[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • "Du musst dich nicht daran gewöhnen, wenn du sie alle auslöschst, weißt du? Wäre auf jeden Fall einfacher."
      Vincent hing noch an dem Punkt fest, an dem es erst Mitternacht war, und ignorierte Vlad, der sich gerade auf die Rückenlehne des Sofas stützte. Sicherlich malte er sich aus, auf wie viele Weisen er Menschen zerfetzen konnte, bevor es langweilig wurde.
      "... Willst du mir erzählen, warum du dich selbst aufgeschnitten hast, Vincent?"
      Vincent lachte leise in sich hinein. So hatte er das noch gar nicht betrachtet. Eigentlich hatte er es noch gar nicht betrachtet...
      Er hob den Kopf und schob die Decke ein wenig beiseite, dann schielte er durch seinen Hemdkragen auf seine zerfetzte Flanke, die Thomas augenscheinlich in penibler Kleinstarbeit wieder zusammengeflickt hatte. Wann war das denn passiert?
      "Ich weiß das gar nicht mehr so genau," antwortete er und ließ den Kopf wieder gegen die weiche Lehne sinken. "Ich glaube, ich habe versucht den Hunger aus mir herauszuschneiden. Vielleicht habe ich auch gedacht, dass da wieder Silber drin ist, keine Ahnung. Ich... Es war - ist - schwierig, klar zu denken, wenn man... du weißt schon."
      "Ich glaube, da war auch ein bisschen Wut mit im Spiel. Wut auf deinen kleinen Menschen hier, Wut darauf, dass du ihn hast gehen lassen. Wut darauf, dass er dir weggenommen hat, was so köstlich schmeckte und dich stark gemacht hat. Wut darauf, dass er dich hier allein zurückgelassen hat, um seine Laune zu heben, während du hungern musstest. Soll ich weitermachen?"
      Vincent knirschte mit den Zähnen und verbarg sein Gesicht in der Sofalehne. Neben Vlads Worten blitzten auch Bilder in seinem Kopf auf: der Brieföffner in seiner Hand, das Geschwür des Hungers an seiner Seite, Blut überall. Er hatte es nicht gefunden. Er hatte den Ursprung des Schmerzes nicht finden können. Stattdessen war da mehr gewesen. In seiner Flanke. In seinem Arm. Er war immer noch da. Der Schmerz und der Hunger pulsierten immer noch in ihm drin, wie ein Parasit. Sie beraubten ihn seiner Kraft, seiner Gedanken. Sie nahmen ihm alles weg. Einfach alles.
      "Es gibt ein Heilmittel, Steaua mea," raunte Vlad, seine Stimme so süß wie Honig.
      Er fuhr Vincent mit einer Hand sanft durch die Haare, und als er zu ihm aufsah, über die Wange.
      "Du muss nicht so leiden, Steaua mea. Lass mich dir helfen. Du musst gar nichts tun, ich mache das schon."
      "Ich will, dass es aufhört..." flüsterte Vincent.


    • Den Hunger herausschneiden. Gott im Himmel, was hatte nur eine Woche Hunger mit dem Mann angestellt, dass er sich solche grausige Ideen in den Kopf setzte? Und noch viel schlimmer: Wie weit wäre er noch gegangen, wenn Thomas nicht die Waffe entfernt hätte? Was hätten erst Hunger und Blutverlust mit ihm angestellt, wenn nur das eine schon eine solch drastische Auswirkung zeigte?
      Thomas versuchte sich nicht anmerken zu lassen, welche düsteren Pfade seine Gedanken einschlugen, und versuchte stattdessen, im Hier und Jetzt zu bleiben. Vincent war nicht verblutet, er hatte sich keine lebenswichtigen Organe verletzt, Thomas hatte alles genäht und verbunden. Solange er nicht noch etwas Scharfes in die Hände bekam, würde er sich schon noch davon erholen.
      Vorsichtshalber schob er das leere Glas ein Stück weiter weg.
      "Ich weiß. Es ist schon in Ordnung."
      Der innere Kampf war Vincents Gesicht anzusehen, als er es gegen die Sofalehne presste. Wie gerne Thomas ihn jetzt wirklich in die Arme genommen und einfach gewartet hätte, bis die ganze Nacht vorbei wäre. Er wollte Vincent zeigen, dass er nicht mehr alleine war und dass schon alles wieder vorbei gehen würde, aber für sowas brauchte es keine Instinkte um zu wissen, dass das eine absolut törichte Idee war. Genauso gut könnte er sich auch selbst aufschneiden und dem Vampir das Blut präsentieren, es würde wohl aufs Gleiche herauskommen.
      Stattdessen hob er also nur die Hand und strich ihm zärtlich die strähnigen Haare zurück. Vincent regte sich wieder, aber als er das Gesicht wieder anhob, entglitt sein Blick einer Stelle beim Sofa, die in etwa auf Thomas' Augenhöhe lag. Er starrte die Stelle recht intensiv an, schien auch mit ihr zu reden, aber Thomas schrieb es seiner Müdigkeit zu, mit der er kein ordentliches Gespräch aufrecht erhalten konnte. Er ließ die Hand wieder fallen, um sie stattdessen wieder auf seine Hände zu legen.
      "Es wird vorbeigehen, ich verspreche es dir. Du hast es fast geschafft. Wenn du morgen Abend wieder aufwachst, wirst du dich schon wesentlich besser fühlen. Und bis dahin machen wir es uns einfach ein bisschen gemütlich."
      Er setzte sich selbst zurück, bis er sich an die Rücklehne anlehnte, nahm sich ein Kissen und legte es sich auf der Schulter zurecht, bevor er Vincent ganz vorsichtig dazu leitete, seinen Kopf dort aufzulegen und sich an ihn zu lehnen. Man konnte es wohl kaum als kuscheln bezeichnen, aber es war doch etwas, was dem am nächsten kam. Zumindest gab es das Kissen nun als Pufferzone, wenn ihm der Herzschlag doch noch zu laut würde.
    • Vincent sah auf, als Thomas zu ihm sprach. Er hatte ganz vergessen, dass der Mann auch noch da war.
      "Gemütlich machen..."
