[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Vincent nahm Thomas Hand von seinem Mund und drückte einen Kuss auf die Innenfläche, bevor er sie losließ.
      "Was willst du denn mit der Information anfangen, dass ich vor zweihundert Jahren mal eine Hexe war?" neckte er.
      Dann küsste er Thomas' Kiefer, um dessen Gedanken wieder ein bisschen zu bremsen und vielleicht sogar zu fokussieren. Der würde sich sonst noch in den Hintern beißen, wenn sich Vincent wiederholen musste.
      "Magie ist wie die Elemente: Ein Teil der Natur. Zumindest hat mir meine Mutter das so erklärt. Sie stecken überall drin und sorgen dafür, dass das Leben an sich existiert. Ich weiß nicht genau, warum Vampire keine Magie wirken können, aber ich gehe einfach davon aus, dass es etwas damit zu tun hat, dass wir theoretisch nicht am Leben sind? Vielleicht können wir auch Magie wirken, aber es fällt uns unendlich schwer? Ich bin mir über die Logistik des Ganzen nicht klar. Ich war fünf Jahre alt, als ich das alles gelernt habe."
      Er packte Thomas ein bisschen fester und sein Blick wurde ernst.
      "Ich vertraue Nora mein Leben an. Ohne zu zögern. Ich weiß, du hast ein paar Wochen gebraucht, um mir zu glauben, dass ich kein Monster bin. Aber mittlerweile solltest du doch Wissen, dass nicht alles so ist, wie es dir deine Geschichten erzählen. Nora stellt mit ihren Fähigkeiten so einiges an. Und nicht einmal hat sie damit Schaden verursacht."
      Er legte Thomas eine Hand an die Wange.
      "Glaubst du wirklich, ich wäre so eng mit ihr befreundet, wenn sie ein Monster wäre? Dass ich dich nicht vor einer Gefahr warnen würde?"


    • "Ich habe mir dich als Mensch immer als armen, hilflosen Jungen vorgestellt. Jetzt muss ich mit der Vorstellung leben, dass du einen ganz passablen Jäger abgegeben hättest."
      Ein Kuss von Vincent, wenn auch ein süßer, reichte aus, um Thomas' Gedanken zu einem temporären Halt zu zwingen. Er blinzelte und fokussierte sich dann mehr auf das, was Vincent ihm zusätzlich noch offenbarte: Magie, die, laut seiner Mutter, Teil der Elemente sein sollte. Der Gedanke war so absurd, dass er ihn gleich wieder abstreiten wollte, nur, dass er mittlerweile längst selbst begriffen hatte, dass der erste Instinkt des Abstreitens kaum der richtige war.
      "Das ist... eine merkwürdige These. Für die es außerdem keine greifbaren Beweise gibt. Aber es könnte... Dinge erklären."
      Er merkte schon selbst, dass sein begrenztes Wissen kaum dafür ausreichte, in diesem Bereich etwas beitragen zu können. Letzten Endes war Thomas schließlich ein gewöhnlicher Mensch, weit davon entfernt, irgendetwas über Magie zu wissen. Er konnte mit Vampiren umgehen und hatte sein ärztliches Studium hinter sich, aber er hatte vor einigen Monaten erst erfahren, dass Geister existierten, und vor ein paar Minuten, dass Hexen existierten. Er sträubte sich regelrecht dagegen, eine Aussage zu machen.
      Wogegen er sich aber nicht sträubte, war Noras Stand klarzumachen.
      "Ich habe niemals gesagt, dass ich Nora für ein Monster halte! Aber Vincent, sie ist eine Hexe."
      Er legte die Hand auf Vincents.
      "- Und du lässt sie deine Wäsche machen und Staub wischen? Sie könnte so viel mehr tun! Sie könnte..."
      Er runzelte die Stirn.
      "... Ich weiß es selbst nicht genau. Was tun Hexen, außer Runen zu schnitzen? Irgendwas könnte sie jedenfalls ganz sicher tun, das wesentlich produktiver wäre! Sie könnte Jägerin werden - sie könnte eine sehr gute Jägerin werden. Du verschwendest ihre Natur!"
    • Vincent legte Thomas nun beide Hände an die Wangen und brachte dessen Gesicht ganz nahe an sein eigenes.
      "Glaubst du wirklich, dass ich Nora irgendetwas vorschreiben könnte? Sie kann jederzeit Nein sagen, wenn ich sie um etwas bitte, aber sie hat sich dazu entschieden, meine Haushälterin zu sein. Und nur, weil du der Meinung bist, sie wäre hervorragend für die Vernichtung von Vampiren geeignet: meinst du nicht, dass das auch ihre Entscheidung ist? Du hast selbst gesagt, dass du keine Ahnung von Hexen hast. Vor fünf Minuten warst du noch fest davon überzeugt, dass es gar keine Hexen gibt! Was also qualifiziert dich dazu, zu bestimmen, was sie können und was nicht? Und was gibt dir das Recht, für eine andere Person zu entscheiden? Eine erwachsene, sehr wohl fähige Person?"
      Er ließ Thomas' Gesicht los und seufzte. Sein Blick glitt zu der Doppeltür, die zur Bibliothek führte.
      "Tu mir einen Gefallen und reiß ihm nicht den Kopf ab, ja?" rief Vincent über Thomas' Schulter.
      Kurz darauf ging eine der beiden Türen auf und Nora kam herein, ihr Gesicht eine eiserne, nüchterne Maske. Sie hatte ein Tablett mit Tee dabei, das sie auf dem Kaffeetisch zwischen kleinen Bücherstapeln und Notizen abstellte, bevor sie die Arme vor der Brust verschränkte und Thomas in Grund und Boden starrte. Vincent ließ ihn das allein durchstehen und lehnte sich lieber unschuldig und unbeteiligt gegen die Leiter hinter sich.
      "Sie müssen gar nicht fragen, wie viel ich davon mitbekommen habe. Die Antwort lautet: Genug. Ich werde diesen Vortrag nur einmal halten, also hören Sie besser zu und unterbrechen mich nicht. Ich bin eine Hexe, ja, und dafür werde ich mich nicht entschuldigen. Und normalerweise rechtfertige ich mich auch nicht, aber so wie es aussieht, verstehen Sie es sonst nicht. Also Ohren gespitzt, Herr Doktor. Als Hexe bin ich der Natur und dem Leben verpflichtet. Sie werden nicht eine Hexe auf dieser Welt finden, die gegen das Leben handelt. Alles Leben, so andersartig es auch sein mag. Vampire zählen dazu. Also nein: Ich würde keine hervorragende Jägerin abgeben. Mal ganz davon Abgesehen, dass Magie nicht wie in diesen ganzen Geschichten schnell von der Hand geht. Rituale brauchen Zeit, Geduld und Konzentration. Nicht wirklich das, was man zur Verfügung hat, wenn man sich in einer Gasse mit einem hungrigen Jungvampir auseinandersetzt, oder? Nicht antworten. Meine Arbeit ist heilender Natur. Wenn wir jemanden aufnehmen, kümmere ich mich um die blauen Flecken, die Kratzer, die Knochenbrüche. Ich habe geholfen, den kleinen Stuart auf die Welt zu holen und davor habe ich mich um seine Mutter gekümmert. Ich habe Simon mit seinen Alpträumen geholfen. Und als Vincent im Sterben lag, da habe ich ihm mit den Schmerzen geholfen. Das ist es, was ich tue. Und es ist so viel mehr als nur Wäsche zu machen und Staub zu wischen. Und nein, ich werde Ihnen nicht erklären, wie meine Magie funktioniert. Sie würden es nicht verstehen. Weil Sie keine Hexe sind. Sie können nicht spüren, was ich spüre. Sehen, was ich sehe. Nicht alle Arten von Leben sind dafür gemacht, von 'normalen' Menschen verstanden zu werden. Vincent erklärt Ihnen vielleicht gern, wie sein Hunger funktioniert, wozu ihn seine Instinkte treiben. Aber ich werde Ihnen diesen Gefallen nicht tun. Weil es Sie nichts angeht. Weil Sie damit nichts anfangen können, außer anzugeben, dass Sie eine Hexe kennen. Das ist die einzige Information, die Sie von mir kriegen. Und Sie werden sie für sich behalten, denn wenn ich herausfinde, dass Sie dafür verantwortlich sind, dass jemand mich - oder Esther - wegen dem verfolgt, was wir sind, dann werde ich Ihnen beibringen, was noch alles in der Welt lauert. Und es wird Ihnen nicht gefallen."
      Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Vincent wusste, dass sie nicht gern mit Leuten darüber sprach, was sie war und wie sie damit umging. Er selbst hatte es Thomas nur gesagt, weil Nora es ihm erlaubt hatte. Ohne ihre Zustimmung hätte er es niemals zur Sprache gebracht.
      "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden," meinte Nora dann, ihr Ausdruck ein bisschen freundlicher als noch zuvor. "Ich habe einen Haushalt zu organisieren."
      Sie drehte sich auf den Hacken um und verschwand. Vincent sah ihr nach, ein bisschen stolz darauf, dass sie sich nicht hatte herumschubsen lassen - auch wenn er sehr wohl wusste, dass Nora sich niemals herumschubsen ließ. Er konnte eben nicht anders, wenn es um seine Belegschaft ging. Er gab sich so viel Mühe, ihnen allen beizubringen, dass sie genau das tun konnten, was Nora eben getan hatte.
      Vincent griff nach Thomas Hand und zog ihn gegen seine Brust.
      "Keine Sorge. Sie mag dich trotzdem noch," versicherte er seinem Liebsten. "Sie hat nur noch nicht gelernt, das auch so zu zeigen, wie ich."


