[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Vincent musste sich gehörig zusammenreißen, um nicht lautstark loszulachen. Thomas - verwirrt, überwältigt, und völlig durch den Wind - war einfach ein wundervoller Anblick.
      "Später", wiederholte er sich, nachdem Thomas von ihm abließ.
      Er konnte allerdings nicht verhindern, dass sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen legte.
      "Nora wird dir schon einen Anzug zurechtgelegt haben. Während du dein Bad nimmst, soll sie dir was zu essen machen - oder willst du lieber auf leeren Magen antreten? Ich kenne mich mit sowas nicht aus. Wenn irgendetwas außer deinen Waffen brauchst, lass es mich jetzt wissen. Dominic wird anwesend sein, aber versprich dir von ihm keine Hilfe. Ich weiß auch nicht, inwiefern ich dir helfen kann, also verlasse dich auch nicht auf mein Eingreifen."
      Vincent stoppte sich und atmete tief durch.
      "Entschuldige. Ich bin nicht derjenige, der in diesen Ring steigen muss, und trotzdem bin ich nervös genug für uns beide. Versprich mir, dass du das schaffst, damit ich dich nachher wegen gestern zusammenfalten kann, ja?"
      Er legte Thomas eine Hand an die Wange.
      "Versprich mir, dass du heute Nacht überlebst."


    • "Halbvoller Magen ist gut", bestätigte Thomas, dem nichts ferner gelegen hätte, als jetzt über irgendwelche Abendessen oder gar anzutretende Vampirkämpfe zu reden. Eigentlich wollte er die ganze Angelegenheit gerne klären, bevor er sich um James kümmern würde, aber da musste er sich wohl an den anderen anpassen.
      Behutsam legte er die eigene Hand über Vincents, der mehr als deutlich zum Ausdruck brachte, wie viel ihm daran lag, dass Thomas dort auch heil wieder herauskommen würde. Es beruhigte ihn, er fühlte sich geschmeichelt und er wollte eigentlich nichts lieber, als den Rest des Abends an Vincents Seite zu verbringen.
      "Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich heute Nacht überleben werde, damit du mich danach wegen gestern zusammenfalten kannst. Okay?"
      Er drehte den Kopf und küsste Vincents Handfläche.
      "Mach dir nicht so viele Gedanken. Das schlimmste, was ich mir jemals bei einem Kampf zugezogen habe, war ein Schulterbruch. Und das schlimmste überhaupt war eine knappe Unterkühlung, für die ich selbst verantwortlich war. Konzentrier dich lieber darauf, dass Vlad dir glaubt, damit kann ich dir nämlich nicht helfen."
      Er küsste auch Vincents Stirn und dann beschränkte er sich darauf, dicht bei ihm zu sitzen, seine Hand zu halten und den kurzen Moment der Zweisamkeit zu genießen, den sie an diesem Abend noch haben würden.

      Sie kamen bei Vincent an und Thomas verschwand im Badezimmer. Normalerweise würde er sich nicht für einen Vampirkampf herausputzen, aber er verstand die Notwendigkeit dahinter, eine gewisse Show zu liefern. Immerhin hatte Vincent recht deutlich gemacht, dass das einen hohen Stellenwert bei den Alten spielte: Eine Show zu bekommen. Und neben Vlad zählten auch Dominic und Vincent zu den Alten - und selbstverständlich James selbst.
      Also wusch er sich gründlich, bändigte seine Haare und kämmte sie anschließend zurück. Auf einen Anzug musste er allerdings verzichten, denn auch der beste Anzug behinderte ihn in seiner Beweglichkeit. Stattdessen trug er eine unkonventionelle Stoffhose, die mit versteckten Innentaschen ausgestattet war, ein Hemd und eine Weste. An der Weste befestigte er die kleineren Waffen, Wurfmesser, Dolche und Spritzen, größere Waffen würde er im Mantel halten. Die Weste war ausnahmsweise maßgeschneidert und die Schlaufen der Waffenhalterungen in einem komplizierten Knoten, den man nur durch einen speziellen Handgriff, der Thomas allein bekannt war, lösen konnte. An Unterarmen und Beinen befestigte er weitere Waffen und die Handgelenke versteckte er in speziellen Armbändern, die seine Hauptschlagader etwas schützen sollten, die er wiederum unter Bandagen versteckte. Nicht, dass der Sinn dahinter nicht offensichtlich wäre, aber er dachte sich, dass Vlad die Dramatik von Bandagen vielleicht besser gefallen würde.
      Er hatte sich schon lange nicht mehr so sehr ausgestattet und es fühlte sich gut an. Die Waffen lagen geräuschlos in ihren Halterungen, verdeckt wenn er den Mantel schloss und bis auf das wenige zusätzliche Gewicht, das er mit ihnen hatte, konnte er sie gar nicht spüren. Für Charles hatte er ein Buttermesser hergenommen, für James brachte er sein halbes Arsenal mit. Der Vampir sollte sich gefälligst etwas geschmeichelt davon fühlen.
      Fertig ausgestattet kam er herunter und aß, was ihm Nora noch auftischte, nachdem er sich bei ihr bedankt hatte. Er fühlte sich okay, fit genug, vielleicht sogar energetisch, wenn ihm Vincent noch einmal versichern würde, wie sehr er ihn liebte, dass er für ihn nicht sterben solle, dass er Vertrauen in ihn hätte. Himmel, der Mann müsste ihm nur sagen, dass er James umbringen sollte und Thomas würde genau das durchziehen, bis er drohte, seinen letzten Atemzug zu tun.
    • Vincent beschäftigte sich damit, sich einen passenden Anzug rauszusuchen. Es dauerte länger, als er erwartet hatte, aber nicht, weil er nicht wusste, was er anziehen sollte. Es war mehr, dass er sich nicht entscheiden konnte. Von jetzt auf gleich war ihm alles, was er über Vlad und dessen Vorlieben wusste, entglitten und seine Gedanken kreisten immer wieder zurück zu einem Thema: Thomas. Den Mann im Ring mit einem Alten zu sehen, ihm beim Kämpfen zuzusehen, das würde Vincent zerreißen. Allein der Gedanke daran machte ihm das Atmen schwer. Wie sollte er sich dabei darauf konzentrieren, Vlad um den Finger zu wickeln?
      Schlussendlich entschied sich Vincent für einen schlichten, aber überaus eleganten Anzug, in einem matten schwarz. Der fein gearbeitete Stoff allein ließ ihn in der heutigen Mode herausstechen. Dazu hatte er noch einen etwas anderen Schnitt; nicht viel anders als normal, aber doch genug, um bemerkt zu werden. Außerdem kämmte sich Vincent die Haare heute Nacht ein bisschen zurück, anstatt sie wie sonst einer Löwenmähne gleich fallen zu lassen.
      Unten tigerte er dann in seinem Salon auf und ab, nicht in der Lage, sich hinsetzen zu können.
      Schließlich war es soweit und er stieg mit Thomas in die Kutsche. Der Mann war schwerer bewaffnet als so manche Militärbrigade.
      "Thomas... ich werde heute vielleicht ein paar Dinge tun, die dir nicht gefallen. Ich werde Vlad näher kommen. Sehr viel näher. Bitte lass dich davon nicht ablenken, ja? Ich meine nichts davon ernst, egal was gestern zwischen uns vorgefallen ist."
      Er ergriff Thomas' Hand und drückte sie leicht, fing den Blick des Mannes ein, damit er wusste, wie ernst er seine Worte meinte. Und vielleicht auch, um sich selbst von deren Wahrheitsgehalt zu überzeugten.
      "Ich liebe dich, daran hat sich nichts geändert. Und genau deswegen musst du heute Nacht überleben. Erobere dein Territorium zurück. Tu es für Beth. Für deine Familie. Und egal, was ich tun werde, denke immer daran: ich bin dein."


    • Sämtliche Sorgen und Gedanken, die Thomas soeben noch an Vlad und den bevorstehenden Kampf verschwendet hätte, verpufften in dem Moment, als er Vincent im Salon erblickte. Vincent in seinem schwarzen, eleganten Anzug, der seinem gesamten Körper schmeichelte, mit seinen frisierten, gebändigten Haaren. Thomas' Herz machte einen Sprung bei dem Anblick seines Geliebten, der aussah wie ein Engel und wie ein Lord gleichzeitig und sämtliche anderen Gedanken verflüchtigten sich ins Nichts. Als der Mann auch noch seine hellen, wunderbaren, himmlischen Augen auf ihn richtete, versagte ihm seine Lunge den Dienst. Um Gottes Willen, Vincent war der schönste Mann, den Thomas' Augen jemals hatten erblicken dürfen. Es wäre ein Wunder, wenn Vlad das ablehnen könnte. Vincent war einfach zu perfekt.
      Gaffend wie ein kleiner Schuljunge folgte er ihm nach draußen und in die Kutsche hinein. Erst dort fiel ihm auf, wie nervös Vincent eigentlich war, und wenn ihn seine Worte nicht selbst etwas beunruhigt hätten, tat es das ganz definitiv die Stimmung des anderen.
      "Mir gefällt schon nicht, dass du so etwas sagen musst. Aber ich glaube dir. Ich vertraue dir."
      Wie zwei Magneten fanden ihre Hände zusammen und Thomas sah sich einem Blick ausgesetzt, der sich ihm ins Gedächtnis brannte. Vincent liebte ihn, er solle sein Territorium zurückerobern, er würde es für Beth tun. Als Beths Rache, für seine Familie - für Vincent. Vincent war sein.
      Thomas nickte schlicht.
      "... Okay. Ich liebe dich auch."
      Sie brachten ihre Gesichter zusammen, küssten sich, Thomas hielt Vincent fest, bevor er sich wieder entfernen konnte.
      "Ich. Liebe. Dich." Und mit einem Lächeln setzte er flüsternd hinzu: "Du bist wunderschön."
      Dann lehnte er sich zurück und mit einem wesentlich beruhigteren Gewissen setzte sich die Kutsche in Bewegung. Er würde Beth rächen, er würde es Vincent ermöglichen, sich aus den Klauen seines Meisters zu befreien. Das waren Vorsätze genug, um James in Grund und Boden zu stampfen.
    • Vlad erwartete sie auf einem der Sportplätze der Universität. Etwa zwei Meter hinter ihm kniete ein weiterer Mann in einem zerfledderten Anzug und verschnürt wie ein Paket. Jimmy trug eine Augenbinde und einen Knebel, seine Hände waren ihm auf dem Rücken zusammengebunden und seine Beine waren auf eine Weise gefesselt, die ihn in seiner knienden Haltung hielt. Die Fesseln des Mannes waren aus enganliegendem Draht. Vincent wusste aus Erfahrung, dass das keine Kupferdrähte waren. Zumindest nicht vollständig.
      "Steaua mea," grüßte Vlad und breitete die Arme aus, als er auf die beiden Männer zukam.
      Er schloss Vincent in eine kräftige Umarmung, die dieser natürlich brav erwiderte. Als sie sich voneinander lösten, strich Vlad ihm eine Strähne, die sich gelöst hatte, zurück hinters Ohr. Er suchte Vincents Gesicht ab, wahrscheinlich nach dem Schmerz, den er letzte Nacht darin gesehen hatte. Doch er fand nichts.
      "Bereit, deinen Jäger von der Leine zu lassen?" fragte Vlad, keinen Hehl aus seiner Vorfreude machend.
      "Sonst hätte ich ihn doch wohl kaum mitgebracht, oder?" gab Vincent zurück.
      Vlad lächelte, aber nicht auf die freundliche Weise. Es war das Lächeln eines Mannes, der Gewalt schätzte und kurz davor stand, ein Spektakel zu beobachten. Der Vampir wandte sich um und ging zu Jimmy rüber. Er ging vor dem Mann in die Hocke und nahm ihm die Augenbinde ab.
      "Jetzt weißt du, dass man den Leuten, die meinen Namen nennen, lieber glauben sollte, wenn sie das tun," sagte Vlad und wuschelte Jimmy durch die Haare, als seien sie alte Freunde.
      Vlad stand auf und schnipste. Vincent verdrehte die Augen. Natürlich hatte er die beiden mitgebracht.
      "Aleera. Marishka."
      Die beiden Frauen, schlanke Göttinnen mit Haus so perfekt und so bleich wie Porzellan, grinsten und entblößten dabei ihre Fangzähne. Sie waren noch wildere Raubtiere als Vlad, beinahe so, als hätten sie nie gelernt, sich zu kontrollieren. Eine detailliert ausgearbeitete Täuschung für den Rest der Welt, ja, aber Vincent kannte die Wahrheit und wusste, dass die Kampfhund-Analogie eigentlich ziemlich passend war.
      "Hallo Vincent," flötete Aleera, die mit dem glatten, rabenschwarzen Haar.
      "Lange nicht mehr gesehen," kam es von der anderen, Marishka, mit ihrer kupfernen, wildgelockten Mähne.
      Vlad brummte kaum hörbar und die beiden Frauen setzten sich in Bewegung. Sie schnappten sich Jimmy und trugen ihn zu einer Seite der Sportwiese. Vincent nahm das als Zeichen, sich besitzergreifend bei Thomas unterzuhaken und ihn zur anderen Seite der Wiese zu führen.
      "Er ist unbewaffnet," informierte er Thomas. "Die Drähte enthalten Silber, oder waren mit Silber bestäubt. Aleera und Marishka werden sie lösen, aber nicht wegräumen, falls du damit was anfangen kannst."
      Er lächelte Vlad über das Feld hinweg zu, winkte sogar ganz unschuldig, bevor er sich Thomas zuwandte und ihm die Hände auf die Schultern legte.
      "Ich schätzte Jimmy auf etwa 150 Jahre ein. Er ist nicht so alt wie ich, aber auch nicht gänzlich unerfahren. Das Silber wird ihm für ein paar Minuten noch den Kopf ein wenig vernebeln. Je länger das hier dauert, desto schwerer wird es für dich werden."
      Er legte Thomas eine Hand an die Wange. Er konnte ihm nicht die volle Liebe zeigen, die er führ ihn empfand, sondern nur einen billigen Abklatsch, dem man einem geliebten Haustier zukommen lassen würde.
      "Das ist der Mann, der deinen Tod angeordnet hat. Und weil du nicht da warst, haben sich seine Jünglinge Beth geschnappt. Ich kann nicht sagen, dass ich ein Freund von Rache bin, aber wenn es diese Wut braucht, damit du gewinnst, dann benutze sie. Jedes Mittel ist mir Recht. Töte diesen Vampir."
      Er drehte sich um und deutete auf Jimmy, der jetzt stand, und nur von den beiden sehr viel älteren Frauen links und rechts von ihm festgehalten wurde. Thomas herumzukommandieren wie einen Hund schnürte ihm die Brust zu, aber er hatte keine andere Wahl.
      Er warf Thomas einen letzten Blick zu, dann gesellte er sich zu Vlad an den Rand des Feldes. Der andere Vampir nickte den Frauen zu und diese ließen Jimmy los, bevor sie sich auf die andere Seite des Feldes, gegenüber von Vlad und Vincent stellten. Offenkundig würden sie sicherstellen, dass niemand einfach davon lief. Jimmy schien sein Schicksal zu begreifen und fokussierte sich nach einem langen Augenblick auf Thomas. Der Vampir hatte begriffen, dass er den Jäger schlagen musste, wenn er hier lebend rauskommen wollte.