      Er beobachtete, wie Thomas sich eines der Kissen nahm und auf die Schulter legte. Er ließ sich von der warmen Hand anleiten und legte seinen Kopf auf ebenjenes Kissen, auf ebenjener Schulter. Es war tatsächlich bequem, so mit Thomas zusammenzusitzen.
      Vincent seufzte wohlig und mit diesem Seufzen schien ihn ein ganzer Berg an Anspannung zu verlassen. Er sank ein bisschen in sich zusammen, lehnte sich gegen Thomas und die Rückenlehne und schloss die Augen. Ein rhythmisches Hämmern füllte seinen Kopf - nicht auf unangenehme Weise. Es war ein sanftes aber konstantes Schlagen, und es breitete sich gleichmäßig bis in die letzte Ecke seines vernebelten Kopfes aus. Es lullte ihn ein, entspannte ihn. Vincent wusste auf instinktiver Ebene, dass dieses Hämmern nur Gutes für ihn brachte. Dazu der Duft, der seine Nase füllte... es war besser als das, was Thomas ihm in diesem Glas gebracht hatte. Viel besser. Was war das? Zimt...
      Sein Magen zog sich unangenehm zusammen, entlockte Vincent ein leises Brummen. Es roch so gut, warum tat es ihm weh? Was sollte das?!
      "Du hast Hunger, Steaua mea. Das kann man leicht lösen. Du musst einfach nur deinen Kopf drehen und dieses Kissen loswerden. Ich bin mir sicher, Thomas hilft dir gern."
      "Erzähl mir was," bat er Thomas. "Irgendwas. Es ist so lange her, dass ich eine Geschichte gehört habe..."


    • Vincent lehnte sich gegen ihn, zuerst ein bisschen steif, aber dann zunehmends entspannter, bis er regelrecht einzusacken schien. Und als würde das nicht auch auf Thomas übergreifen...
      Versuchsmäßig hob er den Arm an, erfühlte Vincents Gesicht, strich ihm durch die ungepflegten Bartstoppeln und dann durch die strähnigen Haare. Er neigte den Kopf zur Seite, bis er ihn vorsichtig an Vincents lehnte, zögerlich zu anfangs, dann zunehmends unvorsichtiger werdend. Es schien vorüber zu sein, die schlimmste Gefahr, der zweifelhafte Moment, in dem der Vampir noch Überhand hätte gewinnen können. Jetzt war es wahrlich nur noch Vincent, und Thomas hieß ihn mit offenen Armen bei sich willkommen.
      "Eine Geschichte willst du hören? Hast du nicht deine Bücher hier?"
      Er sah zu dem unordentlichen Schreibtisch, bevor ihm klar wurde, dass der Weg dorthin für den Mann sicher wie eine Bergbesteigung vorgekommen wäre. Innerlich schimpfte er sich selbst dafür, nicht daran gedacht zu haben, aber nun war es wohl auch zu spät. Eine Geschichte wollte er hören.
      Sanft kraulte er ihm den Kopf.
      "Ich erzähle dir eine Geschichte. Von einem Arzt und einem adeligen Schnösel."
      Er setzte sich zurecht und lächelte leicht.
      "Es waren einmal ein Arzt und ein überheblicher, von sich eingenommer Lord. Die beiden kannten sich nicht und sollten sich eigentlich auch nie kennenlernen, denn ihre... ihre Reviere lagen zu weit auseinander, um aufeinander aufmerksam zu werden. Aber der Lord schmiss jedes Jahr zu Hallow's Eve eine große Feier und obwohl der Arzt sich niemals freiwillig in solche Gesellschaften begab, ging er trotzdem eines Jahres hin. Er dachte sich aber... er dachte sich, dass auf so einem großen Fest sicher manchmal Leute in Gefahr waren und er als Arzt, er wollte ihnen helfen. Also ging er hin und lernte den Lord kennen, der... natürlich sofort erkannte, dass der Arzt nicht wegen der Feier gekommen war, sondern um seiner Berufung nachzugehen. Aber hätte der Lord ihm das gestattet, dann hätte der Arzt seine Pflicht getan und sie wären einander nie wieder begegnet. Das wollte er nicht, deswegen behandelte er den Arzt nicht wie einen Arzt, sondern wie einen ganz normalen Gast, lud ihn zum Trinken ein und schenkte ihm sein schönstes Lächeln."
      Er kraulte Vincents Nacken hinab.
      "Das verzauberte den Arzt auf eine Weise, die er nicht benennen konnte. Er war dazu geneigt, den Lord als etwas anderes als einen möglichen Kranken zu sehen, aber das ging nicht, das war nicht der Grund, weshalb er gekommen war. Und doch ließ er sich von dem anderen auf sein Zimmer einladen und sie hatten... sie hatten leidenschaftlichen, aber auch etwas peinlichen Sex."
      Er lächelte breiter und streichelte ihm die Wange.
      "Von da an war es um den Arzt geschehen, denn er war ganz hin und weg von dem Lord. Er konnte kein Kranker sein, dessen war er überzeugt, und deswegen wuchs seine Liebe für ihn Tag für Tag umso stärker heran, denn er hatte sich niemals sicherer gefühlt. Und er hatte auch niemals mehr für einen Menschen empfunden, als für diesen Lord und sein unverschämt schönes Lächeln."
      Sein Lächeln verblasste.
      "Aber eines Tages erfuhr er etwas grauenvolles von ihm: Der Lord war doch krank, war es schon die ganze Zeit gewesen und hatte es nur verheimlicht. Nur jetzt hatte die Krankheit zu ihm aufgeholt und würde ihn umbringen, das war nur die natürliche Folge dessen. Der Arzt wäre der einzige, der wusste, wie diese Krankheit zu behandeln war.
