sie selbst auf ihre volle Kraft verzichten würde.“
      Viele Götter werteten dies als Zeichen der Schwäche. Auch Areti sah dort Konflikpotenzial ungeahnten Ausmaßes und doch wollte sie nur diesen einen Wunsch ihrer Mutter erfüllen. Lang genug hatte sie mit angesehen, wie Kassandra immer weiter zu einer leeren Hülle zerfiel, umgeben von Eis und Kälte. Wieso verstand Telandir nicht, welchen Schaden er seiner eigentlich Geliebten damit antat? Dass er seine Wünsche und sein Wohl über jenes seiner Geliebten stellte und es scheinbar nicht einmal bemerkte. Doch hier stand Areti ein Mann gegenüber, von dem sie über Kilometer spüren konnte, dass er sich nach ihrer Mutter verzehrte. Dass er diese Reise nur für sie auf sich genommen hatte und deshalb das Artefakt seines Sohnes an seiner Hüfte trug und es zärtlich streichelte.
      „Vielleicht... ändert sich das Schicksal nachdem ich es beeinflusst habe. Vielleicht erscheinen mir die Moiren ein zweites Mal und dann kann ich ihr doch ihr Herz zurückgeben... Aber... Zoras, sie kann dort nicht länger bleiben. Ihr habt nur eine Erinnerung gesehen, Ihr wisst nicht, wie schlecht es wirklich um sie steht. Jede Sekunde, die sie dort weiter verbringen muss, treibt sie weiter in den Ruin....“
    • Zoras starrte Areti an, so lange, bis er sich sicher war, dass die Phönixin ihn ohne seine Erklärung wirklich nicht verstehen würde. Bei den Göttern, er hatte sich vermutlich bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht ganz verstanden.
      "Ich glaube, Ihr versteht nicht, Areti - vielleicht, weil Ihr nicht die ganze Geschichte kennt, vielleicht, weil Ihr eine Phönixin seid. Vielleicht hat Amartius es nicht einmal ganz verstanden.
      Ich liebe Eure Mutter. Ich würde alles in meiner Macht stehende für sie tun - für sie. Es interessiert mich nicht, ob sie eine andere ist, wenn sie wieder eins mit ihrem Selbst ist; es interessiert mich nicht, was sie mit der Welt anstellt. In meiner bescheidenen Zeit mit Eurer Mutter habe ich herausgefunden, dass sie nichts glücklich machen wird, außer ihre Essenz zurück zu erhalten. Und ich möchte sie glücklich machen, ich will, dass sie zu ihrer alten Form aufgeht, das ist es, was mich interessiert. Ich habe Eure Mutter glücklich erlebt, so glücklich, wie man in ihrer Situation sein kann, und ich kann an nichts anderes mehr denken. Ihr wisst es nicht, Ihr kennt sie so nicht, aber wenn Kassandra lächelt, wenn sie strahlt, dann ist es so, als würden zehn Sonnen aufgehen und jeden Schatten der Erde tilgen, als würde die Welt zum Leben erwachen. Dann erfahrt Ihr wahre Schönheit, nicht die Sorte, die nur die Augen befriedigt, sondern das Herz zum Schwingen bringt. Das möchte ich - aber nicht für mich, sondern für Kassandra selbst."
      Er verstummte und die beiden Kuluarer, die bis vor wenigen Wochen noch gar nicht gewusst hatten, dass Zoras eine Frau hatte, starrten, dass man meinen könnten, ihre Augen fielen ihnen aus den Köpfen bei den Worten, die Zoras wählte, um über Kassandra zu sprechen. Und er stand eisern unter den Blicken, denn es gab nicht einen Funken Lüge, der in seinen Worten steckte.
      "Wenn das also unser gemeinsames Ziel ist, das es zu verfolgen gilt, dann möchte ich keine Widerworte mehr gegen unser Vorhaben erheben, dann sollen wir Kassandra aus der Festung befreien und ich werde sie mit mir nehmen, ich werde ihr das schönste Leben bieten, das ich nur für sie schaffen kann und ich werde versuchen, sie so glücklich zu machen, wie es nur irgendwie möglich ist. Aber ich möchte betonen, dass ich Kassandra damals mit keinen weltlichen Mitteln gänzlich glücklich stimmen konnte und mehr als das hat unsere Welt auch jetzt nicht zu bieten. Das und die Champions mit ihren Essenzen."
      Zoras ließ die Worte so im Raum stehen, nährte sich seinerseits an der Versicherung Aretis, dass Kassandra einen Weg zu ihm finden würde, dass auch sie sich noch nach ihm verzehrte, auch wenn ein Teil von ihm das noch immer in Frage stellte. Er wollte es nicht hinterfragen, er träumte jede Sekunde davon, Kassandra in die Arme zu schließen, was nur stattfinden würde, wenn sie es denn auch wollte, aber sein Verstand sagte ihm etwas anderes. Nur einer unter vielen, einer, der sein Versprechen genauso wenig einhielt, der Kassandra für seine Zwecke benutzte und sie dann einfach ziehen gelassen hatte. Es war schwierig sich vorzustellen, dass sie auch nach vier Jahren noch an ihn denken mochte, aber er klammerte sich an den Gedanken, weil er zu einem festen Stützpfeiler seines Innersten geworden war. Kassandra.
      "Wir sind uns also zumindest schon einig, dass sie die Festung verlassen muss. Habt Ihr einen Plan? Wie sieht das Wachpersonal aus, steht Kassandra unter Beobachtung? Telandir ist ständig bei ihr, nicht wahr? Können wir sie irgendwie herauslocken?"
      Er deutete flüchtig auf Faia.
      "Wir wollten uns einschleichen, Kontakt zu ihr aufnehmen, alles weitere planen. Ich denke, es wird auffallen, wenn Ihr mit drei Menschen angeflogen kommt; haben wir einen anderen Weg?"
    • Erneut wandelte sich der Ausdruck in Aretis Augen. Nun lag ihnen ein Funkeln zugrunde, dessen Natur für niemanden außer ihr selbst eindeutig war. Sie musste nicht einmal darauf zurückgreifen nach seiner Aura zu spüren – dieser felsenfeste und aufrichtige Blick Zoras' reicht aus, um seinen Worten jeglicher Lügen fernzusprechen. Ein angedeutetes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel bei dem Gedanken daran, dass es Nichts gäbe, was Kassandra wirklich glücklich stimmte.
      „Ich würde schätzen, dass Ihr nur eine begrenzte Zeit mit Kassandra verbracht habt. Dass es gedauert hat, bis ihr beide eurer Gefühle über im Klaren wart. Ich stimme Euch zu, dass es bis zu einem gewissen Punkt so war, dass nur ihr Herz sie glücklich gestimmt hätte. Aber das dürfte spätestens zum Ende eurer Zeit anders ausgefallen sein.“
      Nun wurde das Lächeln deutlicher.
      „Vergesst nicht, dass sie einst ihr Herz verschenkt hatte und sich freiwillig in die gebundenen Verhältnisse begeben hat. Ebenfalls aus Liebe, die Euch gegenüber nicht schwächer ausfallen wird. Zoras, sie hat gestattet, ein Kind von Euch auszutragen. Von einem Menschen, einem Sterblichen. Wisst Ihr denn nicht, dass es für einen weiblichen Gott kaum etwas Größeres als das gibt?“
      Anders als ich. Ich bin aus einer Vereinigung entstanden, der sie sich nicht erwehren konnte. Mich hat sie nicht aus eigenem Wunsch empfangen...
      Diese Gedanken würde sie jedoch niemals laut aussprechen. Stattdessen warf sie einen Blick zum Wagen herüber, an dem der arme Ochse noch immer gespannt war. Er hatte sich die gesamte Zeit über nicht mehr gerührt und war wie in eine Art Trance verfallen. Als sich Areti ihm nun näherte, wirkte er noch immer wie eingefroren. Sie berührte ihn nicht sondern begutachtete lieber den Wagen, um die gebrochene Achse mit einem Fingerschnipsen wieder zusammen zu schweißen.
      „Wir werden als erstes weiter in Richtung der Hauptstadt fahren. Auf dem Wege dorthin kann ich Euch weitere Fragen gerne beantworten. Ich werde euch nicht nach Asvoß fliegen können ohne Aufmerksamkeit zu generieren, also muss jemand dieses Tier befehligen während ich die Richtung vorgebe. Einverstanden?“ Sie warf den Menschen einen weiteren, freundlichen Blick zu und wartete darauf, dass sie ihre Sachen packten und den Wagen aufsetzten.

      Tysion hatte sich erbarmt den Wagen zu fahren. Nachdem Golm verschwunden war – niemand wusste wohin eigentlich – musste jemand anders den Ochsen lenken und so übernahm der alte Söldner diese wenig rühmliche Aufgabe. Areti hatte ihm eine kleine Flamme vorschweben lassen, die wie ein Kompass ständig die Richtung vorgab, der er nur folgen musste. Die Phönixin hatte darüber hinaus versichert, dass sie sich entspannen konnten. Mit ihrer Anwesenheit würde es kein Wyrm oder anderes Ungetier wagen in ihre Nähe zu kommen.
      Demnach hatte sich Areti mit Faia und Zoras im Lagerbereich zwischen all den Stoffen gemütlich gemacht. Interessiert musterte Areti die Stoffbahnen mit den seltsamen Mustern, die Importware sein mussten.
      „Ihr müsst euch die Feste wie ein halbleeres Schloss vorstellen. Demataya verfügt über fast keine Wachen, sie hat lediglich eine kleine Garde aus etwa dreißig Mann. Der Rest des Haushaltes wird von weiblichen Bediensteten geführt. Ausnahmslos. Folglich wird niemand der Götter bewacht, auch nicht Kassandra. Wobei man auch sagen muss, dass sie keine Anstalten macht zu fliehen. Telandir würde sie schneller wieder einfangen und er dient darüber hinaus als Frühwarmsystem, sollte jemand feindseliges kommen. Daher passt es ausgezeichnet, dass er Euch scheinbar nicht orten kann“, erzählte Areti und fuhr mit den feinen Fingern über den Webstoff. „Mein Vater ist auch nicht ständig bei ihr. Die Zarin entsendet ihn manchmal auf Reisen und somit hat Kassandra viel Zeit für sich. Sie verbringt sie oftmals auf den Zinnen der Feste, wo ich öfters auch Loki habe sehen können. Deswegen muss Faia, wenn Ihr sie denn dazu einsetzen wollt, ständig auf ihre Gedanken achten.“
      Sie richtete ihre rubinroten Augen auf Faia. Um abzuschätzen, ob ihr Plan von Erfolg gekrönt wäre, hätte die Phönixin sie besser kennenlernen müssen.
      „Gerade Loki ist kritisch. Ich weiß nicht genau, wo seine Grenzen liegen, aber er scheint es zu ahnen wenn jemand unreinen Herzens und Absichten ihm gegenüber steht. Allerdings trifft man ihn eher selten an, ich habe ihn auch nur eine handvoll Male getroffen und noch weniger Worte mit ihm gewechselt. Ansonsten erachte ich diesen Weg zur Kontaktaufnahme nicht als verkehrt. Wir halten sowieso erst einmal in der Stadt und während ich zurück in die Feste kehre könnt ihr euch einen Eindruck von den Menschen in Asvoß machen. Vielleicht stoßt ihr dann auf weitere Ideen.“
    • Zoras starrte Areti noch immer an, als die Phönixin sich bereits abwandte und dem Wagengespann widmete. Er hatte noch nicht die richtigen Worte gefunden, was er darauf erwidern sollte, als die Göttin bereits die Abfahrt plante.
      Waren Kassandras Gefühle für ihn wirklich so stark oder fütterte Areti ihn gerade nur mit Hoffnungen, die seinen Willen auffrischen sollten? Immerhin hatte sie recht, dass Kassandra schließlich seinen Sohn ausgetragen hatte, aber doch auch nur wegen eines Zufalls, oder nicht? Sie hatte doch auch gedacht, es sei Telandirs, nicht wahr? Was machte es da für einen Unterschied, dass es doch ein Halbphönix geworden war? Sollte er sich wirklich die Hoffnung machen, dass Kassandra bei ihm bleiben würde, aus ganz eigenen Stücken und nicht etwa, weil er ihr ihr Herz zurückgeben könnte oder ihr eine Zuflucht anbot? Dass sie ihn freiwillig erwählte, ganz unabhängig davon, was der Ausgang ihrer Befreiungsaktion sein würde?
      Er machte sich nicht die Hoffnung, aber sein Herz schlug trotzdem stark genug, dass er es in seiner ganzen Brust spüren konnte.

      Sie reisten ohne einen weiteren Blick zurück ab, die Phönixin mit den Menschen im Wagen, ein allzu merkwürdiger Anblick, wenn man sich ihre noch immer einschüchternde Präsenz vergegenwärtigte. Tysion saß vorne beim Ochsen, nicht nochmal zusätzlich gepolstert, nachdem Aretis Wärme auf sie alle ausstrahlte, und die anderen saßen hinten. Faia saß so weit von der Phönixin entfernt, wie es der kleine Raum nur gestattete und starrte sie fast an wie ein wildes Tier. Zoras hatte seinen vorherigen Platz beim Ausgang eingenommen, denn obwohl Areti ihnen versicherte, dass sie eine unbeschwerte Reise haben würden, fühlte er sich doch sicherer, seine eigenen Sinne mit einzubeziehen. Vor allem der Himmel war ihm jetzt, mehr denn je zuvor, zu einer passiven Bedrohung geworden.
      Sie hatten den Schauplatz des gestrigen Tages hinter sich gelassen, als Areti Zoras' vorherigen Fragen nachkam und ihm Rede und Antwort stand. Leider hatte sie nicht allzu viele Neuigkeiten, bis auf die Tatsache, wie viele Wachen wirklich angestellt waren und wie es um Kassandras Aufsicht stand. Nur Loki war definitiv ein Dorn in Auge, ihn konnte Zoras nicht einfach ignorieren.
      "Frühwarnsystem. Aber Telandir warnt die Zarin nur, wenn Gefahr droht, oder? Nicht etwa, wenn sich jemand nur auf den Weg zur Festung macht?"
      Zoras blickte zu Faia und Faia starrte zurück. Je mehr er über die Festung herausfand, desto weniger gefiel es ihm, die Frau alleine hinzuschicken. Nicht etwa wegen ihrem Geschlecht, sondern weil mehr als ein Trupp immer mehr Sicherheit gab.
      "Und was ist mit Loki, wie treibt er sich herum? Haben die anderen Champions irgendeine Aufgabe oder ähnliches? Die Phönixe sind nur dort, um ihren Nachwuchs zu erzeugen, aber der Rest? Hängt er herum und wartet, dass die Zarin ihm etwas befiehlt?"
      Ein zweiter Blick wurde zwischen den Menschen ausgetauscht, diesmal aber nicht etwa zufällig, sondern in einer stillen Unterhaltung. Areti hatte deutlich darauf hingewiesen, dass vermieden werden sollte, Loki mit unreinem Herzen und Absichten gegenüber zu treten. Zoras wusste, dass Faia nur mitgekommen war, um sich von der Festung ein kleines Souvenir mitzunehmen, was ihr hoffentlich einen nicht geringen Reichtum einbringen würde, aber zählte das schon als unreine Absicht? Schließlich war sie noch immer hauptsächlich hier, um bei Kassandras Befreiung zu helfen. War das eine unreine Absicht? Die Sache könnte ihm schnell Kopfschmerzen bereiten, wie Zoras herausfand.
      "Wir werden schon mit Loki irgendwie fertig, Telandir ist es, der mit Sorgen macht. Vorerst soll Faia alleine gehen, wir werden in der Stadt auf ihre Nachricht warten. Es darf nichts riskiert werden, nicht vor dem eigentlichen Zugriff. Wir werden wir unsere weiteren Schritte planen, Areti? Wie können wir mit Euch in Kontakt treten?"
    • Aretis Gesicht bekam einen seltsamen Ausdruck, der nicht ganz einfach zu deuten war. „Korrekt. Er meldet sich nur wenn potenzielle Gefahr naht und nicht, wenn um eine Audienz bei der Zarin erbeten wird. Sonst müsste er ständig um die Händler wissen, die ebenfalls ein- und ausgehen, um die Versorgung zu gewährleisten.“
      Auch Areti war es nicht entgangen, dass man scheinbar seine Karten auf Faia setzte. Eine Frau, deren Motivation weltliche Mittel waren und der Inbegriff dessen war, was die Phönixin mit niederen Absichten betiteln würde. Vermutlich hatte man sie nur unter diesem Verwand überhaupt dazu bewegt bekommen, an diesem Unterfangen mitzuwirken. Denn Zoras war Telandir bekannt und würde sich nicht unerkannt einschleichen können. Faia hingegen schon. Wirklich erprobt schien sie jedoch nicht zu sein.
      „Loki ist schwierig. Er ist ein Meister der Täuschung und tritt immer in anderen Erscheinungen auf. Wirklich sicher weiß man nie, ob er es ist, sollte er sich dazu entscheiden, seinen Einfluss zu vertuschen. Ich habe ihn mehrmals bei Kassandra in der gleichen Gestalt gesehen; ein junger Mann mit braunen Haaren, etwa so lang“, sie zeigte eine Haarlänge an, „und mit stechend grünen Augen. Aber praktisch gesehen könnte er sich als den Mann auf dem Kutschbock ausgeben und niemand würde es bemerken.“
      Sie sah die sich leicht geweiteten Augen der Menschen und winkte ab. So lange würde sich Loki niemals mit Sterblichen abgeben. Zoras kannte ja wohl seine Begleiter gut genug.
      „Den Rest der Champions habe ich nur selten zu Gesicht bekommen. Sie werden meist entsandt, aber wofür kann ich nicht sagen. Von ihnen ist Loki potenziell am gefährlichsten, einen namenhaften Gott zu besitzen ist bereits eine Kunst für sich.“
      Erneut sah sie die Blicke, die sich die beiden Menschen zuwarfen. Da lief etwas zwischen ihnen ab, wo sich die Phönixin beim besten Willen nicht zwischenschalten konnte. Scheinbar sorgten ihre Worte für einen gewissen Disput, schließlich schlussfolgerte sie, dass es an ihrem Hinweis mit dem unreinen Herzen lag. Also ein gerechtfertigter Disput.
      „Ich werde mich wie gesagt von Euch trennen sobald wir die Stadt erreichen. Man sieht mich zwar gelegentlich in der Stadt, aber niemals in direkter Begleitung von Menschen. Das würde Aufmerksamkeit erregen. Schickt ruhig Eure Begleiterin in die Feste – Ihr solltet sie allerdings bis zu den Toren begleiten, bis ihr von zwei Torwachen angesprochen werdet. Sie kontrollieren in der Regel die einfahrenden Händler und diejenigen, die um Audienz bitten. Keine allzu taktile Kontrolle, aber selbst eine einzelne Frau hier in den Eislanden kann schnell in Misslichkeiten geraten...“
      Es waren nur Geschichten, die an ihr Ohr getragen worden waren. Dass man selbst in Asvoß vor gewissem Pack Acht geben sollte und dies besonders für einzeln reisende Damen galt. Erst recht, wenn sie nicht aussahen wie das typische Frauenbild des Landes. Faia hatte dunkle Haare und bildete allein dadurch schon einen Kontrast gegenüber der blonden Frauen hier.
      Areti lächelte warm als sie ihre Hand in den Raum ausstreckte und eine Flamme in ihrer geöffneten Handfläche erschien. Sie leuchtete hell auf, verkohlte anschließend und als Areti die Asche fort pustete erschien eine feuerrote Feder mit kreisförmigen Musterungen. Diese reichte sie Zoras.
      „Nehmt die Feder in Eure Faust und sagt meinen Namen. Dann werde ich mich auf den Weg zu Euch machen.“

