Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • Kassandra landete im Palasthof und ließ Apollo absteigen, bevor sie sich zurückverwandelte. Die Ankunft der Götter war gänzlich unvorhergesehen, weshalb sich schnell großer Trubel einstellte. Die Palastwache formierte sich eilig zu einem Begrüßungskommittee.
      Apollo betrachtete die uniformierten Menschen, die blitzenden Rüstungen und das grandiose Monument des Palastes mit einem Ausdruck milden Interesses. Seine Laier lag vergessen in seinen Armen und seine Aufmerksamkeit lenkte sich schnell auf Nail, der herangerauscht kam. Die Aura des Menschen vibrierte mit Abneigung und Apollo zog die Augenbrauen hoch. Er sah zu Kassandra, aber sowohl Kassandra, als auch Nail, ignorierten ihn jetzt.
      „Hast du Dionysus über einen Gast informiert?“
      „Selbstredend, aber ich schätze, er hat mir nicht recht zugehört“, kam die Antwort in einer fremdländischen Sprache. Apollo machte ein leises Geräusch und stimmte einen passenden Akkord an.
      "Hatte ich dir nicht aufgetragen, kuluarisch zu lernen?"
      "Ich lerne. Gut."
      "Spricht er nicht die Sprache deiner Herkunft?", mutmaße Apollo. "Manchen Göttern ist so etwas heilig. Dir nicht?"
      Sie folgten dem Pfad zum Eingang des Palastes und Apollo lenkte seine Aufmerksamkeit nun auf die näherkommende, strahlende Aura, die den ganzen Palast in ihren Bann zog. Seine Gesichtszüge erweichten sich und er lächelte, noch bevor Dionysus um die Ecke kommen und in einer dramatischen Geste die Arme ausbreiten konnte.
      "Apollo!", rief er in der Sprache der Götter und der Name glühte vom Licht der aufgehenden Sonne, begleitet von einer Melodie, die zu rein für diese Welt war. Apollos Aura weitete sich mit Freude.
      "Dionysus", sagte er mit dem Gluckern von Wein. "Mein guter Freund."
      "Man sagte mir, dass du kommen würdest, aber Läusen schenke ich bekanntlich keine Beachtung. Dann haben sie dich doch gefunden! Ich dachte, du würdest ihnen eine Herausforderung bieten."
      Dionysus' Blick wanderte dabei mit einem verschmitzten Grinsen zu Kassandra. Ich weiß alles, sagte er wortlos.
      "Nicht doch", sagte Apollo gütig und stimmte eine Hymne an. "Das lag nicht in meinem Interesse. Wobei ich zugeben muss, dass Kassandra mich... überrascht hat."
      Sie setzten ihren Weg im Palast fort.
      "Überrascht? Der Vogel?"
      "Der Vogel? Nein, Kassandra."
      "Ja. Sage ich doch."
      Apollo sah einmal von Dionysus zu Kassandra und wieder zurück, betrachtete, wie ihre Auren so weit wie möglich voneinander weg waren. Er sagte aber nichts dazu.
      "Nun, ich habe den Geschichten nur wenig Glauben geschenkt. Die Menschen verwirren alles und die Götter übertreiben alles. Ich habe Kassandra für eine Phönixin gehalten."
      Dionysus stieß knappes Gelächter aus.
      "Ich weiß nicht, wie du auf so etwas kommen solltest."
      "Doch. Ich habe fest mit einer Phönixin gerechnet. Aber sie ist... anders."
      Nachdenklich sah er Kassandra an und zupfte dabei seine Melodie. In seinem Blick lag aber nicht der gleiche Schalk wie in Dionysus', welcher sagte:
      "Erzähl es mir. Aber zuerst wollen wir schmausen!"

      Dionysus setzte den ganzen Palast in Gang, um für sich und Apollo ein Festgelage zubereiten zu lassen. Sie dinierten im Esssaal, der sonst Zoras vorbehalten war, und jetzt nur für die Götter eingedeckt wurde. Kassandra mit eingeschlossen.
      Apollo trank Wein, räkelte sich auf seinem Stuhl und erzählte von der Überraschung, die er für Kassandra vorbereitet hatte. Dionysus hörte ihm aufmerksam zu, so aufmerksam, wie er sonst nie an einem Gespräch teilgenommen hatte. In der einen Hand hielt er seinen Wein, mit der anderen aß er genüsslich.
      "Ich dachte, sie würde kommen, um mich umzubringen. So, wie sie es mit unseren Artgenossen in Xafia getan hat. Und davor in... hier im Lande, nicht?"
      "O ja. Das war ein Spektakel", sagte Dionysus und strahlte Kassandra an. Natürlich hatte er Oronias Tod genossen. "Unsere friedliebende Phönixin."
      "Also wollte ich sie abschrecken. Eine Phönixin hätte sich niemals von dem Tod und der Krankheit abwenden können, die dort auf sie gewartet hat, nicht in diesem Maße. Es würde gegen ihre Natur sprechen. Warum du schon, Kassandra?"
      Er nippte an seinem Wein und sah Kassandra offen und neugierig an.
      "Hattest du nicht den Drang, den Menschen zu helfen? Ihnen Heilung zu bringen? Hat dieser Drang nicht das Verlangen überspielt, mich aufzufinden?"
    • „Spricht er nicht die Sprache deiner Herkunft? Manchen Göttern ist so etwas heilig. Dir nicht?“
      Kassandra hob den Blick von ihrem Huldigenden zu dem anderen Gott. „Woher willst du wissen, welche Sprache die meiner Herkunft ist? Unterstellst du mir, dass meine Herkunft nicht dieselbe ist wie die deine? Wie kann ein Sterblicher dann die Sprache der Götter sprechen?“ Ihre Stimme war gefasst und kontrolliert, ohne ein Anflug von Anfeindung. Sie empfand hier keinen Angriff. Apollo hinterfragte völlig neutral. So neutral, wie es kaum noch von Göttern auf Erden zu erwarten war. Nail, um den es ging, ließ den Blick zwischen den beiden Göttern hin und her springen. Noch immer hatte der junge Mann nur Augen für Kassandra, doch er begann spätestens jetzt, in der Nähe des anderen Gottes, dessen Einfluss zu spüren. Ob gewollt oder nicht neigte er das Haupt marginal. Etwas, das er nicht einmal bei Dionysus tat. Kassandra bemerkte dies, ließ es jedoch unkommentiert. So war es besser.
      Gemeinsam gingen sie den Aufweg zum Palast entlang, wobei sich Apollo immer weiter absetzte. Kassandra ließ ihn gewähren, reihte sich etwas hinter ihm ein und achtete darauf, dass Nail nicht wieder auf grandiose Ideen kam. Der Junge hielt ähnlich wenig von Dionysus wie sie selbst auch, weshalb er auch keinen Hehl daraus machte, das Gesicht zu verziehen, wann immer der Gott des Weines diesen süffisanten Tonfall und diesen Blick aufsetzte, der Kassandra gelten sollte. Die Phönixin reagierte auf keine einzige der Spitzen, sondern schritt erhobenen Hauptes einfach an den beiden Männern vorbei, Nail im direkten Schlepptau. Sollte Dionysus doch versuchen, Apollo Flausen in den Kopf zu setzen. Sie rechnete dem Gott noch immer genug Göttlichkeit zu, als dass er nicht auf diese lächerlichen Spielchen einstieg.
      „Ich habe fest mit einer Phönixin gerechnet. Aber sie ist… anders.“
      Anders war ja wohl die Untertreibung schlechthin. Kassandras Blick verschärfte sich, doch wandte sie sich nicht um. Allein nur anhand ihrer Aura konnte ein jeder Gott sicher bestimmen, dass sie alles andere als ein gewöhnlicher Phönix war. Bereits die schwarzen Flammen, die sie umzuckten wie die bildhafte Auslebung ihres Willens, waren alles andere als rein und ehrbar. Sie brachten den Tod und Zerstörung – das genaue Gegenteil von dem, wofür ein Phönix stand. Kein Gott würde jemals greifen können, wie sehr dieser Konflikt sie belastete und an ihrer Seele riss. Und noch weniger würde sie das versuchen, zu erklären. Da nahm sie doch lieber an dem Saufgelage teil, das sich kurz darauf im Speisesaal zu entfalten drohte.

