[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • "Ich würde sagen, du hast dir das bereits ziemlich genau angesehen," gab Vincent schlicht zurück und nippte in aller Ruhe an seinem Tee, wohlwissend, wie Thomas auf eine so offene Erwähnung ihrer Intimität miteinander reagierte.
      Doch der Spaß konnte nur solange anhalten, also setzte er die Tasse wieder ab.
      Es spielte keine Rolle, ob Vincent im Tageslicht wandeln konnte, sei es nun für eine Stunde oder mehr. Er hatte die Kraft dafür, da war er sich sicher, auch wenn er sich danach nicht besonders gut fühlen würde. Für Thomas würde er es tun. Wenn er nur könnte.
      "Ich kann dir dabei helfen, die Beerdigung zu organisieren, aber ich fürchte, ich muss ab jetzt zu meinem eremitischen Lebensstil zurückkehren. Ich habe es dir vorhin schon gesagt, aber vielleicht ist das ein bisschen untergegangen, bedenkt man, wie viel ich dir heute schon erzählt habe, aber: Ab diesem Zeitpunkt kann kein Vampir mehr dieses Grundstück betreten - oder verlassen. Ich muss meine Leute schützen - dich schützen - bis Vlad sich Jimmy und das Nest vorgenommen hat. Bis dahin stehen wir alle auf der Abschussliste dieses Mannes und ich kann nicht zulassen, dass eine Armee mein Heim stürmt. Es tut mir leid."


    • Thomas verschluckte sich glatt an seinem Essen, hustete einen Moment, dann hatte er sich soweit beruhigt, dass er Vincent für diese scheinheilige Aussage einen säuerlichen Blick zuwerfen konnte, bevor er sich gleich umsah, ob Nora sie gehört hatte.
      Tatsächlich hatte er vergessen, dass jetzt eine Sperre auf dem Grundstück lag. Nein, nicht vergessen, er hatte gehofft, dass Vincent ihn umgehen könnte. Aber wenn es dem Hausherren schon möglich wäre, dann wäre es auch für andere und das galt wohl mit allen Mitteln zu vermeiden.
      Auch wenn er zugeben musste, dass er enttäuscht davon war, den Mann nicht bei sich zu haben. Er hätte ihn an seiner Seite gebrauchen können.
      "Schon in Ordnung, habe ich vergessen. Nicht so schlimm, ich gehe alleine."
      Er aß auf, aber auch nur, weil Vincent zusah und er vor dem Mann schlecht in seinem Essen rumstochern konnte.

      Einen weiteren Tag blieb er bei ihm, dann machte er sich auf die unvermeidliche Rückkehr in sein leeres Zuhause. Er verabschiedete sich lange von dem Mann, den er in dieser Zeit ganz sicher nicht allein lassen wollte, dann ging er nach draußen. Der Schnee hatte sich zwar etwas gelichtet, lag aber immer noch dick auf den Straßen. Er warf einen weiteren, letzten Blick zurück, dann ging er nachhause.
      Die nächsten Tage bereitete er die Beerdigung vor und besuchte sie auch. Er hatte unbeantwortete Briefe von Darcy Zuhause, die er gekonnt weiterhin ignorierte, aber nach einem Anzeichen dafür durchlies, dass Darcy plante, nach Cambridge zu kommen. Jetzt, von all der Zeit, konnte er sie am wenigsten hier brauchen, und sie wirkte mit jedem weiteren Brief auch ungeduldiger. Er würde ihr antworten, sicherlich, nur nicht jetzt.
      Abends kam er trotzdem noch zu Vincent Zuhause und übernachtete bei ihm. Selbstverständlich nur, damit auch er einen Blick auf die momentane Entwicklung werfen konnte und nicht, weil er sich nicht vorstellen konnte, in seinem leeren, kalten Haus zu schlafen. Vincent sagte dazu nichts, auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass der Vampir Bescheid wusste.
      Er wurde beobachtet. Das erste Mal hatte er es bemerkt, als er die Beerdigung besucht hatte, er alleine, nachdem Beth keine Verwandten hier hatte und alle anderen Angestellten beurlaubt waren. Er war sich nicht sicher, ob es wirklich ein Vampir war, aber sein Instinkt hatte bisher eine recht gute Erfolgsquote, sodass er nicht daran zweifelte. Das erzählte er Vincent, ließ sich aber trotzdem nicht davon abbringen, tagsüber das Haus zu verlassen. Wenn Vlad nicht gewesen wäre, hätte er sich gleich wieder der Jagd gewidmet, aber so musste er die Beobachtung eben über sich ergehen lassen.
      Ophelia sandte derweil ihrer Herzensdame Liebesbriefe als Ausgleich dafür, sie nicht mehr besuchen zu können. Es waren stets mehr als zwei beidseitig beschriebenen Seiten entweder mit Gedichten, Balladen oder einfachen Schmeichelungen und Geschwätz. Nachdem sie aber von Vincents Maßnahme erfahren hatte, informierte sie sie auch über die neuesten Begebenheiten, welchen Vampir sie nun schon wieder kennengelernt hatte, welche Gespräche sie geführt hatte, welche Gespräche sie belauscht hatte. Im Gegensatz zu ihren Liebesbezeugungen, hatte sie diesen Informationen aber jeweils nur einen knappen Absatz gewidmet.
    • Es war nicht in Ordnung. Nichts war in Ordnung, vollkommen egal, was sie die letzten paar Stunden vorgegeben hatten. Sie waren vom Regen in die Traufe gesprungen. Vincent hasste den Gesichtsausdruck, den Thomas zu verstecken suchte. Vincent hasste den Ton in seiner Stimme. Aber vor allem hasste er, dass er selbst dafür verantwortlich war.
      Vincent schwor sich in diesem Moment, es wieder gut zu machen. Nur dass er aktuell noch nicht wusste, wie er das anstellen sollte.