      Die ersten Gebäude der Stadt waren aus der Ferne gar nicht als solche zu erkennen gewesen. Es sah eher aus wie ein Felsmassiv, dem sie sich näherten und erst bei näherer Betrachtung fiel auf, dass Schnee und Eis die hellen Steine, aus denen die Gebäude erbaut worden waren, im Umfeld fast unsichtbar wirken ließen. Der Wind hatte aufgefrischt in den angrenzenden Eiswüsten, durch die sie sich dank Areti erstaunlich gut durchkämpfen konnten. Vereinzelt sah man Menschen, bis zum Anschlag vermummt, um sich vor der beißenden Kälte zu schützen.
      Areti hatte der Gruppe um Zoras angeraten, sich erst einmal in einem der Gasthäuser einzufinden und aufzutauen. Sie war sogar so frei und gab Zoras drei Goldmünzen – eine für jeden Kopf. Woher sie das Geld hatte, sagte sie nicht, aber es stammte mit Sicherheit aus Dematayas Beständen. Noch bevor sie die ersten Gebäude erreichten verabschiedete sich Areti von der Gruppe nachdem sie das Vorgehen und ihren Rat noch einmal wiederholt hatte. Für das bloße Auge sah es so aus als ginge die Frau in Flammen auf, noch während sie am Rande des Wagens stand. Und nach einem weiteren Blinzeln der Menschen war sie wie vom Erdboden verschluckt.
      Es gab keinerlei Hinweis darauf, dass Areti noch zugegen gewesen war.

      Ungesehen landete Areti auf den Zinnen der Feste. Entgegen ihrer Vermutung wartete weder Kassandra noch Loki hier oben auf sie, weshalb sie ohne Zwischenfall in die Feste steigen konnte und nur gelegentlich Bedienstete, die beispielsweise Wäsche umher trugen, anlächelte. Die meisten der Räume waren leer, doch sie fühlte ganz genau, in welchen sie gehen musste. Es gab nur einen einzigen Raum hier, der erfüllt war mit einer Schwere, die so unfassbar war, dass man sie nicht in Worte fassen konnte. Eine verkohlte Note, die einem beißend in die Nase stieg und an erloschene Flammen erinnerte. Eine Präsenz, die ihrer eigenen einst ähnelte und nun vollkommen verkümmert war.
      Als Areti den Raum betrat, fand sie sich in jenem wieder, den sie Zoras als eine ihrer Erinnerungen gezeigt hatte. Genau wie in diesem Bild stand am Fenster ihre Mutter, den Rücken zur Tür gewandt und den Blick durch die Eisblumen nach draußen.
      Areti hielt einen Moment die Luft an ehe sie die Tür leise schloss und langsam zu ihrer Mutter herüber schritt. „Ich habe ihn gefunden. Er lebt, Mutter.“
      Kassandra rührte sich nicht. Nur das minimale Aufwallen ihrer Aura bedeutete, dass sie die Worte überhaupt gehört hatte. „Also hat Loki nicht gelogen. Ausnahmsweise einmal.“
      „Nein, hat er nicht“, bestätigte Areti und war so nah, dass sie ihrer Mutter eine Hand auf den Arm legen konnte. Kassandra sollte brennen, sollte scheinen wie die Sonne unter ihrer Berührung. Aber der Eindruck, den sie erweckte, glich mehr einer Sonnenfinsternis. „Er lebt. Es geht ihm gut und er hat Theriss verlassen. Er ist älter geworden, hat sich verändert, aber ist im Herzen noch immer der Gleiche. Sein Herz hat nie aufgehört für dich zu schlagen, Mutter. Und in noch einem Punkt hat Loki nicht gelogen. Amartius hat ihn gefunden.“
      Der letzte Satz war es, der gewaltige Wellen in Kassandras Aura schlug. Beinahe mühvoll riss sie ihren Blick von dem Fenster los und richtete die gleichen roten Augen auf ihre Tochter. Ein Funke lag dort in Kassandras Augen, ein Funke, der eigentlich längst ausgetreten sein sollte. „Sie haben sich gefunden?“
      Areti nickte, ein vorsichtiges Lächeln auf den Lippen. Völlig unerwartet packte Kassandra sie am Oberarm und drückte so fest zu, dass selbst Areti die Augenbrauen zusammen zog. In ihren Augen lag Überraschung und Bestürzung. Ihre Mutter war nie handgreiflich ihr gegenüber geworden. „Telandir hat Amartius nicht weit von ihm ausgesetzt. Sie fanden sich durch das Schicksal und nun -“
      Areti brach ab als sich Kassandra ihrer Tochter vollends zuwandte und die andere Hand an ihren zweiten Oberarm legte. Auf langen Armen hielt sie sie auf Abstand während sich die beiden Frauen einen Moment lang in Anspannung anstarrten. Dann zog Kassandra ihre Tochter in die Arme, drückte sie so fest an sich als wollte sie sie nie wieder loslassen.
      „Du hättest ihn nicht suchen müssen. Beide nicht. Du hast keinen Mehrwert davon, Areti.“
      „Mein Mehrwert ist es, dich glücklich zu sehen. Dir Erleichterung zu verschaffen. Ich habe es aus eigenem Antrieb getan und nicht weil ich mir einen Nutzen davon erhoffte. Aber wenigstens das wollte ich dir Gutes tun. Wenigstens das...“
      So verweilten die beiden Phönixinnen eine gefühlte Ewigkeit, in der sie sich gegenseitig Trost spendeten. Kassandra bekam den Trost, dass die Liebe ihres Lebens noch lebte und sogar ihren gemeinsamen Sohn gefunden hatte und Areti, dass sie mit der Gewissheit leben würde, dass Amartius gestorben war und sie ihre Mutter für immer beschneiden würde.
    • Es war zwar gut, und auch wichtig, zu wissen, dass Loki eine Form hatte, die er anderen präsentierte und die ihn identifizieren könnte, es war allerdings gar nicht gut zu wissen, dass er sich gerne mal unter Menschen schlich und da sein Unwesen trieb. Alle drei schienen dabei den selben Gedanken zu haben, denn bevor Zoras sein sofort rasendes Herz in Worte hätte formulieren können, winkte Areti schon ab. Golm war nicht Loki gewesen, aber auf der anderen Seite hatte es keinerlei Spur von dem Händler gegeben und nicht einmal die Phönixin hatte ihn noch einmal erwähnt, obwohl sie ihn doch sicher hätte sehen müssen.
      Zoras wollte aber auch nicht mehr Gedanken an den Mann verschwenden als unbedingt notwendig. Er war verschwunden und dabei wollte er es auch belassen.
      Alle weiteren Informationen von Areti waren nur Bruchstücke eines Gesamtbildes und so versuchte Zoras, das Gesamtbild gedanklich zusammenzufügen. Sie würden Faia schicken und außerdem sollte sie begleitet werden - das konnte Zoras bestätigen.
      "Tysion soll mit ihr gehen. Er ist zwar alt, aber das lässt sich vertuschen, wenn er sich dicht genug vermummt. Dann wirkt er auch nicht älter als 40."
      So schnell war es entschieden. Areti präsentierte Zoras mit einer Feder, die sie aus Feuer gezogen zu haben schien und erklärte ihm, wie er sie zu benutzen hätte. Zoras steckte sie unter den wachsamen und höchst interessierten Augen von Faia ein.

      Die Stadt und ihre merkwürdigen Bauten kamen näher und mit ihr musste die Phönixin sich zurückziehen - nur, dass es etwa eine Sekunde nach ihrer Verabschiedung benötigte, bis die Göttin vollständig verschwunden war. Ihre Präsenz verschwand mit ihr, als hätte es sie nie zuvor gegeben und zurück blieb lediglich ein einsames Trio mit einem eigentlich kaputten Wagen, der von Phönixen-Hand repariert worden war.
      Zoras starrte auf die drei Goldmünzen hinab, die Areti ihnen überlassen hatte - eine Gabe, für die er sich ehrlich bedankt hatte; wann hatte er schon das letzte Mal Gold in den Händen gehalten? - und sah sich dann schon nach einem Gasthaus um. Die Gebäude sahen, für einen Fremden, alle gleich aus und es war überhaupt ein Wunder, dass man die ganze Architektur mit dem bloßen Auge von der Umgebung unterscheiden konnte; er konnte es nämlich nicht. Das Eis und der Schnee waren hier überall zugegen und produzierten denselben feinen Glanz, der auf jeder Oberfläche die Sonne etwas reflektierte. Wenn Areti sie nicht geleitet hätte, wären sie wohl glatt an der Stadt vorbeigefahren.
      Tysion schaffte es durch ein Wunder, das Zoras nicht nachvollziehen konnte, einen Stall ausfindig zu machen und gleich darauf auch das dazugehörige Gasthaus. Erstaunlicherweise war es gut gefüllt, denn obwohl die Stadt weit abseits jeder anderen Zivilisation war, schienen Händler und Reisende doch genau deswegen länger hier zu verweilen. Innen war es warm und im Vergleich zu draußen relativ dunkel.

      Was keiner der drei bedacht hatte war, wie sehr sie hier auffallen würden. Sie hatten sich in die Stoffe aus dem Wagen gehüllt, damit sie wenigstens nicht so halb nackt durch den Schnee waten mussten, aber es war auf den ersten Blick ersichtlich, dass sich ihr Überzug stark von den gängigen Mänteln und Umhängen unterschied, in die sich die Leute in Schichten gekleidet hatten. Sie hatten auch keine Kopfbedeckung, die sie wohl hätten tragen müssen, wenn sie von draußen kamen, und außerdem war Faia die einzige im ganzen Raum mit dunklen Haaren. Gäste starrten und Zoras konnte sich nicht entscheiden, ob es besser war, wieder umzudrehen und sich erst präsentabel zu machen, oder die Sache durchzuziehen. Er streckte seinen Rücken durch, stellte sicher, dass man das Schwert an seiner Hüfte gut sehen konnte und entschied sich für letzteres.
      Mit gebrochenem asvoßisch besorgte er ihnen drei Zimmer, wobei er peinlichst darauf achtete, auch genug Wechselgeld zurück zu bekommen. Der Wirt schien mehrere Anstalten zu machen, die offensichtliche Unwissenheit seiner fremden Gäste ausnutzen zu wollen und Zoras versuchte, sich mit der ganzen Würde seiner Erscheinung vor dem Tresen aufzubauen, ein großer, starker Mann mit offensichtlicher Kampferfahrung, dessen durchdringender Blick gehorsam verlangte. Zum Schluss erhielten sie ein Wechselgeld und obwohl Zoras sehr genau nachzählte, konnte er sich doch nicht sicher sein, ob sie nicht hereingelegt worden waren.
      Mit dem anderen Teil des Geldes gingen sie sich einkleiden. Sie konnten sich der gängigen "Mode" anpassen und damit, nachdem sie nicht mehr ganz so sehr wie Fremde aussahen, ihre Vorräte aufstocken. Zoras hatte zum Schluss sogar noch Geld übrig, um sich Politurmittel kaufen zu können und Amartius zu polieren. Es war sehr merkwürdig, diesen Gedanken zu formen.
      Die Blicke der Gäste im Schankraum wurden sie dennoch nie vollständig los und es war Tysion, der mit seiner ruhigen, etwas leisen Stimme feststellte, dass sie hier gefundenes Fressen für Leute waren, die an schnelles Geld zu kommen versuchten: Drei Reisende, ganz offensichtlich ausländisch, ganz offensichtlich nicht mit der hiesigen Kultur vertraut, zwar schwer bewaffnet, aber dafür auch mit Gold ausgestattet. Er stellte es fest, wie man sich darauf festlegte, was man zum Abendessen gerne essen würde, und Zoras musste ihm da leider recht geben. Es gab hier sicher nicht viele Reisende von Übersee, genauso gut hätten sie durch die Stadt laufen und dabei schreien können, dass sie hier fremd waren.
      Also doch keine drei Einzelzimmer. Faia versuchte dieses Mal ihr Glück beim Wirt und konnte ihnen ein großes Zimmer beschaffen, aber nicht ohne die Aufmerksamkeit des Mannes deutlich auf sich gezogen zu haben. Eigentlich hatte Zoras nie besonders das Bedürfnis gehabt, die Frau in irgendeiner Weise beschützen zu wollen, aber nachdem ihm jetzt klar wurde, dass Omnar nicht mehr hier war, um ihnen in den Ohren zu liegen und an Faias Seite herzudackeln wie ein äußerst loyaler Hund, wollte er sie doch nicht mehr ganz alleine wissen. Es war gut, dass Tysion sie begleiten würde.
      Sie schliefen und sie blieben ungestört. Am nächsten Tag machten sie sich auf den Weg, erst einen Weg zur Festung zu erfragen und dann, ob es dort Arbeit gäbe, die man verrichten könne. Am darauffolgenden Tag lud man Faia zu einem Gespräch ein, das sie allein bestreiten sollte und von dem sie glücklich wiederkam: Sie könne Probearbeit bei einer Aufseherin vor Ort verrichten. Es handle sich um Geschirr spülen in der Küche; die vorangegangene Spülerin sei zur Wäsche "befördert" worden und man brauchte fähigen, vielversprechenden Ersatz. Faia lachte bei dem Ausdruck und versicherte den beiden Männern, dass sie sich ganz sicher war, dass der Mann "befördert" gesagt hatte. Sie scherzte darüber, was für Zustände wohl in der Festung herrschen mochten, wenn man so etwas als Beförderung betitelte und Zoras hatte nicht das Herz ihr mitzuteilen, dass das ein völlig legitimer Werdegang für eine Bedienstete in adeligem Haus war.
      Sie bekam ein Schreiben mit Siegel zur Hand und sollte sich so schnell wie möglich auf den Weg machen. Das musste Faia sich nicht zweimal sagen lassen; sie packten ihre Sachen und am nächsten Tag waren sie und Tysion bereit loszufahren. Der Veteran versuchte, Zoras dazu zu überzeugen auch mitzukommen, und er lehnte vehement ab, bis der andere etwas sagte, das er doch nicht so einfach abtun konnte.
      "Du wirst hier ganz allein sein. Du wirst dich schon zu verteidigen wissen, wenn es darauf ankommt, aber es wäre sicher rühmlicher von einem Phönix zu sterben als durch die Hand eines Tagediebs."
      Und Zoras hatte kein Interesse an Ruhm, aber es warf eine ganz andere, noch viel wichtigere Frage auf: Hätte er hier Schutz, wenn Telandir ausflog, wenn er in die Stadt kam und ihn entdeckte? Konnte er sich gegen ihn verteidigen? Ganz sicher nicht - aber Areti konnte es. Und obwohl er ihre Feder hatte, obwohl sie sicher höchstens Minuten bräuchte um bei ihm zu sein, waren das schon Minuten zu viel. Ihm gefiel die Schlussfolgerung gar nicht, aber letzten Endes war es doch so: Wenn er mitkäme, wäre er sicherer. Telandir konnte seine Aura nicht sehen und wenn er ihn doch erkannte, wäre Areti ganz in der Nähe. Nach den Tagen der Reise mit ihr zusammen und den Gesprächen, vertraute er ihr durchaus genug, um ihr sein Leben anzuvertrauen. Zu einem gewissen Maß.
      Also packte auch Zoras seine wenigen Sachen und zusammen setzten sie sich in einen jetzt mit Proviant gefüllten Wagen auf dem Weg zum Tor.

