Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras sah Kassandra lange Zeit direkt in ihr wunderschönes Gesicht, in ihre Augen, die er so sehr vermisst hatte. Die kleine Falte an ihrem Augenwinkel, ihre langen Wimpern, der dunkle Blick, der auf ihm ruhte. Wie hatten es - was, sechs Wochen sein können - wenn es sich anfühlte wie ein halbes Jahr? Wie hatte er ihre weiche Haut, ihre Wärme, ihren intensiven Blick in irgendeiner Weise vergessen können? Er wollte sich alles noch einmal einprägen, er wollte es nie mehr aus seinem Gedächtnis verlieren.
      "Wenn ich gewusst hätte, was in Veren vor sich ging, hätte ich dich nicht einmal in die Nähe gelassen. Es ist gut, dass du dich herausgehalten hast."
      Ein kleines Triumphgefühl konnte er nicht unterdrücken bei dem Gedanken, dass in Veren die Streitkräfte abgeschlachtet wurden, aber genauso bedeutete das, dass er sich ernsthaft darum Gedanken machen musste, wie der Aufstand dann aussehen würde. Wenn sich Firion noch für Zoras' Seite entschied, wäre es Kerellin und das Königshaus alleine? Und wie sollte Zoras da noch eine Niederlage glaubwürdig machen? Darüber musste er sich noch Gedanken machen und im Zweifel Firion auf eigene Faust angreifen, damit er den alten Herzog zu einer Entscheidung zwang. Das gefiel ihm allerdings ganz und gar nicht und er hätte es allemal bevorzugt, einfach gegen Veren anzutreten.
      Jetzt war ihm diese Wahl abgenommen worden. Er musste herausfinden, was dagegen zu unternehmen war.
      Aber nicht jetzt. Einen Moment würde er doch wohl noch erübrigen können, um die Phönixin zurück zu begrüßen.
      "Vielleicht hat sie gedacht, wenn sie sich schnell genug hier einnistet, würde ich sie nicht mehr mit deiner Hilfe vertreiben, ohne dass ich dabei mein eigenes Land verletze. Vielleicht hat sie sich auch einen gewissen Vorsprung erhofft, während ich abgelenkt war. Ich weiß es doch auch nicht, Kassandra, aber wenn ich gegen sie verliere, kommt es vielleicht nicht mehr zu einem Kampf mit dem Königshaus. Und wenn ich siege, holen sie womöglich restarische Einheiten ins Land. Es ist mir beides nicht recht. Ein Stillstand wäre der optimale Ausgang."
      Zu seinem Glück schien auch Kassandra es dabei belassen zu wollen, denn sie gab ein Seufzen von sich und dann fanden ihre Hände ihren Weg zu Zoras' Gesicht. Etwas in ihm blühte bei der Berührung auf, ein hart gewordener Kern, der sich durch die Zartheit ihrer Hände wieder erweichen ließ. Er lächelte sanft, bevor Kassandra sich zu ihm lehnte und ihre Lippen endlich wieder miteinander vereinigte. Sie schmeckte noch immer nach ungezähmter Natur, ihr Geruch war der von frischer Luft, von Himmel und Wolken und hatte sich sogar noch verstärkt - kein Wunder, wo sie doch geflogen und ihre Kleidung losgeworden war. Zoras badete darin, in allem, was er von ihr bekommen konnte. Er schlang wieder unvorsichtig die Arme um sie, aber anstatt des explodierenden Schmerzes von vorhin spürte er nur ihre weiche Haut unter seinen Armen. Ohne weiter darüber nachzudenken, wohin der Schmerz und die Wunde verschwunden war, drückte er die Phönixin sehnsüchtig an sich, ließ die Hand über ihren Rücken streichen und schob die andere in ihr Haar. Der Kuss hielt lange genug an, dass er sich sicher sein konnte, dass sie ihn nicht nur aus Sehnsucht küsste, dass dort eine Zuneigung dahinter lag, die er nicht recht greifen konnte. Er schloss die Augen. Er schmeckte ihre Lippen. Er genoss ihren Körper an seinem. Er holte die Zeit auf, die sie getrennt voneinander verbracht hatten.
      Als sie sich von ihm löste, hatte er das Thema vorher schon fast wieder vergessen, er musste erst sämtliche Sinneseindrücke von Kassandra von sich schieben, um sich auf ihre Worte zu konzentrieren.
      "Das möchte ich. Es wäre die beste Option. Wir dürfen nicht noch mehr Verluste erfahren."
      Er musterte sie einen Moment, wartete lediglich ab, ob sie dazu noch etwas zu sagen hätte, bevor er ihre Lippen wieder vereinte. Oh, wie sehr er sie wahrlich vermisst hatte.
      "Komm her", murmelte er gegen sie und ließ sich gleich wieder rückwärts auf das Bett hinab, wobei er sie mit sich zog. Das Feldbett war ein dürftiges Metallgestell mit einer dünnen Matratze, die gerade mal groß genug für eine Person war und auf die sich Zoras rückwärts legte, während er Kassandra mit sich zog. Ihr nackter Körper schmiegte sich an seinen und er ließ die Gelegenheit nicht verstreichen, seine Hände auf Erkundungstour zu schicken, während sie ihren Kuss weiter vertieften.
      "Nur fünf Minuten."
      Er zog sie noch näher an sich und genoss die fünf Minuten, so sehr es ihm nur möglich war.

      Er bestand darauf, dass Kassandra sich wieder ankleidete, nicht weil er den Anblick nicht genossen hätte - das tat er sogar sehr - sondern weil sie in einem Lager voller einsamer Männer waren und mittlerweile die Nachricht, dass Kassandra in gewissermaßen Zoras' Frau war, sicher die Runde gemacht hatte. Selbst als Göttin hätte es ein schlechtes Bild auf ihn geworfen, wenn sie so durch die Gegend marschierte, wie ihre fleischliche Hülle geschaffen worden war.
      Er ließ ihr Kleidung bringen und sie bekam eine Uniform zur Verfügung gestellt, was wohl das edelste war, was das Lager aufbringen konnte. Das war schon nicht mehr ganz so schlecht und Zoras musste zugeben, dass er den Anblick ihrer Gestalt in Uniform mindestens genauso sehr genoss.
      "Meine hübsche Soldatin. Du siehst hinreißend aus, weißt du das?"
      Er schob sein Gesicht von hinten an ihre Halsbeuge und unter ihren Kragen für ein paar flüchtige, warme Küsse. Er hatte sich selbst schon in seine Uniform gezwängt, wofür er dieses Mal immerhin keine Hilfe mehr vom Heiler benötigte und stellte sich sie beide vor, wie sie Arm an Arm auf dem Schlachtfeld standen. Das Bild beflügelte ihn, denn bisher hätte er sich das mit keiner Frau vorstellen können.
      "Lass die Uniform doch fürs Bett an, hmmm?"
      Er grinste an ihrer Haut, dann ließ er sie ziehen. Fünf Minuten war schon mehr Zeit gewesen, als er sich eigentlich erlauben durfte.

      Sie versammelten sich im Kommandozelt, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen und wie Kassandra möglichst gewaltfrei für Einhalt sorgen könnte. Die Phönixin wurde offen von sämtlichen Befehlsführern angestarrt, von denen die wenigsten sie überhaupt schon gesehen hatten. Wenn sie dann aber Zoras' Blick begegneten, sahen sie schuldbewusst wieder weg.
      "Kerellin muss nicht zur Grenze zurückgehen, aber sie muss sich zurückhalten, bis wir den Aufstand offiziell beendet haben. Andernfalls wird sie deinen Zorn doch noch zu spüren kriegen, Kassandra, so könnte man es formulieren."
      Er sah in die Runde, dann wieder auf die Phönixin zurück.
      "Außerdem schlage ich vor, dass wir dem Lazarett einen Besuch abstatten. Das könnte sogar hilfreicher sein als ein vorübergehender Waffenstillstand."
    • Kassandras Augenwinkel zuckten minimal. Zoras hätte sie vom Schlachtfeld ferngehalten? Von dem Unding, das in Veren gewütet hatte? Weil er fürchtete, dass sie dem nicht gewappnet wäre oder gar fallen würde? Am liebsten hätte sie ihn nun eines Besseren belehrt, abfällig geschnaubt und ihm noch einmal vor Augen geführt, dass sie die zu der Machtriege zählte, die genau gegen solche Fälle ausgestattet wären. Kein Mensch der Welt hätte das stoppen können, was in Veren wie der Leibhaftige gewütet hatte. Und das Schlimmste daran war, dass das Monster nicht einmal im vollen Besitz seiner Kräfte gewesen war.
      Also schluckte sie die Entrüstung einfach herunter und konzentrierte sich lieber auf den Kuss. Zwischen ihren Händen an seinem Gesicht schien der Herzog regelrecht zu schmelzen. Ein selbstzufriedenes Schmunzeln zuckte in ihren Mundwinkeln als Zoras seine Arme um sie schlang und der erwartete Schmerz ausblieb. Manchmal war es doch ein Schönes zu sehen, was ihre Magie bei Menschen alles bewerkstelligen konnte. So schmiegte sie sich noch enger an ihn, seufzte in den Kuss hinein als seine Hand über ihren Rücken fuhr und die andere den Weg in ihr Haar fand. Am Rande ihrer Wahrnehmung meinte sie, nicht nur den typischen Geruch von Pferd und Anstrengung an ihm riechen zu können, sondern auch eine bittere, schärfere Note, die dem Verbandszeug wohl zu zuschreiben war. Nichts davon würde er nun noch benötigen, wenn sie hier war. Zur Hölle, er würde nicht einmal einen Huf seines Pferdes in die Nähe von feindlichen Einheiten setzen müssen.
      Schlussendlich mussten sie sich doch wieder von einander lösen. Sie befanden sich noch immer an der Grenze zu einem Schlachtfeld und da gab es keine Zeit für den ausschweifenden Austausch von Zärtlichkeiten. Zumindest dachte sie das ehe Zoras sie zu sich auf das Feldbett zog. Als gäbe es keine andere Möglichkeit ließ sich die Phönixin auf den Körper des Mannes gleiten, der sich auf den Rücken auf das schmale, dürftige Bett gelegt hatte. Erneut verloren sie sich in einem Kuss während Zoras seine Hände nicht an sich halten konnte. Verständlich, wie Kassandra empfand und sich seiner Streicheleinheit entgegen reckte. Fünf Minuten waren ein lächerlich kleines Zeitfenster. Das konnten sie ja wohl selbst auf dem Schlachtfeld entbehren, oder?

      Zugegeben, Kassandra hatte ein wenig ihre Wirkung auf einem Schlachtfeld voller einsamer Männer unterschätzt. Selbst wenn man ihre Umrisse nur erahnen konnte, reichte das scheinbar schon aus, um so manchen Soldaten völlig aus der Bahn zu werfen. Der kurze Auftritt, den sie bei ihrem Eintreffen hingelegt hatte, war eindrucksvoll genug gewesen. Und so konnte sie nur amüsiert lachen als sich der Herzig darum bemühte, ihr eine Uniform bringen zu lassen, damit sie nicht mehr so aussah wie die Göttin, die sie eigentlich war. Mit einem sprichtwörtlichen Schnipps war das Feuer ihres Körpers erloschen und zeigte sie wieder in der menschlichen Hülle, die Zoras nur zu gut kannte. Süffisant langsam hatte sie sich in den rauen Stoff gekleidet, der wohl das nötigste erfüllte. Ihre langen Haare hatte sie eng zu Schnecken gedreht an ihren Kopf geflochten und so sah sie von Weiten den normalen Soldaten gar nicht so unähnlich. Wenn man ihr jedenfalls nicht direkt ins Gesicht sah.
      "Ich sehe in absolut jeder Kleidung einfach himmlisch aus", korrigierte sie ihn grinsend als er ihr noch einen Kuss in den Nacken aufdrückte. Als hätten sie sich Jahre nicht gesehen... "Aber wie konnte ich nur vergessen, dass ich vermutlich die Erste bin, die ebenfalls eine Uniform tragen kann? Ich wette, du hattest noch keine Frau mit dieser Qualifikation... Wenn mich lieb fragst, lass ich sie vielleicht an."