      Kassandra hatte sich einen gepolsterten Sessel bringen lassen, wo sie nun mit überschlagenen Beinen und den Ellbogen auf einer Lehne aufgestützt das Bild betrachtete, welches Dionysus und Apollo abgaben. Sie wurde einfach nicht das Gefühl los, dass die beiden Männer einfach nur der guten alten Zeiten wegen aufeinander hockten. Nail, der sich mit einem Hocker an die Seite seiner Göttin gesetzt hatte und sich strikt weigerte, sie hier allein zu lassen, blickte mindestens genauso skeptisch drein. „Ich verstehe nicht, warum Ihr ihnen Gesellschaft leistet.“
      „Du solltest lernen, die Beweggründe der Götter nicht zu hinterfragen. Irgendwann wird es deinen Sinn der Logik entzweien“, gab Kassandra zurück, in ihrer Stimme schwang eine Nuance Langeweile mit. Absichtlich hatte sie sich nicht in unmittelbare der Männer gesetzt, sondern ein wenig Abstand gewählt. Im Gegensatz zu ihnen schüttete sie nicht Kelch um Kelch die Kehle hinunter, sondern schwenkte ihren beiläufig in der Hand, während sie ihren Blick auf die Szenerie gerichtet hielt. Allerdings kam sie nicht umher, der Unterhaltung beizuwohnen. Gegenüber Dionysus hegte sie eine immense Abneigung, bei Apollo war sie noch unentschlossen.
      „Ein Phönix hätte das Gefängnis, das du dort kreiert hattest, nur schwerlich wieder verlassen können“, äußerte sie sich schließlich. „Weißt du, in wie vielen Gefängnissen ich schon gesteckt habe? Wie oft man den Teil, den du ansprichst, in mir hat angreifen wollen? Was denkst du, wieso ich diejenige bin, die am längsten auf sterblichem Grunde aushält?“
      Dionysus schien sich bei diesem Austausch wieder ins Fäustchen zu lachen. Kassandra ignorierte ihn eiskalt.
      „Ein Drang ist nicht gleichzusetzen mit einem Zwang. Was du beschreibst, wäre ein Zwang. Aber der Drang war definitiv vorhanden. Nur muss ich gestehen, dass die Menschen zwar sehr gut darin sind, ihren Gelüsten nachzugeben, aber durchaus auch in der Lage sind, ihren Drang einzupferchen.“ Zoras war ein Paradebeispiel dafür gewesen. Er hatte so viel hinunterschlucken müssen, was mit Amartius zu tun gehabt hatte. Oder mit ihrer Entführung. Mit Telandir. Viele der Sterblichen, die sie in letzter Zeit kennengelernt und sterben sah waren Meister in dieser Kunst gewesen. Bei dem Gedanken daran erschien ein spöttisches Lächeln auf ihren Lippen. „Wisst ihr, eigentlich seid ihr den Sterblichen gar nicht so unähnlich. Spott und Müßigkeit ist ihnen gar nicht so fremd. Wenn ich euch so besehe, dann könntet ihr ohne eure Auren genauso sterblich sein. Also dann…“
      Sie hob ihren Kelch und prostete den Männern zu. „Auf das herrliche Wiedersehen zweier lang Verlorener.“
    • „Ein Phönix hätte das Gefängnis, das du dort kreiert hattest, nur schwerlich wieder verlassen können. Weißt du, in wie vielen Gefängnissen ich schon gesteckt habe? Wie oft man den Teil, den du ansprichst, in mir hat angreifen wollen? Was denkst du, wieso ich diejenige bin, die am längsten auf sterblichem Grunde aushält?“
      "Ist es dann eine Frage der Natur oder der Gewohnheit?", fragte Apollo, den die Unterhaltung sichtlich interessierte. "Wird dein Drang unterdrückt von deiner Natur oder von dem immerzu wiederholenden Kreislauf der Menschheit?"
      „Ein Drang ist nicht gleichzusetzen mit einem Zwang. Was du beschreibst, wäre ein Zwang. Aber der Drang war definitiv vorhanden. Nur muss ich gestehen, dass die Menschen zwar sehr gut darin sind, ihren Gelüsten nachzugeben, aber durchaus auch in der Lage sind, ihren Drang einzupferchen.“
      "Ah. Ich verstehe."
      Sein Blick glitt zu Nail hinüber, der neben Kassandra saß; momentan der einzige Mensch im Raum. Nachdenklich betrachtete er den Mann und nippte an seinem Wein.
      "Also hast du ihn unterdrückt. Den Drang. Nun, das kann vielschichtige Gründe haben."
      Kassandra lächelte spöttisch. Mit ihrer abseitigen Sitzwahl hatte sie schon ihre Position in diesem Gespräch deutlich gemacht, doch diese menschliche Mimik unterstrich sie noch weiter. Dionysus' Aura wallte auf.
      „Wisst ihr, eigentlich seid ihr den Sterblichen gar nicht so unähnlich. Spott und Müßigkeit ist ihnen gar nicht so fremd. Wenn ich euch so besehe, dann könntet ihr ohne eure Auren genauso sterblich sein. Also dann…“ Sie prostete den Göttern zu. „Auf das herrliche Wiedersehen zweier lang Verlorener.“
      Apollo prostete zurück, ganz als hätte er die Beleidigung nicht gehört. "Möge der Olymp eine weitere Ewigkeit bestehen."
      "Ich fürchte der Vogel hat schon so lange auf der Erde zugebracht, dass er den Unterschied gar nicht mehr erkennen kann", sagte Dionysus gedehnt, ohne seinen Kelch zu heben. "Sie wird vergessen haben, was Göttlichkeit bedeutet. Was mich nicht sonderlich überrascht."
      "Es ist eine Frage der Perspektive", sagte Apollo gütig. "Holt man einen Menschen in den Olymp, erscheint er auch nicht mehr so menschlich. Nimm deinen Anhänger als Beispiel." Er deutete auf Nail, dessen Miene sich bei der Geste sogleich verdüsterte. "Stell ihn in den Olymp und gib ihm eine göttliche Aura. Was unterscheidet ihn dann von all den anderen olympischen Göttern?"
      Dionysus lachte laut auf. Apollo sah ihn an und lächelte.
      "Was ist so lustig daran, guter Freund?"
      "Alles. Alles ist lustig. Wieso nimmst du nicht gleich den Vogel in den Olymp?"
      "Aber sie ist doch schon eine Göttin."
      "Sie ist genauso Göttin wie sie Mensch ist. Und genauso weit entfernt vom Olymp ist sie auch. Sie kann doch nichtmal in ihr Nest zurück!"
      "Sie müsste auch nicht in ihr Nest, sondern nur in den Olymp."
      Apollo sah wieder zu Kassandra und sein Blick umwölkte sich. Für einige Sekunden betrachtete er sie und schwieg. Seine Aura waberte sanft und seine Göttlichkeit nahm den Raum ein. Dionysus war drauf und dran gewesen etwas zu erwidern, aber jetzt schwieg auch er und sah Apollo an. Kurz darauf fragte dieser:
      "Warst du schonmal im Olymp, Kassandra? Du oder... dein Mensch im Lager?"
    • Nail wirkte von der ganzen Situation mehr als nur überfordert. Nach bestem Willen hielt er sich an seine Göttin, versuchte allerdings trotzdem dem Gespräch irgendwie folgen. Die Wortwahl und die versteckten Botschaften erschlossen sich ihm jedoch nicht vollständig, weshalb diese Unterhaltung mehr Fragezeichen als Antworten lieferte. Aber er schluckte unweigerlich, als Dionysus‘ Aura aufbegehrte und Kassandra mit ihrer stumm dagegenhielt. Eine stumme Bekräftigung der Tatsache, dass sie gerade nicht in einem Bund verschworen war.
      Kassandra hingegen hielt sich bewusst bedeckt. Apollo trug noch ganz die Manier der hohen Götter zur Schau, die rein gar nichts betrübt worden waren durch den menschlichen Einfluss. Oder einfach nicht so korrumpiert waren wie Dionysus es war. Der Gott verstand nicht, worauf der andere hinauswollte und das würde die Phönixin sicherlich nicht offenlegen. Es genügte ihr, dass man falsche Unterstellungen ihr gegenüber traf. Auch diese hätte sie korrigieren können, doch wozu? Dionysus war unbelehrbar und Apollo verstand die Problematik nicht. Kassandra wollte gar nicht zurück in den Olymp. Nicht, nachdem sie durch die Menschen gelernt hatte, wie eine Farce wirklich aussah und genau das lief dort oben ab. Würde die Welt nicht Gefahr laufen, entzwei zu brechen, hätte die Phönixin die anderen Götter lachend in die Klingen laufen lassen.