      Entgegen aller Vermutung brauchten sie einige Tage, bis sie die Festung am Horizont entdeckten. Von dort an dauerte es noch einen Tag, bis sie die Tore in der Ferne sahen, und es dauerte nicht eine Sekunde, bis Zoras in Sorge über den Himmel verfiel, über einen Feuervogel, der die Sonne verdunkelte, aber auch über eine Frau, die vor einem Fenster stand und dem er jetzt so nahe war wie noch nie zuvor. So nahe, dass es sich anfühlte, als müsse er nur die Hand ausstrecken, um Kassandra endlich wieder berühren zu können.
    • Es begann die ruhelose Zeit des Wartens.
      Was Areti völlig unterschätzt hatte, war der Fakt, dass sie zwar wusste, dass Zoras in der Stadt war, aber zu keiner Zeit nachverfolgen konnte, wo er sich aufhielt oder was er tat. Noch immer war er wie vom inneren Radar bei ihr verschwunden und somit konnte sich die Phönixin nur helfen, indem sie sich auf die Signatur von Faia und Tysion konzentrierte. Da diese manchmal gegensätzlich zueinander verliefen, setzten sie ihren Plan vermutlich schon in die Tat um. Kurzzeitig befand sich Faia in relativer Nähe, doch dann zog sie sich wieder zurück.
      In der Feste ließ sich die junge Phönixin nichts anmerken. Aufmerksam beobachtete sie das Verhalten ihres Vaters, der sich gab wie sie ihn kannte. Noch am selben Tage war er von einem Auftrag wiedergekehrt und nachdem er eine Abfuhr von Kassandra bekommen hatte, war er in Dematayas Gemächern verschwunden. Von Loki hingegen fehlte jede Spur, was ihr persönlich recht war.
      Am Folgetag hatte sich die Stimmung innerhalb der Feste bereits verschoben. Areti war seit kurz vor Sonnenaufgang wach und hatte ihren Sitzplatz auf den Zinnen bezogen, um die ersten Strahlen der Sonne auffangen zu können, da ging eine regelrechte Aurenwelle durch die gesamte Feste. Erschrocken wandte sie sich dem Aufgang zu, als eine Männerstimme undeutlich von unten etwas brüllte und sie erst da verstand, dass es saure Wut gewesen war, die in der Welle mitgeschwappt war.
      Blitzschnell schoss sie die Treppen abwärts und folgte dem Ursprung bis sie zu ihrer eigenen Bestürzung an Kassandras Gemach ankam. In ihm spürte sie bereits von Weitem zwei Präsenzen, die eine ähnliche Note trugen wie ihre eigene.
      „GIB ES ZU, DASS DU SIE AUSGESANDT HAST!“
      Areti stieß die Tür auf und entdeckte sofort Telandir, der Kassandra am Oberarm gepackt hatte und sie mehrmals schüttelte. Eisern hielt Kassandra ihr Haupt erhoben und starrte den Mann in Grund und Boden. Sie mochte zwar kleiner sein als er, aber es mangelte ihr nicht an Präsenz, wenn sie es denn so wollte. Und diese Haltung sah Areti zum ersten Mal an ihrer Mutter.
      Telandir schäumte regelrecht als sein Kopf zu seiner Tochter zuckte. „Was hat sie dir angeboten, damit du ihn ausfindig machst, Areti?!“
      Kassandras Lippen waren aufeinander gepresst, ihr Blick lag unentwegt auf Telandir. Es dauerte eine Sekunde der Verwirrung bis Areti verstand, um was es überhaupt ging. Kassandra hatte ihm irgendetwas von Zoras erzählt. Was nur bedeuten konnte, dass sie diese Information beschafft hatte. „Wieso muss es ständig einen Preis für eine Tat geben, Vater?“
      Eine weitere, widerlich saure Welle ging durch den Raum als Telandir von Kassandra abließ und zu seiner Tochter herüber stapfte. Sofort schwang Kassandras Blick zu ihrer Tochter, von Reue oder einer Entschuldigung war nichts zu sehen. Wieso auch?
      Areti holte tief Luft als sich ihr Vater vor ihr aufbaute und sie mit seinen grünen Augen musterte. In dieser Welle war etwas anderes beigemischt gewesen. Telandir war nicht nur wütend – er war besorgt. Fürchtete er Zoras etwa?
      „Nur mit dir hat sie einen Weg nach draußen“, grollte Telandir und Areti fragte sich, wann sie ihn jemals so erlebt hatte. „Das wird sie gewusst haben. Sie hat dich deswegen akzeptiert damit du ihr hilfst, hier zu entkommen. Wieso hilfst du ihr und nicht mir? Habe ich dir jemals etwas böses angetan?“
      Areti erwiderte seinen Blick und schüttelte dann langsam den Kopf. „Nein, hast du nicht“, bestätigte sie vorsichtig, „aber unterstellst du gerade meiner Mutter, dass sie mich nur wegen eines potenziellen Nutzens liebt? Selbst wenn es so ist, dann ist es wenigstens mehr Liebe als sie dir entgegen bringt.“
      In der nächsten Sekunde flog eine Faust durch die Luft. So schnell, dass kein menschliches Auge sie hätte sehen können. Und doch stoppte Areti diese Faust mit ihrer eigenen zierlichen Hand ohne jegliche Mühe. Doch nun begannen sich ihre Augen zu weiten als sie die Faust in ihrer eigenen auf Höhe ihres Gesichtes betrachtete. „Hast du gerade versucht mich zu schlagen?
      Bodenlose Fassungslosigkeit erfasste Areti. Solche Aggressionen hatte sie bei ihren Eltern noch nie erlebt und erst recht nicht die Ausübung von Gewalt. Gewalt gegenüber der eigenen Tochter. Das schürte etwas in ihr, tief in ihrem Kern, das so alt war, wie die zwei Welten selbst. Augenblicklich fingen Aretis Augen Feuer und ihre Präsenz erfüllte das ganze Schloss. Sie hörte in der Entfernung Menschen leise kreischen, die von ihrer ungefilterten Aura getroffen und zu Boden gezwungen. Selbst Telandirs Knie wackelten deutlich, aber es war die kleine Hand auf seiner Schulter, die ihn fast in die Knie gezogen hatte.
      Kassandras Hand brannte. Sie fraß sich mit schwarzen Flammen durch Telandirs Bekleidung und schwarze Rauchschwaden stiegen empor. Als er das bemerkte, schrie der Phönix auf und wischte Kassandras Hand unwirsch von sich, um Abstand zwischen sie zu bringen. Keuchend starrte er die Phönixin an, deren Hand noch immer in der Luft schwebte und von schwarzen Flammen umzogen war. Wenn Areti dachte, dass sie eindrucksvoll gewesen wäre, dann hatte sie noch nie gesehen, wie eindrucksvoll ihre Mutter sein konnte. Mit jeder verstreichenden Sekunde wirkte es so, als würde Kassandras jugendliches Gesicht mehr Kontur bekommen – sie alterte. Die Flammen in ihrer Hand fraßen ihren Energievorrat auf und sie war gewillt, den Preis zu bezahlen.
      „Wage es nie wieder, unsere Tochterauch nur zu berühren“, sprach Kassandra mit solch einer Eiseskälte in der Stimme, die selbst das Eis der Feste in den Schatten stellte.
      „Mutter, hör auf!“ Areti warf sich auf Kassandras Arm, die in der Sekunden die Flammen löschte.
      Telandir auf der anderen Seite hatte die Flammen noch immer nicht löschen können. Er klopfte, wischte, versuchte sie mit seinen eigenen Flammen zu ersticken, aber nichts wirkte. „Kassandra...“, warnte er mehr das als er bat, aber seine Erleichterung war regelrecht spürbar als das Schwarz erlöschte und man das Ausmaß unter seiner Hand sehen konnte. Seine Haut war grau und brüchig, wie ein verkohltes Stück Holz.
      Er sagte kein Wort mehr während er überstürzt den Raum verließ und die beiden Frauen allein zurückließ. Keine der Beiden interessierte sich für Telandir. Die Situation war überstanden.

      Am Tag darauf war Telandir nicht mehr aufzufinden gewesen. Sehr zur Erleichterung seiner Tochter, die sich daraufhin zu ihrer Mutter in ihr Zimmer begeben hatte. Sie saßen beide auf Kassandras Bett, die Tochter hinter der Mutter sitzend, bewaffnet mit einer Bürste. Systematisch holte sie eine pechschwarze Strähne nach der anderen zu sich und entwirrte sie mit der Bürste. Kassandra hatte sich in einen Schneidersitz begeben und die Hände locker in ihrem Schoß gefaltet, ihre Augen waren geschlossen.
      „Hast du mit ihm gesprochen?“
      Areti hielt einen Augenblick inne und musterte den Rücken ihrer Mutter ehe sie ihre Tätigkeit wieder aufnahm. „Ja, das habe ich. Ich wollte mich vergewissern, dass er der richtige Mensch ist.“
      „Ich habe ihn dir ausreichend gut beschrieben, sodass du ihn unter Tausenden gefunden hättest. Sag mir, wo hast du ihn gefunden? War er noch in Theriss?“ Kassandras Stimme war ruhig und gleichmäßig.
      Wie viel war Areti bereit, zu verraten? „Er war nicht in Theriss. Ich nehme an, dass er geflüchtet ist wenn ich bedenke, was du mir erzähltest. Es wäre töricht gewesen dort zu bleiben. Dann hätte er weiterhin seinen Kopf riskiert und dein Opfer wäre für Nichts gewesen. Ich fand ihn in Kuluar, dort hat Telandir Amartius auch ausgesetzt.“
      „Kuluar...“, wiederholte Kassandra gedankenverloren und war sich sicher, dort höchstens einmal durchgereist zu sein. Ohne dass Areti es sehen konnte öffnete sie die Augen einen Spalt breit. Kuluar war nicht sonderlich weit weg von Asvoß. War das ein Zufall? „Kommt man an den kuluarischen Küste nicht per Schiff nach Asvoß?“
      „Natürlich. Aber du kommst von jedem Hafen zu fast jedem Anderen auf der Welt, wenn du genug Zeit und Ressourcen dafür aufbringst, oder nicht?“ Areti machte eine Pause wobei sie ihre Bewegungen nie einstellte. Es war klar, auf was ihre Mutter hinaus wollte. Also holte sie tief Luft und richtete sich auf. „Er war allein, suchend. Ich glaube, er hat dich niemals vergessen können und Amartius war die Krönung dessen, was er sich wünschte. Durch ihn bekam er einen Anhaltspunkt, wo du dich befindest. Ich bin mir sicher, er -“
      Da war Kassandra auf dem Bett herumgewirbelt und hätte ihrer Tochter beinahe die Bürste aus der Hand geschlagen. Ihre rubinroten Augen wirkten regelrecht.... entsetzt. Mit absolutem Missverständnis begegnete Areti dem Blick.
      „Er darf nicht hierher kommen, Areti. Niemals.“
      „Wieso nicht? Wieso stehst du sonst täglich vor dem Fenster und verkörperst die Sehnsucht selbst?“, fragte sie leise, völlig erstaunt über die Reaktion ihrer Mutter.
      Kassandra griff nach Aretis Hand und drückte sie fest. „Wenn Telandir ihn spürt, wird er ihn töten. Und ich bin nicht mehr diejenige, die er liebt. Ich kann ihm nicht so gegenübertreten. Nicht... so.“
      Aretis sog die Lippen zwischen die Zähne als Kassandras pure Verzweiflung ihr entgegen kam. Und nicht nur diese, eine unheimliche Menge an Scham, die so unpassend für eine stolze Phönixin wirkte wie Kassandra es war, überwältigte die junge Phönixin beinahe. Nachdem Areti ein paar Worte mit Zoras hatte wechseln können war ihr klar, dass es ihn niemals davon abhalten würde, sie in die Arme zu schließen. Sie war sein Lebensinhalt, das, was er am sehnlichsten begehrte, und solange sie ihn nicht von sich wies würde er sie in allen Formen akzeptieren.
      Areti zwang sich dazu zu lächeln und die Hand ihrer Mutter mit ihrer eigenen zweiten zu bedecken. „Er liebt dich“, sagte sie mit voller Überzeugung, wobei sie die wahre Macht hinter diesem Wort nicht verstand, „egal, wie du jetzt bist oder was dir widerfahren ist. Das hat er mir eindeutig zu verstehen gegeben. Ebenso wie Amartius dich liebt und zu dir zurückkommen wird. Irgendwann.“

      In den folgenden Tagen kehrte Telandir in die Feste zurück, ließ sich jedoch kaum in Aretis Nähe blicken. Er stattete zwar Kassandra Besuche ab, doch jedes Mal, wenn seine Tochter dazu stieß, trat er den Rückzug an. Sehr zu Aretis Gefallen, die mit wachsender Sorge ihrer Mutter dabei zusah, wie sie noch energischer vor den Fenstern ihre Zeit verbrachte als zuvor. Mehrmals hatte Areti versucht, die von den Fenstern wegzuholen, doch ihre Versuchen waren meist nur kurz von Erfolg gekrönt. Irgendwann gab sie auf zu versuchen, Kassandra dort weg zu bekommen. Sie würde sich vermutlich eh an Faia hängen sobald sie erfuhr, dass sie mit Zoras zusammen agierte.
      Demnach gab sich Areti damit zufrieden, sich neben ihre Mutter zu stellen und mit ihr aus den Fenstern zu sehen. „Dein exzessives Starren aus den Fenstern trifft nicht unbedingt auf Begeisterung...“
      „Womit soll ich denn den Rest meines Tages füllen? Du kannst mich gerne auf die Zinnen begleiten, dann bekommen wir wenigstens etwas frische Luft“, gab Kassandra überraschenderweise relativ bissig zurück, was ihr einen überraschten Blick ihrer Tochter einbrachte. „Wenn nicht, dann lass mich wenigstens entscheiden, was ich anstarre und was nicht.“
      „Du weißt doch nicht, wie lange es dauert...“, erwiderte Areti leise.
      „Wenn er noch ansatzweise der Mann von damals ist, dann wird er kommen. Man weiß so etwas, Areti, wenn man jemanden lang genug kennt.“
      Leise seufzend legte Areti eine Hand auf die Schulter ihrer Mutter. Gerade, als die Verbindung sich herstellte, die Hand auf der Schulter zum liegen kam, geschahen mehrere Dinge zeitgleich. Aber eine Veränderung war so weltverändernd, dass sie wie ein Leuchtfeuer durch die tiefste Nacht brach.
      Areti spürte Zoras' Aura.
      In der Sekunde, wo sich ihre Augen weiteten, ging bereits ein Ruck durch Kassandras Körper. Wenn Areti ihn spüren konnte, dann war es auch für jeden anderen Gott in dieser Feste möglich. Während Kassandra überstürzt aus dem Raum flüchtete, galt Aretis Sorge jemand anderem. Und so verschwand sie in der gleichen Geschwindigkeit aus dem Raum, wie sie es aus dem Wagen bei Zoras getan hatte.

      Kassandras Atem überschlug sich. Es hatte nur den Bruchteil einer Sekunde gebraucht, damit sie Zoras' Aura als solche erkennen konnte. Sie würde sie unter Millionen anderen erkennen, das Licht, das ihn begleitete, war so strahlend geworden, dass es alle anderen überschattete. Die Wärme, die er ausstrahlte, reichte aus, um auch das letzte Bisschen Eis um ihr Herz herum zu schmelzen. Und dann war da auch noch Amartius' Aura in seiner direkten Nähe. Sie waren zusammen zu ihr gekommen. Ihre Familie war gekommen, trotz all der Widrigkeiten.
      Schwer atmend rannte Kassandra durch die Gänge, stieß dabei achtlos gegen Bedienstete und rannte weiter zu den Treppen, die sie auf die Zinnen der Feste führten. Würde Kassandra nicht so sehr darauf vertrauen, wie genau ihre Fähigkeiten waren, dann hätten quälende Zweifel sie nun übermannt. Dass es ein Trick war, um sie noch weiter zu verletzten als ohnehin schon. Wie sollte es sonst möglich gewesen sein, ihn nicht zu bemerken, wenn er bereits an den äußeren Toren stand?
      Als sie die Luke zur Plattform an den Zinnen aufstieß und der beißende Wind ihr Haare erfasste, bemerkte sie ihn nicht. Hastig stürzte sie bis an den Rand der Mauern, wo sie sich halb darüber lehnte und endlich bis zu den Toren sehen konnte. Ihre Finger ließen den eisüberzogenen Stein krachen und brechen, so viel Kraft brachte sie auf, als sie drei Menschen das Tor passieren sah.
      Und einen davon zielsicher erkannte.
      Ihre Beine drohten ihr den Dienst zu versagen als sämtliche Nerven in ihrem Körper auf einmal zu explodieren drohten. Aus der Entfernung sah sie ihn schwer vermummt gegen die Kälte, aber die Statur passte. Der Gang passte. Sogar die verdammte Haltung passte, selbst wenn sie nicht mehr so raumgreifend war wie damals. Ihr Herz schien auszusetzen als Tränen ungehemmt ihre Augen fluteten und siedend heiß über ihre Wange rann. Er war es wirklich.