    • Thomas war nicht besonders glücklich darüber, Vlad wiederzusehen. Er sah ihn und sein Herz, das er in eisernem Griff konstant hielt, drohte ihm aus der Brust zu springen.
      Der Sportplatz lag auf der anderen Seite des Gebäudes, der Straße abgewandt, umrandet von der länglichen Architektur der Universität. Es gab keine Sicht auf die Straße oder andere Gebäude und Kutschen waren auch nicht zu hören - vielleicht, weil es zu spät nachts war, vielleicht, weil sie hier gänzlich abgeschieden waren. Thomas waren diese Erkenntnisse wichtig, denn sie offenbarten ihm eine wesentliche Tatsache über Vlad: Er wollte diesen Kampf unter keinen Umständen unterbrechen. Diese Nacht würde eine Leiche hervorbringen und Thomas war mit jeder Faser seines Körpers bestrebt darum, dass es nicht seine werden würde. Aber so ging es vermutlich auch seinem Widersacher.
      James war von oben bis unten verschnürt, eine unbewegliche Statue, die voller Demut, wie es schien, auf dem Boden kniete. Man hatte ihn seiner Sicht beraubt und auch der Fähigkeit, Einwände gegenüber dieser ganzen Sache zu erheben, aber Thomas glaubte, dass das nicht etwa geschehen war, um den Vampir ernsthaft unter Kontrolle zu behalten, sondern viel eher weil es Teil des Spiels war, das Vlad hier veranstaltete. Von Vincent hatte er immerhin recht früh erfahren, dass es älteren Vampiren nicht mehr um Gewalt ging, sondern um viel abstraktere Dinge. Und eines davon beinhaltete wohl, dass Vlad seinen Ringkämpfer vorführen ließ wie einen Sklaven.
      Beide Vampire begrüßten sich auf mittlerweile bekannte Art und Weise und Thomas blieb im Hintergrund stehen so wie der loyale, gewissenlose Anhänger, der er sein sollte. Er beobachtete die Zärtlichkeit, die von Vlad für Vincent ausging und im deutlichen Kontrast zu seiner Behandlung für James stand und spürte dann einen kalten Schauer über seinen Rücken jagen, als ein raubtierartiges Grinsen Vlads Gesicht spaltete. Schließlich wandte er doch den Blick davon ab; es gab ein gewisses Limit an Horror, das er ertragen konnte, und nachdem er noch einen beträchtlichen Teil des Abends in Vlads Gegenwart verbringen würde, wollte er es nicht allzu früh ausschöpfen. Sein Blick fiel daher auf die anderen beiden Begleiterinnen, die ja zumindest etwas schöner anzusehen waren. Allerdings hatten sie einen Blick in den Augen, der nur mit einem Jagdtrieb gleichzusetzen war. An diesem Abend würde nichts auf der Welt den Jäger zurückdrängen und den Arzt, oder gar Thomas hervorholen. An diesem Abend waren seine Sinne geschärft, seine Hände unbewegt, seine Haut kühl und sein Herzschlag langsam und ruhig. An diesem Abend würde Vampirblut fließen.
      Die Frauen nahmen sich James und Thomas ließ sich von Vincent beiseite ziehen. Er hatte bereits angefangen, auch Vincent nur noch als das zu betrachten, was er schlussendlich war und das wollte er jetzt nicht unterbinden. Er lauschte dem Vampir und nickte. Seine Hand legte sich an seine Wange, aber mehr kam nicht. Eine Liebesbezeugung hätte ihn womöglich noch aus der Konzentration geholt.
      "Okay."
      Er nickte ganz mechanisch, dann richtete er seinen Blick auf den angedeuteten Vampir, den man zumindest von seinen Fesseln befreit hatte. An diesem Abend würde Vampirblut fließen, für Beth. Thomas richtete seinen Mantel, dann ging er mit langen Schritten auf ihn zu.

