Auch Areti schlug jetzt einen sanfteren Tonfall an, oder zumindest bildete Zoras es sich so ein. Sie belehrte ihn nicht mehr, sie ließ ihn an Wissen teilhaben, von dem sie sicherlich mehr als genug besaß. Nur das aktuelle, das war Zoras nicht neu.
Sollte Kassandra dann auch nicht fühlen? Das war unvorstellbar. Nicht nur die Tatsache, dass sie sich Zoras aus freien Stücken hingegeben hatte, wozu ein gewisser Grad an Emotion notwendig war, wie er fand, sondern auch ihr Wille dazu, sich mit ihm und seinen vergleichsweise nichtigen Problemen auseinanderzusetzen. Vielleicht empfand sie nicht dieselben starken Emotionen wie Menschen, aber sie waren doch da, davon war Zoras überzeugt. Ganz unabhängig von ihrer Essenz und dem emotionalen Einfluss ihres Trägers.
Er nickte und weil er sich daran erinnerte, dass Areti womöglich auf Formalität bestehen könnte, setzte er hinzu:
"Gefühle machen uns Menschen anfällig für Fehler, sie beeinflussen uns in unserer Entscheidung. Götter stellen Perfektion dar, Gefühle zu empfinden würde sie nicht lange an der Existenz halten."
Zoras wusste nicht, wann er so philosophisch geworden war. Vermutlich an dem Zeitpunkt, an dem sein Leben von stumpfen Aufgaben erfüllt worden war und er sämtliche Verantwortung schon weit hinter sich gelassen hatte. Es ermöglichte einen anderen Blickwinkel auf die Welt.
Nur die Moiren, das war eine Angelegenheit, bei dem Zoras die anderen Blickwinkel fehlten. Er zweifelte nicht daran, dass sie existierten, aber er bezweifelte durchaus die Tragweite ihrer Anwesenheit. In seiner Vorstellung waren die Moiren nichts anderes als auserkorene Götter, die ein großes, ganzes Buch des Schicksals verfassten und irgendwo dort, vermutlich am untersten Blattrand, in der untersten Zeile, stand Zoras' Schicksal geschrieben. Es war undenkbar, dass es die ganze Seite, geschweige denn den ganzen Absatz prägte, aber anders wäre es bei Areti. Wobei Zoras durchaus ein gewisser Gott einfiel, der die Macht dazu hatte, der Phönixin einen bestimmten Traum zu weben.
"Soll das heißen, dass Ihr die Moiren herausfordern wollt, wenn Ihr ihr Schicksal zu beeinflussen gedenkt? Ich habe gehört, dass davon abzuraten ist, die gesponnenen Faden neu zu weben, es könnte noch viel größere Konsequenzen nach sich ziehen. Seht Ihr nichts schwerwiegenderes als das "Unheil" Eurer Mutter und das daraus entstehende Ungleichgewicht? Wenn nein, würde ich die Moiren an Eurer Stelle nicht herausfordern. Lasst die Dinge am Laufen, so wie sie sind."
Damit warf er ihr einen kurzen Blick zu, bevor er wieder geradeaus sah.
"Ich will Euch nicht davon überzeugen, Kassandra ihre Essenz zurückzugeben, aber davon, dem Plan der Moiren zu folgen. Wer weiß, vielleicht ist auch das Gegenteil ihr Plan. Wir werden es wohl früher oder später herausfinden."
Er schwieg und auch die Phönixin sah auf die Ebene hinaus und hielt die Stille zwischen ihnen, zumindest, bis sie sie mit einer ganz anderen Sache brach.
Zoras sagte darauf nichts. Er wusste nichts, was es zu sagen gab. Er hätte Areti von Teal erzählen können, dass der Junge jetzt ein Mann sein musste, dass er hoffentlich nicht Herzog war, dass Zoras die Neuigkeit nicht verkraftet hätte, dass sein Neffe und nicht sein Bruder den Titel trug. Er hätte ihr davon erzählen können, dass er eigentlich teilweise Erfolg mit seinem Plan gehabt hatte, nämlich indem seine Familie ihn vermutlich für tot hielt, dass er nicht wusste, ob es eine gute Idee war, ihnen unter die Augen zu treten und alte Wunden aufzureißen. Er hätte sie auch bitten können, ihm zu helfen, ihre Signaturen ausfindig zu machen, sie zu kontaktieren oder auch einfach nur nach Elive zu suchen, schließlich könnte man sie auf einem oder anderen Weg über ihre Schwestern erreichen. Aber nichts davon kam heraus und schließlich nickte er nur, so als hätte ihm diese Bemerkung eine langjährige Frage beantwortet. Und weil er nicht unhöflich sein wollte, murmelte er:
"Ja, Elive kann sehr, sehr dickköpfig sein."