      Areti tauchte unten auf dem Hof wie aus dem Nichts vor Zoras, Faia und Tysion auf, die den Karren am Tor zurücklassen mussten und den Aufweg zu Fuß bestreiten sollten. Der Weg zwischen Tor und Feste war eine kleine Kopie der Eiswüste vor der Stadt und war völlig unaufregend gehalten. Aber Aretis Gestalt, umzogen von Flammen und einer überdeutlichen Präsenz, ließ sowieso alles als nichtig erscheinen. Einen kurzen Moment fand sie Zoras' Blick, der sie verdutzt anstarrte aufgrund ihres plötzlichen Auftauchens. Mehr Zeit bekam sie allerdings nicht, denn die schweren eisenbeschlagenen Türen der Feste schwangen auf und ein Blitz aus Feuer schoss hinaus. Areti war keine Sekunde zu spät um sich zwischen Zoras und ihren wutentbrannten Vater zu stellen, der ungebremste und Areti krachte. Ein Feuerball umschloss die beiden Phönixe, der sich erst nach dem Aufeinandertreffen auflöste und die Sicht auf Areti preisgab, die Telandirs Waffenhand mit seinem Speer zu Boden gelenkt hatte. Zornige grüne Augen funkelten an seiner Tochter vorbei zu Zoras.
      „Du musst lebensmüde sein, dass du freiwillig zu mir kommst“, grollte Telandir, woraufhin Areti den Speer aus dem Boden riss und ihn unsanft gegen ihren Vater stieß, der darauf einige Schritte zurück taumelte. „Wenn du so sehr den Tod sehnst, hätte ich dir doch besser das Herz auf dem Schlachtfeld herausgerissen!“
      „Telandir,schweig!“, fuhr Areti ihren Vater an und die Flammen, die sie umgaben, zuckten nervös.
      Telandir hörte nicht auf sie und griff ein weiteres Mal an. Wieder geschah es in atemberaubender Geschwindigkeit. Areti drehte sich halb ein, packte den Arm ihres Vaters und nutzte seinen eigenen Schwung, um ihn um sie herum zu drehen und weg von ihr und Zoras zu schleudern. Wegen des unheimlichen Schwunges flog Telandir einige Meter ehe er sich fing und regelrecht vor Wut schäumte. „Was fällt dir ein, einenMenschen zu schützen, Areti?!“
      Nun schenkte die Tochter ihrem Vater kein Gehör. Stattdessen hob sie einen Arm und deutete mit ihrem Finger auf die hohen Zinnen der Feste. Dort, wo Kassandra sie ohne Zweifel sehen konnte. „Zoras, seht hinauf. Dort oben steht sie und sieht uns!“
    • Die Wachen am Tor waren griesgrämig und unkooperativ, aber etwas anderes hatten sie wohl kaum erwartet. Sie redeten schnell und das ganze Trio hatte Mühe, sie zu verstehen; nur der Brief, den Faia brav vorzeigte und der wohl sicherlich genug Informationen beinhalten sollte, wurde einigermaßen akzeptiert. Dann wurde der Wagen durchsucht, Fragen wurden gestellt, die keiner der drei verstehen konnte, und nachdem Tysion einigermaßen verständigte, dass sie nur hier waren um Faia abzuladen, dass sie Familie seien und sicherstellen wollten, dass die Frau nicht von einem Wyrm heimgesucht würde, wurden sie schließlich durchgelassen. Sie verließen den Wagen, der in Gewahrsam genommen wurde, und schritten durch das geöffnete Tor. Keiner verlangte, dass sie ihre Waffen abgeben würden, und das beunruhigte Zoras mehr als alles andere.
      Von der Festung war nicht viel zu sehen von dort, woher sie kamen. Die Türme waren ersichtlich, groß, breit und majestätisch, ebenso wie die Wachposten, von denen Zoras schätzte, dass sie unbesetzt waren. Der Bereich zwischen den äußeren und den inneren Toren unterschied sich in keinster Weise von dem Bereich außerhalb den Toren, außer dem, dass es hier einen richtigen Weg gab und dass man wohl diesen kleinen Puffer verwendete, um frühzeitig vor Frostwyrmen warnen zu können. Nicht, dass man das in Zeiten mehrerer Champions bräuchte, aber die Festung war vermutlich einmal erbaut worden, als es noch keine Champions gegeben hatte. Zumindest nicht hier.

      Sie waren noch nicht weit von dem Weg gekommen, der sie zu der nächsten Kontrolle bringen würde, als aus dem Nichts plötzlich Areti vor ihnen auftauchte. Nichts hatte die Phönixin angekündigt, Zoras blinzelte und dann stand sie einfach dort, unbewegt, so als wäre nie etwas anderes gewesen. Faia gab einen überraschten Laut von sich.
      Zoras' und Aretis Blicke trafen sich, aber noch bevor einer etwas sagen konnte, schwang das entfernte Tor mit einem Ruck auf und eine Form glühenden Feuers krachte heraus, so schnell, dass man gerade noch wahrnehmen konnte, dass es sich um ein großes, brennendes Etwas handelte, bevor dieses Etwas auch schon die Distanz zwischen ihnen verringert hatte. Alle drei Menschen zuckten in ihren instinktiven Fluchtversuchen vor dem lauten, knisternden Ding; mehr Zeit hatten sie sowieso nicht, da krachte es erneut, als die Feuerform auf Areti prallte. Ein Flammenmeer stieg auf und hüllte beide Gestalten ein, da waren die Menschen auch endlich so weit, um den ersten Schritt nach hinten gesetzt zu haben. Zoras griff nach Amartius an seiner Hüfte und in dem Augenblick, in dem sich seine Finger um den festen, wohlgeformten Griff schlossen, stach ein grünes Augenpaar aus den auflösenden Flammen hervor. Noch bevor die Sicht zur Gänze freigegeben wurde, wusste er es: Telandir.
      Die beiden Phönixe standen in einer Kampfhaltung, die implizierte, dass ein ganzes Gefecht ausgetragen worden war, noch ehe sie in diese Position angekommen waren, nur dass allerhöchstens eine Sekunde vergangen war. Die drei Menschen waren noch immer im Begriff, Abstand zwischen sich und den Göttern zu bekommen, da waren die Flammen schon wieder versiegt und der Phönixvater starrte selbst über die Distanz hinweg Zoras nieder.
      Zoras zog jetzt erst Amartius. Faia sprang mit einem Schrei nach hinten und Tysion ahmte Zoras nach, wenngleich seine Muskeln so angespannt waren, dass er wohl bei dem ersten Geräusch auch wegzucken würde. Beide Kuluarer starrten mit bleichen, aufgerissenen Augen auf die beiden Phönixe und auch Zoras spürte das Herz in seiner Brust bis in seinen Hals hinaufschlagen. Hier war also Telandir, der Mann, der für alles verantwortlich war, der einzige auf Erden, dem Zoras bis ans Ende der Welt gefolgt wäre, um ihm eine Waffe durch das Herz zu treiben. Sie waren zwar nur ein einziges Mal aufeinander gestoßen und doch war der Phönix Zoras' Erzfeind - und auch andersherum, wurde ihm jetzt klar, als der Champion mit einer Inbrunst aus Zorn zu ihm sprach. Zoras, der Mensch, hatte etwas getan, um bei Telandir, dem Phönix, einem Feindbild zugeordnet zu werden. Und irgendwie glaubte er zu wissen, was das genau sein mochte.
      Er packte sein Schwert fester und auch wenn er wusste, wie unsinnig es war, mit seinem toten Sohn sprechen zu wollen, glaubte er doch sich einbilden zu können, dass er seine Präsenz bei sich spürte.
      Amartius.
      Dein Vater ist hier. Mein Leben liegt in Aretis Händen. Wenn sie versagt, dann lass mich versuchen, ihn ein Mal zu treffen. Nur ein einziges Mal, eine einzige Wunde von einem Menschen. Es wird ihn nicht aufhalten und es wird mir nicht das Leben retten, aber ich muss ihn dort treffen, wo es weh tut. Und von einem Menschen getroffen zu werden, tut sicher mehr weh als alles andere.
      Schaffen wir das? Gemeinsam, Amartius?
      Er bekam keine Antwort. Stattdessen krachten die beiden Phönixe wieder aufeinander und wieder geschah alles so schnell, dass das menschliche Auge kaum die Bewegungen registrieren konnte. Erst, als Telandir durch die Luft flog, ein erstaunlicher Anblick, umso erstaunlicher, weil er einige Meter weit flog, konnte man wohl die Lücke gedanklich schließen. Wieder fauchte der Phönix, aber dieses Mal ignorierte ihn seine Tochter und hob stattdessen den Arm. Und Zoras ließ keine Sekunde verstreichen, ihrem Finger zu folgen.
      Die Zeit schien stehenzubleiben. Seine Augen registrierten die einzige Abhebung auf den Zinnen, die einzige Veränderung in dem eintönigen Stein und dem grauen Himmel, die Gestalt, die dort in der Ferne stand und zweifellos auf sie herunterblickte. Sein Atem setzte aus, sein Herz hörte auf zu schlagen und die Welt hörte auf, sich zu drehen, als er sie schlagartig erkannte. Zoras' Pupillen weiteten sich, seine Augen gleich mit dazu und er sah. Kassandra.
      Die Phönixin war zu weit entfernt, um ihr Gesicht zu deuten, um überhaupt sehen zu können, ob sie tatsächlich zu ihnen hinab sah, aber Zoras konnte trotzdem spüren, wie sich ihre Blicke begegneten, es war wie ein Stromschlag durch seinen Körper, der seine Gedanken auslöschte und seine Muskeln erstarren ließ. Er sah sie und er war der vollständigen Überzeugung, dass sie ihn im gleichen Moment auch sah. Es war Kassandra, ganz ohne Zweifel, nicht etwa, weil Areti ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, sondern weil er sie erkannte, selbst über die Distanz hinweg, selbst ohne ihr Gesicht vollständig erkennen zu können. Ihre Haare ergossen sich in struppigen Strähnen über ihre schmalen Schultern, ihre Gestalt war vorgebeugt, ihre Hände mit den Zinnen verankert, so wie es schien, und er war sich sicher, dass sie es war. Kassandra. Seine Kassandra. Nicht mehr als 500 Meter von ihm entfernt.
      Sein Herz machte einen Satz, der so stark war, dass es ihm spürbar das Blut durch den Körper schoss.
      "Kassandra..."
    • Es knirschte, als der Stein unter Kassandras Fingern nachgab und zuerst Risse bekam und dann abplatzte. Sie hatte gerade noch gesehen, wie sich ihre Tochter zwischen Telandir und Zoras stellte und offensichtlich nur einen Stillstand erzeugen wollte. Denn wenn sie ernsthaft in Betracht gezogen hätte, ihren Vater kampfunfähig zu machen, dann hätte sie es binnen eines Wimpernschlages tun können. Areti löste die Situation nicht auf, sie erkaufte Zeit.
      So viel Zeit, dass Kassandra mit ansehen konnte, wie Areti den Arm hob und in ihre Richtung wies. Die siedend heißen Tränen hatten Kassandras Blick nur kurz getrübt und als sie erneut zu Zoras blickte, fanden sie einander. In diesem Moment schien sämtliches Leben aus der Phönixin zu entweichen. Die Freude darüber, dass er sie gefunden hatte, löste sich im Nichts auf. Die Sorge, was er von ihr halten würde, löste sich im Nichts auf. Selbst die Wut, die zeitweise ihr ständiger Begleiter geworden war, verpuffte einfach. Schlagartig fühlte sich Kassandra wie leergefegt während sie sogar aus dieser Distanz sehen konnte, wie sich ihr Name auf Zoras' Lippen formte und sie sich sicher war, dass der eisige Wind seine Stimme bis zu ihr hinauf getragen hatte.

      „Wag es nicht, ihren Namen zu nennen!“, geiferte Telandir ein weiteres Mal, den Speer dieses Mal auf Schulterhöhe erhoben, so als wolle er ihn werfen.
      Areti hätte fast die Augen verdreht. Offensichtlich war ihr Vater nicht nur zerfressen, sondern auch noch völlig überheblich und von sich selbst überzeugt. „Ich hoffe du weißt, dass ich deinen Speer einfach abfangen kann?“
      Telandir knirschte mit den Zähnen, seine komplette Aura triefte vor Zorn und Abscheu. Man sah ihm auch ohne Kenntnis an, dass er ratlos war. Er besaß gerade noch so viel Kontrolle, nicht kopflos auf seine Tochter loszugehen. Dass er sie nicht umgehen konnte ohne seine Essenz zu besitzen war ihm ein Dorn im Auge, den er so noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Dieser erzwungene Stillstand sorgte dafür, dass sein Verstand wieder in einem vernünftigen Ausmaß arbeiten konnte und Erstaunen mischte sich in seine vor Zorn verzerrte Miene. Seine Augen glitten über Zoras hinweg zu seiner Waffenhand und dem Schwert. Ein paar Sekunden später flackerte Erkenntnis in seinen Augen auf und er senkte den Speer.
      „Und ich habe mich schon gewundert, warum ich ihn bei dir spüre und ihn nicht sehe. Was hast du mit dem Jungen angestellt, dass er dir ein Artefakt da lässt? Wie willst du Kassandra das bitte erklären?“, begann er höhnisch zu grinsen und deutete auf das Schwert in Zoras' Hand.

      Ein hastiges Klappern schlich sich vage in Kassandras Wahrnehmung. Es reichte jedoch nicht aus, dass sie auch nur eine Sekunde den Blick von ihrem Herzog nahm, der dort unten sich zwei Phönixen gegenüber stehen sah und nur Augen für sie hatte.
      „Erklärst du mir mal bitte, warum Telandir so völlig die Fassung verliert, Kassandra? Das sind doch nur Menschen da unten.“ Demataya erklomm die letzten Stufen der Treppe und strich sich ungehalten die wild gewordenen Strähnen aus dem Gesicht, die ihr der Wind entgegen peitschte. Sie trug all ihre Schmuckstücke und den dicken Fellmantel und sie wirkte mehr genervt als wahrlich besorgt. Offensichtlich wusste sie nicht, welche Rolle Zoras in ihrer Konstellation spielte. Oder sie hatte ebenfalls nicht damit gerechnet, dass er hier vor der Feste auftauchen würde.
      Schwer seufzend trat sie hinter Kassandra, die nicht reagiert hatte. Die Zarin warf einen abschätzigen Blick auf Kassandra, dann besah sie sich das Geschehen im Hof. Sie schnaubte abfällig als sie das Verhalten der Phönixin richtig deutete. „Ach, das ist dein ehemaliger Herzog? Ich bin erstaunt. Nach den Geschichten hätte er doch schon längst tot sein müssen.“ Sie machte eine Pause, betrachtete Kassandra. Dann streckte sie den Rücken durch und rief lauter in den Hof herunter: „Telandir, ich fürchte, du musst ihn vor ihren Augen erlösen damit sie endlich loslassen kann.“
      Erst da versteifte sich Kassandra. Im nächsten Moment fuhr sie so schnell herum, dass die Zarin nicht einmal zurückzucken konnte. Schraubstockartig legten sich Kassandras Finger um den befellten Unterarm der Zarin und drückten so fest zu, dass sie schmerzerfüllt auf keuchte.
      „Stirbt er hier und heute wirst du und dein Land folgen“, warnte Kassandra, die Augen aufgerissen und tief gefärbt mit dem abgrundtiefen endlosen Zorn, der über Jahrhunderte in ihrem Inneren kultiviert worden war.
      Dematayas Augen verfinsterten sich. „Lass los“, befahl sie und der Zwang über ihren Bund war so stark, dass die Phönixin mit einem Zischen ablassen musste. Trotzdem trat die Zarin einen Schritt zurück und rieb sich den Unterarm. „Droh mir weiter und ich sorge dafür, dass du bewegungslos wieder in den Zellen landest.“
      Kassandras Brust schmerzte. Die Leere in ihrem Inneren war ersetzt worden durch den endlosen Hass und trieb ihr jedes andere Gefühl aus. Sie hasste es hier. Sie hasste, was aus ihr geworden war. Nichts anderes schien von Belang als diese ganze Feste niederzureißen und diesem eingebildeten Menschen und dem verdammten Phönix unten im Hof ein für alle Mal das Licht zu nehmen. Ihre eigene Hilfslosigkeit hatte sie zermürbt über die Jahre hinweg, wobei sich die Fronten alle um sie zu streiten schienen.
      Sie hatte es so satt.

      „Telandir, ich fürchte, du musst ihn vor ihren Augen erlösen damit sie endlich loslassen kann.“
      Telandir erstarrte. Areti lächelte sanftmütig. Scheinbar hatte da noch jemand nicht verstanden, wie das Machtverhältnis wirklich war. Dieser Satz kam einem Befehl schon erschreckend nahe und Areti versuchte zu entziffern, ob das schon genügte, um Telandir in eine Handlung zu zwingen, die er definitiv nicht begehen wollte. Denn er wusste ganz genau, dass er gegen einen ungebunden Gott keine Chance hatte, egal ob er nur wenige Stunden erst alt war.
      „Vielleicht solltest du deiner Zarin einmal erklären, wie es um unser Verhältnis steht?“, schlug Areti vor und gab ihre wachsame Haltung auf, um sie gegen einen entspannten Stand zu tauschen. Sie ließ es sich nicht anmerken, aber ab jetzt wurde es wirklich interessant. Sie musste dafür sorgen, dass ihr Vater Zoras nicht bei der erstbesten Gelegenheit attackierte, damit sie sich die Essenz von der Zarin holen konnte. Von den Zinnen war ihr eine unglaubliche Schwere entgegen geschlagen, die eindeutig von Kassandra stammte. Diese war allerdings schlagartig verschwunden und nun rollten Wellen des Hasses wie riesige Brecher über sie hinweg. Telandir schien es nicht mehr wahrzunehmen, er befand sich in seinem eigenen Kampf, doch Aretis Blick huschte immer wieder hoch zu ihrer Mutter. Da war nichts außer Hass, was sich schwer über die Steinmauern gen Boden ergoss.
      Das war nicht gut.