      Vincent tat, was er konnte, aber es war nicht genug. Zumindest fühlte es sich nicht danach an.
      Er half mit der Organisierung von Beth's Beerdigung, auch wenn er nicht hingehen konnte. Er stellte Simon dazu ab, auch für Thomas den Laufburschen zu spielen, was dieser mit mehr Enthusiasmus erledigte, als Vincent erwartet hätte. Wahrscheinlich war der junge Mann noch immer darauf aus, das Innenleben von Thomas' ominösem Keller zu Gesicht zu bekommen. Jeden Morgen zwang sich Vincent dazu, nicht sofort mit dem Sonnenaufgang einzunicken, sondern Thomas beim Frühstück Gesellschaft zu leisten und ihn dann zu verabschieden. Er wurde nicht müde, den Mann daran zu erinnern, vorsichtig zu sein. Er wurde nicht müde, den Mann daran zu erinnern, bewaffnet zu sein, wenn er das Haus verließ. Und wenn Thomas dann gegangen war, wenn er das Ende der Einfahrt erreicht hatte, dann erst zog sich Vincent zurück und ließ sich wie ein Stein ins Bett fallen.
      Nora weckte ihn am späten Nachmittag und Vincent startete seine Tage mit einem kurzen Bericht über alles, was den Tag über vorgefallen war. Dankenderweise war nicht viel los. Die Zeit, bis Thomas zurückkehrte, verbrachte Vincent damit, aus dem Fenster zu starren und die Vögel zu zählen. Nur weil ein Vampir nicht auf sein Grundstück kommen konnte, hieß das noch lange nicht, dass die Kreaturen unter der Kontrolle eines Vampires nicht weiterhin auftauchten. Vlad erzählte eine ganze Geschichte mit der bloßen Anzahl seiner Krähen. Er wusste, dass Vincent zwischen den Zeilen lesen konnte, wusste, dass Vincent schon immer einen Hang zu einer guten Erzählung gehabt hatte. Und er nutzte es aus, um seine Ankunft anzukündigen.
      Nora erzählte ihm von den Briefen, die Ophelia ihr schickte. Ein Teil von Vincent war noch immer skeptisch ihr gegenüber. Er konnte sie einfach nicht greifen, ihre Motive nicht nachvollziehen. Aber sie schien auf seiner Seite zu sein, so wie sie ihm Informationen preisgab. Er ließ zu, dass Nora sie vor der bevorstehenden Ankunft von Vlad warnte. Nicht jeder wollte anwesend sein, wenn ein so alter Vampir auftauchte, um ein bisschen Krieg zu spielen.

      Eine Woche verging. Eine friedvolle Woche. Vincent traute dem Frieden keinen Meter weit. Und an diesem Abend sollte er sich in seiner Paranoia betätigt sehen.
      Er hatte gerade sein kleines Gespräch mit Nora beendet, sie war gerade dabei, den Abwasch zu machen, als Vincents Blick nach draußen glitt und er erblickte, was er so lange Zeit gefürchtet hatte. Draußen, nicht allzu weit vom Fenster entfernt, saßen dreizehn Krähen auf einem Baum.
      Vincent stockte. Er schluckte. Er zählte die Krähen ein zweites Mal. Dreimal. Viermal. Es gab keinen Zweifel an ihrer Anzahl. Sie bewegten sich auch nicht von den zwei Ästen, auf die sie sich verteilt hatten. Sie saßen einfach nur da, in der Kälte eines Abends im Januar.
      "Thirteen for the Devil himself...", flüsterte Vincent.
      Vlad war in Cambridge angekommen.


    • Als Thomas an diesem Abend zu Vincent kam, fühlte er sich noch mehr beobachtet als sonst.
      Nein, "beobachtet" war mittlerweile nicht mehr das richtige Wort, denn es ging schon weit über das fast vertraute Kribbeln im Nacken hinaus und über das Gefühl des ständig folgenden Schattens, der hinter einem war. An diesem Tag fühlte sich die Atmosphäre in den Straßen dick und schleierhaft an, als hätte sich der verfolgende Schatten über ganz Cambridge gelegt und die Stadt in einen zweiten Ort verwandelt. Thomas fühlte sich nicht mehr beobachtet, er fühlte sich als Teil dessen, was auch immer durch die Straßen fleuchte, ein unsichtbares, ungreifbares Etwas, das mit allen Dingen in Berührung zu kommen schien, sogar selbst mit der Luft, die er atmete. Er fühlte sich nicht mehr beobachtet, er fühlte sich wie unter Strom gesetzt. Sein Instinkt war so empfindlich wie noch nie und er beeilte sich, Vincents Grundstück zu betreten.
      Esther öffnete ihm die Tür, Nora bekam er nicht zu Gesicht. Er hatte mit der älteren Haushälterin seit Silvester kein Wort mehr gewechselt und er hatte auch nicht vor, das in irgendeiner Weise nachzuholen. Es war deutlich spürbar, dass sie ihn nicht hier haben wollte und so war er sogar froh darum, ihr aus dem Weg gehen zu können.
      Das schlug dann aber fehl, als er Vincent in der Küche an einem Fenster stehend fand, Nora an der Spüle beim Abwasch. Die beiden begrüßten sich nicht, als Thomas hereinkam. Vincent hatte einen starren Blick nach draußen gerichtet und wirkte ähnlich verändert, wie Cambridge sich verändert hatte.
      Thomas trat zu dem Vampir, so nahe wie es die Höflichkeit gebot, nachdem sie nicht alleine waren, und lockerte seine Krawatte ein wenig. Die Landschaft vor dem Fenster wirkte gänzlich trist und die Krähen, die sich in der Nähe versammelt hatten, gaben dem ganzen noch das besonders trostlose Aussehen. Als er einen Blick zu Vincent warf, war er überrascht die dunklen Schatten zu sehen, die sich auf das Gesicht des Mannes gelegt hatten. Es wäre wohl kaum verwunderlich gewesen, wenn man bedachte, dass Vincent in den letzten Tagen vermutlich kaum geschlafen hatte - er gab es zwar nicht zu, aber Thomas hatte als Arzt selbst bei einem Vampir einen gewissen Sinn dafür - aber in Anbetracht des bereits merkwürdigen Tages, konnte er es nicht einfach so darauf schieben. Diese Schatten kamen nicht von Müdigkeit, sondern sie krochen unter seine Haut wie die Atmosphäre, die sich auf Cambridge gelegt hatte.
      "Alles in Ordnung?"
    • Vincent griff instinktiv nach Thomas' Hand. Er brauchte etwas, jemanden, an dem er sich festhalten konnte.
      Er schluckte.
      "Vlad ist hier," sagte er leise, seine Stimmer heiser.
      Nora zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ihr Pokerface war schon immer besser gewesen als Vincents. Aber sie hatte Angst. Vincent konnte es riechen.
      Ohne den Blick von den dreizehn Krähen abzuwenden, stolperte Vincent zwei Schritte zurück, bis er mit dem Knie gegen einen Stuhl stieß, auf den er sich prompt sinken ließ. Es war eine Sache, darüber zu reden, dass Vlad wieder auftauchen würde. Aber jetzt, wo er wirklich hier war... Vincent konnte nicht atmen. Die Küche begann, sich zu drehen. Seine Hände zitterten. Zum ersten Mal seit zwei Jahrhunderten hatte er das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
      "Er ist hier..."
      Starrte die Krähe da drüben ihn gerade an? Nein. Doch?
      Vincent schloss die Augen, versuchte, sich zu beruhigen. Das waren nur Vögel da draußen. Und mit Vlad würde er auch fertig werden. Er hatte jetzt Hilfe. Er hatte Freunde. Er hatte Thomas. Es gab keinen Grund für ihn, Angst zu haben. Es war alles in Ordnung. Er würde endlich das tun können, was er schon seit über einer Dekade plante. Kein Grund zur Aufregung.


