[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Vincent ließ sich vorsichtig auf das Sofa plumpsen, seine sonstige Anmut beinahe gänzlich verschwunden. Bevor er sich überhaupt richtig hingesetzt hatte, spürte er schon Thomas Lippen auf den seinen und seine weniger monströsen Instinkte übernahmen, als er den Kus erwiderte, auch wenn dieser nicht besonders lange wehrte.
      "Entschuldige," murmelte Vincent, zu erschöpft, um irgendeinen cleveren Kommentar zu machen.
      Er setzte wieder auf und legte den Kopf auf die Rückenlehne.
      "Ich kann deine ärztlichen Instinkte doch sowie so nicht davon abhalten, oder?"
      Vincent rang sich ein müdes Lächeln ab und schob sein Hemd nach oben. Außer der Narbe von seinem kleinen Zwischenfall mit einem Silbermesser war nichts zu sehen. Er würde auch keinen Bluterguss bekommen, dazu war sein Körper kaum fähig. Trotzdem ließ er sich von Thomas abtasten, damit der andere Mann beruhigt war.
      "Dein Tritt war gerade genug. In einem richtigen Kampf mit einem Alten solltest du noch härter zutreten. Allerdings..." Vincent seufzte, "Ich bin nicht in Ordnung. Ich weiß nicht, ob ich diese Art des Trainings gleich morgen noch einmal mit dir machen kann. Ich... Ich habe beinahe die Kontrolle verloren."
      Vincent schüttelte den Kopf. Er konnte das alles selbst noch kaum fassen.
      "Ich dachte eigentlich, dass ich meinen Hunger wieder im Griff hätte, aber..."
      Er schloss die Augen, massierte sich das Nasenbein. Jahrzehnte der Kontrolle und er verlor sich so einfach in seinen Instinkten? Ließ das Monster einfach so wieder übernehmen? War er wirklich so schwach?!


    • Etwas war anders an Vincents sonstiger Eleganz, aber Thomas beachtete es nicht groß, während er den Mann zu sich in seine Arme zog. Das Training war gut gewesen, wichtig sogar, aber umso wichtiger war es ihm jetzt, die vorherigen Schläge und Tritte mit seiner jetzigen Zuneigung wieder auszugleichen und ganz besonders damit, sich jetzt um Vincent zu kümmern.
      "Ich frage nur aus reiner Höflichkeit, das solltest du mittlerweile wissen."
      Er lächelte ihn leicht an, dann half er ihm das Hemd hochzurollen und begann systematisch seinen Bauch abzutasten. Natürlich brachte es rein gar nichts; selbst wenn er durch ein Wunder Vincents Magen gequetscht und seine Schleimhäute eingerissen hätte, hätten sie sich spätestens dann wiederhergestellt, wenn der Mann sein Glas getrunken hätte. Aber er tat es trotzdem, zum Teil weil Vincent vollkommen recht hatte damit, dass der Arzt in ihm sich nicht einfach abschalten ließ, und zum anderen Teil, weil Vincent es dennoch verdient hatte, dass man sich um ihn kümmerte, auch wenn es nur hypothetische Wunden waren. Thomas wäre sogar so weit gegangen, ihn hoch ins Bett zu tragen, so wie er es auch bei ihm getan hatte.
      Er gab sich aber mit dem oberflächlichen Abtasten zufrieden, bei dem er sich auch die Narbe besah, die noch immer nicht verschwunden war und ihm langsam aber sicher auch Kopfschmerzen bereitete. Langsam wäre es Zeit genug, dass sie sich vollständig wieder zurückgebildet hätte. Wenn Vincent schlafen würde, würde Thomas sie sich noch einmal ansehen.
      Jetzt zog er ihm wieder das Hemd herab und machte es sich neben ihm wieder bequem.
      "In einem richtigen Kampf hätte ich weitaus mehr getan. Ich habe mich zurückgehalten, das muss ich zugeben."
      Was ihm Vincent da allerdings als nächstes eröffnete, darauf war Thomas gänzlich unvorbereitet. Er richtete sich auf, ließ aber nicht im entferntesten von dem Mann ab. Vincent und die Kontrolle verlieren? Das erschien ihm gänzlich unmöglich, selbst in den wenigen Monaten, die sie sich erst kannten. Wenn es einen Vampir auf dieser Welt gab, der seine Triebe vollständig unter seiner Kontrolle hatte, dann war es Vincent; Thomas konnte es sich gar nicht anders vorstellen. Dieser Vampir vor ihm hatte sein ganzes Bild von Vampiren und deren Trieben zum Einstürzen gebracht, er hatte ja sogar Thomas' Leben auf den Kopf gestellt, damit dass er so leichtfertig und schnell sein Herz erobert hatte, und dieser selbe Mann sollte jetzt seiner eigenen Natur unterliegen? Nicht unter Thomas' Aufsicht.
      "... aber du hast dich mitreißen lassen? Von dem Kampf?"
      Er strich ihm liebevoll eine Strähne hinter das Ohr.
      "Vincent, du bist der stärkste Mann, den ich kenne. Du widerstehst jedem Tag deinen Trieben, indem du etwas anderes als Menschenblut trinkst, auch wenn du damit konfrontiert wirst. Du hast dich so sehr im Griff wie kein anderer Vampir auf dieser Welt - nunja, vielleicht bis auf Dominic, wir lassen ihn mal außenvor. Nicht einmal Vlad hat so viel Selbstkontrolle und er ist wesentlich älter als du. Mach dich nicht fertig, nur weil es einmal knapp geworden ist. Du hast es zurückgehalten und das ist alles, worauf es ankommt."
      Er legte ihm die Hand an die Wange und strich sanft mit dem Daumen seinen Wangenknochen entlang.
      "Entweder wir machen morgen kein Training und du darfst dich von meinen ganzen neuen Erkenntnissen langweilen lassen, die du und Dominic mir beschert habt, oder wir machen morgen erst recht ein Training, das für dich genauso eins sein wird wie für mich. Ich vertraue dir, Vincent, und du solltest dir genauso vertrauen."
    • Vincent lehnte sich gegen die warme Hand, begrüßte die zärtliche Berührung genauso sehr, wie Thomas' Worte. Doch dann roch er es. Als er die Augen öffnete, war Thomas' Handgelenk genau da, in Reichweite seiner Zähne.
      Vincent wandte den Blick ab.
      "Ich habe mich nicht von dem Kampf mitreißen lassen, Thomas," sagte er, mied aber den Blickkontakt. "Ich habe mich von der Jagd mitreißen lassen. Und ich habe mich nicht zurückgehalten."
      Nun sah er Thomas wieder an. Diesen wundervollen, wunderschönen Mann mit einem Herzen so weit wie der Horizont.
      "Du hast mich aufgehalten. Hättest du dich nicht von mir befreit..."
      Seine Stimme brach. Als er Thomas eine Hand an die Wange legte - die Hand, die er sich bei dem Schlag auf den Boden aufgerissen hatte und die noch nicht ganz verheilt war - standen blutige Tränen in seinen Augen. Eine löste sich, rollte Vincent über die Wange und hinterließ einen hellroten Streifen auf seinem Gesicht, bevor sie auf sein Hemd tropfte.
      "Ich will dir nicht wehtun, Thomas..." murmelte er heiser, der Kloß in seinem Hals zu groß, um ihn einfach herunterzuschlucken. Seine Kehle war einfach zu trocken dafür.