      Wenig später befanden sie sich im Kommandozelt. Kassandra hatte sich schräg hinter Zoras postiert, die Arme hinter den Rücken verschränkt und mit stattlich aufrechter Haltung dastehend. Ihr Blick war kühl, berechnend, und völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie ringsherum angestarrt wurde wie ein Weltwunder. Wenn man es nicht besser wusste, dann würde man ihr unterschreiben, dass sie einen besseren Soldaten als alles andere abgeben würde. Innerlich lachte sich die Phönixin ins Fäustchen bei den gaffenden Blicken. So etwas gab es schon länger nicht mehr.
      "Ich möchte die Heiler natürlich nicht verunglimpflichen, aber was Wochen der Behandlung fordern würde kann ich in Minuten lösen", verkündete Kassandra schlicht und ergreifend. Das war in der Tat das klügste Vorgehen, das sie zunächst anstreben konnten. "Außerdem sollte in Erwägung gezogen werden, Kerellin zu präsentieren, dass ich nun vor Ort bin. Solange ich nicht in die direkte Konfrontation übergehe, sollte eine eindeutige Drohung ausreichen."
      Das bisschen an Worten reichte aus, um eine taktische Besprechung auszulösen. Es gab keine Einwände, als erstes dem Lazarett einen Besuch abzustatten und die Verluste so gering zu halten wie nur irgendwie möglich. Wenn sie schon den Luxus einer übermenschlichen Heilungseinheit besaßen, sollte man ihn dementsprechend auch einbringen. Somit brachen Herzog und Champion zum Lazarett auf nachdem man sich darauf geeinigt hatte, dass eine Enthüllung von Kassandras Anwesenheit womöglich schon ausreichen konnte.
      Das Lazarett erstreckte sich über ein Dutzend Zelte. Sie waren fast bis unter die Decke gefüllt mit sämtlichen Verletzten, die das Heer aufzubieten hatte. Noch bevor sie das Lazarett überhaupt erreicht hatten, schlug Kassandra bereits die Welle des Leids entgegen und wie hin und wieder ein Licht einfach erlosch. Sie hatte die Nase gerümpft als sie in das beißend riechende Zelt kam und von Quallauten regelrecht umhüllt wurden. Das war eine Ansicht, die sie nicht vermisst hatte.
      "Wir können von Zelt zu Zelt gehen", meinte Kassandra, die sich durch die Reihen der Betten kämpfte und hier und da einen Blick zur Seite warf. Von Fleischwunden bis hin zu abgetrennten Gliedmaßen war alles dabei. "Abgetrennte Gliedmaßen kann ich nur direkt versorgen, wenn sie frisch sind und das abgetrennte Teil noch da ist. Ansonsten werde ich nur die Stümpfe schließen."
      Dann ging ein Puls durch das Zelt als Kassandra ihre Magie freisetzte. Sie glühte selbst unter der Uniform regelrecht auf, eine kleine Abbildung der gleißenden Sonne inmitten eines Zeltes. Eine Welle der Wärme überspülte die Betten während sich unter den ungläubigen Augen der Heiler die ersten Schnitte langsam zu schließen begannen und Blutungen stoppten. Das Wehklagen der Verletzten ebbte ab bis es schließlich einer seeligen Stille wich und Platz für erstaunte Keucher machte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras machte sich mit Kassandra schon auf den Weg das Lazarett zu besuchen, während der verbliebene Führungsstab alles dafür vorbereitete, dass Kassandra einen möglichst eindrucksvollen Auftritt gegenüber der feindlichen Armee hinlegte, möglichst ohne dabei irgendwelche Verluste zu erzielen. Sie sollte sich zeigen, sobald die gegnerische Armee sich wieder in Bewegung setzte, so viel war sicher, denn sie musste ein Zeichen dafür setzen, dass Kerellin mit ihrem weiteren Einmarschieren eine bisher unsichtbare Grenze überschreiten würde, wenn sie weiterzog. Das hielt auch Zoras für eine gute Idee, der den Gedanken gar nicht mochte, die Phönixin allein einem ganzen Heer gegenüberzustellen.
      Aber seine Sorgen hatten noch Zeit, zumindest ein paar Tage. Erstmal war das Hier und Jetzt ausschlaggebend und in diesem Fall war es dafür zu sorgen, dass das Lazarett sich leerte.
      Ihre gemeinsame Ankunft wurde hoch verkündet und versetzte die Krankenlager in helle Aufregung, als Sanitäter herumwuselten und Patienten versuchten aufzustehen, um den Herzog und seinen Champion mit einem angemessenen Salut zu begrüßen. Das war nichts neues und Zoras musste gar nichts dazu sagen, da kamen die Sanitäter schon herbei und drückten die Kranken wieder in ihre Betten zurück mit der ständigen Versicherung, dass ein Verletzter nicht vor dem Herzog oder seiner Göttin zu salutieren brauchte.
      Zoras überließ Kassandra den Vortritt, während er größtenteils die Begleitung darstellte. Auf ihrem Weg allein versuchten schon die ersten, sich aus ihren Betten zu kämpfen und mussten sogar teilweise von der Garde zurückgehalten werden, die sich um den Herzog und die Phönixin geschart hatte. Zoras hätte schwören, dass das Wehklagen lauter wurde, wenn Kassandra in die Nähe kam und sie von wundersamen, geweiteten Augen taxiert werden konnte.
      Als sie dann ihre Magie entfaltete und Zoras sogar beobachten konnte, wie sich die Wunde eines Soldaten vor seinen Augen schloss, legte er ihr eine Hand auf die Schulter.
      "Tu es mit ein bisschen mehr... Theatralik. Leg ihnen die Hand auf oder sowas, damit hilfst du ihren Geistern genauso sehr wie ihren Wunden."
      Kassandra fügte sich ihm und was ein schneller Spaziergang durch das Lazarett hätte sein können, wurde ausgedehnt zu einer langen, ewigen Reihe an Patientenbesuchen, denen Kassandra für wenige Sekunden vorspielte, nur Augen und Aufmerksamkeit für sie zu haben. Normalerweise hätte Zoras sich dieser Aufgabe betraut und die regelrecht verdorbene Stimmung in den Krankenzelten gehoben, aber so reichte es schon aus, dass er im Hintergrund stand und beide beobachtete, während die Patienten Kassandra mit riesigen Augen anstarrten. Nicht wenige weinten, nicht wenige wollten Aufstehen und sich entweder vor Kassandra oder Zoras oder beiden verbeugen und allesamt hatten die gleichen verblüfften, riesigen, funkelnden Augen, die allein schon ausdrückten, was für ein Wunder gerade für sie in Erfüllung ging, dass sie nicht nur von der Phönixin geheilt wurden, sondern auch noch die Ehre ihrer Anwesenheit und die ihres Herzogs erhielten. Zoras blieb größtenteils ihr Schatten, sprach aber selbst ein paar Worte, wenn der Betreffende ein Veteran war und genauso viel Wert auf das Lob seiner Einsatzkraft durch seinen Heerführer, als auf die Anwesenheit einer Phönixin legte. Alles in allem war leicht zu erkennen, dass der Besuch von Erfolg gekrönt war.
      Am Abend scheuchte Zoras seine Garde durchs Lager, um ein Feldbett aufzutreiben, das groß genug für zwei war. Normalerweise hätten sie in getrennten Betten geschlafen, um sich schließlich mehr auf die Schlacht als auf sich selbst zu konzentrieren, aber Zoras sah nicht ein, diese Tradition mit Kassandra aufrecht zu erhalten. Es kam für ihn nicht in Frage, auch nur eine Nacht ohne sie zu verbringen, wenn sie schon in der Nähe war.
      Sie bekamen kein Doppelbett, aber dafür ein größeres Einzelbett, das wenigstens für sie beide ausreichen würde, wenn sie sich dicht aneinander kuschelten. Zoras erklärte diebisch, dass er früher auf ein solches Bett hätte bestehen sollen, denn jetzt hätte Kassandra keine Möglichkeit, ihm zu entgehen. Dann küsste er sie auf jeden freien Fleck Haut, den er mit der Uniform erreichen konnte, bevor er sie an sich zog und für einen Moment wieder ernsteren Themen widmete.
      "Wenn Kerellin aufmarschiert, musst du es genau wie heute machen. Es muss keinen Sinn ergeben, aber alle anderen müssen sehen, dass du etwas tust, das bedeutet viel mehr als deine eigentliche Magie. So wie die Feuerwand, die du damals geschaffen hast, als wir vom Palast geflohen sind. Aber verwende diesmal nicht mehr Energie, als du nicht aufwenden kannst, okay?"
      Er strich ihr über die Wange, während er noch immer halb davon verzaubert war, die Phönixin in Uniform zu sehen. Er hätte niemals gedacht, ein solches Faible für Kriegsfrauen zu haben, aber da belehrte sie ihn wohl eines besseren.
    • Sie sollte mehr... Theatralik an den Tag legen? EIn wenig verdutzt musterte sie Zoras, der seine Worte scheinbar ernst meinte. Kassandra war es gewohnt, dass sie meisten verschreckten, wenn sie ihre Magie nutzte und Menschen auf gar wundersame Art und Weise heilte. Doch sie wand nichts dagegen ein und stoppte ihre allumfassende Welle augenblicklich. Und so wurde aus einem kurzen Spaziergang durch die Zelte ein Marathon von Patient zu Patient. Eigentlich versuchte Kassandra sich dem Ganzen so gut es ging zu entziehen. Den Verletzten nicht unbedingt vorzuheucheln, dass sie das hier nur aus Not tat. Also ging sie von Bett zu Bett und verbrachte bei manchen mehr, bei anderen weniger Zeit, je nach Schweregrad der Verletzung. So sah sie beispielsweise, wie einige der Männer in Tränen ausbrachen. Noch mehr von ihnen wollten direkt nach ihrer Genesung aufspringen und sich vor ihnen beiden verbeugen, wurden aber mit Ach und Krach davon abgehalten. Kassandra war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Da sie so früh mit ihrem Marathon angefangen hatten, schafften sie tatsächlich das ganze Lazarett bis zum Abend hin abzugehen.
      Umso erledigt war die Phönixin dann auch. Einfach nur durch die schiere Menge an Menschen, die sie binnen kürzester Zeit abgefrühstückt hatte. Dabei war es nicht der Mangel an Magie, der ihr zusetzte. Denn davon hatte sie mehr als genug. Vielmehr war es der Anblick, das Erleben von all dem Schmerz, den die Soldaten bis zu ihrer Ankuft erleiden mussten. Das schürrte einen ganz eigenen Kopfschmerz, den wohl kaum ein Mensch je erfassen können würde.
      Umso dankbarer war sie, dass Zoras in der Lage gewesen war, ein breiteres Bett auftreiben lassen zu können. Sie hatte damit gerechnet, dass sie zwar in einem Zelt, aber getrennt von einandern schlafen würden. Das neue Gestell war nun auch keine dauerhafte Lösung, aber immerhin konnte sie halb neben ihm liegen anstatt voll auf ihm drauf. Wie er es sich gewünscht hatte, trug sie weiterhin die Uniform - man wusste schließlich nie, wann ihr Einsatz gefragt sein würde oder jemand unvorhergesehenes auftauchen würde. Also durfte sich Zoras damit zufrieden geben, jeden Blitzer Haut an ihrem Körper zu küssen ehe sie sich halb auf der Seite liegen aufrichtete und den Kopf in eine Hand abstützte.
      "Keine Sorge, ich weiß schon, was ich zu tun habe. Was das Thema Energiehaushalt betrifft, solltest du dir keine Sorgen machen. Aber tu mir den Gefallen und lauf nicht weg, ja? Das wird kein leicht zu ertragender Anblick werden", grinste sie und verleih der Ernsthaftigheit ihrer Worte eine ungeahnte Leichtigkeit. Sie ahnte bereits, dass Zoras vermutlich der Letzte sein würde, der bei dem bevorstehenden Anblick das Weite suchte. Vielleicht würde bei ihm sogar eine Faszination vorherrschen, aber bei dem was sie plante ging es nur darum. Möglichst viel Eindruck schinden ohne direkt aktiv zu werden. Das ging ihr nun leichter von der Hand als zuvor. "Und auf die Idee kommen, mich hier auszuziehen übrigens auch nicht..." Sie kuschelte sich wieder enger an Zoras, der sie mit offenen Armen empfing und sie beide vergessen ließ, dass sie sich auf einem Schlachtfeld befanden.

      Normalerweise würde man von Pech sprechen wenn sich der Feind mitten in der Nacht für einen Einfall entschied. In ihrem Fall jedoch war es das Beste, das ihnen hätte passieren können. Als es plötzlich laut im Lager wurde und Befehle gebellt wurden, schreckten sowohl Kassandra als auch Zoras aus ihrem leichten Schlaf auf. Eine Frau erschien im Eingang zu Zoras' Zelt, die die Phönixin bereits im Kommandozelt gesehen hatte, und fasste knapp zusammen, dass Kerellin auf dem Vormarsch war. Diese kleine Information reichte aus, damit sich ein seltsames Lächeln auf Kassandras Lippen schlich. Ein Teil in ihr hoffte, dass Meriah die Warnung ignorieren würde und weiter drückte. Denn wenn sie das tat, wäre Kassandra gezwungen in die Offensive zu gehen und dann würde sie ganz gezielt nur nach einem einzigen Menschen in der Masse an Lichtern suchen, um den Angriff niederzuschlagen.
      Im Lager herrschte kein wirkliches Chaos, dafür aber rigorose Aufmarschstimmung. Kassandra hatte Zoras darum gebeten, seine Leute zurückzurufen. Sie nicht zu nah an die potenzielle Grenze zu lassen, wo ihre Streitkräfte in der Regel aufeinander getroffen wären. Sie bat ihn um Abstand, gerade mal knapp fünfzig Meter, wo sich seine Soldaten aufreihen durften. Es gab eine unsichtbare Grenze, die sie nicht zu übertreten hatten während Kassandra in Aktion trat. Mitten in der Nacht war ihre Sicht sowieso deutlich eingeschränkter als die ihre. Ob Meriah wohl gewusst hatte, dass ihr Timing nicht hätte schlechter sein können?
      Man hatte Kassandra gezeigt, aus welcher Richtung Kerellin einfiel. Nachdem sie die Richtung für sich festgelegt hatte, wandte sie sich noch einmal Zoras um, der mit ihr zusammen sich vor seinen Männern abgesetzt hatte. Er sah noch immer nicht glücklich aus, sie allein vorzuschicken. Selbst dann, als Kassandra ihn anlächelte und ihm bestätigte, dass ihr nichts passieren würde, schien es ihn nicht ruhiger zu stimmen. Dann wandte sich die Phönixin von ihm ab und ging die letzten 40 Meter nach vorn bis sie die tosenden Männer hinter sich hörte und Kerellins Battalione vor sich sah. Irgendwo dort würde auch Meriah sein... Dessen war sie sich sicher.
      Doch nun war erst einmal die Zeit gekommen, Eindruck zu schinden. Es stand kein Mond am Himmel, Wolken bedeckten den Großteil der Sterne und so hatte man die Gestalt der zierlichen Frau schnell aus den Augen verloren. Dann zuckte ein einzelner Funke vor den Augen der luorschen Streitkraft, der urplötzlich zu explodieren schien. Binnen Sekunden schwoll der Funken zu einem ungezähmten Feuerball an, der bis auf die Größe von fünfzehn Metern wuchs. Erst dann, in seiner ganzen Größe, brach aus seinen Seiten zwei Feuerzungen heraus, die sich alsbald als Flügel manifestierten. Ein ohrenbetäubender Vogelschrei übertönte mit Leichtigkeit jedes Geräusch der Streitkräfte als sich der Kopf eines Vogels aus den Flammen schälte an einem schmalen, langen Hals. Die Stoßfedern fächerten sich breit über den Boden hinter Kassandra auf und versengten das Gras, das schwarze Rauchschwaden in den Himmel schickte, die niemand sehen würde. Krallen aus purem Feuer schienen sich in den Boden zu graben. Einzig und allein ihre Gestalt, eine brennende Nemesis, die die Anmutung eines Vogels trug, leuchtete lichterloh in der Dunkelheit und verkündete unmissverständlich ihre Anwesenheit. Die Flügel waren noch immer ausgebreitet, von den Schwungfedern tropften Flammentränen zu Boden, und bildeten eine optische eindeutige Grenze zwischen den Einheiten Luor und Kerellin. Sollte sie es doch wagen, sich weiter zu nähern. Dann würde sie ihnen zeigen, dass dieses Schauspiel nicht nur Spaß war.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Ich würde niemals weglaufen", stellte Zoras fest, ohne noch einmal darüber nachzudenken. Er meinte es auch so, das wusste er. Nichts hätte seine Meinung in dieser Hinsicht umstimmen können.
      Mittlerweile war er gespannt darauf, ob die Träume wieder anfangen würden, obwohl Morpheus sicherlich noch nicht gänzlich zu ihnen aufgeholt hatte, aber die Nacht wurde dennoch unterbrochen. Schreier rückten durch das Lager und riefen zur Wachsamkeit, nur wenige Sekunden, bevor Kommandantin Ayon selbst durch den Zelteingang brach und die darin liegende Dunkelheit darüber informierte, dass Kerellin losmarschiert sei. Zoras war schon wach, er war mit dem ersten Geräusch aufgesprungen und schloss gerade den letzten Knopf seiner Uniform. Wäre ihm Ayon nicht zuvor gekommen, wäre er kaum drei Sekunden später selbst hinausgelaufen.
      "Bei allen Göttern, hat sie denn keinen Respekt vor der Nachtruhe?", brummte Zoras, der zwar nur leicht geschlafen hatte, aber immerhin noch länger im Bett bei Kassandra hatte bleiben wollen. Er entließ die Kommandantin und reichte Kassandra seine Hand, um sie an sich zu ziehen und ihre Schläfe zu küssen.
      "Wir werden hinter dir bleiben. Jag ihr einen gehörigen Schrecken ein, meine bezauberndste Phönixin."
      Er küsste sie erneut, diesmal auf den Mund, dann eilte er nach draußen, um die Aufstellung zu überwachen und voranzutreiben. Kassandra würde selbstständig zur Front kommen, sobald alles bereit war.