      Aber so?
      Wieder war es Nail, der anzeigte, wie sich dieses Mal Apollos Einfluss ausbreitete. Die Macht des höheren Gottes drang durch Kassandras Hülle aus Aura hindurch, Stück für Stück und war Beweis dafür, dass er selbst gebunden ein gefährlicher Gegner sein konnte. Angesichts der Situation konnte Kassandra ihrem Huldiger keine Aufmerksamkeit schenken – die verlangte nämlich Apollo.
      „Mein Mensch“, sie zog das Wort lang, sehr zum Missfallen eines gewissen Gottes des Weines, „hat selbstredend den Olymp nicht betreten. Kein Sterblicher ist dazu berufen. Sein Geist würde nicht nur befleckt, sondern gleich zertrümmert werden. Aber ich? Was denkst du, wo ich entspringe? Wer mit seinen Stimmen euch Anderen unterhalten haben, sogleich es die Sirenen nie bis dorthin schafften? Mein Ursprung ist dort, ebenso wie der eines jeden erschaffenen Gottes. Oder was gedenkt ihr, woher ihr stammt?“
      Kassandra sprach ohne einen Funken ihres üblichen heißen Temperaments. Ihr Fokus lag ausschließlich auf Apollo und der konnte mit Emotionen nahezu nichts anfangen. Anders wie Dionysus ließ er sich mit Gedankenexperimenten leichter in Richtungen lenken, die zu beeinflussen waren. Vielleicht hatte Apollo ja wieder etwas gesehen. Etwas, das ihr dieses Mal behilflich sein könnte.
      „Nicht nur der Himmel wird brechen. Das gesamte Gleichgewicht wird es tun. Und wenn das soweit ist, dann gibt es keine Erde und keinen Olymp mehr, sondern eine zusammenhänge Welt des Chaos. Sterbliche, deren Verstand zersplittern und Götter, beraubt ihrer Kräfte. Die Menschen haben uns durch ihren Glauben in die Existenz gerufen und unsere Großspurigkeit hat dafür gesorgt, dass Fuß auf Ebenen gesetzt wurden, die besser nicht betreten worden wären. Es ist Zeit, diesen Fehler auszumerzen und dazu müssen die Götter von der Erde verschwinden. Für unser aller Wohl“, schloss Kassandra schließlich seelenruhig und hatte nicht einmal ihre Stimme weiter erhoben. Dionysus würde das ganze Thema wieder in die Lächerlichkeit zu ziehen versuchen, aber mit Apollo im Spiel sah die Sache anders aus.
    • Apollo blinzelte, was bei dem Gott nicht so menschlich wirkte wie bei anderen Göttern, und streichelte geistesabwesend seine Laier. Sein Blick lag offen auf Kassandra.
      "Du stammst aus dem Nest der Phönixe. Ich kann mich nicht erinnern, dich jemals im Olymp gesehen zu haben. Wobei ich bemerken muss", seine Finger zupften sacht an einer Seite, "dass Phönixe sich gegenseitig sehr ähneln. Vielleicht verwechsle ich dich mit deinen Schwestern. Wobei du auf der Erde deutlich herausstichst."
      Dionysus schnaubte, als hätte Apollo wieder etwas sehr lustiges gesagt, und Apollo lächelte ihn kurz an, bevor er wieder Kassandra ansah. "Ich dachte nur... nun, manche Bilder sind für mich unergründlich. Besonders die, die mit dem Himmelsbruch zu tun haben."
      "Nicht nur der Himmel wird brechen", sagte Kassandra kühl und tonlos, eine Unterhaltung unter Göttern. "Das gesamte Gleichgewicht wird es tun. Und wenn das soweit ist, dann gibt es keine Erde und keinen Olymp mehr, sondern eine zusammenhänge Welt des Chaos. Es ist Zeit, diesen Fehler auszumerzen und dazu müssen die Götter von der Erde verschwinden. Für unser aller Wohl."
      "Wohl wahr, wohl wahr", sagte Apollo und seine Aura zeugte von Bedauern. "Aber das ist genauso unmöglich wie die Götter im Olymp zu halten. Sie haben schon immer die Welt bewandert, nur nie in dieser Form. Und wer soll den Anfang machen? Du nicht, schätze ich?"
      Seiner Stimme lag nichts provokantes an, er stellte es nur fest.
      "Dionysus? Wie sieht es mit dir aus?"
      Dionysus' Aura machte eine Bewegung, die einem menschlichen Schulterzucken entsprach.
      "Ich werde gehen, sobald es hier langweilig geworden ist. Aber davon kann man in nächster Zeit wohl absehen, mit dem Vogel und ihrem Menschen. Ich schaue mir das noch ein bisschen weiter an."
      Er grinste Kassandra an, als hätten sie beide den größten Spaß der Welt. Apollo schlug einen anderen Ton auf seiner Laier an.
      "Ich werde gehen, aber nicht, bevor ich mit Morpheus gesprochen habe. Und Morpheus selbst wird wohl nicht gehen, nicht in nächster Zeit. Hermes ist hier unten unterwegs und sie wird immer dort sein, wo die Götter sind, also wird auch sie nicht gehen. Dann... hm... wer hält sich hier noch auf?" Er tippte gegen seine Stuhllehne. "Artemis, glaube ich, habe ich schon länger im Olymp vermisst. Wobei, vermissen ist ein großes Wort, sie war jedenfalls nicht dort. Ich weiß nicht, wo sie sich herumtreibt. Was ist mit Poseidon? Er war den weltlichen Meeren schon immer mehr zugetan als dem Olymp. Es würde mich nicht überraschen, wenn er schon längst in den Tiefen des Ozeans sein Heim bezogen hat. Und was ist mit Herakles?"
      Er sah beide Götter an, die keine Antwort auf ihn hatten, dann ruhte sein Blick wieder auf Kassandra.
      "Und das sind nur große Götter des Olymps, die ich aufgezählt habe. Ich habe noch nicht mit den Zyklopen angefangen, oder etwa den Valkyren, den Sirenen, ja, den Gorgonen. Eine große Aufgabe, die du dir aufgebürdet hast, Kassandra. Eine sehr große für eine Phönixin. Ich würde sie lieber Artemis anvertrauen, mit ihrem Bogen und ihrem Wesen zur Jagd, wenn du mich fragst. Wie willst du es anstellen, du und dein Mensch und die paar anderen Menschen, die euch beiden folgen?"
      Dionysus sah sie jetzt auch an, wie zur Erwartung eines großen, lustigen Witzes, den sie gleich von sich geben würde.
    • Kassandra nahm es Apollo nicht übel, dass er sich an sie nicht erinnern konnte. Als eine mystische Einheit gab es viele Vertreter ihrer Art in sämtlichen Aufmachungen. Es gab keinen besonderen Phönix mit einem besonderen Namen. Im Olymp waren sie praktisch alle eins gewesen, eine Stimme verband sich mit der nächsten und erschufen einen himmlischen Chor, an den sich die meisten Götter erinnerten. Folglich bedachte Kassandra den Gott nur mit einem einprägsamen Blick, als er sagte, dass sie zumindest auf der Erde deutlich herausstäche. Natürlich tat sie dies. Sie war der einzige Phönix auf der Erde und dazu ein ganz besonderer.
      „Die Götter haben die Welt nicht schon immer bewandert“, widersprach Kassandra jedoch und war insgeheim verwundert, dass Apollo dies mit seinem Wissen annahm. „Ihnen war nicht von Anfang an die Fähigkeit gegeben worden, die Ebenen zu wechseln. Wie die Menschen auch sind sie der Langweile und Neugier verfallen, was dazu geführt hat, dass sie hinabstiegen.“
      Hinab zu den Menschen, die sie unbewusst erschaffen hatten. Hinab zu den Menschen, die sie verschmähten, obwohl ihr Glaube allein die Götter in der Existenz hielten. Mehrfach hatte sich die Phönixin bereits gefragt, wie es niemanden in den Sinn gekommen war zu hinterfragen, woher sie eigentlich kamen. Menschen stellten sich die Frage nach ihrer Herkunft, aber Götter? Taten sie es nicht, weil ihr Ego es ihnen untersagte?