    • Etwas bei dem Anblick des so untypisch kleinlaut gewordenen Mannes zerriss etwas in Thomas' Innerem. Wie sehr er sich darum bemüht hätte, auch das zu heilen, was in dem anderen gerade vorgehen mochte. Was er nicht alles dafür getan hätte, dass seine Heilkünste soweit reichten, dass er ihm die Plage von der Seele nehmen konnte. Thomas hätte alles dafür gegeben.
      Das Gefühl verdoppelte sich, als Vincents sonst so weiche Augen zurück zu seinen wanderten und seine Stimme gar verräterisch einbrach. In diesem Moment hätte keine auftauchende Nora, kein Simon und selbst kein Vlad verhindern können, dass Thomas so nah an seinen Freund heranrutschte, wie es nur möglich war, und ihn an seiner Hüfte noch enger an sich zog. Eigentlich wollte er ihn ganz in seine Arme nehmen, ihn auf seinen Schoß ziehen und festhalten, bis es nichts mehr gäbe, das ihn so sehr aus der Fassung brachte wie in diesem Moment, aber das Thema dieses Gesprächs hielt ihn ein wenig davon ab, seinen Hals näher an Vincents Zähne zu bringen, als nötig war. Dafür konnte er mit herzzerreißender Genauigkeit beobachten, wie sich erst die Tränen in Vincents Augen sammelten und dann eine von ihnen über seine Wange kullerte.
      "Oh, Vincent..."
      Die Träne war rot. Sie hinterließ eine sichtbare Spur, erst auf Vincents Gesicht und dann auf seinem Hemd, das Thomas für einen Moment perplex anstarrte. Er hatte noch nie einen Vampir weinen gesehen und es zerriss ihm das Herz, dass es gerade Vincent sein musste, der sein erster war.
      "Hey..."
      Losgelöst von dem Anblick, wischte er über die rötliche Spur, zog dann seine Hand zurück und ergriff Vincents, die er vorsichtig von seiner Wange löste und in seinen eigenen bettete. Das musste wohl Ersatz genug für den Drang sein, den Mann in seine Arme zu schließen.
      "Du hast mir nicht wehgetan und du wirst mir auch niemals wehtun, hörst du? Du bist noch immer du und daran hat sich auch nichts geändert, du bist kein Monster. Oh Vincent, mein Liebster, bitte weine nicht, es ist alles in Ordnung."
      Jetzt konnte er sich doch nicht mehr abhalten, wie hatte er es überhaupt eine Sekunde lang ausgehalten, seinen Freund so ansehen zu müssen und nichts tun zu können? Also schlang er jetzt die Arme um Vincents erschöpften Körper und schloss ihn darin ein, so fest, bis es keine Lücke mehr zwischen ihnen gab. Behutsam streichelte er über seinen Kopf, über seinen Nacken, ganz egal, hauptsache er würde ihm das Leid nehmen, das er sich selbst aufgetragen zu haben schien. Er konnte es nicht ertragen, Vincents sonst so lebendigen Anblick und wie er jetzt regelrecht in das Sofa einsackte. Er wollte alles für ihn geben.
      "Alles ist in Ordnung. Alles wird in Ordnung sein, ich verspreche es dir."
    • Vincent klammerte sich an Thomas, als sei er der Rettungsring im großen, weiten Ozean. Denn genau so fühlte er sich gerade: Verloren in diesem viel zu großen, viel zu weiten Ding, das einfach kein Ende hatte. Etwas, dem er nicht entkommen konnte, egal wie sehr er sich auch anstrengte. Flucht war keine Option. Er konnte nur versuchen, nicht zu ertrinken. Und heute Nacht hatte ihn die Kraft beinahe verlassen. Sein Kopf war bereits Unterwasser gewesen, seine Lungen hatten bereits angefangen, nach Luft zu schreien. Und dann kam Thomas und zerrte ihn wieder an die Oberfläche. Der Mann konnte ihm nicht das Ufer zeigen, denn es gab keines. Aber er konnte Vincent helfen, den Kopf über Wasser zu halten. Und dafür war er unendlich dankbar.
      Vorsichtig löste er sich von Thomas, testete seine metaphorischen Muskeln, ob er schon wieder allein schwimmen konnte. Aber er ließ Thomas nicht los, konnte es nicht. Die Angst, zu ertrinken, war zu groß.
      "Ich schätze, ich muss ein bisschen genauer auf meine Diät achten," meinte er. "Mich langsam vorarbeiten. Wenn du... ich kann nicht glauben, dass ich das vorschlage. Aber du bist einfach zu süß, wenn du dich in einem neuen Thema verbeißt - entschuldige den Wortwitz. Du könntest... naja... etwas über das vampirische Essverhalten lernen? Sofern ich darüber hinwegkommen kann, dass mir jemand beim essen zusieht..."


    • Thomas schmunzelte erst, dann kicherte er und löste sich gerade so weit von Vincent, um ihn ansehen zu können. Wenn es einen Moment in seinem Leben gegeben hätte, an dem er nicht hätte rot anlaufen sollen, wäre es wohl dieser gewesen, in dem Vincent ihn so unverblümt süß nannte, aber wie immer führte sein Körper ein Eigenleben aus.
      "Ich dachte, du würdest mich das nie fragen."
      Noch immer lächelnd, wenngleich wesentlich liebevoller als wirklich amüsiert, betrachtete er seinen Freund, die roten Schlieren auf seiner Wange, die jetzt wieder hell gewordenen, so hübschen Augen. Dieser Mann war ein Engel für Thomas und er lehnte sich nach vorne und drückte seinem Engel einen festen Kuss auf die Stirn.
      "Ich kann mir nichts besseres vorstellen, als meinem Geliebten dabei zuzusehen, wie er ein Glas Schweineblut trinkt. Das wäre so ziemlich das erotischste, was du jemals für mich getan hättest. Mein innigster Wunsch, quasi."
      Er legte die Hand zurück an Vincents Wange, hob seinen Kopf leicht an und küsste ihn sanft auf die Lippen, bevor er sich wieder aufrichtete. Vincent hatte einen Eisengriff um seinen Körper gelegt, aus dessen Umarmung es kein Entrinnen gab, aber das wollte Thomas auch gar nicht. Er lehnte sich freiwillig hinein und ließ im Gegenzug auch den anderen nicht aus seinen Armen.
      "Im Namen der Wissenschaft bin ich aber bereit, mich mit deinen Essgewohnheiten auseinanderzusetzen. Mir fallen schon ein paar Dinge ein, die Dominic sicherlich ähnlich sehen würde: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, das Blut von anderen Säugetieren zu trinken? Oder vielleicht sind deine Schweine nicht sehr gesund? Oder du brauchst einfach ein zusätzliches Ergänzungsmittel. Hast du schon einmal dein Blut in Verbindung mit einem normalen Gericht zu dir genommen? Ich werde mit Nora sprechen, sie kann dir sicherlich ein Spezialgericht zubereiten. Blutkartoffelpüree vielleicht, was hältst du davon?"
    • Mit jedem weiteren Wort entgleisten Vincents Gesichtszüge ein bisschen mehr. Er konnte nicht glauben, dass Thomas eine solche Aussage überhaupt über die Lippen brachte. Vielleicht lag es daran, dass er den Geschmack von der roten Plörre mit der ganzen Sache in Verbindung brachte, aber er konnte sich nicht einmal im Scherz vorstellen, dass es attraktiv war, ihm bei seinem nächtlichen Mal zuzusehen.
      "Die Tatsache, dass ich Schweineblut trinke, liegt einzig und allein daran, dass es am leichtesten Zugänglich ist. Das kann man bei jedem Schlachter und Metzger erwerben. Die Art des Tieres hat nur Auswirkungen auf den Geschmack, nicht auf den Nährwert. Das habe ich schon vor einer ganzen Weile ausprobiert. Und bevor du fragst: Ja, Schwein schmeckt besser als Rind. Normales Essen ist mehr des Geschmackes wegen, es bringt praktisch kaum etwas. Selbst wenn ich die ganze Nacht damit verbringe, mich vollzustopfen, als sei ich die Verkörperung der Völlerei selbst, würde mich das kaum sättigen. Ich glaube nicht, dass die Kombination daran irgendetwas ändern würde. Außerdem will ich weder mir, noch Nora ein solches Verbrechen an der Menschheit antun."
      Vincent schüttelte seinen Kopf ein wenig. Allein bei der Vorstellung drehte sich ihm schon der Magen um.
      "Wo wir gerade dabei sind: behaupte bitte nie wieder, dass es anziehend sei, wenn ich mir Schweineblut runterzwinge. Ich bin ja immer für einen Scherz zu haben, aber das... nein. Das passt einfach nicht zusammen."