    • "Nein, natürlich nicht. Nora soll machen, was sie will, aber... Haushälterin? Das ist so... unwürdig."
      Thomas fühlte sich in mehrere Richtungen gespalten, jetzt, wo Vincent ihn so eindringlich betrachtete. Natürlich hatte er recht und Thomas hatte keine Ahnung, wovon er selbst redete. Er hatte auch nicht das Recht dazu, sich in Vincents Haushalt einzumischen, in welcher Form auch immer. Noch weniger hatte er das Recht dazu, Nora - oder irgendwem anderen - vorzuschreiben, was er oder sie zu tun hätte.
      Aber... eine Hexe als Haushälterin. War er etwa der einzige, dem das so völlig absurd vorkam?
      Leider hatte er während dieses ganzen Gesprächs keineswegs bedacht, dass besagte Hexe und Haushälterin hereinkommen könnte. Nein, ganz so war es auch wieder nicht; er hatte nur sein übliches Vertrauen in Vincent gesteckt, dass er ihn schon warnen würde, sollte jemand sie hören, so wie er es immer tat, wenn sie sich in nicht ganz so sittlichen Lebenslagen befanden. Dass Vincent sich genau in dieser Form gegen ihn wenden könnte, hatte er nicht bedacht.
      Gerade als er verstanden hatte, was die deplatzierte Aussage seines Freundes zu bedeuten hatte, ging die Tür hinter ihm bereits mit einem lauten Klacken auf. Thomas wirbelte herum und starrte mit abgrundtiefen Horror auf die Person ihres Gesprächs.
      "Nora!"
      Sie sah gar nicht unbedingt aus wie eine Hexe, war das erste, was ihm durch den Kopf schoss. Das zweite war, dass er niemals ein Testament verfasst hatte. Auf der anderen Seite gab es auch niemanden mehr, dem er etwas hätte vererben können, sollte Nora sich dazu entschließen, Vincents Bitte abzulehnen und Thomas hier und jetzt den Kopf abzureißen.
      Konnten Hexen das? Er wollte lieber nicht allzu eindringlich darüber nachdenken.
      "Wie viel -"
      Nora fiel ihm gleich ins Wort und nachdem er gerne weiterleben würde, verstummte Thomas auch gleich wieder.
      Rückblickend betrachtet, hatte er sich äußerst idiotisch in seinem Gespräch mit Vincent aufgeführt. Von allen Leuten hätte er der letzte sein müssen, der an der Existenz von anderen außergewöhnlichen Wesen zweifelte. Und als Erbe eines Haushalts, in der niemand gefragt wurde, ob man wirklich Jäger werden wollte, weil einen auf der anderen Seite Tod und Tragödien erwarteten, hätte er auch der letzte sein sollen, der sich darüber aufbrachte, dass Nora das zu tun schien, was sie tun wollte.
      Aber auf der anderen Seite hätte er diese Gedanken selbstverständlich nicht vor Nora geäußert. Zu wissen, dass sie ihn dennoch dabei gehört hatte, veranlasste Thomas dazu, im Boden versinken zu wollen. Ganz flüchtig sah er sich nach Vincent um, aber der hatte sich von ihm gelöst, als gehörten sie beide nicht zueinander und überließ es ihm, sich allein dem Drachen, der Nora ausmachte, zu stellen. Dieser Schuft. Thomas schwor sich, nie wieder Vertrauen in Vincents empfindliches Gehör zu legen.
      Er hörte sich ihren Vortrag aber mit sämtlichen Verständnis, das er aufbringen konnte, an. Er versuchte sie auch zu beschwichtigen, denn er wollte ganz sicher nicht, dass Nora ein verzerrtes Bild von ihm bekam. Sie erstickte seine halbherzigen Proteste allerdings jedes Mal sofort im Keim und irgendwann gab er sich geschlagen damit, sich verteidigen zu wollen, und ließ den Tadel über sich ergehen.
      "Ich verstehe schon", murmelte er kleinlaut, als sie eine Pause nahm, um tief Luft zu holen. Der abschließende Satz war es schließlich, was Thomas' ganzen Körper in Flammen aufgehen ließ.
      Er starrte ihr nach, fest dazu entschlossen, so lange zu warten, bis Nora auch wirklich, ganz sicher verschwunden war, da wurde er doch von Vincent unterbrochen, der sich wieder zu ihm gesellte, als sei soeben nichts geschehen, als hätte Thomas sich nicht gerade von einer übermäßig alten Hexe - und Haushälterin - zusammenstauchen lassen. Er wusste, dass sein Kopf hochrot war, als er sich von Vincents verräterischen Fängen befreite.
      "Ich will gar nicht, dass sie es mir so zeigt wie du. Lass mich los, du hinterhältiges Geschöpf! Du hättest mich warnen können!"
      Thomas war nicht ernsthaft aufgebracht; er war beschämt. Er wollte am liebsten sofort wieder nach Cambridge zurück und Nora nie wieder unter die Augen sehen.
      "Dir und deinen feinen Ohren werde ich nicht noch einmal vertrauen. Und jetzt sag mir, was für Blumen Nora mag, ich muss das wieder gutmachen. Ich wollte doch nicht, dass sie uns zuhört!"
    • "Ich hätte dich vorwarnen können, ja, aber dann hättest du deine Lektion ja gar nicht gelernt. Ich dachte, du bist Akademiker?" neckte Vincent.
      Ein Teil von ihm wollte lauthals loslachen angesichts der Tatsache, wie Thomas da gerade vor seinen Augen im Boden zu versinken versuchte. Ein anderer Teil fühlte sich durchaus schuldig dafür, ihn nicht vorgewarnt zu haben. Keine dieser beiden Teile gewann schlussendlich die Überhand. Thomas wusste, was Vincent von der Hinterhältigkeit der High Society hielt, also würde er diese in seinem eigenen Haus nicht dulden. Wenn er Teil dieses Haushaltes werden wollte, dann sollte er lieber schnell lernen, ein bisschen offener zu sein - sowohl in seinem Denken, als auch mit seinen Meinungsäußerungen.
      Vincent griff nach Thomas' Handgelenken und zog denn Mann gleich wieder zurück an sich, bevor der damit anfangen konnte, Burggräben in seinen Teppich zu laufen. Er zwang Thomas dazu, die Arme um seine Hüften zu legen und tat das gleiche bei ihm, bevor er Thomas' Blick suchte.
      "Vergiss die Blumen, daraus macht sie sich nicht viel. Unten im Dorf bestellst du beim Bäcker Scones. Und lieber ein paar zu viel. Wenn Nora teilen kann, dann ist sie glücklich. Lass sie nicht von Simon abholen, der verrät sofort, dass er die holen gegangen ist und nicht du. Nora schätzt ehrliche Arbeit, also wirst du deinen eigenen hübschen Hintern zum Bäcker und auch wieder zurücktragen. Da bist du schon ordentlich unterwegs, also plane das mit ein."


    • "Welche Lektion habe ich denn gelernt? Dass du dir einen Spaß daraus machst, mich bloßzustellen? Außerdem habe ich einen Abschluss in Medizin und nicht in", Thomas machte eine Handbewegung, die sowohl Vincent, Nora, als auch die Bücherei oder gar das ganze Anwesen mit einschloss, "dem hier. Also komm mir nicht damit."
      Halbherzig wehrte er sich dagegen an, zurück in Vincents Arme gezogen zu werden, aber letztendlich bekam der Mann ja doch, was er wollte. Allerdings nicht, ohne sich dabei garstige Blicke einzufangen.
      "Scones also. Und keine Sorge, ich habe nicht vor, Simon zu schicken. Deine Entschuldigungsblumen habe ich damals persönlich aus meinem Garten ausgegraben, es wird ja wohl kaum mehr Aufwand machen, zum Bäcker zu laufen und ein paar Scones zu besorgen. Und jetzt lass mich los, du hast bekommen, was du wolltest. Ich habe Bücher, die mich brauchen. Und du auch."
      Er schlängelte sich aus Vincents Griff, kam dann doch noch einmal zurück und drückte ihm einen Kuss auf - einen leichten nur, weil er schließlich in irgendeiner Weise noch beleidigt war. Dann zog er von dannen, um sich in seinem sehr geschützten und von sämtlichen Lebewesen abgeschirmten Arbeitszimmer im Keller zu verkriechen, wo es nur ihn und die Notizen von vor Jahren verstorbenen Jägern gab, die sich nicht darum kümmerten, was er von ihnen dachte.

      Am nächsten Tag ließ er seinen eigenen Jäger heraushängen, um Nora aus dem Weg zu gehen. Man hätte meinen können, dass das in einem solch großen Anwesen nicht allzu schwierig wäre, aber es war bei Zeiten auch ruhig genug, dass man Thomas' Schritte vernehmen konnte, während Nora sich teilweise lautlos zu bewegen schien und einfach ständig irgendwo auftauchte. Er war einfach noch nicht bereit, ihr unter die Augen zu treten. Er hatte sich noch nicht einmal überlegt, was er genau zu ihr sagen wollte, da erschien es ihm einfacher, sie ganz zu meiden.
      Er schaffte es ungesehen aus der Tür hinaus und flüchtete von Vincents Anwesen.
      Ein einziges Mal war er schon im Dorf gewesen, als er die Zeit totgeschlagen hatte, um auf den Abend zu warten und Vincent aufzusuchen. Damals war der Weg schon lang gewesen und auch jetzt durfte er ihn nicht unterschätzen, auch wenn es durch die leicht erhöhte Lage vielleicht wenig wirkte. Allerdings war er so entschlossen darum, sich bei Nora zu entschuldigen, dass ihn auch kein Berg davon abgehalten hätte, sein Ziel zu erreichen.
      Das Dorf war klein und friedlich, wobei Thomas die Größe nur anhand der Tatsache einschätzte, dass es eine einzige Arztpraxis gab. Das war selbst für ein so kleines Örtchen recht wenig, wenn man bedachte, dass sich auch hier Notfälle ereigneten. Er machte einen kleinen Abstecher zu dem Gebäude, musste aber feststellen, dass er den zuständigen Arzt nicht kannte. Zumindest nicht namentlich.
      Er gab seine Bestellung beim Bäcker auf, der sich noch einmal vergewisserte, dass Thomas wirklich so viele Scones haben wollte, und ging dann auch noch Blumen besorgen. Ja, Vincent hatte gesagt, dass Nora sich daraus nichts machte, aber zu einer anständigen Entschuldigung gehörte auch ein Blumenstrauß.
      ... Und außerdem fühlte Thomas sich damit bewaffnet gleich etwas besser.
      Er holte die Scones ab und trat dann seinen anstrengenden Rückweg an.