      „Wenn ich beginne, wer versichert mir, dass meine Aufgabe fortgesetzt wird?“ Eine durchaus berechtigte Frage. Wenn Kassandra als treibende Kraft als Erste in den Himmel zurückkehrte, dann gab es niemanden mehr, der mit entsprechendem Nachdruck daran arbeitete, den Bruch zu verhindern. „Ganz davon zu schweigen, dass ich im Olymp nicht mehr willkommen bin.“
      Nail schnaubte bei dieser Bemerkung lediglich, hielt sich ansonsten aber eher bedeckt. Kassandras Zurechtweisung hatte dafür gesorgt, dass er den Kopf gesenkt hielt und sich unter der Aura seiner Göttin zum Schutze hielt. Betroffen von Apollo war er nichtsdestotrotz. Dionysus wurde von dem größeren Gott in Schach gehalten, wenngleich seine Mimik noch immer die gewohnte Freiheit genoss. Ungeniert grinste er die Phönixin an, die auf die Provokation nicht einging. Schließlich hatte er Recht mit seiner Aussage. Wenn es nach Plan lief, würde Kassandra zusammen mit Zoras die Welt erschüttern und für den Spaß sorgen, nach dem es den Weingott verzehrte.
      „Morpheus kann gehen, wenn sein Vertrag gelöst wird. Töte den Menschen, befreie die Essenz und er kann gehen“, sagte Kassandra ungerührt. „Oder vernichte die Essenz und den Gott gleich dazu... Mir einerlei.“
      Es klang kalt und hart, wie Kassandra dies aussprach. Völlig frei von jedweder Eleganz und erfüllt von der Bereitschaft zur Gewalt. Im Laufe der Zeit hatte sie den Eindruck verwirkt, sanft und friedvoll zu sein. Nachdem sie erkannt hatte, dass ihre Entstehung auf einer anderen Grundlage basierte, fühlte sie den Disput erst im Nachhinein.
      Der Hinweis zu Hermes war allerdings sehr treffend. Sie war eine der Göttinnen, die praktisch weder zu lenken noch zu kontrollieren waren. Sie tauchte immer dort auf, wo man sie in der Regel am wenigsten gebrauchen konnte und besaß so viel Wissen, dass sie eine ganz eigene Macht und Gefährlichkeit besaß. Wo sie sich jetzt gerade aufzuhalten gedachte, konnte man nur spekulieren.
      „Artemis fehlt? Wie lange schon?“, fragte Kassandra nun doch milde interessiert, wobei die Angabe einer Zeit bei Göttern immer fraglich war. Sie besaßen einfach kein Konzept von Zeit. „Poseidon könnte durchaus hier verweilen. Es würde mich ebenfalls nicht wundern, wenn er zu denjenigen gehört, die Halbgötter erzeugen und die das Gleichgewicht ebenfalls beeinflussen.“ Immerhin war Poseidon nie ein Kind der Traurigkeit gewesen. Er lebte frivol und ungestüm wie das Meer, über welches er gebot. Ihn zu erreichen würde sich jedoch als schwierig gestalten, weshalb Kassandra ihn in seiner Dringlichkeit zunächst zurückgestellt hatte. Herakles auf der anderen Seite... Er war ein Monster, um das Kassandra so lange wie möglich einen Bogen schlug. Im direkten Zweikampf konnte sie ihn nicht besiegen. Es würde eine List herhalten müssen oder sie ihn mit magischer Dominanz bezwingen müssen, die sie erst erhalten würde, wenn sie einen größeren Kult unter sich vereinen konnte.
      Und aktuell war die Zeit ihr größter Feind.
      „Warum sollten nur die Menschen größenwahnsinnig sein?“ Kassandra hatte sich mit geschlossenen Augen von ihrem Stuhl erhoben, die Stimme in wohlgesonnenem Tonfall gehalten. „Sollte Artemis sich entscheiden, meinem Ziel beizuwohnen, werde ich ihre Hilfe keinesfalls verschmähen. Sollte sie es nicht tun...“ Rote Augen, in den die Flammen von zu viel Erfahrung von Emotionen auf der Erde rührten, richteten sich auf Apollo, „wird sie ein ähnliches Schicksal erleiden wie all jene, die sich eben falls weigerten, die Erde zu verlassen. Es braucht kein Heer, um einen Gott zu töten.“ Das Lächeln, welches sie einzig und allein Apollo schenkte, war scharf wie die Schneide eines Schwertes. „Es braucht nur eine einzige, gute Gelegenheit.“
      Nail neben ihr hatte sich erhoben, als er den Eindruck gewann, dass seine Göttin für den Aufbruch bereit war. Schließlich hatte Apollo ohne es zu wissen ihr ein Signal gegeben, die nächste Aufgabe zu verfolgen. Mit wehendem Gewand kehrte sie den beiden Göttern den Rücken zu.
      „Ich lasse Apollo in deinem Gewahrsam, Dionysus. Solltest du ihn dazu bewegen, mir in den Rücken zu fallen, wirst du der erste sein, der seine Essenz verliert“, verkündete Kassandra, noch bevor sie sich aus dem Saal entfernte, ihren Diener im direkten Schatten folgend.

      Kassandra war mit Nail in eine Kammer des Palastes eingekehrt. Die Sonne hatte sich bereits vom Horizont verabschiedet und war untergegangen, um dem Mond seinen Platz einzuräumen. Zoras hatte sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie versuchen würde, mit Morpheus in Kontakt zu treten. Da sie ihn erneut nicht spürte, griff sie auf die Methode zurück, die bereits in der Vergangenheit funktioniert hatte. Während Nail zuerst ihr Haar gebürstet und schließlich ihren Körper mit einem feinen Öl eingerieben hatte, war die Phönixin zur Ruhe gekommen und hatte sich auf dem Bett niedergelegt. Ihren Diener komplementierte sie nicht nach draußen, denn er sollte als Mittelsmann fungieren, sollte Morpheus sie empfangen und nicht mehr aus dem Traum entlassen. Schließlich war soweit entspannt, dass sie sich an der Grenze zum Schlaf befand und damit dem Traumgott das Signal gab, dass sie ihn suchte.
    • Die Gemächer der Phönixin verschwanden und an ihrer statt trat eine weite Ebene des Himmels. Ein wolkenloses Firmament erstrahlte den Grund und die Luft war erfüllt von dem Zwitschern gestaltloser Vögel, ein idyllisches Paradies, irgendwo an einem Ort, den die Erde niemals gesehen hatte. Doch es war ein bekanntes Paradies. Eins, das Kassandra seit vielen, vielen Jahrtausenden nicht mehr gesehen hatte.
      Und sie war nicht alleine.
      Gestalten füllten den Raum um sie herum, teils unscharf, doch teilweise mit ausgeprägten Zügen und bekannten Gesichtern. Es wurde gemurmelt und gezischt, eine angespannte Stimmung beherrschte die Atmosphäre und verdickte die Luft. Blicke schossen zu Kassandra, feindselige Blicke, aufgebrachte Blicke, nur um in unscharfen Bewegungen wieder zu verschwinden. Irgendwo raschelte Gefieder und prächtige, flammend rote Phönixflügel zeichneten sich majestätisch vor dem wolkenlosen Himmel ab. Es war keine unbekannte Szenerie, die sich hier auftat; Kassandra hatte sie schon einmal erlebt. Ein einziges Mal.
      "Missgeburt", tönte es von den unscharfen Gestalten und die Göttlichkeit in ihren Stimmen erfüllten die Ebene. Mehr rotes Gefieder blitzte auf, nur um unscharf wieder zu verschwinden.
      "Keine Phönixin."
      Kassandra war in Schwarz gehüllt. Es schien wie ein Schandfleck in dem sonst so prächtigen und hellen Paradies, als würde ihre Anwesenheit all das warme Licht entziehen. Die umstehenden Gestalten schienen sich davon angegriffen zu fühlen.
      "Weg von hier", drangen die Fetzen aus dem Gemurmel heraus. "Keine von uns."
      Es raschelte, die Menge wogte. Sie schien auf Kassandra zuzudringen, aber dann floss sie doch wieder weg. Es war ein unstetes Hin und Her, wie sie nur die Physik eines Traumes erklären konnte. Das aufgebrachte Zischen wurde lauter.