    • "Vincent." Thomas legte einen feierlich-ernsten Tonfall auf. "Ich liebe dich und ich finde alles an dir anziehend. Vielleicht nicht unbedingt, wenn du nach Blut schmeckst oder mir deine etwas schärferen Zähne präsentierst, das ändert aber nichts daran, dass du der hübscheste, attraktivste Mann in ganz England für mich bist. Da müsstest du schon... nein, ich denke das kannst du gar nicht mehr ändern, egal wie sehr du dich bemühen solltest. Das hast du dir schon selbst verbockt."
      Er löste einen von Vincents Armen von sich, zog ihn an sich und küsste seine Hand.
      "Also guck nicht so drein. Ich werde dir beim Trinken zu sehen und das wird ganz schrecklich sein, so schrecklich, dass ich es dann gleich noch einmal tun muss. Und wir fangen gleich morgen damit an, dass du jede Stunde eins deiner Gläser trinkst, schaffst du das? Das macht in der Nacht 14 Gläser. Und du wirst mir hinterher genau beschreiben, wie du dich fühlst, dafür wirst du mich extra aufwecken, verstanden? Diesmal mache ich wirklich keinen Scherz, Vincent. Also komm", er stand auf und zog den anderen mit sich, "nach oben ins Bett, ich habe morgen eine lange Nacht vor mir."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • "Vierzehn Gläser?! Ich will mein Hunger-Problem lösen, nicht verschlimmern!" protestierte Vincent, ließ sich von Thomas aber mitziehen.
      Er schlang die Arme im Gehen von hinten um Thomas und küsste seine Schulter kurz, bevor er den Mann wieder losließ und sich auf ein einfaches Händchenhalten beschränkte - das ließ er sich allerdings nicht nehmen.
      "Ich schlage ein ausgiebiges Bad vor, bevor wir irgendwas anderes tun. Du hast Dreck an deiner Wange. Und ich auch überall. Ich bin ja zu vielem bereit, aber dreckig gehe ich nicht ins Bett; da erhebe ich Einspruch!"
      Kaum waren sie im Schlafzimmer angekommen, schälte sich Vincent aus seinem Hemd. Er betrachtete das Kleidungsstück skeptisch: es war dreckig, ein wenig blutig, und an einem Ellenbogen sogar ein bisschen eingerissen. Mit einem Schulterzucken warf er es einfach in den Müll, bevor er sich vollständig entkleidete und auch den Rest seines Outfits wegwarf. Nackt, wie er zur Welt gekommen war, schlenderte er in aller Seelenruhe ins Badezimmer, wohlwissend, welche Wirkung sein blankes Hinterteil auf Thomas haben konnte. Er setzte sich auf den Wannenrand, überschlug strategisch die Beine und ließ das Wasser ein.
      Er dachte über Thomas' Worte nach, während er mit trägen Bewegungen seine Finger durch das Wasser gleiten ließ. Es hatte einen Grund - mehrere eigentlich - warum sich dieser Mann so schnell in sein Herz hatte schleichen können. In Momenten wie diesen, in denen sich Vincent bis zu seinem Kern öffnete, wurde ihm das immer wieder bewusst. Mit Vlad hatte er das nie gehabt. Mit Vlad hatte er immer einen Teil seiner selbst wegzuschließen versucht. Vincent betrachtete Thomas und ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.


    • "Vielleicht finden wir dann auch gleich heraus, ob du von Blut allein Gewicht zunehmen kannst. Das würde deinen Hüftknochen nicht schaden, die sind spitz wie sonst was, wenn man sich darauf legt."
      Jetzt wieder mehr grinsend ließ Thomas seine Hand in Vincents gleiten, wie das perfekte Gegenstück zu den langen, eleganten Fingern, die sich um seine schlossen. Sie entledigten sich im Schlafzimmer ihrer Kleidung, die definitiv auch schon bessere Tage gesehen hatte. An seiner Schulter klebten kleine Blutflecken und er hatte sich den Ärmel etwas eingerissen. Da er sich aber momentan wohl keinen neuen Anzug leisten konnte, legte er die Sachen zusammen und nahm sich vor, vielleicht Esther danach zu fragen, ob man etwas machen könnte. Dann war er auch schon wieder abgelenkt davon, dass sein geschätzter Freund und Geliebter sehr anschaulich präsentierte, wie beweglich seine Hüften beim Gehen waren und wie geschmeidig er sie schwingen konnte. Thomas vergaß um seinen Anzug, starrte, erinnerte sich dann erst, als Vincent im Bad verschwunden war, dass er nicht nur sehen, sondern auch berühren konnte und eilte ihm nach, um dieses sündhaft knackige Hinterteil in die Finger zu bekommen. Er holte den Mann beim Wannenrand ein, der ihn mit einem Lächeln empfing und eroberte ihn mit dem Zweck, die Reinigung hinter dem Bad noch ein wenig herauszuzögern.
      Er schlief später an Vincents Brust geschmiegt ein und am Morgen ließ er den Mann auf seiner Brust einschlummern. Bis zum Mittag blieb er bei ihm im Bett, beschäftigt durch eine Mischung aus dösen und den Mann in seinem Schlaf zu betrachten, wohlwissend, dass er eines Tages seine Praxis wieder eröffnen müsste. Aber dann würde er auch wieder in sein Zuhause zurückkehren müssen, also entschied er sich doch dazu, sich lieber für den Rest des Tages in seine neueste Vampirforschung zu vergraben, nur um Vincent rechtzeitig mit seinem ersten Glas zu wecken.
    • Nach dem Bad kuschelte sich Vincent mit Thomas zusammen ins Bett. Doch kaum war der Mann eingeschlafen, wurde Vincent nervös. Thomas' Herzschlag dröhnte durch den Raum, lauter als jemals zuvor. Er wusste, dass er sich das nur einbildete, aber Logik konnte nur so viel ausrichten.
      Schließlich stand Vincent auf, vorsichtig, um Thomas nicht zu wecken. Um sich zu beschäftigen, warf er ein Auge auf Thomas' Anzug. Der war vollkommen ruiniert. So würde er den anderen Mann nicht einfach herumlaufen lassen.
      Vincent schlich sich aus dem Schlafzimmer und suchte nach Nora. Er fand sie in seinem Salon, auf dem Sofa sitzend, in ein Buch vertieft. Sie sah natürlich sofort auf, als er hereinkam.
      "Ist was passiert?" fragte sie, wohlwissend, dass Vincent das Ende seiner Nacht eigentlich mit Thomas im Schlafzimmer verbrachte und sie sich nicht um ihn sorgen musste, bis er am Abend wieder aufwachte.
      "Eine Menge," seufzte Vincent und ließ sich in den Sessel neben Nora fallen.
      Den kaputten und verdreckten Anzug legte er auf den Tisch vor sich.
      "Ich habe meinen Hunger weniger gut im Griff, als ich dachte, und heute hat mich diese Tatsache angefallen wie ein tollwütiger Straßenhund. Ich habe es Thomas gesagt, keine Sorge. Aber jetzt will er mir beim essen zusehen und ich weiß nicht, wie ich darüber denken soll."
      "Wie du darüber denken sollst oder wie du dich dabei fühlst?" stellte Nora die Gegenfrage und legte ihr Buch beiseite.
      "Letzteres. Natürlich letzteres."
      "Er hat dich doch schon gesehen, Vincent. Er hat das Tier kennengelernt, als er das Silber aus dir rausgebrannt hat. Er hat ihm gesagt, dass er die Klappe halten soll und hat dein Leben dann trotzdem gerettet. Es interessiert ihn nicht."
      Sie legte Vincent sanft die Hand auf das Knie.
      "Und er weiß ganz genau was passiert, sollte er dir noch einmal das Herz brechen. Ich habe ihm im Detail gedroht. Also mach dir mal keine Gedanken, in Ordnung? Konzentriere dich auf die Aufgabe, die vor dir liegt und lass Thomas' geringe Kontrolle über sein Gesicht meine Sorge sein."
      Nora schaffte es immer, genau die richtigen Worte zu sagen. Vincent lächelte, nickte. Dann nahm er Nora in die Arme, musste sie einfach kurz drücken. Was würde er nur ohne sie tun.
      "Und jetzt zeige mir diesen Unfall da," meinte sie, als sie sich voneinander lösten, und deutete auf den Anzug.
      "Das ist Thomas' Anzug. Nach dieser ganzen Aktion heute hat er wohl sein Leben ausgehaucht."
      "Aber der gute Doktor wird zu stur sein, dich nach einem neuen zu fragen."
      "Und zu zurückhaltend, um ein ordentliches, teures Exemplar von mir anzunehmen."
      Die beiden sahen sich kurz an.
      "Dann messe ich den hier aus und schicke Simon los, ein paar einfache in der gleichen Größe zu kaufen," meinte Nora schließlich.
      "Dankeschön. Kannst du sie einfach in meinen Kleiderschrank hängen? Kein Grund, das groß an die Glocke zu hängen."
      "Natürlich. Und jetzt verzieh dich und kuschel mit deinem Liebsten. Ich habe schnulzige Liebesbriefe zu beantworten."
      Die beiden umarmten sich noch einmal kurz, dann verzog sich Vincent tatsächlich. Er legte sich neben Thomas und beobachtete ihn eine Weile beim Schlafen. Und als der Mann mit dem Sonnenaufgang aufwachte, da kuschelte sich Vincent an ihn und gab sich selbst dem Schlaf hin.