      Die Armee versammelte sich östlich des Lagers, kein Schritt weiter, damit der Abstand zu Kassandra gewährleistet war. Zoras hatte letzte Anweisungen vergeben, dann war er auf Ischgyll zu Kassandra vorgeritten, um sich auch von ihr bestätigen zu lassen, dass alles unter Kontrolle und nach Plan verlief. Er bot ihr an, dass sie ein Trupp begleiten könnte. Er bot ihr an, dass sie eine Garde zur Verfügung gestellt bekommen könnte. Er bot ihr an, dass sie sich in die Front einreihte und sie gemeinsam marschierten. Kassandra lehnte alles ab und schließlich versicherte er ihr, dass sie nur zwei Minuten bräuchten, um an ihrer Seite zu sein, sie müsse nur das Zeichen dafür geben. Er saß ab, weil der Hengst wahrscheinlich nur bocken würde, wenn er ihn noch näher an Kassandra heranlenkte, ergriff ihre Hand und küsste sie.
      "Pass auf dich auf."
      Er streichelte über ihr Haar, dann schwang er sich wieder in den Sattel und kehrte an Kommandantin Ayons Seite zurück, während Kassandra sich zur anderen Richtung umwandte und weiterschritt. Seine Kommandantin warf ihm einen kurzen Blick zu, den er ignorierte, während er nach Wachsamkeit brüllte. Er ritt die Reihen an Soldaten ab, dann kam er zurück und wandte seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen.
      Kassandra war in der Dunkelheit der Nacht schnell verschwunden. Die Fackeln der Armee, sowohl der eigenen, als auch der gegnerischen, waren nicht hell genug, um auch den Mittelpunkt zu bescheinen, in dem die Phönixin jetzt verschwunden war. Zoras ärgerte sich doch zunehmends darüber, nicht auf eine Begleitung für sie bestanden zu haben, während er jetzt auf den Fleck starrte, wo er sich von ihr verabschiedet hatte und wo nichts mehr zu sehen war. Selbst Kommandantin Ayon war unruhig, sie hatte die Hand auf ihren Schwertgriff gelegt und sah sich sekündlich nach den Seiten um, um sich zu vergewissern, dass die eigene Armee sich nicht bewegt hatte. Für einen Moment wurde es so still, dass man beinahe die Anwesenheit von tausenden Soldaten hätte vergessen können.
      Dann kam ein einzelner Funke auf, eine Sinnestäuschung, wie man für den Augenblick annehmen konnte, bevor der Funke sich schlagartig zu einem richtigen Feuerball ausweitete. Eine Bewegung ging durch die Armee, ein feines Rasseln von Rüstungsplatten, als der Feuerball sich ausweitete, die Größe eines Pferdes annahm und noch viel weiter wuchs, bald die Ausmaße eines ganzen Trupps annahm. Jetzt war er so groß, dass er schon eine eigene Lichtquelle in der stockfinsteren Nacht bot und in der Entfernung leicht in den Rüstungen der kerellischen Armee funkelte. Er hörte aber nicht auf, jetzt nahm er langsam gestalt an, zwei Flügel die sich in massiven Ausmaßen zu den Seiten ausbreiteten und vor denen die feindliche Armee spätestens jetzt zögerte. Ein Schrei ertönte, das Kreischen eines Vogels, der durch den Boden unter ihnen vibrierte und die Nachtluft zum Schwingen brachte, ein Geräusch mit der ganzen Macht der Natur, die über beide Armeen hinwegfegte. Pferde bockten, Rüstungen klirrten, Offiziere riefen zu Ruhe. Selbst Ischgyll warf den Kopf herum und peitschte mit dem Schweif, aber Zoras nahm die Zügel enger und klopfte ihm über den Hals. Er konnte den Blick nicht von der Feuergestalt abwenden, die sich vor ihnen offenbarte.
      Der Vogel nahm Gestalt an. Das Feuer, aus dem sein Körper bestand, wurde so hell, dass es mit der Dunkelheit der Nacht fast gleißend wirkte. Der Boden um ihn herum fing Feuer, so als hätte die Natur entschieden, sich lieber der Gewalt anzuschließen, als sich vor ihr zu schützen. Die Flammen zuckten hoch in den Himmel, höher noch, als die eh schon gewaltige Gestalt.
      Zoras hatte nie etwas schöneres gesehen.
      Der Vogel hob den Kopf und präsentierte seine albtraumhafte Präsenz für all jene, die das Unglück hatten, ihm ins Gesicht blicken zu müssen.
      Ferne Geräusche wurden wieder laut und Zoras, der von dem Anblick vollkommen hypnotisiert war, hätte beinahe verpasst, wie die Boten schrien, dass Kerellin ihre Formation aufgab. Da wandte er den Blick und sah geradewegs in Kommandantin Ayons Gesicht, das vor Schreck leichenblass war und die mit weit aufgerissenen Augen auf den Feuervogel starrte. Ihr Mund war auf kuriose Weise aufgesperrt und die Flammen spiegelten sich in ihren Augen, so als hätte sie sie verschluckt. Das blanke Entsetzen war auf ihrer sonst so gefassten Miene deutlich herauszulesen.
      "Kommandantin Ayon!"
      "Ja, mein Herr!"
      Sie war augenblicklich wieder in der Gegenwart, wenngleich sie sich nicht ganz vom Anblick losreißen konnte. Zoras verzieh ihr das.
      "Lagebericht!"
      "Mein Herr!"
      Sie kümmerte sich darum, während Zoras zurückblieb und den Feuervogel beobachtete. Seine Phönixin, seine Göttin. Seine Naturgewalt.
      Die Nachricht kam kurze Zeit später und war höchst erfreulich: Kerellin hatte ihre Formation aufgebrochen, aber unabsichtlich. Die Soldaten rissen nach allen Seiten aus und verteilten sich über das Feld, während die verbliebenen Offiziere versuchten, Ordnung hineinzubringen. Auch einige Befehlshaber seien wohl geflüchtet, Kerellin selbst bemühe sich um Kontrolle.
      "Das ist unsere Chance. Mit mir Kommandantin. ACHTUNG!"
      Er lenkte Ischgyll herum, riss sich von dem Anblick seiner feuernden Göttin ab und preschte an den Reihen der Soldaten entlang. Er teilte die Armee binnen Sekunden in zwei Hälften und brüllte nach Formation, die die Soldaten in wenigen weiteren Sekunden umsetzten. Als die Truppen losmarschierten, waren sie so weit gefächert, dass sie augenscheinlichst die ganze Fläche einnahmen, um möglichst effizient und schnell die flüchtenden Truppen zu schlachten oder zu vertreiben. Der Vogel präsentierte sich noch immer in der Mitte und musste mit viel Abstand umgangen werden.
      "Herzog Luor!"
      Er drehte sich zu seiner Kommandantin um, die drauf und dran war, sich ihrer Kompanie anzuschließen.
      "Mein Herr, habt Ihr sie unter Kontrolle? Wird sie auch nicht unsere Truppen verletzen?"
      Zoras wandte seinen Hengst zu ihr um und weil Kassandra in seinem Rücken war, weil ihr Feuer in seinen Knöpfen funkelte und die entstandenen Falten in seinem Gesicht noch tiefer erschienen ließen, oder vielleicht weil Ischgyll größer war und Zoras auf Ayon hinabsehen musste, wurden die Augen der Kommandantin wieder groß und sie schien sich vor ihm ducken zu wollen.
      "Sprecht nie wieder in solch blasphemischen Worten, Kommandantin!"
      "Mein Herr, ich -"
      "Sie ist eine Göttin und als solche werdet Ihr sie auch wahrnehmen! Haben wir uns verstanden?"
      "Verstanden, mein Herr!"
      Sie salutierte schneidig und ohne zu zögern, während der Schrecken in ihrem Blick wieder der Professionalität wich. Sie entschuldigte sich für ihre Unachtsamkeit und Zoras entließ sie. Sie stürmte davon, um mit der Armee aufzuholen und auch Zoras gab Ischgyll die Sporen.

      Kerellin flüchtete vor der Phönixin und der anrückenden Armee. Sie versuchte in letzten, verzweifelten Akten ihre Truppen beisammen zu halten, aber letzten Endes war es eine reine Hetzjagd, die die luorische Armee hauptsächlich mit ihrer Kavallerie betrieb. Was eigentlich eine reine Abschreckung hätte sein sollen, wurde zu einer Verfolgung, die mehrere Stunden andauerte, bis Zoras erklärte, sie seien zu weit vom Lager entfernt und würden ihren bis dahin gewonnenen Boden behalten, um ihr Lager vorzuholen. Er hatte sich der Verfolgung angeschlossen, um die Lage im Blick zu behalten, aber jetzt sah er sich ganz gezielt nach Kassandra um, die immerhin irgendwo in der Nähe sein musste. Er wollte sich bei ihr bedanken und außerdem wollte er sein Entzücken darüber ausdrücken, wie fabelhaft sie in ihrer Feuergestalt ausgesehen hatte. Eine wahrhaftige Phönixin und er dachte nicht, dass er jemals etwas anderes so sehr vergöttert hatte wie sie.
    • Die Einheit Kerellins, die vor Kassandras Feuerschein Gestalt bekam, brach binnen Sekunden vor ihr auseinander, so schrecklich schien ihre Erscheinung zu sein. Das war der größte Unterschied, den sie zu all den namenhaften, menschähnlichen Göttern besaß. Während Götter wie Ares oder Hel in menschenähnlicher Gestalt erst dann angsteinflößend wurden, wenn sie ihre Magie einsetzten, so reichte Kassandras reine Gestalt dafür schon aus. Für Zoras war sie ein Todesengel, für ihren Kult eine Göttin und für die flüchtenden Menschen vor ihr ein Monstrum. Vergleichbar mit jenem, das in Veren gewütet hatte. Doch Kassandra blieb in ihrer Gestalt an Ort und Stelle, behielt ihre einschüchternde Pose bei während hinter ihr Getrommel ankündigte, dass sich das luorsche Herr in Bewegung gesetzt hatte. Man umriss den Feuervogel mit gebührendem Abstand und strömte breit gefächert den fliehenden kerellischen Einheiten hinterher, um den verloren Boden wieder gut zu machen. Unter ihnen entdeckte Kassandra Zoras noch nicht sofort - sie spürte ihn noch in ihrem Rücken. Scheinbar war er dieses Mal klug genug nicht an der Spitze seine Einheiten anzuführen sondern sich im Nachgang ihr anzuschließen. Und als sie winzig am Boden ihren Herzog auf einem schwarzen Pferd an ihre vorbeipreschen sah, wusste sie, dass ihre Aufgabe erfüllt war. Wusste, dass sie sich ihnen nicht anschließen würde und durch ihre Einwirkung kein einziger Soldat sein Leben lassen würde. Eigentlich hatte sie sich jetzt wieder zurückverwandeln sollen, doch noch wollte sie den Schein wahren. Und so sahen die rubinroten Augen sehnsüchtig in die Ferne, gerichtet auf etwas, das sich all den anderen Blicken entzog. Und wenn sie sich nicht ganz täuschte, dann hörte sie wieder den Vogel höhnisch über ihrem Haupte schreien.
      Nach nur Minuten ragte Kassandra mit nun angelegten Flügeln noch immer in ihrer gewaltigen Gestalt im Flachland hervor. Die Stille war hinter ihr eingekehrt während vor ihr kein Zurückschlagen sondern vielmehr eine Hatz entstanden war. Dass es sich Stunden ziehen würde, ahnte Kassandra nicht, als sie die Augen schloss und der Vogel seine Gestalt verlor. Sie kehrte in einen Feuerball zurück, der immer kleiner wurde und an Masse verlor. Doch während er immer weiter schrumpfte, wurden die schwarzen Schlieren wieder deutlicher. Als sie fast wieder auf Größe ihrer menschlichen Gestalt war, war von dem rotglühenden Feuer kaum noch etwas zu sehen. Das Schwarz wand sich wie ein undurchdringbares Tuch fast vollkommen um das, was die Phönixin sein sollte. Und als das Feuer schließlich Kassandras Erscheinung freigab, war sie schon auf allen Vieren am schwarz verkohlten Boden. Um sie herum war es rabenschwarz, das brennende Gras war zu weit entfernt, als dass es sie in etwaiges Licht tauchte. Doch auch ohne hinzusehen wusste sie, dass ihre Gliedmaßen vollständig schwarz sein mussten. Sich die Striemen vielleicht sogar ihren Torso aufwärts zogen und sie deswegen das Gefühl hatte, sich nicht mehr bewegen zu können. Nicht wirklich Luft zu bekommen. Mit geweiteten Augen starrte sie den ebenso schwarzen Boden unter ihr an während sie mit ihrem eigenen Körper kämpfte, der sich eindeutig gegen ihre Entscheidung sträubte. Sie sollte hier nicht abwartend sitzen. Sie war nicht nur eine Showeinlage, die man als Abschreckung einsetzte. Sie war der Grund, warum diese Menschen dort die Flucht ergriffen hatten. Es war nur ihr gutes Recht, ihnen nachzustellen und so viele von ihnen den ewigen Kreislauf zurückzuführen, wie sie nur konnte. Das Land, das mit Blut getränkt worden war mit fruchtbarer Asche zu bestäuben. Stattdessen hatte sie sich dafür entschieden, Abstand zu nehmen. Sich an den Plan zu halten, der gar keiner war. Kassandra kämpfte mit der sprichwörtlichen Stimme in ihrem Kopf um die Herrschaft über ihren Körper. Denn sonst wäre hier das gleiche geschehen wie in Veren und dann wäre unmissverständlich klar gewesen, dass sie das flammende Monstrum gewesen war.
      Dass sie ein Monster war.

      Irgendwann hatte sich Kassandra in embryonaler Stellung eingerollt inmitten des Aschefeldes. Selbst nach Stunden hatte man sie weder gefunden noch augenscheinlich jemanden nach ihr suchen geschickt. Somit hatte sie genug Zeit bekommen, um den Disput mit sich selbst erfolgreich zu bekämpfen und schwer atmend das Gesicht in der Asche zu vergraben. Jeder Atemzug stieß kleine, dunkle Wölkchen aus Aschestaub hervor während sie den verbrannten Geruch wie einen altbekannten Freund einatmete. Das reichte, um sie mit der Zeit wieder zur Raison zu bringen, ebenso wie das reine Nichts über ihrem Körper. Die Nacht über ihr war grenzenlos, der Himmel war grenzenlos, selbst wenn Wolken ihn einzudämmen suchten. Und doch lag sie hier auf Erden, einsam und verlassen von allen guten Geistern.
      Dann näherte sich, noch in weiter Ferne, eine ihr bekannte Aura sich.
      Fast augenblicklich fuhr Kassandra aus der Asche nach oben und blickte in die Richtung, in der Zoras mit seiner Einheit verschwunden war, um verloren Boden wieder gut zu machen. Dank ihrer verbesserten Sicht erspähte sie in einiger Distanz einen Reiter. Auf dem Rücken eines schwarzen Tieres saß ihr Herzog und die Sorge, die sie über ihre Verbindung von ihm verspürte, trieb ihr ein beinahe melancholisches Lächeln ins Gesicht. Er suchte sie und nachdem sie nicht in seiner Nähe gewesen war oder sich den Verfolgern angeschlossen hatte, suchte er sie an der letzten Stelle, wo er sie gesehen hatte. Wenn man ganz genau hinhörte, dann konnte man bereits das gleichmäßige Geräusch von den Hufen seines Pferdes hören, das sich immer weiter näherte.
      Kassandra beschloss, sitzen zu bleiben. Sie streckte die Hände nach hinten weg und stütze sich so ab während sie dabei zusah, wie sich der Reiter immer weiter näherte. Wenn sie schwie würde er einfach an ihr vorbei reiten und im Dunkel der Nacht vermutlich gar nicht sehen. Er würde im Lager nach ihr fragen, nur um zu erfahren, dass auch dort niemand sie gesehen hatte. Seine Sorge würde sich schüren, er würde denken, sie sei erneut spurlos verschwunden. Hätte ihn vielleicht sogar verlassen. Wenn er dies wahrlich glaubte, dann hatte er das Versprechen vergessen, das einzige Versprechen, das sie ihm gegeben hatte. Dass sie bis zum Schluss bei ihm bleiben würde.
      Als Pferd und Reiter nah genug waren, dass man das Schnauben des Tieres hören konnte, beschloss Kassandra auf sich aufmerksam zu machen. Sie bewegte sich nicht, holte nur einmal tief Luft und begann dann einen Singsang in einer Sprache, die Zoras nicht verstehen würde. Doch er würde ihre Stimme zweifellos erkennen und zu ihr kommen. Das war ihr mehr als bewusst. Sie wollte ihn zu sich rufen, selbst wenn sie vor Asche nur so stierte und aussah wie ein Gossenkind.

      [....] Just a scar somewhere down inside of me
      Something I can not repair
      Even though it will always be
      I pretend it isn't there (this is how I feel)
      I'm trapped in yesterday (just stay out of my way)
      Where the pain is all I know (this is all I know)


      And I'll never break away (can't break free)
      'Cause when I'm alone


      I'm lost in these memories
      Living behind my own illusion
      Lost all my dignity
      Living inside my own confusion [....]