      Sie versammelten sich auf dem Platz, die beiden Frauen auf einer Seite, die beiden Männer auf der anderen und Thomas mit James dazwischen. Der Vampir stand aufrecht in einer Haltung, die Selbstbewusstsein ausstrahlen sollte, die aber etwas im Kontrast zu seinem verkniffenen Gesicht stand. Er hatte keine Wunden, keine sichtbaren Verletzungen, an denen man seine vorherige Behandlung hätte erkennen können, aber das war auch nicht notwendig um zu wissen, dass dieser Mann weder freiwillig hier war, noch es wagen würde, sich ernsthaft gegen Vlad aufzulehnen. Sein Blick war unstet, zuckte immer mal wieder zu dem älteren Vampir hinüber, huschte dann wieder weg, als könne er Schmerzen leiden, wenn er den anderen nur zu lange ansah. Schließlich fixierte er Thomas und die Muskeln in seinem Kiefer arbeiteten. Sein Blick war stechend, eindringlich, seine Gesichtsmuskeln steif. Thomas starrte zurück und zog dann ein langes, geschwungenes Jagdmesser hervor.
      Es gab keinen Startpunkt oder etwas dergleichen. Niemand sagte ihnen, wann sie anzufangen hätten, auch wenn der Jäger das vermutlich erwartet hätte. Alle starrten nur und der Jäger, der sich hier deutlich mehr Vampiren gegenüber befand als ihm recht war, wartete auf das erste verräterische Zucken - von welcher Seite auch immer. Die Nacht war kalt, der Wind stach auf seiner Haut, das Messer lag mit einem vertrauten Gewicht in seiner Hand. Er starrte und er wartete.
      Als 20 Sekunden vergangen waren, ohne dass einer sich auch nur gerührt hätte, geschweige denn sich bewegt hätte, begriff er erst, dass der andere vermutlich Zeit zu schinden versuchte - Zeit, in der sich sein Körper von dem Silber erholen sollte. Natürlich hätte ihm das früher auffallen können, aber ohne einen tatkräftigen Beweis musste er noch immer damit rechnen, dass der andere zu jeder Zeit nach vorne stürmen könnte. Also ging er mit langsamen Schritten auf ihn zu.
      Der Schnee knarzte unter seinen Stiefeln. Der Vampir rührte sich nicht, starrte nur. Der Jäger kam ihm näher und der andere wich nicht zurück. Im Hintergrund waren die beiden Frauen zu Säulen erstarrt.
      Als Thomas nur noch etwa anderthalb Meter entfernt war, nahe genug um etwas zu werfen und womöglich auch zu treffen, stieß er mit einem Satz nach vorne, blinzelte nicht und sah den Vampir trotzdem verschwinden. Sein Messer stach in die Luft und er wirbelte herum mit der Erwartung, den typischen Angriff in den Rücken zu erhalten, aber James war schon auf der anderen Seite des ihnen zugestandenen Feldes wieder aufgetaucht und starrte Thomas nur an. Zeit schinden - oder vielleicht wollte er auch mit Thomas spielen. Der Jäger würde keines von beidem zulassen.
      Er machte erneut keinen Hehl daraus, was er vorhatte, und kam mit zielstrebigen Sätzen auf den Vampir zugerannt. Er löste zwei Wurfmesser aus den Schlaufen seiner Weste, hielt das Schwert im Anschlag, kam ihm näher, holte aus, zwei Meter dann nur noch anderthalb, stieß nach vorne und drehte sich im gleichen Augenblick schon um. Der Vampir verschwand und Thomas' Stimme durchbrach die eisige Nachtluft.
      "HEY!"
      Er konnte ihn hören. Es war nicht viel, eigentlich zu leise und zu fadenscheinig, um ein ernsthaftes Geräusch darzustellen, aber nachdem die anderen vier Zuschauer in absoluter Regungslosigkeit verharrten, hörte Thomas das feine Knirschen eines zu stark aufgetretenen Schrittes im Schnee. Vincent hatte ihm vor ein paar Tagen eröffnet, einen Vampir, der um ihn herumschlich, mit Geräuschen aus seiner Konzentration zu bringen und hiermit hatte er jetzt den Beweis. James machte einen Fehler.
      Thomas wirbelte herum und schleuderte die beiden Wurfmesser mit dem Schnippen seines Handgelenks. Das eine flog zu weit nach rechts, das andere flog zu weit nach links und schien so offensichtlich falsch zu liegen, dass er für einen Augenblick schon selbst an seiner Fähigkeit zweifelte. Sein Großvater hatte in all seinen Notizen betont: Niemals direkt auf einen Vampir zielen. In der Zeit, in der das Geschoss fliegt, ist er bereits an einem anderen Ort. Und Thomas hielt sich daran, aber vielleicht hatte er das Geräusch falsch eingeschätzt.
      Eine halbe Sekunde später wurde klar, dass er das nicht hatte. Ein Messer traf, denn James tauchte plötzlich auf, drei Meter weiter von der Stelle, an der Thomas ihn zu hören geglaubt hatte und wirbelte zu ihm herum. Der Ärmel seines Mantels war offensichtlich aufgerissen, ein nasser Blutfleck machte sich dort breit. Das Messer hatte ihn gestreift. Thomas hatte etwa einen Herzschlag lang Zeit, sich über diesen Erfolg zu freuen, da schwand die Iris des Vampirs fast vollkommen, bis es den Anschein machte, als wären seine Augen durchgehend weiß und scharfe, lange Fangzähne schoben sich zwischen seinen gekräuselten Lippen hervor. Er hatte genug von dem Spiel. Jetzt würde er ihm nicht mehr ausweichen.
      Thomas konnte gerade noch zucken, weil er die unmerkliche Veränderung im Körper des Vampirs bemerkt hatte, da verschwand der andere und tauchte im selben Augenblick vor ihm auf. Thomas riss seinen Arm empor, das Jagdmesser gedreht, die Klinge an seinem Unterarm anliegend, ein Schutz gegen seine Vermutung, dass der andere nach seinem Handgelenk greifen würde. Aber Alte kämpften nicht mit dem Instinkt, das hatte Vincent ihm gesagt. Sie kämpften mit Kopf.
      James griff daher nicht in die offensichtliche Silberklinge, er holte aus und schlug seitlich zu. Der Jäger hatte gerade noch genug Zeit seinen anderen Arm entsprechend auszurichten, da kam die Faust, wurde haarscharf an seinem Kopf vorbeigedrückt und brach ihm stattdessen den Daumen seiner abwehrenden Hand. Thomas hatte aber keine Zeit für den aufflammenden Schmerz, er warf sich gegen James, versuchte, dessen Arm zwischen sich und dem anderen einzuzwängen und drehte sich nach außen hin weg. Der Vampir hätte bleiben können, hätte ihn mit dessen anderen Arm in seine Gewalt bringen können, aber nicht Thomas' Messerarm, der den Schwung seiner Drehung mit sich nahm und nach außen zielte. Er hätte eine Silberklinge in die Hüfte bekommen, und das auch noch bis zum Anschlag, wenn er geblieben wäre, und daher war es nicht sonderlich verwunderlich, dass der Vampir im nächsten Moment schon wieder verschwunden war und Thomas sein Messer in die Luft jagte.
      Er drehte sich mit seinem Schwung weiter. James tauchte auf seiner anderen Seite wieder auf, die Hand nach ihm ausgestreckt, auf der dem Messer abgewandten Seite. Thomas zuckte nach unten hin weg, dem reinen Instinkt folgend, und wich damit dem Griff aus. James ließ sich hereinlegen und trat nach ihm. Thomas hatte etwa eine Sekunde Zeit, den feinen Stacheldraht aus seiner Schlaufe zu lösen - der Schmerz in seinem Daumen explodierte dabei und katapultierte seinen Herzschlag in die Höhe - und wie eine Peitsche damit zu schlagen. Das Bein traf ihn in den Magen und presste die Luft aus seiner Lunge im selben Moment, als der Stacheldraht sich um den Oberschenkel wickelte. Thomas wurde von der Wucht des Tritts weggeschleudert und rollte durch den Schnee, bevor er den Schwung nutzte, um in derselben Bewegung wieder aufzuspringen. Adrenalin rauschte ihm jetzt durch den Körper und verdrängte den Schmerz, der seinen Magen verkrampfen ließ. Eisige Luft strömte in seine Lunge und füllte sie wie tausend Nadelstiche. Thomas schnappte danach.
      James gab ein Geräusch von sich, das vielleicht ein Knurren sein könnte, vielleicht aber auch ein Winseln. Er starrte auf den silbernen Stacheldraht hinab, der sich wie eine Schlange um sein Bein gewickelt hatte und nach seinem Blut zu verlangen schien. Seine Hose färbte sich dunkel und er brachte eine zögernde Hand hinab, die für einen Moment über den Dornen schwebte. Thomas hatte aber nicht vor, ihm genug Zeit zu geben darüber nachzudenken, was er mit dieser Sache anfangen sollte. Er riss das nächste Wurfmesser hervor und warf.
      James entschied sich. Er wich dem Messer aus und packte den Stacheldraht mit bloßer Hand. Die Dornen bohrten sich durch seine Haut, an mehreren Stellen vermutlich, tiefer noch, als er daran riss. Blut sickerte herab, tropfte in den Schnee. James knurrte, knurrte jetzt wirklich, riss die Schlinge von seinem Bein, hob sie hoch - und peitschte jetzt selbst damit nach Thomas. Der Jäger sprang zurück, aber nicht weit genug. Er riss den Arm empor, den von seinem anliegenden Messer geschützten Arm, und der Draht wickelte sich um seinen Unterarm.
      Diesen Schmerz konnte das Adrenalin nun nicht verdecken. Die Stacheln bohrten sich durch seine Haut und fesselten seine Klinge an seinen Unterarm. Sie verletzten ihn nur an der Oberseite seines Armes und auch nicht an seinem Handgelenk, nachdem er dort die Bandagen noch trug, aber sie bissen ihm an mehreren Stellen in den Arm und trieben seinen Herzschlag in die Höhe. Thomas zischte, hellrotes Blut quoll aus den verschiedenen Stichstellen hervor. Seine Hand war damit unbrauchbar geworden, er konnte das Messer nicht loslassen, es war an seinen Unterarm gebunden, der Daumen seiner anderen Hand war gebrochen. Er konnte gar kein Messer mehr schwingen.
      James muss das wohl auch bemerkt haben, muss die vorherige Veränderung in seinem Herzschlag mitbekommen haben, denn jetzt packte er den Stacheldraht umso fester und zog daran. Die Stacheln trieben weiter in Thomas Arm hinein, versiegelten zumindest die Blutung, zogen ihn nach vorne. Er kämpfte gegen den Schmerz an, weigerte sich, aus seiner eisernen Konzentration zu fallen, wenn er noch nicht einmal genug Blut verloren hatte, dass es bedrohlich gewesen wäre, und bemerkte im Hintergrund, dass James nicht fest genug zog, um ihn von den Füßen zu holen. Das Silber, die Wunden hatten ihn geschwächt. Wenn es einen Moment gegeben hätte, ihn zu überwältigen, dann war es dieser, bevor er sich wieder von seinen Verletzungen erholt hatte.
      Thomas holte das nächste Messer hervor, hielt es zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner freien Hand. Wenn er so zustieß, würde er sich den Zeigefinger brechen, sobald Widerstand da wäre, aber lieber brach er sich jeden einzelnen Finger, bevor er James gewinnen lassen würde. Er richtete das Messer aus und kam auf den Vampir zugelaufen.
      James ließ den Stacheldraht los. Er erwartete den Jäger, wartete auf seinen Schwung und verschwand, bevor die Klinge ihn gestreift hätte. Aber er war nicht mehr so fehlerfrei wie am Anfang, nicht mehr so leise und nicht mehr so kontrolliert, denn Thomas spürte den Luftzug. Er wich aus, noch ehe er sich vollständig zu ihm umgedreht hatte und warf sich gegen ihn. Er rammte den Vampir mit der Schulter, fuhr mit dem Messer auf ihn ein in dem Moment, in dem der andere um Balance kämpfen musste, und wurde aufgehalten. Finger hatten sich um sein Handgelenk gewickelt und er ließ die Waffe los, bevor die Anspannung seiner Muskeln ihm die Knochen brechen würde. Der vermeintliche Handgelenkbruch kam aber nicht, stattdessen riss James ihn herum und warf ihn zu Boden.
      Thomas kam auf dem Rücken auf, härter als geplant, zog die Beine an und trat zu, als der Vampir über ihm auftauchte. Er traf, James ächzte, Thomas knurrte. Sein Arm pulsierte, sein Daumen brannte, sein Magen krampfte. Er zog das nächste Messer hervor und der andere schlug es ihm aus der Hand.
      Sie rangen miteinander, auch wenn man das vielleicht kaum so beschreiben mochte. Thomas hielt in regelmäßigen Abständen seinen pulsierenden Arm vor sein Gesicht, auch wenn er sich die Stacheln damit selbst in den Kopf getrieben hätte, wenn der andere nur fest genug geschlagen hätte, aber James hielt sich ganz methodisch von seinem von Silber überzogenen Arm fern. Er hatte wohl selbst entdeckt, dass er genug Silber für diesen Abend hatte und versuchte daher, von der anderen Seite an Thomas heranzukommen. Er rammte ihm das Knie in den Magen und wenn er bei vollen Kräften gewesen wäre, wäre Thomas an dieser Stelle gestorben. So prustete er nur und sah dunkle Flecken vor seinem Gesicht tanzen, während heißer Schmerz über seinen Bauch hinweg rollte. Eine Hand verharkte sich in seinen Haaren, zog daran, riss seinen Kopf beiseite. Er bekam dafür einen Hals zu fassen, quetschte den Adamsapfel, rammte die Faust seines geschundenen Armes in James' Gesicht. Der Vampir fauchte. Er drückte Thomas mit der Kraft eines geschundenen Vampires, die immernoch groß genug für ihn war, zu Boden und schnappte mit seinen Fangzähnen nach ihm. Thomas hielt seinen von Stacheldraht umwickelten Arm rigoros zwischen sich und das beißende Maul und fischte mit der anderen Hand an seiner Weste herum. Er riss eine seiner Spritzen von ihrer Schlaufe, zielte ein einziges Mal, richtete seine Hand aus, unbewegt und höchst präzise, und stach zu.
      Die Spritze zerbrach. Eine helle, zähe Flüssigkeit ergoss sich über seinen Arm und seine Schulter, flüssiges Silber, nichts, was ihn in irgendeiner Weise verletzte. Splitter lagen in seiner Hand, aber auch sie verletzten ihn nicht. Allerdings steckte die Nadel zielgenau in James' Arm; der Kampf war damit vorbei, nur wusste das keiner - keiner, bis auf Thomas.
      Der Vampir löste sich gerade lang genug von ihm, um die Nadel herauszureißen und wegzuwerfen, aber das reichte Thomas schon aus um die Beine anzuziehen und ihn mit einem Ruck von sich zu stoßen. James taumelte rückwärts, Thomas sprang auf, zog das nächste Messer hervor. Der Schmerz in seinem Körper machte ihn schwindelig, sein eigener Herzschlag pochte ihm in den Ohren und der Schweiß lief ihm, trotz eiskaltem Wetters, von der Stirn. Er keuchte und er hob das Messer an. An diesem Abend würde Vampirblut fließen.
      James war auch nicht mehr ganz ungeschunden mit seinem dunkel gefärbten Bein, dem Schnitt an seinem Arm und einer Prellung im Gesicht, wo Thomas ihn mit seiner um den Schwertgriff geschlungenen Hand getroffen hatte. Die Wunde verheilte nicht, nicht schnell und auch nicht langsam, sondern gar nicht. Thomas wusste, dass es vorbei war, er musste nur noch durchhalten. Nur ein paar Sekunden.
      James kam auf ihn zu und Thomas wich zurück. Er hielt seinen verletzten Arm noch immer vor sich, mittlerweile schmerzte ihm auch die Schulter vom ständigen Hochhalten. James bleckte die Fangzähne, Thomas hielt das Messer vor sich. James grapschte nach ihm und Thomas sprang zurück. James verschwand und Thomas wirbelte zu langsam herum, da wickelten sich dicke, kräftige Finger um seinen Hals.
      Für drei rasante, abgehackte Herzschläge lang war Thomas in der Gewissheit gefangen, dass das hier nun wirklich das Ende war. Ein richtiger Druck nur und seine Hauptschlagader wäre ihm im Hals zerplatzt und hätte ihn unvermeidlich getötet. Sein eigenes Messer war noch immer in Bewegung, da hatten die Finger ihn schon längst erreicht.
      Aber dann löste sich der Griff mit einem Mal und Thomas drehte sich vollständig um, um rechtzeitig mitzubekommen, wie James zu Boden fiel.
      Eigentlich fiel er nicht einmal direkt, sondern strauchelte nur, schien um seine Balance zu kämpfen und ging dann einfach über nachgebenden Beinen hinweg ein. Er kniete erst auf dem Boden, dann fiel auch sein Oberkörper zur Seite, als hätte er keine Kraft mehr, sich aufrecht zu erhalten.
      Thomas keuchte. Er wandte den Blick nicht von ihm ab, auch dann nicht, als James einen ganz offensichtlichen Versuch machte, sich wieder aufzusetzen, und daran scheiterte. Ein Zittern ging durch seine Muskeln und seine Augen wurden groß, riesig sogar, so riesig, dass Thomas das Mondlicht in ihnen funkeln sehen konnte.
      "Was...?"
      Mit der Zerstörung der Spritze hatte der Luftdruck das Silber durch die Nadel befördert. Thomas hatte sie eigens so konzipiert, dass er sie so schnell wie möglich abfeuern konnte. Und Thomas hatte die Hauptschlagader getroffen. Thomas verfehlte nie sein Ziel.
      James' Körper wurde von Krämpfen heimgesucht, dunkle Linien breiteten sich von dem Punkt aus, an dem Thomas ihn getroffen hatte. Sie sahen Vincents Linien vor ein paar Wochen in jeglicher Hinsicht völlig ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass diese hier sich rasend schnell bis zur Schulter hinauf zogen und von dort aus in den ganzen Körper vordrangen. James zuckte und starrte mit geweiteten Augen auf einen unbestimmten Punkt, so als könne er nicht fassen, was dort gerade vor sich ging. Die Schmerzen, die er durchleiden musste, weil das Silber ihm durch die Adern selbst floss, mussten so groß sein, dass sie ihm das Gehirn versperrten. Er zuckte und Thomas richtete sich endlich auf und hob den Kopf.
      Sein erster Blick galt Vincent. Er registrierte den Mann auf der anderen Seite des Feldes, eine unbewegte Gestalt, die den Blick vielleicht erwidern mochte, vielleicht aber auch nicht. Es war zu weit entfernt, um es zu erkennen.
      Sein zweiter Blick galt Vlad.
      Seine Augen fixierten sich auf den Vampirmeister, während James vor ihm auf dem Boden zuckte und Geräusche von sich gab, als würde er jeden Augenblick ertrinken. Er starrte Vlad an, während er das Messer in seiner geschundenen Hand anhob und sich auf den Boden kniete. Erst im letzten Moment blickte er auf den sich windenden, gurgelnden, krampfenden Vampir hinab, hob dann das Messer und stieß in einer sauberen, präzisen Linie direkt durch sein Herz.
    • Vincent hatte schon so einige Sachen in seinem langen Leben durchgemacht, die ihn an die Grenzen seiner Selbstbeherrschung gebracht hatten. Doch nicht, was ihm in den letzten zweihundert Jahren widerfahren war, hatte ihn so sehr getroffen wie das, was er in dieser Nacht beobachten musste.
      Vlad stand an seiner Seite, begeistert von der Show, die er heute Nacht geboten bekam. Er war wie ein römischer Imperator im Kolosseum, der seinen Gladiatoren dabei zusah, wie sie den Löwen gegenübertraten. Hier und da bemerkte Vincent sogar, wie der andere Vampir die Bewegungen der Kämpfer nachahmte. Er wollte sich am Liebsten übergeben.
      Vincent hörte jeden Schlag, jedes Knacken und Reißen der beiden Körper. Er biss sich auf die Zunge, als er sah, wie Thomas seinen Arm schonte, schmeckte sein eigenes Blut. Seine Hände schmerzten, weil er sie so fest zu Fäusten ballte. Alles in ihm, jeder Zentimeter seiner Selbst, schrie danach, zu ihm zu rennen, ihn vor dem Monster zu beschützen. Doch er rührte sich nicht. Er konnte nicht. Wenn er selbst diesen Kampf unterbrach, dann war alles verloren. Vlad würde herausfinden, was sie planten und er würde sie in der Luft zerfetzen. Und so stand Vincent einfach nur da, wie eine biblische Salzsäule, und sah dabei zu, wie die Liebe seines Lebens beinahe getötet wurde. Aber eben nur beinahe.
      Er begann zu lächeln, als er das Zerspringen von Glas hörte. Er hatte keine Ahnung, was es zu bedeuten hatten, nicht genau jedenfalls, aber er hatte einen Teil von Thomas Bewaffnung gesehen. Vincent wusste, wenn der Wissenschaftler und der Jäger in Thomas zusammenarbeiteten, dann hatte kein Vampir dieser Welt eine Chance gegen ihn.
      Und er sollte recht behalten. Es dauerte nicht lange und Jimmy begann zu straucheln. Die Kraft verließ ihn ebenso schnell wie die Kontrolle über seinen eigenen Körper. Vincent kannte diese Symptome. Und er wusste wie schmerzhaft sie sein konnten. Er hatte nur einen kleinen Teil Silber abbekommen; Jimmy musste gerade erfahren, wie sich die leibhaftige Hölle anfühlte. Vincent schwellte die Brust vor Stolz an.
      Vlad, der die ganze Zeit immer irgendwie in Bewegung gewesen war, wurde ganz ruhig. Vincent war ihm einen Blick zu und erkannte, warum. Der Vampir hatte sich nie viel um Jäger geschert - sie konnten ihm nichts anhaben. Aber Thomas bewies gerade, dass er ein wahrhaftiger Krieger war. Ob Vlad wollte oder nicht, er musste die Stärke des Menschen wertschätzen.
      Marishka und Valeera jubelten auf der anderen Seite des Feldes, vollkommen mitgerissen von Thomas' Darstellung. Vlad nickte sogar anerkennend.
      "Kräftiges Kerlchen hast du dir da angelacht," brummte er.
      Vincent zuckte unschuldig mit den Schultern.
      "Jimmy hat ihn eben wütend gemacht. Ich hab ihm gesagt, das alles zurückzuzahlen. Es ist fast schade, dass er der letzte Van Helsing ist. Überleg mal, was eine ganze Sippe davon anstellen könnte."
      Vlad brummte erneut, den Blick noch immer auf Thomas gerichtet.
      "Sieh zu, dass du seine Leine kurz hältst," riet er dann, bevor er sich Vincent zuwandte, ihm einen Kuss auf den Scheitel drückte und dann ging.
      Vincent sah ihm kurz nach, dann schlenderte er zu Thomas auf die Wiese. Es kostete ihn einiges an Willenskraft, nicht einfach zu ihm zu rennen, ihn in seine Arme zu schließen und nach Hause zu bringen, um sich um ihn zu kümmern. Stattdessen ging er neben Thomas in die Hocke und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
      "Das hast du gut gemacht, Thomas," sagte er sanft. "Jetzt komm. Wir müssen dich wieder zusammenflicken."
      Er warf Vlads Freundinnen einen kurzen Blick zu, dann führte er Thomas von dem Feld. Bevor sie außer Sichtweite der beiden waren, hörte Vincent Dominics Stimme, wie er sich mit den Frauen unterhielt. Die drei würden jetzt aufräumen und dafür sorgen, dass nichts hiervon am Morgen noch zu sehen war.