      Mit nervös schlagendem Herzen tauchte er später bei Nora auf, in der einen Hand die Blumen, in der anderen die Schachtel Gebäck. Er hatte sich mittlerweile überlegt, was er sagen wollte - das hieß aber nicht, dass er sich damit besonders leichttun würde.
      "Nora? Dürfte ich wohl... würden Sie mich kurz anhören?"
      Er legte beides auf dem Tisch ab und fummelte nervös an seinem Anzugärmel herum.
      "Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass ich Sie nicht verurteilen möchte, für... eigentlich für gar nichts. Sie können tun, was auch immer Sie wollen und Sie müssen sich erst recht nicht rechtfertigen, etwas anderes zu sein. Oder zu tun. Ich würde es auch niemals wagen, Ihnen etwas vorschreiben zu wollen. Und nur zum allgemeinen Verständnis, ich würde Ihre oder Vincents Natur niemals ausplaudern. Es mag vielleicht nicht so scheinen, aber mir liegt auch mehr Wert am Leben, als am Tod - deswegen jage ich schließlich auch. Aber das ist eine andere Sache. Ich möchte mich jedenfalls entschuldigen für die Sachen, die ich gestern so bedenkenlos gesagt habe. Ich habe nicht nachgedacht und wenn ich ehrlich bin, war ich auch etwas überfordert. Ich rühme mich zwar, Jäger und mit 32 noch am Leben zu sein, aber ich habe mir niemals einen Moment genommen, um über den Tellerrand hinausschauen zu wollen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, macht mir das sogar Angst, denn ich weiß, wie ich einen Vampir einzuschätzen habe, aber nicht, womit ich bei einer Hexe zu rechnen habe. Sie machen mir Angst, Nora. Und überfordert bin ich trotzdem noch."
      Die Pause, die für einen Moment entstand, war mehr als nur unangenehm. Unbeholfen deutete er auf die Schachtel Gebäck.
      "... Jedenfalls hat mir Vincent verraten, dass Sie Scones gerne mögen, deswegen war ich so frei, Ihnen welche zu besorgen. Als Entschuldigung. Und außerdem einen Strauß Blumen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich ihn nur gekauft, damit ich wenigstens etwas habe, womit ich mich auskenne. Sie können ihn gerne wegschmeißen."
      Er strich sich eine Falte auf seinem Jackett glatt, die gar nicht existierte.
      "Ich hoffe, Sie können mir verzeihen und das aufrichtig und nicht aus Schuldgefühl oder weil ich Vincents Freund bin. Ich möchte Sie auch als Freundin sehen und nicht nur deshalb, weil Sie Vincents Freundin sind. Sie sind mir wichtig. Ich würde Sie jederzeit vor einer möglichen Verfolgung schützen und auch, wenn ich vielleicht kein Hexenjäger...jäger bin, sollen Sie doch wissen, dass ich meine Seite gewählt habe und dass ich sie nicht wieder wechseln werde. Auch nicht, wenn Sie mir noch so viel Angst machen."
    • Vincent sah Thomas nach, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
      "Das ist doch ganz gut gelaufen," meinte er zu sich selbst und hob die Bücher wieder vom Boden auf, bevor er die Leider nach oben kletterte und seine Arbeit wieder aufnahm.
      Vincent würde lügen, wenn er sagte, dass er sich nicht schon mehr als einmal den Kopf darüber zerbrochen hatte, wie Thomas seinen Haushalt erklären sollte. Aber jetzt hatte er es ja hinter sich. Außer Nora und Esther gab es keine weiteren Überraschungen. Gut, man könnte den kleinen Stuart auch eine Überraschung nennen, aber den kleinen Fratz hatte Thomas ja schon gesehen.

      Nora musterte den Doktor von Kopf bis Fuß. Sein Gesicht war rot, die Aufschläge seiner Hosen waren etwas nass, auf seinen Schultern glitzerten kleine Tropfen. Er war draußen gewesen und das nicht nur für fünf Minuten. Die Blumen und die Schachtel vom Bäcker verrieten ihr auch, wo er gewesen war.
      Sie verschränkte die Arme vor der Brust und hörte dem Mann bei seiner mittelmäßigen Entschuldigung zu. Ja, er entschuldigte sich für sein Verhalten, aber er verteidigte es auch, indem er Gründe nannte, die keine sein sollten. Trotzdem schwieg Nora, bis er gute Doktor ihr die Blumen und die Schachtel praktisch in die Hände drückte. Sie nahm sie entgegen und legte beides gleich auf dem Esstisch ab. Noch einmal ließ sie den Blick über den Mann wandern, diesmal aber nur, um ihn noch ein bisschen auf die Folter zu spannen. Vincent hatte Recht: den Van Helsing in Verlegenheit zu bringen war wirklich irgendwie süß.
      "Sie sollten sich gleich ein ganz neues Service zulegen, wenn ihr Tellerrand so klein ist," meinte sie und öffnete die Schachtel vom Bäcker.
      Scones waren wirklich einer ihrer Schwachpunkte. Immerhin war der Doktor clever genug gewesen, eine ordentliche Menge zu besorgen. Jetzt musste sie nur noch Simon davon fernhalten.
      "Vor mir als Hexe müssen sie keine Angst haben, Thomas. Ich verwende mein Wissen und meine Fähigkeiten ausschließlich zum Heilen und Beschützen. Wenn jemand verloren geht, finde ich die Person; wenn jemand Kopfschmerzen hat, mache ich Tee. Seien Sie ruhig überfordert, aber gewöhnen Sie sich daran. Denn ich habe nicht vor, wegzugehen. Und so wie ich Sie einschätze, haben Sie das auch nicht vor."
      Sie schloss die Schachtel wieder und musterte die Blumen. Dann ging sie hinüber zu einem Schrank und holte eine Vase heraus, in die sie die Blumen steckte und ordentlich arrangierte, auch wenn noch kein Wasser in der Vase war - darum würde sie sich gleich kümmern.
      "Ich werde Ihnen jetzt den gleichen Vortrag halten, den ich jedem Neuankömmling in diesem Haushalt halte. Unsere Arbeitsbeziehung diktiert eine gewisse Hierarchie. Vincent steht dabei an der Spitze, gefolgt von seinen Gästen, dann ich, dann der ganze Rest der Belegschaft. Im Gegensatz zu all den anderen noblen Lords und Ladies aber macht sich Vincent die Mühe, sich um uns zu kümmern und uns kennenzulernen. Er erlaubt uns zu sein, wer auch immer wir sein wollen. Wir können lieben, wen wir lieben wollen. Wir können gehen, wohin auch immer wir gehen wollen. Vincent gibt jedem hier eine rudimentäre Ausbildung - lesen, schreiben, rechnen - und wenn wir mehr lernen wollen, dann hilft er uns auch dabei. Wenn wir an einem anderen Ort arbeiten wollen, dann findet er uns eine Stelle in dem entsprechenden Beruf. Wir leben ein vollkommen freies Leben in seinem Haushalt. Es gibt keinerlei Vorurteile."
      Sie hörte auf, mit den Blüten zu spielen und wandte sich wieder Thomas zu, ihr Blick ernst, aber auch weich auf eine geradezu familiäre Art und Weise.
      "Sie sind Jäger. Vincent ist ein Vampir. Sie sind Jäger," sie zuckte mit den Schultern, "Diese Bezeichnungen sind mir vollkommen egal. Denn sie spielen hier keine Rolle. Wenn Sie eine Frage haben, dann fragen Sie einfach. Anstatt hinter dem Rücken einer Person darüber zu reden, was Sie glauben sei richtig. Insbesondere, wenn Ihnen mehrfach gesagt wurde, dass sie falsch liegen. Wenn Sie einer Verletzung begegnen, die Sie nicht behandeln können, dann fragen Sie doch auch einen Kollegen mit Expertise, oder? Und nur damit Sie's wissen: Von den Scones werden Sie keinen einzigen abbekommen. Und jetzt verschwinden Sie aus diesem Esszimmer und wärmen Sie sich auf! Und ziehen Sie sich um, ihre nasse Klamotten hinterlassen über Flecken!"

      Vincent starrte an die Decke seines Himmelbettes. Wie lange war es her, dass er einfach so aufwachte, ohne dass ihn jemand energisch wecken musste? Ohne dass er hundert Jahre brauchte, um zu sich selbst zu finden? Er war wach. Er hatte die Augen aufgeschlagen noch bevor die Sonne richtig untergegangen war - das konnte er spüren, auch wenn der Himmel schon wieder so verhangen war, dass es eigentlich keine Rolle spielte - und war wach. Er hatte nicht besser oder schlechter geschlafen als sonst auch. Er war nicht hungriger als er erwartete, auch wenn er immer noch hungriger war, als er es gern hätte. In seinem Haus war genauso viel los wie sonst auch um diese Uhrzeit. Alles war so, wie es sein sollte. Nur dass er einfach so wach war.
      Mit der Frage nach dem Grund dafür im Kopf stand er auf und schlenderte hinüber zu dem Sessel, auf dem seine seidene Abendrobe auf ihn wartete. Er schlüpfte hinein und sah sich in seinem Schlafzimmer um. Thomas war nicht da, aber das war nicht unbedingt verwunderlich. Selbst wenn ihn sein Liebster wecken wollte, würde er sich jetzt wahrscheinlich erst auf den Weg hier hoch machen.
      Einer Eingebung folgend ging Vincent zum Fenster hinüber und zog die Vorhänge beiseite. Draußen war alles ruhig. Da saßen keine sich seltsam verhaltenden Krähen. Der Vollmond beschien den Garten und den dahinter liegenden, kleinen Wald, in dem sich der See und das Bootshaus versteckten. Das fahle Licht gab der Gegend eine unheimliche Atmosphäre.
      Vincent erwischte sich dabei, wie er mit den Zähnen knirschte - eine schlechte Angewohnheit, die er seit seiner Jugend mit sich herumschleppte. Er zwang sich dazu, aufzuhören, indem er sich den Daumen gegen einen Eckzahn presste und draufbiss. Auch das hatte er schon vor zweihundert Jahren getan. Sein erster richtiger Lover hatte gesagt, das helfe mit dem Zähneknirschen und lasse ihn so aussehen, als denke wirklich sehr hart über die wichtigen Fragen des Lebens nach. Und er hatte Recht behalten. Die Leute damals hatten ihn für wirklich sehr klug gehalten.
      Also stand Vincent da, am Fenster, starrte hinaus in seinen viel zu großen Garten und kaute auf seiner Daumenspitze herum, während er sich fragte, warum zum Teufel er schon hellwach war.