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Er fand sie nicht und die Götter mögen Kommandantin Ayon beschützen, wenn ihre Aussage, die Phönixin auch nicht gesehen zu haben, nicht der Wahrheit entsprach.
      Zoras ritt noch einmal an den hinteren Reihen entlang, wo sie ein behelfsmäßiges Lazarett errichtet hatten, dann wandte er sich um und gab Ischgyll die Sporen. Der Hengst gab ein Schnauben von sich, dann preschte er mit einem Satz nach vorne und jagte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, sein Reiter dicht über seinen Hals gebeugt. Trotz des mörderischen Tempos, das der gute Ischgyll von sich gab und das Zoras, trotz vergangener Stunden schon im Sattel, nur durch ein leichtes Brennen in den Oberschenkeln spürte, dauerte es gut eine halbe Stunde, bis sie das Licht des fernen Lagers sahen und Zoras einen Zahn zulegte. Zumindest dort schien alles in Ordnung zu sein, aber warum war Kassandra nicht mitgekommen, wenn sie im Lager wäre? Hätte er vielleicht erwähnen sollen, dass er sie gern an seiner Seite hätte? Dass sie nicht die ganze Zeit in ihrer Form bleiben musste?
      Die Erinnerung daran war frisch genug, dass es ihn in eine gewisse Euphorie versetzte, bevor er sich wieder erinnerte, dass er den Feuervogel niemehr zu Gesicht bekommen würde, wenn er Kassandra nicht auffand. Aber wieso sollte sie freiwillig von ihm weggehen? Wieso war sie dann aber auch nicht bei ihm geblieben?
      Er nahm sich vor, sie genau das zu fragen, wenn er sie wiedersehen würde, damit er sich nicht darüber den Kopf zerbrechen musste. Sie würde bestimmt in seinem Zelt sein und vielleicht sogar ein wenig schlafen, nachdem sie darin schließlich unterbrochen worden waren. Das hielt er sich fest vor Augen, als er das Lager anpeilte.
      Er war noch nicht annähernd in die Nähe davon gekommen, um auch nur den ersten Wachposten zu erreichen, da drang ein Geräusch an seine Ohren, das sich so sehr von der Szenerie und den Geschehnissen der ganzen Nacht absetzte, dass er für einen Moment glaubte, er hätte sich die liebliche Stimme nur eingebildet, die ganz eindeutig von Kassandra kam. Er war sich sogar fast sicher, denn die schönen Klänge, die wundersame Harmonie schien von überall herzukommen und gleichzeitig nicht laut genug zu sein, um sein Gehör zu fluten. Er konnte noch immer Ischgylls Hufschlag darunter ausmachen und noch immer das feine Rasseln seiner Ausrüstung, aber die Stimme war da und er erkannte, als ihre Töne hochschlugen und die Harmonie wechselten, dass es tatsächlich Kassandra sein musste.
      Selbst der Hengst schien es zu bemerken, denn seine Ohren zuckten herum und er wandte den Kopf, entweder um die betreffende Richtung, oder zu seinem Reiter zu sehen. Zoras beantwortete die unausgesprochene Frage seines Tiers und riss so fest an den Zügeln, dass das Pferd für einen Moment zur Seite kippte und mit den Hufen Matsch aufwirbelte, bevor es Halt fand und nach vorne stürmte.
      Er musste sich ausschließlich an ihrer Stimme orientieren, denn die Nacht war finster genug, dass er kaum die weitere Entfernung ausmachen konnte, aber er wurde langsamer, als ihre Stimme lauter wurde und schließlich sprang er ab, weil Ischgyll die Ohren anlegte und nervös wurde. Drei Meter weiter fand er sie auf dem Boden sitzen.
      "Hey!"
      Er konnte auf die Distanz nicht mehr erkennen als ihre Gestalt, aber dennoch schlug sein Puls in die Höhe, als ihm gewahr wurde, dass sie womöglich verletzt sein könnte. Wovon wusste er nicht, auch warum er es dann nicht gespürt hatte, aber das war völlig irrelevant in Anbetracht der Tatsache, dass sie noch immer auf derselben Stelle sein musste, wo sie sich in den Vogel verwandelt hatte. War sie etwa die ganze Zeit hier gewesen, in der Kälte? In der Dunkelheit? Was, wenn sie doch verwundet war?
      "Kassandra!"
      Er fiel vor ihr auf die Knie und schlang die Arme um ihren zierlichen Körper, bevor er ganz flüchtig mit den Händen über ihre Gliedmaßen und ihre Haut fuhr. Sie war warm wie sonst auch und er spürte nichts, was ihm nicht schon bekannt gewesen wäre, bis auf ein schleimiges Etwas, das an seinen Fingern kleben blieb. Blut? Er hielt die Hand vor Augen, konnte in der Dunkelheit aber nur eine noch dunklere Verfärbung erkennen.
      "Geht es dir gut? Bist du verletzt?"
      Dunkle Erinnerungen an die Flucht aus dem Palast kamen in ihm hoch, bei denen er Kassandra ebenfalls am Boden vorgefunden hatte. Damals hatte er sich schon gesorgt, aber jetzt glaubte er, schier dem Wahnsinn verfallen zu müssen, sollte etwas ähnliches geschehen.
      "War das zu viel für dich? Hast du dir etwas getan? Du hast alles ganz wunderbar gemacht meine Liebste, ganz atemberaubend, es war ganz fantastisch. Kannst du noch laufen? Was ist das auf dir, ist das etwa Blut? Komm her, Hübsche."
      Er beugte sich ungefragt nach vorne, schlang den einen Arm um ihren Rücken und den anderen unter ihre Beine und strengte sich an, sie möglichst leichtfertig hochzuheben. Dann drückte er sie an sich und begann den Marsch zurück ins Lager.
      "Warst du etwa die ganze Zeit hier draußen?"
    • Kassandra war bei ihrer letzten Strophe angekommen, da war Zoras bereits von seinem Pferd gesprungen. Er war nur noch knapp von ihr entfernt und als sie sich sicher war, dass sein Blick in ihrer Richtung ausgerichtet war, endete sie ihr Lied. Während sie so zusah wie er die letzten Meter zu ihr überbrückte konnte sie nicht anders als ein warmes Gefühl in der Brust zu spüren. Ein schwaches Lächeln, das sich zurück in ihr Gesicht kämpfte als sie den unfairen Vorteil ausnutzte, besser in der Nacht als jeder Mensch sehen zu können. Er rief ihren Namen noch bevor er vor ihr auf die Knie fallen konnte und ließ ihr Herz einen weiteren Satz machen. Wie jedes Mal, wenn er ihn aussprach. Wie jedes Mal, wenn er einen besonderen Nachdruck in ihn legte.
      Sie erwiderte seine stürmische Umarmung, schmiegte sich in seine Arme und war für einen Moment einfach nur seelig. Wie sein Puls an ihrer Brust schlug oder seine Wärme selbst durch Wetter, Schlacht und Kleider zu ihr durchzudringen schien. Sein atemloses Luftholen und das kurze Stocken, als er ihre Arme entlang fuhr und unweigerlich Rückstände dessen fand, mit dem sie sich gerade noch auseinander gesetzt hatte. Doch das Dunkel der Nacht war ihr Verbündeter und somit erkannte Zoras das glibberige Etwas nicht als das, was es wirklich war.
      "Unverletzt und alles in Ordnung", bestätigte sie ihm mit sanfter Stimme, die frei von der Pein der letzten Stunde war. " Ich dachte mir, ich sollte als Mahnmal hier noch eine Weile ausharren falls doch jemand auf die Idee kam und sich an mir vorbeischleichen wollte. Außerdem hätte es ja jederzeit sein können, dass euch etwas Unvorbereitetes erwartet und dann wäre eine sichere Rückzugslinie doch sicherlich nicht verkehrt, hm?"
      Dann beugte sich der Herzog bereits zu seinem Champion, um ihn auf die Arme und schließlich weg vom Boden zu hieven. Entgegen seiner Vermutung strampelte Kassandra jedoch sofort in der Versuchung, wieder abgesetzt zu werden. "Das ist kein Blut, ich kann auch selbst gehen. Wirklich. Lass mich runter", wies sie den Mann an, der sie wortwörtlich auf Händen trug. Er ignorierte ihre Worte, setzte stoisch einen Fuß vor den anderen als er sich mit ihr auf den Weg zurück ins Lager machte. Selbst sein Pferd, das in gebührendem Abstand gewartet hatte, trottet ihm nun hinterher. "Zoras, lass mich runter. Du bist stundenlang geritten, ich weiß wie deine Beine aussehen." Erneut reagierte er nicht. Langsam stellte sie ihre Gegenwehr ein und gab sich dem Umstand geschlagen, dass er ihre Füße, die von Asche und Schlamm verkrustet waren, den Boden nicht erneut berühren würden. Ein tiefer Atemzug ging durch ihren Brustkorb, als sie sich schließlich an seine Brust lehnte und die Augen schloss. Deswegen hatte sie sich gegen die Stimme in ihrem Kopf gewehrt. Nur deswegen.
      "Ich weiß, dass ich fantastisch war.... Dann sag mir mal, wie viele deiner eigenen Männer wollten bei dem Anblick die Flucht ergreifen? Warst du der Einzige, der an der Spitze stand und mich bewundert hat? Ich weiß, dass du mich bewundert hast..." Nicht weil sie es anhand ihrer Verbindung gefühlt hatte. Mittlerweile kannte sie ihren Herzog so gut, dass sie wusste, was Eindruck oder gar Bewunderung bei ihm auslöste. Vermutlich war sie selbst als gigantischer Vogel noch unwirklich atemberaubend in seinen Augen. Dabei hatte er noch nicht einmal ihre unverfängliche Gestalt gesehen. "Du solltest dir keine Sorgen um mich machen. Ein Defizit wie damals wird mich nicht mehr ereilen. Du hättest lieber an der Front bei deinen Männern sein sollen, und sei es nur als moralische Unterstützung. Der Theatralik wegen." Sie schmunzelte als sie seine Worte aufgriff.
      Nur noch ein paar Meter bis zur Grenze der Lagerstätte. Nur noch Meter bis das Licht sie soweit erhellen würde, dass Zoras den Schleim weder als Blut noch als Asche identifizieren sondern sie nach dessen Herkunft fragen würde. Also schickte Kassandra eine ihrer Kernflammen, so intensiv rot und kräftig wie noch keine andere zuvor, aus ihrem Inneren über ihren und Zoras' gesamten Körper. In einer einzigen, geschmeidigen Welle ging das Feuer über sie hinweg, löste den Schleim in Asche auf, die anschließend zu Boden rieselte. Eine warme Welle, kein brennendes Feuer, das am Ende wieder zurück in Kassandras Brust einkehrte und dabei sogar den kleinen Kolibri passierte, der noch immer unter der Uniform an ihrer Brust ruhte. Dieses Geheimnis war sie nicht bereit mit ihm zu teilen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein Mahnmal, eine sichere Rückzugslinie! Hätte jemand anderes, vielleicht Kommandantin Ayon, so über Kassandra gesprochen, hätte Zoras es sich zur Aufgabe gemacht, die betreffende Person darüber zu belehren, dass Kassandra alles andere als eine eigenständige Einheit war, die man herum zu kommandieren hatte. Nicht einmal die Tatsache, dass es Kassandra selbst war, die so sprach, war in irgendeiner Hinsicht besänftigend, aber so beschränkte er sich auf ein Schnauben.
      "Ich hätte dich viel lieber an der Front gehabt - nicht als Vogel, sondern damit du bei mir bist. Zumindest in meiner Nähe. Bei allen Göttern, Kassandra, ich dachte wirklich, dir wäre etwas geschehen!"
      Er ließ sich dennoch nicht davon abbringen, sie hochzuheben und fortzutragen. Wenn es ihr so gut ging, hätte sie auch selbst kommen können und nicht die Stunden in der Dunkelheit verbracht. Wie lange war er schon fort gewesen? Nicht lange genug, dass die Nacht hätte vorübergehen können, aber mit Sicherheit lange genug, dass Kassandra hätte begreifen müssen, dass sich niemand mehr an der Armee vorbei schlich. Ganz davon abgesehen, dass im Lager auch noch Wachposten stationiert waren und Kerellin vermutlich keine Regeln brechen würde - wobei Kassandra von letzterem schließlich auch nichts wissen konnte.
      "Lass dieses Herumgezappel oder ich werde dich über die Schulter tragen! Das ist deine Strafe dafür, dass du in der Kälte zurückgeblieben bist."
      Er wusste, dass es keine Strafe war, aber Kassandra knickte schließlich trotzdem ein. Sie gab ihren Widerstand auf und einen Moment später sackte ihr Kopf gegen seine Brust. Zufrieden mit seinem einmaligen Sieg, drückte er einen Kuss auf ihren Scheitel und bemühte sich dann, recht unbeschwert zu marschieren, auch wenn eher seine Arme unter der Last zu leiden hatten als seine Beine. Für letztere war die Bewegung eher eine willkommene Abwechslung.
      Ihre folgende Frage kommentierte er zunächst mit Schweigen, während er versuchte, sich an ein nicht entsetztes Gesicht zu erinnern. Zugegeben, die meisten hatte er durch die Helme nicht sehen können, aber die Kommandantin, als sonst furchtlose, unerschütterliche Frau, die Kassandra angestarrt hätte, als wäre sie ihrem persönlichen Albtraum begegnet, war wohl eher ein Argument gegen ihn.
      Trotzdem wollte er nicht akzeptieren, dass es niemand anderen gegeben hatte, der nicht mit völliger Faszination auf Kassandra geblickt hatte.
      "Ich bin mir ganz sicher, dass es zahlreiche Bewunderer gegeben hat. Auf unserer Seite natürlich und nicht bei Kerellin, das versteht sich von selbst, will ich meinen."
      Das Lager rückte langsam näher und damit die Erlösung von dieser unangenehmen Thematik. Aus der Entfernung kamen bereits Rufe, als man die beiden Personen - oder eher den größeren Ischgyll - erblickte und einzelne Soldaten kamen ihnen entgegen.
      "Und außerdem habe ich genug Theatralik für den Moment geliefert. Wir sind den meisten von ihnen in den Rücken gefallen, da brauchen meine Männer nicht noch einen Herzog, der sie anbrüllt, wenn sie lahmen. Zum Schluss wollen sie sich vor mir noch beweisen und stellen sich selbst ein Bein."
      Er verstummte, als die ersten Soldaten in Hörweite gerieten und Kassandra ging plötzlich in eine Stichflamme auf, die ihn in der Dunkelheit der Nacht blendete. Er spürte das Feuer nicht mehr als durch eine warme Welle, die über ihn hinweg schwappte, dann war es auch schon wieder verschwunden und Zoras blinzelte, bevor er sich den anlaufenden Soldaten stellte. Gereizt scheuchte er sie weg, damit niemand auf die Idee käme, ihn um seine kostbare Fracht zu bringen, und bestellte nach einem Waschzuber und einer neuen Uniform für Kassandra. Auf dem Weg zu seinem Zelt liefen ihm dennoch weitere Befehlshaber nach, denen er herrische Anweisungen gab, das Lager näher an die Front zu verschieben. Spätestens zum Morgengrauen sollten sie in irgendeiner Weise mit der Armee in Verbindung stehen, weil er nicht riskieren wollte, in diesen letzten Momenten noch Fehler zu begehen.