      „Komm schon, Kassandra. Sag mir, dir gefällt mein kleines Geschenk.“
      Kassandras glühende Augen glitten an der Zarin vorbei, die erschrocken herumwirbelte und einen jungen Mann mit braunen kurzen Haaren neben sich stehend vorfand. Seine leuchtend grünen Augen wirkten amüsiert und erheitert während er mit in die Hüften gestemmten Händen einfach dastand.
      Sogleich richtete sich Kassandras Zorn auf diesen Mann. „Du hast seine Aura so lange versteckt.“
      Loki grinste breit und zuckte mit den Schultern. „Man soll Überraschungen doch nicht kommen sehen.“
      „Man bezeichnet Menschen und ihr Leben nicht als Überraschung“, zischte sie ihn an während Demataya zwischen den beiden Göttern hin und her sah.
      „Loki, ich habe dir nie erlaubt, dass -“
      Der Gott schnitt seiner Trägerin das Wort mit einer wedelnden Geste seiner Hand ab. Er verdrehte die Augen und seufzte genervt. „Und da haben wir wieder das Problem der Menschheit. Ihr seid überheblich, egozentrisch und seid nicht weitsichtig. Ihr überseht gern das Kleingedruckte.“
      Er spazierte an den beiden Frauen vorbei bis er am Rand der der Zinnen stand und auf den Platz blicken konnte. Die Zarin starrte ihn fassungslos mit weit aufgerissenen Augen an während ihre Hand langsam zu der Spange in ihrem Haar wanderte, die aus einem einzigen Smaragd gefertigt zu sein schien. Kassandra ließ ihn nicht einen Moment aus den Augen, trat jedoch an seine Seite als er ihr mit einem Zeichen zu verstehen gab, dass sie zu ihm kommen sollte.
      „Übrigens gilt das gleiche für dich, meine Liebe. Du bist so hingerissen davon, dass dich dein Mensch gefunden hat, dass dir scheinbar andere Dinge entgehen. Was hatte dir deine Tochter noch gleich gesagt vor ein paar Tagen?“, fragte er die Phönixin und mit jedem Wort, das er sprach, mischte sich mehr Gift in sie hinein.
      Drei Sekunden. Es waren drei Sekunden, die Kassandras Verstand brauchte um zu verstehen, was Loki mit seinen Worten bezweckte. Als sie nun den Blick hinunter warf und Zoras fand, lag ihr Fokus auf etwas anderem. Die Wut, die vorhin noch alles zu bestimmen schien was sie ausmachte, schien plötzlich nicht mehr wichtig. Die Anspannung wich aus ihrem Gesicht und machte dem Terror Platz, der sich erst jetzt wahrlich in ihr manifestierte. Sie erinnerte sich daran, was Areti ihr gesagt hatte. Was sie selbst gefühlt hatte. Ihre Familie war gekommen. Nicht nur ihr Liebster. Ihr Herz setzte aus als sie die Aura ihres Sohnes immer noch bei Zoras spürte, ganz nah, so nah, dass er eigentlich neben ihm stehen müsste. Und wenn sie der Aura folgte, den Ursprung ausmachte, dann sahen ihre Augen nur ein tiefschwarzes Schwert in Zoras' Hand. Ein gezogenes Schwert, tiefschwarz wie die Asche, aus der Phönixe auferstanden. Eine Klinge in Perfektion, wie kein Schmied der Welt sie jemals hätte aus der Esse ziehen können.
      Zoras hielt die Überreste ihres gemeinsamen Sohnes in der Hand.
      Zu viele Emotionen erfassten Kassandra, als dass sie sie hätte benennen können. Zu viele Emotionen, für die sie nicht bereits war, zu viele, als dass sie sie auf einmal hätte stemmen können. Das war der Moment, der sie wahrlich in die Knie zwang und ihre Fingernägel über den kalten Stein der Mauer schrappten als sie auf dem Boden aufkam. Ihre Augen waren geweitet, ihr Brustkorb quittierte ihr den Dienst. Sie konntenicht atmen.
      Loki an ihrer Seite bedachte sie kurz mit einem Blick und stieß sich dann von der Mauer ab. Gelassen schlenderte er zu der Zarin herüber, deren Augen sich mit Angst füllten als der Gott auf sie zu kam. „Was hast du vor?“, presste sie zwischen den Zähnen hervor und fror an Ort und Stelle fest.
      „Mir ein bisschen Spaß erlauben“, beantwortete er ihre Frage wahrheitsgemäß als er vor ihr stehen blieb und seine Hand ausstreckte, um die grüne Haarspange aus ihrem Haar zu nehmen und sie vor ihr Gesicht zu halten. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mich auf so einen Handel mit Menschen einlassen würde. Du hattest nicht eine Sekunde lang auch nur einen Funken Gewalt über mich.“ Mit diesen Worten zerfiel die Spange zu Staub und wurde vom Wind davongeblasen.
      Demataya hatte keinerlei Farbe mehr im Gesicht. Zeitgleich mit dem Verschwinden der Spange zerfielen auch alle anderen Schmuckstücke zu Staub, bis auf Kassandras Amulett und Telandirs Ohrringe. Alle anderen Essenzen, die sie besaß, waren Trugbilder gewesen. Geschaffen durch Lokis ungezügelte Macht, weshalb keiner der Phönixe die Täuschung hatte erkennen können. Sie alle waren ihm auf den Leim gegangen.
      In völliger Ruhe nahm Loki Demataya Kassandras Amulett ab. „So, das wirst du nun auch nicht mehr brauchen“, grinste er zufrieden und ließ die Zarin einfach so stehen, um an Kassandras Seite zurück zu kehren.
      Noch immer saß sie am Boden, eine augenscheinlich gebrochene Kreatur. Ihr Atem ging nur krächzend, so als müsse sie gewaltsam ihre Lungen auseinander reißen, um Luft zu holen. Sie fühlte noch immer viel zu viel auf einmal. Zu viel, als dass sie es aushalten konnte. Nicht nur war sie mental gebrochen worden, zu Dingen gezwungen worden, die sie nie wollte. Sie wurde von ihresgleichen krankhaft geliebt, hatte zwei Wesen von ihrem Blute in die Welt gesetzt, von denen das eine gewünscht und nun tot war und das andere noch lebte und sie sich für den Umstand schämte, wie sie entstanden war. Von ihrem Stolz war kaum noch etwas übrig geblieben, von ihrem Herz waren nur noch Fragmente übrig. Und diese drohten auch jetzt völlig zu Asche zu zerfallen.
      „Das muss alles unglaublich schwer zu ertragen sein, oder?“ säuselte Loki, den Kassandra nur halbherzig hörte. „Unfähig zu sein, sich wehren zu können. Gefangen zu sein dank der eigenen Dummheit. Dabei könnte es doch so einfach sein, oder? Stell dir mal vor, du hättest dein Herz zurück. Dann könntest du sie alle dafür bezahlen lassen, was sie dir angetan haben. Steh auf, Kassandra.“
      Lokis letzte Worte waren ein unmissverständlicher Befehl. Schluchzend, und das bekam Kassandra gar nicht selbst mit, kämpfte sie sich wieder auf die Beine und brauchte den Stein als Stütze, um nicht wieder in die Knie zu gehen. Ihre Sicht war verschwommen, die Luft dick wie Teer und die Zeit nonexistent. Es gab keine Worte, die es zu sprechen galt. Nichts, was ihr diesen unglaublichen Schmerz nehmen könnte. Nichts, was diesen endlosen Zorn jemals befriedigen würden. Dafür müsste die gesamte Welt brennen.
      Das Grinsen auf Lokis hübschen Gesicht wurde breiter, Wahn schien sich darunter zu mischen. Er streckte die Hand von sich, herab baumelte ein goldenes Amulett mit einer wild brennenden Flamme im Inneren.
      „Es wäre so einfach, nicht wahr?“

      Areti strauchelte und auch Telandir schnappte nach Luft. Die Blicke beider schossen die Zinne hinauf als etwas so Mächtiges sie berührte, dass sie wussten, dass es ein entfesselter Gott sein musste. Loki hatte seinen Schleier gelüftet und das Entsetzen stand in die Gesichter der Phönixe geschrieben. Es wuchs sogar noch als sie sowohl Loki als auch Kassandra am Rand der Mauer erspähten und zeitgleich sahen, was er in Händen hielt.
      „Nicht!“ - „Nein!“
      Die Rufe der beiden Phönixe waren voller Entsetzen, wohl wissend, dass sie es nicht mehr aufhalten konnten. Aus Aretis Rücken brachen Flügel aus Flammen während sie Anstalten machte, hoch zu den Zinnen zu fliegen. Doch ihr Versuch würde vergebens sein. Mit vor Schreck geweiteten Augen konnten sie nur zusehen, wie Loki noch etwas sagte und dann das Amulett weit von sich nach vorn warf.
      Und Kassandra eine Sekunde später über die Brüstung der Zinnen in die Tiefe sprang.

      Es war eine rein körperliche Reaktion, die Kassandra über den Stein in die Tiefe stürzte. Ihre Augen hatten sich in ihr Amulett gebrannt, das wie in Zeitlupe durch die Luft segelte und gar nicht mitbekommen, wie sie selbst zu fallen begann. Der Wind riss an ihren Haaren, an ihrer Kleidung, trieb ihr die Tränen aus den Augen und reichte doch nicht, um sie abzuhalten. Ihr Arm war ausgestreckt während sie fiel, Zentimeter um Zentimeter näherte sie sich ihrem Herzen. Die Schreie aus dem Hof drangen nicht zu ihr durch, ihre Welt bestand nur noch daraus, ihr Herz zurück zu bekommen. Denn dann wäre sie frei. Dann könnte sie die Welt dafür bezahlen lassen, was man ihr angetan hatte. Was man ihr erst geschenkt und dann genommen hatte. Die Wut schien das zu sein, was sie ausmachte, was schon immer ihr Grundbaustein gewesen war. Der Hass, der sich als schwarzes Feuer in ihr gebildet hatte, war etwas gewesen, was sie immer verabscheut und gefürchtet hatte. Aber nun hieß sie ihn willkommen, ließ sich von ihm einhüllen und völlig verzehren. Nur noch Zentimeter trennten sie von ihrem Amulett, aus dem Augenwinkel sah sie helle rote Flammen und spürte vage Panik aufbrechen, doch es scherte sie nicht.
      Denn endlich, nach Ewigkeiten der Qual, schlossen sich Kassandras Finger um ihr Amulett und der Himmel riss auf.

      Aretis Flammen erloschen in dem Moment, als ihre Mutter ihr Amulett berührte. Mehrere Dinge geschahen zeitgleich und eins war schlimmer als das andere. Der Himmel brach auf. Er brach wortwörtlich auf, denn Risse zogen sich durch das Blau und gaben den Blick auf verzerrte Farben aus lila, grau und grün frei. Zeitgleich ging Kassandra noch in der Luft in einem gigantischen roten Feuerball auf, der auf den Boden aufprallte und sofort von tiefschwarzen Flammen verzehrt wurde bis nichts mehr von dem schönen Rot vorhanden war. Die Präsenz einer Einheit, einer zornerfüllten und verdorbenen Göttin stellte sogar Lokis Eindruck in der Hintergrund, der nur auf den Zinnen stand und lachte. Telandir taumelte rückwärts, erstmals stand Furcht auf seinem Gesicht geschrieben. Selbst Areti wankte unter dem immensen Druck, der von ihrer Mutter ausging und ihre Flammen einfach erstickte. Solch eine Urgewalt hatte sie weder erlebt noch erwartet. Sie hatte das Schicksal beeinflusst. Nicht Zoras hatte ihr ihre Essenz zurückgegeben, sondern Loki. Er hatte das Schicksal manipuliert.
      Dann erhob sich durch die Stille eine Stimme. Eine so wunderschön klingende Stimme, die in ihren Köpfen widerzuhallen schien, dass ihnen allen klar war, dass das die Stimme eines ungebundene Gottes war. Nie zuvor hatte Areti die Stimme ihrer Mutter so gehört und es trieb ihr die Tränen in die Augen als sich die Stimme weiter erhob und so zerrissen war zwischen Schmerz und Hass.

      Schau mich an, wie es mir geht.
      Es gibt nur so viel, um mich durch den Tag zu bringen.
      Dann schließ' ich meine Augen und lass' mich gehen.
      Weit, weit weg und vor langer, langer Zeit.
      Gemeinsam in den Tagen von Silber und Gold.
      Weit, weit weg und vor langer, langer Zeit.
      Und ich bin zurück, ich bin wieder da, wo ich hingehöre.
      Erst jetzt bin ich wieder da, wo ich hingehöre.

      Erst jetzt bin ich wieder da....

      Dann löste sich der gigantische schwarze Feuerball auf und gab den Blick frei auf einen Phönix, so anders als Areti es gewesen war und zeitgleich doch ähnlich. Kassandra war in ihrer ursprünglichen Gestalt, ein Vogel, fast so groß wie die Feste selbst. Ihr Federkleid sah aus wie das von Areti, mit den kreisrunden Mustern auf den Federn und dem eleganten, schlanken Hals und dem scharfen Blick. Doch anstelle der feuerroten Federn war sie vollkommen schwarz. So tiefschwarz als würde sie das Licht selbst schlucken und ihre rubinroten Augen das Tor zur Hölle öffnen können. Fünf lange Stoßfedern ragten hervor als sie ihre Schwingen ausbreitete und den Kopf in die Höhe reckte, als sähe sie zum ersten Mal die Sonne in ihrem Leben.
      Langsam, oh so langsam, senkte Kassandra den Kopf und richtete ihren Blick auf die Gruppe vor ihr, nichts anderes als abgrundtiefer Hass und Schmerz begleitete sie.
    • Zoras' Blick hatte sich in Kassandras verankert, er konnte sich nicht von ihr abwenden, er hielt seine geweiteten Augen auf sie gerichtet, ohne zu blinzeln. Sie war ihm so, so nahe. Die Bedrohung der beiden Phönixe alleine, die noch immer unmittelbar vor ihm war, war das einzige, das ihn davon abhielt, den letzten Weg bis zu den Zinnen zu laufen und mit bloßen Händen daran empor zu klettern. Er hätte es getan - bei den Göttern, nach all dem, was er durchgemacht hatte, um Kassandra zu finden, wäre er auf den höchsten Berg für sie geklettert.
      Aber Telandir stand dazwischen und obwohl Zoras ein hohes Maß an Selbstopferung aufbrachte, sollte sie doch nie hoch genug sein, um ihm vor seinem Ziel das Leben zu kosten. Alles, nur das nicht.
      So, wie jetzt aber Zoras damit haderte, so kurz vor seinem Ziel zu sein und doch nicht ganz zu Kassandra durchzukommen, so schien auch Telandir nicht den gleichen Schritt machen zu wollen - aus den exakt selben Gründen. Areti bildete eine Schranke zwischen ihnen, die sich nicht öffnete, und solange das nicht geschah, würde Telandir nicht vorstoßen und solange Telandir nicht verschwand, würde Zoras nicht vorstoßen. Sie waren in einer Pattsituation angelangt und keiner von ihnen machte Anstalten, jemanden von ihnen als Verlierer auszuerkoren.
      Nur entschied Telandir sich dann dazu, diese Gegenüberstellung mit anderen Taktiken zu beschreiten. An einem anderen Tag hätte Zoras sich vielleicht nicht von den Worten des Phönix beirren lassen, egal, wie harsch sie auch sein mochten, aber an diesem speziellen Tag, zu dieser speziellen Stunde lagen seine Nerven blank. Sein Blick wurde fortgerissen von der Liebe seines Lebens und setzte sich stattdessen auf ihrem schäumenden Artgenossen fest, der genau in diesem Moment seinen Ausdruck mit einem höhnischen Grinsen erwiderte. Eigentlich hatte Zoras ihn ignoriert, aber jetzt konnte er das nicht mehr.
      "Er war mein Sohn, ich habe ihn geliebt!", knurrte er zur Antwort und obwohl er damit die zweite Frage unbeantwortet ließ, weil er wirklich nicht wusste, wie er diese Information an Kassandra verpacken konnte, war es doch eine Antwort auf alles. Er hatte ihn geliebt und wenn er gekonnt hätte, wenn ihm nur die Möglichkeit geboten würde, hätte er sich jederzeit vor Amartius in den Rachen des Frostwyrms geworfen, nur, dass ihm dabei genauso bewusst war, dass damit nichts gewonnen worden wäre. Zoras' Opfer hätte niemandem etwas gebracht, Amartius hatte mit seinem Tod ihnen allen das Leben gerettet.
      Vielleicht würde er das Kassandra sagen. Vielleicht würde er ihre Aufmerksamkeit darauf lenken. Aber schon, als er gedanklich das Gespräch dazu zu formen versuchte, schoss ihm durch den Kopf, wie Telandir hatte erkennen können, dass es Amartius war, den Zoras in der Hand hielt. Und wenn er es schon erkannt hatte...?
      Sein Blick schoss zurück zu den Zinnen, jagte seiner Geliebten nach, so nah und doch so fern, aber er erkannte, dass sie nicht mehr alleine war. Eine Frau stand bei ihr und sie lehnte sich in dem Moment, als Zoras' Augen sich wieder auf Kassandra festsetzten, nach vorne und rief auf den Platz hinab: „Telandir, ich fürchte, du musst ihn vor ihren Augen erlösen damit sie endlich loslassen kann.“
      Beide Liebenden bewegten sich gleichzeitig, auch wenn ihnen das vermutlich gar nicht bewusst war. Kassandra wirbelte herum und Zoras richtete sich seitlich aus, automatische Kampfhaltung, Amartius nach außen geneigt aber unmissverständlich nach Telandir ausgerichtet. Nur ein Treffer. Selbst das war für einen Menschen im Kampf mit einem Champion mehr als zu viel verlangt, aber Zoras' Wille war schon immer so eisern wie der Stahl seiner Waffe gewesen und an diesem Tag gab es wohl nichts härteres als Zoras' Willen auf der ganzen Welt. Er hielt Amartius ausgerichtet und er war bereit für den Phönix, so bereit, wie man in dieser Situation nur je sein konnte.
      Aber Telandir rührte sich nicht. Die Schranke, Areti, war immer noch zwischen ihnen und ganz anscheinend hatte die Frau, die Zoras für Demataya hielt, nicht ausdrücklich genug gesprochen, um den Phönix zur Handlung zu zwingen. Er starrte und Zoras konnte geradezu die Anspannung sehen, die ihm durch den Körper und besonders durch den Kopf floss. Dieser Champion arbeitete gerade mit Hochtouren an einer Lösung, die Aretis Hände umgehen und gleichzeitig das vollbringen könnte, was er selbst und auch seine Trägerin wollte. Und auch wenn Zoras in seiner Haltung nicht zurückwich, machte sich doch eine leise, flüsternde Angst in ihm breit. Sobald dieser Champion zu einem Ergebnis kommen würde, würden keine Worte mehr ausgetauscht werden. Dann würde Blut fließen.