      "Was für ein schöner Ort", drang da eine Stimme hinter Kassandra hervor, kristallklar über dem Nebel des restlichen Traums. Als Kassandra sich umdrehte, stand in einiger Entfernung Morpheus, den Blick auf die wärmende Sonne gerichtet. "Ich war noch nie hier."
      Er sah noch schlimmer aus als beim letzten Mal. Seine Augen waren blutrot unterlaufen, sein Gesicht aschfahl und eingefallen. In den wenigen Jahren, in denen die beiden Götter sich schon nicht gegenüber gestanden waren, schien seine menschliche Erscheinung um 20 Jahre gealtert.
      Es war nicht richtig, für einen Gott seiner Größe. Er hätte in seiner jetzigen Form die Erde für Jahrhunderte wandeln können.
      "Ein sehr eigenartiges Volk."
      Er studierte die Phönixe, die Kassandra noch immer feindselig angingen, ohne ihm Beachtung zu schenken. In seinem Gesicht zuckte ein Muskel.
      "Ich mag Phönixe. Sie träumen immer so aufregende Dinge."
      Sein Blick legte sich auf Kassandra und er kniff die Augen zusammen.
      "Kenn ich sie? Hat sie schon einmal geträumt?"
    • Als mythisches Wesen waren Kassandra Träume in der Regel vergönnt. Einzige Ausnahme bildete die Zeit der Sklavenschaft, wo sie mehr Mensch als Gott gewesen war. Damals, sei es in den dunklen Kerkern oder den seidigen Baldachinen unter sengenden Sonnen gewesen, war sie Opfer jener Träume geworden, die die Menschen heimsuchten. Schöne Träume, in denen sie ihren eigenen Kult im Himmel eröffnen konnte, aber auch schlimme Träume, in denen man ihr die Flügel ausriss und sie mit Füßen in den dreckigen Erdboden stieß. Das hier, was Morpheus ihr offenbarte, war nichts Ungewohntes und doch zehrte es an ihr. Träume besaßen eine grausame Macht, die Emotionen wie die Saiten einer Harfe zu zupfen, obzwar sie es nicht wünschte. Ihr Herz wurde schwer, die Lippen schmal und die Augen finster, als sich der Himmel in Abneigung auftat und es so wirkte, als würde er seine himmlischen Waffen zielsicher auf die Phönixin richten. Deswegen konnte es nicht anders sein, als dass Kassandra erschrocken herumfuhr, als die Stimme hinter ihr ertönte und den Traum Risse bekam wie ein gesprungener Spiegel. Nur hielt die Szenerie im Hintergrund weiter an, während Kassandra Morpheus in Augenschein nahm. Fast schon erschrocken musste sie feststellen, dass dem Gott die Zeit davonzulaufen schien. Während sie sich gut halten konnte, zahlte Morpheus einen ihr unbekannten Tribut. Es war nicht so, dass seine Verehrung geringer war als die ihre - etwas anderes musste an ihm zehren.
      "Du siehst... furchtbar aus", bemerkte Kassandra, der die Bedenken aus der Stimme abzuhören war. Ihr Atem war noch immer schnell, so frisch aus diesem Albtraum gerissen. "Ws geschieht mit dir?"
      Die heißen Wogen von transzedenten Flügeln striffen Kassandra und ließen sie zusammenzucken. Alles nur Einbildung, keine Frage, und trotzdem reagierte sie ungewollt darauf. Aus all den Wogen ließen sich kaum einzelne Phönixe ausmachen. Sie erkannten sich untereinander meist durch ihre Aura oder ihren Gesang. Doch diese Abbilder waren kalt und ausgezehrt, fremd jedweder Aura, an denen Kassandra sie hätte erkennen können. Die Stimmen und das Gekreische, welches sie ausstießen, waren verzerrter Natur.
      "Sie? Areti, meine Tochter?" Kassandra runzelte die Stirn. Als vollwertiges Wesen hatte sie nie die Bürden der Erde zu spüren bekommen. "Ich denke nicht. Aber mein Sohn... Amartius... Er hat geträumt. Ihn mögest du vielleicht einmal beobachtet haben." Nur dürften seine Träume nie solch grausamer Natur gewesen sein. Jedenfalls nicht, solange er bei ihr gewesen war. Was er während der Zeit bei Zoras erlebt haben mochte, blieb ihr bis heute verwehrt. Vielleicht hatte er Alpträume gelitten und sie war nicht da gewesen, um seine Stirn während er schlief zu streicheln. Unbewusst ballten sich ihre Fäuste zusammen, als der Schmerz über den Verlust aus seinem Gefängnis in ihrem Herzen auszubrechen versuchte. Mit eiserner Gewalt hielt sie Streben des Käfigs in ihrem Herzen, wo sie den Schmerz eingeschlossen hatte, fest, bis sein Tumult zum erliegen kam.
      Dann trat Kassandra einen Schritt auf Morpheus zu. "Apollo ist hier. Er sucht dich und erbittet eine Audienz. Du kannst ihn aufsuchen, wenn du nah genug an ihm dran bist. Wo hältst du dich auf, Morpheus?"
    • "Mit mir?"
      Morpheus blinzelte, als hätte er sich noch nicht mit dem Gedanken eines Ichs beschäftigt, dann lachte er plötzlich, kratzig und rauchig. Es klang wie das Lachen eines Irren.
      "Was geschieht mit uns allen? Die Träumer träumen und die Träume werden geträumt. Aber was, wenn es keine Träume mehr sind? Was, was? Was dann? Was - wo bist du? Wo ist die Phönixin?"
      Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen, dann schnippte er und die Masse hörte plötzlich auf, sich zu bewegen. Oder nein, sie bewegte sich noch immer, doch viel, viel langsamer als zuvor. Undeutliche Münder wurden aufgerissen und Hände bewegten sich durch die Luft wie durch tiefstes Wasser. Das Geplärre verschmolz zu einem Rauschen.
      "Amartius. Ja. Ich weiß es. Ich war bei ihm, ich habe es ihm gezeigt. Er hat es nicht vergessen. Der Träumer, ja. Eviad. Ich weiß es."
      Er zuckte, als wurde er von einem Schlag getroffen, dann sperrte er den Mund zum erneuten Lachen auf, aber kein Ton kam heraus. Seine Gestalt flimmerte kurz, als wäre sie auch Teil des Traums.
      Dann trat Kassandra auf ihn zu. "Apollo ist hier. Er sucht dich und erbittet eine Audienz. Du kannst ihn aufsuchen, wenn du nah genug an ihm dran bist. Wo hältst du dich auf, Morpheus?"
      Morpheus' Gestalt verfestigte sich und er sah Kassandra wieder an. Die Menge im Hintergrund nahm ihre Bewegung wieder auf.
      "Apollo... Apollo ist nicht wichtig. Nein. Nicht Apollo. Wo ich mich aufhalte? Im Olymp, wie sonst auch! Ich schlafe neben Hypno und streife durch die Träume. Ich streife durch alle Träume. Alle. Alle Träume."
      Er zuckte wieder, sein Gesicht verzog sich. Dann stieß er das irre Lachen noch einmal aus und der Traum wurde schlagartig in Finsternis getaucht. Die Phönixe verschwanden, der offene Himmel verschwand, nichts außer Leere blieb zurück. Sie vermittelte den Eindruck etwas großem, einer großen Halle. Einer gewaltigen Halle.
      "Alle Träume! Alle!"
      Morpheus' Stimme hob sich zu einem Schreien, sein Körper war verschwunden. Die Stimme kam von überall her.
      "Kassandra und Areti! Amartius und Telandir! Zoras und Ryoran und Elive! Feris und Caphalor! Nail!"
      Ein Beben ging durch die Halle, erschütterte alles und die Luft. Die Decke riss plötzlich auf, so wie der Himmelsbruch auch ständig aufbrach, große Risse im Firmament, die sich bis in den Horizont zogen. Plötzlich tauchte Morpheus wieder vor Kassandra auf, der Wahnsinn in sein Gesicht geschrieben. Seine Augen waren von feinen Äderchen durchzogen und so weit aufgerissen, als würden sie gleich platzen, seine Wangen eingefallen. Er packte Kassandra an den Armen und hielt sie, als wolle er sie in diesem Traum fesseln.