      Aber der Arzt fühlte sich betrogen und hintergangen und verließ den Lord für eine lange Zeit. Er kehrte nachhause zurück, aber sein Herz, das hatte er unwissentlich bei seinem Lord gelassen, denn mit einem Mal war er Zuhause einsam und vermisste die netten Worte seines Geliebten und sein schönes Lächeln. Es zog ihn wieder zu ihm und so ging er eines Tages, den Arztkoffer gepackt, zurück und fand den Lord sterbenskrank in seinem Zuhause auf. Da packte er seine Utensilien aus und kümmerte sich um ihn, was eine lange und schwierige Prozedur war. Aber als der Lord mit dem Leben kämpfte und der Arzt ihn zu versorgen versuchte", Thomas senkte die Stimme ein wenig, sprach jetzt nur leise zu und für Vincent, "da erkannte er, dass er ihm verzeihen könnte. Er könnte ihm verzeihen und vergeben, denn letzten Endes hatte er sich mit ganzem Herzen in den Lord selbst verliebt und selbst die Krankheit konnte ihm da nicht im Weg stehen. Er erkannte, dass er, so schlimm es auch werden könnte, niemals wieder von ihm weichen wollte und dass er sein Herz an niemand anderen mehr weitergeben wollte. Er wusste, dass dieser Mann die Liebe seines Lebens war und dass er auch die schlimmsten Krankheiten überhaupt auf sich nehmen würde, um weiter bei ihm zu bleiben. Und er schwor sich, dass er den Lord - seinen Freund - auch immer behandeln würde. Egal, wie schlimm die Krankheit werden würde. Er würde ihn nie wieder im Stich lassen."
      Er schwieg, ein paar Sekunden lang. Dann setzte er hinterher:
      "Und sie lebten glücklich zusammen, bis die Krankheit einen von ihnen umbrachte. Oder vielleicht auch alle beide."
    • Vincent war tatsächlich weniger an der Geschichte interessiert, als er selbst erwartet hatte. Aber Thomas' Stimme umspülte ihn einfach wie eine sanfte Brandung und trug ihn hinaus auf das weite Meer seines wenig fokussierten Verstandes, bis Vincent einfach nur vor sich hin trieb, von den Wellen geführt. Die sanften Liebkosungen des Mannes sorgten nur für noch mehr Entspannung.
      Als Thomas fertig erzählt hatte, herrschte eine kleine Weile Stille. Nur das leise Knistern des Kaminfeuers erfüllte den Raum. Bis sich Vincent zur Seite sinken ließ, um seinen Kopf auf Thomas' Schoß zu legen.
      "Du bist ein furchtbarer Geschichtenerzähler," kommentierte Vincent, als er aus dieser Position zu Thomas aufsah.
      Aber er lächelte.
      "Fast so furchtbar, wie du lügst."
      "Dir ist schon bewusst, dass er deine Existenz eben als Krankheit bezeichnet hat, oder?"
      "Ich habe dich vermisst," gestand Vincent. "Nicht nur in der Zeit, die ich hier unten verbracht habe. Vorher schon. Als wir uns so auseinandergelebt haben. Ich habe dich vermisst. Deswegen habe ich dich weggeschickt. Du musst jagen, wie ich Blut trinken muss."
      "Streng genommen musst du auch jagen. Du bist nur zu faul und zu schwach, um es auch wirklich zu tun. Die Fähigkeiten hast du. Die Instinkte hast du. Nutze sie!"
      "Wir kriegen das hin, oder? Dich, mich. Uns. Wir schaffen das, richtig?"

      Vincent genoss die Nähe zu Thomas, so lange wie er konnte, aber irgendwann gewann sein Hunger dann doch und er rang sich dazu durch, Thomas nach einem weiteren Glas Schweineblut zu fragen. Thomas brachte es ihm, half ihm dabei, es zu trinken. Es schmeckte immer noch furchtbar, aber Vincent war mittlerweile wieder klar genug um sich daran zu erinnern, dass sich der Geschmack nicht verbessern würde.
      Das dritte Glas machte kaum einen Unterschied, wenn es um Vincents Müdigkeit ging. Sein Körper war noch immer dabei, wieder in Gang zu kommen - das würde wohl auch noch ein paar Nächte dauern. Aber seine Gedanken wurden klarer. Er konnte sie tatsächlich wieder denken.
      "Du kommst doch morgen Nacht wieder, oder?" fragte er, als er den Sonnenaufgang nahen spürte.
      Die Angst, dass Thomas Nein sagen würde, konnte er nicht gänzlich aus seiner Stimme heraushalten. Er wollte seine Zeit hier unten nicht allein verbringen, aber er konnte sich nicht daran erinnern, warum. Er wusste nur, dass es nicht gut war, zu lange allein hier unten festzustecken. Das machte etwas mit ihm, das er nicht mochte.


    • Thomas zog in gespielter Verärgerung die Stirn in Falten. Vincent hatte jetzt die scheinheilige Barriere des Kissens überwunden und seinen Kopf in Thomas' Schoß gelegt. Dort konnte er dem Blick aber nicht entkommen, mit dem Thomas ihn jetzt strafte.
      "Ich bin der beste Geschichtenerzähler, den du hier unten weit und breit finden kannst. Verscherz es dir lieber nicht mit mir, mit mir und meinen Geschichten. Sonst denke ich mir eine wirklich furchtbare aus, nur für dich."
      Aber Vincent lächelte und so konnte er ihm nicht ernsthaft böse sein. Mit den Fingerspitzen kämmte er ihm weiter die Haare, diesmal gezielt.
      "Wir schaffen das, Liebling. Gemeinsam. So wie wir bisher alles geschafft haben."
      Das schien Vincent letztlich zu trösten, vermutlich, weil er sah, dass es keine Lüge war.
      Thomas brachte ihm später auf Wunsch ein drittes Glas, das diesmal fast gefahrlos getrunken werden konnte. Danach leistete er ihm wieder unermüdlich Gesellschaft, bis sein Freund sich spürbar entspannte und seine Augenlider schwer wurden. Thomas hatte es sich auf dem Sofa anderweitig gemütlich gemacht, sodass Vincent jetzt zwischen seinen Beinen lag. Seitdem sie die Position eingenommen hatten, hatten sie sich kaum wieder weiter voneinander entfernt.
      "Ich werde da sein", bestätigte er auf die leise Frage, die schon fast einen ängstlichen Unterton hatte, fast als glaubte Vincent, Thomas könne wieder nach London oder sonstwohin verschwinden. Es schmerzte ihm, was ein einziger Fehler für Auswirkungen auf sie beide haben konnte.
      "Immer."
      Vincent sagte nichts mehr. Er ließ sich von ihm streicheln und bald merkte Thomas, dass er eingeschlafen war.