    • Die Nachricht traf Thomas doch recht unvorbereitet. Vlad war hier, jetzt schon? Es war doch kaum eine Woche her, seit Vincent seinen Namen überhaupt erwähnt hatte, und jetzt war er schon gekommen? Auch noch nach Cambridge? Das Schauern, das sich ihm schon seit einer ganzen Weile unter der Haut waberte, verfestigte sich zu einer Gänsehaut, die ihm über den Rücken kroch. War er schon bereit dafür? Er fühlte sich fit genug zu jagen, sicherlich, aber sich einem 800 Jahre alten Vampir zu stellen?
      Auf der anderen Seite, konnte man für sowas überhaupt jemals vorbereitet sein?
      Ihm entging nicht das Zucken, das durch Vincents Hand schlich und das ihn dazu alarmierte, den Mann wieder anzusehen. Die Schatten lagen noch immer auf seinem Gesicht, aber jetzt war er zusätzlich dazu auch noch kreidebleich geworden - blasser, als seine sowieso schon sonnenvernachlässigte Haut.
      "Vincent?"
      Für einen Moment sah es so aus, als würde der Mann nach hinten fallen, dann stolperte er rückwärts und fiel doch noch auf einen Stuhl. Thomas ließ keinen weiteren Augenblick verstreichen, ehe er zur Stelle war.
      "Vincent."
      Der Mann sah furchtbar aus, noch viel schlimmer als vor einem Moment und dabei mochte Thomas sich nicht vorstellen, wie er vorher gewirkt hatte. Jetzt ging ein deutliches Zittern durch seine Hände und wo vorher noch ein ungreifbares Grauen in Thomas gesessen hatte, drängte sich jetzt die Not zur Versorgung in den Vordergrund. Er umgriff Vincents beide Hände und umfasste sie mit seiner, während er sich zu ihm hinab beugte.
      "Hey, ganz ruhig. Atme, Vincent, ganz langsam atmen."
      Mit der freien Hand fasste er ihm erst ans Kinn und dann an die Stirn, die sich nicht wärmer als sonst anfühlte. Konnten Vampire Fieber bekommen? Er würde es lieber nicht darauf anlegen.
      "Alles ist in Ordnung. Atme ganz ruhig..."
      Die Tatsache, dass Vlads Ankunft allein schon einen solchen Effekt auf den Mann zu haben schien, ließ Thomas säuerlich aufstoßen. Es hatte in seinem Leben bisher wenige Vampire gegeben, denen er ernsthaft schlecht gesinnt war, aber Vlad würde er, allein für das, wozu der Vampir fähig war, lebendig in Stücke schneiden. Er würde alles tun, damit der Mann vor ihm wieder zu dem alten Glanz zurückkehren konnte, der ihn sonst umgab.
      Zärtlich legte er den Arm um den Mann und zog ihn soweit an sich, wie ihre Position es erlaubte. Dann wiegte er sie beide vorsichtig hin und her, eine hauchdünne Bewegung, mit der er sich erhoffte, dem anderen so etwas wie Bodenständigkeit zurückzugeben. So wie er aussah, schien er kurz vor einer Panikattacke.
      "Alles ist in Ordnung, Vincent. Möchtest du dich aufs Sofa setzen? Dort ist es bestimmt bequemer als hier..."
      Er strich ihm über die Haare bevor er ihm - Noras Beobachtung durchaus bewusst - einen leichten Kuss auf den Scheitel hauchte.
    • Vincent lehnte seine Stirn gegen Thomas' Brustbein. Er versuchte, sich auf das langsame, rhythmische Schlagen von Thomas' Herz zu konzentrieren. Wie konnte der Mann nur so ruhig bleiben?
      Er nahm einen tiefen Atemzug, ließ sich von Thomas' Geruch nach Zimt einlullen. Es funktionierte. Thomas' Nähe allein brachte ihn wieder auf den Boden der Tatsachen, brachte ihn wieder zurück in die Gegenwart, in der Vlad zwar auch anwesend war, aber bei weitem nicht so unheimlich auf ihn wirkte , wie noch vor zweihundert Jahren. Damals Vlad der Jäger gewesen und Vincent seine Beute. Heute war es anders. Heute war Vlad derjenige, der am Ende mit gebrochenem Genick enden würde. Heute war Vlad derjenige, der sein Leben lassen würde.
      Vincent stand auf und schlang seine Arme fest um Thomas.
      "Entschuldige," murmelte er, dann hob er den Kopf und entschuldigte sich auch bei Nora.
      Die nickte nur knapp mit einem verstehenden Lächeln im Gesicht.
      "Abendessen, Herr Doktor?" fragte sie dann mit einer professionellen Höflichkeit, über die Vincent nur innerlich den Kopf schütteln konnte.
      Würde Nora Thomas jemals verzeihen, dass er Vincents Herz für zwei Wochen gebrochen hatte? Sie war ja fast territorialer veranlagt als ein Vampir.
      Vincent ließ seine Arme um Thomas sinken und ergriff stattdessen seine Hand. Er nahm in mit in den Salon, wo er sich auf eines der Sofas setzte. Thomas zog er einfach neben sich auf die Sitzpolster. Vincent konnte sich nicht davon abhalten, kurz aus dem Fenster zu sehen. Da war eine Krähe im Baum. Dann eine zweite. Nach und nach tauchten alle dreizehn auf. Vincent zwang sich dazu, wegzusehen, nachdem die vierte gelandet war.
      "Wie war dein Tag?" fragte er stattdessen Thomas, während er sich zur Seite lehnte, um es sich bequem zu machen, und seine Beine über den Schoß des anderen Mannes legte.