Dann verfielen sie wieder in Schweigen und irgendwann drehte Zoras sich um in Richtung Wagen.
"Ich werde Amartius beerdigen."
Er ging ein paar Schritte, dann blieb er doch noch einmal stehen und drehte sich zu Areti um. Er zögerte kurz.
"Ihr könnt daran teilnehmen, wenn Ihr wollt. Ich denke, das hätte Amartius…", er strich kurz über den Griff seines Schwertes, "... ich denke, das würde ihm gefallen."
Dann ging er weiter, ungeachtet dessen, ob die Phönixin mit ihm kam.
Er gab Amartius ein Kriegsbegräbnis, auch wenn er sich nicht mehr ganz sicher war, wo genau er gestorben war und obwohl er keinerlei Hilfsmittel dazu hatte. Also musste er sich auf Worte beschränken und auch, wenn ihn niemand gehört hätte, sprach er sie leise aus. Er erklärte, was ein Kriegsbegräbnis war, dass es dann eingesetzt wurde, wenn man nicht im Kampf sondern von den Konsequenzen eines Kampfes starb und dass Soldaten auf dem Schlachtfeld kein Kriegsbegräbnis erhielten, weil man davon ausging, dass sie alle von den Walküren ins Jenseits begleitet wurden. Aber Amartius war noch immer in gewisser Weise hier und deswegen hatte Zoras das Bedürfnis, ihn dazu aufzuklären. Er beschrieb all die Heldentaten, die Amartius vollbracht hatte, all die Meilensteine, die er erreicht hatte, alle Erfolge, die aufzählungswürdig waren. Er betonte mehrfach, wie stolz er auf ihn war, wie stolz seine beiden Eltern auf ihn waren, dass er ein Vorbild für alle anderen Halbgötter war, die gerade existieren mochten oder in Zukunft entstanden. Er sagte, dass er ihn liebte und dafür sorgen würde, dass man ihn niemals vergessen würde. Er tat das alles, ohne an der Last einzugehen, die auf seiner Brust lag und die doch so viel kleiner war, seitdem Areti ihn berührt hatte.
Später legte er sich zurück zu den anderen beiden in den Wagen und starrte eine Weile lang nach draußen, bevor er die Augen schloss.
"Gute Nacht, Amartius."
Sollte Kassandra dann auch nicht fühlen? Das war unvorstellbar. Nicht nur die Tatsache, dass sie sich Zoras aus freien Stücken hingegeben hatte, wozu ein gewisser Grad an Emotion notwendig war, wie er fand, sondern auch ihr Wille dazu, sich mit ihm und seinen vergleichsweise nichtigen Problemen auseinanderzusetzen. Vielleicht empfand sie nicht dieselben starken Emotionen wie Menschen, aber sie waren doch da, davon war Zoras überzeugt. Ganz unabhängig von ihrer Essenz und dem emotionalen Einfluss ihres Trägers.
Er nickte und weil er sich daran erinnerte, dass Areti womöglich auf Formalität bestehen könnte, setzte er hinzu:
"Gefühle machen uns Menschen anfällig für Fehler, sie beeinflussen uns in unserer Entscheidung. Götter stellen Perfektion dar, Gefühle zu empfinden würde sie nicht lange an der Existenz halten."
Zoras wusste nicht, wann er so philosophisch geworden war. Vermutlich an dem Zeitpunkt, an dem sein Leben von stumpfen Aufgaben erfüllt worden war und er sämtliche Verantwortung schon weit hinter sich gelassen hatte. Es ermöglichte einen anderen Blickwinkel auf die Welt.
Nur die Moiren, das war eine Angelegenheit, bei dem Zoras die anderen Blickwinkel fehlten. Er zweifelte nicht daran, dass sie existierten, aber er bezweifelte durchaus die Tragweite ihrer Anwesenheit. In seiner Vorstellung waren die Moiren nichts anderes als auserkorene Götter, die ein großes, ganzes Buch des Schicksals verfassten und irgendwo dort, vermutlich am untersten Blattrand, in der untersten Zeile, stand Zoras' Schicksal geschrieben. Es war undenkbar, dass es die ganze Seite, geschweige denn den ganzen Absatz prägte, aber anders wäre es bei Areti. Wobei Zoras durchaus ein gewisser Gott einfiel, der die Macht dazu hatte, der Phönixin einen bestimmten Traum zu weben.