      "Die Moiren. Die Moiren können träumen, Kassandra. Ich habe sie gesehen, ihre Träume. Ich habe sie allE GESEHEN."
      Er fasste sich ins Gesicht, grub die Fingernägel in die Wangen und zog daran, als wolle er sich die Haut vom Leib ziehen. Seine Fingernägel hinterließen einen blutigen Schnitt, als wäre das nicht mehr Teil des Traums.
      "Ich versuche es zu verhindern. Ich muss es verhindern. Das Schicksal - es muss aufgehalten werden. VERSTEHST DU NICHT? Die Welt wird untergehen und der Himmel ist der Anfang. DIE MOIREN HABEN UNRECHT!"
      Er biss sich auf die Zunge und ein Blutstropfen drang auf seine Lippen heraus.
      "Erst der Eviad. Geboren in Theriss. Er wird Feris nicht umbringen, ich weiß es. Ich weiß es. Die Moiren wollten es, aber nein. Nein. Ich habe dich zu ihm geschickt, er wird es nicht. Er wird nicht. Er sollte sterben, aber dann habe ich Telandir geschickt. Ein kleiner Traum, zwei, drei und er hat Eviad gerettet. Hat er. Dann Amartius. Die Moiren denken, er ist tot. Sie denken, er ist tot! Aber ein Traum und er wusste, was zu tun war. Wie der Vater. Wie die Mutter. So, so lange habe ich darauf hingearbeitet. Jahrtausende. Die Träumer träumen und die Träume werden geträumt. Es war alles ich. Ich nehme die Fäden der Moiren auf und webe sie neu. Aber sie wissen, was ich versuche. Sie wissen es schon lange."
      Wieder der eindringliche Blick auf Kassandra.
      "Wenn wir sie weben lassen, wird die Zeit verenden. Der Himmel wird aufbrechen und sich nie wieder schließen. Der Olymp wird fallen! Verstehst du es denn nicht?"
    • Verwirrung erschien auf Kassandras delikaten Zügen. Morpheus‘ Erscheinungen waren noch nie die sichersten gewesen, stets flirrend und flüchtig. Das, was Apollo mit seinen Worten kryptisch beschrieb, tat Morpheus mittels Bildern. Aber bei ihren bisherigen Aufeinandertreffen war ihr der Gott der Träume noch nie so diffus erschienen. Als er behauptete, er sei im Olymp erachtete sie dies als Fehleinschätzung. Hypno war niemals auf die Erde hinabgestiegen, wohingegen Morpheus ganz eindeutig seine Essenz verloren hatte. Das Lachen war wirr und seltsam grell, sodass Kassandra ihr Gesicht verzog und sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Nur wusste sie besser, dass dies im Traum nicht möglich war.
      Dann, ganz plötzlich, schien alles ins Nichts zu fallen. Die Schemen verschwanden, die Umgebung verblasste. Als würde sich alles rapide vor ihr drehen verschmolz die Umgebung zu einem satten Schwarz aus Nichts, in dem sie beide zu schweben schienen. In weiter Ferne schienen sich Wände empor zu heben, Säulen zierten den Raum, in dem sie standen. Noch immer war es mehr eine Ahnung als eine wirkliche Wahrnehmung, was Kassandra leicht schwanen ließ. Chaos war sie gewohnt, aber nicht das Gedankenchaos eines anderen Gottes. Es war, als würde sie sich unmittelbar in Morpheus‘ Verstand und nicht in ihrem eigenen Traum befinden.
      Moment. Es war vielleicht gar nicht ihr Traum. Morpheus war der Herr der Träume, er entschied, was sie sah, sobald sich ihre Geister trafen. Das wiederum bedeutete, dass dies hier nichts war, das aus ihrem Verstand geschaffen worden war. Sondern aus seinem. Er zeigte ihr, was sie gerade sah.
      „Alle Träume?“, wiederholte Kassandra, doch da zerstob Morpheus‘ Antlitz in einer Explosion aus kleinsten Ascheteilchen. Erschrocken machte sie einen Schritt zurück just in dem Moment, als sich Schreie wieder erhoben und sie die Hände zu Fäusten ballte. Ein Beben erschütterte das Bild abermals, schwarze Flammen zuckten um Kassandra herum auf, die instinktiv auf eine Gefahr reagierte, sollte sie auch noch so unwahrscheinlich sein. Und dann erschien Morpheus wie ein Donnerschlag wieder vor ihr. Kassandra keuchte auf und wollte noch einen Schritt zurück machen, doch der andere Gott hielt sie fest. Mit einem Griff, dessen Kraft sie ihm niemals zugeschrieben hätte, hielt er sie an Ort und Stelle. Schwarze Flammen leckten an seiner Hand, seinem Arm empor. Die Farbe wich der Phönixin aus dem Gesicht. Noch nie hatte sie einen anderen Gott in einem derart desolaten Zustand erlebt.
      „Die Moiren. Die Moiren können träumen, Kassandra.“
      Erkenntnis schlug mit unerbittlicher Macht zu und ließen Kassandras Augen sich weiten. Das war kein Hirngespinst. Das war der Grund, wieso Morpheus so katastrophal zugerichtet war. Er meinte es nicht bildlich, dass er alle Träume sah. Er tat es wortwörtlich und wenn er die Moiren auch sah, dann war es zu viel für seinen Verstand. Er wurde wahnsinnig, das war der Grund. Deswegen versuchte er sich gerade auch das Gesicht mit seinen Nägeln abzukratzen. An diesem Zustand war Kassandra selbst nur knapp vorbei geschrappt.
      „Die Moiren können kein Unrecht haben. Sie sehen nur, was passieren wird und weben die Fäden zusammen“, konstituierte die Phönixin, Unsicherheit schwang in ihrer Stimme erstmalig mit. Sollte Morpheus recht haben, dann…
      Morpheus ließ sich nicht aufhalten und schilderte vergangene und zukünftige Ereignisse. In schneller Abfolge sprach er von Dingen, die Kassandra stillschweigend aufnahm und gedanklich speicherte. Das hier war vielleicht der letzte Augenblick, in dem Morpheus noch halbwegs bei Sinnen war. In diesem Moment erkannte sie, dass der Gott verloren war. Und, dass er tatsächlich mehr getan hatte, als sie alle zusammen.
      Schließlich nickte Kassandra und riss sich von dem Gott der vergehenden Träume los. „Danke, Morpheus. Für alles. Ab jetzt übernehme ich“, versprach sie ihm mit einem Nicken. Mehr konnte sie nicht tun. Sein Verstand war verloren, das zeigte dieser Traum ihr eindrucksvoll. „Rette von dir, was zu retten ist.“
      Dann rief sie ihre Macht an und der Traum ging in schwarzen Flammen auf.

      „Meine Göttin! ARGH!“
      Kassandras Lider flogen ruckartig auf und sie schnellte vom Bett hoch. Oder besser gesagt von dem, was noch davon übrig war. Flammen hatten das Gestellt, auf dem sie lag, fast gänzlich aufgefressen, sodass harter Stein ihre neue Bettung geworden war. In einem Regen aus glimmenden Fetzen fielen Teile des Baldachins herunter, von dem ein Balken bereits abgeknickt und durchgebrannt war. Die Decke war vollkommen schwarz verkohlt von dem Feuer, das schon eine Weile wüten musste. Glücklicherweise empfing Kassandra nur ein sengendes Rot statt des verzehrenden Schwarzes.
      Am Rande ihres Blickfeldes machte die Phönixin Nail aus. Ihr Diener hatte sich einen Stofffetzen vor die untere Gesichtshälfte geschlagen und sich Kleidung über den Körper geworfen. Sie klebte an seinem Leib, während er mit einem Wassereimer versuchte, die hungrigen Flammen zu bekämpfen. Einige andere Diener rannten ein und aus durch die geöffnete Tür und brachten stets neue Eimer mit Wasser. Um sich gegen die Flammen und die Hitze zu schützen hatte ihr Diener seine Kleidung mit Wasser durchtränkt.
      Mit einem einfachen Fingerschnipp erloschen sämtliche Flammen auf einen Schlag. Ungerührt von dem Geschehen erhob sich Kassandra aus dem Aschebett, ihre Erscheinung von dem Feuer gänzlich verschont. Sie ließ den Blick kurz schweifen, dann trat sie aus dem ehemaligen Glutnest hervor. „Hast du dich verletzt?“ Ihre Frage galt Nail.