    • Langsam, sehr langsam schien Vincent sich wieder zu beruhigen. Thomas widerstand gerade dem Drang, seinen Puls zu messen - schließlich hätte das nichts gebracht - da stand er schon auf und schloss ihn in die Arme. Thomas zögerte nicht damit, den Mann an sich gedrückt zu halten, so lange, wie es nur nötig war. Ausnahmsweise konnte er mal die Stütze sein, die der andere so dringend benötigte.
      "Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest."
      Noras Frage an ihn überraschte ihn dann doch, aber er konnte sich nicht dazu bringen, sie anzusehen - nicht ohne die Beschuldigung in ihrem Blick zu sehen, mit dem sie ihn stets betrachtete. Vielleicht sollte er sich eines Tages einmal entschuldigen. Vielleicht würde er das sogar.
      "Gerne. Danke."
      Er ließ von Vincent ab, verharrte aber stets im Kontakt mit ihm, bis er seine Hand ergriff. Vincent führte ihn in den Salon, wo sie es sich auf der Couch bequem machten, Vincents Beine über Thomas' Schoß, der - nach einem Blick zur Tür - die Hände auf seinen Beinen ablegte und seine Waden sanft massierte.
      "Mein Tag war merkwürdig, würde ich behaupten. Es ist nur so ein Gefühl, aber bisher haben sich meine Gefühle meistens als richtig herausgestellt. Immer, eigentlich, immerhin habe ich mich in dir auch nicht geirrt."
      Er spezifizierte nicht, in welche Richtung er es meinte und fuhr stattdessen damit fort, kleine Kreise mit seinen Daumen in Vincents Wade zu massieren.
      "Es gefällt mir nicht, so tatenlos zu sein. Was, wenn Vlad sich nicht um James kümmert? Ich kann nicht einen 800-jährigen Vampir und ein Nest vertreiben, das übersteigt meine Fähigkeiten. Und jeden Tag sterben Menschen."
      Er wanderte ein Stück weiter nach oben und streichelte sein Bein wieder hinab, als ihm Vincents brachgelegte Nerven auffielen. Vielleicht von Vlads Erwähnung, vielleicht von dem Fenster, das ihn auf irgendeine Weise so zu interessieren schien.
      "Vincent."
      Er griff nach seiner Hand.
      "Es wird schon gut gehen, wir werden es schon hinkriegen. Mach dir keine Gedanken darüber. Hinterher, wenn es vorbei ist, dann können wir von vorne anfangen, was hältst du davon? Nur du und ich."
      Er zog Vincents Hand zu sich und küsste seine Fingerrücken.
      "Ich finde unseren Anfang schrecklich, auch wenn er damals vielleicht ganz nett war. Wir hätten zumindest eine Verabredung machen sollen - vielleicht ins Theater? Würden Sie, Lord Vincent Caley Harker, mit meiner bescheidenen Wenigkeit ins Theater gehen?"
    • "Er wird sich um James kümmern, auf die ein oder andere Weise," versicherte Vincent und wandte den Blick nun wirklich von den Vögeln vor seinem Fenster ab. "Entweder nimmt er ihn sich als erstes vor oder er wird es tun, wenn ich ihn darum bitte. Er hat mir bisher noch jeden Gefallen erwiesen, solange ich nur nett gefragt habe."
      Vincent seufzte und lehnte seinen Kopf gegen dir Rückenlehne des Sofas, während er sich Thomas' Vorschlag durch den Kopf gehen ließ. Er musste doch tatsächlich ein bisschen schmunzeln.
      "Her Doktor! Ich wusste ja gar nicht, dass Sie so ein Romantiker sind!" scherzte er.
      Er lehnte sich vor und stahl sich einen flüchtigen Kuss.
      "Ich würde gern mit dir ins Theater gehen. Aber nur, wenn ich das Theater aussuchen darf."
      Es gab keinen Grund, Ophelia mit einem Jäger bekannt zu machen. Sie ernährte sich noch immer von Menschen und Vincent würde ihr ihren Lebensstil nicht zum Schlechten auslegen. Ophelia vor Thomas zu schützen hieß auch, Thomas vor Ophelia zu schützen. Sie hatte offensichtlich keinerlei Interesse daran, in irgendwelche Jagden verwickelt zu werden. Und solange sie sich nicht daneben benahm gab es für Vincent auch keinen Grund, ihren Existenz weiterzugeben. Es war keine Lüge, so gesehen. Aber noch viel wichtiger: Es war nicht wichtig.
      "Ich war vor kurzem erst in einem kleineren Theater hier und ich muss sagen... naja, ich will nicht schlecht von Leuten reden, die eindeutig ihr Bestes getan haben. Ich bin allerdings bereit, dir Mitspracherechte bei der Auswahl des Stückes zu gewähren."
      Vincent grinste. Vergessen waren die Vögel und der Mann, der sie kontrollierte. Thomas war einmal mehr zum Zentrum seines Wesens geworden. Und Vincent würde sich nicht darüber beschweren.