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    • Thomas war wie festgefroren, während er mit eigenartiger Nervosität Noras Urteil erwartete. Die Frau hatte ihn mit ihrem gegensätzlichen Verhalten schon immer verwirrt; einerseits war sie Vincents Haushälterin, andererseits duzten sie sich und waren vertraut miteinander. Einerseits war sie seine Freundin, andererseits scheuchte sie ihn herum wie eine Mutter. Sie war bei Zeiten herrisch und unnachgiebig, aber hatte auch ihren so berühmten weichen Kern, den Thomas bisher nur flüchtig zu sehen bekommen hatte. Er wollte sich nicht vorstellen, wie es war, sie als Feindin zu haben, und er konnte sich nicht vorstellen, wie sie jemandes Liebhaberin war. Und darüber hinaus war sie auch noch eine Hexe, von der er noch weniger wusste, außer das, was er von Kindergeschichten gehört hatte. Er kam also, allgemein, mit ihrem Wesen nicht zurecht.
      Trotzdem gab er sich die größte Mühe, sich wenigstens mit ihr gut zu stellen. Wenn nicht schon für Nora selbst, dann doch wenigstens für Vincent.
      Also hörte er auch diesem zweiten Vortrag zu, nickte gehorsam wie ein Schuljunge, der sich von seinem Lehrer belehren ließ, und murmelte seine Zustimmung zwischendurch. Sie hatte ja recht, es war ja nicht so, dass sie ihm etwas neues erzählte. Sie hatte ja recht und es war seine Schuld und jetzt versuchte er, sich ihre Gunst durch Scones zu erkaufen, was wohl ein sehr billiger Versuch war. Aber er versuchte es, er gab sich Mühe. Und er würde bei Gott nicht mehr wagen, sich von seinen eigenen Voruteilen lenken zu lassen, bevor er es nicht besser wusste.
      Zum Schluss war er doch froh, wieder entlassen worden zu sein. Auch jetzt murmelte er seinen Dank und dass Nora es sich doch bitte schmecken ließe, dann flüchtete er und schämte sich darüber, ein solcher Feigling zu sein. Er konnte sich Vampiren stellen, die ihm die Knochen brachen und ihn in Lebensgefahr schweben ließen und er zuckte nicht mit der Wimper, aber sich einer Frau wie Nora stellen? Er hatte jetzt noch Herzrasen davon.
      In Vincents Schlafzimmer war er doch froh, sich seines Jacketts zu entledigen, das er erst auf einem Sessel legen wollte und sich dann dazu umentschied, es doch lieber irgendwo abzulegen, wo es nicht allzu feuchte Flecken hinterlassen würde, als er die Gestalt am Fenster erst sah. Auf solche Überraschungen hätte er als Jäger zumindest vorbereitet sein können, aber bei seiner Jagd kam er auch nicht unmittelbar von Nora. Er zuckte zusammen und zwang dann gleich seinen Herzschlag herunter.
      "Oh, Himmel!"
      Vincent stand vor dem Fenster, erhellt von dem aufgehenden Mond, der ganz langsam die Sonne ersetzte. Es war noch viel zu früh für ihn, um wach zu sein; normalerweise legte sich Thomas jetzt erst zu ihm und verbrachte dann eine beträchtliche Zeit damit, ihn zurück in die Welt der Lebenden zu locken. Dass er jetzt nicht nur schon wach, sondern auch schon aufgestanden war, war etwas vollkommen neues. Eigentlich war das vorher noch nicht einmal ansatzweise vorgekommen.
      "Du bist schon wach? Ist alles in Ordnung?"
      Er krempelte sich die Ärmel seines Hemds nach oben und trat neben Vincent, um den einen Arm locker um dessen Hüfte zu legen. Selbst Vincents Haltung, wie er da am Fenster stand, den Blick nach draußen gerichtet, die Hand scheins an die Lippen gelegt, war deutlich ungewohnt.
    • Vincent lehnte sich nach hinten gegen Thomas, genoss dessen Nähe. Er konnte riechen, dass der Mann erst vor kurzem noch draußen gewesen war.
      "Ja," antwortete er auf Thomas' Frage. "Alles ist in bester Ordnung und aus irgendeinem Grund irritiert mich das ungemein."
      Er drehte sich in Thomas' Griff um und musterte den Mann. Er zeigte eindeutige Zeichen von jemandem, der vor noch nicht allzu langer Zeit in der Kälte des Winters herumgestapft war: seine Wangen und Nasenspitze waren noch ein wenig gerötet, in seinen Haaren schimmerten kleinste Tröpfchen Wasser aus der kalten Luft. Aber auch an Thomas war nichts ungewöhnlich, nichts besorgniserregendes.
      "Jeder ist da, wo er sein sollte. Allen geht es gut. Niemand versteckt sich in den Schatten," zählte Vincent leise auf und biss sich wieder auf den Daumen.
      Es fühlte sich auch nicht so an, als ob irgendetwas anders war, als ob irgendetwas Schreckliches passieren würde. Ganz im Gegenteil. Vincent fühlte sich so entspannt wie schon lange nicht mehr. Sehr lange nicht mehr. War er überhaupt schon jemals so entspannt gewesen wie jetzt?
      Er zog die Augenbrauen zusammen und versuchte, den Fehler zu finden. Aber war da überhaupt ein Fehler?
      Schlussendlich gab er es auf und lehnte seinen Kopf gegen Thomas' Brust, schloss seine Arme locker um die Hüften seines Liebsten. Er erlaubte es sich, diesen Frieden zu genießen, so seltsam er sich anfühlte.
      "Erzähl mir von deinem Tag," bat er leise.


    • Thomas zögerte für einen Moment. Es wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, wenn Vincent einen merkwürdigen Grund dafür gehabt hätte, von allein aufgewacht zu sein. Dass es nicht so war, war in der Tat irritierend.
      Der Mann drehte sich in seiner halben Umarmung zu ihm um und jetzt konnte Thomas sehen, dass er nicht die Hand an die Lippe gelegt hatte, sondern an seinem Daumen zu kauen schien. Das war eine weitere Ungewöhnlichkeit, die er genauso wenig jemals an ihm gesehen hatte. Eine nervöse Angewohnheit vielleicht? Welchen Grund konnte Vincent haben, nervös zu sein?
      Thomas konnte quasi beobachten, wie sich die Räder in Vincents Gehirn drehten und wie er einen Moment später die Augenbrauen zusammenzog, während er darüber nachdachte, was auch immer in diesem unsterblichen Gehirn vor sich gehen mochte. Thomas schmunzelte ein kleines bisschen darüber. Er hob die freie Hand, verharkte sie unter Vincents, zog sie ihm vom Mund und hauchte einen leichten Kuss auf seine Finger. Dann ließ er ihn los und im Gegenzug schmiegte sich Vincent an ihn. Thomas schlang die Arme um den Mann und legte die Wange an seinen Scheitel.
      "Ich habe mich mit Nora versöhnt - glaube ich zumindest. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob wir uns versöhnt haben. Sie verwirrt mich, regelmäßig. Aber sie hat sich über die Scones gefreut... denke ich."
      Er streichelte sanft über Vincents Rücken.
      "Und ich war im Dorf unten. Wusstest du, dass es eine einzige Arztpraxis gibt? Das ist unverantwortlich, was machen sie dort, wenn die Praxis mal geschlossen ist, wenn er selbst krank ist? Oder im Urlaub ist? Das kann ich nicht mit ansehen. Wenn Cambridge nicht so weit entfernt wäre, hätte ich einen Teil der Patienten übernommen."
      Jetzt runzelte er selbst die Stirn, weil er sich wirklich noch über diese Unachtsamkeit ärgerte. Er wollte gar nicht wissen, wie viele Beschwerden in dieser Gegend unbehandelt blieben.
      Dann blickte er auf Vincent hinab und strich ihm die Wange entlang.
      "Hunger?"
    • Vincent schmunzelte. Die Beziehung zwischen Nora und Thomas war wirklich eine interessante. Er würde sich da nicht einmischen, solange es nicht handgreiflich zwischen den beiden wurde.
      "Die Menschen auf dem Land sind widerstandsfähig, als du annimmst. Aber ja, hier und da wird es ein bisschen eng. Ein, zwei Familien sind mutig genug, um uns um Hilfe zu bitten, wenn der alte Dr. Clark mal nicht zur Verfügung steht. Sie haben mitbekommen, wie manche Leute hier ankommen wie gut wir uns um sie kümmern. Dr. Clark wollte schon vor Jahren mal eine Fortbildung in London machen, aber so lange kann er einfach nicht wegbleiben."
      Vincent grinste and Thomas' Brust.
      "Kennst du da vielleicht einen Arzt, der sich für ein paar Wochen um eine kleine Gemeinde mitten im Nirgendwo kümmern könnte? Jemand, der selbst nicht viel mehr zu tun hat? Es ist kein muss, aber vielleicht sieht dieser Jemand auch ziemlich gut aus?"
      Er hob den Kopf und sah in die weichen Augen des Mannes, den er über alles liebte.
      "Hunger?" fragte der.
      "Immer," antwortete Vincent und stahl sich einen Kuss.

      Unten im Frühstückssaal wartete bereits ein ordentliches Abendessen auf die beiden Männer - inklusiver einer frischen Kanne Tee für denjenigen, der sich auf dem Weg zum Bäcker durch die Kälte gekämpft hatte.
      Vincent blieb brav auf dem Weg nach unten und auch jetzt, als er sich mit ordentlich geschlossener Robe auf seinen üblichen Sitzplatz sinken ließ und die Beine unter dem Tisch überschlug. Er schnappte sich einen Apfel, bevor er das erste Glas der Nacht Blut hinunterstürzte.
      "Ich habe das übrigens ernst gemeint, weißt du?" meinte er und biss kräftig in den Apfel hinein.
      Der süße Geschmack vermischte sich in seinem Mund mit den letzten Resten dessen, was von dem Tierblut noch übrig war. Es war nicht besonders gut, aber besser als vorher allemal.
      "Dieser Ort könnte wirklich einen guten Arzt gebrauchen. Nicht, dass Dr. Clark nicht ordentlich arbeitet. Aber er ist auch nicht mehr der Jüngste und er hat niemanden, der für ihn übernehmen könnte. Er würde sich sicherlich über ein bisschen Hilfe freuen."


    • Thomas grinste jetzt selbst.
      "Was könnte denn dein Interesse daran sein, dass dieser Jemand auch noch gut aussieht? Bin ich dir etwa nicht genug? Da brauchst du noch einen Arzt von außerhalb?"
      Er küsste ihn, noch immer grinsend, den Gedanken bereits wieder verwerfend. Er konnte ja unmöglich einen Arzt dort vertreten, wo er selbst gar nicht wohnte. Ganz abgesehen davon, dass er die ganze Praxis mit ihren Patienten übernehmen müsste.
      Als sie kurz darauf aber beim Abendessen saßen, brachte Vincent den Gedanken erneut auf und dieses Mal konnte Thomas ihn nicht ganz so einfach wieder verwerfen. Er hatte recht, Thomas hatte nicht viel zu tun, nachdem er sich jetzt sicher sein konnte, dass die ganze Vampirsache bei Nora in guten Händen war. Bisher hätte er sich vielleicht darauf festnageln können, dass er der einzige Jäger im Haus war und damit auch eine gewisse Expertise mitbrache, aber was könnte er schon einer Hexe erzählen? Die das Haus überhaupt schon auf Vlads Ankunft vorbereitet hatte? Er konnte höchstens noch die Jägerschriften studieren, aber das konnte er abends auch immernoch. Es sprach kaum etwas dagegen, dass er sich in Dr. Clarks Praxis einnistete.
      Er lehnte sich im Stuhl zurück und starrte auf den Fleck entblößter Brust, der nicht von Vincents Robe verdeckt werden konnte.
      "... Ich kann ihn nicht dauerhaft unterstützen. Er braucht jemanden, der durchgehend seine Vertretung übernehmen kann und irgendwann seine Praxis übernimmt, wenn er schon alt ist. Aber ich kann mich ihm anbieten, solange ich hier bin. Hast du schon etwas neues von Vlad gehört?"
    • Vincent musterte Thomas einen langen Augenblick. Er fragte sich, ob Thomas begriff, worauf Vincent hinaus wollte und es mit Absicht falschverstand, oder ob er wirklich nicht wusste, was Vincent meinte. Er ließ das Thema vorerst fallen.
      "Nein. Kein Zeichen von ihm. Wenn, dann würde ich dir Bescheid geben. Wahlweise findest du mich in der Ecke sitzend und alle meine Entscheidungen hinterfragend."
      Er nahm noch einen Bissen von seinem Apfel und ließ sich Zeit mit dem Kauen. Selbst jetzt, mit Vlad als Thema im Raum, blieb Vincent entspannt. Sicher, er machte sich Gedanken darum, wie sie mit dem alten Vampir umgehen würden, was er plante und all das. Aber aus irgendeinem Grund ging es ihm nicht so nahe wie zuvor. Er könnte sich beinahe an diesen Seelenfrieden gewöhnen.
      "Aber so ungewöhnlich ist das nicht. Er hat mich früher schon gern überrascht. Generell taucht er gern überraschend auf. Egal, ob sich jemand darüber freut oder sich zu Tode erschreckt, er hat seinen Spaß damit."
      Vincent seufzte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
      "Weiß der Himmel, was er vorhat. Ich kann nicht einmal anfangen mir vorzustellen, was er mir schenken will. So wie ich ihn kenne wird es ungefähr so toll wie das Geschenk einer Katze. Wobei ich mit einer toten Maus noch umgehen könnte."