      So weit kam es dann aber doch nicht. Es vergingen mehrere Augenblicke der angespannten Erwartung, in der Areti abwechselnd zu ihrem Vater und zu den Zinnen blickte und Telandir dreinsah, als könne er jeden Moment von innen heraus platzen, als beide Phönixe zuckten. Nichts war geschehen, zumindest nichts, was sich auch Zoras offenbart hätte, der seinen Blick diesmal nicht von Telandir nehmen wollte, und trotzdem schien etwas geschehen zu sein, etwas unsichtbares, an dem er nicht teilhaben konnte. Nur einen kleinen Augenblick lang huschte sein Blick zu den Zinnen, aber Kassandra war nicht mehr zu sehen. Er wusste nicht, was dort vor sich ging.
      Dann wankte Areti plötzlich und Telandir machte ein Geräusch, als hätte er vergessen zu atmen. Diesmal zuckte auch Zoras, aber er hatte noch immer nicht begriffen, was vor sich ging, als beide Götter sich von dieser Gegenüberstellung abwandten und stattdessen... zu den Zinnen hochriefen? Nein? Was nein? Zoras starrte selbst, auch wenn er für einen Moment abgelenkt wurde von den riesigen Flügeln, die aus Aretis Rücken sprossen. Er starrte, er sah es und seine Augen weiteten sich.
      Kassandra hechtete über den Rand der Zinnen, nicht etwa, weil sie gestoßen wurde, sondern weil sie sich freiwillig nach unten warf. In der Luft flog etwas, das zu klein war, als dass Zoras es hätte identifizieren können und Kassandra sprang dem genau nach. Sie flog und während alles viel zu schnell geschah, als dass der Söldner hätte reagieren können, weil die Phönixe riefen und Areti auf Kassandra zuraste, noch während sie durch die Luft fiel, begriff er doch, dass dieser kleine, kurze Augenblick von entscheidender Wichtigkeit war. Dass er weltenbewegend sein würde.
      Was auch immer mit Areti, mit der ganzen Versammlung geschah, ging völlig unter in dem Knall, der die Erde erschütterte, und allen darauffolgenden Geschehnissen. Der Himmel brach auf, ein furchtbar allgegenwärtiges, schleifendes Geräusch, das von oben kam und all ihre Köpfe nach oben riss. Der Himmel spaltete sich, dort, wo nichts hätte sein dürfen, taten sich jetzt Risse auf, als würde ein unsichtbares Gewebe auseinanderbrechen, und Farben strömten hervor, all die Farben, die niemals zuvor bis in den Himmel hinauf gefunden hatten. Die Menschen schrien und Zoras dachte mit einem Entsetzen, das all seine bisherigen weltlichen Gefühle um ein tausendfaches überschritt: Der Olymp. Der Olymp ist dort oben. Und er starrte, erfroren in seiner Furcht, starrte auf das Unheil, das sich über ihnen ausbreitete und das nur noch davon überschattet wurde, dass Kassandra, seine Geliebte, plötzlich in einer Explosion aufging. Erst war sie rot und dann war sie schwarz, als eine Welle purer Hitze über sie hinwegfegte und ihnen für einen Moment die Atemluft nahm. Eine Präsenz tauchte auf dem Nichts auf, ganz ähnlich wie Aretis, die sie bei ihrem Auftauchen in die Knie gezwungen hatte, nur dass diese Präsenz trotzdem so grundsätzlich verschieden war, als wären es zwei Pole, die hier aufeinander trafen. Amartius vibrierte nicht nur, er zuckte regelrecht in Zoras' Hand, aber wo er schon bei Areti Mühe gehabt hatte, sich auf den Beinen zu halten, war es hier zehnfach stärker. Er fiel auf die Knie und aus dem Augenwinkeln sah er, dass die beiden Kuluarer längst schon am Boden lagen, ausgestreckt auf dem Bauch und die Hände auf die Ohren gepresst. Zumindest davon schien er verschont zu werden, was auch immer so sehr auf die Seelen seiner anderen Artgenossen einzuhämmern schien.
      Sein Blick fuhr wieder nach oben. Eine Stimme hallte durch seinen Kopf, so vertraut und doch so fremd, so nah und doch so fern, eine Stimme, die er nur mit einer Sache der Welt verbinden konnte. Und diese Stimme sang das schönste und das tragischste Lied, das auf der Welt nur existieren mochte, das ihm jemals zu Ohren gekommen wäre, sie berührte etwas tief in ihm drinnen. Er hörte so viel Emotionen heraus, so viel Leid, und es war fast so, als wäre es sein eigenes Leid, als würde es sich mit dem Lied in ihm selbst manifestieren. Und dennoch hielt er den Kopf und den Blick erhoben, starrte auf die Flammen, die gleißend hell hätten sein müssen aber tiefschwarz waren und er beobachtete, wie sie nach und nach verblassten und den Blick auf einen Phönix freigaben, auf den schönsten Phönix, den Zoras je hätte erblicken dürfen. Er war groß und pechschwarz, sein Gefieder in einem komplizierten Muster, das jeder Schwingung des Körpers zu folgen schien. Er war wunderschön und Zoras erkannte ihn sofort, so wie er auch die Gestalt auf den Zinnen erkannt hatte.
      Und er war hin- und hergerissen zwischen seiner Erleichterung, dass seine Suche endlich ein Ende gefunden hatte, dass er Kassandra erreicht hatte und dass sie außerdem auch ihre Essenz zurückerhalten hatte, auch wenn sein Versprechen, sie ihr zurückzugeben, damit hinfällig geworden war, und dem Grauen davor, was sich gerade in Gang gesetzt hatte, zu groß, zu mächtig, als dass sein menschlicher Verstand es schon hätte begreifen können.
    • Sekunden waren zu einer unendlich langen Zeitspanne herangewachsen, als Areti noch versuchte, vor ihrer Mutter an das Amulett zu gelangen. Vor ihren Augen bekam Kassandra es zuerst zu fassen und war in einem Feuerball aufgegangen, dem Areti nicht mehr ausweichen konnte. Gott sei Dank schoss sie durch das rote Flammenmeer hindurch ehe es sich schwarz verfärbte, aber die Kraft dahinter war so stark, dass es selbst sie aus der Luft zurückschleuderte. Bevor Kassandra in ihrer Gestalt sich aus den Flammen löste prallte Areti auf dem Boden auf. Was heftiger aussah als es war, denn der Boden schien unter ihr einfach wegzubrechen. Die Flügel, die sie soeben noch gehabt hatte, waren aufgelöst worden während sie sich vom Boden erhob. Nun stand sie nicht mehr zwischen Telandir und Zoras, doch das schien für einen Augenblick auch keinen Belang zu haben. Alle Anwesenden starrten den schwarzen Phönix an, dessen Lied in ihren Köpfen dröhnte. Es waren jedoch nur Telandir und Areti die wirklich verstanden, was es bedeutete, wenn ein Phönix unter solchen Umständen sang.
      Die tiefroten Augen des Phönix besahen jeden der hier Anwesenden, angefangen bei Areti, dann Telandir und dann die Menschen im Hintergrund, die auf dem Boden kauerten. Erst dann blieb sie bei Zoras hängen, den es auf seine Knie gezwungen hatte und tapfer das Schwert nicht losließ. Plötzlich wurde die Luft erdrückend schwer. So schwer, als hätte man ihnen allen tonnenschwere Gewichte aufgelegt und den Sauerstoff aus der Luft gezogen. Selbst Areti und Telandir kämpften gegen dieses Gefühl an und während der Champion ganz offensichtlich schockiert war, verzog sich Aretis wunderschönes Gesicht in eine schmerzerfüllte Grimasse. Das, was hier gerade spürbar wurde, war ein Teil von Kassandras Schmerz, als sie sich nicht nur Zoras gegenüber wusste, sondern auch erkannte, was er da in seiner Hand hielt. Und dann schwoll ein hoher Ton in der Brust des Vogels an, ein Kreischen, so schlimm, dass es neben Trommelfellen gleich eine ganze Seele mit auseinander reißen konnte.
      Niemand wusste wirklich etwas auf dieses Unheil zu erwidern. Leise drang das Lachen von den Zinnen herunter, wo man Loki stehen sah, der sich halb auf den Stein stützte und sich das Spektakel ansah. Dann verschwand er kurz – von Demetaya war keine Spur zu sehen – und kam ein paar Sekunden später wieder zurück. Man sah ihn ausholen und dann warf er etwas, das Glänzend durch die Luft flog. Während Kassandra den Kopf zu schütteln begann, als könne sie einfach nicht begreifen, was hier vorgefallen war, landete das glitzernde Etwas zielgenau vor Telandirs Füßen.
      Seine Ohrringe. Mit fleischigen Stückchen an den Steckern.
      Der Phönix schaltete schnell genug als dass er sich regelrecht auf den Boden warf und seine Essenz zurück bekam. Zeitgleich zuckte Kassandras Kopf herum, ihre riesigen Flügel breiteten sich aus und schienen damit allein die Sonne zu verdunkeln.
      Areti sprang binnen einer Sekunde an Zoras' Seite und berührte ihn an seiner Schulter. Gerade rechtzeitig, denn von Telandir kam eine Explosion ähnlich wie bei Kassandra zuvor. Bei ihm rollte eine Feuersbrunst über den kompletten Bereich bis zu den Toren, wo die Wachen augenblicklich in Flammen aufgingen und so schnell verkohlten, dass sie nicht einmal mehr schreien konnten. Areti hatte hingegen einen transparenten Schild um Zoras und seine Gruppe gezogen, die unter dem Druck zwar schrumpfte, aber nicht brach.
      Kassandra gewährte Telandir nicht einmal, sich vollkommen aus seiner Flammenkugel zu befreien. Der schwarze Vogel war sofort auf die Flammenkugel zugestoßen, die mindestens genauso groß war wie sie selbst und von einem neuen Schrei begleitet wurde. Dort, wo Kassandras schwarze Flammen Telandirs rotes Feuer berührten, löste sich das Rot einfach auf. Ein Gewirr aus Flügeln und Federn löste sich aus dem Feuerball als zwei riesige Phönixe sich gegenseitig angriffen. Telandirs Gestalt sah Kassandras zum verwechseln ähnlich, nur trug er die Farben, wie es eigentlich sein sollte. Kein Schwarz fand sich auf seinen Federn wieder, die kreisrunden Muster waren weiß und gelb. Er hatte sieben besonders lange Stoßfedern und seine Gestalt wirkte noch massiver als Kassandras. Und trotzdem schien es so, als hätte er keine Chance gegen sie. Die Körper prallten an einander, Telandir strauchelte. Federn rieselten wie Ascheflocken und Schnee vom Himmel während rote und schwarze Feuerzungen in alle Himmelsrichtungen leckten. Massige und tödliche Krallen schlugen nacheinander und statt Wasser sprenkelte rotes Blut Eis und Schnee im Umkreis. Der Lärm war ohrenbetäubend und nur Areti verstand, dass das Gekreische nicht nur das war. Kassandra und Telandir schrien sich mit der Gottessprache an und es war so schnell, dass sie nicht recht folgen konnte.
      Dann erwischte Kassandras Kralle Telandir an der Brust und drückte ihn nieder. Wild mit den Flügeln schlagend versuchte sich Telandir zu befreien, doch da war Kassandra schon auf ihm und packte ihn mit ihrem Schnabel am Hals. Wie ein Greifvogel, der seine Beute abschirmte, breitete sie die Flügel über ihm aus und dann nahm das Grauen seinen Lauf. Kassandra brach wieder in schwarzen Flammen aus, die Telandir angsterfülltaufschreien ließ. Er begann noch heftiger sich unter ihr zu winden als schwarzes Feuer wie Teer auf ihn herabtropfte und dort, wo es ihn berührte, sich durch seine Federn und Fleisch fraßen. Ein widerlicher Gestank breitete sich in der Luft aus, ein tiefes Zischen begleitete den Anblick während Telandir unter Kassandra um sein Leben kämpfte.
      „Sie bringt ihn um!“, keuchte Areti, die den Schild noch immer aufrecht hielt, selbst aber vor den schwarzen Flammen zurückwich.
      Und genau das war Kassandras Absicht. Nichts anderes war aus ihren Augen zu lesen als sie gnadenlos Telandir an Ort und Stelle fixierte und ihn systematisch niederbrannte.
      Du hast mich in diese Lage getrieben.
      Du hast meinen Sohn dem Tode geweiht.
      Du hast mir meinen Willen nehmen wollen.
      Du hast beinahe Zoras getötet.
      Dafür sollst du brennen.
      Die Stimme war eindeutig Kassandra zu zuordnen und es erschreckte Areti umso mehr, dass ihre Mutter ausgerechnet jetzt für alle hörbar sprach. Sie hatte also erfahren, dass Telandir Amartius' Lebenszeit verkürzt hatte. All den Hass, den sie über die Jahre nur für Telandir hatte ansammeln können, entlud sich nun und Areti musste mit Schrecken dabei zusehen, wie ihre Mutter ihren Vater tötete.
      Es waren Minuten des Kampfes, Minuten der Höllenqualen, in denen Areti und die Menschen nur zusehen konnten. Die schwarzen Flammen verzehrten stetig mehr der Federn, fraßen sich durch Fleisch und Knochen, durch Auren. Irgendwann erstarb die letzte Gegenwehr Telandirs, seine Flügel schlugen nicht mehr und sein Körper hörte auf zu zucken. Erst da ließ Kassandra von ihm ab und hob den Kopf, der Schnabel rot besprenkelt während sie auf das Werk unter sich blickte. Die Genugtuung, die sie in diesem Moment verspürte, war beinahe greifbar. Doch für Areti, die den Schild nicht mehr halten konnte und neben Zoras zu Boden ging, war das trotz allem einer der schlimmsten Anblicke, den sie jemals sehen würde. Nicht nur, dass ihre eigene Mutter so voller Hass tötete, es war obendrein ihr Vater gewesen, durch dessen spärliches Federkleid an der Brust der Wind rüttelte, so als versuchte er ihn aufzuwecken. Der Kopf war für sie alle nicht zu sehen und angesichts der Tränen, die Areti unverhohlen vergoss, war es wohl auch besser so.
    • Kassandras Umwandlung geschah mit einer solch plötzlichen Kraft, dass selbst Areti, die einzige volle Göttin hier, von der Wucht zurückgeschlagen wurde. Hier traf wohl selbst Göttlichkeit auf ihre Grenzen, denn nicht einmal die Schwingen eines Gottes mochten dem entgegen halten, was Kassandra mit ihrer Vereinigung entfesselte. Areti flog, landete auf dem Boden und musste sich mit dem Aufschlag wohl alle Knochen brechen.
      Nur, dass es letzten Endes natürlich nur so aussah. Als sei nichts gewesen stand sie wieder auf und richtete ihre geweiteten, von einer Emotion durchtriebenen Augen, die Zoras nur als Besorgnis beschreiben konnte, auf ihre Mutter.
      Die entfesselte Phönixin richtete sich auf und tiefrote, dunkle Augen trafen auf Zoras, ein Moment, der, zum zweiten Mal in dieser Stunde, die Zeit manipulierte. Kassandras Augen, die Augen ihrer wahren Gestalt, unterschieden sich von ihren eigenen Augen in ihrer Größe und ihrer Intensität, aber er konnte noch immer dahinter blicken, er konnte Kassandra sehen und das Gefühl von tiefsitzender Erleichterung erfasste ihn ein weiteres Mal, aber dieses Mal endgültig. Sie hatte es geschafft, Kassandra war frei.

      Etwa drei Sekunden hielt dieses Gefühl an, dann wurde es unterbrochen von einer weiteren Welle Kassandras Präsenz, die über sie hinweg schwappte und Zoras' Glieder erzittern ließ. Er hielt dagegen an, er war fest dazu entschlossen, sich nicht bis ganz auf den Boden zwingen zu lassen, nicht etwa aus Trotz, sondern weil er Kassandra weiter ansehen wollte, weil er den Blickkontakt nicht abbrechen wollte, weil er ihr zeigen wollte, wie sehr er sie noch immer liebte, wie erleichtert er darum war, dass sie es endlich geschafft hatte. Aber dann zerriss die Luft in einem Schrei, der sich geradewegs in ihre Gehirne bohrte und das letzte Bisschen Durchhaltevermögen brach unter dem Druck zusammen. Nicht einmal Amartius mochte den Schmerz aufhalten, der in ihren Ohren entbrandete und da fiel auch Zoras zu Boden und presste sich, wie schon die beiden Kuluarer, beide Hände auf die Ohren. Es war zu laut und es war zu... intensiv. Hinter diesem Schrei schienen Welten verborgen zu sein und Zoras fürchtete, dass sein Verstand nur die Oberfläche dessen begriff, was darunter stecken mochte.
      Am Rande bekam er mit, dass etwas vor sich ging, dass eine Bewegung durch den gewaltigen Körper der Phönixin zog, und dann war zeitgleich Areti an seiner Seite und berührte ihn. Kaum eine Sekunde später ging die gesamte Umgebung auch in einem nächsten, alles verschlingenden Feuerball auf, der sich bis zu den Rändern des Bereiches ausdehnte und sie alle in seinem Inneren festsetzte. Sengende Hitze rollte über sie hinweg, als stünden sie in der Mitte eines glühenden Ofens, nur dass der erwartete Schmerz - und wohl auch der Tod - ausblieb. Stattdessen teilten sich die Flammen um die Menschen herum, abgelenkt von dem offensichtlichen Schild, das Areti heraufbeschworen hatte, und ließ sie nur indirekt an der Macht teilhaben, die in den einzelnen Flammen steckte. Alles andere Leben, das sich zu diesem Zeitpunkt wohl in ihrer Nähe befunden hätte, war nun ausnahmslos ausgelöscht.
      Und als der Schrei verendete und Zoras den Kopf hob um zu sehen, was nun dafür gesorgt hatte, dass die gesamte Umgebung sich in eine Sonne verwandelt hatte, hatte sich ein zweiter Phönix neben dem ersten erhoben.