    • Da war es, der Hauch eines Lächelns, der über Vincents Gesicht huschte. Es war nicht gänzlich stark genug, um all die Schatten zu vertreiben, aber es war etwas, ein Beweis davon, dass der alte, charmante Vincent noch immer da war - und dass er sich nicht von der größten Gefahr der Welt einschüchtern lassen würde.
      Darauf lächelte auch Thomas ihn an, aufdass er ihn vielleicht zu mehr aufmuntern könnte. Bisher schien er ja recht gut Erfolg damit zu haben.
      "Ich glaube, du hast sowieso mehr Ahnung davon. Ich vertraue deinem Urteil."
      Jetzt war Vincents Grinsen größer und Thomas erlaubte es sich, mit einigem zögerlichen Gehabe, sich zur Seite zu lehnen und sich halb an Vincent zu schmiegen, bevor er sich zu einem weiteren Kuss zu ihm reckte. Sanftmütig legte er ihm die Hand an die Wange und strich mit dem Daumen über seinen Kiefer.
      "Es würde mir ein wirklich, außerordentliches Vergnügen bereiten, dich ausführen zu dürfen. Das meine ich ernst, nicht, weil ich es für diesen Moment sage. Das weißt du doch, oder?"
      Er angelte wieder nach Vincents Hand und küsste sie erneut, dann verschränkte er ihrer beider Hände miteinander.
      "Ich liebe dich. Daran kann niemand etwas ändern, kein Vampir und kein Mensch der Welt. Und ich möchte es dir auf die richtige Art und Weise zeigen, wenn alles vorbei ist."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • "Du, mein Freund, wirst gar keine andere Wahl haben," gab Vincent lächelnd zurück.
      Er setzte sich auf, drehte sich um, und ließ sich dann mit dem Kopf auf Thomas' Schoß sinken, ohne dabei dessen Hand auch nur für eine Sekunde loszulassen. Seine Beine baumelten über der Armlehne, an der er eben noch mit den Rücken gelehnt hatte.
      "Ich liebe dich auch, Thomas. Und ich werde alles tun, um diese Liebe zu bewahren."
      Er drückte einen Kuss auf Thomas' Handrücken und schenkte dem Mann ein ehrliches Lächeln. Er hätte nie gedacht, dass aus einem kleinen Tächtelmächtel in seinem Studierzimmer einmal so etwas hätte erwachsen können. Thomas war als Kuriosität in sein Haus gestolpert, jetzt war er so viel mehr. Der Fels in der Brandung. Der sichere Hafen im Sturm. Das Gesicht, das er als letztes sah, bevor er ins Bett ging. Der Name, der seine Gedanken nie verließ.
      "Wie wäre es, wenn wir damit klein anfangen, hm? Oder hast du schon die Nerven, offen in einem Restaurant mit mir zu flirten?"
      Das war keine Stichelei, vielmehr ernstes Interesse. Vincent wollte nichts tun, was Thomas unangenehm war. Ja, der Mann konnte ihn mittlerweile in seinem Salon küssen, während die Tür offen stand, aber das war etwas vollkommen anderes als es in der Öffentlichkeit zu tun. Jeder hier wusste um ihre Beziehung. Jeder hier war offen genug, auch andere Formen der Romanze zu akzeptieren. Vincents Haus war ein Ort, an dem Sonderlinge genau das sein konnten: sonderbar. Und so wie jeder andere, der zu Vincents Haushalt stieß, gewöhnte sich Thomas langsam an diese Freiheit. Eine solche Freiheit auch in der Öffentlichkeit auszuleben, war etwas völlig anderes und brauchte eine ganz andere Art von Mut.


    • Thomas verzog offen das Gesicht, bevor er überhaupt wusste, was er tat.
      "Nein. Also, ich meine..."
      Das war nun doch etwas zu vorschnell herausgekommen dafür, dass er eigentlich gegenüber Vincent nicht so abweisend reagieren wollte.
      Er schob die Finger in Vincents Haar.
      "Wir können ja vielleicht Hände halten. Unter dem Tisch. Wie wäre das?"
      Die altbekannte Hitze stieg in ihm auf und sammelte sich in seinem Kopf, während er wieder damit anfing, Vincent zu streicheln.
      "Aber wir könnten ja... irgendwohin gehen, wo nicht so viele Leute sind. Wir könnten an die Küste fahren, uns ein Haus mieten. Nur für unseren Aufenthalt."
      Er streichelte die Kanten seines Gesichts entlang.
      "Ich möchte nicht - denk nicht, dass ich dich verleugne. Es ist nur so viel davon abhängig, wie die Leute mich sehen. Niemand geht zu einem Arzt, der einem nicht sympathisch ist und wenn der Chief Inspector herausfindet, dass ich schwul bin, wird mich auch nichts davor retten, das nächste Mal gleich ins Gefängnis zu gehen. Ich treffe mich alle paar Wochen mit dem Direktor der Lokalzeitung, nur damit ich ihn bestechen kann, wenn doch etwas zu viel Informationen verbreitet werden. Dasselbe gilt für die Anwälte dieser Stadt, auch meine ganzen Kollegen. Es steckt einfach viel dahinter, dass ich nachts weiterhin durch die Straßen ziehen und jagen kann - dass ich das auch in Manchester tun kann. Deswegen möchte ich es mir nicht erlauben, nicht wenn ich in Cambridge bleiben möchte."
      Er legte die Hand auf Vincents Brust ab.
      "Zeige mir eine Möglichkeit, wie ich das umgehen kann und ich werde mit dir vor sämtlichen Kellnern der ganzen Welt flirten. Und dich vielleicht sogar küssen."
    • Mit einem verständnisvollen Lächeln legte Vincent Thomas die Hände and die Wangen.
      "Es ist unglaublich süß, wenn du dich um Kopf und Kragen redest, aber du musst dir keine Sorgen machen. Das war ein Scherz, Thomas. Ich würde dich niemals zu etwas zwingen, was dich so sehr beeinträchtigen könnte. Ich würde dich niemals zu etwas zwingen, was dir unangenehm ist."
      Er zog den Mann zu sich runter und küsste ihn, aber nur flüchtig, damit er seine Wort nicht sofort Lügen schimpfen musste.
      "Frankreich," sagte er dann, das Lächeln noch immer auf seinen Lippen. "In Frankreich können wir ein bisschen mehr wir selbst sein. Und niemand kennt dich. Wunderschöne Strände, gutes Essen, Musik, Kunst, Wetter. Vielleicht bin ich ein bisschen unvoreingenommen, aber wir können uns auch einfach in einem Strandanwesen verschanzen, das ist mir egal. Solange du da bist."
      Er setzte sich wieder auf und blickte über die Rückenlehne zur Salontür. Einen Augenblick später schob sich die Tür auf und Nora streckte den Kopf herein.
      "Das Essen ist serviert," informierte sie die beiden Männer, und Vincent bedankte sich sogleich, bevor er seine Beine über die Lehne auf den Boden schwang und aufstand.
      Er streckte sich ein bisschen. Zuckte kurz zusammen, als sich seine Flanke mit einem überraschenden Stechen meldete, dann reichte er Thomas die Hand und schlenderte mit ihm ins Esszimmer, wo ein üppiges Abendessen auf die beiden wartete.
      Außerhalb des Fensters sah Vincent dabei zu, wie sich dreizehn Krähen auf einem neuen Ast niederließen...