      Der Zuber stand wie durch Zauberhand schon in seinem Zelt bereit, als er Kassandra Momente später hineintrug. Im Licht der Fackeln konnte er sie endlich genauer betrachten und als er sie auf ihren Beinen abstellte, schüttelte er fassungslos den Kopf.
      "Du siehst aus wie eine Bettlerin."
      Er wischte ihr mit dem Daumen über das dunkle Gesicht und rieb die Finger aneinander.
      "... Ist das etwa Asche? Willst du mir sagen, dass du dich selbst verbrennst, wenn du die Gestalt änderst?"
      Er zog zweifelnd eine Augenbraue hoch, dann begann er, sie aus ihrer Uniform zu befreien. Auch das könnte Kassandra alleine und auch davon ließ er sich nicht abbringen. Er nötigte sie auch, in den Zuber zu steigen und sich von ihm waschen zu lassen. Heute sah er in der Durchsetzung seines Willens keine Gnade.
      "Um deine Frage von vorhin aufzugreifen, bin ich mir ganz sicher, dass du für die meisten hier eine Heldin bist. Ohne dich hätten wir noch einmal kämpfen müssen und wenn das letzte Mal schon so schlecht ausgegangen ist, wäre es jetzt nicht besser geworden. Du hast durch deine reine Anwesenheit Leben gerettet und das wissen sie schon. Auch wenn sie einen Feuervogel vielleicht nicht ganz so sexy finden wie ich, hm?"
      Er grinste sie an, lehnte sich zu ihr und küsste sie. Allzu lange konnten sie nicht bleiben, aber sie hatten noch Zeit.
      "Und ich fand dich immerhin grandios, da werden die anderen sicherlich auch vor Ehrfurcht erzittert sein. Wie schön du warst! Hast du dich einmal selbst gesehen, in dieser Form? Es ist atemberaubend! Meine wunderschöne, hinreißende Phönixin!"
      Er machte sich die Uniform mit Wasser und Asche schmutzig, als er die Arme um sie schlang und sie mit weiteren grinsenden Küssen bedeckte. Dann richtete er sich plötzlich auf und betrachtete sie mit neu gewonnenem Interesse.
      "Sag, kann man eigentlich auf dir mitfliegen?"
    • Auch Kassandra verfiel in ein Schweigen als sich Soldaten langsam aber sicher in Hörweite begaben. Sie gab sich einfach damit zufrieden, in Zoras' Armen zu liegen, den Kopf an seiner Brust gelehnt und dem Herzschlag lauschend. Niemand würde es wagen, sie ihm abzunehmen, dafür sorgten allein schon seine barschen Anweisungen, die er den Stäblern gab. Je näher sie dem Zelt kamen, umso deutlicher spürte sie jedoch, wie seine Arme zu vibrieren begannen. Sie wog nicht viel, aber die vergangenen Stunden forderten dennoch ihren Tribut und so nahm sie es ihm nicht einmal übel als er seine Arme ausschüttelte, kaum hatte er sie im Zelt auf ihre Füße abgestellt. Ihre Augenbrauen hoben sich in einer Form der Anerkennung, die man selten in ihrem Gesicht lesen konnte. Man hatte tatsächlich einen Zuber besorgen können, woher wusste sie nicht. Dass man allerdings auf die Schnelle kein warmes Wasser auftreiben konnte, nahm sie niemanden übel. Vermutlich bezogen sie das Wasser aus den angrenzenden Flüssen und war gegeben der Uhrzeit vermutlich eiskalt.
      "Seit wann tragen Bettler bitte Uniformen?", entgegnete die Phönixin während Zoras ihr mit den Daumen über die verruste Wange strich. "Natürlich ist das Asche. Hast du vergessen, wo du mich aufgelesen hast? In meinem Weg hinterlasse ich nur Brand und nein, ich verbrenne mich nicht selbst dabei. Sagen wir, ich danke der Erde für ihr Opfer nachdem ich fertig bin mit meiner Machtdemonstration."
      Was Zoras nicht wissen konnte war der Fakt, dass sie nicht wirklich die Gestalt änderte. Sie ahmte vielmehr nach, wie sie eigentlich aussehen konnte und das tat sie mithilfe ihrer Magie. Ein greifbares Trugbild aus echtem Feuer, wenn man denn so wollte, in dessen Zentrum ihre Hülle eingeschlossen war. Noch während sie sich erklärte begann er bereits, ihre Knöpfe an der Jacke zu lösen. Etwas genervt wischte sie seine Hände beiseite und erntete einen mahnenden Blick seinerseits. "Ich kann mich selbst ausziehen."
      Erneut gedachte der Herzog keine Abweisung seines Champions hinzunehmen. Seine Hände hatten schon eine Sekunde später wieder ihre Tätigkeiten aufgenommen und entlockten Kassandra ein Seufzen. Lag es daran, dass er gerade noch in seinem Heerführer-Modus war, dass er keine Anweisungen von ihr annahm? Sonst war er wesentlich leichter zu manipulieren gewesen, jetzt wirkte er völlig unbelehrbar. So sehr, dass sie ohne weiteres Hinhalten in den eiskalten Zuber stieg, den sie mittels ihrer Magie in kürzester Zeit zum Dampfen brachte. Gott, wäre es eine Qual gewesen wenn sie nicht so leicht mit der Temperatur hätte spielen können...
      Das Wasser um sie herum wurde fast augenblicklich trübe und grau als sich immer mehr Asche von ihrem Körper löste und mit dem Wasser verschmolz. Ohne Beschwerde ließ sie zu, dass Zoras sie ganz nach seinem Tempo wusch und feststellen musste, dass sie wirklich unversehrt war. Dabei folgte ihr Blick jeder seiner Bewegungen während draußen bereits laut gepackt und verräumt wurde, um das Lager zu verschieben. "Mir ist bewusst, dass deine Leute wissen, welchen Nutzen mein Auftritt hatte. Es ändert aber nichts daran, dass sie etwas bezeugen mussten, dass sich der menschlichen Auffassungsgabe entzieht. Du würdest ja auch nicht freiwillig auf ein Krokodil zugehen, dass einfach am Ufer liegt, oder? Und du findest einen Vogel nicht sexy, sondern eher diejenige, die Kern dessen ist."
      Kurz schmunzelte Kassandra als sich Zoras zu ihr lehnte und sich einen Kuss stahl. Und sie sich im Gegenzug einen von ihm stahl. Himmel, wären sie jetzt woanders in Ruhe und mit Zeit, dann hätten sie nicht lange die Hände voneinander lassen können. Er überhäufte sie regelrecht mit Komplimenten, zog sie an sich und ruinierte dadurch seine eigene, prächtige Uniform. Aber das war ihnen beiden egal als sie sich einfach nur am jeweils anderen erfreuten. Wie sich der andere unter den eigenen Lippen anfühlte, wie er schmeckte, wie warm man eigentlich war. Und so brannte sich dieser Augenblick in Kassandras Erinnerungen ein, eine Momentaufnahme inmitten eines Feldlagers, geprägt vom Geruch von Asche und Schweiß und Wasser.
      "Mhhh.... Das was du gesehen hast war nur eine Nachbildung meiner Erscheinung mithilge von Magie. Im Kern war ich noch immer so wie jetzt, also fürchte ich, dass auf mir Fliegen so nicht funktioniert. Aber wenn du das schon beeindruckend fandest, dann hättest du mich einmal in meiner wahren Gestalt sehen müssen." Aber das würde er nicht, wenn sein Plan gelang. Aber er würde es schon, wenn sie ihn vereiteln konnte. "Eigentlich ist mein Gefieder eine lebhafte Mischung aus Gold und Rot. Punktuelle Musterungen erstrecken sich über das gesamte Federkleid und die Details konnte meine Nachbildung ja gar nicht wirklich nachahmen...."
      Ihnen beiden war klar, dass mit dieser Sicherung der Grenze der letzte Punkt vor der großen Schlacht abgehakt worden war. Nun stand ihnen nichts mehr im Wege, die direkte Planung für die Schlacht anzugehen. Und so bekam die verbleibende Zeit von Zoras und Kassandra innerhalb kürzester Zeit ein festes Datum. Plötzlich wurde den beiden auch bewusst, wie schnell Zeit zu verfliegen schien obwohl man sie am liebsten ganz gestoppt hätte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras steckte Kassandras Bemerkung mit einem Lächeln weg, aber insgeheim wurde ihm bewusst, dass er sie gar nicht mehr in ihrer wahren Gestalt erblicken würde. Das, was ihm auf dem Feld präsentiert worden war, war nur ein Bruchteil - wenn überhaupt - dessen, was sie tatsächlich ausmachte, aber solange sie ihre Essenz nicht zurück hatte, würde sie es ihm nicht zeigen können. Und die bekam sie erst mit seinem Tod zurück.
      Er ließ sich nicht davon abhalten, die gemeinsame Zeit mit ihr dennoch zu genießen, aber es blieb in seinem Unterbewusstsein hängen als ständiges Mahnmal daran, dass sie ans Ende ihrer gemeinsamen Zeit gekommen waren. Diesen Zeitpunkt und die finale Schlacht trennten so wenig wie noch nie zuvor und je näher sie heranrückte, desto mehr erkannte Zoras, dass er viel gewillt war zu geben, um noch ein wenig mehr Zeit mit Kassandra zu haben. Er würde nicht alles geben, er würde nicht auf seinen Plan verzichten, aber er würde so viel geben, dass es ihm bereits Sorgen bereitete.

      Kerellin wagte in der folgenden Zeit keinen weiteren Angriff und obwohl Zoras das nur recht war, weil er sich schließlich auf wichtigere Dinge konzentrieren musste, hoffte er doch ein wenig, dass sie das Unvermeidliche ein wenig weiter hinausgezögert hätte. Aber er sah seine Pflicht ein und so richtete er sich im neuen Lager einen Arbeitsplatz ein, von dem er aus den Aufstand des Landes leiten konnte.
      Niligad hatte sich für die Gegenseite entschieden. Nach Verens schrecklichem Massaker war das kaum verwunderlich und Zoras konnte sich auch gut vorstellen, wie der Handwerksherzog zu seiner Entscheidung gekommen war, aber es schmerzte doch ein wenig. Ihn nicht an seiner Seite zu wissen bedeutete gewissermaßen einen Verbündeten zu verlieren, auch wenn er damit der Gegenseite und gleichzeitig auch Zoras in die Hände spielte. Zoras hätte nichts dagegen gehabt, an der Seite eines alten Freundes in den Krieg zu ziehen. Jetzt blieb ihm als Freund noch Eiklar, der aber zu wenig Kampferfahrung besaß und damit die Heerführung einem anderen überlassen würde.
      Damit waren die Spielsteine gesetzt, die Truppen waren bereit, die List des Königs mit dem auswärtigen Champion hatte versagt. Zoras setzte sein Schreiben auf, in dem er zur Schlacht aufforderte. Den Austragungsort konnte und sollte der König bestimmen, alles andere wäre merkwürdig gewesen. Er schrieb, dass er um das Recht der Krone kämpfen würde.
      Drei Wochen dauerte es bis die Antwort eintraf und Kerellin sich damit offiziell zurückziehen musste. Sämtliche Kriegshandlungen waren ab diesem Zeitpunkt strikt untersagt, abgesehen von der eigentlichen Schlacht, um die es ging. Niemand würde irgendwelche Regeln brechen, denn es handelte sich um eine königliche Schlacht und damit um das strikte Einhalten der Kriegsführung - selbst für Aufständische und ausländische Einheiten. Die Regeln mochten ihre Schwachstellen haben, wie bei der großen Schlacht bereits bewiesen, aber sie hatten auch ihre deutlichen Vorteile - zum Beispiel, dass ein Aufstand sich binnen zwei Jahren erledigen konnte. Oder sogar binnen einem, wie in diesem Fall.
      Wie vorhergesehen wählte der König einen Austragungsort in seinen eigenen Ländereien, in den steinernen Ebenen um den Palast herum, weil er sich damit in den Palast zurückziehen könnte und weil sein Rücken dadurch gedeckt wäre. Zoras hatte schon darauf gehofft und war nicht enttäuscht worden. Was ihm jetzt noch wahrhaftig bevorstehen würde, war sein Todestag.

      Die Heere fanden sich unter den abgetrennten Wappen Luor, Riev und Tiumus zusammen, ein gigantisches Lager mit über 60.000 Bewohnern, das sich über sämtliche Flecken harten Steinbodens erstreckte. Es war in drei Abschnitte unterteilt mit Luor in der Mitte und einem geräumigen Kommandozelt, in dem die Heerführer sich seit dem ersten Tag trafen und miteinander berieten. Der Tag der Schlacht rückte näher und was bisher über Brief- und Botenkorrespondenz ausgehandelt wurde, wurde jetzt in einem festen Schlachtplan niedergeschrieben. 60.000 Aufständische gegen rund 80.000 Landsmänner. Boten berichteten sogar von der verenschen Flagge, obwohl Zoras ernsthaft bezweifelte, dass viele Truppen von ihr aufzufinden wären.
      Es war schwierig, die anderen davon zu überzeugen, Kassandra nicht einzusetzen. Natürlich war es nicht verwunderlich, dass jeder einzelne von ihnen bis zum Schluss darauf gehofft hatte, dass Zoras seine merkwürdige Strategie bleiben ließ und die Phönixin einfach voranschickte, damit man nicht unnötige Soldaten in einer unnötigen Schlacht verlor, aber Zoras beharrte bei seinem Argument, dass sie nicht geplant hatten, das Land unter ihrer Macht erzittern zu lassen. Sicherlich war es gut, dass Kassandra da war, um “im Notfall” einspringen zu können, aber es war immernoch ihr eigenes Land und sie wollten nicht mehr, als den König stürzen. Wenn sie jetzt eine Phönixin voranschickten, würden sie ihre Herrschaft auf Tyrannei aufbauen.
      Es war aber schwierig, bei dieser Argumentation zu bleiben, denn manchmal fiel Zoras bei guten Gegenargumenten selbst nichts mehr ein. Ja, wenn er nicht verlieren wollte, hätte er nicht gezögert Kassandra einzusetzen. Nein, er wollte sie trotzdem nicht darin verwickeln. Selbst wenn Restaris auf die Idee käme Morpheus in den Kampf zu schicken; wer würde ihr schon eine ernsthafte Gefahr bieten? Zoras würde gewinnen und Feris umbringen müssen. Entweder das, oder er würde das bereits Geschehene im kleinen Thronsaal auf offenem Feld vor versammeltem Land wiederholen. Da könnte er sich auch gleich selbst enthaupten.