      Er bekam keine Gelegenheit dazu, auch nur einen einzelnen Blick auf Telandir zu werfen, da war Kassandra schon zur Stelle, die gewaltige, tiefschwarze Phönixin, und warf sich mit der gesamten Wucht ihres gigantischen Körpers auf die gebildete Flammenkugel. Wie ein gefiederter Todesengel, aus Charons Fluss höchstpersönlich aufgestiegen, stieß sie auf Telandir ein, dessen Feuer ihn jetzt erst als den gewaltigen, massiven Phönix offenbarte, der er in seiner wahren Form darstellte. Aber Kassandras Feuer war dunkel, allmächtig und es fraß sich durch die Flammen einer irdischen Welt wie ein normales Feuer mit einer Inbrunst trockenes Holz verschlang, es ließ keinen Raum dafür, dass sich die roten Flammenzungen hätten ausbreiten können.
      Zoras konnte nur starren, er starrte auf ein Schauspiel, das kein Mensch, nicht heute und auch nicht vor Millionen von Jahren jemals zu Gesicht bekommen hatte, ein Kampf der Götter, der sich keine hundert Meter entfernt von ihm austrug. Die Hitze war allesergreifend, jetzt und auch schon vor wenigen Sekunden, sie allein hätte schon gar nicht zugelassen, dass ein sterbliches Wesen hier hätte stehen können. Und doch tat er es, mit Aretis Hilfe alleine, und sah dabei zu, wie sich zwei Phönixe zerfetzten.
      Kassandra erhielt die Oberhand. Er hätte nicht bestimmen können wodurch; von seinem Sichtwinkel aus war Telandir größer, breiter, irgendwie erhabener, irgendwie stolzer, und dennoch stieß Kassandra ihn hinab, als sei er nicht mehr als eine lästige Unterbrechung. Das Kreischen der beiden Götter schmerzte noch immer in Zoras' Ohren, es ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren und erinnerte ihn mit einer unbarmherzigen Kraft an seine eigene Sterblichkeit und doch konnte er sich nicht davon abwenden. Kassandra stieß Telandir hinab und dann hielt sie ihn dort fest, wo ihr Feuer ihn auffressen konnte.
      Telandir schrie. Areti rief etwas, das Zoras nur sehr vage wahrnahm. Ein Geräusch ertönte, als würden Flammen mit zu viel Wasser gelöscht. Das Feuer brutzelte und knisterte und peitschte durch die Luft, viel lauter, als es hätte sein dürfen.
      Kassandra sprach. Sie kam von überall her, die Stimme kam aus dem Phönix, aber auch aus der Luft, aus dem Boden, aus dem Feuer, aus Zoras' Innerem selbst. Sie weihte Telandir dem Tod, ohne es je auszusprechen.
      Der Kampf dauerte an, aber spätestens jetzt war deutlich ersichtlich, welcher Sieger daraus hervorgehen würde. Selbst ohne sich jemals mit der Anatomie eines überdimensionalen Phönixes beschäftigt zu haben, konnte Zoras erkennen, dass Telandir keine Chance mehr hatte. Seine Flügel schlugen so stark, dass sie einen Wirbelsturm hätten hervorrufen können und sein Körper bäumte sich mit der Kraft und Erfahrenheit eines Millionen alten Gottes auf, aber der Winkel war zu niedrig, Kassandras Schwerpunkt dafür genau richtig gesetzt und so konnte er nicht viel mehr tun als zu zappeln, zu treten und zu schreien, während die Flammen ihr übriges taten. Er brannte nicht wirklich, ein schon brennendes Wesen konnte immerhin nicht noch mehr brennen, aber man konnte doch mit erschreckender Genauigkeit beobachten, wie die dunklen Flammen sich durch die viel helleren fraßen, wie sie sie auslöschten und ihren Platz einnehmen. In den letzten Todesmomenten des Phönix war sein Geschrei so laut, dass es Zoras durch Mark und Bein fuhr. Er mochte einen gewissen Triumph für seine Göttin verspüren, dafür, dass sie endlich ihre Ziele erreicht hatte, aber das hier überstieg sogar die menschliche Toleranzgrenze. Ohne jemals aktiv einen derartigen Gedanken gefasst zu haben, wusste Zoras doch, dass ein Phönix nicht so schreien durfte.

      Aber dann war es vorüber, der Phönix verschlaffte und die daraufhin eintretende vergleichsweise Stille breitete sich wie ein dunkles Omen über den Platz aus. Areti gab ein Geräusch von sich und sackte zusammen, aber Zoras bemerkte es nur, weil der Schild sich mit einem Mal löste und die vorherige Hitze wieder ungebremst auf ihn traf. Kassandras Flammen waren noch immer gigantisch, ihre Gestalt übermächtig, und so litt der ganze Platz noch unter ihrer Einwirkung. Das Eis und der Schnee waren schon längst geschmolzen, die Zinnen in Mitleidenschaft gezogen, selbst auf diese Entfernung. Ihre Präsenz war noch immer überdeutlich spürbar und jetzt konnte man auch den Unterschied erkennen, dass es jetzt nur noch eine war, die auf sie nieder drückte. Nicht mehr zwei.
      Zoras konnte sich kaum richtig aufrichten, seine Glieder zitterten, als hätte er selbst eine derartige Kraftaufwendung aufgebracht, das unsichtbare Gewicht auf seinem Körper war noch immer nicht verschwunden. Seine Ohren schmerzten, Amartius bebte in seiner Hand, sein Kopf fühlte sich heiß und schwer an. Es hätte ihn nicht so lange brauchen müssen, um sich wenigstens auf die Knie aufzusetzen, aber diese Bewegung allein war eine Anstrengung, auf die sein Körper nicht vorbereitet war.
      "Kassandra..."
      Er hörte seine eigene Stimme nicht. Er wusste nicht, ob er überhaupt laut gesprochen hatte, aber er richtete seinen Blick so direkt auf die Phönixin, auf Kassandra, auf seine Göttin, dass kein Zweifel darin bestand, wessen Aufmerksamkeit er zu erhaschen versuchte. Areti weinte in seiner Nähe, aber er hörte sie nicht und selbst wenn er es bemerkt hätte, wäre es ihm wohl egal gewesen. Seine Augen galten Kassandra allein.
      "Kassandra, du hast..."
      Die Hitze brachte ihn zum Schwitzen. Nur ein paar Meter näher und er war sich sicher, auch er würde von den tiefschwarzen Flammen versengt werden, auch wenn sie dennoch viel zu weit entfernt wären.
      "Du hast es geschafft."
      Und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, das längst vergessene Muskeln aufleben ließ. Sein Gesicht hatte an Falten zugenommen, aber diejenigen um seine Augen, die sein Lächeln wiedergespiegelt hatten, wenn sein Bart die eigentliche Regung verborgen hatte, diese Falten waren noch immer dieselben, die sich auch jetzt bildeten. Er lächelte und er nahm sein Schwert - er nahm es an der Klinge und nicht am Griff - und streckte es Kassandra entgegen, so als wolle er es ihr übergeben.
      "... Kassandra, dein Sohn..."
      Und er starrte auf die Phönixin, während er dachte: Siehst du das, Amartius? Das ist sie, in ihrer vollen, blühenden Gestalt. Deine Mutter.
    • Die gewaltige Brust des schwarzen Phönix hob sich langsam, ausgiebig. Es war der erste tiefe Atemzug, den Kassandra zurück in ihrer wahren Gestalt nahm. Völlig frei von den Fesseln, die sie an diese Erde banden. Die Genugtuung, die sie noch vor Sekunden verspürt hatte, war von den Flammen der Vergeltung bereits aufgezehrt. Jetzt klaffte da ein riesiges Loch, das sich einfach nicht mehr stopfen ließ. Sie wollte die Fest einreißen. Sie wollte einen Großteil von Theriss in Schutt und Asche legen. Selbst vor Isythuma würde sie keinen Halt machen, denn auch dort wusste sie von Stämmen, deren Vorfahren ihr übles zugemutet hatten. Eigentlich gab es auf dieser Welt kaum etwas, das es nicht verdient hatte, durch ihr schwarzes Feuer die Wiedergeburt angeboten zu bekommen.
      Währenddessen gruben sich zierliche Finger in den kargen Stein am Boden. Areti war erst wenige Monate alt und bereits jetzt wurde ihr aufgezeigt, wie schwerwiegend das Gefühl des Verlustes war. Niemals hätte sie erwartet, so zu fühlen. So... zerrissen zu sein. Als hätte man zwei Hände um ihr Herz gelegt und sie kräftig zusammengepresst. Ihre Tränen verschleierten Augen huschten über den leblosen Korpus am Boden hinweg, von dem schwarzes Feuer wie Teer triefte. Knapp daneben stand ihre Mutter in all ihrer Gänze. Doch da war keine Freude in Aretis Augen. Da war nur Unverständnis und eine Fassungslosigkeit, die alles zu übersteigen vermochte. Das war nicht Kassandras wahre Gestalt. Jedenfalls nicht so, wie sie in ihre Existenz getreten war.
      Indes hatte Zoras es geschafft, Kassandras Aufmerksamkeit zu gewinnen. Als Vogel konnte man ihr keine Mimik zuschreiben, es waren nur die brennenden roten Augen, die den winzigen Menschen vor sich nieder starrten. Sie hatte ein jedes Wort von ihm gehört und ihr fiel sogar auf, dass ihr Feuer ihn tangierte. Sogleich drosselte sie die Hitze, nur für ihn, denn sie spürte in ihrem Kern, dass sie diesen Menschen mochte. Ihn einst sogar geliebt hatte und das warme Gefühl noch irgendwo unter all dem Hass und der Abscheu wohl vergraben war. Aber es war zu weit weg, als dass es ihr Handeln weiter beeinflusst hätte. Kassandra sah regungslos aus als sie den Menschen dabei beobachtete, wie er eine schwarze Klinge zog und sie an der Schneide gehalten zu ihr reichte. Ein weiterer, tiefer Atemzug wurde genommen ehe sie spürte, dass dieses Artefakt, was das Schwert nun einmal war, zu ihr gehörte. Oder einst gehört hatte. Es war begleitet von einer Aura, die sie an ihre eigene erinnerte. Aber etwas fehlte. Irgendetwas stimmte nicht oder passte gar ins Bild...
      „Sag mir nicht, du hast sogar eurenSohn vergessen!“
      Der Schrei kam von Areti, die sich aufgerafft hatte, kaum hatte Zoras Amartius ausgestreckt. Ihre Stimme war nicht mehr sanft und schön anzuhören. Verzweiflung, Trauer und Enttäuschung verformten die Stimme wie auch ihr Gesicht zu einer Grimasse, die reinen Schmerz symbolisierte. Im nächsten Moment war sie Zoras in den ausgestreckten Arm gefallen, entriss ihm Amartius und streckte das Schwert, mit der Spitze zu ihrer Mutter hin, aus. Das Anklagen war selbst für Zoras zu sehen, der nur ihren Rücken vor sich hatte.
      Dasist es also, was du mit all deiner Macht anstellen willst? Vergeltung üben? Deine Natur verraten und selbst dein eigen Volk töten? Wie viel hat dich der Zorn und der Hass von dem vergessen lassen, was uns ausmacht, Kassandra?!“, schrie sie weiterhin ihre Mutter an, ihre Schultern hochgerissen und die Stimme am Ende dem Brechen nahe. In ihrer Hand vibrierte Amartius noch immer, ein warmer Schauer schien sie zu überziehen und sie war sich sicher, dass sie eine jungenhafte Stimme hatte Schwestersagen hören.
      Doch Kassandra zeigte sich regungslos. Das brachte das Fass zum Überlaufen, es brachte Areti zum überlaufen. Ein gequälter Schrei gellte auf, dann warf sie mit aller Macht das Schwert nach Kassandra. Es kreiselte durch die Luft und erreichte den schwarzen Phönix, an dessen Federkleid es scheinbar wirkungslos abprallte und scheppernd am Boden aufschlug. Kassandras Augen folgten dem Flug des Schwertes, wohingegen Areti ihren Halbbruder am Boden vor ihrer Mutter liegen sah. Scharf sog sie die Luft ein, dann zeigte sie hinter sich auf Zoras, den es noch immer auf den Knien hielt.
      „Hast du sogar ihnvergessen?! Du verfügst über Sprache, also bediene dich ihr!“
      Und das tat Kassandra.
      Hätte ich ihn vergessen, so hätte selbst dein Schild ihn nicht vor mir bewahren können. Er lebt deshalb noch weil ich spüre, dass er nicht zu denen gehört, die mir Leid angetan haben.
      „Willst du jetzt jeden einzelnen zur Rechenschaft ziehen? Das ist Wahnsinn, Mutter!“
      Kassandras graziler Kopf schüttelte sich träge und ihre Flügel breiteten sich wie zwei nachtschwarze Vorhänge aus.
      Sie sollen für ihre Torheit büßen, einen Gott zu missbrauchen.
      „Wir sind nicht so jähzornig! Dubist nicht so jähzornig! Du magst gefallen sein, das Schwarz zeigt es, aber das bedeutet nicht, dass du der Rache verfallen musst!“ Sie zeigte nun auf Amartius am Boden, das zu Asche zu zerfallen schien. „So hätte er seine Mutter niemals sehen wollen!“
      Ein weiteres Mal fanden die rubinroten Augen das Schwert am Boden, das nun vollständig zur Asche zerfallen war und wie durch Geisterhand sich an Zoras' Seite neu aufbaute. Das große Auge blinzelte, einzelne schwarze Federn rieselten von ihren Flügeln hinab. Ihr Blick richtete sich nun auf ihre Tochter.
      Er würde nicht existieren, wenn ich nicht gebunden gewesen wäre. Der Mensch hinter dir würde mich nicht so ansehen, wenn ich nicht gebunden gewesen wäre. Er hätte nie die trügerische Liebe zu einer Göttin entfaltet, hätte er nicht mein Herz an seiner Brust getragen. Er liebt das Trugbild, das ich ihm zeigte. Nicht die Göttin, die ich im Kern bin.
      „Das stimmt nicht!“, widersprach Areti eisern und fühlte, wie sie ihre Mutter langsam verlor. „Er hat die roten Flammen der Sonne gesehen und nicht die schwarzen Zungen der Nacht! Siehst du das denn nicht?!“
      Dann glitt Kassandras Blick das erste Mal richtig an Areti vorbei, herüber zu dem Menschen am Boden hinter ihrer Tochter.
    • Es war nicht Kassandra, die sich regte, kaum verließ das schwarze Schwert sein Heft und wurde von Zoras in die Luft gehalten. Eigentlich war die Phönixin sogar recht regungslos geworden in den letzten Sekunden, in denen Zoras versucht hatte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ihr Blick, die riesigen, tiefroten Augen, fraßen sich durch seine ganze Gestalt hindurch, schienen alles von ihm aufzunehmen, jedes einzelne Zucken seiner Muskeln. Aber als er ihr ihren Sohn entgegen hielt - oder eher die Überreste ihres Sohnes - war es nicht Kassandra, die in Bewegung kam, sondern Areti.
      Ihre Tochter schien aus ihrer Schreckstarre erwacht, oder aus ihrer Trauer um ihren gefallenen Vater, und kaum als Zoras das Schwert in die Höhe hielt, erhob sie sich verbissen aus ihrer kauernden Position. Ihre Bewegungen waren nicht mehr ganz so elegant und göttlich, wie sie noch vor einer Woche gewesen waren, sondern schienen schwerfällig. Auch ihr Gesichtsausdruck war nicht der einer Phönixin, nicht einmal ansatzweise, sondern von Gefühlen gezeichnet, die Zoras selbst nicht fremd waren. Er wusste gleich, wieso ihn dieser Anblick so merkwürdig vorkam: Areti wirkte menschlich.
      Und die Art, wie sie ihre Mutter gleich darauf anfuhr, war es genauso. Die Phönixin war von Gefühlen gezeichnet und Zoras hatte gerade genug Zeit sich zu wundern, woher der Ursprung dessen kommen mochte, als sie plötzlich bei ihm war und ihm Amartius entriss. Das Gefühl von entgleitendem Stahl, der zwischen seinen Fingern hinwegzog und schließlich ganz außer Reichweite verschwand, regte Entsetzen in ihm. Das war Amartius, sein Sohn. Wie konnte die Phönixin es überhaupt wagen, ihn so zu berühren?
      Aber sein aufkeimender Protest hätte es bei der Anwesenheit gleich zweier Göttinnen sowieso nicht an die Oberfläche geschafft. Reglos verharrte er, während Areti Kassandra all die Emotionen entgegenwarf, die wohl gerade in ihrem Inneren brodelten. Auch das war etwas, was noch niemals zuvor ein Mensch jemals erlebt hätte, eine Göttin, durchsetzt von Trauer und Verzweiflung durch ihre eigene Mutter. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre es auch dabei geblieben, dass niemand Zeuge einer solchen Szenerie wurde.
      Dann tat Areti etwas, mit dem keiner der Anwesenden vermutlich gerechnet hätte, holte mit ihrem Schwertarm aus und schleuderte die Waffe in einem präzisen Wurf durch die Luft. Für eine grauenhafte Weile, während Amartius durch die Luft schnitt, war Zoras ganz hin- und hergerissen zwischen der Überzeugung, Amartius würde auf wundersame Weise das Federkleid von Kassandra durchbrechen und sie mit einem Schlag töten, und dass er abprallen und in tausend Einzelteile zersplittern würde. So hatte er sich diese Zusammenkunft nicht vorgestellt, nicht in seinen kühnsten Träumen. Und doch traf Amartius auf Kassandra und fiel, aber ohne zu zerbrechen, geschweige denn einen Kratzer zu bekommen.
      Stattdessen begann er sich aufzulösen.
      Zoras konnte seinen Blick erst dann davon lösen, als Kassandras Stimme in seinem Kopf erklang. Er fühlte sich selbst ähnlich zerreißen wie Areti sich fühlen musste, ruhelos bei sich überlappenden Ereignissen, von denen er kein einziges hatte vorhersehen können. Dort vorne lag sein Sohn, die Reste seines Sohnes, das einzige, was ihm von ihm geblieben war, wie ein Werkzeug auf dem kahlen Boden vor seiner Mutter, die ihn weder richtig wahrzunehmen schien, noch einen Ton darüber verlauten ließ, dass ihr Sohn - ihr und Zoras' gemeinsamer Sohn - gestorben war. Stattdessen blieb sie in der unnahbaren Form einer wahrhaftigen Phönixin, groß und erhaben und einschüchternd und Zoras kniete vor ihr, weil kein Mensch dazu gemacht wurde, vor einem Gott zu stehen. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte, und doch war Kassandra noch immer so weit entfernt wie die letzten vier Jahre. Die einzige Würdigung, die sie ihm entgegen brachte, war, dass sie ihn vor dem Tod verschont hatte, weil sie spüren konnte, dass er ihr niemals Leid wollte. War das alles, das zwischen ihnen übrig geblieben war? Er hatte ihre Essenz nicht genutzt, er hatte versucht, sie ihr zurückzugeben, daher gehörte er nicht zu "denen, die ihr Leid angetan hatten"? Mehr war es nicht? All die Nächte, die sie zusammen verbracht hatten, all die Lieder, die sie ihm vorgesungen hatte, all die Gespräche, die sie geführt hatten, all die Liebesbezeugungen, die er ihr entgegen gebracht hatte - das alles lief darauf hinaus, dass er nur einer war, der ihr nichts schlechtes wollte?
      Unvermittelt musste er an einen Sommertag denken, irgendwann vor vier Jahren, als er mit Kassandra nachhause gekommen war und sich mit Ryoran in den kleinen Salon gesetzt hatte, mit dem Kamin und den weichen Sesseln, als sie Bier getrunken hatten und er seinem Bruder sein Herz über sie ausgeschüttet hatte. Wie oft er dabei betont hatte, dass Kassandra eine Phönixin war und wie wenig Zoras ihm dabei wirklich zugehört hatte. Aber jetzt, von all den Momenten, an die er sich hätte erinnern können, kam ihm genau das in den Sinn: Ryoran in seinem Sessel, der sich hinüberbeugte und mit übertriebener Betonung sagte "Sie ist eine Phönixin". "Wie soll das funktionieren, Zoras? Sie ist eine Phönixin".
      Und er konnte seine Stimme so deutlich hören, als wäre es gerade erst gestern passiert. Sie ist eine Phönixin. Natürlich war sie das, sie war nie etwas anderes gewesen, aber jetzt schien Zoras erst zu begreifen, was das überhaupt auf der anderen Seite bedeutete. Es ging nicht mehr nur darum, ob er an ihrer Seite alt und sterben würde, ob sie dann genauso da wäre, weil sie eine Phönixin war, sondern jetzt ging es darum, ob sie überhaupt zurückkommen würde, weil sie eine Phönixin war. Sie war eine Gottheit und Zoras war in seinem Leben nicht näher an Göttlichkeit herangekommen, als dass er ihre Essenz getragen und ein Kind in ihren Bauch gepflanzt hatte. Jetzt war beides verschwunden und Zoras war wieder das, als was er angefangen hatte: Bloß ein Mensch, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ein Mensch, der sein Herz in die Schwingen einer entfesselten Phönixin zu legen versuchte.
      Und diese Phönixin dachte, dass das alles nur auf ihrer Essenz beruhte, dass die Kassandra von damals eine andere war als die, die jetzt vor ihnen stand. Und als sich nur eine kurze Pause in dem Streit der beiden Götter auftat, wusste Zoras, dass er keine andere Gelegenheit bekommen würde, seine eigenen Worte dazu auszusprechen.
      "Kassandra, ich liebe dich. Meine Liebe zu dir ist unverändert, über all die Jahre hinweg, auch ohne dein Herz an meiner Brust. Es war so weit entfernt von mir, wie es nur hätte sein können und ich habe trotzdem nicht aufgehört, nach dir zu suchen. Nicht ein einziges Mal."
      Sie verstand vermutlich nicht - wie hätte sie auch? Sie wusste nicht, welche Ewigkeit Zoras im Kerker verbracht hatte, wie einfach es gewesen wäre aufzuhören, einfach aufzugeben, unter den Peitschenhieben des Sklavenhändlers aufzugeben und sich zu fügen, ein Leben zu akzeptieren, in dem er Steinbrocken schleppte und Reis aß, einfach aufzuhören. Es wäre einfach gewesen, es hätte keine Anstrengung gegeben, keine Strapazen, keine Mühen, jeden Tag aufs Neue, ohne wirklich in Aussicht zu haben, ob es jemals ein Ende gefunden hätte. Es wäre so einfach gewesen und Kassandra musste das verstehen, denn er glaubte, dass das ein entscheidender Faktor war.
      "Ich habe... schreckliche Dinge getan, um hierherzukommen, Kassandra. Die leichtesten davon waren es, mein Zuhause und meine Familie zu verlassen. Ich habe dich gesucht, all die Jahre lang, und ich habe nicht aufgehört, egal, was geschehen war. Verstehst du mich? Ich habe dir versprochen, ich habe dir mein Wort darauf gegeben, dass ich dir deine Essenz wiedergeben würde und ich habe dich gesucht, wo ich nur konnte, wo es mir nur möglich war, um dich zu befreien. Ich hatte keine Ahnung, dass Asvoß überhaupt existierte, bevor Amartius mich nicht gefunden hat; niemand hatte jemals von einer Kassandra gehört oder einen Phönix gesehen, niemand kannte einen Champion oder einen Träger, der in irgendeiner Verbindung zu deinem Namen stand und ich habe trotzdem weitergesucht, ich habe nicht aufgehört und ich werde auch nicht aufhören. Verstehst du das? Du bist frei, du hast deine Essenz zurück, du kannst fliegen, wohin auch immer du willst, du kannst tun, was auch immer du willst, aber du kannst dir sicher sein, dass ich die nächste Fähre von Asvoß nehmen werde und auf der ganzen Welt nach einer großen, schwarzen, wunderschönen Phönixin fragen werde, weil ich dich liebe und weil ich nicht deine Essenz haben möchte, aber dich. Ich würde alle vier Jahre noch einmal durchmachen, angefangen mit Telandir auf dem Schlachtfeld, und ich würde ihm auch ganz persönlich dein Herz entreißen, nur um mein Versprechen einzuhalten und es dir zu geben, nicht wegen der Essenz selbst, sondern wegen dir. Ich liebe dich, Kassandra. Kannst du dir vorstellen, wie glücklich ich war, als ich herausgefunden habe, wo du dich aufhältst? Kannst du dir vorstellen, wie glücklich Amartius war, mich gefunden zu haben? Ich habe ihm so viel von dir erzählt, von meiner wundervollen Kassandra, von meiner Haria. Er wusste es nicht, er wusste nicht, was für eine bezaubernde Mutter er hatte, wie sie strahlen konnte, dass sie die Sonne auch am hellsten Tag in den Schatten stellte. Und ich habe ihm versprochen, dass wir zusammenfinden werden, dass ich ihn zurück zu seiner Mutter bringen werde, zu dieser Mutter, und dass wir alle drei, gemeinsam, diese Feste verlassen und eine Familie zusammen sein werden, eine glückliche Familie. Und das ist ein weiteres Versprechen, dass ich nicht einhalten konnte, aber du wärst so, so stolz, wenn du nur wüsstest, was dein Sohn - was unser Sohn vollbracht hat, was für ein Wunder er vollzogen hat. Deswegen, lass uns eine Familie sein, nur für diesen Augenblick, nur für diesen Moment, ein einziges Mal."
      Und er streckte ihr Amartius ein weiteres Mal entgegen, so, als wolle er, dass sie das Schwert ergriff.
      "Für Amartius, unseren Sohn."