      Im selben Raum konnte er nicht schlafen, dieses Risiko war zu groß für ihn, aber er bezog wieder die Liege im Gang und in der nächsten Nacht war er wieder da, diesmal ganz pünktlich zum Sonnenuntergang um Vincent zu wecken. Seit Ewigkeiten hatte er es schon nicht mehr getan, aber diese Tradition wollte er wieder aufleben lassen - und welcher Moment wäre günstiger als dieser, in dem ihn Vincent so dringend benötigte? In dieser Nacht war er sogar gleich mit drei Gläsern bewaffnet, entschlossen, sein Bedürfnis der gestrigen Nacht zu fördern und ihn zurück auf die Beine zu holen.
    • Das erste, was er wahrnahm, war der wundervolle Duft eines Menschen. Er kannte diesen Geruch, wusste welch lieblichen Geschmack er ankündigte. Seine Beute war zurückgekehrt. War ganz freiwillig in seine kleine Höhle gekommen. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen.
      Als nächstes kam das altbekannte Geräusch eines gesunden Herzschlages. Der stete Rhythmus breitete sich in seinem ganzen Körper aus, bis er das Gefühl hatte, das sein eigenes Herz das Schlagen kopierte. Es war geradezu belebend.
      Der Vampir schlug die Augen auf und nahm einen tiefen Atemzug, ließ sich von dem Duft nach Zimt und schmackhaften Blut genauso durchströmen wie von dem Herzschlag. Er begegnete dem Blick seines Meisters, des Mannes, der ihn geschaffen hatte.
      "Links, keine ganze Armlänge," sagte Vlad, der sich entspannt auf die Rückenlehne des Sofas lehnte, ein charmantes Lächeln auf den Lippen.
      Der Vampir sah sich um und tatsächlich: das saß ein Mensch, gleich neben ihm, und er kannte diesen Menschen. Er kannte ihn...
      Vincent kniff die Augen zu und rieb sich mit einer Hand darüber. Die Handschellen überraschten ihn. Warum trug er Handschellen? Er sah sich um und bemerkte, dass Thomas neben ihm hockte.
      "Thomas?"
      Seine Stimme war kratzig; sie klang so und sie fühlte sich auch genauso in seiner Kehle an. Er schluckte instinktiv, um das Problem zu beheben, aber es machte alles nur schlimmer. Sobald der Schmerz nachgelassen hatte, streckte er die Hand aus, um zu sehen, ob Thomas wirklich hier war, oder ob er sich das nur vorstellte. Es wäre ja nicht das erste Mal. Als seine Fingerspitzen tatsächlich auf Thomas' Schulter trafen, hob er die Augenbrauen vor Überraschung.
      "Du bist wirklich hier..."


    • Wie jedes Mal dauerte es einige Sekunden, bis Vincents Augen sich zielgerichtet auf Thomas festgesetzt hatten und ihn dann erst zu erkennen schienen. Bis dahin hatte er immer einen Schatten in seinem Blick, der Thomas nie wirklich gefallen hatte und der ihm auch jetzt nicht zusagte. Aber er blieb bei ihm, in der Hocke vor dem Sofa, und strich ihm über die Stirn.
      "Natürlich bin ich hier. Komm, setz dich auf, damit du trinken kannst. Im Liegen lasse ich dich nicht trinken, sonst verschluckst du dich noch."
      Sanft aber bestimmt schob er Vincents Hände von sich, dann griff er ihm selbst unter die Schulter und half ihm, sich in eine sitzende Position aufzurichten. Das Feuer im Kamin war schon längst wieder von ihm entfacht und Vincent war auch noch immer unter seinem Bettzeug begraben.
      Wie letzte Nacht setzte er sich zu ihm, beinahe Schulter an Schulter, und hielt das Glas sachte an seine Lippen, bis er es vollständig geleert hatte. Das gleiche wiederholte er sofort mit dem zweiten Glas, diesmal ohne große Unterbrechung.
      "Wie geht es dir heute? Wie fühlst du dich?"
    • "Trinken..."
      Er ließ sich von Thomas aufhelfen, während er noch dabei war, seine Gedanken in Gang zu bringen. Er war im Keller. Er hatte einige Tage lang gehungert, um sich von Menschenblut zu entwöhnen. Thomas war in London gewesen, um zu jagen. Vlad war...
      Das Glas, das Thomas ihm präsentierte, ließ Vincent alles andere vergessen. Thomas hielt es an seine Lippen und er nahm große Schlucke. Es schmeckte furchtbar, aber das sollte so sein, das wusste er. Er wusste auch, warum.
      "Und du gibst dich damit zufrieden?"
      Vlad lehnte am Kamin und starrte ins Feuer.
      "Mit deiner Schwäche? Nur um ihm zu gefallen? Er wird dich töten! Das hat er dir doch gestern praktisch gesagt!"
      Vincent konzentrierte sich auf das zweite Glas, versuchte, es nicht so herunterzustürzen, wie das erste. Er musste sich wieder in den Griff bekommen, daran erinnerte er sich jetzt wieder. Er hatte eher mäßigen Erfolg damit, aber es war ein Anfang.
      Er ließ sich gegen die Rückenlehne sinken und zog die Beine in einen Schneidersitz, während er über Thomas' Fragen nachdachte.
      "Besser, schätze ich," antwortete er schließlich. "Ich... meine Gedanken sind klarer. Dass ich das jetzt schon sagen kann, obwohl ich gerade erst aufgewacht bin..."
      Vincent schüttelte lächelnd den Kopf.
      "Mir tut immer noch alles weh. Ich glaube, so fühlt sich Muskelkater an? Ich bin mir nicht sicher. Meine Seite juckt."
      Bei diesem letzten Gedanken warf Vincent einen erneuten Blick unter sein Hemd und war überrascht, als er all die Schnitte und Nähte sah. Was war denn da passiert.
      "Was ist das denn?" fragte er, als er den Kopf wieder hob. "War ich das etwa?"


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    • Es schien besser zu gehen, langsam aber stetig. Die Verwirrung der letzten Nacht nahm stärker ab und Vincents Bewegungen wurden zielgerichteter. Ein Fortschritt, für den Thomas sowohl dankbar, als auch erleichtert war.