      Abends kroch er zu Kassandra in das größere Feldbett, küsste sie, vernaschte sie und genoss die Stunden, die nicht mehr unendlich waren. Eine unsichtbare Uhr hatte sich über ihren Häuptern erhoben und immer, wenn Zoras die Augen schloss, konnte er sie ticken hören. Tick tack, noch eine Stunde war vorbei. Tick tack, noch eine weniger. Tick tack - aber er hatte doch nur die Augen kurz geschlossen! Tick tack. Wenn er könnte, würde er die Uhr zerstören, aber das hatte er sich verbaut, als er den König damals im Palast nicht enthauptet hatte. Also versuchte er, seine wahrhaft letzte Zeit mit Kassandra in vollsten Zügen zu genießen, wohlwissend, dass er weder sie, noch Ryoran, Teal, Elive, Feris oder die anderen Herzöge jemals wiedersehen würde. Die Zeit rann ihm davon und wenn er an diesen Abenden mit Kassandra im Bett lag und ihre Brust liebkoste, glaubte er, dass er in dem Strom vielleicht noch ertrinken würde.
    • Kassandra war ein göttliches Wesen mit schier unendlicher Lebensspanne.
      Dass sie kein Gefühl für Zeit hatte, durfte sie bereits bei mehreren Ereignissen zur Schau stellen. Um genau dem entgegenzuwirken hatte sie damit begonnen, Strichliste zu führen kaum war das ungefähre Datum klar geworden, an dem sich die Schlacht austragen sollte. So strich sie von Tag zu Tag eine weitere Markierung weg bis irgendwann nur noch so wenige da standen, dass ihr regelrecht Angst und Bange wurde. Während ihrer restlichen Zeit mit Zoras hatte sie auf subtile Art und Weise versucht, ihn von seinem Vorhaben doch noch abzubringen. Wirklich auf sie als Champion zurück zu greifen und sie den Aufstand ein für alle Male niederschlagen zu lassen. Doch der Herzig ließ sich nicht eines Besseren belehren und arbeitete in dem großen Kommandozelt unter versammelter Flagge weiterhin seinen Plan aus. Dass sich Niligad auf die Seite des Königs schlug war beinahe absehbar gewesen. Trotzdem hatte Kassandra gehofft, dass er es nicht täte. Denn so wäre die Streitmacht des König geringer ausgefallen und Zoras hätte mehr arbeiten müssen, um eine Niederlage glaubhaft zu verkaufen. So jedoch spielte Firion Zoras direkt in die Hände und die Phönixin ahnte, dass der alte Herzog Zoras' Plan unlängst durchschaut hatte. Genau deswegen stellte er auch seine vergleichsweise wenigen Einheiten zur Verfügung, die ohne einen kampfbereiten Champion bessere Chancen hatten zu bestehen.
      Kassandra bewegte sich möglichst unauffällig unter all den Soldaten, so als sei sie lediglich ein Schatten, der im Schutze der Masse agierte. Nur während der Besprechungen im Kommandozelt nahm sie ihre Kappe ab und stellte sich möglichst weit in eine Ecke, damit nicht immer wieder die Argumentation auf sie fiel. Denn genau das stellte sich ein. Unmut darüber, dass der luorsche Herzog seine ultimative Einheit nicht einsetzen wollte. Kassandra sah in den Blicken der Umstehenden das Unverständnis aufblitzen, wann immer er sich etwas einfielen ließ, um seinen Champion nicht einsetzen zu müssen. Unmut, der bis zu ihr herüber schwappte und dafür sorgte, dass ihre sonst so neutrale Miene einen düsteren Einschlag bekam. Sie stand einfach untätig an der Seite und hörte zu, wie Zoras seinen Todestag plante. Ganz real und ganz greifbar.
      Mit jedem weiteren Tag der verstrich spürte sie, wie ihre Glieder regelrecht schwer wurden. Jeder Schritt wirkte träge, dafür raste die Zeit umso schneller. Niemand der mehreren zehntausend Mann auf diesem Gelände konnte spüren, welchen Kampf die Phönixin bereits jetzt ausfocht. Niemand vermochte es in sie hinein zusehen und nicht einmal Zoras sah sie in ungesehenen Momenten, wie sie ihre Faust krampfhaft um den kleinen Anhänger schloss, der an seiner Kette noch immer um ihren Hals baumelte. Wie sie darum bat, dass die Stimme in ihrem Kopf doch Nachsehen mit ihr haben mochte. Dass sie zwar gerne ihrem Herzenswunsch nachkommen wollte, es aber für Zoras nicht tun würde. Sie verstand, dass es das kleinste Bisschen an Respekt verlangte, dass sie seinen Plan nicht mit Gewalt sabotierte. Er hatte sich gewünscht, es sich selbst aussuchen zu können und dennoch betete sie stumm jeden Morgengrauen, dass er sie doch erhörte und sich für sie entschied.
      Doch dieser Moment kam nicht. Selbst dann nicht, als nur noch wenige Striche auf der Liste verblieben und Kassandra die Last auf ihrem Herz nicht mehr leugnen konnte. Viel zu häufig ertappte Zoras sie dabei, wie sie ihn leidvoll ansah und auch ihre abendliche Zeit nicht mehr so unverfangen war wie zuvor. Sie hatte das Gefühl, von immer mehr Schwärze erfasst zu werden und rein gar nichts dagegen unternehmen zu können.
      Am Abend vor dem Aufmarsch war Kassandra gefasst bis zu dem Augenblick, in dem sie ungestört allein mit Zoras im Zelt war. Er war gerade dabei, seine Jacke aufzuknöpfen, da stand sie noch immer mit dem Rücken zu ihm gewandt vor dem Eingang des Zeltes. Sie hatte den fatalen Fehler gemacht und einen Blick auf ihre Liste riskiert, nur um festzustellen, dass sie den letzten Strich ausradieren müsste. Ihre Finger krallten sich in ihre Oberarme, nicht gewillt, die dazu notwendige Handlung auch durchzuführen. Hart kämpfte sie damit, sich nichts anmerken zu lassen. Doch sie wusste, dass ihre Stimme sie verraten würde. Dass sie ihn nicht ansehen sollte und der klügste Schachzug wäre, einfach das Zelt zu verlassen. Nichts von alledem setzte sie wirklich in die Tat um als sie spürte, dass ihr eigenes Gesicht der größte Verräter war.
      Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, bekam sie ihre Finger aus ihrer Verkrampfung befreit und konnte Zeigefinger und Daumen an ihre Nasenwurzel legen. Sie holte Luft, um Worte bilden zu können, doch heraus kamen nur abgehackte Atemzüge, die sich verdächtig nach Schluchzern anhörten und so fremd wirkten, wie man es sich nur vorstellen konnte. Götter weinten nicht, erst recht nicht wenn es um menschliche Belange ging. Sie hatten kein Mitgefühl, bereuten nichts und fürchteten ebenso wenig einen Verlust. Denn sie waren unendlich.
      Das sollte man meinen bis zu dem Moment, als Kassandra sich umdrehte. Während der Bewegung nahm sie die Hand aus ihrem Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust als sie glitzernde Augen auf Zoras richtete. Es war nicht ihr übliches Funkeln, das ihre Augen Leben einhauchte. Sie wirkten gläsern, zuckten leicht hin und her während sie mit gezwungenen, ruhigen Atemzügen versuchte, Luft zu holen.
      "Die letzte Nacht", war alles, was sie sagen konnte bevor die erste Träne von vielen ihren Weg über ihre Wange fand.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die letzten Tage wurde die Uhr besonders laut. Sie war ein ständiger Begleiter, ein ständiges Henkersbeil, das sich über Zoras' Kopf bereitstellte. Er lernte sie zu ignorieren, nachts konnte er es nicht.
      Er merkte lediglich an den täglichen Besprechungen, dass der letzte Tag langsam nahte. Bald hatten sie einen vollständigen Plan, bald hatten sie eine eine Führungsverteilung und Zoras würde nur noch dabei bleiben, die Armee in den Krieg zu führen. Bald wurden die Kompanien eingeteilt, bald wurden die Pferde neu beschlagen, bald wurden Feldsanitäter ausgerüstet. Theriss rüstete sich für den Krieg und für Zoras würde es der letzte sein.
      Bis zum letzten Abend war eigentlich noch alles recht beim alten, er war in einen Alltag verfallen, der erträglich war. Planen, vorbereiten, beraten und am Abend mit Kassandra in den Armen einschlafen, eigentlich war es sogar recht angenehm. Wenn er ehrlich war, hätte er sich daran gewöhnen können. Er hätte sich an den gemeinsamen Tag und an Kassandra an seiner Seite gewöhnen können, wie ein sehr lineares, gleichbleibendes Leben, in dem es nicht viel Änderungen gab. Vielleicht hätte er sich etwas in dieser Art sogar gewünscht, wenn er gewusst hätte, dass er sich eines Tages mit einer Familie niederlassen hätte können. Aber stattdessen tickte die Uhr und schwang von Tagen auf Stunden um.
      Er hatte sich wieder mit Kassandra in sein Zelt zurückgezogen, wo er der mittlerweile eingerichteten Abendroutine entgegentrat und sich aus seiner Uniform schälte. Die Phönixin stand noch am Eingang, so als wäre sie nicht ganz schlüssig, ob sie nicht noch einmal rausgehen sollte, und Zoras schenkte ihr einen flüchtigen Blick, bevor er sich wieder seiner Uniform widmete, zu sehr in seinen Alltag vertieft, in die schützende Wand, die ihm vor dem bewahrte, was nach dem Aufwachen am nächsten Tag geschehen würde. Solange der Tag nicht endete, könnte die Uhr aufhören zu ticken, dessen war er sich sicher. Solange er nicht schlafen ging, war er unsterblich. Solange er die Augen offen hielt, schob sich sein Todeszeitpunkt in ungreifbare Ferne.
      Aber dann gab Kassandra ein Geräusch von sich und ein Schauer durchfuhr ihn, der ihm kribbelte, als er den Kopf hob. Sie stand noch immer mit dem Rücken vor ihm, der Oberkörper seltsam versteift, aber als sie sich dann umdrehte, funkelte es in ihren Augen. Es sah gefährlich vertraut aus nach...
      "Kassandra?"
      Sein Herz fühlte sich an, als würde es bis auf den Boden hinab fallen, als die Phönixin ihre dunklen, verschleierten Augen auf ihn richtete, dieselben Augen, in die er in jedem möglichen Gemüt geblickt hatte, die nie ihre Wirkung darin verfehlt hatten, ihn zu verzaubern, aber die jetzt von Tränen glitzerten. Mit einem Schlag war der Alltag unwichtig geworden, das fragile Konstrukt, in das er sich gehüllt hatte, um sich vor dem kommenden Schaden zu bewahren, und stattdessen trat die Phönixin in den Mittelpunkt, die zierliche, sanfte Frau, die jetzt mit unausgesprochenen Worten vor ihm stand, von denen er wusste, dass sie ihn nur weiter zerreißen würden. Für einen Sekundenbruchteil spürte er Erleichterung über sich hinweg schwappen, als ihm gewahr wurde, dass noch nichts vorbei war, dass nichts ihn daran aufhalten könnte, Kassandra am nächsten Tag über das Schlachtfeld zu schicken, die Krone an sich zu reißen, den Thron zu besteigen und mit der Phönixin an seiner Seite alt zu werden. Nichts würde ihn davon abhalten, diesen Plan in die Realität umzusetzen.
      Aber genauso schnell war dieser Moment auch wieder verschwunden und er trat zu ihr, um dem einzigen, drängendsten Bedürfnis nachzugeben und die Arme um sie zu legen. Sie war so klein, so unglaublich zerbrechlich und hatte gleichzeitig die völlige Macht über sein Herz, das er jetzt zu reißen spürte. Sie weinte um ihn, Kassandra weinte um ihn, um die letzte Nacht, die sie haben würden, vielleicht um alles, was sie miteinander hatten. Die Phönixin vergoss Tränen für ihn. Er hätte ganze Städte eingerissen, um ihre Trauer zu besänftigen.
      "Hey."
      Er wischte ihr sanft die Träne weg und schloss seine Arme wieder um sich, nur damit er für einen Moment sein eigenes Gesicht in ihren Haaren vergraben und ihren Duft einatmen konnte. Die letzte Nacht, wahrhaftig. Sie hatten das erreicht, wovon zuvor immer die Rede gewesen war.
      "Es wird alles gut werden, alles wird gut gehen. Wein doch nicht, meine Teuerste. Meine Liebste."
      Er hob ihre Hand und küsste sie, er beugte sich wieder zu ihr hinab und küsste sie, er nahm sie zurück in seine Arme und hielt sie für einen Moment an sich gedrückt. Die Mauer des Alltags begann zu bröckeln, das war er sich selbst bewusst, das konnte er spüren. Er hätte vieles, wenn nicht alles dafür gegeben, Kassandra mit in die Ewigkeit nehmen zu können.
      "Du wirst deine Essenz wiederbekommen. Macht dich das nicht glücklich, hm?"
      Er ließ sie wieder ein wenig los, um die Hände an ihre Wangen zu legen, an ihr sanftes Gesicht, hinter dem sich so viel mehr abspielte, als sie noch immer zur Schau trug. Sein Herz wollte mit ihr weinen, es schmerzte in seiner Brust.
      "Du wirst wieder frei sein, du wirst wieder fliegen können, wohin du auch willst, nach dieser einen, letzten Nacht. Du wirst in ein paar Jahren schon gar nicht mehr an Theriss denken müssen."
      An dieser Stelle musste er selbst einmal schlucken, weil der Gedanke weitere Gedanken mit sich zog, die ihm allesamt zusetzten, aber er zwang sich trotzdem ein Lächeln auf, das seine Augen nicht erreichte.
      "Hm? Meine schöne, wunderschöne Kassandra."
      Er küsste sie ein weiteres Mal.