      Vincent behandelte Thomas aus zweierlei Gründen mit äußerster Vorsicht. Einerseits wusste er nicht, wie schwer Thomas verletzt war und er wollte ihm nicht wehtun. Andererseits wusste er, dass er aktuell ein Vampir und Thomas ein Jäger war, nicht mehr. Und besagten Jäger, der bis an die Zähne mit Silber bewaffnet war, wollte er nicht reizen.
      Die Kutschfahrt zu seinem Stadthaus dauerte in seinen Augen viel zu lange, auch wenn sie nicht länger brauchten als sonst. Nora stand bereits mit allem Verbandsmaterial bereit, das sie hatten - und sie hatte mehr besorgt, nachdem die beiden Männer gegangen waren. Vincent führte Thomas ins Frühstückszimmer - er wollte ihm erst einmal keine Treppen zumuten.
      "Sag mir, was ich tun kann", bat er Thomas, nachdem er den Mann dazu gebracht hatte, sich auf einen Stuhl zu setzen.
      Nora brachte derweil eine Schüssel mit heißem Wasser und eine Schale mit Eiswürfeln in den Raum. Sie war, genauso wie Vincent, daran gewöhnt, Wunden zu versorgen, auch wenn sie normalerweise anderen Ursprung hatten. Aber auch sie mussten eigentlich einen Arzt für die schlimmeren Verletzungen rufen. Das ging aber nicht bis zum Morgen.
      "Sag mir, wie ich dir helfen kann."


    • Es war Vincent, der über das Feld hinweg zu Thomas kam und den Kampf ganz offiziell beendete. Hätte er es nicht getan, hätte Thomas gewartet - gewartet, dass der nächste sich ihm stellen würde, ohne es zu hinterfragen. Er hätte auf Vlad gewartet.
      Aber stattdessen sah er zu Vincent auf und der sanfte, beruhigende Tonfall seines Freundes breitete sich in einer warmen Welle durch seinen Körper aus. Er hatte es gut gemacht, Vincent war stolz auf ihn. Sein Herz machte einen Sprung, der in keinster Weise vom Kampf rührte.
      Wortlos nickte er, zog das Messer mit einem glucksenden Geräusch aus dem Körper heraus und wischte das Blut grob an der Leiche ab, bevor er sich aufrichtete. Sein Körper wurde noch immer von dem Adrenalin getrieben, der einzige Grund, weshalb er den Stacheldraht in seinem Arm nur als fernes Stechen spürte und seinen gebrochenen Daumen als brennendes Pulsieren. Nachher würde das alles sehr viel schlimmer werden, das wusste er, aber im Moment, als sie zu zweit von der Wiese gingen und die Universität verließen, in beinahe schon friedlicher Zweisamkeit, war ihm das alles nur halb so wichtig. Er konzentrierte sich auf Vincents Präsenz, auf ihre gemeinsamen Schritte im Schnee und dachte darüber nach, dass seine Verletzungen kaum in Relation dazu standen, was er für Vincent gewillt war auf sich zu nehmen. Der Mann hatte vermutlich gar keine Ahnung, wie sehr Thomas ihn liebte.
      Erst später in der Kutsche holte die Realität zu ihm auf, als das Adrenalin versiegte und das ruckelnde Gefährt Thomas' Schmerzempfinden auf ein Grenzniveau hochschaukelte. Er konnte jede noch so kleine Bewegung in den Stacheln des Drahtes um seinen Arm spüren und egal, ob er ihn auf seinem Oberschenkel ablegte oder in die Luft hielt, er konnte spüren, dass etwas in ihm war und das war wohl viel schlimmer, als sich vor James' zuschnappendem Kiefer schützen zu wollen. Er schloss die Augen und weil er Vincents Hand nicht halten konnte, ohne dass die Schmerzen zunahmen, drückte er das Bein gegen den anderen und konzentrierte sich darauf, ordentlich zu atmen. Ein und wieder aus, ein und wieder aus. Die Stacheln in seinem Arm waren wie Würmer, die sich durch sein Fleisch zu graben schienen und ihren Weg zu seinem Knochen bahnten, auch wenn er wusste, dass das nicht stimmte. Ein und wieder aus.
      Sie kamen bei Vincent an und diesmal war es ein Akt, sich zu bewegen. Thomas fühlte sich benommen und beschwerte sich noch nicht einmal, dass Vincent ihm ins Haus half. Er ließ sich auf den Stuhl fallen und konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, als die Stacheln sich in ihm bewegten. Dabei hatte der schwierige Teil noch gar nicht bekommen.
      "Gib mir... uhm..."
      Er platzierte den stachligen Arm auf dem Tisch und rieb sich mit der anderen Hand über das Gesicht, nur um dabei aufzuzischen, weil er seinen Daumen berührt hatte. Mittlerweile wurde nichts von den Schmerzen mehr gedämpft, er spürte sie an all ihrer rohen Gewalt.
      "Ich brauche etwas zum Abbinden. Bring mir ein Band oder ein Seil oder irgendwas. Okay?"
      Vincent verschwand sofort, der Engel der er war, und Thomas sah Nora lethargisch dabei zu, wie sie die Schalen herrichtete. Er wusste, dass er helfen sollte, aber er konnte sich einfach nicht dazu aufraffen, auch nur einen Muskel zu rühren. Wenn er sich gar nicht bewegte, fielen seine Schmerzen zumindest zu einem konstanten Brennen ab.
      "Können Sie Wunden nähen, Nora? Ich denke, das könnte gleich notwendig sein." Er blickte auf den Teil des Stacheldrahts hinab, der nicht in seinem Arm steckte. "Die Stacheln sind nicht sehr lang, aber sie sind dick und es sind viele. Vielleicht sollten wir das lieber draußen machen? Ich möchte Ihnen nicht den Boden vollbluten."
      Natürlich weigerte Nora sich dagegen - immerhin schienen sie und Vincent aus dem selben Holz geschnitzt - und kaum ein paar Sekunden später war der andere auch schon wieder da. Er ließ sich von Thomas instruieren, wie er seinen Arm abzubinden hatte, damit der Blutfluss eingedämmt, aber der Arm nicht ganz abgeschnürt war, und stand dann wieder parat, als könne er es gar nicht abwarten, seine nächste Anweisung zu erhalten. Thomas gefiel die Sorgenfalte nicht, die sich in Vincents hübschem Gesicht abzeichnete.
      "Und jetzt möchte ich von dir, dass du nach draußen gehst und dich für ein paar Minuten selbst beschäftigst. Bis ich Nora nach dir schicke, okay?"
      Er unterband Vincents aufkeimenden Protest mit einem Wink seiner halbwegs funktionierenden Hand.
      "Hier wird gleich eine Menge Blut fließen und ich bin zu aufgewühlt, um dir nicht mit einem Messer drohen zu wollen, wenn du auch nur zu nahe kommst. Geh nach oben und lass mir ein Bad ein, wie wäre das? In Ordnung? Aber komm erst her zu mir."
      Er legte den Kopf in den Nacken und nachdem Vincent verstanden hatte, küssten sie sich. Vielleicht lag es diesmal an seiner bevorstehenden Tortur, dass es ihm egal war, dass Nora ihnen zusah.
      "Ich liebe dich. Wir schaffen das schon zu zweit, geh nach oben. Nora wird dich holen, wenn sie dich braucht."
      Dann sah er seinem Freund matt hinterher, bevor er seine Aufmerksamkeit auf die Haushälterin richtete, sich gedanklich schon auf den bevorstehenden Schmerz stählend.
      "Ich schlage vor, Sie ziehen das Ding so schnell es geht raus und ich versuche, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Wie hört sich das an?"
    • Vincent knirschte durchgängig mit den Zähnen. Die Schmerzen, die sich auf Thomas' Gesicht abzeichneten, gefielen ihm überhaupt nicht. Und noch weniger gefiel ihm, dass er absolut nichts dagegen tun konnte. Er hätte Thomas ja sein Blut angeboten, aber er wusste, dass Thomas das vehement ablehnen würde - einen Standpunkt, den Vincent respektieren konnte und würde. Genauso sehr wusste er, dass Thomas Recht damit hatte, ihn wegzuschicken. Er konnte sich ja jetzt schon kaum von dem Anblick seines blutigen Armes losreißen und das auch nur, weil seine Sorge um den Mann seinen Hunger überbot. Aber sobald Thomas anfing, konstant zu bluten, würde Vincent die Kontrolle verlieren, das wusste er einfach. Schweren Herzen ließ er Thomas und Nora also allein, um Simon zu finden, den er zu den beiden schickte, bevor er hinauf in sein Schlafzimmer verschwand.

      Simon zuckte nicht einmal mit der Wimper, als er den Doc sah, wie er dasaß und vor sich hin blutete.
      "Ich hoff ja mal, dass der andere schlimmer aussieht," kommentierte er schlicht.
      Auch für ihn war es nicht das erste Mal, dass er sich um Verletzungen eines anderen kümmern musste. Simon war einer der wenigen Männer in Vincents Haushalt und musste oft seine Kraft leihen, um jemanden festzuhalten, wenn er nicht gerade durch die Gegend rannte, um irgendwelche Sachen zu holen. Er stellte sich also pflichtbewusst neben den Doc und platzierte seine Hände vorsichtig an dessen Ellenbogen und Handgelenk, damit er den Arm nicht bewegte, wenn Nora gleich den Draht herauszog.
      Nora zückte in weiser Voraussicht ein Beißholz, dass sie dem Doc anbot, bevor sie kurz verschwand, um sich die Hände zu waschen.
      "Der Boss sah ziemlich mitgenommen aus," meine Simon leise und mied jeden Blickkontakt. "Sie kommen doch wieder in Ordnung, oder Doc?"
      Simon gab es nicht gern zu, aber er hatte den Mann über die letzten Wochen ziemlich ins Herz geschlossen. Nicht nur, weil er ihn mit Messern spielen ließ. Er mochte ihn einfach, Punkt. Er wollte nicht, dass dem Doc was zustieß.
      Nora kam zurück und versicherte sich kurz, dass Thomas bereit war für was gleich passieren würde. Sie schonte ihn nicht. Sie zählte nicht bis drei. Sie begann einfach damit, den Draht Stück für Stück aus dem Arm des Mannes zu entfernen. Sie zögerte nicht, sie machte keine Pause, sie redete mit niemandem. Sie fokussierte sich einzig und allein auf die Aufgabe, die vor ihr lag. Simon nutzte seine ganze Kraft, um den Arm des Docs ruhigzuhalten.
      Es dauerte nicht lange bis alle Drahtteile entfernt waren und Simon ein Handtuch mit großem Druck um den Arm des Docs wickelte und festhielt. Nora räumte den Draht beiseite und bereitete den nächsten Arbeitsschritt vor. Sie spülte die Wunden erst mit heißem Wasser aus und als die Blutung einigermaßen versiegte, tupfte sie alles fachmännisch mit Alkohol ab. Dann machte sie sich daran, die vielen tiefen Schnitte einen nach dem anderen zu vernähen. Hier und da fragte sie nach, ob ein Schnitt auch ohne vernähen heilen konnte, wenn er nicht so tief war. Simon hielt den Arzt in der Zwischenzeit weiter einfach nur fest und unterhielt sich ein bisschen mit ihm als Ablenkung.
      "So. Das sieht zwar nicht hübsch aus, aber es hält," verkündete Nora schließlich.
      Simon ließ Thomas los und half Nora dabei, einen dicken Verband um den Arm zu legen.
      "Kann Ihr Daumen bis morgen warten, wenn wir einen Arzt rufen können? Oder müssen wir den heute schon richten?" fragte Nora, als sie sich die Schwellung an der Hand des Doktors ansah.
      Simon scheuchte sie in der Zwischenzeit nach draußen, er solle ein Feuer vorbereiten. Es gab nur einen Weg, den Geruch von Blut schnell und effektiv loszuwerden.