      "Das ist besser als gestern, das ist ein gutes Zeichen. Du hast mich heute auch nicht mehr angesehen, als würdest du mir jeden Moment an die Gurgel gehen wollen."
      Ein wenig lächelte er dabei, aber nur so lange, bis Vincent die Verbände auffielen. Nun schon zum zweiten Mal.
      "... Ja. Du hast dir... du wolltest mit einem Brieföffner den Hunger herausschneiden. Das ist schon ein paar Tage her, aber erzählt hast du es mir gestern. Ich wechsel die Verbände jeden Tag, die Nähte sitzen noch, aber ich würde mich nicht großartig damit verrenken, wenn ich du wäre. Selbst du kannst an Blutverlust sterben. Lass es lieber langsam angehen."
      Behutsam richtete er die Decken um ihn herum.
      "Fühlst du dich kräftig genug einen Schritt nach draußen zu wagen? Nora und die Bediensteten sind alle im anderen Haus, wir haben das Haus ganz für uns alleine. Du musst dir keine Sorgen um Herzschläge oder Gerüche machen."
    • Vincent erinnerte sich. Er hatte geradezu verzweifelt nach etwas gesucht, womit er den Hunger rausschneiden konnte. Er wollte diesen Schmerz so dringend loswerden, dass er gar nicht daran gedacht hatte, wie sehr es wehtat, wenn man sich in die eigene Haut schnitt. Sein vergangener Gedankengang machte Sinn für ihn, zeitgleich klang es aber auch nach blankem Wahnsinn.
      "Du sagst mir, ich soll es langsam angehen, und im gleichen Atemzug lädst du mich auf einen Spaziergang ein?" fragte er, aber es juckte ihn in den Fingern, aus diesem Raum zu kommen.
      Frische Luft - wenn auch nur aus einem Haus - klang beinahe so verlockend wie Thomas roch. Also nickte er und ließ sich von Thomas aufhelfen. Besonders sicher fühlte er sich noch nicht. Seine Beine fühlten sich schwach an, als könnten sie jeden Augenblick nachgeben. Vincent konzentrierte sich auf jeden Schritt, bis sie die Tür erreichten.
      "Das Gästehaus ist gesichert. Aber die Nacht ist jung und das Dorf nicht allzu weit entfernt. Du könntest ein Festmahl haben."
      Vlad lehnte an der Wand gleich neben der Tür und sah dabei zu, wie Vincent sich in Zeitlupe durch den Raum bewegte, durch die Tür, den Flur im Keller. Er folgte ihnen nicht.
      Die Treppe war sein neuer Erzfeind, beschloss Vincent. Er hatte noch nie so lange gebraucht, um eine handvoll Stufen zu erklimmen und war noch nie so erledigt gewesen, sobald er es hinter sich hatte. Er wäre gern in den Salon gegangen, aber er schaffte es kaum bis zu einem der Stühle im Speisesaal. Aber den Sternenhimmel hinter den Fenstern zu sehen war es wert, beschloss er.
      "Wie geht es dir?" fragte er. "Du hast schon vor dem Kellerraum geschlafen, oder? Und dein Fuß! Du bist verletzt, richtig? Kann ich dir etwas Gutes tun? Auch wenn ich zu nicht viel in der Lage bin?"
      Wie zum Beweis hob Vincent seine gefesselten Hände. Als sei sein kleiner Kampf gegen die Kellertreppe nicht schon Beispiel genug gewesen.


    • "Ein Spaziergang kann Wunder tun. Mehr, als die zwölfte Nacht nun schon in diesem Raum zu verbringen."
      Man konnte seine Anwesenheit hier drin schon riechen, natürlich. Mit dem ganzen Blut alleine würde man vermutlich den Teppich und das Sofa rauswerfen müssen, aber das erst, wenn Vincent wieder im Schlafzimmer schlief.
      Thomas reichte ihm seinen Arm und half ihm auf die Beine. Vincent hakte sich bei ihm unter und begann dann einen ersten, vorsichtigen Schritt, bei dem seine Knie zitterten. Seine Hand war steif an Thomas' Arm, er lehnte sich mit großem Gewicht an ihn. Thomas hielt ihn und wartete mit größter Geduld auf seinen nächsten vorsichtigen Schritt.
      Eine ganze Stunde dauerte es, bis sie es die Treppe hinauf geschafft hatten. Zuerst war Thomas dagegen gewesen, weil selbst zehn Stufen zu viel für einen Mann waren, der kaum eigenständig geradeaus laufen konnte, aber Vincent wünschte es so. Wenn er es denn wollte, würde er seinem Wunsch auch nicht entgegen stehen. Trotzdem hielt er seinen Freund auf beiden Seiten fest, nur für den Fall, dass seine geschwächten Beine doch noch nachgeben würden.
      Sie schafften es in den Speisesaal. Thomas leitete Vincent auf den nächstbesten Stuhl, ging dann noch einmal hinab, um eine Decke zu holen, und legte sie Vincent über die Schultern. Danach öffnete er erst die Vorhänge, dann auch noch die Fenster. Kühle, sommerliche Nachtluft drang herein und füllte den Saal mit einer sanften Brise.
      Thomas setzte sich zurück zu Vincent.
      "Ich habe jeden Tag unten geschlafen seit ich zurück bin. Und die Nächte habe ich vor der Tür gesessen, falls du mich gebraucht hättest. Ich bin nie von deiner Seite gewichen."
      Er sah zu seinem Fuß hinab.
      "Ich fürchte, ich habe ihn mir verstaucht. Aber als Arzt hätte ich mir Bettruhe verschrieben und die habe ich eingehalten. Den ganzen Tag schlafen und dir die ganze Nacht auf dem Sofa Gesellschaft leisten, es kann kaum besser sein."
      Er lächelte, dann wurde er aber genauso schnell auch wieder ernst und nahm Vincents Hand in seine.
      "Du hast oft mit dir selbst geredet dort unten, ich habe es meistens gehört. Einmal hast du sogar den kleinen Tisch zertrümmert, du wirst dich vielleicht an ihn erinnern. Weißt du noch etwas davon? Was ist passiert?"
    • Thomas war da gewesen? Die ganze Zeit? Aber natürlich war er das! Wie hatte Vincent auch nur einen Augenblick glauben können, dass ihn sein Liebster zurückließe?