      Er schüttelte schnell den Kopf und zeigte seine Schutzmaßnahmen. „Nein. Wir wissen, wie wir mit dem Feuer umzugehen haben. Aber ich wusste nicht, dass Ihr während eines Traumes Eure Macht ausübt.“
      Zugegeben, das war für Kassandra ebenfalls neu. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die restlichen Diener. „Bringt den Raum wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück.“ Dann sah sie zu Nail. „Wo hält sich Zoras aktuell auf?“
      „Vermutlich in seinem Gemach. Er wird wegen des Feuers vermutlich wach sein, meine Göttin.“
      „Gut. Sieh zu, dass der Raum frei von Asche ist, wenn ich zurückkehre“, wies sie ihren Diener an und machte sich auf den Weg zu dem Eviad.
      Sie traf ihn bereits auf dem Flur vor seinem Gemach an. Er hatte die Zeit gefunden, sich angemessen zu kleiden und nicht in einem Nachtgewand durch die kalten Gänge zu eilen, um zu ihrem Zimmer zu gelangen. Mit erhobener Hand gebot sie ihm Einhalt. „Wir gehen zurück. Ich habe Morpheus antreffen können, aber seine Kunde ist problematisch.“ Mit eben jener Hand streifte sie sachte seine Schulter, ein sanftes Lächeln bedeckte ihre Lippen. „Es war nur ein kleines Feuer, weiter nichts.“
      Zoras schloss hinter ihnen die Tür, nachdem sie eingetreten waren. Kassandras Blick fand das Nachtgewand lieblos auf das zerwühlte Bett geworfen. Schließlich war es noch mitten in der Nacht. Statt zarte Worte auszutauschen fiel die Göttin direkt mit der Kunde ins Haus. „Morpheus hat die Träume zu vieler Wesen gesehen. Unter anderem die der Moiren. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er sie beeinflusst, damit sie das Schicksal so weben, wie er es wünschte. Er sah den Himmelsbruch in ihren Träumen voraus und manipulierte sie, damit er nicht eintraf. Doch nun wissen die Moiren über ihn Bescheid und entziehen sich ihm. Wir werden auf Morpheus nicht mehr zählen können. Sein Geist ist gebrochen.“
      Die Worte gingen ihr nicht aus dem Sinn. Feris konnte nicht durch Zoras getötet werden. Hieß das, er hätte damals tatsächlich sterben müssen und das hätte den Bruch beschleunigt? Wünschten sich die Moiren den Bruch oder fingen sie nur die losen Enden, die das Schicksal ihnen zuwarf, bloß auf? Wäre Zoras damals gestorben… ja, dann hätte Kassandra selbst das Ende der Welt hervorgerufen und damit den Bruch herbeigeführt. Auch das wurde verhindert, selbst wenn Qual und Leid für sie die Folge daraus gewesen war. Und Amartius… Amartius war gegangen. Nur ein Stück seiner Seele verweilte noch auf Erden. Scheinbar genügte dies, damit die Moiren glaubten, er sei fort. Was er auch war, denn aus einem Relikt konnte die Seele nicht mehr in einen Körper herausgelöst werden. Das Ziel, welches Zoras und Kassandra verfolgten, bekam ein neue Wendung.
      Sie wandte sich ihrem Gefährten zu. „Ich fürchte, das Bannen sämtlicher Götter auf Erden wird nicht genügen, um den Bruch aufzuhalten. Solange die Moiren weiter weben, wird er unvermeidlich sein. Dies sagte auch Morpheus und ich glaube seinen Worten.“
      Aber wie sollte man etwas aufhalten, von dem man nicht wusste, ob es einen Körper besaß und wo er sich aufhielt?
    • Zoras' Augen öffneten sich blitzartig, als es an der Tür hämmerte. Für einen Moment fühlte er sich an die Zeit zurückerinnert, als er mit Amartius in niederen Gasthäusern geschlafen hatte, stets dazu bereit, seinen Sohn vor dem Gesindel zu schützen. Seine Hand fuhr unter sein Kopfkissen, um den Dolch zu packen, den er dort versteckt hielt. Er war nicht da.
      Dann erst blinzelte er und erkannte, dass er in seinem Bett im Palast von Kuluar lag und niemand einbrechen wollte, um seinem Jungen zu schaden. Er stieß einen Atem aus und fragte sich, was für einen Unsinn er geträumt haben musste, um auf solche Gedanken zu kommen. Zum Glück konnte er sich schon nicht mehr an seine Träume erinnern.
      "Herein!"
      Die Tür sprang auf und seine Dienerschaft floss herein wie aufgescheuchte Hühner, begleitet von seinen Gardisten. "Feuer, Eviad, Feuer im Westflügel! Kommt schnell, wir bringen Euch in Sicherheit in den Innenhof!"
      Feuer? Westflügel? Kassandra. Der Gedanke war ausschlaggebend, um Zoras auf die Beine zu bringen. Er machte sich Sorgen, nicht etwa um ihre Gesundheit, sondern weil Kassandra eigentlich nicht dazu neigte, Feuer im Palast ausbrechen zu lassen. Irgendetwas musste passiert sein - etwas mit Morpheus. Sie wollte ihn aufsuchen diese Nacht, um den Pakt mit Apollo einzuhalten. Nur war Morpheus ein Gott der Träume und sollte eigentlich nicht dazu in der Lage sein, eine Phönixin zur Brandstiftung anzuspitzen.
      Zoras schwang seine Beine über die Bettkante.
      "Wo ist sie?"
      "In ihrem Zimmer", kam die Antwort, ohne fragen zu müssen, wen genau er meinte. Es gab nur eine Sie in Zoras' Leben.
      Er ließ sich seine Uniform geben und ausnahmsweise ließ er sich auch beim Anziehen helfen, damit es schneller ging. Kurz darauf eilte er nach draußen und bog nach links ab, anstatt nach rechts in Richtung Innenhof zu eilen. Er hörte bereits den Widerspruch seiner Bediensteten, noch ehe sie ihn in Worte gefasst hatten, aber das schob Zoras beiseite. Er musste Kassandra sehen. So ein bisschen Feuer würde ihn schon nicht gleich umbringen.
      Zum Glück seiner gestressten Dienerschaft kam sie ihnen entgegen, noch ehe er das Ende des Gangs erreicht hatte. Sie sah aus wie immer mit Haaren so schön wie Seide, die in schwarzen Wellen über ihre Schultern flossen. Ihre Kleidung war unversehrt und ihr Gehaben königlich wie sonst, als sie die Hand hob.
      "Kassandra."
      „Wir gehen zurück. Ich habe Morpheus antreffen können, aber seine Kunde ist problematisch.“
      "Problematisch?" Das Wort gefiel Zoras nicht, nicht aus Kassandras Mund, und er sah an ihr vorbei den Gang entlang. In der Entfernung eilten Bedienstete geschäftig mit Eimern Wasser vorbei. "Problematisch genug, unseren Westfügel in Brand zu stecken?"
      Sie streifte sachte seine Schulter und die Berührung reichte aus, seine gesamte Aufmerksamkeit wieder zurück auf sie zu lenken.
      „Es war nur ein kleines Feuer, weiter nichts.“
      Klein aus der göttlichen, oder menschlichen Perspektive, wollte Zoras fragen, doch die Anwesenheit der Dienerschaft ließ ihn Ruhe bewahren. Er nickte als wäre damit alles geklärt und spürte, wie sich seine Gefolgschaft im Hintergrund entspannte.
      "Gut. Nach dir. Und ich will trotzdem dieses Feuer gelöscht sehen."
      Das entließ seine Begleitung in einem indirekten Befehl und er ging mit Kassandra zurück in sein Gemach. Dort wartete Kassandra auf das Klicken der Tür, ehe sie sofort berichtete.
      „Morpheus hat die Träume zu vieler Wesen gesehen. Unter anderem die der Moiren."
      Zoras hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Die Moiren? Sprachen sie gerade von denselben Moiren, denjenigen, die das Schicksal webten? Die Moiren konnten träumen?