    • Im Laufe ihres langen Lebens hatte Kassandra unendlich viele Verluste eingefahren. Zahllose Menschen, die ihr etwas bedeutet hatte, waren um sie herum gestorben wie die Fliegen. Man sollte meinen, dass es rein gar nichts mehr gab, das sie nicht bereits kannte. Und nun stand Zoras vor ihr, der morgige Tag würde der Letzte sein, und brachte ihr noch etwas Neues bei. In ihrer gesamten Existenz war es nicht ein einziges Mal vorgekommen, dass sich ein geliebter Mensch eigenmächtig an einem festgesetzten Tag in den Tod stürzte. Schlagartig wurde der Phönixin bewusst, dass Unfälle und Morde schmerzlich zu verkraften waren. Aber dass diese Gewissheit, dass der Mann, der ihr gegenüber stand, morgen um diese Uhrzeit womöglich schon kalt am Boden lag, brachte alles um sie herum zum Einstürzen. Was sollte man in diesem Augenblick nur fühlen? Wut darüber, wie man diese Entscheidung überhaupt hatte treffen können? Frust über die eigene Unfähigkeit, denjenigen nicht überzeugen zu können, doch von seinem Plan abzusehen? Schmerz war der übergeordnete Eindruck, der Kassandras ganzes Sein auszumachen schien. Solch allumfassender Schmerz, dass er ihr die Luft zum Atmen raubte. Dass sie das Gefühl hatte, im Stehen zu ersticken, als hätte jemand den gesamten Sauerstoff aus der Luft entfernt.
      Die Art, wie Zoras ihren Namen aussprach. Wie er das S in ihrem Namen schärfer aussproch als die meisten anderen. Ihre Lider flatterten in der Gewissheit, dass niemand sonst ihn jemals wieder so aussprechen würde. Noch riss sie sich am Riemen, noch war sie nicht völlig dem Schmerz erlegen. Aber als Zoras ihr seine Arme umlegte, sie so innig festhielt, als könne nichts in dieser weiten Welt zwischen ihnen stehen, bekam ihre Fassung weitere Risse. Ein rauer Daumen strich ihr die einsame Träne fort, nur um den Weg für eine weitere zu ebnen.
      "Es wird alles gut werden, alles wird gut gehen. Wein doch nicht, meine Teuerste. Meine Liebste."
      Kassandra bezweifelte es nicht. Sie wusste es. Nichts von alle dem würde gut werden. Im Kampfe mit sich selbst hatte ihr Körper angefangen zu beben wie Espenlaub, jeder einzelne Muskel ihres Körpers schien sich gegen ihre Gegenwehr zu sträuben. Sie hatte angenommen zu wissen, wie sich Kälte anfühlte. Aber dies war eine Eiseskälte, die ihr bis in die Knochen kroch. Eine sogar noch tiefere, schärfere Kälte als jene, die sie damals bei Shukran gespürt hatte.
      "Du wirst deine Essenz wiederbekommen. Macht dich das nicht glücklich, hm?"
      Rigoros, wenn auch wortlos, schüttelte die kleine Frau den Kopf. Wenn sie mit ihrer Essenz dafür bezahlen müsste, damit er von seinem schwachsinnigen Plan abließe, dann täte sie es mit Kusshand. Als sich seine Hände an ihr brennendes, feuchtes Gesicht legten, hatte sie den Kampf gegen die Tränen unlängst verloren. Heiß rannen sie über ihre Wangen bis über Zoras' Finger hinweg. Inständig hoffte sie, dass das hier einfach nur ein weiterer, wenn nicht der grausamte Traum Morpheus' an sie war. Dass sie einfach aufwachen würde und den ganzen Spuk nur geträumt hatte. Dass sie noch Zeit hatte, eigenmächtig die Schlacht zu schlagen oder gar selbst Feris aus dem Palast zu reißen und irgendwo in der Welt absetzen zu können. Alles, damit das, was sich unter ihren zitternden Händen befand, die sich auf Zoras' Handrücken legten, nicht verloren war.
      "Du wirst wieder frei sein, du wirst wieder fliegen können, wohin du auch willst, nach dieser einen, letzten Nacht. Du wirst in ein paar Jahren schon gar nicht mehr an Theriss denken müssen."
      Wohin soll jemand fliegen, der alles bekommen und alles verloren hat?, wollte Kassandra fragen, aber ihre Stimme versagte gänzlich den Dienst.
      "Hm? Meine schöne, wunderschöne Kassandra."
      Dann küsste er sie ein weiteres Mal und egalisierte ihren Versuch, Worte zu finden. Sie lehnte sich in den Kuss, forderte fahrig alles ein, was sie von ihm bekommen konnte. Ihre Fingernägel berührten bereits seine Haut in der Andeutung, ihn nicht mehr gehen zu lassen. Ihre gänzliche Haltung wankte als ihr langsam das Gewicht, dass ihr regelrecht auf die Schultern drückte, sie zu zerquetschen drohte.
      Es gab eine unausgesprochene Regel unter den Göttern. Werde nie Opfer der mächtigsten Waffe deiner Unterlinge. Lass dich nicht auf eine Stufe mit ihnen herab und wahre deinen Abstand. Lass dich nicht verfälschen von dem, was ganze Völker der Menschen in den Genozid führte.
      Bereits in der Vergangenheit hatte Kassandra diese Regel einmal gebrochen. Damals war sie noch unbefleckt gewesen, unverdorben durch das, was die Zeit und die Menschen mit ihr anstellen würden. Doch nun war die Schwärze ihr allgegenwertiger Begleiter und sie realisierte, dass sie die Regel ein zweites Mal gebrochen hatte. Und sie war die Einzige, die wusste, dass sie unter keinen Umständen nach Zoras' Tod ihre Essenz zurückerhalten durfte. Denn sonst wäre Theriss nur noch ein Brandfleck auf der Weltkarte.
      "Bitte, schick mich", hauchte sie ihm gegen seine Lippen als sie endlich genug Kraft fand, um brüchige Worte zu formen. Ihre Augen waren noch immer geschlossen, doch die Tränen schienen kein Ende zu kennen. "Es ist mir egal, wie viele Menschen ich töten muss, damit du bei mir bleibst. Ich kann... nicht einfach hier stehen und.... warten."
      Welche Waffe besaß die Phönixin, mit der sie ihrem Herzog den Todesstoß geben konnte? Wie sollte sie ihn an sich binden, damit er seine Pläne über Bord warf? Gab es überhaupt so eine Waffe?
      Und dann dämmerte es ihr, dass sie nun vielleicht die letzte Gelegenheit dazu hatte. Er würde an ihrer Seite bleiben bis sie sich in den Schlaf geweint hatte. Sie an sich drücken, die letzten Stunden auskosten bevor er sich in sein kaltes Grab stürzen würde. Abschied von der Wärme und der Sonne nahm, die die Phönixin für ihn war. Sie war seine Sonnengöttin gewesen. Bis zum Schluss.
      Ihre Finger fanden fahrig sein stoppeliges Gesicht. Suchend und nichts findend geisterten die Fingerspitzen über seine Haut. Noch immer trennten ihre Lippen nur Millimeter als sie die mächtigste Waffe einsetzte, die sie zur Verfügung hatte.
      "Ich liebe dich, Zoras."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein Zittern ging durch Kassandras Körper, das Zoras selbst zutiefst erschütterte. Er hatte sie noch nie zittern gesehen, geschweige denn weinen und die Tatsache, dass er dafür verantwortlich war, lag ihm schwer im Magen. Er wollte nicht, dass sie an seinem letzten Tag so litt, dass sie Tränen für ihn vergoss, die nicht gerechtfertigt waren. Sollte sie nicht eigentlich kalt und stoisch sein? Sollte er nicht ein weiterer Todesfall in einer unendlichen Reihe aus verstorbenen Bekannten sein?
      Und doch stand sie hier und bebte, während eine weitere Träne der ersten folgte. Er drückte sie an sich, so fest, wie es nur irgendwie möglich war, und versuchte, ihr Zittern durch die schiere Anwesenheit seines Körpers zu mildern. Stattdessen traten aber nur noch mehr Tränen hervor und liefen ihm über die Finger, nachdem sie sogar seine Frage verneinte, ob sie sich nicht auf ihre Essenz freue.
      "Oh Kassandra."
      Was hätte er nicht alles getan, um ihre Tränen zu versiegeln, um sie zu trösten und die letzte Zeit gebührend mit ihr zu bringen. Welche Opfer wären dafür notwendig und welche war er gewillt zu bringen? Alle, fiel ihm auf; er würde alle Opfer bringen, bis auf ein einziges.
      Er küsste sie erneut und dieses Mal klammerte Kassandra sich regelrecht an ihn, sodass er ihre Finger verkrampft an seinem Arm spürte. Er hielt sie noch fester an sich, schob die Hand in ihre Haare und schmeckte das Salz ihrer Tränen, während er sie küsste, während er versuchte, ihre Trauer mit seiner Zuneigung zu begraben. Es zerriss ihn förmlich, sie so aufgelöst zu sehen. Hätte es jemand anderes verursacht, dann wusste er, wären schon Köpfe gerollt.
      Sie lösten sich marginal voneinander, ungewollt, wie Zoras für einen Moment dachte, bevor die Phönixin an seine Lippen hauchte. Ihre Worte waren kraftlos, gestützt von abgehacktem Atem, der sich wie ein Speer jedes Mal in Zoras' Brustkorb bohrte. Wie konnte ein einzelner Mann eine solche Macht über ein göttliches Wesen ausüben?
      "Das geht nicht, du weißt, dass ich das nicht kann. Hey…"
      Er entfernte sich ein Stück mehr von ihr, um ihr in die Augen zu sehen, aber die Phönixin hielt sie verschlossen. Auf ihren Wimpern glitzerten die Tränen und hätten ihr ein bezauberndes Aussehen verliehen, wenn er Grund dahinter nicht weiterhin in Zoras' Brust geschmerzt hätte.
      "Hör auf zu weinen, meine Hübsche, meine Liebste, bitte…"
      Zitternde Finger fuhren über sein Gesicht, seine Wange, seinen Bart. Er hielt sie noch immer fest, hoffte darauf, ja flehte geradezu, dass ihre Tränen versiegen mögen, und dann sprach sie weiter.
      "Ich liebe dich, Zoras."
      Sein Herz machte einen gewaltigen Satz und dann schien die Welt still zu stehen.
      Er starrte voller lähmendem Unglauben auf sie hinab, auf ihren noch immer bebenden Körper, auf den Ausdruck in ihrem Gesicht, der mit nicht viel Mimik völliges Leid auszudrücken vermochte. Sein Atem verfing sich in seiner Brust und sein Herz fing an zu rasen, während er auf sie hinabschaute, während auch er in der Starrheit der Welt versank, in der es keinen Krieg mehr gab, in der es keinen Aufstand gab, in der es keine Uhr mehr und keinen Todestag gab, in der nur Kassandra und Zoras existierten, Arm in Arm, zu einer einzelnen, verworrenen Statue erstarrt. Ihre Worte fegten seine Gedanken beiseite und ließen ihn sämtliche Narben seines Körpers spüren, sämtliche Erinnerungen an eine vergraute, trostlose Zeit, bevor er die Phönixin kennengelernt hatte, während das Hier und Jetzt in einer Explosion aus Farben aufging. Er glaubte, noch niemals so klar gesehen zu haben. Er glaubte, sich noch niemals so leicht gefühlt zu haben. Sämtliche körperlichen Grenzen waren verschwunden und es gab nur noch Zoras und Kassandra und sie liebte ihn, Kassandra liebte ihn, die Phönixin liebte ihn, sie weinte um ihn, weil sie ihn liebte, sie wollte ihn nicht gehen lassen, weil sie ihn liebte. Sein Atem befreite sich aus seiner Brust und Zoras musste ihn gleich wieder einfangen, weil sein Körper vergessen zu haben schien, wie er sich selbst am Leben erhalten sollte. Seine Lippen teilten sich, für einen Moment schwamm er in vollkommener Glückseligkeit.
      "Ich liebe dich auch, Kassandra. Ich liebe dich so sehr, mit all meinem Herzen. Du bist mein ein und alles, meine Liebe, meine Göttin, meine Haria. Ich liebe dich."
      Er vereinigte ihre Lippen wieder miteinander, zeitgleich mit dem Ausbruch an Gefühlen, der über ihn hinweg fegte und ihn zu vereinnahmen drohte. Er liebte sie, wenn es eine Wahrheit auf der Erde gegeben hätte, dann wäre es diese gewesen, dann hätte er ohne jegliche Zweifel bestätigen können: Die einzig wirkliche Wahrheit der Erde war seine allumfassende Liebe zu ihr.
      "Ich liebe dich. Bitte wein nicht mehr, meine Schöne, meine Hübsche, ich liebe dich."
      Er wischte mehr Tränen von ihren Wangen, küsste sie, küsste auch ihre Wangen, fuhr durch ihr Haar. Kassandra war unlängst eins mit ihm, eine Einheit, es gab nichts anderes auf der Welt, nichts anderes hatte mehr von Bedeutung.
      Er beugte sich zu ihr hinab, schob die Hände unter ihre Schenkel und hob sie in einem Anflug von ungeahnter Kraft hoch, ungebremst energetisch von ihrer Liebe, die ihm durch die Venen zu fließen schien. Er trug sie zum Bett und ließ sich darauf fallen, kein einziges Mal gewillt, den Kontakt zu ihr zu brechen. Seine hübsche, feuernde Kassandra. Sein.
      "Ich liebe dich."
      Seine Hände fuhren fahrig ihren Rücken entlang, als ob sie sich alles merken wollten, bevor es zu spät sein würde.
      "Genieße diese eine, letzte Nacht mit mir. Unsere letzten Stunden. Ich werde dir deine Essenz am Morgen geben, du wirst gar nicht dabei sein müssen, du kannst fliegen wo auch immer du hin willst. Du musst es nicht mit ansehen, ich verspreche es dir. Ich liebe dich."
    • Breche.
      Oh, wie sehr ich darum bitten möge, so brich den Widerstand.
      Lass die Logik und das Pflichtgefühl zerschellen wie zerspringendes Glas.
      Sprich die einzigartige unsichtbare Fessel, die ein ganzes Land in den Abgrund schicken vermag.
      Liebe mich.