    • "Frankreich", wiederholte Thomas und das mit wesentlich mehr Überzeugung als all seine bisherigen Aussagen. Er wusste nicht einmal, wie Frankreich war, wie er es sich vorstellen konnte, aber zu sehen, wie Vincent sich darauf freute, war ihm genug. Es war auch schon genug, dass es das Heimatland des Vampirs war.
      "Allein schon um zu sehen, wie du dich an einem sonnigen Strand herumschlagen wirst. Das wird noch dein Ende sein."
      Er schmunzelte über diese Aussicht, dann ließ er Vincent, der sich aufsetzte, irritiert los, bevor Nora schon die Tür aufmachte. Der Mann war einfach nur seinem Wort treu geblieben, wie Thomas bemerkte. Sein Herz machte einen besonders kräftigen Schlag, der einen warmen Schauer durch seinen Körper schickte.
      Voller träumerischen Verliebtheit, bei der er sich eine Welt vorstellte, in der Vincent und er durch ein sonniges Paris schlenderten, beobachtete er den anderen beim aufstehen und schließlich beim Strecken. Die Silberwunde schien ihm noch immer zuzusetzen, aber anstatt eines Kommentars stand Thomas ebenfalls auf, schob den Arm um die ihm so dargebotene Hüfte und zog seinen Geliebten an sich, bevor er ihn mit einem flüchtigen Kuss wieder in die Freiheit entließ. Wesentlich sittlicher, wenn auch nicht vollständig, verließen sie den Salon und genehmigten sich das Abendessen - eines der wenigen ungestörten, die sie wohl noch haben würden, nachdem Vlad nun in der Nähe war. Es beirrte sie aber dennoch nicht in ihrer Routine und so zogen sie sich später ins Schlafzimmer zurück, wo sie sich eng ineinander verschlungen das Bett teilten. Auch hier merkte Thomas ein gewisses Gefühl der Beobachtung und er konnte nicht umrum zu bemerken, wie froh er sein würde, wenn das alles vorbei war. Wenn sie wirklich nach Frankreich gehen könnten.
      Liebevoll streichelte er über Vincents Rücken.
      "Hast du Angst vor dem, was bevorsteht?"
    • Wie immer war das Essen hervorragend. Wie immer entschieden sich Thomas und er dazu, über Nichtigkeiten zu sprechen, mehr nicht. Sie genossen einfach nur einen ruhigen Abend zusammen. Die wenigen Stunden, die sie gemeinsam hatten, wollten sie nur selten damit füllen, über all die Probleme zu reden, die sich zu großen Teilen außerhalb ihrer Kontrolle abspielten. Sicher, jetzt wo Vlad da war würde es weniger solcher Abende geben, aber das bedeutete nur, dass sie diese Stunden noch mehr genießen mussten.
      Vincent achtete darauf, die Vorhänge dicht zuzuziehen, um neugierige Vögel abzuwehren, bevor er es sich in Thomas' Armen bequem machte, sein Kopf auf der Schulter des Mannes - mit gebührendem Abstand zu Thomas' Hals, um ihn nicht nervös zu machen.
      "Ich wäre ein Narr, hätte ich keine Angst. Jeder hat Angst vor Vlad und das berechtigterweise. Und das, was wir vorhaben... Es ist absoluter Wahnsinn. Also ja: ich habe Angst. Aber ich bin auch zuversichtlich. Es gibt viele Faktoren, die für uns sprechen und ich entscheide mich dazu, mich darauf zu fokussieren. Ein weiser Mann hat mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass wir das schaffen, weißt du? Und ich glaube ihm. Er ist wirklich sehr weise. Und gutaussehend. Charmant. Stark..."
      Vincent grinste in sich hinein.


    • Thomas konnte Vincents Schmunzeln schon fast hören und grinste selbst, bevor er sich drehte, bis er den anderen unter sich begraben hatte.
      "Ist das so?"
      Er küsste ihn, dann küsste er sich auch seinen Hals entlang, ganz vorsichtig, damit er seine empfindliche Stelle nicht reizte - zumindest noch nicht.
      "Vielleicht solltest du ihn mir vorstellen, ich scheine charmante Männer zu mögen. Und welche, die unglaublich frech sind; dafür habe ich eine ganz besondere Schwäche."
      Immernoch lächelnd wanderte er wieder zu ihm hoch, um sich den nächsten Kuss von ihm zu holen - ungestört des Moments, beinahe so, wie es die ganze Woche gewesen war, genau so, wie er es sich für die nächsten Wochen wünschte. Er wollte nichts anderes als den gemeinsamen Frieden, den sie die letzten Tage ausgekostet hatten, weiter fortzuführen, so weit wie nur möglich, bis in alle Ewigkeit, wenn er nur könnte. Stattdessen musste er sich damit zufrieden geben, dass sie im Moment noch ungestört waren, dass er jetzt noch ihre Gemeinsamkeit genießen konnte und das tat er auch, so viel, wie es ihnen beiden möglich war, bis er es war, der schließlich in Vincents Armen lag um einzuschlafen.
    • Vincent kicherte.
      "Aber aber, Herr Doktor. Reicht dir ein Mann denn nicht? Bist du wirklich so unersättlich?"
      Angesichts der Tatsache, dass das hier vielleicht die letzte Gelegenheit war, zu der er so unbeschwert mit Thomas umgehen konnte, beschloss Vincent, jede einzelne Sekunde zu genießen. Schon bald würden sie ihr Spiel spielen müssen, in dem Thomas bloß ein liebeskranker Lakai war, der Vincent keinen Wunsch abschlagen konnte. Das Spiel, in dem Thomas nicht mehr war als ein Haustier.
      Vincent verbannte alle Gedanken dieser Art aus seinem Kopf und konzentrierte sich lieber auf Thomas und dessen sanfte Berührungen.