      Vincent tigerte in seinem Schlafzimmer auf und ab und verfluchte seine guten Sinne. Er konnte Thomas' Schmerz beinahe als den seinen wahrnehmen. Er hatte das Fenster geöffnet, in der Hoffnung, die winterliche Kälte könnte ihn ein bisschen ablenken, aber das tat sie nicht. Immerhin sorgten die geschlossenen Türen und die frische Luft dafür, dass er all das Blut nicht wirklich riechen konnte, das da gerade in seinem Frühstückszimmer vergossen wurde.
      Schließlich blieb Vincent stehen und stemmte die Fäuste gegen das Fensterbrett.
      "Von eurem kleinen Wettkampf ist nichts mehr übrig und niemand hat was gesehen," kam Dominics Stimme aus der Dunkelheit.
      Kurz darauf saß der andere Vampir auf dem gleichen Fensterbrett.
      "Und dein Doktor wird schon wieder," meinte er. "Nora hat gute Arbeit geleistet."
      "Er braucht einen Arzt," sagte Vincent leise, seine Stimme heiser for Sorge. "Und ich kann ihm keinen rufen, weil Vlad uns beobachtet."
      "Er beobachtet mich aber nicht," entgegnete Dominic. "Ich bin zwar kein ausgebildeter Arzt, aber ich kann trotzdem helfen. Du musst mich nur darum bitten."
      Vincent hob den Kopf, starrte Dominic mit geröteten Augen an. Dass sein Freund ein solches Angebot machte, in so einer Situation, zerriss ihm beinahe das Herz.
      "Das würdest du aufs Spiel setzen?"
      Dominics Züge erweichten sich und er legte Vincent eine Hand an die Wange, stich die blutige Träne weg in dem Moment, in dem sie sich löste.
      "Natürlich würde ich das. Meine Neutralität gilt unserer Existenz gegenüber und ich kenne niemanden, der das lauter in die Welt hinausposaunt, als Vlad. Was ihr beide vorhabt, ist mutig und dumm und notwendig. Ich kann euch nicht direkt helfen, aber da unten sitzt ein Mensch, der von einem Vampir angegriffen wurde, und Hilfe braucht. Das ist das, was ich tue. Aber offiziell ist er dein Mensch. Also bitte mich schon darum, ihm zu helfen, Vincent."
      Vincent nahm einen tiefen Atemzug.
      "Bitte tu das, was ich nicht tun kann: Hilfe Thomas," sagte er schließlich.
      Dominic lächelte sanft.
      "Also wenn du mich so fragst," meinte er und sprang von dem Fenstersims.

      Dominic nickte Simon kurz zu, der gerade dabei war, Feuerholz zu stapeln. Er betrat das Haus durch die Tür zur Küche und kurz darauf stand er im Frühstückszimmer, wo Nora gerade den Daumen des Doktors unter die Lupe nahm.
      "Wir machen das jetzt," verkündete Dominic und schlüpfte aus seiner Jacke.
      Er krempelte fachmännisch die Arme seines lockeren Hemdes hoch und setzte sich Thomas gegenüber. Mit der Erfahrung von fünfhundert Jahren als Krieger tastete er den Finger kurz ab.
      "Das wird wehtun," meinte er und im nächsten Augenblick riss er schon an dem Daumen, um den Knochen wieder in eine gerade Linie zu drückten.
      Dann schloss er seinen eisernen griff um den Finger, bis Nora ihm alle Teile für eine Schiene gebracht hatte, die er dann mit ähnlichem Druck um den Daumen wickelte. Kurz betrachtete Dominic sein Werk.
      "Die Durchblutung ist gut. Das sollte also wieder was werden," meinte er dann mit einem freundlichen Lächeln.
      "Noch irgendwelche anderen Wehwehchen, wo ich gerade hier bin?"


    • Simon kam herein, kurz nachdem Vincent gegangen war, und obwohl Thomas den Jungen nicht unbedingt dem Anblick aussetzen wollte, den sein Arm in ein paar Minuten bieten würde, war er doch irgendwie um seine Anwesenheit froh. Es hatte etwas fast familiär Vertrautes, das bekannte Umfeld des warmen Esszimmers, Noras ernste, professionelle Gestalt vor ihm, der typische Buchgeruch von Vincents Zuhause, das ferne Knistern eines Feuers. Es war besser als sich allein zu versorgen - oder sich gar von Darcy helfen zu lassen und sich dabei anhören zu müssen, wie sehr das doch hätte vermieden werden können und wie unvorsichtig er doch gewesen war. Ja, alle seine Waffen konnten auch ihm schaden, aber sie waren allesamt mit Silber überzogen - wer könnte denn ahnen, dass ein Vampir wahnsinnig genug war, bereitwillig hineinzugreifen? Zugegeben, es hatte auch durchaus seinen Beitrag dazu geleistet, dass es nicht James war, der jetzt seine Wunden zu lecken hatte, aber es war auch um Thomas knapp gewesen. Und vielleicht war es das sogar jetzt noch immer.
      Umso glücklicher war er da eigentlich, in einer Gesellschaft zu sein, in der er sich gänzlich wohl fühlte. Nur Vincent fehlte ihm deutlich.
      "Der andere sieht sehr viel schlimmer aus, glaub mir."
      Der andere sah definitiv schlimmer aus - und er hatte außerdem weitaus größere Höllenqualen erleiden müssen, als Thomas erwarten würde. Seine Rache für Beth; eine angemessene, wie er fand.
      Simon stellte sich wie selbstverständlich neben Thomas auf, wie eine einstudierte Routine, der sie jede Samstag Nacht folgten, und umfasste seinen Arm. Thomas nahm dankbar das Beißholz entgegen und versuchte, nicht an die bevorstehende Tortur zu denken, wobei ihm der Junge recht gut behilflich war. Er lenkte ihn damit ab, dass Thomas sich Vincents Sorgenfalte vorstellte und bereute, den Mann weggeschickt zu haben. Zur Hölle mit seiner eigenen Rationalität und seinem Verstand, er wollte, dass Vincent bei ihm stand, ihm den Arm festhielt und ihn ablenkte, auf welche Weise auch immer. Natürlich wusste er, dass das nicht möglich war, aber eben deswegen wollte er es vielleicht umso mehr.
      "Ich werde schon wieder, keine Sorge."
      Er tätschelte Simon die Hand mit seiner freien und blinzelte die Tränen weg, die ihm bei dem Schmerz in die Augen schossen, als er mit seinem Daumen dabei gegen ihn stieß. Eigentlich vertuschte er die Wahrheit ungerne, aber in seinem Beruf war das eine Notwendigkeit, um Paniken vorzubeugen. Er wird schon wieder, ich tue was ich kann, es sind bloß oberflächliche Wunden, kein Grund zur Sorge. In Wahrheit hatte sein von Schmerz getrübter Verstand schon längst anfangen, Zukunftsdiagnosen darüber zu stellen, was alles schief laufen und was alles passieren könnte und bei der Hälfte dieser Fälle war er zu einem tödlichen Ausgang gekommen. Natürlich waren Selbstdiagnosen in seinem Zustand hinterfragungswürdig, aber er hatte schließlich nicht umsonst sein halbes Leben lang trainiert, um auch jetzt noch halbwegs zu funktionieren. Nicht, dass er Nora oder Simon - oder gar Vincent - in seine Gedanken eingeweiht hätte.

      Er klemmte sich das Holz zwischen die Zähne und nickte Nora zu. Das war so ziemlich die letzte bewusste Bewegung, die er zustande brachte, bevor ihn eine Welle heißen Schmerzes überschwappte und wegspülte. Nora zog ihm die Stacheln mit einer gottgegebenen Ruhe heraus - Gott möge ihre flinken Finger segnen und ihren eisernen Willen - und Thomas vergaß seine letzten Gedanken, die er gefasst hatte. Er wusste, dass er sich entspannen musste und sich nicht bewegen durfte, aber er konnte nicht anders, er kämpfte gegen Simons Griff an und Simon drückte ihn weiterhin unnachgiebig nieder. Die Stacheln schnitten durch angespanntes Muskelgewebe und rissen die Haut weiter ein, so sehr Nora sich auch bemühte. Unter Thomas' angestrengtem Schnaufen und dem fast andauerndem Stöhnen, lösten sich die Stacheln mit einem matschigen Geräusch und machten die Bahn frei für das Blut, das auf den Tisch tröpfelte. Der schöne Tisch, dachte Thomas stumpf, dessen starrer Blick sich nicht von seinem Arm löste, auch dann nicht, als ihm dunkle Flecken in die Sicht sprangen. Er konzentrierte sich aufs Atmen, ein und wieder aus, und tastete nach dem Puls an seinem Hals, der nicht schwer zu finden war mit dem rasenden Herz, das in seiner Brust sprang. Aber er konnte nicht mitzählen; sobald Nora sich dem nächsten Stachel widmete und er den Schmerz des vorherigen gerade überstanden hatte, vergaß er die letzte Zahl und musste wieder von vorne anfangen. So hatte er noch nicht einmal eine Ahnung, wie es um seinen Pulsschlag stand, als endlich auch der letzte Fremdkörper aus seinem Körper verschwunden war.
      Simon war gleich mit einem Handtuch zur Stelle und Thomas sackte in sich zusammen, als der Schmerz zumindest auf ein konstantes Level absank. Er blinzelte und kämpfte um klare Gedanken, während Nora bereits fortfuhr. Ein paar Minuten später war auch der letzte Stich getan und Thomas spuckte das Beißholz aus, um einen tiefen Atemzug zu nehmen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und im Gesicht und der Schmerz war soweit abgeklungen, dass er sich jetzt darüber bewusst werden konnte, wie viel Blut er verloren hatte und dass es ihm auch teilweise in der Hose klebte, wo es von der Tischplatte getropft war. Er war auch wieder gut genug bei Sinnen, um sich bewusst zu werden, dass sich ein Vampir im Haus befand.
      Er blinzelte erneut und richtete dann einen benommenen Blick auf Nora. Ob der Daumen auch bis morgen warten könnte? Himmel, wenn es nach ihm ginge, könnten sie das Ding ganz ignorieren - wer brauchte schon Daumen? Also schüttelte er den Kopf.
      "Schon in Ordnung. Geht schon."
      Ganz anscheinend war seine Meinung allerdings nichtig, denn nur kurz darauf, als ob er nur auf das Stichwort gewartet hätte, betrat Dominic das Zimmer. Thomas versteifte sich, aber nur für einen Moment, bevor ihm bewusst wurde, dass er zu erschöpft dafür war, sich um die Anwesenheit eines Vampirs zu scheren. Sollte er doch hier sein, er könnte sogar was von seinem Blut haben, das er so großzügig auf der Tischplatte verteilt hatte.
      Benommen wog er den Kopf zur Seite, als der andere sich ihm gegenüber niederließ und seine Hand griff.
      "Nicht nötig, das ist nicht -"
      Weiter kam er nicht, als sein Daumen sich in einen Blitz verwandelte, der die Nervenenden seiner gesamten Hand schmorte. Thomas schrie auf, entgegen seiner größten Willenskraft zuvor, auch nur zu laut zu sein, und dann verdunkelte sich doch seine Sicht und er wurde in ein schonendes, kühles Nichts entlassen.
      Allzu lang konnte er allerdings nicht bewusstlos gewesen sein, denn als er wieder aufwachte, zurrte Dominic gerade das letzte Band seiner Schiene fest. Stöhnend richtete er sich ein Stück auf und wollte sich über die Stirn wischen, nur dass sein einer Arm noch immer in leichtem Brand steckte und seine andere Hand wie ein totes Tier in Dominics Schoß lag. Also stöhnte er einfach noch einmal und ließ den Kopf hängen.
      "Nein... nein, mir geht's... blendend."
      Er kämpfte sich durch die Watte in seinem Hirn und fügte nach einem Moment hinzu:
      "Nichts, was ich nicht überleben werde. Denke ich."
      Sein Blick fiel auf seine blutige Hose hinab. Ruiniert; er wusste nicht, wieso ihm das als erstes in den Sinn kam.
      "... Vincent? Lass uns zu... Vincent."
      Und er stand auf mit dem Willen eines Mannes, der nicht in der Verfassung war zu begreifen, dass er zu wenig Blut im Körper hatte, um zu funktionieren, und der sich trotzdem von nichts davon abhalten lassen würde, seinen Geliebten suchen zu gehen.
    • Dominic sprang schneller auf, als die Gesetze der Physik sich für Thomas in Gang setzen konnten, und fing den Mann auf, noch bevor er wirklich zu Straucheln begann.
      "Du gehst nirgendwo hin, mein guter," kommentierte er und drückte den Mann zurück auf den Stuhl. "So viel Blut, wie du verloren hast, wirst du ein paar Tage nicht einmal stehen. Ich helfe dir jetzt nach oben zu Vincent und da lässt du dich von ihm bemuttern, verstanden? Ihn hast du vielleicht um den Finger gewickelt, aber mich nicht. Wenn ich mitbekomme, dass du dich gegen deine Bettruhe wehrst, dann komme ich mit Ketten zurück."
      "Musst du nicht, wir haben welche im Keller und ich weiß, wo die Schlüssel sind," kommentierte Nora, die damit begann, das angerichtete Chaos zu beseitigen.
      "Da siehst du's. Also benimm dich."
      Dominic legte sich Thomas unversehrten Arm um die Schultern und half ihm dabei, aufzustehen. Dann begannen sie den unsagbar langsamen Prozess, sich durch das Haus und nach oben zu Vincent vorzuarbeiten. Er machte eine Pause, wann immer Thomas eine brauchte, aber er gab dem Mann nicht die Gelegenheit, sich einfach tragen zu lassen. Die ganze Zeit über bewunderte er den Willen dieses Menschen. Sowas fand man nicht oft.
      Oben angekommen riss Vincent gleich die Tür auf und schlang die Arme um Thomas.
      "Danke für deine Hilfe, Dominic."
      "Nichts zu danken. Um deiner Selbst willen warte ich hier draußen auf die blutigen Klamotten. Ich wollte sie ihm jetzt nicht unten im Esszimmer vom Körper reißen."
      Dominic lehnte sich neben der Tür gegen die Wand und wartete.
      Unterdessen half Vincent Thomas ins Bad, wo eine warme Wanne bereits auf ihn wartete. Mit äußerster Vorsicht entfernte Vincent die vollgebluteten Kleidungsstücke vom geschundenen Körper seines Freundes. Es war ihm egal, dass er sie dafür kaputt machen musste; sie waren sowieso nicht mehr zu retten. Er würde Nora bitten, Kopien der Originale anfertigen zu lassen. Das war das mindeste, was er tun konnte.
      Er half Thomas in die Wanne, indem er ihn einfach hoch hob und dann vorsichtig wieder absetzte. Als er sich sicher war, dass Thomas die nächste Minute nicht ertrinken würde, sammelte er die Stofffetzen vom Boden ein und brachte sie raus zu Dominic. Der fragte ihn, ob alles in Ordnung sei.
      "Nein," antwortete Vincent wahrheitsgemäß. "Aber Thomas lebt. Das reicht für den Moment."
      Dominic nickte und verschwand dann mit den blutigen Klamotten. Vincent kehrte ins Badezimmer zurück, ließ sich neben der Wanne auf den Boden sinken und betrachtete Thomas einfach nur. Er erwischte sich dabei, wie er immer wieder auf dessen Herzschlag lauschte, um sicherzugehen, dass er nicht einfach starb.
      "Ich bin so stolz auf dich, Thomas. Und so froh, dass du noch lebst."
      Er beugte sich vor und küsste Thomas' Stirn.
      "Für einen Augenblick dachte ich, ich hätte dich verloren."
      Von draußen her flackerte ein Licht. Simon hatte das Feuer entfacht, das wahrscheinlich den Rest der Nacht durch brennen würde, während er und Nora und vielleicht sogar Esther und Dominic alles Blut im haus säuberten und danach alles draußen verbrannten. Aber das war Vincent egal, als er Thomas liebevoll über die Wange strich.
      "Du kannst dich jetzt ausruhen," sagte er sanft. "Ich passe auf dich auf und kümmere mich um alles. Ruh dich einfach nur aus."