      Vincent grummelte und zog sich die Decke über den Kopf. Darunter rollte er sich zusammen wie eine müde Katze. Er wollte nicht aufstehen. Er wollte weiterschlafen, wollte zurück in die bequeme Bewusstlosigkeit, in der seine Kehle nicht völlig ausgetrocknet war und alles so lecker nach Thomas duftete. Doch man ließ ihm keine Wahl.
      Sein eigener Stolz gebot es ihm, sich ordentlich anzuziehen, bevor er sich seinem Essen widmete. So gern er Thomas am Abend auch ärgerte indem er nichts unter seine Morgenrobe anzog, heute war ihm einfach nicht danach.
      Unten im Frühstückszimmer wartete bereits ein ordentliches Abendessen auf die beiden Männer - und eine kleine, wohlgekühlte Karaffe mit Schweineblut. Allein die Tatsache, dass es nicht bloß ein Glas war, das er schnell runterkippen konnte, ließ Vincent alles an dieser Situation hassen. Immerhin hatte Nora eine undurchsichtige Karaffe gewählt und ein venezianisches Glass, bei dem man also durch die Verarbeitung nicht besonders viel erkennen konnte. Trotzdem. Vincent wusste, was er da trank und hasste es. Er hasste, was es war. Er hasste, dass er es trinken musste. Er hasste, dass das seine einzige Option war.
      Wenig begeistert, aber Haltung bewahrend, ließ er sich auf seinen Platz sinken. So schwer konnte es ja gar nicht sein, vor jemandem zu trinken. Es war ja auch eigentlich gar nicht so anders wie von seinen sonstigen Nächten. Nur ein Augenpaar mehr, nichts weiter. Nur Thomas. Der jede seiner Bewegungen genau beobachtete. Und ihm einhundert Fragen zu allem stellen würde.


    • Thomas hatte sein Notizbuch dabei, ein altes, ramponiertes, fleckiges Buch, das er eigentlich schon seit Jahren nicht mehr verwendet hatte, das jetzt aber durch Dominics Einfluss wieder aufleben durfte. Die Seiten waren dick, an manchen Stellen eingerissen und das ganze Innenleben war durch zusätzliche Notizen und Blätter vermutlich doppelt so dick, als es hätte sein müssen. Als Thomas es aufschlug, flog ein leeres Blatt wie ein freigelassener Vogel heraus und landete auf seinem Teller. Er griff danach, betrachtete den Inhalt und knüllte es dann zusammen, bevor er auf eine leere Seite blätterte.
      "Ah - noch nicht trinken. Ein paar Fragen davor, ein paar Fragen danach."
      Er lächelte Vincent über den Tisch hinweg an, beugte sich dann über sein Buch und legte eine krakelige Tabelle an. Dann lehnte er sich zurück und betrachtete seinen Freund, der einen starren, unbewegten Blick auf ihn gerichtet hatte.
      "Vertraust du mir, Vincent?"
      Er wartete auf eine ernste Antwort, bevor er weiterfuhr.
      "Okay. Ich vertraue dir auch. Also: Wie fühlst du dich? Irgendwelche Beschwerden und wie stark? Wie müde bist du? Wie hungrig bist du? Wie fühlt sich dein Zahnfleisch an? Auf einer Skala von 1 bis 10, wie gerne würdest du mir im Moment deine Zähne zeigen?"
      Er machte sich neutrale Notizen darüber, die Professionalität des Arztes hatte sofort übernommen. Dann, ohne Vorwarnung, nahm er sein Messer in die Hand und schnitt sich einmal über den Finger. Blut quoll hervor, rutschte in einem eher kleinen Tropfen seinen Finger herab und zeitgleich trieb er seinen Herzschlag unnötig in die Höhe, bis er schnell genug war, dass ihm das Adrenalin ins Blut schoss und es einer Angst glich. Da sah er wieder, genauso ernst, zu Vincent und zückte seinen Stift.
      "Und jetzt?"
    • "Natürlich vertraue ich dir, Thomas."
      Wie konnte er auch nicht? Dieser Mann hatte ihm bereits das Leben gerettet, und das in einem Moment, in dem er keinen einzigen Grund dafür gehabt hatte, ihm zu helfen. Vincent vertraute Thomas blind.
      Vincent kicherte leise und schüttelte den Kopf. Er hatte ja mit einer Welle an Fragen gerechnet, aber er unterschätzte immer wieder, wie schnell Worte aus Thomas' Mund purzeln konnten.
      "Mir geht es ungefähr so wie dir vor dem ersten Kaffee. Der Gedanke an ein Bett ist immer noch sehr verlockend, aber jetzt, wo ich richtige Hosen anhabe, kann ich es verkraften, mich nicht in die Kissen wühlen zu können. Was meinen Hunger angeht... stell dir vor, du hast seit drei Tagen keinen Tropfen mehr getrunken, die Sonne steht hoch am Himmel und du hast gerade den Stadtplatz mit dem Brunnen erreicht. Das Wasser ist gleich da, direkt vor dir, aber noch nicht in deiner Hand, noch nicht in deinem Mund, deiner Kehle. So fühlt es sich an. So fühlt es sich jeden Abend an."
      Vincent fuhr sich mit einer Hand durch Haare. Er hatte seinen Hunger noch nie beschreiben müssen. Seine Beschreibung fühlte sich passend, aber auch irgendwie falsch an. Es gab keine Worte für dieses Gefühl. Und ein Mensch konnte es wohl kaum nachvollziehen.
      "Mein Zahnfleisch? Das ist genauso trocken wie alles andere auch. Es juckt sogar ein bisschen, wenn man das denn so nennen könnte."
      Und dann lächelte Vincent breit, präsentierte sein Gebiss - ganz ohne Fangzähne. So einfach war es dann doch nicht, die beiden Miniatur-Speerspitzen herauszulocken.
      Vincent freundliche, leicht nervöse Stimmung löste sich sofort in Luft auf, als Thomas das Messer ergriff. Vincent war nicht schnell genug, um ihn aufzuhalten, das wusste er. Also wappnete er sich, so gut er im Bruchteil einer Sekunde konnte, für den Geruch, der ihn gleich überrollen würde. Es war schlimmer, als er erwartet hätte.
      Vincent saß da, alle Muskeln zum Zerreißen gespannt. Das Lächeln verschwand sofort aus seinem Gesicht. Er zwang sich dazu, seinen Blick nicht auf das Blut zu richten. Jeder Atemzug war Folter. Und Thomas wusste das. Er musste es wissen. Wie konnte der Mann so grausam sein?! Alles in Vincent schrie danach, sich über den Tisch zu werfen und zu fressen.
      Vincent sprang auf und stürmte aus dem Frühstückszimmer, ergriff die Flucht. Er wusste nicht genau, wovor er davonlief. Seinem Hunger? Wohl kaum, der verfolgte ihn wohin er auch ging. Dem Blut? Mit dem Abstand vernebelte es ihm zumindest weniger die Sinne. Thomas? Vielleicht...
      Im Salon tigerte Vincent ein wenig hin und her, bevor er vor dem Fenster stehen blieb. Er stemmte die Arme gegen den Fenstersims und versuchte, sich zu sammeln, den Geruch zu vergessen, der sich in seiner Nase festgesetzt hatte. In diesem Moment war es nicht sein Magen, der da grummelte, sondern das Monster, das leise knurrte.