    • Thomas schmunzelte ein bisschen über Vincents Kommentar, aber ganz lustig fand er ihn eigentlich nicht. Sicher, solange sie noch warteten, hatten sie auch noch Zeit, sich für seine Ankunft vorzubereiten, aber es bedeutete auch, dass irgendwo da draußen jeden Tag mehr Leute starben, weil Vlad sich immerhin ernähren wollte. Und was, wenn er noch in Cambridge war? Für Dr. Clark einzuspringen wäre zwar eine gute Alternative zum Studieren, aber noch besser wäre es, wieder auf die Jagd zu gehen - zu verhindern, dass solche Beschwerden überhaupt erst auftraten.
      Aber diesen Gedanken sprach er nicht aus. Vincent wirkte erstaunlich gelassen im Vergleich zu ihren letzteren Treffen und das wollte er nicht aufs Spiel setzen.
      "Es wäre mir fast lieber zu wissen, wo er ist und was er tut, anstatt hier auf ihn zu warten. Er hätte ja wenigstens sagen können, wann er ungefähr auftauchen wird."
      Ernüchtert stocherte er in seinem Essen herum und trank von Noras Tee. Dann also doch sich nützlich machen, bis Vlad auftauchen würde. Sich wirklich nützlich machen.
      Er verzichtete also diesen Abend, sich bis zum Morgengrauen in die Jägernotizen zu werfen, und zog sich stattdessen früh genug zurück ins Bett, um am Morgen früh aufzustehen. Vincent half ihm zwar beim Einschlafen, aber nicht unbedingt, beim früh schlafen. Er wachte zu dem Anblick des nackten Mannes neben sich auf, der trotz seines merkwürdig frühen Aufwachsens zumindest wieder normal zu schlafen schien.
      Dann zog er sich, zum ersten Mal seit Wochen, seiner Arbeit entsprechend an, informierte Nora über sein geplantes Abbleiben und machte sich dann auf den Weg, seinen Kollegen kennenzulernen.
    • Vincent erwachte nicht noch einmal so früh und voller Ruhe in den nächsten Nächten, aber das allgemeine Gefühl des Friedens blieb ihm doch irgendwie erhalten. Sein Alltag stellte sich wieder ein - der von vor der schicksalhaften Nacht von All Hallows' Eve in der er Thomas kennengelernt hatte - und er genoss diese Routine. Insbesondere genoss er es, wie einfach sich Thomas in diese Routine fügte. Er hatte Vincents versteckte Aussage scheinbar doch begriffen und angefangen, seine Tage in der Praxis von Dr. Clark zu verbringen und dem alten Mann unter die Arme zu greifen. Jeden Abend hörte sich Vincent Berichte darüber an, was Thomas dem alten Mann so hatte beibringen können und umgekehrt. Die beiden scheinen sich gut zu ergänzen, was Vincent ein Lächeln auf das Gesicht zauberte.

      Eine Woche dieser angenehmen Realität war ihm vergönnt. Eine Woche lang durfte er sehen, wie sein Leben aussehen könnte, steckte er nicht bis zum Hals in aussichtslosen Situationen fest.
      Er saß in seiner kleinen Bücherwerkstatt und arbeitete gerade daran, ein altes Buch neu zu binden - Thomas war noch dabei, ein Bad zu nehmen angesichts seines neuen Tagewerkes - da sah er auf. Das verräterische Geräusch einer Kutsche, die die Einfahrt hinauf kam, drang zu ihm vor.
      "Nein...", murmelte er, die Augen weit aufgerissen.
      Er sprang auf und eile zum Fenster hinüber. Eine pechschwarze Kutsche fuhr gerade vor, gezogen von vier stattlichen, ebenso schwarzen Pferden. Er eilte durch die Gänge und schließlich die Haupttreppe hinunter. Er scheuchte Nora zurück in die Untiefen des Hauses, als sie nachsehen wollte, was denn los war. Sie brauchte nicht viele Worte, um zu verstehen und verschwand. Sicherlich würde sie durch die in den Wänden versteckten Gänge huschen, um alle - inklusive Thomas - zu informieren.
      Vincent atmete tief durch und schlüpfte dann in seine Rolle aus Cambridge. Kurz darauf klopfte Vlad auch schon laut an die Tür. Vincent setzte sein charmantestes Lächeln auf und öffnete ihm die Tür. Er musste sich zurückhalten, nicht überrascht aufzuschreien, bei dem, was er sah.
      "Steaua mea!" grüßte Vlad und griff nach Vincents Hand, die er mit einer Verbeugung sanft küsste.
      Vincent konnte den Blick jedoch nicht von der Person abwenden, die er da im Arm hielt.
      "Entschuldige bitte, dass es so lange gedauert hat, aber die Reise hier her war ein bisschen anstrengend. Dein Geschenk hat sich heftiger gewehrt, als ich erwartet hatte."
      "Gar kein Problem. Komm doch erstmal rein."
      Vincent trat beiseite und zwang sich dazu, stur geradeaus zu starren, als Vlad eintrat und Darcy mit sich zerrte. Sie war gefesselt, geknebelt, ihre Blick panisch auf Vincent gerichtet.


    • Für einige Tage war das Leben in Harker Heights geradezu idyllisch. Thomas erfuhr genau das, auch wenn es ihm im ersten Moment gar nicht in den Sinn gekommen war: Wie es sich anfühlte, mit Vincent zusammen zu wohnen. Sie hatten schon einige Wochen miteinander verbracht, waren sich in letzter Zeit ja schon kaum von der Seite gewichen, aber jetzt hatte Thomas auch langsam einen eigenen Platz gefunden, anstatt nur des Gastes und Liebhabers. Er ging wieder seiner Arbeit nach, auch wenn es Gewohnheit bedarf, sich mit dem neuen Umfeld auseinanderzusetzen, aber damit hatte er wieder einen geregelten Tagesablauf. Und abends hatte er Vincent; er kam in das erleuchtete, warme Anwesen zum Geruch von frisch gemachtem Essen und Vincent, der ihn mit einem Kuss empfing und sich mit der Geduld eines Engels erzählen ließ, wie die Arbeit mit Dr. Clark verlief. Sie aßen zu Abend und meistens vertieften sich beide hinterher in irgendwelchen Büchern; Vincent aus seiner Bibliothek und Thomas in die Jägernotizen. Sie gingen um Mitternacht zu Bett, liebten sich und am Morgen deckte Thomas Vincent mit größter Fürsorge ein und machte sich auf den Weg nach draußen. Es hätte ewig so gehen können, dieses friedvolle Leben. Er hätte sich an den Gedanken gewöhnen können, nicht mehr bei Vincent zu wohnen, sondern mit ihm.
      Wäre da nicht der unausweichliche Grund gewesen, weshalb sie überhaupt auf diese Weise zusammengekommen waren.
      Noras Warnung hätte nicht unerwartet kommen dürfen, aber das war sie. Ein Stich von Besorgnis durchfuhr ihn, als sie Vlads Ankunft ankündigte und gleich darauf wieder hinter der Tür verschwand. Vlad war hier, jetzt mussten alle Vorbereitungen absolut sitzen.
      Die Sorge hielt etwa eine Sekunde lang an, bis der Jäger sich durchsetzte und mit ihm die kühle Vernunft. Sie waren vorbereitet. Besser konnten sie es nicht sein.
      Thomas setzte sich ruckartig auf, stieg aus der Wange und trocknete sich mit schnellen Zügen ab. Er zog sich etwas an, etwas ähnlich seriöses wie seinen Arbeitsanzug, und kämmte sich die Haare mit drei schnellen Strichen nach hinten. Das musste schon irgendwie genügen. Er wollte Vlads Ankunft nicht verpassen.
      Er verließ Vincents Schlafzimmer und ging nach unten. Auf der Treppe tönte schon Vlads tiefe, schnurrende Stimme durch das geräumige Foyer, kein unbedingt angenehmes Geräusch mit einem noch viel unangenehmeren Besitzer, dem sich Thomas gleich stellen würde. Als er aber die letzte Stufe erreichte und den Gast auch sehen konnte, war das der letzte Gedanke, den er noch klar fassen konnte.