      "Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er sie beeinflusst, damit sie das Schicksal so weben, wie er es wünschte. Er sah den Himmelsbruch in ihren Träumen voraus und manipulierte sie, damit er nicht eintraf. Doch nun wissen die Moiren über ihn Bescheid und entziehen sich ihm. Wir werden auf Morpheus nicht mehr zählen können. Sein Geist ist gebrochen.“
      Zoras fasste sich ans Kinn zu einem Bart, den er schon seit Jahren nicht mehr hatte. Er hatte sich nie mit dem Gedanken beschäftigt, was passieren würde, wenn ein Gott verenden sollte, aber plötzlich wollte er die Antwort darauf nicht wissen. Nicht einmal, wenn es nur den Gott der Träume betraf.
      "Dann kämpfen wir nicht nur gegen die Götter selbst, sondern auch noch gegen die Moiren. Ich hatte mit guten Neuigkeiten gerechnet."
      Er ließ sich auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen. Sein Blick wanderte über die dort ausgebreitete Karte und die Götter, die sie gesammelt hatten. Wenige Namen waren von ihrem letzten Kreuzzug bereits durchgestrichen, aber würde das überhaupt reichen den Himmelsbruch aufzuhalten, wenn die Moiren selbst dahinter steckten? Und konnte Morpheus wirklich so viel Einfluss nehmen, um die Arbeit der Moiren zu manipulieren?
      „Ich fürchte, das Bannen sämtlicher Götter auf Erden wird nicht genügen, um den Bruch aufzuhalten", sagte Kassandra und sprach damit seine Gedanken aus. "Solange die Moiren weiter weben, wird er unvermeidlich sein. Dies sagte auch Morpheus und ich glaube seinen Worten.“
      "Ja. Aber heißt das, unser Schicksal ist unausweichlich?" Er sah Kassandra eindringlich an. "Wir reden hier schließlich nicht von dem Untergang eines Königreiches, sondern von einer ganzen Welt. Wie können die Moiren das zulassen? Sind sie dadurch nicht auch betroffen?"
      Er fuhr sich durch die kurzen Haare.
      "Nein, sie weben ja nur das Schicksal, ich weiß. Ich schätze, ich verstehe es nicht, mit meinem begrenzten menschlichen Verstand. Ich werde es wohl niemals ganz verstehen. Aber aufgeben will ich nicht."
      Er dachte darüber nach, dann beugte sich nach vorne.
      "Wenn es stimmt, was Morpheus gesagt hat, dann hat er bereits dafür gesorgt, dass der Himmelsbruch zu unseren Gunsten beeinflusst wird. Er wird ihn wenigstens hinausgezögert haben. Und wenn es stimmt, dass nur ein Ungleichgewicht dafür sorgt, dass der Olymp fällt, dann haben wir noch die Möglichkeit, aus einem Ungleichgewicht ein Gleichgewicht zu machen. Wir können ihn weiter herauszögern und irgendwann wissen wir vielleicht, wie..." Er verzog das Gesicht. "Ich weiß es auch nicht. Wie wir die Moiren am Weben hindern können? Oder die Fäden ändern? Ich verstehe nicht, wie das ganze aussehen soll. Aber irgendetwas werden wir wohl herausfinden können."
      Er lehnte sich wieder zurück und sah Kassandra gedankenverloren an.
      "Wissen wir, wo Morpheus sich gerade aufhält oder was er gerade tut? Wenn es stimmt, dass er sich ins Schicksal eingemischt hat, tut er es womöglich in diesem Moment immernoch. Wir müssen herausfinden, was er gerade plant. Mit ihm und Apollo zusammen erfahren wir womöglich, was zu tun ist; Apollo mit seiner Vorhersage und Morpheus mit seinen Wissen aus den Träumen. Es ist nicht unmöglich."
      Aber unmöglich war es zu bestimmen, wo Morpheus sich gerade aufhielt. Er hatte Kassandra keine Auskunft gegeben, aber er hatte sie berührt und die Berührung schien nachzuhallen, als läge seine Geisterhand noch immer auf ihrem Arm. Zoras drängte sie dazu, sich noch einmal hinzulegen und zu träumen.
      "Ruf ihn nicht, sondern träume einfach nur. Vielleicht wird er deine Träume beeinflussen, so wie er die der Menschen beeinflusst und du kannst etwas sehen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät."
      Kassandra stimmte zu und legte sich hin. Kurz darauf war sie in den künstlichen Schlaf der Götter verfallen, während Zoras darum kämpfte, neben ihr wach zu bleiben. Er würde nicht zulassen, dass sie den Palast noch einmal in Brand steckte. Er würde über sie wachen, so wie sie jede Nacht über ihn wachte.

      So kamen sie auf das Land Rhemstus, eine militärische Macht im dicht bewachsenen Westen. Das Land war eines derjenigen gewesen, das seinen Unmut über Kuluars Feldzug offen bekannt gegeben und damit seine eigene Kriegserklärung ausgesprochen hatte. Bislang hatten sie noch keine Kampfhandlungen ausgeübt, aber Zoras schätzte, dass sie nur auf die Unterstützung ihrer Nachbarn warteten, um den fünf vorherrschenden Göttern von Kuluar die Stirn bieten zu können. Bislang waren sie kein Land gewesen, dem Kuluar sich allzu schnell stellen wollte, und das lag an Eris. Göttin der Zwietracht und des Streits, Tochter des Nyx und Schwester des Ares. Und seit etwa 70 Jahren wohnhaft in Rhemstus.
      In diesen 70 Jahren hatte Rhemstus einen ganzheitlichen Wachstum erfahren. Nur noch die besten Händler mit den kostbarsten Gütern fuhren in Rhemstus ein, nachdem der Rest sich mit der Regierung verstritten und abgezogen war. Rhemstus hatte die stärksten Allianzen in seiner unmittelbaren Umgebung, nachdem seine politischen Nachbarn oftmals mit ihrem eigenen Zwist zu beschäftigt waren, um Rhemstus groß zu beachten. Und alle, die auf die Idee kamen, Rhemstus Grenzen zu testen und Gebiete zu erobern, waren binnen einen Monats in Bürgerkriege ausgebrochen. Es war eine strategisch kluge Entscheidung, sich vorerst von Rhemstus fernzuhalten.
      Doch Kassandra hatte durch ihre Träume den Eindruck vermittelt bekommen, dass Morpheus sich entweder in Rhemstus selbst oder in seiner unmittelbaren Umgebung aufhielt und so mussten sie voranschreiten, wenn sie den Gott nicht wieder entwischen lassen wollten. Das hinterließ die sehr tückische Frage, wie sie in Rhemstus einmarschieren, Eris sichern und nach Morpheus suchen sollten, ohne sich dabei gegenseitig zu zerfleischen. Im besten Fall eroberten sie das Land dabei auch noch, um sich ihre weiteren Feldzüge zu erleichtern, aber Zoras hegte nicht sehr viel Hoffnung auf diesen Gedanken. Er wusste nicht einmal, wie weit sie sich Eris nähern konnten, ohne dabei ihren Kameraden an die Gurgel fallen zu wollen. Es war eine einfache, aber leider sehr effektive Verteidigung, die Rhemstus hier aufweisen konnte. Sie würden alles strategisches Geschick aufwenden müssen, um diese Verteidigung zu durchbrechen.
      Oder eine kämpferisch motivierte Phönixin.
      "Wir marschieren in kleinen Gruppen ein und verbinden uns erst zur Schlacht wieder zu einer Armee. So betrifft Eris' Einfluss nur die unmittelbaren Gruppen und nicht gleich alle zusammen. Wir müssen nur hoffen, dass das ausreicht, bis wir gegen ihre Armee antreten können. Ab da müssen wir versuchen, durchzubrechen."
      Zoras sah Kassandra an und wartete auf ihren Rat. Er hatte ihr versichert, dass ihr bei diesem Krieg keine Grenzen gesetzt wurden, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen konnte. Er vertraute diesen Entscheidungen auch, trotzdem war Eris eine Macht, die sie gezielt durchdringen mussten. Bis Eris in die unmittelbare Reichweite von Phönix-Feuer gelangte, mussten sie vorsichtig vorgehen. Und immer einen Schritt nach dem anderen.
      "Ich kann die Kavallerie anführen. Wir können vor den anderen da sein, ein falsches Bild vermitteln. Trotz Eris sind es immernoch Menschen dort, die gegen uns antreten und Entscheidungen treffen müssen. Wir können sie verwirren."