    • Thomas notierte sich zu jeder Frage eine knappe Antwort, bis er soweit zufrieden war, dass er mit der letzten fortfahren konnte. Soweit sollte es allerdings gar nicht erst kommen.
      Mit eindrucksvoller Genauigkeit konnte Thomas beobachten, wie die letzte verbliebene Farbe aus Vincents Gesicht wich, wenn man es denn überhaupt so nennen konnte, nachdem der Vampir sowieso immer bleich aussah. Die Muskeln seines ganzen Körpers verhärteten sich mit einem Schlag und sein Blick, der vorher schon etwas starr gewesen war, wurde hart, bewegungslos, fast glasig. Er setzte sich auf Thomas fest - auf seinem Gesicht, wohlgemerkt - und zuckte nicht, blinzelte nicht einmal. Man hätte wohl meinen können, dass der Vampir sich recht erfolgreich von dem Blut abwandte, aber Thomas konnte die Anstrengung sehen, mit der der andere seinen Körper auf den Stuhl presste und seine Brust zum Atmen zwang. Hätte irgendetwas den Moment der eingetretenen Totenstille durchbrochen, wären wohl beide in ihren jetzt angespannten Nerven wie Katzen aufgescheucht worden. Aber nichts kam und als Vincent einen Moment später aufsprang, zuckte auch Thomas, der halb damit rechnete, der Vampir würde die Oberhand gewinnen.
      Stattdessen flüchtete der andere mit riesigen Sätzen aus dem Zimmer.
      Thomas sah ihm unbewegt nach, lauschte auf die vergleichsweise lauten Schritte, die durch den Gang tönten und dann irgendwo verstummten und presste sich dann erst eine Serviette gegen den kleinen Schnitt. Er starrte auf seine Tabelle hinab, befand, dass die Spalte der letzten Frage definitiv zu klein geraten war und begann, sie, soweit es ging, mit winzigster Schrift zu füllen. Dann stand er auf und verschwand im Badezimmer.
      Als er drei Minuten später Vincent im Salon wiederfand, hatte er den kleinen Schnitt desinfiziert, ein Pflaster um den Finger geklebt und die ganze Stelle mit einer Schicht Jod eingeschmiert. Nicht, dass er es gebraucht hätte, aber der Gestank war so furchtbar eindringlich, dass es den wenigen Blutgeruch problemlos übertönte.
      Vincent stand am selben Fenster wie schon am Vorabend.
      "... Entschuldige."
      Er stellte die Blutkaraffe ab, die er vom Esszimmer mitgenommen hatte, und trat dann einen Schritt zurück, um Vincent seinen Freiraum zu geben. Schließlich war seine Fragestunde damit beendet, er musste nicht noch mehr provozieren als nötig war.
      "Es hätte das Ergebnis verfälscht, wenn du darauf vorbereitet gewesen wärst. Nachher wirst du es wissen, aber dann bist du auch nicht mehr ganz so hungrig. Du kannst jetzt trinken; alles in Ordnung?"
    • Vincent sagte einen langen Augenblich einfach gar nichts. Er stand einfach nur da, starrte einen Busch vor dem Fenster an.
      "Das war nicht der Deal," sagte er schließlich, seine Stimme leise aber ruhig und bestimmt.
      Er richtete sich auf, richtete sein Hemd und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, bevor er sich zu Thomas umdrehte. Eigentlich wollte er den Mann gar nicht ansehen. Er wollte sich ihm in die Arme werfen und Zuflucht vor dem suchen, was eben passiert war. Aber das konnte er nicht, denn Thomas war der Grund, warum es überhaupt erst passiert war.
      "Weißt du, wie schwer es für mich war, dir überhaupt anzubieten, mir dabei zuzusehen, wie ich das Monster füttere? Ich habe dir gestattet, mir zuzusehen, ich habe dir gestattet, deine Fragen zu stellen, weil ich dachte, die Ausmaße deiner Neugierde einschätzen zu können. Offenkundig lag ich falsch. Das ist das dritte Mal, Thomas. Das dritte Mal, dass ich für dich nichts weiter als ein Versuchsobjekt bin. Das vierte Mal, wenn man den kleinen Affenzirkus mitzählt, den ich wegen meinem langsamen Herzschlag veranstalten musste, nur um dich zufriedenzustellen. Ich kann darüber hinwegsehen, dass du mich von innen heraus abfackelst, weil es mir das Leben gerettet hat. Ich kann darüber hinwegsehen, dass du mich an meine Grenzen treibst, weil es dir hilft, gegen Alte zu kämpfen und zu überleben. Aber ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass du mich mit voller Absicht dazu bringen wolltest, meinen ältesten Schwur zu brechen, nachdem ich dir meine Schwäche enthüllt habe. Und dann stellst du dich auch noch hier hin und erlaubst mir das zu tun, was mich am Leben erhält? 'Nachher wirst du es wissen.' Was werde ich wissen, Thomas? Hm? Nur weil ich hungrig bin, heißt das nicht, dass mein Verstand nicht mehr mitkommt. Dass ich außerstande bin, einen klaren Gedanken zu fassen. Um also deine Frage zu beantworten, Herr Doktor: Nein, es ist nicht alles in Ordnung."
      Vincent schnappte sich die Karaffe voller Blut - Thomas hatte nicht einmal ein Glas mitgenommen - und betrachtete den Inhalt, bevor er wieder zu Thomas sah.
      "Ich hoffe, du hast erfahren, was du wissen wolltest."
      Damit verließ er den Salon, holte sich ein Glas aus der Küche und verzog sich in sein Büro im oberen Stockwerk. Vincent machte einen Punkt daraus, die Tür lautstark zuzuwerfen. Heute Nacht wollte er Thomas nicht noch einmal sehen. Dazu war er zu aufgewühlt von dem, was gerade passiert war.
      In seinem Büro zwang er sich zwei Gläser Schweineblut die Kehle hinunter. Dabei fiel sein Blick auf die Krähen, die draußen auf einem Ast saßen. Zusammengenommen waren es neun.
      "Nine for a kiss..." murmelte Vincent.
      Er schloss die Augen und lehnte sich in seinem massigen Schreibtischstuhl zurück. Heute Nacht war keine gute Nacht.


    • Vincents Reaktion war so gänzlich unvorhergesehen, dass Thomas erst stutzte und dann überhaupt nicht mehr wusste, was er dazu sagen sollte.
      Es lag etwas in Vincents Stimme, das sich nicht so leicht benennen ließ, aber von dem Thomas wusste, dass er einen Nerv getroffen haben musste - einen ganz empfindlichen. Und im Gegenzug traf auch Vincent ins Schwarze, wie eine kleine Nadel, die sich ganz gezielt durch Thomas' Brust bohrte.
      Natürlich hatte er nicht die Tragweite dessen gewusst, was es für den anderen bedeuten mochte, vor seinen Augen Blut zu trinken. Immerhin konnte er die Angelegenheit nur aus rein rationaler Sicht betrachten: Der Vampir trank Blut, das ihm das Leben brachte, so wie Menschen Lebensmittel aßen, um zu überleben. Da gab es nicht viel weiter darüber nachzudenken und die einzige Sache, um die sich Thomas dabei geschert hätte, war die Abneigung gegen den Blutgeschmack, der hinterher auf Vincents Lippen lag, wenn er ihn küsste, und das Interesse daran, wie der vampirische Körper gebaut war, um aus Blut alleine die benötigten Nährstoffe zu ziehen. Mehr gab es dahinter für Thomas nicht - aber für Vincent wesentlich mehr und das begriff er erst in dem Moment, als es schon zu spät war.
      Dafür war der Mann alles andere als ein Versuchsobjekt für Thomas und das traf eine ungeahnte Stelle in ihm. Drei Mal Versuchsobjekt, vier Mal mit dem "Affenzirkus"? War es das, was Vincent hinter all den Untersuchungen sah, bloß eine kleine Spielerei aus der Neugierde heraus, mit einem Vampir auch anders interagieren zu können als mit Waffen? War ihm bewusst, wie wichtig diese Sache für Thomas war, für seine Studien, für sein ganzes Leben? Dass es essentiell war, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu wissen und er die von keinem anderen Vampir erfahren könnte?
      Aber natürlich war das nur die Sicht des Arztes, des Wissenschaftlers in gewissermaßen, der seine Existenz in Bedrohung sah. Vincent war kein Versuchsobjekt für ihn, er war in erster Linie sein Freund, sein Geliebter, der Mann, mit dem er den Rest seiner Tage verbringen wollte, Ring oder nicht. Erst danach käme, was auch immer sein unerschöpflicher Wissensdurst sich einfallen ließ und in dieser Hinsicht wusste Thomas, dass er eine Grenze überschritten hatte.
      Wortlos und starr beobachtete er, wie Vincent näher kam, aber nur bis zur Höhe der Karaffe. Herr Doktor, so hatte er ihn schon lange nicht mehr genannt, nicht mit einem solchen ernsten Unterton. Es zerbrach etwas, von dem Thomas gedacht hatte, dass es nach dem ersten Bruch viel stärker geworden war.
      Bevor er die richtigen Worte hätte finden können, um den Schmerz zu richten, der sich jetzt in seiner Brust ausbreitete, zog Vincent in langen Schritten an ihm vorbei nach draußen. Die letzten Tage, sogar Wochen hatte Thomas kaum Probleme damit gehabt, die richtigen Worte zu finden um Vincent aufzuheitern, um ihn zu trösten, um ihm auch nur ein einfaches Liebesgeständnis zu machen, aber jetzt waren sie wieder wie verschluckt, außerhalb seiner Reichweite und unmöglich zu erreichen. Also schwieg er und lauschte einer zufallenden Tür im Obergeschoss.
      Er hatte es verbockt, das wusste er. Eigentlich hätte er Vincent nachlaufen müssen, hätte ihn womöglich davon überzeugen müssen, dass er kein Versuchsobjekt für Thomas war, dass er sogar weit davon entfernt war, dass er es nicht besser gewusst hatte mit dem Blut und den Fragen, aber sobald er sich auch nur einen Satz davon zurechtlegte, verwarf er ihn gleich wieder. Stattdessen setzte er sich und starrte auf den Punkt, an dem Vincent verschwunden war.
      Er kam nicht wieder. Eigentlich war es sogar totenstill im Haus, bis auf das gelegentliche entfernte Klappern von Tellern, das aus der Küche kam. Es war totenstill und Thomas dachte, dass es viel zu laut war.
      Irgendwann stand er auf, ging in den Flur hinaus, starrte auf die Treppe und ging dann doch weiter ins Esszimmer. Sein Teller stand noch da, unberührt, sein Notizbuch lag daneben. Er packte es ein und war froh darüber, Nora auf dem Weg nach draußen nicht zu begegnen. Dann ging er zur Haustür, warf sich den Mantel über und ging nach draußen.
      Der Weg kam ihm viel länger vor als sonst, vielleicht deswegen, weil die Nacht so ruhig schien. Er nahm sich keine Kutsche, weil das nur auf seinem Geldbeutel lasten würde, und schritt den Weg zu Fuß ab. Allzu weit war es eh nicht und bald kehrte er in eine bekannte Straße ein.
      Sein Haus lag finster und verlassen vor ihm, genauso, wie er es zurückgelassen hatte. Im Briefkasten häuften sich die nicht abgeholten Briefe, aber Thomas ignorierte sowohl Schreiben als auch Gebäude, als er es umrundete und in den Garten ging. Dort kannte er sich auch in der Dunkelheit der Nacht aus und nach kurzem Suchen fand er, wonach er Ausschau gehalten hatte und machte sich ans Werk. Eine halbe Stunde später richtete er sich wieder auf, wischte sich die kalten und dreckigen Finger an der Hose ab und machte sich nach einem weiteren Moment wieder auf den Rückweg. Zu seinem Glück öffnete ihm Esther die Tür und er brachte ein - so wie er dachte - recht überzeugendes Lächeln zustande, das vermitteln sollte, dass alles okay war. Er zog sich den Mantel aus und ging dann mit vergleichsweise unsicheren Schritten auf die Treppe zu.
      Oben klopfte er nicht, Vincent hatte ihn schließlich schon gehört, als er zurückgekommen war. Stattdessen murmelte er ein kleinlautes "Kann ich reinkommen?", das nie beantwortet wurde und ihn vor geschlossener Tür stehen ließ. Er rieb sich nervös an der Hand und lenkte sich damit ab, seinen Herzschlag einigermaßen normal zu halten. Als Vincent auch nach ein paar Sekunden noch kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, fuhr er erst fort.
      "Vincent, ich wollte nicht..."
      Nein, das war nicht richtig. Nochmal.
      "... Bitte verzeih mir. Ich dachte nicht..."
      Nein, auch nicht. Er hätte sich vielleicht im vorhinein etwas aufschreiben sollen.
      Er holte tief Luft.
      "Du warst niemals nur ein Versuchsobjekt. ... Ich liebe dich und ich habe gedacht..."
      Er sollte sich nicht rechtfertigen. Er war es, der es verbockt hatte, da gab es nichts zu entschuldigen.
      "... Ich habe nicht gedacht, das war wohl eher das Problem. Ich bin zu weit gegangen und ich hätte es wissen müssen. Ich möchte meine Forschungen nicht vernachlässigen, aber ich möchte sie nicht über dich stellen. Niemals."
      Drinnen war es still. Thomas verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, fixierte den Boden.
      "... Ich kann verstehen, dass du wütend bist. Ich möchte dir nur vergewissern, dass das nicht meine Absicht gewesen war. Ich wusste es nicht besser, aber ich hätte es besser wissen sollen."
      Keine Reaktion. Thomas hätte in dem Moment wohl alles gegeben, um wenigstens Vincents Stimme zu hören.
      "... Ich gehe wohl lieber nachhause und wenn du reden möchtest, dann... komme ich? Du schickst am besten Simon oder... ach du weißt schon. Aber bitte... gib mir noch eine Chance, ja?"
      Wesentlich leiser fügte er hinzu: "Du bist mir wichtig."
      Dann drehte er sich um und legte den kleinen Strauß Schneeglöckchen, den er in der Hand gehalten hatte, auf den Boden vor die Tür. Er hatte sich die größte Mühe gegeben, die Blumen so gut es ging von der Erde zu reinigen, aber so verloren im Gang sahen sie irgendwie wie Unkraut aus. Er zückte außerdem sein Notizbuch, riss die Seite mit seinen Notizen heraus, zerriss sie in acht Einzelteile und ließ sie auf den Boden daneben fallen. Was brachten ihm schon seine Forschungen, wenn er Vincent damit vergraulte.
      Dann ging er und drehte sich nicht noch einmal um.