      Ein gefesselter, zugerichteter Mensch alleine hätte wohl schon ausgereicht, um gegen Thomas' hilfsbereite Natur zu verstoßen und seiner Fassung einen gehörigen Schlag zu verpassen. Er war ein von Grund auf wohltätiger Mann, er versuchte das Leid von anderen Menschen abzulenken, wo auch immer es ihm möglich war. Sein Versagen darin gezeigt zu bekommen, war etwas unausweichliches, an das er sich nie gewöhnen würde. Aber es an einem ihm bekannten, und in gewissermaßen auch geliebten Menschen zu sehen, war regelrecht sein schlimmster Albtraum.
      Darcy sah bei weitem nicht so aus, als hätte sie ihr Zuhause in üblicher Manier verlassen. Ihre dunklen Haare waren zerrauft und zerrupft, ihr Makeup verschmiert, teilweise von Tränen, teilweise von Unachtsamkeit. Sie trug eines ihrer Alltagskleider, aber es war überall schmutzig und saß nicht richtig. Als Vlad sie mit nach drinnen zog stolperte sie, entweder über die Schwelle oder über ihre eigenen Füße.
      Ihr Blick zuckte in seinem wortlosen Flehen von Vincent zu Thomas hinüber, dessen Bewegung sie wohl wahrgenommen hatte. Ihre dunklen Augen erfassten ihn, wurden groß, noch viel größer, als sie es bei Vincent schon gewesen waren, und füllten sich mit Tränen. Sie gab ein Geräusch hinter dem Knebel von sich, viel weniger ein menschlicher Laut als viel mehr der eines Tieres, die Stimme hörbar kratzig und angeschlagen. Der Laut brannte sich in Thomas' Gedächtnis ein, ein Messerstich, der präzise genug war, um auch sein Blut zum Erstarren zu bringen. Ihr Blick huschte wieder weg, weil sie sich Mühe geben musste, an Vlads Seite nicht über ihr eigenes Kleid zu stolpern.
      "Darcy!"
      Thomas kam den letzten Teil der Treppe herab und war viel zu schnell und gleichzeitig viel zu langsam bei ihnen, das Herz vor Angst rasend, die eigenen Augen weit aufgerissen. Später würde er sich dafür ärgern, im wohl wichtigsten Moment einer Jagd so sehr die Fassung zu verlieren, aber in diesem Moment hatten sich seine Gedanken auf einen Tunnel beschränkt, dessen einziger Ausgang ihn zu Darcy führte. War sie nicht bei Stephen in Manchester? Hätte er nicht auf sie aufgepasst? Wieso war sie hier? War sie verletzt? Wo war Stephen?
      Aber erst, als die Realisation einschlug, dass niemand hier Anstalten machte, Vlads große, besitzergreifende Hand von Darcy zu lösen und sie dem Arzt zu übergeben, hob er seinen Blick von der gefesselten Frau und richtete ihn auf den Vampir. Seelenlose, eiskalte Augen bohrten sich in seine und obwohl er bei einer Jagd dem Eindruck hätte widerstehen können, war seine Selbstbeherrschung irgendwo auf der Treppe zurückgeblieben. Die Kälte, die ihm durch den Körper schoss und das Adrenalin mit sich brachte, rührte nicht weniger von dem stechenden Blick als von dem abgrundtiefen Drängen, jetzt sofort aus diesem Anwesen und über alle Berge zu verschwinden, nur um dieser Kreatur zu entkommen.
      Darcy gab ein Winseln von sich, so als hätte sie selbst seinen Herzschlag vernommen und wolle ihn jetzt davon abhalten, sie alleine zu lassen.
      "Was wird das? Was soll das?"
    • Sie hatten beinahe den Salon erreicht, bevor die Wut aus Thomas herauszubrechen drohte. Vlad blieb stehen und starrte den Mann an, doch Vincent wusste, dass er ihn nicht als Mann sah, nicht als Person.
      "Nimm deinen Jäger an die Leine, Steaua mea. Er wird unhöflich," meinte er, die Miene vollkommen neutral, den Blick weiterhin auf Thomas gerichtet.
      Vincent musste sich etwas überlegen und zwar schnell, sonst eskalierte das Ganze hier in die völlig falsche Richtung. Also legte er Thomas sanft eine Hand auf den unteren Rücken.
      "Das mag sein, aber er hat schon recht. Ich würde auch gern wissen, warum du mir eine Frau als Geschenk mitbringst."
      Vlad Blick ruhte noch einen langen Moment auf Thomas, dann wandte er ihn Vincent zu und ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. Ohne zu fragen schob er Darcy in den Salon und folgte ihr, schubste sie auf eines der Sofas und ließ sich neben sie auf die Polster sinken, überschlug die Beine und tätschelte ihr Knie.
      "Willst du mir nicht zuerst einen Drink anbieten, Steaua mea? Die Reise war wirklich anstrengend."
      Vincent seufzte. Natürlich würde Vlad das Ganze hier in die Länge ziehen, einfach nur, weil er es konnte. Also ließ Vincent von Thomas ab und folgte seinem Meister in den Salon. Er hielt direkt auf die Minibar zu, fragte nicht einmal danach, was Vlad trinken wollte. Er wusste es schon. Er hatte Vlad oft genug einen Drink serviert.
      "Nora!" rief er über seine Schulter, bevor er das Eis in die beiden Gläser fallen ließ.
      Nora war sofort zur Stelle, den Blick brav auf den Boden gesenkt.
      "Setz Tee für die Dame auf. Und bringe ihr etwas zu Essen. Etwas leichtes; Obst oder sowas."
      Nora nickte und verschwand wieder, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben. Vincent wusste, dass es sie einiges an Willenskraft kostete, das zu tun. Sie alle waren angespannter, als sie es sich erlauben konnten. Verdammter Vlad! Er wusste einfach immer, wie er die meisten Leute gleichzeitig treffen konnte.
      Vincent überreichte Vlad seinen Drink uns ließ sich selbst in seinen üblichen Sessel sinken. Auch er überschlug die Beine und klopfte neben sich auf die Armlehne - ein Zeichen für Thomas, sich zu ihm zu setzen. Er konnte nur hoffen, dass Thomas ihm vertraute, diese Situation irgendwie lösen zu können. Wie, das wusste Vincent selbst noch nicht so genau.
      "Du weißt, wer sie ist?" fragte Vlad, nachdem er einen langsamen ersten Schluck genommen hatte.
      "Natürlich. Die Verlobte von Thomas. Ich habe für sie Zirkusäffchen spielen müssen und auf einem Klavier herumgeklimpert."
      Vincent zuckte unbeeindruckt mit den Schultern, wohlwissend, dass er hier Tatsachen verdrehen musste. Er konnte nur hoffen, das Vlad eher glaubte, er habe den Menschen etwas vorgespielt als jetzt ihm eine Darbietung zu geben.
      "Ich war froh, als sie endlich wieder weg war, also warum bringst du sie jetzt zurück in mein Haus? Ich dachte, du wolltest mir ein Geschenk machen?"
      "Aber das tue ich doch, Steaua mea. Einen Jäger muss man beschäftigt halten. Sie haben den Grips, sich unserem Willen zu widersetzen, wenn man den Finger nicht konstant an der Ader hat. Und du gibst dir so viel Mühe, deinen zu bespaßen. Das Haus, die Kleidung, die Waffen."
      Vlad machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, als sei das nichts. Es war auch nichts für den cleveren Vampir. Es war nichts für jemanden wie Vincent. Er hätte Thomas' Haus abreißen und komplett neu bauen lassen können und er hätte immer noch keine Delle in sein Vermögen gemacht.
      "Also habe ich mich ein bisschen mit deinem Jäger beschäftigt und herausgefunden, wo seine Verlobte wohnt. Ihr Bruder ist auch ein Jäger, wusstest du das?"
      "Ja, das wusste ich. Der Mann hat praktisch Löcher in meinen Schädel gestarrt um herauszufinden, ob ich ein Vampir bin. Schlampige Arbeit, wenn du mich fragst. An seinen Namen kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern."
      Vincent ließ aus, was Stephen ihm angetan hatte, denn wenn er das auch nur mit einer Silbe erwähnte, wäre Stephen tot. Und Darcy und alle anderen, die auch nur entfernt mit den beiden verwandt waren. So sehr er Stephen auch nicht mochte, er konnte ein solches Gemetzel Thomas nicht einfach antun.
      "Hat er versucht, seine Schwester zu verteidigen?" fragte Vincent, auch wenn ihm die Antwort Angst machte.
      Für Thomas musste er diese Frage aber stellen. Sein Geliebter musste wissen, ob sein alter Freund noch am Leben war, das spürte Vincent einfach.
      "Leider nicht. Firmenmeeting mit irgendwelchen reichen Pinkeln in einem dieser Gentlemenclubs. Ich hätte warten können, aber ich hatte schon so viel Zeit verschwendet und wollte dich unbedingt wiedersehen."
      Vincent erlaubte es sich, die Schmeichelei anzunehmen und reagierte offen darauf. Immerhin musste er Vlad noch ein Weilchen bei der Stande halten.
      "Du bringst mir also die gute Darcy für meinen guten Thomas. Wozu? Als Spielkameraden?" fragte er.
      "So ziemlich. Er kann sich mit ihr austoben und du hast ein bisschen mehr Zeit für andere Dinge."
      Ein begieriges Glitzern trat in Vlads stechenden Blick, sein Lächeln wurde ein bisschen vielsagender. Ein Schauer lief Vincent den Rücken hinunter und er konnte nicht sagen, ob der von Verachtung ausgelöst worden war - oder von Vorfreude. Er lächelte.
      "Dein Geschenk an mich ist also eigentlich ein Geschenk an meinen Jäger? Damit du dir mich zum Geschenk machen kannst?"
      Vlad lachte leise und es war Balsam in Vincents Ohren. Vlad nippte an seinem Drink, hielt aber über den Glasrand hinweg den Augenkontakt zu ihm.
      "Kannst du es mir verübeln, Steaua mea? Ich weiß doch, dass du umgarnt werden willst. Sowas braucht Zeit. Ich verschaffe mir lediglich die Möglichkeit und den Raum, das auch zu tun."
      Nun war es an Vincent, einen Schluck zu nehmen, um sein Lächeln ob dieser vermeintlich romantischen Geste zu verbergen. Nora kam herein, still und leise, und servierte eine Tasse Tee, sowie eine kleine Schale mit Früchten, bevor sie sich schnell wieder davonmachte. Vincent nutzte den Moment, um Darcy zu mustern. Sie sah zerrupft aus, aber gesund und unverletzt. Sie war sicherlich nur emotional etwas aufgewühlt - verständlicherweise. Dennoch verzog Vincent das Gesicht.
      "Du hättest sie wenigstens aufhübschen können, bevor du hergekommen bist. Sie sieht aus, als hätte sie seit Manchester nicht mehr gebadet. Sie riecht auch so. Wie hast du das nur ausgehalten in der kleinen Kutsche?"
      Vlad grinste beinahe.
      "Ich war schon immer bereit, Opfer für meine Ziele zu bringen," kommentierte er.
      "Ich bin nicht bereit, dieses Opfer zu bringen," entgegnete Vincent. "Thomas? Nimm deine Verlobte mit nach oben und sorge dafür, dass sie vorzeigbar aussieht. Ist ja nicht auszuhalten. Nimm das Obst und den Tee mit. Lass dir von Nora irgendwas für sie zum Anziehen geben. Dieser Fetzen, den sie jetzt anhat schmerzt in meinen Augen. Wenn du fertig bist, bringst du sie entweder mit hier runter oder sperrst sie in deinem Zimmer ein, mir egal. Aber dich will ich dann wieder hier haben. Hopp hopp."
      Vlads Blick folgte Thomas haargenau. Der alte Vampir beobachtete ihn wie ein hungriger Löwe seine nächste Mahlzeit. Er nahm sein Hand nicht von Darcys Knie, bis sie aufstand.