      "Dann mach das auch in Zukunft so, ja? Ich kann dich von nichts abhalten, aber ich bin ziemlich gut darin, dir ein schlechtes Gewissen einzureden."
      Er lächelte sanft, doch dann bemerkte er wie sich Thomas' Stimmung änderte. Die Frage war nur warum.
      "Tjaha, dann erzähl ihm doch mal, was wir da unten so gemacht haben. Worüber wir uns so unterhalten haben," höhnte Vlad, der hinter Thomas stand, an den Tisch gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. "Du erinnerst dich doch noch, oder, Steaua mea?"
      "Ich äh... nicht wirklich, fürchte ich."
      Vincent ging in sich. Er erinnerte sich an den Tisch, ja. Er erinnerte sich auch daran, wie er zwischen Holzsplittern auf dem Boden gesessen hatte. Er erinnerte sich an einige Male, die er einfach durch den Raum gewandert war und vor sich hingebrabbelt hatte. Er erinnerte sich an Vlad, der ihn tröstete, wenn er der Hunger ihn zu überwältigen drohte.
      "Das war nur für dich und mich, Steaua mea. Es würde ihn nur eifersüchtig machen, davon zu erfahren. Er würde dich nur wieder einsperren und dieses Mal würde er dich sicher ganz vergessen."
      "Ich war wütend, daran erinnere ich mich noch. Aber nicht mehr, worauf. Du hast mich erlebt, wenn ich hungrig bin, es könnte alles mögliche gewesen sein."
      Vincent schüttelte den Kopf. Er konnte die Gedanken der vergangenen Nächte einfach nicht richtig ordnen, dafür waren sie zu diffus, zu unzusammenhängend. Es bereitete ihm Kopfschmerzen, das alles entziffern zu wollen.
      "Ich glaube, manchmal habe ich Leute gesehen. Oder sie mir vorgestellt. Ich... ich bin mir ziemlich sicher, dass ich einmal mit Nora geredet habe, aber ich weiß nicht, ob sie wirklich unten war. Ich habe ihr gesagt, nicht des nachts hereinzukommen. Nachdem... nachdem ich kaum noch Briefe schreiben konnte, habe ich angefangen, sie mir selbst zu erzählen? Als ob sie sich von selbst schrieben, meine ich."
      Vincent rieb sich über die Augen, versuchte, sich an mehr zu erinnern.
      "Es ist alles so bruchstückhaft. Ich... ich weiß es einfach nicht mehr."
      Er spürte Vlads Hand auf seinem Knie. Der Mann war neben ihm in die Hocke gegangen und schenkte ihm nun ein sanftes, mitfühlendes Lächeln.
      "Das ist in Ordnung, Steaua mea. Ich erinnere mich für dich."


    • Thomas wartete geduldig auf eine Antwort, von der er nicht wusste, wie sie aussehen würde. Er hatte Vincent noch nie in einem solchen Stadium erlebt und die unvorhergesehene Entwicklung machte ihm Angst um ihn. Seine Doktorei bezog sich rein auf körperliche Beschwerden, nicht auf geistige. Wenn Vincent an Halluzinationen gelitten hatte, konnte er ihm nicht helfen.
      Beschwichtigend nickte er und legte die Hand über Vincents.
      "Wir hätten dich nicht einsperren dürfen, nicht in einem einzigen Raum. Es muss dich verrückt gemacht haben, die ganze Nacht in dieser kleinen Kammer zu hocken und nichts tun zu können."
      Zum Glück war das nun aber auch alles vorbei. Wenn er weiter so gut trank wie diese und letzte Nacht, würde er sich bestimmt bald erholen.
      "Ist es besser geworden? Siehst du die Leute immernoch?"
    • Vincent blickte auf Thomas' Hand. Dann schüttelte er den Kopf.
      "Ich glaube nicht. Ich gehe einfach mal davon aus, dass alles, was ich anfassen kann, nicht meiner Vorstellungskraft entsprungen ist."
      Zur Bestätigung drehte er seine Hand in der Fessel herum und verschränkte seine Finger mit denen von Thomas, bevor er ihm ein erschöpftes Lächeln schenkte. Vlad tätschelte sein Knie.
      "Ich glaube, so werde ich es eine Weile lang handhaben. Nur um sicher zu gehen," fügte er hinzu.
      Vincents Blick glitt zurück zu dem Fenster und dem klaren Sternenhimmel, der über den Baumwipfeln ruhte. Er hoffte sehr, dass er sich diese Aussicht nicht nur vorstellte. Es war so hübsch. Die Brise, die seine Vorhänge zum tanzen brachte, trug den Duft der Natur mit herein - auch etwas, was Vincent vermisst hatte, wie er jetzt feststellte.
      "Könnte ich einen Apfel haben?" fragte er irgendwann. "Mein Zahnfleisch juckt, jetzt wo ich meine Zähne wieder drin behalten kann. Das treibt mich mindestens genauso in den Wahnsinn, wie zwei Wochen in einem kleinen Kämmerchen."
      Es fühlte sich fast schon wieder so an wie früher. Einfach ein bisschen Zeit mit Thomas verbringen, einen Apfel gegen das Jucken essen. So normal. Abgesehen von seiner unsäglichen Erschöpfung war es das wohl auch.


    • Thomas erwiderte das Lächeln liebevoll.
      "Es wird besser werden. Das schlimmste hast du überstanden."
      Er drückte ihm einen Kuss auf den Handrücken, dann folgte er Vincents Wunsch, ihm einen Apfel zu bringen. Fast war es wieder so wie früher, als Vincent noch jeden Abend einen Apfel gegessen hatte, um das Jucken zu lindern. Dann waren sie womöglich zu weit gegangen und alles war nacheinander auseinander gefallen.
      Aber noch konnten sie es retten. Thomas war überzeugt davon, als er seinem Liebsten den Apfel brachte und die restliche Nacht damit verbrachte, aus den hohen Fenstern des Speisesaals die Nacht zu beobachten. Sie würden einfach neu anfangen, schon wieder. Aber dieses mal richtig.
      Als der Morgen androhte, begleitete er ihn zurück in den Keller, aber mit beschwichtigenden Worten.