    • Erst nach Dominics eindringlicher Belehrung machten sie sich auf den Weg. Viel mehr als sich brummend dem Willen des gesünderen Mannes geschlagen zu geben, konnte Thomas sowieso nicht.
      In der Realität schlurften sie etwa zwanzig Stufen ins Obergeschoss empor, in Thomas' Wahrnehmung veranstalteten sie eine Bergwanderung. Er war schon außer Atem, bevor sie überhaupt die erste Stufe erreicht hatten und ab da an wurde es auch nicht viel besser. Er versuchte zu zählen, weil er sehen wollte, ob er wenigstens jetzt dazu in der Lage war, aber die Stufen sahen aus dem Blickwinkel seines herabhängenden Kopfes alle gleich aus und wenn Dominic ihn nicht rigoros festgehalten hätte, hätte er sich auf die Treppe fallen lassen und wäre an Ort und Stelle eingeschlafen. So zog er sich weiter, dem einzigen Lichtblick entgegen sehend, der oben in Form von Vincent auf ihn warten würde.
      Er bekam nicht mit, dass sie den Treppenabsatz erreichten und auch nicht, dass eine Tür aufgestoßen wurde. Er erkannte aber sehr wohl Vincents samtige Stimme und die Schulter, die Dominics ersetzte, begleitet von dem vertrauten Duft nach alten Häusern und ledernen Büchern. Zufrieden lächelte er, auch wenn nach außen hin nicht viel mehr durchkam als ein Zucken seiner Mundwinkel, und lehnte den Kopf an Vincents Hals. Jetzt hatte er sein Ziel doch endlich erreicht.
      Vincent half ihm ins Bad und Thomas durfte sich zurücklehnen, während der andere ihn wie eine Puppe entkleidete. Kein weiteres Blut kam zum Vorschein, keine weitere Verletzung, die die Haut durchbrochen hatte, aber dafür bildete sich schon ein hässlicher, blauer Fleck an der Stelle, wo James ihn getreten hatte. Seine Knie waren wund und ein Muskelkater breitete sich unter seiner Haut aus, auch wenn er nur für ihn ersichtlich war. Alles in allem konnte er sich nicht mehr daran erinnern, das letzte Mal bei einer Jagd so sehr traktiert worden zu sein.
      Vincent half ihm auch in die Wanne, eine Wohltat sowohl für seinen Körper, als auch für seinen Geist, und dann war Vincent verschwunden, als Thomas einmal blinzelte, und wieder da, als er ein weiteres Mal blinzelte. Zeit war zu abstrakt in dem Moment, in dem er in warmen Wasser versank, aber sie war nicht mächtig genug, um ihn von Vincents Präsenz abzulenken. Sein Freund hatte sich neben die Wanne gesetzt und jetzt brachte Thomas ein wirkliches Lächeln zustande.
      "... Ich hab's dir doch versprochen, oder? Damit du mich zusammenfalten kannst. ... Und außerdem wäre es doch keine Rache für Beth, wenn ich selbst dabei sterben würde."
      Er zuckte mit den Fingern, noch immer lächelnd. Vincent war stolz auf ihn. Das Gefühl, das sich auf diese Worte hin in ihm ausbreitete, war viel wärmer als jegliches Wasser hätte sein können. Es nahm von seinem Körper Besitz und gab ihm ein Gefühl, als würde er schweben.
      "Ich hätte es nicht geschafft. Nicht ohne dich", flüsterte er genauso leise.
      Endlich verstand Vincent das Zucken seiner Finger und legte die Hand über seine, wohl darauf bedacht, seinen bandagierten Daumen nicht zu streifen. Da lehnte Thomas erst den Kopf zurück und driftete langsam in den aufgehenden Schlaf ab.
      "Hmm. Ich werde dich heiraten, Vincent Caley Harker. Eines Tages..."
    • "Erst, wenn du mich richtig fragst," gab Vincent lächelnd zurück.
      Er beobachtete, wie Thomas sich endlich seiner Bewusstlosigkeit hingab, beobachtete ihn eine ganze Weile dabei, wie er friedlich schlief. Dann machte er sich an die Arbeit. Mit der größten Sorgfalt machte sich Vincent daran, Thomas von dem Dreck und dem Blut und dem Schweiß zu befreien. Er wollte ihn weder wecken, noch ihm wehtun. Aus genau dem gleichen Grund machte sich Vincent keine Mühe mit Handtüchern. Er wickelte Thomas einfach in eine seiner Roben und trug ihn rüber zum Bett, wo er ihn mit der gleichen Sorgfalt ablegte und zudeckte.
      "Schlaf, Thomas. Du hast es dir mehr als verdient," murmelte er.

      Als Vincent zu seinem Hausstand im Garten stieß, starrten alle schweigend ins Feuer. Dominic war nirgendwo zu sehen.
      "Was ist der Plan, Boss?" fragte Simon.
      "Thomas braucht ein paar Tage, um sich zu erholen. Vlad wird den Rest des Nests jagen. Die wenigen Jünglinge, die sich verstreut haben hebt er sich immer für den Schluss auf. Wir werden diese Zeit für mehrere Dinge nutzen: als erstes müssen wir die Sache mit der Polizei klären. Für Morgen will ich diese Detectives und den Doktor gleichzeitig im Haus haben. Wir nutzen Thomas' Verletzungen aus, um von ihm abzulenken und sie auf eine andere Fährte zu locken. Danach nehmen wir uns Thomas' Haus vor. Ich habe gesehen, wie es da aussieht und ich bin alles andere als zufrieden damit. Er würde niemals nach Hilfe fragen, also machen wir das jetzt einfach. Nora? Die Liste für Thomas' Garderobe ist noch ein bisschen Länger geworden."
      "Warum die Eile, wenn ich fragen darf?" meldete sich Esther zu Wort.
      Vincent erinnerte sich daran, dass sie noch nie dabei gewesen war, wenn Vincent eine Krise handhabte. Er lächelte ein bisschen.
      "Vlad wird beschäftigt sein, mich aber immer noch beobachten. Ich habe gerade einen großen Sieg nach Hause geholt, das will gefeiert werden. Da er weiß, wie ich zu großen Feiern stehe, wird er keine solche erwarten. Stattdessen werde ich einen Haufen Geld ausgeben, um teure Klamotten für mein Spielzeug zu kaufen, ich werde ein Haus reparieren, dass ich über Umwege mein eigen nenne, und löse meine Verwicklung in menschliche Probleme mit den Ressourcen, die ich gerade zur Verfügung habe. Mit letzterem können wir auch wunderbar darüber hinweg täuschen, dass Thomas' Verletzungen nicht in kürzester Zeit heilen. Was sie eigentlich sollten, wenn er mein Blut trinkt."
      Vincent seufzte und starrte wieder ins Feuer. Das helle Licht brannte in seinen Augen. Aber er hatte einen Plan. Und sobald Thomas wieder auf den Beinen war, würden sie Vlad endlich töten.
      "Macht Lärm. Hört auf, euch zu verstecken. Simon? Plündere eine Bäckerei - bezahl für alles. Bestelle eine große Torte, wenn du gerade dabei bist."
      "Was für eine?"
      "Mir egal. Esther, Nora? Gönnt euch was nettes zum Anziehen."
      Nora hob skeptisch eine Augenbraue; Esther konnte ihre Freude kaum unterdrücken. Vincent wusste, dass sie Simon wahrscheinlich eine neue Jacke oder sowas besorgen würde.

      Vincent verbrachte nicht allzu viel Zeit am Feuer, nachdem er sich erklärt hatte. Er kehrte nach oben in sein Schlafzimmer zurück, legte sich neben Thomas, den er in seine Arme zog, nahm sich sein Buch und begann, zu lesen. Er war sich seiner selbst selten so sicher gewesen. Sie würden das schaffen. Vlad hatte keine Chance gegen sie.
      Er blieb wach, auch nach Sonnenaufgang. Er würde nicht schlafen, bevor Thomas nicht wieder zu sich gekommen war und ihm versicherte, dass es ihm gut ging. Oder zumindest besser. Nora sorgte dafür, dass er nicht allzu hungrig war und stand immer jemand bereit, um Thomas etwas zu Essen zu machen.