    • Nimm deinen Jäger an die Leine, Steaua mea. Er wird unhöflich.
      Wenn es einen Nerv in Thomas' Gehirn gegeben hätte, wäre der soeben spürbar entzwei gerissen.
      "Unhöflich?!", fauchte er schon, eine Welle aus Wut dort, wo ihn soeben noch primitive Angst erfasst hatte. Unhöflich bei dieser offensichtlichen Entführung? Er wäre in seinem aufkommenden Zorn sogar soweit gegangen, Vlad mit bloßen Händen anzufallen.
      Nur Vincent erinnerte ihn daran, was hier tatsächlich von Bedeutung war, und das war entgegen jeglicher Vernunft nicht Darcy. Es war sogar, für diesen speziellen Moment, eher die Tatsache, dass Thomas nicht durchführen würde, was ihm in diesem Augenblick durch den Kopf jagte, sodass ihm schon die Hände zuckten. Eine einfache Berührung reichte schon aus, um ihn daran zu erinnern.
      Er nahm einen tiefen Atemzug. Er sah wieder zu Darcy, die auch wieder zu ihm aufsah, nachdem sie alle stehengeblieben waren. Die schreckensgeweiteten Augen übermittelten ihm nur ein einziges Flehen: Hilf mir. Und Thomas wusste, dass dieser Drang alles andere überschattete. Er würde ihr helfen, komme was wolle.
      Dann setzte Vlad sich wieder in Bewegung und Thomas konnte nichts tun, als ihm und Vincent grimmig hinterherzustarren. Eigentlich hatte er sich erhofft, von seinem Freund etwas mehr Unterstützung zu bekommen, aber das war wohl so viel, wie er sich leisten konnte. Vincent war ja auch nicht mehr sein Freund, nicht mehr jetzt. Er war sein Meister, sein König, was auch immer und Thomas musste wieder in die Rolle des teilnahmslosen Schattens schlüpfen. Er hätte es auch geschafft, problemlos, hätte Vlad nur nicht Darcy entführt.
      Also nahm er das letzte bisschen Fassung, das ihm noch übrig blieb, zusammen und schlich hinter den beiden Männern hinterher in den Salon hinein. Darcy versuchte sich gerade, auf dem Sofa etwas aufzurichten und dabei gleichzeitig so weit wie nur möglich von Vlad wegzukommen, dessen Hand auf ihrem Knie aber wohl genau das verhinderte - oder als Warnung gelten sollte. Vincent bereitete ihm einen Drink und ließ sich dann auf einem Sessel nieder, wozu er Thomas auch wortlos einlud. Der fügte sich, aber nur soweit, sich neben ihm aufzustellen. Er konnte sich nicht setzen, im Leben nicht. Sämtliche seine Glieder waren viel zu angespannt dafür und ihm schoss auch immernoch das Adrenalin in Unmengen durch das Blut. Er konnte ja noch nicht einmal richtig denken, solange er nicht wusste, was mit Darcy geschehen sollte.
      Zu seinem Erbarmen erfragte Vincent doch zumindest, wie es um Stephen stand. Das war schon eine gute Nachricht, auch wenn er nicht wusste, ob sie ihnen weiterhelfen könnte. Würde Stephen kommen, wenn Darcy allzu lange fernblieb? Wie lange würde das dauern, Tage? So viel Zeit hatten sie im Zweifel nicht. Und im Zweifel würde er auch gar nicht erst darauf kommen, in Vincents Anwesen nach ihr zu suchen. Nein, sie waren auf sich gestellt und es lag an Thomas, Darcy dort unversehrt irgendwie wieder herauszubringen.
      Er folgte dem Gespräch, während er abwechselnd auf seine Freundin und den Vampir starrte. Darcy erwiderte den Blick mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung. Sie war ja noch gar nicht auf dem neuesten Stand, sie hatten sich seit vor Silvester nicht mehr gesehen. Sie wusste gar nicht, dass Vincent ein Vampir war, sie fragte sich bestimmt auch längst, was Thomas hier zu suchen hatte und was dieser offensichtliche Vampir Vlad mit den anderen beiden zu tun hatte - und weshalb Thomas nicht schon längst Anstalten gemacht hatte, besagten Vampir zu töten. Stattdessen stand er neben dem Sessel wie ein sehr loyaler Hund, während Vincent auf eine überhebliche Art Unterhaltung führte. Vermutlich fragte sie sich, ob das alles nicht ein furchtbarer Traum war.
      Sein Blick wanderte erneut zu Vlad hinüber, der gerade die Absicht mitgeteilt hatte, ihn mit Darcy austoben zu lassen. Was sollte das nun wieder bedeuten? Was genau stellte Vlad sich vor, würde Thomas mit Darcy anfangen?
      Vincent war schließlich derjenige, der sie beide entließ. Thomas' Kiefermuskeln malmten, als er sich augenblicklich in Bewegung setzte, unter Vlads scharfem Aasgeier-Blick Darcy aufhalf und dann das kleine Gedeck mit sich nahm, während er sie nach draußen lenkte. Darcy gab wieder ein Geräusch von sich, fügte sich aber.

      Im Obergeschoss dauerte es lange, bis sie sich soweit beruhigt hatte, um einige anständige Wörter zu formen. Sie hatte wieder angefangen zu weinen, kaum als sie die Treppe erreicht hatten, und nachdem Thomas verweigert hatte, ihre Fesseln frühzeitig zu lösen, hatte sie fast einen hysterischen Anfall erlitten und war ihm dann um den Hals gefallen, kaum, als er sie wirklich befreit hatte. Er hatte gerade noch die Tür zum Gästezimmer hinter ihnen geschlossen und dann hatte er sich mit ihr zum Bett manövriert, wo sie sich jetzt immernoch an ihn krallte, als hätte sie Angst, er würde verschwinden, wenn sie losließ. Und was sollte er da schon anderes tun, als sie zu trösten? Also hielt er sie fest und streichelte ihr behutsam über den Rücken.
      "Ich weiß... alles in Ordnung..."
      Schließlich schwächten ihre Anfälle zu atemlosem Geschniefe ab und er brachte sie soweit, ihre vekrampften Finger von ihm zu lösen. Ernst sah er ihr ins tränenverschmierte Gesicht.
      "Du musst jetzt durchhalten, okay? Wirst du das schaffen? Tief durchatmen, mit mir."
      Sie folgte seiner Anweisung, beruhigte sich weiter und wischte sich über die Augen.
      "... E-Er hat mich einfach ü-überrascht, ich konnte n-nichts..."
      "Ich weiß, ich weiß. Hat er dir was getan? Bist du verletzt?"
      Sie schüttelte den Kopf.
      "N-Nein. Ich dachte, e-er würde mich... er würde..."
      Sie stockte und Thomas drückte ihre Hand. Er lehnte sich zu ihr vor, beschwörerisch.
      "Darcy, du musst jetzt gut aufpassen. Hör mir gut zu, okay?"
      Sie nickte aufgelöst.
      "Vlad ist ein Vampir. Das wusstest du schon, nicht wahr? Vincent ist auch einer und deswegen -"
      "Vincent?!"
      Sie wusste es nicht, natürlich.
      "Pst! Reiß dich zusammen, Darcy!"
      Eine weitere Träne hatte sich aus ihrem Auge gelöst und das brachte wiederum Thomas aus der Fassung. Er war selbst aufgelöst, dass sie hier war, dass sie es so herausfinden musste. Dass sie jetzt in Gefahr schwebte, nur wegen ihm.
      "Vlad ist alt - sehr alt. Ich halte ihn für impulsiv und das ist schlecht. Aber er ist primär nur wegen Vincent hier, weil er ihm den Hof macht. Auf seine Art eben."
      "Er macht ihm den Hof? Aber -"
      "Deine einzige Chance, hier herauszukommen, ist zu tun, was sie dir sagen. Okay? Du wirst es nicht hinterfragen, du wirst nicht aufmüpfig sein. Du wirst gehorsam sein und ihre Wünsche erfüllen. Hast du das verstanden?"
      "Aber, aber, wieso... wieso können wir nicht einfach jetzt verschwinden, aus dem Fenster und dann -"
      "Nein. Denk nach Darcy, Himmelherrgott! Du wirst nirgends hingehen. Du wirst tun, was sie von dir wollen, und dann wird es nicht so schlimm werden."
      Sie nickte schwach.
      "... Okay. Habe ich verstanden."
      "Gut. Dann bringen wir dich auf Vordermann, okay? Komm, zieh dich aus und ich schaue mir dich kurz an. Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns bleibt."
      Sie gehorchte, wenn auch langsamer, als es Thomas lieb gewesen wäre, und er kniete sich vor ihr auf den Boden, während er ihren Körper abtastete. Die Fesseln hatten rote Riemen an ihren Handgelenken hinterlassen und sie hatte sich einige Prellungen zugezogen, zweifellos von der eigenen, überzogenen Abwehr. Sie hatte aber keine gebrochenen Knochen und was noch viel wichtiger war: Sie schien nicht geblutet zu haben. Thomas beendete seine Untersuchung, indem er sich aufrichtete.
      "Geh und wasch dich. Ich hole mir von Nora neue Klamotten für dich. Ich bin gleich wieder da."
      Darcy nickte erst, hielt ihn dann fest, als er zu gehen versuchte, stand auf und küsste ihn. Ihre Lippen schmeckten nach salzigen Tränen und sie hatte einen unangenehmen Mundgeruch. Thomas löste sich von ihr, indem er sie von sich schob.
      "Jetzt. Ich bin gleich wieder da."
      Diesmal fügte sie sich und er verschwand.
      Nora brachte stillschweigend die Klamotten und auch einen Erste-Hilfe-Kasten. Thomas dankte ihr kurz angebunden, nicht mutig genug, mehr als ein paar Worte an sie zu richten. Er war soeben dabei, langsam wieder die Fassung zurückzuerlangen, da wollte er sie nicht so schnell wieder schwinden sehen. Als er zurück ins Zimmer kam, war Darcy noch im Bad.
      Ungeduldig darüber, wie lange das wohl dauern mochte, ging er zu ihr und half ihr bei den Haaren. Sie war wieder kurz davor zu weinen und da zwang er sie zu den Atemtechniken, die er sie immer gelehrt hatte. Schließlich war sie angezogen, halbwegs präsentabel und zudem auch noch irgendwie gefasst.
      "Iss dein Obst und trink genug. Ich werde dich jetzt hier einsperren und du kannst dich gerne hinlegen, aber achte darauf, dass du dich ordentlich hältst. Ich werde zurückkommen, sobald es mir möglich ist, okay?"
      Darcy nickte nur. Sie sah mit großen Augen dabei zu, wie Thomas zur Tür ging und sagte hastig:
      "Ich liebe dich!"
      Thomas nickte nur. Er trat nach draußen.
      "Durchhalten, okay?"
      Dann schloss er die Tür und verriegelte sie.