      Eine Weile hielt er Thomas einfach nur fest, genoss die Nähe, die Wärme. Gegen Mitternacht aber schob er den Mann vorsichtig von sich und stand auf, nachdem er ihn ordentlich zugedeckt hatte. Thomas so friedlich schlafen zu sehen, wärmte ihm sein unmenschliches Herz.
      Vincent verließ sein Schlafzimmer und ging hinunter, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Wie er erwartet hatte, saßen da eine Menge Krähen in den Bäumen. Neun, um genau zu sein.
      "Nine for a kiss," meinte Nora, als sie sich zu ihm gesellte. "Fast schon ein bisschen aufdringlich, findest du nicht?"
      "So ist er eben," seufzte Vincent.
      Auch Nora und Esther und Simon würden sich als Vincents Lakaien ausgeben müssen. Jeder, der es nicht tat, stand auf der Speisekarte.
      Vincent streckte die Hand aus und Nora gab ihm ohne zu zögern das Messer. Kurz betrachtete er die Klinge, wie sie das Licht reflektierte. Dann schnitt er sich in den Daumenballen und hielt Nora seine Hand wieder hin. Vincent hatte darauf bestanden, dass sie das hier taten, wenn Vlad auftauchte, da er nicht wusste, wann er wieder Gelegenheit dazu haben würde. Er wollte nicht, dass Nora deswegen gesundheitliche Probleme bekam.
      "Glaubst du, Van Helsing bekommt das hin?" fragte sie, als sie zwei Minuten später an einer Tasse Tee nippte.
      "Du darfst ihn ruhig bei seinem Vornamen nennen, das weißt du, oder?"
      "Das muss er sich erstmal verdienen."
      Vincent lachte leise und schüttelte den Kopf.
      "Dein Mutterinstinkt für mich in allen Ehren, aber wenn du eine Strichliste führst, dann hat er sich schon lange bewiesen. Er hat mir immerhin das Leben gerettet."
      "Das zählt nicht," gab Nora zurück. "Er ist ja auch der Grund, dass es überhaupt erst in Gefahr war."
      "Es war meine eigene Entscheidung, an diesem Tag in ein Haus voller Jäger zu gehen. Wer hätte denn ahnen können, dass dieser Stephen so eifersüchtig sein kann, dass er gleich zu Mord greift. Thomas hatte damit nichts zu tun und das weißt du auch."
      "Er hat dir das Herz gebrochen."
      "Wir haben uns gegenseitig das Herz gebrochen. Und dann haben wir sie gemeinsam wieder zusammengesetzt."
      Vincent griff über den Tisch und legte seine Hand auf Noras.
      "Du darfst ihn mögen. Ich weiß, dass du es willst," lächelte er.
      Nora machte das Gesicht, das sie immer machte, wenn Vincent genau ins Schwarze traf.
      "Hey, Boss?"
      Simon streckte den Kopf herein.
      "Da kam gerade was mit der Post," meinte er und legte einen teuren Umschlag auf den Tisch. "So spät kann das ja nur von Leuten kommen, die wir nicht mögen, oder?"
      Vincent nickte und griff nach dem Brief. Er war überrascht davon, dass seine Hände nicht zitterten, als er den Umschlag öffnete.

      Vincent,

      du weißt gar nicht, wie stolz ich darauf bin, dass du endlich meinen Namen nennst. Wie lange hast du das nicht mehr getan? Ein Jahrhundert? Zwei? Ich konnte nicht widerstehen, mich gleich auf den Weg zu dir zu machen. Ich war in der Nähe - Wales - daher mein schnelles Auftauchen, solltest du dir diese Frage gestellt haben.
      Ich habe mich ein bisschen umgesehen und glaube zu wissen, warum du mich gerufen hast. Aber, wie du weißt, arbeite ich nicht gern, ohne alle Details zu kennen. Zumal ich hier als dein Meister auftauche und deinen Willen durchsetzen werde. Da sollte ich schon wissen, was die genauen Vergehen sind, die ich ahnde. Und ich sehne mich danach, dein engelsgleiches Gesicht einmal wiederzusehen. Mir wurde gesagt, dass dein Grundstück von einer Hexe gesichert wurde, daher schlage ich ein Abendessen vor. Ich überlasse dir die Wahl des Restaurants, du hattest schon immer ein Händchen dafür. Ich hoffe, du weißt noch, was ich gern esse. Und bring den Van Helsing mit. Ich bin gespannt auf die Geschichte, wie du dir den unter den Nagel gerissen hast.

      Vlad


      So weit, so gut. In den Brief stand nichts, was Vincent nicht vorausgesehen hatte. Damit konnte er arbeiten.
      "Wie sicher fühlst du dich, heute Nacht das Haus zu verlassen, Simon?" fragte er, während er den Brief wieder in den Umschlag schob.
      "Wenn mir wer zu nahe kommt, benutz' das nette Silbermesser, dass mir der Doc gegeben hat."
      Wie um seine Worte zu beweisen, warf Simon besagtes Silbermesser einmal in die Luft und fing es geschickt wieder auf. Simon war schon immer gut mit Messern gewesen. So hatte er sich jahrelang am Leben gehalten: entweder hatte er sich mit einem Messer an den Taschen der Leute bedient oder er hatte seine Beute damit gegen andere verteidigt.
      "Tu mir einen Gefallen und suche nicht mit Absicht nach Ärger, ja?"
      "Ich doch nicht, Boss."
      Simon grinste breit und steckte das Messer wieder weg.
      Vincent erhob sich und machte sich daran, eine Antwort für Vlad zu verfassen, die er dann Simon mitgab, der sich damit sofort auf den Weg zu der Adresse machte, die Vlad seinem Brief beigefügt hatte. Thomas würde er erst beim Frühstück über diese Entwicklung informieren. Für den Augenblick sollte er den Frieden noch genießen können, auch wenn er ihn verschlief.
      "Lasset die Spiele beginnen," murmelte Vincent, während er beobachtete, wie Simon die Auffahrt hinunterjoggte.