      Sein Haus war verlassen, dunkel, eiskalt und alles andere als einladend. Er brachte die Briefe mit hinein, legte sie aber nur auf seinem Schreibtisch ab und ging dann wieder nach unten. Die Vorhänge lagen noch immer auf dem Boden, wo er sie heruntergenommen hatte und der Teppich im Flur war auch nicht ersetzt worden, nachdem Vincent darauf geblutet hatte. In die Küche wollte er gar nicht erst gehen, auch wenn er wusste, dass mittlerweile alle Spuren von Beths Tod beseitigt waren.
      Stattdessen ging er in den Keller hinab, in dem jetzt nur noch ein Bruchteil seiner Waffen hingen, setzte sich an den Schreibtisch und kramte den nächstbesten Papierstapel hervor, bevor er zu schreiben begann.

      Liebster Vincent,
      ich möchte dir zum Ausdruck bringen, wie sehr ich dich

      Nein, nochmal.

      Liebster Vincent,
      du bist die Liebe meines Lebens, ich würde niemals

      Nein, furchtbar. Wieso war das so schwer? Weil Thomas es vor einem Leben grauste, in dem sich Vincent von ihm abgesagt hätte.

      Liebster Vincent,
      was ich getan habe, lässt sich nicht rechtfertigen. Ich habe unvorsichtig gehandelt und dein Wohl

      Er zerknüllte den Zettel wieder, warf ihn beiseite und setzte einen neuen auf, immer und immer wieder bis in eine schlaflose Nacht hinein.
    • Vincent saß auf dem Fenstersims, ließ die Beine in der nächtlichen Kälte baumeln. Neben ihm saß eine Krähe, auf seinem Oberschenkel eine zweite. Two for joy. Er hörte Thomas. Hörte, wie er sich zu entschuldigen versuchte. Es kostete Vincent einiges an Überzeugungskraft, einfach sitzen zu bleiben. Stattdessen strich er einer der Krähen sanft über das Köpfchen.
      "Ihr werdet ihm verraten, was passiert ist, hm?" fragte er, erhielt aber keine Antwort. "Sagt ihm, er soll Thomas in Ruhe lassen, ja? Der hat nur eine kleine Persönlichkeitskrise. War ja eigentlich zu erwarten. Ein Jäger in den Diensten eines Vampirs. Dass sein Kopf noch nicht in Flammen aufgegangen ist, ist eigentlich ein kleines Wunder."
      Die beiden Krähen flatterten mit den Flügeln, erhoben sich in die Luft, landeten aber gleich wieder im nächstbesten Baum.
      "Lädst du mich ein oder kommst du runter?" fragte eine Stimme aus der Dunkelheit seines Gartens heraus.
      Vincent sah nach unten und tatsächlich, da stand er: Vlad. Vincent konnte ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. Kurz lauschte er nach Thomas, doch er konnte ihn nicht mehr hören.
      "Fängst du mich denn auch auf?" fragte er also.
      "Immer."
      Vincent ließ sich vom Fensterbrett rutschen und fiel in Vlads starke Arme. Der andere Vampir fing ihn mit der Sicherheit von acht Jahrhunderten auf. Er setzte ihn auch nicht auf dem Boden ab, sondern drehte sich um und verschwand mit Vincent zusammen in der Dunkelheit.
      "Wo gehen wir hin?" fragte Vincent.
      "An einen gemütlicheren Ort," antwortete Vlad.