      Eine weitere Minute brauchte er, um seine Fassung vollständig zurückzuerlangen. Er stand im Gang, presste seinen Finger auf seinen Puls, zählte gedanklich mit und wartete darauf, dass er sich beruhigte. Er lauschte auf Geräusche, die es nicht gab und suchte in dem dunklen Gang nach Schatten, die sich nicht bewegten. Als er sich nach dieser Minute langsam wieder in Bewegung setzte, hatte er halbwegs wieder einen klaren Kopf. Klar genug, um einen wortlosen, gehorsamen Jäger zu spielen.
      Er ging hinab, zurück in den Salon, würdigte Vlad keines Blickes und ließ sich jetzt zumindest dazu ab, sich halb auf Vincents Armlehne zu setzen. Von dort an konzentrierte er sich größtenteils darauf, dem Gespräch zu folgen und seinen Herzschlag auf einem angemessenen Maß zu halten.

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    • Vlad starrte die Tür noch lange, nachdem Thomas und Darcy gegangen waren, an. Ohne Zweifel um zu hören, wo die beiden Menschen waren. Erst, als er sich sicher war, dass sie aus dem Weg waren, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Vincent zu, der brav darauf gewartet hatte, dass das passierte. Vlads Blick verlor sofort die Schärfe, mit der er Thomas bedacht hatte und Vincent spürte sofort, wie er darauf reagierte: er war stolz darauf, für diese Reaktion verantwortlich zu sein, und fühlte sich gleichzeitig geschmeichelt.
      Vlad klopfte neben sich auf das Sofa und bevor Vincent groß darüber nachdenken konnte, stand er schon auf, um sich neben den Mann zu setzen. Vlads Hand landete auf seinem Knie, ähnlich wie bei Darcy zuvor, aber diesmal nicht, um die Kontrolle zu behalten - nicht wie bei ihr zumindest. Mit dem Daumen strich er sanft über Vincents Knie.
      "Es scheint als sei ich gerade rechtzeitig gekommen. Dein Jäger wirkt unruhig."
      "Eigentlich war er recht entspannt, bis du mit seiner Verlobten hier aufgetaucht bist. Und jetzt muss ich wieder ein bisschen genauer auf ihn achten, bis ich weiß, wie er sich fühlt. Du hast also das genaue Gegenteil von dem erreicht, was du eigentlich erreichen wolltest."
      Vlad brummte, ein Geräusch das Vincent durch den ganzen Körper rollte.
      "Vielleicht für eine Nacht oder zwei. Nichts, was man nicht schnell in den Griff bekommen kann. Ist er dein erster?"
      Vincent nickte - eine komplette Lüge. Er hatte sich noch nie auf einen Blutbund eingelassen. Nicht seit Vlad.
      Vlad lächelte und änderte seine Haltung, um Vincent besser ansehen zu können. Seine Hand verließ allerdings nie Vincents Knie. Stattdessen legte er ihm die andere an die Wange. Vincent sah ihm sofort in diese wunderschönen, angsteinflößenden Augen.
      "Ich sollte es vielleicht nicht sein, aber ich bin stolz auf dich, Steaua mea. Sich jemanden zu halten ist eine Menge Arbeit, egal wie viele Vorteile es mit sich bringt."
      Sich jemanden zu halten... Vincent erinnerte sich an die Zeit vor seiner Verwandlung, als er selbst einen solchen Bund mit Vlad hatte. Als Vlad ihn gehalten hatte. Er war nicht mehr als ein Haustier gewesen.
      "Befriedigt er dich denn auch?"
      Vincent verschluckte sich beinahe an der Luft, die er atmete, täuschte aber darüber hinweg indem er anfing zu lachen. Er wandte sich Vlad nun ebenfalls zu und lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sofas.
      "Immer gleich auf den Punkt mit dir," meinte er lächelnd. "Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, das tut er. Ich musste ihm ein bisschen was zeigen - er ist noch neu in der ganzen Sache - aber er ist ein ziemliches Naturtalent."
      Vlad beugte sich ein bisschen vor, nicht um Vincent zu küssen, sondern einfach nur, um ihm näher zu sein. Vincent erwischte sich dabei, wie er wollte, dass Vlad ihn küsste.
      "Schade. Ich hatte gehofft, dich unzufrieden und frustriert vorzufinden," gab Vlad offen zu.
      Ein Knoten bildete sich in Vincents Unterleib. Vlad war ein hervorragender Lover, schon immer gewesen, und auch wenn Thomas gleichfalls hervorragend war - Vlad war einfach anders, wenn es um diesen Aspekt ging. Und Vincents Körper erinnerte sich augenscheinlich noch ganz genau an all die Sachen, die Vlad mit ihm angestellt hatte. Er biss sich unbewusst auf die Unterlippe.
      Vlads Lächeln wurde breiter und er legte Vincent einen Finger unter das Kinn.
      "Es scheint, als seist du tatsächlich ein bisschen unzufrieden," raunte der alte Vampir.
      Doch bevor diese Situation weiter gehen konnte, als sie schon gegangen war, wandte sich Vincent von Vlad ab, brach die hypnotische Wirkung Vlads, als er Thomas vor der Tür hörte. Kurz darauf betrat der den Salon wieder und Vincent kehrte in seine eigene Gegenwart zurück. In eine Gegenwart, in der er geliebt wurde - wirklich geliebt - und der sehr wohl zufrieden war. Er musste sich zurückhalten, Thomas nicht anzulächeln.
      "Ich nehme an, du hast dich um Darcy gekümmert?" fragte er stattdessen und stand auf.
      Er ging zu Thomas und richtete den Kragen seines Hemdes, erlaubte sich einen kurzen Blick um sicherzugehen, dass es ihm gut ging. Und Darcy.
      "Du darfst dir eine Belohnung aussuchen, Thomas. Einen Drink oder einen Kuss."
      Vincent warf einen Blick über seine Schulter, wohlwissend, dass man Vlad mit solchen kleinen Spielchen leicht aus der Fassung kriegen konnte. Auf der einen Seite mochte er es, zuzusehen. Auf der anderen Seite war er auch unglaublich eifersüchtig und besitzergreifend, gerade wenn es um Vincent ging. Genau das würde ihm zum Verhängnis werden, das schwor sich Vincent hier und jetzt. Aber er konnte nicht verneinen, dass es unglaublich anregend war, diese beiden Männer dazu haben, die sich um ihn zankten. Wäre das Ganze doch nur nicht so tödlich...


    • Vincent und Vlad hatten zusammen auf dem Sofa gesessen - viel zu nahe aneinander. Zwar stand Vincent fast augenblicklich auf, kaum hatte Thomas den Saal betreten, aber er hatte dennoch genug gesehen. Er hatte gesehen, wie weit Vlad sich zu Vincent hinüber gebeugt hatte, wie er sein Gesicht in der Hand gehalten hatte. Er hatte die Hand gesehen, die auf Vincents Knie gelegen hatte. Nichts, was Vlad jemals berührte, schien nicht dem Zweck zu entspringen, seinen Besitz darauf geltend zu machen.
      Thomas wusste zwar, dass er sich keine Gedanken darum machen sollte, dass Vincent ihm versichert hatte, dass alles für Vlad nur eine Farce wäre, aber es zu wissen und es mitzuerleben waren zwei sehr unterschiedliche Dinge. Thomas konnte mit dem Gedanken zurechtkommen, dass Vincent Vlads Bedürfnisse befriedigte, aber ihm wurde in diesem Moment klar, dass er es niemals ertragen würde, es auch tatsächlich mitzuerleben.
      Das war wohl der Grund, weshalb er so steif war, als Vincent zu ihm trat. Er richtete ihm den Kragen, eine mittlerweile vertraute Geste, wenn Vlad in der Nähe war, und im Gegenzug beantwortete Thomas die Frage mit einem Nicken. Ihre Blicke trafen sich. Trotz Vlads Anwesenheit, trotz seiner Übergriffigkeit, erkannte Thomas, dass Vincent noch immer Vincent war.
      Und daher dachte er auch nur kurz über seine dargebotene "Belohnung" nach, bevor er murmelte:
      "Ein Kuss."
      Im letzten Jahr wäre er noch nicht einmal soweit gegangen, so nahe zu Vincent zu stehen, nahe genug, dass es für Außenstehende viel zu intim wirkte. Er hätte es sich nicht getraut, ertappt zu werden bei möglicherweise unsittlichen Gedanken, die er damit zum Ausdruck bringen könnte. Es wäre undenkbar gewesen, auch nur Vincents Hand zu ergreifen. Zweifellos hätte er sich für den Drink entschieden.
      Aber mittlerweile hatte das Vertrauen in Vincents Haushalt sein Selbstbewusstsein gestärkt. Er scheute sich nicht davor, Vincent vor Nora zu küssen, und wenn ihm die Möglichkeit geboten wurde, Vlad selbst eins reinzuwürgen, ohne dass er dafür irgendjemanden in Gefahr bringen musste, würde er die Gelegenheit beim Schopf ergreifen. Er konnte - er musste Vlad seine Grenzen aufzeigen. Vincent gehörte ihm nicht mehr, egal, wie sehr er sich auch darum bemühen mochte.
      Also schob er den Arm um Vincents Taille. Er ließ sich nicht von ihm anleiten, er übernahm selbst die Führung, als er Vincent zu sich zog, bis sich ihre Hüften aneinander pressten, und er seine Lippen auf Vincents drückte.
      Es war nicht der beste Kuss, den sie jemals zustande gebracht hatten - zu angespannt war sein eigener Körper, zu steif war sein Kiefer. Aber es ging auch gar nicht um sie beide, sondern um Vlad, der seinen kühlen Blick auf sie gerichtet hielt. Es ging darum, dass er sehen konnte, wie Thomas Vincent an sich gedrückt hielt, wie er in ähnlicher Weise zu ihm gebeugt war wie Vlad schon davor, wie ihre Münder sich bewegten in einem Kuss, den Thomas zu einem anhaltenden, sehr langen Kuss herauszögerte. Es ging darum, dass er die Hand, in ähnlicher Weise wie Vlad, an Vincents Wange legte und seinen Kopf festhielt. Es ging darum, dass er mit seiner ganzen Präsenz, mit der Art und Weise, wie er Vincent an sich hielt, wie er ihn festhielt, unmissverständlich klar machte: Dieser Mann ist mein.