    • Thomas erfuhr beim Frühstück, dass ihre friedvolle Zeit jetzt endgültig vorüber war.
      "Im Restaurant?"
      Das war sogar weniger schlecht, als er vermutet hatte. Ein Restaurant war neutraler Boden, öffentlich genug, dass niemand etwas dummes anstellen würde - weder Vlad noch Vincent - und außerdem hatte Thomas Erfahrung mit Geschäftsessen, wenn man es denn so bezeichnen konnte. Er mochte die Gesellschaft nicht unbedingt genießen, aber daran war er schließlich auch schon gut genug gewöhnt. Das konnte er, in einem Restaurant konnte er mit dem Vampir umgehen.
      "Ich werde vermutlich nicht das Glück haben, dass wir eins mit Silberbesteck besuchen? Kann ich denn eine Waffe mitnehmen? Soll ich eine mitnehmen?"
      Er war sich nicht sicher, wie sie beginnen würden - wie lange der Frieden womöglich noch anhielt. Er war sich auch nicht sicher, wohin sich alles nach dem Abendessen hin entwickeln würde. Würde Vincent die Sperre von seinem Haus nehmen? Vermutlich, er müsste es ja, wenn er Vlad in sein Haus einladen würde.
      "Er wird doch nicht ausfällig werden, oder? Sich ein... richtiges Abendessen genehmigen?"
    • Vincent hatte den Rest der Nacht damit verbracht, sich die Dinge zurechtzulegen. Das Wann, das Wo, wie er seine Leute beschützen konnte.
      Scheinbar gedankenverloren drehte er seine Teetasse auf dem Tisch. Er hatte wirklich viel nachgedacht und er hoffte, dass er für alle Eventualitäten gewappnet war. Und dass Thomas mit denen umgehen konnte, auf die er sich nicht vorbereitet hatte.
      "Ein Silbermesser dürfte in Ordnung sein, angesichts der 'Bedrohung', der wir uns hier gegenübersehen. Das kann man erklären: da schnappe ich mir einen Van Helsing, schaffe es, ihn an mich zu binden, und dann lasse ich ihn unbewaffnet durch eine Stadt rennen, auf die ein anderer Anspruch erhebt? Ihm ein Messer zuzugestehen ist da nur logisch. Mich kann er damit ja nicht verletzen. Also nimm ruhig eins mit. Was Vlads Verhalten angeht..."
      Vincent seufzte und leerte seine Teetasse.
      "Es wird ein normales Essen werden, ja. Aber... naja... als guter Gastgeber werden wir an einem Ort essen, an dem jemand arbeitet oder isst, der Vlads Geschmack entspricht. Und nach dem Essen - oder auch währenddessen - wird jemand bluten. Angesichts der hohen Sterberate gehe ich nicht davon aus, dass Vlad jemanden töten wird. Noch nicht. Aber er wird sich nähren. Und ich bin derjenige, der ihm seine Beute aussucht."
      Er hate Simon und Esther bereits darauf angesetzt, sich ein bisschen umzusehen, damit Vincent jemanden erwischte, der sich ein paar Tage mit Kreislaufproblemen verdient hatte. Ein Koch, der seine Kellner furchtbar behandelte, ein reicher Schnösel, der seine Angestellten ausbeutete, sowas eben. Trotzdem fühlte sich Vincent nicht gut dabei, jemandem eine Zielscheibe auf den Rücken zu pinseln.
      Vincent griff sich einen Apfel, rollte ihn ein bisschen hin und her.
      "Ich weiß nicht, in welche Richtung die Gespräche gehen werden. Er will einen Lagebericht, soweit so gut. Allerdings erwarte ich auch, dass er austesten wird, was meine Motivation hinter allem ist. Ich muss ihm also deutlich klar machen - ohne zu deutlich zu sein - dass ich ihn nicht nur wegen einem Problem hergeholt habe, sondern dass besagtes Problem nur der fehlende Grund war, um ihn endlich wiederzusehen. Um endlich wieder Teil seines inneren Kreises zu werden. Das wird eine gute Unterrichtsstunde in Vampir-Politik für dich. Du selbst musst nicht vielmehr tun, als da zu sitzen und gut auszusehen. Und enthusiastisch Ja zu sagen zu allem, was von mir kommt. Der Rest ist vollkommen egal. Den Rest kann ich wegerklären. Also denk nicht zu viel über alles nach, in Ordnung? Hab ein Auge auf ihn, hör ihm genau zu, und versuche, zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist deine beste Gelegenheit, mit einer solchen Situation vertraut zu werden."
      Vincent nahm einen großen Bissen aus dem Apfel. Wo er gestern Abend noch ein Sklave seiner Angst gewesen war, war er nun entschlossen, das durchzuziehen und am Ende als Gewinner dazustehen. Vlad würde Cambridge nicht mehr verlassen. Und Vincent würde dafür sorgen.


    • Jemand würde bluten - nun, irgendwie wäre das wohl verkraftbar. Wenn es die letzten Opfer wären, die der Vampir erlegte, dann wäre noch ein weiteres verkraftbar. Vielleicht auch zwei. Alles darüber hinaus würde wohl stark an Thomas' Toleranzgrenze kratzen.
      Trotzdem nickte er zuversichtlich, nicht einmal zweifelnd daran, dass sie es durchziehen würden. Dass sie es letzten Endes vielleicht sogar sauber machen würden.
      "Okay."
      Er langte über den Tisch und streichelte Vincent knapp über den Oberarm, die einzige Berührung, die er sich erlaubte, nachdem irgendwo Nora herumwuselte.
      "Ich bin also unsterblich - verzeih mir das Wortspiel - in dich verliebt, aber ihm gegenüber bin ich noch immer wie sonst, richtig? Du weißt, wie schlecht ich lügen kann, ich kann nicht vorspielen, was ich nicht schon bin. Ich habe auch keinerlei Bedürfnis daran, ihm Freundlichkeit vorzugaukeln, wenn ich ehrlich bin, diesen Part muss ich dir allein überlassen. Aber für alles andere kannst du dich auf mich verlassen. Ich werde wissen, was du benötigst."
      Er lächelte zuversichtlich, um seine Worte zu unterstützen. Allein wäre er nicht halb so sicher gewesen und Vincent alleine hätte ihn auch nervös gemacht, aber gemeinsam bestand keine Zweifel, dass sie erfolgreich sein würden. Dafür musste er noch nicht einmal lügen, er musste nur seine Liebe für Vincent etwas deutlicher zum Ausdruck bringen, das sollte er wohl noch schaffen. Und jedem Wunsch nachgehen, den der Vampir aussprach.
      "Möchtest du wieder meine Hilfe bei der Wahl eines Anzugs?"
    • Benutzer online 2

      2 Besucher