      Ein gemütlicherer Ort war ein kleines Haus im Zentrum der Stadt. Es war tatsächlich ziemlich gemütlich eingerichtet. Und außer Vlad, der Vincent noch immer in seinen Armen trug, war auch niemand sonst anwesend.
      "Ganz schön still hier," kommentierte Vincent.
      "Ich bin zum Arbeiten hier, Steaua mea. Dieses Territorium gehört schon jemandem. Aber wenn es dir nach Gesellschaft verlangt, sollte sich das einrichten lassen."
      Vincent lehnte den Kopf wieder gegen Vlads Schulter.
      "Nein," antwortete er. "Ich will einfach nur meine Ruhe."
      "Dann sollst du sie auch bekommen, Steaua mea."
      Vlad brachte ihn in ein gemütliches Wohnzimmer, wo er sich zusammen mit Vincent auf das Sofa legte. Vlad war viel zu groß für das Möbelstück und seine Beine baumelten über der Armlehne. Dennoch stellte er sicher, dass Vincent es sich auf seiner Brust bequem machen konnte.
      "Dein Jäger hat dir wehgetan," merkte er an und betrachtete Vincents Hand, die noch ein paar Rötungen vom Vortag aufzeigte.
      "Eigentlich habe ich mir selbst wehgetan," antwortete Vincent.
      Ein Schauer durchlief ihn, als Vlad seine Knöchel sanft küsste.
      "Du trinkst immer noch kein Menschenblut?" fragte der andere Vampir und Vincent schüttelte den Kopf. "Dann musst du besser auf dich Acht geben, Steaua mea. Du heilst nicht richtig."
      "Das weiß ich doch. Aber ich will eben nicht, dass mein Jäger kaputt geht, wenn du ihn gegen Jimmy in den Ring schickst. Er hat doch keine Ahnung, wie man mit einem Alten umgeht."
      "Er tut dir weh und trotzdem willst du ihn behalten. Du bist zu gut für diese Welt, Steaua mea."
      "Ich habe doch gesagt, er hat mir nicht-"
      "Nicht deine Hand, Steaua mea. Dein Herz. Ich sehe es in deinem Blick. Du leidest Schmerzen."
      Vincent schwieg, wandte den Blick ab. Vlad hatte ihn schon immer lesen können wie ein offenes Buch.
      "Ich verstehe, was du an ihm magst. Er sieht gut aus, er bringt eine Aura der Gefahr mit sich, und du hast schon vorher mit den Van Helsings gespielt. Ich weiß, dass du ihn magst. Und ich weiß, dass du immer mit deinem Herzen bei der Sache bist. Und genau deswegen konnte er dir auch wehtun. Ich würde ihm nur zu gern alle Gliedmaßen einzeln aus den Gelenken reißen und einen Speer durch den kläglichen Rest jagen. Aber ich weiß auch, dass du solche Anfälle von Gewalt nicht magst."
      Er strich Vincent mit einem Finger über die Wange. Es hatte Vincent schon immer fasziniert, wie Hände, die so geübt in Tod, Gewalt, und Blutvergießen waren, auch so sanft sein konnten. Er schloss die Augen, lehnte sich der Berührung entgegen.
      "Bleib heute bei mir," flüsterte Vlad. "Und morgen Nacht lassen wir unsere Puppen tanzen."


    • Irgendwann am frühen Morgen, als die Sonne noch nicht aufgegangen war, packte Thomas doch die Müdigkeit, die er für Vincent allein aufgespart hatte. Nachdem sie das Experiment jetzt aber doch nicht durchgeführt hatten und er auch nicht sehr weiter mit seinem Schreiben kam, außer dass der Mülleimer voller und der Papierstapel leerer wurde, stand er auf und schlich nach oben. Seine Schritte schienen viel zu laut in dem leeren Treppenhaus und er bemühte sich extra darum, leise zu sein. Es war so leer, dass er ungeahntes Heimweh bekam, auch wenn er eigentlich Zuhause war. Aber in diesem Moment sehnte er sich viel eher nach einem warm erleuchteten, schmalen Gang mit Kunstgegenständen an den Seiten, nach hohen, gut beleuchteten Bücherregalen, einem einladend warmen Salon und besonders einem frisch gemachten, großen, luxuriösen Bett. Nach einem Mann, der sich ins Bett legte, die Arme nach ihm ausbreitete und Thomas fest darin einschloss, wenn er sich zu ihm legte, der seinen Scheitel küsste und unendliche, sinnlose Muster auf seinen Arm und seinen Rücken zeichnete. Der sich nicht bewegte, bis Thomas eingeschlafen war, einem fernen, dünnen, schwachen Herzschlag lauschend.
      Er ging in sein Schlafzimmer, das genauso kalt wie der Rest des Hauses war und zitterte ein wenig. Eigentlich hätte er schon vorher auf die Idee kommen müssen einzuheizen, aber das hatte er nicht. Jetzt starrte er auf das gemachte Bett, das Beth noch vor Silvester für ihn frisch gehalten hatte - der Zeitpunkt schien mittlerweile Monate, gar Jahre entfernt - und ging wieder hinab, um Holzscheite zu holen. Sie waren etwas feucht und brannten nicht gut, also zog er das Bettzeug herab und machte es sich vor dem Kamin auf dem Teppich bequem. Bei Vincent war das angenehm gewesen, vielleicht nicht optimal genug zum schlafen, aber warm und einladend und wunderschön mit dem Mann neben sich, aber hier war der Boden eiskalt und staubig, das Feuer drohte alle paar Minuten auszugehen und Thomas fröstelte nicht nur, weil ihm kalt war. Er legte sich trotzdem mit eisernem Willen hin, verbissen darum Schlaf zu finden, falls Vincent mit ihm am nächsten Tag sprechen wollte, und wickelte sich in die Decken ein. Als die Sonne irgendwann aufging und durch die hohen, ungeschützten Fenster fiel, konnte sie ihm kaum Wärme spenden.
      Er setzte sich tagsüber an seinen Schreibtisch im Arbeitszimmer und ging die Briefe durch. Fünf waren allein von Darcy und er hielt sie in den Händen, ungeöffnet, bevor er aufstand, hinüber ins Schlafzimmer ging und sie in den Kamin warf. Dem Rest widmete er sich etwas ernsthafter und beantwortete sogar ein paar von ihnen. Dann ging er wieder hinab, verschloss sich im Keller und setzte sein anderes Schreiben fort.
      Am späten Nachmittag überkam ihn dann die Panik, dass Vincent bald aufwachen würde und er viel zu viel Zeit mit dem eigentlich kleinen Brief vergeudet hatte. Weil er kein Risiko eingehen wollte, gab er sich mit der aktuellen Version zufrieden, ging nach oben, zog sich den Mantel an und brachte den Brief persönlich hinüber zum Harker Anwesen, wo er ihn ungesehen einwarf und dann wieder zurück ging. Er setzte sich zurück vor den Kamin, weil das jetzt die einzige warme Stelle im ganzen Haus war und sah aus dem Fenster, während er darauf wartete, irgendwann vielleicht einzudösen. Eigentlich hatte er Hunger, aber er hatte sich noch nicht dazu durchringen können, die Küche zu betreten.

      Mein liebster Vincent,

      es gibt keine Worte, um zu rechtfertigen, was ich getan habe. Ich habe Dein Vertrauen aus Ignoranz missbraucht und dafür gibt es keine Entschuldigung.

      In einer Zeit, in der unser Vertrauen zueinander so wichtig ist, hätte ich besser wissen müssen, als Dich leichtgläubig Dingen zu unterziehen, deren Tragweite ich noch nicht gänzlich begriffen habe. Ich rühme mich damit, Experte in meinem Fachgebiet zu sein, und übersehe damit die Wichtigkeit, dass es gar nicht um das Thema, sondern um Dich als Person geht. Ich habe noch zu lernen, aber weniger in Bereichen meines Studiums. Allerdings entschuldigt Ignoranz keine Fehler.

      Ich verspreche dir, dass ich aus meinen Fehlern lerne. Meine Gedanken und mein Verhalten sollen fortan von Achtsamkeit geprägt sein und von Verständnis für Dich als Person. Ich werde mich darum bemühen, Dich besser zu verstehen, Deine Bedürfnisse zu erkennen und mich darum zu kümmern. Deine Gefühle und Wünsche nehmen jetzt, sowie schon zu jedem Zeitpunkt zuvor und danach, meinen höchsten Stellenwert ein.

      Mögest du meine aufrichtige Bitte um Verzeihung gewährleisten und mir die Gelegenheit geben zu beweisen, dass Ich sie ernst meine. Ich bitte Dich um Vertrauen und Geduld, denn Vergebung braucht Zeit. Wisse, dass mir nichts ferner liegt, als deine Gefühle zu verletzen. Ich möchte Dir das Glück bieten, das Du verdienst.

      Ich liebe Dich, damals, jetzt und in Zukunft. Ich sehne mich nach Dir, zu jeder Zeit.