      "Wenn du morgen wieder so gut trinkst wie heute, wirst du zurück ins Schlafzimmer ziehen. Ich lasse dich nicht länger als nötig hier unten versauern. ... Außerdem würde dir ein Bad nicht schaden."
      Er nahm Vincents unrasiertes Gesicht in die Hände und sah ihm tief in die Augen.
      "Ich liebe dich. Aber du stinkst."
    • Vincent lachte leise.
      "Und ich dachte, dir gefällt meine naturalistische Seite," erwiderte er.
      Dann fiel sein Blick auf die Tür des Kellerraumes und ihm lief es eiskalt den Rücken runter. Er konnte sich vielleicht nicht bewusst an alles erinnern, was da drin passiert war, aber sein Körper schien es zu tun. Seine Seite zwickte ein wenig und sein Kopf schien sich sofort ein bisschen zu vernebeln, nur weil er diese verdammte Tür sah.
      "Keine Sorge, Steaua mea," sagte Vlad, der hinter ihm stand und ihm auf beruhigende Weise eine Hand auf die Schulter legte. "Ich werde dich nicht allein lassen. Dir wird nichts passieren."
      Vincent atmete tief durch, dann ließ er sich von Thomas wieder in sein kleines Gefängnis führen. Thomas legte noch einmal Holz im Kamin nach, damit es länger warm im Raum blieb, und wickelte Vincent ordentlich in den ganzen Haufen Decken ein, den er in den letzten Nächten runtergebracht hatte. Vincent ließ ihn, auch wenn er sich nicht unbedingt so bemuttern lassen wollte. Einerseits fehlte ihm die Kraft, sich dagegen zu wehren, andererseits wusste er, dass Thomas das selbst brauchte.
      "Kannst du mir einen Gefallen tun, Thomas? Schlaf in einem richtigen Bett, ja? Und iss etwas. Ich bin nicht der einzige, der furchtbar aussieht."
      Und damit wünschte Vincent seinem Liebsten eine gute Nacht. Die Tür schloss sich zwischen ihnen und alle Geräusche aus der Außenwelt verstummten augenblicklich. Nur noch das Knistern des Kaminfeuers war zu hören.
      "Die Freiheit ist nahe, Steaua mea."
      Vlad lehnte sich über die Rückenlehne.
      "Und morgen Nacht sehen wir, was wir damit anstellen."

      Der Geruch von Zimt riss ihn geradezu aus dem Schlaf und der Vampir öffnete die Augen mit einem tiefen Atemzug. Er wusste sofort, wo seine Beute kauerte und setzte sich auf, um sie sich zu schnappen.
      "Blöde Idee," grummelte Vincent und hielt sich den Kopf mit den gefesselten Händen.
      Seine Welt drehte sich auf unangenehm schnelle Weise und er musste sich an der Armlehne des Sofas festhalten, bis es vorüber ging, um nicht einfach von dem Möbelstück zu kippen.
      "Und deswegen stehe ich nicht gern auf," kommentierte er, als sich sein Gleichgewichtssinn wieder beruhigt hatte und er Thomas endlich ansehen konnte.
      Das Herz des Mannes hämmerte wild gegen dessen Brust, das konnte er deutlich hören.
      "Entschuldige. Ich habe dich erschreckt. Das wollte ich nicht. Glaube ich..."
      Sein Blick glitt zu der Kellertür. Er atmete auf, als er sah, dass sie offen war. Er stellte sich das hier nicht nur vor, Thomas war wirklich da. War er das?
      Vincent streckte die Hand aus und berührte Thomas leicht an der Schulter. Ja, er war da. Er war wirklich da und er stellte sich das hier nicht nur vor. Ein Glück.


    • Thomas spürte das leichte Zögern vor der Kellertür, als sie sie erreicht hatten. Er warf einen Seitenblick auf seinen Freund, der die Tür mit einer Mischung von Verachtung und Zweifel betrachtete. Vincent alleine mochte wohl wissen, wie es sich anfühlte, nach der gekosteten Freiheit wieder dorthin zurück zu kehren.
      Thomas führte ihn aber, bis er zurück auf dem Sofa lag, bis die Bettdecke ihn in ihre Umarmung aufgenommen hatte und bis das Feuer im Kamin so groß war, dass es den ganzen Raum erhellte. Danach blieb ihm nur noch übrig, jetzt auch dem letzten, winzigen Gefallen diesen Abends zu folgen.
      "Ach. Dir gefällt meine naturalistische Seite wohl auch nicht."
      Er drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, das war näher, als sie sich in den letzten Tagen überhaupt gekommen waren. Danach nahm er Abschied von ihm, aber sein schweres Herz begleitete die Hoffnung, die sich in der letzten Nacht schon geweckt hatte. Es würde schon alles gut werden, dessen war er sich jetzt sicher.

      Er schlief im Schlafzimmer und er schlief jetzt besser, nachdem er wusste, dass Vincent auch mit einer Waffe nicht versuchen würde, sich die Nähte aus dem Leib zu reißen. Er aß sogar mit Nora ein verfrühtes Abendessen, bei dem er sie auf den aktuellen Stand der Dinge brachte, und kam dann mit seinen zwei Gläsern Blut in den Keller hinab. Vincent schlief noch als Thomas vor dem Sofa in die Knie ging, aber dieses Mal blieb er nicht in seinem halben Delirium liegen, um sich von Thomas zurück in die Welt der Lebenden locken zu lassen, dieses Mal setzte er sich schnurstraks auf, die Augen in einem hellen, durchdringenden Weiß.
      Thomas fuhr zurück und legte die Hand auf seinen Gürtel, unter dem sein Messer schlummerte. Aber er benutzte es nicht, eine gute Idee, wie ihm kurz darauf schien, nachdem Vincent sich von selbst fangen konnte. Es wäre für ihre Beziehung sicherlich nicht förderlich gewesen, verfrüht in den Jagdmodus zu wechseln.
      "... Schon gut. Es ist nichts passiert."
      Er zwang seinen Herzschlag wieder hinab, auch wenn die Hand seinen Gürtel nicht verließ. Unlängst sah er Vincent nicht mehr ins Gesicht, er sah auf seinen Hals, auf seine Schultern und die dünnen Arme unter seinem Hemd. Er sah ihn überall dort an, wo seine Muskeln gleich zucken und ihn nach vorne katapultieren könnten.