    • Thomas schlief wie der Tote, der er zur Hälfte war, lediglich unterbrochen von den wenigen Malen, wenn er sich entweder auf seinen Arm, oder auf seinen Daumen legte und der Schmerz wie ein Lichtblitz durch seinen Schlummer fuhr. Manchmal dachte er, in den kurzen Momenten nach dem Hochschrecken, dass es James' Arme waren, die dort um seinen Körper lagen und ihn niederzupressen schienen und der Jäger in ihm war schneller zur Stelle, als ihm lieb wäre. Aber dann erkannte er, dass es Vincent war, der neben ihm lag, und genauso schnell, wie er hochgeschreckt war, schlief er auch stets wieder ein, um ein Neues an Vincents Brust geschmiegt, eingelullt von der Wärme und den zärtlichen Berührungen des anderen. Erst gegen Mittag wachte er das erste Mal von selbst auf und kam ernsthaft zu Bewusstsein. Er rollte sich auf die andere Seite, streckte seine brennenden Glieder und versuchte sich an einer zaghaften Selbstdiagnose. Er kam zu dem Entschluss, dass das Blut vorerst da war, wo es auch hin gehörte, und das sollte für den Augenblick genügen. Um alles andere würde er sich später kümmern - oder vielleicht morgen.
      Er wandte den Kopf zu Vincent und obwohl er sicher ein Dutzend Mal geträumt hatte, dass Vincent neben ihm lag und in völliger Finsternis sein Buch las, den Arm schützend um Thomas' Körper geschlungen, war es doch jetzt ganz sicher kein Traum, dass er wirklich da lag und las - oder zumindest jetzt Thomas beobachtete.
      "... Wie spät ist es?"
      Er setzte dazu an, Vincent zu belehren dafür, dass er wegen ihm wachblieb, ließ es dann aber doch bleiben. Er konnte nichtmal ordentlich gestikulieren, ohne den einen oder anderen Schmerz dabei zu empfinden und was war da die Belehrung schon noch wert?
      "... Du bist unverbesserlich."
      Er machte Anstalten dazu, sich zurück auf Vincents Brust zu rollen, nur dass der Muskelkater die eine Bewegung verhinderte und seine diversen Verletzungen die andere. Also seufzte er nur schwer und blieb auf dem Rücken liegen.
      "Ich denke, es geht mir gut. Ich atme und ich blute nicht, das sind schonmal die Grundvoraussetzungen."
      Er hob den bandagierten Arm an und betrachtete ihn für einen Moment im Dunkeln.
      "... Ich hoffe nur, Nora hat die Wunden ordentlich genug gesäubert. Ich habe nicht daran gedacht, dass James die gleiche Waffe abbekommen hat. Ich möchte nicht herausfinden, was passiert, wenn man Menschen- mit Vampirblut kreuzt."
      Nach einem weiteren Seufzen legte er den Arm wieder vorsichtig ab. Er wollte sich noch nicht mit dem Gedanken an die nächste Tortur auseinandersetzen.
      "Sie wird die Naht nochmal entfernen müssen und desinfizieren. Aber eigentlich wäre mir da eine zweite Meinung lieber."
      Er warf einen Blick zu Vincent.
      "Ist Dominic noch hier?"
    • Vincent schlug sein Buch zu und legte es beiseite, als Thomas sich diesmal dazu entschied, auch wach zu bleiben.
      "Ungefähr Mittag," antwortete er auf Thomas erste Frage hin; den zweiten Kommentar konnte er nur freundlich belächeln.
      Er rollte sich auf die Seite, stützte sich auf einen Ellenbogen ab und betrachtete Thomas, so wie er es in den letzten Stunden sehr oft getan hatte. Selbst in der Dunkelheit seines Schlafzimmers konnte er die Blutergüsse sehen, die sich auf seinem Körper ausgebreitet hatten. Sie gefielen ihm ganz und gar nicht.
      "Er ist noch in der Stadt, aber nicht hier. Allerdings habe ich Doktor Hearne für heute Nachmittag herbestellt, damit er dich noch einmal untersucht. Was Vampirblut angeht... Du hast einen Muskelkater, oder? Das heißt, dass du nichts abbekommen hast. Zumindest nicht so, dass es in deinem Kreislauf gelandet ist. Wahrscheinlich hast du selbst alles wieder rausgeblutet."
      Mit einem Finger und einer hauchzarten Berührung fuhr Vincent die Grenzen eines besonders übel aussehenden Blutergusses auf Thomas' Bauch nach.
      "Wir werden deinen Zustand heute ein bisschen ausnutzen müssen," meinte er dann. "Doktor Hearne wird nur etwa zehn Minuten vor den beiden Detectives der Polizei eintreffen, die Beths Tod untersuchen. Du musst nichts tun, einfach nur hier liegen und elend aussehen; ich übernehme das Reden. Wir werden den beiden erzählen, dass du gestern Nacht ebenfalls überfallen wurdest. Wir wissen nicht, wo oder von wem. Du warst kurz bei dir zu Hause und dann auf dem Weg zu mir. Simon hat dich blutend auf der Straße gefunden, als er von einem seiner Botengänge zurückkam. Mit Botengang meinen wir allerdings, etwas ganz anderes. Wissen musst du das nicht, weil du ja sowieso bewusstlos warst. Diese Geschichte sollte genug sein, um dich von jeder Schuld freizusprechen und die Polizei von jeder gefährlichen Spur abzubringen."
      Er hatte Thomas ja gesagt, dass er sich um alles kümmern würde. Dass er sich jetzt ausruhen und Vincent alles weitere überlassen konnte. "Du musst jetzt erstmal gesund werden, hörst du? Ich kann es nicht ausstehen, dich so zu sehen. Das gefällt mir gar nicht."
      Vincent zog eine Schnute, als sei er ein reiches, verzogenes Gör, dem die Teeauswahl nicht passte.


    • Dr. Hearne war wohl ein angemessener Ersatz für Dominic, dessen war Thomas sich sicher. Er freute sich sogar ein wenig darüber, den alten Arzt wiederzusehen, der ja doch sehr viel angenehmer war als der Rest seiner Kollegen, die er leider Gottes so nennen musste. Er freute sich auf das Fachsimpeln mit dem Mann, auch wenn es an diesem Tag wohl kurz ausfallen würde.
      "Da fallen mir gleich ein paar Fragen ein, die ich dir wegen dem Blut stellen würde. Sofern du möchtest, versteht sich."
      Er lächelte, besonders deswegen, weil Vincent ihm kurz darauf sanft über den Bauch strich. Es war keine sehr feste Berührung, keine, die die Verfärbung auf seiner Haut irritiert hätte, sie war leicht und zärtlich. Er streckte den gesunden Arm nach ihm aus, nur um sich dann doch wieder zu unterbrechen, weil er seinen Daumen lieber nicht in Gefahr bringen wollte.
      Vincent fuhr fort mit seiner Erzählung und Thomas' Gehirn brauchte einen Moment, bis es zu ihm aufgeholt hatte. Die Detectives, die hatte er völlig vergessen. Natürlich war ihm Beths Tod nicht entglitten, aber die Gesellschaft und ihre Verpflichtungen rückten gern mal in den Hintergrund, wenn er sich bei Vincent verlor. Jetzt erinnerte er sich daran, dass Harry, Detective Bates, ja wiederkommen wollte, wenn er wieder gesünder war. Das hatte wohl nicht ganz geklappt.
      Dafür präsentierte Vincent ihm einen regelrechten Masterplan darüber, wie sie sie - hoffentlich endgültig - abwimmeln würden. Thomas blinzelte ihn mehrmals an, bevor er den ganzen Plan begriffen hatte.
      "... Es ist eine Sünde, wie attraktiv du bist, wenn du gegen das Gesetz vorgehst, weißt du das? Wo kommt nur all diese kriminelle Energie her?"
      Jetzt streckte er doch den Arm aus und fuhr mit den Fingerspitzen sanft Vincents Kinn entlang.
      "... Eine Schande, dass ich zu müde für alles bin. Komm her und hol dir deinen Kuss ab."
      Vincent tat wie geheißen und richtete sich dann wieder auf seinen Ellbogen auf, ein aufragender, wunderschöner, selbst im Dunkel des Zimmers bezaubernder Mann, der neben ihm seinen langen Körper ausstreckte. Thomas verzehrte ihn mit seinem Blick, so weit, wie es sein Gemütszustand zuließ, dann schloss er die Augen wieder. Die Schläfrigkeit kam viel schneller wieder, als er gedacht hätte, und die Augen wieder zu öffnen war ein Akt an sich.
      "Das ist ein ganz ausgezeichneter Plan. Du bist unglaublich, weißt du das? Was würde ich nur ohne dich tun?"
      Sein Blick fand Vincents und er tippte ihm gegen die vorgezogene Lippe.
      "Nur nicht, wenn du so schaust. Lass das sein, ich werde schon wieder. Ich habe immerhin einen bezaubernden Mann an meiner Seite, der sich ganz liebevoll um mich kümmert, nicht wahr?"
      Er schloss wieder die Augen und mit einem Lächeln, das von der Vorstellung rührte, wie Vincent wohl dreinschauen würde, fügte er hinzu:
      "Dr. Hearne ist wirklich sehr liebevoll."

      Er schlief wieder und wenn er lange genug wach war, um sich mit Vincent zu unterhalten, fühlte er sich ruhelos. Es gab selten Momente, in denen er sich so unwohl in seinem Körper gefühlt hatte, aber jetzt, als ihm jede Bewegung schmerzte und auch das Liegen irgendwann anstrengend war, war so ein Moment gekommen. Dabei konnte er noch nicht einmal jemanden dafür verantwortlich machen, denn der Schuldige war tot und Vincent tat definitiv mehr als genug, um Thomas zu umsorgen. Für Vincent empfand er nichts anderes als größte Dankbarkeit und tiefste Zuneigung.
      Dr. Hearne kam und für ihn setzte Thomas sich auf. Er lächelte sogar, auch wenn ihm nicht danach zumute war.
      "Sie müssen mir verzeihen, wenn ich Ihnen nicht die Hand gebe. Ich freue mich allerdings sehr, Sie wiederzusehen - den Umständen entsprechend."
      Der Arzt öffnete seinen Verband, besah sich die Nähte und Thomas strengte sein trübes Gehirn an, um ein angemessenes Fachgespräch zu führen. Das letzte Mal war ihm das definitiv leichter gefallen; jetzt fielen ihm viele Medikamentnamen nicht ein und er hatte Schwierigkeiten, die Behandlung der letzten Nacht zu rekonstruieren. Vincent half ihm dabei.
      Zuletzt musste er auch noch die Tortur über sich ergehen lassen, dass der Arzt auf all seinen blauen Flecken herum drückte, weil er die Rippen ertastete und alle wichtigen Organe abhandelte. Hinterher hatte Thomas kaum mehr Kraft dazu, das Gespräch aufrechtzuerhalten und verabschiedete sich mehr schlecht denn recht von dem Mann. Zumindest sah er jetzt, mit dem leichenblassen Gesicht, dem leichten Zittern in den Muskeln und dem beständigen Schweißfilm, der ihm auf der Stirn stand, definitiv schlecht genug aus, um Vincents Geschichte in ihrer Gänze zu stützen.
    • "Dein Kopf scheint in Ordnung zu sein," kommentierte Vincent mit einem Lächeln. "Wie wäre es, wenn wir mit solchen Fragen warten, bis du dir wieder Notizen machen kannst, hm?"
      Er lehnte sich nur zu gern nach vorn und küsste Thomas, machte aus einem gleich drei Küsse, einfach weil er nicht von dem Mann ablassen konnte.
      "Das ist keine kriminelle Energie. Das ist das Ego eines französischen Adeligen," antwortete er grinsend.
      Danach beobachtete er Thomas noch einen Moment beim Schlafen, bis Nora an die Tür klopfte und vorsichtig den Kopf hereinsteckte. Notgedrungen ließ Vincent seinen Liebsten also allein, um sich dem Tagesgeschäft zu widmen.

      Dank der beinahe überwältigenden Müdigkeit wirkte Vincent passend gestresst für die Situation, als die beiden Detectives eintrafen. Er hatte seine Anzugjacke weggelassen und die Ärmel hochgekrempelt. Es hatte ihm beinahe das Herz gebrochen, ein perfekt geglättetes Hemd zu zerknüllen, um seine Erscheinung der angeblichen Situation anzupassen. Seine Haare sahen auch wilder aus als erwartet. Alles in allem sah man Vincent an, dass er die Nacht über kein Augen zugetan hatte, er aber immer noch versuchte, der feine Lord zu sein. Eine perfekte Kombination für die Geschichte, die er zu erzählen versuchte.
      Mit in die Hüften gestemmten Händen empfing er die beiden Polizisten. Sein Blick allein war anklagend.
      "Meine Herren. Ich dachte, ich hätte Ihnen den Auftrag gegeben, die Gewalt in dieser Stadt in den Griff zu bekommen."
      Er sparte sich jede Höflichkeit, jede Begrüßungsfloskeln. Vincent ließ nun den Lord von der Leine, den reichen Adeligen, dem man keinen Wunsch verneinte. Den Mann, der mit einem einzigen Brief Familien und deren Leben zerstören konnte.
      "Sie können sich also vorstellen, wie schlecht meine Laune an diesem, heutigen Tage ist, nachdem ich meinen besten Freund praktisch von der Straße kratzen musste."
      Mit einer Geste bedeutete er den beiden Männern, ihm zu folgen. Er nahm sie die Treppe mit hoch und öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer, präsentierte Thomas, der gerade in einem Gespräch mit Dr. Hearne war, wie ein beleidigendes Paket, das man ihm geschickt hatte.
      "Sehen ihn an. Sehen Sie, was dieses Monster ihm angetan hat. Wie viele Menschen müssen noch verletzt oder gar getötet werden, bevor sie Ihre verdammte Arbeit machen?!"
      Dr. Hearne stand auf und legte Vincent eine Hand auf den Unterarm in dem vergeblichen Versuch, ihn zu beruhigen. Der Mann war über genug im Bilde, um seine Arbeit machen zu können, aber er hatte nicht genug Ahnung, um Teil der Vorführung zu sein. Die Reaktion des Mannes war echt.
      "Lord Harker, ich muss doch bitten. Senken Sie Ihre Stimme oder gehen Sie," sagte er der alte Mann.
      Dann wandte er sich den beiden Polizisten zu, musterte sie ohne einen Hehl aus seiner schlechten Meinung über die beiden zu machen.
      "Mein Patient ist in keiner Verfassung, um Ihnen irgendwelche Fragen zu beantworten," meinte er dann schlicht.
      "Zumal er das auch gar nicht könnte," fuhr Vincent dazwischen. "Er war bewusstlos bis vor etwa einer Stunde. Bewusstlos! Er wäre wie ein Schwein auf der Straße verblutet, wenn mein Laufjunge ihn nicht gefunden hätte!"
      "Lord Harker!"
      Vincent nahm einen tiefen Atemzug, schien seine Wut zu zügeln, sie nur schwerlich im Griff halten zu können. Auf Dr. Hearnes Deuten hin, verließ Vincent sein eigenes Schlafzimmer mit den beiden Polizisten wieder.
      "Ich erwarte Ergebnisse von Ihnen, Gentlemen," sagte er auf dem Weg nach unten, seine Stimme nun gefährlich ruhig. "Ich hatte eigentlich nicht vor, mein Schlafzimmer in ein Lazarett verwandeln zu müssen, während ich hier bin. Ich hatte genauso wenig vor, mich um mein Leben oder das meiner Freunde sorgen zu müssen, während ich hier bin. Und doch sehe ich mich gezwungen, genau das zu tun, weil Sie Ihre Arbeit nicht machen können. Glauben Sie nicht, dass ich Sie einfach so damit davonkommen lassen werde. Ihr Arbeitgeber wird von mir hören. Also lösen Sie dieses Problem besser früher als später, wenn Sie Ihre Marken behalten wollen."
      Nora öffnete demonstrativ die Haustür, kaum das Vincent seinen Satz beendet hatte. Die beiden Polizisten hatten nicht ein Wort sagen können, während ihres kurzen Aufenthaltes in Vincents Haus.
      "Guten Abend," sagte Vincent und füllte jedes der beiden Worte mit so viel kaum kontrollierter Wut, wie er nur konnte.
      Die beiden Polizisten verschwanden mit eingezogenem Schwanz. Als die Tür zu war, atmete Vincent tief durch und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
      "Habe ich zu dick aufgetragen?" fragte er Nora.
      "Ich glaube, du warst noch überraschend handzahm," meinte sie. "Aber einen Choleriker würde man dir auch gar nicht abkaufen. Stille Wut steht dir besser."
      Dr Hearne kam ihm entgegen, als er sich auf den Weg zurück zu seinem Schlafzimmer machen wollte.
      "Wie geht es ihm?" fragte Vincent.
      "Miserabel. Aber mit Bettruhe und regelmäßigen Verbandswechseln sollte er wieder werden. Den Daumen soll er nicht belasten. In zwei Wochen komme ich nochmal und sehe mir alles noch einmal an. Wenn er davor Probleme bekommt, rufen Sie mich."
      "Danke Doktor."
      Nora half dem Mann in seinen Mantel und entließ auch ihn dann in den Sonnenuntergang.
      "Noch ein Problem weniger," seufzte Vincent. "Da war es nur noch eins."
      "Zwei, wenn du nicht gleich ins Bett gehst. Muss ich dich anketten?" fragte Nora.
      "Nein, schon gut. Ich gehe jetzt hoch, mach es mir neben Thomas bequem, und wenn er einschläft, dann mache ich das auch. Versprochen."
      Er zog Nora in seine Arme - ob sie wollte oder nicht - und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
      "Danke," murmelte er erschöpft.
      Einen langen Moment standen sie so da, dann schob Nora ihn zur Treppe und orderte ihn ins Bett. Vincent erklomm die Treppe, betrat leise sein Schlafzimmer und entledigte sich seines Kostüms, bevor er sich zu Thomas ins Bett legte.
      "Ich glaube, die beiden haben sich ganz schön in die Hose gemacht. Tut mir leid; ich weiß, du bist mit einem von den beiden befreundet."