      Mit tiefster Reue,

      Thomas
    • Als Vincent am Abend wieder zu sich kam, lag er nicht wie er erwartet hatte, in den Armen eines uralten Vampirs. Er lag in einem Bett, bis auf seine Schuhe vollständig bekleidet, und zugedeckt. Das Zimmer war angenehm warm. Und vollkommen leer. Vincent war allein.
      Vincent musste ein bisschen suchen, bis er Vlad fand. Er beobachtete den Mann, wie er die Bücher dieses Hauses durchging. Ein einsames Regal, nur halb gefüllt mit tatsächlichen Büchern. Die andere Hälfte war mit irgendwelchen Souvenirs aus der ganzen Welt gefüllt. Die imposante Figur Vlads - breitschultrig und großgewachsen - wirkte geradezu deplatziert vor diesem Regal. Für Vincent war es offensichtlich, dass Vlad keine Ahnung hatte, welche Bücher hier überhaupt herumstanden.
      "Will ich wissen, was mit dem Hausbesitzer passiert ist?" fragte Vincent mit einem kleinen Lächeln und lehnte sich gegen den Türrahmen.
      Vlad schlug das Buch in seinen Händen zu und stellte es zurück in das Regal, bevor er sich zu ihm umdrehte.
      "Mr. und Mrs. Burnett geht es gut. Die beiden sind bei ihrer Familie auf dem Land," antwortete Vlad und lehnte sich neben Vincent an die Wand, verschränkte die Arme vor der Brust, lächelte.
      Vincent wurden die Beine schwach, als er hinauf in diese stechenden, wunderschönen Augen sah.
      "Ich bin durchaus in der Lage, keine Spuren meiner Anwesenheit zu hinterlassen," raunte Vlad.
      "So kenne ich dich gar nicht," gab Vincent zurück. "So häuslich siehst du eigentlich ganz gut aus."
      Vlads Lächeln wurde breiter. Er strich Vincent eine Strähne hinters Ohr.
      "Und dir steht dein Hunger überhaupt nicht," meinte er. "Kann ich dich davon überzeugen, zum Essen zu bleiben?"
      Vincent ergriff die Hand seines Erschaffers, schüttelte aber den Kopf.
      "Du isst immer noch nicht gern in Gesellschaft, hm?"
      Wieder schüttelte Vincent den Kopf. Vlad seufzte.
      "Na schön. Geh und sättige dich. Und im Mitternacht triffst du dich mit mir bei der Universität. Du und dein kleiner Jäger. Und dann haben wir ein bisschen Spaß."
      "Klingt gut. Werden wir Zuschauer haben?"
      "Ich bin mir sicher, der Tempelritter wird auftauchen wollen."
      "Hat er sich bei dir angemeldet?"
      "In gewisser Weise. Na los. Lass uns eine Kutsche für dich besorgen; ich weiß doch, wie lange du brauchst, um dir das richtige Outfit zurechtzulegen."

      Nora erwartete ihn mit verschränkten Armen. Vincent bereute seine Entscheidung, sich nicht durch eines der Fenster hereinzuschleichen, sofort.
      "Ernsthaft? Ein kleiner Streit und du rennst zu Vlad?"
      Sie drückte ihm einen Brief gegen die Brust.
      "Ich bin jederzeit bereit, dein Herz zu beschützen, das weißt du. Aber jetzt muss ich die Beschützerin für Thomas' Herz spielen."
      Vincent ergriff Noras Hände.
      "Vlad hat mitbekommen, was passiert ist. Ich habe bloß mitgespielt. Ich bin doch ein viel zu hoffnungsloser Fall, um einen Streit über meine Beziehung entscheiden zu lassen."
      Nora zog eine Grimasse, dann boxte sie Vincent in die Schulter.
      "Thomas ist nach Hause gegangen," informierte sie ihn. "Soll ich Simon schicken und ihn holen?"
      Vincent schüttelte den Kopf, nachdem er kurz darüber nachgedacht hatte.
      "Nein, ich mache das selbst. Aber erst muss ich mich umziehen und-"
      "Was essen, schon klar. Ich bring's dir hoch."
      Vincent bedankte sich. Auf dem Weg nach oben nahm er immer zwei Stufen auf einmal.

      Eine Stunde später stand er vor Thomas' Haus. Er hatte den Brief gelesen, aber der hatte kaum einen Unterschied gemacht. Vincent hatte seine Entscheidung schon vorher getroffen.
      Er klopfte an und lauschte. Als er keine Anzeichen von Bewegung vernahm, ließ er sich selbst herein. Das Haus war in einem furchtbaren Zustand. Es war kalt, die Luft abgestanden und es herrschte Chaos - insbesondere in der Küche. Vincent konnte die Reste von getrocknetem Blut riechen.
      "Beth...", murmelte er in die Stille hinein.
      Vincent bewaffnete sich mit einem Glas Wasser, dann machte er sich auf die Suche nach Thomas. Das Haus war groß, aber so still, dass es leicht war, den einsamen Herzschlag des Mannes zu finden und ihm zu folgen.
      Er hielt sich nicht mit klopfen auf, als er Thomas endlich fand. Er stieß die Tür einfach auf und platzte ganz unzeremoniell herein.
      "Welch trauriger Anblick," kommentierte er und betrachtete das mickrige Feuer im Kamin. "Du brauchst ein Bad, sobald wir hier verschwinden. Der ganze Raum riecht nach irgendwas Geräuchertem. Das passt nicht zu dir."
      Er wandte sich um und betrachtete Thomas.
      "Genauso wenig wie dir diese alte Decke steht. Oder das ungekämmte Haar."
      Vincent zog den Brief aus seiner Mantelinnentasche. Und dann warf er ihn einfach ins Feuer.
      "Darüber reden wir, wenn wir Zeit haben. Die Kurzfassung ist, dass ich deine Entschuldigung annehme. Und jetzt stehst du auf, trinkst dieses Glas Wasser hier, und kommst mit. Ich lasse keine Widerrede zu. Vlad will uns um Mitternacht an der Universität sehen und du wirst heute Nacht gegen Jimmy antreten."
      Er wartete nicht auf eine Antwort von Thomas. Er zog ihn einfach am Handgelenk auf die Füße und drückte ihm das Glas in die andere Hand.
      "Ich liebe dich auch, Thomas," raunte er und küsste Thomas.
      Dann löste er sich von dem Mann und verließ den Raum mit den Worten "Ich warte draußen bei der Kutsche, also beeil dich."


    • Thomas schaffte es wahrhaftig einzudösen, der einzige Grund, weshalb er das ferne Klopfen nicht hörte, das ihn sonst in Windeseile herab gerufen hätte. Dafür wurde er nur kurze Zeit später von einer auffallenden Tür geweckt.
      "Vincent...!"
      Der Mann schneite herein wie eine unaufhaltbare Kraft und Thomas richtete sich gerade noch auf und versuchte, einen Gedanken zu fassen, was gar nicht so einfach war bei dem Tempo, das der andere an den Tag legte. Eigentlich war er glücklich ihn zu sehen, erleichtert sogar, eigentlich hatte er sich auch bereitgelegt, was er sagen wollte, wenn sie sich das nächste Mal sahen, aber jetzt überschlugen sich die Gedanken und er brachte gar nichts mehr zustande.
      "Äh... Okay? Entschuldige, ich dachte nicht, dass du so einfach reinkommen..."
      Er starrte, als Vincent in die Flammen warf, was wie ein Brief aussah, sein eigener, er wusste es, und sich dann ganz unverblümt an ihn wandte. Er sollte gegen James antreten, jetzt schon? Aber hätte er nicht ein wenig mehr Vorwarnung bekommen, ein paar Tage vielleicht, um sich gebührend darauf vorzubreiten -
      Vincent zog ihn schon hoch, bevor sein Gehirn überhaupt anfangen konnte Sätze zu bilden und drückte ihm ein Glas Wasser in die Hand. Thomas starrte erst perplex auf das Glas, dann auf den Mann, der mit genauso wenig Enthaltung seine Liebe versicherte. Der Kuss ging zu schnell, alsdass Thomas hätte angemessen reagieren können und dann war Vincent auch schon wieder verschwunden, wie eine Geistererscheinung, die zurück in die Untiefen seines Unterbewusstseins verschwunden war. Der einzige Beweis seiner Gegenwart war das Glas in Thomas' Händen, das er ganz sicher nicht selbst aus der Küche geholt hätte.
      "... Ich liebe dich auch... auch?"
      Seine Worte verhallten, womöglich ungehört.
      Er brauchte fünf Minuten, um sich fertig zu machen, um die Bettwäsche unachtsam zurück aufs Bett zu werfen und den Kamin auszumachen. Voller Erleichterung darüber, das Haus endlich wieder hinter sich lassen zu können, ging er nach draußen und stieg in die Kutsche, in der, wahrhaftig, Vincent wartete. Der Mann sah gut aus, hatte er immer so gut ausgesehen? Thomas starrte ihn etwas dümmlich an.
      "Also... du verzeihst mir? Und ich brauche meine Waffen und... darf ich?"
      Er deutete etwas unbeholfen auf Vincents Hand, setzte sich dann neben ihn auf die vergleichsweise enge Bank und ließ ihrer beider Finger ineinander gleiten. So konnte er zumindest etwas Rationalität zurückgewinnen.
      "Ich liebe dich und ich wollte dich nicht verletzen."
      Dann lehnte er sich zu ihm hinüber, küsste ihn deutlicher als oben im Schlafzimmer und damit schien die Sache fürs Erste tatsächlich aus der Welt geschafft.
    • Benutzer online 3

      3 Besucher