      Aber das taten sie nicht. Vincent wachte lediglich auf und streckte eine gefesselte Hand zu Thomas' Schulter aus, über die er seine eigene legte.
      "Vorsichtig, okay? Hier."
      Auch dieses Mal durfte er beide Gläser austrinken und auch dieses Mal reichte Thomas ihm seinen Arm, um ihn nach draußen zu führen. Sie brauchten keine ganze Stunde nach oben, aber auch heute war der Aufstieg sichtlich eine Anstrengung und Thomas führte ihn geduldig, so langsam es nötig war. Nora hatte mit Esther das Abendessen aufgeräumt und war mit dem Sonnenuntergang aus dem Haus verschwunden.
      Sie gingen nach oben ins Schlafzimmer und von dort gleich ins angrenzende Badezimmer. Thomas holte den Schlüssel aus seiner Tasche, betrachtete Vincent aber mit einem ernsten Ausdruck.
      "Ich denke, du musst sie nicht mehr tragen, aber wir ziehen sie wieder an, wenn es nötig sein sollte. Okay?"
      Vincent gab sich einverstanden und das war wohl alles nötige, was er hierfür bräuchte. Er schloss ihm die Handschellen auf und legte sie ans Waschbecken.
      Wie aus einem längst vergangenen Leben zog Thomas Vincent aus, löste auch die Verbände, die er an diesem Tag extra nicht gewechselt hatte, und ließ das Wasser in die Wanne einlaufen, bevor er ihm hinein half. Er selbst ging nicht mit hinein, er hatte sich schon gewaschen und bei der Gelegenheit auch gleich seinen Bart gestutzt. Das einzige, was ihm jetzt noch von den vergangenen Tagen anzusehen war, waren dunkle Ringe unter den Augen und ein leicht geschwollener Fuß, der sich nicht sehr gut belasten ließ. Ganz abgesehen von den blauen Flecken, die mittlerweile eher gelb waren. Dafür krempelte er jetzt die Ärmel hoch und nahm sich den Schwamm.
      "Ich mache dich jetzt sauber und wenn du danach nicht schon genug davon hast, helfe ich dir beim Rasieren. In Ordnung, Liebster?"
    • Sein Schlafzimmer zu sehen war wie nach Hause zu kommen. Auf gewisse Weise war es das ja auch. Zwischen dem kleinen Raum im Keller, der auf Funktion ausgelegt war, und dem Schlafzimmer, das Vincent gemütlich und persönlich eingerichtet hatte, lagen Welten. Und Vincent hatte es vermisst, wie er in dem Augenblick feststellte, als sie den Raum erreichten.
      Aber hier war ihre Reise noch nicht zu Ende. Heute war Vincent weniger wackelig auf den Beinen, aber er überließ dennoch Thomas die Führung und war dankbar für das Element der Stabilität, das der Mann darstellte, wann immer ihn der Schwindel wieder überkam. Es war besser nach dem zweiten Glas Blut. Gut war allerdings etwas anderes.
      Er ließ sich von Thomas ins Badezimmer führen, wo er sich sogleich auf den Rand der Badewanne setzte. Er nickte, als Thomas ihm den Schlüssel präsentierte. Das Vertrauen, das der Mann in seine Kontrolle hatte, schien unerschütterlich zu sein. Vincent nahm sich vor, ihn nicht zu enttäuschen, auch wenn er selbst nicht so viel Vertrauen in sich selbst hatte. Dass er sich nicht an seine Zeit im Keller erinnerte, wurmte ihn. Es gab ihm ein schlechtes Gefühl.
      Er ließ sich von Thomas aus seinen abgetragenen Klamotten helfen. Er ließ sich von Thomas in die Wanne helfen.
      "Wenn ich mich schon bemuttern lassen muss, dann wenigstens von dir," meinte er und lehnte sich vorsichtig zurück.
      Das Wasser war nicht nur warm, sondern heiß, aber Vincent mochte das. Es trieb Gefühl zurück in seine kalten Gliedmaßen. Er hieß sogar den Schmerz willkommen, den es an seiner Seite auslöste.
      "Wie geht es dir?" fragte er, während Thomas ihn mit der Präzision eines Arztes und eines besorgten Partners einseifte.
      Dabei entblößte Thomas einige üble Blutergüsse, auch wenn diese offensichtlich bereits verheilten. Dreizehn Jagden... Thomas hatte das wirklich gebraucht.


    • "Du nennst es vielleicht bemuttern, aber ich nenne das sich um seinen Freund und Partner kümmern und ihn zu verpflegen. Und vielleicht", Thomas hob Vincents rechte Hand aus dem Wasser und küsste sie, "ihn zu lieben. So könnte man es auch beschreiben."
      Er ließ sie wieder sinken und machte sich dann daran, Vincent am ganzen Körper zu waschen. Der Hunger war ihm deutlich anzusehen, die Rippen stachen ihm sichtbar hervor und seine Beine waren dünner, die Finger knochig. Thomas wusch ihn mit der größten Fürsorglichkeit, die er jemals für diesen Mann aufgebracht hatte.
      "Der Muskelkater ist schon fast ganz verschwunden. Dafür muss ich aber hinken wie ein alter Mann. Ich sollte mir einen Gehstock zulegen, damit ich den Fuß nicht allzu sehr belaste, aber dann müsste ich mich auch noch fühlen wie ein alter Mann."
      Er leitete Vincent dazu an, den Kopf unter Wasser zu tauchen, und begann damit, die Nester aus seinem Haar zu kämmen.
      "Aber mach dir keine Sorgen um mich. Sieh zu, dass du wieder auf die Beine kommst. Ich möchte unser Leben wieder zurück, Vincent; das, was wir vor unserem..."
      Er hielt inne.
      "... das, was wir hatten, bevor du mein Blut getrunken hast. Und ich zu jagen aufgehört habe."
      Er zögerte weiter, ließ den Kamm sinken.
      "Hatten wir überhaupt jemals ein normales Leben? Es fühlt sich so an, als hätten wir nie ernsthaft gelernt, miteinander zu leben."
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