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    • Aretis Brust pumpte. Das hier war so anders verlaufen, dass sie sich diesen Ausgang nicht hätte ausmalen können. In keiner ihrer Gleichungen wäre Kassandra jemals an ihre Essenz gekommen und dann tauchte einfach Loki auf und stellte sich als Konstante heraus, die sie nicht hatte berechnen können. Wieso sollte ein Gott, ein namenhafter Gott, in diese Welt treten und sich mit kleinen Schicksalen wie den ihren beschäftigen? Es ergab für Areti keinen Sinn, nur der Himmel über ihren Köpfen, der scheinbar aus den Rissen zu bluten begann, bedeutete ihr das Unheil, welches ihr vorausgesagt worden war. Die Grenze zwischen den Reichen schien zu fallen, aber wieso war es Kassandra gewesen, die dazu die Macht haben sollte? Auch das ergab überhaupt keinen Sinn. Jetzt galt es, einen Weg zu finden, Kassandra zu stoppen und ihr irgendwie ihre Macht zu nehmen, mit der sie sonst ganze Kontinente in den Ruin treiben könnte. Sofern es der Himmel dann noch nicht getan hatte.
      Dann mischte sich Zoras plötzlich dazwischen und Areti versteifte sich. Das konnte entweder dazu führen, dass Kassandra sich nun völlig vergaß oder genau der Schlüssel sein, den sie nun benötigten. Selbst wenn Areti sich in ihre Gestalt begab und sich ihrer Mutter entgegen stellen würde, so war der Ausgang von vornherein besiegelt. Ihr würde das gleiche Schicksal widerfahren wie ihrem Vater, nur damit Kassandra irgendwann realisieren würde, dass sie in einem vernebelten Zustand ihre Tochter getötet hatte.
      Die riesigen roten Augen verweilten scheinbar ausdruckslos auf dem Menschen, an dessen Seite sich ein schwarzes Schwert materialisiert hatte. Niemand konnte auch nur am Ansatz erahnen, was in dem Kopf dieser schwarzen Phönixin vor sich ging während Zoras das einzige tat, was ihm in diesem Moment möglich war.
      Reden.
      Zoras redete sich buchstäblich um Kopf und Kragen. Eigentlich hätten es nur leere Worte sein dürfen. Götter waren nicht empfänglich für die Worte der Sterblichen. Aber das, was hier riesig und mächtig vor ihnen aufragte, war kein unbefleckter Gott mehr. Das hier war das Abbild einer Göttin, die zu lange unter den Menschen geweilt hat. Zu sehr ihre Emotionen gespürt und vereinnahmt hatte. Sie war empfänglich für eine der mächtigsten Waffen der Menschheit, erst recht, wenn es ein Vertreter war, dem sie Gefühle nicht absprechen konnte.
      So verwunderte es Areti nicht sonderlich, dass Zoras mit seinen Worten etwas in Kassandra auslöste. Sie legte ihre Flügel langsam wieder an und senkte den Kopf bis ihr scharfer, gesprenkelter Schnabel unweit über dem Boden schwebte. Was Zoras weder sehen noch spüren konnte, war der Disput, der jäh in der Phönixin ausbrach. Während sie nach außen hin unbeeindruckt wirkte, tobte es in ihrem Inneren und machte es spürbar durch ihre Aura, die Areti problemlos lesen konnte. Sofort löste sich ihre angespannte Haltung, selbst wenn sie den gewaltigen toten Körper nicht aus ihrem Blickfeld schaffen konnte. Die Bestürzung wog einfach zu schwer.
      Es kamen einem Grollen gleich, als ein einziger Satz in all ihren Köpfen widerhallte.
      Amartius ist tot.
      Die Trauer, die anschließend aus dem schwarzen Federkleid herausbrach, war überwältigend. Wo Areti vorhin noch dachte, nichts könne ihre eigene Trauer über den Tod ihres Vaters und der dazugehörigen Aktion ihrer Mutter übertrumpfen, so wurde sie eines Besseren belehrt. Was Kassandra fühlte war um so viele Ebenen vielschichtiger, dass ihr ihre Trauer wie ein Witz vorkam. Automatisch schlang sie ihre Arme um ihren Körper während sie ihre Mutter dabei beobachtete, wie sie einen Kampf mit sich selbst ausfocht. Im Gegensatz zu Zoras ahnte Areti, warum ihre Mutter nicht in eine menschliche Gestalt wechselte. Dank ihrer Gespräche konnte sie es immerhin ansatzweise greifen.
      „Es ist vertretbar, Mutter...“, sprach die junge Phönixin leise und wusste, dass sie jetzt keinen Einfluss mehr ausüben können würde. Es lag nun an diesen Beiden selbst, die Lage zu klären.
      Ich habe gedacht, du wärst gestorben und dass Amartius das Andenken an dich ist. Man ihn mir genommen, man hat mir jegliches Vertrauen darin genommen, dass du noch lebst. Dass du mich wirklich suchen würdest. Ich hatte gehofft, dass du diese Chance, sofern du es überlebt hattest, ergreifen und dir ein neues Leben aufbauen würdest anstelle einem Schatten nachzujagen.
      Kassandras Kopf schoss wieder in die Höhe und wog von einer Seite zur anderen. Areti presste die Lippen aufeinander als sie bemerkte, dass sich der Tonfall in ihren Köpfen geändert hatte. Als sie begriff, dass Kassandra wissentlich so getan hatte, als erkenne sie den Mann nicht, der am Boden vor ihr kniete. Betreten senkte Areti den Blick als der riesige Phönix von schwarzen Flammen verzehrt wurde. Sie brachen aus ihrer gefiederten Brust hervor, schlangen sich um den Körper und verschluckten ihn vollständig. Es entstand keine zusätzliche Hitze, kein unerträgliches Inferno, als der Flammenball schrumpfte bis er nicht mehr viel größer war als ein Mensch. Doch ihre Präsenz blieb unverändert.
      Dann löste sich der Feuerball auf. Schwarzes, gewelltes Haare wurde vom Wind Leben eingehaucht während es wie ein Lebewesen in den einzelnen Böen zu tanzen begann. Bestechend leuchtend rote Augen blitzten aus einem makellosen Gesicht hervor, dem man all die Strapazen nicht ansehen konnte. Ihr Körper war in luftige Kleidung gehüllt aus rot, gold und weiß, was völlig anders aussah als das, was Zoras bisher an ihr gesehen hatte. Ihre Schultern waren nicht bedeckt, der dünne Stoff floss in weiten Ärmeln über ihre Arme bis zu den Händen hinab und verhüllte selbst ihre wunderschönen Kurven bis zur Hüfte. Eine bauschige Hose schlug sich um ihre Beine und lief erst an ihren Knöcheln wieder zusammen, wo sie barfuß auf dem nackten Stein stand. Kassandra wirkte kaum älter als 30 Jahre – das Alter, was sie hatte als Zoras sie erstmals getroffen hatte.
      In ihrem Gesicht lag keine Freude, ihre Züge waren erfüllt von anderen Gefühlen während sie einen tiefen Atemzug nahm so als hätte sie eine schier unüberwindbare Tat gerade vollbracht. Nichts zeugte mehr von dem stolzen Phönix, der sie eben noch gewesen war.
      „Ich wollte, dass du keinem Gespenst mehr hinterher jagst. Dass du eben nicht Jahre nach mir suchst und mich am Ende so vorfindest“, sagte sie mit dieser betörenden Stimme, die vorhin noch ein Klagelied gesungen hatte. Jene Stimme, die Zoras in seinen Vorstellungen heimgesucht hatte. „Ich habe dir das geschenkt, was du immer begehrt hattest, nur damit du es umgehend wieder verlierst. Wir können keine Familie sein, wenn es unseren Sohn nicht mehr gibt.“
      Kassandra konnte seinen Namen nicht aussprechen. Ihn zu denken war eine Sache, ihn mit ihrer menschlichen Stimme auszusprechen eine gänzlich andere. Dann würde sie eingestehen, wer dieses Schwert gewesen war, das nun auf sie zeigte. Es käme einer Bestätigung gleich, dass es ihren Sohn nicht mehr gab.
      „Ich habe ihn nach der Sünde benannt, die er gar nicht war....“, gestand sie leise, ihre Finger vergruben sich in ihren Oberarm der anderen Seite. Noch nie hatte Kassandra so verloren und einsam gewirkt wie in diesem Augenblick. Aber sie wagte es nicht, sich Zoras zu nähern. Sie würde es nicht ertragen können, wenn er sie anfasste, so wie es das Trugbild getan hatte, mit dem man sie erstmalig gebrochen hatte. Ihr Herz hatte immer ihm gehört und doch hatten sich andere an ihr vergangen. Das war nicht das gewesen, was sie ihm je zumuten wollte.