      Breche.


      Unter ihren Fingern spürte Kassandra die Wucht, mit der ihre Worte Zoras traf. Er verfiel in eine völlige Starre, den Blick immer noch auf sie gerichtet während seine Atmung nicht mehr so gleichmäßig war wie zuvor. Er prozessierte die Worte, die mächtigste Waffe, die sie gegen ihn aufbringen konnte, und führte sich vor Augen, dass eine Göttin diese Waffe gegen ihn einsetzte. Dann traf eine Welle an Emotionen Kassandra über ihre Verbindung hinweg, die eindeutig zeigte, dass ihr Angriff Erfolg gehabt hatte. Jetzt ergab es für ihn Sinn, warum sie weinte. Dass sie um ihn weinte, um ihre ungenutzte Zeit miteinander. Als die Bewegung in seinen Körper zurückkehrte, brach mit den Gefühlen auch ein Wortschwall über sie hinein. Er fühlte das Gleiche, liebte sie ebenfalls und machte das Ganze, diesen Abschied, diese letzte Nacht, nur noch schlimmer. Die Schwere schien ihr regelrecht die Flügel zu stutzen, sie mit Gewichten an den Fesseln zu beschweren und immer weiter hinab zu ziehen.
      Sie hätten Glück miteinander finden können.
      Das ließ die Phönixin ungewollt schluchzen, begleitet von einem weiteren Schwall heiliger Tränen. Sie rannen ihr über die Wangen, das schmale Kinn hinab, um dann während des Falles gen Boden im Nichts zu verschwinden. Egal wie oft er sie dazu auffordern würde, sie konnte nicht aufhören zu weinen. Zu sehr hatte sie sich dagegen gesträubt, ein weiteres Mal einem Menschen zu verfallen. Den Tod des Trägers zu erleben war schon die Hölle auf Erden. Den Tod des Geliebten zu spüren brachte einen um den Verstand.
      Ihre Hände hatten sich mittlerweile in den Stoff an seinem Rücken vergraben. Bittersüß schmeckten seine Küsse auf ihren Lippen, jeder einzelne von ihnen schien sich unwiderruflich in ihren Verstand zu brennen. Weitere Worte fand sie nicht, zu gebrochen würden sie ihr nur über die Lippen kommen. Kein Geräusch kam über ihre Lippen als er sie unangekündigt hochhob und mit ihr hinüber zum Bett ging. Doch das Bett war der nächste Feind für sie. Blicke, zerstörerischer als ein Vulkanausbruch, wollten das Gestell am liebsten pulverisieren. Denn es war das unmissverständliche Zeichen, dass die Nacht irgendwann enden würde und ein neuer, der letzte, Tag für sie anbrechen würde. Wenn sie doch nur wie Chronos Herrin über die Zeit gewesen wäre. Freilich hätte sie sie nur für sie Beiden gestoppt, damit sie mehr Zeit hatten. Mehr von dem einzigen Gut, von dem man nie genug bekommen konnte.
      Und so ließ sich der Herzog mit seiner Liebsten auf dem Bett nieder. Wie so oft thronte sie auf seinem Schoß, doch von Leichtigkeit und Frohmut war nichts zu spüren. Seine Hände glitten über ihren Rücken, ihre Schultern, ihre Hüften. Prägten sich jede noch so kleine Wölbung an, die er unter der Uniform ertasten konnte, währenddessen sie ihr Gesicht an seiner Schulter vergrub und versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Es dauerte länger als gewollt bis sie ihren Atem wieder gefangen hatte und raue, kratzige Worte formen konnte.
      "Trag mein Herz gut versteckt bis zum Schluss bei dir so wie ich deine Kette an meinem Herzen tragen werde. Ich muss die Endgültigkeit spüren, sonst wird mich auf Ewig das Gefühl heimsuchen, dass du doch noch irgendwo auf der Erde existierst, ungesehen von mir. Nimm mir nicht noch den Schmerz, wenn du schon mein Glück mit ins Grabe nimmst", sprach sie, die Arme um ihren Herzog geschlossen als würde sie ihn nie wieder freigeben.
      Nie mehr.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra beruhigte sich nicht, egal wie fest Zoras sie auch an sich drücken mochte, egal wie oft er sie auch darum bitten möge, zu weinen aufzuhören. Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle, das ihm das Herz brach und für einen Moment tatsächlich an seinen Entscheidungen zweifeln ließ. Er musste nicht in den Krieg ziehen, er musste keinen Aufstand führen, er musste noch nicht einmal König werden, er könnte einfach mit Kassandra weggehen, sich irgendwo niederlassen und einer ungefährlichen Beschäftigung nachgehen - vielleicht ja Pferdezucht oder ähnliches. Er könnte sich ein Stück Land kaufen, ein Haus darauf bauen und eine Zucht eröffnen. Er könnte abends nachhause zu seiner Frau kommen, seiner Phönixin, seiner Göttin und zusammen würden sie einschlafen. Er könnte ihr ein Bad unter freiem Himmel bauen lassen, ein Becken nur für sie mit den schönsten Blumen, die der ganze Kontinent hergeben konnte, sie könnte den ganzen Tag draußen verbringen, wie viel sie auch nur wollte. Er würde sich auch dazu überreden lassen, mit ihr draußen zu schlafen, er würde auch ein Bett nach draußen stellen, er würde alles tun, damit sie so glücklich wäre, wie sie nur sein konnte. Er würde sich mit ihr niederlassen.
      Aber sollte diese Vorstellung tatsächlich umsetzbar sein, dann nicht in Theriss, nicht dort, wo man ihn kannte und nach seinem Kopf verlangen würde. Er müsste sein Land zurücklassen, seine Familie zurücklassen, er würde seine Herkunft zurücklassen. Er wäre kein Pferdeherzog mehr, er wäre kein Krieger mehr, es gäbe keine Kavallerie mehr, keine Verantwortung, keine Untertanen, die zu ihm aufsahen. Was wollte er mit einer Pferdezucht, wenn er die Tiere nicht reiten würde? Wenn er sie nur an den nächsten weitergab, der sie in den Krieg führte - oder auf das Feld, auf die Straße, wo sie als einfältige, dumme Zugtiere verenden würden? Was hätte er davon, wenn Kassandra noch immer nicht frei war und er seine Berufung aufgab, was gäbe es ihnen außer die gemeinsame Zeit zusammen und Frust darüber, dass keiner von ihnen wirklich glücklich werden konnte?
      Nein, er konnte nicht weg. Er war in seiner Entscheidung noch immer eigenmächtig, aber diese eine Entscheidung war in Stein gemeißelt, ab dem Zeitpunkt, als er Feris nicht geköpft hatte. Vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn Kassandra nur eine einfache Frau gewesen wäre. Vielleicht wäre alles anders ausgegangen.
      Er schloss die Arme fester um sie, die sich dafür in seinen Rücken verkrallt hatte, und drückte sie an sich. Langsam beruhigte sie sich etwas, auch wenn ihr Atem noch immer abgehackt und unregelmäßig hervorkam. Schließlich brachte sie sogar eine Antwort zustande und Zoras nickte entschlossen.
      "Okay, das machen wir, kein Problem. Ich behalte sie."
      Damit konnte er leben, das war erträglich. Diesen einen, winzigen Gefallen konnte er für sie tun.
      Er zog sie noch etwas fester an sich, bevor er sich aus der sitzenden Position nach hinten fallen ließ und sie mit sich zog. Ihre unendlichen Haare verteilten sich über ihm und er schob sie zu einem unordentlichen Haufen zusammen, bevor er Kassandras Hals küsste, ihre Wange, ihr Ohr, was auch immer ihm unter die Lippen kam. Die Uniform, die er die letzten Wochen so sehr an ihr gemocht hatte, war jetzt störend, ein Überbleibsel aus einer unendlichen Vergangenheit, die nichts mit den Geschehnissen der Gegenwart mehr zu tun hatte. Er schob die Hände unter ihre Jacke und hob sie ein bisschen an.
      "Darf ich..?"
      Es war lange her, seit er das letzte Mal nach Erlaubnis gefragt hatte, aber es schien ihm nur richtig jetzt, da Kassandra so aufgelöst in seinen Armen lag. Er wollte sie damit noch nicht einmal verführen, er wollte so viel wie nur möglich von ihr in sich aufsaugen, er wollte jede noch so kleine Grenze zwischen ihnen eliminieren, er wollte Kassandra in ihrer unbefleckten, unveränderten Natur sehen, selbst wenn das bedeutete, dass er das Wappen seines eigenen Landes loswerden wollte.
      Sie erlaubte es ihm und da half er ihr, die Uniform loszuwerden, bevor er sie wieder an sich drückte und kleine Küsse über ihre Haut verteilte. Sie hatte sich noch immer nicht gänzlich beruhigt, aber mittlerweile glaubte er, einen gewissen Erfolg erzielt zu haben.
      "Meine bezaubernde Kassandra..."
      Er fuhr mit seiner Behandlung fort, eine ganze Weile sogar, bis seine Küsse fester und intensiver wurden, bis er sich mit Kassandra wieder aufsetzte und die Hände unter die letzte Schicht ihrer Kleider schob. Für einen Augenblick unterbrach er seine Küsse, um sie mit dem Feuer seiner inneren Leidenschaft anzusehen.
      "Liebe mich, Kassandra. Ein allerletztes Mal, nur diese Nacht."
      Er legte eine Hand an ihre von Tränen feuchte Wange und streichelte sie sanft.
      "Liebe mich so sehr, wie ich dich liebe."
    • Endgültigkeit. Das war das Einzige, das Kassandra wahrlich noch von Zoras fordern konnte. Es würde sie in den Ruin treiben wenn sie nicht bezeugen konnte, dass er wirklich sein Leben ausgehaucht hatte. Gab er ihr vorher ihre Essenz zurück, gab es rein gar nichts, was sie davon abhalten würde, den König und seine gesamten Verbündeten dem Erdboden gleichzumachen. Sie würde den ganzen Palast in Schutt und Asche legen wenn dies bedeutete, dass sie Zoras einfach entführen und mit ihm von der Bildfläche verschwinden konnte. Es gäbe rein gar nichts mehr auf dieser Erde was verhindern würde, dass sich Kassandra das nahm, was sie wollte. Immerhin hatte sie es ihm bereits einmal angekündigt: Sie war gierig.
      Blind folgte sie seiner Bewegung, als er sich nach hinten auf den Rücken fallen ließ und ihre Haare in einer Explosion um sie herum zum liegen kam. Er bündelte sie, wischte sie aus dem Weg und schob seine Hände unter die Militärsjacke, die offensichtlich ihren Zweck erfüllt hatte. Schon seit langer Zeit hatte er nicht mehr nach Erlaubnis gefragt, wenn er sie berührte, und die Tatsache, dass er ausgerechnet jetzt zu dieser Gewohnheit zurückkehrte, ließ ihr Herz nicht leichter werden. Wortlos nickte sie und ließ sich die Jacke vom Leibe streifen. Sie bebte nicht mehr allgegenwärtig und auch ihre Atmung bekam langsam wieder einen geordneten Rhythmus als sie ihre eigenen Hände über seinen Körper wandern ließ. Was er mit seinen Lippen tat, machte sie mit ihren Händen. Versuchte sich das Gefühl einzuprägen, wie er sich unter ihren Fingern anfühlte. Wie er auf ihre Berührungen reagierte, wie er mittlerweile wusste, wo sie seine Küsse am liebsten hatte. In kürzester Zeit hatten sie so viel miteinander geteilt und es war immer noch nicht genug. Es würde nie genug sein, das war ihnen beiden nun klar.
      Irgendwann setzte er sich wieder mit ihr auf, schob seine Hände wieder ihren Oberkörper hinauf. Blind suchte er sich seinen Weg unter der letzten Schicht Stoff während Kassandra ihn noch immer mit leicht geröteten Augen, wenn auch ohne Tränen, ansah. Sie sah das Feuer in seinen Augen, das eigentlich ihres sein sollte. Sie spürte seine Begierde, die sie mit ihm teilen würde. Sie hörte die Wärme in seiner Stimme, die zweifellos in ihrer Brust vorhanden war.
      Ein letztes Mal. Ein letztes Mal würde sie für diesen Mann, der ihr Herz nicht nur wortwörtlich an der Brust trug, ihre Hüllen fallen lassen. Die Maske wegwerfen, die sie schon am folgenden Abend reumütig wieder aus dem Dreck ziehen und aufsetzen würde. Ein letztes Mal würde sie die Ketten, die ihr Herz am rechten Fleck hielten, lösen und sich an diesem Mann, an ihrem Herzog, vergehen. Kassandra wusste, dass sie ihn nicht mehr umstimmen können würde. Also war es nur fair wenn sie ihm die letzte Nacht vor seinem Ende so gestaltete, dass er sie nicht vergessen würde. Schließlich würde er nicht mehr miterleben, wie ihr Herz ohne ihn brechen würde.
      Das zweite Mal während ihrer Existenz.
      "Dann zieh dieses lächerliche Stück Stoff aus. Lass mich das letzte Mal Teil an deiner Wärme haben."
      Damit machte sie sich selbst daran, Zoras seine Kleidung vom Leib zu friemeln. Sie würde sich alles in die Erinnerung einbrennen. Wie er sich anfühlte, wie er sprach, wie er roch, alles. Sie würde seinen Namen solange weitertragen bis ihr Herz es nicht mehr ertrug und den zwei Fragmenten hinterher jagte, die sie bereits verloren hatte. Das Nichts würde sie holen und es wäre kein Geliebter mehr da, der ihren Tod beweinen würde.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Gemeinsam schoben sie die verbliebenen Kleidungsstücke von ihren Körpern, bevor sie sich auf das enge Bett sinken ließen, ähnlich verschlungen wie schon davor, nicht dazu gewillt, den Kontakt auch nur eine Sekunde abzubrechen. Es lag wenig primitives Verlangen in ihrem Akt, der kaum dem Höhepunkt oder der Lust entgegen strebte, sondern vielmehr der gemeinsamen Zeit, der engen Verbundenheit, der Liebe, die sie füreinander aufbrachten. Sie ließen sich treiben in Stunden der sanften Liebesbezeugungen, in geflüsterten Worten und endloser Zärtlichkeit, die das ganze Zelt ausfüllte. Ihr Akt war langsam und hatte kein Ende, die Zeit hatte angehalten und nichts konnte sie stören in ihrer Zweisamkeit. Es gab kein Lager mehr, es gab keinen Aufstand mehr, es gab nur noch einander und die Liebe zwischen ihnen und Zoras glaubte, dass er das Paradies erreicht hatte. Er war angekommen. Er würde es in einigen Stunden schon wieder verlassen müssen, aber für den Moment war er dort.
      Er bezeugte ihr seine Liebe zum unendlichsten Mal, als er kam, und drückte sie fest an sich, trotz der Hitze um sie herum, trotz dem Schweiß, der seinen Körper bedeckte. Er liebte und küsste und streichelte sie, er flüsterte in ihr Ohr wie hübsch sie war, wie wunderschön sie war, dass sie sein war. Er prägte sich die Rundungen ihres Körpers ein, ihren stetigen Duft von frischer Luft und wilder Natur, das Gefühl ihrer weichen, endlosen Haare um sie herum, den Geschmack ihrer Lippen, den Blick ihrer Augen, ihren wunderschönen, dunklen, tiefen Blick. Er prägte sich ihre Stimme und ihren Atem ein, die Weichheit ihrer Lippen und ihre zarten, feingliedrigen Finger, ihre makellose Haut, ihre schmalen Schultern, ihre langen Beine. Er verewigte sie in seinem Gedächtnis, aufdass ein Teil von ihr mit ihm die Grenze zur Ewigkeit passieren möge, aufdass sie ihm auf ewig Gesellschaft leisten würde. Sie sollte seinen Geist beherrschen, er wollte nichts weiter, als an Kassandra zu denken, wenn er für sein Land starb. Sie sollte für immer seine Göttin sein.
      Hinterher ließ er sich neben ihr nieder ohne sie loszulassen, zog sie an seine Brust und streichelte sie weiter, während ihn eine allgemeine, tiefsitzende Müdigkeit ergriff. Seine Gedanken waren leer gefegt, das war ihm nichts neues, aber ihm fiel dennoch auf, dass sie nicht so schnell wiederkamen. Es gab nichts mehr, was zu erledigen wäre, worum er sich kümmern müsste, was seiner Aufmerksamkeit bedarf. Irgendwann am morgigen Tag würde er sterben und alle sämtlichen Nacheffekte würden einer anderen Person zufallen. Ryoran würde Herzog werden, Feris würde das Land vereinen. Es gab nichts, worum Zoras sich noch kümmern müsste.
      Er vergrub das Gesicht in Kassandras Haar und schloss die Augen. Er spürte ihre Wärme unter seiner Hand und lauschte ihrem Atem. Er ließ sich von der Dunkelheit des Zeltes einhüllen, von dem sommerlichen Geruch ihrer Haare, von der Erinnerung an einen warmen, entspannten Sommertag mit Kassandra am Fluss, mit einem strahlenden Lachen, das die Sonne aufgehen ließ, mit einem funkelnden, flammenden Blick, der sich auf ihn richtete. Er ließ sich davon wegtreiben und dann flüsterte er:
      "Sing mir ein letztes Lied. Sing mir das Lied vom morgen."
    • Kassandra besaß kein Zeitgefühl. Das hatte sie schon mehrfach zur Schau gestellt. Aber üblicherweise besaß sie einen Sinn für den Raum, in dem sie sich befand. Die Atmosphäre um sie herum, die Stimmung. Nicht so in diesem Augenblick als sich alles außerhalb dieses Zeltes zu verlieren schien. Es hatte eine andere Anmutung als sonst, wenn sie sich gegenseitig die Kleider vom Leibe streiften, um die Hände oder die Lippen auf die Haut des jeweils Anderen legen zu können. Sie zelebrierten es wie ein heiliges Ritual als sie die Kleider achtlos zu Boden gleiten ließen und jedem freigelegten Stück Haut huldigten. Mittlerweile waren die Tränen der Phönixin versiegt und ihre Berührung auf Zoras' Haut bekam allmählich die Intensität und Hitze zurück, die ihr abhanden gekommen war.
      Sie empfing ihn mit offenen Armen, gab sich dem unendlich langsam und liebreizenden Liebesspiel hin, das keinen Platz für Ungestümtheit ließ. Eng hielt sie ihn an sich gedrückt, prägte sich ein wie es war, wenn man geliebt wurde während der Intimität. Wie es war, wenn man sich wirklich, wirklich heilig fühlte. Wohlbehütet und geliebt. Wie er sie langsam immer höher trieb und ihr die Hand reichte, als er selbst kam. Es gab nichts, was sie dazu gebracht hätte, ihn jetzt sofort loszulassen. Diese Laute waren nur für ihn allein bestimmt. Nur er durfte sie leise an seinem Ohr hören als sie ein letztes Mal durch Zoras Feuer fing.
      Dieses Mal trennte er sich nicht von ihr. Ließ sie keine Sekunde los, suchte sich kein Handtuch oder dergleichen, um sie oder sich selbst abzutrocknen. Nichts davon spielte eine Rolle, außer der Tatsache, dass es Zeit ohne Körperkontakt bedeutete. Weder Zoras noch Kassandra wollten auch nur eine Sekunde von der kümmerlichen Zeit vergeuden, die ihnen noch miteinander blieb. Und während der Herzog träger und müder unter der Phönixin wurde, spielte sich bei ihr das genaue Gegenteil ab. Ihre Gedanken rasten, drehten sich darum wie sie es überleben sollte. Wie die Welt es überleben sollte. Zoras hatte ihrer Bitte zugestimmt ohne nachzudenken und dabei einen entscheidenden Punkt vergessen:
      Kassandra müsste das Schlachtfeld betreten, um ihr Amulett von ihm zu holen. Sie würde seinen Leichnam ausfindig machen und dann von seinem leblosen Körper ihr Herz zurückholen müssen. Dieser Gedanke dominierte alles in ihrem Verstand, kaum war die Raison in ihren Kopf zurückgekehrt. Wie sollte sie es überleben, den Leichnam ihres Geliebten anzufassen? Was in der großen weiten Welt würde sie dann noch davon abhalten, nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen, sobald ihr Herz wieder in ihrer Brust schlug?
      Die Antwort war leicht: Nichts.
      "Sing mir ein letztes Lied. Sing mir das Lied vom morgen."
      Kassandras Gedanken gefroren. Ihr Herz schienen einen Moment lang auszusetzen als sie sich darüber wunderte, dass er sich so genau noch an ihre Lieder erinnerte, die sie unter Tausenden ausgewählt hatte. Sie musste tief durchatmen bevor sie sich noch näher an ihn heran kuschelte und dem Herzschlag lauschte, der morgen um diese Zeit bereits verklungen sein würde. Danach holte sie Luft und stimmte das volle Lied an, wie er es sich gewünscht hatte. Dabei war ihre Stimme leise, in einem eher gemächlichen und warmen Tonfall gehalten.

      "Du strahlst in meine Nacht
      Und gehst einfach nicht vorbei
      Ich weiß es ist schon spät
      Und ich soll bei ihm zu Hause sein


      Zu große Herzenssprünge lügen
      Dass weiß ich nur zu gut
      Aber du lässt mich gerade atmen
      Machst mich frei und resulut


      Es interessiert mich nicht was morgen ist
      Denn es gibt noch den Moment
      Ich lass mich fallen ohne nachzusehen
      Ob du mich morgen noch erkennst
      Es interessiert mich nicht was morgen ist


      Warum bist du mir nur so nah
      Woher kommst du bloß und warst vorher nicht da

      Es interessiert mich nicht was morgen ist
      Denn es gibt noch den Moment
      Ich lass mich fallen ohne nachzusehen
      Ob du mich morgen noch erkennst


      Es interessiert mich nicht was morgen ist
      Und ich leb mit der Gefahr
      Dass ab morgen alles anders ist
      Und nichts mehr wird wie es mal war"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"