"Soll das heißen, dass Ihr die Moiren herausfordern wollt, wenn Ihr ihr Schicksal zu beeinflussen gedenkt? Ich habe gehört, dass davon abzuraten ist, die gesponnenen Faden neu zu weben, es könnte noch viel größere Konsequenzen nach sich ziehen. Seht Ihr nichts schwerwiegenderes als das "Unheil" Eurer Mutter und das daraus entstehende Ungleichgewicht? Wenn nein, würde ich die Moiren an Eurer Stelle nicht herausfordern. Lasst die Dinge am Laufen, so wie sie sind."
Damit warf er ihr einen kurzen Blick zu, bevor er wieder geradeaus sah.
"Ich will Euch nicht davon überzeugen, Kassandra ihre Essenz zurückzugeben, aber davon, dem Plan der Moiren zu folgen. Wer weiß, vielleicht ist auch das Gegenteil ihr Plan. Wir werden es wohl früher oder später herausfinden."
Er schwieg und auch die Phönixin sah auf die Ebene hinaus und hielt die Stille zwischen ihnen, zumindest, bis sie sie mit einer ganz anderen Sache brach.
Zoras sagte darauf nichts. Er wusste nichts, was es zu sagen gab. Er hätte Areti von Teal erzählen können, dass der Junge jetzt ein Mann sein musste, dass er hoffentlich nicht Herzog war, dass Zoras die Neuigkeit nicht verkraftet hätte, dass sein Neffe und nicht sein Bruder den Titel trug. Er hätte ihr davon erzählen können, dass er eigentlich teilweise Erfolg mit seinem Plan gehabt hatte, nämlich indem seine Familie ihn vermutlich für tot hielt, dass er nicht wusste, ob es eine gute Idee war, ihnen unter die Augen zu treten und alte Wunden aufzureißen. Er hätte sie auch bitten können, ihm zu helfen, ihre Signaturen ausfindig zu machen, sie zu kontaktieren oder auch einfach nur nach Elive zu suchen, schließlich könnte man sie auf einem oder anderen Weg über ihre Schwestern erreichen. Aber nichts davon kam heraus und schließlich nickte er nur, so als hätte ihm diese Bemerkung eine langjährige Frage beantwortet. Und weil er nicht unhöflich sein wollte, murmelte er:
"Ja, Elive kann sehr, sehr dickköpfig sein."
Dann verfielen sie wieder in Schweigen und irgendwann drehte Zoras sich um in Richtung Wagen.
"Ich werde Amartius beerdigen."
Er ging ein paar Schritte, dann blieb er doch noch einmal stehen und drehte sich zu Areti um. Er zögerte kurz.
"Ihr könnt daran teilnehmen, wenn Ihr wollt. Ich denke, das hätte Amartius…", er strich kurz über den Griff seines Schwertes, "... ich denke, das würde ihm gefallen."
Dann ging er weiter, ungeachtet dessen, ob die Phönixin mit ihm kam.
Er gab Amartius ein Kriegsbegräbnis, auch wenn er sich nicht mehr ganz sicher war, wo genau er gestorben war und obwohl er keinerlei Hilfsmittel dazu hatte. Also musste er sich auf Worte beschränken und auch, wenn ihn niemand gehört hätte, sprach er sie leise aus. Er erklärte, was ein Kriegsbegräbnis war, dass es dann eingesetzt wurde, wenn man nicht im Kampf sondern von den Konsequenzen eines Kampfes starb und dass Soldaten auf dem Schlachtfeld kein Kriegsbegräbnis erhielten, weil man davon ausging, dass sie alle von den Walküren ins Jenseits begleitet wurden. Aber Amartius war noch immer in gewisser Weise hier und deswegen hatte Zoras das Bedürfnis, ihn dazu aufzuklären. Er beschrieb all die Heldentaten, die Amartius vollbracht hatte, all die Meilensteine, die er erreicht hatte, alle Erfolge, die aufzählungswürdig waren. Er betonte mehrfach, wie stolz er auf ihn war, wie stolz seine beiden Eltern auf ihn waren, dass er ein Vorbild für alle anderen Halbgötter war, die gerade existieren mochten oder in Zukunft entstanden. Er sagte, dass er ihn liebte und dafür sorgen würde, dass man ihn niemals vergessen würde. Er tat das alles, ohne an der Last einzugehen, die auf seiner Brust lag und die doch so viel kleiner war, seitdem Areti ihn berührt hatte.
Später legte er sich zurück zu den anderen beiden in den Wagen und starrte eine Weile lang nach draußen, bevor er die Augen schloss.
"Gute Nacht, Amartius."