    • Vincent wurde seiner erfundenen Geschichte durchaus gerecht - sogar mehr noch als das. Er übertraf sich selbst, wie Thomas fand, dessen Zuschauerplatz in der vordersten Reihe bei dieser Aufführung war.
      Mit der Macht eines Mannes von Adel und weitreichendem Titel, und definitiv mit der Finesse eines Mannes, der 200 Jahre lang Zeit gehabt hatte, um eben solche Auftritte zu perfektionieren, öffnete er die Tür zu seinem eigenen Schlafzimmer und gab den Blick frei auf den stolzen, eleganten Lord Harker, neben dessen hoch aufragender Gestalt die beiden Detectives sich duckten wie zwei geprügelte Hunde. Thomas hätte lachen können, wenn ihm nicht dazu die Kraft gefehlt und er nicht sein eigenes Bild damit ruiniert hätte. Es war schon beinahe zu amüsant zu beobachten, wie Vincent in seinem anderen Ich, das er der Gesellschaft präsentierte, aufging und wie sehr er damit seine Umgebung beeinflusste.
      Die beiden Polizisten hatten ihre Mützen abgezogen und solch starre Mienen aufgesetzt, dass man meinen könnte, ihre Kiefer würden ihnen jeden Moment unter der Anspannung brechen. Ihre Blicke, die sich gleich auf Thomas festsetzten, waren hart und erbarmungslos, die Art von Ausdruck, die man in jedem Gesicht solcher Beamter erkennen konnte, wenn sie ganz ihre Professionalität zum Ausdruck brachten. Aber genauso, wie Thomas sein Doktoren-Lächeln jonglierte, wann auch immer er es benötigte, um seine anderen Emotionen unter seiner eigenen Professionalität zu verschleiern, hatten auch die beiden Detectives ein Polizisten-Gesicht aufgesetzt, mit dem sie definitiv auch andere Emotionen verbergen wollten. Thomas fand das super. Er begegnete Harrys Blick und badete sich darin, wie hart die Falten um seine Augen waren und wie unnachgiebig er die Lippen aufeinander presste, im Gegensatz zu dem Mitgefühl, das er ihm bei Beths Tod schon gezeigt hatte. Vincent hatte die beiden in wenigen Minuten schon gänzlich um den Finger gewickelt.
      Die drei Männer verschwanden wieder und jetzt war Thomas doch froh, sich seiner Erschöpfung hingeben zu können - immerhin musste er keine Maske aufsetzen, um zu zeigen, was er im Moment fühlte. Dr. Hearne verband ihm den Arm neu und riet ihm auch noch zu einigen Medikamenten, die Thomas eine halbe Minute später sowieso schon wieder vergessen hatte, bevor er nach draußen ging und Thomas der Dunkelheit des Zimmers überließ. Er schloss die Augen und hörte nur noch das ferne Zuschlagen der Eingangstür, mit dem er davon ausging, dass die ganze Sache geglückt war.
      Irgendwann bewegte sich die Matratze und er zwang seine Müdigkeit zurück, um Vincent anzusehen. Der Mann kam zu ihm gekrochen und zog ihn, nach einer halbherzigen Geste mit seinem gesunden Arm, zurück an seine Brust. Dort entspannte Thomas sich zur Gänze und hauchte ihm einen Kuss auf sein Brustbein.
      "Das ist eine reine Zweckfreundschaft. Hätte ich Harry nicht, wäre ich schon längst in Untersuchungshaft. Darcy geht mit seiner Frau immer shoppen und wir schweigen uns währenddessen größtenteils an."
      Er schloss die Augen und binnen Sekunden war er so weggetreten, dass er beinahe vollständig eingeschlafen wäre, bevor er noch seine letzten Worte nuschelte.
      "Du warst fantastisch, Vincent. Sie hatten wirklich Angst vor dir."
      Dann schlief er doch noch ein, bevor er seine Antwort hören konnte.

      Die nächsten zwei Tage verbrachte er im Bett, größtenteils schlafend, bevor er soweit gehen konnte, wenigstens auf einem der Sessel zu sitzen. Vincent bemutterte ihn wirklich, Dominic hatte mit seiner harmlosen Aussage nicht untertrieben, aber weil Thomas sich nicht selbst verarzten konnte, nachdem beide Hände gewissermaßen unbrauchbar waren, musste er ihn geschehen lassen. Wenigstens hatte er ihn am zweiten Tag so weit, dass er Vincent tagsüber schlafen schickte mit dem Versprechen, dass er ihn so lange schütteln würde, bis er wirklich aufwachte, sollte irgendetwas sein. Zum Schluss schlief er ja sowieso selbst die meiste Zeit.
      Essen stellte sich als schwierig heraus. Er konnte seinen bandagierten Arm schmerzlos bewegen, aber die Hand zu bewegen bedeutete, dass er die lädierten Muskeln anspannte, dass die Haut sich straffte und die Nähte sich dehnten. Es tat weh und war eine Quälerei, aber, um Gottes Willen, er war ein selbstständiger, erwachsener Mann, Arzt und Jäger noch dazu, er würde sich doch nicht füttern lassen. Also stand er die Schmerzen durch, ohne ein Wort zu sagen, und vergewisserte sich nur bei jedem Verbandswechsel, den entweder Vincent oder Nora durchführten, dass die Nähte noch richtig saßen. Zumindest in dieser Sache konnte er helfen, nachdem sein Gehirn langsam aus seinem Tiefschlaf wieder erwachte.

      Ein Brief der Polizeiwache Cambridge trudelte in derselben Zeit ein. Was auf den ersten Blick wirkte wie ein generisches Schreiben, das an die Bürger in Zeiten der Sorge und Zweifel verschickt wurde, war in Wahrheit ein an Vincent höchstpersönlich gerichteter Brief vom Chief Inspector persönlich - oder eher von seiner Sekretärin, aber zumindest mit seinem Siegel darauf. Der Inhalt bestand dennoch größtenteils aus allgemeinen Floskeln, die sich auf nichts konkretes spezialisierten - man danke ihm für seine tatkräftige Unterstützung der Wachdienststelle in Cambridge, man versichere, dass Ordnung und Gerechtigkeit die Grundsätze für diese gehütete Stadt waren, man sei über sämtliche Vorgänge umfangreich aufgeklärt und würde keine Kosten oder Mühe scheuen, um die Nachbarschaft friedlich zu halten. Es war zwar zu bezweifeln, ob sich tatsächlich etwas daraus ergeben würde, aber zumindest schien der Lord genug Eindruck hinterlassen zu haben, dass die beiden Detectives seine Warnung weitergetragen hatten und man jetzt wohl ein ganz anderes Kaliber aufziehen würde, nachdem Lord Harker persönlich sein Interesse an der Aufklärung dieses Falls - oder mittlerweile dieser Fälle - zeigte.

      Am fünften Tag wartete Thomas absichtlich darauf, dass Vincent von alleine aufwachte, anstatt ihn früher zu wecken, um ihn zu bitten, ihm die Treppe hinunter zu helfen - nicht, dass er sonderlich Hilfe bräuchte, erwachsener Mann und Arzt und alles, aber sein Kreislauf hatte sich mit dem vielen Schlafen verabschiedet und so erkannte er die Notwendigkeit dahinter, zu verhindern, dass er die Treppe hinunterfiel. Aber abgesehen davon musste er raus - ein Lebewesen, dass sein Leben in der Nacht verbrachte, mochte mit einem dunklen Zimmer zurechtkommen, aber Thomas spürte die Abwesenheit von Sonnenlicht wie ein weit entferntes Bedürfnis, das er nicht so recht hätte zuordnen können, wenn er sich nicht selbst diagnostiziert hätte. Er brauchte Sonnenlicht und außerdem brauchte er wieder Bewegung. Mittlerweile sollte sich sein Bluthaushalt wieder einigermaßen normalisiert haben und da brachte es nichts, weiter untätig herumzuliegen.
      Also begannen sie ihre Odyssee nach unten, bei der er beteuerte, dass es ihm gut ginge und er sicherlich alleine gehen könne, auch als ihn der Schwindel packte und er sich unten erst einmal hinsetzen musste. Zumindest hatte er es geschafft und ließ sich auf dem Sofa einsacken.
      "Spiel mir etwas auf dem Klavier. Ich habe dich schon ewig nicht mehr gehört, zuletzt in meinem Haus. Bitte?"
      Mit großen Augen sah er zu Vincent auf.
    • Es tat gut, endlich wieder etwas zu tun zu haben. Thomas helfen zu können fühlte sich gut an. Vielleicht übertrieb es Vincent ein bisschen, gerade weil es eben Thomas war, aber das war ihm egal. Es gab ja sowie so kaum etwas an dem Mann, was er nicht schon kannte. Die nächste Woche war für ihn also alles andere als ein Problem.
      Während Thomas schlief, war Vincent auch noch anderweitig beschäftigt. Ein Teil seines Hausstabes aus Harker Heights kaum rüber und kümmerte sich um Thomas' Haus: Es wurde aufgeräumt und geputzt, durchgelüftet, und repariert, was repariert werden musste. Vincent ließ sogar ein paar Leute kommen und suchte neue Gardienen aus, die zum Rest der Einrichtung passten, und einen neuen Teppich für das Foyer. Alle bekamen neue Klamotten und Vincent ließ auch neue Sachen für den Rest seines Hausstandes in Harker Heights kaufen. Und jeden Tag schickte Vincent Simon zu einer Bäckerei, um ein paar Leckereien zu besorgen, mit denen er im wahrsten Sinne des Wortes Thomas den Tag versüßte.

      "Sobald die Welt aufhört, sich um dich zu drehen, gern," meinte Vincent, der den Gesichtsausdruck seines Freundes nur allzu gut kannte. "Immerhin müssen wir dafür den weiten Weg auf die andere Seite des Flures zum Musikraum schaffen."
      Er ließ sich neben Thomas auf das Sofa sinken und legte Thomas eine Hand auf das Knie. Wenn er nicht gerade ein aufregendes Leben vorgetäuscht hatte, hatte er seine Zeit in den letzten Tagen hauptsächlich damit verbracht, Thomas zu betrachten. Er würde nie müde werden, genau das zu tun.
      "Wie geht es dir heute eigentlich?" fragte Vincent. "Du hast mich so schnell aus dem Bett gescheucht, dass ich gar nicht dazu kam, dich zu fragen."


    • "Ein sehr weiter Weg. Vielleicht müssen wir unterwegs Lager aufschlagen und im Flur schlafen."
      Thomas lehnte sich zurück und legte den Arm um Vincent, mit dem er ihn auch gleich ein Stück an sich zog.
      "Es geht wieder besser als gestern. Ein paar Tage noch, dann brauche ich keine Gehhilfe mehr und nur noch einen Verbandswechsel. Jeden Tag ein bisschen."
      Er warf Vincent einen Blick zu.
      "Du hast mir noch gar nichts von Vlad erzählt, was macht er? Was hat er zu unserem Kampf gesagt, war er zufrieden? Bist du zufrieden?"
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